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Ansonsten lächelt nur der Tod

Titel

 

Ansonsten lächelt nur der Tod

Thriller

 

Trevor Hill

 

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 1.0

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen oder Schauplätzen sind rein zufällig. Sämtliche Äußerungen, insbesondere in Teilen der wörtlichen Rede, dienen lediglich der glaubhaften und realistischen Darstellung des Geschehens. Ich verurteile jegliche Art von politischem oder sonstigem Extremismus, der Gewalt verherrlicht, zu selbiger auffordert oder auch nur dazu ermuntert!

 

Ein großes Dankeschön geht an:

Meinen lieben Testlesern/innen Birgit, Lianne und Nicolas

 

Inhalt:

 

Lange Zeit glaubte Ralf Becker, seine Vergangenheit – als Killer im Staatsdienst – hinter sich gelassen zu haben. Doch sein altes Leben holt ihn auf brutalste Weise ein: Beckers Tochter wurde entführt. Auf der Jagd nach den Verantwortlichen wird schnell klar, dass die weit mehr als nur ein millionenschweres Lösegeld erwarten. Für seinen letzten Job muss Ralf Becker sämtliche Register ziehen, denn ansonsten lächelt nur der Tod ...

1

»Falls dir was an deiner Tochter liegt, rufst du lieber die Nummer auf dem Zettel an ... am besten sofort!«

Ralf Becker stand wie versteinert auf dem Fliesenboden der Waschstraße. Kurz zuvor hatte ein schwarzer Audi direkt vor ihm gehalten, neuestes Modell. Das Fenster fuhr herunter. Der Mann hinter dem edlen Lederlenkrad hatte ihm zunächst wortlos einen Zehner in die Hand gedrückt.

»Den Rest kannst du behalten«, erklang es dazu mit überheblicher Stimme.

Zehn Cent Trinkgeld.

Wie großzügig!

Aber die Geschichte ging noch weiter. Ralf Becker wollte bereits den entsprechenden Knopf an der Bedienkonsole der Waschanlage drücken, da hielt der Mann einen kleinen Zettel aus dem Fenster.

Becker dachte noch an ein weit üppigeres Trinkgeld, als dieser eine Satz folgte, in dem es ausgerechnet um seine Tochter ging. Nur ein paar Worte. Die waren allerdings in der Lage, alles zu zerstören, was er sich in den letzten Jahren mühsam aufgebaut hatte.

Aber noch war es vielleicht nicht zu spät. »Was soll das heißen?«, fragte Ralf Becker nach und verzog dabei so weit wie möglich das Gesicht. »Ich hab gar keine Tochter. Sie müssen mich mit jemandem verwechseln.«

Anstelle einer Antwort fuhr das Fenster vor ihm nach oben. Der Audifahrer betätigte den Wählhebel der Automatik und rollte bereits. Sein linker Vorderreifen fand zielsicher die Spur. Im nächsten Moment wurde er von der Mechanik erfasst und nach vorne gezogen.

›Wir verwöhnen ihr Auto!‹, lief wie üblich über die LED-Anzeige an der Decke. Ein letzter Gruß an jeden Fahrer, bevor die rotierenden Bürsten ihre Arbeit aufnahmen und rundherum für Sauberkeit sorgten.

Ralf Becker stand derweil noch immer wie angewurzelt einfach nur da. Er schaute auf den Zettel in seiner Hand. Seine Finger zitterten. Die Telefonnummer kannte er nicht.

Alles in ihm hoffte unverändert auf eine Verwechslung, einen dummen Zufall.

Den Job in der Waschanlage hatte er vor gut zwei Jahren angenommen und sich vom Polierer am Ende der Waschstraße schnell zu deren Leiter hochgearbeitet. Kein Wunder! Vermutlich war er der Erste, der sich nicht die Taschen vollstopfte; stattdessen alles brav bei Hussein, dem Inhaber, ablieferte.

»Nur Waschen und Föhnen«, erklang es vor ihm kichernd. Ein roter Polo hatte vor ihm angehalten. Die junge Frau darin kurbelte noch immer an ihrem Fenster.

Wie ferngesteuert nahm Becker den Fünf-Euro-Schein entgegen. Aber selbst für die Standard-Wäsche fehlte noch ein weiterer einzelner Euro.

»Mist!« Die Blondine wühlte in ihren sämtlichen Ablagen. Offensichtlich erfolglos. Sie schaute aus dem Fenster und lächelte schüchtern. »Vorhin hatte ich noch einen ... vom Einkaufen. Ehrenwort!«

Becker zwang sich ebenfalls zu einem Lächeln, schüttelte kommentarlos den Kopf und winkte die Frau mit ihrem Polo einfach weiter. Er hatte ganz andere Probleme als einen fehlenden Euro. Außerdem warteten schon die nächsten Autos in der Zufahrt zur Waschstraße. Wenn sich vor dem Tor ein Stau bildete, nahmen potentielle Kunden gerne Reißaus.

Aber welche Rolle spielte das jetzt eigentlich?

»Morgen brauch ich ’nen neuen Schrubber, Boss!« Vladi, ein Usbeke, der in seiner Heimat Informatik und Mathematik studiert hatte, stand plötzlich neben ihm. »Fürchte, der alte macht’s nicht mehr lange.«

Tatsächlich kehrten Beckers Gedanken erneut für einen kurzen Moment in die Waschanlage zurück. Vladi war ein guter Kerl, der jede Vorwäsche erledigte, als ginge es dabei um sein nacktes Leben oder den Fortbestand der Zivilisation. Mit seinen Voraussetzungen hätte der Usbeke vermutlich auch einen Raketenantrieb programmieren können; stattdessen schwang er hier den Schrubber und ging am Monatsende mit einem Hungerlohn nach Hause. Wenn Becker morgens zur Arbeit kam, und feststellte, dass Vladi Dienst hatte, versprach das einen weitestgehend entspannten Tag. Zumindest gab es nur vereinzelt Beschwerden, dazu deutlich mehr Trinkgeld.

»Was ist los, Boss?« Vladi sah ehrlich besorgt aus. »Alles in Ordnung bei dir?«

Becker schüttelte nur den Kopf. Er deutete auf die Bedienkonsole. Ein altbekanntes Zeichen dafür, dass er kurz abgelöst werden musste. Meistens, um zu pinkeln.

Und auch dieses Mal führte ihn sein Weg zur Toilette für Angestellte. Ein winziges Loch, in dem es schon seit Wochen stank, als verwese dort eine Ratte im Abfluss. Becker hatte sogar eine WC-Ente und Raumspray von zu Hause mitgebracht. Aber auch deren Gerüche vermochten einen anderen nicht zu überdecken.

Der Zettel in seiner Hand war mittlerweile schweißnass und zerknüllt, die Tinte verlaufen. Kleine blaue Arme, die denen einer Krake ähnelten.

Anrufen?

Alles aufs Spiel setzen?

Seine Gedanken rotierten. Suchten nach einem Ausweg. Aber fanden keinen.

Vielleicht handelte es sich doch nur um eine Verwechslung?

Und wenn ja, dann könnte schon dieser eine leichtsinnige Anruf dafür sorgen, dass alles umsonst gewesen wäre.

Alles!

Becker zog sein Handy aus der Tasche und wischte auf dem Display.

Dabei kreisten seine Gedanken wie Jagdflieger.

Seine Jasmin. Entführt?

Das konnte nicht sein.

Durfte nicht!

Mit zitternden Finger wischte er auf dem Display herum. Jasmin hatte sich zwei Tage zuvor per WhatsApp gemeldet. Seitdem hatte er nichts mehr von ihr gehört. Wie immer ärgerte sich Becker darüber, dass seine Tochter ihren Online-Status unterdrückte. Ansonsten hätte er wenigstens sehen können, wann sie zum letzten Mal eine Nachricht verschickt, empfangen oder gelesen hatte.

Fehlanzeige!

Seine letzte Antwort wartete noch immer auf die zwei obligatorischen blauen Häkchen. Er konnte also noch nicht mal sagen, ob Jasmin sein »Hab dich lieb. Kuss. Papa« überhaupt gelesen hatte. Und dabei hatte er sich so viel Mühe gegeben, das Ende seiner Nachricht mit zwei herzförmigen Emojis zu versehen. Ausgemachter Blödsinn, aber als Vater wollte man eben auch ein bisschen hip daherkommen.

Jasmin wollte ihm regelmäßig weismachen, dass sie an der Uni ihre Ruhe bräuchte. Keine Zeit für umfangreichen Nachrichtenaustausch oder gar Telefonate hätte. Wäre ihre Großmutter nicht vor drei Jahren gestorben, hätte Becker seiner Tochter vermutlich empfohlen, der alten Frau diesen Bären aufzubinden.

Aber davon abgesehen: Inwiefern sollte ihm ein Online-Status helfen?

Eine Entscheidung musste her. Schnell!

Becker wählte die Nummer seiner Tochter. Mailbox. Er trennte die Verbindung und wählte erneut – mit demselben Resultat. Beim dritten Versuch wartete er geduldig, bis die Computerstimme Jasmins Telefonnummer Ziffer für Ziffer runtergeleiert hatte und ein Piepton ihn zum Sprechen aufforderte.

»Papa hier! Wenn du diese Nachricht hörst, ruf mich zurück. Sofort!« Becker zögerte kurz. »Es ist ein Notfall! Ruf an!«

Nach dem Auflegen lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken. Und das, obwohl es in der winzigen Toilette heiß wie in einer Sauna war. Kein Wunder! Hinter einer dünnen Wand, gleich nebenan, arbeitete ein Kompressor, der es beim Anspringen mit einem Düsentriebwerk aufnehmen konnte.

Zum ersten Mal seit Jahren rauschte es in Beckers Ohren. Jeden Augenblick würde sein Blutdruck die gefühlte Schallmauer durchbrechen; sein Schädel vermutlich platzen. Er kannte diesen Zustand nur zu gut, hatte jedoch gehofft, ihn nie wieder spüren zu müssen.

Erneut starrte er auf den Zettel in seiner Hand. Nach einem schweren Atemzug, gerade so, als wäre es der letzte, tippte er Ziffer für Ziffer auf der virtuellen Tastatur. Aber noch schwebte sein Daumen über dem Auslöser: einem grünen Telefon.

Unmöglich!

Wie sollte jemand Jasmin finden?

Und vor allem: Wie hatte man ihn und seine Tochter miteinander in Verbindung gebracht? Das war nicht mal seinem früheren Arbeitgeber gelungen. Und der verfügte über ungeahnte Ressourcen.

Letztendlich wurde sein Daumen wohl in erster Linie von Ratlosigkeit angespornt. Zumindest entwickelte der ein gewisses Eigenleben und sorgte für Tatsachen: eine Verbindung.

»Sie haben sich aber viel Zeit gelassen«, schnarrte es aus Beckers Telefon.

Dessen Verstand arbeitete bereits fieberhaft. Es waren nur ein paar Worte. Trotzdem versuchte jede seiner grauen Zellen, die Stimme am anderen Ende zu identifizieren. Bisher ohne jedes Ergebnis.

»Sie müssen schon mit mir reden. Ansonsten kann ich Ihnen nicht helfen.«

»Wie wollen Sie mir denn helfen?«, erkundigte sich Becker mit tonloser Stimme.

Am anderen Ende der Leitung erklang ein leises Lachen. »Ich gehe davon aus, dass Sie Ihre Tochter unversehrt zurückhaben wollen. Oder irre ich mich?«

»Ich habe das schon Ihrem Kollegen gesagt – Sie müssen mich mit jemandem verwechseln. Ich habe gar keine Tochter!«

»Ach so ... dann tut es mir leid. Nichts für ungut.« Erneut ein Lachen. Lauter und dieses Mal von Grund auf böse. »Hören Sie auf, mich zu verarschen. Ansonsten ist Ihre Jasmin in weniger als fünf Minuten tot. Es kostet mich genau einen Anruf und ... Moment ... ich habe da etwas für Sie.«

Einen Atemzug später hörte Becker seine eigene Stimme, die über einen Lautsprecher blechern widerhallte. Es war die Nachricht, die er seiner Jasmin vor nicht mal zwei Minuten auf die Mailbox gesprochen hatte.

Da war sie: die letzte Bestätigung.

Der Kerl kannte ihren Namen und hatte ihr Handy.

Keine Verwechslung.

Kein Irrtum.

Stattdessen der Supergau!

Eine Frage unterbrach seine Gedanken: »Haben Sie sich selbst gehört?«

»Natürlich!« Becker hätte es gerne verhindert, aber seine Stimme zitterte selbst bei diesem einzelnen Wort. »Sagen Sie mir lieber, was Sie wollen.«

»Zwei Millionen Euro!«

»Soll das ein Witz sein?« Trotz der aussichtslosen Situation entfuhr Becker ein kurzes Lachen. »Ich arbeite in einer Waschanlage! Mein Konto bei der Sparkasse ist um zweihundert Euro überzogen und es dauert noch anderthalb Wochen, bis mein nächster Hungerlohn kommt. Außerdem ...«

»... finanzieren Sie das Studium Ihrer Tochter«, unterbrach ihn die Stimme am anderen Ende der Leitung. »Wie rührend. Sie sind ein guter Vater!«

Becker schnaubte geräuschvoll. »Also, was ist ... kann ich die zwei Millionen in Raten abstottern? Dann könnten wir ins Geschäft kommen.«

»Keine Angst, Herr Becker. Sie haben ein bisschen Zeit, um das Geld aufzutreiben.«

»Wie viel Zeit?«

»Drei Stunden. Und wenn ich bis dahin keine Überweisung auf meinem Konto finde, ist Ihre Tochter tot.«

»Ich habe ja nicht mal ’ne Kontonummer.«

»Keine Angst ... die bekommen Sie gleich.«

»Sie müssen völlig verrückt sein! Wo soll ich denn ...?« Den Rest verschluckte Ralf Becker. Sein Gegenüber hatte das Gespräch beendet.

2

Während seine Gedanken unverändert fieberhaft nach einer Erklärung oder einem Ausweg suchten, sackte Becker auf den Plastikdeckel der Toilette herunter. Das vorangegangene Telefonat hatte ihm jegliche Kraft geraubt. Um ihn herum sah es ähnlich wie in seinem Kopf aus: Ein ramponiertes Waschbecken in Augenhöhe, ein Spiegel, in dem man sich selbst kaum erkannte und dazu ein Seifenspender, der nur etwas herausrückte, wenn ihm gerade zufällig danach war. Voraussetzungen, die kaum einen klaren Gedanken und erst recht keine Entscheidung möglich machten. Und während Becker immer noch auf einen Irrtum oder eine einfache Lösung hoffte, vibrierte das Handy in seiner Hand. Eine MMS. Die ultimative Bestätigung, denn das Bild zeigte seine Jasmin. Gefesselt. Geknebelt.

Links und rechts neben seiner Tochter standen zwei maskierte Riesen, deren bloßer Anblick Beckers Herz zwei Schläge aussetzen ließ. Danach war es, als würde man ihm den wichtigsten Muskel im menschlichen Körper einfach herausreißen. Seine Tränen tropften auf den schmutzigen Toilettendeckel. Nie zuvor in seinem Leben hatte er sich derart machtlos und betäubt gefühlt.

Ein paar Minuten später schob sich Becker unbemerkt durch das hintere Tor der Waschanlage ins Freie. Er hatte sich weder von Vladi, noch von sonst jemandem verabschiedet. Seine Kollegen hätten ohnehin nur Fragen gestellt, auf die es keine Antworten gab.

Vor den Staubsaugern der Waschanlage war in der Mittagszeit nicht viel los. Ganz links stand ein verrosteter Fiat, bei dem es fraglich war, ob sich der Euro fürs Aussaugen überhaupt noch lohnte. Etwa mittig hatte ein Rentner seinen hellgrauen Mercedes geparkt. Dessen beigefarbene Sitze und dunkelbraune Armaturen ließen ernstzunehmende Rückschlüsse auf die Motorisierung zu. Nicht die beste Wahl für einen – dringend notwendigen – Alarmstart. Und auch Beckers eigener Wagen, ein in die Jahre gekommener Mazda, dessen Motor an jeder dritten Kreuzung absoff, kam nicht infrage.

Ganz rechts stand ein aufgemotzter BMW mit offen Türen. Die dumpfen Bässe aus dessen Lautsprechern hatte Ralf Becker schon auf der Toilette im Magen gespürt. Mit langen Schritten umrundete er den Wagen und stellte zufrieden fest, dass es sich sogar um einen M3 handelte. Dieser Umstand versprach zumindest ausreichend Feuer unter der blankpolierten Haube.

Der rechtmäßige Eigentümer dieser Rakete auf Rädern, ein kahlrasierter Muskelprotz, pöbelte gleich los, als Becker neben der offenen Fahrertür stehen blieb. »Ist was, du Hirni?« Ein Lachen erklang. Der Glatzkopf deutete zur Einfahrt der Waschanlage hinüber. »Bist du nicht einer von den Putz-Affen?«

Auf eine Antwort musste der Kerl notgedrungen verzichten. Beckers Faust schoss nach vorne und fand ihr Ziel: eine Kinnspitze. Der Glatzkopf sackte sofort im Fahrersitz zusammen. Nur wenige Atemzüge später lag er zusammengekrümmt im Müllcontainer, der ansonsten für Putzpapier gedacht war.

Becker startete den Motor. Er warf einen Blick zum Rentner hinüber, der wohl genug mit ein paar Staubkörnern zu tun hatte, die sich auf seiner Rückbank zwischen Kopfstützen und Lehne versteckt hatten.

Für einen kurzen Moment stand Beckers Fuß voll auf dem Gaspedal. Ein Wunder, dass keine Funken aus dem Auspuff sprühten. Der Rentner hatte sich unterdes kopfschüttelnd vor seinem graulackierten Zeitvertreib aufgebaut und schaute dem BMW nur verdutzt hinterher. Becker warf noch einen letzten wehmütigen Blick in den Rückspiegel.

Das war’s wohl mit dem Job in der Waschanlage.

Eine Viertelstunde später parkte er den M3 am Adolphsplatz in der Hamburger Innenstadt. Von dort war es nicht mehr weit bis zu seinem nächsten Ziel. Man konnte auch sagen: seiner einzigen Hoffnung. Jasmins Entführer würden sich wohl kaum mit ein paar Hundertern aus irgendeinem Geldautomaten zufriedengeben. Es wurde Zeit für Taten, weitere Verhandlungen machten keinen Sinn.

Becker wanderte mit langen Schritten die Börsenbrücke entlang und bog an deren Ende in den Neß ab. Hier saßen etliche Rechtsanwälte und Steuerberater, denen erste Adressen entweder zu teuer waren oder die sie sich schlichtweg nicht leisten konnten. Aber Becker brauchte keinen Anwalt. Und bei seinem Einkommen dürfte auch ein Steuerberater keine Wunder in Form einer üppigen Rückzahlung vollbringen. Beckers Ziel war vielmehr die Außenstelle einer iranischen Privatbank, deren Hauptsitz in Frankfurt lag. Dort wussten sogar die wenigsten Mitarbeiter davon, dass die wesentlichen Entscheidungen nicht etwa in der Main-Metropole, sondern in einem unscheinbaren roten Backsteinbau mitten in der Hamburger City getroffen wurden. Vom Inhaber persönlich, einem Perser.

Nach einem kurzen Zwischenspurt blieb Ralf Becker keuchend auf der obersten von drei Steinstufen stehen. Vor sich fand er eine Glastür, die verschlossen war. Das Teil wirkte solide. Vermutlich wäre weit mehr als nur ein Hammer vonnöten, um eine der Scheiben zu zerschlagen. Aber er wollte ja auch keine Gewalt anwenden. Noch nicht! Also klingelte er brav.

»Ja, bitte?«, erklang es nach endlosem Warten aus einem Lautsprecher.

»Ich möchte zu Herrn Ahmad. Dringend!«

Auch die nächste Antwort ließ einige Zeit auf sich warten. Becker war sich darüber im Klaren, was ein paar Etagen über ihm in diesem Augenblick passierte. Und auch das Ergebnis dieser Prüfung war keine Überraschung:

»Herr Ahmad ist heute nicht im Hause. Darf ich ihm eine Nachricht hinterlassen?«

»Ich muss ihn sofort sprechen!«

»Wie gesagt: Er ist nicht ...«

»Vielleicht ist es besser, wenn Herr Ahmad mal persönlich einen Blick auf Ihren Monitor wirft!« Becker beugte sich ein Stück nach vorne. Direkt über den Klingelknöpfen war die Linse einer Kamera zu erkennen. Die drehte sich munter, um zu fokussieren. »Und sagen Sie ihm, dass es auch für ihn wichtig ist. Sehr wichtig!«

Es dauerte eine Ewigkeit, bis die nächste Reaktion folgte. Und die bestand auch nicht etwa aus weiteren Worten oder einer finalen Abfuhr. Stattdessen erklang ein leises Summen. Die Glastür öffnete sich von alleine.

Becker wusste, dass sein Ziel im vierten Stock lag. Trotzdem benutzte er die Treppe, denn es wurde offensichtlich höchste Zeit, für ein bisschen neue Kondition zu sorgen. Oben angekommen, fand er einen langen blankpolierten Tresen vor. Dahinter begrüßte ihn eine Rothaarige mittleren Alters mit unsicherem Lächeln. »Sie müssen sich noch ein wenig gedulden. Herr Ahmad ist mitten in einem Kundengespräch.«

»Weiß er, dass es dringend ist?«

Die Frau deutete wortlos auf eine Gruppe bequem wirkender Ledersessel. Aber Becker ignorierte diesen Hinweis.

»Glauben Sie mir: Ihrem Chef liegt ’ne Menge daran, zu hören, was ich von ihm will.«

In diesem Moment öffnete sich weiter rechts eine Tür. Zwei Männer in dunklen Anzügen traten in den Empfangsbereich. Die beiden hätten es – ganz ohne lästige Schulterpolster – mit jedem Footballspieler aufnehmen können.

»Herr Ahmad lässt bitten«, flüsterte die Rothaarige. Ihr Blick sprach Bände. Gerade so, als würde sie ein ekliges Insekt erleichtert beim Davonfliegen beobachten.

Aber das störte Becker nicht. Er marschierte bereits auf die zwei Kleiderschränke zu und verzichtete auf jegliche Begrüßung. Einer der beiden machte einen Schritt zur Seite und gab den Blick auf eine breite Tür frei. Anderenorts diente ein solches Exemplar vermutlich dafür, einen Panzerschrank zu verschließen.

Hinter der Tür tat sich ein riesiges Büro auf. Nur der Ausblick – die Scheiben waren getönt, ein paar Meter entfernt war gleich die nächste Fassade zu erkennen – hätte besser sein können.

»Das nenne ich mal eine Überraschung!« Khalil Ahmad hatte sich sogar hinter seinem Schreibtisch erhoben und streckte seinem – angeblich unerwarteten – Besucher lächelnd die Rechte entgegen. Doch hinter diesem professionellen Lächeln blitzte ein Funken Verunsicherung auf. »Wo ist denn Ihr hübscher Anzug von damals geblieben?«

Eine berechtigte Frage. Becker trug verwaschene Jeans, Turnschuhe und ein durchgeschwitztes T-Shirt. Kaum der passende Aufzug, um mit dem Chef einer Bank zu verhandeln. Aber das hielt ihn nicht von einer Antwort ab: »Die Krawatte musste der Vernunft weichen.«

Ohne eine Aufforderung abzuwarten, ließ sich Becker auf einem Stuhl vor dem Schreibtisch nieder. Sein Blick wanderte durch das pompös eingerichtete Büro. »Sie haben es fast noch schöner als damals.« Er deutete auf zwei persische Bodenvasen, die vor einem riesigen Wandteppich standen. »Die sind auch neu, oder?«

Ahmad lächelte zwar noch immer, aber seine Augen wollten sich nicht mehr daran beteiligen. »Sie sind doch hoffentlich nicht für Smalltalk gekommen ... was kann ich für Sie tun?«

Becker überlegte einen Moment. Am Ende entschied er sich für die einfachste Version einer Antwort. »Ich brauche Ihre Hilfe. Geld, um es genauer zu sagen.«

Aus dem Gesicht des Persers hatte sich von einer Sekunde zur nächsten jegliche Freundlichkeit verabschiedet. »Und warum kommen Sie mit diesem Anliegen ausgerechnet zu mir? Ist das ein schlechter Scherz?«

»Meine Tochter wurde entführt!«

Khalil Ahmad zuckte zwar kurz zusammen, dennoch fiel auch seine Antwort wie erwartet aus: »Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, Herr Becker. Welchen Grund hätte ich, Ihnen zu helfen?«

»Erinnern Sie sich noch an das Verfahren gegen Ihre Bank? Ist schon ein paar Jahre her.«

Obwohl es sich um alte Erinnerungen handelte, wich der Perser hinter seinem Schreibtisch sogar ein Stück zurück. Dazu warf er einen nervösen Blick in Richtung seiner Bodyguards, die sofort Haltung annahmen. Kein besonders positives Vorzeichen. »Selbstverständlich erinnere ich mich!«, erklang es Wort für Wort. »Damals waren Sie und Ihre Kollegen vom BKA schließlich Stammgäste hier bei uns. Täglich!«

Becker nickte nur, um diese Feststellung zu bestätigen.

Khalil Ahmad fuhr noch etwas energischer fort: »Aber vielleicht erinnern Sie sich auch daran, dass die Bundesanwaltschaft das Verfahren seinerzeit eingestellt hat.«

»Mangels Beweisen ... ich weiß.«

Auf der anderen Seite des Schreibtischs war nur ein Schulterzucken zu erkennen.

Für Ralf Becker Grund genug, mit der Erklärung fortzufahren: »Der Generalbundesanwalt hatte massenhaft Beweise gegen Sie und Ihre Bank. Keine Ahnung, warum ... aber wer Waffenlieferungen in den Iran finanziert, wird hierzulande nicht allzu gern gesehen. Können Sie sich das erklären?«

»Ich weiß nicht, von welchen Beweisen Sie da reden«, kam es eiskalt zurück.

»Dann will ich Ihnen gerne ein bisschen auf die Sprünge helfen.« Ralf Becker hatte sich nach vorne gebeugt und wischte auf seinem Handy herum. Die beiden Bodyguards standen mittlerweile direkt neben ihm. Vermutlich, um notfalls sofort einschreiten zu können. Becker schaute zu den Männern empor. »Keine Angst ... es geht nur um ein Erinnerungsfoto.«

Als er mit der Suche fertig war, schob er sein Handy quer über den Schreibtisch. Khalil Ahmad langte widerwillig danach und warf einen kurzen Blick auf das Display. Einen Atemzug später hatte sich seine Gesichtsfarbe verabschiedet.

»Soll das heißen, ich habe das Verschwinden der Beweise damals Ihnen zu verdanken?«

Becker nickte nur. Das sollte als Antwort hoffentlich reichen.

»Und warum?«, fragte der Perser nach längerem Schweigen. »Wie komme ich zu dieser zweifelhaften Ehre?«

Becker übte sich in süffisantem Lächeln. »Wissen Sie, was ein mulmiges Gefühl ist?«

»Ich weiß zumindest, was damit gemeint ist, ja.«

»Beim BKA herrschte damals beinahe so etwas wie Anarchie«, erklärte Becker weiter. »Und ich war mir seinerzeit sicher, irgendwann eine gute Bank zu brauchen ... Sie verstehen?«

Ahmad lachte. »Und das allein hat gereicht, um mir einen solchen Gefallen zu tun?«

»Sieht so aus, oder?«

»Dann verraten Sie mir einfach, wie viel Geld Sie benötigen. Mit ein paar Tausendern kann ich Ihnen jetzt gleich aushelfen.« Khalil Ahmad sah sogar ein bisschen erleichtert aus und warf einem seiner Bodyguards einen aufmunternden Blick zu. Der war schon auf dem Weg zu einer Vitrine. Vermutlich befand sich darin ein kleiner Tresor für besondere Zwecke. »Helfen Ihnen zehntausend für den Anfang?«

Becker lächelte vielsagend. »Nicht mal ansatzweise, fürchte ich.«

3

 

»Zwei Millionen!« Khalil Ahmad war völlig außer sich. »Sie sind wohl verrückt geworden, mein Lieber.«

Becker zuckte zuerst nur mit den Schultern. Aber sein Gegenüber hatte wohl eine Erklärung verdient. »Hatte ich schon gesagt, dass die Beweise von damals im Tresor eines Schweizer Anwalts schlummern? Hätte ich vielleicht erwähnen sollen ...«

»Verraten Sie mir lieber, was das bedeuten soll«, empörte sich Ahmad erneut. »Heißt das etwa, wenn ich nicht zahle, wollen Sie mich ans Messer liefern?«

Becker tat ein paar schwere Atemzüge. Über die Antwort auf diese Frage war sich vermutlich jeder Einzelne im Raum klar. Trotzdem bestand ein perfekt rasiertes Gesicht vor ihm auf weitere Ausführungen. »Wenn ich mich nicht alle vier Wochen in der Schweiz melde, dann darf sich das BKA schon sehr bald über ein Päckchen freuen. Und Sie haben danach einiges zu erklären ... wahrscheinlich keine Bank mehr.«

Ahmad schaute seine Bodyguards abwechselnd an. Sicherlich gingen ihm seltsame Gedanken durch den Kopf. Eine schnelle gewaltsame Lösung genoss aktuell wohl Favoritenstatus.

»Denken Sie nicht mal dran«, ermahnte ihn Becker lächelnd. »Und falls Sie glauben, ich würde bluffen, schicke ich Ihnen gerne nähere Informationen. Sie erinnern sich hoffentlich an meiner Arbeitsweise – die Sache ist wasserdicht vorbereitet.«

»Wie wollen Sie das Geld?«, erkundigte sich Khalil Ahmad nach endlosem Schweigen. Dem Perser war anzusehen, wie sehr diese Niederlage an ihm nagte. »Wollen Sie es in bar mitnehmen oder reicht Ihnen eine Überweisung?«

Becker zog erneut sein Handy aus der Tasche. Ziffer für Ziffer diktierte er die IBAN, die ihm Jasmins Entführer geschickt hatte. »Wäre übrigens nett, wenn Sie’s sofort erledigen. Ich bin ein wenig in Eile.«

»Mich würde noch interessieren, was danach passiert.«

»Danach sind Sie mich los ... sehen mich nie wieder.«

Ahmad atmete vernehmlich. Männer wie er waren es vermutlich nicht gewohnt, Niederlagen einzustecken. Erst recht nicht auf eigenem Terrain. »Habe ich Ihr Wort darauf?«

»Selbstverständlich!«

Der Perser nickte ansatzweise. »Dann dürfen Sie die Sache als erledigt ansehen. Und jetzt wäre es nett, wenn Sie mich entschuldigen – ich habe zu tun.«

Bevor Becker aufstand, kritzelte er seine Handynummer auf einen Notizzettel und schob ihn quer über den Schreibtisch. »Ich will ja nicht nerven, aber mit einer Überweisungsbestätigung würde es mir noch besser gehen. Wäre es möglich, dass Sie ...«

Ahmads Hand schoss empor und stoppte Beckers Redefluss. »Machen Sie sich keine Sorgen. Die bekommen Sie!«

 

Becker war gerade erst auf der Straße vor dem Bürogebäude angekommen, da informierte ihn sein Handy über eine empfangene SMS: die gewünschte Bestätigung.

Und auch wenn er nie ein besonders emotionaler Typ gewesen war, jubilierte alles in ihm. Schließlich hatte er hoch gepokert und am Ende – so sah es aktuell zumindest aus – gewonnen. Er wusste nicht, wie es weitergehen würde. Aber fest stand: Jasmins Entführer hatten ihr Geld und er bald seine Tochter zurück.

Hoffentlich!

Beckers Handy klingelte. Er glaubte schon, die Entführer wollten ihm den Geldeingang bestätigen, aber es war Lilly, seine Freundin.

»Ich kann jetzt nicht«, blaffte er zur Begrüßung ins Telefon.

»Was ist denn los?«, erkundigte sich Lilly lachend. »Streikt eure Waschanlage mal wieder?«

»Ich sag doch ... ich kann im Augenblick nicht reden. Ich ruf dich zurück.«

Der Tonfall seiner Freundin veränderte sich auf dramatische Weise. »Ist alles in Ordnung bei dir?«

Becker hätte das Gespräch am liebsten sofort beendet, aber das hatte Lilly nicht verdient. Selbst in solch einer Situation nicht. »Ich erklär’s dir später, okay?«

»Brauchst du Hilfe?«

»Himmelherrgott ... ich ruf dich zurück, wenn ich Zeit hab!«

Er hatte gerade aufgelegt, da klingelte es erneut. Nach einem Wisch übers Display war die Verbindung hergestellt.

»Das ging ja schneller, als ich dachte.«

Wieder diese Stimme, die Becker nicht zuordnen konnte.

»Gut gemacht!«

»Wo ist meine Tochter und wann lassen Sie sie frei?«

»Nicht so voreilig«, zischte der Mann am anderen Ende. »Bevor Sie Ihre Jasmin zurückbekommen, müssen Sie mir noch einen kleinen Gefallen tun.«

»Ich muss gar nichts! Sie haben Ihr Geld, ich will meine Tochter!«

»Die Geschichte mit dem Geld war nur eine – nennen wir es – Bewährungsprobe.«

»Was soll das heißen?«

»Ganz einfach: Ich wollte herausfinden, wie viel Ihnen an Ihrer Tochter liegt.«

»Das wissen Sie jetzt ja! Lassen Sie sie frei. Sofort!«

»Komisch ...«

»Was ist komisch?«, fragte Becker mit wütender Stimme nach.

»Ich habe nicht das Gefühl, als wären Sie in der Position, Forderungen zu stellen.«

Eine längere Pause entstand. Becker musste feststellen, dass seine Hände erneut um die Wette zitterten. Sein Gesprächspartner schwieg beharrlich. Es wurde also höchste Zeit, einen neuen Anlauf zu unternehmen: »Wissen Sie eigentlich, mit wem Sie es zu tun haben? Wer ich früher mal war, und ... wozu ich notfalls imstande bin?«

Ein kurzes Lachen erklang. »Natürlich! Wir wissen alles über Sie. Und das ist übrigens auch der Grund, weshalb wir Sie ausgesucht haben.«

»Ausgesucht? Wofür?«

»Ich will nicht mit Ihnen diskutieren. Sie fahren jetzt lieber schnell nach Hause.«

In Becker keimte neue Hoffnung auf. Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. »Soll das heißen, meine Tochter ist ...«

»Noch nicht! Aber wenn Sie brav tun, was ich von Ihnen verlange, dann dauert es nicht mehr lange. Sie haben mein Wort drauf.«

»Auf Ihr Wort gebe ich einen Scheißdreck!«, fauchte Becker zurück.

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