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Das harte Spiel

Das harte Spiel

Western von Larry Lash

Der Umfang dieses Buchs entspricht 200 Taschenbuchseiten.

Für Cammie Bonds nervöses Herzleiden kennt der Doc nur ein Heilmittel, und zwar einen längeren Aufenthalt auf der Ranch seines Bruders Tom.

Der Kranke jedoch stellt schon am ersten Tage seines Aufenthaltes fest, dass er in eine verteufelt heikle Sache hineingeraten ist. Doch mit dieser Feststellung allein ist es nicht getan. Aus der Vergangenheit kommen Schatten auf ihn zu, die ihn zu erdrücken drohen, und aus der Gegenwart tauchen harte Kerle vor ihm auf, die vor nichts zurückschrecken.

Cammie wird in einen Kampf ohne Gnade hineingezogen, in einen Kampf, bei dem es auf Biegen und Brechen geht. Im Anfang noch durch sein Leiden geschwächt, muss er viel einstecken, doch langsam findet er zu sich selbst zurück, gewinnt seine alte Form wieder und gesundet an Leib und Seele.

Zug um Zug spielt er das harte Spiel mit, bis zum bitteren Ende.

1.

Seit Stunden schon sah er nichts als das Gestrüpp grauer Sage. Rechts und links des sandigen, von Räderfurchen durchzogenen Trailweges, der sich über gebuckelte Hügel hinzog, um sich irgendwo in dem dürren Land zu verlieren, fraß sich das niedrige Gebüsch weit in das Land hinein. Es glich erstarrten grauen Wogen, welche dem Prärieland einen trostlosen Stempel der Einsamkeit aufdrückten.

Ausgerechnet hier sollte er sein Leben weiterführen, ausgerechnet hier, wo der weißgelbe Sand gleich kleinen Dornennadeln, vom Wind getrieben, in die Haut stach, wo Mückenschwärme ihn so erbärmlich zerstochen hatten, dass er kaum noch aus den Augen schauen konnte. Es wurde ihm förmlich übel, wenn er an die nächsten Tage dachte. Yeah, das Gerumpel der Räder, das Hin- und Herschaukeln in der Stagecoach hatte ihn mürbe gemacht. Machtlos schien er der dunklen Hölle dieses zusammenstauchenden Gefährts ausgeliefert zu sein. Wie die Teufel fuhren diese Stagecoachfahrer. Seit einigen Wochen wusste er, dass einer den anderen im Schnellfahren noch übertrumpfen wollte. Himmel und Hölle, ausgerechnet er fuhr mit dem Gefährt, dessen Fahrer sich als der wildeste unter allen entpuppte. Sicherlich wollte er ihm beweisen, dass man einen Mann auch auf diese Art entnerven und fertigmachen konnte.

Cammie Bond hatte alle Hoffnung aufgegeben, jemals heil am Ziel anzukommen. Er spürte, dass sein Herz rebellierte. Rote Punkte rasten vor seinen Augen auf, ein tiefer Abgrund öffnete sich vor ihm, und dann wurde es dunkle Nacht. Er merkte nicht, dass er zwischen den Sitzen hin und her rollte, denn eine tiefe Ohnmacht hielt ihn umfangen. Die Ursache dieser Ohnmacht war sein Herzleiden. Als er wieder zu sich kam, vernahm er wie aus weiter Ferne eine tiefe Bassstimme, die sagte: „John, du brauchst nicht zu versuchen, ihn wach zu machen. Es ist Cammie, und er lebt noch, by Gosh, ich streiche dir das an, John! Du hättest sehen müssen, dass ein Kranker auf der Station in deine Schaukelkiste einstieg.“

„Ich konnte das nicht ahnen, Tom, genauso wenig wie die Tatsache, dass es dein Bruder ist. Mit keinem Wort erwähnte er sein Leiden. Es tut mir leid, Tom.“

„Cammie kommt aus dem Osten“, entgegnete Tom, „der Doc gab ihm eine letzte Chance.“

„Damned, und du hast ihn kommen lassen?“

„Yeah, was ist dabei, he?“

„Nun, es ist natürlich deine Sache. Wie ich jedoch die Sache beurteile, so sind die Verhältnisse hier nicht so, dass unter ihnen ein Kranker genesen kann.“

„Die Luft soll ihn heilen.“

„Bleihaltige Luft wird die Genesung kaum fördern“, erwiderte der Fahrer ironisch. „Männer, die sich bester Gesundheit erfreuen, werden hier nicht alt, und auch du stehst auf wackligem Boden, Tom. By Gosh, dein Bruder hätte überallhin, nur nicht hierher reiten sollen.“

„Selbst wenn die Hölle seine letzte Chance sein sollte, würde ich ihn kommen lassen“, klang es hart zurück. „Pack an, John, tragen wir ihn zu meinem Einspänner!“

„Hole erst den Doc!“

„Nein, nicht aus dieser Stadt!“

„Im Augenblick solltest du nicht daran denken, dass der Doc zur anderen Seite gehört. Er hat als Mensch die Pflicht, zu helfen.“

„Spar dir deinen weiteren Song, John, meinem Bruder kann kein whiskyumnebelter Doc helfen. Ich bringe ihn zur Ranch.“

„Wie du willst“, antwortete John resigniert, und dann spürte Cammie, wie ihn kräftige Arme sehr vorsichtig und besorgt hochhoben und forttrugen. Die Stimmen verstummten. Cammie hatte nicht die Kraft, gegen die erneut über ihn hereinbrechende Ohnmacht anzukämpfen. Zwar hatte er die Stimme seines älteren Bruders erkannt, und sie hatte ihn wie ein elektrischer Schlag getroffen, jedoch nicht vermocht, ihn dazu zu bringen, dass er ein Zeichen des Erkennens von sich gab. Yeah, er war krank, ein Mann, dessen Tage gezählt waren, der kaum noch Aussicht hatte, jemals wieder zu genesen. Seine letzte Hoffnung war sein Bruder gewesen. Und nun ...? Als Ballast kam er hier an für den Bruder, der kaum seine eigenen Sorgen tragen konnte. Vielleicht war es diese Erkenntnis, die ihn erneut in die Ohnmacht zurückgleiten ließ und sein Denken ausschaltete. Yeah, vielleicht war es gut so, dass er die Augen nicht öffnete, dass er wieder ins Dunkle sank, so brauchte er nicht die mitleidigen Blicke des Fahrers zu ertragen, brauchte nicht in die entsetzten Augen seines Bruder zu schauen, den er zehn Jahre lang nicht gesehen hatte. By Gosh, yeah, vielleicht sogar ging die Ohnmacht über in den Schlaf ohne Erwachen. Nun, solche Gedanken konnte ein Kranker haben, wenn der Schmerz wie eine Faust in seinem Nacken saß, wenn der hilflose Zustand unerträglich wurde.

By Gosh, für Tom musste dieses Wiedersehen grausam sein, denn in seiner Erinnerung war Cammie ein großer, kraftstrotzender Junge gewesen. Ein Bursche mit leuchtenden, wachen Augen und den Fähigkeiten, sich seinen Weg nach oben zu bahnen.

Was jedoch war geblieben? Ein großer, vornübergebeugter, bleicher Mann. Hager, mit ausgehöhlten Wangen und tief in den Höhlen brennenden, dunklen Augen, bleichen, zusammengepressten Lippen. Ein Mann, der mit zweiunddreißig Jahren schon zum Sterben verurteilt war. Seine Schläfen waren angegraut, das Haupthaar jedoch war noch tiefschwarz und wurde vom Wind aufgeplustert. Sein bleiches Gesicht schien aus einem Basaltklotz herausgemeißelt zu sein, war von einer herben, männlichen Schönheit. Er hatte eine hohe, klare Stirn, und seine eingefallene Gestalt zeigte deutlich, dass sie einmal mächtig und voller Kraft gewesen war.

Als Cammie zweiundzwanzig Jahre alt war, hatte er sich von seinem Bruder Tom getrennt, und zehn Jahre standen zwischen ihnen. Zehn Jahre, die Cammie im Osten zum Schatten seines Selbst gemacht hatten, aus Tom jedoch einen harten Mann werden ließen.

Tom Bond sah seinem Bruder ähnlich. Zwar war er kleiner, dafür jedoch stämmiger, und seine Haut war von Wind und Wetter gegerbt, seine Brust gewölbt, und die Muskeln unter seinem Baumwollhemd so kräftig, dass sie sich plastisch gegen den Stoff abhoben.

Er beugte sich über Cammie, als dieser zum zweiten Mal erwachte. Cammie sah ihn still an, und Tom bewegte sich nicht. Minuten verstrichen, ihre Blicke hingen ineinander. Kein Muskel bewegte sich in Toms Gesicht.

Endlich sagte er, und man hörte deutlich heraus, wie sehr er sich zusammenriss, um seiner Stimme einen festen Klang zu geben:

„Da bist du nun endlich, Cammie! Willkommen auf der Ranch, willkommen im Land der grauen Sage. Willkommen daheim, mein Junge! Lange genug hast du dich in der Fremde herumgetrieben, nun jedoch wird alles wieder gut.“

Toms Haare flatterten im Wind. Lange, schwarze Haare waren es, die seine Indianerähnlichkeit noch mehr unterstrichen. Falten und Kerben standen in seinem tiefdunklen Gesicht. Spuren vom harten und entbehrungsreichen Leben.

Er wartete keine Antwort ab, spürte den sanften Blick des Bruders über sein Gesicht tasten, tiefer gleiten und an den nach außen ragenden Colts hängenbleiben. Im selben Augenblick erschien ein bitteres, freudloses Lächeln auf Cammies Lippen, das Abwehr und Resignation zugleich enthielt.

„Nur keine Sorge“, beeilte sich Tom zu sagen. So, als wolle er es erst gar nicht auf eine Erklärung ankommen lassen. „Du kannst dich hier erholen, die Luft ist gerade die richtige Medizin für deine Nerven. Dein Gepäck habe ich gleich mitgebracht.“

Cammie richtete sich aus eigener Kraft auf und stellte fest, dass er in einem Zimmer untergebracht war, dessen Fenster weit geöffnet waren. Fluten von Licht drangen herein und machten Toms Gesicht etwas auf gelockerter und weicher. Yeah, man konnte in seinem Gesicht sogar ein Lächeln entdecken, das allerdings verkrampft und unsicher wirkte.

Draußen brüllten Kühe. Das Wiehern eines Pferdes mischte sich darein. Schritte erklangen, Stiefelsporen rasselten, und aus der Ferne hörte man Befehle.

Neben dem Bett stand eine Schüssel, in der ein Tuch lag. Der Raum war erfüllt von einem ätzenden Karbolgeruch. In einem an der Wand hängenden Spiegel sah sich Cammie und erschrak. Sein Gesicht war eingepinselt worden und sah seltsam braun und gespenstisch aus.

„Die Mücken werden dich nicht mehr quälen“, hörte er Tom sagen. „Ruh dich aus, und wenn du einen Wunsch hast, so läute! Bobby wird dich bedienen. Wenn du ausgeruht bist, sehen wir uns wieder.“

„Ich sollte dir lieber sogleich von meinem Leben im Osten erzählen, dann habe ich es hinter mir.“

„Warte damit, Bruder, es eilt nicht! Hier fragt dich niemand danach, und niemandem bist du eine Erklärung schuldig. Du kannst sprechen oder schweigen, das liegt ganz allein bei dir.“

„Wenn ich spreche?“

„Dann ist es dein eigener Wunsch, Bruder.“

„Man hat meine Ankunft beobachtet?“

„Leider! Die Ankunft einer Stagecoach lockt immer Menschen an. Als man dich heraushob, erkannte ich dich nicht gleich, denn die Mücken haben dich arg zugerichtet.“

„So weiß man also in der Stadt, was für einen elenden Kranken du dir aufgehalst hast, Bruder?“

„Du warst zu lange im Osten, sonst würdest du wissen, dass es mich nicht stört, was die Leute denken oder reden. Du musst gesund werden, musst dich wieder an die würzige Luft hier gewöhnen. Du warst zu lange fort, Sonny.“

„Viel zu lange“, klang es müde und abwesend zurück. Cammies Blick löste sich von dem Bruder, glitt irgendwohin ins Freie und blieb dort haften.

„Es muss alles wieder gut werden, Bruder“, drängte Tom, und Cammie nickte.

„Ich habe mich niemals aufgegeben.“

„Das freut mich zu hören. Was du brauchst, ist Ruhe und die herbe Luft unserer Heimat.“

„Und ein starkes Herz“, grinste Cammie matt, wobei sich seine Lippen wie in spöttischem Hohn verzogen. „Es gab eine Zeit, da glaubte ich, das stärkste Herz der Welt zu besitzen und die besten Nerven dazu.“

„Das Reden strengt dich an. Dein Arzt schrieb mir einiges über dich, und du wirst hier vergessen können.“

„Vergessen? Niemals“, murmelte Cammie, und ein Schauer durchflutete seinen Körper. Die Nasenflügel blähten sich starr schaute er in die Feme, so, als sähe er weit hinten im Osten etwas Grauenvolles.

Tom beobachtete ihn scharf und sog zornig schnaubend die Luft durch die Nase ein.

„Dein Doc schrieb, dass es ein böser Zufall war, der dich den Fehlschuss tun ließ. Vergiss es, und dein Herz wird sich beruhigen.“

„Sie war meine Partnerin, Bruder“, entgegnete er leise. „Ich hielt mich für den schnellsten und besten Schützen und Revolverschwinger der Welt. Mit Carolin zusammen trat ich auf, und wo wir erschienen, jubelten die Menschen uns zu, wo wir auch auftraten, gab es volle Häuser. By Gosh, vor zehn Jahren setzte ich mich aus dem Westen ab, um den traurigen und bitteren Ruhm eines Revolvermannes von mir abzuschütteln, um nicht Menschenleben zu zerstören, um nicht immer wieder zum Ziehen gezwungen zu werden und um nicht immer wieder von meinen eigenen Gedanken gemartert zu werden. Ich setzte mich ab, weil es dein Rat war, Bruder, weil auch du es nicht mehr ertragen konntest, dass Revolverbanditen, Möchtegerne und Großtuer mir immer wieder vor die Stiefel sprangen.“

„Mit dem Colt verdientest du dein Geld im Osten?“

„Yeah, als Kunstschütze“, erwiderte Cammie. „Ein Partner und eine Partnerin fanden sich schnell, und zu dritt bauten wir eine besonders zugkräftige Nummer auf und waren bald die Sensation.“

„Bis vor drei Jahren Carolin Bender mitten auf der Bühne, von deiner Kugel getroffen, tot zusammenbrach.“

„Yeah, bis vor drei Jahren“, keuchte Cammie, und seine Lippen bebten, seine Wangenmuskeln zuckten, helle Lichter tanzten in seinen Augen. „Ich werde nie begreifen, wie es geschehen konnte. Sie muss im Augenblick meines Feuerns einen Schwächeanfall gehabt haben. Mein Partner, der in den Kulissen stand, bestätigte es mir später, aber das ist ein verdammt schlechter Trost. Sie starb durch meine Kugel, und ich werde dieses grausige Bild nie vergessen, ihre auf mich gerichteten, brechenden Augen.“

„Dann kamen Prozesse und kam der Bruder Carolins mit seiner Bande. Sie jagten dich, und du hast dich jagen lassen, ohne eine Waffe zu tragen, ohne zu deinen Revolvern zu greifen. Man stellte dich schließlich und sperrte dich drei Jahre ins Gefängnis. Dann entließ man dich, weil dein Zustand alles befürchten ließ und deine Führung außergewöhnlich gut war. Doch jetzt beginnt ein neues Leben, Cammie. Du hast gesühnt und schwer getragen. Du bist vor dem Gesetz davongelaufen, aber es hat dich dennoch erreicht, und nun sollte es für dich erledigt sein.“

„Nachdem man mich zusammengeschossen am Stadtrand von New York fand“, klang es bitter. „Man gab keinen Cent mehr für mein Leben, aber ich musste wohl am Leben bleiben, um mich weiterhin mit den Bildern der Vergangenheit zu quälen.“

„Hast du Angst?“, fragte Tom abgehackt und erregt. „Hast du Angst, dass Benders Bande dich noch immer sucht, heh? Ich weiß genau, dass dieser Bruder sich nie um seine Schwester Carolin gekümmert hat und es ihm nur darum ging, ihre Erbschaft anzutreten. Ich weiß, dass er nicht mehr lebt, dass auch ihn das Gesetz ereilte. Vielleicht schämte sich Carolin Bender ihres Bruders und war an dem Tag, als dein Fehlschuss sie traf, mit ihm zusammengeraten.“

„Ah, das sind alles Vermutungen!“

„So? Vielleicht wusste dein Partner davon. Du sagst, er steckte hinter den Kulissen, wo hinter den Kulissen, Sonny?“

„Dan Coster war eifersüchtig. Wir beide liebten Carolin und warben beide um sie. Einer würde zurückgetreten sein, wenn sie sich entschieden hätte.“

„Für wen entschied sie sich?“, fragte Tom seltsam heiser.

„Für mich, Bruder“, kam es leise zurück.

„Und Coster wusste es?“

„Nein!“

„By Gosh, er war doch sicherlich kein Nany oder ...?“

„Nein, gewiss nicht!“

„Hoh, du hättest ihn fragen müssen!“

„Zu spät, Bruder!“

Cammie sah Tom eigenartig hart grinsen, ruckte höher auf, stemmte die Hände fest zurück, fragte: „Was weißt du, Tom?“

„Nur das, was mir dein Arzt mitteilte.“

„Tom, ich kenne dich besser. Nimm keine Rücksicht auf meinen Zustand, ich lese deine Gedanken.“

„Dann lasse sie nur laut werden.“

„Du hältst Coster für den Mann, der Carolin …, aber das kann doch nicht sein, ich hätte den Schuss hören müssen.“

„Nicht, wenn er einen Schalldämpfer auf seine Waffe gesetzt hatte, wenn sie das gleiche Kaliber wie die deinige hatte und seine Schussposition günstig war und er zur gleichen Zeit mit dir feuerte. Zum Teufel, nimm Coster nicht weiterhin in Schutz! Die Eifersucht kann einen Mann zu den abscheulichsten Dingen hinreißen. Hat er sich jemals nach dir erkundigt, hat er auch nur den kleinen Finger für dich gerührt? Besuchte er dich jemals im Gefängnis? Nein, er ließ nichts von sich hören, tauchte irgendwo unter, denn er hatte genug Geld verdient, um einige Zeit leben zu können. Dein Geld wurde durch die Prozesse verschlungen, und nur die Dollars, die du in meiner Ranch stecken hast, waren gut angelegt. Ohne deine Unterstützung ritte ich noch als Satteltramp oder als Cowboy durch die Gegend. Diese Ranch gehört somit uns beiden zu gleichen Teilen, Bruder. Hier bist du zu Hause, und hier hätte auch Carolin eine Heimat gefunden, wenn sie noch am Leben wäre. Sie kam zu dir, weil sie sich ihrem Bruder entziehen wollte. Du warst ihre letzte Rettung. Sie nahm einen gefährlichen Beruf an, um der Schmach zu entgehen, und sie liebte dich, Cammie, das sollte dich aufrichten. Es war nicht deine Kugel, die ihr das Leben nahm. Drei Jahre später fand man es heraus. Damals, als der von mir beauftragte Anwalt den Prozess nochmals aufrollte. Nur deiner Unschuld wegen entließ man dich aus dem Gefängnis, nicht deines Gesundheitszustandes oder der guten Führung wegen, Bruder.“



2.

Eine volle Woche brauchte Cammie Bond, um das alles zu verdauen, um den Aufruhr, der in ihm tobte, zur Ruhe zu bringen. Eine Woche lang studierte er die Akten seines gewonnenen Prozesses. Schwarz auf weiß las er, dass nicht er Carolin niedergeschossen hatte, sondern dass die Kugel, die ihrem Leben ein Ende setzte, aus der Waffe stammte, die Dan Coster gebrauchte. Dan Coster aber hatte sich rechtzeitig abgesetzt und war dem Gesetz entkommen.

In dieser einen Woche ging eine grundlegende Wandlung in Cammie vor. Er sprach mit den Cowboys kaum ein Wort, und sie gingen ihm aus dem Weg, war er doch in ihren Augen ein Schwerkranker. Bobby, der Negerkoch, rollte nur mit den Augen, wenn er ihn bediente, und hatte es immer verteufelt eilig, wieder aus seiner Nähe zu kommen. Kein Wunder, dass niemand von der Stern-Ranch ihm in den Weg trat, wenn er die Ranch verließ, um in den Sagehügeln ausgiebige Spaziergänge zu unternehmen. Er war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass ihm die eigenartig schwüle Stimmung auf der Ranch, die vielen Ausritte der Crew aufgefallen wären. Er war zu glücklich darüber, allein zu sein, als dass er sich um seine Umgebung Gedanken gemacht hätte. Nur einmal fiel ihm auf, dass die Männer selbst des Nachts ritten und ziemlich mitgenommen am anderen Morgen zurückkehrten.

Er wusste nun, dass die Stern-Ranch eine kleine Ranch war mit vielen Sorgen, denn in diesem Land war die Weide knapp und das Wasser ebenfalls. Ringsum lagen viele kleine und einige große Ranches. Zehn Meilen entfernt gab es eine kleine Rinderstadt, die den stolzen Namen Kingstone führte. Sie lag vor der Gebirgskette der Black Hills, deren schwarze Höhenrücken sich gegen den Himmel schoben. Weiter westlich lagen die Bradshaw Mountains, und von Norden nach Westen hin zog sich fern im Hintergrund das großartige Gebirge der Great Colorados. Im Osten teilte der Colorado River mit seinen gelben Fluten das karge Land. Im Süden aber floss mit stürmischer Wildheit der Gila River. Ein herrliches Land war dieses Arizona. Von eigenartiger Schönheit und Größe, ein Land, das Texas voll und ganz ersetzen konnte. Hier konnte ein Mann Wurzeln schlagen und ein neues Leben beginnen.

Cammie verzog bei diesem Gedanken schmerzlich das Gesicht und sah über die graue Sage hin, starrte dann in den azurblauen Himmel hinein. Über ihm kreiste ein Habicht in sanften Kurven, um bald im Schwebeflug abzuziehen. Um ihn herum hüpften Grillen. Ein Käfer kroch über seine Hand hinweg, trollte sich in die Sagebüsche hinein, die wie ein gewaltiger Urwald für ihn sein mochten. Heute hatte Cammie sich weiter als sonst ins Land hinausgewagt. Er hockte am Boden und ruhte sich aus. Irgendwo aus einer Senke erklang Rindergebrüll. Staub lag wie ein goldener Schleier in der Luft.

„Ich bin kein Mörder“, flüsterten seine Lippen. Befreit atmete er tief ein und aus. Ein Zentnergewicht schien von ihm genommen zu sein. Der herbe Sageduft schwängerte die Luft, und von den Hügelkämmen her kam der satte Harzgeruch der Kiefernwälder. Von seinem Platz aus konnte er die Stern-Ranch weit im Hintergrund wie einen schwarzen Punkt erkennen. Nur der Negerkoch war dort, alle anderen waren in der Frühe aufgebrochen. Niemand hatte ihm gesagt, wohin 9ie ritten, nicht einmal Tom. Es war, als ginge auch Tom ihm absichtlich aus dem Weg. Die Crew hatte einen schweren Planwagen mitgenommen, und die Männer hatten eigenartig entschlossene Gesichter gehabt.

Es erinnerte ihn unwillkürlich an Texas. Wenn Männer sich so eigenartig benahmen, war irgendetwas im Gange. Zum ersten Mal stellte er fest, wie sehr er den Kontakt mit der Außenwelt verloren hatte, wie sehr er mit sich selbst beschäftigt war. Nicht einmal die Namen der Reiter, die für das Sternbrandzeichen ritten, kannte er. Zum ersten Mal spürte er, wie sehr er abseits vom Leben dahindämmerte, so, als hätte der Tod bereits seine Fesseln um ihn geschlungen.

War er tatsächlich schon abgeschrieben, zu nichts mehr nütze? War er innerlich schon derart ausgeglüht, dass nur noch ein winziger Lebensfunke ihn aufrecht hielt?

By Gosh, hatte es nicht eine Zeit gegeben, da man seinen Namen in der Liste der ganz Großen führte? In jener Liste, in der auch Wyatt Earp, Wild Bill und King Fisher aufgezeichnet waren?

Ein eigenartiges Gefühl regte sich in seinem Inneren. Was war geblieben?

Er lachte scharf und rasselnd auf. Damals war er vor dem traurigen Ruhm eines Revolvermannes geflüchtet, war geflohen, um nicht immer wieder zum Colt greifen zu müssen, nicht nach jedem Kampf in bittere Gewissensnot zu geraten. In eine Not, die ihm das Herz abdrückte. Im Osten hatte er mit seiner Schießkunst sein Leben fristen können, und niemand kam daher, um sich ihm querzustellen. Im Osten war man nicht von der Seuche des schnellen Ziehens erfasst und hatte ihn wie einen Wundermann angehimmelt. Yeah, man konnte mit einem schnellen Eisen auch Menschen unterhalten, konnte ihnen einige Stunden der Entspannung bringen.

Sein Herz aber war fast stehengeblieben nach jener schrecklichen Stunde, in der Carolin in seinen Armen starb. Sein Herz hatte an diesem Tag einen Schock bekommen und drohte bei der geringsten Anstrengung ihm den Dienst zu versagen. Sie wich nicht aus seinen Gedanken. Ihr Bild war es, das sein Denken überschattete, ihn immer wieder in eine tiefe Resignation stürzte, aus der er sich kaum mehr lösen konnte. Jetzt, nachdem Tom ihm Einblick in die Akten gewährt hatte, konnte er an Carolin denken, ohne dass sein Herzschlag auszusetzen drohte.

Hufschlag riss ihn aus seinen Gedanken. Über dem Sagekamm tauchten im nächsten Augenblick drei Reiter auf. Sie ritten braune, struppige Rinderpferde und waren schwer bewaffnet, wie Cammie sogleich feststeilen konnte.

Bei seinem Anblick stutzten die Burschen, hoben sich in den Sätteln, so dass er ihre stoppelbärtigen Gesichter deutlich sah. Sie glichen sich, als wären sie Brüder. Alle drei waren hager und scharfäugig, misstrauisch wie Nachtfalken. Der erste der Reiter zog sogleich den Revolver und, obwohl er sich vergewissert hatte, dass Cammie allein war und nirgendwo Hilfe hatte, hielt er den Colt in der Hand, winkte seinen Kumpanen zu, und näher kamen die Männer, die wie Sattelstrolche wirkten. Sie hielten dicht vor ihm ihre Pferde an, und der Kerl mit dem Revolver grinste, meinte: „Er ist allein!“

„Nicht einmal umgeschnallt hat er“, stieß der zweite staunend hervor, so, als hätte er eine bedeutende Entdeckung gemacht. Der dritte kicherte dünn in seinen Bart hinein, stieß dann rau hervor: „Steh auf!“

Das klang barsch, war ein Befehl.

Cammie jedoch regte und rührte sich nicht. Jeden der Burschen sah er offen an. Zehn Jahre waren wie ausgelöscht. Es war, als ob die Vergangenheit aufriss, und all das, was er glaubte, vergessen zu haben, stand vor ihm. Sein Warninstinkt war so gut wie vor Jahren.

„Steh auf, wenn der Vormann der Triangel mit dir spricht, Milchgesicht!“, harschte der zweite. Sein Grinsen wurde stärker. Der erste ließ sich bereits aus dem Sattel gleiten, war mit einigen raschen Schritten hinter Cammie. Doch bevor er ihn ganz erreichen konnte, erhob sich Cammie.

„Schau nach, Gantez, ob er nicht doch eine Waffe hat!“, knurrte der Kerl mit dem Revolver.

„Diese Mühe könnt ihr euch sparen, Gents.“

Alle drei ruckten die Köpfe höher, und der Kerl, der den Anführer machte, grinste verhalten.

„Er ist höflicher als sein Bruder Tom. Doch wir wollen sehen, wie weit deine Höflichkeit reicht, Bond. Du wirst jetzt vor uns her marschieren zur Stern-Ranch hin. Wir wissen zufällig, dass dein Bruder und die Crew unterwegs sind, und darauf haben wir eine ganze Nacht und den halben Vormittag gewartet.“

„Um ungehindert auf die Ranch zu kommen?“

„So ist es, Bond!“

„Ihr hättet euch einen anderen Zeitpunkt aussuchen müssen, Mister ...“

„Kenan heiße ich, Bond, und die Bonds sollten sich meinen Namen hinter die Ohren schreiben. Vor drei Tagen bin ich auf der Triangel eingestellt worden, und ich reite für diese Ranch, nachdem dein Bruder es ablehnte, meine Eisen zu kaufen. Vielleicht ist dir mein Name bekannt?“

„Sicher doch, Sam Ambrosius Kenan, genannt Tigerhai. In Tombstone gab es einen gewaltigen Wirbel, als Tigerhai aus dem Gefängnis ausbrach und in der gleichen Nacht einen Goldtransport und die Bank ausplünderte, den Nachtmarshal und zwei Männer erschoss und dennoch verschwinden konnte. Ich selbst habe den Steckbrief gelesen.“

Tigerhai lächelte geschmeichelt, und Cammie fuhr kaltschnäuzig fort: „Mit dir zusammen brachen Arizona-Bill und Narben-Jonny aus. Die Aufgebote durchkämmten das Land, jedoch ohne Erfolg, und wenn diese drei frei über eine Weide reiten können, ist das Gesetz weit fort.“

„In der Tat, sehr weit!“ bleckte der Kerl, der hinter ihm stand. „Wenn du es herholen wolltest, müsstest du über hundert Meilen reiten, denn in Kingstone gibt es nur einen Marshal, und dessen Rechte reichen nicht über die Stadtgrenze hinaus.“

„Leider war ich noch nicht dort, Gents.“

„Hast auch nichts versäumt, Freund“, grinste Narben-Jonny, den man unschwer an seinem entstellten Gesicht erkennen konnte. „Der gute Marshal war dagegen, dass die Triangel uns einstellte, doch ohne Erfolg. Die Triangel stellt jeden harten Burschen ein, denn sie ist dagegen, dass dein Bruder neue Methoden einführt.“

„Es wäre interessant zu erfahren, was Tom für Methoden einführen will, die der Triangel so sehr gegen den Strich gehen, Gents.“

Alle drei starrten ihn an, als käme er direkt vom Mond. Dann stieß Tigerhai böse hervor: „Entweder er stellt sich dumm, oder er weiß wahrhaftig nichts. Das Milchgesicht kommt wohl vom Mond, wie mir scheint. Heh, Bond, wenn du uns verhöhnen willst, kannst du gleich besondere Überraschungen erleben. Es fehlt nur noch, dass du nicht weißt, weshalb dein Bruder und die Crew aufgebrochen sind?“

„Es tut mir leid, Gents“, erwiderte Cammie ausgesprochen höflich, „aber sie haben mir in der Tat nichts in die Ohren gesungen.“

„Unverschämt ist er!“, keuchte Arizona-Bill erregt. „Kenan, wir halten uns zu lange auf. Setz dich in Marsch, Bond!“

Er zog und schoss genau vor Cammies Stiefelspitzen hin, so dass die Kugel Dreck aufwarf und ihm das Stiefelleder aufriss. Trotzdem blieb Cammie stehen. Er spürte sein Herz unregelmäßig schlagen. Bitterkeit stieg in ihm auf, tiefe Bitterkeit und die krankhafte Blässe in seinem Gesicht vertiefte sich. Es war ihm, als hätte er Zentnergewichte an den Füßen, die ihn auf die Stelle bannten. Schutzlos war er diesen dreien ausgeliefert, besaß keine Waffe, um sich eventuell einen Weg aufzubrechen. Hilfe aber konnte er ebenfalls nicht erwarten, und jene drei schienen genau zu wissen, dass sie freies Feld hatten, niemand sie in ihrem Tun stören würde. Drei ausgekochte Burschen waren es, deren Steckbriefe in jedem Sheriffoffice die Wände verunzierten.

Für die Triangel ritten sie. By Gosh, was mochte das für eine Ranch sein, die solche Burschen in die Sättel hob? Das harte, erbarmungslose Leben griff erneut nach ihm, diesmal in Gestalt dreier abgerissener Schufte, denen die Tatsache seiner Hilflosigkeit heillosen Spaß zu machen schien.

Der Kerl, der hinter ihm gestanden hatte, hatte sich bereits wieder in den Sattel geschwungen, höhnte: „Schaut ihn euch an! Man hat nicht zu viel über ihn in der Stadt gesagt. Er ist wahrlich ein lebender Leichnam, ohne Mark in den Knochen, ein Schattenmensch. Ich schätze, der Sensenmann wird uns eine Arbeit abnehmen. Los, vorwärts, Bond!“

Es blieb Cammie nichts anderes übrig, als dem Befehl zu gehorchen. Drei üble Burschen ritten hinter ihm, ließen ihn nicht aus den Augen. Als die Ranch größer ins Blickfeld rückte, befahl Tigerhai: „Schwenk nach links ab, folge dem Rindertrail zur Senke hin!“

Cammie tat es. Er kannte die neue Wegstrecke nicht, denn in der vergangenen Woche hatte er nur die allernächste Umgebung kennengelernt, und da er seine Wege immer zu Fuß zurückgelegt hatte, war es kein Wunder, dass er in diesem großen Land nicht allzu viel gesehen hatte.

Der Weg führte durch die grauen Sagehügel hindurch. Rindergebrüll wurde deutlicher, ein Stacheldraht wurde sichtbar. Vor dem Zaun hielt die Gruppe an. Tigerhai kam nahe mit seinem Pferd heran, zog eine Drahtschere aus der Satteltasche, warf sie Cammie mit den Worten vor die Füße: „Schneide den verdammten Draht durch!“

By Gosh, in zehn Jahren muss sich doch manches in der Rinderzucht geändert haben, dachte Cammie, als er noch als Cowboy geritten war, gab es keine Drahtzäune. Ein Cowboy liebte es nicht, wenn die Weite durch Zäune eingeengt wurde, und noch weniger liebte er Stacheldrahtverhaue.

Er blickte auf die Drahtschere, dann in die Gesichter der drei Kerle. Sie starrten ihn an, und ihr höhnisches Grinsen wirkte aufreizend, gemein und bitter.

Er hob die Schere auf, trat zum Zaun und schnitt den Draht durch.

„So ist es richtig! Ein Bond zerstört das, was ein anderer der Sippe errichtete. Nur so weiter, Buddy!“

Sie zwangen ihn, den Draht auf eine Gesamtlänge von zwanzig Yards herunterzuholen. Dabei hielten sie ihre Colts in den Händen, ließen ihn keinen Augenblick aus den Augen. Die ungewohnte Arbeit trieb Cammie den Schweiß auf die Stirn. Bald schon war sein Hemd nass, klebte am Körper. Jeden Augenblick glaubte er, dass sein Herz eine wilde Attacke machen und ihn umreißen würde, doch es geschah nichts dergleichen. Er war völlig erschöpft, als er den Befehl ausgeführt hatte, so dass ihm die Drahtschere aus den Händen fiel und zu Boden ...

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