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Der Notarzt - Folge 308

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Probe für den großen Tag
  4. Vorschau

Probe für den großen Tag

Doch niemand ahnte, wie es in Marias Herzen aussah

Karin Graf

In der Frankfurter Sauerbruch-Klinik staunen die Mitarbeiter nicht schlecht, als sich herumspricht, dass sich die Assistenzärztin Maria Rossini mit dem Unfallchirurgen Dr. Julian Hajek verlobt hat. Die sympathische und schöne junge Frau galt bisher immer als Fräulein Rühr-mich-nicht-an. Vorher hat es kein Kollege je geschafft, ihr näherzukommen.

Umso erstaunlicher ist es da, dass sie sich als ihren Zukünftigen ausgerechnet den Frauenhelden Julian ausgesucht hat. Der Unfallchirurg ist bekannt dafür, dass er mit zahlreichen weiblichen Kolleginnen etwas gehabt und sie dann einfach wieder fallen gelassen hat. Wieso wählt die anspruchsvolle Maria ausgerechnet einen solchen Schwerenöter aus?

Doch während die Hochzeitsvorbereitungen auf Hochtouren laufen und das Brautpaar nach außen so fröhlich und verliebt wirkt, sieht es in Marias Herzen ganz anders aus. Sie weiß nur zu gut, dass es einen bestimmten Grund für diese Hochzeit gibt. Einen Grund, der nichts mit gegenseitiger Liebe der Brautleute zu tun hat. Aber das darf niemand erfahren. Schon gar nicht eine bestimmte Person, die Maria ganz besonders am Herzen liegt …

„Ja! Ja! Ja! Ich will!“

Peinlich berührt schlug sich Maria eine Hand vor den Mund. Sie wusste, ihre Antwort musste sich ungefähr so angehört haben, als wäre sie mitten auf hoher See über Bord gegangen und jemand hätte sie gefragt, ob sie vielleicht gerne einen Rettungsring hätte. Dennoch fügte sie zur Sicherheit noch rasch ein flehendes „Bitte!“ hinzu und drängte sich nach vorne.

„Okay.“ Peter Kersten, der Leiter der Notaufnahme an der Frankfurter Sauerbruch-Klinik, lächelte die bildhübsche junge Frau, die dicht vor ihm stand und hoffnungsvoll zu ihm aufschaute, wohlwollend an. „Wenn niemand etwas dagegen einzuwenden hat, dann erkläre ich uns hiermit zu Mann und Frau“, scherzte er.

Als er jedoch bemerkte, wie der jungen Assistenzärztin die brennende Röte ins Gesicht schoss, hätte er seine ironisch gemeinte Antwort am liebsten wieder zurückgenommen.

Er hatte die tüchtige junge Kollegin eigentlich schon länger im Auge gehabt, hatte sie aber bislang nie gefragt, ob sie eventuell Interesse daran hätte, von der Unfallchirurgie in die Notaufnahme zu wechseln. Er hatte nämlich nicht damit gerechnet, dass sie dazu bereit sein würde, sich von ihrer Familie zu trennen.

Maria Rossini stammte aus einer sehr fruchtbaren Familie. Ihre Großeltern waren in jungen Jahren aus Sizilien eingewandert. Zu behaupten, dass es sich um eine Großfamilie handelte, wäre eine starke Untertreibung gewesen. Die Zahl der Rossinis war beinahe unüberschaubar.

Und während die eine Hälfte von ihnen traditionsgemäß im Obsthandel und in der Gastronomie tätig war, tummelte sich die andere Hälfte an den Krankenhäusern des ganzen Landes. Ärzte, Pflegerinnen, Sanitäter, Laboranten, Physiotherapeuten – es war so ziemlich alles dabei.

Wenn man in einem Krankenhaus die Tür einer x-beliebigen Abteilung öffnete und ganz laut „Rossini!“ rief, dann hatte man gute Chancen, zumindest ein „Hier!“ zur Antwort zu bekommen.

Auf der Unfallstation der Frankfurter Sauerbruch-Klinik waren es gleich vier. Giovanni, Marias Vater, war Oberarzt und Leiter der Abteilung. Yanni, ihr ältester Bruder, war Chirurg, und Riccardo, der Zweitälteste, arbeitete als Sanitäter und OP-Assistent.

Vor einem halben Jahr hatte Maria ihre Approbation bekommen und war nun Assistenzärztin. Natürlich hatte ihr Vater sie unter seine Fittiche genommen.

Peter war fest davon ausgegangen, dass Gio – wie Giovanni Rossini von allen genannt wurde – seine Tochter immer um sich haben wollte, um sie im Auge zu behalten. Deshalb hatte er auch nie versucht, sie für seine Abteilung zu gewinnen.

Dass Gio seine schützende Hand über seine schöne Tochter hielt, dafür hatte Peter vollstes Verständnis. Die Reaktion fast aller Männer zwischen sechzehn und neunzig auf Marias Anblick war nämlich ungefähr so, als würde ein Huhn durch einen Fuchsbau spazieren. Nackt!

„Großartig, liebe Kollegin, ich freue mich sehr.“

Er legte Maria eine Hand auf die Schulter, zog sie jedoch hastig wieder zurück, als er bemerkte, wie sich Gios, Yannis und Riccardos Blicke verfinsterten.

„Sie wissen aber vermutlich darüber Bescheid, wie es in der Notaufnahme zugeht?“, erkundigte er sich der Form halber. „Stress fast rund um die Uhr, geregelte Dienstzeiten sind kaum jemals möglich, man hat oft keine Zeit, um lange zu überlegen, und man muss so manches Risiko eingehen, um ein Leben zu retten.“

„Ich weiß!“ Maria nickte überdeutlich. „Ich bin noch lange nicht perfekt, aber ich lerne schnell, bin nicht aus Zucker und kann Stress gut vertragen. Da ich während des Studiums als Sanitäterin Rettungseinsätze gefahren bin, weiß ich auch, dass es oft um Sekunden geht und häufig keine Zeit bleibt, darüber nachzudenken, ob man eventuell einen Fehler machen und damit seine Karriere gefährden könnte.“

„Super!“ Diese Antwort gefiel Peter sehr gut. „Also, ich bin einverstanden. Sehr sogar.“

Das war ein Tausch ganz nach Peters Geschmack. Er hatte nicht damit gerechnet, so viel Glück zu haben.

Einem seiner Assistenzärzte war der Stress in der Notaufnahme zu viel geworden und er hatte ihn am Freitagabend darum gebeten, in eine andere Abteilung wechseln zu dürfen. Natürlich nicht ausgerechnet auf die Unfallstation. Das hätte ja für ihn bedeutet, vom Regen direkt in die Traufe zu geraten.

In der Unfallchirurgie ging es zwar nicht ganz so chaotisch zu wie in der Notaufnahme, aber auch hier stand der Kampf ums nackte Überleben auf der Tagesordnung. Man kam oft den ganzen Tag lang nicht aus dem OP heraus und brauchte nicht nur starke Nerven, sondern auch eine riesige Portion Durchhaltevermögen.

Eine Assistenzärztin der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung hatte sich zu einem Tausch bereit erklärt. Sie wollte jedoch lieber in die Unfall-Abteilung wechseln. Deshalb war Peter letztendlich hier gelandet, und was er hier gefunden hatte, machte ihn sehr froh.

„Maria!“ Oberarzt Giovanni Rossini kam kopfschüttelnd und mit ausgebreiteten Armen auf seine Tochter zu. Offensichtlich war er mit ihrer Entscheidung nicht einverstanden. Gespannt, wie sich die Lage nun entwickeln würde, hielt Peter den Atem an.

„Nein, Papa!“ Ihre großen dunklen Augen blitzten gefährlich auf, als sie energisch beide Arme weit nach vorne streckte und Gio damit auf Abstand hielt. „Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt! Ich bin erwachsen und kein Kind mehr! Ich treffe meine Entscheidungen allein!“

Dann schien ihr irgendetwas einzufallen, was dem Gesagten widersprach. Sie errötete und senkte den Blick.

„Die meisten zumindest“, fügte sie leise hinzu.

„Was ist denn hier los? Eine Volksversammlung? Oder gibt es hier irgendetwas gratis? Hab ich was verpasst?“

Dr. Julian Hajek betrat die Station, und sein Erscheinen brachte das Blut der Frauen offensichtlich ebenso in Wallung wie Marias Anblick das der Männer.

Peter war sich ziemlich sicher, dass er es indirekt dem unverschämt gut aussehenden jungen Chirurgen zu verdanken hatte, dass die Assistenzärztin von der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung so rasch bereit gewesen war, auf die Unfallchirurgie zu wechseln.

Schmunzelnd beobachtete er, wie sich sogar die fast sechzigjährige Unfallchirurgin Jana Propst hastig die graue Kurzhaarfrisur richtete, wie sich Selina, die junge OP-Schwester, mit der Zunge über die Lippen fuhr und die längst verheiratete Schwester Renate den obersten Knopf an ihrem Kittel öffnete, um ihr üppiges Dekolleté besser zur Geltung zu bringen.

Peter kannte den zweiunddreißigjährigen Chirurgen sehr gut. Julian hatte immerhin vier Jahre lang in der Notaufnahme gearbeitet, und Peter selbst hatte einen beträchtlichen Teil dazu beigetragen, dass der attraktive junge Mann inzwischen fertig ausgebildeter Facharzt für Unfallchirurgie war.

Julian wäre ein sehr guter Notarzt geworden, hätte er sich zum Bleiben entschieden. Dennoch war Peter nicht unglücklich darüber gewesen, als er die Notaufnahme verlassen hatte.

Julians Pferdefuß waren die Frauen. Er konnte keiner widerstehen, wechselte die Freundinnen wie andere die Unterhosen und sorgte damit für so manche unschöne Szene.

„Julian!“ Giovanni Rossini stürmte auf den jungen Kollegen zu. „Du musst mit Maria reden und sie zur Vernunft bringen. Sie hat doch tatsächlich soeben …“

„Gehen wir bitte gleich!“

Maria zupfte Peter am Ärmel seines Kittels. Als er nicht schnell genug reagierte, drängte sie ihn fast mit Gewalt in den Fahrstuhl. Dort lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die Wand, atmete ein paarmal tief durch und fächelte sich mit einer Hand Luft zu.

„Meine Sachen hole ich später, wenn Papa, Yanni und Riccardo sich wieder eingekriegt haben“, seufzte sie, produzierte ein zaghaftes Grinsen und zuckte mit den Schultern.

Peter lachte. „Ich hoffe, ich werde nicht demnächst zum Opfer einer sizilianischen Vendetta, weil ich Sie aus dem Kreis Ihrer Familie entführt habe?“

„Nein, ganz bestimmt nicht!“ Maria schüttelte lachend den Kopf. „Sie haben wohl zu viele Mafia-Filme geguckt, Herr Dr. Kersten? So etwas hat es vielleicht früher einmal gegeben. Aber erstens sind wir ja schon in der dritten Generation echte Deutsche, und zweitens kommt so etwas heute längst nicht mehr vor.“

Das behauptete sie, aber hinter ihrem Rücken kreuzte sie dennoch sicherheitshalber die Finger.

Dabei machte sie sich allerdings keine Sorgen um ihren neuen Chef. Dem würde gewiss kein Haar gekrümmt werden.

Bei Julian Hajek sah die Sache da schon ganz anders aus. Aber für den war es ohnehin schon zu spät. Über ihn hatte die Familie längst das Urteil gefällt. Und damit auch über sie und ihre Zukunft.

***

Auf dem Flur in der Unfallabteilung glätteten sich die Wogen erstaunlich schnell wieder.

„Lasst sie doch!“, beschwichtigte Julian Hajek die drei aufgebrachten Rossinis, die ihn umringten und alle gleichzeitig auf ihn einredeten. „Sie ist erwachsen, kann tun und lassen, was sie will. Wenn sie in der Notaufnahme arbeiten möchte, dann ist das doch völlig in Ordnung. Ich habe auch dort angefangen.“

„Ah, na dann, okay! Wenn es dir nichts ausmacht, dann soll es uns auch recht sein, mein Junge.“ Gio stieß zischend die Luft aus, kniff Julian grinsend in die Wange und eilte ins Ärztezimmer zurück, um den OP-Plan für den heutigen Tag fertigzustellen.

„Wenn du es sagst!“ Yanni zuckte mit den Schultern, boxte dem Kollegen kumpelhaft gegen die Brust und verzog sich ebenfalls.

„Alles klar! Ist vermutlich eh besser, wenn ihr nicht von morgens bis abends aufeinanderklebt.“ Riccardo blinzelte verschwörerisch, fügte noch ein wohlwollendes „Bruder!“ hinzu und ging ebenfalls wieder an die Arbeit.

„Ah, Julian! Auch schon da?“

Ben Stettner, Julians bester Freund und Kollege, kam aus einem der Operationssäle und wischte sich mit dem Ärmel seines OP-Dresses den Schweiß von der Stirn. Dabei bemerkte er, dass er noch die OP-Haube aus Plastik auf dem Kopf trug, zog sie herunter und warf sie in einen Mülleimer.

„Wohin so eilig, mein Freund?“, schnauzte er einen Assistenzarzt an, der ihm gefolgt war und jetzt auf den Fahrstuhl zustrebte.

Der junge Mediziner, der trotz der frühen Stunde bereits ziemlich fertig aussah, blieb verunsichert stehen.

„Ähm … ich hole mir schnell was aus der Cafeteria. Nein?“

„Automat!“ Ben zeigte auf den großen Automaten, der vor der Glastür im Wartebereich stand und in dem es Getränke und kleine Snacks gab. „Der nächste Patient ist bereits in der Schleuse und wird auf den Eingriff vorbereitet. In einer Viertelstunde machen wir weiter.“

Er schüttelte schmunzelnd den Kopf.

„Tz! Das sind die Typen, die Medizin studiert haben, weil sie früher so gerne Klinik unter Palmen im Fernsehen geguckt haben. Kaffee trinken, mit den Schwestern schäkern und alle heiligen Zeiten mal schnell im Vorübergehen einem schrecklich dankbaren Patienten das Leben retten.“

„Ja, ich weiß.“ Julian nickte. „Es dauert immer eine Weile, bis sie kapiert haben, dass wir im Akkord operieren und romantische Erlebnisse hier dünner gesät sind als die Orchideen auf dem Nordpol.“

„Du sagst es! Apropos romantische Erlebnisse …“ Ben trat näher an seinen besten Freund heran und dämpfte seine Lautstärke. „Wie war es am Wochenende auf dem Fortbildungs-Seminar? Konntest du bei der hübschen Kollegin aus der Mainzer Unfallklinik landen?“

„Nein.“ Julian, der sich sonst nie lange bitten ließ und stets dazu bereit war, sich mit seinen amourösen Abenteuern zu brüsten, beließ es diesmal bei dieser einsilbigen Antwort, drehte sich um und betrat den Garderobenraum.

„Warte mal!“ Ben folgte ihm. „Das wäre ja ganz was Neues. Soll das heißen, du hast alle drei Nächte allein in deinem eigenen Hotelbett verbracht?“

„Das auch nicht.“

„Ah, die etwas ältere, aber auch nicht zu verachtende Chirurgin aus der Städtischen, hinter der du schon so langer her bist? Wie hieß die gleich wieder?“

„Die war es auch nicht.“ Julian warf seine Jeans achtlos in seinen Schrank und nahm eine frische blaue Leinenhose mit Gummizug vom Stapel.

„Jetzt rede doch, Mann!“, forderte Ben ihn ungeduldig auf und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Ich habe nicht mehr viel Zeit. Du übrigens auch nicht. Heute haben wir wieder einmal volles Programm.“

Julian hüpfte auf einem Bein, während er in die Hose schlüpfte.

„Es ist mir gelungen, Fräulein Rühr-mich-nicht-an herumzukriegen. Unsere schöne Eisprinzessin. Drei Tequila in der Hotelbar und sie hat sich in einen Vulkan verwandelt.“

Ben blieb der Mund offen stehen. Dann schaute er sich misstrauisch um und dämpfte seine Stimme zu einem Flüstern.

„Maria? Nein! Oder? Du hast mit Maria Rossini geschlafen? Bist du denn total wahnsinnig? Sag, dass das nicht wahr ist!“

„Hab ich aber.“

„Heiliger Dingsda! Maria ist das Nesthäkchen der Familie. Das einzige Mädchen von ...

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