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Deine Spuren im Sand

Inhaltsübersicht

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13.

Epilog

1.

Der Tag, an dem ich mich zur Flucht entschloss, war ein Samstag. Kein guter Tag! Samstags war Bettenwechsel auf Sylt, dann war vor der Verladerampe in Niebüll der Teufel los. Lange Autoschlangen, Schlangen vor der Toilette, Schlangen vor der Theke des Bistros, auch in der Vorsaison. Doch zum Glück traf der Strom der Sylt-Touristen erst am Nachmittag oder Abend in Niebüll ein, während ich schon am Vormittag hier angekommen war. Nur diejenigen waren mit mir gekommen, für die Sylt ein Naherholungsgebiet war, alle anderen waren noch unterwegs. Und das war gut so! Größere Menschenansammlungen durfte ich nicht riskieren. Denn trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, die ich getroffen hatte, konnte ich mich auch hier, am Ende der Republik, nicht in Sicherheit wiegen. Wenn jemand merkte, dass ich den Hindenburgdamm zur Flucht nutzen wollte, dann war ich geliefert. Bevor nicht mein Wagen auf den Autozug gerollt war, durfte ich nicht aufatmen. Wachsam musste ich sein – äußerst wachsam! – und unbedingt dafür sorgen, dass niemand auf mich aufmerksam wurde.

Zugegeben, unauffälliges Verhalten gehörte nicht zu meinen Stärken. Schon gar nicht dann, wenn ich einem Automaten gegenüberstand, der in Automatensprache mit mir kommunizierte. Mit Anweisungen im Display, für die ich erst die Lesebrille aus der Tasche kramen musste, und einer Automatenstimme, die augenblicklich Widerspruch in mir erzeugte. Und das, obwohl sie nach der dritten Wiederholung noch immer keine Anzeichen von Ungeduld erkennen ließ, sondern mit der gleichen unverbindlichen Freundlichkeit wie beim ersten Mal leierte: »Führen Sie Ihre EC-Karte ein!«

»Genau das tue ich doch!« Da war es schon vorbei mit dem unauffälligen Verhalten, das mir in solchen und ähnlichen Situationen leicht außer Kontrolle geriet. »Warum spuckst du das Ding immer wieder aus?«

Auf meine Frage hatte die Automatenstimme keine Antwort. Meine EC-Karte wurde mit dem wenig hilfreichen Ratschlag ausgespuckt, ich möge es noch einmal versuchen.

»Das kann doch nicht wahr sein, dass ich nicht auf die Insel komme, nur weil ich nicht genug Bargeld dabei habe!«

Als hätte jemand meinen Hilfeschrei gehört, als gäbe es jemanden, der sich meiner annehmen wollte, fing auf dem Beifahrersitz ein Hahn an zu krähen. Noch immer fand ich den Klingelton, den ich mir für mein Handy ausgesucht hatte, ziemlich witzig, aber lachen konnte ich in diesem Augenblick trotzdem nicht. Ein krähendes Handy war angesichts meiner Unfähigkeit, mir von einem simplen Automaten die Einfahrt zur Verladerampe zu erkaufen, eher lästig.

Im Display flackerte der Name »Babette« auf. »Schon wieder!«

In den letzten Stunden hatte sie knapp hundertmal versucht, mich zu erreichen. Jetzt war ich allerdings geneigt, ihr endlich eine Chance zu geben. Vorausgesetzt, sie half mir per Ferndiagnose dabei, aus diesem blöden Automaten eine Fahrkarte für den Autozug nach Sylt herauszukitzeln, damit die Schranke, die meine Flucht zu vereiteln drohte, endlich hochging.

»Wo bist du?«, hörte ich Babettes Stimme, als ich den grünen Knopf betätigt hatte. »Sag mir sofort, wo du bist!«

»Sag du mir lieber, wie ich eine EC-Karte in einen Schlitz schiebe, ohne dass sie postwendend wieder vor meine Füße gespuckt wird.«

»Du stehst vor einem Geldautomaten?« Babette schwieg einen Augenblick, was bei ihr nur dann vorkam, wenn sie außerordentlich verblüfft war. Dann schrie sie los: »Hast du den Verstand verloren? Du hast schon tausendmal Geld aus dem Automaten gezogen. Was soll also diese blöde Frage?«

»Ich stehe vor keinem Geldautomaten«, sagte ich langsam und betont.

Zu weiteren Erklärungen kam ich nicht, denn plötzlich entstand Bewegung in meinem Rückspiegel. Ein Wagen hatte sich hinter mir aufgestellt, statt die zweite oder dritte Spur zu benutzen, wie es alle anderen Fahrer getan hatten, die nach mir gekommen waren und jetzt schon vor einem Kaffee im Bistro saßen.

Entsetzt starrte ich in den Rückspiegel, in dem sich eine Wagentür öffnete, und dann in den Außenspiegel, in dem eine männliche Gestalt heranwuchs.

»Da kommt jemand«, flüsterte ich.

»Dann hau ab!«, schrie Babette.

»Das geht nicht. Ich kann nicht.«

»Mach jetzt keinen Fehler!«, hörte ich Babette noch brüllen, ehe ich den roten Knopf drückte.

Im nächsten Augenblick klopfte jemand an die Scheibe der Fahrertür. Ein Mann beugte sich zu mir herab, ich sah in ein lächelndes Gesicht, dessen untere Hälfte von einem blonden struppigen Bart verdeckt wurde, und in helle, freundliche Augen. »Kann ich Ihnen helfen?«

»Meine EC-Karte«, sagte ich und versuchte ihn nicht anzusehen. »Der blöde Apparat nimmt sie nicht an.«

Sein Lächeln verschwand, er sah mich überrascht und sogar ein wenig besorgt an. Wie ein Oberlehrer hob er den Zeigefinger und wies auf das Wort, das über dem Schlitz prangte: Fahrkarte! »Da gehört die Fahrkarte rein, falls man schon eine hat.« Er zeigte auf einen weiteren Schlitz. »Hier gehört die EC-Karte rein!«

War ich von allen guten Geistern verlassen? Wieso hatte ich das nicht gesehen? War ich schon komplett mit den Nerven runter und mit meiner Flucht total überfordert?

Vorsichtshalber schob ich die Sonnenbrille vom Kopf auf die Nase zurück, ehe ich den Versuch machte, durchs geöffnete Seitenfenster den Schlitz zu erreichen, in den meine EC-Karte gehörte.

»Ich würde Ihnen ja gern helfen.« Der Typ grinste. »Aber ich kann nur für Sie die Karte in den Schlitz schieben. Ihre Geheimzahl müssen Sie schon selbst eingeben.«

Klugscheißer! schimpfte ich lautlos. Dabei hätte ich dem blonden Bartträger eigentlich hoch anrechnen müssen, dass er sich nicht wieder in sein Auto schwang und mich mit meinem Problem, das gar keins mehr war, allein ließ. Aber konnte ich wirklich wissen, was er im Schilde führte? Vielleicht war er einer von denen, die hinter mir her waren! Dann spielte er hier den Hilfsbereiten, um mich in Sicherheit zu wiegen, und war in Wirklichkeit nur darauf aus, mich bei nächster Gelegenheit in die Finger zu kriegen! Dann, wenn wir irgendwo allein waren. Nein, ich musste auf der Hut sein!

Unauffällig kontrollierte ich den Sitz meiner Perücke und stieg aus. Er drehte mir diskret den Rücken zu, während ich meine Geheimzahl eintippte. Wieder fragte ich mich, warum er nicht in sein Auto stieg. Traute er mir etwa auch den Rest nicht zu? Gang einlegen, die geöffnete Schranke passieren und auf der richtigen Spur zum Stehen kommen? Frechheit!

Ich wartete darauf, dass der Automat mein Ticket für den Autozug druckte und mir meine EC-Karte zurückgab mit dem Hinweis »Zahlung erfolgt!«. Das ging sehr zügig vonstatten, aber trotzdem reichte die Zeit aus, in mir die Zuversicht zu wecken, dass dieser gutaussehende Mann nicht zu denen gehören konnte, die mir auf den Fersen waren, sondern eher zu denen, für die Frauen noch immer das schwache Geschlecht verkörperten. Aber den einen brauchte ich so wenig wie den anderen. Und so fiel meine Dankbarkeit entsprechend knapp aus. Als wenn ich die Tastatur zur Eingabe meiner Geheimzahl nicht selber gefunden hätte! Irgendwann …

Trotzdem verstand er meine mehr als flüchtigen Dankesworte falsch und erklärte strahlend, er sei völlig zufrieden, wenn ich bereit sei, ihm zum Dank beim Kaffee Gesellschaft zu leisten.

Ich war über diesen Wunsch derart verwundert, dass ich, ohne ihn einer Antwort zu würdigen, ins Auto stieg und bis zu dem Punkt vorrollte, wo ein Bediensteter der Sylter Verkehrs-GmbH mir mit einem gut gefüllten Stoffbeutel entgegenwinkte. Er trug den Aufdruck »Unser Norden« und war voller Werbematerial. Mehrere Kostproben einer Teesorte, ein Gutschein über einen Euro, der in einer Drogerie einzulösen war, sofern ich mich zum Kauf eines bestimmten Haarshampoos entschloss, ein weiterer Gutschein über ein Glas Prosecco, für den Fall, dass ich geneigt war, in einer Westerländer Pizzeria mein Abendessen einzunehmen. Und als besonderer Clou eine Duschhaube, die mir von einem Apotheker wärmstens ans Herz gelegt wurde.

Hatte es so etwas vor zwanzig Jahren auch schon gegeben? Ich konnte mich nicht erinnern. Aber das lag vielleicht daran, dass ich vor zwanzig Jahren keine Touristin gewesen war, sondern zu den Einwohnern von Sylt gezählt hatte, denen niemand einen Beutel mit Werbematerial zugesteckt hätte. So viele Jahre! Ein Automat musste damals auch nicht bezwungen werden, ehe der Eintritt ins Paradies gewährt wurde!

Ich schloss auf meinen Vordermann auf und landete damit direkt vor der Tür der Damentoilette. Eigentlich wäre ich gern im Auto sitzen geblieben, hätte mich so tief wie möglich in meinen Sitz gedrückt und mich hinter meiner riesigen Sonnenbrille und einer dichten Haarsträhne meiner Perücke versteckt. Aber da ich an diesem Tag außer Wasser noch nichts zu mir genommen hatte, musste ich erstens dringend die Örtlichkeit aufsuchen, vor der ich zum Stehen gekommen war, und zweitens unbedingt dafür sorgen, dass ich etwas in den Magen bekam. Ein starker Kaffee konnte auch nicht schaden, wenn ich ihn auch in einer Gesellschaft zu mir nehmen würde, die mir nicht recht war. Aber besser, ich machte ein paar Minuten dezente Konversation, als mich durch auffallendes Ablehnen derselben für immer in das Gedächtnis eines Mannes einzubrennen, der sich dadurch später an mich erinnern würde. Und vielleicht war es ja auch gut, meine Verkleidung zu testen, bevor ich einen Fuß auf die Insel setzte?

Eine Toilettenfrau, die womöglich mit dem Gedanken spielte, später mal ihre Memoiren zu schreiben, gab es zum Glück nicht, und die junge Mutter, die ich vor dem Waschbecken antraf, hatte genug mit ihrer kleinen Tochter zu tun, die partout nicht nur ihre Hände, sondern auch die Ärmel ihrer Strickjacke waschen wollte. Sie blickte nur kurz auf, als ich mich neben sie stellte, und widmete sich dann wieder mit großem Engagement ihren pädagogischen Ansprüchen.

Udo Jürgens berichtete unterdessen, dass er noch niemals in New York gewesen sei, und ich fragte mich, was mit dieser lauten Musik eigentlich bezweckt wurde. Dass sich die Besucher dieser Örtlichkeit nicht einsam fühlten? Oder sollte dieser Lärmschutz ihn vergessen lassen, was in der Nachbarkabine geschah?

Als ich wieder ins Freie trat, war ich genauso unsicher wie vorher. Dass meine Verkleidung ihren Test bestanden hatte, davon konnte keine Rede sein. Das große Risiko stand mir noch bevor. Was würde ich tun, wenn jemand mit dem Finger auf mich zeigte? Davonlaufen kam nicht in Frage. Wohin auch? Meine Flucht war hier zu Ende, soviel stand fest. Zurück konnte ich nicht, und vor mir lagen nur der Hindenburgdamm und das Watt, durch das er mich führen sollte. Unerkannt! Was auf Sylt mit mir geschehen würde, wenn ich schon hier entlarvt werden sollte, mochte ich mir nicht vorstellen.

Udo Jürgens’ Stimme war mir gefolgt. Die gleichen Lautsprecher, die in den Toilettenräumen angebracht waren, gab es auch über der Tür, die hineinführte. Ich warf einen Blick auf die große Uhr und stellte fest, dass es noch eine halbe Stunde zu überbrücken galt, bis das Verladen beginnen würde. Dreißig lange Minuten, in denen alles Mögliche passieren konnte! Wenn ich mich nun einfach ins Auto setzte und den Mann, der mir geholfen hatte, auf seiner Belohnung sitzen ließ?

Dann aber erwachte in mir der pure Selbsterhaltungstrieb, und der gab mir eine andere Entscheidung ein. Ein Kind verließ das Bistro mit einer fettglänzenden Frikadelle in der Hand. Der Duft stieg mir in die Nase, meine Nackenhaare richteten sich auf, ich begann unter meiner Perücke zu schwitzen. Hunger! Ich brauchte unbedingt etwas zu essen! Es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder, ich entriss dem Kind die Frikadelle und stopfte sie in mich hinein, ehe der Vater eingreifen konnte, oder ich ging auf der Stelle in dieses Bistro und kaufte mir eine Frikadelle. Oder zwei oder drei! Wenn ich ganz mutig war, sah ich dabei der Verkäuferin offen ins Gesicht.

Da die erste Alternative natürlich nicht in Frage kam, griff ich also zum Türknauf und stach in das wunderbare Duftgemisch von Grillwürsten, Gyros, frischen Brötchen und Kaffee. Udo Jürgens empfing mich mit der Mitteilung, dass er ebenfalls noch nie auf Hawaii und in San Francisco gewesen sei. Ich versuchte ihn zu ignorieren und ging schnurstracks durch den langen schmalen Laden, vorbei an der Sylt-Literatur, den Souvenirs und dem Reiseproviant, direkt auf die Theke zu, wo zum Glück gerade niemand wartete. Meine Reisebekanntschaft hatte ich vor lauter Gier vergessen. Er fiel mir erst wieder ein, als ich eine Stimme rufen hörte: »Den Kaffee habe ich schon besorgt!«

Vergnügt hockte er vor zwei großen Kaffeebechern und winkte mir zu, als hätten wir eine gemeinsame Anreise hinter uns.

»Also gut!« Ich nickte zurück und bestellte bei der Thekenkraft drei Frikadellen, zwei Brötchen und einen Krautsalat.

In diesem Moment hatte Udo Jürgens sich damit abgefunden, zu Frau und Kind zurückzukehren, statt nach New York abzuhauen, und das nächste Lied ertönte. »Deine Spuren im Sand, die ich gestern noch fand …« Alles, was zur Verladerampe gehörte, wurde mit derselben Musik beschallt.

Fest schloss ich die Augen und bedauerte, das Gleiche nicht auch mit meinen Ohren tun zu können. Unser Lied! Ausgerechnet jetzt! Und ausgerechnet hier!

»War’s das?«

Ich öffnete die Augen wieder und nickte. Ja, das war’s! Mit Maik und mit mir war’s vorbei. Schon lange!

Während des Bezahlens versuchte ich, die Kassiererin mein Gesicht nicht sehen zu lassen, und stellte mich demzufolge derart ungeschickt an, dass ich nach der Hilfe beim bargeldlosen Kauf einer Fahrkarte nun auch Hilfe beim Transport meines Tabletts benötigte. Jedenfalls kam es dem großen Blonden mit dem struppigen Bart wohl so vor, und ich ließ ihn gewähren, damit ich, während ich ihm zum Tisch folgte, ausschließlich auf meine Schuhspitzen blicken und mein Gesicht hinter einer herabfallenden Haarsträhne verbergen konnte.

Als ich mich niedergelassen und den ersten Schluck Kaffee getrunken hatte, ließ die Angst ein wenig nach. Und als ich dann herzhaft in eine Frikadelle beißen konnte, ging es mir schon wesentlich besser. Nachdem ich die dritte verputzt hatte, kehrte sogar mein Optimismus zurück, ich konnte wieder daran glauben, dass das Glück auf meiner Seite war. Irgendwie würde ich ungeschoren auf den Autozug kommen, sicher in Westerland eintreffen und auf dem schnellsten Wege das Hotel erreichen, wo hoffentlich jemand Dienst tat, der sich keine Gedanken über die Identität eines Gastes machte.

»Hören Sie mir eigentlich zu?«

Erschrocken starrte ich mein Gegenüber an. Hatte er etwas gesagt? In seiner Miene jedenfalls stand eine Dringlichkeit, als hätte er mir soeben ein Geheimnis anvertraut, das bisher nur sein Psychoanalytiker kannte. Geradezu gekränkt sah er aus, schwer gekränkt.

»Entschuldigung«, rief ich erschrocken. »Ich war ganz in Gedanken.«

Aber wie sich dann herausstellte, hatte er mir doch nicht mehr als nur seinen Namen verraten. Das allerdings zum mindestens dritten Male! »Traum! Alex Traum!«

Nun konnte ich sogar schon albern kichern. »Ein richtiger Traummann also!«

Da er nicht mitlachte, musste ich annehmen, dass meine Anmerkung nicht besonders originell gewesen war. Ich entschuldigte mich hastig, fragte mich, wie oft ich mich in der letzten Stunde eigentlich schon entschuldigt hatte, dann trat die Stille ein, die mir anzeigte, dass etwas von mir erwartet wurde.

»Und Sie?«, fragte der Traummann schließlich.

Klar, er wollte meinen Namen wissen! Wer sich vorstellte, erwartete natürlich, dass sein Gesprächspartner ebenfalls seinen Namen nannte.

»Lieschen«, platzte es aus mir heraus. »Müller« konnte ich gerade noch herunterschlucken. Das wäre nun wirklich zu offensichtlich gewesen. Damit hätte ich Alex, den Traummann, so tief gekränkt, wie er es nicht verdient hatte. Was mir vor zehn Minuten noch völlig egal gewesen war, wollte ich nun plötzlich nicht mehr riskieren. Eigentlich war er ja doch ganz nett, dieser Alex Traum. Und ich konnte auch nicht mehr glauben, dass seine Freundlichkeit nur Fassade war und er mir in Wirklichkeit Böses wollte.

»Sagen Sie einfach Lieschen zu mir«, ergänzte ich also und behauptete sogar: »So nennen mich alle.«

Zum ersten Mal sah ich ihm gerade in die Augen, ohne mir eine Haarsträhne vors Gesicht zu ziehen. Bemerkte er etwas? Veränderte sich sein Blick? Wurde aus dem flachen Interesse an einer Frau etwas Wissendes? Ein plötzliches Erkennen sogar?

Nein, Alex Traum schien von keinem Argwohn berührt oder verunsichert zu werden. Das gab mir den Mut, mich umzusehen. An einem Tisch in unserer Nähe saß eine ältere Dame, deren Blick gleichmütig über mich hinwegging, eine junge Familie nahm überhaupt keine Notiz von mir, und das Paar im mittleren Alter, das an dem Tisch in Alex’ Rücken saß … ja, die beiden starrten mich an. Und als unsere Blicke sich trafen, zogen sie die Köpfe ein und tuschelten sich etwas zu. Heiß und feucht kroch die Angst meinen Nacken hoch. Schon sah ich mich unauffällig nach einem Fluchtweg um, da hörte ich, dass die Frau etwas von den schrecklichen Folgen einer Chemotherapie flüsterte und von den bedauernswerten Menschen, die sich einer solchen Behandlung unterziehen und dann lange Zeit mit einer hässlichen Perücke leben müssen.

Ich entspannte mich wieder. Meine blonde Langhaarfrisur war anscheinend nicht von bester Qualität, aber immerhin doch gut genug, um meinen Typ gründlich zu verändern. Und dass ich hier mit einem Mann saß, war vielleicht genau richtig! Die mich suchten, hielten nach einer alleinreisenden Frau Ausschau! Denen würde vielleicht gar nicht auffallen, dass meine langen blonden Locken gestern noch auf einem Holzkopf gesessen hatten, den eine Maskenbildnerin in den Müll werfen wollte.

Also schenkte ich Alex Traum das strahlende Lächeln, auf das er augenscheinlich schon lange wartete. »Wollen Sie Urlaub auf Sylt machen? Oder müssen Sie aus beruflichen Gründen auf die Insel?«

»Ich will meinen Vater besuchen, der auf der Insel lebt.«

»Sie sind ein Sylter Junge?« Ich sah ihn scharf an. Kannte ich Alex Traum etwa von früher? War er ein Nachbarsjunge, ein Mitschüler gewesen, den ich nicht auf Anhieb erkannt hatte?

Aber er schüttelte den Kopf. »Ich bin auf Sylt immer nur in den Ferien zu Besuch gewesen. Die übrige Zeit habe ich in einem Schweizer Internat verbracht.« Er zog seine Brieftasche hervor und entnahm ihr ein Foto. »Dieses Haus hat mein Vater von seiner Tante geerbt. Als sie noch lebte, haben wir dort die Ferien verbracht. Nach ihrem Tod wollte mein Vater unbedingt, dass wir ganz nach Sylt zogen. Obwohl er dafür seine Praxis in Hannover aufgeben musste. Aber er hatte Glück. Ein Sylter Kollege wollte seine Praxis aus Altersgründen verkaufen, und mein Vater konnte sie übernehmen.«

Ich betrachtete das Foto mit höflichem Interesse. Ja, das Haus kannte ich. Es lag in der Nähe von Maiks Restaurant. Von der Familie Traum hatte ich allerdings nie etwas gehört.

Alex schien freundliche Worte zu erwarten, also versicherte ich ihm, dass das Haus sehr hübsch sei und ich nicht verstehen könne, dass er das Schweizer Internat einem Inselgymnasium vorgezogen hatte.

Heute war er geneigt, das auch so zu sehen. »Aber damals fiel es mir schwer, die Freunde aufzugeben, die ich im Internat hatte.«

Dann erzählte er in aller Ausführlichkeit von jedem einzelnen dieser Freunde. Der eine war Sohn steinreicher Eltern gewesen, der Vater eines anderen war Schauspieler, die Mutter des nächsten eine berühmte Sängerin gewesen …

An mir rauschten seine Worte vorbei, ohne dass ich sie aufnahm. Nicht nur, weil mich Alex Traums Erinnerungen nicht sonderlich interessierten, sondern vor allem, weil seine Brieftasche offen neben ihm liegen geblieben war, nachdem er das Foto zurückgesteckt hatte. Ich sah darin die obere Kante seines Personalausweises, seines Führerscheins, seiner Versichertenkarte und … seinen Presseausweis. Ich hatte also einen Vertreter der schreibenden Zunft vor mir, einen dieser unangenehmen Journalisten, einen Paparazzo, einen Sensationsreporter, einen schmierigen Schreiberling, der sich über die Intimitäten anderer Menschen hermachte, um daran zu verdienen. Das war das Allerletzte, was ich gebrauchen konnte!

Hatte er meine Nähe gesucht, weil er mich erkannt hatte? Wollte er sich unauffällig an mich heranmachen? Mich in Sicherheit wiegen, indem er sich harmlos und einfältig gab, um dann geduldig auf seine Chance zu warten? Wenn das so war, musste ich ihn schleunigst loswerden.

Aber wie? Sein Wagen stand in der Fahrspur direkt hinter meinem, er würde also auch direkt hinter mir auf den Autozug rollen und in Westerland direkt hinter mir wieder herunter. Es würde nicht leicht sein, ihn abzuschütteln.

Zum Glück knatterte in diesem Moment der Lautsprecher los. Eine gelangweilte Stimme verkündete, dass man in Kürze mit dem Verladen der Fahrzeuge beginnen wolle. Sämtliche Fahrgäste wurden zu ihren Autos gebeten.

Ich sprang auf, raffte die beiden Brötchen vor meine Brust und schob mir in aller Eile so viel Krautsalat in den Mund, wie reinging. Mit vollen Backen und eindeutigen Gesten gab ich Alex Traum zu verstehen, dass es mich freute, ihn kennengelernt zu haben, dass sich unsere Wege nun jedoch leider trennen mussten.

»Wo steigen Sie ab?«, rief er hinter mir her. »Wir könnten uns ja mal auf ein Bier treffen.«

Mit einem kurzen Schulterzucken gab ich vor, dass seine Worte mein Ohr nicht erreicht hatten, dann war ich am Ausgang angekommen und rettete mich an die frische Nordseeluft, in der es immer eine Bö gab, die genau das mit sich reißen konnte, was man nicht bei sich haben wollte. Zum Beispiel die bedrückende Einsicht, dass Alex Traum mein Tablett entsorgen musste. Ich konnte durchs Fenster sehen, wie er unsere beiden Tabletts aufeinander stellte und darauf alles stapelte, was von unserem Imbiss übrig geblieben war. Ich hatte wohl zu lange in Restaurants mit hervorragendem Service gespeist und dabei völlig vergessen, dass man in einem Imbiss mit Selbstdienung das benutzte Geschirr eigenhändig zurückzubringen hatte.

In diesem Augenblick tat mir Alex Traum trotz meines frisch aufgebrochenen Misstrauens leid. Er hatte wahrlich nicht viel Freude an mir gehabt. Genau genommen war es sogar verdächtig, dass er so beharrlich, geradezu verbissen an meiner Gesellschaft interessiert war. Dafür gab es eigentlich nur eine Erklärung: Er war hinter mir her und hielt mit seinen finsteren Absichten noch hinter dem Berg. Er musste wissen, dass ich vor jedem Reporter die Flucht ergreifen würde. Andererseits … wie konnte er dann so dumm sein, mich seinen Presseausweis sehen zu lassen? War er vielleicht doch nichts anderes als ein Mann, dem während längeren Wartens das Gespräch mit einer Frau gut zupass kam? Dem ich womöglich gefiel mit dieser schrecklichen Perücke und der langweiligen Kleidung, die ich sonst nie an mich heranließ? Eine schlecht sitzende billige Jeans, ein graues T-Shirt und eine dunkelblaue Kapuzenjacke, die schon mindestens hundertmal gewaschen worden war. Wie die Praktikantin wohl ohne ihre Kleidung nach Hause gekommen war?

Von der Antwort auf diese Frage wurde ich abgelenkt, weil ich einen kleinen Jungen rufen hörte: »Papa, in diesem Auto kräht ein Hahn!«

Babette! Vermutlich glühte ihre Wahlwiederholungstaste schon, weil sie endlich wissen wollte, was ich mit meiner Geheimzahl vorhatte und was der Mensch im Schilde führte, für den ich unser letztes Telefongespräch so rüde unterbrochen hatte. Und natürlich wollte sie wissen, wo ich war. Das vor allem! Aber sie würde auf meinen Rückruf warten müssen. Die Geräusche beim Verladen der Fahrzeuge konnten verräterisch sein, der Wind, der während der Überfahrt an den Autos rüttelte, ebenfalls, und das Kreischen der Möwen, die den Sylt-Shuttle verfolgten, erst recht. Nein, Babette durfte erst mit meinem Anruf rechnen, wenn ich in Sicherheit war. Und dann würde ich ihr noch immer nicht verraten, wo ich mich aufhielt. Zwar war sie meine Vertraute, aber da sie ein ganz eigenes Wertesystem hatte und ein sehr ausgefallenes Gefühl für Fairness, musste ich damit rechnen, dass aus ihrer Loyalität ein Judaskuss wurde, wenn sie glaubte, mich zu meinem Glück zwingen zu müssen. Dass sie das Glück häufig ganz anders definierte als ich, darüber würde sie keine Sekunde nachdenken.

2.

Berno Kaiser ging es schlecht. Das war an sich nichts Besonderes, es ging ihm seit Wochen schlecht, genau genommen, seit dem Tag, an dem er von der Frau verlassen worden war, die er noch immer die Liebe seines Lebens nannte. Und was das Schlimmste war: Sie hatte ihn verlassen, weil sie ihn für einen Verräter hielt, für einen, dem Geld wichtiger war als die Liebe, der die Karriere über alles setzte und dem beruflichen Erfolg sogar das Glück der Frau, die ihm vertraute, vor die Füße warf. An ihren Vorwürfen war nichts Wahres dran, gar nichts! Aber sie glaubte ihm nicht, denn Berno hatte nicht beweisen können, dass er unschuldig war. Und seitdem ging es ihm schlecht.

Selbstverständlich war er sofort zum Arzt gegangen, nachdem Emily mit ihm Schluss gemacht hatte.

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