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Chuck Brennans Entscheidung

Chuck Brennans Entscheidung

Alfred Bekker

Published by Uksak Sonder-Edition, 2018.

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Chuck Brennans Entscheidung

Further Reading: 10 Marshal Western August 2016

Also By Alfred Bekker

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Eine Bande von gewissenlosen Hundesöhnen hat Chuck Brennans Vater erschossen, weil sie seine Weide haben wollten. Als Chuck dabei war, ihn zu begraben, kamen sie noch einmal angeritten. Sechs Reiter mit Halstüchern vor den Gesichtern, um auch ihn zu töten. Sie wollten reinen Tisch machen. Denn sie brauchten keine lästigen Zeugen.

Chuck hatte gerade noch Zeit, das Nötigste einzupacken, zu satteln und davonzureiten. Er hatte einen Vorsprung von einer Meile, und da er das Land besser kannte, konnte er entkommen. Niemand konnte ihn mehr einholen, und er konnte zum Glück seine Spuren verwischen. Sechs Jahre lang hörte man nichts mehr von Chuck Brennan – aber jetzt kehrt er wieder zurück!

Er hat viel erlebt in den letzten sechs Jahren. Es war eine wilde und raue Zeit, die Chuck Brennan geformt und Spuren in ihm hinterlassen hat. Aus dem fröhlichen Jungen von Zwanzig ist ein harter und zäher Mann geworden. Ein Mann, der vom Leben seine Lektionen bekommen hat, der sie hinnahm, daraus lernte, ohne daran zu zerbrechen. Der trotz aller Probleme und Hindernisse seinen Stolz behielt und sich von niemandem demütigen ließ. Und der trotz seiner Jugend stur genug war, sich nicht von einem Weg stoßen zu lassen, den er unbedingt reiten wollte. Der aber wegen der Ungerechtigkeiten, die er hatte hinnehmen und mitansehen müssen, ein Rechtsfanatiker wurde. Denn eines weiß er jetzt – er wird niemals mehr zusehen, wenn einem anderen Menschen Unrecht angetan wird!

Er reitet einen sehr großen, starken schwarzen Wallach, der Mann Chuck Brennan. Er ist ein stattlicher Mann, der mit 1,86 Meter in seinen Stiefeln steht.

Er hat breite Schultern, schmale Hüften, lange Arme und sehnige Hände, die sehr schnell sein können. Er trägt einen alten, schwarzen Waffengurt mit einem geschmeidigen Halfter.

Und die Griffschalen des 45er Colts sind fast schwarz vom vielen Üben.

Well, das ist Chuck Brennan, der zurückkommt, um seine Rechte geltend zu machen, der aber vor allen Dingen den oder die Mörder seines Vaters finden will, um sie der Gerechtigkeit zu übergeben.

Und Chuck Brennan kommt nicht allein.

Neben ihm reitet Blacky Chester. In den Kreisen, in denen man sein Geld mit dem Colt verdient, nennt man ihn Speedy Black, den schnellen Black.

Er hat fast die gleiche Figur wie Chuck Brennan, der sein Freund geworden ist. Und sie sind auch im gleichen Alter. Nur in der Haarfarbe unterscheiden sie sich.

Chuck Brennan hat eine rote Mähne auf dem schmalen Schädel, die in der Sonne wie roter, lohender Brand leuchtet. An Chester aber ist alles schwarz, wie sein Name Blacky schon sagt.

Bis vor vier Wochen arbeiteten sie zusammen, dann hatten beide Geld genug, um eine Ranch aufbauen zu können.

Chuck Brennan besaß eine Ranch, also Land, und Chuck bot Blacky Partnerschaft an. Und der sagte zu, weil er es ebenfalls satt hatte, dauernd zu reiten, immer in fremden Betten unter fremden Dächern zu schlafen.

Sie halten an der Kante des Barrilla Rim. Vor ihnen führt eine Felsleiste wie eine Rampe über zwei Terrassen, dreihundert Meter tief, schräg nach unten, in das weite Becken hinein.

Sie können es bis zum Ende übersehen, wo sich die weite Ebene bis zum Pecos hin erstreckt und im Dunst der vor Hitze flimmernden Luft sich alle Grenzen verwischen und auflösen.

„Well, das ist meine Heimat“, sagt Chuck nach einer Weile nachdenklich, fast feierlich.

Blacky legt seufzend das linke Bein über das Sattelhorn, wirft einen flüchtigen Blick zu Chuck hinüber, holt den Tabakbeutel heraus und rollt mit schnellen Fingern eine Zigarette.

Ganz plötzlich wirft er den Beutel zu Chuck hinüber, der immer noch andächtig über das unendlich weite Land blickt. Blacky passt genau auf, und er nickt und grinst, als Chuck den Beutel, den er von der Seite her kaum hat sehen können, im letzten Augenblick mit einer blitzschnellen Bewegung der rechten Hand auffängt.

„Teufel, hätte ich nicht erwartet“, sagt er und grinst. „Ich dachte schon, du würdest vor Rührung über das Wiedersehen mit deiner Heimat so viel Wasser in den Augen haben, dass du ihn nicht siehst."

„Du hast mir erzählt, dass du keine richtige Heimat hast, Bruder“, erwidert Chuck ernst. „Deshalb kannst du mich nicht verstehen.“

„O doch, Amigo“, meint Blacky. „Ich will nur nicht, dass du vergisst, dass man dich mit Bleikugeln empfangen wird, wenn man dich erkennt."

„Stimmt! Wenn sie mich erkennen und erfahren werden, was ich will, wird es bestimmt rau. Wir müssen höllisch wachsam sein.“

„Das ist mir klar. Aber du hast doch auch noch Freunde von früher, oder? Oft hast du von Paul Ordway erzählt, dem der Store gehört, und von seiner schlaksigen Tochter, die immer in Hosen herumlief und über jeden Zaun kletterte, selbst wenn es eine Tür gab.“

Über Chucks ernstes Gesicht huscht ein verstohlenes Lächeln, als er sagt:

„Ja, Paul Ordway ist mein Freund, genau wie er auch der Freund meines Vaters war. Ich habe geschrieben, habe ihm alles erklärt und ihm das Geld für die Steuer geschickt. Sonst gehörte mir die Ranch gar nicht mehr, wenn ich sie nicht bezahlt hätte. Hm, und Helen? Warte mal, die muss damals dreizehn oder vierzehn Jahre alt gewesen sein. Man konnte sie kaum von einem Boy unterscheiden."

„Nun, dann wirst du staunen, wenn du sie jetzt siehst, Amigo.“

„Warum?“

„Weil sechs Jahre vergangen sind, du Narr. Sie ist jetzt zwanzig, oder? Sie wird bestimmt nicht mehr in Hosen herumlaufen und über Zäune klettern. Denke, dass sie eine Lady geworden ist.“

„Großer Manitou! Daran habe ich nicht gedacht. Wenn man an Menschen zurückdenkt, sieht man sie in der Erinnerung immer so, wie sie waren, als man sie zum letzten mal sah.“

„Well, so ist es! Und wie geht es jetzt weiter, Amigo?", fragt Blacky stirnrunzelnd.

„Zur Heimatstadt Braxton Falls. Dort unten liegt sie. Du kannst jedes Haus und jede Straße erkennen.“

„Sehen von hier oben aus wie Streichholzschachteln."

„Hm, wir brauchen nur eine knappe Stunde."

„Ich weiß nicht“, murmelt Blacky nachdenklich, macht den letzten Zug an der Zigarette und wirft den Rest in hohem Bogen über die Kante des Rim. „Ich würde es nicht tun. Du bist kaum eine Stunde da, dann werden es deine Feinde wissen.“

„Das hoffe ich" erwidert Chuck mit grimmiger Entschlossenheit. „Sie sollen sich melden und anfangen, damit ich weiß, mit wem ich es zu tun habe.“

„Denke an Helen“, murmelt Blacky. „Nicht nur sie, sondern auch die anderen haben sich verändert. Vor allem die Machtverhältnisse können anders geworden sein. Du hast mir soviel von deinem alten Freund José, dem Häuptling der Navahos, erzählt, der hier seine Weide hat...“

„Ich weiß, ich weiß. Mein Vater war zwanzig Jahre lang Indianer-Agent, ein ehrlicher Mann, der nie einen Menschen betrogen hat, auch keinen Indianer. Deshalb wurde er ihr Freund. Wir hatten unsere Station im Toyah-Becken, und ich bin dort aufgewachsen. Die beiden Söhne Josés waren meine Freunde. Sie hießen Hondo und Tigre und sind so alt wie ich. Ich spreche den Navaho-Dialekt wie meine Muttersprache."

„Großartig! Ich schlage vor, wir reiten erst einmal zu deinem Freund José. Indianer wissen alles, genauso wie die Mexikaner diesseits der Grenze alles wissen. Dann erfahren wir, wie die Verhältnisse hier liegen und erleben keine Überraschungen."

„Hm, du hast recht. Paul Ordway hätte mir zwar auch bereitwillig einiges ins Ohr geflüstert, aber man würde mich sehen."

„Eben! Und je länger wir unerkannt bleiben bei unseren Nachforschungen, um so besser ist es.“

„Schön, reiten wir zu José. Wir haben ja Zeit. Wir werden kurz nach Mittag dort sein.”

*

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DIE RAMPE IST SCHMAL und führt an manchen Stellen so steil nach unten, dass die Pferde oft rutschen müssen und erleichtert schnauben und die Köpfe schütteln, als sie endlich unten sind und wieder Grasboden unter den Hufen spüren.

Sie reiten an der Steilwand des Rim entlang nach Norden. Über zehn Meilen lang ist die Wand und wird nur einmal durch eine vier Meilen breite Öffnung unterbrochen, aus der der Toyah Creek herauskommt.

Die Öffnung führt in ein breites, über zehn Meilen langes Tal, in das Toyah-Becken, das den Navahos von der Regierung zugewiesen wurde.

„Wie kommt es eigentlich, dass diese Rothäute nicht in einer der großen Reservationen zusammen mit den anderen leben?", fragt Blacky, als die Öffnung in Sicht kommt.

„Der Stamm lebte schon immer hier. Es waren nur fünfundzwanzig Familien, als der große Indianerkrieg ausbrach. José muss heute schon fast siebzig sein. Er war damals schon so klug, um zu erkennen, dass die roten Männer auf die Dauer keine Chance gegen die Weißen hatten. Deshalb blieb er neutral, kümmerte sich um nichts, und man ließ ihn zufrieden. Als der Frieden kam und die anderen in Reservationen eingewiesen wurden, machte sich Josés Verhalten bezahlt. Man ließ den kleinen Stamm hier wohnen und garantierte ihnen den Wohnsitz. Sie bauten sich Blockhütten, wurden sesshaft und züchteten Rinder, genauso wie die weißen Rancher. Der Toyah Creek entspringt oben im Becken und bildet in der Mitte einen kleinen See, an dem die Siedlung liegt. José hat die beste Weide und das klarste Wasser im ganzen County.“

„Und es gab noch niemanden, der auf diese Weide scharf war?“

„Nein - wieso? Die Regierung ...“

„Die Regierung hat auch deine Ranch durch Kauf sanktioniert, und trotzdem wurde dein Vater erschossen, trotzdem musstest du fliehen.“

Blacky sagt es kühl und nicht ohne Hohn. Er hat genug Erfahrung in solchen Dingen, denn als Revolvermann hat er ein halbes Dutzend Weidekriege mitgemacht.

„Das ist was anderes, aber mit den Navahos ..."

„Mann, wir beide kennen doch alle Tricks. Ist doch ganz einfach: Man schiebt den Navahos etwas in die Schuhe, lässt sie von einer weißen Jury verurteilen - well, und weil die Indsmen wissen, dass sie unschuldig sind, lassen sie es sich nicht gefallen. Und was tun sie? Sie fangen einen Krieg an. Es gibt eine Menge Tote auf beiden Seiten, und dann kommt die Kavallerie und löscht den Stamm aus. Well, und die Weide ist frei."

„Teufel noch mal! Ich wüsste niemanden hier im Becken, der so etwas fertigbrächte."

„Aber jemand ist da, der deinen Vater wegen einer Weide erschossen hat, oder?“

„Nun, wenn du so denkst ..."

„Ja, denken muss man. Und du bist ein Mann, der immer vorher alles dreimal überlegt hat. Aber hier scheinst du blind zu sein, Amigo. Wach endlich auf! Diese Menschen hier sind so gut oder so schlecht wie anderswo. Wer ist dein Nachbar?“

„Ich habe zwei. Der eine - der größte - heißt Calem Higgins. Soweit ich mich erinnere, ist er ein riesiger Mann und sehr rücksichtslos. Der andere heißt Homer Ware, ist hager und hat einen großen Bart. Das ist alles, an was ich mich erinnere, denn ich kam nur selten zur Stadt.“

„Nun, einer von beiden ist also verantwortlich für die Ermordung deines Vaters, vielleicht auch beide. Sicher haben sie sich die Weide geteilt, und auf deinem gekauften Land wirst du bestimmt Rinder mit dem Brandzeichen der beiden Ranches finden."

„Damit habe ich gerechnet und ...“

Er unterbricht sich und blickt scharf nach links vorn.

Von dort kommen fünf Reiter angaloppiert, und als sie die beiden sehen, wechseln sie die Richtung und reiten so, dass sie vor dem Eingang in der Nähe des Creek zusammentreffen müssen.

„Wem gehört die Weide hier?“, fragt Blacky.

„Calem Higgins", murmelt Chuck.

„Hm, dann haben wir es also mit der Higgins-Mannschaft zu tun. Überlass sie mir, Amigo! Zieh den Hut weiter runter, weil dich sonst jeder an deinen Haaren erkennt. Sie brauchen nicht gleich zu wissen, wer du bist."

Sie weichen beide keinen Zoll von der Richtung ab und warten, bis die Reiter heran sind. In fünf Meter Entfernung stoppen sie. Chuck und Blacky halten ebenfalls an.

Die fünf Reiter schließen auf und bilden nun einen flachen Halbkreis. In der Mitte hält der Vormann. Er ist ein großer, hagerer Mann Mitte Dreißig, er hat ein scharfes Gesicht und unter der Nase einen großen Schnurrbart. Die Augen sind hellgrau und ohne Ausdruck, als er laut im Befehlston hervorstößt:

„Wer seid ihr, und wo wollt ihr hin?"

Auf Blacky’s Gesicht erscheint ein freundliches, sanftes Lächeln, als er antwortet:

„Und wer seid ihr, und wo wollt ihr hin?" Die Antwort wirkt auf Vormann Will Palmer ungefähr so, als habe er einen Faustschlag ausgerechnet in den Magen bekommen.

Will Palmer ruckt im Sattel hoch, sein Gesicht läuft rot an, als er brüllt:

„Warte, du Strolch, wir werden dir zeigen, wie man sich auf fremder Weide benimmt und ...“

„Zeigen Sie es ruhig, Mister!", unterbricht Blacky ihn, während sich sein Gesicht zu einem breiten Lächeln verzieht.

„Los, Jungs! Die Lassos!"

Er hat es noch nicht ganz zu Ende gesagt - keiner der Reiter konnte den Befehl ausführen, weil Blacky plötzlich zwei Colts in den Fäusten hat - da zuckt auch schon das rote Feuer aus den Mündungen.

Will Palmer und sein Nebenmann fassen mit den Händen blitzschnell nach den Hüten, aber sie erwischen sie nicht mehr.

Die beiden Kugeln haben die beiden Hüte weggefegt. Als sie die Augen wieder auf Blacky richten, stecken dessen Colts schon wieder in den Halftern.

Und Blacky lächelt immer noch.

„Nun, wie ist es mit den Lassos, Mister?“, fragt er sanft. „Aber ich sage Ihnen vorher, was geschieht, wenn sich auch nur eine Hand bewegt. Haltet sie schön ruhig! Ja, haltet die Zügel schön fest, die Gäule sind schon verdammt nervös geworden. So, und wie geht es jetzt weiter, Mister?“

Sie haben ausdruckslose Gesichter, ihre Augen sind zu schmalen Schlitzen geworden. Sie sitzen wie Denkmäler in den Sätteln und rühren sich nicht, starren nur Blacky und Chuck drohend an.

Und nun erst sehen sie die Gurte und die Kolben der Waffen. Well, und sie sind erfahren genug, um an diesen Merkmalen zu erkennen, was für Männer sie vor sich haben.

Vorher nahmen sie sich nicht die Zeit dazu, denn sie befinden sich auf der eigenen Weide und sind schließlich fünf gegen zwei.

Will Palmer schnauft, prustet und sagt dann:

„Verdammt! Verdammt!"

„Warum fluchen Sie, Mister?“, fragt Blacky grinsend. „Es hat keinen Sinn, kapiert? Wir beide sind Ihnen über. Von euch bekommt keiner den Colt heraus, er wäre schon vorher tot. Ich sage das nur, damit ihr Bescheid wisst. Well, und da wir von euch nichts wollen, schlage ich euch vor, dass wir uns friedlich trennen.“

„Zum Teufel!", zischt Palmer.

„Natürlich können Sie zur Hölle reiten und den Teufel besuchen, wir haben nichts dagegen, Mister. Also, reiten Sie - und schnell, oder ich helfe nach!"

„Sie ... Sie verdammter Narr! Das werden Sie noch bereuen, wir werden euch schon fassen!", stößt Will Palmer voller Wut hervor.

„Sicher, sicher", erwidert Blacky seelenruhig. „Mit einer Winchester und aus dem Hinterhalt, wie? Wir kennen das alles, Mister. Und jetzt verschwinden Sie!"

Palmer reißt als erster sein Pferd so hart auf der Hinterhand herum, dass es sich fast überschlägt. Die anderen folgen. Sie machen einen großen Bogen und reiten dann in der Richtung der Rampe weiter.

Chuck und Blacky warten und beobachten die Männer, bis sie außer Sicht sind.

„Das hast du großartig gemacht, Bruder“, meint Chuck und grinst. „Es wird sich sehr schnell herumsprechen, und wer uns erkennt, wird sehr vorsichtig sein.“

„Das war es, was ich wollte. Los!"

*

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SIE REITEN AM UFER des Creek, der von dichten Weidenbüschen flankiert wird. Nach fünfzig Metern löst sich ein Reiter aus dem Schatten einer großen Trauerweide.

„Ein Navaho!", sagt Chuck etwas verblüfft. „Sie haben Posten aufgestellt. Irgend etwas muss passiert sein."

„Sicher. Ich sagte ja, dass es Kummer gibt. Und wenn deine Freunde tüchtig sind, sitzt noch ein halbes Dutzend in guter Deckung und betrachtet uns über die Visiere ihrer Winchester."

Der Posten hat das Gewehr mit dem Kolben auf den Schenkel gestützt. Er ist in Leder gekleidet, es ist jedoch die gleiche Art Reitkleidung, wie die Cowboys sie tragen, nur, dass der Waffengurt fehlt. Indianer waren nie gute Revolverschützen.

Es ist ein junger Mann Anfang Zwanzig. Er trägt einen Cowboyhut, aber darunter hängen die Haare lang bis auf die Schultern herab. Das ist das einzige, was sie an ihr früheres Aussehen erinnert.

Das Gesicht wirkt wie versteinert, kein Muskel zuckt darin. Nur die Augen funkeln, als wären sie poliert.

Drei Meter vor der Rothaut halten sie an. Der Posten sagt in leidlich gutem Englisch:

„Dieses Land gehört uns. Wohin wollen Sie?"

Er sagt das ruhig und höflich, und Chuck antwortet in der Navahosprache.

„Kennst du mich nicht mehr?" Er nimmt seinen Hut ab, und nun leuchten die roten Haare wie ein Feuerbrand in der Sonne.

Die Augen des Navaho werden groß und rund vor Staunen, und dann kommt das Erkennen.

„Chuck! Unser Bruder Chuck! Bist du endlich gekommen, um José zu sehen? Es wird Zeit, wir brauchen deine Hilfe, Bruder Chuck.“

„Was ist geschehen?", fragt Chuck erstaunt.

„Ich bin ein junger Krieger, Chuck. Du hast meinen Namen sicher vergessen, ich bin Jacky.“

„Oh, natürlich.“ Sie haben alle englische Namen, weil sie registriert sind. „Jacky, weißt du noch, wie wir beide mit Pfeil und Bogen hinter dem Hirsch her waren?"

„Natürlich, Bruder Chuck. Wir haben ihn nicht bekommen. Wir waren noch zu jung, hatten zu wenig Erfahrung. Reite jetzt zu José! Ich komme mit, es sind noch genug junge Männer hier."

Sie reiten los. Jacky schließt sich an. Chuck übersetzt Blacky die Unterhaltung. Jacky hat nicht einmal nach dem Namen von Chucks Begleiter gefragt, dazu ist er zu höflich. Und wer mit Bruder Chuck kommt, ist sowieso ein willkommener Gast.

Chuck wundert sich, dass er während des Ritts zum See nicht ein einziges Rind zu sehen bekommt.

„Wo sind die Herden?", fragt er deshalb.

„Wir haben sie hinter den See ans östliche Ende getrieben, Bruder Chuck."

Chuck fragt nicht weiter. Er weiß, dass er doch keine Antwot bekommen würde. Und wenn es so ist, muss es eine sehr wichtige Sache sein, die geschehen ist. So wichtig, dass nur der Häuptling darüber reden wird.

*

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DIE BLOCKHÜTTEN LIEGEN nebeneinander am Ufer des Sees. Es sind so viele geworden, dass sie den See fast einschließen.

Es gibt Corrals; Hunde laufen herum und bellen die Fremden an; Frauen und Kinder sehen ihnen neugierig entgegen, aber niemand spricht oder nähert sich der Gruppe.

Josés Haus liegt fünfzig Meter vom Ufer entfernt. Davor breitet sich ein großer Platz für Versammlungen und Feste aus.

José hat schon Meldung bekommen. Er sitzt vor seinem Haus in Hockstellung auf einem alten, riesigen Grizzlyfell.

José hat schneeweißes Haar, das bis weit über die Schultern reicht. Das Gesicht ist hager und so voller Runzeln und Falten, dass es keine einzige glatte Stelle gibt. Nur die schwarzen Augen glänzen immer noch.

„Meine Augen und mein Herz freuen sich, dich zu sehen, Bruder Chuck!“ Er sagt es mit einer alten, schon etwas brühig gewordenen Stimme. „Komm, setz dich an meine Seite und sag mir, wer dein Begleiter ist!“

„Er heißt Blacky Chester, Häuptling, und er ist mein Freund. Er soll mein Partner auf der Ranch werden.“

„Dann ist er ein guter Mann. Setz dich, Freund meines Freundes!“

José deutet auf Blacky, der sich erst jetzt von der Stelle rührt. Er ist tief beeindruckt von der Würde und dem Aussehen des Alten, der schon so viele Winter auf seinen Schultern hat, dass sein Haar weiß wie Schnee geworden ist.

„Wir wollen uns in deiner Sprache unterhalten, Bruder Chuck“, beginnt der Alte. „Dein Freund soll alles verstehen.“

„Was ist geschehen, dass ihr Posten aufgestellt habt?“, fragt Chuck besorgt.

„Der Sheriff von Braxton Falls hat Anklage gegen Hondo und Tigre erhoben. Sie sollen dem Rancher Calem Higgins Vieh gestohlen haben. Morgen Nachmittag um zwei Uhr ist Verhandlung in der Stadt."

„Und wer sind die Zeugen?“, will Chuck wissen.

José nickt anerkennend und fährt fort:

„Ich sehe, dass du richtig denkst. Die Zeugen sind der Vormann Will Palmer und ein Cowboy namens Jeb Waver."

„Und sie wollen beeiden, dass Hondo und Tigre Rinder gestohlen haben?“

„Ja, sie werden es!"

„Und wie war es wirklich?“

Wieder nickt José anerkennend, als habe er nur auf diese Frage gewartet.

„Hondo und Tigre haben beobachtet, wie Palmer und Waver dreißig Rinder von der Higgins-Weide in unser Becken getrieben haben. Als die beiden zurückritten, haben sie die Rinder wieder hinausgetrieben. Die wussten, was damit bezweckt wurde. Als sie die Tiere eine Viertelmeile weit getrieben hatten, tauchten Palmer und Waver wieder auf und schossen aus Gewehren auf die beiden. Sie ritten zurück und kamen unverletzt davon. Das ist alles, Bruder Chuck.“

„Wir werden noch heute zur Stadt reiten und uns darum kümmern, Häuptling. Weißt du, was Higgins damit bezweckt?"

„Ich weiß es. Hondo und Tigre sollen verurteilt und eingesperrt werden. Man hofft, dass wir zu den Waffen greifen, um es zu verhindern. Dann kommt später die Kavallerie, und wir sind erledigt.“

Chuck wechselt mit Blacky einen vielsagenden Blick. Es ist genauso, wie Blacky es geahnt hat.

„Higgins will eure Weide, dieses Becken haben", meinte Chuck schließlich.

„Higgins ist nicht allein. Homer Ware ist sein Partner. Sie sind so mächtig geworden, dass die anderen Rancher sich nicht einmischen. Du weißt ja, wie die meisten weißen Männer über uns Navahos, überhaupt über die Indianer denken.. Sie können den Krieg und die Grausamkeiten, die von beiden Seiten begangen wurden, nicht vergessen. Es gibt noch viele Menschen in der Stadt, die damals den Vater, den Bruder oder die Schwester verloren haben. Wenn es also gegen uns geht, machen wir alle mit. Wir haben niemanden, der uns hilft.“

„Irrtum!" Chuck sagt es kürz, hart und entschlossen. Es gibt keine Diskussion darüber. „Ihr habt zwei Freunde - mich und Blacky."

„Du hast recht, Freund“, erwidert José mit großem Ernst. „Ich habe oft von Männern gehört, die so waren, wie du es sagst. Sie haben eine große Macht, sie sind Herr über Leben und Tod."

„Das ist es, Häuptling. Sterben muss ein jeder für sich allein, und es ist verdammt schwer."

„Am schwersten, wenn man jung ist", stimmt José zu. „Und wie soll ich mich verhalten, Bruder Chuck? Sage es, denn du hast große Erfahrung. Ich aber bin alt und müde geworden. Meine größte Sorge ist, dass meine jungen Leute mir auch weiterhin gehorchen.“

„Das müssen sie. Sag es ihnen, oder sie. werden alle untergehen. Ist Richter Lynn Holman noch immer in der Stadt?"

„Ja. Er ist ein gerechter Mann, das weiß ich. Aber er kann nichts für uns tun."

„Und der Sheriff?“, fragt Chuck.

Josés Gesichtszüge drücken tiefe Verachtung aus. Nach zwei Sekunden machte er eine wegwerfende Handbewegung und erwidert:

„Sid Norwich ist noch immer Sheriff, du kennst ihn ja von früher. Er hält es mit den Reichen und Mächtigen. Er ist nicht stark genug, sich durchzusetzen.“

„Und die anderen Rancher?“

„Wie ich schon sagte. Wenn es gegen uns geht, hebt niemand eine Hand."

„Hör zu! Du reitest morgen mit deinen beiden Söhnen unbewaffnet zur Stadt und nimmst noch zehn zuverlässige Krieger mit! Jeder darf nur ein Messer haben. Ihr bleibt draußen und wartet, bis alles vorbei ist. Erst wenn die Jury geurteilt hat, können wir etwas unternehmen. Ich werde dir dann sagen, wie es weitergeht."

„Und wann reiten wir?", fragt Blacky. „Ich möchte zu gerne Helen kennenlernen.“

„Wir müssen bei Dunkelheit eintreffen und gleich zu Paul Ordway gehen! Wenn noch alles so ist wie früher, können wir dort sogar schlafen. Du wirst also Helen, die eine Lady geworden ist, noch heute sehen.“

Der Häuptling steht auf und sagt:

„Kommt, Freunde! Ihr werdet Hunger und Durst haben. Ihr seid unsere Gäste und Brüder.“

*

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ES IST GEGEN NEUN UHR, als sie in Braxton Falls einreiten. Hinter den meisten Fenstern brennt noch Licht; vor manchen Häusern sitzen Männer und Frauen auf Bänken, um nach der sengenden Hitze des Tages die kühle Nachtluft zu genießen, die von der Mount Davis-Kette herunterweht.

Im Hotel, das immer noch Ole Turpin gehört, wie Chuck am Schild feststellt, und auch im Barrilla Saloon von Matt Turner, ist alles noch hell erleuchtet.

„Wette, dass viele von außerhalb heute schon gekommen sind, um die Gerichtsverhandlung mitzuerleben", sagt Chuck grimmig.

Gleich danach erreichen sie den General Store Paul Ordways. Neben der Tür gibt es auf beiden Seiten je ein Schaufenster, im Store brennt noch die große Lampe, denn der Laden ist immer bis zehn Uhr abends geöffnet.

Sie binden die Pferde an den Halfterbalken und gehen die Stufen zum Bohlensteig hinauf. Dann drückt Chuck mit klopfendem Herzen die Tür auf. Ob sie ihn erkennen? Und ob sie ihn wirklich als Freund behandeln?

Sechs Jahre sind eine lange Zeit.

Blacky folgt dichtauf und bleibt im Laden etwas zurück. Er will das Wiedersehen nicht stören.

Chuck muss es allein durchstehen, ob im Bösen oder im Guten.

Die ganze Rückwand wird vom langen Tresen eingenommen. Am rechten Ende ist das Schreibpult mit der Kasse.

Chuck geht zum Tresen und nimmt den Hut ab, während Blacky zu einem Regal schlendert, in dem Anzüge hängen. In der Deckung bleibt er stehen, um zu beobachten - und um dem Freund den Rücken zu decken, wenn es notwendig werden sollte; denn sie befinden sich in einem Land, in dem mächtige Gegner nur darauf warten, Chuck auszuschalten.

Hinter dem Tresen ist eine Tür mit einer großen Glasscheibe. Chuck kann hindurchsehen.

Paul Ordway sitzt mit einem bildhübschen jungen Mädchen am Tisch beim Abendessen. Er hat die Glocke über der Tür gehört, steht jetzt auf, öffnet die Tür und kommt herein.

Chucks Gesicht liegt im Schatten, aber auf seine Haare trifft der volle Schein der großen Hängelampe.

Paul Ordway tritt an den Tresen, wirft einen flüchtigen Blick auf den Fremden und fragt gewohnheitsgemäss:

„Was kann ich für Sie tun, Mister?"

Chuck antwortet nicht, er lächelt erwartungsvoll. Und als Paul Ordway keine Antwort bekommt, hebt er das Gesicht und blickt den Fremden an. Und dann steht in seinen Augen plötzlich das jähe Erkennen. Er schnauft einmal, öffnet den Mund, schließt ihn wieder und stößt endlich verblüfft hervor:

„Großer Gott! Bist du das wirklich, Chuck Brennan? Natürlich, ich habe noch keinen Mann mit solch feuerrotem Haar gesehen. Junge, lass dich ansehen! Oha, mir scheint, du bist ein verteufelt harter Bursche geworden, wie?“

Neben ihm ist eine Klappe im Tresen. Er hebt sie hoch, kommt nach vorn, zieht Chuck herum und blickt in dessen Gesicht.

„Hast es schwer gehabt, wie? Aber nun bist du endlich zu Hause. Oh, verdammt, und hier wird der Kummer anfangen ... mit deiner Weide ... und ... he, Helen, komm schnell mal nach vorn! Hier ist jemand, der dich sehen will."

Sie kommt sehr schnell, schlüpft durch die Öffnung, bleibt vor Chuck stehen und mustert ihn. Dann hebt sie die Arme, will sie ihm um den Hals legen, zögert und lässt sie sinken, „Oh, Chuck, dass wir dich wiedersehen. Wir hatten dich schon fast aufgegeben. Wenn die Geldsendungen für die Steuer nicht gewesen wären ... oh, Chuck, wie hast du dich verändert. Nun, natürlich zu deinem Vorteil."

„Sie ist doch eine Lady geworden", meldet sich Blacky aus dem Hintergrund. „Ich habe es gleich gesagt, dass sie nicht mehr in Hosen herumläuft und über Zäune klettert, und eine Lady ist sie geworden, sonst hätte sie getan, was sie wollte. Aber sie traute sich nicht, dich zu küssen, und ...“

„ ... und was geht Sie das an?", unterbricht sie ihn keck und mit funkelnden Augen. „Wer sind Sie überhaupt? Wie kommen Sie hier herein, und was wollen Sie?"

„Hahaha!“ Blacky lacht brüllend los. Und wann immer Blacky so lacht, löst er bei anderen Menschen alle Verkrampfungen, wischt ihren Zorn wie ein Blatt im Wind hinweg. „Wirklich eine Lady. Und verteufelt hübsch! Ich werde dir bestimmt Konkurrenz machen, Amigo."

Chuck zieht die Lady plötzlich zu sich heran, drückt sie an seine Brust und gibt ihr einen Kuss auf die Stirn.

„Nimm es ihm nicht übel, Helen!", sagt er und grinst. „Er ist immer so, weißt du? Und er lacht gerne - über sich und über andere. Er ist mein Freund und heißt Blacky Chester. Er wird mein Partner."

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