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Der Spion mit dem Strumpfband

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. PRAELUDIUM: John Noons Buchhandlung in White Hart, Cheapside, London, Samstag, 15. Mai des Jahres 1756

Über dieses Buch

London 1756: Die junge Agentin Clarissa Greenly, Tochter eines verarmten Barons, erhält den Auftrag, einem hohen Regierungsbeamten, dem nüchternen und strengen Earl von Hawkhurst, ein geheimnisvolles Notizbuch abzujagen. Doch so erfolgreich sie auch sonst ihre geheimen Aufträge ausführt – diesmal will es nicht klappen! Und jeder neue Versuch stürzt Clarissa in tiefere Gefühlsverwirrungen, denn der Earl entpuppt sich als äußerst attraktiver und leidenschaftlicher Mann.

Über die Autorin

Lisa McAbbey hat Rechtswissenschaften studiert und interessiert sich als Großbritannien-Fan schon seit vielen Jahren für englische und schottische Geschichte. Sie lebt in Wien und ist für einen internationalen Konzern tätig.

PRAELUDIUM

John Noons Buchhandlung in White Hart, Cheapside, London, Samstag, 15. Mai des Jahres 1756

»Gib acht, Mädchen, dass du keine Kanten oder Ecken beschädigst, die Einbände nicht zerkratzt, weder Eselsohren noch Fettflecken hinterlässt! Merk dir: Man muss Bücher wie rohe Eier behandeln – vorsichtig und sehr behutsam!«

Clarissa Greenly nickte dienstbeflissen. »Keine Sorge, Master Noon, ich passe auf. Bei mir sind Eure Schätze in besten Händen.«

»Gut, gut«, brummte der betagte Inhaber des kleinen Buchladens, während er prüfend über Clarissas Schulter lugte und jeden ihrer Handgriffe mit Argusaugen verfolgte. »Dass du mir kein Exemplar vergisst, Mädchen, jedes einzelne muss gründlich abgewischt werden!«

»Ich achte darauf.«

»Und stell sie nur ja in der gleichen Reihenfolge zurück, in der du sie aus dem Regal genommen hast! Nichts ist ärgerlicher, als ein schlecht sortiertes Regal durchsuchen zu müssen, womöglich noch vor wartender Kundschaft.«

Clarissa verbiss sich ein Schmunzeln. Sie hörte diese Anweisungslitanei nicht zum ersten Mal; Mr. Noon schien nämlich der Meinung zu sein, dass seine Instruktionen nur dann befolgt würden, wenn er sie täglich wiederholte.

»Dein Vorgänger, dieser junge Mr. Pellmell«, fuhr er fort, wobei sein Zeigefinger mahnend durch die Luft sauste, »hat sich keinen Deut um solch grundlegende Prinzipien geschert. Er hat englische Schriftsteller mitten unter die französischen sortiert, und italienische unter spanische. Am Ende war das Durcheinander so groß, dass ich ihn entlassen musste. Der Bursche hatte kein Herz für Bücher. Zum Glück, Mädchen, ist das bei dir ganz anders.«

Eine Zeit lang sah der Alte Clarissa zu, wie sie mit Staubwedel und Lederlappen hantierte. Dann holte er ein abgegriffenes Päckchen aus seiner Rocktasche und genehmigte sich ein Stück Kautabak, ehe er zufrieden davontrottete.

»Hat ein helles Köpfchen, die Kleine, und stellt sich sehr geschickt an«, hörte sie Mr. Noons gedämpfte Stimme wenig später hinter einem der Bücherregale, begleitet vom allgegenwärtigen Rascheln von Papier. »Das Mädchen ist gerade einmal sechs Wochen hier und weiß im Laden jetzt schon besser Bescheid als dieser konfuse Pellmell nach einem ganzen Jahr.«

Clarissa war schon aufgefallen, dass der kauzige Buchhändler gern mit sich selbst sprach.

Nach einer Weile hielt sie in ihrer Arbeit inne und zog die Brille von der Nase. Mit dem Zipfel ihrer Leinenschürze putzte sie – bereits zum dritten Mal an diesem Nachmittag – die kreisrunden Linsen, auf denen sich, kaum dass man sich’s versah, eine neue Staubschicht festgesetzt hatte. Clarissa runzelte die Stirn. Kein Wunder, bei diesen Unmengen von Büchern! Es war eine ihrer Aufgaben, all die in Leder und Pappdeckel gebundenen Publikationen sauber zu halten. Aber kaum drehte sie ihnen den Rücken zu, schien sich der hinterhältige Staub schon wieder aufs Neue auszubreiten. Sapperlot!

Mr. Noon, das wusste sie bereits, war sehr stolz auf seine reichhaltige Sammlung – etliche Bücher hatte er sogar selbst verlegen lassen – und hütete diese mit Hingebung und Eifer. Dementsprechend verlangte er von seiner einzigen Bediensteten, all seinen mühevoll zusammengetragenen Schätzen mit derselben Begeisterung und Sorgfalt zu begegnen, die er selbst an den Tag legte. Zum Glück fiel Clarissa das gar nicht schwer: Sie liebte Bücher.

Als sie noch bei ihrem Vater gelebt hatte, in jenem schönen Haus am Berkley Square, war sie ein regelmäßiger Gast in der gut bestückten, schon auf den Großvater zurückgehenden Bibliothek gewesen und hatte dort viel interessante Lektüre verschlungen. Unzählige Stunden hatte sie auf einem Sofa verbracht, in dicke Wälzer vertieft, und dabei alles um sich herum vergessen. Ihre Eltern hatten sie deswegen gern liebevoll ihren ›kleinen Bücherwurm‹ genannt.

Aber all das war lange her. An jenem schrecklichen Tag vor fünf Jahren, als die Gerichtsbüttel wie ein Schwarm gefräßiger Heuschrecken in das Haus ihres Vaters eingefallen waren, hatte Clarissas Leben jäh und unerwartet eine verhängnisvolle Wendung genommen. Von einem Tag auf den anderen hatten ihre Familie und sie vor dem Nichts gestanden, sie hatten alles verloren, waren mit Schimpf und Schande aus dem Haus, hinaus in die Gosse gejagt worden. Viel mehr als das, was sie gerade auf dem Leib getragen hatten, war ihnen in der Tat nicht geblieben. Alles andere, sofern nicht niet- und nagelfest, war von den gierigen Händen der Vollstrecker fortgeschleppt worden, einschließlich Clarissas Vater. Ihn hatte man in das finstere Fleet Prison gebracht, eines der Londoner Schuldgefängnisse, wo er seither unter fürchterlichen Umständen darben musste.

Nicht eine einzige Kleinigkeit hatte Clarissa als Andenken an das alte Leben mitnehmen dürfen. Wie gern würde sie heute etwas in Händen halten können, das ihrer Mutter gehört hatte, etwas, das ein Erlebnis von damals im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar und unvergesslich gemacht hätte. Wenn sie doch wenigstens ein kleines Familienbildnis hätte behalten dürfen oder eines der lieb gewonnenen Bücher. So aber hatte sie nur ihre Erinnerungen, und diese verblassten – erschreckend rasch – von Tag zu Tag mehr.

Oft genug wünschte sie sich, das Gleiche träfe auf jenen Schuldenberg zu, der all das Unglück ausgelöst hatte. Doch der wollte kaum schrumpfen. Quälend langsam nur verminderte sich die gewaltige Summe, die zu begleichen war, was wohl daran lag, dass Clarissa die Einzige war, die zu deren Aufbringung beitrug. Da ihr Vater, ohne jede Aussicht auf Einkommen, im Gefängnis saß, war es an ihr, sich um die Befriedigung der ungeduldigen Gläubiger zu kümmern. Ihr war eine Aufgabe zugefallen, von der sie bis dahin nicht die geringste Ahnung gehabt hatte: Sie musste Geld verdienen.

Seit fünf Jahren nun ging sie einer Beschäftigung nach, wofür sie jede Woche ein kleines Salär erhielt. Doch obwohl sie jeden Penny, den sie nicht gerade zum nackten Überleben benötigte, für die Tilgung der väterlichen Schulden verwendete, war sie keineswegs sicher, ob sie es jemals schaffen würde, ihn wieder auf freiem Fuß zu sehen. Denn trotz des Verkaufs der Stadtvilla samt Mobiliar, wie auch des Landguts in Buckinghamshire waren immer noch dreitausend Pfund an Außenständen offen. Dreitausend Pfund, die noch zu begleichen wären, um die Entlassung ihres Vaters aus dem menschenunwürdigen Fleet Prison zu erreichen. Dreitausend Pfund, die Clarissa ordentlich Kopfzerbrechen bereiteten. Denn zusätzlich zur Aufbringung dieser enormen Summe musste sie für ihren Vater auch die Notwendigkeiten des täglichen Lebens finanzieren: Mahlzeiten, Feuerholz, Kleidung, Bettzeug. Diese Dinge musste sich jeder Häftling selbst beschaffen – oder darauf hoffen, dass wohlmeinende Verwandte und Freunde es für ihn täten. Wer das nicht konnte, dem blieb nur das erniedrigende Betteln am Gitter des Gefängnistores – und das wollte Clarissa ihrem Vater unbedingt ersparen.

Zu gern hätte sie ihm eine der komfortableren Zellen verschafft, in denen besser gestellte Schuldner ihre Zeit im Fleet Prison in durchaus passabler Annehmlichkeit verbringen konnten. Aber die Einräumung solcher Annehmlichkeiten ließen sich die Gefängniswärter mit einem schönen Batzen Geld abgelten, Geld, das Clarissa nicht hatte.

So musste sich ihr Vater mit einem Dutzend anderer Insassen einen muffigen, feuchten Zellenraum teilen, wo er nicht mehr als einen Strohsack auf dem steinernen Boden sein Eigen nannte. Penetranter Gestank, allerlei Ungeziefer und ekelerregender Unrat gehörten dort zum Alltag.

Clarissa schüttelte unmerklich den Kopf, während sie mit dem Staubwedel über die ledernen Buchrücken fuhr. Sie hatte sich schon unzählige Male gefragt, wie es so weit hatte kommen können. Was nur hatte diese unheilvolle Entwicklung in Gang gesetzt?

Die Greenlys waren eine Familie wie viele andere gewesen: gut situiert, alteingesessen, hinlänglich vermögend. Seit der Ernennung von Clarissas Großvater zum Baronet gehörten die aus der Grafschaft Buckinghamshire stammenden Greenlys sogar dem niederen Adel an. Dieser Großvater war es auch gewesen, der das elegante Haus am Berkley Square in London erworben hatte, wo die Familie regelmäßig einige Monate im Jahr verbracht hatte, um am Gesellschaftsleben der Metropole teilzunehmen. Man hatte viele Bekanntschaften gepflegt, sich harmlose Vergnügungen gegönnt, war dabei aber stets penibel auf einen respektablen Lebenswandel bedacht. Denn der gute Ruf bedeutete alles, um als Mitglied der feinen Gesellschaft akzeptiert zu sein. War das Ansehen einmal dahin, war man so gut wie tot.

Davon wusste Clarissa nun aus leidvoller Erfahrung ein Lied zu singen: Mit einem einzigen Stoß waren die Greenlys von ihrem scheinbar sicheren Podest der Ehrenhaftigkeit in den Abgrund allgemeiner Verachtung gestürzt worden, geschmäht, bespuckt, ausgestoßen.

Wenn Clarissa heutzutage früheren Bekannten zufällig auf der Straße begegnete, so wandten sich diese betreten ab oder wechselten rasch den Gehsteig. Clarissa hörte sie hinter ihrem Rücken tuscheln. Versager und Bankrotteur waren noch die harmloseren Bezeichnungen, die ihr dabei zu Ohren kamen.

Denn ein Gentleman, der, so wie ihr Vater, seine Schulden nicht bezahlte und damit seine Gläubiger um ihr gutes Geld prellte, beging eine Tat, die als eines der schlimmsten Vergehen des Königreichs mit strengen Gefängnisstrafen geahndet wurde. Wenn es sich dabei um Wettschulden, also eine Frage der Ehre, handelte, war dies ein unverzeihlicher Verstoß gegen die ungeschriebenen Moralgesetze der guten Gesellschaft und dem Delinquenten waren Verachtung und Zorn seiner Mitmenschen gewiss. Wie Clarissa leidvoll erfahren musste, galt beides nicht nur ihm, sondern im gleichen Maße auch seiner gesamten Familie. Womit nur hatte Clarissa solch ein Schicksal verdient?

Sie hatte, obwohl das selbst für Adelstöchter, wie sie genau wusste, keineswegs selbstverständlich war, eine unbeschwerte und wohlbehütete Kindheit verlebt. Die Eltern hatten ihr und dem älteren Bruder eine durchaus umfassende Bildung angedeihen lassen und Clarissa erlaubt, sich neben den üblichen Künsten, in denen sich junge Damen üben durften, einer ihrer großen Leidenschaften, dem Lesen, ganz nach ihrem Wunsch zu widmen. So hatte sie beinahe alles verschlungen, was ihr in die Finger gekommen war: romantische Erzählungen genauso wie philosophische Abhandlungen oder abenteuerliche Berichte aus fernen Ländern. Zudem war sie eine passionierte Reiterin gewesen und hatte stets besonderes Vergnügen darin gefunden, über die sanften Wiesen und grünen Hügel von Buckinghamshire zu galoppieren oder in einem der weitläufigen Londoner Parks zu traben. Sie liebte lange Spaziergänge, gesellige Picknicks und unterhaltsame Tanzabende. Und dann hatte sie natürlich die vielen Annehmlichkeiten geschätzt, die die Metropole den Betuchten zu bieten hatte: Konzert- und Theaterbesuche, Einkäufe bei mondänen Schneidern und stadtbekannten Modistinnen, heiße Schokolade in einem der eleganten Chocolate Houses.

Sorge um den Lebensunterhalt war ihr genauso fremd gewesen wie die Notwendigkeit, einen Beruf zu erlernen oder einer Beschäftigung nachzugehen. Darüber, woher das Geld für neue Kleider oder Bücher kam, hatte sie sich genauso wenig Gedanken gemacht wie über die Frage, aus welchen Mitteln Dienstboten und Lieferanten bezahlt wurden – all das gehörte zu den Aufgaben der Männer der Familie, ihres Vaters und Bruders. Ihr dagegen war es zugefallen, sich auf ihre Bestimmung als Ehefrau und Mutter, als Herrin eines großen Hauses vorzubereiten. So wie für die meisten Töchter ihres Standes üblich, sollte sie einen passenden Gentleman heiraten, ehrenwert und gut situiert. Und sie war auch keineswegs abgeneigt gewesen, zu erfüllen, was alle Welt von ihr erwartete: Das Leben an der Seite eines verständigen, liebenswürdigen Mannes, der ihre Passionen teilte, allen voran das Lesen, war ihr als durchaus erstrebenswertes Ziel erschienen. Niemals wäre es jenem naiven, unbedarften Mädchen von damals in den Sinn gekommen, dass seine Zukunft etwas anderes bereithalten könnte als diesen vorgezeichneten, schnurgeraden Pfad.

Die beste Gelegenheit, einen geeigneten Bräutigam zu finden, bot bekanntermaßen die Londoner Season mit ihren zahlreichen Bällen und gesellschaftlichen Veranstaltungen, und Clarissa hätte damals, als das Unglück geschah, an der bevorstehenden – sie war gerade achtzehn Jahre alt geworden – teilnehmen sollen. Tatsächlich war die Planung und Vorbereitung für dieses wichtige Debüt bereits in vollem Gange gewesen. Doch dann hatten sich die Ereignisse plötzlich überschlagen, und kurz darauf hatte sie vor den Scherben ihres bis dahin vertrauten Lebens gestanden.

»Mädchen, wenn du dort fertig bist«, tönte Mr. Noons krächzende Stimme über die beinahe deckenhohen Bücherregale hinweg, »dann kümmere dich um die Magazine, die heute morgen eingetroffen sind, ehe du die restlichen Regale abstaubst.«

»Ja, ich mache hier nur noch die Abteilung der irischen Schriftsteller zu Ende, und dann nehme ich mich des Schaukastens an!«, rief sie zurück. Während sie mit einem weichen Ledertuch sorgfältig über die Einbände der Werke von Jonathan Swift und Samuel Madden wischte, schweiften ihre Gedanken erneut ab, hin zu jenem Mann, der den Ruin der Greenlys herbeigeführt hatte: ihrem Vater.

Wohl niemand, der ihn kannte, hätte ihm solch folgenschweres Tun zugetraut, am allerwenigsten seine beiden Kinder. Sir Francis, zweiter Baronet Greenly, war ein gutmütiger Mann, der in keiner Menschenseele Schlechtes vermutete, ein liebevolles, sanftes Familienoberhaupt, dem sowohl Schelte als auch Rüge fernlagen, ein stets großzügiger und nachsichtiger Freund. Seine einzige verwerfliche Schwäche war das Kartenspiel. Aber ohne die zügelnde Hand seiner Frau – Clarissas Mutter war vor nun beinahe sieben Jahren an einem heimtückischen Fieber gestorben – als auch wohlmeinender Freunde, war er den Verlockungen Fortunas hilflos erlegen und in deren Strudel jämmerlich untergegangen.

Vielleicht hatte er auch den Tod der geschätzten Frau und Gefährtin nicht verkraftet. Obwohl die beiden in ihrer Ehe nicht die große Liebe gefunden hatten, waren sie einander doch zugetan gewesen, und Clarissas Vater schien seither wie ein Schlafwandler durchs Leben zu taumeln, unbekümmert, ohne Halt, gleichgültig gegenüber allem außer dem Glücksspiel.

Solcherart war er wohl ein leichtes Opfer für übelwollende und habgierige Zeitgenossen geworden, die sich darauf verstanden, ihre arglosen und vertrauensseligen Mitmenschen zu übertölpeln und auszunehmen. Innerhalb weniger Monate hatte ihr Vater das gesamte Greenly-Vermögen verspielt – und mehr als das. Seine Schuldscheine waren nicht gedeckt gewesen, und es hatte nicht lange gedauert, bis sich seine Gläubiger wie hungrige Aasgeier auf ihn gestürzt und ihn vor die Gerichte gezerrt hatten. Ehe er – und der Rest der Familie – sich’s versahen, war er zur Haft im berüchtigten Fleet Prison verurteilt worden. In salva et stricta custodia, wie es der Richter in seinem Urteilsspruch verkündet hatte: in sicherer und strenger Verwahrung, und zwar so lange, bis sämtliche Schulden getilgt wären – bis auf den allerletzten Penny.

Clarissa seufzte leise und strich über ihre grauen Röcke. Sie wusste, dieser Tag der Freilassung lag noch in weiter Ferne, denn allein, ganz auf sich gestellt, konnte sie nicht so viel bewirken, wie notwendig war, um den Schuldenberg merklich und rasch zu verkleinern.

Ihr Bruder William, dem als Sohn und Erbe des Vaters wohl als Erstem die Pflicht zufiele, sich um die Angelegenheiten des Baronets zu kümmern, hatte damals – noch bevor das schicksalhafte Urteil verlautbart war – mit seiner jungen Familie ein Schiff bestiegen, um in den westindischen Kolonien einen neuen Anfang zu wagen, weit weg von der Schmach und der Schande der Heimat. Abgesehen von dem gelegentlichen Brief, in dem er sie über die recht holprigen Versuche unterrichtete, sich und den Seinen in dem fernen Land ein neues Leben aufzubauen, gab es von seiner Seite keine Unterstützung, weder moralischer noch finanzieller Natur.

Tief in ihrem Herzen fühlte sich Clarissa deshalb von ihm im Stich gelassen, doch war sie bestrebt, sich – zumindest in dieser Hinsicht – ein Vorbild an ihrem gutmütigen Vater zu nehmen. Der pflegte, wann immer sie auf William zu sprechen kamen, etwas wie das Folgende zu sagen: »Wir können nicht erwarten, dass William uns zur Hand geht, Lämmlein. Der gute Junge hat für sein Weib und seine drei Kinder zu sorgen. Oder sind es gar schon vier?« Dann schämte sich Clarissa jedes Mal für ihre niederträchtige Selbstsucht und schalt sich im Stillen eine selbstmitleidige Ziege.

Was die Verwandten und vermeintlichen Freunde anging, von denen man Beistand hätte erwarten dürfen, war nichts geblieben als enttäuschte Hoffnungen. Zerplatzte Seifenblasen, erloschene Funken, zugeschlagene Türen. Ohne Ausnahme hatten sich die feinen Herrschaften mit gerümpften Nasen und tauben Ohren abgewandt, als ihr Vater und sie bei ihnen vorgesprochen und ihre verzweifelten Hilfegesuche dargelegt hatten. Nicht eine einzige Münze hatten die einstmals guten Bekannten aus ihren prall gefüllten Geldbeuteln geholt, um das unwürdige Los der Greenlys zu mildern. Nicht ein einziges Wort des Zuspruchs oder der Anteilnahme hatten sie über ihre verächtlich geschürzten Lippen gebracht. Stattdessen waren sie erpicht darauf gewesen, die unangenehmen Bittsteller möglichst schnell abzuwimmeln und jegliche Verbindung zu ihnen zu leugnen. Als wären Clarissa und ihr Vater unbekannte Fremde – und selbst die hätte man, dachte sie verbittert bei sich, wahrscheinlich besser behandelt!

Dass Clarissa in der Lage war, Geld zu verdienen und damit die Schulden ihres Vaters Stück für winziges Stück abzutragen, war einzig jenem kleinen, spindeldürren Mann zu verdanken, der sie am Tag der Inhaftierung ihres Vaters vor den Toren des Fleet Prison aufgelesen und ihr eine Zukunft geboten hatte. Nein, nicht jene, auf die sie sich ihr ganzes Leben lang vorbereitet hatte – die war für immer dahin. Kein achtbarer Gentleman, der etwas auf seinen Ruf hielt, würde einer Ausgestoßenen wie ihr die Ehe antragen, damit hatte sie sich längst abgefunden. Und weiß Gott, es war keine Offerte, die der Tochter eines Baronets auch nur im Mindesten angemessen gewesen wäre – oder überhaupt irgendeiner ehrbaren Frau. Aber das unkonventionelle Angebot hatte ihrem Vater und ihr selbst das Überleben gesichert – daher hatte sie, ohne lange zu zögern, eingewilligt. Für diese rettende Chance, zu einem Zeitpunkt, zu dem sich sonst niemand darum geschert hatte, ob und wie sie den nächsten Tag überlebten, würde Clarissa dem hageren, unauffälligen Mann, dessen Namen sie bis heute nicht kannte, ewig dankbar sein. Wohl wegen seines Aussehens wurde er von allen Die Spinne genannt – und tatsächlich verstand er es meisterlich, seine Rekruten gleichsam mithilfe der von ihm gesponnenen Fäden zu lenken und nach seinem Willen zu führen, ganz wie ein unsichtbarer Marionettenspieler.

Clarissa wurde aus ihren Gedanken gerissen, als das schrille Klingeln der Ladenglocke ertönte, welches stets das Eintreffen neuer Kundschaft ankündigte. Mr. Noon hatte vorhin Miss Flowery verabschiedet, eine seiner treuesten Kundinnen, die zwei volle Stunden damit zugebracht hatte, sich zwischen den romantischen Abenteuern in The Life of Patty Saunders der angeblich gleichnamigen Autorin und dem erst im März erschienenen Buch Emily or the History of a Natural Daughter zu entscheiden, um dann letztendlich doch beide Romane zu erstehen. Mit einem eleganten Rascheln ihrer weit ausladenden, zitronengelben Seidenröcke war die junge Dame durch die Tür entschwebt, die Zofe mit dem sorgfältig verpackten Einkauf im Trippelschritt hinterdrein.

Ein Hauch ihres Lilienparfüms lag noch in der Luft, als Clarissa nun Mr. Noon, der ansonsten seine Füße schlurfend über die knarrenden Holzdielen zu ziehen pflegte, eilig herbeitrappeln hörte. Die neue Kundschaft musste fürwahr eine wichtige Persönlichkeit sein, wenn der Alte sich so sehr beeilte und – siehe an! – trotz seiner gichtigen Gelenke sogar einen Kratzfuß vollführte.

Clarissa sortierte die neu eingelangten Magazine in den dafür vorgesehenen Schaukasten ein und musterte dabei den Neuankömmling verstohlen aus den Augenwinkeln. Er war ungewöhnlich groß, sodass er sich beim Eintreten hatte bücken müssen. Die rabenschwarzen, schulterlangen Haare waren im Nacken straff zusammengebunden, die nüchterne, aber eindeutig teure Kleidung war – angefangen beim Gehrock, über Weste und Kniehosen, bis hin zu Strümpfen und Schnallenschuhen – ausnahmslos von schwarzer Farbe. Einzig das feine, weiße Leinenhemd bildete einen scharfen Kontrast dazu.

»Mylord, seid willkommen in meinem schlichten Etablissement! Es ist eine überaus große, geradezu elysische Auszeichnung, solch einen vielgerühmten Connaisseur wie Euch hier bei mir begrüßen zu dürfen!«

Der betagte Buchhändler verbeugte sich so tief, dass Clarissa schon befürchtete, er würde vornüberkippen. Doch mit nicht mehr als einem kaum vernehmlichen Ächzen richtete er sich geradezu behände wieder auf. »Wie kann ich Euch meine bescheidenen Dienste anbieten, hochverehrter Lord Hawkhurst?«

Holla! Clarissa versuchte, sich ihre Überraschung nicht anmerken zu lassen. Das war also der Earl von Hawkhurst? Kein Wunder, dass Mr. Noon sich vor gefälligem Eifer beinahe überschlug. James Beauclerc, der zwölfte Earl von Hawkhurst, entstammte einer sehr alten und sehr wohlhabenden Familie aus der Grafschaft Kent, die regelmäßig bedeutende Politiker, Offiziere und Würdenträger hervorbrachte.

Der Earl selbst war im letzten Jahr zum Staatssekretär des ehrenwerten Henry Fox ernannt worden, welcher seit vorigem November das bedeutende Amt des Ministers für die inneren und äußeren Angelegenheiten des südlichen Departements innehatte. Davor war Hawkhurst als Botschafter Seiner Majestät lange Zeit auf dem Kontinent gewesen.

Man sagte, er habe sein Leben seinem Land und dem König verschrieben und verzichte daher so gut wie gänzlich auf die vielfältigen Genüsse und Vergnügungen, denen sich die meisten seiner Standesgenossen so gern hingaben. Auf Bällen und Tanzveranstaltungen war er kaum anzutreffen; jede Art von frivolem Amüsement war ihm zuwider und verteufelte er als unnütz. Stattdessen lud er Schriftsteller und Philosophen zu geistreichen Diskussionsrunden in sein Haus ein, tauschte sich mit Naturwissenschaftlern und Gelehrten aus und förderte die Schönen Künste, allen voran die Malerei, Bildhauerei und Architektur. Er hatte den Ruf, überaus gebildet und belesen zu sein, zudem bieder, außergewöhnlich ernsthaft – und staubtrocken.

Die niemals zimperlichen Karikaturisten der Londoner Zeitungen hatten ihm einen wenig schmeichelhaften Beinamen verpasst: Der Mönch. Der Grund dafür mochte seine immerzu schwarze Kleidung sein, sein nüchterner Charakter, sein beinahe asketischer Lebensstil, vielleicht aber auch die Tatsache, dass er – obwohl bereits weit über dreißig Jahre alt und der einzige männliche Erbe seines verstorbenen Vaters – noch immer unverheiratet war. Und anders als bei vielen adeligen Herren, die sich ob ihrer Affären, Mätressen und Liebschaften brüsteten, konnte Clarissa sich keiner Frauengeschichten in seinem Zusammenhang erinnern. Entweder er lebte tatsächlich keusch, oder er war einfach nur sehr diskret.

Was führte ein wohlhabendes Mitglied des britischen Hochadels in den verstaubten Laden eines eigenbrötlerischen alten Mannes? Warum suchte der Earl nicht einen der mondänen Londoner Buchhändler wie Thomas Osborne oder William Strahan auf, die ihre Kunden in lichtdurchfluteten, mit allen Annehmlichkeiten ausgestatteten Geschäftslokalen begrüßten? Die Antwort auf diese Frage gab Hawkhurst einen Augenblick später selbst, und Clarissa erstarrte.

Seine tiefe Stimme war voll und wohlklingend, und erschreckenderweise fühlte Clarissa sie durch ihren ganzen Körper vibrieren. Ach, du lieber Himmel!

»Ich suche nach mehreren Büchern von eher ausgefallenem Interesse, Master Noon. Zum einen nach einer Erstausgabe von David Humes A Treatise of Human Nature. Ihr wart damals vor beinahe zwanzig Jahren doch so weitsichtig, diese innovative Abhandlung zu verlegen.«

Der Alte winkte mit einer wegwerfenden Handbewegung ab, schien aber durchaus geschmeichelt. »Ach, erinnert mich nicht daran, Mylord! Ich hatte seinerzeit große Erwartungen, sehr große Erwartungen – genau wie der Autor selbst –, aber kaum jemand wollte Geld für dieses Werk ausgeben. Dabei enthält es meiner bescheidenen Ansicht nach etliche bahnbrechende Gedanken.«

Als er nichts weiter sagte, erwiderte Hawkhurst nach einer Weile schmunzelnd: »Nun, ich wäre bereit, Geld dafür auszugeben.«

Mr. Noon kniff die Augen zusammen und wiegte den weißhaarigen Kopf nachdenklich hin und her. Mit seinen buschigen Augenbrauen erinnerte er dabei an einen kauzigen, alten Uhu.

»Hm, ja. Ja, natürlich. Lasst mich nachsehen, Mylord. Irgendwo habe ich sicherlich noch ein paar Exemplare aufbewahrt. Ich pflege zum Glück nichts wegzuwerfen, denn man kann ja niemals wissen, was man irgendwann später vielleicht noch einmal gebrauchen kann. Mein geschätztes Eheweib hat dazu leider völlig konträre Ansichten und ist sich auch nicht zu schade, meine – wie sie es nennt – Sammelwut mehrmals am Tage zu tadeln. Aber wie man an Eurer Lordschaft Beispiel sieht, kann diese Leidenschaft durchaus auch von Nutzen sein.« Seine gichtigen Finger tasteten nach einem Vergrößerungsglas, das er aus einer ausgebeulten Rocktasche hervorzog. »Möchten sich Mylord gnädigerweise hier herüber bemühen. Bitte nach Euch!«

Ehe er davonhumpelte, warf der Alte Clarissa einen kurzen Blick zu, den sie richtig deutete. Sie griff nach ihrem Staubwedel und verschwand im hinteren Teil des Ladens, um dort ihre Arbeit fortzusetzen. Das Gespräch der beiden Männer drang nur noch gedämpft und in Wortfetzen an ihr Ohr: »… schottischer Denker …«, »… ein in Florenz geprägter Ledereinband …«, »… äußerst fein gearbeitete Zeichnungen …«, … Gutenbergs Druckerpresse …«

Clarissa beachtete die Unterhaltung aber nicht weiter, sondern kletterte auf eine große Holzleiter, um die oberen Fächer der hohen Regale erreichen zu können. Die Leiter war in eine Messingstange eingehakt, die am Bücherregal über dessen ganze Länge entlanglief. Am unteren Ende der Aufstiegshilfe waren kleine Rollen angebracht, die erlaubten, die Leiter beinahe mühelos nach links und rechts zu schieben.

Statt jedes Mal umständlich nach unten zu klettern und die Leiter ein Stück weiterzurücken, hatte Clarissa bereits an ihrem ersten Tag in der Buchhandlung entdeckt, dass es eine einfachere Möglichkeit gab: Indem sie sich kräftig mit dem Fuß am Regal abstieß, konnte sie die Leiter ganz bequem weiterbefördern – während sie selbst darauf stand! Das bereitete ihr so viel Vergnügen, dass sie – wenn Mr. Noon nicht in der Nähe war – gern ausgelassen hin und her rollte, je schneller, desto besser.

Clarissa summte eine kleine Melodie vor sich hin, während sie die Regalböden sorgfältig putzte. Von den unzähligen Tätigkeiten, die sie in den letzten Jahren ausgeübt hatte, war die Anstellung in Mr. Noons Laden bei Weitem die schönste. Sie mochte den Geruch von alten Büchern, Kerzenwachs und Pfeifentabak, der hier in allen Winkeln hockte – wahrscheinlich, weil eben dieser Geruch sie an ihr früheres Zuhause erinnerte, an glückliche Zeiten, an ein unbeschwertes Leben.

Sie säuberte liebevoll jeden einzelnen Buchband. Manche der Titel waren ihr bekannt, einiges hatte sie sogar schon gelesen. Wenn ihr ein Werk interessant erschien, blätterte sie auch manchmal durch ein paar Seiten, ehe sie es wieder an seinen Platz zurückstellte. Und auf zum nächsten Regal!

In geübter Weise stützte sie ihren Fuß auf die Kante eines der Regalböden und stieß sich dann tüchtig ab, sodass die Leiter ein Stück nach rechts rollte. Durch die schwungvolle, ausholende Bewegung rutschten ihre grauen Röcke bis über das Knie hoch und erlaubten einen Blick auf ihre pastellfarbenen Strümpfe und das hellblaue Spitzenstrumpfband – gut gehütete Relikte aus besseren Zeiten. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen, wären nicht just in diesem Moment Mr. Noon und seine hochgeschätzte Kundschaft um die Ecke gebogen und direkt neben der Leiter stehen geblieben.

Der Alte war so sehr auf den kleinen Lederband in seinen Händen konzentriert, den er wie eine wertvolle Kostbarkeit vor sich hertrug, dass ihm gar nichts weiter auffiel. Doch der Blick des Earls von Hawkhurst war mehrere Herzschläge lang ganz eindeutig auf Clarissas Wade geheftet, ehe sie das Bein hastig unter ihren Röcken verstecken konnte.

Seine grünen Augen wanderten langsam ihre Gestalt hinauf und verharrten dann auf ihrem Gesicht, den zu ihrem Leidwesen schamhaft errötenden Wangen, den vor Überraschung leicht geöffneten Lippen, der dunkelblonden Locke, die sich vorwitzig aus dem Schutz der Leinenhaube befreit hatte – und die Clarissa nun eilig zurückstopfte. Einzig die hochgezogenen schwarzen Brauen des Earls zeugten von seiner eben gemachten Entdeckung, als er – einer höflichen, aber bestimmten Aufforderung Mr. Noons folgend – seinen Kopf gehorsam zu dem Alten beugte, um das dargebotene Buch eingehend zu begutachten. Wenige Augenblicke später waren die beiden Männer wieder verschwunden.

Sacrebleu! Clarissa hätte den Fluch am liebsten laut ausgestoßen! Was hatten die zwei überhaupt hier hinten zu suchen? Das hier war die Abteilung der Franzosen – und der Earl hatte doch nach dem Schotten David Hume gefragt. Was für ein äußerst peinlicher Vorfall! Nicht auszudenken, sollte Hawkhurst irgendeiner Seele von der liederlichen Maid auf der Holzleiter in Mr. Noons Buchhandlung erzählen!

Ihre Wangen brannten noch immer indigniert, als sich ihr ein ganz anderer Gedanke aufdrängte: Pah, von wegen der Mönch! Sie war ja wahrlich keine große Kennerin des anderen Geschlechts, aber Hawkhursts heiße Blicke waren alles andere als keusch gewesen.

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Clarissa kehrte erst nach Einbruch der Dunkelheit in das alte, baufällige Mietshaus in der Antelope Alley, einer der verwinkelten, engen Gassen in dem schäbigen Armenviertel rund um Westminster Abbey, zurück. Sie hatte kaum die winzige Dachkammer betreten, die sie hier seit fünf Jahren bewohnte, da kündigte nicht mehr als ein leises Scharren an der Tür das Erscheinen der Spinne an.

»Guten Abend, Mädchen.«

Sie begrüßte den kleinen Mann freundlich und bot ihm ihren einzigen, etwas wackeligen Stuhl an. Während er darauf Platz nahm, streiften seine blassen, ausdruckslosen Augen, deren Farbe unmöglich zu benennen war, über ihr Gesicht. Eigentlich war alles an ihm schwer zu beschreiben. Weder seine Züge noch seine Gestalt wiesen bemerkenswerte Eigenschaften auf, seine Kleidung war stets von gedecktem Grau oder Braun, unauffällig und nichtssagend. Erkundigte man sich bei beliebigen Passanten nach dem Aussehen der Spinne, bekäme man wohl die unterschiedlichsten Antworten, so flüchtig und vage war der Eindruck, den dieser unscheinbare Mann hinterließ. In seinem Metier war diese Tatsache allerdings Goldes wert.

»Ich habe einen neuen Auftrag für dich.«

Sie hatte sich schon gefragt, wann es wieder so weit wäre. Es waren nun bereits sechs Wochen, die sie in Mr. Noons Laden als dessen Gehilfin arbeitete – eine Anstellung, die ihr, wie stets, die Spinne verschafft hatte.

»Heute war eine hochgestellte Persönlichkeit in der Buchhandlung und hat ein paar ausgefallene Bücher erworben?« Die kaum hörbare Stimme des Meisters kratzte heiser, und seine langen, dünnen Finger spielten wie beiläufig mit seiner Taschenuhr, während er Clarissa aufmerksam musterte.

Sie nickte. »Ja, der Earl von Hawkhurst. Er hat fünf Erstausgaben gekauft, eine davon sogar aus Gutenbergs Werkstatt. Gleich am Montag soll ich sie in seinem Haus am Grosvenor Square abliefern.« Schon lange wunderte sie sich nicht mehr, woher der Meister seine umfassenden Informationen hatte und weshalb er stets über alles, selbst die geringsten Vorgänge, Bescheid zu wissen schien. Ihn mit Fragen zu löchern, war vergebliche Liebesmüh, denn er ließ sich niemals in die Karten schauen und weihte keinen seiner Rekruten in den vollen Umfang seiner Pläne ein. Man erfuhr nur das, was gerade notwendig war, um einen Auftrag auszuführen, und tat gut daran, es dabei zu belassen.

Die schmalen Lippen der Spinne kräuselten sich zu so etwas wie einem zufriedenen Lächeln. »Bestens! Während du dort bist, wirst du nach einem kleinen Notizbuch mit karmesinrotem Ledereinband suchen. Der Earl verwahrt es im Schreibtisch seiner Bibliothek. Darin vermerkt er vertrauliche Aufzeichnungen, die wir unbedingt haben müssen. Er ist möglicherweise in heimliche Absprachen mit den Franzmännern verstrickt.«

Verwundert folgte sie den Ausführungen des Meisters – er schien heute mitteilungsfreudiger als üblich.

»Ihr wollt damit sagen, der Earl von Hawkhurst ist ein Verräter?« Clarissas Überraschung war groß. Es war allgemein bekannt, dass seit wenigen Wochen französische Truppen eine kleine, vor Spanien gelegene Mittelmeerinsel belagerten, die im Besitz Großbritanniens war. Glaubte man den Berichten der Londoner Zeitungen, war die Kriegserklärung des Königs als Antwort auf diesen Affront jeden Tag zu erwarten. Unter diesen Umständen bedeutete eine derartige Beschuldigung Hawkhursts, sollte sie sich als wahr herausstellen, nichts weniger als Hochverrat.

Der dürre Mann spuckte die Tabakreste aus, die er im Mund gekaut hatte. »Ja, Mädchen, der Verdacht besteht, aber die Beweise fehlen. Diese zu beschaffen, ist deine Aufgabe.«

Sie nickte wieder. »Verstanden, Meister.«

»Gut.« Er erhob sich und ging zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um, um jene Mahnung an sie zu richten, welche die Erteilung jedes seiner Aufträge besiegelte: »Pass auf dich auf und mach mir keine Schande. Und falls du aus irgendeinem Grund ertappt werden solltest, was ich nicht hoffe, weißt du: Weder kenne ich dich, noch komme ich dir zu Hilfe. Versager sind auf sich allein gestellt. Gehab dich wohl!«

Dann war die Spinne, niemals ein Anhänger beschönigender Worte, auch schon wieder verschwunden, und Clarissa machte sich daran, aus ein paar schon einmal verwendeten Teeblättern eine Tasse Tee zu brühen. Während sie bedächtig das dünne Getränk schlürfte, grübelte sie noch eine Weile über die Ereignisse dieses Tages nach.

Wer hätte das gedacht? Hinter der rechtschaffenen und makellosen Fassade des als unbestechlich geltenden Earls von Hawkhurst schien sich ein übler Gauner zu verbergen! Doch der abgefeimte Kerl hatte die Rechnung ohne die Spinne gemacht! Der Meister bildete seine Rekruten zu dem einzigen Zweck aus, all jene Bösewichte unschädlich zu machen, die dem König, der Regierung oder Großbritannien feindlich gesinnt waren. In verborgenen Missionen war es die Aufgabe dieser Rekruten, jene infamen Subjekte aufzuspüren und deren niederträchtige Vorhaben zu vereiteln.

Gedankenverloren fuhr Clarissa mit der Fingerspitze entlang des Tassenrands, bis dieser leise summte. Wiewohl das Geld, das sie im Dienst der Spinne verdiente, für ihren Vater und sie selbst überlebensnotwendig war, war sie nicht wenig stolz, auf diese Weise ihren Beitrag für den Schutz und die Sicherheit des britischen Volkes zu leisten: Seit jenem schicksalhaften Tag, an dem Clarissa vor den Toren des Fleet Prison von der Spinne aufgelesen worden war, gehörte sie zu deren Schar von Geheimagenten.

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Am selben Abend genehmigte sich James Beauclerc, der zwölfte Earl von Hawkhurst, im Arbeitszimmer seines Hauses am Grosvenor Square ein Glas Cognac. Er saß in einem bequemen Fauteuil und sah die Mitschriften der Reden im Unterhaus der vergangenen Tage durch, die ein Bote vorhin abgeliefert hatte.

»Hm«, murmelte er vor sich hin, »William Pitt hat wieder einmal die Messer gewetzt.«

Wie nicht anders zu erwarten, hatte der redegewandte Politiker das Abkommen mit Friedrich II. von Preußen, das dem House of Commons Anfang der Woche vorgelegt worden war, heftig angeprangert. Mit diesem Vertrag hatte sich der König aus Furcht vor einem Angriff Frankreichs auf seine deutschen Stammlande, das Kurfürstentum Hannover, den militärischen Schutz Preußens gesichert und sich im Ausgleich dafür zu hohen Unterstützungszahlungen verpflichtet. Diese mussten vom britischen Parlament genehmigt werden, was nun auch geschehen war, doch hatte William Pitt die Gelegenheit genutzt, Regierung wie König wieder einmal schärfstens zu kritisieren.

Pitts Meinung nach sollte sich Großbritannien aus den Konflikten auf dem Kontinent heraushalten und stattdessen die Marine stärken. Hannover dürfe, so hatte Pitt vor dem Unterhaus gefordert, nicht das Hauptaugenmerk des Königs sein, und es sei geradezu absurd, das Kurfürstentum bloß mittels Unterstützungszahlungen gegen übermächtige Feinde wie Frankreich verteidigen zu wollen. Eine solche Taktik werde über kurz oder lang zum Bankrott Großbritanniens führen – und wofür? Das unbedeutende Hannover sei nicht einmal auf den Landkarten verzeichnet!

»Ich wünsche mir inbrünstig, endlich die Ketten zu durchtrennen, mit denen wir, gleich einem Prometheus, an diesen kargen, deutschen Felsen geschmiedet sind«, las James die abschließenden Worte von Pitts Rede und schüttelte dabei unmerklich den Kopf.

William Pitt nahm wohl an, die britischen Truppen mit der Verlagerung der Auseinandersetzungen auf die Meere aus den Konflikten auf dem Kontinent heraushalten zu können; der Premierminister, der Herzog von Newcastle, dagegen meinte, mittels Unterstützungs- und Neutralitätsabkommen die Ausbreitung des nicht mehr zu verhindernden Krieges eindämmen zu können.

Doch James befürchtete, dass beide Männer sich irrten. Die zunehmenden Scharmützel und Feindseligkeiten zwischen den Großmächten Frankreich, Großbritannien, Österreich, Preußen und Russland in den vergangenen Monaten deuteten seiner Ansicht nach allein auf eines hin: Dieser Krieg würde sich auf sämtliche Kontinente und Meere erstrecken.

Dass ein solcher Krieg unausweichlich geworden war, war in Anbetracht der widersprüchlichen Interessen, die diese Staaten und ihre Herrscher verfolgten, schon seit einiger Zeit absehbar gewesen. Der Angriff der Franzosen auf die von Großbritannien gehaltene Mittelmeerinsel Menorca im April war nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Der Premierminister würde dem König am Montag die offizielle Kriegserklärung an Frankreich zur Unterschrift vorlegen.

James legte die Parlamentsprotokolle zur Seite und diktierte seinem Sekretär zwei Aktennotizen für den Herzog von Newcastle. Dann blätterte er durch die politischen Kolumnen der Tageszeitungen.

»Nachrichten aus Menorca, Mylord?«, fragte Charles Fledgling neugierig.

James hatte den rothaarigen jungen Mann, der sein Studium in Cambridge wegen Geldmangels hatte abbrechen müssen, vor einigen Monaten als seinen Sekretär eingestellt. Er sah auf.

»Nein, bisher nicht. Es scheint, Colonel Blakeney hat sich mit seinen Männern im Fort St. Philip verschanzt und trotzt erfolgreich den französischen Kanonenkugeln. Der alte Haudegen hält mit seinen kaum zweitausend Mann der Belagerung durch den Duc de Richelieu nun schon seit einem Monat stand. Dabei ist ihm die Armee der Franzosen, was Zahlen wie Ausstattung angeht, weit überlegen. Alle Achtung!«

Mr. Fledgling legte seine Schreibfeder aus der Hand.

»Gleichwohl ist es eine himmelschreiende Schande, dass wir unsere Truppen auf der kleinen Mittelmeerinsel derart im Stich lassen.

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