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Affenzirkus

J. Moldenhauer

Affenzirkus


Für alle, die an mich glauben und mein Tagebuch, das mir so oft Rat gibt.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Vorwort

Die Stadt ist ein Ort des Verdrängens, Vergessens und Vorbeitreibens.

Durch Hektik getrieben, vergessen wir, was vor unseren Augen geschieht.

Lassen uns vorbeitreiben an Menschen, die wir kennen.

Verdrängen, was unser Leben lebenswert macht:

Das Leben an sich, die Liebe und das Vertrauen ineinander.

Wenn irgendetwas uns verflucht hat, dann ist es doch die Großstadt gewesen, nirgends mehr geht die Einzelpersönlichkeit zugrunde als in diesen Stätten der Massensuggestion.

Gustav Stresemann (1878 – 1929), deutscher Politiker, Reichsaußenminister und Friedensnobelpreisträger von 1926

„Ich wusste auf dich ist Verlass.“

Kalter Sommerwind fegte durch die Straßen Berlins und streifte meine Nase. Ich raffte den olivgrünen Parka enger an mich, während mein Blick nervös umherwanderte. Keine Menschenseele, außer einem Penner, der hinter einer Mülltonne saß und an einem billigen Kaffeebecher nippte, kam bei diesem Wetter vor die Tür. Der widerliche Geruch von vergammelten Abfällen und ungewaschenem Menschen drang in meine Nase und ich beschleunigte meine Schritte. Ansonsten hätte ich dem Kerl vor die Füße gekotzt. Der Geschmack von Galle trat auf meine Zunge, doch ich zwang mich, die Übelkeit, die durch Nervosität verstärkt wurde, zu unterdrücken.

Ich wich einer zerbrochenen Flasche aus und erkannte vor mir das heruntergekommene Café mit seiner bröckeligen Fassade. Eine Gruppe junger Männer saß an einem kleinen, runden Tisch, der mit Bier zugestellt war. Suchend glitt mein Blick über den Boden, bis ich die Tasche entdeckte.

Schwarz, zerschlissen, in einer Ecke.

Mein Puls beschleunigte sich und ich wandte den Blick ab, zog die Kapuze tiefer ins Gesicht.

Die Beine bewegten sich wie von selbst auf die Männer zu und Milliarden von Alarmglocken läuteten in meinem Kopf. Ich hatte das reinste Konzert in den Ohren und war mir sicher, dass ich niemanden mehr hören könnte.

Einer der jungen Männer drehte sich zu mir um. Seine wolkengrauen Augen glitten über meinen Körper. Sein dunkelbraunes Haar war wild durcheinander, die Seite kurzrasiert. Eine Tätowierung war auf seinem Hals zu sehen und das nur, weil sein T-Shirt verrutscht war. Ich befahl mir, ihn nicht zu beachten und hoffte zugleich, dass er mich nicht erkannte. Seine Augen wirkten glasig, waren von Alkohol getränkt, der seine Wahrnehmung vernebelte. Das war wohl mein Glück.

Lautes Gelächter ging durch die Reihe, woraufhin der Kerl sich abwandte und wieder in das Gespräch einstieg. Mit gesenktem Kopf lief ich an dem Tisch vorbei, schnappte Gesprächsfetzten auf, die ich jedoch gleich wieder vergaß. Ich war nicht hier, um die Erfolgsgeschichten betrunkener Vollidioten aufzuschnappen. Nein, ich hatte etwas Anderes zu erledigen, auch wenn es mir nicht besonders gefiel. Ich ging weiter und dabei stieg mir das Aftershave meines Beobachters in die Nase.. Es roch irgendwie nach Wald.

Vertraut und gefährlich.

Konzentrier dich, Emma, ermahnte ich mich. Ich blieb vor einem Glaskasten stehen, direkt neben dem Rucksack. Mein ausgestreckter Zeigefinger landete auf der Scheibe, hinter der eine Karte hing. Mein Finger glitt darüber und nahm Dreck mit, der von Abgasen und Regenwasser stammte. Ich bückte mich ein Stück, tat so, als würde ich etwas ganz unten an der Karte lesen und griff mit der rechten Hand nach dem Rucksack. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass die Männer in ihr Gespräch vertieft waren. Ein bisschen Glück, mehr brauchte ich nicht.

Meine zittrige Hand schloss sich um den Stoffhenkel und ich biss die Zähne zusammen. Konnten sie so betrunken sein? So betrunken, dass sie nicht mitbekamen, wie ihnen etwas Wertvolles gestohlen wurde?

Ich hob den Rucksack an, richtete mich wieder zu meiner vollen Größe auf und drehte mich um. Ich presste das Gepäckstück fest gegen meinen Bauch. Hoffentlich sah es aus, als würde ich meinen Parka halten. Ich drehte den Kerlen den Rücken zu und machte mich auf den Weg. Obwohl mein Instinkt mir sagte, ich sollte los sprinten, widerstand ich dem Drang. Ich zwang mich, langsam zu gehen und wagte es nicht, einen Blick zurückzuwerfen. Erneut erfasste mich eine Windböe. Meine Kapuze löste sich und rutschte herunter. Geschockt beschleunigte ich meine Schritte. Vielleicht hatten sie es nicht gesehen. Vielleicht waren sie zu betrunken.

„Hey!“

Der laute Schrei ließ mich herumwirbeln. Ich erblickte die Jungs, die alle aufgestanden waren und sich umblickten. Nur der mit den wolkengrauen Augen deutete auf mich. Ich hatte den Rucksack vor lauter Panik nicht versteckt, sodass er deutlich zu sehen war. Alle schauten zu mir. Dann folgte ich schließlich meinen natürlichen Instinkten, drehte mich um und rannte los.

Ich brauchte nicht zurückzuschauen, um mich zu vergewissern, dass sie die Verfolgung aufgenommen hatten. Die Dunkelheit um mich herum wirkte plötzlich schützend und so versuchte ich, die Straßenlampen zu meiden. In den verlassenen Straßen hallten die Schritte meiner Verfolger wider. Mein Atem beschleunigte sich mit jedem Schritt und Adrenalin schoss durch meine Blutbahnen. Hinter mir riefen die Männer etwas, doch ich konzentrierte mich auf meine Füße, befahl mir, nicht zu stolpern.

Einzelne Lichter brannten in den Fenstern der heruntergekommenen Hochhäuser und ich fühlte mich durch ihre Größe in die Enge getrieben. Ich merkte, dass meine Verfolger näherkamen, schmiss mir deshalb den Rucksack über die Schulter und merkte sofort einen Unterschied. Ich hatte mehr Kontrolle.

Ein Schild lenkte meine Aufmerksamkeit auf sich, verleitete mich zu einer scharfen Linkskurve, bei der ich beinah das Gleichgewicht verloren hätte. Ich hielt mich an einem Zaun fest, drückte mich anschließend ab, um davonzukommen. Kaum war ich um die Ecke gebogen, wurde die Umgebung heller. Das hatten Hauptstraßen leider so an sich. Ich wagte einen Blick nach hinten und sah, dass der Typ mit den wolkengrauen Augen mir auf den Fersen war.

Ich sprintete erneut los und sah den Eingang zur U-Bahn. Zwei Stufen auf einmal nehmend, fiel ich fast und hielt mich gerade noch rechtzeitig am Geländer fest, um nicht zu fallen. Meine Chucks fanden keinen Halt auf den feuchten Fliesen. Vor wenigen Stunden hatte es ein Sommergewitter gegeben, das seine Spuren hinterlassen hatte. Bis eben hatte ich es noch nicht als schlimm empfunden.

Ich rutschte aus, krallte mich an jemandem fest, der sich vor mir befand. Ein älterer Herr stieß einen lauten Fluch aus, den ich ignorierte. Die Türen der Bahn würden sich jeden Moment schließen, deswegen stieß ich ihn zur Seite. Meine schmerzenden Muskeln forderte ich ein letztes Mal, drängte mich durch den dünnen Spalt und knallte gegen die gegenüberliegende, geschlossene Tür.

Mit weit geöffneten Augen, rasendem Herzen und schnellem Atem wirbelte ich herum. Die Türen hatten sich geschlossen. Der Kerl mit den wolkengrauen Augen stand davor, drückte auf den Knopf, der die Tür öffnen sollte, doch da setzte sich der Zug auch schon in Bewegung.

Wütend schlug er gegen das Fenster, woraufhin ich zusammenzuckte. Wutverzerrt blickte er mich an. Es dauerte einen Moment, bis er mich erkannte, dann blitzte Überraschung in seinen Augen auf. Ich presste mich gegen die Wand, während der Zug losrollte. Der junge Mann trat vom Zug zurück, blickte mir nach.

„Ist alles okay bei Ihnen?“

Ich drehte mich um und erblickte eine Studentin.

„Ja“, antwortete ich mit brüchiger Stimme und wartete darauf, dass mein Puls sich beruhigte. Ich hatte eindeutig keine Nerven für solche Stresssituationen. Aufgekratzt strich ich mir eine orangefarbene Strähne hinter das Ohr und befahl mir, tief Luft zu holen.

„Emma!“

Bei meinem Namen zuckte ich leicht zusammen. Zu meiner Erleichterung war es nur Robin, der auf mich zukam und mich an seine starke Brust drückte. Da ich diese enorme Menge an Adrenalin in meinem Blutkreislauf hatte, dauerte es einen Moment, bis ich reagierte und seinen vertrauten Geruch einsog.

„Hast du es?“, wollte ein großer Typ mit braunen Haaren wissen, der plötzlich aufgetaucht war. Seine nussbraunen Augen blickten mich erwartungsvoll an und sofort hatte ich einen fetten Kloß im Hals. Irgendwie schaffte ich es trotzdem, meinen schweren Kopf so zu bewegen, dass es wie ein Nicken aussah. Als er meine Geste entziffert hatte, verzogen seine sanften Lippen sich zu einem schiefen Grinsen, das mir den Atem raubte.

„Ich wusste, auf dich ist Verlass“, freute er sich und gleich darauf spürte ich seine Lippen an meiner Wange. Hitze durchströmte meinen Körper und mit rotem Kopf reichte ich ihm die Tasche. Ich war zu überrumpelt von den Gefühlen, die ich innerhalb der letzten Viertelstunde erlebt hatte.

„Ich hätte nicht gedacht, dass du das schaffst“, vernahm ich Ali, der sich neben mich stellte, während sich der braunhaarige, absolut heiße Typ namens Paul auf einem Sitz niederließ. Robin ließ mich auch los, musterte mich.

„Ich hätte es mir auch nicht zugetraut“, murmelte ich und lehnte mich wieder an die Wand. Ich stand zu sehr unter Strom, als dass ich mich hätte entspannen können. Mein Atem ging unregelmäßig und ich beobachtete Paul, der in die Tasche blickte, in der sich drei Kilo Gras befanden, die ich geklaut hatte.

„Du bist neu?“

„Scheiße!“, brüllte Robert und trat gegen einen Mülleimer. „Dieses kleine Stück Dreck hat nicht wirklich den Rucksack mitgenommen?!“

„Doch“, bestätigte ich ihm und fuhr mir durch meine sowieso schon zerzausten Haare.

„Wer zum Teufel war das Miststück?!“, wollte er wissen und deutete in die Richtung, in die der Zug verschwunden war. Er war ziemlich betrunken. In so einem Zustand neigte er zu unüberlegten Dingen.

„Keine Ahnung“, sagte ich schulterzuckend und schüttelte enttäuscht den Kopf. Ich sah den Anderen an, dass diese Geschichte sie mitnahm. Schließlich wusste keiner so genau, wie wir das Geld dafür auftreiben sollten. Es war das erste Mal, dass ich hatte mitkommen dürfen und dann passierte so was.

„Kacke!“, fluchte er und drehte sich um, um die U-Bahn-Station zu verlassen. Dabei gab er einige Beschimpfungen von sich, die von den hohen Decken widerhallten. Die Neonröhren erleuchteten die Halle, summten unruhig vor sich hin. Zu viert blickten wir Robert nach, der kurz vorm Durchdrehen war.

„Kriegen wir sie an der nächsten Station?“, hörte ich meinen Bruder Maik fragen, der weiterhin auf den Ausgang starrte.

„Bestimmt nicht. Bis wir da sind, ist die Tante längst über alle Berge“, gab Bastian zu bedenken. „Und du hast sie echt nicht erkannt?“, wandte er sich an mich, woraufhin ich den Kopf schüttelte. Ein Seufzen ging durch die Runde.

„Lasst uns Robert einfangen, bevor er noch Scheiße baut“, sagte Hendrick und setzte sich in Bewegung. Bastian folgte ihm, während Maik bei mir blieb.

„Du hast sie erkannt, oder?“, flüsterte er. Für einen Moment trafen sich unsere Blicke und ich hoffte, dass er mir keine Vorwürfe machen würde. „Bist du dir sicher, dass du niemanden verwechselst?“

„Glaub mir, dieses Mädchen würde ich blind erkennen“, antwortete ich leise und setzte mich zusammen mit Maik in Bewegung.

„Wer war es?“

„Rate“, murmelte ich, während ich die glatten Stufen hochstieg, auf denen sie sich fast langgemacht hätte.

„Kenne ich sie?“

„Ja“, bestätigte ich, griff in meine Hosentasche und nahm mir eine Kippe, die ich in den Mund steckte. Kalte Luft empfing uns oben und ich vergrub die Hand in meiner Jackentasche, während ich mit der anderen mein Feuerzeug an die Zigarette hielt.

„Tina?“, rätselte mein Bruder, doch ich schüttelte nur leicht den Kopf und nahm die Zigarette aus dem Mund.

„Nein, du kennst sie weitaus länger als Tina“, erklärte ich, schenkte ihm einen vielsagenden Blick und zog an der Zigarette. Rauch drang in meine Lunge und augenblicklich entspannte ich mich, bekam einen klaren Kopf.

„Doch nicht Emma“, sagte er ungläubig und hoffte vielleicht, dass ich ihm sagen würde, dass er falschlag. Stattdessen nickte ich langsam, blies den Rauch aus, der sich mit der kalten Luft vermischte. „Ich dachte, sie hat nichts mit den krummen Dingern von ihrem Bruder am Hut!“, knurrte er genervt und fuhr sich angespannt über seinen Dreitagebart.

„Scheinbar will sie mal ordentlich auf den Putz hauen.“

„Egal, was sie will. Behalt es für dich, bis Robert sich beruhigt hat. Sonst gibt es Blut“, ermahnte mich mein Bruder eindringlich.

„Keine Angst, der erfährt erst mal nichts von mir“, beruhigte ich ihn und blickte in den nachtschwarzen Himmel, dem sich die Wohnhäuser entgegenreckten. „Wenn du willst, steige ich morgen bei denen ein und hole den Rucksack zurück“, schlug ich hoffnungsvoll vor. Doch bevor die Worte meinen Mund verlassen hatten, kannte ich auch schon die Antwort.

„Vergiss es. Der Deal steht und daran lässt sich nichts rütteln“, gab er prompt als Antwort, woraufhin ich die Augen verdrehte.

„Verdammt, es wäre doch nur ein Tag!“, erwiderte ich wütend.

„Ja, ein Tag ist ein Tag. Schlag dir das gleich wieder aus dem Kopf, Flo.“

Er hatte dicht gemacht. Natürlich. Das machte er immer, wenn wir auf das Thema kamen.

„Das ist beschissene Erpressung“, knurrte ich, schnippte die Zigarette weg und starrte stur nach vorne.

„Von mir aus“, gab Maik gelangweilt zurück.

„Ach, leck mich doch!“, fluchte ich und machte auf dem Absatz kehrt.

„Wo willst du hin?“, rief mein Bruder mir nach. Doch ich ignorierte diesen Verräter. Mit schnellen Schritten lief ich die glatten Treppen hinunter, versuchte, meinen Wutausbruch unter Kontrolle zu halten.

Es gab nur einen Menschen, der mir jetzt helfen konnte. Ich zog das Handy aus der Hosentasche und fing an zu tippen, nachdem ich die passende Kontaktperson aufgerufen hatte.

Bist du an der Brücke?

Ich wartete, bis die SMS gesendet worden war und zu meinem Glück fuhr im selben Moment die U-Bahn ein. Die Türen öffneten sich, gaben dabei mechanische Geräusche von sich, die mir vertraut waren. Der Geruch von Schweiß stieg mir in die Nase und ich erblickte einen fetten Typen im Trainingsanzug.

Konnte der nicht duschen? Instinktiv wandte ich mich von ihm ab und nahm zwei Reihen entfernt Platz.

„Was soll das werden?“

Ich griff nach einer Spraydose, die auf dem Boden lag und betrachtete das Mädchen mit den dunkelblonden Rastalocken.

„Weiß ich noch nicht so genau. Ich lass es einfach laufen“, erwiderte sie konzentriert, drückte auf den Spraykopf und zog eine feine schwarze Linie über die Ziegelsteine. Ich lief über die abgenutzten Pflastersteine zu dem Mädchen mit den abgewetzten Chucks und dem Jungs-Sweatshirt. Fasziniert betrachtete ich das gigantische Gemälde, das sich über die Brücke zog.

„Sieht aus wie ein Fisch mit Hut“, erklärte ich nüchtern, wofür ich einen Seitenhieb kassierte.

„Werd ja nicht frech, Kleiner!“, ermahnte sie mich und packte die Dose in ihren Rucksack, der an der Mauer lehnte.

„Würde ich nie tun“, wehrte ich den Vorwurf schief grinsend ab. Ein strafender Blick traf mich, doch ich sah, dass ihre Lippen sich leicht verzogen.

„Hör auf rumzualbern und sag mir, was los ist.“

Manchmal hasste ich es, dass sie so direkt war und immer gleich auf den Punkt kam. Ich steckte die Hände in die Hosentasche und blickte wieder in den dunklen Himmel über uns. Wie schaffte sie es, bei Dunkelheit solche Bilder zu kreieren? Vielleicht hatte sie einen Röntgenblick? Doch ehe ich weiter darüber nachdenken konnte, räusperte sie sich laut.

„Ich habe keinen Bock auf Schule“, gab ich seufzend zu.

„Das hast du mir doch schon tausendmal gesagt. Ist das wieder eine deiner Trotzphasen oder ist etwas vorgefallen?“

Sie nahm ihr volles Haar und band es zu einem Zopf. Dabei ruhten ihre dunkelbraunen Augen auf mir. Sie kannte mich und manchmal trieb mich das in den Wahnsinn. Ich wandte den Blick ab, trat näher an ihr Gemälde heran und betrachtete die ausgefallene Malerei.

„Uns wurde Gras geklaut.“

„Viel?“, kam es prompt von Tina. Ich drehte mich schwermütig um und zuckte etwas hilflos mit den Schultern.

„Drei Kilo.“

„Kacke“, murmelte sie leise und ließ sich im Schneidersitz auf dem kalten und teilweise feuchten Boden nieder.

„Ich habe gesehen, wer’s war und könnte das Zeug zurückholen, aber Maik stellt sich quer, weil ich morgen meinen ersten Schultag im letzten Schuljahr habe. Als ob Abitur mir was bringen würde.“ Frustriert trat ich einen Stein beiseite, der gegen den Betonpfeiler der Brücke flog. Leider überdeckte er nicht völlig Tinas Aufstöhnen.

„Verdammt, Flo. Dein Bruder hat vollkommen recht, sieh das doch endlich ein. Dealen und so ein Mist bringt dich doch nicht weiter im Leben“, hörte ich sie zum hunderttausendsten Mal erzählen. Wieso hatte ich eigentlich gedacht, dass Tina mich verstehen würde?

„Fällst du mir auch noch in den Rücken?“

Ich wirbelte herum und betrachtete meine gute Freundin mit einem bitteren Lächeln. Sie brauchte nichts zu sagen. Der entschuldigende Blick und das Mitleid, das mir entgegenschlug, reichten aus.

„Na, herzlichen Dank auch“, knurrte ich sauer. Mit einer kochenden Wut in den Adern drehte ich mich um, hatte keine Lust mehr auf diesen beschissenen Tag. Scheinbar wollte heute jeder über mich und mein Leben bestimmen. Dabei war ich doch schon längst neunzehn!

„Du nimmst es mir doch nicht ernsthaft übel, dass ich dir eine gute Zukunft wünsch?“

Ihre Worte ließen mich innehalten, wie so oft. Ich starrte in die Dunkelheit, spürte ihren sanften Blick auf mir, der mich so oft behütet hatte. Tina war meine große Schwester und wusste, wie sie mich anpacken musste, wenn ich einen meiner bekloppten Anfälle hatte. Ein lauter Seufzer entfuhr mir. Natürlich nahm ich es ihr nicht übel.

„Nein“, gab ich leise zu und vergrub die Hände in der Jeans. Ich hörte, wie Tina aufstand und sich auf mich zubewegte. Sie blieb vor mir stehen, wartete darauf, dass ich den Mut fasste, sie anzuschauen. Dann schenkte sie mir ein ermunterndes Lächeln.

„Du wirst zur Schule gehen, dein Abi bestehen und etwas aus dir machen. Und sobald du deinen Macho-Trotz-Trip hinter dir hast, rede ich auch wieder mit dir.“

Ihre Worte unterstrich sie mit einem Schlag auf meinen Hinterkopf. Obwohl sie kleiner war als ich, hatte ich Respekt vor ihr und das wusste sie auch.

„Ja Mama“, sagte ich leise und kassierte dafür wieder einen Schlag.

„Hast du Mut gefrühstückt?!“, wollte sie wissen. Ich hob abwehrend meine Hände, was die junge Frau vor mir etwas beruhigte. Abschätzig musterte sie mich. Anscheinend hatte ich ihrer Meinung nach heute genug abbekommen, sodass sie sich umdrehte. „Wenn du die Nacht überleben willst, solltest du lieb sein. Wer weiß, was sich hier für zwielichtige Gestalten rumtreiben?“

Ich erkannte die Provokation, ersparte mir jedoch den Hinweis, dass ich wohl weitaus stärker war als sie. Diskussionen mit ihr waren nämlich aussichtslos, weil sie sich endlos in die Länge zogen. Am Ende war sie schrecklich beleidigt und darauf hatte ich heute Abend nun wirklich keine Lust.

„Aufstehen!“

Ich presste mein Kopfkissen auf die Ohren und ignorierte die Kälte, die sich um meine Beine ausbreitete.

„Lass mich“, knurrte ich meinen Bruder an, der am Kopfkissen zerrte und schon viel zu lange versuchte, mich zu wecken.

„Ich kann nichts dafür, dass du die Nacht zum Tag gemacht hast. Du hast gewusst, dass heute Schule ist, also beweg deinen verflixten Arsch aus deinem Bett oder ich rufe Tina an!“

Diese Drohung wirkte.

„Du bist ein Arschloch!“, murrte ich, setzte mich aber trotzdem auf. Wütend funkelte ich ihn an, hätte diesen triumphierenden Blick am liebsten aus seinem Gesicht geprügelt. Der Typ war manchmal wirklich zum Kotzen. Fast so schlimm wie Tina.

„Immer wieder gerne, Brüderchen“, sagte er, viel zu gut gelaunt und schloss meine Zimmertür hinter sich. Erschöpft fuhr ich mir durch die Haare und unterdrückte ein Gähnen. Das war doch der dümmste Deal, den ich hätte machen können. Das Frühaufstehen ging mir schon jetzt auf die Nerven und das stand mir noch ein ganzes Jahr bevor. Schlecht gelaunt stand ich auf, schnappte mir eine Jeans im Used-Look, griff nach einem schwarzen T-Shirt und schleppte mich aus meinem Zimmer.

„Morgen“, grüßte Bastian mich, was ich mit einem genervten Brummen abtat. Der Volldepp würde gleich nämlich wieder im Bett verschwinden, während ich in die bekloppte Schule musste.

Ich schloss die Badezimmertür hinter mir ab und gähnte dabei herzhaft. Der Morgen war zu laut, zu freundlich, zu früh. Ein Kater wäre mir lieber gewesen als das hier. Ich spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht und starrte die Person im Spiegel an.

Die Haare waren wild durcheinander, die grauen Augen noch halb geschlossen und die Gesichtszüge zeigten der Welt, dass der Tag scheiße angefangen hatte.

Der Spätsommer dieses Jahr war nicht besonders warm und langsam breitete sich eine Gänsehaut auf meinen Armen aus. Das Bad aus den Siebzigerjahren wirkte ziemlich erdrückend und obwohl die Vorstellung, in einem stickigen Klassenraum zu sitzen, mich noch weniger begeisterte als alles andere an diesem Tag, wollte ich aus dem winzigen Zimmer raus.

Ich beeilte mich mit dem Duschen - obwohl das Wasser angenehm war und der Gedanke, einfach stehen zu bleiben, unwiderstehlich erschien - bis es an der Badezimmertür klopfte. Verwundert über diese frühe Ruhestörung, die nur von einem der Deppen, mit denen ich zusammenwohnte, kommen konnte, öffnete ich genervt die Tür.

„Was willst du? Ich muss gleich zur Schule?!“, fuhr ich meinen Gegenüber an, ehe ich merkte, dass es sich um Robert handelte, der ziemlich bekifft aussah. Der Diebstahl nahm ihn wohl mehr mit, als er zugab.

„Halt deine Fresse, Flo.“ Mit dieser Ansage drückte er sich an mir vorbei und schob mich aus dem Bad. Ich konnte gerade noch nach meinem T-Shirt greifen, dann hatte der Typ hinter mir die Tür geschlossen. Jetzt hatte ich auch noch Robert angeschnauzt. Der Tag konnte nur eine Eins werden! Ich stieß einen Fluch aus, zog mir das Shirt über und griff nach der Lederjacke. Sollten die von mir verlangen, dass ich mitschrieb, sollten sie mir was zu schreiben mitgeben. Und damit basta.

Ich brauchte eine Zigarette, bevor ich diese Mörderanstalt betrat, die sich Schule schimpfte. Groß, modern und wahrscheinlich voller junger Menschen, die lernen wollten, prangte sie mir entgegen. Ich gehörte hier also definitiv nicht hin, was den letzten Punkt anging. Langsam breitete sich der Rauch der Zigarette in meiner Lunge aus. Entspannt schloss ich die Augen und ließ die Wolke aus meinem Mund gleiten. Schon jetzt wusste ich, dass das hier der reinste Höllenritt für mich werden würde.

„Hast du Feuer?“

Die Frage riss mich aus meinen apokalyptischen Gedanken und ich richtete meine Aufmerksamkeit auf den jungen Typen, der neben mir stand. Er trug eine enge Jeans und ein lockeres, kariertes Hemd. Seine Haare waren etwas länger und zur Seite gegelt. Zu schmierig für meinen Geschmack.

„Klar“, murmelte ich, steckte mir den Glimmstängel in den Mund und zog mein Feuerzeug aus der Hosentasche. Ich reichte es ihm, er zündete sich die Zigarette an. Er musterte mich, reichte mir das Feuerzeug und blies einen Schwall Rauch aus.

„Ich hab dich hier noch nie gesehen. Bist du neu?“

Seine Stimme klang rau und ich beantwortete seine Frage mit einem Nicken, während ich erneut einen Zug nahm.

„Hab gewechselt und bin jetzt in der Zwölften“, erklärte ich dem freundlichen Typen, dessen hellblaue Augen auf mir ruhten.

„Willkommen in der Hölle“, erklärte er grinsend, was ich mit einem schiefen Lächeln erwiderte. Scheinbar gab es wenigstens einen vernünftigen Kerl auf dieser verdammten Schule. „Was hast du für LKs gewählt?“

„Englisch und Sport. Du?“, fragte ich den Typen in Hemd.

„Physik und Sport.“ Zufrieden verzogen seine Lippen sich. „Ich bin übrigens Justus“, stellte sich der bisher Namenlose vor.

„Flo“, erwiderte ich, nahm einen letzten Zug und schnippte die Zigarette weg.

„Ich nehme an, das kommt von Florian?“, riet er, machte seine Zigarette ebenfalls aus und ließ sie in einen Gullydeckel fallen.

„Richtig geraten.“

Er grinste schief und holte tief Luft. „Na, dann zeig ich dir mal den Eingang zur Anstalt.“

„Das klingt doch schon mal gut“, hörte ich mich sarkastisch sagen und hielt Schritt mit Justus, der nicht besonders begeistert wirkte, was sich in seinem Tempo widerspiegelte.

„Die Sommerferien sind zu Ende. Da ist auch nichts Positives dran“, sagte er angesäuert und führte mich über den Schulparkplatz, auf dem sich schon Massen an Schülern tummelten. Ich betrachtete im Vorbeigehen das ein oder andere nette Mädchen, hatte allerdings keine Zeit, die Damen näher auszukundschaften. Beschissene Schulglocke. Justus öffnete die Glastür und wir betraten eine große Halle, in der eine Menge motivierter Schüler stand.

„Darf ich vorstellen: Charlotte, Marlon, Julian und Lea.“

Vor mir standen vier Personen. Charlotte war klein, hatte nette Kurven und wasserstoffblondes Haar. Sie war kleiner als der Junge, der neben ihr stand und wirkte schlecht gelaunt, was sie sympathisch machte. Ihre Klamotten wirkten wild zusammengewürfelt.

Mein Blick wanderte zu dem Typen mit den kurzrasierten braunen Haaren. Er hatte einen Bart, der scheinbar die Kopfhaare ersetzen sollte. Seine türkisfarbenen Augen stachen krass hervor und ich konnte schon jetzt sagen, dass er ein Frauenschwarm war. Mit diesen Augen konnte er so ziemlich jede um den Finger wickeln.

Neben Marlon stand Julian. Er hatte eine dieser Nerd-Brillen, schien aber was von Klamotten zu verstehen. Er trug eine Röhrenjeans, dazu ein grünes T-Shirt und eine schwarze Strickjacke. Immerhin gab er sich Mühe, aus seinem Aussehen etwas zu machen. Dazu war ich zu faul.

Entweder die Frauen flogen auf mich oder nicht. Seine Frisur assoziierte ich mit James Dean. Und dann war da noch diese zierliche Gestalt. Die junge Frau namens Lea sah aus, als käme sie aus einer Modezeitschrift und ihre braunen Haare fielen in leichten Wellen über ihre Schultern. Die Bande, die hier vor mir stand, hätte nicht unterschiedlicher sein können.

„Das ist Flo“, stellte mich Justus der Runde vor.

„Hi“, sagte ich, steckte die Hände in die Hosentasche und blickte mich um.

„Du bist neu?“, wollte Lea wissen und strich sich eine braune Haarsträhne hinters Ohr. Ich nickte stumm, während sie mich kritisch musterte. Sollte sie doch. Auf Modepüppchen hatte ich keine Lust und auch kein Interesse dran.

„Was hast du für LKs?“, mischte Julian sich ein und rückte die Schultasche auf seiner Schulterzurecht.

„Sport und Englisch“, erklärte ich ein weiteres Mal.

„Ich habe auch Sport“, sagte der Kerl mit den türkisfarbenen Augen und lächelte mich freundlich an. Wenn die doch nur wüssten, dass mich das überhaupt nicht interessierte. Eigentlich hatte ich keinen Bock auf den Mist und wollte in mein Bett.

„Wo ist unser Sonnenschein?“

Fragend glitt der Blick von Justus zu den Anwesenden, die nur mit den Schultern zuckten.

„Ich bringe unsere Sonne um, wenn sie heute wieder so verdammt gute Laune hat“, murrte die Wasserstoffblonde. Jemand, der morgens gute Laune hatte? Das war ja nicht zum Aushalten! In diesem Moment beschloss ich, die unbekannte Person zu verabscheuen.

„Ich verstehe nicht, wie man jeden Morgen so gut drauf sein kann“, fügte Marlon mit einem leicht verzweifelten Unterton hinzu.

„Gendefekt“, scherzte Julian, woraufhin kleine Lacher durch die Runde gingen.

„Na, da kommt die Sonne doch schon.“

Ich folgte den Blicken der Anderen, jedoch versperrte mir jemand die Sicht. Ein glockenhelles Lachen drang an meine Ohren und ließ mich aufhorchen. Die Person drängte sich zwischen Charlotte und Julian.

Die Haare hatte sie in einem lockeren Dutt gesteckt, ihre olivgrünen Augen strahlten, genau wie sie selbst. Die Lippen waren zu dem bestgelauntesten Lächeln verzogen, das ich je gesehen hatte.

„Guten Morgen, ihr Morgenmuffel!“, begrüßte die junge Frau mit den orangefarbenen, lockigen Haaren die Runde und strahlte alle nacheinander an. Ihre grünen Augen glitten über jeden Einzelnen. Und als sie mich erblickte, erstarb ihr Lächeln.

Weggewischt, ausgelöscht wie eine Datei.

Fassungslos und völlig schockiert realisierte sie, dass ich hier stand. Und ich merkte, dass sie vor mir stand. Die junge Frau, die uns bestohlen hatte, die für meinen halben Nervenzusammenbruch verantwortlich war. Wir starrten einander an und konnten nicht begreifen, wer der jeweils Andere war, obwohl wir uns einst so gut gekannt hatten.

„Ich weiß ja, dass er nicht schlecht aussieht, aber hör doch auf, ihn so anzustarren“, flüsterte Charlotte Emma zu, die einen Moment brauchte.

„Was?“, brachte sie verwirrt hervor, während ihre Freunde die Augen verdrehten.

„Das ist Emma. Der nervigste Sonnenschein der Welt und eine Streberin“, stellte Justus mir mein Gegenüber vor. Ich schenkte ihr ein schiefes Lächeln, was noch mehr Verzweiflung in ihr aufkommen ließ - dessen war ich mir sicher und das verriet auch ihr Gesichtsausdruck. Nervös krallten sich ihre Hände in den olivgrünen Parka, den ich an ihr schon kannte. Sie hatte Angst und keine Möglichkeit wegzurennen. Ich konnte mir ein hinterlistiges Grinsen gerade noch so verkneifen. Vielleicht hatte es auch seine gute Seite, zur Schule zu gehen. Zum Beispiel, wenn die Schwester der Rivalen mit mir zusammen in den Jahrgang ging.

„Hallo Emma. Ich bin Flo“, begrüßte ich meine alte Bekannte.

„Ich würde sagen, Bad Boy oder Arschloch.“

Himmel. Arsch. Und. Zwirn.

Das konnte nicht sein. Unmöglich. Eher würden Obama und Putin gemeinsam Kekse backen, als dass dieser Kerl an meine Schule kommen würde. Schule! Der wollte doch gar nicht hier sein! Was machte er hier? Wollte er seine Drogen zurück? Oder hatte er vor, mich zu erpressen? Was auch immer es war, er würde es bekommen. Hatte ich denn eine Wahl, wenn ich mein Leben weiterhin so führen wollte? Ich hatte eine verdammte Angst davor, dass ich alles verlor, was ich mir aufgebaut hatte. Denn im Gegensatz zu ihm hatte ich etwas zu verlieren.

„Hallo“, brachte ich mit einer viel zu piepsigen Stimme hervor und hätte mich dafür gleich erschlagen können. Jetzt roch Florian meine Angst nicht nur, sondern hörte sie auch noch. Super gemacht, Emma! Natürlich konnte ich meinen Blick von dem Typen mit den kurzen Haaren nicht abwenden. Sein unerwartetes Auftauchen war zu real und gleichzeitig unendlich bedrohlich.

„Alles okay? Du wirkst ein wenig verstört“, murmelte eine vertraute Stimme an meinem Ohr. Ich ignorierte Charlotte und ihr wasserstoffblondes Haar, das mich kitzelte.

Verstört? Ich sollte verstört wirken? Ich stand höchstens kurz vor einem Nervenzusammenbruch oder einer Panikattacke, aber verstört? Nein, bestimmt nicht.

Justus musterte mich, zog dabei seine Augenbrauen langsam hoch und wandte sich an seinen Begleiter. Weiterhin erstarrt wie eine Steinfigur, an die jeder Hund pinkeln konnte, starrte ich den Kerl an.

„Sie ist manchmal ein wenig komisch“, erklärte er vorsichtig, wobei Florians Mundwinkel sich leicht verzogen. Natürlich. Ihn amüsierte das, weil er wusste, dass er der Auslöser für mein komisches Verhalten war.

„Das macht doch nichts. Solange sie keine Diebin oder Dealerin ist, komme ich bestimmt gut mit ihr klar“, sagte er belustigt und meine Freunde unterstützten ihn, indem sie leise Lacher von sich gaben. Es war, als würde alles, was er sagte, erst durch Wackelpudding gleiten, bevor es zu meinem Hirn durchdrang. So dauerte es eine Ewigkeit, bis ich seine Worte begriff.

Dealerin.

Diebin.

Die Wörter blieben hängen und in meinem Magen bildete sich ein Kloß. Da waren sie. Die ersten Anspielungen.

„Emma ist das unschuldigste Ding, das dir jemals untergekommen ist, glaub mir“, vernahm ich Julian, der sich durch seine schwarzen Haare fuhr und schief grinste. Ich starrte für einen Augenblick den Jungen mit der Nerd-Brille an, ehe meine Augen erneut zu dem großen Typen mit den Tattoos wanderten. Dieser fixierte mich mit seinen wolkengrauen Augen, die meine Atemwege zuschnürten.

„Dann bin ich ja beruhigt.“

Seine Worte klangen wie eine Drohung, die nur ich verstand. Wer außer mir hätte es auch verstehen können? Diese raue Stimme klang gefährlich in meinen Ohren, hallte noch nach, als mich plötzlich jemand anstieß.

„Komm schon, Ems. Vollversammlung“, riss Marlon mich aus meinen Gedanken. Seine türkisfarbenen Augen suchten meine, doch ich wich ihnen aus. Er hatte einen siebten Sinn, was Gefühle und zwischenmenschliche Beziehungen anging. Derzeit brauchte ich seine Fragen und Analysen nicht und so nickte ich, wartete, bis er und Julian vorgegangen waren. Ich tat so, als würde ich auf Charlotte warten, und drehte mich um.

Sein Blick traf mich wie ein Messerstich. Mein Herz setzte aus, während er langsam mit Justus an mir vorbeilief. Der Geruch nach Wald drang an meine Nase und sofort hatte ich ein Bild vor Augen. Er saß an dem Tisch, das Tattoo wurde nur halb verdeckt und er betrachtete mich abschätzig. Die Angst kroch meinen Rücken hoch, obwohl ich den Rucksack längst geklaut hatte.

„Was ist heute bloß los mit dir?“

Ich spürte, dass Lea nach meinem Arm griff und mich in den Strom der Masse zog. Ich geriet ins Stolpern und fiel nur deshalb nicht, weil ich eingeengt war und keinen Platz hatte, mich auf dem Boden auszubreiten. Ich blickte auf. Ihre dunkelbraunen Augen zeigten, wie irritiert sie war. Natürlich. Sie kannte mich nicht so verwirrt, durcheinander und verängstigt.

„Ich bin heute irgendwie schwer von Begriff“, redete ich mich raus und schenkte ihr ein entschuldigendes Lächeln. Meine Beine fühlten sich schwer an, während ich die Treppe hochstieg. Sie warf ihr braunes, welliges Haare über ihre Schulter und betrachtete mich misstrauisch.

„Ich habe keine Ahnung, was gerade in dir vorgeht und ich will es diesmal auch nicht wissen, aber das nächste Mal bist du uns allen eine Erklärung schuldig.“

Es war weder eine Frage noch eine höfliche Aufforderung. Es war eine Feststellung, die keinen Widerspruch zuließ. Doch sie ahnte nicht, wie wenig sie über mich wusste. Keiner von ihnen ahnte das.

„Mann, war das peinlich! Steht da so ein heißer Typ und du siehst aus wie ein verschrecktes Kindergartenkind“, murmelte die Schönheit und schüttelte leicht entsetzt den Kopf. „Du warst weder bei Marlon noch bei Julian so verschreckt. Haben die Tattoos dir etwa den Rest gegeben?“

Ich schüttelte leicht meinen Kopf, trat in die Aula ein und löste mich ohne ein weiteres Wort von ihrer Seite. In meinem Rücken spürte ich den leicht verzweifelten Blick meiner Freundin. Ich stöhnte genervt auf, ließ mich auf einen freien Stuhl fallen, der am Ende der Reihen stand, was sich meinem Nachnamen zu verdanken hatte. Wenn man Winter hieß, saß man so ziemlich immer hinten.

Ich vergrub das Gesicht in den Händen und atmete tief durch. Sein Gesicht vor Augen und der Vorwurf, der in den Worten mitschwang, hatte sich in mein Gedächtnis gebrannt. Trotzdem verzogen sich meine Lippen zu einem bitteren Lächeln. Als ob mich so ein Bad Boy mit seinen Tattoos abschrecken würde. Gerade mich. Ich stieß ein genervtes Schnauben aus. Ich lebte mit den bösen Jungs zusammen, da würde mich sein Aussehen bestimmt nicht aus der Bahn werfen.

„Darf ich erfahren, weshalb du so grinst?“

Mein Kopf wirbelte herum, wobei der Dutt leicht verrutschte. Er blickte nach vorne, ignorierte mich und die Tatsache, dass sein Arm meinen leicht berührte, war wie ein überraschender Stromschlag und ich wich reflexartig ein Stück zurück. Seine Mundwinkel zuckten, als er meine Bewegung registrierte. „Angst?“

Er sprach diese Frage leise aus, sodass sie wie Eiswasser meine Glieder entlangfloss und mich erstarren ließ. Aber ich durfte es mir nicht anmerken lassen. Das würde ihn nur bekräftigen in seiner Machtposition, die er derzeit leider innehatte. Das musste ich mir selber eingestehen.

„Niemals“, zischte ich den Typen neben mir an. Er zog seine Augenbrauen nach oben, wirkte überrascht über meine Reaktion. Diese Überraschung teilte ich mit ihm und blinzelte verwirrt, bis ich mich wieder gefangen hatte. „Und jetzt verzieh dich“, knurrte ich möglichst leise, während eine Reihe an Mitschülern auf den Stühlen neben mir Platz nahm.

„Tut mir leid, aber da ich neu bin und noch keinen Platz zugewiesen bekommen habe, muss ich ganz hinten sitzen. Und da ich absolut keine Ahnung von alldem hier habe, wirst du mir das hier erklären müssen“, sagte er entspannt und lehnte sich zurück. Fassungslos starrte ich Florian an, der das todernst zu meinen schien und mir damit den Morgen verdarb. Das konnte doch nur ein Scherz sein!

Ich wollte gerade zum Protest ansetzen, als die Stimme des Schulleiters ertönte. Ich wandte mich von Florian ab und versuchte, mich auf die wichtigen Informationen zu konzentrieren. Doch allein seine Anwesenheit erschwerte das, denn in meinem Kopf schwirrte eine Anklage rum, die ich nicht vertreiben konnte.

Diebin.

Und ich konnte es nicht mal abstreiten.

Ich sprang von meinem Platz auf, warf mir meine Tasche über die Schulter und wollte davonstürmen, doch ich hatte die Masse unterschätzt, die aus der Aula wollte und zur Tür gestürmt war. So stand ich am Ende und hoffte, dass mich niemand sah. Dieses Glück sollte mir natürlich nicht vergönnt sein.

„Frau Winter?!“ Ich blieb stehen, schloss einen Moment die Augen und hoffte, dass mich die Masse verschlingen würde. Doch die Menschen gingen an mir vorbei, ließen mich unbeeindruckt stehen, während ich mich umdrehte. Ein älterer, aber durchtrainierter Herr mit grauen Schläfen lächelte mich an. Trotz einzelner grauer Strähnen hatte er dichtes, schwarzes Haar und wenige Falten. Er war Ende dreißig und mein Sportlehrer. Für sein Alter durchaus attraktiv.

„Ja, Herr Meyer?“, fragte ich höflich, ignorierte den Typen mit Tattoo, der neben ihm stand und mich angrinste.

„Wären Sie so nett, Herrn Roth die Schulbücher zu organisieren?“ Ich starrte meinen Lehrer an, der schon längst wusste, wie meine Antwort lauten würde. Die blauen Augen von Herrn Meyer fixierten mich und warteten auf die Antwort. Ich biss mir kurz auf die Zunge und verzog meine Lippen zu einem Lächeln. Die Grimasse, die dabei entstand, kam immerhin teilweise an mein ursprüngliches Verhalten ran.

„Natürlich, Herr Meyer“, stimmte ich trotz großen Unmuts zu. Der große Mann nickte zufrieden und wandte sich Florian zu, der mich nicht aus den Augen gelassen hatte.

„Dann werde ich Sie mal der Dame überlassen. Wir sehen uns ja gleich alle im Unterricht“, verabschiedete sich der Lehrer von seinem neuen Schützling. Florian schenkte dem Lehrer ein Lächeln, bis dieser verschwunden war. Danach wanderten seine Augen zu mir und innerlich verfluchte ich ihn für sein Aufkreuzen.

„Sport Leistungskurs also. Das erklärt immerhin, wieso du so schnell bist“, meinte er leise, während sein kalter Blick meine Körpertemperatur um drei Grad senkte. Was sollte ich auf so eine Aussage antworten?

„Ich war das nicht.“

Die Augenbrauen meines Gegenübers zogen sich nach oben, während ich meine schnelle Zunge am liebsten unter kochendes Wasser gehalten hätte, um weitere Geschwindigkeitsunfälle zu verhindern.

„Nicht? Grüner Parka? Schwarze Tasche? Flucht in eine U-Bahn? Da macht’s nicht Klick?“ Energisch schüttelte ich meinen Kopf, verbat meinem Mund, sich auch nur einen Millimeter zu öffnen. Florian biss sich auf seine Lippen, ehe diese sich zu einem schiefen Grinsen verzogen, das nichts Gutes verheißen konnte. Das hatte es noch nie und würde es auch nie.

„Wobei soll’s Klick machen?“

Türkisfarbene Augen schauten neugierig zwischen mir und Florian hin und her. Wieso musste Marlon sich in alles einmischen?! Florians Augen hafteten an mir, warteten auf meine Ausrede.

„Ein Film“, kam es über meine Lippen, während Justus sich zu uns gesellte.

„Film?“, wiederholte Marlon mit einem skeptischen Unterton, der mir nicht entging.

„Ja. Ein Film, in dem ein grüner Parka, eine schwarze Tasche und eine Straßenbahn vorkommen. Ich würde auf Bourne tippen. Liege ich richtig?“, plapperte ich weiter, schaute den Typen in der Lederjacke an und betete, dass er mitmachte. Dieser verzog einen Moment keine Miene, brachte meinen Herzschlag auf ein ungewohntes Tempo. Ich war kurz vor einem Kollaps.

„Ja. Das ist im zweiten Bourne-Film.“ Mein Herzschlag setzte einen kurzen Moment aus und vor Erleichterung hätte ich umkippen können. Marlon und Justus sahen ein wenig irritiert aus.

„Egal. Komm, wir müssen deine Bücher holen.“

Bevor auch nur eine Diskussion oder irgendwelche Fragen aufkommen konnten, hatte ich mich umgedreht und war vorrausgegangen.

„Wir kommen mit.“ Ich kniff die Lippen zusammen.

„Ihr solltet lieber schon zum Unterricht gehen. Herr Meyer bringt euch um, wenn ihr so weitermacht wie letztes Jahr“, versuchte ich, meine beiden Freunde abzuwimmeln, die von meinem Vorschlag absolut nichts zu halten schienen.

„Du bist doch bei uns, Emma“, säuselte Justus und legte seinen durchtrainierten Arm um meine Schulter. Er drückte mich leicht an seine Seite und schenkte mir ein verführerisches Lächeln, das seine Wirkung um Längen verfehlte. Genervt verdrehte ich meine Augen und warf den Jungs stumm eine Flut an nicht jugendfreien Schimpfwörtern an den Kopf.

„Und deshalb wird Herr Meyer uns nichts tun. Du weißt doch, dass der denkt, dass du einen guten Einfluss auf uns hast“, erklärte Marlon seine Theorie, die ich schon in- und auswendig kannte. Das Problem war, dass sie damit gar nicht so falsch lagen. Bisher hatte Herr Meyer nie mit mir geschimpft oder mich zu irgendwelchen Strafarbeiten verurteilt, was aber auch daran liegen könnte, dass ich nie Scheiße baute. Ich war nun mal vernünftig, im Gegensatz zu den meisten meiner Freunde. Wobei das auch nicht völlig korrekt war. Aber das mussten die nicht unbedingt wissen.

„Echt? Wenn sie dabei ist, bekommt ihr keinen Anschiss?“, wollte Florian interessiert wissen. Ich sparte mir eine Antwort, denn am Ende wäre ich sowieso wieder die Dumme. Was sinnlose Argumente und Diskussionen anging, waren Justus und Marlon unschlagbar.

„Es ist kein Wunder, dass sie so von Herrn Meyer behandelt wird. Sie ist eine kleine Streberin und dazu noch das einzige Mädchen im LK“, informierte Justus Florian über meinen Stand im Kurs.

„Das einzige Mädchen?“, wiederholte Florian ein wenig ungläubig, während wir über die verlassenen Schulflure liefen.

„Ja, Emma ist die weibliche Elite im Sport-Lk. Die anderen beiden Damen haben sie allein gelassen. Allerdings kann ich die beiden verstehen. Bei solchen durchgeknallten Jungs wäre ich auch abgehauen.“

„Abgehauen?“ Florian blickte zweifelnd zu unseren beiden Begleitern, die oft Schwachsinn redeten.

„Quatsch. Die eine ist sitzengeblieben und die andere umgezogen“, warf ich zum ersten Mal ein und klopfte an die Tür vor mir. Manche Sachen mussten einfach mal klargestellt werden. Einen Moment traf das Wolkengrau seiner Augen auf mein Olivgrün und ich meinte, so etwas wie Interesse zu erkennen. Doch sobald ich diesen intensiven Blick bemerkte, wandte ich meinen Blick ab.

Ein verschlafener Mann mit Halbglatze öffnete die Tür und beäugte uns kritisch. Er richtete seine schiefe Brille und fuhr sich mit der Hand anschließend über den blonden Schnäuzer. Er brummte etwas, das ich als einen Gruß deutete und so schenkte ich dem Herrn ein Lächeln. Vielleicht hob ich dadurch seine Laune ein bisschen. Denn was war schlimmer als schlechte Laune am Morgen? Richtig. Nix.

„Einen wunderschönen guten Morgen. Wir bräuchten ein paar Bücher für Florian Roth. Er müsste auf Ihrer Liste stehen“, informierte ich den Mann, der meine Aussage nickend zur Kenntnis nahm. Er wandte sich ab und verschwand in seiner persönlichen Bücherei. Die verwirrten Blicke von Marlon und Justus waren auf mich gerichtet, während ich mich gegen die Wand lehnte.

„Was habe ich denn jetzt wieder gemacht?!“, zischte ich.

„Woher kennst du seinen Nachnamen?“

Die Frage von Marlon warf mich einen Moment aus der Bahn. Ich blinzelte verwirrt, versuchte, mir eine Antwort zurechtzulegen. Abwartend stand Florian nur daneben und beobachtete mich. Wie hätte es auch anders sein können?

„Herr Meyer hat ihn eben beim Nachnamen genannt“, platzte es aus mir heraus und ich hätte mich selber abknutschen können für mein geniales Gedächtnis. Sie nickten und wandten sich Florian zu, der ein Grinsen unterdrückte. Meine Situation genoss er, das wusste ich. Jede Schweißperle, die mir aus Angst den Nacken herunterlief, betrachtete er fasziniert wie ein Naturschauspiel. Vollidiot!

„Also Flo, erzähl uns mal ein bisschen was von dir. Was machst du denn so für Sport?“

Ich blickte vom interessierten Marlon zu Florian, dessen Augenbrauen nach oben wanderten. Er schaute in die Runde und suchte wahrscheinlich nach einer Aussage, in der Einbrüche, Flucht und Drogenschmuggel nicht enthalten waren.

„Dies und das eben“, sagte er schulterzuckend und vergrub die Hände in den Jeanstaschen. Billiger Anfänger. So eine Aussage durfte man bei den beiden Typen nie verwenden. Das war das Erste, was ich gelernt hatte und was auch er gleich lernen würde.

„Dies und das? Von dies und das überlebt man aber keinen Sport-LK“, wies Justus den Neuen verschwörerisch ein, was mich nur spöttisch lächeln ließ, denn ich wusste, was gleich kommen würde. Irgendwie tat Florian mir leid. Na ja. Er täte mir leid, wenn er nicht hier wäre, um mich zu erpressen.

„Zeig uns deinen Bauch.“

„Was?“, wunderte Florian sich. Ich biss mir auf die Zunge und genoss die Abwechslung. Diesmal stand er im Kreuzfeuer und nicht ich. Das hatte wirklich seine Vorteile und war, wie ich jetzt feststellte, sehr amüsant.

„Du sollst uns deinen Bauch zeigen. Ein Bauch verrät viel über den Sportler“, philosophierte Marlon, was mich nur die Augen verdrehen ließ. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass die beiden dauerbreit waren.

„Ein Bauch verrät viel über den Sportler?“, wiederholte Florian langsam, während ich die knifflige Situation entspannt beobachtete.

„Ja und jetzt zeig uns deinen Bauch“, forderte Justus ihn auf. Als Florian sich immer noch nicht bewegte, hob Marlon sein T-Shirt und zeigte seine stahlharten Bauchmuskeln. Ich war den Anblick schon gewöhnt und schmolz nicht wie der Rest der Mädchen dahin. Nein, ich betrachtete meinen Peiniger, der aussah, als wäre er im falschen Film gelandet.

„Ich bin der Bodybuilder-Typ, während Justus“, der Angesprochene zog sein Shirt ebenfalls hoch, „der Surfer-Typ ist“, wies Marlon Florian in die wichtigste Theorie des Jahrhunderts ein.

„Kann es sein, dass eure Theorie auf das Beuteschema von Mädchen ausgerichtet ist?“, wollte Florian wissen und ich kam nicht umhin, ein kleines bisschen Anerkennung für Flos Intelligenz zu empfinden. Ich hatte Tage gebraucht, bis ich dahinter gestiegen war. Das konnte jedoch auch daran liegen, dass ich zu den weiblichen Wesen dieser Welt gehörte.

„Der ist intelligenter als du, Emma“, informierte mich Justus freudestrahlend.

„Ihm fehlt immerhin ein X-Chromosom. Genau wie euch“, stellte ich klar und drehte mich um, weil der alte Herr aus dem Zimmerchen kam. Eine Wolke von Zigarrenrauch umhüllte ihn, während seine faltigen Finger auf Florian zeigten.

„Du musst hier einmal unterschreiben.“

Der Mann hielt unserem Neuen Zettel und Stift hin und ignorierte dabei die beiden Typen, die ihre Shirts hochgezogen hatten und gegenseitig ihre Bäuche betrachteten. Wahrscheinlich hatte er in seinem Leben schon Skurrileres gesehen als das. Obwohl ich zugeben musste, dass dieser Anblick wirklich ein wenig verstörend war.

Florian setzte seine Unterschrift auf das Papier und reichte es dem schlecht gelaunten Mann. Dieser drückte mir den Stapel Bücher in die Hand und schloss anschließend die Tür hinter sich. Ich stöhnte genervt auf und fragte mich, ob ich Florian Roth hieß. Doch zu meinem Glück befanden sich drei Männer in meiner Begleitung, die sich darum reißen würden, mir die Bücher abzunehmen. Das dachte ich zumindest.

Florian stellte sich neben Justus und hob sein Shirt hoch. Daraufhin pfiff Marlon anerkennend, was meine Laune nicht unbedingt erheiterte. Scheinbar kümmerte sich im heutigen Zeitalter keiner mehr um die arme Jungfrau in Nöten.

„Ich würde sagen: Player“, rätselte Justus.

„Schwachsinn. Das ist Draufgänger“, wies Marlon den Vorschlag zurück.

„Lassen wir Emma entscheiden. Sie ist schließlich eine Frau.“

„Nur wenn einer von euch mir endlich die Bücher abnimmt!“, sagte ich genervt. Eine Sekunde später hatte man mir die Last von den Armen genommen. Es lag nicht daran, dass die Bücher zu schwer für mich waren. Im Gegenteil - sie wogen fast gar nichts. Aber sie waren dreckig und stanken. Ich drehte mich zu Florian, dessen schwarzes T-Shirt hochgezogen war und musste zugeben, dass ich überrascht war. Doch ich würde ihm nie im Leben diese Genugtuung gönnen. Nein, ich versuchte locker zu bleiben, betrachtete ihn kritisch, während die Augen der Anderen neugierig auf mir ruhten und auf mein Urteil warteten.

„Ich würde sagen, Bad Boy oder Arschloch.“

„Echt?“, fragte Marlon verdutzt.

„Jap. Ziemlich sicher.“

Florian schaute mich verdutzt an, doch kurz darauf hatte er seine kalte Maske wieder aufgesetzt.

„Seit wann hast du denn Ahnung von Bad Boys und Arschlöchern?“, wollte Justus lachend wissen. Ich verbot mir, ihm einen Blick zuzuwerfen. Wenn die wüssten, dass ich mit solchen Typen unter einem Dach lebte…

„Ich bin das einzige weibliche Wesen im Sport-LK. Denkst du nicht, dass ich das mittlerweile abschätzen kann?“, redete ich mich raus und verbarg mein Geheimnis erneut. Ohne auf Zustimmung zu warten, setzte ich mich in Bewegung, denn ich hatte nicht vor, die gesamte erste Stunde zu verpassen.

„Worauf steht ihr denn mehr?“, vernahm ich Marlons Stimme neben mir.

„Wie, worauf stehen wir mehr?“, wiederholte ich irritiert und lief weiter den Gang entlang, gefolgt von den durchgeknallten Typen.

„Na ja, eher auf den Surfer-Typen oder den Bad Boy?“

„Das kommt doch auf das Mädchen an“, seufzte ich und strich mir eine orangefarbene Strähne hinter das Ohr, die sich aus meinem Dutt gelöst haben musste.

„Es gibt also keinen bevorzugten Typen?“, hakte Justus nach.

„Nein, gibt es nicht.“

„Und was für einen Typen bevorzugst du?“

Die Stimme von Florian ließ mich aufhorchen. Ich blickte zu ihm, versuchte herauszufinden, was er beabsichtigte. Doch seine Miene war starr, zeigte keine Gefühle und auch seine Augen verrieten nichts. Er war wie ein verschlossenes Buch, dessen Schlüssel ich vor langer Zeit verloren hatte.

„Die Vernünftigen“, antwortete ich, woraufhin Justus und Marlon aufstöhnten. Damit war die Diskussion beendet, doch den gesamten Weg zur Klasse spürte ich Flos stechenden Blick von der Seite. Vielleicht hatte er gesehen, dass ich gelogen hatte. Ich bevorzugte nämlich den Bad Boy. Allerdings nicht irgendeinen. Sondern den einen. Und der eine hieß Paul.

„Die haben keine Ahnung?“

Wenn Emma Winter etwas konnte, dann war es lügen. Sie wurde nicht rot, hatte keine nervösen oder zittrigen Finger. Nein, sie blickte einem eiskalt in die Augen und log. Ich hatte keine Ahnung, wie sie das machte, doch sie schaffte es, jeden zu täuschen, den sie täuschen wollte. In Wirklichkeit war sie ein gewieftes Miststück. Woher ich das wusste? Weil ich Emma schon etwas länger kannte. Und nun saß ich neben ihr in diesem stickigen Klassenzimmer mit zwanzig anderen Typen und zerbrach mir den Kopf darüber, wieso sie verheimlichen wollte, dass sie mich kannte. Nicht, dass ich ein Problem damit hatte - im Gegenteil - das machte alles für mich um Einiges amüsanter, aber trotzdem hatte ich das Gefühl, dass sie etwas verbarg. Mal ganz davon abgesehen, dass ich ihr den Quatsch mit den vernünftigen Typen nicht abkaufte.

„Hör auf, so blöd zu gucken“, knurrte Emma neben mir, wobei ihre olivgrünen Augen mich erdolchten. Ich blinzelte einen Moment verwirrt, doch da hatte sie ihren Blick schon wieder abgewandt und lauschte den Worten des Lehrers aufmerksam. Ich ermahnte mich selber, dem Unterricht ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu schenken und ließ von der jungen Frau ab. Nicht, dass ich mich beteiligen wollte, doch Emma sollte nicht denken, dass ich sie anstarrte wie ein läufiger Hund. Mein Blick folgte dem Lehrer, der Sachen austeilte, Erklärungen zu Abläufen und Sonstigem gab. Doch so wirklich bekam ich das nicht mit. In meinem Kopf spielte ich mehrere Möglichkeiten durch, wie ich die Drogen wiederbekommen könnte, doch nichts davon würde klappen. Das wusste ich. Ich brauchte ein verdammtes Druckmittel. Nur welches?

„Ich hab‘ jetzt schon keinen Bock mehr.“

Justus knallte deprimiert einen Kugelschreiber auf den alten Tisch, der wackelte und verschränkte trotzig die trainierten Arme vor der Brust.

„Du hast nie Bock, Justus“, vernahm ich eine leise Stimme von der Seite. Emma konzentrierte sich auf das, was an die Tafel geschrieben wurde und verschwendete nicht einen Blick an ihren guten Freund, der nur ein Schnauben von sich gab.

„Nicht jeder hier ist so ein Genie wie du“, erwiderte Justus genervt.

„Und zu meinem Leidwesen ist auch keiner so fleißig wie Emma.“ Ich schaute nach vorne, entdeckte Herrn Meyer, der Justus mit hochgezogenen Augenbrauen anschaute.

„Ich bin fleißig!“, verteidigte sich der Junge neben mir empört.

„Fleißig im Alkohol herunterkippen.“ Ich konnte mir ein schiefes Grinsen nicht verkneifen, als der Lehrer diese Worte trocken von sich gab.

„Ich bin nur einmal mit einem Kater hier aufgetaucht!“, beschwerte sich Justus lautstark, woraufhin ein belustigtes Raunen durch den Kurs ging.

„Ja, aber deinen Facebook-Bildern nach zu urteilen, bist du ziemlich oft am Trinken, und falls du es nicht weißt, mein Lieber, Alkohol zerstört Gehirnzellen, die man für das Abitur benötigt.“

„Stalken Sie mich!?“

Seine Stimme war eine Oktave höher als sonst und von dem coolen Typen, den ich heute Morgen getroffen hatte, war plötzlich nichts mehr übrig.

„Nein, aber ich bin in der Sport-LK-Gruppe und kann nichts dafür, wenn du Bilder postest, auf denen du halbnackt mit einer Flasche Wodka auf der Straße liegst und mit einer Pizzaschachtel kuschelst.“

Mit diesen Worten wandte der Lehrer sich ab, warf aber Justus vorher noch einen einschüchternden Blick zu. Dieser schaute erst verständnislos drein und begriff dann, was Herr Meyer gesagt hatte. Langsam wandte er sich in meine Richtung, dann guckte er zu Emma, die stur geradeaus blickte.

„Ich. Bringe. Dich. Um“, knurrte er, doch Emmas Mundwinkel zuckten nur leicht. Ich schaute verständnislos zwischen den beiden hin und her, wagte es aber nicht, Justus zu fragen, weil er ziemlich sauer aussah. Und Emma würde mich sowieso nur ignorieren.

„Justus, halt deine Klappe“, kam es trocken, aber bestimmend von vorne, woraufhin es still wurde in der Klasse. Ich musste zugeben, dass der Lehrer mich ein wenig beeindruckte. Er schien den Kurs wirklich unter Kontrolle zu haben. Ich blickte zur Seite und lehnte mich zu Emma herüber. Der Duft von frischem Gras und Flieder stieg mir in die Nase, doch es machte mir nichts aus.

„Ich bräuchte noch mal ein Blatt“, hauchte ich in ihr Ohr und beobachtete amüsiert, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, riss sie ein Blatt aus ihrem Collegeblock und reichte es mir. Sie presste die Lippen zusammen, musste sich wahrscheinlich mit aller Macht unter Kontrolle halten. „Danke! Und ich fände es sehr toll, wenn du es mir nicht klauen würdest“, fügte ich hinzu. Ihre Hände verkrampften sich, die Knöchel liefen weiß an. Aber sie blieb ruhig. Wie immer hatte sie sich unter Kontrolle. Mal sehen, ob ich es schaffte, diese Kontrolle zu brechen.

„Dürfen wir in der Klasse bleiben? Wir haben hier gleich Englisch“, fragte Emma Herrn Meyer, der seine Sachen zusammenpackte. Ihre olivgrünen Augen blickten den Lehrer freundlich an, strahlten regelrecht vor Verantwortung, was bei mir nichts Anderes als einen Würgereiz auslöste. Abschätzig musterte der Mann uns.

„Baut keinen Mist“, ermahnte er uns, nahm seine schwarze Aktentasche und verließ den Klassenraum. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Einen Moment blieb es still, dann meldete Justus sich zu Wort.

„Hast du sie noch alle?! Du kannst doch nicht so ein Foto posten!“, empörte er sich lautstark.

„Gepostet habe ich es nicht. Das war Lea. Ich habe es nur gemacht“, korrigierte die junge Frau mit den orangefarbenen Haaren den aufgebrachten Typen neben mir. Dieser lief langsam rot an. Sie erwiderte seinen Blick, biss von ihrem roten Apfel ab und kaute genüsslich.

„Die Anderen müssten unten in der Halle sein“, informierte Emma Justus. Seine grauen Augen ruhten einen Moment auf ihr. Dann sprang er auf und stürmte zur Tür. Mit einem lauten Knall schlug er diese zu und ließ mich mit Emma zurück. Alleine. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sie sich zu mir drehte.

„Du hast das Foto gemacht?“, wollte ich wissen, doch sie ging gar nicht erst auf meine Frage ein.

„Hör auf mit dem beschissenen Smalltalk und sag mir endlich, was du hier willst.“ Ihre Stimme war kühl und distanziert. Das schmale Gesicht zeigte keine Regung, kein Gefühl außer Verachtung. Aber hatte nicht ich eigentlich das Recht, sie so anzuschauen? Dieses Gefühl für sie zu empfinden, nach alldem, was passiert war?

„Ich glaube nicht, dass ich mich vor dir rechtfertigen muss“, gab ich arrogant zurück, stand auf und ging zum Fenster, das offen stand.

„Dann hör gefälligst auf, dauernd beschissene Andeutungen zu machen!“, keifte Emma und ihre olivgrünen Augen funkelten böse. Ich nahm mir eine Zigarette aus meiner Hosentasche und steckte sie mir in den Mund.

„Ich erzähle im Gegensatz zu dir nur die Wahrheit“, antwortete ich lässig und zündete die Zigarette an.

„Die Wahrheit gehört hier aber nicht hin! Genauso wenig wie du!“

Auf meiner Stirn bildeten sich Falten und ich betrachtete Emma, die aufgebracht wirkte. Die Wahrheit gehörte hier nicht hin? Ich nahm meine Zigarette aus dem Mund und blies den Rauch aus meinen Lungen.

„Wie meinst du das?“

Ich starrte die Frau vor mir an, deren Haare nicht mehr perfekt saßen. Einzelne Strähnen hatten sich aus dem Dutt gelöst und umrahmten ihr Gesicht, brachten ihre Augen noch mehr hervor. Sie holte tief Luft und ich konnte ihr ansehen, dass sie nachdachte, ob sie das Richtige gesagt hatte. Mir ging dasselbe durch den Kopf.

„Keiner von denen hat eine Ahnung, wer du bist oder wer ich bin. Sie kennen weder Paul noch Robin, Ali oder Tom und ich habe auch nicht vor, dass sich daran was ändert. Und das, was mal war, geht sie auch nichts an“, knurrte sie. Ich schaute sie verwirrt an. Ich brauchte einen Moment, bis die Worte zu mir durchdrangen.

„Die haben keine Ahnung?“, rutschte es mir irritiert raus.

„Haben sie nicht und du wirst daran nichts ändern.“ Ihr Blick huschte zu meiner Zigarette, die ich in der Hand hielt. Ihre zarten Finger griffen danach, entrissen sie mir und dann flog der Glimmstängel aus dem Fenster. „Rauchen ist hier verboten!“ Ich blickte der Zigarette nach, die fliegen gelernt hatte und wandte mich dann wieder Emma zu. So langsam platzte mir der Kragen und dann bemerkte ich, dass sie mir gerade selbst das Druckmittel verraten hatte.

„Wenn du willst, dass deine Freunde im Unklaren bleiben, dann solltest du mir den Rucksack samt Inhalt wieder herschaffen“, antwortete ich gereizt und machte einen Schritt nach vorne, doch Emma wich nicht zurück.

„Wenn du nicht eine Anzeige wegen sexueller Belästigung, Drogenhandel und Körperverletzung am Arsch haben willst, dann sollest du diese Möglichkeit gar nicht erst in Erwägung ziehen“, drohte sie mir leise.

„Ich habe dich doch gar nicht angefasst“, gab ich angepisst zurück.

„Wem würdest du eher glauben? Einem Typen, der schon mehrmals eine Anzeige kassiert hat, oder einer Musterschülerin, die sich für soziale Projekte engagiert?“

Ich glaube, ich hatte schon erwähnt, dass Emma Winter ein gewieftes Miststück war. Wer es mir nicht glauben wollte, hatte hier den perfekten Beweis.

„Du bist so ein billiges Drecksstück“, brachte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Und du bist ein widerliches Arschloch“, antwortete sie trocken. Ich hatte das Bedürfnis, ihr eine Torte ins Gesicht zu klatschen. „Unser Problem ist allerdings, dass mein Bruder dich umbringen wird, wenn er erfährt, dass du auf meine Schule gehst und ich nehme einfach mal an, dass Robert auch nicht besonders erfreut darüber sein wird, dass ich hier bin.“

„Ach, das ist unser Problem?“, fragte ich höhnisch.

„Ja, denn ich bin mir ehrlich gesagt ziemlich sicher, dass es einen verdammt guten Grund gibt, wieso du hier bist. Und der hat nichts mit deinem scheiß Rucksack zu tun.“

Sie hatte recht. Ich war hier, weil ich dazugehören wollte und diesen beschissenen Deal mit meinem Bruder hatte, den ich jetzt noch bereute. Doch wenn ich die Schule versaute oder Robert wollte, dass ich ging, war der Deal geplatzt und ich war raus aus den Geschäften.

„Und wie lautet deine Lösung, du Genie?“, knurrte ich.

„Es gibt keine Lösung. Wir halten einfach beide unsere Klappe. Wir haben uns nie gesehen und gehen vor allem nicht auf die gleiche Schule, geschweige denn in denselben LK“, erklärte sie ebenfalls genervt.

„Wir kennen uns nicht“, wiederholte ich langsam.

„Genau“, bestätigte Emma und ich konnte ihr nicht sagen, dass sie falschlag. Aus irgendeinem Grund hassten Robert und Paul sich und duldeten keinen Kontakt zwischen den Fronten. Und jetzt? Jetzt stand ich hier mit der Schwester eines Feindes, die verdammt noch mal recht hatte. Ich holte tief Luft und nickte.

„Einverstanden“, bestätigte ich, hielt ihr meine Hand hin.

„Kein Mucks zu irgendeinem“, sagte sie, schlug in meine Hand ein. Ein lautes Klingeln ertönte und die Tür zum Klassenraum wurde geöffnet. Emma blinzelte irritiert und wich rückartig ein Stück zurück, während sie ihre Hand wegzog. Ich blickte zur Tür und erkannte Justus und Lea, die eine rege Diskussion führten. Ihnen folgte Charlotte, die ihre wasserstoffblonden Haare zu einem Zopf zusammenband. Marlon hatte seine türkisfarbenen Augen auf einen Zettel in seiner Hand gerichtet und ich wartete darauf, dass er gegen den hölzernen Türrahmen lief. Doch nichts geschah. Alle kamen heile bei uns an. Ich bemerkte die neugierigen Blicke des Mädchens und Emma scheinbar auch, denn sie wich ein Stück weiter zurück.

„Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich die schlimmsten Freunde der Welt habe“, beschwerte sich Justus und ließ sich auf seinen alten Platz fallen.

„Emma?“

Wir alle schauten zu dem großen Kerl mit dem Bart. Er hielt ihr einen Zettel hin, den sie leicht verwirrt entgegennahm.

„Was ist das?“, fragte sie den Riesen, der sich auf einen freien Stuhl fallen ließ.

„Da geht es um Spendenaktionen. Das ist von der Schülervertretung und als Kurssprecherin musst du da übermorgen auftauchen.“

„Ihr lasst mich also mal wieder hängen?“, seufzte sie und nahm neben Marlon Platz, der anfing zu grinsen.

„Spinnst du? Da fällt Unterricht aus und jeder, der sich einbringen möchte, darf da auftauchen“, freute er sich und seine Augen strahlten uns entgegen. Ich konnte seine Freude verstehen. Lieber würde ich mir zwei Stunden irgendetwas über Spendenaktionen anhören, als im Unterricht zu sitzen.

„Ich komme auch mit“, sagte ich und ließ mich neben Emma fallen, die mich gekonnt ignorierte. Von ihrer Wut spürte ich sonst nichts und man sah es ihr auch nicht an. Damit hatte sie mal wieder bewiesen, wie gut sie schauspielern konnte.

„Bin auch dabei“, erklärte Justus schmatzend. Automatisch schaute ich zu Charlotte, die nickte.

„Ich komme auch mit“, stimmte die Blondine zu und ihr Blick blieb an dem Typen mit den hellblauen Augen hängen. Genervt verdrehte ich meine Augen und sah, dass Emma es mir gleichtat. Scheinbar war ich nicht der Einzige, der bemerkt hatte, dass Charlotte voll auf Justus stand. Und ich war auch nicht der Einzige, dem dieses Verliebt-sein auf die Nerven ging. Lag es vielleicht daran, dass Emma auf Justus stand?

Ich betrachtete das Mädchen neben mir. Ihre orangefarbenen Locken und diese sanften Gesichtszüge. Die olivgrünen Augen, die einen durchbohren konnten, und die Lippen, die Typen zum Küssen einluden. Mich allerdings nicht. Dagegen war ich schon lange immun.

„Abgemacht. Dann nehmen wir übermorgen alle an diesem Mist teil“, stellte Marlon fest und lehnte sich entspannt zurück.

„Bis morgen“, verabschiedeten sich Lea, Emma und Charlotte. Ich blieb bei den Jungs, die vor der Schule standen. Justus und ich steckten uns eine Zigarette an und betrachteten die Damen, die noch einen Kaffee trinken wollten.

„Ich stehe auf Emmas Arsch“, hörte ich Justus sagen, der einen Schwall Rauch ausblies und der Orangehaarigen auf den Hintern guckte, der in einer engen Jeans steckte. Der Depp schien nicht bemerkt zu haben, dass Charlotte ihn vergötterte.

„Da bist du scheinbar nicht der Einzige“, hörte ich Marlon sagen, dessen krasse Augen auf mir ruhten. Meine Augenbrauen schossen in die Höhe und ich erwiderte seinen Blick.

„Du stehst auf sie?“, wollte Julian wissen, richtete seine Brille und beäugte mich dadurch nachdenklich.

„Ich?“, fragte ich verwundert, woraufhin die Typen nickten. Langsam schüttelte ich meinen Kopf. „Sie ist absolut und überhaupt nicht mein Typ“, wehrte ich die Unterstellung ab und zog an meiner Zigarette.

„Das sah eben aber ganz anders aus“, vernahm ich Marlon, dessen Mundwinkel zu einem spöttischen Grinsen verzogen waren. „Und glaub mir. Keiner hier nimmt es dir übel, wenn du auf sie stehst. Ihr Körper ist der Hammer“, fügte er hinzu.

„Der Oberhammer“, stimmte Justus zu. „Ich freue mich jetzt schon wieder auf die Schwimmeinheiten“, seufzte er träumerisch, was mich verwirrte. War der Vollidiot echt so dumm und checkte nicht, dass die Blondine auf ihn stand? Was war bloß los mit denen?

„Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass die Kleine einen so tollen Körper hat“, murmelte ich und zog an meiner Zigarette. Ich hatte heute bei ihr weder die perfekten Brüste noch den geilsten Arsch bemerkt, der mir je unter die Augen gekommen war.

„Konnten wir uns auch nicht, bis wir sie im Badeanzug gesehen haben“, erklärte Julian.

„Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mich nicht nur auf freundschaftlicher Basis mit ihr unterhalten.“ Justus ließ seine Zigarette fallen und trat sie mit seinen Chucks aus.

„Schon klar“, murmelte Marlon und hob seine Hand zum Abschied. „Redet ihr weiter über Weiber, ich habe noch zu tun.“

„Geht mir genauso. Ich komme mit“, mischte Julian sich ein und gesellte sich zu dem Großen mit Bart. Ich betrachtete den grauen Himmel und spürte den Herbst herannahen. Meine Augen wanderten zu Justus, der irgendwie geknickt aussah.

„Du stehst auf Charlotte.“

Sein Kopf fuhr hoch und er blickte mich mit aufgerissenen Augen an.

„Was? Du hast ja Halluzinationen.“

Seine Antwort kam zu schnell.

„Schon gut. Ich behalte es für mich“, beruhigte ich den aufgeregten Typen vor mir, der mich fixierte. Ich ließ mich nicht aus der Ruhe bringen, zog erneut an meiner Kippe und atmete entspannt aus.

„Wie kommst du auf die Idee?“, setzte er an.

„Du hast sie im Unterricht angestarrt und behauptest jetzt, dass du auf Emma abfährst“, sagte ich gelangweilt, weil ich für so einen Soap-Mist keinen Nerv hatte. „Und falls es dich tröstet, sie steht auch auf dich.“

„Du spinnst ja total“, meinte er ungläubig, doch in seinen Augen blitzte etwas auf, das wahrscheinlich sowas wie Hoffnung war. Das war der Mist, der in den ganzen Büchern stand und in den Filmen passierte. Nichts für mich. Ich fand Filme, in denen Menschen zerstückelt wurden, weitaus realistischer.

„Deswegen läufst du gerade auch rot an“, antwortete ich und warf Justus einen wissenden Blick zu.

„Du behältst das für dich!“, ermahnte er mich, was mich lediglich lächeln ließ.

„Versprochen“, sagte ich ehrlich, drückte meine Zigarette aus und machte mich auf den Heimweg. Sollte er doch auf Charlotte stehen. Ich interessierte mich kein bisschen für diese Gefühlsduselei. Sie war nur nervig und völlig unnötig. Liebe. Das kam doch nur in schlechten Liebesfilmen vor. Wenn es im wahren Leben geschah, wurde man bitter enttäuscht.

„Wie war es in der Schule?“, wollte Maik wissen, der neben Robert auf der Couch saß.

„Langweilig“, antwortete ich, lehnte mich gegen den Türrahmen und betrachtete den Haufen Jungs, der im Wohnzimmer saß. Bastian lehnte am Fenster, hatte seinen langen Pony zur Seite gegelt und blickte mit seinen blauen Augen in den grauen Himmel. Robert fuhr sich durch seine kurzrasierten, braunen Haare und fixierte das Bier, das auf dem Tisch vor ihm stand.

„Hattest du etwa was anderes erwartet, Maik?“, fragte Robert meinen Bruder, der einen lauten Seufzer von sich gab.

„Ich hatte erwartet, dass er vielleicht einsieht, dass Schule sinnvoll ist“, erklärte Maik ruhig, doch ich wusste, dass es ihm gegen den Strich ging, dass Robert vor mir so über Schule sprach. Aber wer konnte es ihnen schon verübeln? Außer mir waren hier alle über einundzwanzig Jahre alt. Ich war gerade beschissene neunzehn.

„Scheiß auf Schule. Wir müssen unser Gras wiederbekommen“, murmelte Robert genervt, lehnte sich zurück und legte die flachen Hände auf das Gesicht.

„Hast du eine Idee?“, wollte Bastian von mir wissen, während er sich eine Zigarette ansteckte. Ich schüttelte meinen Kopf und betrachtete Robert, der ziemlich verzweifelt aussah.

„Als ob Flo eine Idee hätte“, mischte Hendrick sich spöttisch ein. Ich wusste, warum ich den Kerl nicht leiden konnte.

„Hat in diesem verfickten Raum wirklich keiner eine beschissene Idee, was wir als Druckmittel nehmen könnten?!“, fluchte Robert und trat gegen eine leere Plastikflasche, die auf dem Boden stand. Diese flog durch das Zimmer und krachte neben mir gegen die Wand. Ich hätte ursprünglich eine Idee gehabt, aber die war mit der Abmachung mit Emma den Bach runtergegangen. Was wäre den Typen denn sonst noch so wichtig, dass sie dafür den Rucksack wieder rausrücken würden?

„Ich glaube, ich habe ein Druckmittel“, murmelte ich und war völlig überrumpelt von dieser plötzlichen Eingabe. Vier Augenpaare waren auf mich gerichtet, wobei ich auf Robert fixiert war.

„Bist du dir sicher?“, fragte er nach, ließ mich nicht aus den Augen.

„Zweihundertprozentig“, sagte ich zuversichtlich.

„Ich wünschte, du wärst damals abgekratzt.“

„Komm schon, Emma“, nörgelte Charlotte und blickte mich mit ihren großen, blauen Augen an. „Gib doch zu, dass du auf den Neuen stehst.“

Ich legte das Geld auf den Tisch und blickte die beiden Lästerschwestern an, die mir einreden wollten, dass Florian heiß war.

„Nein, er ist nicht mein Typ. Und jetzt lass ich euch alleine. Ich habe noch zu tun“, beendete ich das Gespräch und stand auf. Kaffeegeruch schwebte in der Luft und hatte sich in meiner Kleidung eingenistet. Ich schlüpfte in meinen grünen Parka und drängte mich an dem Holztisch vorbei, an dem meine beiden Freundinnen saßen.

„Och, komm schon, Ems!“, schmollte Lea und strich sich eine lange, perfekte, braune Strähne hinters Ohr.

„Bis morgen!“

Zum Abschied hob ich meine Hand und würdigte die beiden Nervensägen keines Blickes mehr. Letzte Sonnenstrahlen suchten sich einen Weg durch die Wolkendecke, die sich langsam über Berlin schob. Ich warf einen Blick nach oben. Allerdings versprach der Himmel nichts Gutes. Wenn ich mich beeilte, würde ich es vielleicht noch mit trockenen Schuhsohlen nach Hause schaffen.

Ich beschloss, eine Abkürzung zu nehmen, die jedoch durch dunklere Gassen führte. Doch ich war weder doof noch ängstlich und unsportlich schon mal gar nicht. Meine Schritte hallten an den hohen Wänden der Plattenbauten wider, die immer mehr verfielen.

Eine junge Frau, die ein Kopftuch trug, kam mir entgegen, hatte ein kleines Kind an der Hand. Die großen, dunklen Augen des kleinen Jungen beobachteten mich neugierig, doch ich sah auch einen Hauch Angst darin, konnte es ihm nicht verübeln. Berlin wirkte einschüchternd auf kleine Kinder und half wahrscheinlich nicht besonders beim Erwachsenwerden. Ohne mich zu beachten, hetzte die Frau vorbei. Eine Sache, die mich an der Großstadt unglaublich nervte. Man lebte nebeneinander her, achtete nicht auf die Anderen. Es war eine egoistische Welt.

Eine leichte Windböe zog durch die Straßen und veranlasste mich dazu, den Parka enger zu raffen.

Der grüne Parka.

Ich blickte in die leere Gasse, konnte nicht verhindern, an den Abend zu denken, an dem ich die Tasche gestohlen hatte. Sofort hatte ich das Gefühl, dass mir eiskaltes Wasser den Rücken hinunterlief und sich in meine Kleidung sog. Immer schneller sank die Sonne und die Lichter der Straßenlaternen gingen an. Da erblickte ich ihn.

Kurzrasierte, braune Haare und Augen, die mich am liebsten in der Luft zerrissen hätten. Sofort blieb ich stehen, während er weiterhin lässig an der Laterne lehnte und mich betrachtete. Einen Moment hoffte ich, dass es nur eine beschissene Halluzination war, ausgelöst durch meine Erinnerung an die Flucht, doch als er nicht verschwand, wusste ich, dass Robert wirklich dort stand.

Langsam machte ich einen Schritt zurück, drehte mich um und erblickte eine weitere Gestalt, die an einer Hauswand lehnte. Hendricks Augen fixierten mich. Hastig warf ich einen Blick zu Robert, der sich von dem Laternenpfahl abstieß. Was ging hier vor sich?!

Eine unbändige Angst erfüllte mich, schnürte meine Kehle zu und versetzte mir einen Adrenalinstoß. Ich war in eine Falle gerannt. Jetzt stellte sich nur noch die Frage, was sie mit mir vorhatten. Umbringen und im Wald verscharren oder foltern?

Um ehrlich zu sein, war ich nicht besonders erpicht darauf, eine Antwort auf meine Frage zu erhalten, und die Art, wie sich die beiden Typen auf mich zubewegten, verhieß nichts Gutes. Meine Augen suchten automatisch nach irgendeiner Fluchtmöglichkeit und fanden einen Gang, der zu mehreren Haustüren führte. Vielleicht lag dahinter ein Garten oder irgendwelche Bäume, auf denen ich mich verstecken konnte? Ohne weiter nachzudenken, spannten meine Muskeln sich an und ich machte einen Satz nach vorne. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Robert und Hendrick ebenfalls losrannten. Letztes Mal hatte ich sie abhängen können. Ob ich es diesmal auch schaffen würde?

Die Umgebung wurde regelrecht ausgeblendet und wenn ein Auto gekommen wäre, hätte ich es nicht bemerkt. Ich wäre direkt hineingerannt. Das Tor vor mir stieß ich rücksichtslos auf und es schepperte laut. Ich erkannte eine Wiese am Ende des gepflasterten Weges und innerlich machte ich Freudensprünge. Bis eine weitere Gestalt zum Vorschein kam.

Ein Typ mit blonden Haaren ließ mich sofort anhalten. Hektisch glitt mein Blick umher und dann sprang ich hoch, krallte mich an der Kante des Garagendaches fest und zog mich hoch. Manchmal liebte ich Herrn Meyer für seine sinnlosen Kraftübungen und dass wir so oft Hochsprung trainierten.

„Verdammt!“, fluchte hinter mir jemand, doch ich hatte keine Zeit und Lust, nachzuschauen. Immerhin wusste ich nicht, wie sportlich sie waren. Ich stand auf und betete, dass dieses Dach nicht morsch war. Der Geruch von Moos stieg mir in die Nase und ich sprintete los. Kurz blickte ich mich um, entdeckte das Dach eines anderen Gebäudes, das nicht so hoch war. Vielleicht schaffte ich es, hinüberzuspringen?

Ich beschleunigte meine Schritte erneut und sprang, so gut es ging, ab. Ich segelte durch die Luft und spürte, wie meine Haare sich aus dem Dutt lösten. Ich kam auf hartem Beton auf, konnte nicht anders, als mich abzurollen. Mein Parka war nun wahrscheinlich mehr als reif für die Wäsche. Doch ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, das Adrenalin in meinen Adern trieb mich an. Dreck klebte an meinen Händen und ich stand auf, rannte wieder los. Ich schaffte jedoch nur zwei Schritte, dann verhakte mein Fuß sich an etwas und ich fiel der Länge nach hin. Meine Handflächen glitten über den Beton und brennender Schmerz breitete sich aus.

„Scheiße“, fluchte ich, weil meine Knie wirklich abartig wehtaten. Langsam setzte ich mich auf, betrachtete die Handflächen, an denen sich rote Spuren wiederfanden. Mein Atem ging schnell und ich verzog mein Gesicht vor Schmerzen.

„Vielleicht solltest du nächstes Mal aufpassen, wo du langrennst.“

Die bekannte Stimme ließ mich hochblicken. Starke Hände legten sich um meinen Oberarm und zogen mich nach oben.

„Nimm deine widerlichen Finger von mir“, fuhr ich Florian an und versuchte, mich aus seinem Griff zu ziehen, doch ich hatte keine Chance.

„Hör auf, dich zu wehren, oder ich werde nicht umhinkommen, dir wehzutun“, knurrte er wütend und zog mich mit. Sein Griff wurde fester und es fing an zu schmerzen.

„Was zum Teufel soll das?!“

Ich war wütend, irgendwie verängstigt und nur das Adrenalin hielt mich noch auf meinen Beinen.

„Was das soll? Du hast uns was geklaut und mit deiner Hilfe werden wir es wiederbekommen“, erklärte er nüchtern und stieß eine schwere Metalltür auf, die zum Treppenhaus führte.

„Ich werde euch ganz bestimmt nicht helfen“, wehrte ich mich und zerrte an seinem Arm. Urplötzlich wirbelte der Typ vor mir herum, die Tür fiel hinter uns ins Schloss und wir standen in einer Dunkelheit, die sehr bedrohlich auf mich wirkte. Die wolkengrauen Augen funkelten zornig und auch sein Griff lockerte sich nicht. Er war nah. So nah, dass ich Angst hatte, Luft zu holen. Ich hätte mich nur einen Zentimeter nach vorne beugen müssen, um meinen Kopf an seinen Hals zu legen, um das Tattoo genauer zu betrachten zu können.

„Noch mal für naive Mädchen zum Mitschreiben: Du musst nichts tun, außer bei uns zu bleiben und keinen Mist anzustellen. Denn glaub mir: Ich kann auch böse sein“, flüsterte er leise, wobei die Drohung mir nicht entging. Meine Nackenhaare stellten sich auf, hätten mich sofort verraten, wenn wir nicht in der Dunkelheit gestanden hätten.

„Flo?!“, rief eine raue Stimme von unten, die ich kannte. Der einschüchternde Kerl vor mir drehte sich zur Seite.

„Hab‘ sie“, brüllte er in das Treppenhaus, woraufhin ich von unten leisen Jubel vernahm.

„Ich wusste, dass du nicht nur so zur Schule gehen wolltest“, sagte ich erbost. Er musterte mich kritisch.

„Ich habe keinem von ihnen etwas gesagt. Und dabei wird’s auch bleiben.“

„Natürlich nicht. Lass mich raten, du hast mal eben beschlossen, dein Abi zu machen“, höhnte ich und wedelte mit meinem freien Arm herum. Das Gesicht meines Gegenübers verwandelte sich in eine steinerne Maske und ehe ich etwas sagen konnte, hatte Florian meine Hände mit einem Strick zusammengebunden.

„Echt jetzt? Ich soll Geisel spielen?“, stöhnte ich genervt auf. Florian beachtete mich nicht, kramte Gaffertape aus seiner Jackentasche und riss ein Stück ab. Ich wich kopfschüttelnd zurück.

„Denk gar nicht erst dran!“

Doch kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, landete das klebrige Zeug auf meinem Mund und ließ mich verstummen.

„Du hast ja keine Ahnung, wie angenehm du jetzt bist“, sagte Florian in die Stille und führte mich die Treppe hinunter, während ich immer wieder nach seinem Bein trat. Ich erwischte ihn ab und zu, konnte nicht oft genug zutreten vor Wut. Ich bemerkte nicht, dass er stehen geblieben war, bis ich ein zweites Mal gegen sein Bein treten konnte, ohne mich bewegen zu müssen. Verdutzt blickte ich auf und wurde im selben Moment hochgehoben. Seine starken Arme schlangen sich um meine Hüfte und ich wurde über eine Schulter geschmissen. Ich wackelte herum, versuchte, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Doch Florian schien nicht mal wirklich zu bemerken, dass ich über seinen Schultern hing. Lässig trug er mich die Treppen hinunter zu den Jungs, die Spaß daran hatten, sich über meine Situation zu amüsieren. Und ich konnte absolut nichts dagegen tun.

 

 

Der Weg zu ihrer Wohnung, oder wo auch immer sie mich hinbrachten, zog sich in die Länge. Dauernd folgten sie wieder irgendeiner kleinen Gasse, während ich hilflos über der Schulter hing. Wenn mich jemand gesehen hätte, hätte er oder sie die Polizei gerufen und es hätte Ärger gegeben. Aber das Glück sollte nicht mit mir sein. Und nun wurde ich unliebsam auf einem alten Sofa abgesetzt, erwischte gerade noch so das Schienbein von Florian, der einen Fluch ausstieß und zurückwich. Dabei hatte er mein Handy aus meiner Jackentasche gezogen und reichte es Robert, der mich hinterhältig grinsend betrachtete. Ja, ich sollte Schiss haben, aber ich war wütend auf den Deppen und darüber, dass er mich belogen hatte. Mal ganz davon abgesehen, dass ich noch ordentlich Adrenalin intus hatte.

„Kennwort?“, wollte Robert mit hochgezogenen Augenbrauen wissen. Ich starrte die Kerle vor mir an, wünschte ihnen die Pest an den Hals und obendrein noch Furunkeln. Seufzend machte Robert einen Schritt nach vorne und riss mir unsanft das Klebeband vom Mund.

„Ihr widerlichen Dreckskerle!“, brüllte ich sofort los, hatte gleich darauf die große Hand von Robert auf meinem Mund.

„Hör zu, Kleines. Du wirst mir jetzt ganz langsam dein beschissenes Kennwort sagen, oder ich werde nicht Drumherum kommen, dir eine zu verpassen“, knurrte er und seine bernsteinfarbenen Augen wirkten nicht halb so freundlich, wie sie sollten. Seine Pupillen waren groß. Ungewöhnlich groß. Er musste irgendwas genommen haben.

„Einen feuchten Dreck werde ich“, keifte ich wütend, als er seine Hand wegnahm und kurz darauf spürte ich seine Faust an meinem Kinn. Schmerz durchströmte mein Gesicht und ich schmeckte Blut. Hinter Robert schnappten die Jungs nach Luft, doch keiner kam auf die Idee, etwas zu tun. Sie standen dort und schauten einfach zu. Feiglinge! Ich unterdrückte den Schmerz, verbot mir, vor den Kerlen zu weinen und starrte Robert hasserfüllt an.

„Redest du jetzt endlich!?“, wollte er wissen und ich hätte ihm am liebsten sein Nasenpiercing ausgerissen. Meine Antwort bekam er in Form von Spucke im Gesicht. Mut hatte Besitz von mir ergriffen und scheinbar wollte mein Körper noch mehr Schläge kassieren. Ich kniff meine Augen zusammen, wartete auf einen weiteren Schlag.

„Es reicht.“ Die Stimme klang bestimmend und gehörte zu Maik. Vorsichtig öffnete ich die Augen, erblickte Maik, der Roberts Hand festhielt, die bereits erhoben war.

„Lass mich los“, fuhr Robert Maik an. Doch der machte keine Anstalten loszulassen. „Ich muss den Scheiß doch nur aus ihr rausprügeln!“

„Du hast was genommen. Lass das einen von uns übernehmen. Wir kriegen das auch so hin“, beruhigte er den Schläger. Bernsteinfarbene Augen fanden meine und funkelten mich wütend an. Robert entriss Maik seine Hand, drehte sich um und verließ den Raum. Blut lief meine Lippe hinunter und mein Kiefer tat höllisch weh.

„Ich kümmere mich drum“, vernahm ich Florian, den ich am liebsten den Kopf abgerissen hätte. Maik nickte zustimmend und gab den Anderen mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass sie den Raum verlassen sollten.

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