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Das mazedonische Messer

Olaf Maly

Das mazedonische Messer

Ein Kommissar Wengler-Krimi





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Das mazedonische Messer

1

„Wagen 5412, bitte melden!“, rief Marianne Schnieder aus der Taxi-Zentrale über das Funknetz. Ihre Stimme klang ein bisschen aufgeregt, da sie schon seit mehreren Minuten versuchte, Thomas Marker in seinem Wagen zu erreichen.

„Wagen 5412, wo sind Sie denn? Wir wollen mit Ihnen reden, melden Sie sich doch mal. Thomas, bitte melden!“

Marianne hatte ein schlechtes Gefühl, ein sehr schlechtes Gefühl. Sie machte diese Arbeit nun schon seit über zwanzig Jahren und wusste immer, wenn etwas nicht in Ordnung war. Sie war zu lange dabei, als sich Illusionen zu machen. Irgendetwas stimmte nicht, das war so sicher wie das Amen in der Kirche.

Es herrschte Totenstille auf der anderen Seite. Keiner nahm das Mikrofon, keiner drückte den Knopf, um Verbindung mit der Zentrale aufzunehmen, keiner schien Interesse an ihrem Ruf über den Äther zu haben. Niemand wollte mit Marianne sprechen und sie von ihren Angstvorstellungen erlösen, ihr endlich wieder die Ruhe zurückgeben, die sie bis vor Kurzem noch gehabt hatte.

Marianne Schnieder war Ende fünfzig. Jeder kannte sie, der irgendwann mal Taxi gefahren war. Ihre Stimme – zwischen Reibeisen und honigsüß, je nach Laune und mit wem sie sich unterhielt – war am Radio nicht zu verkennen. Sollte man aus irgendeinem Grund nicht gleich geantwortet haben, bekam man das sofort und unmissverständlich zu hören.

Wagen 5412 hatte vor mehr als zwanzig Minuten den stillen Knopf gedrückt, wie man ihn nannte, den Knopf, den niemand sah, außer man wusste, wo er war und was er zu bedeuten hatte. Den Geheimknopf, der davor schützen sollte, in unnötige Gefahr zu kommen. Wann immer ein Fahrer dachte, dass etwas Ungewöhnliches vor sich ging – was immer das auch sein sollte - drückte man den Knopf, um die Zentrale darauf aufmerksam zu machen, dass hier, in diesem Wagen, etwas los war. Die Zentrale wusste dann, dass man aufmerksam sein und hören sollte, was der Fahrer sagte, jedoch nichts sagen sollte, was die Situation verschärfen konnte. Der Sprechfunk war in diesem Moment permanent in Richtung Zentrale eingeschaltet, damit diese immer mithören konnte, was im Wagen gesprochen wurde.

Thomas Marker hatte den Knopf gedrückt, als er einen Passagier im Tal in München aufgenommen hatte, der ihm etwas suspekt vorkam. An der Ecke zum Viktualienmarkt, direkt an der Heiliggeistkirche. Nicht, dass der potenzielle Mitfahrer irgendwie schlecht aussah oder nicht gut gekleidet gewesen wäre. Nein, ganz und gar nicht. Thomas Marker hatte eben nur ein ungutes Gefühl. Er war auch nicht betrunken, jedenfalls nicht sichtbar betrunken, denn Marker nahm grundsätzlich keine Betrunkenen mit, auch wenn das Geschäft noch so schlecht gewesen sein sollte. Es kostete einfach zu viel an Zeit und Ärger. Und der Wagen stank für Tage, besonders im Sommer, wenn es heiß und schwül war. Es war zwar kein Sommer, sondern fast schon harter Winter, aber das war eine zu vernachlässigende Kleinigkeit. Erbrochenes im Wagen war nicht die beste Reklame und nichts, womit man gerne umgehen mochte.

Erst hatte Marker sich überlegt, ob er den Gast überhaupt aufnehmen sollte. Aber da das Geschäft den ganzen Tag über nichts als schlecht bis sehr schlecht gewesen war, warf er seine Bedenken ganz einfach mal über den Haufen.

Der Knopf also machte es für die Zentrale unter anderem auch möglich, den Wagen zu verfolgen und wenn nötig zu orten, damit die Polizei wusste, wo er war, sollte etwas passieren und es nötig werden einzugreifen.

Thomas Marker hatte den Knopf vor mehr als zwanzig Minuten gedrückt. Eine lange Zeit. Seitdem hatte man nichts mehr von ihm gehört. Keinen Ton.

„Zentrale an alle. Schalten Sie auf Kanal 4“, sagte nun in einigermaßen ruhigem Ton, so gut es eben ging, Marianne an alle Wagen über Kanal 2.

Kanal 4 war der Kanal, den nur die Taxifahrer benutzen konnten und auf dem man Meldungen durchgab, die für niemand anderen bestimmt waren, als eben die Gemeinschaft der Taxifahrer. Auch die Polizei konnte auf diesem Kanal mithören und wenn nötig eingreifen. Die anderen Kanäle waren für jedermann frei zugänglich und manche Leute, die nichts Besseres zu tun hatten, hörten sich den ganzen Tag über den Sprechfunk an.

„Wir haben einen vermissten Fahrer. Die Ortung sagt, dass der Wagen Ecke Einsteinstraße und Schlossstraße steht. Fahr doch mal einer dort hin und sag mir, was da los ist“, sagte Marianne mit einem leisen Vibrieren in ihrer Stimme, das nichts Gutes erahnen ließ.

Innerhalb weniger Minuten war die Einsteinstraße an der Ecke Schlossstraße ein regelrechter Parkplatz für Taxis in München und es kamen immer mehr. Ein Meer aus gelben Autos mit gelben Leuchtzeichen auf dem Dach und Reklameaufklebern auf Türen und Seitenteilen, die alles versprachen – von billigen Versicherungen über delikate Pizzas bis zu netten Stunden in aufregenden Etablissements.

„Wagen 2207 an Zentrale.“

„2207 kommen.“

„2207, ich bin hier an der Ecke Einsteinstraße und Schlossstraße und sehe den Wagen 5412. Der Wagen steht auf dem Bürgersteig, die Türen sind zu, aber nicht verschlossen, und der Fahrer ist nicht im Wagen. Ich gehe jetzt einfach mal dort hin und schaue nach, was los ist.“

Noch zahlreiche andere Wagen meldeten sich mit derselben Aussage und gingen dann los, um nachzusehen. Es war ein kalter Nachmittag, einer der Nachmittage in München, an denen man lieber zu Hause bleibt, sich einen heißen Grog macht und langsam vor dem Fernseher einschläft.

Die Welt um die Einsteinstraße dampfte von all den Wagen, die sich mit laufendem Motor abgestellt hatten. Auch die Menschen schienen zu dampfen und es sah aus, als würde leichter Nebel aufsteigen und dem Geschehen den besonderen Reiz des Unheimlichen geben. Bis auf die Geräusche der Motoren war alles ruhig, keiner sagte etwas, keiner wagte, sich laut zu bewegen. Ab und zu hörte man in der Ferne eine Straßenbahn um die Ecke fahren, einen Notarztwagen mit Sirene durch die Straßen rasen oder auch die Kirchturmuhr der Heiliggeistkirche schlagen. Ansonsten war es ruhig.

Horst Eitel war der Erste, der am Wagen 5412 war, die Fahrertür öffnete, das Mikrofon in die Hand nahm, auf Kanal 4 schaltete und mit Marianne Kontakt aufnahm.

„Eitel hier. Alles in Ordnung, nichts Außergewöhnliches. Jetzt schauen wir mal, was hier in der Gegend los ist. Vielleicht finden wir ihn ja. Ich kenne den Fahrer, hab ihn schon oft gesehen und mich mit ihm unterhalten. Also, sobald ich was weiß, melde ich mich wieder.“

Dann war wieder Ruhe. Inzwischen war auch ein Wagen der Polizei eingetroffen, was Routine war, wenn auf Kanal 4 gesprochen wurde.

„Dahinten! Dahinten! Jetzt kommt's doch a mal, wir haben ihn gefunden!“, kam es aufgeregt in tiefem Bayerisch aus der Einfahrt in Nummer 7 Schlossstraße.

„Ruf doch einmal jemand den Notarzt und beeilt's euch!“

Alle liefen in Richtung Schlossstraße Nummer 7. Die Nummer 7 konnte man nicht verfehlen, da sich dort in Kürze eine größere Menschenmenge angesammelt hatte und damit deutlich zeigte, wo sie war.

„Gehen Sie aus dem Weg, bitte! Polizei, bitte den Weg frei machen. Ja, jetzt haut's doch einmal ab hier und lasst's uns unsere Arbeit machen!“

Polizeiwachtmeister Franz Dobler war der erste offizielle Polizeibeamte, der den Tatort erreichte und versuchte, all die Menschen, die um Thomas Marker herumstanden, auseinanderzutreiben und sich Platz zu verschaffen.

„Jetzt geht’s doch mal auf die Seiten und lasst's uns unsere Arbeit machen“, sagte er immer wieder, in der vergeblichen Hoffnung, dass ihm die Leute zuhören und auch folgen würden.

Polizeiwachtmeister Dobler war inzwischen bei der Person, die am Boden lag, angekommen. Umständlich brachte er es fertig, in die Knie zu gehen, um zu versuchen, einen Pulsschlag an Thomas Marker zu lokalisieren, ein Lebenszeichen, das ihn aus seiner misslichen Lage befreien würde, einen Toten angefasst zu haben. Polizeiwachtmeister Dobler hatte absolut kein Verlangen danach, Tote anzufassen, weder Mensch noch Tier.

Thomas Marker war ein schlanker, mittelgroßer Mann in den frühen Sechzigern, mit schwarzen Haaren und einem schwarzen Bart. Die Haare und der Bart waren gefärbt, da er viel auf sich hielt und dachte, dass ein gepflegtes Aussehen das Leben für ihn etwas einfacher machte. Die letzte Reise hat es ihm nicht gedankt, dafür war es egal, wie er aussah. Denn Thomas Marker war tot. Daran bestand kein Zweifel. Jetzt lag er halb auf der Seite zwischen zwei Mülltonnen, als hätte man versucht, ihn dort zu verstecken, als Sperrmüll dort im Hof zu deponieren. Ein Messer ragte aus der Herzgegend hervor, vom Griff her zu schließen, ein großes Messer. Der Griff war auch das Einzige, was man ausmachen konnte. Ein silberfarbener Griff mit orientalischen Ornamenten aus Emaille, aufgesetzt auf ein breites Messerblatt. Blau, golden, rot und grün waren die Ornamente, und wenn man dieses Messer nicht in einem Körper gefunden hätte, der damit der damit sein Leben ließ, hätte man es als schöne Arbeit bezeichnen können. In diesem Fall jedoch schien es die Mordwaffe gewesen zu sein, was der Schönheit etwas ihren Reiz nahm.

Blut war aus der Wunde gelaufen, nicht viel, aber eine kleine Lache hatte sich um das Messer herum und auf dem Asphalt gebildet und war dort eingefroren. Die Kälte hatte es gefrieren lassen und ihm einen seltsamen Glanz und eine ungewöhnliche, rotbraune Farbe gegeben. Ein wenig Wasser von der unablässigen Feuchtigkeit befand sich als dünne Eisschicht auf dem Fleck, der nicht größer war als ein Eurostück. Wäre es nicht Blut gewesen, was man dort auf dem Boden sah, hätte man den in Frostfarben schimmernden Fleck fast als schön empfinden können.

 

„Keiner fasst hier irgendetwas an. Keiner, habt's mich verstanden? Wir warten jetzt, bis die von der Kripo da sind. Bis dahin nichts anfassen. Wer was weiß, bleibt hier, alle anderen können jetzt gehen.“

Wer was weiß, bleibt hier… Als würde der, der etwas weiß, freiwillig warten, bis man ihn auseinandernimmt. Es gab sehr wohl einen guten Grund, warum Polizeiwachtmeister Dobler seit achtundzwanzig Jahren Streife fuhr und nicht in den Innendienst befördert wurde.

„Tote sehen aus wie Lebende, nur dass sie nicht mehr atmen und langsam verfallen“, sagte Hans Mittler, der Kollege von Polizeiwachtmeister Dobler, der inzwischen auch eingetroffen war und seinem Kollegen half, die Menschenmenge unter Kontrolle zu halten.

Die Kälte tat das ihrige an Unterstützung, da nach ein paar Minuten, sobald sich die erste Neugierde gelegt hatte, sich die Menschen einen gemütlicheren Platz aussuchen gingen. Auch die meisten Taxifahrer waren mittlerweile wieder gegangen, konnten sie doch nichts mehr für ihren Kollegen tun.

Sie würden ihn finden, dachte jeder für sich. Sie würden alles tun, um diesen Typ zu finden, und ihm dann zeigen, dass man das nicht mit Taxifahrern machen kann.

Es gab diese Geschichte, die schon einige Zeit zurücklag, aber immer noch manchmal auf den Stellplätzen erzählt wurde, wenn man an einem Sonntagnachmittag bei herrlichem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen vergeblich auf Kundschaft wartete. Eine dieser Geschichten, von denen man nicht weiß, wie wahr sie sind und wer sie angefangen hat zu erzählen, aber eben Geschichten, die ihre Runde machen. Sie sollen den Neuen zeigen, dass es einen Ehrenkodex gibt unter den Taxifahrern, den man mit einhalten musste, wollte man wirklich dazu gehören.

Es gab viele Versionen dieser Geschichte, aber im Prinzip ging es darum, dass ein junger Mann versucht hatte, ein Taxi in seine Gewalt zu bekommen, und der Fahrer den roten Knopf drückte. Danach fing eine Verfolgungsjagd an, die dieses Taxi und etwa vierzig andere durch die halbe Stadt jagte. Am Ende der Schlange war dann auch noch die Polizei, die versuchte, unter allen Umständen mitzuhalten. Auf einem Parkplatz in der Nähe des Olympiageländes kam dann alles plötzlich zum Stehen, das infrage kommende Taxi wurde wie bei einer Wagenburg umzingelt und vierzig Taxifahrer sprangen fast gleichzeitig aus ihren Autos. Der Täter hatte eingesehen, dass er hier die schlechteren Karten in der Hand hatte, sprang aus dem Auto und versuchte, in Richtung Stadtautobahn davon zu laufen. Er wurde nach ein paar Metern eingeholt und bis es nach wenigen Minuten auch die Polizei schaffte, sich zur Menge der Taxifahrer, die sich um den jungen Mann scharten, durchzuarbeiten, war alles vorbei. Selbstverständlich hatten die Taxifahrer an der Außenseite des Ringes den Einsatz der Polizei so gut und lange wie irgend möglich verhindert. Das Rufen, Schreien, Fluchen und Drohen der Wachtmeister hatte keine Früchte getragen, man hatte erfolgreich die Zeit gewonnen, die man brauchte. Der vermeintliche Räuber, der es eigentlich nur auf die Einnahmen abgesehen hatte, lag mehrere Wochen im Krankenhaus und war dann noch für Jahre außer Gefecht gesetzt. Eine Verurteilung der Taxifahrer gab es nicht, da jeder abstritt, dabei gewesen zu sein. Man hatte auch nicht versucht, ihnen mit allen möglichen Mitteln das Gegenteil zu beweisen. Der Fall wurde sehr schnell zu den Akten gelegt, jedoch für Tage groß in den lokalen Blättern ausgeschlachtet. Was auch dem Effekt der Abschreckung dienen sollte. Mit Taxifahrern ist nicht zu spaßen, wenn es um deren Leben geht.

 

Mittlerweile gelang es Polizeiwachtmeister Dobler, die Kollegen im Polizeipräsidium in der Ettstraße zu informieren. Eine Mannschaft der Kripo würde in Kürze vor Ort sein und die Ermittlungen aufnehmen. Bis dahin, sagte man ihm, soll er darauf achten, dass niemand etwas anfasst. »Als ob er diesen Rat gebraucht hätte«, dachte er sich.

„Die von der Zentrale denken wirklich, dass wir alle nichts im Hirn haben und die die Weisheit gefressen haben“, sagte Polizeiwachtmeister Dobler zu seinem Kollegen, der ihm mit einem kurzen Kopfnicken recht geben musste.

 

 

2

Kommissar Wengler war gerade dabei, seinen Mantel anzuziehen, seinen Schal umzubinden, sich die Gummigamaschen überzustreifen und das Büro zu verlassen. Er hasste die Kälte, die Nässe und den Wind in diesen Monaten, in denen es noch nicht so richtig Winter war, der so goldene Herbst jedoch schon lange ‚Auf Wiedersehen‘ gesagt hatte. Die Biergärten waren geschlossen – eine der wichtigsten Institutionen in seinem Leben – und das machte ihn besonders grantig und missmutig. Es war für ihn immer traurig, mit anzusehen, wie die Bänke aufeinander gestellt und verkettet darauf warteten, wieder ihrer wirklichen Bestimmung zugeführt zu werden: eben den müden Münchnern einen Platz der Geborgenheit und Ruhe zu geben, an dem sie ihr Bier trinken und ihre Brotzeit essen konnten.

„Warum sind Sie denn so sauer, Herr Kommissar?“, fragte Armin Staller, dem die Missstimmung seines Chefs nicht entgangen war. Er saß noch am Computer und hatte Berichte zu Ende zu schreiben. Diese endlosen Berichte, die niemand las und die, sobald man sie fertig hatte, in irgendeinem Archiv verstauben würden. Bösartige Zungen behaupteten, dass, wenn man in ein paar hundert Jahren dort graben und fündig werden würde, man zu dem Schluss käme, dort eine Papierfabrik ausgegraben zu haben.

„Seien Sie doch froh, dass es Wochenende ist und Sie endlich einmal ein wenig ausspannen können! Ich werde auch nicht mehr lange hier sein, nur noch die Sache mit der U-Bahn-Schlägerei und dann bin ich auch hier raus.“

„Ich hasse dieses Wetter, Armin.“

„Herr Kommissar, Sie hassen, glaube ich, jedes Wetter. Im Sommer haben Sie immer gesagt, es wird Zeit, dass es mal ein bisschen kälter wird. Und jetzt ist es ein wenig kälter und es passt Ihnen auch nicht.“

„Armin, es ist das Recht der älteren Generation, empfindlich auf das Wetter zu reagieren. Werde erst einmal so alt wie ich, dann gibt es auch für dich keine optimale Temperatur mehr. Außer in der Sauna, aber das ist ganz was anderes. Außerdem gehe ich jetzt, bevor ich noch schmelze, ich bin nämlich für draußen angezogen und nicht für ein überhitztes Büro.“

Das Telefon klingelte. Armin Staller nahm den Hörer ab, hörte zu, was die Person am anderen Ende der Leitung zu sagen hatte, und sagte:

„Einen kleinen Moment, Herr Kommissar, ich glaube, das wird Sie auch interessieren. Warten Sie doch noch ein paar Minuten.“

Der Kommissar stand in der Tür, ein Anblick, den man sich gönnen sollte und den Armin Staller sogar etwas genoss. Voll angezogen für die nasse Kälte des Münchner Spätherbstes, mit rotem Kopf und nahe daran zu explodieren.

Eine Pause entstand, in der Armin Staller zuhörte, nickte und sich Notizen machte. Dann legte er den Hörer auf und wandte sich an Herbert Wengler.

„Wir haben einen Fall, Herr Kommissar. Ein Taxifahrer ist ermordet worden und ich glaube, Sie müssen Ihr Wochenende verschieben.“

Kommissar Wengler machte ein Gesicht, als wäre die Welt um ihn herum in Trümmer zerbrochen und er der einzige, der es bemerkt hatte. Ein tiefer Seufzer untermauerte noch den Eindruck.

„Wochenenden lassen sich nicht verschieben, Armin, das weißt du auch. Was verschoben werden muss, ist mein Leben, Armin, verschoben und auf Eis gelegt, bis wir den haben, der mir mein Leben wieder aufregender macht als es sein muss.“

„Gehen wir, Herr Kommissar, gehen wir.“

Das war eine gute Idee, dachte sich der Herr Kommissar, eine wirklich gute Idee, vielleicht sogar die beste, die Armin heute hatte. Kommissar Wengler sagte nichts, sah Armin Stadler jedoch in diesem Sinne unmissverständlich an.

Damit schloss Armin Staller seinen Computer, nahm seinen Parka vom Stuhl und begab sich mit dem Kommissar, der sich noch schnell ein neues Notizbuch eingesteckt hatte, in Richtung Tatort.

 

Nach einer kurzen Fahrt traf man am Tatort in der Schlossstraße Nummer 7 ein. Die Spurensicherung war schon eingetroffen und hatte ein kleines, weißes Zelt aufgebaut, unter dem man ungestört arbeiten konnte. Außerdem wollte man die Spuren soweit es ging im Originalzustand sichern und nicht mit zu viel Wasser vermischen.

„Herr Kommissar, der Tote ist ungefähr Mitte fünfzig bis Anfang sechzig, männlich und liegt hier seit etwa zwei Stunden“, sagte der leitende Beamte der Spurensicherung, als sich der Kommissar neben ihm aufgebaut hatte.

„Erzählen Sie mir doch einmal etwas, was ich noch nicht weiß, Herr Brunner. Das sehe ich doch alles selbst. Wie ist er denn gestorben?“

Das passte Herrn Brunner nun doch nicht so ganz. Auch er hatte sich seinen Freitagabend anders vorgestellt und brauchte keine Motivation von den Kollegen in der Abteilung Mord und Totschlag. Er blickte den Herrn Kommissar streng an, verbiss sich jedoch seinen Kommentar.

„Stich ins Herz. Genau ins Herz. Schneller Tod und fast kein Blut, da das Herz auf einen Schlag aufgehört hat zu schlagen.“

Dabei zeigte er mit seiner Hand auf seine eigene Brust, in der Nähe der Stelle, wo er sein Herz vermutete.

„Auf einen Schlag“, sagte er noch einmal.

Der Kommissar sah ihn ein wenig erstaunt an.

„Sagt man so, Herr Kommissar.

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