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Der Bastard und die Lady

PROLOG

„Die Menschen sind von Zeit zu Zeit gestorben,

und Würmer haben sie gefressen, aber keiner starb aus Liebe.“

Aus: Wie es euch gefällt, William Shakespeare

Oliver Le Beau Blackthorn war jung und verliebt und somit in doppelter Hinsicht anfällig für eher unkluges Verhalten.

Und so geschah es, dass ebendieser Oliver Le Beau Blackthorn mit dem benebelten Blick des Liebestrunkenen, dazu erzogen, sich selbst zu achten und sich allen Menschen ebenbürtig zu fühlen, den sprichwörtlichen Hut in der Hand, Hoffnung im Herzen und einen Blumenstrauß an die Brust gedrückt, eines schönen Frühlingsmorgens die Marmorstufen zum Herrenhaus am Portland Place hinaufstürmte und mit dem Löwenkopftürklopfer scharf gegen die massive Tür hämmerte.

Oliver, von seiner Familie Beau genannt, ließ seine äußere Erscheinung vor seinem geistigen Auge Revue passieren. Geschlagene zwei Stunden hatte er daran gefeilt und dabei ein halbes Dutzend Halstücher und die Nerven seines Kammerdieners zerfetzt.

Er präsentierte sich herausgeputzt in Vormittagsgarderobe, bestehend aus feinsten hellbraunen Wildlederhosen, strahlend weißem Leinen, einer fantastischen, aber unaufdringlichen Seidenweste, raffiniert durchzogen mit sehr hellbraunen Querstreifen, und einer tiefdunkelblauen Jacke, die ihm so eng auf den jugendlich schlanken, muskulösen Leib geschneidert war, dass er ohne Hilfe nicht hinein- oder herausschlüpfen konnte.

Den kecken Sitz seines Filzhuts mit der geschwungenen Krempe hatte er volle zehn Minuten lang vor dem Wandspiegel in seinem Ankleidezimmer korrigiert, bevor er mit dem Neigungswinkel zufrieden war. So wurde sein dichtes blondes Haar betont, aber nicht zerdrückt; die Krempe schützte seine strahlend blauen Augen, ohne sie zu verschatten.

Erst jetzt fiel ihm ein, dass er den Hut mitsamt den neuen hellbraunen Handschuhen und dem Spazierstock ja beim Diener der Breans abgeben würde. Lady Madelyn würde das alles nie zu sehen bekommen.

Hmm, noch hatte niemand auf sein Klopfen reagiert. Schäbig, solch ein Benehmen. Er hob die Hand erneut an den Klopfer; im selben Moment öffnete sich die Tür, und um ein Haar hätte er dem Diener eins auf die Nase gegeben.

Beau sah den Burschen böse an, der hastig zurücktrat. Der gut gekleidete Mr Blackthorn schlenderte in die mit schwarzem und weißem Marmor geflieste Halle, spürte, wie es ihm heiß in die Wagen stieg, und verfluchte seine lebenslange Neigung zum Erröten.

Kurz darauf gewährte ihm der Butler mit einem anscheinend missbilligenden Blick auf die Blumen Zutritt in den Großen Salon, wo er auf Lady Madelyn Mills-Beckman warten sollte, die älteste Tochter des Earl of Brean und Beau Blackthorns Geliebte.

„Reichlich viele Bs in einem Satz“, sagte Beau zu sich selbst, ein äußerliches Zeichen seiner Nervosität, die er bisher hatte verbergen können. Trotz des kleinen Patzers mit dem Diener fühlte Beau sich im Großen und Ganzen noch recht zuversichtlich.

Zumindest bis eine helle Frauenstimme seine Gedanken unterbrach.

„Selbstgespräche werden manchmal als Anzeichen von Wahnsinn gedeutet. Das hat Mama zumindest mal über Tante Harriet gesagt, und die war total verrückt. Tante Harriet, meine ich. Mama ist einfach nur dumm. Ich habe Tante Harriet einmal mit falsch herum angezogenen Kleidern gesehen. Sind die Blumen für Madelyn? Soll ich Ihnen verraten, dass sie Blumen nicht ausstehen kann? Davon muss sie niesen, ihre Augen tränen, und dann fängt ihre Nase an zu laufen …“

Beau war bereits herumgefahren und sah Lady Chelsea Mills-Beckman, ein ziemlich bösartiges Gör von höchsten vierzehn Jahren, in einem geblümten Sessel beim Fenster sitzen. Sie hatte die Beine unter den Rock ihres Musselinkleides gezogen. Auf ihrem Schoß lag ein aufgeschlagenes Buch.

Widerwillig musterte er ihr langes, wild gelocktes blondes Haar, das zur Hälfte der Schleife entkommen war; die Augen, weder grau noch richtig blau, unter geschwungenen Brauen, die ihre Miene gleichzeitig teuflisch und schalkhaft wirken ließen; den erblühenden jungen Körper, den sie eindeutig mit mehr Umsicht präsentieren sollte.

Das breite spöttische Lächeln auf ihrem Gesicht ignorierte er.

Beau hatte im vergangenen Monat schon zweimal das Pech gehabt, Lady Chelseas Gegenwart ertragen zu müssen, stets mit einem Buch in der Hand und ihrem zu flinken Mundwerk, und an diesem Morgen sah er sie genauso ungern wie zuvor.

„Dein Vater sollte einen Riegel an der Tür zum Kinderzimmer anbringen lassen“, sagte er jetzt gedehnt, schritt zu den Fenstertüren und warf den Blumenstrauß mir nichts, dir nichts hinaus in den Garten.

Lady Chelsea lachte über seine augenscheinliche Dummheit, ob sie sich nun auf seine Bemerkung oder die Blumen bezog, wusste er nicht so genau. Doch das erklärte sie ihm dann, das verflixte Kind.

„Ich würde schon einen Weg nach draußen finden. Ich habe keine Mutter, verstehen Sie, da muss man Nachsicht mit mir üben. Zu jung, um zu debütieren, zu sehr zu Unfug aufgelegt, um mich auf dem Lande meiner Gouvernante zu überlassen, während Madelyn verschachert wird. Vermutlich wünschen Sie, dass ich jetzt den Raum verlasse, bevor Madelyn ihren großen Auftritt hat und Sie sie mit schmachtenden Blicken in Entzücken versetzen. Oh weh, sehen Sie nur, die Blütenstängel haben einen nassen Fleck auf Ihrer abscheulich schlichten Weste hinterlassen. Ich fürchte, das könnte Ihrem bedeutungsvollen Gestus in die Quere kommen.“

Beau wischte hastig über seine Weste, bevor sein Verstand seinem Stolz verriet, dass das vermaledeite Mädchen sich über ihn lustig machte. Hatte er sie tatsächlich nur ins Kinderzimmer verbannen wollen? Viel lieber wäre ihm, wenn das freche Kind vom Kontinent, vielleicht sogar aus dem Universum verschwinden würde, doch er versagte sich eine dahingehende ehrliche Äußerung. „Ja, ich würde gern unter vier Augen mit Lady Madelyn reden.“

„Ach, na schön, wenn Sie es so förmlich halten wollen.“ Lady Chelsea erhob sich und strich ihr Kleid glatt. Sie war ein ziemlich hübsches Kind. In ein paar Jahren würde sie vermutlich Dutzende von Herzen brechen. Doch ihrer Schwester mit den eisblauen Augen und dem beinahe weißblonden Haar, dem rosa Schmollmund und der sahnigen, makellosen Haut im tiefen Ausschnitt ihrer Kleider konnte sie nicht das Wasser reichen.

Beau schob einen Finger in seinen Kragen und versuchte, ihn zu lockern, weil er plötzlich Schluckbeschwerden hatte. Schlucken erwies sich dann jedoch als völlig unmöglich, denn das Objekt seiner Zuneigung betrat das Zimmer.

„Mr Blackthorn, welch hübsche Überraschung. Ich hatte nicht erwartet, Sie so bald nach unserem Tanz auf Lady Cowpers Ball wieder zu sehen. Wie ungezogen, ohne Einladung dort aufzutauchen. Eigentlich sogar schockierend. Und nur, um mit mir zu tanzen und dann gleich wieder zu gehen? Das war ziemlich romantisch und verwegen.“ Lady Madelyn neigte den Kopf zur Seite, als suchte ihr Blick etwas hinter seinem Rücken Verborgenes. „Haben Sie mir etwas mitgebracht? Ich liebe Geschenke.“

Beau verneigte sich vor der Liebe seines Lebens und entschuldigte sich für sein bedauerlich schlechtes Benehmen.

Lady Madelyn wirkte zunächst leicht geknickt, doch schon hellte ihre Miene sich wieder auf. „Na gut, Entschuldigung angenommen. Beim nächsten Mal könnten Sie mir vielleicht Blumen mitbringen. Ich liebe Blumen.“

Ein Kichern aus der Zimmerecke verriet Beau, dass die Göre sich wieder mal an einem kleinen Spaß auf seine Kosten freute, doch er sah sie nicht an und ignorierte den Treffer. „Ich werde Ihnen ein ganzes Treibhaus voller Blumen schenken“, versprach er Lady Madelyn mit ernster Miene und verneigte sich erneut. „Und wenn ich jetzt ein paar Worte mit Ihnen unter vier Augen wechseln dürfte? Ich möchte Ihnen eine Frage von großer persönlicher Bedeutung stellen. Vermutlich wissen Sie aufgrund der gestrigen Ereignisse, welche.“

Sie rührte sich nicht, zuckte nicht mit der Wimper, und doch ging eine Veränderung in Lady Madelyns eisblauen Augen vor sich. Ihr Lächeln gefror, und ihr sahneweißer Teint schien noch mehr zu verblassen, sah aus wie Porzellan und genauso kalt und hart.

„Aber, Mr Blackthorn, Sie wissen, dass das völlig ausgeschlossen ist. Keine Dame von Stand ist jemals ohne Anstandsdame mit einem Herrn zusammen, wie wir beide wissen. Und falls ich Ihre Andeutung richtige verstehe, glaube ich, dass Sie bei meinem abwesenden Vater vorstellig werden müssten, nicht bei mir“, schimpfte sie mit reichlich erstickter Stimme. „Chelsea, bist du so lieb und bittest unseren Bruder kurz herein? Mrs Wickham ist noch mit Ankleiden beschäftigt, fürchte ich.“

„Aber ich habe sie eben auf der Treppe gesehen, und sie war völlig …“

Lady Madelyn fuhr herum und funkelte ihre Schwester an. „Tu, was ich dir sage!“

„Du bist dermaßen versnobt“, sagte Chelsea und stürmte aus dem Zimmer.

Oliver Le Beau Blackthorn war jung und verliebt und wie so viele seiner ähnlich heimgesuchten Brüder keines allzu klaren Gedankens fähig. Aber man musste nicht klar denken können, um zu erkennen, dass die rosarote Szene, die er sich ausgemalt hatte, meilenweit von dem entfernt war, was sich vor seinen Augen abspielte.

Vermutlich war sie aufgeregt. In Situationen wie dieser neigten Frauen zur Nervosität; sie konnten nicht anders. Das wollte er ihr zugutehalten.

„Lady Madelyn … und wenn ich so kühn sein darf, liebe, liebste Madelyn“, sagte er, indem er die Gelegenheit ihres Alleinseins nutzte, sich auf ein Knie niederließ und ihre rechte Hand ergriff, wie er es mit Sidney, seinem entsetzlich verlegenen Kammerdiener, geprobt hatte. „Es ist kein Geheimnis, dass ich Sie seit unserer ersten Begegnung über alles bewundere. Mit jedem Wiedersehen ist meine Zuneigung gewachsen, und ich glaube, sie wird erwidert, besonders nach unserem Spaziergang neulich abends, als ich es wagte, Sie zu küssen, und Sie mir die große Ehre erwiesen, mir zu gestatten …“

„Kein Wort mehr! Wie aufreizend ordinär von Ihnen, über solche Dinge zu reden! Kein Gentleman wäre jemals so unhöflich, einer Lady einen Augenblick der Torheit ins Gesicht zu schleudern. Ein einziger Kuss? Es war ein Spaß, eine Mutprobe, mehr nicht. Stehen Sie auf! Sie sind ein grässlicher Anblick.“

Ein einziger Kuss? Es war entschieden mehr als ein einziger Kuss. Sie hatte ihm gestattet, durch den dünnen Stoff ihres Kleides ihre Brust anzufassen, hatte voller Wonne unter seinem Kuss geseufzt, als er mit dem Daumen über die harte, kecke Brustwarze gestrichen hatte. Hätten sich nicht Schritte genähert, wäre er noch viel weiter gegangen. Er wäre beinahe explodiert, hatte kurz davor gestanden, sich gründlich zu blamieren, um Gottes willen.

Wenn er bei Verstand gewesen wäre, hätte er sie nun für ein kaltes, herzloses Flittchen gehalten. Aber nein, er war verliebt. Und sie war eindeutig verärgert.

„Ich weiß, ich bin dreist“, fuhr Beau hartnäckig fort – er hatte seine Rede die ganze Nacht hindurch geübt. „Ich bitte Sie nur um die Erlaubnis, mit Ihrem Vater zu sprechen. Das möchte ich nämlich nicht tun, wenn meine Zuneigung nicht aufrichtig erwidert würde.“

„Tja, sie wird nicht erwidert“, entgegnete Lady Madelyn hitzig und entzog ihm ihre Hand. „Sie unverschämter Niemand. Nur weil Ihr Vater einer von uns ist und Sie um seinetwillen und wegen des lächerlichen Vermögens, mit dem er Sie ausgestattet hat, in einigen Häusern akzeptiert sind, werden Sie doch niemals wirklich einer von uns sein. Merken Sie es denn nicht einmal, wenn jemand sich über Sie lustig macht? Sie sind ein Witz, Beau Blackthorn, die größte Lachnummer in ganz Mayfair, und Sie sind der Einzige, der es nicht weiß. Als ob ich oder sonst eine anständige Dame der guten Gesellschaft sich zu einem … einem Bastard wie Ihnen herablassen würde.“

Später erinnerte Beau sich daran, dass irgendwann im Verlauf dieser niederschmetternden Erklärung der Bruder der Lady den Salon betreten hatte, begleitet von zwei stämmigen Dienern, die Beau flugs bei den Armen gepackt und ihn hochgezerrt hatten, sodass er, die Stiefelsohlen gut zwei Zentimeter über dem Fußboden, zwischen ihnen baumelte.

Er rief den Namen seiner Liebsten, doch sie hatte ihm längst den Rücken gekehrt, ließ ihn zurück und hob den Saum ihres Kleids an, wie um zu vermeiden, dass sie in etwas Ekliges trat.

Eine Mutprobe? Ein Spaß? Mehr war er nicht? Sie – und Gott allein wusste, wer sonst noch – hatte ihn ermutigt und doch insgeheim über ihn gelacht? So sah die Gesellschaft ihn in Wirklichkeit? Als eine Art Affen, den sie tanzen lassen konnten? Wie einen Tanzbären, den sie mit einem Stock stießen, nur um zu sehen, wie er reagierte? Komm, Bastard, küss mich, fass an, was du niemals haben kannst. Und dann kannst du gehen. Du bist keiner von uns.

Seine Mutter hatte ihn gewarnt, hatte ihre drei Söhne allesamt gewarnt. Beau hatte die grässlichen Prophezeiungen, die sie aus den lächerlichen Ansichten und Taten seines Vaters herleitete, nie ernst genommen. Die Welt konnte nicht so schlecht sein, wie sie sie darstellte. Doch sie hatte recht gehabt, und er und sein Vater hatten sich geirrt.

Endlich kam Beau zu Verstand, nachdem alle Voraussetzungen und Hoffnungen seines jungen Lebens zerschmettert vor seinen Füßen lagen. Er versuchte wild, sich loszureißen, vergebens, bis er ohne viel Aufhebens nach draußen befördert und die Marmorstufen hinunter aufs Pflaster gestoßen worden war. Er hörte und spürte, wie beim Aufprall auf eine Stufenkante ein Knochen in seinem linken Unterarm brach und in einem schmerzhaften Schwall alle Luft aus seiner Lunge wich.

Dann traf der erste Peitschenhieb seinen Rücken, und er konnte nichts anderes tun, als sich zusammenzurollen, jeden Schlag hinzunehmen und zu versuchen, Gesicht, Augen und den verletzten Arm zu schützen.

„Sie wollen meine Schwester beleidigen? Schindluder mit ihrer Unschuld treiben?“ Immer wieder ließ der Viscount die Peitsche niedersausen. Der geflochtene Lederriemen mit der harten Metallspitze zerriss Beaus neuen Frack und seine Haut, dass sein Rücken brannte. „Den großen Mann spielen, sich über Ihren Stand erheben? Das kommt davon, wenn Ihresgleichen verhätschelt wird, verdammt noch mal. Die Gesellschaft geht in die Brüche! Dass einer wie Sie atmet, ist ein Gräuel für alles, was Anstand hat. Ich sollte Sie fesseln und in die Themse werfen lassen wie den Straßenköter, der Sie sind!“

Endlich hörten die Peitschenhiebe auf. Darauf folgten noch ein paar gut gezielte Fußtritte von den Dienern, dann hörte Beau im Innern des Hauses eine Tür schlagen. Zaghaft kam er auf die Füße. Sein Körper bestand nur noch aus Schmerzen, sein Herz und seine Seele waren ebenso zerrissen wie sein schöner Frack. Einer der Diener spuckte ihn an, bevor beide ihn anschnauzten, er solle sich trollen, und sich endlich ins Haus zurückzogen.

Beau hockte da wie ein geprügelter Hund, hielt seinen gebrochenen Arm und drehte sich zum Herrenhaus um, nur um zu sehen, wie die Tür sich einen Spalt öffnete und Lady Chelsea mit Tränen in den Augen zu ihm hinunterblickte.

„Es tut mir so schrecklich leid, Mr Blackthorn“, sagte sie schluchzend, und die Tränen liefen ihr über die Wangen. „Madelyn ist eingebildet und herzlos, und Thomas ist nichts weiter als ein Dummkopf. Beide können wohl einfach nicht aus ihrer Haut. Ich halte Sie nicht für eine Witzfigur. Ich … ich finde Sie durch und durch ebenbürtig, wenn auch vielleicht ein bisschen albern. Aber Sie sollten jetzt womöglich gehen. Weit, weit fort.“

Und dann schloss sie die Tür, und Beau blieb zurück und musste seinen eigenen Pferdeknecht zum Wegsehen zwingen, der mit dem neuen Zweispänner, gekauft, um Lady Madelyn zu beeindrucken, auf ihn gewartet hatte. Er hatte mit ihr ausfahren wollen, nachdem er mit ihrem Vater gesprochen hatte. Vielleicht hätte er ihr auf dem Weg zum Richmond Park noch einen Kuss geraubt – und mehr.

„Nein, vielen Dank, und ebenfalls danke, dass du treulose Tomate mir selbstlos zur Hilfe geeilt bist“, sagte Beau steif und biss gegen die drohende Übelkeit die Zähne zusammen, als der Pferdeknecht ihn stützen wollte. „Bring die verdammte Kutsche zurück in meine Ställe. Ich gehe zu Fuß zurück zum Grosvenor Square.“

Und genau das tat Beau dann auch. Zu Fuß folgte er den langen Straßenzügen bis zum Haus seines Vaters. Taumelte gelegentlich, fing sich aber immer wieder, trug das Kinn hoch, hielt sich gerade, blickte jedem Passanten in die Augen. Sollten sie doch sehen, sollten sie alle sehen, was sie ihm antaten, während sie sich als Gentlemen und Ladies bezeichneten und sich für besser, zivilisierter hielten als ihn. Sollten sie jetzt lachen, wenn sie konnten. Und sollten sie das alles nicht vergessen, damit sie sich beim nächsten Mal, wenn sie Oliver Le Beau Blackthorn sahen oder seinen Weg kreuzten, tunlichst in Acht nahmen.

Mit jedem Schritt und während Passanten, die ihm begegneten, rasch die Straßenseite wechselten, um seinem abgerissenen, blutverschmierten Anblick zu entgehen, während keiner von ihnen, sei es Bekannter oder mutmaßlicher Freund, einen Finger krümmte, um ihm zu helfen, ließ besagter Oliver Le Beau Blackthorn ein Stück seiner Jugend hinter sich, bis ihm nur noch ein Gedanke, eine Wahrheit blieb.

Sein Geld, sein Aussehen, sein Charme, die Freundschaften, die er in der Schule und hier in London geschlossen zu haben glaubte, die Akzeptanz, die er meinte gefunden zu haben – unterm Strich bedeutete das alles gar nichts.

Er war ein Narr gewesen, das wusste er jetzt. Jung und hochmütig und dumm. Die Lachnummer, als die Lady Madelyn ihn bezeichnet hatte.

Im Alter von zweiundzwanzig Jahren sah der älteste Sohn des Marquess of Blackthorn sich selbst endlich so, wie die Welt ihn sah. Nicht als Mann, nicht als Freund, nicht als Partner. Man sah ihn als das, was er war. Unehelich. Außerhalb der Ehe geboren, Sohn eines Marquess und einer einfachen Schauspielerin. Ein gebildeter und betuchter Bastard, ja, aber dennoch ein Bastard.

Er ging weiter, sein Herz verhärtete sich, in seinem Kopf kreiste nur ein Gedanke, der einzige Gedanke, der verhinderte, dass er sich seinen Schmerzen überließ und noch einmal kopfüber in die Gosse fiel.

Er würde tun, was die Göre ihm geraten hatte. Er würde fortgehen. Weit fort.

Doch er würde zurückkommen.

Eines Tages.

Und, bei Gott, dann sollte es noch einmal jemand wagen, über ihn zu lachen!

1. KAPITEL

Lady Chelsea Mills-Beckham, stets ein Ausbund an Anmut und Charme, schleuderte ihrem Bruder Thomas, seines Zeichens seit zwei Jahren der siebzehnte Earl of Brean, den dicken Predigtband mit marmoriertem Einband an den Kopf.

Sie hatte jämmerlich gezielt, und das Buch verfehlte ihn um einiges, was nicht dazu beitrug, ihre Laune zu heben.

Seine Lordschaft beugte sich hinab, hob das Buch auf, prüfte den Rücken auf etwaige Schäden, klappte es zu und legte es auf seinen Schreibtisch. Er war ein Mann Anfang vierzig, zu wohlgenährt und mit rosigem, nahezu glänzendem Teint. Er hielt sich für gut aussehend und geistreich, doch weder das eine noch das andere traf zu. In Chelseas Augen glich er eher einem kostspielig gekleideten Schwein.

„Gottes Wort, Chelsea, höchstpersönlich überbracht von dem frommen Reverend Francis Flotley. ‚Die Rolle der Frau verlangt ihren Gehorsam, und ihre größte Gabe ist ihre Einsicht in die überlegene Klugheit des Mannes. Sie mit ihrem unterlegenen Verstand soll sich sanft führen lassen wie das Schaf auf der Weide, sonst kommt sie vom Wege ab und wird als moralisch verkommen gestempelt, als Dirne in Herz und Seele, die nichts anderes als den Stock verdient hat.‘“

Die Geschwister hielten sich an diesem schönen Morgen im Spätapril seit kaum einer Viertelstunde im Herrenzimmer von Portland Place auf, und doch zitierte Chelseas Bruder bereits zum vierten Mal aus dem Predigtbuch. Was eindeutig ein Mal zu viel war, da es prompt die schon erwähnte Tat ihrer Ladyschaft nach sich zog, die ihm das Buch aus den Händen riss und in seine Richtung schleuderte.

Hütet uns arme, dumme, hirnlose Frauen, führt uns sanft an der Hand, solange wir gehorchen, und schlagt uns mit dem Stock, wenn wir uns weigern, uns wie Schafe zu benehmen. Mehr heißt das nicht. Welch ein erbärmliches Gewäsch“, konterte Chelsea, trotz ihrer Empörung bemüht, normal zu atmen. „Du bist ein Papagei, Thomas. Sprichst Worte nach, die du auswendig gelernt, aber nie zu begreifen versucht hast. Und ist dir je aufgefallen, Bruderherz, dass derartiger Unsinn stets von Männern geschrieben wurde? Steht mir das als Nächstes bevor? Dass du mich schlägst? Wenn ich mich recht erinnere, hast du die Peitsche einmal sehr sachkundig eingesetzt und scheutest auch nicht davor zurück, sie einen Wehrlosen spüren zu lassen.“

Der Earl sprang auf die Füße und hob die flache Hand, als wollte er seine Schwester ohrfeigen, ließ sich aber genauso schnell wieder in den Sessel sinken und setzte ein grässliches Lächeln brüderlicher Nachsicht auf.

„Ganz gewiss nicht, Chelsea. Aber du hast gerade den Beweis für die Worte des Reverend geliefert“, sagte er und faltete die Hände wie zum Gebet. „Frauen haben nicht so viel Verstand wie Männer und verfügen auch nicht über die hirngesteuerte Beherrschung, um sich gegen ungezogene, widerwärtige Ausbrüche wehren zu können. Aber ich will dir verzeihen, denn wie der Reverend sagt, bedeutet es, dass er dann Gottes Botschaft so überliefert hat, wie es ihm aufgetragen wurde.“

„Gott spricht mit dem Mann? Na, dann sollte ich vielleicht mal versuchen, selbst mit Gott zu plaudern, und wenn Er dann das nächste Mal mit dem Reverend spricht, kann Er ihm nahelegen, nicht immer meine Brust zu streicheln, wenn er vorgibt, mich zu segnen. Das dient vielleicht nicht unbedingt der Förderung meines mangelhaften Verstands, mag den Reverend aber immerhin vor einem Tritt gegen das Schienbein bewahren.“

Der Earl seufzte. „Gemeine Beschuldigungen bringen dich nicht weiter, Chelsea, und zeigen nur deine Bereitschaft, den Charakter des Reverend durch haltlose Vorwürfe zu schmähen, nur um … um deinen Willen durchzusetzen.“

„Hast wohl die restlichen Worte vergessen, wie? Wirklich, Thomas, du bist ein Papagei. Deine Frömmigkeit beruht auf Auswendiglernen, nicht auf Überzeugung.“

„Wir reden nicht über mich, sondern über dich.“

„Nicht, wenn ich das nicht will, und ich will nicht!“

„Was du willst, steht nicht länger zur Debatte, Chelsea. Du hast deine Chancen gehabt. Drei Jahre Ballsaison, und du bist immer noch nicht verheiratet und drohst eine alte Jungfer zu werden. Papa war deinen Anfällen und Launen gegenüber viel zu nachsichtig, und durch die Trauerzeit nach seinem Tod, Gott sei seiner Seele gnädig, hast du eine Saison versäumt. Jetzt ist die Saison schon wieder zur Hälfte vorbei, und du hast bisher die Werbung von sage und schreibe vier vornehmen Gentlemen in den Wind geschlagen.“

„Und die Werbung eines ausgekochten Mitgiftjägers, dem du auf den Leim gegangen bist“, erinnerte Chelsea ihn. Sie konnte nicht still sitzen und schritt auf dem Teppich vor dem Schreibtisch auf und ab. Ihr Bruder war seit jeher dumm gewesen. Jetzt war er dumm und fromm, versteckte seine Ängste hinter seiner neuen angeblichen Gläubigkeit, und das machte alles irgendwie noch schlimmer. Sie hatte ihn lieber gemocht, als er nur dumm war.

„Wie dem auch sei, trotzdem bleibt noch eine Frage offen. Wenn du dir keinen Mann suchen willst, bleibt es mir überlassen, dir einen auszuwählen, wie ich auch deiner Schwester geholfen habe. Es sollte dir über alle Maßen schmeicheln, dass er Interesse zeigt, zumal er aus erster Hand von deiner … deinen Schwächen und deinem penetranten Benehmen weiß. Ich wüsste keinen Besseren als Reverend Flotley.“

„Wenn du den Mund aufmachst, Thomas, kommen doch immer nur Francis Flotleys Worte heraus. Einen Schlimmeren kann ich mir nicht vorstellen. Lieber heirate ich einen Straßenkehrer, als mich diesem religiösen Quacksalber auszuliefern. In wenigen Wochen werde ich volljährig, Thomas, und du kannst mir nicht befehlen, diese … diese schmierige Kreatur zu heiraten. Ach, guck nicht so finster. Ein Quacksalber, da dein Verstand offenbar nicht überlegen genug ist, um das zu wissen, ist ein Mensch, der andere Menschen aus Gewinnsucht betrügt. Manchmal durch den Verkauf falscher Medizin und im Fall des Reverend durch den Verkauf falscher Erlösung. Du glaubst wirklich, er hat eine direkte Verbindung zu Gott? Wie ich höre, wimmelt es im Irrenhaus von Kranken, die glauben, dass Gott mit ihnen spricht. Du kannst jeden von ihnen bitten, Fürsprache für dich einzulegen, ohne einen Penny bezahlen zu müssen, und ich kann meiner Wege gehen.“

„Und wohin führen dich die, Chelsea?“ Ihr Bruder bewahrte die Fassung, etwas, was er gelernt hatte, als er vor zwei Jahren fast an Mumps gestorben wäre, womit er sich bei einer von Madelyns rotznäsigen Gören angesteckt hatte. Madelyn hatte zuerst zwei Mädchen zur Welt gebracht, bis sie ihrem Gatten den männlichen Erben geschenkt hatte. Daraufhin war der Mann endlich bereit, sie in Ruhe zu lassen, damit sie ihre gute Figur zurückbekam, einmal im Monat die Bond Street leer kaufen und mit jedem Mann schlafen konnte, der nicht ihr Gatte war.

Auf jeden Fall, und Madelyns Krankheiten verbreitenden Nachwuchs mal beiseite, war Thomas mittlerweile tiefreligiös, nachdem er Gott als Gegenleistung fürs Aufstehen von seinem eventuellen Totenbett alle möglichen Opfer versprochen hatte. Und der Reverend Francis Flotley hatte erfolgreich die Botschaften des Earls in dessen Namen an Gott weitergeleitet und tat das noch immer.

Seit dem frühzeitigen Tod ihres Vaters und Thomas’ eigener Beinahe-Begegnung mit dieser endgültigen Antwort auf die Prüfungen des Lebens trank der Earl keinen Schnaps mehr. Er spielte nicht mehr. Er hatte seine Geliebte verabschiedet und war jetzt zum ersten Mal in seiner Ehe seiner Frau treu –, die, wie Chelsea wusste, nicht allzu glücklich über diese Entwicklung war. Er trug teure, aber schlichte schwarze Anzüge ohne Zierrat. Er verlor nicht mehr die Beherrschung. Er las jeden Abend um zehn Uhr im Salon sein Nachtgebet und ging um elf Uhr zu Bett.

Und er ließ weiterhin umfängliche Geldsummen in die Taschen von Reverend Flotley fließen, der, wie Chelsea vermutete, zu dem Schluss gekommen war, die Ehe mit der jüngeren Schwester des Earls könnte ihm garantieren, dass dieser Geldhahn nie zugedreht wurde. Selbst dann nicht, wenn seine Lordschaft in eine Glaubenskrise geraten sollte … oder wieder einmal eine Dame mit zweifelhaften Moralvorstellungen kennenlernte, der er vielleicht eine diskrete Wohnung einrichten wollte.

„Wohin sie mich führen? Drohst du mir, mich auf die Straße zu setzen, Thomas?“

Er seufzte. „Ich wollte nicht, dass es so weit kommt, aber ich habe bis zu deiner Verheiratung die alleinige Verfügungsgewalt über deine Geldmittel von Mama. Dank meiner Großzügigkeit hast du ein Dach über dem Kopf. Du hast Brot auf dem Teller und Kleider am Leibe, weil ich ein fürsorglicher und versöhnlicher Mensch bin. Aber wichtiger noch ist, dass Francis und ich aufgrund deiner eigensinnigen modernen Ansichten Gefahr für deine unsterbliche Seele wittern, Chelsea. Ich fürchte, du lässt mir keine andere Wahl, als diese Entscheidung für dich zu treffen. Das Aufgebot wird gleich am Sonntag in Brean bestellt, und dort wirst du Ende dieses Monats mit dem Reverend verheiratet.“

Chelsea war hin- und hergerissen zwischen Panik und Zorn. Der Zorn obsiegte. „Den Teufel werde ich tun! Du glaubst, du wärst dem Tod knapp entronnen, und die Antwort darauf ist, mich zu opfern? Du hast wohl völlig den Verstand verloren! Das tu ich nicht, Thomas. Nein. Lieber beziehe ich Quartier unter der Brücke von London.“

Der Earl schlug das Predigtbuch auf und senkte den Blick auf die Seite, zum Zeichen, dass das Gespräch beendet war. Doch das Zittern seiner Hände konnte er nicht verbergen, und Chelsea wusste, dass es ihr beinahe gelungen wäre, seine Geduld über den Punkt hinaus zu strapazieren, den Reverend Flotley als zuträglich für die Seele ihres Bruders erachtete. „Die Brücke von London kommt nicht infrage. Wir brechen morgen Früh nach Brean auf, wo du bis zur Trauungszeremonie sicher verwahrt sein wirst.“

Chelseas Magen krampfte sich zusammen. Er wollte sie bis zur Hochzeit gefangen halten. „Sicher verwahrt? Eingesperrt meinst du, nicht wahr? Das kannst du nicht tun, Thomas. Thomas! Sieh mich an! Ich bin deine Schwester, nicht dein Besitztum. Das kannst du nicht tun.“

Er schlug die Seite um und ignorierte Chelsea.

Sie machte auf dem Absatz kehrt und flüchtete aus dem Zimmer. Wie Bienen schwirrten ihr verschiedene Möglichkeiten durch den Kopf … und besonders ein Gedanke setzte sich fest, dank einer von Thomas heraufbeschworenen Erinnerung.

Im Foyer angekommen trug sie dem Diener auf, ihre Stute vorführen zu lassen. Dann stürmte sie die Treppe hinauf, um Reitkleidung anzulegen, bevor ihr Bruder zu Verstand kam und begriff, dass eine vorgewarnte Gefangene von morgen besser schon heute eine Gefangene sein sollte.

„Also, ich liege hier und überlege, und jetzt habe ich eine Frage an dich. Bist du bereit? Verdammt und zugenäht, Mann, bist du überhaupt wach?“

Irgendwo in der Nähe ertönte ein gedämpftes und schwach Mitleid erregendes Stöhnen, und Beau wandte den Kopf auf dem Sofakissen – nicht ohne ein Mindestmaß an Unbehagen im Schädel zu spüren – und sah seinen jüngsten Bruder auf dem Sofa gegenüber liegen, bäuchlings und noch in voller Abendgarderobe. Allerdings hatte er anscheinend einen seiner schwarzen Abendschuhe verloren.

„Ein Stöhnen reicht, danke. Also, hör jetzt bitte zu – wie blau ist man, wenn man blau ist wie ein Lord?“, fragte Beau Blackthorn an Robin Goodfellow Blackthorn gewandt, den seine Geschwister und viele Freunde liebevoll Puck nannten.

„Gute Frage, Beau, wirklich. Aber ich weiß nicht recht“, antwortete Puck, ein weiteres Opfer der ausgeprägten Bewunderung ihrer lieben Theater spielenden Mutter für William Shakespeare, hob den Kopf und blinzelte durch das lange dunkelblonde Haar, das ihm ins Gesicht fiel. Eingehend betrachtete er eine Messingfigur, die eine spärlich bekleidete Göttin mit sechs – nein, acht merkwürdig verrenkten ausgestreckten Armen darstellte. Das hoffte er zumindest, denn wenn in Wahrheit nur zwei Arme vorhanden wären, dann war er so blau, wie ein Lord in der langen Geschichte der Lords nur sein konnte. „Doppelt so blau wie eine … wie heißt das gleich? Drei Räder, Transportmittel. Für Erde, Stein. Rüben. Warte, warte, ich hab’s gleich. Ach, ja. Eine Schiebkarre? Das ist es, blau wie eine Schiebkarre.“

Beau blickte auf die halbleere Weinflasche, die er aufrecht an seine Brust gedrückt hielt. Alle Viere von sich gestreckt, saß er auf dem zweiten Sofa der Garnitur im Salon und stellte fest, dass er keinen Drang mehr verspürte, den restlichen Flascheninhalt zu konsumieren. Nicht, wenn er immer noch so betrunken war, dass er seinen respektlosen und schwachköpfigen Bruder um Antworten auf irgendwelche Fragen bat. Außerdem begann sein Magen zu rebellieren und drohte seinen Inhalt wieder herzugeben.

„Immer noch ein Spatzenhirn, stimmt’s, Puck? Schiebkarren trinken nicht. Ist doch klar. Sie haben keinen Mund. Erinnerst du dich an den alten Sutcliffe? Er hat mal gesagt, er wäre blau wie Davids Sau. Ich kenne keinen David; du vielleicht? Einen mit einer Sau, nicht zu vergessen, das ist das Wichtigste. Es reicht nicht, nur einen David zu kennen. Irgendwie gehört eine Sau dazu.“

„David Carney ist mit einer Sau verheiratet“, sagte Puck grinsend. „Das sagt er selbst. Ich habe sie gesehen, und er hat recht. Was meinst du, sind wir immer noch betrunken? Dürften wir eigentlich nicht sein, nicht wenn es da draußen vor diesen verdammten Fenstern schon hell ist und die Uhr auf dem Kaminsims gerade zwölf geschlagen hat, als du von Säuen sprachst. Kann auch elf gewesen sein. Vielleicht habe ich mich verzählt. Oder sind wir vielleicht tot?“

„Das wäre wohl das Beste angesichts meines Brummschädels, aber ich glaube es nicht. Doch nun zurück zum Thema. Ich bin blau, du bist blau. Wir sind blau wie die Bastarde, kein Zweifel. Aber sind wir blau wie die Lords? Können Bastarde so blau wie Lords sein?“

„Fängst du schon wieder an mit dem Geschwafel über Bastarde und Lords? Ich dachte, damit wären wir nach der dritten Flasche durch gewesen. Bastarde können meiner Meinung nach nichts so sein wie Lords“, sagte Puck und stemmte sich behutsam so weit hoch, dass er sich seinem Bruder gegenüber in sitzende Position manövrieren konnte. Er fuhr sich mit beiden Händen durch das beinahe schulterlange Haar und schob es sich hinter die Ohren. „Hast du meine Schleife irgendwo gesehen? Sonst fällt mir mein Haar doch immer über die Augen.“

„Ich könnte klingeln und Sidney kommen lassen. Der Mann besitzt eine Schere, was man von deinem Kammerdiener nicht behaupten kann.“

„Blasphemie! Die Damen würden mir nie verzeihen. Mein Haar ist unabdingbar Teil meines beträchtlichen Charmes, weißt du? Wenn ich Puck sein soll, dann bin ich eben Puck. Mutwillig. Ein Kobold, ein Zauberwesen aus dem Wald.“

„Und nicht allzu gescheit.“

„Ha! Das sagst du. Aber trotzdem viel besser aussehend und männlicher und ganz eindeutig amüsanter als du. Der Traum jeder Jungfrau, auch wenn ich für Jungfrauen nicht viel übrig habe. Sie wollen so lange umworben sein, und wenn man sie endlich im Bett hat, wissen sie nicht, was sie tun sollen. Im Großen und Ganzen reine Zeitverschwendung.“

Beau hatte sich ebenfalls aufgesetzt und die Weinflasche neben dem Tisch zwischen den beiden Sofas auf den Boden gestellt, um sich besser den schmerzenden Kopf massieren zu können. „War das alles? Bist du jetzt fertig? Manchmal denke ich, du wirst nie wirklich erwachsen. Als ich fortging, warst du ein Kind, und als ich zurückkam, warst du zwar älter, aber kein bisschen klüger.“

Puck zuckte nur die Achseln; er verstand die Worte seines Bruders durchaus nicht als Beleidigung, denn ein weniger streitsüchtiger Bursche als er war in England wohl schwer zu finden. „Du sehnst dich nach Anerkennung, wo du sie nie finden wirst. Bruder Jack würde jeden anspucken, der es wagte, ihn als ehrbaren Mann zu bezeichnen. Und ich? Ich applaudiere mir selbst für meine absolute Gleichgültigkeit in dieser Frage. Ich besitze mehr Geld, als zehn Männer mit kostspieligen Vorlieben je brauchen würden, unserem schuldbeladenen Vater sei Dank. Ich habe eine gute Erziehung genossen, bin gut gekleidet und habe gute Manieren. Und ich habe keine anderen Ansprüche mehr, als glücklich und zufrieden mit meinem Schicksal zu sein. Und das, Bruderherz, das bin ich. Außerdem seid du und Jack todernst genug für uns alle zusammen. Wenigstens einer von uns sollte Spaß haben. Übrigens, du siehst beschissen aus. Ich darf nicht vergessen, die harten Getränke aufzugeben, wenn ich so alt bin wie du.“

Endlich lächelte Beau. „Du bist nur vier Jahre jünger als ich, und mit dreißig bin ich noch lange kein Tattergreis mit einem Fuß im Grab.“ Doch dann schob er die Finger durch sein dichtes blondes sonnengebleichtes Haar. „Allerdings, im Moment könnte ich es in Betracht ziehen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich zuletzt so gefühlt habe. Du bist ein schlechter Einfluss, kleiner Bruder. Man könnte sogar sagen, ein verderblicher. Wann gehst du zurück nach Frankreich?“

„Du willst mich nur ein paar Tage nach meiner Heimkehr gleich wieder rauswerfen, nachdem wir nur eine einzige Nacht lang meine Rückkehr in den Schoß meiner jämmerlichen Familie gefeiert haben? Weißt du, Papa hütet diesen Riesenhaufen Geld für uns. Na ja, mag sein, dass ich mich entschließe, meinen ständigen Wohnsitz in London einzurichten. Wäre das nicht prima? Nur wir zwei, wir geistern hier herum und treiben die Nachbarn in den Wahnsinn, weil jetzt zwei Blackthorn-Bastarde statt nur einem hier leben. Alle drei trommeln wir nie zusammen, weil Black Jack ja bekanntlich mindestens zehn Meilen Abstand zu uns hält.“

Beau versuchte, seine bös zerknautschte Krawatte zu richten. „Oh doch, er war hier. Herablassend, mürrisch, finster und verdammt sarkastisch. Wünsche ihn dir bitte nicht her. Es würde keinem von uns gefallen.“

„Er würde einen prächtigen Marquess abgeben, abgesehen davon, dass du der Erste in der Erbfolge sein würdest. Wenn unsere geliebte Mutter sich zur Heirat mit unserem vernarrten Papa herabgelassen hätte. Diese lästige Nebensächlichkeit steht nach wie vor im Weg.“

„Und wenn man Jack die Anerkennung auf einem goldenen Tablett servierte, er würde sie nicht annehmen. Er ist gern der Ausgestoßene.“

Puck zog eine schön geschwungene Braue hoch. „Das meinst du nur im übertragenen Sinn, oder? Ausgestoßener?“

„Himmel, das hoffe ich. Aber manchmal frage ich mich schon. Er lebt verdammt gut, wenn man bedenkt, dass er die Großzügigkeit unseres Vaters nicht annimmt. Ich würde sie auch ablehnen, wenn ich nicht mein Bestes täte, um meinen Unterhalt zu verdienen, indem ich den gesamten Blackthorn-Besitz verwalte, während du Spaß hast und Jack schmollt.“

„Ja, zugegeben. Ich ziehe es vor, mich herumzutreiben, Geld auszugeben und mich nach Herzenslust zu amüsieren, und ich bedauere es nicht im Geringsten.“

„Eines Tages wirst auch du erwachsen, so oder so, wie wir alle.“ Beau kam auf die Füße, der Überzeugung, sich selbst nicht eine Sekunde länger ertragen zu können, wenn er nicht auf der Stelle Sidney aufspürte und ein heißes Bad von ihm verlangte, um den Gestank einer Nacht zügellosen Zechens mit Puck von sich abzuwaschen.

„Er hat Glück im Kartenspiel? Beim Würfeln?“, drang Puck weiter in ihn, erhob sich ebenfalls und hielt triumphierend das schwarze Bändchen hoch, mit dem er sich dann das Haar zurückband.

„Ich weiß es nicht. Jack hat nie gern aus dem Nähkästchen geplaudert. Komm jetzt, kleiner Bruder. Wir brauchen ein Bad und ein Bett, wir beide.“

„Du vielleicht. Ich schwelge in der Vorstellung von Unmengen Eiern und ein paar von den feinen Würstchen, die wir gestern zum Frühstück hatten.“

Beau wollte sich der Magen umdrehen. „Ich kann mich an Zeiten erinnern, als ich das auch konnte, die ganze Nacht hindurch trinken und morgens mit klarem Kopf und einem Bärenhunger aufwachen. Du hast recht, Puck. Mit dreißig ist man alt.“

„Jetzt willst du mir nur Angst machen. He, was war das? Hat es geklopft? Soll ich einen deiner Londoner Freunde kennenlernen?“

„Bekannte, Puck. Freunde brauche ich nicht.“

„Also, das ist wirklich traurig“, entgegnete sein Bruder kopfschüttelnd. „Aber im Krieg hattest du doch sicher Freunde?“

„Das war etwas anderes“, sagte Beau. Sein Kopf dröhnte noch schlimmer als zuvor. „Soldaten sind ehrlich. Die Gesellschaft ist es nicht.“

„Die Franzosen sind bedeutend freizügiger eingestellt. Für sie bin ich geradezu ein Hätschelkind. Ein höchst amüsantes Hätschelkind, naturellement. Einen gebürtigen Bastard finden sie wohl eher anregend. Und natürlich bin ich ja außerdem ach so charmant. Ah, es klopft schon wieder, und da, ein Tumult.“ Puck setzte sich in Richtung Foyer in Bewegung. „Jetzt wird es interessant. Ich würde annehmen, es wäre jemand, der Schulden eintreiben will, aber dafür bist du viel zu reich. Komm, wir sehen nach, ja?“

Beau wollte schon protestieren, unterließ es jedoch und folgte seinem Bruder einfach in die Eingangshalle. Dort sahen sie eine Frau, das Gesicht verschattet von ihrem modisch lächerlichen Reithut, die leise, aber vehement mit Wadsworth stritt.

„Wadsworth?“, meldete Beau sich fragend, sodass sein Majordomus – vormals nicht weniger als ein Sergeant in der Armee Seiner Majestät – scharf herumfuhr und sich nur knapp enthalten konnte, seinen Arbeitgeber militärisch zu grüßen.

„Sir!“, bellte er geradezu und versuchte, seinen recht umfangreichen Körper zwischen den der Dame und seinen Dienstherrn zu schieben. „Hier ist jemand mit der Bitte, vorgelassen zu werden. Ich will sie gerade wegschicken … das heißt, ich habe sie wissen lassen, dass Sie nicht zu Hause sind.“

„Hm, ja, ich schätze, das können wir als Ausrede wohl nicht mehr gelten lassen, nachdem ich nun in Erscheinung getreten bin. Oder glaubst du, dass sie sich jetzt noch freiwillig zurückzieht?“

„Das tut sie ganz bestimmt nicht“, meldete sich die Frau hinter Wadsworths Rücken zu Wort. Und dann legte sie eine Hand im Reithandschuh aus Ziegenleder unter Wadsworths Ellenbogen, und der Mann, der seinerzeit in einem Scharmützel ein halbes Dutzend Franzosen einzig durch sein Auftreten und seinen Befehlston – und durch das drohend geschwungene blutige Schwert – im Alleingang bezwungen hatte, wurde unhöflich beiseitegeschoben.

Die Frau musterte die zwei Männer, vor denen sie jetzt stand. Ihr Blick wanderte von einem zum anderen. „Oliver Blackthorn? Wer von Ihnen ist Oliver Blackthorn? Und er andere dürfte Mr Robin Goodfellow Blackthorn sein, da der dritte Bruder meines Wissens dunkel ist und nicht blond wie Sie, es sei denn, dabei handelt es sich nur um einen romantische Verklärung, nicht um eine Tatsache. Welch unglückliche Namensgebung, Robin Goodfellow. Hat Ihre Mutter Sie nicht leiden können? Oh, Augenblick, Sie sind Oliver, nicht wahr?“, sagte sie und wies mit dem Zeigefinger nahezu anklagend auf Beau. „Ich meine, selbst nach all diesen Jahren noch die finstere Miene zu erkennen. Wir müssen reden.“

„Himmel, welch eine Schönheit, wenn auch frech“, sagte Puck leise. „Sag ihr, sie irrt sich, ich bin du. Es sei denn, sie kommt, um dir mitzuteilen, dass der Bastard einen Bastard gezeugt hat. In dem Fall bin ich im Frühstückszimmer zu finden, wo ich mir einen dicken Bauch zulege.“

Beau hörte nur mit halbem Ohr zu. Er zermarterte sich den Kopf darüber, wo er schon einmal Augen von einer so seltsamen Farbe, dieser Mischung aus Grau und Blau, gesehen hatte, die so feurig, klug und streitlustig zugleich blitzten.

„Sie erinnern sich an mich, nicht wahr?“, fragte die junge Frau – und wieder klang es wie ein Vorwurf. „Das sollten Sie, und abgesehen vom Mumps sind Sie großenteils schuld daran, dass ich mich heute in einer solch verzweifelten Notlage befinde. Doch das ist schon in Ordnung, denn jetzt werden Sie die Scharte auswetzen.“

„Sie hat Mumps gesagt, oder? Ja, ich bin mir sicher. Ich war ein paar Jahre im Ausland, Bruderherz. Steckt man heutzutage die Wahnsinnigen in schicke Kleider und lässt sie an sonnigen Tagen frei herumlaufen?“

„Hör auf, Puck“, bestimmte Beau, trat einen Schritt vor und verbarg seine innere Erregung hinter einer ruhigen Miene. „Lady Chelsea Mills-Beckman?“, erkundigte er sich in der Überzeugung, recht zu haben, obwohl sieben lange und ereignisreiche Jahre seit seiner letzten Begegnung mit ihr vergangen waren. Aber warum war sie hier? Und wo war ihre Zofe? Vielleicht hatte Puck recht, und wenn sie nicht gerade aus dem Irrenhaus geflüchtet war, musste sie doch dem Wahnsinn nahe sein, allein in die Stadt zu reiten und ausgerechnet ihn aufzusuchen. „Was verschafft mir die Ehre?“

„Ah, Sie erinnern sich also. Und seien Sie versichert, die Erinnerung ist für keinen von uns allzu angenehm. Und falls es nicht gerade Ihre Art ist, Dienstboten mit dem Waschen schmutziger Wäsche zu unterhalten, schlage ich vor, uns zu einem privaten Gespräch in den Salon zu begeben. Sie nicht“, betonte sie und wies mit behandschuhtem Finger auf Puck, der bereits den Weg in den Salon einschlagen wollte.

„Nein, auf gar keinen Fall. Du hörst, was die Lady sagt. Sie will dich, Bruderherz, nicht mich. Ich verschwinde, und möge eine gnädige Gottheit deiner Wahl dich während meiner feigen Abwesenheit beschützen.“

„Wadsworth“, sagte Beau, ohne den Blick von Lady Chelsea zu lösen, „in zehn Minuten Tee und Erfrischungen, wenn’s recht ist.“

Lady Chelsea behauptete sich. „Wadsworth, eine Karaffe von Mr Blackthorns bestem Wein und zwei Gläser, sofort, und, ehrlich gesagt, im Moment interessiert mich nicht sonderlich, ob es Ihnen recht ist oder nicht. Mr Blackthorn, folgen Sie mir.“

Sie fegte in den Salon. Wadsworth und Beau sahen einander an, zuckten die Achseln und taten, wie ihnen geheißen. Das war das Problem mit wütenden Frauen. Beau wusste aus Erfahrung, dass es oft einfacher war, zu tun, was sie verlangten, bis man entweder eine Waffe, bildlich gesprochen, fand oder einen guten Fluchtweg.

Und Beau wäre gern geflüchtet, selbst wenn es feige erschien. Sobald er Lady Chelsea erkannt hatte, waren die Erinnerungen an seine letzte Begegnung mit ihr über ihn hergefallen und hatten ihn ernüchtert. Er war nicht allzu glücklich darüber, wieder klar denken zu können.

Sein Wiedersehen mit Puck hatte ihm Gelegenheit gegeben, den Schutzwall einzureißen, den er so sorgsam um sich herum errichtet hatte. Sie hatten gelacht und eindeutig zu viel getrunken, und Beau war bewusst geworden, wie lange er sich nicht mehr gestattet hatte, jung und albern zu sein.

Nur mit seinem Bruder konnte er über ihre außereheliche Geburt scherzen, das Schandmal, das sie beide ihr Leben lang tragen mussten, auf die leichte Schulter nehmen. Puck schien sein Schicksal ausgesprochen gut zu verkraften, wenngleich er das Problem von einem völlig anderen Blickwinkel her anging.

Während Beau sich bemühte, Achtung, wenn nicht Anerkennung zu gewinnen, hatte Puck sich mit seinem Charme in die französische Gesellschaft geschmeichelt.

Und Jack? Jack entzog sich jeder Spekulation, denn er lebte offenbar nach seinen eigenen Gesetzen.

Doch ganz gleich, welchen Weg Beau eingeschlagen hatte, er wusste, dass er es weit gebracht hatte seit der Zeit vor sieben Jahren, als er ein dummer Junge gewesen war. Er hatte die Vergangenheit hinter sich gelassen – abgesehen von der seiner Meinung nach letzten offenen Rechnung, die ihn nach London geführt hatte – und wollte die Tür zu jenem Teil seines Lebens am liebsten fest verschlossen wissen.

Verschlossen, und zwar vor Lady Chelseas Nase. Sie mit ihrem kindlichen Spott und dann den Tränen des Mitleids. Wenn ihn an jenem Tag eines in die Knie hätte zwingen können, dann war es der Anblick ihrer Tränen.

„Sir?“

Beau wandte sich Wadsworth zu und fand zurück in die Gegenwart. „Ja?“

„Tun wir, was sie gesagt hat, Sir?“ Der Mann verzog kurz das Gesicht und schüttelte den Kopf. „Führt sich auf wie ein General, nicht wahr, Sir?“

„Weiß Gott, Wadsworth“, stimmte Beau zu und strebte schließlich doch dem Salon zu. „Weiß Gott …“

2. KAPITEL

Im Grunde hatte er sich in den sieben Jahren nicht verändert. Andererseits aber eindeutig doch. Er wirkte größer, hatte ansprechend kräftigere Muskeln. Noch immer trug er eine arrogante Miene zur Schau, doch hinzu kam mittlerweile beträchtlich mehr Selbstbewusstsein. Seine Wangen waren schmaler, das Kinn war stärker ausgeprägt. Damals war er nur ein Jahr älter gewesen, als sie jetzt war, und hatte in der Zwischenzeit offenbar ein interessantes Leben geführt.

Schon damals hatte er sie beeindruckt, so lächerlich er auch gewirkt hatte in seiner närrischen Liebe zu Madelyn, so peinlich er in seinem geckenhaften Anzug auch ausgesehen hatte, so naiv er auch auf ihren Spott hereingefallen war. So verletzlich er gewesen war, als er auf der Straße lag, während Thomas immer wieder die Peitsche auf ihn niedersausen ließ.

Seit jenem Tag hatte sie Albträume von diesem schrecklichen Tag. Mr Blackthorn vermutlich auch.

Doch die Jahre hatten ihn zum Mann gemacht. Der Krieg hatte ihn zum Mann gemacht. Was an jenem schicksalhaften Tag am Portland Place geschehen war, hatte ihn zum Mann gemacht. Damals hatte er sie amüsiert. Jetzt wurde ihr flau im Magen, wenn sie ihn nur ansah. Er war so groß, so überaus männlich. Er war kein dummer Junge mehr.

Vielleicht hatte sie vorschnell gehandelt, als sie hierher kam. Ja, sie hatte eindeutig vorschnell gehandelt, hatte nur ihre eigene Misere im Blick gehabt und unbekümmert gedacht, er würde die Gelegenheit mit beiden Händen ergreifen und auf Anhieb verstehen, dass ihre Idee auch ihm half.

Aber es war nicht mehr zu ändern. Was sie getan hatte, war getan. Sie war hier, eine unverheiratete Frau im Haushalt eines Junggesellen, hatte, beobachtet von mindestens zwei oder drei verblüfften Mitgliedern der vornehmen Gesellschaft, vor der Tür gestanden und den Klopfer betätigt. Ach, und ihr Pferd samt Pferdeknecht stand noch draußen auf der Straße.

Sie hätte nicht offener vorgehen können, wenn sie wie eine Marktfrau schreiend und eine Glocke läutend auf den Grosvenor Square geritten wäre.

Jetzt musste sie Mr Blackthorn – oder Oliver, wie sie ihn in Gedanken nannte – klarmachen, dass es kein Zurück gab, für keinen von ihnen. Wenn sie auch Angst hatte und plötzlich unsicher war – was sie so selten erlebt hatte, dass sie nicht recht damit umzugehen wusste –, würde sie ihm ihre Besorgnis doch nicht zeigen.

„Sie sehen aus, als hätte Ihr Pferd Sie am Steigbügel mit sich geschleift“, sagte sie und blieb mitten in dem prunkvoll ausgestatteten Salon stehen. Sie zog ihre Handschuhe aus und betete, er möge das Zittern ihrer Hände nicht bemerken. „Und Sie riechen nicht allzu frisch. Ist das normal bei Ihnen? Denn wenn es so ist, werde ich meinen Plan nicht ändern, aber Sie werden sich unbedingt ändern müssen.“

Er griff nach einem Jackett, das über einer Stuhllehne hing, schien es sich jedoch anders zu überlegen und blieb in Wildlederhose und Hemdsärmeln vor ihr stehen. „So ungern ich Ihnen auch widerspreche, Lady Chelsea, ich muss nichts tun, was ich nicht selbst will. Der Status eines Bastards hat Vor- und Nachteile.“

Sie verdrehte die Augen und fühlte sich plötzlich noch unbehaglicher. Zwar wirkte er nicht verletzlich, aber er schleppte offensichtlich immer noch die Last seiner unehelichen Geburt mit sich herum. Die wog wohl so schwer, dass er sie liebend gern abwerfen würde, wenn sich die Chance geboten hätte. „Treten Sie das Thema immer noch breit? Offenbar ja. Deswegen treiben Sie meinen Bruder langsam in den Ruin.“

Beau furchte die Stirn, als hätte er sie nicht verstanden, und das ärgerte sie. Sie wusste doch, dass er nicht dumm war.

„Streiten Sie es nicht ab, Mr Blackthorn. Sie haben im letzten Jahr eine Person nach der anderen auf Thomas angesetzt, um ihn auf Abwege zu führen und ihm das Vermögen unserer Familie abzujagen. Es war, als hätten Sie selbst ihm tief in die Taschen gegriffen. Zugegeben, mein Bruder ist ein Idiot. Aber ich, Sir, ich nicht.“

„Und eine Lady sind Sie auch nicht gerade, wenn Sie ohne Zofe durch London reiten und uneingeladen in die Wohnung eines Junggesellen eindringen“, sagte Beau und ging zu einem der Sofas unter einem gewaltigen Kronleuchter, der, wenn er herabstürzte, bildlich gesprochen ein kleines Dorf unter sich begraben konnte. „Andererseits bin ich auch kein Gentleman, und ich bin neugierig. Bleiben Sie stehen, setzen Sie sich, wie immer Sie wollen, aber ich hatte eine harte Nacht, und der Morgen verspricht nicht unbedingt besser zu werden, und deshalb setze ich mich.“

Chelsea sah die Heimsuchung ihres Lebens an, die gleichzeitig ihre einzige Chance auf Rettung darstellte, und versuchte, ihn einzuschätzen. Er war blond, dort, wo die Sonne seinen dichten Schopf ziemlich zerzausten Haars traf, sogar noch heller, deshalb war ihr zunächst nicht aufgefallen, dass seine braun gebrannten Wangen mindestens einen Tag alten Bartwuchs aufwiesen. Das verlieh ihm ein reichlich verwegenes Aussehen, ein Gedanke, bei dem sie möglichst nicht lange verweilen wollte. Außerdem sah er aus – wie auch dieses geräumige Zimmer insgesamt –, als hätte er die vorangegangene Nacht mit ausgiebiger Zecherei und wenig Schlaf zugebracht.

Gut. Vermutlich hatte er dröhnende Kopfschmerzen. Dadurch war er leichter angreifbar.

„Ja, tun Sie das, setzen Sie sich, bevor Sie fallen, und gestatten Sie, dass ich fortfahre. Im vergangenen Jahr, als Thomas nach dem Trauerjahr und seiner Übernahme des Titels wieder in die Gesellschaft eingetreten ist und Sie nach Kriegsende nach London zurückkehrten, wurden wir nachweislich von einer Serie finanzieller Rückschläge heimgesucht, die den grausigen biblischen Plagen von Ägypten Konkurrenz machen können.“

Beau hob eine Hand, um sie kurz zu unterbrechen, und senkte sie wieder. „Gut, gut. Ich versuche, Ihr hochgestochenes Geschwafel zu entwirren, und ich glaube, ich habe verstanden. Ihr Bruder, der Krieg, meine Rückkehr nach sieben Jahren Abwesenheit – und irgendwelche Plagen. Geht es auch um Heuschrecken? Ungeziefer mag ich nicht. Aber nehmen Sie keine Rücksicht auf mein Zartgefühl, und das tun Sie ja offensichtlich sowieso nicht. Fahren Sie fort.“

„Das habe ich vor. Sie kennen die Heuschrecken, von denen ich rede. Mr Jonathan Milwick und seine großartige Erfindung, die, mit einem geringen finanziellen Beitrag meines Bruders, die Schnupftabak-Herstellung revolutionieren würde. Der überaus reizende Italiener, Fanini, glaube ich, dessen Entdeckung von Diamantenminen in Südwales Thomas reich wie Krösus machen sollte.“

Beau schloss die Augen und massierte sich die Schläfen. „Ich habe keine Ahnung, wovon Sie faseln.“

„Trotzdem werde ich weiter faseln. Die zehntausend Pfund, die sich nach Thomas’ Überzeugung an der Börse in drei Wochen verdreifachen würden, dank sei dem Rat eines gewissen Henrick Glutton, der Thomas seiner Großzügigkeit teilhaftig werden lassen würde, sobald sein Schiff, beladen mit Trauben für einen fantastisch teuren Wein, auf der Themse einträfe. Ich bin mit Thomas zum Landeplatz gegangen, als das Schiff eintraf. Haben Sie jemals verfaulte Trauben gerochen, Mr Blackthorn?“

„Glutten“, berichtigte er kläglich.

„Ah! Sie geben es zu!“

„Gar nichts gebe ich zu. Doch kein Mensch kann Glutton heißen. Ich habe nur eine Alternative vorgeschlagen. Entschuldigen Sie mich einen Moment, mir ist gerade etwas eingefallen.“ Er griff neben sich nach einer Flasche, die irgendwie auf dem unbezahlbaren Teppich gelandet war, und trank ein paar tiefe Züge daraus, als wäre er irgendein ungehobelter Wicht in einer Kneipe. Dann hielt er die Flasche mit beiden Händen fest, blickte zu Lady Chelsea auf und lächelte auf eine Art, dass sie ihn hätte ohrfeigen mögen. „Was sagten Sie?“

„Ich sagte – das heißt, ich habe es noch nicht gesagt, sondern wollte es sagen –, ich nehme Ihnen das alles nicht übel. Alles, was Sie getan haben, geschieht Thomas recht, und er hat noch mehr verdient. Doch mit Ihrem letzten Streich haben Sie eine Grenze überschritten, denn jetzt haben Sie mich in Ihre Rache einbezogen, und das lasse ich nicht zu. Trotzdem bin ich hier, um Ihnen zu helfen.“

Die Flasche auf halbem Weg an seinen Lippen, hielt er in der Bewegung inne. Immerhin hörte er ihr jetzt zu. „Verzeihen Sie, ich kann Ihnen nicht ganz folgen. Sie wollen mir helfen? Wobei denn, Madam?“

Chelsea hielt den Mund, bis Wadsworth ein Silbertablett mit zwei Gläsern und einer Karaffe Wein auf dem Tisch abgestellt und sich wieder entfernt hatte.

„Da habe ich mir wohl einen Feind geschaffen, wie?“, bemerkte sie, als der Mann ging. Und dann zuckte sie die Achseln, verwarf den Gedanken, setzte sich schließlich auf das Sofa Beau gegenüber und nahm das Glas Wein an, das er ihr reichte. „Sie wissen, dass mein Bruder nur ein paar Wochen nach dem Tod meines Vaters schrecklich krank wurde. Es war anzunehmen, dass er Papa schon bald ins Mausoleum in Brean folgen würde.“

„Ich habe etwas in der Richtung gehört, ja“, erwiderte Beau vorsichtig, ließ die Karaffe stehen und trank einen weiteren tiefen Zug aus der Flasche. „Wird mir auch das zum Vorwurf gemacht? Die Krankheit, vielleicht sogar das Ableben Ihres Vaters? Dann verfüge ich eindeutig über Kräfte, von denen ich selbst nichts wusste.“

„Papa ist einer Lungenkrankheit erlegen, nachdem er bei der Jagd vom Regen überrascht wurde. Demnach bezweifle ich, dass man Ihnen die Schuld an seinem Tod geben kann. Und es war Madelyns Brut, die zur Beerdigung nach Brean kam und ihre Seuche mitbrachte, die Thomas beinahe umgebracht hätte, als er gerade anfing, sich seines Titels zu freuen. Das war ein Triumph für Sie, nicht wahr?

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