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Aliens und Zeitreisende: Ein SF-Abenteuer Paket

Aliens und Zeitreisende: Ein SF-Abenteuer Paket

Alfred Bekker et al.

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

​  Aliens und Zeitreisende – Ein SF-Abenteuer Paket

​ | ​ | ​ | ​  Alienwandler 1: Ein Gott unter Menschen

​  Copyright

​  Vorwort

​  1. Kapitel

​  2. Kapitel

​  3. Kapitel

​  4. Kapitel

​  5. Kapitel

​  Epilog

Der Tod vom anderen Stern

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Prolog

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Der Todeshauch des Pharao

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Prolog

Zeitkugel-Lexikon

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SATURN IM ABENDLICHT...

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Renegat und Königin

Transmission nach Syragusa

Unser Mann auf dem Mond

Alfred Bekker | DIE NAMEN DER GÖTTER

Further Reading: 30 Sternenkrieger Romane - Das 3440 Seiten Science Fiction Action Paket: Chronik der Sternenkrieger

Also By Alfred Bekker

Also By Horst Weymar Hübner

Also By Gerd Maximovic

About the Author

About the Publisher

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​  Aliens und Zeitreisende – Ein SF-Abenteuer Paket

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​  Aliens manipulieren die Geschichte der Menschheit. Ein Team von  Zeitreisenden begibt sich in dieVergangenheit und  ferne Zukunft der Menschheit – das sind die Themen der Geschichten dieses Buches.

​   

​  Dieses Buch enthält folgende Science Fiction Abenteuer:

​   

​  Alfred Bekker: Ein Gott unter Menschen

​  Horst Weymar Hübner: Der Tod vom anderen Stern

​  Horst Weymar Hübner: Der Todeshauch des Pharao

​  Horst Weymar Hübner: Die Aller sah sie sterben

​  Horst Weymar Hübner: Der Ritter mit der Eisenfaust

​  Gerd Maximovic: Saturn im Abendlicht

​  Alfred Bekker: Die Namen der Götter

​   

​  Titelbild: Steve Mayer mit Adelind/Pixabay

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​  Alienwandler 1: Ein Gott unter Menschen

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Science Fiction Roman von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 133 Taschenbuchseiten.

Im Jahr 348 vor Christus stürzt ein Alien-Raumschiff auf der Erde ab. Ein gestaltwandelnder Außerirdischer strandet auf dem blauen Planeten. Seine Lebenserwartung beträgt Jahrtausende. Über viele Zeitalter hinweg lebt er unter den Menschen – bis die Erdbewohner sich schließlich weit genug entwickelt haben, um selbst den Weg zu den Sternen zu finden.

Aber in all dieser Zeit hat er einen Gegenspieler – ein Wesen seiner eigenen Art, das mit der Erde einen teuflischen Plan verfolgt...

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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​  Vorwort

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Anfangs wusste ich nicht, ob ich diese Aufzeichnungen jemals der Allgemeinheit zugänglich machen könnte. Selbst jetzt, da ich diese Zeilen in die Tastatur gebe, bin ich mir noch keineswegs sicher, ob ich sie wirklich der Öffentlichkeit präsentieren soll, oder ob ich nicht besser die Löschfunktion meines Datenkristalls betätige. Ich könnte natürlich auch dafür sorgen, dass der vorliegende Datensatz in einer sehr fernen Zukunft zugänglich gemacht wird. Die Konsequenzen wollen in jedem Fall wohl bedacht werden.

Der vorliegende Bericht behandelt das erstaunliche Leben des Orik Daan, einem im Jahr 546 v. Chr. auf dem Planeten Yope geborenen Nugrou-Mutanten, den es im Jahre 348 vor Christus unter dramatischen Umständen auf die Erde verschlug, wo er bis heute unter wechselnden Identitäten lebte.

Für menschliche Verhältnisse ist er mit seiner Lebenserwartung von etwa zehntausend Terra-Jahren fast unsterblich. Unsterblich genug jedenfalls, um von unseren primitiven Vorfahren zeitweilig als Gott verehrt worden zu sein und seine Spuren im Mythenschatz der terranischen Prä-Weltraum-Ära zu hinterlassen.

Mein Name ist Norbert Vanstranger und viele von ihnen werden mich als Reporter von Terramedia kennen.

Mitte 2962 befand ich mich an Bord von Martin Takeners legendärem Raumschiff NOVA GALACTICA und wurde Zeuge, wie Orik Daan seine wahre Identität enthüllte. Wie ich später erfuhr, waren Martin Takener und einige andere bereits zuvor informiert gewesen. Daans Offenbarung geschah auch keineswegs freiwillig. Die NOVA GALACTICA war bei ihrer Suche nach den sagenumwobenen Volk der Goldenen Götter auf den Nugrou-Mutanten Nolad gestoßen, der Daan wiedererkannt hatte. Vor über zweitausend Jahren hatten sich die beiden zum letzten Mal gesehen.

Daan selbst hätte von sich aus wohl keinerlei Grund gehabt, seine Herkunft als amöbenhafter, zur Gestaltwandlung fähiger Nugrou zu offenbaren.

Er hatte den Körper eines Menschen angenommen und war auf seine Weise zu einem Terraner geworden. Nur die hohe Lebenserwartung unterschied ihn vom Rest der Menschheit – und dieser Umstand war für ihn auch immer ein Grund gewesen, der dafür sprach, seine Identität weiter zu verheimlichen. Er fürchtete den Neid der anderen Terraner, wie er mir in einem unserer ausführlichen und nächtezehrenden Gespräche sagte.

Jetzt, da dieses Buch abgeschlossen ist und ich die einleitenden Zeilen voranstelle, weiß ich noch immer nicht mit letzter Gewissheit, ob ich es tatsächlich auch veröffentlichen kann. Schreiben musste ich es, denn dieser Bericht ist ein Dokument der Menschheitsgeschichte, das unbedingt bewahrt werden muss. Aber ob jetzt schon der richtige Zeitpunkt gegeben ist, um einerseits die Menschheit mit den darin geschilderten Ereignissen und Fakten zu konfrontieren, da nagen immer noch tiefe Zweifel in mir. Und das, obwohl ich in der Presse natürlich in dieser Hinsicht eigentlich nicht sehr zurückhaltend bin.

Die Wahrheit muss aufgedeckt und veröffentlicht werden, ohne dass man sich vorher allzu viel Gedanken um die Konsequenzen macht, denn die Konsequenzen aus der Wahrheit sollen die mündigen Bürger selbst ziehen – dieser Satz umschreibt etwa meine persönliche Auffassung dieser Dinge.

Aber in diesem Fall war noch sehr viel mehr zu bedenken ...

Insbesondere ging es auch um die Auswirkungen einer eventuellen Veröffentlichung auf das Leben jenes Mannes, der zurzeit noch immer als Fremdweltentechniker tätig ist. Ein Mann, dem man eine geradezu außergewöhnliche Begabung nachsagt, sich in technische Systeme fremder Spezies hineinzudenken. Im Licht meines heutigen Wissens klingt das fast wie eine ironische Laune des Schicksals, denn Orik Daan – so sein ursprünglicher Nugrou-Name – war ursprünglich ein Philosophielehrer, der von Technik nicht allzu viel Ahnung hatte.

Diese Aufzeichnungen wären nicht möglich gewesen, ohne die Mitarbeit und das Einverständnis Orik Daans.

Als ich ihm das erste Mal vorschlug, dass er mir seine Erlebnisse zwischen dem Jahr 348 vor Christus, in dem er mit einem gestohlenen Spaceflash mit Spezialtarnung im Gebiet des späteren Dänemarks landete, und der Gegenwart zu schildern, wies er mich schroff zurück.

Er betrachtete schon die Notwendigkeit, sich den Mitgliedern der NOVA GALACTICA-Besatzung gegenüber zu erklären, als eine Zumutung und sträubte sich regelrecht dagegen, irgendwelche näheren Erläuterungen der Umstände seines immerhin Jahrtausende umspannenden Aufenthalts auf der Erde abzugeben.

„Das ist meine Privatangelegenheit“, pflegte er zu sagen. „Die einzige, die mein früheres Leben vielleicht etwas angeht, ist die Frau an meiner Seite.“

Ja, so sehr war aus dem Nugrou Orik Daan im Laufe der Jahrhunderte der Terraner Orik Daan geworden!

Er hatte geheiratet und später vertraute er mir an, dass es gar nicht so leicht gewesen wäre, seiner Frau Doris klar zu machen, dass sich zwischen beiden nichts ändern würde, und dass er längst zu Orik Daan, dem Menschen, geworden war, der seine Frau aufrichtig liebte.

Ein Gefühl, das ihm – als eingeschlechtlich amöbenhaften Nugrou – ganz gewiss nicht von Anfang an eigen war. Aber dieser in mehr als einer Hinsicht erstaunliche Mann hatte über zwei Jahrtausende, um zu lernen.

Nach der ersten Abfuhr, die ich von ihm erhielt, gab ich nicht auf, sondern versuchte, sein Vertrauen zu gewinnen und ihm klar zu machen, welche Bedeutung eine Aufzeichnung seiner Erlebnisse für die Menschheit hätte.

„Sie sind ein Teil der menschlichen Geschichte“, meinte ich. „Vielleicht haben Sie an der einen oder anderen Stelle sogar geprägt, ohne dass es einen in dem Augenblick bewusst war ...“

Ich hatte ihn in einem der Aufenthaltsräume an Bord der NOVA GALACTICA abgepasst und mich zu ihm an den Tisch gesetzt. Seinem breiten Gesicht war anzusehen, dass er alles andere begeistert war, mich zu treffen.

„Sie können es einfach nicht bleiben lassen, was?“

„Ich verstehe Ihre Skrupel, Daan ...“

„Ach, wirklich? Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Sie die Bedeutung dieses Wortes – Skrupel – überhaupt schon richtig erfasst haben, Vanstranger.“

„Oh, da tun Sie mir Unrecht.“

„Ihnen geht es doch nur um die Story – alles andere ist Ihnen gleichgültig. Ihnen schwebt doch ein eBook-Renner vor, der Sie zum Millionär macht! Wer weiß, vielleicht bringt man bei entsprechendem Erfolg sogar noch eine Liebhaber-Edition auf  Papier heraus ... Ich sehe schon die Aufmacher: GESCHICHTE DER MENSCHHEIT muss NEU GESCHRIEBEN WERDEN!“

Bitterkeit klang aus Orik Daans Worten heraus. Eine Bitterkeit, die mir so tief verwurzelt zu sein schien, dass ich meine Chancen, ihn doch noch von einer Zusammenarbeit überzeugen zu können, in jenem Augenblick als äußerst gering einstufte. Ich wusste damals noch zu wenig über sein Leben, um ermessen zu können, was oder wer ihn so tief verletzt haben mochte, dass da dieses abgrundtiefe Misstrauen in ihm war.

„Sie sollten mir vertrauen“, forderte ich. „Ich verspreche Ihnen, dass nichts geschieht, ohne dass Sie ihre Einwilligung gegeben haben!“

Der rothaarige Sibirier lachte rau.

„Das sagen Sie jetzt?“

„Ich halte mein Wort!“

„Und was ist, wenn dieses Buch, oder was immer es werden soll, fertig ist und ich es mir anders überlegen sollte? Was, wenn ich im letzten Moment die Genehmigung zurückziehe?“

„Dann werde ich nichts tun, was Ihren Interessen in irgendeiner Form zuwiderläuft“, erwiderte ich ruhig. Und das war die Wahrheit. Mir war klar, dass eine Veröffentlichung möglicherweise enorme Folgen für Daans weiteres Leben als Terraner haben konnte.

„Ich werde Ihnen sagen, was Sie in so einem Fall tun würden!“, knurrte er. „Sie würden sich einfach darüber hinwegsetzen!“

„Da schätzen Sie mich vollkommen falsch ein. Ich hätte im übrigen auch nichts dagegen, dass wir solche Fragen vertraglich festlegen, bevor Sie mir auch nur eine einzige Silbe über Ihr früheres Leben zu Gehör bringen ...“

„Es ist nicht nur ein Leben, Vanstranger. Es sind viele ...“, murmelte er nachdenklich. Sein Blick schien durch mich hindurchzusehen und in weite Ferne und längst vergessene Zeiten zu schweifen. Was hätte ich darum gegeben, in diesem Augenblick an seinen Erinnerungen teilhaben zu können ...

*

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IN DEN FOLGENDEN TAGEN wandte ich mich unter anderem auch an Chris Barrington. Den genialen Konstrukteur und Fremdtechnikexperte verband eine tiefe Freundschaft mit Daan, und ich hoffte daher, dass er ihn dahingehend beeinflussen würde, mir Rede und Antwort zu stehen.

„Ich werde ihm da nicht hineinreden“, erklärte Barrington mir gegenüber. Ich besuchte ihn in einem seiner Labors an Bord der NOVA GALACTICA. Allerdings war er mehr mit seinem Robothund beschäftigt, als mit mir. Immer wuselte das Tier – wenn man das so sagen darf – durch die Räume und außer all den Eigenschaften, die einem an konventionellen Hunden unangenehm auffallen können, hatte der auch noch den Hang dazu, alles zu kommentieren, was zwischen Barrington und mir gesprochen wurde.

Schließlich schickte Barrington ihn hinaus und schüttete sich und mir erst Mal je einen Erlenmeyer-Kolben irgendeines guten Cognacs ein. Ich war zu wenig Connaisseur auf diesem Gebiet, um das wirklich schätzen zu können.

Barrington zelebrierte den Genuss dieses Cognacs regelrecht.

Schließlich sagte er: „Meinen Sie nicht, Sie sollten Orik ein bisschen Zeit lassen, wieder zu sich zu kommen? Er lebte jahrtausendelang unerkannt unter Menschen und ist in all der Zeit wahrscheinlich mehr durch den Planeten geprägt worden, als durch seine Ursprungsheimat. Zumindest, wenn man die Zeitspanne bedenkt, die er als Nugrou unter Nugrou verbrachte und jene ungleich größere, die er ein Mensch unter Menschen war, legt das doch den Schluss nahe. Finden Sie nicht?“

„Nun ...“

„Ich kann Ihnen nicht sagen, ob er insgeheim gehofft hat, sein Geheimnis würde nie ans Licht der Öffentlichkeit kommen. Er sagte mir, er hätte den Zeitpunkt selbst bestimmen wollen, aber ich kenne ihn nun wirklich gut genug, um zu wissen, wann er vielleicht nicht ganz aufrichtig ist – auch sich selbst gegenüber.“

„Mit anderen Worten: Er hätte dieses Geheimnis von sich aus niemals offenbart“, schloss ich messerscharf.

Barrington zuckte die Achseln. Das bärtige Gesicht des deutlich zum Übergewicht neigenden Wissenschaftlers wirkte nachdenklich. „Wären wir auf Planet XII nicht Nolads gestrandetem Raumschiff ROGSA begegnet, wäre es vielleicht nie ans Licht gekommen, dass Orik ebenfalls ein Nugrou ist ...“ Barrington atmete tief durch. „Haben Sie schon mit Doris, seiner Frau, gesprochen, Mr. Vanstranger?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe fast das Gefühl, dass sie mir ausweicht.“

Chris Barrington lachte heiser und genehmigte sich einen weiteren Erlenmeyer-Kolben des edlen Getränks. „Kann ich irgendwie sogar verstehen“, meinte er. „Wenn ich an Oriks Stelle wäre ...“ Er sprach nicht weiter, sondern komplimentierte mich vielmehr in den nächsten Augenblicken höflich, aber unmissverständlich hinaus. Chris Barrington wirkte sehr nachdenklich. Schließlich versprach er mir noch, mit Orik Daan zu reden und sich dabei für mein Projekt einzusetzen. Allerdings könne er mir nichts versprechen.

Später schaffte ich es doch noch, mit Doris Daan in Kontakt zu kommen. Wie ich später herausfand, war Orik Daans Frau zunächst ziemlich verzweifelt, nachdem sie mit der Tatsache konfrontiert wurde, mit einem Außerirdischen verheiratet zu sein. Aber sie hielt schließlich trotz alledem zu ihm, auch wenn sie es sicherlich bis zu einem gewissen Grad als Vertrauensbruch empfand, dass ihr Mann ihr seine wahre Identität verheimlicht hatte.

Inzwischen hatte sie allerdings Verständnis dafür. Auch ihr gegenüber versuchte ich, meinen Standpunkt darzulegen und gab ihr zu bedenken, dass früher später andere versuchen würden, Daans Geschichte auf eigene Faust zu rekonstruieren.

Auch Doris Daan berichtete mir später davon, dass ihr Mann es überhaupt nicht schätzte, wenn seine Vergangenheit nun auch noch einer weiteren Öffentlichkeit bekannt werden sollte.

Sie meinte: „Ich verstehe, was Orik fürchtet. Er möchte ein Mensch bleiben, wie bisher. Und alles, was Sie anstreben, stellt ihn außerhalb der Menschheit, grenzt ihn gewissermaßen aus.“

„Er ist anders“, erwiderte ich „Das ist eine Wahrheit, die Ihr Mann akzeptieren, und der er sich stellen muss.“

„Ja, aber vielleicht geht das nicht so schnell, wie Sie sich das wünschen, Mr. Vanstranger. Und um ehrlich zu sein, ist er sich wohl auch nicht sicher, welche Motive Sie verfolgen ...“

„Ich gebe zu, dass es mir natürlich um eine Sensationsstory geht! Keine Frage!“

„Genau das, was Orik vermeiden will!“

„Mag sein. Aber das Ganze hat auch noch eine andere Dimension, die man auch bedenken sollte.“

„Und die wäre?“

„Finden Sie nicht auch, dass Oriks Erlebnisse der gesamten Menschheit gehören? Er ist einzigartiger Zeuge der Geschichte. Er darf nicht schweigen.“

„Ich glaube nicht, dass jemand wie Sie, der bei der Sache nicht dasselbe Risiko eingeht wie Orik, das Recht hat, dies von ihm zu fordern“, machte mir Doris Daan unmissverständlich klar.

Und in gewisser Weise konnte ich diesen Standpunkt sogar verstehen.

„Ist es nicht besser, wenn Ihr Mann gleich seine Version darlegen kann, anstatt dass halbwahre Geschichten in Umlauf geraten?“, erwiderte ich. „Sie wissen vielleicht, dass hier und da bereits der Vorwurf laut wurde, Daan hätte die Menschheit mit seinem immensen Wissen doch mehr fördern können. Die Tel haben ein Imperium von zehntausend Welten, weil sie bereits drei Jahrhunderte vor der Menschheit die Technologie der Nugrou nutzen und weiter entwickeln konnten. Vielleicht wäre jetzt die Menschheit in einer sehr viel besseren Position, wenn auch uns das möglich gewesen wäre.“

Doris Daan lächelte nachsichtig.

„Ja, ich kenne diese Vorwürfe – aber ich weiß nicht, ob mein Mann unbedingt Sie braucht, um ihnen entgegenzutreten.“

„Ich glaube schon. Denken Sie wenigstens darüber nach.“

„Das werde ich“, versprach sie.

*

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ICH HABE NICHT DIE geringste Ahnung, welche Umstände letztlich dazu führten, dass Orik Daan sich zur Anfertigung dieser Aufzeichnungen bereiterklärte. Jedenfalls tauchte er vor meiner Kabine auf und bat mich um eine Unterredung.

„Ich bin einverstanden, dass Sie einen Bericht über mein Leben abfassen“, kam er sofort und ohne Umschweife auf den Punkt.

Ich muss ihn ziemlich überrascht angestarrt haben. War es nun dem Einfluss Chris Barringtons oder dem seiner Frau zuzurechnen, dass seine Meinung sich in dieser Sache um hundertachtzig Grad gedreht hatte? Ich habe es nie erfahren. Weder Barrington noch Doris Daan wollten sich dazu später noch einmal äußern.

„Darf ich hereinkommen?“, fragte er auf mein Schweigen hin.

„Bitte!“

Orik Daan sah sich kurz in der Kabine um, die mir an Bord der NOVA GALACTICA zur Verfügung gestellt worden war, und nahm dann in einem Schalensitz Platz, während ich mich auf meine Pritsche setzte.

Er schlug die Beine übereinander und musterte mich einige Augenblicke lang nachdenklich, so als wollte er es sich doch noch einmal überlegen.

„Ihre Argumente haben mich überzeugt“, gestand er schließlich. „Zumindest zu, sagen wir mal, achtzig Prozent. Der Rest ist Zweifel ... Ich weiß nicht, ob ich das Richtige tue, wenn ich Ihnen Rede und Antwort stehe. Ich weiß aber auch nicht, ob es nicht ein Riesenfehler wäre, es nicht zu tun. Daher habe ich ein paar Bedingungen für meine Kooperation.“

„Nur heraus damit!“, forderte ich. Über Bedingungen jeglicher Art konnte man immerhin verhandeln. Und das bedingte Ja, mit dem er unsere Unterhaltung eröffnet hatte, war sehr viel ermutigender als das kategorische Nein, das am Anfang zwischen uns gestanden hatte.

Daan beugte sich etwas vor. „Ich will ein Vetorecht bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.“

„Einverstanden.“

„Das bedeutet, dass ich meine Erlaubnis zur Veröffentlichung Ihres Berichts vielleicht kurz vor dem Startschuss zurückziehe ...“

„Ja, das ist mir klar. Ich werde Ihren Willen in dieser Sache auf jeden Fall respektieren.“

„Wenn Sie mich angehört haben, werden Sie selbst vielleicht darüber nachdenken, ob es nicht besser wäre, die Aufzeichnungen anschließend wieder zu vernichten, Mr. Vanstranger“, prophezeite er.

Eine Bemerkung, die meine Neugier nur noch viel mehr steigerte.

Er lehnte sich zurück.

„Wir können anfangen“, meinte er.

Ich aktivierte meinen Hand-Datenkristall. „Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich die Audioaufzeichnung aktiviere, oder?“

„Natürlich nicht.“

„Okay ...“

„Bevor ich Ihnen meine Erlebnisse berichte, möchte ich mit etwas beginnen, das mir besonders am Herzen liegt.“

„Bitte!“

„Heute kennt man mich als Fremdtechnikexperte und sagt mir großes Einfühlungsvermögen in die Technologien fremder Spezies nach. Aber das ist hart erarbeitet. Und wer immer glaubt, ich hätte die Menschheit in den letzten zweieinhalb Jahrtausenden stärker technologisch fördern sollen, verkennt völlig die Situation! Ich war ein Nugrouischer Philosophielehrer auf einer Welt, die von den Menschen heute Dockyard genannt wird, und hatte von Technik so viel Ahnung wie Sie, Mr. Vanstranger!“

„Mit anderen Worten: Überhaupt keine!“

„Wenn ein technisch ungebildeter Mensch unserer Zeit auf einem einsamen Hinterwäldlerplaneten stranden würde, so wäre er auch nicht in der Lage, diese Welt plötzlich mit Kraftwerken zu beglücken, selbst wenn er Grundkenntnisse über Elektrizität besitzt, die bei den Einheimischen vielleicht nicht vorhanden sind ... Wenn ein Spaceflash nicht mit benutzerfreundlicher Gedankensteuerung zu bedienen wäre,  dann wäre meine damalige Flucht unmöglich gewesen.“

Ich verstand, worauf er hinauswollte.

„Gehen wir zurück ins Jahr dreihundertachtundvierzig, als Sie auf der Erde gelandet waren.“

„Damals trug ich noch meinen Geburtsnamen Orikdaan ...“

Dann begann er zu erzählen, und ich hing wie gebannt an seinen Lippen. Die aufgezeichneten Audiodateien wurden später Grundlage für meinen Bericht, dem ich den Titel DIE AKTE Daan gegeben habe ...

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​  1. Kapitel

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Sommer des Jahres 348 vor Christus

Tabu-Planet Erde, Region: späteres Dänemark

Orikdaan kauerte am Feuer, über dem er ein Wildschwein briet. Er hatte es sich nicht zu erjagen brauchen, denn die humanoiden Eingeborenen dieses Planeten, der auf den Tabu-Welten stand, pflegten ihn regelmäßig mit Jagdbeute zu versorgen. Sie legten sie scheu und ehrfürchtig am bewaldeten Ufer jenes Sees ab, der die kleine Insel umgab, auf der er sich eingerichtet hatte.

Zuerst hatten die primitiven Eingeborenen versucht, ihn zu bekämpfen und dafür bitter bluten müssen. Schließlich war Orikdaan noch immer im Besitz eines Nadelstrahlers, mit dessen Hilfe er sich zu wehren wusste.

Inzwischen glaubten die zumeist bärtigen und hellhaarigen Krieger dieser Gegend offenbar, dass er so etwas wie ein Gott war.

Ein Gott, der in der Lage war, Blitze zu schleudern.

Orikdaan kaute lustlos auf einem nicht ganz durchgebratenen Bissen des Wildschweins herum. Dass es sich um ein Wildschwein handelte, war dem Nugrou in jenem Augenblick nicht bewusst. Er hatte die Gestalt eines rothaarigen, breitschultrigen Humanoiden angenommen. Damit glich er nicht nur rein äußerlich der Erscheinung eines einheimischen Erdbewohners, sondern passte sich damit auch dem Metabolismus dieser Wesen an. Mit weitaus größeren Folgen, als ihm zunächst bewusst war.

Für die Sprache und Kultur der Erdbewohner hatte er sich noch nicht im Mindesten interessiert. Unglücklicherweise bestand seine gesamte Ausrüstung aus einem Werkzeugkoffer und dem Nadelstrahler. Ein Translator war nicht dabei.

Orikdaan hatte es sich als äußerst angenehm vorgestellt, das Leben eines Gottes auf einem primitiven Planeten zu führen, dessen Entwicklungsmöglichkeiten jedoch als hoch eingestuft wurden. Dies war ein Grund dafür, dass man die Erde zu einem Tabu-Planeten erklärt hatte, dessen Entwicklung auf keinen Fall in irgendeiner Form beeinflusst werden sollte. Man wollte den einheimischen Zweibeinern ganz bewusst die Möglichkeit geben, sich auf natürliche Weise zu entwickeln.

Orikdaans Gedanken ließen die letzten Monate Revue passieren. Monate, die ihn aus einem unscheinbaren Dasein als Philosophielehrer herausgerissen hatten. Nolad, ein Nugrou-Mutant in der Gestalt eines blauhäutigen Ceraden, hatte ihn angesprochen, um ihn darüber aufzuklären, dass er kein gewöhnlicher Nugrou, sondern ein langlebiger Mutant war. Schon das geringere Körpergewicht, das mit 75 Kilogramm deutlich unter dem Durchschnitt von 100 Kilogramm lag, den die meisten Nugrou auf die Waage brachten, deutete darauf hin, dass er sich von seinen Artgenossen unterschied. Im selben Moment tauchte Ratmekod auf, ein anderer Nugrou-Mutant, der auf der Suche nach weiteren Mutanten war, die er für seine Geheimorganisation zu gewinnen trachtete. Aber Orikdaan weigerte sich, dieser Organisation beizutreten. Zwischen Nolad und Ratmekod war es daraufhin zum Kampf gekommen, bei dem Orikdaan durch einen Strahlschuss schwer verletzt worden war. Seine Fruchtkapsel war zerstört worden, außerdem ein Teil seines Gehirns – des einzigen Organs, das die amöbenhaften und zur Gestaltwandlung fähigen Nugrou nicht zu regenerieren vermochten.

Nolad hatte den schwerverletzten Orikdaan auf sein Schiff genommen und dort gepflegt.

Die Hirnverletzungen waren gravierend gewesen. Einerseits verlor Orikdaan die Fähigkeit, andere Nugrou anhand ihrer abgestrahlten Hirnmuster zu erkennen. Schlimmer noch war der Verlust des Großteils seines Gedächtnisses. Er konnte sich nur an wenige Dinge erinnern, die er vor dem Kampf zwischen Nolad und Ratmekod erlebt hatte.

Von dort aus war Orikdaan dann mit einem Spaceflash geflohen und hatte eine der sogenannten Tabu-Welten angeflogen. Einen Planeten, der viel später unter der Bezeichnung Terra bekannt werden sollte ...

Ein Verzweifelter auf der Suche nach einem Ort, an dem er in Ruhe leben konnte. Ein Nugrou, dessen bisheriges Leben sich buchstäblich in Nichts aufgelöst hatte. Er wusste nur, dass er unmöglich dahin zurückkehren konnte, wo er herkam.

Alle Versuche der Nugrou-Mutanten, ihre Rechte einzuklagen, waren bislang gescheitert. Gleichzeitig aber hatten die Bestrebungen von Geheimorganisationen, wie jener, der Ratmekod angehörte, im Nugrou-Reich die Macht an sich zu reißen, zu einer Verfolgung durch den Geheimdienst geführt.

Bei seiner Ankunft auf der Erde hatte Orikdaan geglaubt, das ideale Exil gefunden zu haben.

Nolad war ihm gefolgt und hatte ihn schließlich auch aufgestöbert, was mit den Mitteln der Nugrou-Ortungstechnik auch kein besonderes Kunststück war. Fast drei Monate hatte Nolad gemeinsam mit Orikdaan auf der Erde verbracht, hatte miterlebt, wie die Feindschaft der Erdbewohner mehr und mehr dem Respekt und schließlich der Vergötterung wichen ...

Stammesführer waren gekommen, um dem Gott des Donners ihre Töchter zur Frau anzubieten. Aber mit derartigen Ansinnen hatte der eingeschlechtliche Nugrou-Mutant zunächst nichts anfangen können. Er wusste zwar, dass die meisten ihm bekannten  humanoiden Völker sich zweigeschlechtlich fortpflanzten, aber das war für ihn letztlich nichts weiter als ein abstraktes biologisches Konzept, das ein Nugrou-Philosophielehrer in Beziehung zu den philosophisch-religiösen Vorstellungen gesetzt hätte, die innerhalb dieser Spezies dominant waren.

„Solltest du dich tatsächlich dazu entschließen, hier zu bleiben und dein Leben auf diesem Entwicklungsplaneten zu vergeuden, wirst du früher oder später auf derartige Heiratsangebote eingehen müssen“, prophezeite ihm Nolad. Er fühlte sich Orikdaan gegenüber verantwortlich und wollte ihn unbedingt davon überzeugen, dass es besser für ihn war, diese Welt wieder zu verlassen. Aber Nolad war klug genug, nicht allzu sehr zu drängen, denn das hätte nur Orikdaans Widerstand wachgerufen.

Orikdaan sah jenen Nugrou, der sich selbst als seinen Mentor betrachtete, ziemlich erstaunt an. „Dass ich den Körper eines Menschen besitze, heißt noch nicht, dass ich auch dessen Paarungsverhalten vollziehen muss!“

„Dein Metabolismus stellt sich mit der Zeit um. Du hast dich für einen Körper entschieden, der eindeutig männlichen Geschlechtes ist, und das wird nicht ohne Auswirkungen bleiben.“

„Sprichst du aus Erfahrung?“, erwiderte Orikdaan und musterte dabei die blauhäutige Erscheinung Nolads. Er hatte Nolad niemals in einer anderen Gestalt erlebt als der eines blauhäutigen Ceraden, was damit zusammenhing, dass einem Nugrou-Mutanten nach Abstoßung seiner Fruchtkapsel nur noch einmal ein Gestaltwandel möglich war. Offenbar hatte sich Nolad auf diese Erscheinung festgelegt, und so war es durchaus wahrscheinlich, dass er sehr genau wusste, wovon er sprach, wenn er von der Anpassung des Metabolismus redete.

Schließlich kam Nolad zu dem Schluss, dass es sinnlos war, Orikdaan davon abhalten zu wollen, auf der Erde zurückzubleiben. Und so verließ er den Tabu-Planeten und nahm dabei den gestohlenen Spaceflash mit, mit dem Orikdaan hier her geflohen war.

Jetzt – Wochen, nachdem Nolad den blauen Planeten verlassen hatte – überlegte Orikdaan ernsthaft, ob es nicht doch ein Fehler gewesen war, hier zurückzubleiben.

Ein Geräusch riss den Nugrou-Mutanten aus seinen deprimierenden Gedanken.

Es waren Hammerschläge.

Orikdaan erhob sich und lief bis zum Seeufer und blickte hinüber zum bewaldeten Ufer auf der anderen Seite.

Er wusste, dass die fellbehängten Barbaren dieser Gegend dort etwas bauten und dazu bereits eine Lichtung in den Wald hinein gerodet hatten.

Anfangs hatte Orikdaan geglaubt, dass dahinter irgendeine aggressive Absicht stand und die Barbaren mit ein paar in die Baumwipfel gezielten Strahlenschüssen vertrieben. Sie waren jedenfalls sehr stark beeindruckt gewesen.

Aber auch hartnäckig, und schließlich hatte der Nugrou sie gewähren lassen.

Dass sie ihm grundsätzlich inzwischen freundlich und ehrfurchtsvoll gegenüberstanden, ließ sich daran absehen, wie überreichlich sie ihn mit Nahrungsmitteln aller Art versorgten.

Nur einen Bruchteil davon konnte Orikdaan überhaupt verzehren.

Was bauen sie dort?, fragte sich Orikdaan nicht zum ersten Mal. Noch war es für ihn in keiner Weise erkennbar.

Des Nachts begab er sich mit einem Boot, das die Erdbewohner bei einer ihrer ersten Attacken auf ihn zurückgelassen hatten, ans Festland, schlich sich mit dem Strahler in der Hand an die Lichtung heran, die durch die Rodung entstanden war, und staunte nicht schlecht, als er die Grundmauern eines recht großen Hauses erblickte.

Es maß fast zwanzig Meter in der Länge und zehn Meter in der Breite und war von einem Kreis brennender Fackeln umgeben.

Ein paar mit Schwertern und Speeren bewaffnete Wächter patrouillierten herum. Aber sie waren nicht besonders aufmerksam. Stattdessen sprachen sie einem Getränk zu, dessen Namen Orikdaan später noch erfahren sollte. Es nannte sich Met, schäumte schrecklich und hatte einen ziemlich verheerenden Einfluss auf den menschlichen Metabolismus, wie Orikdaan bereits aus eigener Erfahrung festgestellt hatte. Wenn die Einheimischen Nahrungsmittel an das Seeufer brachten, so fehlte nie ein Krug mit diesem Gebräu.

Orikdaan hatte dessen Inhalt ein einziges Mal probiert und dadurch die verhängnisvolle Wirkung dieses Getränks am eigenen Leib zu spüren bekommen. Besonders der damit verbundene Kontrollverlust über die motorische Koordination hatte ihn stark beunruhigt, und er zweifelte inzwischen ernsthaft an der Intelligenz einer Spezies, deren Mitglieder sich offenbar vorsätzlich Gifte verabreichten. Anscheinend war das aber ein fester Bestandteil der kulinarischen Kultur dieser Barbaren, sofern der Begriff „Kultur“ in diesem Zusammenhang überhaupt passend war.

Jedenfalls hatte Orikdaan nach seiner ersten Einnahme von Met die Finger von diesem Gebräu gelassen.

Er konnte nur vermuten, dass vielleicht irgendwelche Gärungsprozesse zur Entstehung schädlicher Stoffe führten. Aber seine Kenntnisse chemischer Prozesse waren genauso rudimentär wie sein technisches Wissen, und Analysegeräte standen ihm nicht zur Verfügung.

Von den Wächtern hatte er also wenig zu befürchten.

Einige Augenblicke lang erwog Orikdaan, sie mit ein paar Blitzen aus seiner Energiewaffe zu vertreiben, entschied sich dann aber dagegen.

Er wollte unbedingt wissen, was die Erdbewohner dieser Gegend vorhatten, und welchem Zweck dieser Bau dienen sollte. Und das konnte er nur erfahren, wenn er sie weiter gewähren ließ. Schließlich bestand ja immer noch die Möglichkeit, sie zu vertreiben, wenn das Gebäude fertiggestellt und es dann selbst zu benutzen.

Orikdaan hatte nämlich festgestellt, dass sich die jahreszeitlichen Klimaschwankungen in diesen Breitengraden langsam bemerkbar machten. Es wurde spürbar von Tag zu Tag kälter, und ab und zu fegten Stürme mit großer Heftigkeit durch den Wald.

Seine eigenen Bemühungen, sich eine Behausung zu schaffen, waren über eine primitive Hütte aus Blättern und Zweigen nicht hinausgekommen, und daher lag der Gedanke, sich die Baukunst der Einheimischen zu Nutze zu machen, recht nahe.

Zumindest was die Holzverarbeitung anging, waren ihm jedenfalls diese Barbaren haushoch überlegen. Das musste er ihnen neidlos zugestehen.

Vorsichtig schlich Orikdaan zurück und setzte wieder auf seine Insel über.

In den nächsten Tagen und Wochen hielt die Bautätigkeit der Barbaren unvermindert an. Beständig hörte Orikdaan das Hämmern, bis es eines Tages plötzlich aufhörte. Seltsame Gesänge waren aus dem Wald zu hören. Wenig später erschien eine Prozession von Fackelträgern am Ufer.

Mindestens fünfhundert Menschen hatten sich dort versammelt. Und im Gegensatz zu den sonstigen Begegnungen mit den Barbaren, befanden sich nicht nur bewaffnete Männer unter ihnen, sondern auch Greise, Frauen und Kinder.

Sie feiern irgend etwas!, überlegte Orikdaan. Anscheinend hatte sich dort am Ufer ein ganzer Stamm versammelt. Gleichzeitig konnte der Nugrou beobachten, wie die Menschen einen wahren Berg von Nahrungsmitteln am Ufer aufbauten, der seinesgleichen suchte. So großzügig waren die Waldbewohner bislang noch nicht gewesen! Außer mehreren bereits von ihren Fellen befreiten Waldtieren, die Orikdaan weder im Leben, noch gehäutet und ausgeweidet, sicher zu identifizieren wusste, wurden auch gleich mehrere Fässer mit dem so nebenwirkungsreichen Met ans Ufer gestellt.

Sie sind meinetwegen hier!, überlegte Orikdaan. Nur meinetwegen. Sie versuchen mich durch ihre Gaben günstig zu stimmen!

Aber es war auch eine andere Variante denkbar.

Einige Augenblicke lang fürchtete Orikdaan, dass die Menschen vielleicht gekommen waren, um ihn von der Insel wegzulocken. Befand er sich erst einmal am Festland, so waren ihre Chancen, ihn niederzustrecken, sicherlich besser, auch wenn die meisten von ihnen dabei ihr Leben lassen mussten, falls es tatsächlich soweit kam.

Selbst die leistungsfähigen Energiezellen seines Strahlers waren irgendwann verbraucht.

Sei sparsam mit deinen Blitzen, du erhabener Donnergott!, meldete sich eine fast zynische Stimme in Orikdaans menschlichem Hinterkopf. Wäre es nicht sehr unangenehm, eines Tages buchstäblich mit leeren Händen und ohne die Fähigkeit, Blitze zu schleudern vor deine Gläubigen treten zu müssen?

Bewunderung und Respekt konnten dann sehr schnell umschlagen.

Furcht und Ehrfurcht ließen sich wohl auf Dauer nur aufrecht erhalten, wenn Orikdaan immer wieder dafür sorgte, dass die Barbaren an seine schier unumschränkte Macht erinnert wurden.

Als die Menschen Orikdaan am Ufer auftauchen sahen, verstummten die Gesänge.

Sie standen da und starrten ihn minutenlang an, ohne ein Wort zu sagen.

Orikdaan hielt den Strahler in der Rechten, einen Allzweckhammer aus seinem Werkzeugkasten in der Linken. Zwar gab es hier nichts zu reparieren, aber dieser Hammer hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit den Streitäxten und Knüppeln, die er zum Teil unter den Stammeskriegern sah.

Breitbeinig und mit aufgeblähter Brust stellte er sich ans Ufer.

Was erwarten sie von mir?, fragte sich Orikdaan.

Er dachte angestrengt darüber nach und kam endlich zu dem Schluss, dass man eine Machtdemonstration von ihm erwartete. Eine Art letzten Beweis, dass er tatsächlich über Kräfte verfügte, die außergewöhnlich waren und daher göttlichen Ursprungs sein mussten. Denn nur dann war dieser abgerissen wirkende Rothaarige es wert, dass man sich dermaßen große Mühe mit ihm gab ...

...und ihm ein Haus baute!, ging es Orikdaan durch den Kopf. Einen Tempel! Dieses Haus muss ein Tempel sein und sie fordern mich jetzt auf, darin zu wohnen – als Objekt ihrer Verehrung und ihrer furchtsamen Gedanken ...

Aus der Menge heraus wurde von einer heiseren Stimme ein Wort gerufen.

„Thor!‟

Andere fielen in diesen Ruf mit ein.

Die Erwartungen der Erdbewohner waren für Orikdaan fast körperlich spürbar. Mit einer Mischung aus Furcht und Ehrfurcht riefen sie ihn an – ihren Blitze schleudernden Gott.

Also tu ihnen den Gefallen und gib ihnen, was sie verlangen, dachte Orikdaan.

So nahm Orikdaan seinen Nadelstrahler, hielt die Mündung himmelwärts und ließ im nächsten Moment einen beeindruckenden „Blitz‟ emporzucken.

Ein Raunen durchlief die Reihen der Barbaren. Selbst die mächtigsten Krieger waren offensichtlich tief beeindruckt.

Sie warfen sich auf die Knie, zeigten ihre Demut gegenüber dem gefürchteten Blitzeschleuderer, und begannen sich dann nach einem zweiten Blitz ihres Herrn furchtsam zurückzuziehen.

Innerhalb weniger Augenblicke war keiner von ihnen noch zu sehen. Nur ihre Opfergaben hatten sie zurückgelassen.

Das Krächzen eines schwarzen Vogels war nun das einzige Geräusch, das vom anderen Ufer zu Orikdaans Lagerplatz hinüberdrang.

*

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AM FOLGENDEN UND AM darauffolgenden Tag war von den Arbeiten an dem Gebäude auf der Lichtung nichts mehr zu hören. Entweder die Barbaren hatten die Bauarbeiten aus irgendeinem, Orikdaan nicht weiter bekannten, Grund eingestellt, oder das Bauwerk war inzwischen fertig gestellt worden.

Da Orikdaan den Fortschritt der Arbeiten in mehr oder minder regelmäßigen Abständen verfolgt hatte, nahm er letzteres an.

Schließlich raffte er sich auf, paddelte mit seinem Boot ans Ufer und sah sich dort um. Den Großteil der Nahrungsmittel, die dort für ihn bereitgelegt worden waren, würde er gar nicht verzehren können. Die wilden Tiere der Umgebung konnten sich freuen. Teilweise hatten sie die Opfergaben der Barbaren bereits angerührt.

Aber diesmal fanden sich nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch Kleider, Werkzeuge und andere Gegenstände des täglichen Gebrauchs.

Des Weiteren stellte Orikdaan fest, dass sich der Rückzug der Barbaren wohl nicht ganz so chaotisch abgespielt haben musste, wie er bis dahin geglaubt hatte.

Vom Seeufer führte eine deutlich sichtbare Spur aus Opfergaben in den Wald hinein.

Orikdaan brauchte dieser Spur nur wenige Minuten zu folgen, um zu erkennen, dass sie geradewegs zu dem Gebäude im Wald führte.

Orikdaan begab sich dorthin und stellte fest, dass es tatsächlich fertiggestellt worden war. Die Barbaren hatten es festlich geschmückt. Geflochtene Kränze aus Stroh hingen über Türen und Fenstern. Ein doppelter Kreis aus lodernden Fackeln umgab das Haus. Die Fackeln waren an etwa ein Meter fünfzig langen Rundhölzern befestigt. Der Wind frischte auf. Aus dem dunstigen Himmel fiel etwas Nieselregen.

Orikdaan trat durch den Eingang. Innen befand sich ein einziger großer Raum, dessen Wände mit gewebten Wandteppichen behängt waren, auf die man mit bunten Fäden Bildmotive aufgestickt hatte. Die Kunstfertigkeit dieser Barbaren schien sich diesbezüglich in engen Grenzen zu halten, aber die Motive waren klar erkennbar. Immer wieder tauchte in diesen Stickereien die Gestalt eines Kriegers auf, der mit der einen Hand Blitze schleuderte, während die andere einen schweren, hammerartigen Gegenstand trug.

Ja, dies war ohne Zweifel ein Tempel. Die Wohnstatt eines Gottes – und nun erwartete man von diesem Gott, dass er sich tatsächlich auch hier einquartierte.

Warum auch nicht?, überlegte Orikdaan.

Immer öfter war es in den letzten Wochen vorgekommen, dass das primitive Blätterdach seiner eigenen Hütte Regen und Wind nicht hatte standhalten können. Die kalte Jahreszeit würde sich hier auf jeden Fall besser überstehen lassen, als auf der Insel.

Die Wasserbarriere glaubte der Nugrou nicht mehr zu seinem Schutz zu brauchen. Warum sollten Menschen, die ihm mit viel Mühe ein Haus gebaut hatten, irgend etwas gegen ihn im Schilde führen?

Dazu war ihre Furcht vor seinen Fähigkeiten als nahezu allmächtiger Herr der Blitze wohl auch zu groß. Jedes Gewitter wird sie an meine Macht erinnern, dachte Orikdaan.

Sollten sie das dumpfe Grollen des Donners ruhig für Schläge seines Hammers halten ...

*

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ORIKDAAN NAHM ALSO die ihm zugedachte Residenz an. Wenn der kalte Wind über die Lichtung fegte, schloss er die hölzernen Fensterläden, aber es gab trotzdem noch genügend Ritzen, durch die es hereinwehte. Bevor Orikdaan mit Nolads Spaceflash auf der Erde gelandet war, hatte er die planetaren Klimadaten aus einem allgemein zugänglichen Planetenkatalog abgerufen, den der Bordrechner zur Verfügung hatte. Orikdaan hatte die Daten bei seinem getarnten Anflug auf die Tabu-Welt Erde lediglich überflogen und war davon ausgegangen, in einer klimatisch gemäßigten Zone zu landen. Dass es gerade in diesen Gebieten zu erheblichen Temperaturschwankungen kommen konnte, war dem ehemaligen Philosophielehrer keineswegs klar gewesen. Erst jetzt, da sich die ersten Vorboten des jahreszeitlichen Wetterwechsels nicht mehr übersehen ließen, dämmerte ihm die deprimierende Wahrheit.

Obwohl die Barbaren ihn weiterhin gut mit Nahrungsmitteln versorgten, die sie nun am Rand der Lichtung bereitstellten, wurde Orikdaan immer unzufriedener mit seinem Dasein als Gott.

Er schien doch sehr viel weniger für das einfache Leben auf einer primitiven Welt geschaffen zu sein, als er ursprünglich gedacht hatte.

Am Waldrand, wo die Barbaren ihre Opfergaben abzulegen pflegten, befanden sich drei armdicke Pfähle, die tief in die Erde gerammt worden waren. Nach ein paar Tagen fand Orikdaan dort ein vierbeiniges Huftier angebunden vor. Seine Kenntnisse der irdischen Fauna und Flora war noch sehr bescheiden, und so vermochte er weder zu bestimmen, welcher Spezies das Tier angehörte, noch wusste er, wie man es – abgesehen von der Schlachtung – nutzen konnte.

Das Tier hob den langgezogenen Kopf und stieß einen meckernden Laut hervor.

Das Haarbüschel, das aus dem Unterkiefer heraus spross, erinnerte Orikdaan an den Bartwuchs, wie er ihm bei verschiedenen humanoiden Völkern bekannt war.

Nach kurzer Überlegung entschied Orikdaan, dass er für dieses Tier keinerlei Verwendung hatte. Konsequenterweise löste er den Strick, mit dem es befestigt worden war, und ließ es frei. Meckernd stob es davon und verschwand im Wald. Orikdaan hatte keinerlei Zweifel daran, dass es seine ursprünglichen Besitzer schon bald wieder haben würden.

Die Barbaren fassten die Freilassung des Tieres offenbar so auf, dass ihrem verehrten Donnergott dieses Opfer nicht genügte und er es deshalb zurückgewiesen hatte.

Jedenfalls fand sich wenige Tage später ein deutlich größerer Vierbeiner am Pfahl festgebunden.

Da dieses Tier Hörner besaß und düstere, tief aus der Kehle kommende Laute ausstieß, argwöhnte Orikdaan zunächst, es könnte sich um eine bösartige, aggressive Spezies handeln, die vielleicht zur Lagerbewachung abgerichtet worden war. Der Nugrou-Mutant wagte es kaum, sich vorzustellen, was für ein Riesenvieh man ihm möglicherweise als nächstes an den Pfahl binden würde, wenn er auch dieses Opfer zurückwies.

Er zögerte daher, mit diesem Tier so zu verfahren wie mit dem ersten, und es einfach frei zu lassen.

Orikdaan wandte sich zunächst den Nahrungsmitteln zu, die die Barbaren ebenfalls für ihn bereitgelegt hatten, trug sie ins Innere seines Tempels, und ließ sich erst einmal ein ausgiebiges Mahl schmecken. War für ihn anfangs so manche Zutat der Barbarenküche trotz seines menschlichen Magens äußerst gewöhnungsbedürftig gewesen, so hatten sich seine Geschmacksnerven offenbar inzwischen weitgehend an die in diesem wilden, unzivilisierten Landstrich übliche Nahrung gewöhnt. Selbst das gegorene Getränk, von dem er später lernen sollte, dass es von den Menschen dieser Gegend „Met“ genannt wurde, mundete ihm inzwischen. Einerseits hatte sein Körper sich offenbar an den Genuss gewöhnt, und andererseits hatte Orikdaan herausgefunden, dass die negativen Nebenwirkungen bei maßvollem Genuss ausblieben.

Die Stunden rannen dahin, und es wurde Orikdaan mit der Zeit klar, dass er das Tier auf keinen Fall behalten konnte – mochten das die Barbaren nun interpretieren, wie sie wollten.

Das Hornvieh brüllte immer öfter und durchdringender, je weiter der Tag sich dem Abend näherte.

Orikdaan beobachtete dies mit Sorge.

Er wusste nicht, was diese Reaktion des Tieres zu bedeuten hatte. Was, wenn es sich in aggressiver Absicht vom Pfahl losriss und er vielleicht gezwungen war, es in Notwehr mit seinem Strahler zu töten? Wenn er Glück hatte, sahen es die Einheimischen als das natürliche Recht des Gewittergottes an, so etwas zu tun. Vielleicht hatte dieses Tier aber auch eine ganz besondere kultische Bedeutung, und die Barbaren nahmen es ihrem Gott vielleicht sehr übel, wenn er es tötete.

Immer wieder brüllte das Tier auf, und Orikdaan hatte mittlerweile die Vermutung, dass es Schmerzen hatte, vielleicht sogar ernsthaft krank war. Er vermutete außerdem, dass diese Schmerzen vielleicht mit dem im Laufe des Tages extrem angeschwollen Hautsack zu tun hatten, der dem Hornvieh zwischen den Beinen aus dem Leib wuchs. Über dessen eigentliche Funktion konnte Orikdaan nur spekulieren. Die eigenartigen Fortsätze, die aus diesem Hautsack hervorwuchsen, sprachen dafür, dass es sich vielleicht um ein Organ handelte, das der Nahrungsversorgung von Jungtieren diente. Orikdaan wusste, dass auch die meisten humanoiden Weibchen derartige Organe besaßen – so auch die auf der Tabu-Welt Erde beheimatete Spezies Mensch, mit deren Anatomie und Physiologie sich der Nugrou aus naheliegenden Gründen etwas näher befasst hatte.

Allerdings unterschied sich die Form dieser „Jungtierversorgungsorgane“ bei diesem Hornvieh so stark von den Organen bei Humanoiden, dass er diese Möglichkeit fast ausschloss.

Als das Gebrüll des Hornviehs immer schmerzvoller und erbarmungswürdiger wurde, ging er schließlich hinaus, näherte sich mit dem Strahler in der Hand vorsichtig dem Monstrum und durchtrennte das Seil schließlich aus sicherer Entfernung mit einem Energieschuss. Der Strahl schmorte das grob geflochtene Seil einfach durch, und das Hornvieh wurde schier wahnsinnig vor Angst. Brüllend und stampfend stob es davon.

*

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EINE GANZE WOCHE BLIEB der Pfahl am Waldrand frei. Kein weiteres, noch gigantischeres Tier wurde dort fest gekettet, in der Hoffnung, dass der Gott der Blitze und des Donners dafür in irgendeiner Weise Verwendung hätte.

Orikdaan atmete innerlich auf.

Vielleicht hatten die Barbaren endlich eingesehen, dass er zwar mit Fleisch und Früchten, die sie ihm bereit stellten, etwas anzufangen wusste – nicht aber mit lebenden Tieren, die er selbst hätte versorgen oder schlachten müssen.

In diesen kühlen, regnerischen Tagen begann Orikdaan immer intensiver darüber nachzudenken, ob es nicht besser wäre, sich in eine andere, klimatisch günstigere Gegend des Planeten zu begeben. Ein Gebiet, in dem die einheimischen Humanoiden vielleicht ihrem Gott ein sehr viel luxuriöseres Leben bieten konnten, als diese primitiven Waldbewohner.

In einer sturmdurchtosten Nacht wachte Orikdaan plötzlich auf.

Er hatte Geräusche und Stimmen gehört.

Darunter einen Laut, der wie das Schluchzen eines Humanoiden klang. Salter brachten bei körperlichem Schmerz oder extremer emotionaler Belastung ähnliche Laute hervor.

Orikdaan war sofort hellwach.

Er griff nach dem Nadelstrahler.

Irgend etwas war dort draußen los. Er rappelte sich auf und wankte noch schlaftrunken an die Tür.

Es war eine mondlose, regnerische Nacht. Einer der Fensterläden klapperte. Der heftige Wind ließ die Baumkronen hin und her wogen.

Mindestens hundert Barbaren hatten sich am Rand der Lichtung versammelt. Viele von ihnen trugen Fackeln. Die Flammen flackerten und wurden durch Wind und Regen beinahe gelöscht.

Orikdaan ließ den Blick schweifen.

Fast ausschließlich bewaffnete Männer hatten sich da draußen versammelt, und manche von ihnen waren für seinen Geschmack gefährlich nahe an den Tempel herangekommen.

Orikdaan feuerte kurzerhand mit dem Strahler auf einen der dicken Bäume am Waldrand. Mit einem krachenden Laut barst das Holz, und der Baum wurde in einer Höhe von etwa einem Meter wie ein Streichholz geknickt. Der massive Stamm stürzte nieder und riss dabei zahlreiche Äste aus den Kronen benachbarter Bäume mit sich.

Ein Aufschrei ging durch die Gruppe der Barbaren.

Sie begriffen offenbar, dass sie dem Blitze schleudernden Donnergott zu nahe gekommen waren, nach allen Seiten stoben sie davon und traten den ungeordneten Rückzug an.

Nach wenigen Augenblicken waren sie im Wald verschwunden. Ihr aufgeregtes Stimmengewirr drang noch für einige Zeit zu Orikdaan herüber. Zur Sicherheit feuerte der Nugrou-Mutant noch einen weiteren Strahlschuss ab und setzte damit die Krone  eines mächtigen Baumes in Brand, dessen Stamm auf eine Weise gewachsen war, die vermuten ließ, dass früher bereits einmal der Blitz in ihn hinein gefahren war.

*

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ORIKDAAN ATMETE TIEF durch. Die Gefahr schien vorüber zu sein. Ein leises, verängstigtes Wimmern drang jetzt vom Waldrand zu ihm herüber. Es kam aus dem Bereich, in dem sich der Pfahl befand, an dem die Barbaren ihm nacheinander ein kleineres und ein größeres Huftier gebunden hatten.

Aber dort herrschte jetzt tiefster Nachtschatten, so dass Orikdaan nicht mehr als eine vage Bewegung zu erkennen vermochte. Er lauschte. Das Wimmern verstummte.

Mit dem Strahler in der Hand näherte er sich dem Ausgangspunkt des Geräuschs. Orikdaan aktivierte die Minilampe an seinem Handgelenk. Sie hatte sich in seinem Koffer mit Werkzeug befunden. Die Energiezellen waren nur noch schwach, so dass ihr Schein nicht besonders weit reichte.

Orikdaan ließ den Schein der Lampe über langes blondes Haar und einen Körper mit deutlich sichtbaren geschwungenen  Rundungen gleiten. Das Kleid war durchnässt und bildete daher die Silhouette exakt nach. Der Humanoide war zweifellos weiblich.

Inzwischen wusste Orikdaan genug über die Mimik der menschlichen Spezies, um zu erkennen, was der Gesichtsausdruck der Frau bedeutete, deren Alter er auf Grund der Straffheit ihrer Haut als nicht allzu hoch einschätzte.

Es war der Ausdruck puren Entsetzens, der sich in den Zügen der jungen Frau widerspiegelte. Die Augen waren weit aufgerissen, der Mund ebenfalls. Sie zitterte am ganzen Körper. Was sicher auch nicht in erster Linie mit der Witterung zu hatte, denn Regen und Kälte waren die Menschen in dieser Gegend gewohnt.

Orikdaan leuchtete ihr Gesicht an. Ihre blauen Augen erinnerten ihn an den Anblick, den die Erde bot, wenn man sie aus dem Weltraum betrachtete.

Die junge Frau sagte etwas, was er nicht verstand. Nur ein einziges Wort. Er erkannte es wieder, da sie es mehrfach wiederholte. Es lautete „Thor“. Und Orikdaan erinnerte sich daran, es schon mehrfach auch aus den Mündern der anderen Barbaren gehört zu haben.

Als er sich ihr noch einen weiteren Schritt näherte, fuhr sie erschrocken zusammen. Mochten die Götter dieser barbarischen Welt wissen, was man ihr über ihn erzählt hatte.

Orikdaan fragte sich, ob es sich nur um einen neuen Versuch der Einheimischen handelte, ihm eine ihrer Töchter zur Frau anzubieten, um damit gewissermaßen ein Bündnis mit einem mächtigen Gott schließen zu können, oder ob eine ganz andere Erwartung dahinter stand.

Schließlich habe ich zweimal Nutztiere, die möglicherweise  zum Verzehr geeignet gewesen sind, als Opfergaben zurückgewiesen, überlegte Orikdaan und dachte mit Schaudern an die Konsequenz, die sich daraus ergeben konnte.

Mit einer humanoiden Frau kann ich ebenso wenig anfangen wie mit den beiden Tieren, die die Barbaren mir überlassen wollten, überlegte Orikdaan. Andererseits war sehr fraglich, wie die Barbaren auf eine nochmalige Zurückweisung ihrer Opfergabe reagieren würden. Über kurz oder lang drohte die Situation außer Kontrolle zu geraten.

Orikdaan ging zurück zum Tempel, holte ein Messer, das zu den Opfergaben gehört hatte, die die Barbaren für ihn hinterlassen hatten und kehrte damit zurück zu der gefesselten jungen Frau. Mit ein paar raschen Schnitten löste er ihre Fesseln. Seine Absicht war es, sie freizulassen, genau wie die beiden Huftiere.

Sie rieb sich die Handgelenke und sah ihn ungläubig an.

„Worauf wartest du? Verschwinde!“, rief Orikdaan.

Die junge Frau blieb jedoch stehen, nachdem sie zunächst scheu und angstvoll ein paar Schritte zurückgewichen war. War es zunächst die pure Furcht gewesen, die ihr Gesicht dominiert hatte, so begann sich nun etwas anderes in ihre Züge zu mischen: Neugier.

Orikdaan wandte sich in Richtung des Tempels. Er war bereits durchnässt genug. Nachdem er ein paar Schritte gegangen war, drehte er sich noch einmal um und stellte fest, dass die junge Frau sich keinen Zentimeter fortbewegt hatte. Sie stand noch immer da, starrte ihn an und bedachte ihn nur mit einem Blick, der seine bisherigen Kenntnisse der menschlichen Mimik schlicht und ergreifend überstieg.

„Was ist los? Worauf wartest du? Warum kehrst du nicht zu deinen Leuten zurück?“, fragte er.

Sie antwortete ihm mit ein paar Worten ihrer eigenen barbarischen Sprache.

„Na, meinetwegen komm mit!“, sagte Orikdaan schließlich. Er machte ihr ein Zeichen mit der Hand, das sie offenbar verstand.

Scheu und in einem gewissen Abstand folgte sie ihm bis zum Tempel, dessen Schwelle sie erst überschritt, als Orikdaan sie mir einer weiteren Geste dazu aufforderte. Sie zitterte leicht. Selbst für einen Nugrou-Mutanten war es erkennbar, dass sie nach wie vor große Angst vor ihm hatte. Aber offenbar gab es da etwas, das sie noch mehr fürchtete und sie dazu veranlasste, ihrem Gott in den Tempel zu folgen.

„Setz dich“, sagte Orikdaan und deutete auf ein Lager mit Fellen, das die Barbaren ihm bereitet hatten.

Sie gehorchte, nachdem Orikdaan seine für sie unverständlichen Worte mit ein paar Gesten unterstrichen hatte.

*

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ÜBER LANGE ZEIT SAGTE keiner von beiden ein Wort. Der Regen prasselte auf das Dach des Tempels und wurde heftiger.

Schließlich setzte sich Orikdaan zu ihr und gab ihr eine Frucht, die bei den Nahrungsmittelopfern der Barbaren gewesen war. Er kannte den Namen dieser grünen Frucht nicht, hatte jedoch inzwischen herausgefunden, dass der kleine Holzstiel daran ungenießbar war, und man die Kerne in der Mitte besser aussparte, wollte man vermeiden, dass sie einem zwischen den Zähnen hängenblieben.

Die junge Frau nahm die Frucht und verstand diese Geste genau so, wie Orikdaan sie auch gemeint hatte: Als ein Zeichen, dass sie von ihm nichts zu befürchten hatte.

„Ich werde dir nichts tun“, sagte er, und sie hing mit großen Augen an seinen Lippen. Natürlich verstand sie nicht ein einziges Wort, aber Orikdaan hatte davon gehört, dass viele Emotionen unter Humanoiden durch Modulation der Stimme ausgedrückt wurden. Es würde abzuwarten sein, in wie fern dies auf die Spezies Mensch ebenfalls zutraf. Aber wenn er an die stimmlichen Äußerungen dachte, die er bisher von den Barbaren mitbekommen hatte, so schien das durchaus der Fall zu sein, auch wenn es bislang vor allem Gefühle der Angst gewesen waren, die sie zum Ausdruck gebracht hatten.

Orikdaan dachte, dass es die Situation vielleicht entspannte, wenn er einfach nur beruhigend auf sie einredete – so, als ob sie jedes Wort, das ihm über die Lippen kam, verstand.

„Ich bin Orikdaan“, sagte er und deutete dabei mit der Hand auf seinen Oberkörper. Anschließend wiederholte er es noch einmal. „Orikdaan ist mein Name. Ich komme von sehr weit her. Von da oben!“ Er deutete himmelwärts.

„Orikdaan. Da oben“, wiederholte die junge Frau das, was sie an Lauten in sich aufgenommen hatte. „Orikdaan – da oben.“

„Schon besser“, meinte der Nugrou-Mutant.

„Schobessaaa“, wiederholte sie.

„Jetzt sprich mir verdammt noch mal nicht alles nach! Es hat keinen Sinn, wenn du meine Sprache lernst. Vielmehr muss ich deine Sprache lernen.“

„Lernen.“

Orikdaan musste unwillkürlich schmunzeln. Eine Reaktion, die offenbar bei diesen speziellen Humanoiden nicht kulturell bedingt war, sondern im Kern ein genetisch angelegter Reflex. Ein Reflex, der also auch bei Orikdaans bis in jedes Detail nachgebildetem Körper auftrat.

Sie erwiderte dies mit einem verhaltenen und noch etwas abwartenden Lächeln. Noch wusste Orikdaan auch das kaum zu deuten. Aber ihrer Körperhaltung glaubte er entnehmen zu können, dass sie sich etwas entspannt hatte. Es wäre ja schon mal ein Fortschritt, wenn sie nicht glaubt, dass sie mir als Mahlzeit dienen soll!, ging es Orikdaan durch den Kopf.

Sie deutete jetzt mit ihrem Zeigefinger auf sich selbst und sagte dazu: „Gerhuld.“

Orikdaan sprach dieses Wort nach. Es handelte sich offensichtlich um ihren Namen.

Sie lächelte, als er ihn aussprach, und Orikdaan versuchte dies so gut zu erwidern, wie ihm das bei seiner Kenntnis menschlicher Mimik möglich war.

Gerhuld zeigte mit dem Finger auf ihn. „Thor!“, stieß sie dabei hervor. Dabei ahmte sie mit Lauten und Bewegungen unverkennbar ein Gewitter nach.

Orikdaan versuchte ihr mit einem Konglomerat aus Worten und Gesten klarzumachen, dass er keineswegs das war, wofür diese Barbaren ihn offenbar hielten. „Ich bin kein Donnergott, sondern nur ein großer Krieger!“

Sie wich plötzlich vor ihm zurück.

Vielleicht war sein Tonfall zu laut gewesen, so dass sie glaubte, sich den Zorn Thors zugezogen zu haben. Ich werde sehr viel behutsamer vorgehen müssen, wurde es Orikdaan klar. Und wahrscheinlich war der erste Schritt, der, dass er so schnell wie möglich die Sprache dieser Barbaren lernte.

Er deutete mit der Rechten auf ihren Oberkörper.

„Gerhuld“, sagte er, woraufhin sie heftig nickte.

„Gerhuld“, bestätigte sie.

Na immerhin!, dachte er. Wenn das nicht der Beginn einer Konversation ist!

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DEN REST DER NACHT schlief keiner von ihnen. Erst gegen Morgen übermannte Gerhuld die Müdigkeit, und sie rollte sich wie eine Katze auf dem Lager zusammen.

Orikdaan nahm sich ein paar Decken und Felle. Damit ließ er sich in der entgegengesetzten Ecke des Tempels nieder.

Einerseits registrierte er zwar, dass Gerhuld nach den Begriffen der irdischen Humanoiden eine attraktive Frau war, und er hatte sich immer wieder dabei ertappt, sie anzusehen und mit dem Blick den Rundungen ihres Körpers zu folgen.

Andererseits misstraute er ihr.

Nachdem Gerhuld vor Erschöpfung eingeschlafen war, gönnte auch Orikdaan sich etwas Schlaf. Darin hatte er sich ganz  den Bedürfnissen seines menschlichen Körpers angepasst. Den Strahler behielt er jedoch immer griffbereit.

*

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IN DEN KOMMENDEN TAGEN lernte er Gerhuld besser kennen. Sie machte keinerlei Anstalten, aus dem Tempel zu fliehen. Offenbar hatte sie erkannt, dass er ihr nichts antun würde.

Orikdaan bemühte sich darum, die ersten Begriffe der Barbarensprache von ihr zu erlernen. Da die Versorgung mit Nahrungsmitteln durch Gerhulds Stamm weiter anhielt, gab es ansonsten auch kaum etwas zu tun.

Orikdaan lernte schnell.

Bereits nach ein paar Tagen konnte er sich mit Gerhuld über einfachere Dinge austauschen und kannte die Bezeichnungen der meisten Nahrungsmittel und Werkzeuge, die ihm die Einheimischen überlassen hatten. Mit letzteren wusste er kaum etwas anzufangen – abgesehen von Messern, mit denen sich Nahrung zerteilen ließ. Aber wozu Schaufeln und Hacken gut sein konnten, mit denen man die Erde umgrub, war ihm schleierhaft. Als Philosophielehrer war für ihn Landwirtschaft in jedweder Form etwas gewesen, das buchstäblich in einer anderen Welt stattfand. Von Gerhuld lernte Orikdaan, dass die Barbaren offenbar den Genuss rohen Fleisches vollkommen ablehnten. Bislang hatte die Orikdaan die Frage, ob er Fleisch, dass die Barbaren ihm lieferten, roh oder gebraten verzehrte, stets nach Zähigkeit und Konsistenz des jeweiligen Eiweißspenders beurteilt. Im übrigen hatte er es weder in der einen, noch in der anderen Variante sonderlich schmackhaft gefunden, obwohl er wusste, dass die Einheimischen dem Verzehr von Eiweißprodukten eine ganz besondere Bedeutung zumaßen.

Gerhuld lehrte ihn nun, wie man Fleisch auf eine Weise zubereiten konnte, die es schmackhaft machte. Dabei wurde ihm klar, dass einige der als Opfergaben dargebrachten Kräuter, die Orikdaan bislang als absolut ungenießbar eingestuft hatte, eigentlich auch in kleiner Menge zum Würzen gedacht waren.

Obgleich die Tage immer kälter und düsterer wurden, die Wolken immer tiefer hingen und sich dabei zu beängstigenden, dunklen Gebirgen auftürmten, trat der Gedanke an ein baldiges Verlassen dieser Gegend zunächst einmal wieder in den Hintergrund. Gerhulds Anwesenheit sorgte für Abwechslung, und er begann sich an den Klang ihrer hellen Stimme und die Blicke ihrer leuchtend blauen Augen zu gewöhnen.

Nach und nach wurde die Verständigung zwischen ihnen besser.

„Es ist kein Wunder, dass du unsere Sprache so schnell gelernt hast – schließlich hast die Kräfte eines Gottes!“, stellte sie fest.

„Ich bin kein Gott, sondern nur ein Krieger mit besonderen Gaben!“, widersprach er ihr.

„Jemand, der Blitze schleudern kann, ist ein Gott!“, beharrte sie. „Auch wenn ich nicht begreife, was du tust oder redest – du musst einfach ein Gott sein. Alle in unserem Stamm sagen das, auch die weisen Alten. Mögen die Götter wissen, weshalb du dich Orikdaan nennst – in Wahrheit bist du doch Thor, der seinen gewaltigen Hammer schwingt, wenn man den Donner grollen hört!“ Sie sah ihn sehr ernst an. „Ich bin nur eine einfache Jungfrau – aber erzähl du mir nicht, dass du nur einfacher, ganz gewöhnlicher Mann bist!“

„Doch, genau das bin ich!“

„Gewöhnliche Männer können Sprachen nicht so schnell lernen, wie du die meine gelernt hast!“

„Woher willst du das beurteilen können?“

„Weil sich vor ein paar Jahren ein Mann aus unserem Dorf darum bemüht hat, die Sprache der Seefahrer aus dem Süden zu lernen. Er heißt Hranulf der Schlaue und trägt diesen Beinamen nicht umsonst! Da das Schiff der Südländer repariert werden musste, und sie nicht mehr rechtzeitig vor Wintereinbruch den Rückweg antreten konnten, weilten sie monatelang an unserer Küste. Aber Hranulf der Schlaue ist über ein paar Begriffe und die Kenntnis der Zahlen in der Sprache der Südländer nie hinausgekommen!“

Dann trägt Hranulf der Schlaue seinen Beinamen vielleicht doch zu unrecht!, überlegte Orikdaan. Aber etwas anderes interessierte ihn weitaus mehr als das ramponierte Ansehen eines Dorfgenies. Er erkundigte sich nach den Südländern, deren Schiffe offenbar die Küsten dieses wilden Landes erreichten.

„Sie fahren sogar noch weiter, in das östliche Meer“, berichtete Gerhuld. „Dort kaufen sie Bernstein auf, den sie dann in ihre Heimat bringen.“

„Und was kaufen sie in dieser Gegend auf?“, erkundigte sich Orikdaan. Die Süffisanz, die in seiner Frage mitschwang, kam bei Gerhuld irgendwie nicht so recht an. Ob es an der noch unvollkommenen Sprachbeherrschung des Nugrou-Mutanten lag, oder daran, dass in diesem Stamm so etwas wie Ironie unbekannt war, wollte Orikdaan nicht weiter ergründen.

Gerhulds Antwort überraschte ihn jedenfalls.

Sie hob die Augenbrauen, nahm eine dicke Strähne ihrer hellblonden Haare zwischen Daumen und Zeigefinger und hob sie etwas hoch.

„Das hier kaufen sie bei uns!“, erklärte sie.

Orikdaan zog die Augenbrauen zusammen. Eine Regung menschlicher Mimik, die in diesem Fall bereits vollkommen unwillkürlich ablief.

„Frauenhaar?“, fragte er verblüfft.

„Ja! Zumindest, sofern sie selbst dunkelhaarig sind. Es scheint dort verschiedene Stämme zu geben ... Man kann alles Mögliche aus Frauenhaar herstellen – oder es einfach nur herumzeigen und damit angeben!“

„Wo liegt dieses Südland? Ist es weit entfernt?“

„Ich weiß es nicht“, bekannte Gerhuld. „Ich weiß nur, dass niemand aus unserer Gegend dort war. Aber den Berichten der Seefahrer nach, die sich bis an unsere Küsten verirren, muss es dort schier unbeschreiblichen Reichtum geben. Überfluss, wohin immer man sieht – vielleicht auch Magie und Bauwerke aus Stein!“

Aus weiteren Schilderungen wurde Orikdaan rasch klar, dass sie tatsächlich nicht wirklich über dieses legendäre Land im Süden Bescheid wusste.

Schließlich unterbrach sie ihre schwärmerischen Schilderungen, als sie bemerkte, dass jener Mann, von dem sie glaubte, er sei in Wahrheit doch Thor, der Blitze schleudernde Donnergott, mit den Gedanken woanders zu sein schien und gar nicht mehr richtig zuhörte. Ihr Wortschwall verstummte plötzlich.

Sie musterte ihn.

„Ich weiß, wer du bist“, stellte sie nach einiger Zeit fest.

Die Selbstverständlichkeit, mit der die junge Erdbewohnerin dies sagte, amüsierte Orikdaan etwas. Er ließ sich allerdings nichts anmerken, schließlich wollte er sich ihre Kooperationsbereitschaft nicht verderben.

„Ein Gott, der die Gestalt eines einfachen, ganz gewöhnlichen Mannes angenommen hat! Aber in deinem Herzen, in deinem innersten Kern bleibst du doch Thor ...“

Diese Bemerkung ließ Orikdaan fast ein wenig zusammenzucken.

Wie nahe sie doch der Wahrheit damit gekommen war!

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​  2. Kapitel

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Die Tage gingen dahin, und eine südliche Luftströmung brachte vorübergehend wieder etwas milderes Wetter. Die Schilderungen, die Gerhuld jedoch über den Winter in ihrer Heimat gab, ließen Orikdaan innerlich frösteln.

Die Abende wurden länger, und wenn sie gemeinsam am Feuer saßen, berichtete sie ihm von den Geschichten über das sagenhafte Südland, die unter ihrem Volk kursierten. Auch wenn das meiste davon nur der Fantasie von Menschen entsprang, die sich an langen Winterabenden nach Wärme, Sonnenschein und unvorstellbaren Reichtümern sehnten, so hatten diese Überlieferungen vermutlich doch einen wahren Kern, und Orikdaan überlegte, ob er nicht in nächster Zeit sein bequemes Götterleben aufgeben und dorthin aufbrechen sollte. Eine beschwerliche Reise, gewiss. Aber hier oben im  Norden war der Winter selbst für einen Donnergott sehr hart. Außerdem war er dieses wilde, unzivilisierte Land mit seinen wilden Bewohnern inzwischen leid geworden. Er sehnte sich nach den Dingen, die seinem Verständnis nach eine Zivilisation ausmachten. Musik, Literatur ... und Philosophie! Seit Nolad den Tabu-Planeten verlassen hatte, war niemand mehr um ihn gewesen, mit dem er wirklich auf dem Niveau seinesgleichen hätte argumentieren können.

Der Wunsch danach, diesen unwirtlichen Landstrich zu verlassen, wurde immer stärker in ihm.

Aber da war noch eine andere Regung, die er deutlich registrierte. Eine Regung, die er auf den Metabolismus seines menschlichen, ihm noch nicht wirklich vertrauten Körpers zurückführte.

Mit Erstaunen bemerkte sein wachsendes Interesse an Gerhuld, deren Gestalt und pure körperliche Präsenz ihn auf eine Art und Weise gefangen nahm, die er nicht kannte. Er hatte von der Spannung gehört, die bei humanoiden Spezies zwischen den Geschlechtern herrschte, hatte sich darunter allerdings nie wirklich etwas vorstellen können.

Er ertappte sich dabei, wie er Gerhuld beobachtete, wie er ihre unter dem Kleid wogenden Brüste anstarrte, und wie ihn der Duft ihres Haars oder der Glanz in ihren blauen Augen verwirrte, wenn sie ihm nahekam.

Eines Morgens sah er sie vor der Zisterne auf der Rückseite des Tempels stehen. Sie nutzte einen der letzten relativ warmen Sonnentage dazu, um sich gründlich zu waschen. Das Wasser perlte von ihrer nackten Haut. Ihr Körper bildete eine einzige, schwindelerregende Silhouette. Zwei sich widerstreitende Emotionen rangen in Orikdaans Seele miteinander. Einerseits verspürte er das unstillbare Verlangen, diese Frau zu berühren und ihr nahe zu sein.

Daneben gab es aber auch einen Abgrund düsterer Furcht in ihm.

Es ängstigte ihn zutiefst, als Mensch dermaßen Spielball biochemischer Launen und Drüsenfunktionen zu sein, und er fragte sich, wie lange er im Stande wäre, die Kontrolle zu behalten.

Bei den Nugrou war diese Form von Leidenschaft unbekannt. Kein Wunder, dass wir eine Zivilisation geschaffen haben, die Galaxien beherrscht, während diese Wilden einen Mann mit einem Energiestrahler für einen Blitze schleudernden Donnergott halten!, überlegte Orikdaan.

Jetzt erst bemerkte Gerhuld ihn.

Sie sah ihn herausfordernd an, richtete sich auf, und strich ihr noch feuchtes Haar zurück.

Sie lächelte, als sie merkte, wie sehr sein Blick an ihrer formvollendeten Gestalt hing.

„Den Göttern sei Dank!“, stieß sie hervor.

Der Klang ihrer Stimme holte Orikdaan wieder etwas auf den Boden der Tatsachen zurück.

„Wofür dankst du den Göttern?“, fragte er verwirrt.

Sie zuckte die schmalen Schultern. Ihre Brüste bewegten sich dabei.

„Das werde ich dir später sagen.“

„Wann?“

„Wenn ich mir ganz sicher bin.“

„Sicher? Worüber?“

Sie lachte nur, nahm ein Tuch und trocknete sich damit ab.

*

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AM ABEND STREIFTE SIE sich ihr Kleid ab und kroch zu Orikdaan unter die Decke. Sie begann anschließend an seiner Kleidung herumzunesteln, die inzwischen im Wesentlichen aus Sachen bestand, die die Barbaren ihrem Gott als Opfergaben zur Verfügung gestellt hatten.

„Ich muss es jetzt wissen, Orikdaan“, sagte sie.

„Was musst du jetzt unbedingt wissen?“

„Ob du wirklich ein so gewöhnlicher Mann bist, wie du mir gegenüber behauptet hast oder ...“

„Oder was?“

„... ob irgend etwas mit dir nicht stimmt. Bei den Seefahrern aus dem Süden soll es angeblich häufiger mal vorkommen, dass Männer sich zu Männern, anstatt zu Frauen, hingezogen fühlen.“

„Gibt es so etwas in deinem Volk nicht auch?“

„Nein! – Natürlich nicht! Es hätte mich daher auch sehr gewundert, wenn unsere Götter so veranlagt wären.“

„Ich bin kein Gott!“

„Ja, nur ein mächtiger Krieger – ich weiß!“, lachte sie, wobei ihre Hand tiefer glitt. Sie lachte. „Und was für einer!“

Er nahm ihr Handgelenk und sah sie ernst an. „War es das, worin du unbedingt sicher sein wolltest? Ob ich mich zu Frauen hingezogen fühle?“

„Anfangs machtest du mir nicht den Eindruck, als wäre das der Fall. Aber seit du mich an der Zisterne so angesehen hast, hatte ich wieder Hoffnung.“

„Hoffnung?“

„Mein Stamm wünscht sich viele Göttersöhne, die auch über die Fähigkeit verfügen, Blitze zu schleudern. Dann wären wir allen anderen Stämmen an der nördlichen See überlegen!“

Orikdaan hatte nicht die geringste Ahnung, ob eine Zeugung von Nachkommen zwischen Nugrou und Mensch generell überhaupt ohne genetische Manipulationen möglich war. Wahrscheinlich hing es davon ab, ob die Nachbildung des menschlichen Körpers durch den Gestaltenwandel tatsächlich bis auf die zellulare Ebene durchgeführt wurde.

Zumindest theoretisch wäre das denkbar, dachte Orikdaan.

Allerdings wären bei einem Genaustausch zwischen Mensch und Nugrou sehr menschenähnliche Nachkommen zu erwarteten gewesen – zumindest nach Orikdaans biochemischen Laienverstand. Schließlich wären sie nur dann überlebensfähig, wenn sie sich an die Umgebung des Mutterleibes anpassten.

Der Gedanke daran, möglicherweise mit einer unzivilisierten Tabu-Weltlerin humanoiden Nachwuchs zu zeugen, stimmte ihn angesichts der Tatsache, dass seine eigene Fruchtkapsel zerstört war, etwas melancholisch.

„Du musst doch ein Gott sein!“, hörte er Gerhulds helle Stimme. „Denn wenn du ein Sterblicher wärst, dann wüsstest du mit einer sterblichen Frau auch mehr anzufangen ... aber das macht nichts. Ich werde dir alles zeigen.“ Sie lachte erneut. „Selbst eine Jungfrau scheint mehr darüber wissen, als ein Gott! Aber jetzt ist mir auch klar, warum es so wenige von euch gibt!“

Sie ließ erneut die Hände über seinen Körper gleiten, öffnete das Fellgewand, das er trug, und rieb ihre Haut an der seinen. Ein wohliger Schauer durchfuhr seinen humanoiden Körper, als er ihren warmen Körper spürte.

Warum nicht diesem Gefühl nachgeben?, dachte er.

Wilde, ungestüme Leidenschaft ergriff ihn. Ihre Körper berührten sich zärtlich und rieben sich aneinander. Schweißperlen glänzten auf ihrer Haut. Der Atem beschleunigte sich. Seine Hände glitten an ihrem Körper entlang, fuhren die geschwungenen Linien nach. Ihre Brüste reckten sich ihm entgegen. Ihre Hände fassten ihn an beiden Schultern und zogen ihn zu sich heran. Als er schließlich in sie eindrang, gab es kein Halten mehr. Eine stürmische Vereinigung ließ ihn schließlich ermattet niedersinken.

Eine vergleichbare Ekstase hatte er in seinem Nugrou-Leben bisher nicht gekannt. Schon deswegen hat es sich gelohnt, auf diesem Planeten gelandet zu sein!, dachte er.

Er brauchte einige Augenblicke, um wieder zu Atem zu kommen. Ein wirres Chaos aus Gedanken und Gefühlen beherrschte ihn. Gerhuld schmiegte sich an ihn. Er fühlte ihre Wärme und ihren Herzschlag.

*

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WORÜBER DENKST DU nach, Orikdaan?“

Nach ihrer zweiten, sehr viel zärtlicheren und bedachteren Vereinigung hatten sie beide etwas geschlafen.

Plötzlich einsetzender, prasselnder Regen war schließlich dafür verantwortlich gewesen, dass Orikdaan aufgewacht war.

Jetzt stand er schon eine ganze Weile an einem der offenen Fenster und blickte hinaus in die wolkenverhangene Nacht.

Gedankenverloren stand er da. Gerhulds Worte erreichten ihn wie aus weiter Ferne. Sie schlug die Decke zur Seite und trat neben ihn. Dann wiederholte sie die Frage noch einmal. „Für mich war es das erste Mal“, sagte sie. „Aber für dich zweifellos auch!“

Das ekstatische Erlebnis ihrer Vereinigung wirkte zwar noch in Orikdaans Bewusstsein nach, aber da war noch etwas anderes, das ihn stark beschäftigte.

Er musterte sie.

Eine einzige Fackel brannte im Tempel. Orikdaan hatte sie entzündet, als er aufgestanden war. Das flackernde, warme Licht umschmeichelte ihren wohlgeformten Körper. Ihre Haut glänzte leicht.

„Ich werde nicht länger hier bleiben“, sagte er. „Einen Winter in dieser Gegend – darauf kann ich gut verzichten.“

„Es mag nass und kalt sein – aber wie du heute Nacht gesehen hast, gibt es auch ein Feuer, an dem man sich wärmen kann!“ Dabei näherte sie sich und schmiegte sich an ihn.

Orikdaan lächelte. Eine Veränderung der Mimik, die bereits reflexartig eintrat und nicht mehr bewusst herbeigeführt werden musste, was auf menschliche Betrachter ganz gleich, welcher kulturellen Prägung sie auch immer sein mochten, wohl etwas maskenhaft gewirkt hatte.

„Es ist dieses Land im Süden! Dort will ich hin!“, verkündete er. Sein Tonfall drückte Entschlossenheit aus.

„Vielleicht sind das alles nur Geschichten“, gab Gerhuld zu bedenken. „Geschichten von Seefahrern, die zu viel Met genossen haben oder einfach angeben wollten.“

„Und die Seefahrer, die ab und zu bis in die Gewässer eures Landes gelangen?“

„Sie sind eher selten hier. Nur wenige von uns haben mit ihnen gesprochen. Wer weiß, woher sie wirklich kommen, und wie es in ihrer Heimat tatsächlich aussieht.“

„Ich weiß, dass es dieses Südland gibt!“, erklärte Orikdaan.

„Es ist sicher eine beschwerliche Reise – vorausgesetzt, dieses Land existiert wirklich und ist nicht nur eine Frucht übersteigerten Metdurstes!“

Orikdaan lachte heiser.

„Zu beschwerlich für einen Gott?“

„Du hast gesagt, dass du ein gewöhnlicher Mann bist.“

„Und du drehst die Dinge immer so, wie es dir gerade in den Kram passt.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein“, widersprach sie. „Es ist so, dass ich bislang einfach nicht glauben wollte, dass du kein Gott bist, wie mein Volk glaubt.

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