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Denkzettel für Julia

Denkzettel für Julia

Walter G. Pfaus

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2017.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Denkzettel für Julia

Copyright

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

XXVII

Epilog

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Also By Walter G. Pfaus

About the Publisher

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Denkzettel für Julia

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Kriminalroman von Walter G. Pfaus

Der Umfang dieses Buchs entspricht 208 Taschenbuchseiten.

Achim Herzog konnte nicht glauben, dass seine Ehefrau Julia ihn betrog; schließlich liebte er sie und trug sie auf Händen. Dass sie sich dennoch einen Liebhaber zugelegt hatte, machte ihn unendlich wütend. Zumal er befürchten musste, dass sein Schwiegervater ihn als Geschäftsführer seiner Maschinenfabrik entlassen würde, wenn Julia sich von ihm scheiden ließ. Und das würde er nicht ertragen, denn schließlich hatte er – Achim Herzog – die Berkhoff-Werke zu einer Firma von Weltruf gemacht! Voller Hass will er seiner Frau einen Denkzettel verpassen, den sie niemals vergessen würde. Er entwirft einen perfiden Plan, dessen Ausführung bald außer Kontrolle gerät ...

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I

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Es begann alles mit einem relativ harmlosen Jagdunfall im Allgäu.

Die Einladung zu der Treibjagd am 17. November war schon Ende Oktober gekommen.

Wäre ich dieser Einladung doch niemals gefolgt!

Aber Niedermaiers Treibjagden waren immer der Höhepunkt der Jagdsaison gewesen. Ich war zum vierten Mal bei ihm eingeladen, und es hätte schon etwas sehr Schlimmes passieren müssen, wenn ich Niedermaiers Einladung nicht gefolgt wäre. Aber es passierte nichts. Jedenfalls nicht bis zu diesem verhängnisvollen Tag.

So nahm das Unheil seinen Lauf.

Am Morgen des 17. November stand ich sehr früh auf. Ich war gut gelaunt und freute mich auf die Jagd. Julia, meine Frau, schlief noch.

Milva, unser Mädchen, war mit mir aufgestanden und machte mir das Frühstück zurecht. Milva war Jugoslawin und gerade zwanzig. Sie war ein hübsches, ruhiges Mädchen mit langen, schwarzen Haaren und großen, braunen Augen. Sie war fleißig und zuverlässig, und wir mochten sie beide sehr gern.

Milva himmelte mich an. Ich hätte das gar nicht bemerkt, wenn mich Julia nicht darauf aufmerksam gemacht hätte. Manchmal zog mich Julia damit auf, aber sie meinte es natürlich nicht ernst. Sie wusste, dass sie sich auf meine Treue verlassen konnte.

Ich liebte Julia, wie ich noch nie in meinem Leben jemanden geliebt hatte, und ich war sicher, dass auch Julia mich liebte. Andere Frauen hatten mich seit unserer Heirat vor elf Jahren nicht mehr interessiert. Ich hatte Julia. Sie bedeutete mir mehr als alle anderen Frauen der Welt.

Natürlich empfanden wir nicht mehr diese große, brennende Leidenschaft füreinander wie damals, als wir uns kennenlernten. Das hatte ich vor allen Dingen an Julia festgestellt. Ihr Verlangen nach Sex war nicht mehr so groß wie am Anfang unserer Beziehung und auch noch am Anfang unserer Ehe. Sie war merklich ruhiger geworden, und sie kam auch nur noch selten zum Orgasmus.

Aber ich wusste, dass das nicht an mir lag.

Als sich nach unserem vierten Ehejahr immer noch kein Kind eingestellt hatte, gingen wir beide zum Arzt und ließen uns gründlich untersuchen. Dabei stellte sich heraus, dass Julia keine Kinder bekommen kann.

Es dauerte sehr lange, bis sich Julia beruhigte. Sie konnte es nicht fassen, dass sie unfähig war, ein Kind zu empfangen. Auch ihr Vater hatte seine Enttäuschung nicht verbergen können. Er hatte sich so sehr Enkelkinder gewünscht. Schon deshalb, weil die Firma wieder einen Nachfolger brauchte.

Unsere Ehe geriet in eine schwere Krise. Julia schloss sich tagelang ein. Sie schämte sich. Sie war völlig verzweifelt. Sie glaubte, keine richtige Frau zu sein. Ja, sie meinte sogar, sie wäre überhaupt keine Frau.

In dieser schweren Zeit bewies es sich, wie sehr ich Julia liebte. Ich tat alles, um sie wieder aufzurichten, und ich spürte förmlich, wie gut ihr meine Fürsorge tat und wie sie langsam ihr Selbstvertrauen und ihren Lebensmut wiederfand.

Von meinem Schwiegervater bekam ich keine Hilfe. Er bedurfte selbst des Trostes.

Nach einiger Zeit fing sich Julia wieder. Meine Geduld und meine doppelte Aufmerksamkeit hatten Früchte getragen. Julia konnte bald wieder lachen, und es war fast wieder so wie am Anfang unserer Ehe. Nur das leidenschaftliche Feuer fehlte, wenn wir uns liebten. Julia war nicht mehr so wild und laut in meinen Armen. Sie war ruhiger und stiller geworden. Aber ich liebte auch diese Julia.

Auch mein Schwiegervater hatte sich bald von dem Schock erholt. Eines Tages überraschte er uns mit einer Freundin. Sie war fünfundzwanzig Jahre alt, also genau so alt wie seine Tochter, hatte langes, goldblondes Haar und ein sehr hübsches Gesicht.

Ein Jahr später, genau an seinem sechzigsten Geburtstag, überließ er mir die alleinige Leitung der Firma und zog sich mit seiner jungen, hübschen Freundin nach Uhldingen am Bodensee zurück. Er besaß dort direkt am See ein sehr schönes Haus, und im Bootshafen, neben den bekannten Pfahlbauten, lag eine acht Meter lange Yacht, die ihm gehörte.

Das war vor sechs Jahren gewesen. Inzwischen hat mein Schwiegervater seine Freundin geheiratet, und die beiden finden kaum noch Zeit, uns zu besuchen. Sie sind immer unterwegs.

Als ich die Firma vor sechs Jahren übernommen hatte, waren dort vierhundert Arbeiter und Angestellte beschäftigt gewesen. Heute sind es sechshundertfünfzig, und der Umsatz hat sich nahezu verdoppelt.

Vor drei Jahren machte ich Albert Prohaska zum Direktor. Prohaska war ein ausgezeichneter Mann. Die Firma war alles für ihn. Er ging ganz darin auf, und so konnte ich es mir leisten, mich während der Jagdsaison ausschließlich dem Jagen zu widmen. Ich wusste die Firma bei ihm in guten Händen.

Am Anfang unserer Ehe war Julia oft mit zu den Treibjagden gegangen. Aber dann merkte ich bald, dass sie es eigentlich nur mir zuliebe getan hatte und vielleicht auch noch wegen des schicken Kostüms. Die Jagd selbst widerte sie sogar an.

Sie hatte Mitleid mit den Tieren. Das laute Knallen der Schüsse störte sie, und der Geruch von Pulver und der Anblick von Blut verursachten ihr Übelkeit. Manchmal verschlug es ihr sogar den Appetit.

Eines Tages gestand sie es mir dann ein und bat mich, zu Hause bleiben zu dürfen. Es gäbe eine Menge Dinge zu erledigen im Haus, und sie würde lieber zu Hause auf mich warten. Sie versicherte mir, es würde ihr überhaupt nichts ausmachen, wenn ich sie allein ließe.

Also zog ich ohne sie los, um mein Wild zu erlegen, und Julia blieb zu Hause. Anfangs versuchte ich, das Jagen ein wenig einzuschränken, um Julia nicht so oft allein lassen zu müssen. Aber dann wurde doch nichts daraus. Ich bekam immer mehr Einladungen. Ich war ein gern gesehener Gast, und ich fühlte mich geschmeichelt. Ich nahm fast jede Einladung an und war in den Monaten November und Dezember mehr bei Treibjagden als zu Hause oder in der Firma.

Und so kam es, dass ich auch an diesem verhängnisvollen 17. November sehr früh aufstand, um zu einer Treibjagd ins Allgäu zu fahren.

Wir trafen uns um acht Uhr auf dem Gut von Niedermaier in der Nähe von Kempten. Niedermaier war ein großer, breiter Mann, mit einer lauten, dröhnenden Stimme. Sein derber Humor lag nicht jedem, aber seine Treibjagden waren die besten, die ich je mitgemacht hatte. In den Wäldern im Allgäu gab es eine Menge Wild, und wir kamen dort immer auf unsere Kosten.

Das beste bei Niedermaiers Treibjagden war jedoch das gemeinsame Essen am Abend nach der Jagd. Es wurde in der Wohnhalle auf dem Gut eingenommen. Für diese Abende engagierte Niedermaier eigens einen Koch aus München. Der Koch war ein Weltmeister in seinem Fach. Ich hatte noch nie zuvor ein so gut zubereitetes Wildbret gegessen. Auf dieses gemeinsame Essen freuten sich alle.

Kurt Niedermaier hatte diesmal vierundzwanzig Gäste geladen. Nach einer kurzen Begrüßung teilte der Jagdherr uns in zwei Gruppen auf. Die erste Gruppe führte er selbst an. Die zweite Gruppe, in der ich mich befand, bekam Professor Daumann als Führer.

Das Waldstück, das wir an diesem Tag bejagen wollten, war nicht sehr weit vom Gut entfernt. Wir erreichten es zu Fuß in knapp zwanzig Minuten.

Vor dem Waldstück trennten wir uns. Niedermaier führte seine Gruppe nach links und teilte seine Leute ein. Heinrich Daumann tat dasselbe mit unserer Gruppe auf der rechten Seite. Wir umstellten das ganze Waldstück.

Links von mir war ein junger Rechtsanwalt in Stellung gegangen. Er war mir vorgestellt worden, aber ich hatte seinen Namen nicht behalten. Er war zum ersten Mal dabei, und er war sehr aufgeregt. Das war leicht an seinen etwas hastigen und fahrigen Bewegungen zu erkennen, und er rückte dauernd an seinem Hut und zupfte an seinem buschigen schwarzen Schnurrbart.

Unwillkürlich musste ich an meine erste Treibjagd denken. Ich war damals so aufgeregt wie er, und ich traf kein einziges Mal. Inzwischen bin ich zum Routinier geworden. Ich war nämlich so etwas wie ein Perfektionist. Alles was mir wichtig war, musste ich perfekt beherrschen. Zum Glück gab es in meinem Leben nicht allzu viele Dinge, die mir wirklich wichtig waren.

Um genau zu sein: Es gab drei Dinge, die mir außerordentlich wichtig waren. Da war zunächst die Firma. Ich hatte es mir nicht nehmen lassen, die Firma von Grund auf kennenzulernen. Ich hatte ein abgeschlossenes Studium als Betriebswirt, als ich Julia kennenlernte. Aber ich hatte keine Ahnung, wie die Werkzeugmaschinen zusammengebaut wurden, die die Firma Berkhoff in viele europäische Länder verkaufte.

Also fing ich ganz unten an. Ich arbeitete in jeder Abteilung acht oder zehn Wochen. Nach zwei Jahren war mir nichts mehr fremd. Ich kannte fast jedes Teilchen der Werkzeugmaschinen, und es gab niemanden im Betrieb, der mir etwas vormachen konnte. Was das rein Technische betraf, war ich sogar meinem Schwiegervater um einiges voraus.

Das zweite war das Autofahren. Ich war sehr viel mit dem Wagen unterwegs, und ich fuhr leidenschaftlich gern Auto. Also gab ich mich nicht damit zufrieden, einfach die Führerscheinprüfung bestanden zu haben. Ich nahm aktiv an Autorennen teil und freundete mich mit einem alten, sehr routinierten Rennfahrer an. Von ihm lernte ich eine ganze Menge.

Als ich heiratete, gab ich die Autorennen auf. Nachdem mir Philipp Berkhoff die Firma übergeben hatte, kaufte ich mir einen Mercedes 450 SEL mit 286 PS. Der Wagen lag mir fast so gut in der Hand wie damals der Rennwagen. Ich beherrschte ihn perfekt. In den letzten sechs Jahren war es jedoch öfter vorgekommen, dass ich mich von einem meiner Leute hatte fahren lassen. Das war wesentlich bequemer, und ich konnte während der Fahrt so manches erledigen.

Meine dritte Leidenschaft war die Jagd. Unter den vierundzwanzig Teilnehmern gab es nur wenige, die es mit mir hätten aufnehmen können. Ich konnte schießen wie ein ausgekochter Profi, und ich verfügte über ein hohes Maß an theoretischen Kenntnissen.

In meine Gedanken hinein ertönte das Horn. Die Jagd war freigegeben, und die Treiber drangen lärmend in das Waldstück ein.

Wir erlegten fünfundzwanzig Hasen. Zwei hatte ich abgeschossen. Mein Nebenmann, der junge Rechtsanwalt, war nicht einmal dazu gekommen, einen Schuss abzugeben.

Zum Mittagessen gab es die traditionelle Erbsensuppe. Am Nachmittag wollten wir noch Füchse jagen. Wir hatten gerade unsere Plätze eingenommen, als der Schuss fiel. Dabei hatte man das Treiben noch gar nicht angeblasen.

Ich ahnte sofort, dass irgendetwas passiert sein musste. Und so war es dann auch.

Ausgerechnet der Jagdherr selbst hatte sich ins Bein geschossen. Das musste ja einmal so kommen.

Ich hatte schon oft festgestellt, dass Niedermaier sehr leichtsinnig im Umgang mit seiner Jagdflinte war. Ich hatte ihn einmal darauf aufmerksam gemacht, aber er hatte mich nur ausgelacht.

Die Treibjagd wurde natürlich sofort abgeblasen, und Niedermaier musste ins Krankenhaus gebracht werden. Mehrere Schrotkörner waren ihm in den Oberschenkel gedrungen.

Daumann fuhr im Krankenwagen mit. Gegen fünf Uhr kam er allein zurück. Wir hatten auf dem Gut gewartet. Die Verletzung wäre nicht so schlimm, berichtete Daumann. Aber ein paar Tage müsste Niedermaier schon im Krankenhaus bleiben.

Das Essen fand trotzdem statt. Niedermaier wollte es so, auch wenn er nicht dabei sein konnte. Es schmeckte wie immer ausgezeichnet. Aber es wollte keine Stimmung aufkommen, und wir beschlossen, nach Hause zu fahren. Nur die aus der näheren Umgebung wollten noch bleiben.

Gegen acht Uhr abends fuhr ich los.

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II

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Wir bewohnten seit sieben Jahren eine schöne, großräumige Villa in Blaubeuren, einer kleinen Stadt in der Nähe von Ulm.

Obwohl unsere Fabrik in Ulm war, hatte Julia darauf bestanden, dass wir uns in Blaubeuren ein Haus bauten. Wir hatten uns an dem weit über die deutschen Grenzen hinaus bekannten Blautopf kennengelernt. Julia trieb geradezu einen Kult mit der Erinnerung an die schönsten Augenblicke des Lebens. Deshalb musste unser Wohnort Blaubeuren sein. Und wir hatten auch noch das Glück, einen Bauplatz zu bekommen, von dem aus man einen wunderschönen Blick über die Stadt hatte. Der Blick reichte sogar bis hinüber zum Blautopf. Nur das klare, tiefblaue Wasser der Quelle konnten wir nicht sehen; dazu mussten wir schon hinübergehen.

Und wir waren oft dort. Der Blautopf übte immer wieder eine seltsame Anziehungskraft auf mich aus. Uralte Buchen, Ulmen und Eschen stehen an den Ufern der tiefblauen Quelle, und auf den Schaufeln des sich Tag für Tag drehenden Mühlrades hat sich schon eine Zentimeter dicke Moosschicht festgesetzt.

Gegen zweiundzwanzig Uhr fuhr ich die Weilersteig zu unserem Haus hoch. Es war auch noch über den schmalen, unbefestigten Reichlensbergweg zu erreichen. Aber wir benutzten diesen Weg kaum. Gebüsch und Bäume ragten von beiden Seiten in den Weg hinein, und das Laub bildete im Sommer ein natürliches Dach über dem Weg.

Als ich vor unserem Grundstück ankam, lag die Villa völlig im Dunkeln. Hinter keinem der großen Fenster brannte Licht, und die Rollläden waren oben.

Sollte Julia schon so früh schlafen gegangen sein? Das erschien mir ziemlich unwahrscheinlich. Julia ging selten vor Mitternacht ins Bett. Dafür schlief sie morgens oft bis zehn und elf Uhr.

Milva hatte am Samstagabend frei. Wir hatten sie manchmal erst lange nach Mitternacht nach Hause kommen hören. Nur wenn wir samstags Gäste hatten, musste sie da sein.

Julia ist vielleicht nach Ulm gefahren, dachte ich.

Sie war öfter mal alleine in Ulm zu einem Opernbesuch. Ich mochte Opern nicht besonders, und ich war nur ihr zuliebe manchmal mitgegangen. Aber auch Julia ging es nicht allein um den Kunstgenuss. Ich hatte nämlich festgestellt, dass immer dann ein Opernbesuch fällig war, wenn sie wieder einmal ein neues Abendkleid gekauft hatte.

Ich fuhr einen kleinen Bogen auf der Straße und setzte den Wagen wie gewohnt rückwärts in die Garage. Ich hatte mir das so angewöhnt, um morgens völlig geräuschlos wegfahren zu können. Oft musste ich morgens sehr früh fort, und da wollte ich Julia nicht durch das Starten des Motors wecken. Und da auch der Betonboden der Garage nach vorne leicht abfiel, brauchte ich mich morgens nur in den Wagen zu setzen, die Handbremse zu lösen, und schon rollte der Wagen den Berg hinunter.

Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass Julias weißer Mercedes 280 SL in der Garage stand. Also musste Julia doch zu Hause sein. In Blaubeuren hatten wir kaum Kontakt zu irgendjemandem, und außerhalb des Grundstückes legte Julia keine hundert Meter ohne ihren Wagen zurück.

Eine unbestimmte Unruhe erfasste mich.

Ich stieg aus und ging durch die Verbindungstür von der Garage ins Haus. Ich ging sofort ins Schlafzimmer.

Ihr Bett war noch unberührt.

Julia war nicht zu Hause.

Was hat das zu bedeuten?, fragte ich mich. Warum ist sie nicht zu Hause?

Die Unruhe wurde zur Angst. Ich fürchtete, es könne ihr etwas zugestoßen sein. Wie schnell einem etwas passieren konnte, hatte ich heute selbst erlebt.

Aber dann schalt ich mich einen Narren. Julia konnte doch — entgegen ihren Gewohnheiten — einen kleinen Spaziergang in die Stadt hinunter gemacht haben. Es war eine helle, klare Vollmondnacht, und es war nicht kalt. Außerdem hatte sie mich ja erst morgen Abend zurückerwartet.

Ich beschloss, eine Weile zu warten, bevor ich irgendetwas unternahm. Aber im Haus wollte ich nicht bleiben. Es war so still und leer und irgendwie bedrückend.

Ich verschloss alle Türen und ging zu Fuß den Reichlensbergweg hinunter.

Aber schon nach wenigen Metern hörte ich einen Wagen die Weilersteig heraufkommen.

Ich blieb stehen und horchte.

Der Wagen kam auf unser Haus zu. Ich ging ein paar Schritte zurück, und ich sah die Scheinwerfer eines großen Autos. Der Wagen fuhr direkt auf unsere Garage zu.

Und dann stand Julia plötzlich im hellen Scheinwerferlicht. Sie trug den schwarzen Pelzmantel, den sie noch nie angezogen hatte, wenn wir miteinander ausgegangen waren. Und sie hatte die Haare hochgesteckt. So hatte ich sie bisher nur ganz selten gesehen.

Ich hob die Hand und wollte ihr zurufen. Aber dann blieben mir die Worte im Hals stecken. Der Motor wurde abgestellt, und die Scheinwerfer erloschen. Ein junger Mann stieg aus dem Wagen, und ich sah, wie er die Hand nach Julia ausstreckte und Julia die Hand ergriff. Der junge Mann zog sie an sich, und eng umschlungen verschwanden sie im Schatten der Garage.

Sekundenlang stand ich wie erstarrt. Ich konnte es einfach nicht fassen.

Aber dann riss ich mich zusammen. Ich schlug mich seitlich in die Bäume, kletterte den ziemlich steilen Hang hoch und schlich leise über den gepflegten Rasen. Braunes Laub raschelte unter meinen Füßen, und ich hielt unwillkürlich den Atem an und ging noch vorsichtiger.

Unsere Garage war in den Hang hineingebaut. Das Dach benutzten wir im Sommer als Terrasse. Auf Zehenspitzen schlich ich über die Fliesen, die ich auf dem Dach der Garage hatte auslegen lassen. Als ich nur noch wenige Meter vom Garagentor entfernt war, legte ich mich auf den Bauch und robbte das letzte Stück bis zum Rand vor.

Die Fliesen waren feucht und kalt, aber ich nahm es kaum wahr. Ich war mir in diesem Augenblick nicht einmal richtig bewusst, was ich tat. Ich fühlte mich von einer magischen Kraft angetrieben.

Und dann hörte ich ihre leisen Stimmen, und Julia sprach in einem Tonfall, den ich schon sehr lange nicht mehr bei ihr gehört hatte.

Zunächst verstand ich nicht, was sie sagte, und ich robbte noch ein Stück weiter und beugte mich dann über den Rand der Terrasse hinaus.

Jetzt konnte ich beide sehen.

Der junge Mann hatte die Arme um Julia gelegt und küsste sie. Er war ein bildhübscher Kerl. Ein Typ, auf den die Frauen fliegen. Er war gut so groß wie ich, hatte blondes, welliges Haar und lange, schlanke Finger. Er trug einen braunen Ledermantel mit Pelzkragen. Mehr konnte ich von meinem Platz aus nicht erkennen.

Und dann hörte ich Julia sagen: »Natürlich würde ich auch mal schrecklich gern eine ganze Nacht mit dir verbringen, mein Liebling. Aber du weißt, dass das nicht geht. Milva würde bestimmt sofort misstrauisch werden, und ich habe dir doch erzählt, dass sie ganz vernarrt in meinen Mann ist. Sie würde uns sofort verraten, und dann wäre alles aus. Wir müssen vorsichtig sein, auch wenn es uns schwerfällt. Ich habe ohnehin den Verdacht, dass sie schon etwas bemerkt hat. Aber sie ist sich nicht sicher, sie hat uns noch nie zusammen gesehen, und so soll es auch bleiben. Wir müssen Geduld haben, mein Liebling.«

Ungläubig blickte ich in ihr Gesicht. Ich sah es deutlich vor mir. Ich sah, wie es in ihren Augen flackerte, wie sich ihre Lippen leicht wölbten und wie sich ihr schlanker Körper anbot.

Als sich ihre Arme um den Nacken des Mannes legten und seinen Kopf zu sich herunterzogen, zerriss mir ein grässlicher, heftiger, brennender Schmerz die Brust, und ich begriff plötzlich, dass Julia mir schon lange nicht mehr gehörte. Sie gehörte diesem jungen Mann dort unten.

Es waren dieselben zarten Bewegungen wie damals, als wir uns kennengelernt hatten, und die ich schon seit Jahren an Julia vermisste. Genau genommen seit dem Tag, an dem ihr der Arzt mitgeteilt hatte, dass sie keine Kinder bekommen könnte. Aber ich hatte mir damals keine Gedanken darüber gemacht, weil ich froh war, dass sie sonst wieder die Alte war.

Doch jetzt hatte Julia auf einmal wieder zu all dem zurückgefunden, was sie mir damals so begehrenswert gemacht hatte. Die zärtlichen Bewegungen, die so viel Wärme ausstrahlten, die schmeichelnde, betörende Stimme und die wilde Leidenschaft, mit der sie sich an den Körper des Mannes presste. Das alles war mir nicht fremd. Ich kannte das sehr gut, aber ich hatte es längst vergessen, weil ich auch diese andere Julia liebte.

Und jetzt war alles wieder da. Alles, was mich damals so verzaubert hatte, mit dem sie mich völlig in ihren Bann gerissen hatte, war wieder da. Aber es galt nicht mir. Es war nicht ich, dem sie zärtliche Worte zuflüsterte, und es war nicht mein Körper, an den sie sich presste.

Es war ein mir völlig fremder junger Man, dem ihre Leidenschaft galt.

Und plötzlich überfiel mich die Eifersucht wie ein wildes Tier. Ich wollte mich auf die beiden hinunterstürzen und auf sie einschlagen; ich wollte sie in meinem Zorn zerschmettern. Ich fühlte, wie mich der Hass schüttelte, wie sich alles in mir aufbäumte, wie eine heiße, grausame Mordlust in mir aufkam.

Ich hätte die beiden auf der Stelle umbringen können.

Aber ich tat nichts. Ich weiß nicht, welche Kraft mich davor zurückhielt. Vielleicht war es die eingefleischte geschäftliche Klugheit, die mich daran hinderte, meine Aufwallungen zum Ausbruch kommen zu lassen. Vielleicht war es einfach der Schock, der mich auf der Stelle verharren ließ. Ich weiß es nicht. Jedenfalls lag ich steif wie ein Brett auf den kalten, feuchten Platten und rührte mich nicht. Ich glaube, ich wagte nicht einmal zu atmen.

Stumm und reglos wohnte ich weiter dem Verlauf des verliebten Dialoges bei.

»Du hast wie immer recht«, antwortete jetzt der blonde junge Mann. Er zog Julia noch fester an sich, und Julia legte das Kinn an seine Brust und sah bewundernd zu ihm auf. Wann hatte sie das letzte Mal so zu mir aufgesehen? Ich konnte mich nicht mehr erinnern. Es war jedenfalls schon sehr lange her. »Es wäre wirklich sehr unvorsichtig. Bisher kennt noch kein Mensch unser Geheimnis, und so soll es auch bleiben, bis unsere Zeit gekommen ist. Aber kannst du meinen Wunsch wenigstens verstehen? Kannst du verstehen, wie sehr ich mir wünsche, eine ganze Nacht mit dir verbringen zu können?«

»Und ob ich das verstehe«, flüsterte Julia. »Ich wünsche es mir doch auch. Vielleicht mehr noch als du. Aber wir dürfen kein Risiko eingehen, das würde unsere gemeinsame Zukunft gefährden. Wir müssen Geduld haben, mein Liebling.«

»Ja, ich weiß.« Er küsste Julia wieder. Dann fragte er: »Bist du sicher, dass das Mädchen etwas ahnt?«

»Nein, ich bin mir nicht sicher. Sie ist nur manchmal ein wenig seltsam mir gegenüber. Wenn Achim dann nach Hause kommt, ist sie wie umgewandelt.«

»Glaubst du, er hat was mir ihr?«

Julia lachte. »Der denkt gar nicht daran. Ich möchte wetten, dass er mich noch nie betrogen hat, und er wird es auch nie tun. Mit Milva schon gar nicht.«

»In diesem Fall wäre es vielleicht besser, du würdest dieses Mädchen entlassen. Sie könnte uns tatsächlich eines Tages gefährlich werden.«

»Ja, daran habe ich auch schon gedacht. Aber ich finde keinen Grund. Ich habe ihr nichts vorzuwerfen. Sie ist sehr fleißig.«

»Sag doch einfach, sie hätte dir etwas gestohlen«, riet ihr der blonde junge Mann allen Ernstes. »Sag, sie hätte dir Schmuck gestohlen. Oder Geld. Diese Ausländer sind doch alle gleich. Die klauen wie die Raben.«

»Milva stiehlt nicht«, hörte ich Julia sagen. »Die ist geradezu unanständig ehrlich. Aber dein Vorschlag ist trotzdem gut. Ich werde ihn mir durch den Kopf gehen lassen. Vielleicht lasse ich ein Schmuckstück verschwinden und mache Achim gegenüber eine Andeutung. Ich muss ihn davon überzeugen. Wenn er sie entlässt, ist das besser für uns.«

»Du bist eine unheimlich kluge Frau«, sagte der Blonde und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. »Mein Gott, wie ich dich liebe ... Wie ich dich liebe ...«

Und dann küssten sie sich wieder, und Julia stöhnte laut und presste ihren Schoß an seinen Körper, und die Hände des Mannes waren überall.

Ich lag wie erstarrt und konnte mich von dem Anblick nicht losreißen. Ich fühlte keinen Schmerz mehr. Ich fühlte meinen Körper nicht mehr. Meine Eifersucht hatte eine andere Gestalt angenommen. Sie hatte mich versteinert. Ich war plötzlich eiskalt. Mir fehlte auf einmal jegliches Gefühl. Mein ganzer Körper bestand nur noch aus Hass, grenzenlosem Hass, gemischt mit Furcht und Ratlosigkeit.

Und dann hörte ich den jungen Mann fragen: »Wann sehen wir uns wieder?«

Julia überlegte.

»Ich weiß noch nicht. Ich werde morgen bei diesem Niedermaier anrufen, um zu erfahren, ob er noch den ganzen Tag damit verbringt, die Tiere zu quälen ...«

Sie brachen beide in ein leises, spöttisches Lachen aus, und Julia fuhr fort: »Wenn er erst morgen Abend nach Hause kommt, komme ich wie üblich am Nachmittag zu dir. Aber ich rufe dich auf jeden Fall vorher noch an.«

»Gut. Ich warte auf deinen Anruf. Hoffentlich bleibt er noch lange weg.«

Und wieder küsste Julia diesen blonden, großen Kerl mit einer Leidenschaft, die ich an ihr kannte, die sie mir aber schon seit vielen Jahren nicht mehr entgegengebracht hatte, und mein Hass auf die beiden verstärkte sich noch.

Und dann spiegelte mir meine Fantasie deutliche Bilder vor: Ich sah sie völlig nackt, hemmungslos hingegeben, in den Armen dieses Mannes, und mir wurde mit einem Schlag klar, dass sie mich schon sehr oft betrogen hatte. Vielleicht nicht nur mit diesem Mann ... Vielleicht mit vielen anderen auch. Aber in diesen jungen Mann schien sie sich verliebt zu haben, sie war ganz verrückt nach ihm. Wahrscheinlich hatte sie schon sehr oft nachmittags in seinen Armen gelegen, und am Abend ...

Ich wagte nicht mehr weiterzudenken, weil mir sonst der Hass die Besinnung geraubt hätte. Aber ich konnte mich auch nicht abwenden. Wie hypnotisiert starrte ich auf die beiden hinunter.

Endlich lösten sie sich voneinander, und der junge Mann stieg in seinen Wagen. Julia warf ihm Handküsschen zu, und er warf Handküsschen zurück. Dann musste ich in Deckung gehen, denn er startete den Motor und schaltete die Scheinwerfer ein.

Der Blonde wendete auf dem kleinen Vorplatz, der sich an die Straße anschloss, und winkte Julia kurz zu. Und Julia, die schon fast an der Haustür stand, winkte mit beiden Händen zurück.

Ich warf einen Blick auf die Autonummer des Audi 100 und prägte sie mir ein. Dann verschwand der Wagen um die Kurve, und Julia ging ins Haus. Im Wohnzimmer ging das Licht an, und Julia zog die Vorhänge zu und ließ die Rollladen herunter.

Ich lag noch immer auf den kalten, feuchten Platten unseres Garagendaches und fühlte, wie die Kälte durch meine Kleider kroch. Drüben am Bahnhof fuhr ein Zug ein, und das Quietschen der Bremsen zerrte an meinen Nerven.

Mühsam stemmte ich mich hoch. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten. Ich zitterte und bebte am ganzen Körper, und meine Glieder waren steif und klamm und schmerzten.

Wie erschlagen taumelte ich den Hang hinunter auf den Reichlensbergweg. Ich schleppte mich vor zur Garage und lehnte mich an das Tor. Die Untreue meiner Frau hatte alles in mir gelähmt: meinen Verstand, mein Gefühl, meine Nerven.

Aber es war nicht nur die Untreue meiner Frau, die mich so fertig gemacht hatte. Mir ging das Gespräch der beiden nicht aus dem Sinn.

Was hatte Julia damit gemeint, als sie sagte, sie müssten Geduld haben? Und was hatte dieser Kerl gemeint, als er sagte, die Zeit wäre noch nicht gekommen?

Was hatten die beiden vor? Auf was wollten sie warten? Auf meinen Tod?

Plötzlich drehte sich alles vor meinen Augen, und ich rutschte langsam am Garagentor hinunter und setzte mich auf den kalten Betonboden.

War es möglich, dass sie an meinen Tod dachten? Würde Julia tatsächlich so weit gehen?

Aber warum sollte sie das tun? Etwa wegen diesem jungen Kerl? Wollte sie mich auf diese Art loswerden, um einen Skandal zu vermeiden?

Ein Skandal wäre nicht gut für die Firma, das weiß Julia, auch wenn sie sich nicht groß um den Betrieb kümmert.

Aber warum wollen sie warten? Worauf wollen sie warten?

Es gelang mir nicht, eine vernünftige Antwort zu finden. Vielleicht bildete ich mir das alles auch nur ein.

Ich brauchte Zeit, um in Ruhe darüber nachdenken zu können. Ich musste von hier weg. In diesem Zustand konnte ich Julia nicht unter die Augen treten. Ich könnte mich nicht beherrschen.

Ohne mir dessen richtig bewusst zu sein, öffnete ich vorsichtig das Garagentor, setzte mich in meinen Wagen und löste die Handbremse. Langsam rollte der Wagen an. Hinter der Kurve schaltete ich die Scheinwerfer ein, und bevor ich in die Weilerstraße einbog, legte ich den zweiten Gang ein und ließ die Kupplung kommen. Der Motor sprang an. Ich lenkte den Wagen hinaus auf die Bahnhofstraße und fuhr Richtung Ulm weiter.

Fast eine ganze Stunde fuhr ich kreuz und quer durch die Stadt. Ich hielt nirgends an. Ich fuhr einfach drauf los, ohne Plan und ohne Ziel.

Ich fuhr wie ein Roboter. Ich lenkte den Wagen und schlängelte mich durch den Abendverkehr, ohne mir dessen richtig bewusst zu sein.

Nur eines wurde mir immer klarer: Ich würde mich für diese Schmach rächen. Ich würde Julia einen Denkzettel verpassen, den sie ihr ganzes Leben nicht mehr vergessen würde.

Vor einer Diskothek musste ich bremsen, weil ein paar junge Leute lärmend und lachend auf die Straße herausrannten. Sie sangen laut und hängten sich ein.

Sie schienen sehr glücklich zu sein. Ihre Freude tat mir weh. Ich spürte wieder, wie ich zitterte.

Ich ließ die jungen Leute über die Straße und fuhr weiter. Ich zwang mich zum Überlegen. Es musste etwas geschehen. Ich konnte nicht ewig ziellos durch die Stadt fahren.

Vor einer Bar hielt ich an und ging hinein. Ich bestellte mir einen Whisky mit Eis. Nach dem fünften Whisky entschloss ich mich, in ein Hotel zu gehen.

Ich erinnerte mich an das Garni-Hotel in der Hirschstraße. Bei einem Bummel durch die Fußgängerzone mit Julia hatte ich es einmal gesehen.

Ich klingelte und bekam noch ein Zimmer.

Ich legte mich angezogen aufs Bett und fiel in einen unruhigen Schlaf.

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III

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Als ich am nächsten Morgen erwachte, fühlte ich mich hundeelend. Mein Kopf fühlte sich an wie ein Ballon, und sämtliche Muskeln taten mir weh.

Ich setzte mich auf, und die hässliche Wirklichkeit stand vor mir: Ich war in die große Schar der betrogenen Ehemänner eingereiht worden. Ich, der ich in den ganzen elf Jahren unserer Ehe nicht eine einzige Sekunde an der Treue meiner Frau gezweifelt hatte.

Die Bitterkeit, die ich darüber empfand, verursachte mir Übelkeit, und mein Hass auf die beiden flammte erneut auf. Ich öffnete das Fenster und blickte auf die Fußgängerzone hinunter.

Es war sechs Uhr früh, und sie war fast menschenleer. Und es war Sonntag. Die meisten Leute lagen jetzt zu Hause in ihren Betten und waren glücklich und zufrieden, weil sie ausschlafen konnten.

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