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Das Tal der Rosen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Kapitel 1 – Mitte Juli 2015 – Barbara
  5. Kapitel 2 – 28. April 1935 – Adeline
  6. Kapitel 3 – Mitte Juli 2015 – Conradin

Über dieses Buch

Nach einer schmerzhaften Trennung und dem plötzlichen Tod ihrer Großmutter Rosa fühlt sich Barbara einsam und orientierungslos. Aus Rosas Testament erfährt sie, dass sie im Bergdorf Surgens beerdigt werden will. Barbara hat noch nie von diesem Ort gehört, ihr ist eine Auszeit von ihrem Leben allerdings äußerst willkommen. Doch das raue Klima der Bündner Berge mit seinen eigenwilligen Bewohnern entpuppt sich als große Herausforderung. Kaum angekommen, stellt ein Geheimnis, dessen Wurzeln tief in die Vergangenheit zurückreichen, Barbaras Leben auf den Kopf. Der zurückhaltende Gasthausbetreiber Conradin, der sie mit seinem Charme immer mehr fasziniert, hilft ihr dabei, den verschleierten Spuren vergessener Tage zu folgen.

Über die Autorin

Ladina Bordoli, Jahrgang 1984, lebt in der Schweiz in einem kleinen Tal inmitten der Alpen. Seit ihrer Kindheit verfasst sie Gedichte und Kurzgeschichten. 2008 veröffentlichte sie ihr Erstlingswerk »Wild Cherry«.

Einen Großteil ihrer Inspiration bezieht sie aus dem täglichen Kontakt mit Menschen verschiedenster Kulturen. Wo gelebt, gearbeitet, geliebt und gestritten wird, entstehen Schicksale – und mit ihnen Geschichten.

Kapitel 1

Mitte Juli 2015

Barbara

Barbara seufzte und ließ den Blick über ihre wenigen Habseligkeiten gleiten. Abgesehen von einer relativ kleinen ledernen Reisetasche und einer Handtasche hatte sie nichts hierher mitgenommen. Wozu auch? Ihr Leben war ebenso trostlos und leer geworden, wie sie sich in diesem Augenblick gerade fühlte. Am Freitag das mit David, ihrem Verlobten – sie wollte gar nicht im Detail darüber nachdenken, was es gewesen war –, und nur zwei Tage später war ihre Großmutter Rosa unerwartet gestorben. Ihr Herz war einfach verstummt. Kein Mensch wusste, warum. Barbara am allerwenigsten. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen, als sie daran dachte, dass sie das unverkennbare heisere Kichern ihrer Oma nie mehr hören würde. Niemals wieder.

Barbara hatte sie geliebt. Nach dem überraschenden Tod ihrer Eltern vor dreiundzwanzig Jahren hatte Rosa die fünfjährige Barbara und den zwei Jahre älteren Simon bei sich aufgenommen.

Fortan war sie die Person gewesen, die mit einem warmen Lächeln und frisch gebackenem Apfelkuchen gewartet hatte, wenn die beiden Kinder nachmittags von der Schule nach Hause gekommen waren. Von da an war sie an jedem Elternsprechtag, zu Barbaras Ballettaufführungen und zu Simons Hockey-Turnieren erschienen. Stolz, wie es nur eine Mutter sein konnte. Sie hatte Barbara dazu ermutigt, Grundschullehrerin zu werden, und ihr das Studium finanziert. Sie hatte Barbara an ihre weiche Brust gedrückt, als sie das erste Mal Liebeskummer gehabt hatte.

Und jetzt war sie fort. Für immer. Ein Gedanke, den Barbara kaum ertrug. Die Vorstellung kam ihr so unwirklich vor. Bis Samstagabend war Rosa noch kerngesund gewesen, und dann war sie einfach nicht mehr aufgewacht. Mit neunundsiebzig Jahren keine Seltenheit, hatte der Arzt behauptet, der ihren Tod festgestellt hatte. Barbara glaubte ihm nicht. Sie hasste ihn regelrecht für diese nüchterne Feststellung. Keine Seltenheit. Als wäre Rosas Tod nichts Besonderes. Doch für Barbara war ihre Großmutter alles gewesen. Rosa war der Kolibri unter den Vögeln, das Glühwürmchen unter den Käfern; sie war alles, was Barbara hatte. Jetzt, da es David nicht mehr in ihrem Leben gab, sowieso. Erneut wischte sich Barbara eine einzelne Träne aus dem Augenwinkel und schniefte. Sie sah auf ihre Reisetasche, die den Eindruck erweckte, halb leer zu sein.

Sie hatte nur jene Dinge eingepackt, die nicht mit irgendwelchen schwerwiegenden Erinnerungen verbunden waren. Mit schwerwiegend meinte sie Kleidungsstücke wie den rosa Wollpullover, den sie so oft getragen hatte, wenn sie sich neben David auf die Couch gesetzt und sich mit einem Glas Wein an ihn gekuschelt hatte. Solche Bilder wollte sie vor ihrem inneren Auge nicht mehr sehen, denn die damit einhergehenden Emotionen waren einfach zu schmerzhaft. Jetzt sowieso. Im Moment war alles qualvoll.

Barbara hob den Blick und betrachtete ihre Umgebung.

Da war sie nun. Auf einem verlassenen Bahnhof am Ende der Welt.

Surgens Station, war auf dem alten Blechschild zu lesen, das man der Nostalgie halber an dem verwitterten Holzgebäude gelassen hatte. Neben dem Gebäude stand jedoch, fest im Boden verankert, eine dieser modernen Säulen, die in der Nacht leuchteten. Darauf befanden sich ein aktueller Fahrplan und der mittlerweile auf Surgens Bahnhof geänderte Name der Haltestelle. Vor vielen Jahren, so ließ ein Blick durch die milchig schmutzigen Fenster des alten Holzhäuschens vermuten, musste das hier ein Bahnschalter gewesen sein. Erfüllt mit Stimmen, Leben und Bewegung. Jetzt waren die einzigen Geräusche, die man ausmachen konnte, das friedliche Plätschern des Brunnens auf dem Bahnhofsplatz und das sorglose Zwitschern einiger Spatzen. Warum um alles in der Welt hatte ihre Großmutter darauf bestanden, ausgerechnet in Surgens beerdigt zu werden? Sie hatte Barbara und Simon nie von diesem Ort erzählt. Nachdem Rosas Notar ihnen mitgeteilt hatte, dass ihre Oma vor einigen Jahren ein Testament aufgesetzt hatte, waren sie mehrere Minuten sprachlos gewesen. Weder hatten sie Kenntnis von einer Letzten Willenserklärung noch davon, dass Rosa darin den Ort für die Beerdigung ihrer sterblichen Überreste genau festgelegt hatte.

Barbara strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Es war Mitte Juli, und die Sonne stand bereits hoch am Himmel. Obwohl es im Bergland zu dieser Jahreszeit durchaus sommerlich heiß werden konnte, war die seit Wochen anhaltende Hitzewelle, die schon frühmorgens Temperaturen über zwanzig Grad brachte, eher ungewöhnlich. Da das Prättigau ein von der Landwirtschaft dominiertes Tal war, das sonst mit langen Wintern und entsprechend kurzen Erntemonaten zu kämpfen hatte, begrüßten die einheimischen Bauern jedoch das aktuelle Postkartenwetter. Das jedenfalls hatte Barbara in der Lokalzeitung Prättigauer & Herrschäftler gelesen. Sie hatte eine Ausgabe der bunten, nur wenige Seiten umfassenden Zeitung im Zug nach Surgens Bahnhof gefunden. Jemand hatte sie liegen gelassen, und das farbenfrohe Titelblatt hatte Barbaras Aufmerksamkeit erregt.

Das im Kanton Graubünden gelegene Alpental Prättigau mit der Gemeinde Surgens sollte nun für fünf Wochen – so lange dauerten Barbaras Sommerferien – zu ihrem neuen Zuhause werden. Sie hatte vor ihrer überstürzten Abreise nämlich beschlossen, nicht nur bis zur Beerdigung ihrer Großmutter hierzubleiben; sie wollte eine Auszeit nehmen. Denn in Zürich, wo sie herkam, hielt sie im Moment überhaupt nichts mehr. Irgendwann musste sie noch ihre Habseligkeiten bei David abholen, aber im Augenblick schaffte sie das nicht. Das konnte warten. Bevor Barbara erneut von dunklen Gedanken und Erinnerungen übermannt wurde, klingelte das Handy.

Simon, stand auf dem Display.

»Hallo?« Barbaras Stimme klang selbst in ihren eigenen Ohren dumpf und müde.

»Wo bist du?«, fragte ihr Bruder. Besorgnis mischte sich in seinen Tonfall.

Mit einem Kontrollblick auf das angerostete Blechschild an der Holzhütte antwortete Barbara: »Surgens Station, mittlerweile nennen sie es allerdings Surgens Bahnhof. Ich warte auf meinen Bus. Von hier aus soll es nochmals rund eine halbe Stunde dauern, bis ich das Dorf erreicht habe.«

»Gut, das klingt gut. Dann bist du ja schon fast da. Hat das mit dem Buchen deines Zimmers geklappt? Hast du etwas gefunden? Es tut mir leid, dass ich mich nicht eher bei dir melden konnte, du … warst so schnell weg, und ich hatte Montag und Dienstag noch einen Workshop …« Simon klang verunsichert.

»Schon gut. Ich mache dir keine Vorwürfe. Wir haben uns ja darauf geeinigt, dass ich alles in Surgens erledige und du in Zürich. Aufgrund der jüngsten Ereignisse …«, sie zögerte einen Augenblick, » … sah ich keinen Grund, noch länger in Zürich auszuharren. Ich habe gleich am Montag früh im Gasthaus Alpenrose angerufen, am Dienstag alles startklar gemacht, und nun bin ich auf dem Weg dorthin.« Es entstand eine kurze Pause, in der ihr Bruder bestimmt krampfhaft darüber nachdachte, was er ihr Nettes wünschen könnte, ohne dabei Dinge anzusprechen, die ihr erneut die Tränen in die Augen trieben. Barbara kannte ihn gut genug, und ein liebevolles kleines Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, als sie sagte: »Lass es einfach, Simon, okay? Ich weiß, ich soll auf mich aufpassen und keine Dummheiten machen …« Sie holte kurz Luft und ließ dann die Katze aus dem Sack: »Ich habe das Zimmer bis Mitte August gebucht, fünf Wochen. Ich bleibe den Sommer über gleich hier.«

Wie erwartet schwieg Simon einige Sekunden. »Wie du möchtest, Schwesterherz. Du sollst allerdings wissen, unser Angebot steht noch immer. Du kannst … bis mit … David … alles geregelt ist, auch bei Irina und mir wohnen. Die Kinder würden sich sicher freuen.« Davids Namen hauchte er so leise in den Hörer, als wagte er nicht, ihn auszusprechen, ohne in Barbara eine emotionale Explosion hervorzurufen.

Sie seufzte. Simon und Irina hatten ihr diesen Vorschlag schon am Freitagabend gemacht, nachdem sie erfahren hatten, dass David sie betrogen hatte. Barbara wurde das Gefühl einfach nicht los, dass die beiden noch immer die schwache Hoffnung hegten, es würde sich mit David alles wieder einrenken. Sie selbst war da anderer Meinung. Solche Vertrauensbrüche waren nicht verhandelbar. Waren es niemals gewesen. Auch hatte sie keine Lust, bei ihrem Bruder und seiner Frau Dauergast zu sein. Die gestrandete Tante, die ständig rote, verquollene Froschaugen und einen seltsamen Schnupfen hatte. Sie wollte nicht, dass die Kinder sie so sahen. Wenn sie sich schon jeden Abend in den Schlaf weinte, dann wollte sie das für sich alleine tun, an einem Ort, der ihr die nötige Intimität gewährte. Surgens war die Antwort auf ihren stummen Hilfeschrei gewesen, das hatte sie sofort erkannt. Nirgends war ihr altes Leben weiter entfernt als auf 1.351 m ü. M., irgendwo im Nirgendwo, wo niemand sie kannte. Zumindest nahm Barbara das zu diesem Zeitpunkt an.

»Danke, Simon, ich weiß euer Angebot durchaus zu schätzen, aber ich denke, was ich jetzt wirklich dringend brauche, ist die Einsamkeit der Berge. Frische Luft. Einen Tapetenwechsel. Ich bleibe in Surgens.«

Barbara verabschiedete sich von ihrem Bruder, hauchte noch einen Kuss in den Hörer, trennte die Verbindung und stopfte ihr Handy in die Tasche. Gerade noch rechtzeitig. Der Bus hielt an. Der Fahrer maß sie mit einem langen Blick. Dann erhob er sich von seinem Sitz und half Barbara, ihr Gepäck zu verstauen. Sie löste einen Fahrschein und suchte sich im mittleren Teil des Busses einen Sitzplatz. Außer ihr waren nur noch eine alte Frau und eine Mutter mit Kind in dem Kleinbus. Offenbar war dies keine hochfrequentierte Strecke, und um diese Tageszeit schon gar nicht.

Barbara lehnte den Kopf an die kühle Scheibe und ließ den Blick über die Landschaft schweifen. Ein feines Lächeln umspielte ihre Lippen. In ihrem Inneren breitete sich eine mit Nervosität vermischte Vorfreude aus. Bald war sie da!

Brave New World …

Während der Bus den Serpentinen der Straße folgte, zeigte sich Barbara zu ihrer Linken eine atemberaubende Aussicht auf das Tal unter ihr. Das Prättigau breitete sich vor ihrem Blick aus wie ein Wildbach, der zwischen zwei Felsmassive gedrängt worden war. Die bunten Punkte der Häuser säumten die Hauptstraße auf der Talsohle und erklommen zunehmend die angrenzenden Hügel, je weiter man blickte. An den Weidehängen zu Barbaras Rechten grasten vereinzelt Ziegen und Schafe. Der Weg nach Surgens führte sie durch benachbarte Wälder und vorbei an kleinen Schluchten. Schließlich tauchte der Kirchturm des Bergdorfs auf, der auf einer Hügel-Plattform thronte und selbst unten im Tal noch mit bloßem Auge gesehen werden konnte. Die ersten Bauernhöfe säumten nun die Straße, und neugierige Blicke folgten dem Kleinbus. Bevor sie die letzte Kurve in Angriff nehmen konnten, musste der Fahrer den Bus jedoch kurz anhalten, damit die mitten auf dem Weg flanierenden Hühner verscheucht werden konnten. Der Hahn stolzierte vor ihnen her und schien über die unerwartete Störung eher empört denn erfreut zu sein.

Barbara grinste und lehnte sich entspannt in ihrem Sitz zurück. Dabei erhaschte sie einen flüchtigen Eindruck von ihrer Spiegelung im Fenster des Busses. Die schokoladenbraunen Haare hingen ihr unordentlich über die Schultern, und ihr fiel auf, wie müde ihre Gesichtszüge gerade wirkten. In ihren Augen lag eine tiefe Traurigkeit, die selbst von ihrem Schmunzeln und ihrer Vorfreude nicht überspielt werden konnte. Endlich kam der Bus zum Stehen.

»Wir sind da. Gasthaus Alpenrose. Endstation«, informierte der Fahrer sie und half ihr erneut mit dem Gepäck. Der Bus wendete und fuhr zurück zum Dorfeingang.

Da stand sie nun.

Vor ihr erhob sich das Gasthaus Alpenrose, das sie bis jetzt nur von Fotos aus dem Internet kannte. Das Gebäude bestand aus zwei Teilen: Links befand sich ein Stall mit einer überdachten Veranda, der mit dem Haupthaus auf der rechten Seite verbunden war. Vor dem Hauptgebäude gab es eine Terrasse, die mit bunten Sonnenschirmen und einfachen Tischgarnituren ausgestattet war. Die Fassade war aus dunkel gebranntem Holz. Rote Fensterläden bildeten einen angenehmen Kontrast dazu. Das Plätschern eines Brunnens drang an Barbaras Ohr, und ein kleines Lächeln erhellte ihr Gesicht. Dieser Ort wirkte friedlich und einladend. Einige der Gäste auf der Terrasse spähten neugierig zu ihr herüber. Offenbar kamen hier nicht jeden Tag Fremde mit Gepäck an.

Barbara packte ihre Reisetasche und nahm die Treppe, die zum Eingang des Hauptgebäudes führte. Die Tür lag etwas verborgen im Eingangsbereich, der Stall und Restaurant trennte.

Sie trat ein und fand sich in einem niedrigen, kleinen Empfangsraum wieder, von dem aus diverse Türen in angrenzende Räume abgingen. Mittendrin stand ein massives Holzmöbelstück, das als Empfangstisch diente. Eine metallene Glocke, wie man sie noch in alten Filmen zu sehen bekam, lag darauf. Barbara läutete. Sie musste nicht lange warten. Eine junge Frau, die vermutlich ungefähr in ihrem Alter war, kam aus einem der Hinterzimmer herbeigeeilt und begrüßte sie freundlich.

»Sie müssen Frau Rieder aus Zürich sein!« Und mit einem schiefen Grinsen fügte sie noch an: »Sind sonst keine Ankünfte heute gemeldet, Sie sind derzeit unser einziger Gast.« Dann wühlte sie in einer Schublade und förderte ein Anmeldeformular zutage. Sie legte es vor Barbara auf den Tresen und bot ihr einen Kugelschreiber an. Bevor Barbara ihn jedoch nehmen konnte, hielt die junge Frau sich erschrocken eine Hand vor den Mund und sagte: »Oh, entschuldigen Sie bitte! Wie unhöflich von mir! Ich bin übrigens Anna Bärtsch, ihre Gastgeberin. Ich führe dieses Haus zusammen mit meinem Bruder.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen«, erwiderte Barbara lächelnd und wollte sich gerade über den Meldeschein beugen.

»Also Anna, wenn’s Ihnen recht ist. Nennen Sie mich einfach Anna!«

Grinsend hob Barbara erneut den Blick, hielt der jungen Frau die Hand hin und meinte: »Ich heiße Barbara. Ich werde so lange hierbleiben … ich denke, da können wir uns auch duzen!« Im Gegensatz zu Simon war Barbara nie ein Freund von Floskeln und Formalitäten gewesen und schätzte Menschen wie Anna, die das Leben nicht noch unnötig kompliziert machten.

Als sie alle Formulare ausgefüllt hatte, angelte Anna einen Schlüssel vom Schlüsselbrett und bedeutete Barbara, ihr zu folgen. Sie nahm ihr sogar ihr Gepäck ab, obwohl Barbara sich heftig dagegen wehrte.

Anna war, wie sie selbst auch, eine feingliedrige Frau, die kaum größer als eins sechzig war. Sie hatte freundliche Gesichtszüge, und ihre Stupsnase war mit kecken Sommersprossen gesprenkelt. Ihre weizenblonden Haare waren zu einem lockeren Knoten zusammengebunden, wobei ihr einige Strähnen ins Gesicht fielen. Der Duft nach Olivenseife umhüllte sie und unterstrich die Einfachheit ihrer Erscheinung. Es war, als hätte alles Filigrane oder Schnörkelhafte an diesem Ort der Welt wenig Bedeutung. Es schienen die simplen Dinge zu sein, die hier wichtig waren. Wie beispielsweise ein herzliches Lächeln und Hilfsbereitschaft.

Das Einzelzimmer, das man für Barbara hergerichtet hatte, zauberte beim Eintreten sofort einen glücklichen Ausdruck auf ihr Gesicht. Sie entspannte sich und schloss kurz die Augen. Der Duft von frischem Arvenholz drang ihr in die Nase, als stünde sie in einem Wald. Der Raum war schlicht und rustikal eingerichtet, wie man es in einem Berggasthaus erwartete. Die Wände und der Boden waren aus hellem Holz, das über die Jahre einen goldenen Schimmer angenommen hatte. Das einzige Fenster im Zimmer gestattete Barbara einen Blick auf das atemberaubende Panorama des Prättigaus. Sie fühlte sich wie auf einem Hochsitz. Vor ihren Augen breitete sich das Tal mit seinen Schluchten, Wäldern, Weiden und Dörfern aus. Sie würde ihn lieben, ihren Adlerhorst in Surgens, das wusste sie gleich. Noch nie hatte sie an einem vergleichbaren Ort geschlafen. Noch gar nie.

Die vorherrschende Farbe in ihrer Kammer war ein beruhigendes Dunkelblau, das Barbara an den Nachthimmel erinnerte. Zwei schwere Stoffvorhänge säumten das Fenster, und der Bettbezug war blau-weiß kariert. Zu ihrer Rechten befand sich ein kleines Bad mit Dusche und links neben der Tür ein schlichter Kleiderschrank, auf dessen Türinnenseite ein Spiegel befestigt war. Es war also nicht so, dass Eitelkeit an diesem Ort der Welt überhaupt keinen Stellenwert besaß; Äußerlichkeiten waren nur nicht das Wichtigste. Barbara bedankte sich bei Anna für ihre Hilfe, fragte noch nach den Zeiten für das Abendessen und Frühstück und schloss dann hinter der jungen Frau die Tür.

Erschöpft ließ sie sich aufs Bett fallen und starrte einige Minuten einfach schweigend an die Holzdecke über ihr. Es war unglaublich, wie gut sie sich hier fühlte. Das erste Mal seit Tagen stahl sich ein wirklich unbekümmertes Lächeln auf ihr Gesicht, und ihr Herz empfand so was wie Glück. Zufriedenheit. Dankbarkeit. Und etwas noch nie Dagewesenes …

Freiheit?

Nach zehn Jahren Beziehung, wovon sie rund acht Jahre mit David zusammengewohnt hatte, besaß sie nun zum ersten Mal in ihrem Leben ihre eigenen vier Wände. Wenn auch nur für fünf Wochen. Das erfüllte sie mit Vorfreude und einem Gefühl von Selbstbestimmung. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, wann sie das letzte Mal den Eindruck gehabt hatte, über die Dinge in ihrem Alltag wirklich selbst bestimmen zu können. Jedenfalls nicht während ihrer Zeit in der Grundschule und später auf dem Gymnasium. Ebenso wenig danach, als sie schon zu Beginn ihres Studiums mit David zusammengezogen war. Zum ersten Mal in ihrem Leben würde ihr niemand vorschreiben, in welches Glas sie ihre Zahnbürste zu stellen hatte und wie viele Fächer des Spiegelschrankes sie für sich beanspruchen durfte. Sie konnte es sich in ihrem Bett gemütlich machen und so lange lesen, wie sie wollte, ohne jemanden zu stören. Wenn ihr danach war, schlief sie im unattraktivsten Pyjama, den der Planet je gesehen hatte.

War das nicht Freiheit?

Barbara stand auf und machte sich daran, einige Dinge in den Schrank zu räumen. Nach einer Viertelstunde war sie damit fertig und beschloss – da es mittlerweile fünfzehn Uhr war –, einen kleinen Spaziergang durch das Dorf zu unternehmen. Am Eingang von Surgens befand sich ein Dorfladen, wie sie gesehen hatte, dem sie gern einen kurzen Besuch abstatten wollte. Sie brauchte dringend ein paar Snacks, und abgesehen davon war sie einfach neugierig, was das Bergdorf denn so zu bieten hatte. Barbara schnappte sich ihre Geldbörse und machte sich auf den Weg.

Die Klingel an der Tür zum Lebensmittelgeschäft kündigte Barbaras Eintreten an, und sofort wandten sich ihr alle Blicke zu. Was sie nämlich für ein simples Dorflädchen gehalten hatte, war in Wahrheit ein Mehrzweckgebäude. Die multifunktionale Institution bestand aus einem Lebensmittelladen, kombiniert mit einer Postagentur und einer kleinen, im Augenblick gut besuchten Kaffee-Ecke. Gerade waren an den Stehtischen alle Gespräche verstummt. Neugierige Augenpaare musterten Barbara. In Surgens kannte offenbar jeder jeden, und daher war sofort klar, dass sie nicht von hier stammte.

Sie nickte den Surgensern freundlich zu und beeilte sich dann, ihren Einkauf zu erledigen. Dabei kam es ihr ganz gelegen, dass sie sich hinter den Regalen vor den interessierten Blicken der Dorfbewohner verstecken konnte.

Barbara war über die große Auswahl an Lebensmitteln erstaunt. In so einem kleinen Laden in einem abgeschiedenen Bergdorf hätte sie mehrheitlich Konserven erwartet. Stattdessen gab es frisches Obst und Gemüse, einheimisches Frischfleisch, Käse und Eier von lokalen Bauern sowie zusätzlich Regale mit Artikeln für den Garten, Haushalt oder Schreibutensilien. Sie entschied sich für etwas Obst, eine Semmel und eine Schachtel Schokopralinen zum Nachtisch.

»Soll ich Ihnen das in eine Tasche packen? Sammeln Sie Frisch-nah-günstig-Punkte?«, fragte die Dame hinter der Kasse und fixierte Barbara, die jäh aus ihren Gedanken gerissen wurde.

»Äh …«, stotterte Barbara verwirrt, »die Tasche nehme ich sehr gern … Wozu sind denn die Punkte?« Vielleicht konnte sie damit ja etwas erwerben, was sie in ihrer neuen Wohnung brauchen konnte. Denn eines war klar: Bei David würde sie nach den Sommerferien ausziehen, auch wenn Simon und Irina das anders sahen. Man warf eine Beziehung nach zehn Jahren nicht einfach weg, fanden sie. Bevor Barbara jedoch wieder ungebremst ins Inferno ihrer eigenen Gefühle abstürzen konnte, riss die Kassiererin sie erneut aus ihren Grübeleien.

»Bei voller Karte wird Ihnen beim nächsten Einkauf ein Rabatt von zehn Prozent gewährt«, erklärte die Frau und schaute Barbara erwartungsvoll an. In der Kaffee-Ecke verstummten die Gespräche abermals. Die Dorfbewohner wollten wissen, wofür sich die unbekannte Kundin wohl entscheiden würde.

»Nun, wenn das so ist, dann sammle ich die Punkte sehr gern«, meinte Barbara lächelnd. Als sie den Laden einige Minuten später verlassen wollte, wäre sie an der Tür beinahe mit einem ungefähr gleichaltrigen Mann zusammengestoßen. Er hatte dunkelblonde, verstrubbelte Haare, die ihm wild vom Kopf abstanden, haselnussbraune Augen und einen Dreitagebart. Der junge Mann trug schmutzige Jeans, die an manchen Stellen zerrissen waren, und dazu ein schlichtes, ebenfalls leicht verschmutztes T-Shirt. Obwohl er aussah, als schwitzte er aufgrund der mittlerweile unangenehm heißen Temperaturen und käme direkt von der Arbeit auf dem Feld, verströmte er den angenehmen Duft von Seife, vermischt mit dem von Erde und frischem Gras.

»’tschuldigung«, murmelte er und drängte sich mit gesenktem Blick an Barbara vorbei.

»Hallo, Conradin«, begrüßte ihn die Kassiererin, die gerade den Ständer mit den Glückslosen hinter der Theke abstaubte. »Wie ich sehe, nutzt du die freie Zeit, um den Garten wieder einmal auf Vordermann zu bringen«, fügte sie noch an und beäugte Conradin, wie der Fremde offenbar hieß, neugierig. Er erwiderte den Gruß der Frau, ließ ihre Worte aber unkommentiert. Der Name der Frau war also Ruth.

Der junge Mann war scheinbar nicht hier, um ausgiebige Einkäufe zu tätigen. Kaum hatte Barbara den Laden endgültig verlassen und einen herzhaften Biss von ihrer Semmel genommen, stand Conradin auch schon wieder neben ihr. In der rechten Hand trug er eine durchsichtige Plastiktüte mit Saatgut und weiteren Gartenutensilien. Er musterte sie einen Moment lang und kam dann wohl wie die anderen vorhin zu dem Schluss, dass sie nicht von hier sein konnte. Einen Augenblick schien es, als wollte er noch etwas sagen. Dann wandte er sich jedoch plötzlich ab, murmelte irgendetwas, das einem »Auf Wiedersehen« nahe kam, und stieg in einen Toyota-Jeep.

Barbara beobachtete das davonfahrende Auto und kehrte dann zum Gasthaus zurück. Sie hätte Ruth gern gefragt, wer der junge Mann gewesen war. Während sie in ihrem Zimmer einen Schreibblock und einen Bleistift auspackte, um die bevorstehende Beerdigung zu planen, schweiften ihre Gedanken immer wieder zu diesem Conradin. Sie ertappte sich dabei, wie sie an seine muskulösen Oberarme dachte und daran, wie sich das T-Shirt über seinen breiten Schultern gespannt hatte – ganz zu schweigen davon, wie gut ihm diese Baggy-Jeans standen …

Schon in der nächsten Sekunde schüttelte Barbara verärgert den Kopf. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Sie sah einen Fremden – nur für einen kurzen Augenblick –, und alles, was ihr Hirn dazu zu melden hatte, war, wie wohlgeformt sein Körper und wie attraktiv seine Out-of-Bed-Frisur gewesen war? Hätte sie es nicht besser gewusst, hätte Barbara tatsächlich begonnen, an ihrer eigenen Intelligenz zu zweifeln. Sie musste sich ermahnen und daran erinnern, weshalb sie eigentlich hierhergekommen war: um die Beisetzung der Urne ihrer Großmutter in die Wege zu leiten und inneren Frieden zu finden. Nicht, um sich neue Probleme zu schaffen. Barbaras Erfahrung nach bedeuteten Männer aber eben genau das: Probleme. Als machte sich das Schicksal gerade über sie lustig, klingelte in diesem Augenblick ihr Handy.

David.

Schon wieder.

Sie blockte den Anruf und warf das Handy achtlos auf den Nachttisch, als wäre es ein stinkender toter Fisch. Dann goss sie sich ein Glas Wasser ein und setzte sich aufgewühlt aufs Bett. Ihre Gedanken kreisten um einen jungen Mann, den sie gar nicht kannte und dessen Leben sie nicht zu interessieren brauchte. Gleichzeitig löste das bloße Aufblinken von Davids Namen auf ihrem Handy-Bildschirm erneut stechende Schmerzen in ihrem Inneren aus. Was wollte er denn noch? Sich entschuldigen, alles wiedergutmachen? Ihr Herz war gebrochen, und kein Kleister dieser Welt konnte das wieder beheben. Verzeihen war ebenfalls schwierig – im Moment jedenfalls war sie dazu nicht bereit. Andererseits: Wenn sie seine Telefonanrufe weiterhin ignorierte, bestand die Möglichkeit, dass er plötzlich vor ihrer Tür stand, und das wollte sie noch weniger. Er würde nur Simon ein wenig bedrängen müssen, um zu erfahren, wo sie sich aufhielt. Für den Augenblick beschloss sie, das Grübeln sein zu lassen. Vielleicht fühlte sie sich an einem anderen Tag gut genug, um Davids Anruf entgegenzunehmen. Den Rest dieses Mittwochnachmittags wollte sie sich jetzt allerdings nur sich selbst widmen. Es blieben ihr noch knapp zwei Stunden bis zum Abendessen.

Sie beschloss, eine Dusche zu nehmen und sich dann ein wenig hinzulegen. Die letzten Tage und Stunden waren für Barbara sehr anstrengend gewesen – emotional und körperlich. Sie brauchte dringend die geistige Narkose eines tiefen, traumlosen Kurzschlafs. Danach würde die Welt sicher wieder etwas freundlicher aussehen.

Ihr letzter Gedanke, bevor sie endgültig einschlief, galt zu ihrem eigenen Befremden hypnotisch wirkenden haselnussbraunen Augen …

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Kapitel 2

28. April 1935

Adeline

Liebes Tagebuch,

gestern feierten wir meinen achtzehnten Geburtstag auf unserem Landsitz, der Villa Victoria. Es war ein wunderschönes Fest, ich durfte all meine Freundinnen einladen. Mama hatte diesen Tag schon seit Wochen geplant. Sie wirkte nach der wochenlangen Anspannung sehr erschöpft und ausgelaugt. Ihre Haut war aschfahl, und sie musste sich vor der Ankunft der Gäste mehrmals hinlegen, um sich auszuruhen.

Der Garten und die Bäume waren mit Blumengirlanden und kleinen Laternen geschmückt, und überall hatte man weiße Pavillons aufgestellt. Gottlob spielte das Wetter mit – es war sonnig und entsprechend warm. Ein scheuer Vorbote des Sommers. Ich trug ein senfgelbes Kleid mit einer schwarzen Schleife in der Taille und Handschuhe aus demselben dunklen Stoff. Mama meinte, dass die Farbe des Kleides sehr gut zu meinen kastanienbraunen Haaren und den bernsteinfarbenen Augen passe. Ich durfte mir übrigens Locken frisieren und das Haar hochstecken lassen und sah richtig elegant aus! Kathrin und Amanda, meine besten Freundinnen, behaupteten, Jonas hätte mich den ganzen Nachmittag beobachtet.

Jonas ist der Sohn unseres Gärtners und arbeitet seit Kurzem auch als Gartenpfleger bei uns in der Villa Victoria. Ich habe ihn lange nicht mehr gesehen. Als wir noch Kinder waren, haben wir im Sommer oft zusammen gespielt. Später ging er dann fort, um eine Ausbildung zu absolvieren, wie es hieß. Dass er ebenfalls Landschaftsgärtner werden wollte, wusste ich nicht. Ich gestehe, dass ich seit gestern oft an ihn denken muss. Ich bin überrascht, wie sehr er sich verändert hat. Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, war er ein schüchterner, dürrer Junge mit viel zu großen Füßen und zwei linken Händen. Jetzt allerdings … ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Ich fürchte, dass ich errötete, als er mich mit einem Handkuss und dem schiefen Grinsen, an das ich mich noch gut von früher erinnern konnte, begrüßte. Er ist und bleibt ein Gärtnerjunge, das weiß ich wohl. Aber er ist jetzt von stattlicher Statur, sein Gesicht ist kantiger geworden, und der Schatten eines schwarzen Bartes umschmeichelt seine Kinnpartie. Er hat immer noch dieselben dunklen Knopfaugen, die von langen, dichten Wimpern umrahmt sind. Jede Frau würde ihn darum beneiden, da bin ich sicher. Seine Haare sind so rabenschwarz, dass man im Sonnenlicht manchmal glaubt, einen blauen Schimmer ausmachen zu können. Die Haut in seinem Gesicht und an den Armen ist durch die viele Arbeit an der frischen Luft karamellfarben.

Was mich an der Begegnung mit ihm jedoch am meisten irritierte, waren seine Augen. Selbstverständlich hatte ich an diesem Tag nicht oft Gelegenheit, mich mit Jonas zu unterhalten. Es war mein Geburtstagsfest, und er war damit beauftragt worden, den Gästen Getränke zu servieren. Mein Vater sieht es generell nicht gern, wenn ich bei offiziellen Anlässen mit den Angestellten spreche. Dennoch bin ich der Meinung, es wäre sehr unhöflich gewesen, Jonas, mit dem ich einen großen Teil meiner Kindheit verbracht habe, einfach zu ignorieren. Es entsprach meinem Empfinden von Anstand, ihn wenigstens kurz zu fragen, wie es ihm gehe. Unser Austausch dauerte nur wenige Minuten, doch irgendwie hatte ich den Eindruck, dass wir uns noch immer sehr gut verstanden, Jonas und ich. Er schaute mich auf eine Art und Weise an, die es mir unmöglich machte, irgendetwas vor ihm zu verbergen. Es war, als könnte er direkt auf den Grund meiner Seele sehen. Der intensive Ausdruck seiner Augen bewirkte, dass ich mich vor ihm völlig nackt, zerbrechlich und gleichzeitig unbeschreiblich geborgen fühlte. Ich hätte gern noch länger mit ihm geredet, doch mein Vater, dessen strenger Blick bereits auf mir ruhte, hätte das nicht zugelassen. Meine Neugierde war jedoch geweckt.

Ich wartete am Abend also, bis meine Eltern zu Bett gegangen waren. Ich wusste, dass es den Angestellten nicht erlaubt war, sich in ihre Quartiere zurückzuziehen, bevor die Unordnung der Feierlichkeiten beseitigt war. So schlich ich nach draußen in den Garten, wo ich Jonas vermutete. Beinahe wäre ich seinem Vater in die Arme gelaufen, aber ich konnte mich noch rechtzeitig hinter einer der Steinsäulen auf der Veranda verstecken. Endlich sah ich Jonas beim Brunnen im Zentrum der Grünanlage, wo er die letzten Stehtische zusammenräumte. Ich weiß selbst nicht, was mich verleitet hat, gegen alle Regeln des Anstandes (und der Vernunft) zu verstoßen. Jonas’ überraschter Gesichtsausdruck verdeutlichte mir auch, dass ich zu dieser späten Stunde eigentlich in meinem Zimmer und nicht mit ihm im Garten sein sollte. Aber es ist ja nichts passiert! Wir redeten, lachten, teilten Erinnerungen, mehr nicht. Meine Freundinnen lagen mit ihrer Vermutung hingegen richtig. Jonas’ Blick glitt auch jetzt immer wieder über mein Gesicht und meine vom Wind zerzausten Haare. Wenn er mich auf diese stumme Weise musterte, wurde sein Gesichtsausdruck weich und warm. Sein Lächeln glitzerte in den dunklen Tümpeln seiner Augen wie eine geheimnisvolle Spiegelung. Er achtete jedoch sorgfältig darauf, sich nicht zu nahe neben mich zu setzen, und er vermied es, mich zu berühren.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich über diese sittsame Zurückhaltung froh bin oder ob sie mich enttäuscht. Mir ist klar, ich dürfte so etwas überhaupt nicht denken. Dennoch tue ich es.

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Kapitel 3

Mitte Juli 2015

Conradin

Er warf nochmals einen kurzen Kontrollblick in den Rückspiegel, dann lenkte er den Jeep auf die Straße und fuhr in Richtung Gasthaus. Er hatte die junge brünette Frau noch nie zuvor in Surgens gesehen. Außerdem war ihm aufgefallen, dass bei seinem Eintreten in den Lebensmittelladen in der Kaffee-Ecke eisernes Schweigen geherrscht hatte. Wenn sich die einheimischen Kaffeegenießer nichts mehr zu erzählen hatten, konnte das nur einen Grund haben: Es gab etwas zu hören oder zu sehen.

Conradin schmunzelte. Er konnte es ihnen nicht einmal verdenken. Die Fremde hatte die intensivsten moosgrünen Augen, die er je bei einer Frau gesehen hatte. Mit ihrer geraden, edel anmutenden Nase und den schimmernden langen Haaren strahlte sie etwas Anmutiges aus, das in dieser Gegend und in der heutigen Zeit sehr ungewöhnlich war. Conradin konnte es nicht genau beschreiben. Die junge Frau sah elegant und zierlich aus, trug aber schlichte dunkle Jeans und eine luftige weiße Bluse. Irgendetwas an der Art, wie sie sich bewegte, den Rücken gerade hielt und sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht schob, erinnerte ihn an die adligen Damen bei Hofe, anno dazumal. Seine Schwester Anna schaute sich manchmal solche Historienschinken an. Anna Karenina, Marie Antoinette oder wie sie alle hießen. Obwohl man der Fremden die Erschöpfung eindeutig ansah, war die blühende Schönheit, die sich dahinter verbarg, augenfällig. Conradin schüttelte über sich selbst den Kopf. Was war bloß los mit ihm, dass er an einem normalen Arbeitstag, während noch Gartenerde unter seinen Fingernägeln klebte, an ein Kostümdrama dachte?

Als er den Jeep vor dem Gasthaus parkte, griff er nach der Tüte mit den Einkäufen, die auf dem Beifahrersitz lag, und stieg aus. Erst dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, und er schlug sich ärgerlich die Hand vor die Stirn.

Mein Gott, wie dumm konnte man sein?

»Was ist denn mit dir los?«, fragte Anna, die gerade aus der Tür trat und lachte, als sie seinen Gesichtsausdruck sah.

»Oh, ich Vollpfosten!«, stieß er aus. »Hast du nicht gesagt, dass heute eine junge Frau aus Zürich anreist?«

»Hm, ja, hab ich gesagt. Erstaunt mich, dass du dich daran erinnerst, Bruderherz …«, entgegnete sie in neckendem Ton und wollte sich gerade abwenden, um einen Gast auf der Terrasse zu bedienen.

Conradin hielt sie jedoch davon ab, indem er erklärte: »Ich habe sie gerade vor dem Laden im Dorf getroffen … ich war so in Gedanken versunken, dass ich nicht mal gefragt habe, ob ich sie mitnehmen soll.« Er strich sich mit der Hand durch die ohnehin zerzauste Frisur und sah seine Schwester zerknirscht an.

»Tja, das war nicht besonders höflich, nein. Aber nun ist es geschehen. Du kannst dich ja bei ihr entschuldigen, wenn sie zurück ist. Ich muss jetzt weiterarbeiten.« Sie wies mit dem Kopf auf den wartenden Gast und ging zu ihm hinüber.

Conradin blieb noch einige Sekunden stehen, ehe er in den Garten zurückkehrte. Anna hatte recht. Er hatte sich alles andere als zuvorkommend verhalten – noch dazu einem Gast gegenüber! Er hatte ja selbst erkannt, dass die junge Frau nicht aus Surgens stammte. Warum nur war ihm das mit dem Pensionsgast, den sie erwarteten, nicht eher eingefallen?

Weil du damit beschäftigt warst, ihre aristokratische Erscheinung zu bewundern, spottete eine kleine Stimme in seinem Kopf.

Zwanzig Minuten später beobachtete er, wie die junge Frau zurückkam. Conradin duckte sich hinter den Gartenzaun, da er im Moment gar nicht gewusst hätte, was er ihr sagen könnte. Er hatte allerdings Glück. Sie schien in Gedanken versunken zu sein und steuerte geradewegs auf den Hauseingang zu. Ihre Stirn war in angestrengte Falten gelegt; die junge Frau wirkte müde. Conradin beschloss, dass dies sowieso der falsche Zeitpunkt wäre, um sie in ein Gespräch zu verwickeln.

Nach einer weiteren halben Stunde riss Anna das Fenster zum Garten auf und rief: »Hey, Conradin, hast du die Zeit vergessen? Du musst dich langsam um das Abendessen für unseren Gast kümmern. Bist ja heute für das Gesamtpaket verantwortlich.«

Gesamtpaket? Er fragte sich gerade, was seine Schwester ihm mit dieser Bemerkung mitteilen wollte. Er liebte Anna wirklich; er konnte sich keine bessere Schwester vorstellen. Dennoch hatte sie die nervige Angewohnheit, die tatsächlich relevanten Botschaften jeweils zwischen den Zeilen zu verpacken. Sie machte selten klare Aussagen oder gab verständliche Anweisungen. Es war immer wie Sudoku mit ihr. Erst wenn man die richtigen Zahlen in den richtigen Kästchen eingefügt hatte, ergaben sie einen Sinn.

Weil Conradin ihr noch immer nicht antwortete, fuhr sie fort: »Gut, ich helfe deinem Gedächtnis auf die Sprünge. Ich bin heute Abend nicht da. Du musst dich also allein um unseren Gast kümmern, Küche und Service. Und wie jeden Mittwochabend kommen ja auch die Kartenspieler.«

Jetzt fiel es Conradin wieder ein. Vor mehr als einem Monat hatte Anna ihm mitgeteilt, dass sie an diesem Abend mit Freunden ein Konzert besuchen wolle. Er schaute auf die Uhr. Mist! Er musste sich in der Tat beeilen. Schließlich musste er noch duschen, sich umziehen, den Tisch decken, in der Küche alles vorbereiten, die junge Dame empfangen …

Hastig räumte er die Gartengeräte zusammen und stellte sie in den Keller des Hauses. Als er raschen Schrittes zur Haupttür hineinging, wäre er beinahe mit Anna zusammengestoßen, die, bereits umgezogen und hübsch zurechtgemacht, nach ihrer Jacke griff.

»Super siehst du aus!«, meinte er und schenkte ihr ein anerkennendes Lächeln.

Anstelle einer Antwort hob sie ihre Handtasche auf und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Falls irgendwas ist und unerwartet viele Gäste kommen, kannst du Mama anrufen. Sie ist zu Hause auf Stand-by und weiß Bescheid!« Anna zwinkerte ihm noch einmal zu und verschwand.

Conradin musste grinsen. Wenn seine Mutter davon Kenntnis hatte, dass er an diesem Abend allein im Gasthaus war, würde sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sowieso aufkreuzen – ob er sie nun brauchte oder nicht. Und sei es nur, um geschäftig einige Servietten zu falten und den einzigen Pensionsgast, von dessen Ankunft vermutlich mittlerweile ganz Surgens wusste, in Augenschein zu nehmen.

Conradin duschte hastig, rubbelte sich die Haare trocken und zog sich frische Jeans und ein sauberes T-Shirt an. Während er sich rasierte, überlegte er, ob er das Eau de Toilette, das Anna ihm zum Geburtstag geschenkt hatte, auflegen sollte. Doch sofort schämte er sich für diesen Gedanken. Warum kam er überhaupt auf solche Ideen? Wollte er der Fremden etwa imponieren? Ach was. Doch er wollte auch nicht, dass sie ihn für einen Hinterwäldler oder einen eigenwilligen Provinzidioten hielt.

Eigentlich hatte Anna ihm dieses Geschenk symbolisch überreicht, um ihn daran zu erinnern, dass er sich wieder vermehrt um die Gunst der Damenwelt bemühen sollte. »Du verkriechst dich viel zu oft«, hatte sie ihn getadelt. »An Verehrerinnen mangelt es dir weiß Gott nicht, Bruder. Allerdings umgibst du dich auf den Dorffesten meistens mit deinen engsten Freunden, als wärst du ihr Zenturio und sie deine Legionäre … Wie soll man da als Dame denn vorstellig werden und seine Werte (besonders die inneren) präsentieren?« Der Spott in ihrer Stimme war unüberhörbar gewesen. »Du musst die Kavallerie einfach mal zu Hause lassen und mir vertrauen. Der Duft ist deine erste Waffe, dicht gefolgt von Charme, mein Lieber! Charme!«

Conradin unterschied sich in dieser Hinsicht stark von seiner Schwester. Sie war gesellig, kontaktfreudig und auf jedem Fest die strahlende Sonne des kleinen Dorfuniversums. Er hingegen war eher jemand, der sich in eine Ecke zurückzog, in Ruhe ein Bier trank, die Leute beobachtete oder mit den Anwesenden gehaltvolle Gespräche führte. Von dem aufdringlichen und teilweise hysterischen Verhalten mancher paarungswilliger junger Frauen aus dem Tal fühlte er sich belästigt und überfordert. Conradin war bei den Menschen in der Umgebung nicht weniger gern gesehen als Anna, doch sie beide waren in ihrem Wesen einfach grundverschieden, und das wusste jeder. Das akzeptierte auch jeder.

Trotzdem war es nicht ganz von der Hand zu weisen, dass in den spöttischen Bemerkungen seiner Schwester ein Körnchen Wahrheit verborgen war. Da sie an diesem Abend nicht hier war, um ihn triumphierend anzugrinsen, beschloss er, es zu wagen. Er besprühte sich dezent mit dem Duftwasser. Roch gar nicht mal schlecht, fand er.

Nachdem das nun erledigt war, lief Conradin hastig die Treppe hinunter ins Erdgeschoss. Es blieb ihm nicht mehr viel Zeit, um den Tisch zu decken. Eilig platzierte er das Gedeck und trat einige Schritte zurück, um sein Werk zu begutachten. Wie Anna ihm aufgetragen hatte, hatte er eines der sauberen, hellblauen Tischtücher als Untergrund verwendet und das Ganze mit einer dunkelblauen Stoffserviette kombiniert. Dennoch wirkte der Tisch mit dem einzelnen Teller, dem Wein- und Wasserglas irgendwie verloren.

Blumen! Das war die Idee!

Conradin eilte nochmals in den Garten. Er sah sich hastig um. Das Blumenbeet war das Refugium seiner Schwester, aber da er sie jetzt nicht fragen konnte …

Rosen wären definitiv zu aufdringlich. Alles andere gefiel ihm nicht und passte auch nicht zum blauen Tischtuch. Ihm blieb eigentlich nur die eine Option: eine von Annas drei Sonnenblumen, die gerade ihre schweren Köpfe der untergehenden Sonne entgegenhielten. Conradin hatte kein gutes Gefühl dabei, und er war sich fast sicher, dass Anna seine Tat nicht mit einer Lobeshymne kommentieren würde. Andererseits wirkte der Tisch dieser Frau so verlassen und einsam, dass eine große, raumfüllende Blume hermusste. Eine, die Präsenz markierte. Fast als säße noch jemand am Tisch. Conradin schnitt die Sonnenblume ab und kehrte zurück in den Gastraum, wo er sie in einer schlichten, gläsernen Vase neben das Gedeck stellte. Dann füllte er eine Glaskaraffe mit Wasser und platzierte sie neben der Blumenvase.

Conradin war mit seinem Werk zufrieden. Er holte seine Küchenuniform aus der Wäschekammer, band sich die Schürze um und machte sich daran, das Abendessen zuzubereiten. Da heute ein extrem heißer Sommertag gewesen und die Abendluft noch immer angenehm warm war, beschloss er, eine Kaltschale anstelle einer Suppe zu servieren. Gazpacho. Danach sollte ein leichter Sommersalat mit Kernen, Gartenkräutern und Speckwürfeln folgen. Zum Hauptgang plante Conradin Hähnchenbrust an einer dezenten Zitronensoße mit Wildreis. Zum Nachtisch, sofern ihr Hausgast denn noch einen wünschte, hatte Conradin noch ein selbst gemachtes Granatapfel-Sorbet anzubieten.

Als es achtzehn Uhr war und er alles vorbereitet hatte, ging Conradin zurück in die Gaststube, um auf die junge Frau zu warten.

Sie war pünktlich. Ihre Augen waren leicht gerötet. Entweder war sie gerade mitten aus dem Schlaf gerissen worden, oder … sie hatte geweint. Oder beides. Wie auch immer, Conradin war plötzlich froh, an die Blume gedacht zu haben.

»Guten Abend, Frau …« Weiter kam er nicht. Er hatte doch tatsächlich vergessen, den Namen seines Gastes im Buchungsregister nachzuschauen. Wie peinlich! Schon zum zweiten Mal an diesem Tag.

Die junge Frau, die ihm seine Verlegenheit wohl ansehen musste, setzte ein entspanntes Lächeln auf und streckte ihm die Hand entgegen. »Barbara, wenn’s recht ist. Mit Anna habe ich es auch so geregelt.« Er nahm dankbar ihre Rechte und stellte sich ebenfalls vor. Wenigstens schien sie nicht kompliziert zu sein.

»Mein Tisch, nehme ich an?«, fragte sie und fasste nach dem Stuhl.

Conradin eilte herbei und half ihr, sich zu setzen. »Richtig. Du bist heute unser einziger Gast beim Abendessen. Aber das hat auch Vorteile!«, sagte er, um eine lockere Konversation bemüht.

»So? Welche denn?«, fragte sie scherzhaft. Er starrte sie einige Sekunden gebannt an. Nichts, was er auf diese Frage hätte antworten können, klang auch nur im Entferntesten normal.

Ich koche ausschließlich für dich … Das hörte sich ja wie moderner Minnesang an. Zu persönlich.

Ich stehe zu deiner freien Verfügung … Das konnte man falsch interpretieren und als aufdringlich einstufen. Als frech sogar. Nein, das ging auch nicht.

Ihre grünen Augen fixierten ihn. Unsicherheit breitete sich in ihrem Blick aus, als fürchtete sie, etwas Dummes gesagt zu haben.

»Dann musst du nicht so lange auf dein Essen warten«, erklärte er schließlich, obwohl das nicht der Wahrheit entsprach. Es war seine Aufgabe als Koch, die Mahlzeit auch dann rechtzeitig auf den Tisch zu bringen, wenn das Gasthaus voll war. Für einen gelernten Koch wie Conradin war das auch kein Problem. Aber es fiel ihm effektiv nichts Geistreicheres zu sagen ein. Normalerweise übernahm Anna die Konversation mit den Gästen, und er arbeitete im Hintergrund.

Barbara schien jedoch erleichtert zu sein, dass er ihre Frage überhaupt beantwortet hatte, denn sie lächelte sofort und erwiderte: »Das klingt gut. Ich freue mich.«

»Möchtest du Wein zum Essen, vielleicht einen Chardonnay?«, schlug er vor und fühlte sich in seiner Rolle als Gastgeber langsam etwas geschickter.

»Ein Glas Wein wäre großartig, sehr gern!« Barbara seufzte und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.

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