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Das Leben zwischen Jetzt und Hier

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PROLOG

Er trinkt in dieser Winternacht schon wieder.

Ich konnte es bereits riechen, als ich vor Stunden die steilen Treppen in mein Zimmer hochgeschlichen bin, wie immer darum bemüht, möglichst leise zu sein. Draußen segeln die Schneeflocken lautlos gegen meine Fensterscheibe. Ich kann sie sehen, obwohl ich kein Licht gemacht habe, der blasse Schein des Mondes genügt, und ich versuche, es ihnen gleichzutun. Lautlos zu sein, zu fallen und zu schweben, ich schließe die Augen und schrecke doch jedes Mal wieder auf, wenn seine Stimme von unten lauter wird, erst schreit und später brüllt.

Ich liege mit geschlossenen Augen im Bett, bete stumm, dass er nicht auf die Idee kommt, nach oben zu gehen und versuche zu verschwinden, in meiner eigenen kleinen Unendlichkeit, doch heute klappt es nicht. Heute ist seine Stimme aggressiver und die Stille tückischer, ihre Schreie panischer, und ihr Weinen verzweifelter. Heute knallen Türen, und heute splittert Glas.

Der Schnee tanzt noch immer vor meinem Fenster, als ich die Augen öffne und etwas Warmes meine Wangen hinunterlaufen fühle. Ich klettere aus dem Bett und lege die Hand an die Türklinke, als ihr Schrei an meine Ohren dringt, markerschütternd. In diesem Moment realisiere ich den Sinn dieses Wortes zum ersten Mal.

Ich ignoriere die Worte meiner Geschwister, die mir immer und immer wieder eingetrichtert haben, nicht hinunterzugehen, wenn Mama und Papa streiten.

Das Telefon steht nicht in der Station auf der Kommode im Flur. Was soll ich tun: es im Wohnzimmer suchen oder gleich nach nebenan zu den Nachbarn gehen, um Hilfe zu holen?

Wie lange ich dort stehe, weiß ich nicht, überlege hin und her und will mir die Ohren zuhalten, um besser denken zu können. Der Messerblock in der Küche. Er erscheint auf einmal so deutlich vor meinem inneren Auge, dass mir schlecht wird. Ohne nachzudenken laufe ich in die Küche. Sie kauert in der Ecke vor den Einbauschränken, heulend, das Gesicht vor Todesangst verzerrt und er über ihr. Wie ein Wahnsinniger prügelt er auf sie ein. Mein Herz, das eben noch so wild gehämmert hat, setzt plötzlich für zwei Schläge aus.

„Hör auf!“

Dass die vor Panik vibrierende Stimme zu mir gehört, begreife ich erst, als sich meine Beine wie von selbst in Bewegung setzen. Er ist stärker als ich, das weiß ich nur zu gut, doch in diesem Augenblick spielt es keine Rolle.

Ich will ihn packen, ihn von ihr wegziehen, doch er nimmt mich gar nicht wahr, schlägt weiter zu, wie im Rausch, denn das ist er ja auch, im Rausch, und als sich unsere Blicke doch treffen, geht plötzlich alles ganz schnell.

Zuerst schaffe ich es, auf den Beinen zu bleiben, will zurückschlagen, aber ich bemerke die leere Bierflasche, nach der er greift, zu spät.

Schon wieder splittert Glas, schon wieder schreit sie, doch diesmal weiter entfernt, in diesem ohrenbetäubenden Moment, in dem ich falle, fliege, zur Schneeflocke werde. Ich entferne mich, von all dem Lärm, dem Streit und diesem Albtraum.

Lautloser als erwartet, so viel schwereloser.

EINS

EMILIA

„Du wirst Berlin lieben, ich schwör’s dir! Mila, im Ernst, dass du jetzt auch hier bist, ist einfach Schicksal. Klar, München ist schön, aber du passt viel besser hierher, glaub mir, ich hab das im Gefühl.“

Ich unterdrücke ein Seufzen und ringe mir ein Nicken ab, während Phil neben mir wie ein Wasserfall auf mich einredet. Die Rollen meines Koffers klackern im Sekundentakt über das graue Pflaster, Phil hat geradezu darauf bestanden, mir mein Gepäck abzunehmen, kaum, dass ich vor wenigen Minuten die Ankunftshalle des Flughafens Tegel verlassen habe. Auf meinen besten Freund war schon immer Verlass. Mit seinem unvergleichlichen Zahnpastawerbungslächeln stand er da, und keine zwei Sekunden, nachdem er mich entdeckt hatte, lag ich bereits in seinen Armen.

„Na, wenn du das sagst, muss es ja stimmen.“

Phils Gesicht verzieht sich auf der Stelle zu einem breiten Lächeln. „Auf Jeden.“

Phil bleibt neben mir stehen und kramt mit einer Hand in der Tasche seiner schwarzen Bomberjacke herum. Sekunden später befördert er einen Schlüsselbund ans Tageslicht und deutet mit einem Kopfnicken zu dem dunkelgrünen Ford Fiesta, der wenige Meter von uns entfernt in der Kurzparkzone vor dem Flughafengebäude steht.

„Ist das deiner?“ Interessiert lasse ich meinen Blick den Wagen entlangwandern und sehe meinen besten Freund stolz grinsen.

„Zur Hälfte, ja. Sam und ich haben uns im Herbst einen fahrbaren Untersatz besorgt. Spandau ist doch ein ganzes Stück außerhalb, und wir haben sowieso oft ähnliche Vorlesungszeiten.“

„Klingt gut. Wie geht’s deinem Bruderherz?“

„Super geht’s ihm. Zurzeit ist er ein bisschen im Stress, er bereitet sich auf sein Auslandssemester in Barcelona vor.“

Ich folge Phil zu seinem Auto, beobachte, wie er den Kofferraum aufschließt und will gerade nach meinem Gepäck greifen, doch er ist schneller.

„Ich mach schon.“ Spielend leicht hebt er meinen Koffer in den Kofferraum, ich werfe einen verstohlenen Blick auf seinen Oberarm, sehe, wie sich seine Muskeln anspannen und gegen die dunkle Haut drücken. Scheint mir fast so, als hätte da jemand angefangen zu trainieren. Ich muss grinsen. „Danke.“

„Kein Ding. Mach’s dir bequem.“

Ich gehe um das Auto herum und lasse mich einen Augenblick später neben Phil auf dem Beifahrersitz nieder. Interessiert sehe ich mich um und schnuppere unauffällig, während er den Motor anlässt.

„Du rauchst also immer noch.“ Ich betrachte sein Profil und unterdrücke ein Lachen, als er genervt die Augen verdreht. Dieses Thema hat schon früher für endlose Diskussionen zwischen uns gesorgt, und ich bin heute noch felsenfest davon überzeugt, dass Phil eindeutig ein Suchtproblem hat, während er behauptet, jederzeit aufhören zu können, würde er es nur wollen.

„Das war Sam.“

„Versuch nicht, mich anzulügen.“

„Ich lüge nicht, Frau Doktor.“

„Schmeiß dein Geld doch nicht der Tabakindustrie in den Rachen. Dein Geldbeutel wird es dir danken, deine Lunge erst recht. Und außerdem, nenn mich nicht so. Bis ich promoviere, dauert es noch mindestens vier Jahre.“

Phil wirft einen Blick in den Rückspiegel, ehe er anfährt, dann grinst er zu mir herüber. „Ich hab dich vermisst, Kleine.“

„Ich dich erst, Großer.“

Phils Lachen klingt noch genauso wie früher. Ein bisschen nach jung und frei sein, nach lauen Sommernächten am See und stundenlangen Gesprächen über Gott und die Welt. Ja, er hat mir während der letzten zwei Jahre gefehlt, mein bester Freund.

*

Keine drei Stunden später sitze ich wieder neben Phil im Auto. Nicht einmal dreißig Minuten, nachdem wir die großzügige Wohnung erreicht hatten, die Phil sich mit seinem Adoptivbruder Samuel in Berlins Westen teilt, bekam dieser plötzlich einen Anruf von einem seiner Kumpel. Die beiden Jungs haben allen Anschein nach bereits in ihrem gesamten Freundeskreis verbreitet, dass ich dringend ein Zimmer suche. Für die ersten Wochen könnte ich zwar bei Phil oder meinem Bruder Johannes, der in Potsdam wohnt, unterkommen, doch um ehrlich zu sein ist es mir lieber, so schnell wie möglich etwas Eigenes zu finden, um niemandem unnötig zur Last zu fallen. Die Schwierigkeit der Wohnungssuche in Berlin habe ich womöglich etwas unterschätzt. Während der letzten Wochen hatte ich zig WG-Zimmer angefragt, von denen alle binnen Minuten oder komplett unter der Hand wieder weitergegeben wurden. Die Studentenwohnheime sind brechend voll, und eine eigene Wohnung kann ich mir bei den exorbitanten Mietpreisen niemals leisten. Mama und Papa haben zwar mehrmals erwähnt, dass sie mir finanziell sofort unter die Arme greifen, sollte es nötig sein, doch eigentlich möchte ich jetzt, mit zwanzig, wenigstens annähernd selbstständig und unabhängig leben. Ob das alles so funktionieren wird und ich neben meinem Medizinstudium wirklich noch Zeit habe, einen Job anzunehmen, wage ich zu bezweifeln. In München, wo ich mit meiner Freundin und Ex-Kommilitonin Mary den Zweitwohnsitz ihrer Großeltern, eine schicke Eigentumswohnung, bewohnen konnte und lediglich die Hälfte der Nebenkosten tragen musste, war das alles einfacher.

Jedenfalls hatte Phils Bruder vor wenigen Minuten einen gewissen Leonardo am Telefon, der ihm berichtete, eine Freundin von ihm suche gerade dringend eine neue Mitbewohnerin. Obwohl die offiziellen Besichtigungen erst morgen früh anlaufen, ist meine potenzielle neue Mitbewohnerin schon heute dazu bereit, mich einen Blick in die WG in Prenzlauer Berg werfen zu lassen.

Nach insgesamt vier Semestern als Studentin weiß auch ich, dass man die besten Wohnungen sowieso nur dann angeboten bekommt, wenn man seine Beziehungen spielen lässt. Phil jedenfalls ist felsenfest davon überzeugt, dass ich noch heute den Mietvertrag unterschreiben werde.

Ich lehne mich im Beifahrersitz zurück und konzentriere mich auf die fremde Umgebung, die draußen an uns vorbeifliegt. Die Mittagssonne steht bereits tiefer am makellos blauen Septemberhimmel, ich erhasche einen Blick auf die von historischen Hausfassaden gesäumten Alleen, sehe den Fernsehturm über die Dächer ragen und begreife erst jetzt so recht, dass ich wirklich in Berlin bin. Zahlreiche junge Leute, zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auf Skateboards, sind hier zwischen all den kleinen Cafés und Boutiquen unterwegs, die Blätter der vereinzelten Bäume haben sich der Jahreszeit angepasst und bereits leicht orange-rot verfärbt. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir in Gedanken ausmale, meine freien Nachmittage ebenfalls hier zu verbringen und mich mit Phil auf einen Kaffee in einem der kleinen Lokale zu treffen.

„Prenzlberg ist ganz nett, oder?“ Phils dunkle Augen sind hinter einer Sonnenbrille versteckt, doch sein Grinsen verrät ihn.

„Zugegebenermaßen, ja.“

„Und du als Schwäbin passt hier ja sowieso gut hin.“

Ich stoße missbilligend die Luft aus. „Sagst gerade du.“

Tatsächlich sind wir beide gemeinsam in Süddeutschland zur Schule gegangen. Während ich nach dem Abitur direkt mit meinem Medizinstudium in München begonnen hatte, hat Phil erst einmal auf eigene Faust die südliche Erdhalbkugel erkundet und studiert nun im zweiten Semester an der Humboldt-Universität Kunst, Spanisch und Englisch auf Lehramt. Schon während unserer Schulzeit war ich davon überzeugt, dass er eines Tages Lehrer werden würde. Ich kenne niemanden, der besser mit Kindern kann als er und bin mir sicher, dass er früher oder später einen ganzen Haufen kleiner Milchkaffeebabys haben wird. Phil hat sambische Wurzeln, wurde jedoch bereits im Kleinkindalter adoptiert und zu seiner jetzigen Familie nach Deutschland geholt. Heute verraten ihn lediglich sein Aussehen, die schokobraune Haut und die schwarzen krausen Haare. Sein Adoptivbruder Samuel sieht ihm mit seinem blonden Haar und den hellen Augen kein bisschen ähnlich. Ein Herz und eine Seele sind die beiden trotzdem.

„Mila?“

Ich schrecke aus meinen Gedanken und bemerke erst jetzt, dass Phil seinen Wagen in eine der raren Parklücken am Straßenrand gezirkelt hat. Seinen Sicherheitsgurt hat er bereits gelöst, er nimmt die Sonnenbrille ab und mustert mich aus dunkelbraunen Augen.

„Sorry, was hast du gefragt?“

„Ob du nicht aussteigen willst. Wir sind da.“

„Doch, klar.“ Ich befreie mich ebenfalls von meinem Sicherheitsgurt, öffne die Beifahrertür und klettere aus dem Wagen. Draußen knallt mir die Sonne ins Gesicht, ich schirme meine Augen mit der flachen Hand ab, um etwas erkennen zu können und bewundere die imposanten Häuser vor uns. Obwohl ich mich in Berlin nicht sonderlich gut auskenne, habe ich gehört, dass sich der Bezirk Prenzlauer Berg in den letzten Jahren zum neuen Szeneviertel gemausert hat. Dementsprechend begehrt sind auch die Wohnungen.

„Ist es das?“, frage ich und sehe Phil an, der sich neben mich stellt.

„Soweit ich weiß, ja.“ Auch er lässt den Blick die helle Fassade des Gründerhauses hinaufwandern, vor dem wir stehen. Wir steuern auf den Eingang zu, Phil überfliegt die Dutzenden Klingelschilder, bis er das richtige gefunden hat, während ich die Nachnamen der übrigen Bewohner entziffere.

„Sie heißt Ivana?“, versichere ich mich und sehe ihn nicken. Beinahe dreißig Sekunden verstreichen, Phil hebt bereits die Hand, um erneut zu klingeln, dann endlich ertönt ein leises Knacken in der Freisprechanlage, und ich höre zum ersten Mal ihre Stimme.

Ja? Ivana klingt deutlich genervt, und ich kann mich erst nach kurzem Zögern zu einer Antwort durchringen.

„Hi, hier ist Emilia. Ich komme wegen dem WG-Zimmer“, beginne ich und höre noch im gleichen Moment das Summen des Türöffners.

Dritter Stock rechts, Tür ist auf.“

Phil drückt einen Flügel der mächtigen Holztür auf und sieht mich an. Ich schlucke mein Unbehagen hinunter und folge ihm in den Hausflur, hinter mir fällt die schwere Eingangstür mit einem dumpfen Knall ins Schloss, unsere Schritte hallen als einziges Geräusch im kühlen Flur wider. Eine breite Wendeltreppe mit schmiedeeisernem Geländer führt am Ende des Flurs nach oben, einen Fahrstuhl gibt es nicht. Im dritten Stock steht tatsächlich eine der Wohnungstüren sperrangelweit auf, von Ivana jedoch keine Spur. Phil, der einen Schritt vor mir geht, lässt seine Fingerknöchel geräuschvoll gegen das Holz pochen und zögert einen Augenblick.

„Komm rein, bin gleich da“, tönt es von drinnen. Phil sieht mich auffordernd an und lässt mir den Vortritt. Beim Eintreten knarzen die alten Dielen leise unter meinen Sohlen. An der kleinen Garderobe neben der Tür hängen zahlreiche Jacken, auf dem Fußboden darunter stapeln sich die Schuhe.

Ich hebe den Blick, als Ivana durch eine der geöffneten Türen auf uns zukommt. Ihre blassblauen Augen kleben für einen Moment geradezu an Phil, dann sieht sie mich an.

„Du bist Emilia?“ Ihre Stimme klingt glasklar und auf eine beinahe einschüchternde Art und Weise emotionslos.

„Genau, oder einfach Mila.“ Das Lächeln, das ich daraufhin versuche, scheint an Ivanas makellosem Gesicht geradezu abzuprallen. Sie ringt sich lediglich ein Nicken ab und verschränkt die Arme vor der Brust. Ich bemerke genau, wie sie mich mustert.

„Ivana, hi.“

Ich weiß im ersten Moment nicht, was ich darauf antworten soll und bin froh, als Ivana ihre Aufmerksamkeit Phil widmet.

„Du musst Sam sein?“, vermutet sie.

„Fast richtig. Ich bin Phil, Sams Bruder. Leo und er haben vorhin telefoniert.“

Ivana hebt kurz die Augenbrauen, nickt dann aber. „Alles klar.“

Ich lasse meinen Blick währenddessen unauffällig ihren Körper entlangwandern. Die dunkelblonden glatten Haare reichen ihr bis kurz über die Schultern, sie ist blass und ungeschminkt, ihre Haut wirkt trotzdem so ebenmäßig, dass man meinen könnte, sie trüge eine Maske. Obwohl sie kaum größer ist als ich, hat sie etwas Einschüchterndes an sich. Sie trägt einen schwarzen Kapuzenpulli, der ihr mindestens zwei Nummern zu groß ist und sie fast zu verschlucken scheint. Sie wirkt extrem dünn, ich muss mich beherrschen, um nicht auf ihre mageren Beine zu starren, die in einer schwarzen hautengen Leggins stecken. Ich wende den Blick ab, als ich bemerke, dass sie mich wieder ansieht.

„Das ist das freie Zimmer.“ Mit einem Kopfnicken deutet sie nach rechts und vergräbt die schmalen Hände in den Taschen ihres Sweatshirts, während ich das Zimmer betrete. „Fünfzehn Quadratmeter, was du hier an Möbeln siehst, bleibt drin.“

Ich nicke leicht, nehme aus den Augenwinkeln wahr, wie Phil mir folgt und Ivana sich mit einer Schulter gegen den Türrahmen lehnt. Am anderen Ende des Raumes fallen Sonnenstrahlen durch die zwei großen Fenster und werfen Muster an die weißen Wände. Ich erkenne ein Bett, einen einfachen Schreibtisch samt Stuhl und gleich mehrere leere Regale und Kommoden einer schwedischen Möbelhauskette.

„Voll schön.“ Ich drehe mich um und sehe, wie sich Ivanas Mundwinkel zum ersten Mal seit unserem Kennenlernen ansatzweise nach oben bewegen.

„Cool. Ich zeig euch den Rest.“

Phil und ich wechseln einen kurzen Blick, ich kann mein breites Grinsen kaum vor ihm verstecken und muss zugeben, dass diese Wohnung mit ihren hohen Stuckdecken, hellen Räumen und dem typischen Altbaucharme schon ziemlich genau meinen Geschmack trifft. Ivana lässt uns einen Blick ins Bad werfen, klein und verwinkelt, Fenster nicht vorhanden, doch immerhin gibt es eine Badewanne. Lediglich ein Gemeinschaftszimmer fehlt, dafür ist die Küche so geräumig, dass ein Tisch samt Sitzecke für drei Personen hineinpasst. Das Küchenmobiliar wirkt wahllos zusammengewürfelt, einen Geschirrspüler gibt es nicht, doch dafür entdecke ich eine Waschmaschine. An die Küche grenzt zu meiner Begeisterung ein winziger Balkon, auf den mit Müh’ und Not zwei Gartenstühle passen.

„So, mehr gibt’s nicht zu sehen.“ Mit diesen Worten beendet Ivana die Besichtigung, als ich die Balkontür wieder schließe und mich zu ihr und Phil geselle. „Wär die Wohnung was für dich?“ Dass sie so direkt fragt, macht mir klar, wie dringend sie einen Mitbewohner sucht. Ich zögere einen kurzen Augenblick, gehe in Gedanken noch mal die anderen Zimmer durch, die ich bereits übers Internet gefunden habe und komme zu dem Schluss, dass ich wohl nicht mehr so schnell an eine WG kommen werde, bei der sowohl Lage als auch Wohnraum stimmen.

„Wie viel willst du denn für das Zimmer?“, stelle ich die Gegenfrage und mache mich schon auf eine Zahl bereit, die meinen Traum vom Berliner WG-Leben wieder platzen lässt. Doch der Betrag, den Ivana nun nennt, klingt relativ akzeptabel. Mein Blick geht wie automatisch zu Phil, der mit dem Rücken gegen die Küchenfronten gelehnt steht und mir nun zunickt.

„Klingt nach ’nem vernünftigen Preis, vor allem in der Gegend“, meint er.

„Ab wann könnte ich einziehen?“, hake ich vorsichtig nach und sehe Ivana an.

„So schnell wie möglich. Ich hab nicht damit gerechnet, dass meine alte Mitbewohnerin auszieht, und allein kann ich mir die Bude hier niemals leisten. Bis Monatsende muss ich auf jeden Fall jemanden gefunden haben, sonst steh ich auf der Straße.“ Ivana verstummt, ihr abwartender Blick macht mir klar, dass es nun nur noch an mir liegt, und obwohl ich solche Entscheidungen am liebsten stundenlang aus allen möglichen Blickwinkeln beleuchte, weiß ich, dass ich nun spontaner entscheiden muss als sonst. Ich nicke, noch bevor ich es so richtig beschlossen habe. „Ich würde gern einziehen.“

Ivana sieht mich den Bruchteil einer Sekunde weiter an und streckt mir dann die Hand entgegen.

„Okay, dann Hand drauf.“

*

Zwei ganze Tage vergehen, ehe ich zum ersten Mal komplett allein in Berlin unterwegs bin. Es ist Montag, Phil musste zur Arbeit, er jobbt neben der Uni in einem Museum, und für mich ist heute Bürokratie angesagt. Nach einem nervenaufreibenden Besuch beim Bürgeramt mache ich mich auf den Weg Richtung Mitte. Auf dem Campus der Humboldt-Universität befindet sich das Referat für Studienangelegenheiten, wo ich meinen Studentenausweis und das Semesterticket ausgehändigt bekomme.

Als ich das Büro eine kleine Ewigkeit später verlasse, ist es bereits früher Nachmittag. Der frische Nordostwind fegt mir die Haare aus dem Gesicht, ich ziehe fröstelnd die Schultern zusammen und vergrabe die Nase in meinem Schal. Die milden Spätsommertage dieses Jahres scheinen seit heute endgültig gezählt zu sein.

Mit einer Handbewegung fische ich mein Handy aus der Jackentasche und muss schmunzeln, als ich die Nachricht auf dem Display sehe: Schreib mir, wenn du da bist. Ich versuch dann Mittagspause zu machen

Noch während ich auf den Eingang der Charité zusteuere, drücke ich auf das Anrufsymbol und hebe mir das Handy ans Ohr. Innerlich zähle ich meine Schritte, lausche dem Freizeichen und will schon fast wieder auflegen, als er endlich rangeht.

Faber.

Ich muss sofort grinsen, als ich seine leicht gestresste Stimme höre. „Ja, hier auch“, antworte ich bloß und atme leise auf, als ich endlich den warmen Eingangsbereich der Klinik erreiche.

„Mila, hey! Wo bist du?“

„Eben unten reingekommen, ich hab deine Nachricht gelesen. Wie sieht’s aus bei dir, habt ihr ’ne volle Notaufnahme?“

Gerade geht’s. Treffen wir uns in der Cafeteria?“

„Gerne.“

„Findest du da hin?“

Ich muss mich beherrschen, nicht die Augen zu verdrehen, schließlich habe ich das Schild, das mir den Weg dorthin zeigt, schon längst entdeckt. „Sicher, Jojo.“ Ich höre meinen Bruder leise lachen.

„Dann bis gleich.“ Er lässt mir keine Zeit für eine Antwort, ich versenke mein Handy kopfschüttelnd wieder in meiner Jackentasche. Einmal nur möchte ich ihn nicht völlig gestresst und unter Zeitdruck erleben. Bereits auf den endlosen Fluren bis zur Cafeteria lasse ich meinen Blick über das bunte Durcheinander aus Besuchern, Patienten, Pflegern und Ärzten wandern, kann meinen Bruder jedoch noch nicht entdecken. Hinter durchsichtigen Glastüren entdecke ich mein Ziel und suche mir schließlich einen Platz an einem der langen weißen Tische. Besonders viel los ist hier nicht. Ich blicke in Richtung Tür, als ich jemanden um die Ecke kommen sehen, muss sofort lächeln und stehe auf, während er auf mich zukommt. Einen Moment später liege ich schon in den Armen meines großen Bruders.

„Du hast es gefunden, Respekt“, werde ich von Jojo begrüßt, und ich höre die Prise Ironie sofort aus seiner vertrauten Stimme heraus.

„Ich hab dich auch vermisst“, entgegne ich und lasse mich noch einmal von ihm drücken.

„Schön, dass du da bist. Ich hätte dich spätestens heute Abend besucht“, meint er nun ernster.

„Du glaubst doch selbst nicht, dass du einmal pünktlich aus der Klinik kommst.“

„Wo du recht hast …“ Jojo setzt sich mir gegenüber. Ich lasse meinen Blick kurz über ihn gleiten. Weißer Kittel über dem obligatorischen blauen Kasack, Stethoskop und Kuli noch in der Brusttasche mit dem aufgenähten Namensschild, das seine Position verrät: Dr. med. Johannes Faber – Facharzt für Unfallchirurgie mit Zusatzbezeichnung Notfallmedizin.

Groß und sportlich, das war er schon immer, dunkle Haare und Augen, der leichte Dreitagebart lässt darauf schließen, dass er nicht erst seit heute Morgen in der Klinik ist. An den Füßen wie immer ein Paar weiße Segelschuhe.

„Aber jetzt sag schon, wie geht’s dir? Hat der Umzug gut geklappt? Ist Phil anständig?“

Bei Jojos letzter Frage muss ich grinsen. Er und Phil kennen sich von unserer gemeinsamen Schulzeit. Jojo hätte wohl darauf bestanden, dass ich die ersten Tage in Berlin bei ihm verbringe, wäre mein bester Freund nicht gewesen.

„Natürlich ist er anständig. Er macht mir Essen, fährt mich überall hin, besser als in jedem Hotel. Und gerade war ich auf dem Unicampus. Moment…“ Ich krame kurz in meiner Tasche, befördere die Mappe mit all den Unterlagen, die ich dort bekommen habe, ans Tageslicht und halte Jojo meinen brandneuen Studentenausweis unter die Nase.

„Schick“, murmelt er bloß, während er das Kärtchen betrachtet.

„Magst du eigentlich was trinken?“, fragt er dann und wirft einen prüfenden Blick zur Selbstbedienungstheke der Cafeteria.

„Was Warmes wäre nicht schlecht.“

„Ich mach schon.“

Keine vier Minuten später kehrt er mit zwei Tassen an unseren Tisch zurück.

„Kein Zucker, nur Milch“, meint er und schiebt mir meinen Kaffee entgegen, ehe er sich wieder auf seinen Stuhl sinken lässt.

„Was bekommst du dafür?“

„Ein Danke.“

„Jojo …“

„Ich hab mit meiner Mitarbeiterkarte bezahlt, passt schon.“

„Danke dir.“

„Nicht dafür.“

Still beobachte ich, wie Jojo unauffällig auf sein Telefon linst, es dann aber wieder in der Tasche seines Kittels verschwinden lässt.

„Ist schon okay, wenn du los musst.“

Sein Blick geht wie ertappt zu mir, und es dauert einen Moment, ehe er den Kopf schüttelt.

„Nein, alles gut. Ich hab sowieso noch keine richtige Pause gemacht.“ Er lehnt sich auf seinem Stuhl zurück und angelt mit der rechten Hand nun ebenfalls nach seiner Kaffeetasse.

„Ich will dich nur nicht aufhalten.“

„Tust du nicht. Hab ich richtig gehört, dass du ein WG-Zimmer gefunden hast?“

Ich nicke und berichte meinem Bruder schließlich von der erfolgreichen Wohnungsbesichtigung. Obwohl ich es mit meiner Immatrikulationsbescheinigung und dem neuen Wohnsitz nun schwarz auf weiß habe, fühlt es sich momentan noch nicht so an, als würde ich wirklich hier wohnen. Eher so, als wäre ich nur zu Besuch und könnte in ein paar Tagen wieder nach München zurückkehren. Wie gern ich das tun würde, denn eigentlich war Berlin nie eine Option für mich. Was genau meinen Bruder so an unserer Hauptstadt fasziniert, dass er direkt nach seiner Dissertation hierhergezogen ist, hab ich noch nie verstanden. Laut, schnell und hektisch, viel zu schmutzig und unpersönlich, das ist Berlin. Die Stadt, die nie schläft und stärker pulsiert als es jedes menschliche Herz je könnte.

Sicher, München ist auch nicht gerade ein Dorf, aber einfach eine Spur entspannter, vielleicht fühle ich mich im Süden auch einfach wohler. Ja, wenn ich es mir hätte aussuchen können, wäre ich dort geblieben, und dennoch muss ich mich glücklich schätzen, überhaupt weiter studieren zu dürfen. Als ich damals den Teilstudienplatz bis zum ersten Staatsexamen in München bekam, war mir gar nicht wirklich klar, was das später bedeuten würde. Ich war überglücklich mit meinem zwar guten, aber eben doch wieder nicht sehr guten Abitur sofort einen Studienplatz bekommen zu haben und hätte nie im Leben abgelehnt. Vor knappen drei Monaten dann der Schock, als klar war, dass ich an der LMU aufgrund mangelnder Plätze nicht für das fünfte Semester zugelassen werden würde. Was macht man also, mit einem angefangenen Medizinstudium? Hinschmeißen? Niemals … Dafür war es schon viel zu lange mein Traum, Ärztin zu sein und wie mein großer Bruder Leben zu retten. Also habe ich die letzten Wochen dazu genutzt, unzählige Bewerbungen zu schreiben, während Mary und meine anderen Kommilitonen das bestandene Staatsexamen ausgiebig auf Bali gefeiert haben. Vor einer Woche dann endlich die unfassbare Erleichterung in Form einer vorläufigen Immatrikulationsbescheinigung aus Berlin. Und jetzt bin ich hier.

„Ich glaube, dass nichts ohne Grund passiert“, erklärt Jojo, als wir auf meinen Studienortswechsel zu sprechen kommen. „Das Schicksal wollte, dass wir uns jetzt wieder öfters sehen.“

„Vermutlich hast du recht.“ Gedankenverloren rühre ich mit dem Kaffeelöffel in meiner Tasse herum und seufze leise.

„Und was ich hier so von den Studenten höre, muss die Ausbildung echt klasse sein. Die haben hier viel mehr Praxisbezug als wir damals in Innsbruck.“

„Unterrichtest du auch schon?“

Jojo nickt. „Teilweise, wenn unten nicht viel los ist. Also falls du mal in die ZNA kommen willst …“

„Gerne, Notfallmedizin haben wir dieses Semester sowieso.“

„Hast du mittlerweile eine Richtung, in die du gehen willst? Oder vielleicht was für deine Dissertation?“

Ich deute ein Schulterzucken an. „Die Neurologie interessiert mich. Vielleicht wird das was für meine Hausarbeit dieses Semester, mal sehen.“

„Klingt gut.“

„Aber anderes Thema: Wie geht’s Lou und ihrer Kugel?“

Das Lächeln, das sich augenblicklich auf Jojos Gesicht ausbreitet, packt mich sofort. „Hervorragend, allen beiden. Wir waren vorgestern beim Ultraschall. Magst du die Kleine mal sehen?“

„Da fragst du noch?“

Jojos Grinsen wird noch eine Spur breiter. Er fischt sein Handy wieder heraus und hält mir kurz darauf das Foto eines Ultraschallbildes unter die Nase.

„Sechzehnte Woche.“

„Ach Gott, ist die niedlich“, murmele ich, während ich wie gebannt auf das Handydisplay starre. Ich erkenne tatsächlich die Umrisse eines kleinen zusammengekugelten Körpers und das vergleichsweise große Köpfchen. „Habt ihr mittlerweile schon einen Namen?“

Er deutet ein Kopfschütteln an, während er das Handy zurück in seine Tasche wandern lässt. „Ein paar Ideen, aber entschieden haben wir uns noch nicht. Ist ja auch noch ein bisschen Zeit.“

Ich nicke zustimmend. „Mama und Papa wollen nächstes Wochenende vielleicht nach Berlin kommen.“

„Wirklich? Haben sie keine Gäste?“

„Doch, aber Oma und Opa würden die paar Tage für sie einspringen. Mama meinte, dass sie dich und Lou schon lange wieder besuchen wollten und jetzt, wo ich hier bin, auch gleich noch sehen können, wie ich wohne. Sie wollte dich anrufen, bestimmt hat sie dich nur noch nicht erreicht.“

„Ich hab mich schon ewig nicht mehr bei ihnen gemeldet.“ Jojo seufzt schuldbewusst und fährt sich mit der Hand durch die dunklen Haare. „Irgendwie war so viel los, ich bin mit den zusätzlichen Notarzteinsätzen ziemlich ausgelastet, und Lou macht momentan ein Interview nach dem anderen, bevor sie in den Mutterschutz geht. Geht’s ihnen gut? Hat Mama was erzählt?“

„Ja, ist alles gut. Das Hotel läuft, sie haben vor Kurzem die Sanierungen komplett abgeschlossen und einen neuen Koch eingestellt. Letzte Woche war jemand von der Klassifizierung da, sie haben tatsächlich die fünf Sterne geknackt.“

„Echt? Oh krass, ich krieg ja gar nichts mehr mit. Ich muss Mama echt dringend anrufen.“ Jojos Satz wird von einem unüberhörbaren Klingeln abgeschnitten. Seine Hand greift beinahe reflexartig in die Tasche seines Kittels.

„Oh Mann“, murmelt er, wirft mir einen kurzen entschuldigenden Blick zu und nimmt den Anruf dann an. „Ja, Faber.“ Sekundenlang ist er still, nickt mehrmals und trommelt abwesend mit den Fingerspitzen auf der weißen Tischplatte herum. „Okay, ja, ich bin gleich da. Holt ihr wen aus der Neuro dazu? Kathrin hat Dienst, glaub ich. Und schickt mir ein Rea-Team hoch. Gut, Ciao.“

„Was steht an?“, hake ich nach.

„Wir kriegen ein Polytrauma rein, Motorradunfall, der Heli landet in zehn Minuten. Sorry, ich muss …“

„Du musst dich nicht entschuldigen, das ist dein Job“, falle ich ihm ins Wort und sehe ihn daraufhin leicht lächeln.

„Das ist der Vorteil, wenn man eine kleine Schwester hat, die das Gleiche macht wie man selbst.“

„Ich denke jeder würde das verstehen.“

Er lacht kurz auf, klingt dabei fast ein wenig verbittert und zuckt die Schultern. Die Stuhlbeine kratzen mit einem unangenehmen Geräusch übers Laminat, und Jojo erhebt sich.

„Du willst nicht wissen, wie oft Lou und ich in letzter Zeit aneinandergeraten, wenn ich Rufdienst habe und weg muss.“ Für den Bruchteil einer Sekunde sieht er mich an, und mir wird klar, dass da jemand ziemlichen Redebedarf hat. Jojo und Louisa führen eine perfekte Ehe, doch mein Bruder kann mir nicht weismachen, dass es selbst in ihrem Alltag nicht manchmal kriselt.

„Ich ruf dich die Tage an, dann treffen wir uns mal in Ruhe“, schlage ich vor und sehe Jojo nicken. „Und jetzt ab mir dir. Geh Leben retten.“

Sein Grinsen wirkt bedrückt, aber ehrlich. Er hebt leicht die Hand zum Abschied und ist bereits zwei, drei Schritte zur Tür gegangen.

„Ich geb mein Bestes.“

ZWEI

EMILIA

Dass ich müde bin, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts, als ich an diesem Mittwochabend von der Uni nach Hause fahre. Es regnet, ich habe keinen Regenschirm dabei und bin nur Sekunden, nachdem ich die Straßenbahn an der Prenzlauer Allee verlassen habe, klatschnass. Von hier aus sind es keine drei Blocks bis zu meiner Wohnung, doch als ich Minuten später mit klammen Fingern meinen Schlüssel aus der Tasche fische, zittere ich vor Kälte am ganzen Körper. Hätte ich nur eine richtige Jacke angezogen.

Meine nassen Haare kleben mir im Gesicht, während ich die mächtige Eingangstür aufdrücke und einen Moment später endlich im Trockenen bin. Dumpf hallen meine schweren Schritte im leeren Treppenhaus, ich quäle mich die Stufen hoch ins dritte Obergeschoss und atme erst auf, als die Wohnungstür hinter mir ins Schloss gefallen ist.

Mehrere Sekunden lang bleibe ich reglos im Flur unserer WG stehen und lausche in die Stille. Die Lichter sind aus, ich höre kein Geräusch, Ivanas Zimmertür ist geschlossen, so wie eigentlich immer, doch ein kurzer Blick zur Garderobe genügt, um mich festzustellen zu lassen, dass meine Mitbewohnerin nicht zu Hause ist. Der riesige schwarze Mantel, den sie immer und überall trägt, hängt nicht am Haken. Auf den zweiten Blick registriere ich, dass auch ihre dunkelroten Docs nicht an ihrem Platz an der Wand stehen. Ob ich froh sein soll, dass sie noch unterwegs ist, weiß ich nicht.

Müde schließe ich für einen Moment die Augen, während ich mir die Schuhe von den Füßen streife. Die Dielen knarzen leise unter meinen feuchten Socken, als ich zu meinem Zimmer gehe und die Tür hinter mir schließe. Meine Tasche lasse ich achtlos neben dem Schreibtisch zu Boden fallen, und obwohl ich vor ein paar Minuten nichts anderes wollte, als aus meinen nassen Sachen zu kommen, habe ich nun absolut keine Motivation mehr, mich umzuziehen.

Als seltsame Mischung aus Grau- und Dunkelblautönen fällt das letzte Tageslicht durch die Fenster in mein Zimmer, es ist bereits nach sieben, beinahe dunkel draußen, und trotzdem mache ich kein Licht. Genieße die seltsam bedrückte Atmosphäre in meinem Zimmer, die gerade ausgezeichnet zu meiner Stimmung passt. Ich stelle mich ans Fenster, lehne die Stirn gegen die Glasscheibe und betrachte die vorbeifliegenden Lichter der Autoscheinwerfer dort unten auf der Straße, dann schließe ich erneut die Augen. Scheiße, echt… Was für ein bescheuerter Tag. In einer bescheuerten Woche, in einer bescheuerten Stadt, in der ich nie leben wollte. Zweiter Tag in der Klinik, und ich habe nichts Besseres zu tun, als beim Blutabnehmen umzukippen. Und das auch noch vor der Oberärztin der Onkologie, der ich seit heute mit zwei Kommilitonen über die Schulter schauen darf. Peinlicher geht’s nicht. Der abwertende Kommentar der Oberärztin hallt noch immer in meinem Gedächtnis: Mal wieder eine von der Sorte, Ärztin werden wollen, aber kein Blut sehen können. Augen auf bei der Berufswahl!

Dabei kann ich Blut sehen, habe nie auch nur ein Problem damit gehabt und jetzt das. Vielleicht hätte ich besser doch etwas gefrühstückt heute Morgen und nicht mit leerem Magen zur Visite erscheinen sollen.

Schwerfällig öffne ich die Augen, hebe den Kopf und beschließe, mir nun doch lieber etwas Trockenes anzuziehen, bevor ich mich noch erkälte und direkt in der ersten Woche meines Studiums krankmelden muss.

Eine Gänsehaut zieht sich über meinen Körper, als ich meinen Pulli über den Kopf ziehe und kurz darauf nur in Unterwäsche vor meinem Kleiderschrank stehe. Ich schlüpfe in Leggins und ein graublaues Sweatshirt, binde meine immer noch nassen Haare zu einem unordentlichen Knoten hoch und lasse mich schließlich auf mein Bett sinken. Heute werde ich sowieso niemandem mehr unter die Augen treten, also ist es komplett egal, wie ich aussehe. Ivana wird auch heute wieder heimkommen und sich in ihrem Zimmer verschanzen, ohne ein Wort mehr als unbedingt nötig mit mir zu sprechen. Seit zehn Tagen wohnen wir nun zusammen, wobei ich mich größtenteils so fühle, als würde ich hier allein leben. Sie ist so selten zu Hause, dass ich sie kaum zu Gesicht bekomme. Morgens, wenn ich zur Uni muss, schläft sie noch, ihre Vorlesungen beginnen scheinbar erst später, und bis heute weiß ich nicht genau, was sie eigentlich studiert. Irgendwas mit Mode an der Universität der Künste, das hab ich von ihr erfahren, als wir uns vor ein paar Tagen zufällig in der Küche begegnet sind. Auf ein längeres Gespräch mit mir wollte sie sich scheinbar nicht einlassen, musste natürlich sofort wieder weiter zur Arbeit. Zusammen mit Freunden, die mit ihr studieren, hat sie ein kleines Modelabel irgendwo in Kreuzberg.

Woran genau es liegt, dass Ivana so wenig Interesse daran hat, mich kennenzulernen, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Mehrere Male habe ich versucht, ein Gespräch zwischen uns zu beginnen, doch ihre Antworten waren so knapp und abweisend, dass ich mir letztendlich einfach nur noch blöd vorkam, weiter etwas über sie herausfinden zu wollen. Interessante Küchengespräche, wie ich sie mit Mary in München hatte, scheinen absolut nicht Ivanas Ding zu sein. Kein einziges Mal haben wir bisher zusammen gegessen oder einfach nur gequatscht. Ich war noch nicht einmal richtig einkaufen und habe die Küche bis auf den Backofen für eine Tiefkühllasagne kaum benutzt. Vielleicht sollte ich Ivana auf ihr ablehnendes Verhalten ansprechen und sie fragen, ob ich irgendetwas falsch gemacht habe. Dabei kann ich ihr eigentlich keinen Vorwurf machen. Immerhin sind wir nur Mitbewohnerinnen, nicht miteinander verheiratet, und vielleicht hab ich während der letzten zwei Jahre mit Mary nur völlig falsche Vorstellungen vom WG-Leben entwickelt.

Trotzdem trägt Ivanas Desinteresse nicht gerade dazu bei, dass ich mich wohler in Berlin fühle. Im Gegenteil, ich fühle mich mit einem Mal so einsam wie noch nie zuvor.

Es war eine Scheißidee hierherzuziehen. Ich hätte in München bleiben sollen, ein Freisemester nehmen können und hätte dann sicher einen Platz für den klinischen Studienabschnitt an der LMU erhalten. Mary und ich hätten weiter in unserer absolut harmonischen WG gewohnt, und alles wäre gut. Stattdessen hocke ich jetzt hier in Berlin, habe eine Mitbewohnerin, die mich hasst und Freunde, die keine Zeit für mich haben.

Das alles wäre nicht einmal so schlimm, hätte ich wenigstens unter meinen neuen Kommilitonen erste Kontakte knüpfen können. Doch auch das stellte sich bei der Einführungsveranstaltung fürs fünfte Semester schwieriger heraus als gedacht. Ich bin tatsächlich die Einzige, die neu in den Jahrgang gekommen ist, und nach vier Semestern haben sich unter meinen neuen Mitstudenten bereits verschiedenste Cliquen und Freundeskreise gebildet. Natürlich habe ich mit dem einen oder anderen bereits ein paar Worte gewechselt, doch da ich mich selbst nicht als die extrovertierteste Person dieser Erde beschreiben würde, ist es mir bisher eher schwergefallen, Anschluss zu finden.

Müde lasse ich mich zurücksinken und betrachte die Decke. Meine Schreibtischlampe taucht den Raum nun doch in warmes Licht, und ich zwinge mich, mit dem Nachdenken aufzuhören. Jetzt weiter gedanklich in Selbstmitleid zu baden, bringt mich kein Stück weiter. Immerhin habe ich ein Dach über dem Kopf und zwei Menschen, zu denen ich im Notfall jederzeit kommen könnte. Mit meinem Bruder wollte ich mich die Tage sowieso noch mal treffen, und vielleicht findet auch Phil am Wochenende ein wenig Zeit für mich.

Ich halte den Atem an, als ich meine, ein Geräusch aus dem Flur gehört zu haben, lausche konzentriert in die Stille und nehme dann tatsächlich leise Schritte von draußen wahr. Das muss Ivana sein.

Erst habe ich absolut keine Lust, ihr gegenüberzustehen und mir ihren arroganten Gesichtsausdruck zu geben, doch dann zwinge ich mich, solche Gedanken in den hintersten Winkel meines Hirns zu verbannen. Mit dieser Einstellung werde ich noch in hundert Jahren keine neuen Freunde gefunden haben.

Mit diesem Vorsatz erhebe ich mich von meinem Bett. Mein Magen rumort lautstark und erinnert mich daran, dass ich seit dem Brötchen nach dem unangenehmen Vorfall heute Morgen in der Klinik nichts mehr gegessen habe. Ich trete in den Flur. In der Küche ist Licht, und ich bewege mich auf die offene Tür zu. Natürlich erwarte ich Ivana und erschrecke mich beinahe zu Tode, als ich einen Augenblick später einem fremden Typen gegenüberstehe.

Er hat sich mit dem Rücken gegen die Küchenzeile gelehnt, hält den Kopf etwas gesenkt und hat den Blick auf das Handy in seiner Hand gerichtet. Erst als ich mit einem verunsicherten Schritt nach hinten zurückweiche und dabei schmerzhaft mit der Seite gegen den Türrahmen knalle, scheint er mich zu bemerken, hebt den Kopf und sieht mich an.

Ich weiß nicht, wie viele Sekunden vergehen, ehe mir klar wird, dass ich ihn völlig hemmungslos anstarre, und trotzdem kann ich den Blick nicht abwenden. Werde nahezu festgehalten von seinen tiefbraunen Augen und bringe kein Wort über die Lippen.

„Hi.“

Ein simples, leicht verwirrtes Hi seinerseits, mehr ist es nicht, und doch genügt es, um das Herz in meiner Brust schneller hämmern zu lassen.

„Ich, ähm …“, beginne ich und kann nicht anders als weiter komplett hilflos vor ihm zu stehen.

„Du musst die neue Mitbewohnerin sein?“ Seine Stimme klingt ruhig und gelassen, fast eine Spur belustigt, und seine dunklen Augen lassen mich noch immer nicht los. Ich schaffe tatsächlich ein Nicken.

„Die bin ich.“ Ich zwinge mich zu atmen. „Und du bist?“

„Leo. Ein Freund von Ivana. Ich dachte, sie ist hier“, erklärt er, und ich nicke erneut wie ferngesteuert.

„Ach so.“

Als dieser Leo mich weiter schweigend, fast ein wenig erwartungsvoll ansieht, fällt auch bei mir der Groschen. Ich hab mich nicht vorgestellt. „Ich bin Mila.“

Ob er das leicht angespannte Vibrieren in meiner Stimme herausgehört hat, weiß ich nicht. Falls ja, lässt er es mich nicht spüren und sieht mich noch immer an. Ein feines Lächeln umspielt seine Lippen, während er den Kopf etwas schieflegt.

„Hi Mila.“

„Hi.“ Meine Stimme klingt atemlos, wie ein leichter Windstoß, und ich nehme kaum wahr, wie Leo sein Handy in der Hosentasche verschwinden lässt und sich lässig von der Küchenzeile wegdrückt.

Groß ist er, mindestens einen Kopf größer als ich, eher mehr, seine dunkelbraunen leicht lockigen Haare waren wohl irgendwann mal eine Frisur und hängen ihm als herausgewachsener Undercut in die Stirn. Beinahe so, als hätte er meinen Gedanken gehört, hebt er nun die Hand und streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht. Eine Handbewegung, die er ebenso perfektioniert draufzuhaben scheint wie alle Jungs, die ich kenne. Markantes Kinn, trotz Dreitagebart deutlich erkennbare Wangen-, und Kieferknochen, eine etwas zu große, aber gerade Nase. Und Augen, wie eine Mischung aus allen dunkelbraunen Zartbittertönen, nur noch intensiver.

„Hat Vana irgendwas gesagt? Wo sie hin ist, wann sie wiederkommt?“ Seine angenehm tiefe, etwas raue Stimme lässt mich leicht zusammenzucken und holt mich zurück ins Jetzt und Hier. Ich deute ein Kopfschütteln an und ziehe beide Arme schützend unter meine Brust, als Leo mich noch immer ansieht.

„Keine Ahnung, ich hab sie heute noch nicht gesehen.“

„Hm, komisch … Im Atelier war sie auch nicht.“ Kurz noch scheint Leo nachzudenken, dann zuckt er leichtfertig mit den Schultern. „Na ja, irgendwann wird sie schon wieder heimkommen.“

„Wie bist du überhaupt …?“, beginne ich, stocke jedoch verunsichert. Trotzdem scheint er verstanden zu haben, worauf ich hinauswollte.

„Ich hab ’nen Schlüssel“, erklärt er, als wäre es das Normalste der Welt, nach Lust und Laune in fremde Wohnungen zu spazieren. „Entschuldige bitte, falls ich dich erschreckt habe.“

„Keine Sorge, wie ein gefährlicher Einbrecher siehst du nicht gerade aus“, meine ich, obwohl er mit seiner Vermutung gar nicht mal so danebenlag.

„Dafür bist du aber ganz schön zusammengezuckt.“ Sein Mund verzieht sich zu einem belustigten Grinsen, das seine dunklen Augen funkeln lässt.

„Allzu oft passiert es eben nicht, dass ich in die Küche komme und dort einen wildfremden Typen vorfinde.“

„Tja, das Leben ist wie eine bunte Wundertüte: immer für eine Überraschung gut.“

Ich nicke und muss mich beherrschen, mich nicht erneut in seinen braunen Augen zu verlieren. Keine Ahnung, was genau es ist, doch dieser Junge schafft es, meine Knie seit dem ersten Moment an weich wie Wackelpudding werden zu lassen. Das leichte Grinsen auf seinen Lippen wird noch eine Spur breiter, als mein Magen sich in diesem Moment deutlich hörbar zu Wort meldet. Reflexartig ziehe ich die Arme enger um meinen Körper, doch Leo ist mein Magenknurren natürlich nicht entgangen.

„Hunger?“

Ertappt nicke ich. „Bin eben erst aus der Uni gekommen.“

„So spät? Krass …“

Mein Herz pocht stärker gegen meine Lungen, als ich nun mit wenigen Schritten die Küche durchquere und dabei ziemlich nah an Leo vorbeigehen muss, der sich leicht gegen den kleinen Tisch an der Wand gelehnt hat. Obwohl Ivana nicht hier ist, macht er keinerlei Anstalten zu gehen, und irgendwo ganz tief in meiner Brust freut es mich, dass er noch bleibt, obwohl er dazu eigentlich keinen Grund hat.

Der Regen prasselt von draußen gegen das Glas der Balkontür, übertönt die Stille, die sich plötzlich über uns gelegt hat, als ich den Kühlschrank öffne und dabei das Gefühl nicht loswerde, Leos Blick in meinem Rücken zu spüren. Tatsächlich höre ich ihn nun kurz auflachen und bekomme unwillkürlich eine Gänsehaut, als ich sein Lachen wahrnehme, leise und melodisch.

„Typisch, Vana …“

Ich verstehe erst, was er meint, als ich mich nun wieder auf den Anblick konzentriere, der sich mir bietet. In unserem Kühlschrank herrscht gähnende Leere, ich sichte mehrere Wasserflaschen, Milch, Eier, eine Salatgurke und eine Packung Margarine. Ja richtig, einkaufen gehen wollte ich heute eigentlich auch noch … Ernüchtert lasse ich die Kühlschranktür wieder zufallen, überlege einen kurzen Augenblick und komme zu dem Schluss, dass es für mich wohl auch heute wieder Müsli zu Abend geben wird. Doch da kommt Leo auf mich zu.

„Pfannkuchen?“

„Hm?“ Überrascht sehe ich ihn an, weiß nicht, was ich darauf antworten soll und stehe vor ihm wie ein Reh im Scheinwerferlicht.

„Magst du welche?“

Ich nicke auf seinen fragenden Blick und sehe, wie er bereits die Kühlschranktür öffnet.

„Sehr schön.“

„Du musst nicht …“, beginne ich und sehe ihn lediglich lächeln, als er mir nun einen kurzen Blick über die Schulter zuwirft.

„Ich weiß.“

„Leo …“

Die Zeit scheint für einen winzigen Augenblick stillzustehen, nachdem ich zum ersten Mal seinen Namen gesagt habe und er mich, mit der Milchpackung in der einen und zwei Eiern in der anderen Hand, ansieht.

„Ein Danke reicht völlig.“ Unbeirrt stellt er die Zutaten auf der Arbeitsplatte ab und hebt den Blick erst wieder, als von mir immer noch keine Antwort kommt.

„Danke“, erwidere ich also und beobachte, wie seine Mundwinkel daraufhin erneut leicht nach oben wandern.

„Sehr gerne.“ Er wendet mir wieder den Rücken zu, öffnet eine der Schranktüren, die ich noch nie weiter beachtet habe und befördert eine Packung Mehl ans Tageslicht.

„Pfannen sind da unten, glaube ich“, meine ich, um nicht völlig unnütz herumzustehen und deute zu einer der Schubladen neben dem Backofen.

Leo nickt bloß. „Ich weiß, ich koche hier nicht zum ersten Mal, also alles gut.“

Aus irgendeinem Fach hat er plötzlich eine große Schüssel gezaubert, sieht mich kurz an, als er bemerkt, dass ich noch immer mitten im Raum stehe.

„Setz dich, ich kenne mich vermutlich besser in eurer Küche aus als du.“ Seine Stimme klingt gelassen und trotzdem so bestimmt, dass ich mich nicht traue, zu widersprechen, sondern kommentarlos auf einen der Stühle am Tisch sinke. Mit einer Hand ist Leo gerade dabei, das erste Ei aufzuschlagen, Mehl, Milch, etwas Zucker und eine Prise Salz hat er bereits in die Schüssel gegeben. Ohne abzuwiegen, wie ich nach einem kurzen Blick bemerke.

Ich will gerade ansetzen zu fragen, ob ich nach einer Küchenwaage suchen soll, als er bereits das Wort ergreift.

„Dich stresst irgendwas, hab ich recht?“

Überrascht sehe ich ihn an, wundere mich insgeheim über seine direkte Frage, komme dann jedoch zu dem Schluss, dass es ihn wohl wirklich zu interessieren scheint.

„Seh ich so fertig aus?“

Mit der Schüssel im Arm dreht er sich zu mir, er scheint den ironischen Unterton in meiner Stimme herausgehört zu haben.

„Das wollte ich damit natürlich nicht sagen.“

„Irgendwie ist zurzeit alles ein bisschen viel“, gebe ich zu und spüre, wie mich meine bedrückte Stimmung langsam wieder einholt.

„Wenn du drüber sprechen möchtest …“

Einen kurzen Moment zögere ich, dann seufze ich kaum hörbar und nicke. „Ich weiß auch nicht, mein Studium ist anstrengend, ich bin neu ins fünfte Semester gekommen, alle kennen sich schon, und dann bin da halt noch ich.“

Leos aufmerksamer Blick deutet mir, weiterzusprechen.

„Ich bin seit dieser Woche in der Klinik, und meine Oberärztin ist der Horror.“

„Glaubst du nicht, das regelt sich mit der Zeit alles von allein? Solche Anlaufschwierigkeiten hat doch jeder.“

Ich zucke mit den Schultern und zeichne mit dem Zeigefinger die feine Musterung der hölzernen Tischplatte nach. „Du auch?“

„Und wie. Ich kannte kaum jemanden hier, bin von Anfang an nicht besonders gut mit meinem Prof klargekommen, hatte die erste Zeit ziemliches Heimweh“, zählt er auf und sieht mich kurz an, als er zum Ende kommt. Dass er so ehrlich ist, überrascht mich. „Aber nach drei, vier Wochen hatte sich alles eingespielt, und mittlerweile will ich auf keinen Fall mehr weg.“

„Du bist also auch nicht von hier?“, hake ich nach und sehe, wie er ein Kopfschütteln andeutet.

„Aus einem Ort in der Nähe von Stuttgart“, erklärt er.

„Echt? Das hört man aber gar nicht raus.“

„Wenn ich nüchtern bin und mir Mühe gebe nicht, nee.“ Leo grinst. „Und du?“

„Vom Bodensee.“

„Oh, schön! Quasi um die Ecke also.“

„Du sagst es.“

Es wird wieder still zwischen uns, Leo senkt den Kopf, begutachtet den Pfannkuchenteig in seiner Schüssel, schaut dann wieder auf und schenkt mir einen kurzes Lächeln, ehe er mir den Rücken zudreht und die Schüssel auf der Küchenplatte abstellt.

Ich ziehe ein Bein an die Brust und stelle die Ferse auf der Kante meines Stuhls ab. Schweigend beobachte ich, wie Leo den Gasherd einschaltet, höre das charakteristische Klicken des Zünders und sehe schließlich die kleinen bläulichen Flammen kreisrund unter der Pfanne auflodern.

Müde lege ich meine Wange auf meinem angewinkelten Knie ab und sehe Leo dabei zu, wie er die erste Portion Pfannkuchenteig in die Pfanne gibt. Erst jetzt fällt mir so wirklich auf, wie dünn er ist. Seine Schulterblätter zeichnen sich sichtbar unter seinem weißen T-Shirt ab, und obwohl seine schwarzen Jeans um einiges enger sind als die der meisten Jungs, sitzen sie dennoch so locker, dass sie seine Beine nur erahnen lassen. Mein Blick wandert seine Arme entlang, dünn und sehnig, und trotzdem ist das Spiel seiner Muskeln deutlich zu erkennen, während er die gusseiserne Pfanne nun in einer fließenden Bewegung vom Herd hebt.

Ich halte für einen kurzen Moment die Luft an, als er den Pfannkuchen zum Wenden wenige Zentimeter durch die Luft fliegen lässt und ohne jegliche Mühe wieder auffängt. Nachdem er die Pfanne wieder auf den Herd gestellt hat, dreht er sich erneut zu mir um.

„Bist du etwa einer dieser wenigen Männer, die kochen können?“

Kurz sieht er mich an, lacht leise und stützt sich mit den Handflächen an der Kante der Küchenplatte ab, während er sich rückwärts dagegen lehnt. „Möglich.“

„Machst du das beruflich?“, hake ich nach und sehe ihn mit dem Kopf schütteln.

„Eigentlich nicht, es macht mir einfach Spaß. Ich hab früher viel mit meiner Großtante gekocht. Seit ich hier in Berlin bin, jobbe ich gelegentlich in einem Café und helfe manchmal in der Küche aus.“

„Klingt cool.“

„Höre ich öfters. Wenn man kochen kann, hat man plötzlich viele Freunde.“ Leo grinst und entlockt auch mir ein kurzes Lachen.

„Wie gesagt, du musst nicht …“

„Nein, schon in Ordnung. Ich hab es dir angeboten“, fällt er mir ins Wort und klingt dabei so ehrlich, dass ich tatsächlich verstumme und nicke. Er widmet sich wieder den Pfannkuchen und wendet den Kopf leicht in meine Richtung, als ich erneut zu sprechen beginne.

„Aber eigentlich studierst du?“

Er nickt. „Ja, Modedesign an der UdK.“

„Oh, wow …“, entfährt es mir, und ich begutachte noch einmal seine Klamotten, stelle jedoch ebenso wie gerade lediglich fest, dass er zwar schlicht, aber dennoch irgendwie gut angezogen ist. „Zusammen mit Ivana?“

„Exakt.“ Leo sieht wieder kurz in meine Richtung. „Und du also diese Menschenmedizin?“

Ich nicke und muss grinsen. Diese Menschenmedizin …

„Krass, das könnte ich nicht. Respekt.“

„Jeder könnte das. Man muss nur fleißig sein, das ist alles.“

„Ich nicht, glaub mir. Da müsste nur jemand kommen, der ein Pflaster braucht, und schon wär ich weg.“

„Oh.“ Ich muss grinsen. „Na gut, du willst nicht wissen, was mir heute passiert ist.“

„Doch, erzähl.“

„Wir haben vor der Chefarztvisite Blut abgenommen, und eigentlich hab ich das schon hundertmal gemacht, aber dann …“ Ich stocke, doch Leo scheint zu verstehen.

„Oh shit … umgekippt? Was war los?“

„Ich weiß auch nicht. Ich hab nicht gefrühstückt, vielleicht lag es daran. Auf jeden Fall direkt mal ’nen guten Eindruck hinterlassen am ersten Tag.“

„Das passiert doch bestimmt vielen, oder?“

„Im fünften Semester nicht mehr.“

„Du studierst schon fünf Semester? Wie alt bist du?“

„Zwanzig.“

Leo sieht ehrlich erstaunt aus.

„Ich hab direkt nach dem Abi angefangen. Damals war ich gerade erst achtzehn“, erzähle ich.

„Okay, ich war damals schon Ende neunzehn.“

„Sitzen geblieben?“

Leo quittiert meine Bemerkung mit einem gewollt beleidigten Blick, kann aber nicht ernst bleiben, als ich grinse.

„Nee, umgezogen und dann ein Jahr wiederholt“, erklärt er.

„Und jetzt bist du?“

„Einundzwanzig, und ich studiere im fünften Semester.“

„Wie viele hast du noch vor dir?“

„Drei bis zum Bachelor und dann noch mal zwei, wenn ich den Master draufsetze. Wie lange musst du noch?“

„Sechs Semester sind es jetzt noch und dann mal sehen, welche Facharztausbildung ich mache.“

„Schon heftig.“

Ich nicke langsam und hebe den Kopf erst wieder, als Leo einige Schritte durch die Küche geht.

„Ihr habt nicht mal Marmelade da? Euer Ernst?“

„Keine Ahnung“, gebe ich zu und sehe, wie Leo die Kühlschranktür kopfschüttelnd wieder zufallen lässt.

„Was habt ihr denn gefrühstückt die letzten Tage?“

„Nichts.“ Und zusammen erst recht nicht …

Leo seufzt leise. Einen kleinen Stapel Pfannkuchen auf einem Teller balancierend kommt er schließlich zu mir an den Tisch, reicht mir Messer und Gabel und schiebt mir den leeren Teller entgegen, den er ebenfalls mitgebracht hat.

„Isst du nicht mit?“, frage ich.

„Darf ich denn?“

„Du hast gekocht, was für eine Frage!“

„Sehr nett von dir.“ Leo grinst, rutscht auf seinem Stuhl nach hinten und kehrt kurz darauf mit einem weiteren Teller, Besteck und zwei Gläsern zurück an den Tisch. Wir essen größtenteils schweigend, das leise Kratzen unseres Bestecks über die weißen Teller vermischt sich mit dem Regen von draußen, und erst als Leo nach einigen Minuten unauffällig meinen Blick sucht, sage ich wieder etwas.

„Voll lecker geworden.“

„Sind nur Pfannkuchen.“

„Trotzdem.“

Er mustert mich einige Sekunden lang, dann lächelt er. „Danke.“

„Danke dir fürs Kochen.“

Unsere anschließende, irgendwie angenehme Stille wird jäh unterbrochen, als die Wohnungstür krachend ins Schloss fällt. Beinahe ertappt hebe ich den Kopf und sehe einige Sekunden später Ivana in der Tür zur Küche stehen. Ihr Blick verändert sich, als sie Leo und mich dort sitzen sieht, und ehe ich etwas sagen kann, hat sie Leo schon im Visier.

„Wo warst du?“ Ihre Stimme klingt scharf, und ich höre unbewusst auf zu kauen, während sie die Arme in die Hüften stemmt.

„Äh, hier?“ Leo wirkt sichtlich verwirrt und lässt seine Gabel sinken, als Ivana sich mit einem genervten Seufzen umdreht und aus ihrem Mantel schlüpft.

„Vana, hey … ich dachte, du wärst zu Hause.“ Leos Stimme klingt besänftigend, beinahe eine Spur verunsichert. Auf das nahezu trotzige Schweigen im Flur schiebt er schließlich seinen Stuhl zurück und steht auf. Wir wechseln einen kurzen Blick, ich fühle mich mehr als unwohl. Kaum wahrnehmbar seufzt er auf und folgt Ivana in den Flur.

Zögerlich beginne ich, ein kleines Stück von meinem Pfannkuchen aufzuspießen und kann währenddessen nicht anders, als dem Gespräch der beiden draußen auf dem Flur zu lauschen.

„Ich war im Label und hab die Schnitte für Dienstag jetzt komplett allein abgeändert.“ Ivana klingt sauer und ziemlich vorwurfsvoll.

„Bis vor ’ner Stunde war ich auch dort und wollte dich dann abholen. Sorry, ich wusste nicht …“

„Hättest ja anrufen können.“

„Wollte ich, aber ich dachte, du kommst sicher jeden Moment. Wir müssen uns voll verpasst haben.“

„Kann man wohl sagen.“ Ivana klingt bitterböse.

Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, wie Leo noch immer vor ihr steht und höre, wie er nun die Stimme senkt.

„Vana, mach jetzt bitte keinen Aufstand.“

„Ich mach keinen Aufstand.“ Sie spricht leise und klingt plötzlich so kühl, wie sie es die letzten Tage immer zu mir war. Leo wirkt mit jedem ihrer Worte ein kleines bisschen hilfloser.

„Du hättest ja auch anrufen können“, erwidert er.

„Tatsächlich? Check dein Handy, Herr Wagner.“

Leo tastet nach dieser Äußerung wirklich nach seiner Hosentasche. Das schuldbewusste „Oh“, das ihm entfährt, kaum, dass er einen Blick aufs Display geworfen hat, scheint Ivana völlig kalt zu lassen. „Und Jason und Alessa waren auch nicht da?“

„Nein, war auch nicht abgemacht. Weil du eigentlich da sein wolltest.“

„Es tut mir leid, okay?“

„Ach, vergiss es einfach.“

„Vana, bitte.“

Ich wage nun einen richtigen Blick in den Flur und sehe Leo noch immer an Ort und Stelle stehen, während sie sich auf dem Absatz umdreht und in ihrem Zimmer verschwindet. Er schließt für einen kurzen Moment die Augen und öffnet sie erst wieder, als er meinen Blick zu spüren scheint. Kurz zögert er, dann kommt er die wenigen Schritte auf mich zu.

„Tut mir leid, ich sollte …“, beginnt er mit gedämpfter Stimme, doch ich falle ihm ins Wort.

„Schon okay. Mir tut es leid, dass ich dich aufgehalten habe.“

„Quatsch, das hast du nicht.“ Er klingt resigniert, fährt sich mit einer Hand durch die dunklen Haare und sieht mich dann erneut an. „War schön, dich kennengelernt zu haben, Mila. Wir sehen uns, ja?“

Eigentlich will ich etwas Ähnliches erwidern und schaffe doch nur ein kurzes Nicken. Leo ringt sich ein Lächeln ab, dreht sich schließlich in Richtung Flur, und ich kann den Blick erst wieder abwenden, als er Ivanas Zimmertür hinter sich ins Schloss gezogen hat.

Draußen prasselt der Regen noch immer gegen die Fenster, während ich den letzten Bissen Pfannkuchen hinunterschlucke und plötzlich keinen Appetit mehr habe. Schweigend räume ich Minuten später die Küche auf, gehe schließlich ins Bad und höre die leisen Stimmen aus Ivanas Zimmer noch, als ich kurz vor Mitternacht das Licht meiner Nachttischlampe lösche.

Der Tag war lang und wie jeder einzelne der letzten Woche voller viel zu intensiver Eindrücke. Trotzdem sind Pfannkuchen und tiefbraune Augen das Letzte, woran ich denke, ehe ich der Müdigkeit nicht länger trotzen kann und in einem Stück von der Dunkelheit verschluckt werde.

DREI

EMILIA

Es ist erst kurz nach zwei, nachdem ich die Charité am nächsten Mittag verlasse und an der Friedrichstraße in die S5 steige. Heute war ein guter Tag.

Nach der misslungenen Aktion beim Blutabnehmen gestern habe ich heute ausnahmsweise keinen Mist gebaut, sondern Einiges lernen können. Meine Fragen während der Visite müssen so gut gewesen sein, dass der leitende Oberarzt der Onkologie mir anschließend angeboten hat, bei einer Tumorresektion mit in den OP zu kommen, um zu beobachten. Als ich dort dann sogar assistieren und einen der Haken halten durfte, war mein Morgen perfekt. Da ich morgen höchstwahrscheinlich wieder mit in den OP darf, sollte ich heute lieber noch mal meine Anatomie-Atlanten wälzen und Operationstechniken pauken, um vorbereitet zu sein, sollte man mir morgen Fragen zum Ablauf stellen.

Trotzdem habe ich nun noch keine Lust, direkt nach Hause zu gehen. Obwohl sich meine erste Woche in der Charité bereits dem Ende zuneigt, habe ich mich bisher noch nicht wirklich in der Gegend umgesehen. Oft kam ich erst spät aus der Uni und war dann so müde und frustriert, dass ich nur noch ins Bett wollte.

Ursprünglich hatte ich geplant, mich heute mit Phil zu treffen, doch der ist mal wieder anderweitig verplant, sodass ich die S-Bahn am Hackeschen Markt nun eben allein verlasse.

Die hohe Bahnhofshalle mit ihren leicht gewölbten Decken, die von schmiedeeisernen Verstrebungen gestützt werden, ist vom leisen Hall geschäftiger Schritte der Menschen erfüllt, die um mich herumwuseln. Dieser Ort, eigentlich Mitte generell, gehört zu Phils Lieblingsplätzen in Berlin, und während ich nun die Stufen der breiten Steintreppe hinuntergehe und schließlich ins Freie trete, verstehe ich, wovon er mir so oft vorgeschwärmt hat.

In zahlreichen kleinen Arkaden wurden Restaurants und Cafés in das dunkelrote Backsteingebäude, das die S-Bahn-Station beherbergt, integriert, und als ich mich nach einigen Schritten in die andere Richtung umsehe, ragt die Silhouette des Fernsehturms zwischen den Häuserblocks in den wolkenverhangenen Himmel. Da ich sowieso kein Ziel habe, lasse ich mich in den Menschenmassen, die das Bahnhofsgebäude in diesem Augenblick wieder ausspuckt, ein kleines Stück treiben und überquere gemeinsam mit gestressten Berufstätigen und ahnungslosen Touristen die stark befahrene Straße.

Ich weiß nicht, wie lange ich den fremden Straßen folge, verschiedene Cafés, Imbisse und Boutiquen passiere, als ich plötzlich glaube, meinen Namen gehört zu haben. Irritiert bleibe ich stehen und spüre noch im gleichen Augenblick eine Hand an meiner Schulter. Als ich mich umdrehe, blicke ich in ein Paar zartbitterbraune Augen und kann nicht anders als zu lächeln.

„Hey, du bist es wirklich!“ Leo strahlt mich an und nimmt seine Hand erst von meiner Schulter, als ich ihm mit einem überraschten „Hi“ antworte. Selbst durch den dicken Stoff meines Wintermantels glaube ich, seine kurze Berührung direkt auf meiner Haut zu spüren. Definitiv kein unangenehmes Gefühl.

„Megacool, dich hier zu treffen. Mila, wie geht’s dir?“ Seine unkomplizierte, offene Art raubt mir, genau wie gestern Abend, für die ersten paar Sekunden beinahe den Atem. Ich muss mich zusammenreißen, um nicht wie komplett bescheuert vor ihm zu stehen und kein vernünftiges Wort über die Lippen zu bringen.

„Gut, danke! Ich hatte nicht damit gerechnet, hier jemandem zu begegnen, den ich kenne“, sage ich nun einfach wie es ist und bekomme daraufhin direkt wieder sein entwaffnendes Lächeln zu Gesicht.

„Glaub ich dir. Hast du keine Uni?“

Ich deute ein Kopfschütteln an und antworte ihm nicht sofort, als ich beobachte, wie er nun am Filter der Kippe zieht, die ich bis eben nicht einmal bemerkt habe. „Ich hab schon frei für heute und wollte mich ein bisschen in der Gegend umsehen“, erkläre ich, woraufhin er nickt.

„Mitte ist total inspirierend“, meint er, ehe er den weißen Rauch seitlich entweichen lässt, um mich nicht vollzunebeln.

„Mitte überfordert mich vor allem komplett. Ich hab gerade keine Ahnung, wo ich genau bin“, gebe ich zurück.

„Du bist zum ersten Mal hier?“, will er wissen und grinst.

„Du meinst in Berlin generell?“

Leo nickt.

„Ja, bin ich“, antworte ich.

„Ich würde dir echt gern die Gegend zeigen, aber ich muss leider zur Arbeit. Und ich weiß nicht warum, aber ich bin schon wieder spät dran.“

„Bist du das etwa öfters?“, hake ich nach, als ich das belustigte Funkeln in seinen Augen bemerke.

„Nö, nie.“ Die Ironie in seiner rauen Stimme ist kaum zu überhören.

„Dann will ich dich nicht aufhalten.“

„Tust du nicht. In welche Richtung musst du? Vielleicht können wir ein paar Meter gemeinsam gehen?“

Auf seine Frage kann ich lediglich mit den Schultern zucken.

„Wie gesagt, ich hab keinen wirklichen Plan, wo ich bin und eigentlich hinwill.“

„Ach ja, richtig. Einfach ein bisschen treiben lassen?“

„Ganz genau. Wo musst du denn lang?“

„Hier hoch und ein paarmal um die Ecke. Ich arbeite in einem Café, keine fünf Minuten von hier.“

„Stimmt, hattest du gestern erwähnt.“

„Richtig, ja.“ Er schenkt mir ein kurzes Lächeln, als ich von gestern spreche und zieht schließlich erneut an seiner Kippe. „Also wollen wir?“

Ich nicke.

„Rauchst du viel?“, frage ich ziemlich unvermittelt und ohne wirklich darüber nachzudenken, nachdem wir die ersten Schritte gegangen sind. Leo wirft mir einen überraschten Seitenblick zu und mustert mich für den Bruchteil einer Sekunde.

„Ach was …“, meint er und lacht. „Für dich hätte ich auf jeden Fall noch eine übrig.“

„Ich rauche nicht, danke.“

„Besser so.“

Ich betrachte ihn kurz und versuche herauszufinden, ob seine Äußerung ironisch gemeint war. Tatsächlich verrät ihn das Zucken seiner Mundwinkel, und als er meinen Blick nun auffängt, müssen wir beide grinsen.

„Im Ernst! Fang das echt nicht an. Manchmal rauch ich viel zu viel, manchmal gar nicht. Ich glaub, ich bin Stressraucher.“

„Also hast du Stress grade?“

„Eigentlich nicht. Das ist die präventive Arbeitskippe“, erklärt er.

„Aha.“ Ich versenke meine kalten Hände in den großen Taschen meines Mantels, während ich weiter neben Leo hergehe. „Du warst gestern noch lange bei Ivana, oder?“, frage ich dann.

„Apropos Stress, meinst du?“

Wir wechseln einen kurzen Blick, und ich zucke ertappt mit den Schultern. „Ich hab euch noch gehört, als ich dann ins Bett bin“, erkläre ich.

„Ja, ich bin irgendwann gegen eins gegangen. Wir hatten noch was zu klären, und ich wollte das nicht so stehen lassen. Du hast ja gesehen, wie angefressen sie war, und ich kann sowas nicht ab.“

Ich nicke nur und sehe auf, als Leo nach einigen Sekunden wieder zu sprechen beginnt. „Wie versteht ihr euch so?“

„Ivana und ich?“

Er deutet ein Nicken an, und ich zögere für einen Augenblick. „Es geht. Wir sehen uns nicht oft. Hat sie was gesagt?“

„Nein, das nicht. Aber ich weiß, wie sie sein kann.“

„Also, beste Freundinnen sind wir tatsächlich nicht“, gebe ich zu.

„Du darfst das nicht persönlich nehmen, wenn sie manchmal abweisend ist. Vana ist so. Sie braucht lange, bis sie mit anderen Menschen warm wird, aber sie meint das nicht böse.“

„Sicher?“

Leo nickt. Ich überlege gerade, ob es dreist wäre, einfach zu fragen, ob sie seine Freundin ist, als er plötzlich stehen bleibt. Nach einem letzten Zug lässt er seine Kippe fallen und kickt sie mit der Schuhspitze seiner schwarzen Nikes in den Gully. Als er den Blick an mir vorbeiwandern lässt, drehe ich mich um.

„Hier arbeitest du?“

„Ganz genau.“

Das kleine Café, vor dem wir stehen, heißt Credo und hat riesige Glasfronten zur Straßenseite, durch die ich bereits die zahlreichen Tische und Stühle erkennen kann.

„Hast du ein wenig Zeit mitgebracht und noch Lust auf einen Kaffee?“

Kurz zögere ich und nicke dann. „Clever von dir, mich an einen Ort zu entführen, an dem ich erst recht keine Ahnung mehr habe, wo ich eigentlich bin.“

Leo grinst und spielt sofort mit. „Was erwartest du auch von einem Typen, der nachts in fremde Wohnungen einbricht?“

„Natürlich nichts Gutes. Nein, Quatsch, ich würde gern noch mitkommen.“

„Ja?“, Leo lächelt mich an. „Wenn nicht viel los ist, können wir auch noch weiter quatschen. Mein Chef ist da ziemlich entspannt.“ Er macht einen Schritt an mir vorbei und öffnet mit einer Hand die Glastür des Cafés. „Nach dir.“

Für einen kurzen Moment bin ich überrascht darüber, dass er tatsächlich der Typ Mann ist, der Frauen die Tür aufhält, dann schenke ich ihm ein kurzes Lächeln und spüre seine Hand federleicht an meinem Rücken, während ich das Credo betrete. Angenehme Wärme schlägt mir entgegen, der intensive Geruch von frischgemahlenen Kaffeebohnen liegt in der Luft und vermischt sich mit den leisen Stimmen der Gäste, die sich vereinzelt an den Tischen eingefunden haben.

Leonardo, come sempre in ritardo, immer zu spät!“, schallt uns einen Augenblick später eine kräftige Stimme hinter der Theke entgegen.

„Die Straße war heute irgendwie auch wieder länger“, meint Leo zerknirscht, und ich muss mir bei seiner sinnvollen Ausrede das Grinsen verkneifen. Er schält sich aus der übergroßen camelfarbenen Wildlederjacke, die sicher schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat und begrüßt den untersetzten Italiener hinter der Theke mit Handschlag.

„Verstehe, amico. Und wen hast du uns da mitgebracht? Ciao Bella!

Ich muss beinahe lachen, als dieser kleine Italiener all seine landestypischen Vorurteile innerhalb von zwei Minuten erfüllt.

„Remo, das ist Mila. Mila, Remo, mein Chef.“

Remo kommt während Leos Worten direkt hinter der Theke hervorgestiefelt und begrüßt mich überschwänglich mit Küsschen links und rechts.

Ciao Mila, darf ich dir das abnehmen, Signorina?

„Oh gern, Danke schön!“ Überrascht lasse ich mir von Remo aus meinem Mantel helfen und schenke ihm ein dankbares Lächeln.

„Bin eben hinten und ziehe mich um“, teilt Leo mir mit, ehe er durch den Eingang zur Küche hinter der Theke verschwindet. Ich sehe mich unterdessen etwas genauer im Café um.

Das Credo ist minimalistisch und modern eingerichtet und hat dennoch einen ganz eigenen Charakter. Viel glattes Holz und Glas, dunkle Holzdielen und weiße Wände. Kein Tisch gleicht dem anderen, im Gegenteil, fast wirkt es so, als hätte Remo sein gesamtes Mobiliar auf den zahlreichen Berliner Flohmärkten erstanden und anschließend willkürlich in dem großen Raum verteilt. An den verschiedenen großen Tischen stehen die unterschiedlichsten Stühle und Hocker. Die Gespräche der Café-Besucher werden von Chet Fakers melodischer Stimme unterlegt, die im Hintergrund leise aus den indirekten Lautsprechern klingt.

„Na, gefällt’s dir?“ Ich habe Leo kaum bemerkt, der nun wieder aus der Küche nach draußen tritt. Über seiner Jeans trägt er eine dunkelrote Kellnerschürze, die er sich um die schmalen Hüften gebunden hat.

„Ja, total!“

Leo erwidert mein Lächeln und schaut zu der kleinen Gruppe an dem Tisch, dem Remo die Rechnung gebracht hat.

„Setz dich ruhig. Was darf ich dir zu trinken bringen?“, wendet er sich dann wieder an mich.

„Was kannst du mir denn empfehlen?“, stelle ich die Gegenfrage, da mich die Auswahl an verschiedenen Kaffeevariationen, Tees und anderen Getränken, die mit weißer Kreide auf einer großen Schiefertafel an der Wand hinter dem Tresen festgehalten wurde, ein wenig überfordert.

„Miese Frage. Eigentlich alles.“, Leo lässt seinen Blick nachdenklich über die große Tafel wandern.

„Dann überrasch mich.“

Er sieht mich wieder an, während ich mich auf einen der Barhocker an der Theke niederlasse.

„Alles klar.“, Leo lächelt geheimnisvoll und befördert eine frische weiße Tasse hinter der Theke hervor. Er beginnt, an der riesigen silbrig glänzenden Kaffeemaschine herumzuwerkeln und schiebt mir keine drei Minuten später ein ovales Tablett mit einem kleinen Glas Wasser neben der randvollen Kaffeetasse über das dunkle Holz der Theke zu.

„So, einen Mocha Latte. Ich hoffe, du bist Kaffeetrinkerin“, meint er und lehnt sich mit der Seite neben mir an den Tresen.

„Oh, danke! Und ja, das bin ich.“

Er lächelt mich an, wirft dann einen prüfenden Blick an mir vorbei, als sich weiter vorne die Tür öffnet und eine Handvoll Mädels das Credo betreten. Leo scheint sie zu kennen, denn er beginnt zu grinsen, als eine von ihnen direkt auf ihn zusteuert. „Hey, na? Alles fresh?“

Die zierliche Blonde scheint beinahe in ihrer riesigen, mit weißem Lammfell gefütterten Jeansjacke zu versinken, und grinst Leo unter einer langen Haarsträhne an, die ihr widerspenstig ins Gesicht hängt.

„Alles bestens“, antwortet sie mit einer Stimme klar wie Glas und lässt sich von ihm zur Begrüßung in eine Umarmung ziehen. Mir entgeht nicht, wie auch die restlichen Mädels, die mit ihr gekommen sind und sich bereits an einem der Tische breitgemacht haben, in Leos Richtung winken. Als der sich nun wieder neben mich an den Tresen lehnt, spüre ich den Blick der Blonden auf mir.

„Wir kennen uns noch gar nicht“, stellt sie fest und schenkt mir ein aufgeschlossenes Lächeln. Ich muss sofort zurücklächeln und spüre, wie ich von ihren hellen, freundlichen Augen gemustert werde.

„Stimmt. Ich bin Mila“, antworte ich.

„Ivanas neue Mitbewohnerin, richtig? Ich bin Alessa.“

„Woher kennst du Ivana?“

„Wir studieren zusammen und arbeiten für ein gemeinsames Modelabel. Mit dem werten Herrn hier.“, Alessa boxt Leo spielerisch mit dem Ellbogen zwischen die Rippen, woraufhin er sie angrinst.

„Da sind so viele Leute daran beteiligt?“, frage ich erstaunt.

„Wir sind zu viert. Na ja, eigentlich zu fünft, wenn man meinen Bruder mitzählt. Ben kümmert sich hauptsächlich um das ganze wirtschaftliche und finanzielle Zeug, weil niemand von uns etwas davon versteht“, erwidert Leo.

„Und wer ist noch dabei, wenn du sagst, ihr seid normalerweise zu viert?“

„Alessa, Jason, Ivana und ich.“

„Jason? Wie schreibt man das?“

„So wie’s gesprochen wird, aber bloß nicht Englisch, das ist ihm ganz wichtig.“ Leo lacht. „Wir sind zusammen ins erste Modedesign-Semester gekommen und seitdem befreundet. Die Sache mit dem Label ist vor einem knappen Jahr so richtig ins Rollen geraten, seitdem haben wir die Räume in Kreuzberg angemietet.“

„Nicht schlecht.“

„Du kannst ja mal vorbeikommen!“, Alessa strahlt mich an, und ich nicke sofort.

„Sehr gerne.“

Alessas Freundinnen ziehen erneut meine Aufmerksamkeit auf sich, als sie Leo wild gestikulierend heranwinken. Scheinbar wollen sie bestellen. Auch er hat ihr Zeichen bemerkt und nickt in ihre Richtung, ehe er sich für einen Moment Alessa zuwendet.

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