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3 dicke Krimis auf 1133 Seiten (Alfred Bekker's Krimi Stunde, #7)

3 dicke Krimis auf 1133 Seiten

Alfred Bekker's Krimi Stunde, Volume 7

Alfred Bekker et al.

Published by BEKKERpublishing, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Ein Krimi Trio: Über 1000 Seiten Spannung

Copyright

Wer erschießt schon eine Leiche?

Personen

Erstes Kapitel (30.Dezember)

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel (31.Dezember)

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Ein Scharfschütze

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

FETTER SAND

Prólogo

1

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Epilog

Further Reading: 11 Thriller für den Sommer Juli 2017

Also By Alfred Bekker

Also By Peter Schrenk

Also By Horst Bieber

About the Publisher

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Ein Krimi Trio: Über 1000 Seiten Spannung

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von Alfred Bekker, Peter Schrenk & Horst Bieber

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1133 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Horst Bieber: Wer erschießt schon eine Leiche?

Alfred Bekker: Ein Scharfschütze

Peter Schrenk: Fetter Sand

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

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Wer erschießt schon eine Leiche?

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(Marlene Schelm, die Kommissarin fragt...)

Kriminalroman von HORST BIEBER

Max Berruth geht am 30. Dezember auf ein Pils in seine Stammkneipe „Zum Prellbock“, verlässt das Lokal nach dem zweiten Glas und ist seitdem spurlos verschwunden. Seine Frau Pia meldet ihn im neuen Jahr als vermisst.

Christine (Tine) Dellbusch vom zuständigen Referat 7 kann eine Spur aufnehmen, doch die führt zu einer Frau, die am 30. Dezember abends ermordet worden ist. Der Ehemann hätte zwar ein gutes Motiv, seine Frau aus dem Weg zu räumen, hat aber auch ein bombenfestes Alibi. Das Referat 11 (Mord und Totschlag) übernimmt. Lene Schelm bekommt Hilfe, einmal von der Kollegin

Tine aus dem R-7, zum anderen von Petrus und Frau Holle, die unerwartete viel Schnee schicken, so dass Berruth in einem Auto, das ihm nicht gehört, tödlich verunglückt...

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Personen

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Max Berruth: Medizingeräte-Techniker, ist seit dem 30. Dezember des Vorjahrs verschwunden

Pia Berruth, geborene Zillig: Max' Ehefrau

Daniel Berruth: Der vierjährige Sohn des Ehepaares

Carla Zillig: Pias ledige Schwester

Lothar Scharff: Carlas Freund, Maler von Beruf

Gustavo Toller: Berruths Chef

Susanne Krüger: Tollers Mitarbeiterin

Ann-Katrin Toller, geborene Steinberg: Tollers nymphomane Ehefrau

Die Mannschaft der Kneipe Zum Prellbock am S-Bahnhof „Brekum-Lunden“

Otto Dick: Wirt

Gerda Blume: Bedienung

Rita Funke: Aushilfe, Studentin

Die Kripo-Mannschaft

Marlene Schelm: Erste KHK

Jule Springer: KOK

Sigrid Bauer: KK

Die drei Frauen bilden das Referat R-11, die früher so genannte Mordkommission im Tellheimer Präsidium.

Paul Hase: Staatsanwalt, lebt mit Jule Springer zusammen

Nadine Golowski: Gerichtmedizinerin in Tellheim, lebt mit Jörg Steiner zusammen, dem Chef der Tellheimer Kripo

Kurt Grembowski: KHK (Grem der Grobe)

Christine (Tine) Dellbusch: KK

Grembowski der Grobe und Tine Dellbusch sind die Stammmannschaft des Referats R-7 (Vermisstenfälle) im Tellheimer Präsidium.

––––––––

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ALLE PERSONEN, NAMEN und Taten, Orte, Bahnhöfe und Firmen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären also rein zufällig.

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Erstes Kapitel (30.Dezember)

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So, ich gehe jetzt noch auf ein Bier in den Prellbock. Kommst du mit?“

Pia Berruth tätschelte ihr mittlerweile recht ansehnliches Bäuchlein: „Nein, Max, lieber nicht. Viel Spaß. Bis nachher.“

Wenn er weg war, konnte sie in Ruhe noch alles für den Nudelsalat vorbereiten, der bei den Berruths mittlerweile zur Silvestertradition gehörte. Nach dem Feuerwerk und Anstoßen mit Sekt war Nudelsalat mit heißen Würstchen angesagt, und danach ein starker Kaffee. Viele der Gäste und Freunde, die mit dem jungen Ehepaar den Jahreswechsel feierten, mussten anschließend noch Auto fahren. Pias Eltern schliefen bei Tochter und Schwiegersohn und fuhren erst am nächsten Tag zurück nach Kronberg. Wenn sie gute Laune hatten, machten sie noch einen Abstecher zum Ellermannshof, um der zweiten Tochter Carla ein gutes Neues Jahr zu wünschen. Was sie aber nur taten, wenn Carla am Telefon schwor, ihr Freund Lothar Scharff sei für längere Zeit außer Haus, sie würden ihm nicht begegnen. Schwiegereltern und Freund der Tochter vertrugen sich überhaupt nicht.

Max Berruth war Biertrinker. Mit Bier aus Dosen konnte man ihn allerdings jagen, Bier aus der Flasche trank er nur, wenn es gar nicht anders ging. Den richtigen Genuss hatte er nur bei einem vor seinen Augen frisch gezapften Pils, und aus diesem Grund hatte er die Bahnhofskneipe von Brekum-Lunden mit dem sinnigen Namen Zum Prellbock zu seinem Stammlokal erkoren. Die Kneipe war eher mieser Durchschnitt, das Radeberger Bier dagegen Spitze. Unter der Woche trank Max Berruth überhaupt nicht. Da war er täglich viele Stunden mit dem Auto unterwegs, um Apparate und Anlagen, die seine Firma Medizintechnik Gustavo Toller GmbH geliefert und aufgestellt hatte, zu inspizieren, zu reparieren oder auch neu zu eichen. Und weil von diesen Geräten manchmal Menschenleben abhingen, hatten es Ärzte, Schwestern und Patienten überhaupt nicht gerne, wenn der Mechaniker, der sich an den Apparaten zu schaffen machte, nach Bier duftete oder nach Alkohol roch. Deswegen freute sich Max die ganze Woche über auf sein Wochenend-Bier im Prellbock. Pia, die im sechsten Monat mit einer Tochter schwanger war, ging nicht mehr mit. Sohn Daniel war erst vier und schied als Begleiter - noch - aus. Mit seinen Schwiegereltern Lukas und Luise Zillig verstand er sich nicht so gut, dass er sie oder ihn aufgefordert hätte, ihn zu begleiten. Er vermutete ganz richtig, dass sie sich seiner etwas schämten. Ein zwar tüchtiger, aber simpler Mechaniker und eine Millionärstochter, wie sollte das denn auf Dauer gut gehen, und wie sah das vor den Freunden des Ehepaares Zillig aus? Doch Pia hatte ihren dicken Kopf durchgesetzt, wie auch ihre Schwester Carla, die - wie die Eltern klagten - in „wilder Ehe“ mit dem Maler Lothar Scharff in einem umgebauten Gutshof, dem Eldermannshof, am Rande von Brekum zusammenlebte. Scharff war ein beliebter und erfolgreicher Porträtist, bei seinen Künstlerkollegen allerdings nicht beliebt und aus dem Tellheimer Kulturforum demonstrativ und mit Aplomb ausgetreten. Pia und Max mochten den gelegentlich sehr arroganten Scharff nicht leiden, verkniffen sich aber wegen Pias Schwester Carla jede Bemerkung.

Luise Zillig hätte sich gerne von Scharff malen lassen, was der mit der liebenswürdigen Begründung ablehnte: „Ich mal nur interessante Menschen.“ Pia hatte daraufhin verzichtet, Scharff zu fragen. Der Künstler hatte es geschafft, sich innerhalb kürzester Zeit die gesamte Familie zu Feinden zu machen. Nicht gelungen war es ihm, die Schwestern, die seit der Jugend wie Kletten aneinanderhingen, zu entzweien. Max wusste, dass Scharff ihn insgeheim verachtete, und mit solchen Menschen wollte er kein Bier trinken. Auch Schwiegervater Lukas Zillig war mit seiner snobistischen Überheblichkeit kein Begleiter, mit dem Max entspannt ein Bier trinken wollte.

Zum Prellbock lief Max zehn Minuten über die Straße oder lieber eine Viertelstunde über den Hauptweg der Kleingartenkolonie Kohlgrub. Der Weg war breit und ordentlich gepflegt, links und rechts von dichten Liguster- oder Buchsbaumhecken gesäumt und bei Dunkelheit sogar einigermaßen beleuchtet. Im Sommer begegnete er oft Liebespärchen, jetzt, einen Tag vor Silvester, war es um diese Zeit zu dunkel und schon viel zu kalt, selbst für Heißblütige, die es zueinander drängte.

Der Prellbock war um diese Tageszeit wenig belebt. Am frühen Abend, nach Dienstschluss, kehrten viele Pendler hier ein, um in Ruhe noch ein Bier zu trinken, bevor sie sich mit Frau und Kindern beschäftigen mussten. Otto Dick, der Wirt, wäre auch ohne Bedienung gut klar gekommen, zumal sein Name seinem Äußeren entsprach, und etwas mehr Bewegung ihm gut getan hätte. Vermutlich hatte er die Bedienung Gerda Blume nur eingestellt, um tagsüber Unterhaltung zu haben. Morgen Abend würde der Prellbock gerammelt voll sein; hier konnte man lange lärmen und ungehindert Raketen abschießen, Und bei solchen Anlässen half eine Studentin aus; Rita Funke war tüchtig und bei den Gästen beliebt. Heute half sie neben der Arbeit am Tresen in der Küche aus, wo möglichst viel für den morgigen Abend vorbereitet wurde. Und nachher mussten noch Tische und Stühle weggeräumt werden, um Platz für eine Tanzfläche zu schaffen. Otto stellte dann seine Musikanlage auf, mit deren Lautstärke man Tote aufwecken konnte. Als Max das Lokal betrat, stellte Otto gerade zehn volle Gläser und zehn Pinnchen Klaren auf sein Tablett. Die alten Knaben schienen in der Kneipe zu wohnen und machten jeden Abend eine für Otto erfreuliche Zeche. Sonst war die Kneipe leer, bis auf eine junge Frau, die am Tresen saß und ein Pils vor sich stehen hatte. Rita zapfte gerade und sagte auf Maxens „Guten Abend“ automatisch „Hei, Max.“ Die fremde Frau schaute kurz auf zum Eingang. Zweite Hälfte zwanzig vielleicht, blonde, glatte Haare und ein faszinierendes Gesicht, das Max einen Moment im Profil bewundern konnte. Sie kam ihm irgendwie bekannt vor, er hatte sie schon einmal gesehen, aber der Henker mochte wissen, wann und wo. Und wie sie heißen mochte. Max wollte nicht unhöflich sein und ging auf sie zu: „Guten Abend“, sagte er laut, „wie geht es Ihnen?“

Wieder schaute sie kurz auf, zischte jetzt aber unfreundlich. „Lassen Sie mich in Ruhe!“ Daraufhin stoppte Max und setzte sich nicht neben sie, sondern suchte einen Hocker mit Abstand zu der Blondine.

„Wie üblich“, sagte er zu Rita, die ihn und die Frau beobachtete, aber auf die Entfernung wohl kaum verstanden hatte, was die Frau zu ihm gesagt hatte. Max bekam sein Pils, löschte den schlimmsten Durst und schaute dann wie die andern Gäste auf den Fernseher mit der Tagesschau. Während der Wettervorhersage winkte die Blondine Rita heran und zahlte. Max schaute ihr nach, als sie ging und war schwer beeindruckt. So eine perfekte Figur sah man nicht jeden Tag, auch nicht solche engen Jeans. Und selbst ein solcher Hüftschwenk wurde einem nicht oft geboten.

„Weißt du, wer sie ist?“ fragte er Rita.

„Nein, nie vorher gesehen.“

Nach dem zweiten Bier zahlte auch er und winkte Otto zu; dem stand morgen wie der ganzen Prellbockmannschaft ein harter Abend bevor. Als Max über den Park-and-Ride-Platz auf den Eingang der Kleingartenanlage zuging, löste sich eine Gestalt aus dem Dunkel und trat ihm in den Weg. Die hübsche Blondine aus der Kneipe, die ihn so unfreundlich angefahren hatte. Sie steckte gerade ein Handy weg.

„Entschuldigung“, begann sie leise. „Ich war eben wohl etwas arg unhöflich zu Ihnen, und wollte mich entschuldigen.“

Max konnte sich immer noch nicht daran erinnern, wo er sie früher schon einmal gesehen hatte. „Keine Sorge“, sagte er großmütig. „Ist schon vergessen.“

„Kann ich das irgendwie wieder gutmachen?“ wollte sie wissen. Sie hatte eine sehr helle, sehr klare Stimme, und die Art, wie sie mit den flachen Händen über ihre Hüften strich, hatte etwas Aufreizendes. „Mein Auto steht hier. Kann ich Sie nach Hause bringen?“

Max war kein Fremdgeher oder Schürzenjäger, aber er hatte männliche Bedürfnisse und wurde zurzeit von seiner Frau Pia, wie er oft dachte, recht knapp gehalten. Und neben ihm ging eine verführerische Blondine, die sich um ihn bemühte. Mal sehen, was daraus wurde.

„Das würde ich sogar gerne annehmen.“

Dass sie nicht in seine Richtung fuhr, merkte er sofort, sagte aber nichts. Lunden gehörte zwar noch zu Brekum, lag aber jenseits des Parks und war das Viertel der betuchteren Tellheimer. Max und Pia hatten sich auch hier Häuser angesehen, die meisten überstiegen ihre finanziellen Möglichkeiten bei weitem, bei anderen fanden sie die Preisvorstellungen unverschämt, und bei ihrem jetzigen Haus hatten beide sofort gesagt: „Das ist es.“

Als sie in eine kleine Sackgasse einbogen, sagte sie: „Ich heiße Ann-Katrin. Und du?“

„Max.“

„Fein. Max, du hast doch sicher etwas Zeit, mit hereinzukommen und einen Schluck mit mir zu trinken?“

„Ja, habe ich.“ So was gab's also tatsächlich und nicht nur im Fernsehen.

Sie zog den Zündschlüssel ab und öffnete die Haustür so rasch, dass er keine Gelegenheit hatte, den Namen an der Klingel zu lesen. Sie hieß also Ann-Katrin - und wie weiter?

Sie hängte ihren gefütterten Anorak über einen Bügel, zog sich die dicken Schuhe aus und schlüpfte in ein Paar niedrigen Hausschuhe, griff nach seiner Hand und zog ihn in ein großes, hell erleuchtetes Zimmer und drückte ihn auf eine breite Couch herunter.

„Was möchtest du trinken?“

„Wenn du einen klaren Schnaps und etwas Sprudel für mich hättest ...“

„Aber sicher.“

Sie sprang auf und zog sich mit einer raschen Armbewegung ihr Shirt über den Kopf. „Ist dir auch so warm?“

„Ja“, sagte er automatisch. Obwohl er ihre Frage gar nicht richtig verstanden hatte. Sie lief aus dem Zimmer und war im Nu zurück mit einem Tablett, auf dem zwei Gläser, Eisbehälter, Sprudel und eine Flasche Wodka standen, setzte das Tablett auf dem niedrigen Tisch vor der Couch ab und goss ein. Er bewunderte ihre geschickten Bewegungen fast noch mehr als ihren Busen.

„Prost, Max.“

„Zum Wohl, Ann-Katrin.“

Sobald er sein Glas abgestellt hatte, nahm sie seine Hand und legte sie auf ihren Busen. „Ich hab's gern, wenn man meine Titten streichelt.“

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Sie hatte eine prachtvolle Brust und stöhnte auf, als er ihre Brustwarzen küsste. Ihr Slip fiel, er spürte ihre Hand an seinem Hosenschlitz und sie murmelte: „Nun mach schon!“ Sie kam sehr schnell zum Höhepunkt und gluckste, als er sich neben sie legte, um wieder zu Kräften zu kommen. Dabei kraulte sie seinen Penis, kein Zweifel, sie hatte viel Übung in Sachen Sex, und trotzdem wurde er den komischen Eindruck nicht los, dass sie gar nicht richtig bei der Sache war. Beim zweiten Mal kam sie nicht zum Orgasmus, er wollte sich schon entschuldigen, als er bemerkte, dass sie an ihm vorbei nach oben an die Decke schaute. Er folgte ihrem Blick und sah neben der Lampe ein winziges Gerät, das mit seinem „Glasauge“ auf sie gerichtet war. „Was ist denn das?“ fragte er halb verwundert, halb beunruhigt.

„Eine Kamera“, sagte sie unbefangen.

„Die hat uns jetzt aufgenommen?“

„Ja.“

„Und warum?“

„Meine Freunde und Freundinnen schauen uns das gerne an, um uns etwas anzutörnen, bevor eine ordentliche Sexparty abgeht.“

„Und darauf bin ich und bist du zu erkennen?“

„Sicher“, kicherte sie vergnügt und er dachte zum ersten Mal heute Abend an Pia und das Kind, das sie von ihm erwartete.

„Bist du verrückt? Ich will sofort das Band oder den Chip oder den Film.“

„Hast du noch alle? Ich denke nicht daran. Stell' dich doch nicht so an. Du bist verheiratet, nicht wahr, und deine Frau erwartet ein Kind?“ Das hatte ihr Lothar Scharff verraten, als sie in fragte, wer denn der Mann da eben in der Diele des Eldermannshofes gewesen sei. „Nur mein Schwager Max. Ein Trottel und langweiliger Familienvater. Treu und doof, den kriegst nicht einmal du herum.“

„Um was wetten wir, dass doch ...“ Als die Junge hinter dem Kneipen-Tresen „Hei, Max“ sagte, hatte sie ihn sofort wiedererkannt und sich an ihre Wette mit Scharff erinnert. Sie liebte Männer und sie liebte Geld und hatte nichts dagegen, von geliebten Männern Geld anzunehmen.

Damit rückte sie sich in die richtige Position unter das Objektiv, spreizte wieder die Beine und forderte ihn auf: „Leck mich, Max.“

Das war zu viel. Max knurrte nur und schlug ihr mit voller Kraft ins Gesicht. Sie wehrte sich, strampelte, kreischte und kratzte und versuchte, ihn zu beißen. Bis er wutentbrannt eines der Kissen nahm und ihr auf Mund und Nase presste. In seinen Ohren rauschte es unerträglich laut und vor seinen Augen flimmerten grellrote Blitze, so dass er nichts mehr deutlich erkannte. Endlich spürte er, dass ihre Gegenwehr erlahmt war. Vorsichtig nahm er das Kissen hoch, aber sie blieb regungslos liegen und bewegte sich nicht. An Mund und Nase konnte er keinen Atem mehr spüren, links und rechts an den Halsschlagadern nichts mehr spüren. Vorsichtig stand er auf und begriff erst jetzt, was er getan hatte. Weg, nur weg! Aber wenn das stimmte, und diese verdammte Kamera da oben alles aufgenommen hatte? Er musste das Band, den Chip oder den Film unbedingt mitnehmen und vernichten. Aber wo stand das Aufzeichnungsgerät? Er zog seine Sachen an, weil er nicht nackt durch das große, fremde, wenn auch wahrscheinlich leere Haus laufen wollte. So eine hübsche Frau und dabei so ein verkommenes Luder. Ihr Gesicht hatte sich verändert, war schlaff geworden und hatte den Ausdruck von Lebhaftigkeit und den Ausdruck verführerischer Bereitwilligkeit verloren. Dann fiel ihm ein, dass er Sperma und Fingerspuren hinterlassen würde. Ob es günstig war, zur Ablenkung der Polizei die Vorhänge zur Seite zu ziehen und die Veranda-Glastür einen Spalt zu öffnen? Von draußen kam es kalt herein. Für heute Nacht war starker Frost angesagt. Schnee war noch nicht gefallen.

Max Berruth durchsuchte das ganze Haus, wobei er Klinken und Schalter nur mit dem Taschentuch anfasste. Die gesuchten Geräte standen auf dem Dachboden in einem verriegelten Holzverschlag. An einer Wand war ein Regal aufgebaut, auf dessen Bretter viele CDs und DVDs lagen. Max hatte beruflich genug mit elektronischen Geräten zu tun, so dass er den Bildschirm und den Disc-Spieler in Betrieb setzen konnte. Es traf ihn wie ein Schlag, die Blonde legte sich nackt auf die Liege und zog ihn zu sich herunter, drehte sich einmal so zur Seite, dass auch sein Gesicht deutlich abgebildet wurde. Max Berruth war klar zu erkennen und oben lief eine Datums- und Zeitangabe mit. Auf der Scheibe waren aber auch noch andere Sexszenen gespeichert. In einem großen Wohnraum wurde eine Stripping-Party gefeiert, an der sich nicht nur seine Blonde aus dem Prellbock, sondern auch fünf, sechs andere zum Schluss textilfreie Frauen und nackte Männer beteiligten. Bei zwei Gesichtern stockte Berruth. Der eine mit einer etwas unglücklichen Miene sah aus wie sein Chef Gustavo Toller, und der zweite konnte, nein, musste Lothar Scharff sein, der Maler, mit dem Maxens Schwägerin Carla Zillig zusammenlebte. Und jetzt fiel ihm auch wieder ein, woher ihm die Blondine aus dem Prellbock so bekannt vorgekommen war. Max hatte sie bei einem Besuch auf dem Eldermannshof für Sekunden gesehen, aber nicht gesprochen, bevor sie mit Lothar Scharff in einem Zimmer verschwand und die Tür hinter sich schloss. Er steckte die DVD ein und wollte sich gerade eine andere Disc ansehen, als er aus dem Parterre ein seltsames Geräusch hörte, gefolgt von einem dumpfen Knall, der wie ein Pistolenschuss klang. Zehn, fünfzehn Sekunden später knallte es noch einmal - kein Zweifel, im Parterre wurde geschossen. Nun wurde es kritisch; so leise wie möglich schlich Max die Stufen hinunter, bis er in der Diele vor der Tür zu dem Zimmer mit der Couch stand. Drinnen schimpfte eine Frau zwar leise, aber doch verständlich vor sich hin: „Na, du verdammte Hure, jetzt ist endlich Schluss, was? Wie mich das freut. Hoffentlich hast du deinen letzten Fick noch genossen. Und wenn nicht, umso besser. In der Hölle herrscht das Zölibat.“

Max zögerte und klinkte dann behutsam die Tür auf. Das Geräusch musste die Frau alarmiert haben, sie fuhr herum und schwenkte die Waffe Richtung Tür. Als sie in der Öffnung eine menschliche Gestalt entdeckte, feuerte sie sofort. Die Kugel verfehlte Max und schlug in den Türrahmen ein. Eine halbe Minute standen sie beide wie die Ölgötzen voreinander und starrten sich an. Die Frau fand als erste ihre Sprache wieder. „Was machst du denn hier?“ fauchte sie ihn an.

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Zweites Kapitel

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Susanne Krüger hatte den ganzen Nachmittag auf seinen Anruf gewartet, und ihre Laune war von Minute zu Minute schlechter geworden. Als ihr Handy endlich bimmelte, schnauzte sie sofort los: „Wo steckst du denn den ganzen Tag?“

„Ich konnte nicht früher anrufen.“

„Und warum nicht?“

„Susi, wir haben einen unerwarteten Prüfer vom Finanzamt im Hause. Und der Kerl hat sehr unangenehme Fragen gestellt. Ich fürchte, er hat Verdacht geschöpft. Und will nun pausenlos sehr knifflige Auskünfte haben. Ich kann hier jetzt nicht weg. Tut mir leid.“

„Das sagst du in letzter Zeit immer häufiger. Tut mir leid, ich kann jetzt hier nicht weg.“

Erst als sie das ausgesprochen hatte, ging ihr auf, dass sie genau das dachte und ihm heimlich zum Vorwurf machte. Oder sein: „Nicht jetzt, Susi. Ich bin total erledigt.“

Dabei hätte sie es wissen müssen. Wer sich mit einem verheirateten Chef auf ein Verhältnis einließ, musste mit Ärger und Problemen rechnen. „Gusto“, wie sie unter vier Augen ihren Gustavo nannte, hatte immer mit offenen Karten gespielt, eine Scheidung kam nicht in Frage. Einmal hatte Gustos Schwiegervater Hans-Joachim Steinberg das Geld für den Aufbau der Firma Medizintechnik Gustavo Toller GmbH vorgestreckt und Susanne Krüger wusste genau, dass ein beträchtlicher Teil des Kredits noch nicht zurückbezahlt war.

Sie wusste auch, dass Gustos Ehe nicht glücklich war. Er bezeichnete seine Frau als läufige Hündin, was sie wohl nicht immer gewesen war, aber mittlerweile war sie wohl ihren Ehemann gründlich leid und nutzte so ziemlich jede Möglichkeit, ihn zu betrügen. Verliebt war sie in keinen dieser Liebhaber, anders als Gusto, der sich in Susi Krüger ernsthaft verliebt hatte und heute aufrichtig bedauerte, die auffallend hübsche Ann-Katrin Steinberg so rasch geheiratet zu haben.

Den Grund für den Liebhaberverschleiß seiner Frau begriff Gusto nicht. Susanne Krüger hatte ihm das nicht auf Anhieb geglaubt. Ob er nicht doch Vergnügen an diesen Orgien empfand, von denen er ihr so empört berichtete? Und noch weniger glaubte sie ihm, dass Ann-Katrin eine Kamera hatte einbauen lassen, die alles filmte und aufzeichnete, was sie so trieb, ob allein oder in einer Truppe Gleichgesinnter.

„Wozu denn das, das ist doch Schwachsinn.“

„Angeblich schauen sie und ihre Freundinnen und Freunde sich das vorher an, weil es sie so schön antörne.“ Gusto hatte ihr eine solche Platte vorgeführt und sie hatte sofort eine ganz andere Erklärung parat - von wegen antörnen und aufgeilen, erpressen war hier angesagt. Susi hatte einen ausgeprägten Hang zum Praktischen.

„Wo bist du denn jetzt?“ erkundigte sie sich.

„Wir sitzen in der Speisekammer und essen etwas zu Abend.“

„Und deine geliebte Ann-Katrin?“

„Die besucht eine Freundin in Konstanz. Hat sie wenigstens gesagt, weiß der Henker, was sie wirklich treibt.“

Susanne Krüger überlegte eine Minute, ihr war eine verwegene Idee gekommen. Das Haus stand also leer, Gusto hatte ein Alibi - einem Finanzbeamten würde die Polizei doch wohl glauben. Und wo Ann-Katrin Toller ihren Schmuck und ihr Geld und wo sie die DVDs aufbewahrte, wusste sie, seit Gusto sie in sein Haus mitgenommen hatte. Man konnte viele Dinge gewinnbringend verkaufen, und Geld brauchten Gusto und sie dringend. Sie hatten lange genug darauf gewartet, dass er sich von Ann-Katrin trennen konnte. Wozu er vorher den Kredit an ihren Vater zurückzahlen musste.

Sie ging in ihr Arbeitszimmer und holte die Pistole und die Schachtel mit der Munition heraus. Und einen festen Leinenbeutel; aus der Küche nahm sie ein Paar dünne Plastikhandschuhe mit. Dann fuhr sie los Richtung Brekum-Lunden. Sie wusste, wo sie ihr Auto von den Nachbarn unbemerkt parken und wo sie bequem über den Jägerzaun in den Garten einsteigen konnte. Die Verandatür zum Wohnzimmer stand einen Spalt offen. Das war ungewöhnlich. Das „bessere“ Viertel Lunden war bei den reisenden Einbruchbanden bekannt und beliebt, wie die Polizei immer wieder warnte. Sie schob die Verandatür einen Spalt weiter auf und schaute in das hell erleuchtete Zimmer. Ann-Katrin Toller lag nackt auf der Couch, die Beine angezogen und schlief tief und fest, hatte nicht einmal bemerkt, dass jemand von draußen ins Zimmer gekommen war. Das war die Chance. So rasch und so leise wie möglich zog Susi Krüger die Pistole aus der Tasche und vergewisserte sich, dass sie den festen Leinenbeutel dabei hatte, und schob die Tür noch ein Stück weiter auf. Ann-Katrin Toller schlief immer noch bewegungslos in der vorigen Position. Susi hob die Waffe und feuerte. Der Körper zuckte unter dem Einschlag der Kugel, und sie schoss nach kurzer Pause ein zweites Mal.

Dann stand sie länger vor der Couch und beschimpfte die Tote, die ihr und Gustos Glück so massiv im Wege gestanden hatte. Endlich hörte sie ein Geräusch von der Tür her, und zu ihrem ungläubigen Entsetzen ging die Tür auf, bis in der Öffnung ein Mann stand, der sie sprachlos anstarrte. Instinktiv hatte sie geschossen, die Gestalt aber verfehlt. Sie fand als erste die Sprache wieder und schnauzte den Mann an: „Was machst du denn hier?“

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Drittes Kapitel

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Kurioserweise riss das „Du“ Max Berruth aus seiner Lähmung. Ja, das war Susanne Krüger, Sekretärin, Buchhalterin, Terminplanerin, Frau für alles in der Firma Medizintechnik Gustavo Toller GmbH, so unentbehrlich wie zuverlässig, dazu recht hübsch, flott und freundlich. Seit der letzten sehr feuchten Weihnachtsfeier duzten sich alle Angestellten. „Das wollte ich dich auch fragen“, sagte Susanne rasch.

„Gusto - Gustavo - hat mich angerufen, ich sollte ihm was bringen. Ich dachte, er sei zu Hause. Und wie kommst du hierher?“

„Ann-Katrin hat mich mitgenommen.“

„Die Hure da?“

Warum er, ohne nachzudenken, wie aus der Pistole geschossen, erwiderte: „Die du erschossen hast“, wusste er nicht.

Ihr schien erst jetzt aufzugehen, dass es für ihre Tat einen Zeugen gab. Automatisch hob sie die Pistole, Max schüttelte besorgt den Kopf.

„Besser nicht, Susi. Die Kamera da oben an der Decke hat alles aufgenommen.“

„Schiet. Hast du eine Ahnung, wo das Bandgerät steht und wo die DVDs aufbewahrt werden? Die Kamera hat alles aufgenommen?“

Einen Moment überlegte er. Gegen seine Behauptung, sie habe Ann-Katrin erschossen, hatte sie nicht protestiert. Sollte er sie nicht in dieser Überzeugung belassen?

„Verdammt ja. Hat sie wohl. Ja, ich weiß, wo das Aufnahmegerät steht. Wir könnten alle Discs einpacken und dann von hier verschwinden, wenn du einen Ort weißt, an dem wir uns verstecken können, bis Gustavo seine Frau gefunden hat.“

Sie stiegen zusammen auf den Dachboden, und während sie alle Scheiben in den Beutel räumte, meinte sie plötzlich: „Ich habe eine Idee. Gusto hat eine Jagdhütte im Lantener Forst. Ich weiß, wo er den Reserveschlüssel versteckt.“

„Bist du schon mal mit ihm in der Hütte gewesen?“

„Mehr als einmal.“

„Ihr habt was miteinander?“

„Seit Jahren schon.“ Warum sollte sie das noch verschweigen?

„Das habe ich nicht gewusst.“ Was nicht einmal gelogen war, Max war viel unterwegs und fand selten Gelegenheit zu Klatsch und Tratsch mit den Kollegen und Kolleginnen. Sie nickte zustimmend:

„Du bist ja auch selten da. Wir sind seit gut drei Jahren zusammen.“

„Du weißt, dass er verheiratet ist?“

„War“, verbesserte sie spöttisch und begann über sein verdutztes Gesicht zu lachen: „Ich werd' nicht mehr. Sag' bloß, du hast nicht gewusst, dass diese Ann-Katrin die Frau des Chefs ist oder war?“

„Nein, woher denn auch. Ich habe sie nie vorher gesehen und der Chef hat sie uns ja auch nicht vorgestellt. Und an der Weihnachtsfeier hat sie auch nicht teilgenommen.“

„Er hätte sich gerne scheiden lassen, aber sein Schwiegervater hat ihm das Geld für die Firma vorgestreckt unter der Bedingung, dass Gusto sofort zurückzahlen muss, wenn er die Scheidung einreicht oder sich von Ann-Katrin trennt.“

„Ich glaube, der Vater hat vor allem seine Ann-Katrin elegant für immer loswerden wollen.“

„Das hat Gusto zum Schluss auch vermutet. Uns fehlen noch knapp 50 000 Euro, dann haben wir genug zusammen. Vielleicht klappt es jetzt mit den Scheiben. Ich möchte noch eigene, gesunde Kinder haben.“

„Deswegen die DVDs?“

„Warum nicht.“

„Kennst du alle Frauen und Männer, die an den Partys teilgenommen haben?“

„Nein, aber ich kenne in Stübern eine kleine Firma, die mir gegen Honorar preiswerte Kopien herstellt. Wie können es uns leisten, einige DVDs auf gut Glück, vielleicht an den falschen Adressaten loszuschicken.“

„Trotzdem brauchen wir ein Abspielgerät. Ich hole am besten den kleinen Apparat vom Dachboden.“

„Beeil' dich, ich pack' in der Zwischenzeit noch was zum Frühstück ein.“

Außerdem spülte sie die beiden Gläser vom Couchtisch und wischte die Wodkaflasche feucht ab.

Sie fuhren bald in ihrem Auto los. Bis zum Lantener Forst brauchte man bei vernünftigem Tempo 45 Minuten, und Susanne Krüger kannte den Weg zu der Jagdhütte ganz genau. Als sie in die erste Bergstraße einbogen, wollte Max wissen: „Wo steckt dein Gusto denn jetzt?“

„Als wir zum letzten Mal miteinander telefoniert haben, saß er in der Speisekammer und aß mit einem Steuerfahnder zu Abend. Ich kann ihn ja mal anrufen, wo er jetzt ist.“

„Um Himmels willen, nein! Gibt mir sofort dein Handy. Hast du nie was von Vorratsdatenspeicherung gehört? Sobald die Kripo die tote Ann- Katrin gefunden hat, wird sie nach der möglichen Geliebten des Ehemannes suchen.“

Das war vielleicht etwas übertrieben, aber es konnte nicht schaden, ihr etwas Angst einzujagen, lieber zu vorsichtig sein als leichtsinnig.

Der Schlüssel zur Hütte, die sich als besseres, wenn auch kleines Haus herausstellte, lag in seinem Versteck, und aus dem Haus wehte es sie kühl an. Max musste zuerst hinter dem Haus Holzscheite hacken. Und dann dauerte es eine ganze Weile, bis der Kachelofen richtig wärmte. Die Dunkelheit, die Kälte und die Stille konnten einem Stadtmenschen auf die Nerven gehen. Max entfernte Akku und SIM-Karte aus ihrem Handy und setzte sich vor den altmodischen Ofen. Die Flammen flackerten und prasselten hinter einer dicken Glimmerscheibe. Was mochte Pia jetzt denken oder tun?

Plötzlich verspürte er Appetit auf Nudelsalat.

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Viertes Kapitel

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Gustavo Toller kam schlecht gelaunt nach Hause. Erstens war das Essen in der Speisekammer erbärmlich gewesen und außerdem sah es so aus, als habe sich dieser Steuerfritze ausgerechnet an das unwichtigste Betrugsmanöver herangearbeitet, mit dem Gustavo Toller und Susanne Krüger gemeinsam das Konto „Ehe-Freikauf“ aufzufüllen trachteten. Spesenbetrug brachte nicht viel, aber Susi meinte, auch Kleinvieh mache Mist, aber leider eben auch Menschen verdächtig, die man dabei erwischte. Er fuhr seinen Wagen in die Garage und wunderte sich, dass im Parterre Licht brannte, und, wie er bei einem Rundgang ums Haus festgestellte, eine Verandatür nicht vollständig geschlossen war. Ann-Katrin hatte doch eine Freundin am Bodensee besuchen wollen, unter anderem mit der albernen Begründung, sie müsse ihr unbedingt einige der neuen Kleider vorführen, die sie für ein irrsinniges Geld bei einer Bekannten erworben hatte. Gustavo kannte diese „Freundin“.

Carla Zillig lebte mit dem Maler Lothar Scharff auf dem Eldermannshof zusammen und verdiente ihr eigenes Geld mit einem winzigen Mode-Label. Wer partout seinem Kleid nicht auf einer Veranstaltung begegnen wollte, ließ von Carla Zillig ein Einzelstück entwerfen und schneidern. Carla forderte Mondpreise, genauso wie ihr Lebensabschnittsgefährte Lothar Scharff für seine Porträts, aber beide waren im Moment in oder angesagt und hatten über fehlende Aufträge nicht zu klagen. Gustavo ging zurück, schloss die Haustür auf und rief laut in die Diele: „Hallo Ann-Katrin, ich bin da!“

Keine Antwort; das war ungewöhnlich. Meist pflegte sie mit einer Unfreundlichkeit zu reagieren: „Endlich, Weichei oder auch: Schon, Schlappschwanz? Mach' nicht wieder so viel Dreck in der Diele. Ich komm' gleich, sobald ich fertig bin.“

„Gleich“ hieß in der Regel 15 Minuten. „Sofort“ dauerte bis zu einer halben Stunde.

Gustavo rief noch einmal. Wieder keine Reaktion; er hätte gern mit ihr besprochen, was der Steuerfahnder massiv kritisiert hatte. Er ging auf die Wohnzimmertür zu und klinkte sie auf. Ann-Katrin lag nackt und regungslos auf der Couch und starrte ihn aus leblosen, weit geöffneten Augen an.

„Hallo, Ann-Katrin“, wiederholte er töricht und spürte, wie ihm ein eiskalter Finger über den Rücken strich. Das war doch ... das konnte doch nicht sein? Warum schlief sie so tief, nackt bei dieser Kühle, was war da passiert. Er trat etwas näher und konnte auf ihrem Busen zwei mit etwas Blut umgebene Flecken erkennen. Dann beugte er sich zu ihr herunter - kein Atemgeräusch. Ihre Brust bewegte sich nicht. Jetzt warnte ihn etwas, er berührte den Körper seiner Frau nicht, sondern holte sein Handy heraus und wählte 112, dann auch die 110. Die Tür zur Veranda ließ er so, wie sie war.

Gustavo hatte den Namen „Mordtrio“ noch nie gehört. Aber er kam ihm sofort in den Sinn, als sich die drei Frauen von der Kripo vorstellten: Marlene Schelm, die Chefin. Jule Springer, unzweideutig ihre Vertreterin. Sigrid Bauer, die jüngste im Team und letzte in der Hierarchie der Mordermittlerinnen. Dazu eine auffällige Blondine aus der Rechtsmedizin, der ein elegantes Abendkleid besser gestanden hätte als der grüne Kittel.

„Eindeutig Mord?“ erkundigte sich Lene Schelm.

„Eindeutig. Aber ...“

„Was aber, Nadine?“

„Schau dir mal die Augen an. Siehst du diese roten Pünktchen?“

„Ja.“

„Das spricht eigentlich dafür, dass sie erwürgt worden ist. Also unter Umständen schon mausetot war, als die beiden Kugeln sie trafen. Das würde nebenbei auch erklären, warum so wenig Blut aus den Brustwunden ausgetreten ist. Die Pumpe arbeitete schon nicht mehr.“

„Das gibt es doch nicht. Wer erschießt schon eine Leiche?“

„Wer unter Umständen geglaubt hat, die Schöne hier würde nur tief schlafen.“ Nadine Golowski grinste. „Ich würde mich auf jeden Fall mal auf zwei Täter einrichten, Lene. Einer hat gewürgt, ein anderer geschossen.“

„Und du sagst uns noch, in welcher Reihenfolge?“

„Na klar.“

„Und wann ist das alles geschehen?“

„Da lege ich mich jetzt nicht fest.“

„Morgen?“

„Eher übermorgen. Für morgen Abend haben wir Caro Heynen zu uns eingeladen.“

Caro(line) Heynen war als Erste Hauptkommissarin mal Chefin und Vorgängerin von Lene Schelm gewesen. Nadine Golowski, Leiterin der Tellheimer Rechtsmedizin, war immer noch Lenes beste Freundin, und Nadines Freund, mit dem sie zusammenlebte, war der Leitende Direktor der Tellheimer Kriminalpolizei.

„Nadine. Pi mal Daumen. Wann?“

„Die Frau ist etwa zwei Stunden tot.“

„Und wo waren Sie vor rund zwei Stunden?“ fragte Lene Schelm, die sehr direkt sein konnte.

Gustavo war noch zu erschüttert, um sich zu wehren. „Vor zwei Stunden habe ich in der Speisekammer am Hauptbahnhof gegessen.“

„Dafür gibt es Zeugen?“

„Ja. Einen Fahnder aus dem Finanzamt.“

„Wie bitte?“

Also musste Gustavo Toller die ganze Geschichte erzählen. Als auch der Steuerfahnder das Knurren seines Magens nicht mehr ignorieren konnte, waren sie gemeinsam in die Speisekammer gegangen. Einladen durfte Gustavo den Finanzbeamten nicht, und der konnte sich die sehr zivilen Preise in der Speisekammer eben noch leisten. Vor einer halben Stunde war Gustavo dort aufgebrochen und direkt nach Hause, nach Brekum-Lunden, gefahren, nein, durch die Haustür hereingekommen, die Verandatür hatte er nicht berührt.

„Und wo war Ihre Frau heute?“

„Mir hatte sie gesagt, sie wolle eine Freundin in Konstanz besuchen.“

Leise seufzend schrieb er alle Namen und Anschriften auf.

Sigrid Bauer hatte inzwischen das Glasauge an der Decke entdeckt: „Sagen Sie mal, Herr Toller, was ist denn das da oben?“

Gustavo musste ein zweites Mal auspacken und gewann dabei den durchaus richtigen Eindruck, dass man ihm jetzt noch weniger glaubte als bei der Speisekammer-Geschichte. Andererseits - vom Dachboden waren zwei Geräte und alle Speicherplatten verschwunden. Zwei „Mörder“ brauchten sie ohnehin und durch die halb offenstehende Verandatür konnte auch ein Dieb gekommen sein, der es auf die Speicherplatten abgesehen hatte. Nach einer guten Stunde rückte die Kripo-Mannschaft wieder ab und Gustavo gönnte sich einen ordentlichen Whisky. Trauer über den Tod der schönen Ann-Katrin wollte sich bei ihm nicht einstellen, aber ihn irritierte, dass sich am Handy weder Susanne Krüger noch ihre Sprachbox meldeten.

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Fünftes Kapitel

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Die erste Nacht verlief anfangs ruhig, obwohl beide schlecht schliefen. Susanne zweifelte nicht daran, dass sie Ann-Katrin Toller erschossen hatte und dachte voller Schrecken an die Folgen, hätte gern ihrem Gusto alles gestanden und ihn um Hilfe gebeten, wusste aber nicht, wie und wo sie ihn erreichen sollte. Und dass sie in einer so beschissenen Situation ausgerechnet an Max Berruth gebunden war, gefiel ihr am allerwenigstens. Max war ein lieber, aber harmloser und - wie sie manchmal dachte - auch hirnloser Kollege, für den sie wenig übrig hatte, auch wenn Gusto häufiger sagte, er wünschte sich, dass alle Mitarbeiter und Monteure so fleißig, zuverlässig und tüchtig wären wie Max Berruth. Wie konnte sie an ihr Handy kommen und Gusto anrufen? Würde die Polizei sie verdächtigen? Sie zerbrach sich den Kopf, wer in der Firma von ihrem Verhältnis mit Gusto etwas wissen und erzählen könnte.

Irgendwann fiel sie dann doch in einen leichten, unruhigen Schlaf, aus dem sie ein unbekanntes, aber bedrohlich klingendes Geräusch hochriss. Nach zehn Sekunden wiederholte es sich. Nun war sie hellwach und lauschte angestrengt. Da macht sich doch jemand an der Hüttentür zu schaffen. Nach dem dritten Knacken rief sie unterdrückt: „Max, schnell.“

Er hatte nebenan geschlafen und sie gehört, vielleicht ebenfalls von dem Knacken aus dem Schlaf gerissen. Jedenfalls antwortete er sofort: „Ja? Was ist los?“

„Da versucht jemand, die Tür aufzubrechen.“

„Moment, ich komm' mal rüber.“ Der Unbekannte war so nett, das nächste Geräusch genau in der Sekunde zu produzieren, in der Max Susis Zimmer betreten hatte.

„Du hast Recht“, sagte er überrascht. „Dem werde ich mal ... wo ist deine Pistole?“

An die Waffe hatte sie noch gar nicht gedacht. „Die hast du mitgenommen.“

„Richtig.“

„Sind da noch Patronen im Magazin?“

Sie musste erst überlegen „Ich weiß nicht ... Halt: doch, ich weiß. Ich habe zweimal auf Ann-Katrin geschossen ...“

„... und einmal auf mich. Macht drei Schuss, also sollten noch drei Patronen im Magazin sein. Halt mir die Daumen. Ich versuche dann mal, den Kerl zu vertreiben.“

Wo und wie man entsicherte und durchlud, hatte sie ihm gezeigt.

Mit der Waffe in der Hand schlich er zur Hüttentür. Es knackte zum vierten Mal. Max zog lautlos den Riegel zurück, riss die Tür auf und feuerte blindlings auf einen sich bewegenden Schatten, der wie von einer Riesenfaust herumgerissen wurde und zu Boden stürzte. Dort blieb er bewegungslos liegen, bis es Max zu kalt wurde und er die Tür wieder schloss. So konnte er nicht sehen, dass sich der Mann aufrappelte und davonschwankte, wobei er sich die rechte Schulter hielt.

„Ist der weg?“ rief Susi, und er schaute bei ihr herein. „Ja. Ich glaube, ich habe ihn sogar getroffen.“

„Was wollte der?“

„Woher soll ich das wissen. Ich versuche, weiter zu schlafen.“

Was ihnen beiden nicht so recht gelang. Morgens gähnten sie sich um die Wette an. Er hackte noch einmal Brennholz, fütterte den Kachelofen und dann legten sie sich noch einmal hin. Jetzt konnten sie noch ein paar Stunden ungestört schlafen, und als sie dann endgültig aufstanden, war es immer noch nicht richtig hell geworden. Dicke, dunkle Wolken trieben am Himmel, es roch irgendwie nach Kälte und Schnee, an Silvester in dieser Region eigentlich zu früh.

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Sechstes Kapitel (31.Dezember)

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Pia Berruth verbrachte den ganzen Vormittag damit, telefonisch die Silvesterparty abzusagen: Max habe sich ein Bein gebrochen und liege noch für ein paar Tage im Krankenhaus. Ihre Eltern erreichte sie nicht mehr, die waren aus dem Taunus schon losgefahren, und Schwester Carla und Lothar Scharff sagte sie die Wahrheit: Max war über Nacht einfach weggeblieben und hatte sich nicht gemeldet. Auch bei den restlichen Bekannten und Nachbarn, die sie gestern Abend nicht mehr erreicht hatte, sagte sie nichts. Carla und Lothar waren gestern Abend auch nicht in ihrem Eldermannshof gewesen. Carla hatte einer Kundin in Bockern das Kleid für deren Silvesterparty gebracht und Lothar mitgenommen, um die schwierige Kundin notfalls abzulenken und zu besänftigen. Doch die war mit allem einverstanden, nur ihr Mann begann zu knöttern, das könne man doch kein Kleid mehr nennen, da sei ein Bikini züchtiger und vor allem preiswerter. Was sachlich völlig richtig war, aber nicht im Sinne von Carla und Lothar, die den Erzürnten aber mit vereinten Kräften beruhigen konnten.

Pia richtete anschließend ihren vorbereiteten Nudelsalat an und sparte an Salz, das sie zum Teil durch Tränen ersetzte. Dass sie ihn auf diese Weise nicht versalzte, lag auch daran, dass die Wut immer wieder einmal über ihre Verzweiflung siegte. Was hatte sie Carla nicht alles von der Treue und Zuverlässigkeit ihres Max vorgeschwärmt, wenn die Schwester sich mal wieder über ihren Lothar beklagte. Und dieser Lothar, der ihre Gedanken erriet, scheute sich nicht, ihr verschwörerisch zuzuzwinkern. Erst am Nachmittag kamen Lothar und Pia dazu, ein, zwei Sätze unter vier Augen zu wechseln:

„Ist da was im Gange ...?“

„Nein.“

„Sicher?“

„Ganz sicher.“

Vater Zillig sah das alles unter geschäftlichen und finanziellen Aspekten. „Die Lebensversicherung ist doch okay?“

Pia brach in Tränen aus, aber auf Gefühle hatte ihr Vater noch nie Rücksicht genommen. Und weil er Tochter und Schwiegersohn einen beachtlichen Teil der jährlichen Prämien zahlte, glaubte er fest, das müsse er auch nicht. Sie saßen bis Mitternacht stumm vor dem Fernseher, stießen um Null Uhr mit Sekt an - Pia wünschte sich vom neuen Jahr nur, dass Max heil zurückkomme. Daniel zuliebe feuerten sie vor dem Haus ein paar Raketen und zwei schöne Feuerräder ab, schlugen bescheidene Breschen in den Nudelsalat und den Berg von Würstchen und gingen alle früh schlafen.

Wie hatte sie den Kerl mal attraktiv und nett finden können. Es wurde nicht besser, als Pias Eltern eingetroffen waren und die Wahrheit erfahren hatten. Zum Glück verkniffen sich beide das „Was haben wir dir immer gesagt?“

Carla und Lothar verzogen sich, bevor das drohende Gewitter losbrechen konnte. Auf der kurzen Heimfahrt erleuchteten immer wieder Feuerräder, Raketen und bengalische Lichter die Straßen.

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Siebtes Kapitel

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Das „Blonde Gift“ Nadine Golowski und ihr Freund Jörg Steiner hatten gemeinsam gekocht, und ihr Gast Caroline Heynen lobte begeistert, sie habe lange nicht mehr so gut gegessen. „Mal anders herum gefragt“, versetzte Steiner, „essen Sie überhaupt noch regelmäßig zu Mittag?“

Caro schüttelte den Kopf. Sie war zum frühestmöglichen Termin in Pension gegangen, obwohl man sie häufig und dringend gebeten hatte, doch bis 67 zu bleiben. Auch Marlene Schelm hatte das getan. Aber Caro wollte nicht mehr und vertraute den wahren Grund niemandem an. Sie war über viele Jahre mit einem Privatdetektiv eng und früher auch intim befreundet gewesen, der ihr einmal geholfen hatte, einen Mörder zu überführen. Der Täter hatte nach der Urteilsverkündung noch im Gerichtssaal geschworen, sich an Rolf Kramer, dem Privatdetektiv, zu rächen. Was er auch nach seiner Entlassung sofort getan hatte, er hatte Kramer auf einem Friedhof am Grab seines Opfers erschossen, und Caro fühlte sich mitschuldig, weil sie nicht daran gedacht hatte, dass der Mörder bald entlassen werden würde. Caros Job als Erste Hauptkommissarin im Referat 11, der früher so genannten Mordkommission, übernahm Marlene Schelm.

Caro litt keine Not, weder finanziell, weil sie ein Drittel der elterlichen Firma geerbt hatte, noch emotional; sie war viel unterwegs, arbeitete ehrenamtlich in einem Seniorenheim und vermisste nur manchmal den Trubel und die Spannung einer Mordkommission. Und weil Steiner der Direktor der Tellheimer Kriminalpolizei war, landete das Gespräch unvermeidlich bei den jüngsten Fällen. Die Opfer von Mord und Totschlag bekam zwangsläufig Nadine Golowski zu sehen („auf dem Blechtisch serviert“), und sie berichtete fast amüsiert von der jüngsten Leiche, die zuerst erstickt und dann erschossen worden war.

„In dieser Reihenfolge?“ vergewisserte sich Steiner.

„Den gerichtsfesten Beweis bekomme ich bei der Obduktion am Dienstag, wenn ich Textilfasern in der Lunge finde.“

„Aber wer erschießt denn schon eine Leiche?“ fragt Caro ungläubig.

„Wer glaubt, auf einen noch lebenden Menschen zu schießen.“

„Zuerst ersticken, dann erschießen? - so nach dem bekannten Motto, doppelt hält besser?“

„Nein, aber es können zwei Täter unabhängig voneinander am Tatort und an dem Mord beteiligt gewesen sein.“

„Zwei Täter? Arme Lene!“ seufzte Caro mitleidig.

„Es kann noch komplizierter sein. Das Opfer, eine sehr hübsche Nymphomanin, hat ihre sexuellen Eskapaden von einer eingebauten Kamera aufnehmen lassen. Das Aufzeichnungsgerät hat die Spusi gefunden. Aber es fehlen alle DVDs oder Bänder.“

„Die hat der Täter mitgenommen?“

„Oder eine dritte Person, die sich am Tatort aufhielt.“

„Lene Schelm tut mir echt leid.“ Jeder wusste, dass Zeugen auffallend stumm wurden, wenn in der Nähe des Tatortes, zu dem man sie befragen wollte, eine Leiche herumlag.

„Sie haben es mehr mit lebenden Leichen zu tun?“ wollte Steiner wissen.

Das war sehr unfreundlich formuliert, aber was Caro über einige Senioren zu berichten wusste, legte diese Bezeichnung sehr nahe. Sie konnte immer noch nicht verdauen, wenn Demenzkranke, zu denen sie glaubte, eine Art Vertrauensverhältnis aufgebaut zu haben, sie nach einem Krankheitsschub wie eine feindliche fremde Person behandelten. Mit dem Verstand wusste sie natürlich, warum das so war, aber mit dem Gefühl der Enttäuschung kam sie immer noch nur schwer klar.

Das Trio fühlte sich zu alt, um noch Raketen abzuschießen und Böller zu zünden. Man trennte sich nach einem Glas Champagner früh am 1. Januar.

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Achtes Kapitel

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Werner Pölzig schaffte es nicht mehr. Er verblutete, noch bevor die Ärzte ihn im OP behandeln konnten. Die Kugel steckte noch in der rechten Schulter. Ein, zwei Stunden früher und man hätte ihn wohl retten können. Aber er hatte sich so lange geweigert, bis es zu spät war. Der Notarztwagen brachte einen schon halb Toten in die Uniklinik nach Tellheim . Seine Frau wusste angeblich nicht, wo und wie er sich die Kugel eingefangen hatte.

Pölzig verdarb dem Mordtrio den Feiertag 1.Januar. Besonders Lene zürnte dem Toten: Da hatte sich ihr Freund Jochen Pauli ausnahmsweise einmal von Familie und Ehefrau frei nehmen und Lene in Tellheim besuchen können, und da musste das Trio am frühen Nachmittag gleich zur Uniklinik ausrücken, wo man ihnen nur die Leiche eines etwa vierzigjährigen Mannes zeigen konnte, der vor rund 24 Stunden angeschossen worden war. Seine Frau konnte nicht sagen, wo und warum das geschehen sei, nein, sie hatte keine Ahnung, was ihr Mann am Vortag getrieben hatte. Das glaubte ihr keine der drei Frauen, zumal ihr Computer eine höchst plausible Erklärung anbot. Werner Pölzig war ein alter Kunde der Kripo, der sich auf Einbrüche in leerstehende Häuser spezialisiert hatte. Und davon gab es im Lantener Forst vor der Haustür der Pölzigs jetzt, im Winter, mehr als genug. Viele Hütten standen leer, erst recht über die Feiertage, und Pölzig hatte womöglich Pech gehabt, sich ausgerechnet eine auszusuchen, in der die Besitzer schliefen und nicht lange fackelten, sondern dem unerwünschten Besucher eine Kugel verpassten, was zwar nur in Ausnahmefällen erlaubt war, aber immer häufiger geschah, weil weder die Polizei noch die privaten Wachdienste die Einbrüche verringern oder verhindern konnten. Die Chirurgen hatten das Geschoss aus der Wunde herauspräpariert und gaben es den Polizistinnen mit. Sigrid Bauer lieferte es bei der KTU ab.

Nadine Golowski hatte im neuen Jahr gleich Arbeit.

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Neuntes Kapitel

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Hauptkommissar Kurt Grembowski stand auf, als Christine in das Zimmer kam.

„Darf ich vorstellen? Meine Kollegin Kommissarin Dellbusch. Frau Pia Berruth, sie möchte ihren Ehemann Max als vermisst melden.“

Solch ungewohnte Höflichkeit war bei Grem dem Groben immer ein Warnzeichen dafür, dass Ärger in der Luft lag.

„Guten Tag“, sagte Tine verbindlich und gab der jungen, schwangeren Frau die Hand, setzte sich dann an den langen Tisch, legte Stenoblock und Bleistift parat und schaltete das Tonband ein.

„Würden sie uns bitte Ihren Namen, Anschrift, Telefonnummer nennen und dann erklären, was Sie zu uns führt.“ Grem hatte keine Zeit mehr gefunden, das Revier Brekum anzurufen und sich zu erkundigen, warum die Kollegen nicht die Daten aufgenommen, sondern die Frau gleich zu ihm ins Präsidium geschickt hatten.

„Ich heiße Pia Berruth und wohne in der Lilienstraße 35.“ Sie war 31 Jahre alt, verheiratet mit Max Berruth, der am 30. Dezember gegen 19 Uhr 40 das Haus verlassen hatte, um im Prellbock ein Bier zu trinken.

„Früher bin ich oft mitgegangen“, sagte sie leise, „aber heute ...“ - Dabei strich sie über ihren Bauch.

„Wann ist es denn so weit?“ fragte Tine interessiert.

„In zweieinhalb Monaten.“

„Wissen Sie schon, was es ist?“

„Ein Mädchen.“ Das Ehepaar hatte einen vierjährigen Sohn Daniel und freute sich auf Daniels Schwesterchen.

„Frau Berruth, was macht ihr Mann Max beruflich?“

„Er ist im Außendienst der Firma Medizintechnik Gustavo Toller beschäftigt.“

Weil sie wohl wusste, was mit Außendienst normalerweise umschrieben wurde, fügte sie rasch hinzu: „Er ist unter der Wochen unterwegs, um Geräte zu warten, zu reparieren oder neue einzustellen.“ Weil dabei eine Bier- oder Alkoholfahne nicht erwünscht war, trank er unter der Woche so gut wie gar nicht und freute sich deshalb auf sein Wochenend-Pils.

Der Prellbock war die einzige zu Fuß erreichbare Kneipe, die sie in Brekum hatten, und das dort ausgeschenkte Radeberger Pils schmeckte Max besonders gut. Allerdings trank er selten mehr als zwei Glas. Als er um 22 Uhr nicht wieder zurück war, hatte Pia im Prellbock angerufen und mit dem Wirt Otto Dick geredet.

„Max ist vor der Tagesschau dort angekommen, hat zwei Pils getrunken und ist kurz nach der Tagesschau wieder gegangen. Nein, er hatte nichts gesagt, deshalb vermute er mal, dass Max doch nach Hause gegangen sei.“

Grem kannte sich in Brekum aus: „Über die Lundener Straße?“

„Nein, wenn das Wetter einigermaßen war, ist er durch die Kleingartenanlage Kohlgrub gelaufen.“

Den Hauptweg und die Seitenwege hatten sie und Sohn Daniel am nächsten Tag bei Helligkeit abgesucht. „Ohne Ergebnis.“

Ab jetzt wurde es heikel, und Grem überließ diesen Teil gern seiner Kollegin, die nicht in jeden Fettnapf stolperte oder emotionalen Flurschaden anrichtete.

Wohin konnte der vorbildliche Familienvater Max Berruth nach dem Prellbock gegangen sein? Es gab Freunde und Bekannte in der Siedlung, die Pia alle spätestens am Vormittag des 31. Dezember abtelefoniert hatte. Keine Spur von Max. Auch ihre Schwester Carla, die auf dem Eldermannshof lebte, hatte Max seit Wochen nicht mehr gesehen. „Und nun - Entschuldigung, Frau Berruth, aber ich muss Sie das fragen - ist es denkbar, dass Ihr Mann zu einer Freundin oder Kollegin gegangen oder gefahren ist, die er vor Ihnen geheim hält?“

„Nein. Absolut nein ... Ja, da bin ich ganz sicher.“

„Gut. Hat Ihr Mann Kummer oder Sorgen? Private oder berufliche Probleme? Angst, Furcht? Hatte er Streit mit Ihnen oder in der Firma? In der Familie?“

Pia schüttelte bei jeder Frage energisch den Kopf.

Grem stand auf: „Hatte ihr Mann am 30. Ausweispapiere bei sich?“

„Ja.“

„Dann fange ich mal an, herumzutelefonieren.“

Nach Silvester gab es immer erschreckend viele Menschen, die von Raketen, Böllern oder Feuerrädern verletzt und in Krankenhäuser eingeliefert wurden, die dann keine Papiere bei sich hatten, weil sie ja „nur zum Knallen kurz vor's Haus getreten waren“. Zuerst rief er jedoch auf dem Revier Brekum an: „Warum habt ihr diese Pia Berruth direkt zu mir geschickt?“

„Du weißt also nicht, wer sie ist?“ fragte Kollege Schöne gemütlich, der in Brekum eine ruhige Kugel schob und dabei nicht gerne gestört werden wollte.

„Nein, keine Ahnung.“

„Sie ist eine geborene Zillig. Na, klingelt es?“

„Ja.“ Zillig war ein guter Freund des Oberbürgermeisters.

„Und wie der Polizeipräsident war er Rotarier und einer der wichtigsten Mäzene der Stadt Tellheim, auch nachdem er in den Taunus fortgezogen ist.“

„Alles klar, vielen Dank, Kollege.“

So war das also. Alle Menschen waren gleich, aber einige eben doch etwas gleicher.

Der Rest war ungeliebte Routine. Überall zog Grem Nieten. Ein Max Berruth war nirgendwo eingeliefert oder gefunden worden, auch kein bislang nicht identifizierter Mann, auf den Berruths Beschreibung passte. Sein Auto sollte noch in der häuslichen Garage stehen.

Grem ging zurück und schüttelte den Kopf. „Verunglückt ist er nicht.“

„Gottseidank.“

Pia Berruth, seit einigen Monaten geduldige Fernsehzuschauerin, hatte ein aktuelles Buntbild mitgebracht und verabschiedete sich zwar nicht erleichtert, aber für den Moment etwas beruhigter.

„Haben Sie jemanden, der sich um Sie kümmert?“ fragte Tine besorgt.

„Ja. Meine Schwester Carla bleibt so lang bei mir, bis Max wieder zurück ist.“

„Dann hätten wir gerne Name, Anschrift und Handynummer.“

„Scheiße“, murmelte Grem, als sie gegangen war. „Sie ist eine geborene Zillig.“

„Auch das noch.“ Tellheim war zwar eine Großstadt, aber mit ausgeprägten Dorfstrukturen. In der high society kannte jeder jeden, das galt auch für die snobiety, und mit beiden Gruppen wollte es der Polizeipräsident nicht verderben. Nach Aussage der Ehefrau war Max gesund, trank nicht, rauchte nicht, schluckte kein Rauschgift oder Medikamente, hatte kein Auto, aber Ausweispapiere und nur wenig Bargeld bei sich. Bei solchen Männern konnte man in der Regel einfach abwarten. Die meisten tauchten nach ein, zwei Wochen wieder auf, spätestens dann, wenn sie zum ersten Mal mit der Freundin heftig gestritten hatten. Jeder anderen Frau hätte Grem das in seiner bekannten groben, aber unmissverständlichen Art auch erklärt und danach abgewartet. Tine hatte längst durchschaut, dass ihr Chef sich, wie er das auszudrücken pflegte, die „Arbeit einteilte“, aber beim Schwiegersohn des Mäzens Lukas Zillig? Grem sah eine fürchterliche Zeit vor sich, getrennt von seinem geliebten Schreibtisch; sein verzweifeltes Gesicht rührte Tine so, dass sie anbot: „Soll ich mal zum Prellbock fahren?“

„Würdest du das wirklich für mich tun?“

„Na klar.“

Die Straßen waren immer noch ausgesprochen trocken, Schnee ließ auf sich warten, allerdings waren jetzt dicke Wolken aufgezogen. Dafür sanken von Nacht zu Nacht die Temperaturen tiefer in den Keller.

Sie hatte Glück und traf Otto Dick und Gerda Blume in der Kneipe an. Beide bestätigten, was Pia Berruth schon erzählt hatte. Am 30. Dezember war Max vor der Tagesschau gekommen, hatte zwei Bier getrunken und war danach wieder gegangen.

„Er hat sich also nicht mit jemandem hier getroffen?“

„Nein“, sagten beide erstaunt.

„Können Sie sich noch daran erinnern, wie viele Gäste zu der Zeit im Prellbock waren?“

Otto konnte: „Unsere zehn Alten.“

„Ihre zehn Alten?“

„Jenseits des Bahnhofs gibt es ein Altenheim, das ist so triste, dass ich gut verstehe, wenn die Insassen abends regelmäßig eine Kneipe aufsuchen. Als Wirt bin ich nicht böse, dass sie regelmäßig eine schöne Zeche machen. Und die zehn Leutchen finden trotz Alkohol gemeinsam immer irgendwie nach Hause.“

„Sonst keine Gäste?“

„Doch“, mischte sich Gerda Blume ein. „Am Tresen saß eine auffallend hübsche Frau.“

„Allein? Und könnten Sie sie beschreiben?“

„Ja, allein. Und beschreiben? So genau habe ich nicht auf sie geachtet. Aber vielleicht kann Ihnen Rita weiterhelfen.“

„Wer ist Rita?“

„Eine studentische Aushilfe. Sie war am 30. hier und hat gezapft.“

Otto Dick holte ein schwarzes Büchlein mit Adressen und Telefonnummern. Rita Funke wohnte in der Rabenstraße 55 - „das ist ein Studentenheim“ - und sie versprach am Telefon, auf Tine Dellbusch zu warten.

Die beiden jungen Damen verstanden sich auf Anhieb, und als Tine

die Studentin Rita versehentlich duzte, meinte die, ob man es nicht dabei belassen könne.

„Ja, ich erinnere mich an Max Berruth und die Frau am Tresen. Nein, deren Namen weiß nicht. Aber ich habe sie an dem Abend zum ersten Mal im Prellbock gesehen.“

„Wartete sie auf jemanden?“

„Glaube ich nicht. Eine ungewöhnlich hübsche Frau. Grüne Augen, etwas schräg gestellt, und ein Hauch von Sommersprossen, hellbrünette, fast blonde Haare. Umwerfend und beneidenswert apart. Eine richtige Hexe.“ Rita seufzte neidisch. „Meine Mutter würde sagen: 'Vorsicht, das ist eine Männerfresserin.“

„Eine Professionelle?“

„Nein, danach sah sie nicht aus, keine Männerfeindin, aber nicht vom Strich oder aus einem Edelpuff. Auch kein Callgirl.“

„Na gut, was verschlägt so eine in den Prellbock?“

„Das habe ich mir auch überlegt. Aber dann ist was Komisches passiert. Max kam herein - ja, den kenne ich schon lange - schaute auf die Frau und ging sofort auf sie zu, so, als kenne er sie. Dabei hat er etwas gesagt, nein, das habe ich leider nicht verstanden, auch nicht, was sie darauf geantwortet hat, aber es scheint nicht sehr freundlich gewesen zu sein. Denn Max hat sofort gebremst und sich einen Hocker ziemlich weit von ihr entfernt genommen. Nein, unterhalten haben sie sich nicht.“

„Die beiden sind nicht zusammen weggegangen?“

„Nein, zuerst sie. Da war die Tagesschau gerade vorbei. Er hat erst noch in Ruhe sein zweites Bier ausgetrunken.“ Rita verstummte und schaute an Tine vorbei auf die Wand. Sie hatte noch etwas auf dem Herzen.

„Du lachst mich nicht aus?“

„Nein, warum sollte ich.“

„Ich habe die Hexe ja ganz aus der Nähe gesehen, als ich ihr das Glas hinstellte. Und ich war mir sicher, ich hatte sie vorher schon einmal gesehen, aber du kannst mich prügeln, ich weiß beim besten Willen nicht mehr, wann und wo.“

„Macht nichts“, tröstet Tine. „Du hast mir viel geholfen. Und wenn dir noch was einfällt, rufst du mich bitte an.“

Grem war nicht so überzeugt, dass die „Hexenspur“ sie weiterbringen würde, aber er hatte noch einmal lange mit den Kollegen vom Revier in Brekum telefoniert und nur Entmutigendes gehört.

„So was kannst du dir nicht vorstellen. Ein Mustergatte aus dem Märchenbuch eines Teenagers. Treu, zuverlässig, kinderlieb, tüchtig, ehrlich - nein, da bleibt nur noch ein Unfall, von dem wir noch nichts erfahren haben.“

„Arme Pia, armer Daniel.“

„Aber du machst noch ein schönes, ausführliches Protokoll? Ruhig zweizeilig, damit die Akte später nach was aussieht.“ Tine nickte nur: „Und du lässt zwanzig oder dreißig Kopien von Maxens Porträt herstellen?“

„Mach ich. Schon weitere Pläne?“

„Ich schaue mir diese Kleingartenanlage an und rede noch mit zehn Säufern im Rentenalter.“

„Tolles Programm.“

Im tief verfrorenen Kohlgrub standen bei diesem Dauerfrost die meisten Lauben leer. Nur zwei Männer kamen Tine auf dem Hauptweg entgegen, weil sie die abgestellten Wasserstellen kontrollieren wollten. Einen Max Berruth kannten sie nicht. Tine machte kehrt und ging zum Bahnhof zurück. Otto Dick erklärte ihr, wie sie am besten zum Seniorenheim Acanthus kam. Sie verstand sofort, warum noch halbwegs gesunde Menschen ihre Abende lieber in einer öden Bahnhofskneipe verbrachten als in diesem Mausoleum, wo an der Heizung gespart wurde. Aber der 30. Dezember lag für die meisten Senioren schon so weit zurück, dass sie sich an nichts mehr erinnerten.

Max Berruth - wer sollte das sein? - eine hübsche Frau am Tresen? Wirklich? Hatten sie da was versäumt?

Tine war schon auf dem Rückweg, als ihr Handy bimmelte. Rita jubelte: „Ich hab sie.“

„Wen hast du?“

„Die Frau, die am 30. abends neben Max am Tresen gesessen hat.“

„Toll. Und wer ist sie?“

„Kannst du bei mir vorbeikommen? Ich muss dir dazu was zeigen.“

„In einer Dreiviertelstunde?“

„Okay, ich warte.“

Rita Funke hatte fast den ganzen Tag damit verbracht, alte Bücher, Kataloge, Prospekte und Programme durchzublättern - „es hat mir einfach keine Ruhe gelassen. Das ist sie.“

Tine nickte. Eine wirklich beeindruckende Frau, auffällig hübsch und apart. Leider stand kein Name darunter, sondern nur der Name des Künstlers: Lothar Scharff (20..) Porträt einer Frau.

„Was ist das für ein Buch?“

Herausgegeben zum 40. Geburtstag des Tellheimer Kulturforums.

„Leihst du mir das Buch für eine Woche?“

„Aber gerne.“

Tine wusste, wo das Kulturforum untergebracht war, und hatte Glück, im Büro eine Sekretärin anzutreffen, die alle Mitglieder kannte.

„Nein, tut mir leid, wer die Frau ist, weiß ich nicht. Aber den Maler kann ich Ihnen nennen. Lothar Scharff.“

„Ist er Mitglied des Forums?“

„Nicht mehr. Er ist ausgetreten - aber ich weiß, wo er wohnt und arbeitet. Eldermannshof in Brekum.“ Bei Tine klingelte etwas, aber sie kam im Moment nicht darauf, bis sie vor dem Fachwerk-Rotklinkerbau ausstieg.

Die Frau, die an die Haustür kam, hatte es eilig: „Tut mir leid, ich muss zu meiner Schwester. Nein, Lothar ist unterwegs, vor Mitternacht wird der kaum heimkommen.“

„Ich habe auch nur eine Frage. Wer ist diese Frau, die er gemalt hat?“

„Zeigen Sie mal. Ach, das ist Ann-Katrin Steinberg. Nein, das Bild ist vor ihrer Hochzeit gemalt, wie sie heute heißt, weiß ich nicht. Jetzt muss ich aber los.“ Sie schwang sich wir eine Rennfahrerin auf ein Fahrrad und sauste davon. Tine sah ihr voller Bewunderung nach und gondelte dann langsamer ins Präsidium zurück.

Grem war begeistert, als sie berichtet hatte. „Das ist ja toll, Tine.“

Die Begeisterung legte sich, als er den Computer befragt hatte. Eine Ann-Katrin Steinberg war nicht verzeichnet, dafür zweimal der Name Steinberg. Beide Male erkundigte sich Tine sehr höflich, ob sie eine Tochter namens Ann-Katrin hätten. Bei der ersten Nummer zog sie eine Niete, beim zweiten Versuch meinte ein etwas mürrischer Mann: „Sie ist nicht da.“

„Wissen Sie, wo ich Ann-Katrin jetzt erreichen kann? Es ist wirklich wichtig.“

„Rufen Sie doch Katrins Mann an, wenn es eilig ist.“

„Wenn Sie mir seinen Namen verraten ...“

„Toller, Gustavo Toller.“

Der völlig fassungslose Gustavo brach am Telefon in Tränen aus. „Ann-Katrin? Was wollen Sie? Meine Frau ist gestern ermordet worden.“

„Ermordet?“ Jetzt war Tine fassungslos und Grem, der zuhörte, begann zu lächeln. Mord - das hieß: Land in Sicht. Dafür war er nicht zuständig.

„Die Polizei war schon gestern hier.“

„Vielen Dank, dann werde ich mich dort erkundigen. Und mein herzliches Beileid, Herr Toller.“

„Danke.“

„Angeblich umgebracht. Und die Kollegen sollen schon gestern dort gewesen sein.“

Grem telefonierte bereits. „Lene? Grem hier. Habt ihr gestern in Brekum eine Leiche gehabt? Ann-Katrin Toller? - Na prima. Dann kommen Tine und ich mal rüber. Nein, das ist zu lang für's Telefon.“

Die drei Mordschwestern - Lene Schelm, Jule Springer und Sigrid Bauer erwarteten die Kollegen Grembowski und Dellbusch schon gespannt. Die berichteten in der gebotenen Ausführlichkeit von Max und Pia Berruth, geborene Zillig (Lene schnitt eine Grimasse), über den Prellbock und Rita Funke, das Kulturforum, Lothar Scharff und den Ellermannshof. Jule Springer revanchierte sich mit einer nackten Frauenleiche, zwei Mördern und einem Ehemann, der als Alibizeugen ausgerechnet einen Steuerfahnder aufzubieten hatte. Lene hatte aufmerksam, aber stumm zugehört und fragte zum Schluss: „Glauben Sie, Sie könnten diese Rita Funke bewegen, noch heute in die Gerichtsmedizin zu kommen, um die Tote als die Biertrinkerin aus dem Prellbock zu identifizieren?“

„Ich kann's versuchen. Aber ich fürchte, wir werden sie holen müssen, meines Wissens hat sie kein Auto.“

„Daran soll es nicht scheitern.“

Rita Funke jubelte nicht gerade vor Begeisterung, aber sie hatte sich genug Tatorte im Fernsehen angeschaut, um auf eine reale Gerichtsmedizin neugierig zu sein. „Sie ist doch noch nicht aufgeschnitten?“

„Nein, keine Angst.“

„Okay. Dann komme ich.“

„Wir schicken dir eine Streife.“

Lene und Grem hatten mit Unbehagen gehört, dass Tine die Zeugin duzte. Aber daran ließ sich nun nichts mehr ändern. In den kühlen, gekachelten Räumen, in denen es durchdringend nach Formaldehyd roch, wurde Rita Funke sehr still und schien erst aufzutauen, als das „Blonde Gift“ hereinkam und den Duft eines teuren Parfüms verbreitete. Rita brauchte nicht lange: „Ja, das ist sie. Meine Hexe aus dem Prellbock.“

„Und Sie haben diese Frau am 30. Dezember zum ersten Mal gesehen?“

„Persönlich ja . Früher schon mal auf einem Ölbild in einer Kulturforum-Ausstellung. Da habe ich an der Garderobe ausgeholfen und mir natürlich die Bilder angesehen.“

Das Protokoll war schnell geschrieben, und weil Rita sie darum bat, versprach Tine, mit ihr noch einen Wein zu trinken: „Weißt du, das war der erste tote Mensch, den ich je gesehen habe.“

„Abgesehen von den Bierleichen.“

„Davon gibt es im Prellbock nicht so viele. Kurz vor dem Umfallen schmeißt Otto sie hochkant raus.“

„Rabiate Sitten.“

„Kommt darauf an. Ich hab' nichts dagegen, seit mich mal ein Schwerbetrunkener verprügelt hat, nur weil ich ihm gesagt habe, er hätte eigentlich genug getankt.“

Während die beiden Frau zur Spätlese unterwegs waren, versuchte Lene Schelm den Kollegen Grem zu überreden. Aber der hatte bei dem Wort „Zusammenarbeit“ nur den Wortteil „Arbeit“ verstanden und zog nun die große Grem-Schau ab: Sein Schreibtisch quoll über, noch zwei Zeugenaussagen in dieser Woche, nein, bei aller Hilfsbereitschaft, das ginge nun gar nicht. Lene hatte nichts anderes erwartet, aber Jule Springer und Sigrid Bauer einmal eine Kostprobe der Gremschen Drückebergerei vorführen wollen. Dem kam eine Idee: „Lene, was hältst du davon, wenn ich euch Tine Dellbusch zur Verfügung stelle? Sie ist eine sehr kluge Kollegin, hat auch schon eine Menge Erfahrung und kann ruhig mal in ein anderes Referat hineinriechen.“

Lene sah ihn groß an.

„Schau mal, sie hat die Identität dieser „Hexe“ in weniger als 24 Stunden herausgefunden. Das ist doch was, oder?“

„Weiß sie schon von ihrem Glück?“ fragte Sigrid Bauer skeptisch.

„Nein“, musste Grem zugeben und spürte drei anklagende Augenpaare auf sich gerichtet.

Die Spätlese war erstaunlich leer. Man schonte wohl seine Leber für das neue Jahr. Tine hatte für sich den Rivaner entdeckt und überredete Rita zu einem Schoppen. Sie verstanden sich so gut, dass zwischen ihnen nicht einmal eine Verlegenheitspause entstand. Rita hatte nach der Mittleren Reife eine Lehre als kaufmännische Angestellte durchgemacht und auf dem zweiten Bildungsweg das Abi nachgeholt. Jetzt studierte sie BWL - „Das ist auf jeden Fall was Sicheres“ - und musste sich das Geld durch Jobben verdienen.

„Und was willst du später machen?“

„Keine Ahnung.“

„Hast du mal an den Polizeidienst gedacht?“

„Nein, bisher nicht.“

„Bist du körperlich gesund?“

„Ich denke schon.“

„Dann überleg' dir das mal.“

„Jeden Tag da in der Gerichtsmedizin herumwuseln und Leichen bestaunen?“

„Ach was. Ich kenne viele Kollegen, die noch nie da gewesen sind. Allerdings auch einige, die scheußlich zugerichtete Körper nach Verkehrsunfällen erlebt haben. Aber das müssen Sanitäter und Rettungsassistenten und Ärzte auch.“

Rita bestellte sich noch einen Schoppen, „Nein, mein Traum wäre, nach dem Studium in der Verwaltung eines Museums unterzukommen. Da fällt mir übrigens was ein. Diese tolle Blondine, die da zu uns gekommen ist, die kannte ich.“

„Professor Nadine Golowski? Woher?

„Nicht persönlich. Von einem Bild. Als das Kulturforum seine Jubiläumsausstellung machte, war ich als Garderobenaushilfe eingestellt. Ihr Bild hing neben dem der Hexe.“

„Ach nee. Auch von Scharff gemalt?“

„Das weiß ich nicht.“

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Zehntes Kapitel

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Nadine Golowski hatte als erstes die Leiche der Ann-Katrin Toller obduziert und das Ergebnis gleich telefonisch an Lene Schelm weitergegeben, die alle Möglichkeiten ins Gespräch brachte, aber Nadines Urteil nicht erschüttern konnte: „Sie war tot, und zwar erstickt, als die beiden Kugeln sie trafen. Die Fasern aus der Lunge werden noch mit den Fasern des Kissenbezugs verglichen, das neben der Leiche lag.“

Lene seufzte tief: „Wer erschießt schon eine Leiche?“

„Wer zum Beispiel nicht weiß, dass die Person bereits tot ist. Lene, einen Menschen zu ersticken, dauert eine gewisse Zeit. Und ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass sie mit dem Täter vorher ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte ... nein, die DNA des Samenspenders haben wir nicht gespeichert ... Wiesbaden hat noch nicht geantwortet.“

Lene legte bekümmert auf. So sehr Nadine sie enttäuscht hatte, so aufgeregt stimmte sie der nächste Anruf. Der kam von Seidel, dem Leiter er KTU: „Also, die beiden Kugeln, die die - hm - nackte Frau auf der Couch getroffen haben, stammen aus einer 7,65er Beretta. Aus derselben Waffe stammt auch die Kugel, die im Türrahmen steckte. Und das Schönste um Schluss: Ihr habt euch doch am 1.Januar in der Uniklinik die Leiche eines Mannes angeschaut, der zu spät den Notarzt geholt hat. Die Kugel aus der Schulter dieses Mannes stammt auch aus unserer Beretta.“

„Seidel, du spinnst.“

„Nicht, wenn ich mit dir telefoniere, Lene. Höchstens, weil ich das tue. Bericht ist schon im System.“

Susanne Krüger hatte zwei unerfreuliche Tage hinter sich. Max behandelte sie wie eine Gefangene oder Geisel. Und erst gestern Abend, als sie schon im Bett lag, kam ihr die Idee, sie könne für ihn auch eine Geisel sein, nämlich die Frau, die Ann-Katrin Toller ermordet hatte, obwohl er doch vor Susi im Haus Toller gewesen war und mit Ann-Katrin gebumst hatte. Und wenn es nun dabei oder hinterher zum Krach gekommen war? Und sie dummes Schaf hatte Max selbst angeboten, den wichtigsten Beweis dafür, die Aufzeichnung der Kamera, zu holen und verschwinden zu lassen.

Beim Frühstück knurrte Max sie wie schon die ganze Zeit nur an. Susi wagte nicht aufzumucken, weil ihr aufgegangen war, dass „das Weichei“ Max unter Umständen viel zielstrebiger und egoistischer vorging, als sie ihm bislang unterstellt hatte.

„Du hast gesagt, du würdest in Stübern eine kleine Firma kennen, die Kopien der CDs und DVDs herstellt.“

„Ja.“

„Können wir da heute mal hinfahren?“

„Sicher. Aber wie ist das mit Geld? Ich habe nicht so viel bei mir, und mit Kreditkarte sollten wir besser nicht bezahlen.“

„Scheiße, ja. Du hast Recht. Dann lass uns mal zusammenwerfen.“

Knapp hundert Euro kamen zusammen. Das dürfte kaum reichen - wenn sie etwas eingekauft und getankt hatten. Er hatte keine Karte dabei, sie schon, aber sie fehlte heute den zweiten Tag unentschuldigt in der Firma und was, wenn Gustavo Toller sie bei der Polizei als vermisst meldete? Susi hatte keine Ahnung, wie gut oder wie schnell die Kommunikation innerhalb der Polizei funktionierte, und als sie Max ihre Befürchtung erklärte, biss der sofort an. „Und wenn du deinen Gusto anrufst und ihn bittest, ein paar Tage stillzuhalten?“

„Dazu brauchte ich mein Handy.“

„Vielleicht finden wir in Stübern eine Telefonzelle. Oder du kannst den Firmenmenschen überreden, einmal sein Netztelefon zu benutzen.“

Die Sorgen hatten sie sich zu früh gemacht. Gustavo Toller hatte zwar mehrfach versucht, Susanne telefonisch zu erreichen, war aber nicht zur Polizei gegangen, als sie heute den zweiten Tag ohne ein Lebenszeichen in der Firma fehlte. Pia Berruth hatte nicht gewagt, Maxens Chef das Märchen von dem Ehemann mit einem gebrochenen Bein in der Klinik aufzutischen, sondern hatte eine schweren Erkältung und leichtes Fieber erfunden, was er sich am Silvesterabend eingefangen habe: Zuviel Bowle vor Mitternacht, zu dünn angezogen beim Knallen vor dem Haus. Gustavo hatte es geschluckt und gute Besserung gewünscht.

Der Mann in Stübern fragte nicht, was er da kopieren sollte. Er wollte drei Euro pro Kopie haben, sie bestellten zwanzig Stück von drei DVDs und nahmen die restlichen Scheiben wieder mit. Sobald er das Geld eingestrichen hatte, wurde er hilfsbereit. „Kein Problem, natürlich können Sie mein Telefon benutzen - wenn Sie nicht gerade mit Hawaii telefonieren wollen.“

„Nein, nein, nur mit Tellheim.“

Gusto nahm direkt ab und stöhnte erleichtert, als sich Susi Krüger einstellte: „Wo steckst du denn?“

„Gusto, ich habe eine Riesen-Dummheit begangen und muss mich im Moment in deiner Hütte im Lantener Forst verstecken. Bitte, suche mich nicht, und erzähle in der Firma nicht, dass ich mich verstecke.“

„Was hast du denn angestellt?“

„Bitte, Gusto, nicht am Telefon, wer weiß, wer da mithört, du musst mir einfach vertrauen. Ach und noch eine Bitte. Kannst du zweihundert Euro in einen Briefumschlag stecken und mir an die Hütte schicken?“

Er drängelte noch etwas, aber Susi blieb hart: Keine Einzelheiten am Telefon, alles später. Gustavo fügte sich, wie immer, wenn er Widerspruch erfuhr - zum Bespiel von seiner Ann-Katrin - und Susi fragte sich zum ersten Mal, ob er wirklich der richtige Mann für ein ganzes Leben zu zweit war.

Tine Dellbusch kam sehr spät zum Dienst im R - 11.

„Ich habe Neuigkeiten“, verkündete sie eher bedrückt als stolz. „Der Mann, der Ann-Katrin Toller porträtiert hat, hat auch das 'Blonde Gift' gemalt. Das hat mir das Sekretariat des Kulturforums bestätigt. Beide Bilder sind in der Jubiläums-Ausstellung gezeigt worden.“

Lene schaute sie groß an. Zuerst hatten sie überhaupt keine Anhaltspunkte und dann zu viele.

„Danke, Tine, schreiben Sie bitte einen Bericht für die Akte?“

Bevor Lene versuchte, mit Nadine zu sprechen, rief sie die Telefonnummer der Frau an, die Ann-Katrin angeblich in Konstanz besuchen wollte. Charlotte Wünsche war alles andere als begeistert.

Besuch. Keine Rede davon. Und Freundin, erst recht nicht.“

„Aber Sie kennen Ann-Katrin Toller?“

„Doch, ja. Kenne ich.“

„Könnten Sie mir ein paar Fragen zu Ann-Katrin beantworten?“

„Könnte ich, aber nicht am Telefon. Jeder kann sich als Hauptkommissarin - wie war der Name noch? - Schelm vorstellen. Was halten Sie von einem Tagesausflug nach Konstanz? Mit Perso und Dienstausweis? Oder wenn es nicht so eilt - ich komme immer wieder mal nach Tellheim. Wenn Sie mir Ihre Diensttelefonnummer geben, rufe ich rechtzeitig an.“

Lene diktierte sie ihr und schmunzelte dabei. Charlotte Wünsche stellte sich nicht dumm an.

Doch aus dem Gespräch mit Nadine, dem Blonden Gift, wurde heute nichts. Lothar Scharff wartete auf das Mordtrio.

Den Eldermannshof hatten die neuen Eigentümer perfekt renoviert. Schlecht konnte es den beiden nicht gehen.

Lothar Scharff gefiel Lene überhaupt nicht. Ein sogenannter schöner Mann, ungeheuer von sich eingenommen, vielleicht tüchtig, aber kein angenehmer Partner. Neben ihm sah Carla Zillig sehr brav und bieder aus. Hilfsbereit waren allerdings beide. Als Lene ihm das Heft mit dem Bild der Hexe hinhielt, sagte er sofort: „Ann-Katrin Steinberg. Sie hat geheiratet, wie sie jetzt heißt, weiß ich nicht.“

„Hieß“, verbesserte Jule, die sich bei Scharffs prüfendem Blick unwohl fühlte.

„Was soll das heißen- hieß.“

„Sie ist ermordet worden.“

„Ermordet: wann, wo, von wem?“

„Den ersten und zweiten Teil Ihrer Frage können wir beantworten. In den späten Abendstunden des 30. oder den frühen Morgenstunden des 31. Dezember, im Hause Toller in Brekum-Lunden. Von wem und warum - das wissen wir noch nicht. Da hoffen wir auf Ihre Hilfe.“

„Meine Hilfe?“

„Sie haben Sie doch gemalt, deswegen haben Sie doch Stunden mit ihr verbracht. Wie war sie denn so, klug, intelligent, etwas dümmlich, geschwätzig oder stumm? Offenherzig oder verschwiegen?“

Tine wollte auch etwas sagen: „Ihr Mann ist da keine große Hilfe. Für ihn war sie ein reiner Engel.“

„Gustavo war schon immer ein blinder Vollidiot“, platzte Scharff heraus und merkte, als alle ihn musterten, dass er sich verplappert hatte und nun mit Einzelheiten herausrücken musste. „Sie hat ihn nach Strich und Faden betrogen.“

„Immer schon?“ wollte Lene wissen

„Das vielleicht nicht. Aber seit Jahren. Ann-Katrin war vom Ehemann, den ihre Eltern ausgesucht hatten, alles andere als begeistert.“

„Das hat sie Ihnen einfach so direkt gestanden?“ zweifelte Lene spöttisch.

„Nicht sofort. Aber wenn man über Monate immer wieder mal Stunden zusammensitzt, kommt man schon ins Reden. Und mir ist bei ihrem Herumschwafeln schnell die Idee gekommen, dass ihre Eltern für sie einen Ehemann gekauft haben, um sie loszuwerden.“

„Gekauft?“ brummte Sigrid Bauer. „Wie das?“

„Toller wollte sich selbständig machen mit diesem Medizingeräte-Laden. Aber ihm fehlte das nötige Kleingeld, und das hat ihm der alte Steinberg als Mitgift seiner Ann-Katrin versprochen.“

„So meinen Sie das“, versetzte Lene energisch. „Das klingt aber nicht so, als sei Toller ein gewiefter Geschäftsmann.“

„Ist er auch nicht“, versetzte Scharff kurz. „Ohne seine Mitarbeiterin Susanne Krüger wäre er völlig aufgeschmissen. Sie leitet den Laden eigentlich.“

„Erfolgreich?“

„Was man so hört - ja.“

„Herr Scharff, sind sie Ann-Katrin Steinberg oder Toller nach Abschluss des Malens noch mal begegnet?“

„Mehr als einmal. Tellheim schimpft sich zwar Großstadt, aber wie auf einem Dorf begegnet man bestimmten Leuten immer wieder, auf Partys, Feiern, in Konzerten oder bei Empfängen.“

„Oder im Kulturforum“, ergänzte Jule listig, doch Scharff schüttelte sofort den Kopf: „Da hat man mich wegen allgemeiner Unbeliebtheit und unerträglicher Arroganz rausgeschmissen.“

Lene wollte dieses Thema nicht weiterverfolgen: „Können Sie sich noch daran erinnern, wann Sie Ann-Katrin Toller zuletzt gesehen oder gesprochen haben?“

Scharff musste überlegen: „Das muss bei der Eröffnung der Gartenschau am Luisenpark gewesen sein.“

„Für so etwas interessierte sich Ann-Katrin also?“

„Um Himmels willen, nein, sie konnte wahrscheinlich eine Rose nicht von einer Tulpe unterscheiden. Aber bei solchen Gelegenheiten wird man gesehen, und wenn auch die Presse anrückt, gibt es eine kleine Chance, dass man am nächsten Tag im Tageblatt erwähnt oder auf einem Foto gezeigt wird.“

„Sie war also eitel?“

„Sicher.“

Schon mit der Hand an der Türklinke sagte Lene wie beiläufig: „Wir kennen übrigens noch eine Frau, die Sie gemalt haben.“

„Ich weiß. Wie geht es dem Blonden Gift? Würden sie ihr bitte schöne Grüße ausrichten?“

„Arroganter Pinsel!“ bemerkte Tine auf der Rückfahrt. „Außerdem lügt er. Er ist aus dem Kulturforum rausgeflogen, weil er der Frau des wichtigsten Mäzens gesagt hat: Nein, ich porträtiere Sie nicht. Ich male nur interessante Frauen.“

„Was soll an einer Ann-Katrin Steinberg interessant sein“, murrte Jule.

Lene hatte von ihren „Kunden“ gelernt, dass es manchmal nötig war, sich drastisch auszudrücken, um verstanden zu werden: „Vielleicht das, was sie zwischen den Beinen hat?“

Jule Springer und Sigrid Bauer sagten nichts, die Chefin ließ manchmal solche Schoten los, aber Tine gickste erschrocken.

Im Präsidium teilte Lene die Arbeit für den nächsten Tag ein: „Tine, Sie versuchen von Carla Zillig zu erfahren, was sie von den Frauen hält, die ihr Mann porträtiert. Und, wo beide am 30. Dezember abends waren. Sigrid, du knöpfst dir diese Susanne Krüger vor. Alles über Toller, sein Geschäft und seine Ehe. Jule, du lässt dir von Nadine erzählen, was sie über Scharff weiß.“

„Und was machst du“, fauchte Jule los.

Lene grinste. „Ich mache einen Tagesausflug nach Konstanz, so lange die Straßen noch schneefrei sind.“

Charlotte Wünsche würde auf Lene warten.

Max und Susanne langweilten sich, bis sie aus einem alten Schrank einen verstaubten Kasten mit Brettspielen ausgegraben hatten. Von Mensch-ärgere-dich-nicht steigerten sie sich über Dame, Zwickmühle bis zu Halma. Max wäre fast in Tränen ausgebrochen, als Susi ganz harmlos bemerkte: „Etwas Üben kann dir nicht schaden. Dein Daniel ist doch schon so weit - oder?“

„Ja“, schluchzte er. „Kannst du dir vorstellen, dass ich richtig Sehnsucht nach ihm habe?“

„Ja, das kann ich“, sagte sie ruhig und rückte mit ihrem Stuhl um den Tisch herum an seine Seite. „Ich habe auch Sehnsucht.“

In dem Moment klopfte es an die Hüttentür und ein Mann rief etwas mit unterdrückter Stimme, was sie beide nicht verstanden.

„Wer kann das denn sein?“ fragte Max beunruhigt.

„Ich weiß es nicht“, sagte sie nervös. „Vielleicht der Mann vom Sicherheitsdienst. Weil hier so viel eingebrochen wird, haben die Hüttenbesitzer einen Sicherheitsdienst angeheuert. Lass mich mal gehen, ich darf die Hütte benutzen.“ Sie sprang auf und lief zum Eingang. Keine Minute später war sie zurück. „Wie ich mir gedacht habe, der Sicherheitsdienst.“

„Alles okay?“

„Ja, alles.“

„Sag' mal Susi, gibt es hier in der Bude wohl einen Schluck zu trinken?“

„Ich glaub' schon. Warte mal!“

Aus der Küche kehrte sie mit einer halbvollen Flasche Whisky zurück. Das war nicht gerade sein Leib- und Magengetränk und pur schon gar nicht. Soda gab es nicht, der Eiswürfelbehälter im Kühlschrank war leer, und sie füllte einen Krug mit kaltem Leitungswasser auf. Sie genehmigten sich einen stark verdünnten Whisky und tranken sich zu. Sie rückte ihren Stuhl noch etwas näher, schluckte mehrmals heftig und fragte endlich: „Darf ich dich mal was fragen, Max?“

„Aber sicher.“

„Du hast Ann-Katrin zufällig getroffen?“

Er erzählte ihr, was im Prellbock geschehen war. „Und dann hat sie mich draußen auf dem Parkplatz angesprochen und gefragt, wie sie ihre Unhöflichkeit wieder gut machen könnte.“

„Du kanntest sie da noch nicht?“

„Ja und Nein. Ich wusste nicht, wer sie war und wie sie hieß. Aber ich hatte sie einmal für Sekunden im Eldermannshof gesehen, als sie Lothar Scharff besuchte. Der lebt mit Carla Zillig zusammen, mit der Schwester meiner Frau.“

Sie nickte. „Alles klar, und warum bist du zu Ann-Katrin ins Auto gestiegen?“

Einen Moment zögerte er - was sollte diese Ausfragerei? Dann sagte er offen: „So, wie sich benahm, dachte ich, daraus könnte ein nettes Abenteuer werden.“

„Denken alle Männer so?“

„Viele.“

Sie knurrte und trank noch einen Schluck. „Da ist Gustavo hoffentlich anders.“

„Das weiß man vorher leider nie.“

„Meinst du?“

„Du hast doch auch mit Gustavo geschlafen, obwohl er verheiratet ist. Hast du den ersten Schritt getan, oder er?“

Die Frage gefiel ihr gar nicht. Nach einer Weile trank sie aus und stand auf. „Ich bin müde. Ich geh' schlafen.“

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Elftes Kapitel

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Lene fuhr nicht gern längere Strecken mit dem Auto. Da leistete sie sich lieber eine Fahrkarte für die Bahn, für die sie jedes Jahr eine Bahncard 50 (Erster Klasse) berappte. Sie fuhr gerne Zug, und schlief fast immer tief ein. Es war ihr auch schon passiert, dass sie vor dem Umsteigebahnhof nicht wach geworden war, und von Tellheim nach Konstanz musste sie umsteigen. Dann doch ausnahmsweise Auto, und Tellheim - Konstanz und zurück war eine Strecke, die sie an einem Tag schaffte. Freund Jochen hatte ihr einmal vorgehalten: „Im Grunde deines Herzens bist du faul.“

„Nein, bequem.“

„Wo liegt da der Unterschied?“

„Der faule Mensch vergeudet seine Zeit, der bequeme überlegt, wie kann ich die Arbeit besser organisieren oder auf Maschinen abwälzen, damit ich schnell wieder meine Ruhe habe. Bequeme Menschen haben den Fortschritt gebracht, von dem heute leider auch die Faulen profitieren.“

Jochen Pauly wusste, ab wann es sinnlos war, mit Marlene Schelm noch weiter zu diskutieren.

Charlotte Wünsche besaß ein kleines Haus auf einem Grundstück nahe am Seeufer.

„Frau Schelm?“

„Ja, guten Morgen, Frau Wünsche.“

„Kommen Sie herein, wie war die Fahrt?“

„Erträglich, bis auf die anderen Autofahrer.“

„Sie müssen mal am Wochenende kommen, wenn schönes Wetter angesagt ist. Kein Zweifel, die Spezies Mensch ist aus dem Wasser an Land gestiegen, das steckt immer noch in den Genen.“

In der Unterhaltung kam Charlotte Wünsche, eine flotte Mittdreißigerin, schnell zur Sache. Sie hatte Ann-Katrin Steinberg bei einem Skikurs im Schwarzwald kennengelernt. „So ganz meine Kragenweite war sie nicht, aber es gab nicht viel Auswahl. Lieber Aprèski als Ski. Ich habe sie dann mal in Tellheim besucht, als ich dort zu tun hatte, und sie wollte mich gleich zu einer Party einladen. Vielleicht hätte ich zugesagt, wenn ihre erste Frage nicht gewesen wäre: 'Bist du prüde?'

'Nein, warum?'

'Meine Parties sind etwas wild.'

Damit ich mir darunter etwas vorstellen konnte, hat sie mir eine Aufzeichnung ihrer letzten Party vorgespielt. Frau Schelm, ich bin wirklich nicht prüde, aber das war eine einzige Schweinerei mit wildfremden Männern und Frauen. Ich bin sofort gegangen, es war das erste und letzte Mal, dass ich Ann-Katrins Haus betreten habe. Seitdem gibt es keinerlei Kontakt mit Ann-Katrin Steinberg.“

Sie hieß später Ann-Katrin Toller.“

„Was bedeutet - sie hieß?“

„Sie ist in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember ermordet worden und hatte ihrem Mann erzählt, sie würde zu Ihnen nach Konstanz fahren.“

„Kein Gedanke daran. Sie hat dieses Haus nie betreten.“

„Der Mord an Ann-Katrin scheint Sie nicht sehr zu erstaunen?“

„Nein, ganz und gar nicht. Als sie mir diese Aufzeichnung vorführte, habe ich sofort an Erpressung gedacht.“

„Wer sollte erpresst werden? Der Ehemann oder die Ehefrau?“

„Unter Umständen beide. Frau Schelm, ich bin Steuerberaterin. Wenn mich einige männliche Kunden so gesehen hätten, wäre ich den Auftrag los.“

„Von den Ehefrauen ihrer Kunden ganz zu schweigen.“

„Sie sagen es. Auch mein Freund dürfte sofort seine Sachen packen, wenn ich ihn als Gast einer solchen Party erkennen würde.“

„Ann-Katrin war doch verheiratet. Was hat denn ihr Mann dazu gesagt?“

„Ihren Mann hat sie verachtet. Der sei ein impotentes Weichei und habe sich im Büro getröstet, mit einem ausgekochten Luder.“

„Kennen Sie dessen Namen?“

„Wieso dessen - deren Namen, Frau Schelm. Er hatte wohl ein Verhältnis mit einer Mitarbeiterin angefangen.“

„Was Ann-Katrin nicht gestört hat?“

„Ich vermute - nein. So hatte jeder Partner freie Fahrt.“

„Sie haben eben gesagt, Sie vermuteten Erpressung hinter diesen Aufzeichnungen. Sie oder er oder beide zusammen?“

„Keine Ahnung.“

„Auch keine Vermutung?“

„Nein. Absolut nicht.“

Damit waren eigentlich alle Fragen gestellt. Lene bedankte sich und ging.

Bevor sie losfuhr, telefonierte sie mit Sigrid Bauer. „Meine Zeugin hat eben ausgesagt, Toller habe im Büro ein Verhältnis angefangen, und Scharff hat betont, ohne Suanne Krüger wäre Toller völlig aufgeschmissen.“

„Ich weiß. Susanne Krüger hat sich in der Firma krank gemeldet. Ich war schon bei ihr zu Hause, aber da meldet sich niemand. Und eine Nachbarin meinte sogar, Susi sei schon seit Silvester verschwunden.“

„Das ist ja ein Ding. Sigrid, hat diese Krüger ein Auto? Wo ist das? Marke. Farbe, Kennzeichen.“

„Anfrage läuft schon, Chefin.

„Prima. Ich lass' mir Zeit, bin schon auf dem Rückweg.“

Tine Dellbusch war kurz nach elf Uhr im Eldermannshof. Carla Zillig wunderte sich, als Tine sich nach den Frauen erkundigte, die ihr Freund Lothar porträtiert hatte. „Warum denn das, Frau Dellbusch?“

„Weil die Kripo an Silvester die Leiche einer Frau gefunden hat, die offenbar auch von ihrem Freund gemalt worden ist. Ann-Katrin Steinberg.“

„Steinberg ...Steinberg ....“

„Sie ist jetzt oder genauer: Sie war verheiratet und hieß Toller.“

Tine drückte sich die Daumen, dass Rita Funke am 30. Dezember im Prellbock nicht etwas überinterpretiert hatte: „Die Toller oder Steinberg war also gelegentlich im Eldermannshof?“

„Ja.“

Tine holte tief Luft: „Frau Zillig, ist es möglich, dass Max Berruth die Steinberg oder Toller hier gesehen hat?“

Carla überlegte lange, was Tine nicht sehr gefiel. Dachte sie nach oder legte sie sich eine Ausrede zurecht? Doch Carla lächelte plötzlich: „Ja, mindestens einmal sind sich die beiden bei uns über den Weg gelaufen.“

Tine atmete tief durch. Das war knapp gewesen, ein einzelner Seidenfaden - Ritas Bemerkung, Max sei auf die Schöne am Tresen direkt zugegangen - führte über diese Schlucht. Grem, der Grobe, pflegte zu predigen: „Man kann nicht genau genug zuhören, Mädchen, und der Täter stolpert nicht über Feldbrocken, sondern über Maulwurfshügel.“

„Ist Ann-Katrin oft hier gewesen?“

„Es geht. Fünfzehn oder zwanzig Sitzungen hat Lothar gebraucht. Etwas mehr als bei anderen.“

„Das heißt, Sie lernen eigentlich alle Personen kennen, die sich von ihrem Freund malen lassen?“

„Aber sicher.“

„Frau Zillig, kommt es vor, dass sich aus solchen Sitzungen zwischen ihnen und dem - hm - Modell so etwas wie eine persönliche Freundschaft entwickelt?“

„Selten. Wissen Sie, Lothar ist kein besserer Fotograf. Er legt in das Bild auch etwas von seiner persönlichen Beurteilung hinein. Und die gefällt nicht immer. Weil wir über Ann-Katrin gesprochen haben - als ihr Bild fertig war und nur noch darauf wartete, gerahmt zu werden, kam der alte Steinbergvorbei, um sich das Porträt seiner Tochter anzuschauen. Er war gar nicht begeistert und hat Lothar angeschnauzt: 'Sie haben aus meiner Tochter eine Edelnutte gemacht.'

Ich überlegte noch, woher kennt Steinberg Edelnutten, aber Max war direkter: 'Das ist sie doch auch, Sie sind doch froh, Ann-Katrin aus dem Haus zu kriegen und haben für sie schließlich einen Ehemann gekauft.' Aus solchen Bemerkungen entstehen keine Freundschaften, Frau Dellbusch.“

Tine musste lachen.

„Ich kann Ihnen noch ein Beispiel dafür geben, dass Verstimmungen häufiger sind als Freundschaften. Lothar und ich haben am Abend des 30. einer Kundin das Kleid gebracht, das sie für ihre Silvesterparty bei mir bestellt hatte. Wollen Sie es mal sehen?“

Tine nickte und Carla holte eine Aufnahme auf das Display ihres Fotohandys.

„Eine sehr hübsche Kundin“, meinte Tine vorsichtig. „Aber vielleicht etwas wenig Stoff?“

„Das meinte der Ehemann auch und wollte den vereinbarten Preis nicht zahlen. Es wurde ein langer Streit, zum Schluss hat er gezahlt, aber seiner Frau verboten, bei mir noch einmal zu kaufen.“

Das verstand Tine angesichts dieses Kleides gut, hütete sich aber, so etwas laut zu sagen.

Jule ging nicht gerne in die Gerichtsmedizin, aber Nadine Golowski machte es ihr leicht: „Sie kommen bestimmt wegen Ann-Katrin Steinberg oder Toller?“

„Ja.“

„Ja, ich kenne oder kannte sie, wir sind uns mal bei dem Maler Scharff auf dem Eldermannshof begegnet. Aber ehrlich gesagt, mein Personengedächtnis ist nicht sehr gut und mein Interesse an Menschen, die noch auf zwei Füßen stehen und nicht bei mir auf dem Tisch liegen, sehr beschränkt. Erst als Lene mir den Namen sagte, ist sie mir wieder eingefallen.“

„Frau Professor, was ist eigentlich nymphoman?“

„Das dürfen Sie mich nicht fragen. Davon versteh' ich weniger als nichts. Sie wollen natürlich wissen, ob Ann-Katrin Toller nymphoman war.“

Jule nickte.

„Das müssen Sie die Eltern fragen. Oder auch den Ehemann.“

Jule ging sehr erleichtert. Sie kannte das enge Verhältnis Nadine Golowski - Lene Schelm, und war froh, dass sie dienstlich kein Porzellan zerschlagen hatte.

Sigrid Bauer sauste bis zum frühen Abend wie ein Weberschiffchen zwischen der Firma Medizintechnik Gustavo Toller und Susanne Krügers Wohnung in der Köhlergasse 24 hin und her. Dann stand fest, dass Susi Krüger nicht krank im Bett lag, sondern verschwunden war. Toller wusste von nichts, und dass er einen Kurier mit Bargeld an seine Jagdhütte im Lantener Forst losgeschickt hatte, verschwieg er Sigrid Bauer, die sich mit scharfem Blick die redefreudigste Kollegin ausgeguckt und zum Kaffee eingeladen hatte. Von Kaffee und Kuchen ging es nahtlos mit Cognac weiter, bei dem sich Sigrid wohlweislich zurückhielt, Helga Müller aber kräftig schluckte. Sicher, es war ein Trauerspiel, diese Ehe des Chefs, aber er hatte ja Ersatz gefunden.

„Ersatz?“

„Na klar. Susi Krüger. Die beiden taten zwar immer ganz harmlos, glaubten wahrscheinlich auch, in der Firma habe noch keiner was bemerkt, aber die meisten Kollegen wussten längst Bescheid. Wenn Sie mich fragen, das war was Ernsteres zwischen den beiden.“

Sigrid fuhr die schwer angetrunkene Helga Müller nach Hause und verfasste im Präsidium einen Bericht, während sie darauf wartete, dass die Chefin und die Kolleginnen zum „Abendgebet“ eintrafen.

Der Zufall wollte, dass der Kurierfahrer nur Susanne Krüger, die er persönlich kannte, in der Hütte antraf. Die unterschriebene Empfangsquittung warf er in den Bürobriefkasten der Firma Medizintechnik Gustavo Toller.

Susanne Krüger hatte den Briefumschlag geöffnet, das Geld herausgenommen und danach versucht, sich die Autoschlüssel

zu besorgen, wobei Max sie erwischte und verprügelte. Um seinen Schlägen zu entgehen, presste sie sich fest an ihn, und er spürte zu seinem Erstaunen eine Erektion. Er ließ sie los und befahl: „Zieh dich aus!“ Ängstlich gehorchte sie, er zerrte sie in das Schlafzimmer und schlief mit ihr, wobei sie einen Höhepunkt erreichte, wie sie ihn lange nicht mehr erlebt hatte. Hinterher lagen sie schwer atmend nebeneinander und befingerten sich, bis sie wider Willen sagte: „Es war wunderschön.“ War es das, was sie in den letzten Monaten an ihrem Gusto vermisst hatte? Dass jemand sie wirklich wollte? Sie grübelte noch Stunden und wurde sich ihrer Gefühle nicht klar. Den Gedanken, der Schmerz der Schläge zuvor habe das bewirkt, verbot sie sich. War es das, was Ann-Katrin ebenfalls vermisst und gesucht hatte? Susi konnte mit dem Ausdruck „nymphoman“, den Gusto verwendet hatte, nichts anfangen.

Maxens Gedanken waren ganz andere Wege gegangen.

„Wir können nicht mehr zurück“, sagte er plötzlich. „Diese Kopien sind unsere letzte Hoffnung.“

„Nicht mehr zurück?“ fragte sie entsetzt.

„Hast du vergessen, dass du Ann-Katrin erschossen hast?“

Für Minuten hatte sie es vergessen und von einer neuen, anderen Zukunft geträumt.

Als die Mannschaft wieder komplett in den Räumen des R - 11 versammelt war, stellten alle fest, dass ihre Mägen erbärmlich knurrten, und Lene lud die vier Kolleginnen zu Marcello ein. Marcello hatte erst vor wenigen Wochen sein Ristorante an der Einmündung des Krötengraben in den Hexensumpf eröffnet und war bei den Polizisten, die es sich leisten konnten, sehr beliebt. Lene konnte es sich leisten, stellte allerdings Bedingungen. Während des Essens waren dienstliche Gespräche über laufende Ermittlungen verboten.

Tine Dellbusch fragte harmlos in die Runde: „Ist der Straßennamen Krötengraben vor oder nach dem Bau des Präsidiums entstanden?“

Sie konnte nicht wissen, dass sie damit eine Lawine lostrat. „Vorher“ natürlich, aber -zig Versuche, ihn später zu ändern, waren gescheitert, die Stadt stellte sich stur zur Empörung vieler älterer Kolleginnen und Kollegen. Der Verkehrsunfalldienst war in einen Neubau am Ring 2 umgezogen, die dort Beschäftigten hörten seitdem die Verwünschung „Euch Kröten sollte man alle überfahren“ sehr viel seltener.

Das Essen war hervorragend, ebenso der Rotwein, von dem Lene anschließend zwei Flaschen mit ins Präsidium nahm. Dass Tines Chefin auf Zeit gerne Rotwein trank, war allen schon aufgefallen und Sigrid Bauer hatte ihr verraten, dass Marlene Schelm einen ganzen Keller voll mit exzellenten Burgundern besaß.

So weit war Tine noch nicht, sie war erst durch einen Kurzzeitfreund aus der Spätlese vor kurzem ans Weintrinken gekommen und hatte sich an Rivaner gewöhnt, der auch ihrem Einkommen eher entsprach als edler Roter aus der Toskana oder Riesling Spätlesen aus dem Rheingau. Kollegin Sigrid verriet ihr auch, dass Chefin Lene von ihren Eltern gut geerbt hatte und sich leisten konnte, großzügig zu sein.

„Hat sie keinen Freund, ich meine, bei dem Aussehen und der Figur?“

„Doch, doch, hat sie. Aber der ist verheiratet und arbeitet in Berlin.“

Sobald alle ihre Stühle in Lenes Zimmer geholt und Gläser organisiert und für alle Fälle das Tonband angeschlossen und gestartet hatten, begann Lene das „Abendgebet“ mit einer Schilderung ihres Gespräches mit Charlotte Wünsche in Konstanz.

Jule warf ein: „Gottseidank haben wir jetzt einen Zeugen, dass es diese Aufzeichnungen tatsächlich gibt.“

„Und ein zweites mögliches Motiv“, mahnte Tine. „Frage: nun auch noch Erpressung? Und wir haben keine Ahnung, wer die Erpressten sein könnten. Wenn ich gleich fortfahren kann: Max Berruth kann das Opfer durchaus bei Carla Zillig und Lothar Scharff auf dem Eldermannshof kennengelernt haben.“

Sigrid Bauer war an der Reihe: „Vielleicht war auch Gustavo seine Ehefrau endlich leid, zumal er sich schon was anderes für's Gemüt und Bett zugelegt hat. Und diese Susanne Krüger aus seiner Firma ist auch vermisst. Fahndung nach ihr und ihrem Auto läuft.“

„Prima. Und du, Jule?“

„Das blonde Gift hat Ann-Katrin nach einer Sitzung auf dem Eldermannshof getroffen, aber erst wiedererkannt, als du ihr den Namen der Toten genannt hattest.“

„Sag mal, Sigrid, hast du was über diese Susanne Krüger erfahren? Hat sie sich ernsthaft Hoffnungen auf Toller gemacht?“

Tine hatte auch noch eine Frage auf dem Herzen: „Wenn Max für längere Zeit verschwunden bleibt, wovon leben dann Pia und ihre Kinder?“

An dieser Stelle machte die Runde Schluss und verzog sich nach Hause.

Lene blieb noch, schüttete sich den Rest der zweiten Flasche ein und begann zu grübeln. Ließen sich zwei Motivstränge kombinieren? Wut mit Erpressung? Was war passiert, als Ann-Katrins Beischläfer die Kamera neben der Lampe entdeckt hatte? Mal unterstellt, der Beischläfer war Max Berruth, dann dürfte der wenig Interesse daran gehabt haben, dass seine schwangere Frau von dem Seitensprung erfuhr. Und was, wenn es ganz anders gewesen war? Seit eben wusste sie, dass Toller eine Freundin im Büro hatte, und die war verschwunden, wie ihr Auto. Verschwunden - oder versteckte sie sich? Susanne Krüger - auch ein Zusammenhang mit dem Mordfall Toller?

Lene stieß fast ihr Glas um, als sie sich nach vorne beugte und nach ihrem Block angelte. Susanne Krüger und Gustavo Toller? Wenn sie auch in der Firma Medizintechnik arbeitet, durfte man vermuten, dass sie Max Berruth kannte. Und wenn nun - fantasieren war ja wohl noch erlaubt - Susanne Krüger mit Berruth im Hause Toller zusammengetroffen war? Lene malte neue Kringel, Verbindungslinien und Fragezeichen auf ihren Arbeitsblock, bis Glas und Flasche keinen Tropfen mehr hergaben. Dann organisierte sie eine Heimfahrt ohne Gefahr, den Führerschein zu verlieren.

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Zwölftes Kapitel

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Am nächsten Morgen schaute sich Lene nach dem zweiten Becher Kaffee einmal gründlich an, was sie gestern auf ihrem Arbeitsblock notiert hatte. Es sah ziemlich wild aus, viel Fantasie, viel Rotwein, mehr, als Freund Jochen wohl gutgeheißen hätte. Zwei noch halbwegs lesbare Fragen schienen es wert, überprüft zu werden: 1. Wovon würden Pia und die Kinder leben, wenn ...? 2. Wo hatte Berruth eigentlich vor seiner Heirat gesteckt?

Jule Springer war schon im Büro und konnte zweimal rasch Auskunft geben. Nein, über Max Berruth hatten sie nichts im Computer und das Ehepaar wohnte in der Lilienstraß 35.

Seit einigen Wochen konnte Lene ihr eingebautes Navi bedienen und landete tatsächlich vor dem Haus Lilienstraße 35.

Pia Berruth machte ein besorgtes Gesicht, als Lene ihr den Dienstausweis hinhielt: „Ist was mit Max?“

Lene musste lügen: „Nein, gefunden haben wir ihn noch nicht, und wir suchen unverdrossen. Dazu habe ich noch ein paar Fragen. Darf ich reinkommen?“

Bei einer dritten sehr nötigen Tasse Kaffee ging Lene direkt auf ihr Ziel zu. „Frau Berruth, was hat Ihr Mann eigentlich gemacht, bevor er zu Medizintechnik Gustavo Toller ging?“

Da hat er bei Tollers Konkurrenz Medicaprom auch als Wartungstechniker gearbeitet, bis Mellenberg pleite ging.“

„Und von da direkt zu Toller?“

„Nein. Toller war noch im Aufbau und hatte nicht direkt einen Job für Max.“

„Dann war Ihr Mann eine Zeit arbeitslos?“

„Ja.“

„Hat er mal erzählt, ob er sich in der Zeit Geld geliehen oder versucht hat, mit Spielen was dazuzuverdienen?“

„Nein. Er hatte ja Zeit und wurde auf dem Ellermannshof verpflegt.“

„Verpflegt?“

„Ja. Er wohnte in dem alten Backhaus des Gutes und half Carla und Lothar beim Umbau. Sozusagen gegen freie Kost und Station. Das ALG konnte er sparen. Aber warum fragen Sie das alles?“

„Wir haben einen Tipp bekommen, dass eine schräge Type, die illegal Geld verleiht, von Max noch eine große Summe kassieren will.“

„Na, viel Spaß. Bei uns ist nichts zu holen. Die Kinder und ich leben im Moment vom Geld meiner Eltern, und die zahlen auch die Prämien für Maxens Lebensversicherung.“ Pia schluckte Tränen herunter: „Aber ich möchte lieber meinen Mann zurück als das Versicherungsgeld.“

„Wir bemühen uns wirklich“, sagte Lene, die einen Augenblick ein schlechtes Gewissen verspürte. Die für sie wichtigsten Informationen hatte sie zum Schluss eher beiläufig bekommen.

Als sie aus der Lilienstraße zum Ellermannshof losfuhr, waren am Himmel dichte Schneewolken aufgezogen, und Lene nahm sich wieder einmal fest vor, die Winterräder montieren zu lassen und Schneeketten zu kaufen. Aber Lene und die guten Vorsätze waren schon immer ein traurigen Kapitel gewesen.

Max und Susi fuhren am nächsten Vormittag nach Stübern. Die Kopien waren fertig, sie besorgten noch CD-Etuis, Luftpolsterversandtaschen und Briefmarken. In der Hütte schauten sie sich auf dem mitgebrachten Abspielgerät einige DVDs an und ließen sich auch „antörnen“. Als sie sich wieder anzogen, war es draußen fast dunkel geworden und die ersten Schneeflocken fielen. In diesem und dem vorigen Jahr war alles durcheinander geraten, ein kalter, feuchter Sommer, zu Anfang ein traumhaft schöner Oktober und dann, Mitte Oktober, der erste Schnee, der nicht liegenblieb, weil der Boden noch nicht gefroren war. Doch seit Weihnachten herrschte Dauerfrost, die Heiligen drei Könige würden sehr kalte Füße bekommen, und für Max und Susi hieß das: Sie würden mit ihrer Erpressungsaktion etwas warten müssen. Die Briefe in der Nähe der Hütte, in Lantern oder Wickenborn am See einzuwerfen, durften sie nicht riskieren. Susi hatte einige Teilnehmer wiedererkannt, von denen sie die Anschriften auswendig wusste. Die Begleitschreiben hatten sie von Hand verfassen müssen. „Zehntausend Euro, oder wir schicken eine zweite Kopie an die Presse. Für die Übergabe melden wir uns noch einmal.“

„Meinst du, das reicht?“ fragte Susanne besorgt.

„Je kürzer, desto besser“, antwortete er so grob, dass sie keine weiteren Fragen zu stellen wagte.

Es hatte kräftig zu schneien begonnen, und Susi hatte Angst, hier oben eingeschneit zu werden. Gusto hatte immer gewarnt, im Winter traue ich mich nur mit dem Geländewagen, der einen Vierradantrieb besaß und neben dem Ersatzreifen immer Schneeketten mitführte. Wie sollte sie mit Sommerreifen an ihrem Kleinwagen Geld und Vorräte besorgen? Geräumt wurde hier oben nicht. Und der Schnee blieb lange liegen.

Auch Max machte sich Sorgen, der Holzkorb vor dem Kachelofen war schon wieder leer. Und als er auf den Hof kam, stellte er mit Schrecken fest, wie sehr sich der Stapel mit den Holzkloben verkleinert hatte. Er musste unbedingt Holz hacken, bevor der Schnee den ganzen Stapel bedeckte. Er ging in die Hütte, um den Feuerholzkorb zu holen und rief laut: „Susi, ich muss Holz hacken. Nimm ein Bad, solange wir noch warmes Wasser haben.“ Sie zog sich aus und beeilte sich im Bad. Als sie sich abtrocknete und anzog, ertönten regelmäßig dumpfe Schläge vom Hof. Max war gut beschäftigt. Sie schaute in dem Einkaufsbeutel nach Kaffee und stieß auf die DVD- und die Kopien. Komisch: Auf eine hatte Max mit Fettstift ein großes X gemalt. Warum das? Susi lauschte, draußen wurde immer noch gleichmäßig Holz gespalten. Sie legte die DVD ein und schaute sich auf dem kleinen Monitor den Inhalt an. Schon bei der zweiten Datei glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Max Berruth bumste mit Ann-Katrin Zoller, schien dann mit ihr in Streit zu geraten, als sie sich mit gespreizten Beinen so hinlegte, dass die Kamera sie deutlich aufnehmen konnte. Dann schlug er sie plötzlich, sie wehrte sich und er drückte ihr zum Schluss ein Kissen so lange und so fest auf das Gesicht, bis sie still liegen blieb. Max verließ fluchtartig die Couch und verschwand aus dem Bild. Ann-Katrin bewegte sich nicht mehr. Minutenlang passierte nichts, Susi wollte schon abschalten, als Ann-Katrins Körper zweimal zuckte. Dann trat eine Person an die Couch heran, deren Gesicht nicht zu erkennen war. Susi hatte genug gesehen und schaltete ab, verstaute die DVD in dem Plastikkästchen, das sie wieder in den ziemlich vollgestopften Einkaufsbeutel steckte. Sie hatte schon eine recht zutreffende Vorstellung von dem, was sie da eben gesehen hatte. Max war nach dem Bumsen mit Ann-Katrin in Streit geraten und hatte sie mit dem Kissen erstickt. Später hatte sie - Susi - zweimal auf die Leiche geschossen und Max hatte sie in dem Glauben gelassen, sie habe Ann-Katrin getötet. Nein, diesen Mann musste sie so rasch wie möglich loswerden.

Als Max mit einer richtigen Schneehaube hereinkam, stand ihr Entschluss fest. „Wir müssen von hier so bald wie möglich abhauen, bevor wir total eingeschneit sind.“

„Oder erfroren, wir haben kein Holz mehr. Hast du mir noch etwas warmes Wasser gelassen?“

„Ja.“

„Prima, dann will ich mir nur meine erstarrten Hände auftauen. In der Zwischenzeit könntest du packen.“

Es schneite ununterbrochen, dicke, fest Flocken, die auf dem Hof schon einen geschlossenen kräftigen Teppich erzeugt hatten, als Max und Susi anfingen, das Auto zu beladen. Sie hatte die mit X markierte DVD mit den andern Originalen und Kopien zusammen in den Beutel gesteckt, links und rechts mit Schmutzwäsche ausgepolstert und im Kofferraum ganz nach vorn geschoben und schön mit Tüten und Kartons eingekeilt. Max hatte nichts bemerkt, fragte nur: „Hast du auch nichts vergessen?“

„Nein, aber schau selber einmal nach!“

Er kam zufrieden an die Tür zurück: „Alles weg. Wer fährt?“

„Ich glaube, du bist der bessere Fahrer“, sagte sie demütig und setzte sich schon auf den Beifahrersitz. Die einzige Versandtasche, die sie noch gefüllt, mit der Anschrift versehen und frankiert hatten, steckte in ihrer Handtasche. Max hatte die Pistole und das Handy ins Handschuhfach gelegt und drehte jetzt den Zündschlüssel. Beide klapperten mit den Zähnen, das Auto war schlimmer ausgekühlt als ein Eisschrank.

„Wohin wollen wir eigentlich?“ fragte er Susi, die hastig und sehr nervös antwortete: „Erst mal runter ins Tal, in irgendein Nest mit einem Gasthof. Hier oben sitzen wir spätestens in einer Stunde fest.“

„Hast du solchen Schneefall schon mal erlebt?“

„Nee, nicht solche Mengen in so kurzer Zeit. Aber Gusto und ich sind einmal in der Hütte eingeschneit worden, und daher weiß ich, dass hier nicht geräumt wird.“

„Nur im Frühjahr sammelt man die steif gefrorenen Leichen ein „bemerkte Max. Es sollte witzig klingen, aber sie warf ihm einen bitterbösen Blick zu. „Entschuldigung, Susi, das war total daneben.“

Schon das kurze Stück vom Hof auf die Zufahrt wurde eine einzige Schlinger- und Schleudertour. Der Wagen dachte nicht daran, auf Steuern zu reagieren. Er suchte sich seinen Weg selbst und rüttelte und schüttelte dabei die Insassen unbarmherzig durcheinander. Und am dunkelgrauen Himmel schienen immer noch neue Schneewolken aufzuziehen. Die Scheibenwischer kamen gegen den Flockenteppich nicht an, das Licht der Scheinwerfer erreichte die Fahrbahn nicht.

Carla Zillig war nicht erfreut, als Lene fragte, ob sie ein paar Minuten mit ihrem Freund Lothar Scharff reden könne. „Das ist schlecht. Er hat gerade eine Sitzung und malt.“

„Was meinen Sie, wie lange das noch dauern wird?“

„Höchstens eine halbe Stunde. Gerda Schönthal muss bald los, sie hat noch gut eine Stunde bis Bellingheim zu fahren und im Radio wird pausenlos vor gewaltigem Schneefallgewarnt.“

„Na, dann würde ich gern die halbe Stunde noch warten. Ob Sie mir in der Zeit ein paar Fragen zu Max Berruth beantworten können?“

„Zu Max?“ fragte Carla verwundert.

„Ja, wir können ihn einfach nicht finden.“

„Ich weiß, meine Schwester macht sich mittlerweile große Sorgen. In ihrem Zustand nicht die beste Gemütsverfassung.“

„Nein. Aber wir haben jetzt alle uns bekannten Stellen und Personen abgefragt, wo er untergetaucht sein könnte. Ob Sie uns jetzt weiterhelfen können?“

„Ich? Wie kommen Sie darauf?“

„Er hat doch mal ein halbes Jahr hier auf dem Hof gewohnt und ihnen beim Um- und Ausbau geholfen?“

„Richtig.“

„Hat er in der Zeit mal von einem Ort, einem Menschen, einer Institution erzählt, bei der er jetzt untergekrochen sein könnte?“

Carla Zillig überlegte lange und schüttelte entschieden dann den Kopf: „Nein, dazu fällt mir nichts ein.“

„Max Berruth hat Ihre Schwester hier auf dem Hof kennengelernt?“

„Ja, sie wohnte damals im Veilchenweg und kam nach der Arbeit häufiger zu uns, damals war jede Hand willkommen.“

„Was machte Pia beruflich vor der Ehe?“

„Sie war Ernährungsassistentin an der Laurentiusklinik. Sie hat sich mit Max auf Anhieb gut verstanden. So perfekt wie die beiden konnten keine gelernten Maler und Tapezierer Tapeten schneiden und kleben oder Dübel für Lampen und Regale setzen. Und ihnen zuzuschauen, wie sie Fußbodenleisten lackierten, war geradezu ein ästhetischer Genuss.“

„Mochten Sie Max?“

„Ja, schon ...“

„Aber?“

Carla strich sich die Haare zurück: „Ich halte ihn für etwas arg schlicht gestrickt.“

„Zwei links, zwei rechts und eine Masche fallen lassen?“

„So etwa, ja.“

„Mit anderen Worten - etwas langweilig.“

„Unfreundlich formuliert, ja. Zuverlässig, freundlich, hilfsbereit -aber nicht die große Erleuchtung bei der Unterhaltung.“

In dem Moment klopfte es und Lothar Scharff kam herein. „Sie ist weg, hoffentlich schafft sie es noch.“ Dann erst bemerkte er Lene und grüßte verwundert „Guten Tag.“

„Frau Schelm erkundigt sich nach Max.“

Lene musterte Scharff einen Moment: „Wir müssen ihn unbedingt sprechen, aber wir finden ihn nicht. Was meinen Sie, wo könnte er stecken?“

„Keine Ahnung, viele Freunde hat er wohl nicht, wenn, dann würde ich mich in der Firma danach erkundigen.“

Die Firma ist - Medizintechnik Gustavo Toller?

„Ja.“

„Sie haben gehört, was mit Ann-Katrin Toller passiert ist?“

„Natürlich. Vor ihrer Hochzeit habe ich die Ann-Katrin Steinberg gemalt.“ Und weil sich Carla Zillig räusperte, fuhr Scharff gleichmütig fort: „Ja. Max und Ann-Katrin sind sich hier einmal begegnet. Das war doch, was Sie wissen wollen?“

Sein hochmütiger Ton ärgerte Lene maßlos: „Danke, das wusste ich schon. Mich interessiert viel mehr, ob Sie sich Geld von Max Berruth geliehen haben.“ Lene war keine schlechte Pokerspielerin.

„Ich? Wie denn? Von dem Habenichts.“

Wenn Lene schon die Ehefrau geblufft und belogen hatte, konnte sie das bei Maxens Schwager ruhig fortsetzen. „Wenn Sie sich da mal nicht täuschen.“

Scharff und Carla schnappten nach Luft, aber Lene setzte ihre harmloseste Miene auf - ich habe schon zu viel gesagt, mehr erfahren Sie nicht von mir. Scharff lenkte sofort ab und deutete zum Fenster. Zu Lenes Erstaunen reagiere Carla auf den kryptischen Satz ihrer Besucherin als erste: „Ich hab' euch gleich gesagt, ihr unterschätzt ihn.“ Scharff knurrte laut und sie verstummte sofort. Scharff wollte ablenken und deutete nach draußen: „Schauen Sie sich das mal an!“

Es war kein Schneefall mehr, da rutschten gleichzeitig von allen Dächern massive Schneebretter in die Tiefe. Von einer Minute auf die andere war es Nacht geworden.

Max und Susi hatten gerade den Beginn der Serpentinenstrecke durch den Wald von den Lantener Höhen ins Tal erreicht, als Petrus den Verschluss des himmlischen Schneevorratskastens aufriss. Fahren konnte man das, was Max am Steuer veranstaltete, immer noch nicht nennen. Das Auto mit den abgefahrenen Sommerreifen machte, was es wollte, steuern war so sinnlos wie bremsen, und so beschleunigte der Karren, sobald sich die Straße senkte, auf die erste Serpentine zu, kam von der Straße ab, stieß gegen einen Stein oder Felsen oder Baumstumpf und neigte sich zur Seite. Max fluchte, Susi schrie vor Angst, aber davon unbeeindruckt rollte der Wagen über die Beifahrerseite den Hang hinunter, drehte sich einmal um seine Längsachse und krachte mit der Fahrerseite gegen einen Baum, wobei das Blech ächzte und stöhnte, als wolle es sich um den Stamm wickeln. Die Gurte hielten, der Airbag löste aus, und als der Karren zum Stillstand kam, saß Susi mit Prellungen und schmerzenden Striemen auf Schlüsselbein und Schulter, aber nicht schwer verletzt, eingekeilt auf dem Beifahrersitz. Sie löste zuerst den Gurt, dann den Airbag, nahm aus dem Handschuhfach die Pistole, probierte dann das Handy, das es nicht tat, bis ihr einfiel, dass Max Teile herausgenommen hatte, damit man sie nicht orten konnte, und ließ es im Fach zurück. Mit Mühe konnte sie die Beifahrertür öffnen. Die ganze Zeit über gab Max nicht einen Ton von sich, auch nicht, als sie seine Schulter rüttelte und schüttelte. Kein Gedanke daran, die Fahrertür von innen zu öffnen. Und außen hatte sie sich um den Baumstamm gebogen, das war aussichtslos. Max bewegte sich nicht, reagierte nicht. Sie glaubte, ihn noch atmen zu hören, war sich aber nicht sicher. Mit letzter Kraft drückte sie die klemmende Tür auf ihrer Seite auf und fiel nach draußen in den tiefen Schnee, umklammerte ihre Handtasche wie einen Rettungsring, während sie sich aufrappelte, mehrfach umstürzte und dann der Spur folgte, die der von der Straße herabrollende Wagen gezogen hatte. Die Landstraße erkannte sie nur an dem festeren Untergrund unter ihren Sohlen. Wie und wohin sie lief, konnte sie später nicht mehr erinnern, Kälte, Nässe und Dunkelheit waren betäubend und überwältigend. Dass vor der Senkung ein Geländewagen anhielt und das Ehepaar sie noch in sein warmes Auto zerrte, bekam Susi nicht mehr mit. Der Wagen mit Vierradantrieb und Schneeketten bewältigte die Fahrt ins Tal ohne Unfall.

Lene beschloss, nach einem Blick in die Dunkelheit auf dem Hof, endlich aufzubrechen. Carla und Lothar waren nicht böse, dass sie ging.

„Keine Schneeketten?“ erkundigte sich Lothar Scharff.

„Nicht einmal Winterreifen“, beichtete Lene.

„Soll ich Sie bis zur nächsten Bahn oder zum nächsten Taxenstand fahren? Einschneien kann Ihr Auto auch bei uns auf dem Hof.“

„Großartig, vielen Dank. Ich nehme Ihr Angebot gerne und mit Handkuss an.“ Ihre Pistole lag warm und trocken eingeschlossen im Präsidium, Wagenpapiere und -schlüssel hatte sie in der Handtasche, auch ihr Handy. Und wer bei dem Wetter Autos klaute, war ohnehin schwachsinnig.

„Haben Sie was dagegen, wenn ich Sie am Bahnhof Brekum absetze? Ich würde gerne mal nachschauen, was Pia und Daniel machen.“

„Nein, schon recht.“ Verwunderlich, nach allem, was sie über die Berruths und Carla plus Lothar gehört hatte, dass sich der Maler solche Sorgen um die Schwester seiner Frau und deren Sohn machte. Aber noch ein Knoten passte nicht mehr in ihr Taschentuch.

So lernte sie wenigstens mal den Prellbock kennen und konnte theoretisch sogar ein Pils auf Spesenkonto trinken. Die Kneipe war richtig voll, Lene stellte sich an den Tresen, bestellte beim Wirt ihr Pils und betrachtete amüsiert, was um sie herum gesprochen wurde. Die meisten Männer wussten, was ihnen bevorstand: Schneeräumen und Holz hacken für den Kamin; einige würden helfen müssen, Schneemänner im Garten zu bauen. Aber es gab auch Erfreuliches: „Wer ist denn die Hübsche hier am Tresen?“ wurde der Wirt gefragt, der in gleicher Lautstärke erwiderte: „Keine Ahnung, war noch nie hier.“ Lene lauschte amüsiert. Komplimente, auch versteckte, konnten sie nicht beleidigen. Sie zahlte und musste noch fünf Minuten auf einem zugigen Bahnsteig warten, bis die S-Bahn aus dem Tunnel rollte und lautstark quietschend hielt. Um diese Zeit war stadteinwärts nicht viel Verkehr. Sie bekam in einer leeren Vierergruppe einen Platz und wunderte sich, wie schnell sie den Hauptbahnhof erreichte. Bis zur Colmarstraße nahm sie sich ein Taxi. Einmal ÖPNV pro Tag reichte ihr. Unterwegs telefonierte sie mit dem Präsidium, die Kolleginnen hatten sich angesichts der bevorstehenden Schneelastkatastrophe rechtzeitig nach Hause verzogen.

Das hilfsbereite Ehepaar hielt an der nächsten Polizeistation. Der Wachhabende entschied, die Frau müsse erst einmal aus ihren nass-kalten Klamotten heraus, bevor sie sich eine schwere Lungenentzündung zulege. Er schlug das Bercelius-Klinikum im Stadtteil Solgen vor. Gesagt, getan. In der Notaufnahme wurde Susanne Krüger entsprechend in Empfang genommen, doch als der Wachhabende, der zur Klinik mitgefahren war, die Handtasche auf der Suche nach Personalpapieren öffnete und eine Pistole fand, wurde er nervös und beschlagnahmte das gute Stück samt Inhalt. Auf dem Revier schaute er sich den Inhalt genauer an, fand einen Führerschein mit Namen und Anschrift, warf den Computer an und fand eine Susanne Krüger, die von einer Kommissarin des R - 11, Sigrid Bauer, zur Fahndung ausgeschrieben war. Das hatte eine Stunde später zur Folge, dass die gerade nach dem Genuss einer halben Flasche Burgunder eingeschlafene Erste Hauptkommissarin Marlene Schelm unsanft aus dem schönsten Schlaf geweckt wurde und zur Entschuldigung vorbringen konnte, ersten habe sie zu viel getrunken, um Auto zu fahren und zweitens werde ihr Auto gerade auf dem Ellermannshof in Brekum total eingeschneit. Der Wachhabende grunzte: „Wer keine Ausreden erfinden kann, ist nicht wert, in Schwierigkeiten zu geraten, was?“

„Sie sagen es, Kollege! Halten Sie die wieder aufgewärmte Dame in der Bercelius-Klinik bitte fest, ich komme so schnell wie möglich.“

Ihr Versprechen hinderte Lene nicht daran, erst einmal gründlich auszuschlafen und dann Sigrid Bauer mit Auto einschließlich Winterreifen in die Colmarstraße zu bestellen. Es hatte zwar aufgehört, wie verrückt zu schneien, aber über Nacht war noch so viel von der weißen Pracht heruntergekommen, dass Lene auf dem Hof des Gutes ihr Auto nicht fand, sondern hilflos zwischen mehreren viereckigen Schneehaufen herumwanderte, in denen sich alles Mögliche verbergen konnte, unter Umständen auch ein Auto. Sigrid drängte, und so ließ Lene ihr Auto zurück in der Hoffnung, dass bald Tauwetter einsetzen werde.

Auf dem Revier schauten sie sich zuerst die Handtasche an. Die frankierte und adressierte Luftpolstertüte mussten sie sich im Präsidium ansehen.

„Wo ist Susanne Krüger eigentlich aufgefunden worden?“

„Nach Aussage des Ehepaares noch oben auf der Lantener Ebene, da, wo die Straße ins Tal beginnt. Ich denke mir, sie ist mit ihrem Auto von der Straße abgekommen und gegen einen Felsen oder Baum geknallt.“

„Kann man da hoch, um nachzuschauen?“

„Sicher, mit der richtigen Ausrüstung. Aber vor der Schneeschmelze liegt jedes Auto da oben ruhig und sicher. Bergen können Sie es im Moment sowieso nicht“

Sigrid meldete sich mit Kleinmädchen-Piepsstimme. „Und wenn noch jemand im Auto gesessen hat?“

„Dann ist der oder die heute Nacht erfroren“, gab der Wachhabende, den es vor Gähnen schier zerriss, grob Auskunft.

Susanne Krüger war mit einigen Prellungen und Schürfwunden davongekommen. „Keine Lungenentzündung“, versicherte der Stationsarzt, „aber wohl eine schwere Erkältung.“ Davon war ihr nichts anzusehen oder anzuhören, als sich Lene und Sigrid zu ihr ins Schwesternzimmer setzten.

„Na, Frau Krüger, das war aber knapp“, begann Lene im Plauderton.

„Ja, ich bin eine halbe Stunde zu spät losgefahren. Wer rechnet aber auch in unseren Breiten mit solchen Schneemassen.“

„Sie waren im Lantener Forst.“

Susi hatte einige Zeit damit verbracht, sich eine Ausrede auszudenken. „Ja, in Tollers Jagdhütte.“

Lene zog die Augenbrauen hoch.

„Sie wissen doch sicher, dass Tollers Ehefrau ermordet worden ist“, sagte Susi dreist. „Der Chef war völlig von der Rolle, zu nichts zu gebrauchen, und weil ich ihm in dieser Stimmung gern für ein paar Tage aus dem Weg gehen wollte, habe ich ihn gefragt, ob ich seine Jagdhütte benutzen dürfe. Er war einverstanden.“

„Waren Sie früher schon einmal in der Hütte?“

„Ja. Ich wusste, wo der Reserveschlüssel versteckt war. Das Kaminholz liegt in der Garage. Nein, und ein paar Tage Ruhe wären mir schon recht gewesen.“

„Bis der Schnee kam.“

„Ja, damit hatte ich nicht gerechnet, vor allem war zu wenig Holz da, und wenn der große Kachelofen nicht brennt, erfriert man im Handumdrehen, warmes Wasser gibt es dann auch nicht. Also musste ich weg, als die Wetterleute im Radio Alarm schlugen. Aber eben eine halbe Stunde zu spät.“

„Sie sind dann da von der Straße abgekommen, wo die Serpentinenstrecke runter ins Tal beginnt.“

„Dann wissen Sie mehr als ich.“

„Das Ehepaar hat Sie an der Stelle aufgelesen.“

„Welchen Ehepaar?“

„Sagen Sie bloß, das wissen Sie nicht mehr“, mischte sich Sigrid Bauer ein, die Susanne Krüger die ganze Zeit über aus schmalen Augen misstrauisch beobachtet hatte.

„Nein, tue ich nicht. Wirklich nicht. Ich erinnere mich noch, dass mein Auto sich auf die Seite legte und dann ging es wie eine Teppichrolle abwärts. Danach habe ich einen Filmriss.“

„Hm.“

Lene nahm wieder das Wort. „Frau Krüger, haben Sie allein im Auto gesessen, als Sie verunglückten?“

„Ja“, sagte Susi fest. „Warum fragen Sie?“

„Wir vermissen Max Berruth. Den kennen Sie doch?!“

„Natürlich.“

„Haben Sie eine Ahnung, wo er stecken könnte?“

„Ich? Wieso ausgerechnet ich?“

„Sie sind doch das lebende Lexikon der Firma und kennen alle Mitarbeiter bestens.“

„Behauptet wer?“

„Ihr Chef Gustavo Toller.“

„Der hat's nötig“, regte sich Susi auf. „Gusto, so nennt man ihn in der Firma, vergisst doch seinen Namen, wenn er ihn nicht irgendwo notiert hat. Aber wo er den Zettel hingelegt hat, muss ich ihm dann sagen.“

Sie lachten alle, als eine Schwester ins Zimmer kam. „Entschuldigung, ich muss Frau Krüger zum CT abholen.“

„Okay, wir verschwinden für heute, entschied Lene. „Frau Krüger, Sie brauchen doch bestimmt einige Sachen zum Anziehen, wenn Sie noch ein paar Tage im Krankenhaus bleiben müssen. Können wir jemandem Bescheid sagen?“

„Das wäre sehr freundlich. Sie heißt Helga Müller und arbeitet auch bei Toller.“ Aus der Tasche ihres vom Krankenhaus gestellten Bademantels kramte sie einen Schlüsselbund.

„Glaubst du ihr?“ fragte Sigrid skeptisch, als sie von der Klinik losfuhren.

„Nur zum Teil“, antwortete Lene zerstreut. „Als geschickte Lügnerin hat sie Dichtung und Wahrheit gut vermengt.“

„Und was machen wir jetzt mit ihr?“

„Vorerst gar nichts“, brummte Lene. „Weißt du, wo die Köhlergasse ist?“

„Ja, aber was sollen ... oh, Chefin, ich ahne Böses.“

„Wieso? Sie hat uns doch freiwillig die Schlüssel gegeben.“

„Aber doch nicht, damit die Polizei ihre Wohnung filzt.“

„Das Risiko geht man eben ein, wenn man zu vertrauensvoll ist.“

Sigrid Bauer schwieg. Die Chefin hatte ihre Methoden, die musste man nicht gutheißen, aber Protest half da gar nichts.

In der Köhlergasse verriet nichts mehr davon, dass hier früher die Holzköhler ihre Produkte gelagert und verkauft hatten. Allenfalls die großen Höfe hinter den Einzelhäusern verrieten noch etwas von dem Betrieb, der hier mal geherrscht hatte. Susanne Krüger bewohnte in Nummer 24 das Parterre, eine kleine, aber praktisch eingerichtete Dreizimmerwohnung. Das Schlafzimmer besaß vergitterte Fenster zum Hof, ein früherer Schuppen diente als Garage für Susis Auto, das nach ihrer Schilderung jetzt irgendwo auf den Lantener Höhen vom Schnee begraben wurde. Es schneite immer noch, aber sehr viel dünner als zuvor.

Lene zog sich Plastikhandschuhe an und begann mit den Schubladen und Fächern, in denen sich Schriftliches befand. Eine Stunde pflügte sie sich durch nichtssagende Korrespondenz. Briefe und Abrechnungen. Susanne Krüger verdiente gut und sparte viel. Die Depotbestandsmeldungen erstaunten Lene, die aus eigener Erfahrung wusste, wie schnell Geld ausgegeben war und welche Mühe und wieviel Verzicht es kostete, etwas anzusparen und damit eine Anleihe oder Beteiligung zu kaufen. Sie erinnerte sich an Tollers Alibi: Hatte das Finanzamt auch jenen Verdacht gefasst, der sie jetzt beschäftigte? Sie überlegte schon, die Spusi zu alarmieren und den ganzen Schmutz zu fotografieren, bevor der unersättliche Finanzminister seine Hand darauf legte. Sie verzichtete darauf, sobald sie das nächste Buch aufgeschlagen hatte, ein altmodisches Fotoalbum, das unter anderem Urlaubsbilder enthielt. Susi Krüger im Evakostüm neben einem Adam, der einen Arm um ihre Taille gelegt hatte.

„Sigrid? Kommst du mal?“

Sigrid Bauer konnte weiterhelfen. „Das ist Gustavo Toller mit seiner rechten Hand Susanne Krüger.“

„Und wer ist die Nackte neben unserer Susi?“

„Sie heißt Helga Müller, arbeitet auch bei Toller.“

Der sie offenbar zu schätzen wusste. Denn auf dem nächsten Foto hatte Adam Toller seinen Arm um die Taille einer nackten Helga gelegt.

„Das sieht doch sehr nach einer ménage à trois aus“, tadelte Lene, die nie auf die Idee käme, ihren Jochen freiwillig mit einer anderen zu teilen.

„Gut möglich.“

„Hast du was gefunden, was das Mitnehmen lohnt?“

„Nein.“

„Ich nehme die drei Fotos mit und dann verduften wir.“

Während sie zusammenräumten, telefonierte Susanne Krüger mit ihrem Gusto, der eine Unmenge Fragen stellen wollte.

„Alles später, Gusto. Hör zu, ich glaube, gleich wird die Kripo bei dir erscheinen. Du musst alles bestätigen, was ich ausgesagt habe. Und lass dir bitte nicht anmerken, dass du erstaunt bist. Du hast mir erlaubt, deine Hütte im Lantener Forst zu benutzen, einverstanden? Kein Wort von dem Geld, das du mir geschickt hast.“

„Und warum?“

„Später, mein Schatz. Ich muss Schluss machen.“

Bei Medizintechnik Gustova Toller GmbH herrschte noch großes Durcheinander, aber die Hektik hatte sich gelegt, seit der Inhaber im dunklen Anzug und mit schwarzer Krawatte wieder im Büro erschienen war. Auch Helga Müller, die zurzeit das Allerheiligste bewachte, hatte sich in dezentes Grau gewandet.

Lene macht keine Umstände: „Herr Toller, hatten Sie ein Verhältnis mit Susanne Krüger?“

„Wer sagt das?“

„Wir haben eben mit Susanne Krüger in der Bercelius-Klinikgesprochen.“

Toller erinnerte sich an Susis Bitte am Telefon und nickt deshalb. „Aber wieso in der Klinik?“ wollte er wissen.

„Sie hat gestern vor dem großen Schneefall versucht, von der Höhe ins Tal zu fahren, ist von der Straße abgekommen und mit dem Auto gegen einen Baum geknallt.“

„Um Gottes willen. Ist sie schwer verletzt?“

„Nein, sie hat Glück gehabt, und andere Autofahrer haben sie rechtzeitig gefunden und ins Krankenhaus gebracht.“

„Gottseidank.“

„Sie war in Ihrer Hütte?“

„Ja. Ich wollte keinen Menschen um mich sehen, es hat einigermaßen gekracht und sie hat gesagt, sie würde sich gerne in die Hütte verziehen.“

„Kann man das überhaupt im Winter?“

„Kann man, auch wenn es nicht sehr komfortabel ist. Für den Kachelofen gibt es Holz, und solange da ein Feuer brennt, gibt es auch warmes Wasser im Bad und Wärme in der ganzen Hütte.“

„Man darf nur nicht eingeschneit werden!“

„Richtig, dann wird es kritisch. Diese Serpentinenstraße ins Tal hat es in sich.“

„Herr Toller, besitzen Sie eine Pistole?“

„Nein.“

„Und Susi Krüger?“

„Soviel ich weiß, auch nicht.“

„Her Toller, wir müssen uns noch einmal über den Todestag Ihrer Frau unterhalten. Sie wollte an dem Tag nach Konstanz fahren, zu einer Freundin, Charlotte Wünsche. Ich habe mit Charlotte Wünsche gesprochen. Ihre Frau war nicht dort, hatte sich auch nicht angemeldet. Mehr noch: Charlotte Wünsche bestreitet, mit Ihrer Frau befreundet gewesen zu sein. Im Gegenteil, seit sie hier im Hause eine der Sexpartys im Fernseher gesehen habe, habe sie jeden Kontakt abgebrochen. Haben Sie das gewusst?“

Toller war in sich zusammengesackt.

„Von den Partys? Natürlich. Aber Ann-Katrin hat nie mit einer Silbe erwähnt, dass sie die Aufnahmen ihrer Bekannten Charlotte Wünsche vorgeführt hat.“

Sigrid Bauer hakte ein: „Aber weiterhin so getan, als besuche sie eine Freundin am Bodensee.“

Toller nickt gequält.

„Ein prachtvolles Alibi“, höhnte Bauer. „Und wen hat sie in der Zeit wirklich besucht?“

„Woher soll ich das denn wissen?“

„Haben Sie sie nie gefragt, sind Sie ihr nie nachgefahren?“

„Nein.“

Lene winkte heimlich ab: „Herr Toller, kennen Sie eine Kneipe namens Zum Prellbock, am S-Bahnhof Brekum?“

„Nein, kenne ich nicht.“

„Kannte Ihre Frau den Prellbock?“

„Das weiß ich nicht, glaube ich aber nicht. Sie hatte was gegen Kneipen.“

„Herr Toller haben Sie jemals daran gedacht, sich scheiden zu lassen?“

Gusto rieb sich das Kinn. Was hatte Susi den beiden Kriminalbeamtinnen in der Klinik erzählt.

„Das ging nicht so ohne weiteres.“

„Wie dürfen wir das verstehen?“ schnarrte Sigrid Bauer.

„Steinberg - also Ann-Katrins Vater - hatte mir Geld geliehen, um meinen Laden vergrößern zu können.“

„Ist dieser Kredit zurückgezahlt?“

„Nein.“

„Und Steinberg drohte, den Schuldschein zu Protest gehen zu lassen, wenn Sie sich von Ann-Katrin trennen?“

Toller wand sich wie ein Aal: „Nicht so direkt, aber schon in der Richtung - ja.“

„Wusste Ihre Frau von Ihrer Beziehung zu Susanne Krüger?“

„Wahrscheinlich ja.“

„Auch von Ihrer Beziehung mit Helga Müller?“

„Mit der Müllerin? Wie kommen Sie denn auf den Blödsinn?“

Statt einer Antwort legte Lene die Fotos vor, die sie aus Susi Album mitgenommen hatte. Toller rang nach Luft, wurde rot und sagte vorerst nichts mehr.

„Mit Frau Müller müssen wir gleich noch sprechen“, bemerkte Lene kühl. „Es sieht also ganz so aus, als hätten Sie sich mit Ihrer Frau arrangiert. Jeder konnte und durfte seiner Wege gehen, wie, Herr Toller?“

„Sie wissen nicht, wie meine Frau war. Ann-Katrin hat mir das Leben zu Hölle gemacht. Und mich vor allen Bekannten und Freunden lächerlich gemacht.“ Am liebsten hätte er geschluchzt.

„Warum haben Sie sie geheiratet?“ Lene fragte ganz sachlich, und Toller würgte an der Antwort, bis er tiefrot anlief. Die etwas boshafterer Sigrid kannte weniger Rücksicht als Lene: „Richtig! Sie brauchten ja den Kredit, um ihr Geschäft zu vergrößern.“ Toller stand kurz vor einem Herzinfarkt, als Lene und Sigrid sich verabschiedeten.

Helga Müller, sexy und kaltschnäuzig, leugnete nicht. Für die vacances à trois hatte sie Bargeld und eine Gehaltserhöhung bekommen. Ja, sie würde in Susis Wohnung ein paar Sachen packen und ins Krankenhaus bringen.

Zu den Fotos meinte sei nur: „Hübsch, nicht wahr. Gustavo ist noch gut dabei, wie?“

Sigrid Bauer fragte scharf: „Hat Susi Krüger in der Zwischenzeit angerufen und Sie gebeten, diese Bilder aus dem Album zu entfernen?“

„Nein, hat sie nicht.“

Auf der Fahrt ins Präsidium brummte Sigrid: „Wir hätten sie fragen sollen, ob sie auch mal an einer dieser Partys teilgenommen hat.“

Wahrscheinlich ja“, meinte Lene zerstreut. „Unsere Helga ist geldgierig.“

„Glaubst du, sie hat dafür Geld genommen?“

„Ja. Die Frage ist, ob sie was dafür bekommen hat.“

Die Restmannschaft des R - 11 hatte sich im Präsidium auch gut beschäftigt, einen DVD-Player organisiert, und sich die Scheibe aus der Versandtüte angesehen. Tine, die jüngste, war regelrecht erschüttert.

„Wer sollte denn erpresst werden?“ wollte Lene wissen.

„Der Vorsitzende des Schlossbau-Vereins.“ Eine, wie Lene wusste, umstrittene Persönlichkeit mit zahlreichen Feinden, die schon seit Jahren auf eine Gelegenheit lauerten, ihn mit einem Skandal abzuschießen.

„Aber wir haben noch was Schönes, was den Fall noch verrückter macht“, warnte Jule.

„Geht das noch?“

Aus der Pistole, die in Susis Handtasche war, ist zweimal auf die tote Ann-Katrin geschossen worden, und einmal auf den Türrahmen des Tatortzimmers. Und auf Werner Pölzig.“

„Aufhören!“ befahl Lene erbost. „Wer soll sich denn da noch durchfinden?“

„Wir hoffen alle auf dich“, piepste Jule.

Lene schüttelte den Kopf. Sie hatte andere Sorgen.

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Dreizehntes Kapitel

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Nach zwei Tagen hörte der Schneefall so plötzlich auf, wie er begonnen hatte, und überall wurden die Spuren und Folgen beseitigt. Ein Trupp Waldarbeiter quälte sich mit einer großen Heuladung zu einem der Winter-Füttterungsplätze für das Rotwild die Höhen zur Lantener Hochebene hoch und entdeckte ein Auto, das von der Serpentinenstraße abgekommen und mit der Seite gegen einen Baum geprallt war. Der Fahrer saß noch hinter dem Steuer, offenbar hatte er es nicht geschafft, die eingebeulte und verklemmte Tür zu öffnen oder auf die Beifahrerseite zu rutschen.

Und während Susanne Krüger in der Klinik auf den Arztbrief für ihre Entlassung wartete, bargen Feuerwehr und THW das Auto, das auf den Namen Susanne Krüger zugelassen war. Der Mann am Steuer war tot: Wie die Gerichtsmedizin schnell feststellte, erfroren, weil er nach dem Aufprall gegen den Baum mit dem Kopf gegen den Türrahmen geschlagen war und offenbar für längere Zeit das Bewusstsein verloren hatte. Spuren im Schnee deuteten darauf hin, dass neben dem Fahrer jemand gesessen hatte, der sich aus dem verunglückten Wagen befreien konnte und zur Serpentinenstraße mehr gekrochen und gestolpert als gelaufen war. Ob der oder die rechtzeitig Hilfe für den eingeklemmten Fahrer hätte holen können, wollte das Blonde Gift erst nach einer Obduktion beurteilen, und erst dann konnten andere entscheiden, ob hier ein Fall von Totschlag durch Unterlassen vorlag. Immerhin hatte der Mann in einer aufgesetzten Brusttasche seines dicken Pullovers einen Personalausweis auf den Namen Max Berruth bei sich, so dass Lene Schelm umgehend informiert wurde.

Sie griff sich Tine Dellbusch und ging mit ihr zum Kollegen Grembowski, der unwirsch hochschaute.

„Wir haben Berruth gefunden, Grem.“

„Toll. Und wo ist er?“

„Beim Blonden Gift in einem Kühlfach.“ Dann registrierte Lene sein verwundertes Gesicht und erklärte: „Zum Auftauen. Er hat mindestens eine Nacht in einem Autowrack gelegen. Kommst du heute Abend ins Elfte zu unserem Nachtgebet? Wir könnten den Fall abschließen.“

Grem winkte sofort ab. „Ich ertrinke in Arbeit. Danke, Lene, aber das müsst ihr ohne mich erledigen.“

Lene kannte ihn fast noch besser als Tine, der krumme Hund hatte sich kein einziges Mal um seinen Fall gekümmert und wusste einfach nichts von dem Stand der Ermittlungen. Sie ging wortlos und Tine schaute ihn lange unverwandt an, bevor sie Lene folgte. Der Blick beunruhigte ihn immerhin so weit, dass er einen Spezi in der Personalabteilung anrief.

„Sicher? ... Prächtig, vielen Dank.“

Im Elften war keine Planstelle frei und würde auch so bald nicht frei werden. Christine Dellbusch konnte also nicht vom Siebten ins Elfte wechseln. Er ahnte nicht, dass sich Lene nach diesem Meisterstück Grems eben das vorgenommen hatte und die besseren Beziehungen zum Direktor der Kriminalpolizei besaß.

In der Zeit hatte die KTU nicht gefaulenzt und den Kofferraum des Autowracks ausgeräumt und unter die Lupe genommen. Lene wurde noch vor der Mittagspause gerufen und schaute sich die Fundstücke an. Bei den vielen CDs oder DVDs war sie sich sicher, dass es sich um die gestohlenen Scheiben aus dem Hause Toller handelte, die sie in der Toller-Villa nicht gefunden hatten und seitdem vermissten. „So viele?“

„Ich vermute mal, das sind auch Kopien, die zusammen mit einem Erpresserbrief verschickt werden sollten.“

Susanne Krüger würde sich ihrer Bewegungsfreiheit nicht sehr lange erfreuen dürfen.

Seidel brummte. „Da haben wir noch eine DVD, die war in einem Beutel mit Schmutzwäsche versteckt.“

Bevor sie zu Seidel in die KTU ging, hatte Lene Schelm ihre Hilfskraft angehalten. „Ich möchte Pia Berruth im Moment weitere Aufregungen ersparen. Ob Rita Funke in die Gerichtsmedizin kommen und Berruth identifizieren kann? Und danach bringen Sie bitte Frau Funke ins Elfte mit.“

Rita Funke hatte zwar wenig Lust, aber genug Zeit, um mit in die Gerichtsmedizin zu fahren. Der Erfrorene war Max Berruth, Rita Funke unterschrieb das Protokoll und ließ sich, fast ehrfürchtig schweigend von Tine ins Elfte bringen. Dort hatte man sich zu einer Fernsehsession niedergelassen. Lene fragte vorsichtshalber: „Sie sind aufgeklärt?“

„Mehrfach, Frau Schelm.“

„Und nicht leicht zu schockieren?“

Als Aushilfe im Prellbock?

Für alle Anwesenden interessant war die zweite Datei vom 30. Dezember, ab 20 Uhr 45.

„Das ist doch ...“, begann Rita ungläubig.

„... die Frau aus dem Prellbock, ja. Sie heißt oder hieß Ann-Katrin Toller.“

„Und das ist doch ... Max. Max Berruth.“

„Ja, genau.“

Rita drehte den Kopf weg, als auf dem Bildschirm erschien, wie der Mann mit einem Couchkissen die Frau erstickte.

Lene hatte sich die Aufzeichnung schon einmal angesehen. „Achtet auf den nackten Körper.“

Und wenig später, als der Körper zweimal kurz gezuckte hatte, stellte Ellen König trocken fest: „Tatsächlich, zwei Einschüsse. Aber wer erschießt denn eine Leiche?“

„Wer nicht weiß, dass die Person vor ihm schon tot ist. Zum Beispiel die Frau, die jetzt gleich ins Bild kommt.“

Richtig erkennen konnte man Susi Krüger nicht, als sie herumfuhr und eine Waffe Richtung Zimmertür hob. „Der Schuss geht in den Türrahmen“, erklärte Lene ungerührt. Die weitere Szene spielte sich außerhalb des Aufnahmebereichs der Kamera ab.

„So das war's erst einmal. Der Rest beim Nachtgebet. Und Sie, Frau Funke, bitte ich herzlich, über alles, was Sie hier gesehen und gehört haben, Stillschweigen zu bewahren. Tine ist so freundlich und bringt Sie wieder nach Hause.“

Rita schwieg bis kurz vor ihrem Wohnheim. „Ich habe mich übrigens beworben, Tine.“

„Wo? Bei der Polizei?“

„Nein, bei der Feuerwehr.“

„Ach nee.“

Lene lud Jörg Steiner zum „Abendgebet“ ein, der ablehnte, und dann Staatsanwalt Hase. Hase sagte zu und versprach ohne Aufforderung, mehrere Flaschen eines „trinkbaren“ Beaujolais mitzubringen, worauf Lene bei Marcello auf 18 Uhr dreißig sechs Riesenportionen Antipasti speciale bestellte, die fast andächtig, mit dem gebotenen Schweigen über dienstliche Dinge, verspeist wurden. Nach dem ersten Schluck im R -11 begann Lene: „So, wir versuchen mal, eine Chronologie des Falles aufzustellen, nur mit unseren beweisbaren Kenntnissen. Max Berruth beschließt am 30. Dezember gegen 19 Uhr 30, auf ein Bier in den Prellbock zu gehen. Dort trifft er vor Beginn der Tagesschau ein. Am Tresen sitzt Ann-Katrin Toller, die Max vom Ellermannshof kennt ...“

„Dort einmal kurz gesehen hat“, verbesserte Jule, die auch das Tonband bediente.“

„Okay. Ann-Katrin verlässt den Prellbock gegen Ende der Tagesschau vor Max Berruth, den sie draußen angesprochen haben muss. Denn schon gegen 20 Uhr 45 schlafen sie miteinander auf der Couch im Hause Toller, aufgenommen von einer Deckenkamera, geraten in Streit ...“

„Worüber, Frau Schelm?“ unterbrach Hase höflich.

„Das wird ungeklärt bleiben, beide Beteiligten sind tot. Aber ich vermute, Max hat sich auf die Suche nach dem Aufzeichnungsgerät gemacht und das Tatzimmer verlassen. In der Zeit ist Susi Krüger mit einer Pistole in das Zimmer gekommen und hat zweimal auf die störende und scheinbar noch lebende Rivalin Ann-Katrin geschossen. Max hat die Schüsse gehört und ist in das Tatzimmer zurückgekommen. Er hat sie überrascht und sie hat auf ihn geschossen, aber verfehlt. Was dann genau im Einzelnen passiert ist, muss Susi Krüger uns noch erzählen. Sie haben alle Aufzeichnungen mitgenommen - Max, um seinen Tat zu verbergen, und Susi, um damit Geld zu erpressen. Einen Versuch haben wir in ihrer Handtasche gefunden. Beide sind dann in die Tollersche Jagdhütte gefahren, er oder sie hat dann einen Einbrecher so schwer angeschossen, dass der später daran verblutet ist. Dann drohte der Schneesturm und sie mussten vorher ins Tal zurück. Susi hatte offenbar entdeckt, dass nicht sie Ann-Katrin erschossen, sondern Max sie erstickt hatte und den Beweis in der Schmutzwäsche versteckt. Doch dann kam das Auto von der Straße ab und knallte gegen den Baum. Am Steuer saß Max und Susi konnte sich auf die Straße retten, wo sie aufgelesen und in die Klinik gebracht wurde. So, Herr Staatsanwalt, Siedürfen noch eine Runde einschenken, ich bin fertig.“

„Kompliment, Frau Schelm“, sagte Hase ehrlich beeindruckt. Die noch fehlenden Einzelheiten dann in Ihrem Abschluss-Bericht?“

„Nicht alle, Herr Hase. Ich würde einige Personen gerne schonen.“

„Zum Beispiel wen?“

Lene schwieg, und Hase kannte ihre Tricks mittlerweile.

„Etwa die Familien Zillig in all' ihren Verzweigungen?“

„Respekt, Herr Hase. Ja. Vor allem in den noch nicht ans Tageslicht gekommenen Verzweigungen.“

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Vierzehntes Kapitel

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Ende Januar eröffnete die Tellheimer Modenwoche in der Stadthalle, und Lene, die Modenschauen für genau so dämlich und überflüssig hielt wie Autorennen und european song contests, studierte sorgfältig im Tageblatt die Liste der Aussteller und besorgte sich dann eine Eintrittskarte. Das Label „Ellermannshof“ versteckte sich in der Halle 13 unter vielen kleinen Herstellern. Carla Zillig schaute sie verwundert an: „Wenn ich ehrlich sein soll, sind Sie die Letzte, die ich hier erwartet hätte, Frau Schelm.“

Lene zwinkerte ihr zu: „Ich liebe stoffarme Kleider und hochhackige Schuhe. Im Büro sind leider Jeans, Schnürschuhe mit rutschfesten Sohlen und langärmelige Shirts angesagt.“ Lene liebte es, Vorschriften zu zitieren, und wenn es gerade mal keine passende gab, stand sie nicht an, flugs eine zu erfinden. „Vom Beamten wird erwartet, dass er durch Kleidung und Verhalten dem Arbeitgeber möglichst lange seine ungeschmälerte Arbeitskraft erhält.“

Das war vielleicht doch etwas zu dick aufgetragen, Carla Zillig legte den Kopf schräg und grinste.

„Sie haben eine sehr gute Figur, das meint auch mein Freund Lothar Scharff.“

„Und woher will er das wissen?“

„Anders als ich besucht er gelegentlich die Konzerte im Schloss und da sind Sie ihm aufgefallen, hochhackig und stoffarm.“

„Ihr Freund hat ein scharfes Auge für attraktive Frauen?“

Irgendetwas hatte sich in Lenes Ton verändert, deshalb schaute Carla Zillig ein halbe Minute an ihr vorbei, bis sie leise seufzte: „Ja, das stimmt.“

„Kann es sein, dass er während der Zeit, in der Sie zu viert den Hof umgebaut haben, auch einmal entdeckt hat, dass Ihre Schwester Pia attraktiv ist?“

„Sein kann, wenn sie will“, verbesserte Carla schnell. „Aber sie will selten.“

„Schön. Hat sie gewollt?“

„Ja. Aber ich habe gedacht, Sie hätte es auf Max abgesehen, mit dem sie sich sehr gut verstand.“

„Um den Sie sich doch zu der Zeit bemühten, wie?“ versetzte Lene sanft.

„Frau Schelm, können wir bitte nach hinten gehen. Da ist es bequemer und wir müssen nicht befürchten, dass uns einer belauscht.“

„Was Ihnen peinlich wäre?“

„Ja, das auch.“

Hinten war ein kleiner Aufenthaltsraum mit einem Tisch, zwei Stühlen und einem Bord eingerichtet, auf dem eine Kaffeemaschine blubberte. Sie setzten sich.

„Frau Zillig, wir haben den Fall Ann-Katrin Toller abgeschlossen.

Max Berruth hat sie umgebracht, aber der ist tot. Nach einem Autounfall in einem Wagen erfroren. Was das für Ihre Schwester Pia bedeutet, wissen wir noch nicht genau. Ich möchte allerdings mit ihr nach diesem Schock und so kurz vor dem Geburtstermin nicht darüber sprechen und bin deshalb zu Ihnen gekommen. Strafrechtlich haben Sie nichts zu befürchten, an einem Skandal haben wir kein Interesse. Wir wollen nur unsere Akten abschließen und an die Staatsanwaltschaft respektive an das Archiv weiterreichen.“

Bei dem ersten Schluck hätte sich Carla Zillig beinahe die Zunge verbrannt. „Nein, ich hatte es nicht auf Max abgesehen. Es war ein Ausrutscher nach dem Richtfest, ganz nett und schön, aber nicht der Beginn einer ernsthaften Affäre. Nein, abgesehen hatte ich es da schon auf Lothar Scharff. Aber als ich Pia von dem Ausrutscher mit Max erzählte, meinte sie, dann könne sie mir ja auch ihren Ausrutscher mit Lothar gestehen. Pia und ich haben nie Geheimnisse voreinander gehabt, und wenn es nur nach uns gegangen wäre, hätte niemand von dem privaten Teil des Richtfests erfahren, aber leider hatte das Bäumchen-Wechsel-dich Konsequenzen. Nicht bei mir, aber bei Pia. Sie war schwanger, und Lothar war nicht bereit, dafür einzustehen, Windeln wechseln und ein schreiendes Baby beruhigen - er sei Künstler und kein Säuglingspfleger. Nein, nicht mit ihm.

„Frau Zillig, ein uneheliches Kind war doch schon damals keine Beinamputation.“

„Sie kennen meine Eltern nicht, Frau Schelm. Pia und ich sind auf das Geld angewiesen, das wir einmal erben werden. Mein Vater hat voller Genuss das Wort Enterbung ausgesprochen. Also haben Pia, Lothar und ich mit Max verhandelt. Und der war sofort einverstanden. In Windeseile haben sie geheiratet und Max hat Daniel als seinen Sohn anerkannt.“

„Das verstehe ich nicht so ganz. Was hatte er davon?“ zweifelte Lene.

„Eine ganze Menge. Eine hübsche Frau, sehr reputierliche Schwiegereltern und die Aussicht auf ein sehr umfangreiches Erbe seiner Frau. Außerdem hat mein Vater mit einem günstigen Kredit an einen gewissen Gustavo und mit Beziehungen nachgeholfen, dass Max diesen Job bei Toller erhielt.“

„Haben Sie deshalb Ihrem Freund vorgehalten: 'Ich hab euch gleich gesagt, ihr unterschätzt ihn - nämlich Max Berruth - alle'.“

„Das haben Sie behalten?“

„So gut, dass ich mir die Blutgruppen von Pia, von Max und Daniel Berruth besorgt habe. Es hat mir keine Ruhe gelassen. Max konnte nicht der Vater von Daniel sein.“

„Ich habe Sie wohl unterschätzt.“

„So was kommt bei mir häufiger vor. Aber weiter. Wo lag für Scharff der Vorteil?“

„Er behielt eine recht ordentliche und vorzeigbare Frau respektive Freundin. Mietfreies Wohnen in einem ansehnlichen Haus mit einem riesigen Atelier.“

„Und Sie, Frau Zillig?“

„Ich habe wohl mit Zitronen gehandelt. Die Dankbarkeit meiner Schwester, okay. Einen Maler, der auch dank meines Geldes und meiner Beziehungen Karriere machte und zum Dank dafür jede Frau flachlegte, die nicht bei drei aus seinem Atelier geflohen war.“

„Auch Ann-Katrin Toller respektive Steinberg?“

„O ja. Sozusagen aus seinem Holz geschnitzt. Hübsch, geil, rücksichtslos und egoman. Und vor allem reich. Ich glaube, er dachte daran, das Pferd zu wechseln. Ich hab' geahnt, dass er an dem Abend mit Ann-Katrin im Ellermannshof verabredet war und haben ihn deshalb so kurzfristig gezwungen, mich zu der Kundin zu begleiten, dass er Ann-Katrin nicht mehr absagen konnte.“

Lene nickte. So hatte sie sich das auch schon ausgerechnet. Ann-Katrin hatte am Hof vergeblich geklingelt. Lothar Scharff am Handy nicht erreicht und war in den Prellbock gefahren, um die Zeit totzuschlagen, bis sie ihn wieder erreichte. Pech für alle, dass ausgerechnet in den Minuten Max Berruth den Prellbock betrat und sie wiedererkannte.

„Wie geht es Ihrer Schwester denn?“

„Körperlich einigermaßen, seelisch beschissen. Mein Vater kümmert sich um alles, Rente, Lebensversicherung, Hypothek. Er weiß übrigens nicht, dass Lothar Scharff Daniels Erzeuger ist. Und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn er es auch nicht erführe.“

Das konnte Marlene Schelm versprechen, die sich nach diesem Gespräch die Modenschau nicht weiter ansah.

Ende

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Ein Scharfschütze

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Thriller von Alfred Bekker

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1. Kapitel

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Hey, sollen wir noch in die Geisterbahn gehen - oder ist das für den großen Big Jimmy DiCarlo unter seiner Würde?“

DiCarlo - ein kleiner, drahtiger Mann um die vierzig mit schwarzem, nach hinten gekämmtem Haar und hervorspringendem Kinn grinste schief. „Willst du mich auf den Arm nehmen oder was soll das jetzt?“

Die großbusige Blondine an DiCarlos Seite überragte „Big Jimmy“ um einen halben Kopf.

Fünf breitschultrige Männer in dunklen Anzügen sicherten Big Jimmy DiCarlo von allen Seiten ab.

Unter den Jacketts der Bodyguards drückten sich ihre Waffen ab.

„Hey, was ist, Jim?“, fragte die Blonde jetzt und stemmte die Arme in die provozierend geschwungenen Hüften. „Ich habe das ernst gemeint mit der Geisterbahn!“

Sie streckte den Arm aus und deutete auf eine aufblinkende Neonschrift. „Very Loud Screams From Hell“ stand dort. Aus der Außenwand ragten in unregelmäßigen Abständen Knochenhände, die nach den Passanten zu greifen schienen und gerade eine Gruppe von Teenagern zum Kreischen brachte. Jimmy DiCarlo verzog genervt das Gesicht und verdrehte die Augen.

„Francine, das ist doch Kinderkram“, beschwerte er sich.

„Ach, Jimmy!“

„Ja, stimmt doch!“

Insgeheim wusste DiCarlo bereits, dass er verloren hatte. Er konnte Francine einfach nichts abschlagen - selbst wenn das bedeutete, dass sein Image als knochenharter „Captain“ im Syndikat der Marini-Familie aus Little Italy etwas litt, wenn sich herumsprach, dass er sich in einer Geisterbahn vergnügte.

Francine lachte ihn herausfordernd an. Ihre Stimme klang dunkel und verführerisch. „Hör mal Jimmy, wir sind hier in Brooklyn - da kennt dich keine Sau!“

Jimmy DiCarlos Blick wurde durch ihr tiefes Dekolleté abgelenkt und er dachte unwillkürlich: Sie hat eben andere Vorzüge als eine kultivierte Ausdrucksweise. Damit gehörte sie zwar nicht gerade zu der Art von Frau, mit der er vor seinem Onkel Harry Marini, dem gegenwärtigen Chef der Familiengeschäfte, hätte Eindruck machen können, aber solange sich Jimmy DiCarlo nur mit Francine vergnügte und weder beabsichtigte, sie zu offiziellen Familienfeierlichkeiten mitzubringen, noch sie zu heiraten, war das selbst für den Clan-Patriarchen in Ordnung.

„Es ist eine Schande“, fand Jimmy DiCarlo und schüttelte dabei energisch den Kopf, „wusstest du, dass Brooklyn noch in den Fünfzigern fest in italienischer Hand war?“

„Jimmy ...“

„Ist wahr!“

„Du lenkst jetzt nur ab, Big Jimmy.“

„Quatsch!“

„Tust du doch!“

„Heute haben Russen und Ukrainer das Sagen in Brooklyn  - abgesehen von den Heights. Aber das kommt auch noch, du wirst sehen!“

In ihren Augen blitzte es.

„Wenn du mich allein in die Geisterbahn steigen lässt, erzähle ich allen, dass Big Jimmy DiCarlo Angst vor Gespenstern hat.“

DiCarlo verzog das Gesicht.

„Mach mich nicht wütend, Baby!“, knurrte er. Aber schon die Art und Weise, in der er das sagte, verriet, dass er es wohl kaum noch schaffen würde, richtig wütend zu werden. „Du weißt, wie zornig ich werden kann!“, meinte er und gab sich Mühe, die Mundwinkel weit genug unten zu halten. 

„Du weißt, dass ich es mag, wenn du wütend wirst, Jimmy!“, gab Francine lachend zurück. Ihre makellosen Zähne blitzten dabei auf. Das Haar fiel ihr weit über die Schultern. Mit einer unnachahmliche Geste strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. Schon allein für die Art, wie sie das tat, mochte Jimmy DiCarlo sie.

„Du hast das noch nie erlebt, Schätzchen...“

„Ach nein?“

„Nein!“

Jimmy DiCarlos Gesichtsausdruck veränderte sich in diesem Augenblick schlagartig.

Seine Züge erstarrten.

Die Augen wurde unnatürlich groß und traten aus ihren Höhlen hervor. Eine Maske des gefrorenen Entsetzens entstand innerhalb eines Sekundenbruchteils. Er hob die Hand, wie in einer instinktiven Abwehrbewegung. 

Mitten auf seiner Stirn bildete sich ein kleiner roter Punkt, der rasch größer wurde. Francine ließ seinen Arm los und stieß einen Entsetzensschrei aus.

Jimmy DiCarlo schwankte noch einen Moment, eher er der Länge nach wie gefällter Baum zu Boden fiel und regungslos liegen blieb. Mit einem dumpfen Laut prallte sein lebloser Körper auf den Asphalt und blieb in unnatürlich verrenkter Haltung liegen.

Die Leibwächter bemerkten erst mit einer Verzögerung von ein bis zwei Sekunden, was geschehen war.

Sie rissen ihre Waffen heraus, duckten sich und stierten suchend in der Gegend herum. Zwei von ihnen beugten sich schützend über ihren am Boden liegenden Boss.

„Scheiße, Mann!“, rief der Größere von ihnen, der in geduckter Haltung neben dem reglos daliegenden Mann kauerte.

Er konnte gerade noch DiCarlos Tod feststellen, bevor es ihn selbst erwischte.

Ein Treffer in den Oberkörper ließ ihn über seinem Boss in sich zusammensacken. Die Kugel ging durch seinen Körper hindurch und riss ein blutiges Loch an der Stelle, an der sie austrat. Der Kleinere der beiden Leibwächter bekam einen Kopftreffer, der ihn augenblicklich tötete. 

Ein Angriff aus dem Nichts – ohne auch nur den Hauch einer Abwehrchance.

Francine stand für ein paar Sekunden wie angewurzelt und mit offenem Mund da. Sie wirkte völlig erstarrt und wagte es kaum zu atmen. Der Schock stand ihr überdeutlich ins Gesicht geschrieben.

Innerhalb weniger Augenblicke sanken auch die anderen Leibwächter getroffen nieder. Noch ehe sie so richtig begriffen hatten, aus welcher Richtung eigentlich auf sie gefeuert wurde, ging ein Ruck durch ihre Körper – wie bei Marionetten die an ihren Fäden aus dem Spiel genommen wurden. Ihre Körper klatschten anschließend leblos auf den Boden. Aus keiner ihrer Waffen war auch nur ein einziger Schuss abgegeben worden, um diesen Angriff abzuwehren.

Eine vollkommen lautlose Attacke.

Kein Schussgeräusch war zu hören. Passanten blieben stehen, realisierten erst mit einer Verzögerung von mehreren Augenblicken, was geschehen war und stoben dann in Panik auseinander.

Schreie gellten mit einer Verzögerung von weiteren Sekunden und pflanzten sich in der Menge fort, wie in einem Dominoeffekt.

Nur Augenblicke später schwoll dieses Schreien zu einem so ohrenbetäubenden Lärm an, dass selbst die stampfende Musik aus den Lautsprechern der Fahrgeschäfte darin unterging.

––––––––

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DA IST ES!“, SAGTE Milo und streckte die Hand aus.

Wir hatten uns sehr beeilt.

Es war später Nachmittag, als Milo und ich den Jamaica Bay Fun Park im Westen Brooklyns erreichten. Er lag auf dem Gelände eines ehemaligen Einkaufzentrums, das sich gegen die harte Konkurrenz nicht hatte durchsetzen können. Ob dies bei den Fahrgeschäften, die jetzt auf dem Gelände am Spencer Drive um Kunden warben, anders sein würde, war höchst zweifelhaft. Als Disneyland für Arme hatten die lokalen Medien den Park schon verspottet, der wahrscheinlich vorwiegend von Familien frequentiert wurde, die im Westen Brooklyns und an den angrenzenden Gemeinden Long Islands wohnten.

Dass sich jemand von außerhalb hier her verirrte, war kaum anzunehmen. Dazu waren die Riesenräder und Achterbahnen, mit denen man sich hier vergnügen konnte, einfach technisch gesehen nicht innovativ genug.

Mein Kollege Milo Tucker und ich mussten den Sportwagen, den uns die Fahrbereitschaft des FBI zur Verfügung stellte, in einer Seitenstraße abstellen und die letzten fünf Minuten zum Tatort zu Fuß gehen. Es herrschte ein unbeschreibliches Chaos. Sämtliche Zuwege des Parkgeländes waren hoffnungslos verstopft.

„Die letzten Meter sind mal wieder die Schlimmsten“, meinte ich.

„Da heißt es, sich durchkämpfen, Jesse!“, gab mein Kollege Milo Tucker zurück.

Kollegen des New York Police Department versuchten, das Durcheinander aus in Panik geratenen Passanten, die das Gelände so schnell wie möglich verlassen wollten und den Einsatzfahrzeugen der Polizei und des Emergency Service so gut es ging zu koordinieren.

Worum es auf dem Jamaica Fun Park im Groben ging, darüber hatte man uns bereits informiert.

Jimmy DiCarlo, ein Unterboss des Marini-Syndikats, war mit fast einem halben Dutzend Leibwächtern ermordet worden und wir hatten Grund zu der Annahme, dass dies Teil einer größeren Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Gruppen des organisierten Verbrechens war. Geldwäsche, Drogen und Waffen – das waren Gebiete auf denen sich die Marini-Familie unseren Erkenntnissen nach geschäftlich betätigte. Und das mit großem Erfolg, denn Marini hatte sich in der Hierarchie der New Yorker Unterwelt schnell nach oben geboxt.

Aber die Konkurrenz schlief nicht.

Insgesamt drei weitere Unterbosse des Marini-Syndikats waren innerhalb der letzten Monate umgebracht worden. Da konnte wirklich niemand mehr an einen Zufall glauben, zumal in allen drei Fällen dieselbe Waffe benutzt worden war.

Es sah ganz so aus, als wäre Jimmy DiCarlo die Nummer vier auf der Liste dieses unbekannten Killers, der in der New Yorker Unterwelt aufräumte.

Fragte sich nur, für wen er das tat. Das Ganze war vermutlich als Teil einer sehr viel umfassenderen Auseinandersetzung unterschiedlicher Syndikate aufzufassen, die sich kompromisslos und bis aufs Blut bekämpften, um die Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen.

Die Kollegen der City Police hatten den eigentlichen Tatort weiträumig abgesperrt. Milo und ich wurden gestoppt.

Ich zog meine ID-Card und hielt sie dem Kollegen entgegen.

„Jesse Trevellian, FBI“, stellte ich mich vor. „Dies ist mein Kollege Milo Tucker. Captain Rick Donovan vom 102. Revier hat uns angefordert.“

„Schön, dass Sie da sind. Sie werde schon sehnsüchtig erwartet“, sagte der Officer.

„Wir habe es leider nicht früher geschafft!“

„Kann ich mir denken. Um diese Zeit ist auf den Straßen der Teufel los, wenn man aus Richtung Manhattan unterwegs ist.“

„Das kann man wohl laut sagen!“

Der Officer deutete mit dem Arm und sagte: „Gehen Sie an dem Hot Dog Stand links bis zur Geisterbahn. Da ist es passiert.“

Ich nickte. „Danke.“

Wenig später hatten wir den eigentlichen Tatort erreicht. Außer den uniformierten Kollegen war dort noch etwa ein Dutzend Beamter vom 102. Revier anwesend. Dazu kamen noch die Ermittler der Scientific Research Division, dem zentralen Erkennungsdienst aller New Yorker Polizeieinheiten, dessen Hilfe auch das FBI häufig in Anspruch nahm.

Zwei dunkle Vans des Coroners hatten es irgendwie geschafft, bis hier zu gelangen. Wahrscheinlich würde noch ein dritter Wagen gerufen werden müssen, um alle Leichen abtransportieren zu können.

Uns bot sich ein Bild des Grauens.

Die Toten waren zwar bereits in Leichensäcke eingepackt  und zum Transport in die Gerichtsmedizin fertig gemacht worden, aber überall auf dem Asphalt ließen Spuren getrockneten Blutes erkennen, dass hier etwas Furchtbares geschehen war. Kreidemarkierungen zeigten uns, wo sie gelegen hatten.

Captain Donovan war ein rothaariger, etwas korpulenter Mann. Ich kannte ihn flüchtig. Wir waren uns hin und wieder begegnet, als er noch Lieutenant und stellvertretender Leiter der zweiten Homicide Squad des 12. Reviers in Downtown Manhattan gewesen war. Inzwischen war er Captain und hatte die Homicide Squad des 102. Reviers als Chief übernommen, nachdem der vorherige Amtsinhaber Captain Zach Gonella bei einer Schießerei ums Leben gekommen war.

Das war jetzt ungefähr ein Dreivierteljahr her.

„Hallo Jesse!“, sagte er und begrüßte auch Milo. „Nachdem wir die Identität eines der Opfers anhand seiner Papiere festgestellt hatten, war uns gleich klar, dass das ein Fall für euch ist.“

„So?“

„Schließlich gehört DiCarlo doch zum Marini-Syndikat und da liegt ein Zusammenhang dieses Mordfalls mit dem organisierten Verbrechen mehr als nahe.“

Ich nickte. „Jemand scheint systematisch Harry Marinis Unterbosse einen nach dem anderen ausschalten zu wollen“, stellte ich fest.

Er nickte. „Gangsterkrieg. Davon reden alle zurzeit.“

„Ja – und wahrscheinlich sogar erst der Anfang“, mischte sich Milo ein. 

„Die Umstände der Tat sprechen für einen Profi-Killer“, meinte Donovan. „Er muss von irgendeinem erhöhten Ort aus in rascher Schussfolge punktgenau getroffen haben. Keiner der Leibwächter konnte sich noch in Sicherheit bringen. Bis wir das Kaliber herausgefunden haben, müsst ihr euch noch ein bisschen gedulden.“

„Ich wette, das Ergebnis deckt sich mit den Fakten, die wir aus den anderen Fällen dieser Serie kennen“, glaubte Milo.

Donovan kratzte sich an den kurz geschorenen roten Haaren seines Hinterkopfs. „Ich nehme an, ihr habt da so etwas wie die Ouvertüre zu einem ausgewachsenen Blutbad am laufen.“

„Das einzige was mich dabei wundert, ist, dass Marinis Reaktion bislang sehr ruhig ausgefallen ist“, gab mein Freund und Kollege Milo Tucker zurück. „Jedenfalls ist uns von einer vergleichbaren Todesrate unter den Mitgliedern der Konkurrenz-Syndikate nichts bekannt.“

Donovan grinste schief.

„Marini mag darauf aus sein, sein Image als sauberer Geschäftsmann zu pflegen und nicht mit diesem blutigen Sumpf in Verbindung gebracht zu werden – aber irgendwann kommt der Punkt, an dem er zurückschlagen muss, wenn er die Autorität in den eigenen Reihen behalten will.“

„Von wo aus wurde geschossen?“, fragte ich. Einen Moment lang wunderte ich mich darüber, wie gut Donovan über Marini Bescheid wusste. Das meiste von dem, was bisher über Marinis Organisation bekannt war, konnte über das Datenverbundsystem NYSIS von alle Polizeieinheiten abgerufen werden – also auch vom Chief einer Homicide Squad in Brooklyn. Schließlich nützte eine noch so gute Bekämpfung des organisierten Verbrechens nichts, wenn diejenigen, die als erste am Tatort waren, den Zusammenhang nicht erkannten, den ein Tötungsdelikt zu bestimmten Bereichen der organisierten Kriminalität hatte. Wiederholt hatten wir vom FBI wertvolle Zeit verloren, weil die Brisanz einer Tat vor Ort nicht schnell genug erkannt worden war.

Donovan konnte man in dieser Hinsicht nun wirklich nicht das Geringste vorwerfen.

Er war mehr als wachsam gewesen und hatte sich erstaunlich gut über die Hintergründe informiert.

Donovan streckte den Arm aus und deutete zu einem zwanzigstöckigen Gebäude hinüber, von dem der Rohbau fertig gestellt war und unmittelbar an das Gelände des Jamaica Bay Fun Parks angrenzte. „Wir nehmen an, dass aus diesem Gebäude da vorne geschossen wurde. Jedenfalls muss es diese Richtung sein.“

Ich warf einen Blick hinüber und kniff die Augen zusammen.

„Muss aber ein guter Schütze gewesen sein – aus der Entfernung!“, stellte ich fest.

„Das sind schätzungsweise vierhundert Meter – falls von einem der höheren Etagen aus gefeuert worden ist - sogar noch mehr“, gab Milo zu bedenken.

„Falls der Kerl ein Scharfschützengewehr verwendet hat, ist das eine ganz normale Distanz“, meinte Donovan. „Und der Killer muss ein Scharfschütze gewesen sein. Die Schüsse folgten sehr schnell aufeinander, das er nur sehr wenig Zeit hatte, um zu zielen. Der Täter brauchte jeweils nur einen Schuss, um DiCarlo und seine Männer zu töten.“

„Das passt ins Muster“, stellte ich fest und wechselte dabei einen Blick mit Milo.

Bei den vorangegangenen Morden an Mitgliedern des Marini-Syndikats war immer dieselbe Waffe verwendet worden. Ein Spezialgewehr vom Typ MK 32, das nur in relativ kleiner Stückzahl hergestellt worden war. Die SWAT-Kommandos einiger Großstädte setzten diese Waffe ein. Außerdem hatte man kurzzeitig erwogen, die MK-23 für Scharfschützen in Spezialeinheiten von Army und Navy anzuschaffen. Böse Zungen behaupteten, dass dies an den besseren Beziehungen der Konkurrenz zum Pentagon gescheitert war.

Jedenfalls ging ich jede Wette ein, dass auch dieser Mord mit derselben MK-23 verübt wurde, mit der auch die vorherigen Morde an Unterführern des Marini-Syndikats begangen worden war.

Eine Bestätigung konnten wir dafür natürlich erst nach Abschluss der ballistischen Untersuchungen erwarten.

„Jimmy DiCarlo befand sich übrigens in Begleitung einer jungen Frau, wie mehrere Zeugen übereinstimmend ausgesagt haben“, berichtete Donovan.  „Blond und großbusig. Eine Art fleischgewordener Männertraum. Wir haben ein Phantombild angefertigt“, Donovan seufzte hörbar, bevor er fort fuhr. „Sie ist verschwunden.“

„Mal sehen, wie schnell wir sie finden, wenn wir sie in die Fahndung geben“, meinte ich.

Donovans Handy klingelte in diesem Augenblick. Er sagte mehrfach „ja“ und beendete das Gespräch schließlich wieder. Anschließend wandte er sich Milo und mir zu.

„Das war Lieutenant Grosvenor. Er glaubt, den Standort des Schützen gefunden zu haben.“

„Dann sehen wir uns das doch mal an“, schlug ich vor.

Donovan wies einen seiner Detectives an, ihn kurzzeitig zu vertreten. Dann folgten wir ihm quer durch den Jamaica Bay Fun Park und erreichten schließlich das angrenzende Gelände, auf den der Rohbau des zwanzigstöckigen Gebäudes. Das Gelände war mit einem mannshohen Bretterverschlag abgegrenzt, der mit Plakaten überklebt war. Darunter auch ein Hinweis, dass hier ein Bürohaus errichtet wurde, dessen Mieten im Vergleich zu den Preisen in Manhattan geradezu lächerlich waren.

Die Kollegen der City Police hatten den vernagelten Zugang zum Gelände aufgebrochen. Offenbar wurde hier schon seit einiger Zeit nicht mehr gearbeitet.

„Wusstet ihr, dass Jimmy DiCarlo sowohl am Jamaica Bay Fun Park als auch an diesem Büroturm finanziell beteiligt war?“, fragte Donovan fast beiläufig.

„Rick, man könnte meinen, du wärst diesem DiCarlo seit Jahren auf der Spur“, meinte ich mit einer Mischung aus Anerkennung und Verwunderung. „Du fährst nicht zufälligerweise Doppelschichten und arbeitest nebenbei noch für die DEA oder das FBI?“

Donovan grinste schief. „Dies ist mein Bezirk, Jesse, vergiss das nicht.“

„Verstehe.“

„Und in meinem Revier weiß ich einfach gerne Bescheid. Das ist nun mal so!“

„Ich wusste nicht, dass DiCarlo so viel Kleingeld übrig hatte, um sich Projekte dieser Größenordnung leisten zu können“, gestand ich zu.

„Er wird als Strohmann für Marini tätig gewesen sein“, glaubte Donovan. „Zumindest dieser Fun Park kann unmöglich Gewinne abwerfen, das sieht doch ein Blinder, Jesse. Die Riesenräder und Autoscooter, die man hier sehen kann, gehören doch ins Museum.“

Etwas in der Art hatte ich mir schon gedacht.

„Also ein Geldwäsche-Projekt!“, schloss ich.

„Worauf du Gift nehmen kannst!“ Er seufzte hörbar und fuhr dann fort: „Ich habe es nicht gern gesehen, dass dieser DiCarlo sich hier breit gemacht hat und ich hatte gleich das Gefühl, dass es Ärger geben würde...“

„Na, zumindest DiCarlo selbst ist dazu jetzt nicht mehr in der Lage“, warf Milo ein.

„Warten wir es ab“, knurrte Donovan. „Vielleicht ist ein toter DiCarlo sogar noch schlimmer als ein lebender.“

„Mal den Teufel nicht an die Wand!“, meinte Milo.

Ich konnte mir denken, worauf Donovan hinaus wollte.

Schließlich war anzunehmen, dass DiCarlos Ermordung nur Teil einer viel größeren Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Gangstergruppen war, die wohl ihre jeweiligen Einflusssphären und Märkte neu unter sich aufteilten und dabei offenbar ihre Meinungsverschiedenheiten hatten.

Donovan führte uns in den siebten Stock des Rohbaus. Ein paar in weiße Schutzoveralls gekleidete Kollegen der Scientific Research Division begegneten uns. Zementgeruch hing in der Luft. Frischer Staub bedeckte den Boden.

Einer der SRD-Kollegen kam auf uns zu.

Er hatte lockiges, dunkles Haar. Donovan schien ihn zu kennen und redete ihn mit „Reilly“ an.

„Wir haben einen sehr deutlichen Fußabdruck der Größe 43“, berichtete Reilly. „Das Profil der sehr auffälligen Sohle war sehr gut im Zementstaub erhalten. Allerdings können wir nicht ganz ausschließen, dass es sich nicht um Spuren des Killers sondern eines Bauarbeiters handelt.“

„Tragen die nicht eigentlich Sicherheitsschuhe?“, wandte ich ein.

Reilly nickte. „Die Betonung liegt auf dem Wort eigentlich. Aber viel zu viele halten sich nicht daran – vor allem Aushilfskräfte.“

„Hier wird seit Wochen nicht mehr gearbeitet“, wandte Donovan ein.

„Je nachdem, ob vielleicht gerader ein heftiger Wind durch den Rohbau pfeift, können sich solche Staubspuren durchaus über mehrere Wochen hinweg erhalten“, erwiderte Reilly. „Aber es gibt noch eine wichtigere Spur, die sie sich am besten selbst ansehen.“

Reilly führte uns über einen Korridor in einen großen, kahlen Raum.

Eine etwa einen Meter breite Bahn aus Folie führte zur Fensterfront, von der aus man den Jamaica Bay Fun Park überblicken konnte.

„Bleiben Sie bitte auf der Folie“, wies uns Reilly an. „Wir haben zwar den gesamten Boden fotografiert und gründlich abgesucht, aber es ist ja nicht ausgeschlossen, dass wir im nach hinein doch noch etwas finden, was von Interesse ist.“

Ich war der Erste, der den Folienpfad beschritt. Etwa einen halben Meter von der Fensterfront entfernt war ein Kreuz auf dem Boden zu sehen.

Es bestand aus sieben Patronenhülsen.

„Ich glaube, da will uns jemand etwas klar machen, Jesse“, raunte mir Milo von der Seite her zu.

Es fragte sich nur, ob wir schon in der Lage waren, diese Botschaft richtig zu deuten.

„Entweder der Kerl ist gläubig oder sehr zynisch“, murmelte Rick Donovan.

––––––––

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ZWEI STUNDEN SPÄTER waren wir zu Jimmy DiCarlos letzter Adresse unterwegs. Ich steuerte den  Sportwagen gerade über die Manhattan Bridge, die neben der Brooklyn Bridge und dem Brooklyn-Battery-Tunnel eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Manhattan und Brooklyn ist. Unter uns glitzerte der East River im milchigen Licht des Spätnachmittags.

Am Manhattan-Ufer führte die gigantische Brückenkonstruktion über den Elevated Highway. An einem Punkt, an dem sich Bowery, St. James Place und Canal Street treffen, senkte sich die Manhattan-Bridge nieder, nachdem wir mit ihrer Hilfe die südwestliche Hälfte der Lower East Side überquert hatten.

Ich bog mit dem Sportwagen in die Canal Street ein. Little Italy und Chinatown trafen hier aufeinander, wobei Little Italy schon seit Jahren einem Schrumpfungsprozess durchmachte, während sich Chinatown immer weiter Richtung Norden ausbreitete.

Jimmy DiCarlo hatte ein Penthouse Ecke Mulbury/Hester Street bewohnt.

Das Haus, in dem die Wohnung lag, verfügte über eine eigene Tiefgarage, sodass uns die in Manhattan ansonsten meistens ziemlich aufreibende Parkplatzsuche erspart blieb.

Mit dem Aufzug fuhren wir hinauf, nachdem wir uns zunächst mit dem privaten Security Service in Verbindung gesetzt hatten, der im Haus für Sicherheit zu sorgen hatte.

In dem Korridor, der zu DiCarlos Wohnung führte, erwarteten uns zwei schwarz gekleidete Security Guards.

Wir zeigten unsere Ausweise.

Die beiden Guards trugen Namensschilder, wonach sie Gonzalez und Dexter hießen. An der Seite trugen sie Revolver vom Typ Smith & Wesson Kaliber .38 Special, die auch uns vom FBI lange Zeit als Standardwaffe gedient hatte, ehe sie durch die feuerstärkere automatische Pistole P226 der Firma SIG Sauer ersetzt worden war.

„Wir haben leider keine Möglichkeit, das elektronische Schloss zu decodieren“, erklärte Dexter, der größere der beiden Security Guards.

„Ich dachte, das ist aus Feuerschutzgründen Vorschrift!“, meinte Milo.

Dexter zuckte die Schultern.

„Dies ist eine ziemlich exquisite Adresse und da rangieren Mieterwünsche vor irgendwelchen Vorschriften. Tut mir leid, wir werden die Tür aufbrechen müssen, was angesichts der ziemlich aufwendigen Sicherheitstechnik, die hier installiert wurde, nicht so ganz einfach werden dürfte.“

„Immerhin wissen wir, was installiert wurde!“, ergänzte sein Partner Gonzales.

Glücklicherweise hatten wir die Magnetkarte des Opfers bei uns. Die Kollegen der SRD hatten sie aus Jimmy DiCarlos Jackettinnentasche geborgen und gründlich nach Fingerabdrücken untersucht.

Ich nahm die Karte hervor und steckte sie in den dafür vorgesehenen Schlitz.

Die Tür öffnete sich.

Wir traten ein.

Schritten durch einen Korridor in das weiträumige Wohnzimmer, dessen Fensterfronten einem einen phantastischen Panoramablick über Little Italy lieferten.

Ein Geräusch ließ uns zusammenzucken und zur Waffe greifen. Innerhalb eines Augenaufschlags hatte ich die SIG in der Faust.

Die Tür zum Nebenraum – wahrscheinlich dem Schlafzimmer – stand halb offen.

Kein Laut war jetzt zu hören.

Ich bedeutete den Security Guards, die ebenso wie wir ihre Waffe gezogen hatten, ein Stück zurück zu bleiben.

Milo und ich pirschten uns an die halboffene Tür heran.

Wir wechselten einen kurzen Blick. In solchen Situationen verstehen wir uns ohne Worte. Dann weiß jeder, was der andere denkt. Eine besondere Art von Telepathie, wie sie wohl nur bei langjährigen Partnern im Dienst vorkommt. 

Milo nickte mir zu.

Ich trat die Tür zur Seite und stürmte mit der Pistole in der Hand in Raum. Innerhalb von Sekundenbruchteilen sondierte ich die Lage. Ein großes Wasserbett, ein ultramoderner Kleiderschrank in Metalloptik, ein Airbrush-Gemälde, das eine nackte Frau zeigte, die auf einem Drachen ritt und das in leicht abgewandelter Form auf den Tanks von ungezählten Harley-Bikern zu finden war.

Auf dem Wasserbett befand sich eine Reisetasche.

Eine weitere Tür führte zum Bad.

Ich schnellte vor, hatte die Badezimmertür im nächsten Moment erreicht und traf dort eine junge Frau mit langen blonden Haaren an.

Ich senkte die Waffe und zog stattdessen meine ID-Card.

„Jesse Trevellian, FBI!“, stellte ich mich vor. „Wer sind Sie?“

Sie schluckte und brauchte wohl erst ein paar Sekunden, um sich vor dem Schrecken zu erholen. Der Beschreibung nach war sie jene Frau, die sich in DiCarlos Begleitung befunden hatte, als auf den Captain in der Organisation von Harry Marini geschossen worden war. Sie trug Jeans, T-Shirt und darüber einen Blouson, der eindeutig für den Outdoor-Bereich gedacht war. Zusammen mit der Reisetasche auf dem Bett legte das den Schluss nahe, dass sie ihre Sachen gepackt hatte und nun gehen wollte. Latexhandschuhe, wie sie in Erste-Hilfe-Sets üblich waren, bedeckten ihre feingliedrigen Hände.

Ich bemerkte einen Eimer mit schaumigem Wasser, auf dessen Oberkante hing ein Lappen.

Offenbar hatte die junge Frau noch einmal alles gründlich saubermachen wollen, bevor sie dieses Penthouse auf Nimmerwiedersehen verließ.

„Mein Name ist Francine Benson“, sagte sie. „Und was tun Sie hier?“, fragte sie. Ihre Haltung entspannte sich etwas. Sie stemmte eine ihrer Hände in die Hüften.

„Jimmy DiCarlo, der Eigentümer dieser Wohnung ist vor wenigen Stunden erschossen worden“ erklärte ich. „Aber ich glaube, das wissen Sie schon.“

„Jimmy?“, fragte sie. „Er ist tot?“ Ihre Stimme klang belegt. Sie schluckte. Aber ich hatte allenfalls das Gefühl, es mit einer drittklassigen Schauspielerin zu tun zu haben. Gesamturteil: Nicht gefühlsecht. Sie machte denselben Fehler wie viele Anfänger. Sie trug einfach viel zu dick auf, als das man ihr hätte glauben können.

Ich sah ihr ins Gesicht.

Sie wich meinem Blick aus.

„Sie waren am Tatort, als es geschah, dafür gibt es mehrere Zeugen“, erklärte ich sachlich und kühl. „Also können Sie mir vermutlich mehr über den Tatverlauf sagen als ich Ihnen.“

Sie erwiderte jetzt meine Blick für einen kurzen Moment und schluckte.

Tränen glitzerten in ihren Augen. Sie begann zu schluchzen. Ich forderte sie auf, das Bad zu verlassen, was sie auch tat. Dann sank sie auf das Bett und saß dort wie zur Salzsäule erstarrt. Ihr Blick schien ins Leere zu gehen. Sie wirkte apathisch. Ein leichtes Zittern durchlief ihren Körper.

Milo bedachte mich mit einem tadelnden Blick. „Fass sie nicht so hart an“, schien dieser Blick zu sagen.

Für mich war die Situation im ersten Moment ziemlich eindeutig gewesen. Die junge Frau hatte das Chaos nach Jimmy DiCarlos Ermordung genutzt, um sich möglichst schnell davon zu machen und sämtliche Spuren zu tilgen, die hätten beweisen können, dass sie jemals mit DiCarlo in Beziehung gestanden, geschweige denn, seine Wohnung betreten hatte.

Sie hatte etwas zu verbergen.

Etwas, das sie davon abhielt, sich bei der Polizei oder dem FBI zu melden und von sich aus auszusagen, was sie gesehen hatte.

Möglicherweise war sie eine Prostituierte und da ihr Gewerbe zwar als das Älteste der Welt bezeichnet wurde, im Staat New York aber nach wie vor illegal war, fürchtete sie vielleicht eine rechtliche Verfolgung.

Ich holte tief Luft. Milo bedeutete mir mit einem Handzeichen zu schweigen. Er wollte diese Vernehmung ganz offensichtlich in die Hand nehmen.

Ich zuckte mit den Schultern.

Vielleicht erwies sich mein Kollege ja als sensiblerer Vernehmungsspezialist.

„Hören Sie, wir sind vom FBI und nicht vom Vice Department - wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Ein Ruck ging durch ihren sehr weiblichen und nahezu formvollendeten Körper.

Sie hob trotzig den Kopf.

„Natürlich weiß ich, was sie damit sagen wollen“, gab sie spitz zurück.

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