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Die Dunkelzeit Trilogie - Die komplette Trilogie (Band 1-3)

Jason A. James

Die Dunkelzeit Trilogie - Die komplette Trilogie (Band 1-3)





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Der Anfang vom Ende

Nach sechshundert Solartagen heimzukehren, brachte viele Gefühle mit sich. Die Empfindungen, die man verspürt, wenn man nach einer langen Reise ankommt, dürften niemandem fremd sein – Freude und Erleichterung. Endlich, nach so langer Zeit, würden die Forschungsreisenden wieder ihre Familien in ihre Arme schließen können – ein Tag, den sie seit langer Zeit herbeisehnten. Dieses freudige Ereignis ließ die letzten Stunden zwar noch länger erscheinen, machte sie jedoch um ein Vielfaches erträglicher, als die durch Trennungsschmerz geplagte Zeit, die jetzt hinter ihnen lag.

Kommandant Poem stand mit freudiger Miene am Hauptmonitor seiner Schiffsbrücke und verfolgte den Eintritt in ihr Heimatsystem. Auch er war voller Vorfreude, sein Weib Gana und seine Tochter Oria wiederzusehen. Trotz der Liebe zu seiner Arbeit, Sterne und Planeten im Namen seines Volkes zu erforschen, geringschätzte er sie zugleich, da sie ihn so lange Zeit von seinen Liebsten trennte.

»Kommandant«, sprach ihn seine Kommunikationsoffizierin an. »Sassyaly antwortet nicht.«

Mit einem verwunderten Gesichtsausdruck wandte er sich vom Monitor ab.

»Wie kann das sein? Wir müssten uns bereits seit Hix-Fi9 in Kommunikationsreichweite befinden. Versuchen sie es erneut.«

»Ja Sir«, sagte sie und machte sich daran, abermals den Identifikationsgruß zu senden, während sich Poem prüfenden Blickes auf das Kommunikationsterminal zubewegte. Und trotz ihrer fehlerfreien Vorgehensweise erhielten sie abermals keine Antwort.

Skeptisch warf der Kommandant einen Blick über den Hauptschirm hinaus in ihr Sonnensystem. Solange Sassyaly nicht antwortete, durften sie sich auf keinen Fall weiter ihrem Heimatplaneten nähern – nicht bevor die Verteidigungsbarken deaktiviert wurden, die den Planeten vor ungebetenen Besuchern schützte.

»Antrieb deaktivieren«, befahl Poem, worauf der Steuermann prompt reagierte.

»Kommandant. Irgendetwas Seltsames geht auf unserer Sonne vonstatten«, meldete sich ein junger unerfahrener Offizier, der mit dieser seine erste intergalaktische Raumreise absolviert hatte.

Poem hatte ihn mit einer eher unbedeutenden Aufgabe betraut. Er wurde, in ihnen bekannten Gefilden, mit der Überwachung des Scanners beschäftigt. Doch durch seine Unkenntnis konnte er mit den Daten, die das System ihm lieferte, nichts anfangen. Ein routinierter Offizier hätte sofort erkannt, um was es sich dabei handelte – auch wenn die Überraschung wahrscheinlich gleichermaßen groß gewesen wäre.

Poem interessierten die Daten, die das System verzeichnete, jedoch nicht. Seine Augen hatten schon längst das erfasst, was der junge Offizier noch nicht einmal mithilfe des Scanners zu deuten vermochte.

Das Zentrum ihres Systems erschien ihm heller als jemals zuvor. Poem wäre nicht der erfahrene Kommandant gewesen, wenn er nicht genau gewusst hätte, was dies bedeutet. Dutzende Male hatte er schon die Ehre, dieses Schauspiel der Natur beobachten zu dürfen, doch dies zu seinen Lebzeiten, bei ihrer eigenen Sonne zu erfahren, hätte er niemals zu wagen geglaubt. Vollkommen paralysiert stand er da und starrte auf das Licht, welches stetig zu wachsen schien.

Weitere Besatzungsmitglieder gesellten sich zu Poem an den Hauptschirm und starrten rätselnd in ihr Heimatsystem. Abgesehen von einem der erfahreneren Offiziere, der es sich nicht nehmen lassen wollte, die Daten des Scanner-Systems zu prüfen. Schnell, jedoch skeptisch kam er anhand der vorliegenden Analysen zu dem selben Ergebnis wie sein Kommandant mit bloßem Auge.

»Sir, das ist eine Supernova.«

Alle Blicke waren mit einem Mal auf Poem gerichtet. Allein seine Reaktion würde ihnen zeigen, ob die Aussage des Offiziers der Wahrheit entsprach oder nicht. Der Kommandant spürte die Augen der Crew auf sich ruhen. Ein Nicken oder eine andere bestätigende Geste würde vermutlich eine Panik auslösen – doch andererseits wollte und konnte er seiner Mannschaft nicht die Wahrheit verheimlichen.

So wandte er sich seiner Brücken-Crew zu. Kein einziger Ton war vonnöten, sodass sich schon das erste Besatzungsmitglied mit ungläubiger Miene zu Wort meldete.

»Wie kann das sein? Unsere Sonne ist gerade einmal sieben Milliarden Jahre alt und somit noch nicht einmal annähernd in ihrer Endphase angekommen.«

»Wasserstoff- und Heliumbrennen in weniger als sechshundert Tagen, was normalerweise fünf bis sieben Milliarden Jahre benötigt? Das ist unmöglich«, fügte ein weiteres Besatzungsmitglied hinzu.

Poems Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Auch wenn es geradezu unmöglich war, entsprach es dennoch einer Tatsache. Vor ihren Augen vollzog sich eine Supernova – das Sterben eines Sterns, der alles unbarmherzig um sich herum ebenfalls in den Tod riss.

In den Gesichtern der Männer und Frauen konnte er erkennen, wie die Ungläubigkeit langsam zur Erkenntnis heranwuchs – ihre Welt war verloren, ihre Heimat existierte nicht mehr. Doch bevor die blanke Panik um sich zu greifen drohte, wollte er einige Worte an seine Besatzung richten. Poem hob seine Arme in die Höhe, wodurch jene, deren Stimmen sich bereits aus der Menge erhoben hatten, wieder verstummten.

»Es mag noch so unwahrscheinlich und unerklärbar sein, dennoch ist es Realität. In diesem Augenblick schleudert uns der Fixstern geladene Partikel entgegen. Doch um ein Vielfaches gefährlicher ist die unvorstellbar gewaltige Plasmawolke, die sich in einer horrenden Geschwindigkeit auf uns zubewegt. Auch wenn diese trotz ihrer enormen Rasanz im Augenblick noch weit entfernt ist und für uns und das Schiff noch keine direkte Gefahr darstellt, walzt der glühend heiße Strom alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt. Unsere Familien und unsere Freunde sind in diesem Moment bereits verloren. Ihr wisst alle, welche Bedeutung die Meinen für mich haben, dennoch müssen wir jetzt stark sein. Trauert um eure Freunde und Familien, doch lasst euch nicht davon verzehren. Das Überleben unserer Art liegt nun ganz allein in unseren Händen. Sassyaly mag verloren sein, doch wir werden überleben, im Namen all derer, denen dies nicht vergönnt ist.«

Poem hatte keinen Applaus oder Jubelschreie nach seiner Ansprache erwartet, denn es gab nichts, was man hätte bejubeln können. Dennoch hatte er das Gefühl, dass seine Worte, trotz des immensen Verlustes aller, ein wenig die Hoffnung und Entschlossenheit, in jedem Einzelnen wieder aufkeimen ließ. Nach seiner Rede trat die Kommunikationsoffizierin neben den Kommandanten, der sich dem vernichtenden Schauspiel wieder zugewandt hatte und es trauernd betrachtete. Er fragte sich: ›Wie kann etwas so Schönes, zugleich so mörderisch sein‹.

»Poem«, riss die junge Offizierin ihn aus seinen Gedanken. »Wir müssen irgendetwas tun. Wir können doch unsere Familien nicht einfach sterben lassen.«

Er sah sie an und wünschte sich, es gäbe etwas, dass er sagen oder tun könnte, was ihren Schmerz minderte. Doch das Reißen und Zerren in seiner Brust war zu gewaltig, als dass er tröstende Worte hätte finden können. Stattdessen strich er ihr über ihre Wange, sah sie traurigen Blickes an und sagte: »Es gibt nichts, was wir tun könnten, ohne bei einem erfolglosen Versuch unser eigenes Leben zu verlieren. Dies ist eine Macht, gegen die wir, trotz allen Fortschritts, nichts entgegenstellen können.«

 

Der unverbesserliche Lucas Scott

Wer würde dem kurzhaarigen, blonden Jungen, dem Lucas Scott gegenübersaß, einen derart widerspenstigen Geist zumuten. Seine strahlend blauen Augen und der Charme, den dieser zu versprühen in der Lage war, machte es unsagbar schwer, ihm etwas übelnehmen zu können. Dieser Tatsache war sich Lucas stets bewusst, doch diesmal war es anders – zum allerersten Mal sah der Junge wirklich besorgt aus. Auch wenn sich Lucas selbst nicht darüber im Klaren zu sein schien, offenbarte ihm sein Ebenbild, was er selbst nicht in der Lage war zu erkennen.

Er fragte sich unzählige Male, die er an dieser Stelle saß und auf die Spiegelwand blickte, welchen pseudo-pädagogischen Zweck diese wohl erfüllen sollte. Diesmal glaubte er, es im Ansatz begriffen zu haben. Im Grunde war es eine Art Gegenüberstellung. Man wurde mit der Person konfrontiert, die eine Schandtat beging, in diesem Falle das Ebenbild und zwang den ›Unruhestifter‹, in sein eigenes Angesicht zu blicken. Vermutlich hatten sie die Hoffnung, dass man Scham oder Reue dabei verspürte. Bislang verfehlte diese Maßnahme ihren Zweck bei Lucas gänzlich – doch dieses Mal war es irgendwie anders. Er konnte es nicht ertragen, wenn sein Gegenüber ihn ansah. Was dies bedeutete, konnte oder vielmehr wollte er nicht verstehen.

Die Blicke, der an ihm vorbeigehenden Mitschüler und Lehrkräfte, war Lucas inzwischen gewohnt und auch für sie war es nichts Neues, den Störenfried vor dem Büro des Direktors wartend anzutreffen. Die unterschiedlichen Reaktionen der Schüler und Lehrer waren immer faszinierend für ihn. Die einen grinsten ihn an, klopften ihm sogar oftmals lobend auf die Schulter, während die anderen ihn für seine Streiche verachteten und keines Blickes würdigten oder gar ihm geltende Beleidigungen vor sich hinmurmelten. Doch dies kümmerte ihn keineswegs. Er forderte und erhoffte sich niemals anerkennende Worte der Menschen in seinem unmittelbaren Umfeld – seine Beweggründe lagen tiefer, auch wenn er sich vielleicht über diese Tatsache, zu diesem Zeitpunkt, noch nicht im Klaren war.

Sein Vater, ein bekannter Neurochirurg und gefeierter Arzt zahlte eine Menge Geld für dieses Eliteinternat. Doch nicht aus dem Grund, ihm eine gute Ausbildung und vielversprechende Zukunft zu gewährleisten, sondern einzig und alleine zu dem Zwecke, dass er ihm aus dem Weg war. Der ›große‹ Prof. Dr. Nathan Scott bemühte sich nicht um Dinge, die für ihn weder einen Nutzen hatten, noch Kapital abwarfen. Vollkommen egal, was Lucas auch anstellte, die Aufmerksamkeit seines Vaters bekam er dadurch nicht.

Als seine Mutter noch gesund und am Leben war, vor dem schwarzen Freitag im Oktober vor zehn Jahren, war die Welt noch in Ordnung. Damals arbeitete sein Vater für eine kleine neurochirurgische Klinik in Calgary. Meist war er jedoch zu Hause in ihrem Blockhaus am Rande der kanadischen Großstadt und nahm sich Zeit für ihn und seine Mutter. Nachdem ein Tumor im Kopf seiner Mutter diagnostiziert wurde und feststand, dass dieser bösartig war, zogen sie nach New Angeles, in der sich die größte und erfolgreichste Klinik der Vereinigten Staaten zur Bekämpfung gegen den Krebs befand, wo Nathan schließlich einen neuen Job erhielt und sich ausschließlich dem Krankheitsbild seiner Frau widmete.

Bereits in dieser Zeit begann sich sein Vater in einen besessenen Workaholic zu verwandeln und war kaum noch zu Hause.

Drei Jahre sollte der Kampf andauern, den Lucas Mutter schließlich, trotz allen Fortschrittes in der Krebsforschung und der Bemühungen ihres Mannes verlor. Lucas hoffte, dass nun, nach dem Tod seiner Mutter, sein Vater sich wieder um ihn kümmern würde, da auch er schließlich einen wichtigen Menschen verloren hatte. Doch der damals Sechsjährige blieb weiterhin mit seiner Trauer und dem Gefühl, nicht nur seine Mutter, sondern zugleich auch seinen Vater verloren zu haben, allein. Der zweite Schicksalstag im Leben von Lucas war, als Consuela, die mexikanische Haushälterin ihm in ihrem gebrochenen Englisch darüber berichtete, dass er bereits am nächsten Tag in eine Internatsschule gehen würde. In dieser Zeit zerbrach etwas in dem Jungen. Zuerst dachte er, dass er die Schuld an allem tragen würde und sein Vater aus diesem Grund nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte. Doch nach einiger Zeit wandelten sich seine Gedanken und seine Wut wandte sich gegen den wahren Schuldigen – seinen Vater.

Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihm das Leben so schwer wie möglich zu machen, ihn aus der Ferne zu drangsalieren und für das zu bestrafen, was dieser ihm angetan hatte – doch vermutlich war es auch ein Schrei nach Liebe und Aufmerksamkeit. Trotz allem Ärger, den er verursachte, bemühte sich sein Vater kein einziges Mal in eines der Internate. Er klärte stets alles aus sicherer Distanz, um ihm, seinem Jungen nicht gegenübertreten, nicht in die Augen sehen zu müssen.

Die große hölzerne Tür zum Rektorat öffnete sich und Miss Mildrich, die Sekretärin warf einen Blick hinaus auf den Korridor. Argwöhnisch, ohne ein Wort zu sagen, blickte sie den Sechszehnjährigen an. Lucas wäre wahrscheinlich enttäuscht gewesen, hätte sie nicht, wie eh und je diesen erfrischend mürrischen Blick aufgesetzt und ihren streng nach hinten gebundenen Haarknoten getragen, welchen sie seit Jahren nicht anders zu drapieren schien. Man konnte diese beiden Dinge schon beinahe als ihr Markenzeichen betrachten. Seit er diese alte Dame zum ersten Mal zu Gesicht bekam, fragte sich der Junge, ob dies schon immer so war. Daraufhin recherchierte er in den Schularchiven nach ihr und fand unzählige Bilder, bis hin zu ihrer eigenen Schulzeit im selben Internat. Was erschreckend an der Sache war, vollkommen egal, aus welchem Jahr er ein Foto von ihr zu sehen bekam, trug sie den seltsam grimmigen Ausdruck im Gesicht und die gleiche altbackene Frisur – nur mit dem Unterschied, dass sich ihr damals brünettes Haar in ein alterndes Grau gewandelt hatte.

Auch wenn er ihre missgelaunten Blicke bereits gewohnt war, hatte Lucas den Eindruck, dass sie heute noch ein wenig finsterer waren.

Ohne auf eine weitere Aufforderung zu warten, erhob sich Lucas und folgte der humpelnden Miss Mildrich durch das Sekretariat zu den ‚Pforten des Teufels‘, wie Lucas so gerne dazu sagte. Die Rede war vom Büro des Direktors.

Schulrektor Benjamin Turner war eigentlich kein übler Mann. Er war geduldig und äußerst beliebt bei den Schülern, wie auch dem Kollegium. Doch auch seine Toleranz und Gutmütigkeit hatten ihre Grenzen, welche Lucas bereits über alle Maßen strapazierte. Die Unterredungen wurden stetig ernsthafter – was er zu Anfang noch als lustige Jungenstreiche durchgehen ließ, war nach einiger Zeit für Mister Turner nicht mehr vertretbar. Zumal Lucas alles andere als ein unbeschriebenes Blatt war.

Direktor Turner saß angespannt in seinem schweren braunen Ledersessel, hinter seinem massiven, antiken und aufwendig verzierten Schreibtisch, als Lucas sein Büro betrat. Jedoch war er nicht wie sonst alleine. Neben ihm stand Mister Schuhmann, Professor für Mathematik und unmittelbar vor Mister Turner auf einem der beiden schweren Ohrensessel ein weiterer Mann.

Lucas stockte für einen Moment der Atem. Vollkommen paralysiert starrte er auf den über die hohe Rückenlehne leicht sichtbaren kurzgeschorenen dunkelblonden Hinterkopf. Sie sollten es doch wohl nicht geschafft haben, seinen Vater von seiner geliebten Arbeit loszureißen und hierher zu zitieren?

Doch als sich der Mann leicht nach rechts über die Armlehne neigte, um einen Blick Richtung Tür zu werfen, konnte er das Gesicht des Mannes sehen. Die Mimik des Jungen verriet, dass er ein wenig enttäuscht darüber war, dass es sich um einen ihm Unbekannten und nicht um seinen Vater handelte.

»Mister Scott!«, riss der Rektor ihn mit tiefer Stimme aus seinen Gedanken. »Setzen sie sich!«

Lucas tat, worum man ihn bat. Er setzte sich, ohne seinen Nebenmann eines weiteren Blickes zu würdigen, auf den noch freien Ohrensessel. Währenddessen war Miss Mildrich im Begriff, das Büro verrichteter Dinge wieder zu verlassen, als Schuldirektor Turner sie ansprach.

»Miss Mildrich. Sie betrifft dies ebenso. Sie dürfen also gerne anwesend sein.«

»Nein, werter Direktor. Diese Angelegenheit war bereits nervenaufreibend genug für mich. Ich setze vollstes Vertrauen in ihre Fähigkeiten, dem Spuk ein für allemal ein Ende zu bereiten«, antwortete sie atemlos und für ihre Verhältnisse schon beinahe aufgeregt.

»In Ordnung, Miss Mildrich. Es ist ihre Entscheidung.«

Daraufhin ließ sie die beinahe drei Meter hohe doppelflüglige Holztür so laut ins Schloss krachen, dass alle anwesenden Personen erschrocken zusammenfuhren. Ein wenig verärgert sah der Direktor zur Tür, bevor er seine Blicke schließlich Lucas zuwandte.

»Nun Mister Scott. Sie können sich wahrscheinlich bereits denken, warum ich sie hierher zitieren ließ«, sprach Turner ruhig, jedoch bestimmt.

Lucas mimte den Unwissenden und blickte Mister Turner dabei an, als ob er kein Wässerchen trüben könne. Dem Rektor war diese anfängliche Masche von Lucas nicht unbekannt, daher zog er aus der Aktenmappe vor sich, in die kaum noch mehr hineinpassen konnte, ein Din-A4 großes Foto heraus und legte es dem Jungen vor.

»Was sagen sie hierzu?«

Lucas warf einen raschen Blick darauf, sah anschließend geradezu empört zu Professor Schuhmann und verzog angewidert sein Gesicht.

»Was sollte ich dazu sagen? Ich finde, dass es keinen etwas angeht, was Arbeitskollegen miteinander treiben. Und auch wenn ich mir eigentlich kein Kommentar darüber erlauben dürfte, aber ... ist Miss Mildrich nicht ein wenig zu reif für sie, Professor Schuhmann?«

Schuhmann wich Lucas Blick nicht aus. Auch das unterschwellige, schelmische Grinsen des hintertriebenen Rotzlöffels brachte ihn nicht aus der Fassung. Nur die Augen des jungen Professors verrieten, dass er überaus verärgert war.

»Mister Scott. Unsere Miss Mildrich hatte vor nicht einmal sechs Monaten eine komplizierte Hüftoperation und selbst, unabhängig dieser Tatsache, bezweifle ich, dass eine Dame ihres Alters zu einer derart komplexen sexuellen Pose imstande wäre. Also geben sie zu, dieses Bild manipuliert und ins Internet gestellt zu haben!«, fuhr ihn der Rektor aufgebracht an.

»Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wovon sie sprechen«, entgegnete er, ohne von seiner gewohnten Unschuldsmasche abzuweichen.

»Wir haben ausreichend Hinweise dafür, dass sie diese Fotomontage gemacht haben. Zudem wäre niemand anderes dazu in der Lage, etwas derart Verkommenes und Widerwärtiges zu tun«, warf Professor Schuhmann um Fassung bemüht ein.

Lucas hatte absolut nichts gegen Schuhmann. Die Wahl hätte auf jede männliche Lehrkraft fallen können, doch das Durchschnittsalter der Lehrer lag bei etwa fünfzig. So war der einzige Grund, warum die Wahl auf Professor Schuhmann fiel, der, dass er mit fünfunddreißig sehr jung war, und zudem auch noch relativ gut aussah, soweit Lucas dies, als Mann beurteilen konnte.

»Und welche Hinweise könnten derart erschwerend für mich sein, dass dies größere Konsequenzen nach sich ziehen könnte?«, fragte Lucas altklug.

Direktor Turner schüttelte verständnislos sein Haupt.

»Mister Scott. Wie viele Unterredungen mussten wir die letzten Monate bereits schon wegen diverser Vergehen miteinander abhalten? Immer und immer wieder sagte ich ihnen dasselbe, doch diesmal werde ich offen mit ihnen reden. Ich kann sie verstehen, das heißt ich begreife, auch wenn ich es nicht gutheißen kann, warum sie sich gezwungen sehen, gegen nahezu jede Regel zu verstoßen. Sie fühlen sich alleingelassen, hoffen auf diese Weise, die Aufmerksamkeit zu erhalten, die ihnen von jeher verwehrt wurde. Ich kenne ihren Vater, sogar sehr gut, und vielleicht genau aus diesem Grund muss ich ihnen sagen, dass es sinnlos ist, sich auf diese Weise Gehör oder gar eine Art von Zuwendung verschaffen zu wollen. Ihr Vater mag nicht der für sie gewesen sein den sie verdient hätten und vielleicht ist er auch nicht dazu in der Lage, zu würdigen, was für ein intelligenter und überaus kreativer Sprössling sie sind, doch auf diese Weise zu rebellieren, hat noch nie auch nur annähernd einen sinnvollen Zweck erfüllt. Eher Gegenteiliges.«

Lucas versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, doch das, was der Direktor zu ihm sagte, erschütterte ihn zutiefst. Womöglich war dies wirklich der Grund, dass er auf diese Weise Aufmerksamkeit und Beachtung suchte. Wie oft saß er vor dem Rektorat, blickte in den Spiegel, konnte aber genau dies nicht erkennen – er war nicht dazu in der Lage, sich selbst mit anderen Augen zu sehen, aus sich herauszugehen. Beschämt saß er da, mit geneigtem Kopf, seine Blicke dem teuren altertümlichen handgeknüpften Teppich zugewandt.

»Ich muss mir nun heute, obwohl ich mir vorgenommen hatte, ihnen zu helfen Mister Scott, eingestehen, dass ich versagt habe. Ich wünschte ich hätte mich bereits vorher bemüht und versucht zu verstehen, was in ihnen vorgeht. Doch nun ist es zu spät«, sagte Direktor Turner bedrückt.

Lucas Kopf schnellte in die Höhe und seine Blicke waren plötzlich hellwach.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte er erschüttert. »Sie können mich nicht von der Schule werfen. Es gibt außer diesem kein Internat mehr, welches mich aufnehmen würde.«

»Das ist nicht richtig!«, vernahm er eine tiefe markante Stimme neben sich.

Es war der Mann, den er zuvor absichtlich nicht beachtet hatte. Nun blickte er neben sich und sah, dass er eine Uniform trug. Lucas vermutete aufgrund seiner zahlreichen Orden und Abzeichen, dass er ein Mann vom Militär sein musste.

»Darf ich vorstellen, dies ist Major General Harry West.«

»Schickt mich mein Vater jetzt etwa auf eine Militärschule?«, entgegnete Lucas empört, beinahe schon den Tränen nahe.

»Ehrlich gesagt, war dies nicht die Idee ihres Vaters, sondern meine«, gestand Professor Schuhmann. »Ihr Vater war auch nicht imstande dazu, mir sein Einverständnis persönlich zu übermitteln, sondern durch seine Sekretärin.«

Direktor Turner warf dem vor Schadenfreude grinsenden Professor rügende Blicke zu, da er es als unnötig und gemein erachtete, dies erwähnen zu müssen.

»Wie auch immer«, fuhr der Rektor fort. »Sie lagen mit der Vermutung nicht ganz falsch, dass es sich um eine Art Militärschule handelt, nur dass diese nicht dem US-Militär untersteht und alles andere als gewöhnlich ist. Nur wenige haben das Privileg, diese außergewöhnliche Schule besuchen zu dürfen und dies haben sie einzig ihren ausgezeichneten Noten und ihrem scharfen Verstand zu verdanken. Major General West hier, ist der Leiter und Initiator dieser neuartigen Schule, einer fliegenden Schule. Das Projekt nennt sich ›School to the Stars‹. Sie werden ein Teil der besten Schüler dieses Landes sein und mit ihnen ihre Zeit auf der CSA Epiphany verbringen.«

Lucas traten Tränen in die Augen.

»Meinem Vater ist es also vollkommen egal, dass sie mich zu den Sternen schießen wollen? Und dann schickt er auch noch seine kleine Vorzimmerschlampe Sandy?«

Der Junge pausierte und schluckte einige Male schwer. »In Ordnung. Ich packe nur kurz meine Sachen zusammen. Es gibt nichts, was mich auf diesem beschissenen Planeten noch halten könnte. Ich benötige keine halbe Stunde und werde an der Hauptpforte warten. Ich kann nicht schnell genug hier wegkommen.«

Daraufhin stand Lucas auf und war im Begriff zu gehen.

»Einen Moment, junger Mann. Nicht so schnell, da gibt es noch einige Formulare, die vorher auszufüllen wären. Unter anderem das Abmeldeformular. Zudem werden sie erst morgen früh abgeholt«, entgegnete Turner ein wenig überrascht. Noch nie zuvor hatte er den jungen Mann, der es stets verstand, seine Gefühle zu verbergen, derart emotional gesehen.

Der Major General erhob sich.

»Schon in Ordnung, Junge. Geh und packe deine Sachen in aller Ruhe. Ich werde mich hier um den Schriftkram kümmern«, woraufhin Lucas das Rektorat kommentarlos verließ.

Direktor Turner betätigte seine Gegensprechanlage: »Miss Mildrich, Major General West wird alle Formulare zur Entlassung von Lucas Scott ausfüllen. Bitte kümmern sie sich darum.«

Kaum, dass Benjamin Turner das ausgesprochen hatte, stand eine freundlich dreinblickende Miss Mildrich in der Tür.

»Hier entlang bitte der Herr. Ich habe bereits alles vorbereitet.«

»Welch überschwänglicher Enthusiasmus. Sie scheinen es wohl kaum erwarten zu können, diesen Knaben los zu werden«, entgegnete West überrascht.

»Sie können sich gar nicht vorstellen, wie recht sie haben«, antwortete sie breit grinsend.

Kaum dass die Tür hinter den beiden geschlossen war, wandte sich Direktor Turner dem Professor zu. Seine Miene sah bedrückt aus.

»Sind sie sicher, dass wir das Richtige tun? Der Junge wurde stets von einem zum anderen Ort geschickt. Er wird auf diese Weise niemals seinen Platz im Leben finden. Mir erging es damals wie ihm heute, nur dass ich hier mein zu Hause fand. Ich habe versagt, Robert!«

Der Professor klopfte dem Schulrektor tröstend auf die Schulter.

»Was Lucas benötigt, ist eine strenge Führung. Es gäbe nichts, was wir hier für ihn noch tun könnten. Glauben sie mir, es wird im gut ergehen und er wird sicherlich auch schnell Freunde finden. Machen sie sich also keine Vorwürfe. Er schafft das! Jedenfalls kommt er dort nicht mehr auf so dumme Ideen, wie Seifen in die Lehrerumkleide auf den Boden zu legen oder abartige Fotomontagen anzufertigen.«

»Ich bin mir bis heute noch nicht sicher, ob er es tatsächlich gewesen ist oder es nur ein Zufall war, dass die Seife auf dem Boden lag«, zweifelte Turner.

»Nun, Miss Mildrich ist da anderer Meinung. Sie ist sich nach wie vor sicher, dass es der Junge war. Er soll ihr zu schnell zu Hilfe geeilt sein. Wenn man sie fragt, so war das alles andere als ein Zufall. Doch dies ist nur eines der vielen Geschehnisse, die noch anderen Schmerzen und Leid zufügten, die nicht aufgeklärt wurden. Es ist besser für ihn, wenn er geht und was noch viel wichtiger ist, besser für uns!«

Lucas verbrachte nahezu den gesamten Abend in seinem Zimmer und dachte über alles nach. Er hasste Veränderungen und dies sollte die wohl gravierendste in seinem noch jungen Leben sein.

Er lag auf seinem Bett und starrte an die Zimmerdecke, während Joey auf dem Boden saß, mit seinen Blicken auf sein Herrchen gerichtet und leise vor sich hin winselte, als ob er seinen Schmerz fühlen konnte.

»Joey!«, ermahnte er ihn. »Sei still!« Doch der intelligente Jack-Russell-Terrier dachte gar nicht daran, locker zu lassen und sprang aufs Bett.

Ein Belllaut riss den Jungen aus seinen Gedanken.

»Was ist los mit dir? Wir waren doch eben erst draußen.«

Joey sah Lucas traurig an. So, als ob er direkt in seine Seele schauen konnte. Dann folgte ein erneutes Wimmern. Lucas nahm seinen besten Freund hoch, legte ihn auf seinen Oberkörper und knuddelte ihn. Die Nähe seines Hundes gab ihm auf einmal wieder Hoffnung, denn er wusste, egal wohin man ihn bringen würde, Joey wäre immer bei ihm. Der Junge konnte sich noch an den Tag erinnern, an dem er ihn zum ersten Mal sah. Schon dort spürte er das Band der Treue und eigentlich war es Joey, der sich ihn aussuchte. Aus mehreren Würfen von etwa zwanzig Welpen stürmte der Kleine, tapsigen Schrittes, auf den damals sechsjährigen Jungen zu. Es war Liebe auf den ersten Blick, unabhängig der Tatsache, dass es ein Abschiedsgeschenk von seinem Vater war, bevor er ihn ins Internat schickte. Joey war sein bester Freund. Mit ihm auf seiner Brust schlief Lucas selig ein, ohne einen weiteren Gedanken an das Morgen zu verschwenden oder daran, noch nicht gepackt zu haben.

Ein hämmerndes Geräusch riss Lucas aus seinen Träumen. Er richtete sich verschlafen auf und versuchte, die Quelle des Lärms ausfindig zu machen. Trotz seiner kurzfristigen Orientierungslosigkeit war es nicht allzuschwer, Joey zu bemerken, der vor der Tür zum Flur stand und diese energisch anbellte. Lucas warf einen kurzen Blick auf seine digitale Zeitanzeige neben seinem Bett, die 7:30 AM anzeigte. Normalerweise eine Uhrzeit, zu der er nicht mal annähernd ans Aufstehen dachte. Doch das Klopfen war so heftig, dass Lucas jeden Augenblick erwartete, das die Tür aus ihren Angeln gerissen werden würde. Nach kurzen ermahnenden Worten, die er an Joey richtete, stellte dieser das Bellen sofort ein.

»Wer ist da?«, fragte er.

»Mister Scott!«, antwortete ihm eine markante kräftige Männerstimme. »Ich habe den Auftrag, sie zur CSA Epiphany zu bringen.«

Lucas stolperte schlaftrunken aus seinem Bett.

»Sie haben meine Frage nicht beantwortet!«, stellte Lucas fest, während er sich vollkommen unbekümmert ins angrenzende Badezimmer begab, um sich dort, mit einer Hand gegen die Wand lehnend, zu erleichtern. Erneut schlug es gegen die Tür.

»Mister Scott, ich möchte Sie nur ungern ermahnen.«

Lucas drückte die in der Wand eingelassene Spülung, wodurch ein kurzer intensiver Wasserstoß ausgelöst wurde. Doch statt anschließend direkt zur Tür zu gehen, warf er einen Blick in den Spiegel und schnitt alberne Grimassen, welche dem Mann vor der Tür galten. Lucas liebte es, seine Überlegenheit auf diese äußerst kindische Art zu demonstrieren.

Mit einem lauten Knall und dem Geräusch von splitterndem Holz verschaffte sich ein Offizier, zu welchem die energische Stimme gehörte, gewaltsam Zutritt in den Raum. Lucas hatte mit dieser Reaktion nicht gerechnet, ebenso wenig Joey, der sich gerade noch rechtzeitig von der Tür entfernen konnte, bevor diese laut krachend zu Boden ging. Zähnefletschend, mit gespreizten Vorderläufen, stellte sich der kleine Terrier schützend vor sein Herrchen.

Vollkommen regungslos stand Lucas mit versteinerter Miene da und sah über das Spiegelbild, wie ein muskulöser, dunkelhäutiger Offizier in einer schwarzen ledermatten Uniform in sein Zimmer trat. Die Augen des Offiziers waren jedoch nicht auf Lucas, sondern auf den Jack-Russell-Terrier gerichtet, der nach wie vor knurrend in Verteidigungsposition stand.

»Sagen sie ihrem Zeckenteppich, dass er sich beruhigen soll, ansonsten sehe ich mich gezwungen, Fellpantoffeln aus ihm zu machen.«

Lucas kam die wenigen Schritte aus dem Bad gelaufen und begab sich umgehend in die Hocke, um seinen Hund zu beruhigen, denn die Blicke des Offiziers verrieten ihm, dass er es bitterernst meinte.

»Unterstehen sie sich, auch nur daran zu denken, Joey etwas anzutun. Was wollen sie von mir?«

Lucas hatte nun die Möglichkeit, den schätzungsweise 1,90 m großen Uniformierten ausgiebig zu mustern, während dieser sich im Raum umsah. Sein schwarzes Haar trug er militärisch kurz, sein Gesicht war glattrasiert und seine Oberarme waren beinahe so dick wie Lucas Oberschenkel. Der Soldat war ein Berg von einem Mann.

»Mein Name ist Cameron Davis, Colonel der Confederated-Space-Alliance und ich habe den Auftrag, sie umgehend zur Sy-Hum-Launching-Plattform zu bringen. Dort werden wir eine Raumfähre besteigen, welche uns zur CSA Epiphany bringen wird. Doch wie ich sehe, haben sie noch nicht einmal gepackt.«

Colonel Davis betrachtete eines der vielen umherliegenden Kleidungsstücke, welches er vorsichtig, als ob es sich dabei um einen atomaren Sprengsatz handelte, mit seinem kleinen Finger vom Boden aufhob. Es war eine alte verschlissene Boxershorts, welche der Junge eigentlich nur noch zum Schlafen trug. Dies war Lucas sichtlich peinlich und so riss er sie dem Colonel vom Finger, um sie sogleich wieder auf einen der im Raum zahlreich vorhandenen Wäschehaufen zu werfen.

»Nun! Da wir gerade noch genügend Zeit zur Verfügung haben, dass sie sich duschen und ankleiden können, werden wir wohl jemanden beauftragen müssen, dieses Chaos zu ordnen und es ihnen nachzuschicken. Und da ich nicht annehme, dass sie auch nur ein sauberes Kleidungsstück besitzen, sondern alles hier verstreut liegt, könnte dies seine Zeit dauern. Vermutlich wäre es von Vorteil, wenn sie sich eine neue Garderobe zulegen und die alte verbrennen würden. Denn dem Geruch nach zu urteilen, vermute ich, dass selbst eine chemische Reinigung keine Option mehr darstellt.«

Nachdem Lucas sich selbst in seinem Schlafraum umgesehen hatte, als ob er sich erst in diesem Augenblick über das Chaos bewusst geworden wäre, drehte er sich zu dem Colonel um und warf ihm einen widerspenstigen Blick zu.

»Keine Chance. Das kommt nicht infrage. Ich gehe hier nicht ohne meine Sachen weg, dann müssen sie sich eben ein wenig mehr Zeit nehmen. Am besten kommen sie morgen wieder.«

Cameron Davis mochte die arrogante Art des pubertären halbstarken Bengels nicht. Doch er war nicht der Erste, der sich dem jungen aufstrebenden Colonel zu widersetzen versuchte und sicherlich nicht der Letzte, der sich an ihm die Zähne ausbiss.

»Ich habe eine bessere Idee!«, sagte er emotionslos. »Wir haben tatsächlich ein zweites Zeitfenster, doch dann sehe ich mich gezwungen, ihren geliebten Flohzirkus zurückzulassen. Sie haben die Wahl«.

Für einen kurzen Moment machte sich Verzweiflung im Gesicht von Lucas bemerkbar. Es war undenkbar, ohne Joey irgendwo hinzugehen.

»Nun?«, erkundigte sich der Colonel nach einer kurzen Bedenkzeit.

Lucas zögerte. Jedoch nicht, weil er sich unschlüssig war, sondern er es nicht einsah, all seine Prinzipien über Bord zu werfen und ohne Weiteres einfach klein beizugeben. Anders als er war der Offizier mehr als nur entschlossen.

»Lieutenant! Packen sie den Hund in die Box«, sagte Colonel Davis, woraufhin ein junger CSA-Offizier mit einer Hundebox den Raum betrat, der anscheinend vor dem Zimmer nur auf den Befehl gewartet hatte. Die Box war gerade groß genug, dass Joey darin Platz finden konnte.

»Dir bleiben nur zwei Möglichkeiten«, sagte Davis. »Entweder du beförderst deinen Hund selbst in die Transportbox oder der Lieutenant betäubt ihn!«

Der junge Offizier zückte eine Pistole und zielte auf Joey, der die Situation begriff und erneut seine Zähne fletschte.

»Ich werde es tun!«, gab Lucas klein bei und kniete sich vor der Transportbox auf den Boden, um diese zu öffnen. Der Junge befahl Joey in die Box zu gehen und dieser folgte ohne jegliche Gegenwehr.

»Sehr gut! Jetzt ziehst du dich an, damit wir endlich los können. Denn aufgrund dieser unnützen Diskussion bleibt nun nicht einmal mehr die Zeit dich zu duschen«, sprach der Colonel naserümpfend, als ob er dies ein wenig bedauerte.

Lucas tat, wie man es ihm auftrug, und entledigte sich rasch seines Schlaf-T-Shirts und der Boxershorts, während der Colonel am Haupteingang auf ihn wartete. Es dauerte weniger als fünf Minuten. Die Tatsache, all seine Habseligkeiten zurückzulassen, war für ihn vollkommen nebensächlich geworden. Das Wohl seines besten Freundes war wichtiger als alles andere. In jeder anderen Situation hätte der pubertierende Heranwachsende rebelliert, doch Colonel Cameron Davis traf ihn an seinem wunden Punkt und Lucas folgte wie ein Lämmchen seiner Herde.

Die Vorhalle, mit ihren hohen weißen Marmorsäulen war hell erleuchtet und vollkommen menschenleer. Lucas hatte in all den Monaten die Pracht der Empfangshalle nie auf diese Art wahrgenommen. Plötzlich erschien sie ihm vollkommen fremd und trostlos. Doch wahrscheinlich lag dies an den äußerst ungewöhnlichen Umständen. Ihn verband auf gewisse Weise mehr mit diesem Ort als mit all den vorherigen Internaten, welche er über die letzten neuneinhalb Jahre hinweg kennenlernte. Er konnte noch genau den grünen Fleck sehen, den die Putzkräfte verzweifelt zu entfernen versuchten, welcher durch einen Fehlwurf seiner Farbballonattacke eine der Säulen traf.

Auch wenn er schweren Mutes die lange und breite Marmortreppe in eine ungewisse Zukunft hinunterschritt, war es eine Erleichterung, dass er wohl der einzige Student zu sein schien, der zu dieser frühen Stunde bereits auf den Beinen war. Aufgrund seines Benehmens hatte der sich nicht gerade Freunde unter seinen Mitschülern gemacht und er war sich nahezu sicher, dass es einige von ihnen mit Freude gesehen hätten, wie er zum letzten Mal diese Treppe hinab ging.

Es kam ihm vor, als würden sich die Stufen endlos dahinziehen. Jeder seiner Schritte, welche die hohen Sandsteinwände widerhallen ließen, war ein Schritt mehr auf einem Pfad ohne Wiederkehr. Unweit des Treppenabsatzes wartete bereits der Colonel in Begleitung des anderen Uniformierten, in dessen Hand sich die Transportbox mit dem wimmernden Joey befand.

Lucas fühlte sich in diesem Moment wie ein Schwerverbrecher.

Die Orden und Auszeichnungen auf Colonel Davis linker Brust, als Beweis für seine ›übermenschlichen‹ Heldentaten und seine bedingungslose Hingabe gegenüber seinem Heimatplaneten, reflektierten auf unwirkliche Weise die Beleuchtung der Empfangshalle. Doch es war nichts im Vergleich zu dem optimistischen Strahlen in den Augen des Offiziers. Lucas fragte sich, ob er wohl hierfür einen weiteren Orden einheimsen würde, als der Colonel ihn mit einem breiten Grinsen ansprach.

»Schon fertig?«

Lucas verzog sein Gesicht zu einer leichten Grimasse. Doch statt, wie er es immer tat, einen flotten Spruch zu bringen, nickte er nur.

»Wollen wir?«, fuhr Colonel Davis fort, als ob Lucas eine Wahl gehabt hätte.

»Ja Sir!«, antwortete Lucas ironisch, da er es sich nicht nehmen lassen wollte, den Offizier in seiner gewohnten Weise auf die Schippe zu nehmen.

Cameron jedoch zog eine Augenbraue nach oben und sah den Jungen überrascht an.

»Das wird ja immer besser. Weiter so und wir werden gut miteinander auskommen.«

Lucas verdrehte nur die Augen und sie verließen gemeinsam die Empfangshalle, vor der bereits eine Flugfähre der Confederated-Space-Alliance auf sie wartete.

 

Aufbruch nach De‘rekesch

In den letzten 130 Jahren der Menschheitsgeschichte ereignete sich der wohl rasanteste Fortschritt.

Nachdem die zivile US-Organisation für Luft- und Raumfahrt im Jahr 2015 aufgrund von unzureichenden Geldmitteln ihre Tore für immer schließen musste, schlossen sich die übriggebliebenen Sponsoren ein paar Jahre später mit weiteren Förderern aus internationalen Organisationen zusammen und bildeten die Confederated-Space-Alliance, kurz CSA.

Zu Beginn der Gründung gab es noch einige militärische Einflüsse, wie zum Beispiel durch die US-Air Force, deren gerüchtebehafteter Stützpunkt in Lincoln Country im Bundesstaat Nevada schließlich als Hauptsitz genutzt wurde. Der ehemalige US Militär-Stützpunkt erstreckte sich über ein Gebiet von ungefähr einhundert Quadratkilometern und lag etwa 110 Kilometer nordwestlich der Glücksspiel-Metropole Las Vegas.

Nach jahrelanger Planung und Entwicklung präsentierte die CSA im Jahr 2021 das Modell des ersten Raumschiffs, welches tatsächlich den lang gehegten Traum der Menschheit, andere Sonnensysteme innerhalb der Milchstraße zu erforschen, endlich Wirklichkeit werden ließ. Nur wenige Jahre später wurde ein Ausbildungszentrum ins Leben gerufen, um Männer wie auch Frauen auf die erhofften ausgedehnten Forschungsreisen im Weltraum vorzubereiten. Viele Personen, die bislang eine staatlich-militärische Position einnahmen, quittierten ihren Dienst und meldeten sich freiwillig. Darunter auch einige namhafte Offiziere. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Regierungen aktiv wurden und auf eine offizielle militärische Eingliederung bestanden.

Die CSA konnte sich darauf einigen, dass die althergebrachten Ränge der US-Air Force standardisiert wurden, es sich jedoch weiterhin um eine nicht militärische Einrichtung handelte. Das wohl größte Gewicht dieser Entscheidung gaben die Geldgeber, welche zu Anfang eine Erklärung unterzeichneten, dass die Errungenschaften keinesfalls unter der Leitung des Militärs eingesetzt werden dürften. Juristisch gesehen, konnten die Regierungen nichts gegen diesen wasserdichten Vertrag ausrichten und nahmen somit eine rein beratende Position ein.

2025 startete die CSA-Destiny als erstes intergalaktisches Forschungsraumschiff unter dem Kommando von Colonel Charles Stone, mit dem Ziel, den etwa neuntausend Lichtjahre entfernten Perseus Arm nach bewohnbaren Planeten abzusuchen.

Denn auch wenn der Hunger und die Krankheiten auf der Erde zum größten Teil besiegt wurden, so war doch die zunehmende Knappheit an Lebensraum weiterhin ein brisantes Thema.

Drei Jahre suchten sie vergebens, fanden nichts als unzählige lebensfeindliche Welten, bis die Crew der Destiny auf einen Mond in der Größe der Erde stieß.

Nach den Berichten des Colonels brachten sie sich in eine orbitale Umlaufbahn und untersuchten den Himmelskörper. Sie konnten feststellen, dass die Gravitation nahezu der ihres Heimatplaneten glich, die Atmosphäre jedoch viel zu dünn war, als dass sie für den Menschen atembar gewesen wäre.

Der Colonel beriet sich gerade mit seinen Experten, ob es sich lohnen würde zu versuchen, diesem Mond eine brauchbare Atmosphäre zu verschaffen, um anschließend Menschen darauf anzusiedeln, als ohne Vorwarnung ein fremdes Raumschiff auftauchte. Die Unbekannten traten sofort in Kontakt mit dem Erdenschiff und stellten sich als ›Syka‹ vor.

Die Syka bewohnten eine Welt, die im Vergleich zur Erde beinahe dreimal so groß war und sich in dem Sonnensystem befand, in dem sich zu diesem Zeitpunkt die Destiny aufhielt. Sie waren ein friedliebendes Volk und wie die Menschen der Forschung zugetan. Und bei einer Einladung auf ihrem Heimatplaneten Syhaal konnte Colonel Stone feststellen, dass ihre Gastgeber der Menschheit technologisch weit voraus waren.

Im Laufe der Gespräche, die sie führten, wahrte der Colonel das Interesse der Menschheit und schlug ein Bündnis zwischen den beiden Völkern vor. Und obwohl die Menschen einen größeren Nutzen aus dem Bündnis zogen als die Syka, willigten diese ein. Für sie war es von größerer Bedeutung, Alliierte zu haben als irgendwelche materiellen Werte.

Auch sein Interesse an dem gefundenen Trabanten eines Gasriesen brachte Charles Stone zur Sprache und ebenso, weswegen sie sich für diesen interessierten. Die Syka nannten ihn De’rekesch, was übersetzt so viel wie ›kleiner Wassermond‹ bedeutete. Sie erklärten sich dazu bereit, den Menschen dabei zu helfen, ihn für sich bewohnbar zu machen. Und im abschließenden Bericht der Forschungsmission fügte Colonel Stone hinzu, dass sich der erste Kontakt mit dieser überaus intelligenten und fortgeschrittenen Spezies zu einer wertvollen Allianz entwickeln könnte und der Mensch sich durch diese – nicht nur technologisch – weiterentwickeln würde.

Bislang wurde keiner der Prozesse des Terraforming, eine menschenunfreundliche Welt bewohnbar zu machen, gut genug verstanden, als dass die Auswirkungen der Methoden genau vorhergesagt werden konnten. Selbst wenn eine der vom Menschen erdachten Theorien in die Tat umsetzbar wäre, so hätte die Vererdung eine geschätzte Zeitspanne von etwa vierzigtausend Jahren benötigt. Die Syka erreichten eine lebensfähige Atmosphäre in einem winzigen Bruchteil dessen. Achtzig Jahre zogen ins Land. Während des Vererdungsprozess De’rekeschs durch sykasche Technologie wandelte sich inzwischen auch das Gesicht des Heimatplaneten der Menschen massiv. Die Allianz machte sich aus Sicht der Menschen bezahlt.

Eine der vielen Errungenschaften der sykaschen Entwicklungshilfe war die Sy-Hum-Launching-Plattform, eine skischanzenähnliche Abschussrampe, die es einem ermöglichte, ohne großen Energieaufwand in die Erdumlaufbahn katapultiert zu werden.

Lucas hatte etliche Bilder der Sy-Hum-Launching-Plattform gesehen, doch sie wurden dem wahren Ausmaß der Anlage nicht im Geringsten gerecht. Im Landeanflug auf den Confederated-Space-Alliance-Komplex konnte er sehen, dass es sich nicht, wie er seither annahm, um nur eine Abschussrampe handelte, sondern gleich um drei. Die waagerechten Rampen, mit einer geschätzten Länge von etwa acht Kilometern, waren sternförmig von einem Zentrum wegführend. Jede einzelne der Konstruktionen bog sich an ihrem Ende steil dem Himmel entgegen, um sich den Katapulteffekt zunutze zu machen. In der Mitte des Dreigestirns thronte das kreisrunde Hauptgebäude, das nicht nur als Abreise und Ankunftsterminal diente. Auch den darin befindlichen Weltraumgleitern und Schiffen bot es ausreichend Platz. Zudem beherbergte das Gebäude in seinem Bauch eine Reparatur- und Inspektionsabteilung sowie unzählige Ladengeschäfte und Bistros.

Eine Stimme der Flugkontrolle meldete sich über den Lautsprecher der Fähre und gab genaueste Anweisungen, in welchem Hangar gelandet werden sollte. Kurz darauf folgte die Information, wann der Start der nächsten Maschine angesetzt war. Es war in zwei Stunden. Colonel Cameron Davis, der neben dem Piloten saß, blickte auf das Pult vor sich und begann unzufrieden vor sich hin zu murmeln.

»Das wird aber verdammt knapp«, war das Einzige, was Lucas davon verstehen konnte und es war ihm unbegreiflich, was an zwei Stunden knapp sein sollte.

Doch als sie den Hangar verließen, verstand er schließlich. Die Außenmaße des Megabauwerkes waren kein Vergleich zu seiner inneren Größe. Tausende von Stahlstreben, die auf den ersten Blick keinem Muster zu folgen schienen, bahnten sich ihren Weg in den Himmel, um erneut von einer weiteren Strebe gestützt zu werden. Auch wenn Lucas zu gerne noch mehr Zeit damit verbracht hätte, sich die Innenhalle anzusehen, ließ es Cameron dazu nicht kommen. Schnellen Schrittes drängelte er sich durch die von Menschen überfüllten Korridore und der Junge wünschte sich zu diesem Zeitpunkt, ein wenig mehr für seine Kondition getan zu haben, denn er kam nur mit großer Mühe nach.

Lucas hatte inzwischen jedes Zeitgefühl verloren, nur der krampfhafte Schmerz, der stechend beide Beine hinaufzog, war Zeuge davon, dass sie bereits seit Längerem unterwegs waren.

Je weiter sie gingen, desto weniger Personen begegneten ihnen auf ihrem Weg. Nach einer kleinen Abbiegung stießen sie auf zwei uniformierte Wachmänner, die an einem Terminal saßen. Colonel Davis steuerte zielstrebig darauf zu und blieb davor stehen.

»Colonel Cameron Davis«, meldete er sich, während er seinen Ausweis einem der Wachmänner präsentierte.

»Tut mir leid«, entgegnete der eine. »Aber die CSA-Pioneer nach De’rekesch ist vor wenigen Minuten gestartet. Jedoch wurde für sie inzwischen die CSA-Independence bereitgestellt. Sie können in einer Stunde starten.«

Davis murmelte wieder Unverständliches vor sich hin und an seinem Gesichtsausdruck konnte man erkennen, dass er alles andere als begeistert war.

»Gate 3«, sagte der Wachmann und händigte ihm eine Zugangskarte aus. Lucas war unterdessen aufgefallen, dass der Lieutenant, der Joey an sich genommen hatte, nirgends zu sehen war.

»Wo ist Joey?«, fragte Lucas noch etwas außer Atem.

Davis verzog leicht sein Gesicht. Er konnte es nicht fassen, das der kleine verzogene Rotzlöffel im Augenblick an seine Töle denken konnte. Hätte Lucas sich nicht so viel Zeit gelassen, dann säßen sie inzwischen in dem Schiff Richtung De’rekesch, er könnte in der First-Class seine Beine hochlegen und sich von den attraktiven Flugbegleiterinnen Drinks servieren lassen. Doch jetzt musste er eines der ältesten Raumschiffe der Flotte selbst zu dem von Menschen besiedelten Mond steuern. Außerdem verzögerte sich dadurch auch noch der Abflug der CSA-Epiphany, welche im Raumdock De’rekeschs auf die Neuankömmlinge wartete.

»Deinem Flohsack geht es gut. Er wurde mit dem Frachttransporter bereits ans Gate gebracht«, entgegnete Cameron scharf.

Lucas wagte es nicht, aufgrund der derzeitigen Verfassung des Colonels auch nur einen Kommentar von sich zu geben, doch innerlich amüsierte es ihn. Obgleich er auch ein wenig darüber besorgt war, dass ihm der militante Gorilla nur gesagt haben könnte, was er hören wollte, um einer überflüssigen Diskussion aus dem Weg zu gehen.

Die CSA-Independence stand wie angekündigt an Gate 3 für sie bereit. Während die letzten Vorbereitungen im Schiff getroffen wurden, stand Lucas an der großen Glasfront und blickte auf das überaus beeindruckende Transportmittel herab. Auch wenn sie zur kleinsten tiefenraumtauglichen Klasse der Confederated-Space-Alliance-Flotte gehörte, war sie in seinen Augen eine riesige Monstrosität. Wahrscheinlich auch, weil die Grundform des Schiffes ein wenig an einen überdimensionalen Mantarochen erinnerte.

Lucas lief ein kalter Schauer über den Rücken bei dem Gedanken knapp eine Woche im Bauch dieser Kreatur unterwegs sein zu müssen. Durch Zufall hatte er mal eine Studie in die Finger bekommen, die über eine Raumfahrerkrankheit berichtete, bei der Menschen, welche sich längere Zeit in Stellargeschwindigkeit befanden, anfingen zu dehydrieren. Sie trockneten regelrecht innerlich aus. In diesem Moment konnte ihn der Gedanke, dass dies bereits vor einhundert Jahren geschehen war und die Raumfahrt unterdessen große Fortschritte gemacht hatte, nur wenig trösten – er hatte wenig Lust, als eine menschliche Rosine zu enden.

Lucas zuckte zusammen, als ihm Colonel Davis von hinten seine Hand auf die Schulter legte und ihn damit aus seinen Gedanken riss.

»Junge?! Die Independence ist nun bereit!«

Zum zweiten Mal an diesem Tag hatte Lucas das Gefühl, dass er seinem Scharfrichter vorgeführt werden sollte. Doch diesmal gab es tatsächlich keinen Weg zurück.

Gemeinsam liefen sie die lange und schmale Gangway entlang, welche durch ein tiefes, dumpfes und rhythmisches Brummen leicht vibrierte. Lucas nahm an, dass es sich um den Schiffsmotor handelte, denn je näher sie dem Schiff kamen, desto stärker spürte er es in seiner Magengrube.

Die äußere Luftschleuse öffnete sich und zwei Techniker standen vor ihnen.

»Alles in Ordnung, Sir«, sagte einer von ihnen. »Sie können nun starten. Achten sie nur auf den Flugvektor, wenn sie aus dem Hyperraum springen. Das Baby hat da so ihre Macken. Wir wünschen einen guten Flug.«

Mit diesen Worten liefen die beiden an ihnen vorbei die Gangway zurück und Lucas wünschte sich, er könne sie begleiten. Doch die Augen des Colonels verrieten ihm, nachdem er seinen Blick von den immer kleiner werdenden Technikern abwandte, dass es nun Zeit war, von der Erde Abschied zu nehmen.

Als sich die äußere Schleuse geschlossen hatte, verspürte er einen enormen Druck auf seinen Ohren, woraufhin sich sogleich die innere Tür öffnete und den Weg aus der kleinen Kammer freigab. Cameron grinste den Jungen an, da er seinen erschrockenen Blick zu deuten vermochte.

»Daran wirst du dich wohl noch gewöhnen müssen«, empfing er seine Stimme nur dumpf und schwach, kaum hörbar.

Ein äußerst unangenehmes Gefühl und absolut kein Vergleich zu dem, was man in einem gewöhnlichen Flugzeug verspürte, sobald man eine gewisse Höhe überstieg. Er hoffte nur, dass die Taubheit schnell nachlassen würde.

Colonel Davis verließ die Druckausgleichskammer und bog den kleinen Korridor nach links ab. Lucas folgte ihm und fand sich nach wenigen Schritten in der Pilotenkanzel wieder, welche nicht größer als sechs Quadratmeter maß. Beinahe über die gesamte vordere Front erstreckte sich ein Sichtfenster, durch welches man das noch geschlossene Hangartor sehen konnte. Der Colonel setzte sich auf den mittig ausgerichteten Pilotensessel, während Lucas einen der vier Plätze hinter ihm einnahm. Es war der einzige Platz vor dem sich, außer dem des Piloten, ein kleines Terminal mit integriertem Monitor befand. Der Sitz des Navigators, vermutete Lucas interessiert, während er das Pult inspizierte.

»Finger weg vom Display!«, ermahnte ihn Davis, obwohl er nicht sehen konnte, auf welchen Platz seine Wahl fiel. Doch wahrscheinlich hätte nahezu jeder diesen Sitzplatz gewählt, was seine Verwunderung ein wenig dämpfte.

Kaum dass Lucas sich hingesetzt hatte, glaubte er, trotz der noch immer anhaltenden Taubheit, die Tür der Druckausgleichskammer gehört zu haben. Als er sich umdrehte, um zu sehen, ob er sich getäuscht hatte, durchdrang seinen Körper ein Wohlgefühl, welches er auf diese Weise noch nie erlebt hatte. Schwanzwedelnd und voller Freude kläffend, als ob er sein Herrchen seit Monaten nicht gesehen hätte, stürmte Joey auf Lucas zu.

Die wilde Begrüßungszeremonie nahm jedoch ein jähes Ende, als Colonel Davis sich entnervt zu Wort meldete.

»Anschnallen!«

Lucas blickte auf seinen bereits angelegten Gurt.

»Bin ich!«

»Nicht du, der Hund«, sagte er, ohne seinen Blick vom Pult abzuwenden.

Lucas gurtete sich ab und nahm Joey, um ihn auf den Platz neben sich zu setzen.

»Reicht es nicht, wenn er nur auf dem Sessel sitzt? Das Anschnallsystem wurde sicherlich nicht für Hunde konstruiert.«

»Mach es! Es sei denn, du möchtest nach dem Start deinen Freund von der Wand hinter dir kratzen.«

Lucas tat es ohne ein weiteres Widerwort, auch wenn Joey alles andere als begeistert darauf reagierte. Bei jedem anderen hätte er sich wahrscheinlich dagegen gesträubt, doch die Tatsache, dass es Lucas war, ließ es ihn erdulden. Auch wenn es nicht sonderlich bequem für ihn war, so erfüllte es doch seinen Zweck.

Nachdem schließlich auch Lucas wieder angegurtet war, erschien unten in der rechten Ecke des Sichtfensters ein kleines Bild, auf der ein in Uniform gekleideter Mann zu erkennen war.

»CSA Mission Control. Colonel Davis, sind sie bereit für die Übermittlung der Koordinaten?«

»Bestätigt!«, entgegnete der Colonel, woraufhin über das Fenster, welches Lucas zu Anfang für ganz normales Sicherheitsglas hielt, Unmengen von Daten so schnell über den Schirm flackerten, dass es keinerlei Sinn ergab. Das Spektakel dauerte nur wenige Sekunden an, bis man wieder nur das schlichte Hangartor sah. Dann erschien erneut der Offizier.

»Können sie die vollständige Übermittlung bestätigen?«

Der Colonel betätigte prüfend den Screen vor sich.

»Übermittlung wird bestätigt.«

»In Ordnung Colonel! Dann wünsche ich einen guten Flug und denk dran, du schuldest mir noch einen Drink!«

Lucas war ein wenig überrascht, da die beiden Männer erst miteinander sprachen, als ob sie sich nicht kannten – dann stellte sich heraus, dass sie Freunde waren. Auch wenn die CSA angeblich nicht militärisch sein sollte, nahm sie im Laufe ihres Bestehens zu sehr die Muster und Gepflogenheiten dessen an, was sie nie sein wollte.

Der Mann verschwand vom Bildschirm und das riesige Hangartor öffnete sich. Lucas wurde in diesem Moment ein wenig flau in der Magengegend, als er die Rampe, die vor ihnen lag erblickte. Er konnte sich noch genau an die Zeit erinnern, an der er zum ersten Mal in einer Achterbahn saß, weil irgendjemand es schaffte, ihn davon zu überzeugen. Er war damals heilfroh, dass er sie, ohne sich zu übergeben, wieder verlassen konnte.

Ein stiller Countdown wurde im Sichtfenster eingeblendet, welcher von zehn rückwärts zählte. Er spürte, wie ihm kalter Schweiß den Rücken hinunter rann, dann schloss er die Augen und das Schiff beschleunigte stark. Die Armaturen um ihn herum klapperten, als ob er sich in einem altertümlichen Automobil befände, das soeben über eine mit Kopfsteinpflaster gedeckte Straße fuhr. Dann rasten sie die Rampe hinauf und der Druck auf seine Brust wurde so stark, dass er glaubte, jeden Augenblick seine Rippen knacken zu hören. Außerdem hatte er die Befürchtung, vollkommen von dem, mit weichem Kunststoff überzogenen Gelsitz verschlungen zu werden. Doch dann fand plötzlich alles ein jähes Ende. Der starke Druck auf seinen Körper verschwand und auch die Geräusche, durch welche man glauben konnte, das Schiff würde jeden Moment auseinanderfallen, verstummten. Es war auf einmal vollkommen still um ihn herum.

Ein Blick aus dem Frontfenster bestätigte ihm, was er bereits vermutete. Die Independence wurde aus der Erdatmosphäre katapultiert. Nach der Meinung des Colonels ein perfekter Start. Lucas spürte, wie die Triebwerke des Schiffes einsetzten und sie über den Rand der Mesosphäre brachte. Dies machte sich durch eine ganz bestimmte nicht zu ignorierende Wirkung bemerkbar. Nahezu jedes Kind wusste, das nach einhundert Kilometern, der Eintritt in die Thermosphäre, die Schwerelosigkeit einsetzte.

»Künstliche Schwerkraft wurde aktiviert«, ertönte eine weibliche Stimme aus den Lautsprechern des Bordcomputers, woraufhin Lucas urplötzlich wieder in seinen Sitz sackte.

»Noch einen letzten Blick auf die Erde?«, fragte der Colonel. Und ohne eine Antwort abzuwarten, brachte er das Schiff in eine Position, in der man den blauen Planeten durch das Frontfenster sehen konnte.

Er war wunderschön und es rührte Lucas beinahe zu Tränen, wäre da nicht dieses klamme Gefühl in seinem Schritt gewesen.

Er hatte sich doch nicht selbst ... Lucas warf einen Blick auf seine Hose und entdeckte überrascht eine zähflüssige, schleimige Substanz, deren stechend säuerlicher Geruch ihm erst jetzt in die Nase stieg. Auf keinen Fall stammte das von ihm, daran hätte er sich erinnert.

»Verdammt noch mal, Joey!«, sagte er laut und sah dabei seinen treuen Freund an, der unmittelbar neben ihm saß und vor sich hin hechelte, als ob nichts gewesen sei.

»Was ist denn?«, fragte Colonel Davis, während er die Maschine wendete, sodass die Erde wieder aus ihrem Sichtbereich verschwand.

»Joey hat mich vollgekotzt.« Lucas warf einen raschen Blick auf den Boden. »Und der Fußboden hat auch was abbekommen.«

»Oh Mann! Du kannst echt froh sein, dass das nicht in der Phase der Schwerelosigkeit geschehen ist. Denn dann müsstest du weitaus mehr sauber machen.«

»Ich?«, entgegnete der Junge angeekelt.

»Selbstverständlich! Denkst du etwa ich? Schließlich ist das deine Fußhupe. Aber leider musst du damit warten, bis wir auf Stellargeschwindigkeit gegangen sind.«

Lucas mochte es nicht, wie der Colonel über seinen Hund sprach und er fragte sich, wann ihm die äußerst dämlichen Bezeichnungen für ihn ausgehen würden, auch wenn er selbst im Moment ebenfalls nicht gerade gut auf seinen kleinen treuen Freund zu sprechen war.

Nach etwa einer halben Stunde hatten sie die Reisegeschwindigkeit erreicht und Lucas konnte sich daran machen, die Überreste der letzten Mahlzeit seines Hundes zu entfernen. Nach etwa weiteren zehn Minuten und mehrmaligen Brechreiz-Attacken waren Boden und die beiden Sessel wieder sauber. Nur Lucas Hose und auch sein Hemd zeugten noch von dem Missgeschick.

Davis starrte auf den Fleck in Lucas Schritt, als ob es ein Kunstwerk wäre und schmunzelte.

»Fällt kaum auf! Die Syka denken bestimmt, dass die Jugend auf der Erde das so trägt.«

»Sehr witzig!«, entgegnete Lucas genervt. »Wollen sie sich vielleicht noch ein Bild davon machen oder geben sie mir gleich was anderes zum anziehen?«

Davis runzelte die Stirn.

»Ich bezweifle, dass wir etwas Passendes an Bord haben, aber ich kann ja mal schauen.«

Kurze Zeit später fand sich Lucas in einem für ihn viel zu großen dunkelblauen Technikeroverall wieder. Besser als gar nichts dachte sich der Junge, als er vor dem Colonel stand, der ihn von oben bis unten mit einem prüfenden Blick und einem Schmunzeln im Gesicht musterte.

»Nun, besser als gar nichts!«, wiederholte Davis Lucas Gedanken, doch aus seinem Munde hörte es sich irgendwie spöttisch an.

Es war ein weiter Weg, der noch vor ihnen lag, bis sie die sykasche Galaxie und schließlich De’rekesch erreichen würden. Während Colonel Cameron Davis zwischen seinen ausgedehnten Ruhephasen immer mal wieder den Navigationscomputer prüfte, ob sie sich noch auf Kurs befanden, studierte Lucas an dem Terminal die gespeicherten Daten der sykaschen Geschichte. Bis auf wenige Details waren die Syka und die Menschen nicht sonderlich verschieden. Beide waren sie der Wissenschaft angetan und hatten den Drang, Dinge zu begreifen und analysieren zu wollen, und den tieferen Sinn einer Sache zu ergründen.

Laut ihren Aufzeichnungen, die teilweise sehr lückenhaft waren, bewohnten sie einst einen Planeten mit einer anderen, äußerst grausamen und kriegerischen Spezies. Eine Schlacht, welche sich über Jahrhunderte hinwegzog, entschied schließlich, wer als Gewinner hervorgehen sollte. Die Oryax, wie man sie nannte, unterlagen den weitaus intelligenteren Syka. Die unbarmherzige Spezies wurde letztlich von einer mysteriösen Waffe ausgelöscht, welche in der historischen Niederschrift nicht genauer definiert wurde.

Sko‘Oryax wurde die Zeit nach der Ausrottung der barbarischen Spezies, welche den Syka über Jahrhunderte die Weiterentwicklung verwehrte, genannt. Ab diesem Punkt wurde alles festgehalten. Geprägt von ihrer dunklen Vergangenheit, gingen sie jeglichen kriegerischen Konflikten aus dem Weg. Morde und andere kriminelle Delikte waren ihnen ganz und gar fremd geworden. Erst dieser Wandel ermöglichte ihnen ihre volle gesellschaftliche Entfaltung. Während die Menschen noch immer ihresgleichen bekriegten und ermordeten, verstanden die Syka schon längst, dass Gewalt in jeder nur erdenklichen Form nicht nur ihre Gedanken vergiftete, sondern auch den Fortschritt aufhielt.

Lucas erkannte, dass diese Rasse ihnen noch immer weit voraus war. Auch wenn auf der Erde inzwischen Friede eingekehrt war, fehlten noch immer Einigkeit und Zusammengehörigkeit. Es gab noch vieles von ihren Freunden zu lernen.

Lucas war gerade dabei, das Werk des wohl bedeutendsten Syka der aktuellen Zeitepoche zu lesen, als das Schiff ohne Vorwarnung aus der Stellargeschwindigkeit fiel und der Bordcomputer ein laut krächzendes Warnsignal von sich gab. Cameron stürmte völlig schlaftrunken von seiner Pritsche, auf der er vor wenigen Sekunden noch schnarchend gelegen hatte, und steuerte zielstrebig die Konsole an, von welcher der unerträgliche Ton erzeugt wurde. Während er noch ein wenig desorientiert versuchte, den Grund des Warnsignals zu analysieren, trat Lucas hinter ihn und blickte fasziniert, mit weit aufgerissenen Augen durch das Frontfenster des Schiffes. Vor ihnen tat sich ein großer rot-orange strahlender Nebel auf, der stetig zu wachsen schien. Er war wunderschön anzusehen.

»Was zum Henker ist los?«, schimpfte der Colonel, während er auf das Display vor sich starrte. Er versuchte zu begreifen, was diese Warnmeldung zu bedeuten hatte und rief ein Analyseprogramm auf. Doch auch diese Daten gaben ihm keinen Aufschluss darüber, was das Problem war und ebenso wenig war er dazu in der Lage, den krächzenden Ton abzustellen.

»Verdammt! Was soll das?«

Lucas tippte dem, kurz vor einem Nervenzusammenbruch stehenden Cameron auf die Schulter, ohne dass er seine Blicke von dem Nebel, der sich wie eine weiche Blüte entfaltete, abwandte.

»Was denn? Ich habe jetzt keine Zeit!«, entgegnete der Colonel gereizt, dennoch hob er seinen Kopf. Wie von einem Geistesblitz getroffen, schien er auf einmal zu verstehen, wovor der Bordcomputer sie zu warnen versuchte.

»Oh, mein Gott!«

Lucas bemerkte an dem Gesichtsausdruck des Colonels, dass das, was er bis eben noch als schön empfand, in Wahrheit nichts Gutes verhieß.

»Was ist das und was hat es zu bedeuten?«, fragte der Junge verängstigt.

»Das ist ein gigantischer Solarsturm.«

»Können wir ihn nicht umfliegen?«

Cameron sah den Jungen betroffenen Blickes an.

»Ich habe keine Ahnung, doch ich denke nicht. Der Sturm hat einen unglaublichen Zahn drauf. Die Instrumente fangen bereits an zu spinnen. Ich vermute aufgrund der elektromagnetischen Wellen. Sicher bin ich mir jedoch nicht, denn eigentlich dürfte hier weit und breit keine Sonne sein. Die Nächste ist eigentlich erst die der Syka.«

Lucas schluckte schwerfällig. Tausend Gedanken schossen durch seinen Kopf, was es ihm schwer machte zu realisieren, dass er wohl in wenigen Augenblicken dem Tod ins Angesicht sehen würde. Seine Gedanken ordneten sich und Verzweiflung machte sich in ihm breit, welche schnell in pure Panik umschwenkte.

»Wir müssen von hier verschwinden! Umkehren! Irgendwohin, wo uns der Sturm nicht erreichen kann.«

»Das ist nicht möglich.«, entgegnete Davis, der es inzwischen schaffte den Alarm auszustellen und sich ein Bild ihrer Lage zu machen. »Dieser Sturm ist enorm und die Ausläufer haben sich bereits so weit ausgebreitet, dass wir in keine Richtung mehr fliehen könnten. Selbst wenn wir umkehren würden, hätten wir nur noch begrenzte Energiemengen.«

Der Colonel stockte.

»Wir würden den Tod nur hinauszögern.«

»Lieber gehe ich beim Versuch zu überleben drauf, als dass ich hier herumsitze und wie eine Hähnchenkeule geröstet werde. Sie sind hier, um mich zu beschützen, mich heil und an einem Stück zur Epiphany zu bringen. Ist es nicht so?«

»Es tut mir leid!«, entgegnete Cameron und wandte seine Augen von dem Jungen ab. »In spätestens zehn Minuten hat uns die volle Wucht des Sturms erreicht.«

Lucas konnte nicht nachvollziehen, warum der Colonel bereit war, einfach so aufzugeben. Wut machte sich in ihm breit.

»Du kannst doch nicht einfach so aufgeben, verdammt! Bring uns irgendwo hin, Hauptsache weg von hier. Ihr von der CSA seid doch die besten Piloten, so heißt es jedenfalls immer in eurer tollen Werbung«, brüllte Lucas verzweifelt.

»Eine Kehrtwende zu machen und davor wegzufliegen wäre sinnlos. Er würde uns innerhalb kürzester Zeit einholen, das bringt uns keine Minute ein, die wir länger leben würden«, erwiderte der Colonel ruhig, ohne bemerkt zu haben, dass der Junge ihn in seiner Wut geduzt hatte.

Lucas sah erneut durch das Frontfenster. Der rote, todbringende Nebel verdichtete sich allmählich zu einer dunklen Suppe. Ein wenig erinnerte es an einen pyroklastischen Strom, wie bei einem gewaltigen Vulkanausbruch, nur dass die Farbgebung anders war. Immer wieder erhellte sich die Wolke durch gewaltige Energieentladungen, die in ihrem Innern stattfanden.

Der Boden der Pilotenkanzel begann zu vibrieren – erst leicht, kaum spürbar, entwickelte es sich stetig steigend zu einem beträchtlichen Beben. Flink steuerte Lucas zu seinem Platz, setzte sich, legte den Sicherheitsgurt an und drückte den Jack-Russell-Terrier fest an sich. Wenn er schon gehen musste, so dachte sich der Junge, dann wenigstens mit dem Lebewesen in seinen Armen, das er am meisten liebte.

Unruhig saß Lucas auf seinem Sessel, als die volle Wucht des Sturmes die CSA-Independence traf. Die Turbulenzen waren grauenvoll. Das Schiff wurde umhergeschleudert wie ein Spielzeug. Die Knarr- und Ächzgeräusche um ihn herum ließen in Lucas die quälende Vermutung aufkommen, dass das Raumschiff jeden Augenblick in Millionen kleine Teile zerspringen würde. Todesängste überfluteten ihn. Unbeschreibliche, nie zuvor erlebte Empfindungen, welche ihn schon beinahe den Verstand verlieren ließen. Er wusste nicht einmal mehr, ob alles um ihn herum oder ob er mehr zitterte. Seine panisch aufgerissenen Augen wanderten zum Frontfenster. Dort konnte er sehen, dass sich die elektrischen Entladungen nun auch unmittelbar an der Außenhaut des Schiffes ereigneten. Sein Herz raste und sein Atem war unregelmässig, als sich, wie aus heiterem Himmel, eine Urgewalt an elektromagnetischen Ergüssen ereignete und das Raumschiff in sich einhüllte. Funken sprühten aus den Armaturen des Cockpits. Einige der Rechner fingen sogar Feuer. Dicker schwarzer Qualm verteilte sich überall, verhinderte nun die Sicht und erschwerte es dem ohnehin schon panischen Jungen, der wie versteinert auf seinem Sessel saß, zu atmen.

War dies das Ende seiner Reise? Sollte auf diese Weise alles vorbei sein? Sein Körper wehrte sich in einem vollkommen gewöhnlichen Reflex gegen den Überschuss an Kohlendioxyd in seiner Lunge und obwohl der Husten beinahe alles zu übertönen schien, vernahm er doch immer wieder ein zischendes Geräusch, bevor seine Sinne vollends dahinschwanden.

Cameron blieb nicht lange Zeit, sich zu entscheiden, ob er nun zum Feuerlöscher greifen sollte, welcher sich unterhalb seiner Konsole befand oder weiter versuchen, dem vorgesehenen Kurs zu folgen. Die Rauchentwicklung im hinteren Teil des Cockpits, in dem sich Lucas befand, war bereits lebensbedrohlich und Lucas Husten wurde inzwischen schwächer. Cameron aktivierte einen eigens für solche Notfälle eingerichteten Rauchabzug und machte sich daran, die Brandherde zu finden und zu löschen. Nachdem er alle Feuer erstickt hatte, wurde auch rasch die Luft wieder klarer. Cameron wollte sich noch davon überzeugen, dass es Lucas gut ging, und fühlte den Puls des weggetretenen Jungen an dessen Halsschlagader.

Er war noch am Leben, auch wenn sein Pulsschlag nur schwach war. Joey, der noch immer auf Lucas Schoß angeschnallt saß, sah Cameron hechelnd an und für einen Moment glaubte er Dankbarkeit in den großen, treuen Augen zu sehen.

Doch der Blickkontakt wurde jäh von einem lauten Knall unterbrochen.

Cameron wurde von dem Druck der Explosion in den hinteren Teil der Kanzel geschleudert, doch nach einem Augenblick der Benommenheit konnte sich der Colonel wieder aufrappeln.

Schnell hatte er den Ursprung der Explosion ausgemacht und nach kurzem Betätigen des Feuerlöschers sah er auf die vollkommen zerstörte Steuerkonsole herab. Es war ein Wunder, dass durch die Detonation nicht die komplette Frontscheibe aus ihrer Fassung gesprengt wurde. Dennoch war Cameron klar: ›Wenn sie nicht auf diese Weise ihren Tod fanden, würde es die gewaltige Hitze oder die Strahlung beenden.‹

Über eine rot-blinkende Kontrollanzeige oberhalb seines Kopfes wurde stetig die Temperatur der Außenhaut angezeigt, welche bereits weit über der lag, für die das Schiff konzipiert war. Einige Decks wiesen bereits einen Hüllenbruch auf und Cameron wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis auch die Brücke, die besser abgeschirmt war als der Rest des Schiffes, letztlich der gewaltigen Hitze nicht mehr standhalten würde und er nicht das Geringste dagegen ausrichten könnte.

Er setzte sich resignierend vor die zerstörte Konsole und blickte in den inzwischen blutrot gefärbten Sturm. Der Colonel blinzelte ein paar Mal und rieb sich kurz die Augen, da er dachte, der Rauch des Feuers hätte sein Sehvermögen beeinträchtigt. Doch auch noch danach war er da, ein eigenartiger Wirbel, der sich ihnen entweder in einer rasanten Geschwindigkeit näherte oder unglaublich schnell wuchs. Was es auch immer war, die CSA-Independence steuerte unmittelbar darauf zu.

»Was zum Teufel ist das?«, fragte sich Cameron erschrocken, der wie gebannt, den immer näherkommenden Wirbel anstarrte.

Ein schwarzes Loch konnte es nicht sein, es erinnerte vielmehr an einen gewaltigen Wasserstrudel, nur dass dieser hell erstrahlte und in sämtlichen Farben leuchtete. Was war es also dann? Ein Wurmloch?

Auch wenn die Menschheit im astrologischen Sinne die letzten Jahrhunderte ihr Wissen stark erweitern konnte, so waren es die Wurmlöcher, die nach wie vor eines der Mysterien waren, die noch immer nicht geklärt, geschweige denn deren Existenz bewiesen werden konnte. Vom Bann der atemberaubenden Anomalie abgelenkt, bemerkte der CSA-Offizier erst jetzt, dass die Maschine vollkommen ruhig, von den bisherigen Turbulenzen befreit, dahinglitt, als ob sie sich inmitten des Auges eines Wirbelsturmes befänden. Selbst die Außentemperatur war wieder auf einen Normalwert gesunken, wie er auf der noch funktionstüchtigen Kontrollanzeige ablesen konnte.

Auch wenn Cameron darüber erleichtert war, wusste er nicht, ob der Zeitpunkt zur Freude schon gekommen war. Selbst wenn die Gefahr des Solarsturms für den Moment gebannt zu sein schien, hatte er keine Ahnung, ob der Wirbel nicht ebenso den Tod bringen würde. Schließlich wusste er nicht mit Bestimmtheit, sollte es sich wahrhaftig um ein Wurmloch handeln, was geschehen würde, wenn sie in den Strudel hineingerieten. All die fantastischen Geschichten über Reisende, die durch ein Wurmloch reisten und andere Galaxien besuchten, stammten schließlich aus der Feder eines Menschen, der noch weniger von Astronomie wusste als ein Pferd vom Fahrradfahren – doch ob er nun wollte oder nicht, würden Lucas und er wohl die ersten Menschen sein, die durch eines reisen, auch wenn der Junge von all dem wohl nichts mitbekommen würde.

Einerseits war Cameron gespannt auf das Ereignis, doch andererseits beneidete er Lucas dafür, dass dieser nichts von all dem sehen und vor allem keine Angst mehr spüren musste.

Die Anomalie war inzwischen so gewaltig, dass Cameron nur noch einen Bruchteil der kreisrunden trichterförmigen Öffnung erspähen konnte als noch Momente zuvor. Mit einem Mal, ganz und gar unerwartet, ging ein brachialer Ruck durch den Rumpf des Schiffes. Erschrocken klammerte der Colonel sich an seinem Pilotensessel fest, auf dem er wie versteinert gesessen hatte, sonst hätte ihn der plötzliche Ruck vermutlich auf den Boden geworfen. Diese Erschütterung sollte in ihrer Art jedoch nicht die Letzte gewesen sein. Mit weit aufgerissenen Augen stellte Cameron fest, dass sie nun in den Strudel eingetreten waren. Statt geradeaus weiter hineinzufliegen oder vielmehr zu gleiten, änderte die Independence schlagartig ihren Kurs und folgte den wellenartigen Strömungskanälen des Wirbels. Getrieben von Panik dachte der Colonel daran, gegenzusteuern, als ihm im nahezu selben Moment bewusst wurde, dass er aufgrund der Explosion keine Kontrolle mehr über die Steuerung hatte. Lucas, der noch immer bewusstlos war, und er waren der Gewalt des bislang nur als Mythos gehandelten Wurmloches wehrlos ausgeliefert.

Das Schiff beschleunigte seine Fahrt stetig. Cameron schlug sein Herz bis zum Hals und er fragte sich fortwährend, was er tun könnte, um niemals erfahren zu müssen, was sie am Ende dieser schwindelerregenden Fahrt erwarten würde. Obwohl der erfahrene Flotten-Offizier so manche nervenaufreibende Prüfung bei der Confederated-Space-Alliance ablegen musste, so war diese Erfahrung mit nichts, was er bisher durchstehen musste, zu vergleichen. Selbst die Zentrifuge löste nicht das in ihm aus, was er in diesem Augenblick in seiner Magengrube verspürte. Da er absolut keinen Orientierungspunkt hatte, war er auch nicht dazu in der Lage, sagen zu können, wie schnell das Schiff inzwischen unterwegs war. Doch er hatte das Gefühl, dass es schnell war – verdammt schnell!

Vermutlich hätte ihn jeder Physiker und auch sämtliche Ingenieure der CSA für verrückt erklärt, wenn er ihnen von dem flauen Magen berichtet hätte, denn sowohl der Schwerkraftgenerator als auch die Trägheitsdämpfer sollten einen derart spürbaren Effekt unmöglich machen. Dennoch war diese Empfindung vollkommen real für ihn und nicht einfach nur eine Einbildung oder gar eine Sinnestäuschung, wie sie manche Menschen verspürten, wenn sie einem schnellen Fahrgeschäft auf dem Jahrmarkt zusahen.

»Es wurde ein unbekannter Fehler im Gravitron-Schwerkraftgenerator festgestellt«, ertönte plötzlich die Stimme des Schiffssystems.

Cameron warf einen Blick auf die Kontrollanzeige, die jedoch nicht dazu in der Lage war, ihn über die Art der Störung Klarheit zu verschaffen. Man konnte lediglich darüber ablesen, ob der Generator aktiv oder inaktiv war. Um eine Analyse durchführen zu können, müsste er sich zu dem noch intakten Terminal bei Lucas begeben. Ohne lange zu überlegen, steuerte Cameron die Konsole an. Kaum nach der Hälfte des kurzen Weges begann sich auf einmal alles vor seinen Augen zu drehen. Da er das Schiff kannte und wusste, dass sich nichts in seiner unmittelbaren Umgebung befand, wo er sich hätte abstützen können, hielt er in seiner Bewegung inne, beugte sich nach vorn und stützte seine Hände auf die leicht gebeugten Knie ab.

Eine eindeutigere Bestätigung hätte er nicht erhalten können, auch wenn er den Grund für die Beeinflussung der künstlichen Gravitationskraft noch nicht kannte. Sein Ziel wieder deutlich vor Augen, steuerte er Lucas an, der regungslos in seinem Sessel vor der Konsole saß. Cameron wollte sich gerade ins Schiffssystem einloggen, als er ein Bellen aus ungewöhnlicher Richtung vernahm. Verwundert wandte er sich von dem Terminal ab und sah Joey frei in der Luft schwebend, verzweifelt und langsam um sich selbst drehend.

»Da brat mir doch jemand nen Storch, ein fliegender Flohsack!«

Auch wenn Cameron diese Situation für einen Augenblick als belustigend empfand, war ihm bewusst, dass dies nur seine schlimmste Befürchtung bestätigte – der Gravitron gab langsam seinen Geist auf. Kaum diesen Gedanken zu Ende gedacht, bemerkte er, wie auch er langsam die Bodenhaftung verlor.

»Gravitron-Generator ausgefallen. Weitere Schiffssysteme weisen Störungen auf. Notabschaltung erfolgt in ... fünf ... vier ... drei«, meldete die Systemstimme, als die Ansage plötzlich ein jähes Ende nahm und das Shutdown-Geräusch der Maschinen erklang.

»So eine Scheiße!«, schrie Cameron und wurde in nahezu vollkommener Dunkelheit hart gegen eine der Wände, die Decke oder vielleicht sogar den Boden geschleudert. Auch dem Hund, der einen gequälten Belllaut von sich gab, schien es ähnlich wie dem Colonel ergangen zu sein.

Cameron wand sich vor Schmerzen. Er hatte das Gefühl, soeben aus einer Höhe von drei Metern ungebremst herunter gekracht zu sein. Mühsam versuchte er sich zu orientieren und seinen Körper in der Schwerelosigkeit in eine einigermaßen brauchbare Position zu bekommen, als er in dem schummrigen Licht, welches der Wirbel erzeugte und über die Frontscheibe ins Shuttle drang, aus dem Augenwinkel sah, wie etwas auf ihn zuschoss.

Selbst wenn er hätte reagieren können, raste der Gegenstand so schnell auf ihn zu, dass er es noch nicht einmal schaffte, seine Entrüstung darüber in Worte zu fassen. Die Tasche traf den Colonel direkt am Kopf und knockte den Offizier aus.

Nur Minuten vergingen, als die CSA-Independence, begleitet von einem gleißenden Licht, aus dem Wirbel wieder austrat. Doch das Schiff fand sich nicht im leeren Raum wieder, es war unmittelbar in das Gravitationsfeld eines Planeten geraten und im Begriff, jeden Moment in dessen Atmosphäre einzutreten. Sofort reaktivierte sich das Schiffssystem.

»Warnung! Unkontrollierter Eintritt steht bevor – manuelle Steuerung nicht intakt – Autopilot aktiviert – starte Notfallprotokoll Beta-Epsilon-4 – Landevektor wird korrigiert.«

Die Independence steuerte geradewegs auf die wüstenartige Oberfläche des Planeten zu. Aus der Ferne beobachteten Einheimische, wie das Schiff auf den Boden schlug und gewaltige Massen an Sand und Staub emporwirbelte.

Die Gefährten des Syka

Einige Tage bevor die Independence ihre Reise antrat, stand Botschafter Jaro Tem gedankenversunken auf dem kleinen Balkon seines hochgelegenen Quartiers und blickte auf die weitläufige, unendlich erscheinende Stadt herab.

Viel Zeit musste in der Geschichte seines Volkes verstreichen, um diesen einst kargen und leeren Planeten zu dieser prachtvollen Größe heranwachsen zu lassen. Nicht eine Pflanze schien dazu in der Lage, auf dem unfruchtbaren Ödland jemals gedeihen zu können. Doch die Syka schreckte diese Tatsache nicht ab. Auch wenn sie als Sieger aus dem Krieg um die Existenz hervorgingen, konnte das gepeinigte sykasche Volk nicht in der alten Heimat verweilen, wo die Erde mit Oryax-Blut durchtränkt war.

Bis zu diesem Tage war es Jaro Tem unbegreiflich, wie sein Volk, trotz dessen körperlicher Unterlegenheit gegen diese Monster bestehen, sogar triumphieren konnte. Die Syka waren kleingewachsen, hager und nicht sonderlich flink auf ihren viel zu groß geratenen Füßen. Ihre Augen waren von Natur aus schwach, was sie mit einem technisch-komplexen Sehinstrument, welches an eine gewöhnliche Schweißerbrille erinnerte, kompensieren konnten – ihre platten Nasen und großen rundlichen Ohren funktionierten dafür umso besser. Die fahle, schon beinahe gräuliche Haut ähnelte der von Elefanten und war gänzlich haarlos. Doch trotz all dieser Schwächen brachte ihnen eine Sache den entscheidenden Vorteil im Kampf gegen die damalige Herrscherrasse, welche sie stets unterdrückte - ihren Intellekt.

Nachdem die Syka ihre Möglichkeiten abwogen, entschlossen sie sich, jenes Land, das unbewohnbar zu sein schien, in Anspruch zu nehmen und starteten alsbald das wohl größte Terra-Forming-Projekt der Galaxie. An diesem Tage, rund zweitausend Jahre später, umspannte eine gewaltige Stadt, mit bis zu eintausend Meter hohen Gebäuden, den kompletten Planeten und bot mehr als hundert Milliarden Syka einen wunderschönen und von Harmonie geprägten Ort zum Leben.

Trotz des idyllischen Anblicks seiner Heimat war Jaro in großer Sorge. Er spürte, dass etwas in ihrer Galaxie vor sich ging – etwas, was das Leben aller bedrohte. Die Ereignisse, die sich die letzten Wochen zutrugen, blieben dem sykaschen Botschafter nicht verborgen. Von überallher drangen beunruhigende Nachrichten zu ihm vor – sie berichteten von Leid und Tod.

Aus jenem Grund bat er zwei Freunde darum, ihn aufzusuchen, um sie um Hilfe zu bitten. Denn er wusste, dass er mit der Nachricht über die Bedrohung, die er aus all dem las, bei seinem eigenen Volk auf taube Ohren stoßen würde.

»Syhaal ist wirklich wunderschön«, vernahm Jaro eine weibliche, sanfte Stimme neben sich.

Er blickte auf und sah eine Frau, neben welcher das atemberaubende Syhaal zu verblassen drohte. Nokturije aus dem Stamm der Turijain war eine seiner engsten Vertrauten. Sie war eine Me, die mächtigsten und majestätischsten Wesen dieser Galaxis. Sie waren Richter und Vollstrecker zugleich. Bereisten die Milchstraße, um für Gerechtigkeit zu sorgen. Bis auf ihre Rüstung und ihre Waffen hatten die Me jeglichen Besitztümern abgeschworen. Wenn sich eine Me jemandem anschloss, dann schwor sie diesem uneingeschränkte Treue und Verbundenheit – bereit alles zu tun, was dieser von ihr verlangte. Und wenn es ihnen gerechtfertigt erschien, waren sie sogar bereit, einen Mord zu begehen. Andererseits wählten sie ihre Mitstreiter mit Bedacht.

Nokturije galt als eine der Stärksten, wenn nicht sogar die mächtigste aller Me. Sie war nicht nur Meisterin der Kampfkunst, sie verfügte zudem über unermessliche biotische Fähigkeiten. Doch auch ihre Verführungskünste suchten ihresgleichen. Die Me schienen vom Schicksal mit unwiderstehlichem Aussehen gesegnet zu sein. Nokturijes rückenlanges Haar war kraftvoll, wunderschön gelockt und feuerrot. Ihre Haut war glatt und weich wie die eines neugeborenen Kindes. Wenn man das Glück hatte und das Licht im richtigen Winkel auf die Schönheit traf, schien es so, als schimmerte ihre Haut golden. Was die Herzen der männlichen Wesen meist noch schneller schlagen ließ, war ihre eng anliegende, überaus körperbetonte ›Rüstung‹, bei der sie äußerst viel ihrer ästhetischen Haut zeigte. Doch all das war nichts im Vergleich zu ihren smaragdfarbenen Augen. Blickte man einmal in das leuchtende Grün, so war man ihr für den Rest seines Lebens verfallen ...

»Da hast du vollkommen recht, meine gute Nokturije. Doch genau das ist es, wovon ich befürchte, es verlieren zu können«, entgegnete er und wandte seine durch die Gläser der Brille riesenhaft erscheinenden Augen wieder der im Abendrot erstrahlenden Stadt zu.

»Sprich mein Freund. Warum fürchtest du um Syhaal?«

Jaro sah die Me besorgt an.

»Wir sollten auf den guten alten Kri‘Warth warten. Dann werde ich euch alles erzählen.«

Nokturije deutete hinter sich in das helle, luxuriös ausgestattete Apartment des Syka, in dessen Wohnbereich sich ein hünenhafter Mann daran versuchte, auf einem viel zu kleinen Stuhl Platz zu nehmen.

Kri’Warth war ein übermächtiger und furchteinflößender Hüne von dem Volk der Golar, vom Planeten Gol. Mit seinen weit über zwei Metern und Muskeln aus Stahl war er oftmals gar nicht erst dazu gezwungen, seinen gefürchteten zweischneidigen Olum-Säbel ziehen zu müssen, dessen eine Seite glatt geschliffen und die Gegenseite mit rasiermesserscharfen Zähnen besetzt war – alleine der Anblick des Kriegers, seine düstere Miene, die stechend gelben Augen und die langen zotteligen Haare ließen die meisten sogleich die Flucht ergreifen. Einige behaupteten sogar, dass sein Atem sein Übriges dazu tat. Seine Kräfte waren brachial, sein Geist jedoch entsprach dem eines Kindes.

Jaro lief vom Balkon und begab sich zu einem Bereich seines Quartiers, in welchem der Boden mit Kissen ausgelegt war. Nokturije packte den Golar an seinem Schopf und forderte ihn grob auf, dem Botschafter zu folgen. Nachdem alle sich gesetzt hatten, blickte er konsterniert in die Runde. Dies tat er immer, wenn er ein großes Anliegen hatte.

»Vierhundert Jahre lang war ich von unschätzbarem Wert für mein Volk. Ich reiste von Planet zu Planet, um die Völker der Milchstraße in die intergalaktische Gemeinschaft einzubinden. Doch irgendwann war, wie ihr sicherlich wisst, diese Arbeit vollbracht, und auch wenn ich für meine Taten nach wie vor geehrt werde, gab es niemand mehr, den ich hätte besuchen können. Zwanzig Jahre lang reiste ich immer wieder dorthin, wo ich bereits tausend Male zuvor war. Der hohe Rat der Syka nannte dies Kontakte pflegen, doch ich war dem längst überdrüssig. Ich wollte etwas Neues erleben, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich zu einem solchen Abenteuer kommen sollte. Die jüngsten Ereignisse, zwei kollabierte Sonnen, stifteten mich dazu an, mich nach Jahren wieder dem wissenschaftlichen Feld der Astrophysik zuzuwenden, jene Arbeit, die ich vor meiner Berufung zum Botschafter meines Volkes ausführte. Als ich dort jedoch keine Antworten zu finden schien, recherchierte ich in einem, für die rational denkenden Syka, eher paradoxen Gebiet. Ich fing an, die Mythen und Legenden der Kulturen zu studieren, welche ich einst besuchte. Zeit verging und als ich schon beinahe davon überzeugt war, dass dies ein nutzloses Unterfangen gewesen sei, entdeckte ich die Legende eines verschollenen Artefakts im Buch der Ninsag. Mit diesem Artefakt, bei dem es sich um eine geheimnisvolle Schale der Ur‘Ulusal handelte, soll man laut der Überlieferung dazu in der Lage sein, darin die Vergangenheit, Zukunft und das Ende des Universums sehen zu können.«

»Ich habe bereits von diesem Artefakt gehört, doch nahm ich an, dass es sich dabei nur um einen Mythos handele. Nur die Me von Hidoria, die mächtigste Vollstreckerin aller Zeiten, war dazu in der Lage, in die Zukunft zu blicken, doch selbst sie war nicht dazu imstande, das Ende aller Tage zu sehen. Doch sage mir, weiser Freund. Warum denkst du, durch dieses Artefakt Antworten auf die aktuellen Vorkommnisse zu finden? Denkst du nicht, dass es nur Zufall ist, dass die beiden Sonnen kurz hintereinander kollabierten?«, fragte die rotgelockte Kriegerin befangen.

Jaro kratzte sich an seinem haarlosen Haupt.

»In der Astrophysik gibt es keine Zufälle. Vielleicht mag ich mich auch irren, doch mein Instinkt sagt mir, dass dieses verschollene Artefakt uns Antworten geben kann. Wenn ich falsch liegen sollte, dann ist dem nunmal so. Doch ich will keine Gelegenheit unversucht lassen, dieses Rätsel zu lösen. Den Rat meines Volkes kann ich nicht mit dieser Sache betrauen. Nicht nur, dass ich von ihnen wahrscheinlich für verrückt erklärt werden würde, sie wären auch nicht dazu in der Lage, mich in meinem Unternehmen zu unterstützen. Aus diesem Grund ersuche ich euch, meine Freunde, um Hilfe.«

»Und wo soll sich diese besagte Weissagungsschale befinden?«, fragte Nokturije interessiert.

Der Syka überlegte angestrengt, als ob er in diesem Moment in seinen Gedanken nach dem Text suchte.

»Grün waren sie, spröde Schuppen bedeckten ihre Leiber. Ihre Augen glühten so rot wie die Kohlen im Feuer und ihre Zähne waren so spitz und scharf wie der Dolch des Harolit. Keiner vermochte es, den Zorn dieser unzähmbaren Bestien zu überstehen, die über das höchste Gut dieses und jedes folgenden Universums wachten«, zitierte der Botschafter Wort für Wort, was er vor Kurzem gelesen hatte.

»Grün und mit Schuppen«, wiederholte Nokturije nachdenklich. »Ich kenne keine Spezies, welche diese Merkmale besitzt.«

»Roctar«, murmelte Kri‘Warth leise, der sich, wie so oft, nicht in die Gespräche der beiden Freunde mit einbringen konnte. Er war ein Krieger und kein Redner.

»Was hast du da eben gesagt?«, fragte Jaro ungläubig nach, der ihn mit seinen exzellenten Ohren sehr wohl verstanden hatte.

Der Hüne blickte freudig überrascht den Syka an.

»Die Roctar«, wiederholte er laut. »Die sind grün und haben Schuppen. Manchmal sind sie auch eher bräunlich, aber ...«

Jaro unterbrach seinen treuen Freund.

»Das ist es ... Wie konnte ich nur diese abscheulichen Kreaturen vergessen. Die Roctar, Kri’Warth, du bist einfach brillant.«

Der Hüne grinste über sein gesamtes Gesicht und stellte seine ungepflegten braungelben Zähne zur Schau. Noch nie hatte ihn Jaro oder irgendjemand sonst als brillant bezeichnet und dies erfüllte ihn mit Stolz.

»Diese Rasse sagt mir nichts«, musste Nokturije zugeben, was Jaro sichtlich entrüstete.

»Tausend Jahre lebst du nun bereits und bereist die komplette Galaxie auf der Suche nach Ungerechtigkeit und dir ist der Planet, der vor Unrecht nur so strotzt, nicht bekannt? Da‘Mas Roctar ist der reinste Sündenpfuhl und nichts im Vergleich zu Aloria.«

Nokturijes Augen begannen zu leuchten.

»Worauf warten wir dann noch. Auf nach Da‘Mas Roctar – lasst uns diesen sündigen Echsen einheizen.«

Auch wenn Jaro Tems Vorhaben in den Augen der Me fragwürdig war und vielleicht nicht den Erfolg erzielte, den sich der kleine Syka daraus versprach, war die Tatsache, dass Da‘Mas Roctar nur so vor Ungerechtigkeit strotzte, Grund genug für sie, ihren Freund zu begleiten. Kri‘Warth hingegen folgte Jaro uneingeschränkt überall hin, wenn er es von ihm verlangte.

Wenige Tage später brachen Jaro und seine beiden Gefährten von Syhaal auf, um zum äußersten Rand der Galaxie, nach Da‘Mas Roctar zu reisen.

Die Ta´iyr war das schnellste Schiff in der Flotte der Syka und persönliches Eigentum des Botschafters Tem. Das Sonnensystem in welchem Da‘Mas Roctar seine Bahnen zog, befand sich im Scutum-Centaurus Arm. Und trotz der beachtlichen Entfernung von rund fünfzigtausend Lichtjahren, dauerte die Reise, dank der fortgeschrittenen Technologie zur Nutzung der Raum-Zeit-Krümmung nur wenige Tage. In dieser Zeit sprachen die drei kaum miteinander, da sich jeder auf seine Weise auf das Zusammentreffen mit den Roctar vorbereitete.

Die Ta‘iyr war groß genug, dass sie sich wahrscheinlich nicht einmal bei einer Reisezeit von einer Woche über den Weg gelaufen wären. Kri‘Warth verbrachte die meiste Zeit im Trainingsraum, um Reaktionsvermögen und Schnelligkeit zu stärken, während sich Nokturije in ihrem Quartier mit Meditationen vorbereitete. Jaro nutzte die Zeit im Hyperraum, um einen Schlachtplan auszuarbeiten, was nicht sonderlich leicht war, da er die örtlichen Gegebenheiten nicht kannte und auch keine Ahnung hatte, wo genau sich das Artefakt befand. Doch er vertraute auf seinen exzellenten Spürsinn, dass er, wenn er die Stadt der Roctar sehen würde, wisse, wo er suchen müsse.

Während die Ta´iyr in die Umlaufbahn einer der beiden Monde gebracht wurde, wo kaum jemand dazu in der Lage war, das sykasche Schiff zu entdecken, entschlossen sie sich, die unauffälligere Landefähre zu nutzen und durchquerten damit den Luftraum des Wüstenplaneten. Wie es das Schicksal wollte, tobte zu diesem Zeitpunkt ein heftiger Sandsturm über das Land, der es ihnen ermöglichte, gänzlich unbemerkt unweit der Hauptsiedlung der Roctar zu landen.

Die Luke der Fähre setzte auf den sandigen Boden auf, sodass sie als ein kleiner Steg diente. Ihre Gesichter vermummt und in langen beigen Roben gekleidet, um sich vor den scharfkantigen umherwirbelnden Sandteilchen zu schützen, traten sie aus der Landefähre heraus. Das Land war öde und leer, kein Baum oder Strauch war zu sehen. Vor ihnen erstreckte sich nichts als Sand. Würde man sich hier in der trostlosen und unbarmherzigen Wüstenlandschaft verirren, fände man nach nur wenigen Tagen den sicheren Tod. Gut war, dass Jaro genau wusste, dass sich hinter den beiden Dünen, welche unmittelbar vor ihnen lagen, die Hauptstadt der humanoiden Echsenwesen befand.

»Wir werden den Schutz des Sturmes ausnutzen und sofort aufbrechen. Nehmt nur das Nötigste mit«, sprach Jaro zu seinen Gefährten und sah sie dabei abwechselnd an.

Nokturije grinste und schob ihre Arme unter der Robe hervor. Sogleich bildeten sich in ihren Handflächen faustgroße glühend bläuliche Kugeln, welche von hellleuchtenden Energiesträngen umrundet wurden. Der Syka wusste, dass dies noch nicht einmal ein Bruchteil dessen war, was die Me zu leisten vermochte.

»Alles was ich benötige, trage ich stets bei mir.«

Kri‘Warth fühlte sich daraufhin herausgefordert in der Zurschaustellung seiner Attribute und bewegte seinen Olum-Säbel auf und nieder, als ob er Löcher in die Luft schneiden wollte.

»Von mir aus kann es losgehen!«, sagte er mit entschlossener Stimme.

Ermahnend sah Jaro beide an.

»Wir werden uns vorerst bedeckt halten und die Lage erkunden. Ich möchte nicht, dass es wie auf Aloria abläuft, hast du das verstanden, Kri‘Warth. Denn die Echsen lassen sich vermutlich nicht so leicht besänftigen wie die Alorianer. Diese Mission darf nicht scheitern. Sie ist zu wichtig – hast du das verstanden, Golar?«

Der Hüne druckste ein wenig herum. Erst als Jaro seinem Ausdruck ein wenig mehr Ernsthaftigkeit verlieh, stimmte Kri‘Warth widerwillig zu. Für Nokturije war es immer wieder faszinierend, welchen Respekt der Hüne vor dem gut zehn Köpfe kleineren Syka hatte. Zudem sah es amüsant aus, wenn der mächtige und starke Mann vom Volk der Golar sich einem zwergenhaften Wesen wie ein kleines Kind beugte und sogar zu schmollen anfing, nur weil dieser ihn grimmig ansah. Auch die Me zollte Jaro großen Respekt, doch auf eine andere Weise, als der kindliche Hüne dies tat.

Die drei Gefährten brachen zu ihrem Fußmarsch auf, der aufgrund des tobenden Sandsturms beinahe einen halben Tag in Anspruch nahm. Sie dachten allesamt, dass der ewig erscheinende Sand nie mehr enden würde, als sie wenig später auf dem höchsten Punkt der zweiten Düne standen und auf die Stadt herabblickten. Obwohl sie nicht sonderlich groß war, herrschte dort reger Verkehr. Nicht nur Roctar hielten sich an diesem belebten Ort auf, auch Spezies anderer Herkunft, die vermutlich gekommen waren, um dort Handel zu treiben. Eines hatten sie jedoch alle gemeinsam – es waren allesamt fragwürdige und äußerst zwielichtige Gestalten.

Bereits von oben sah Jaro die große Festung am Rande der Siedlung, welche wie all die anderen, einfacheren Gebäude dieser kleinen Stadt aus Sandstein errichtet war.

Die Kapuzen ihrer Roben tief in die Gesichter gezogen, betraten sie die Siedlung. Während Kri‘Warth und Nokturije sich entschieden, die örtliche Bar anzusehen und nach dem langen Marsch ihren Durst zu löschen, lief Jaro die Straße weiter hinab, um die Festung der Roctar nach Schwachstellen zu erkunden. Er war sich inzwischen nahezu sicher, dass sich, das was er suchte, hinter diesen Mauern befinden musste.

Er versuchte, sich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Von Vorteil war, dass sich unmittelbar vor dem Haupttor ein kleiner Markt befand, der neben Obst und Gemüse aus der gesamten Galaxie auch Stoffe und Lederwaren anbot. Die Situation war günstig, sich unbemerkt unter die anderen zu mischen, und aus sicherer Distanz ihre Möglichkeiten abzuwägen, wie sie am geschicktesten in die Festung eindringen konnten.

Während er eine seltsam aussehende, stachelige, violette Frucht aus dem Warenkorb des Standes einer glubschäugigen Frau mit langen geringelten Tentakeln nahm, ruhten seine Augen auf dem Haupttor. Davor standen zwei riesenhafte reptilienartige Wesen, die sich keinen Millimeter von ihrer Position bewegten. Auch wenn sie nicht ganz so groß wie Kri‘Warth waren, so standen sie ihm in seiner Muskelmasse in nichts nach.

Beide trugen nur je einen langen Stab bei sich, an deren oberen Enden sich eine lange sichelartige Klinge befand. Aus weiter Distanz waren diese Waffen sicherlich nahezu unwirksam, wenn nicht gar nutzlos. Doch im Nahkampf, wenn man verstand, diese richtig einzusetzen, waren es die reinsten Mordinstrumente.

Obwohl sich Jaro noch so zurückhaltend verhielt, hatte er ohne es zu bemerken, die Aufmerksamkeit eines ungewöhnlich schlanken, geradezu schlaksigen Roctar auf sich gezogen. Seine geschlitzten wachen Reptilienaugen hatten den Syka fest im Blick.

Jaro wollte noch ein wenig näher an das Haupttor kommen und steuerte einen mit Schmuck belegten Stand an, der diesem am nächsten war. Diese Situation nutzte der dürre Roctar aus. Er stiess Jaro mit voller Wucht von hinten, sodass der kleine leichte Syka zwischen den beiden Warentischen hindurch geschleudert wurde. Durch das leicht abschüssige Gelände überschlug er sich einige Male und kam schließlich, unweit der Torwachen zum Liegen.

»Syka, Syka ...«, rief der schlaksige Roctar, der mit dem Finger auf den am Boden liegenden Jaro zeigte.

Die beiden Wachen reagierten sofort und liefen auf den kleinen Mann zu, der sich nach dem schweren Sturz bereits wieder aufzurappeln versuchte.

Nokturije und Kri‘Warth, die sich noch immer in der Bar befanden und auf die Rückkehr von Jaro warteten, hörten den Tumult, der sich weiter unten in der Straße ereignete. Sie taten es einigen anderen Gästen nach und eilten nach draußen, um zu erfahren, was dort vor sich ging. Inzwischen stand eine riesige Traube unterschiedlicher Wesen vor den Toren der Festung.

Die beiden Gefährten bahnten sich, so unauffällig wie möglich, ihren Weg durch die Menge und mussten mitansehen, wie einer der Roctar-Wachen den kleinen Jaro an seiner Robe in die Luft hob und baumeln ließ.

»Was will ein Syka auf unserem Planeten? Sag schon, warum bist du hier, kleiner schuppenloser Wurm«, fragte derjenige, der Jaro mit Leichtigkeit emporhielt.

Dieser antwortete seinem Peiniger jedoch nicht. Woraufhin er den Syka heftig zu schütteln begann.

Kri‘Warth wollte schon Hals über Kopf aus der Menge heraus nach vorn stürmen, um seinem Freund zuhilfe zu eilen, als Nokturije den Hünen mit einer schlichten Handbewegung von seinem unüberlegten Handeln abhielt. Sie wusste, auf diese Weise den Botschafter der Syka zu befreien, wäre unklug. Dies würde in einer Katastrophe enden und könnte das Gemetzel auf Aloria bei Weitem in den Schatten stellen. Und als ob die Me es bereits ahnte, hatte sich die Anzahl der Roctar-Krieger nur Momente später bereits verdreifacht.

Nokturije und Kri‘Warth gelang es, sich unbemerkt zurückzuziehen. Sie hatten vorerst keine andere Wahl, als den Syka seinem Schicksal zu überlassen, um im Verborgenen einen Befreiungsplan zu entwickeln.

Benommen richtete sich Colonel Cameron Davis auf und ließ seine Blicke umherschweifen. Die Pilotenkanzel der Independence war vollkommen demoliert. Einige Geräte und Kontrollanzeigen schienen geradezu gewaltsam aus ihren Verankerungen gerissen worden zu sein. Einzig die Verkabelungen bewahrten sie davor, nicht vollends herauszufallen – dieser Schaden, so dachte Cameron, konnte keinesfalls einfach so entstanden sein. Sein nächster Blick ging zu dem Sessel in dem Lucas gesessen hatte, doch dieser war leer. Auch Joey, der Jack-Russell-Terrier war nirgendwo zu sehen.

Was war geschehen? Cameron versuchte sich angestrengt daran zu erinnern, doch der pochende Schmerz in seinem Kopf machte es ihm erdenklich schwer, sich zu konzentrieren. Das Letzte, an was er sich entsinnen konnte, war, dass ihn irgendein Gegenstand am Kopf traf, was die starken Kopfschmerzen erklären würde.

Was war also geschehen und wo befand er sich? Und ... wo war Lucas abgeblieben?

Mit einem schmerzverzerrten Gesichtsausdruck kämpfte sich der Colonel auf seine Beine. Jeder Muskel und jeder Knochen in seinem Körper schmerzte, als ob er während seiner Bewusstlosigkeit mehrere Male quer durch das Schiff geschleudert worden wäre. Seine Beine zitterten und wankten wie die eines alten Mannes.

Erst jetzt fiel ihm auf, dass das Frontfenster gesprungen war und kleine Mengen Sand hindurchrieselten. Ein Blick hinaus wurde ihm verwehrt. Vermutlich die Folge eines Absturzes, bei der das Schiff Unmengen an Sand vor sich hergeschoben hatte. Zumindest war dies die plausibelste Erklärung.

Cameron wollte sich jedoch nicht nur mit Vermutungen zufriedengeben und steuerte, unsicheren Schrittes eine der seitlichen Sichtluken an, durch welche ein wenig Licht drang und hoffte, dass sich ihm dort ein besserer Ausblick bot. Auf einmal ertönte ein laut krachendes Geräusch, als ob etwas schweres Metallenes zu Boden gefallen wäre. Cameron hielt in seiner Bewegung inne, stoppte seinen Atem und lauschte angespannt – erneut waren Laute zu vernehmen, die er jedoch nicht zuordnen konnte. Doch irgendjemand oder irgendetwas befand sich im hinteren Teil des Schiffes.

Cameron sah sich nach einem Gegenstand um, den er zu seinem Schutz verwenden konnte, und entdeckte am Boden unweit seiner Position ein Metallrohr.

Nachdem er sich das Rohr gegriffen hatte, schlich sich Cameron auf leisen Sohlen in die Richtung, aus der er die Geräusche vernommen zu haben glaubte. Der Hauptkorridor war stockfinster, sodass er achtgeben musste, nicht auf ein herabgefallenes Teil der Decken oder Wandverkleidung zu treten oder gar zu stolpern.

Er verließ sich voll und ganz auf seinen Hörsinn. Jeder noch so kleine Laut war von Bedeutung für ihn, denn eine böse Überraschung zu erleben, war das Letzte, was er in dieser Situation wollte. Schließlich wusste er nicht, womit er es zu tun bekam. Auf einen irdischen kleinen Nager zu treffen, war höchst unwahrscheinlich, da sich der Colonel vollkommen darüber im Klaren war, dass er sich überall sonst im Universum, aber ganz sicher nicht auf der Erde befand.

Jedem Menschen wäre es vermutlich schwergefallen, in einer derartigen Situation halbwegs einen kühlen Kopf zu bewahren. Cameron konnte sich nicht entsinnen, wann er zuletzt eine so große Furcht in der Dunkelheit verspürt hatte, doch es musste zu seinen Kindertagen gewesen sein.

Plötzlich vernahm er erneut Geräusche, die aus einem der am Korridor angrenzenden Räume kamen, ganz in seiner Nähe. Cameron spitzte seine Ohren, darauf hoffend das die Laute so lange anhalten würden, bis er die richtige Tür ausmachen konnte.

Er sammelte all seinen Mut und trat energisch gegen eine der Türen – die metallische Schlagwaffe fest in beiden Händen, bereit jeden niederzustrecken, der sich unerlaubt an dem Eigentum der CSA vergriff.

Ein Essensrationspäckchen fiel auf den Boden.

»Nein! Bitte nicht! Schlag mich nicht! Ich habe nichts getan. Ich schwöre, ich habe mich nur umgesehen. Nichts angefasst – wirklich! Bitte nicht schlagen!«, wimmerte das Wesen, welches sich unübersehbar über die Vorräte der Bordküche hergemacht hatte.

Überall im Raum verstreut lagen aufgerissene Verpackungen und Nahrungsmittel herum.

Cameron senkte die Metallstange und sah sich das schuppige, dürre Individuum, welches angstbibbernd vor ihm stand, ungläubig an.

»Was bist du denn für ein Ding?«, fragte der Colonel erstaunt.

»Ich bin Todd!«, antwortete ihm der Schuppige ängstlich.

»Deine Spezies nennt sich Todd?«

»Nein!«, korrigierte dieser ihn. »Todd ist mein Name und ich bin ein Roctar. Sicherlich kein sonderlich ehrenhafter, starker und großer ...«

»Ja, ja – ich sehe schon. Eine Echse mit Minderwertigkeitskomplexen«, unterbrach ihn Cameron und klopfte dem schwächlichen Roctar auf die Schulter, sodass es Todd beinahe in die Knie zwang.

»Sag mal – wo bin ich hier eigentlich? Und wo ich dich gerade an der Strippe habe ... Da war noch so ein kleiner hellhäutiger blonder Bengel bei mir, du weißt nicht zufällig, wo der sich befindet?«

Todd war ein wenig irritiert. Er fand es seltsam, wie der Fremde sprach.

»Einen blonden Jungen, meinst du? Nein!! Ich habe hier keinen blonden Jungen gesehen«, reagierte der schmächtige Roctar kopfschüttelnd.

Cameron bemerkte, wie Todd seinen Blicken auswich und merklich nervös wurde. Dies und noch ein anderes Detail waren eindeutige Indizien für den Colonel, dass der Roctar ihn anlog. Blitzschnell, ohne auch nur einen Moment zu zögern, packte er Todd am Hals und schlug ihn hart an die metallene Wand der Bordküche.

»Hey! Was soll das?«, sprach er nach Luft japsend.

»Was das soll? Ganz einfach mein Freund. Dein implantierter Übersetzerchip, den du, genau wie ich, in deiner kleinen hässlichen mit schuppen besetzten Birne trägst, dürfte mit dem Wort ›Bengel‹ nichts anfangen dürfen. Ich weiß dass, da ich die Tücken dieser Technologie nur zu gut kenne. Ich bin schon zu oft mit diesem oder ähnlichen Begriffen in diverse Fettnäpfchen getreten. Also sage mir, wo der Junge und wo sein dämlicher kleiner Köter ist.«

»Glaube mir, ich spreche die Wahrheit. Ich weiß nichts von einem Jungen und was ein ›Köter‹ sein soll, weiß ich leider auch nicht«, wimmerte Todd verängstigt.

Kaum hatte der trügerische Roctar das ausgesprochen, drangen aus seiner großen Umhängetasche ein leises Knurren und klägliche Bellversuche. Cameron entriss ihm seine Tasche. Todd dachte, dass der Colonel nun abgelenkt wäre, und wollte diese Situation zur Flucht nutzen. Doch Cameron, als ob er eine weitere Hand hätte, stieß Todd unsanft gegen die Wand.

»Hier geblieben!«, sagte er in einem scharfen Befehlston.

Todd musste mit ansehen, wie Cameron den vollkommen paralysierten Joey aus seiner Tasche hob. Der Colonel wollte ihn neben sich auf dem Boden absetzen, doch Joey war zu schwach, sich auf seinen eigenen Beinen zu halten und fiel augenblicklich um.

»Du hast ihn kaputt gemacht. Der kann ja nicht mal mehr stehen.«

»Ich habe diesem Wesen nur ein Narkotikum verabreicht in wenigen Stunden wird es wieder quicklebendig sein. Ich würde niemals töten. Totes Fleisch schmeckt einfach nicht«, sagte er und leckte sich dabei sein breites Maul.

»Du wolltest den Kleinen bei lebendigem Leib fressen? Was bist du denn für eine kranke Echse? Noch nie etwas von Kochen gehört auf eurem primitiven Planeten?«, entgegnete Cameron angewidert.

»Du findest mich abartig, weil ich dieses Wesen fressen wollte? Was ist dann Nod, der König der Roctar für dich, wenn er sich am untoten Leib deines jungen frischen Freundes laben wird?«

Die Gedanken in Camerons Kopf schienen sich zu überschlagen. Geballt empfand er Angst, Wut und Hilflosigkeit zugleich. Zornig packte er sich erneut den hageren Echsenmann und rammte ihn abermals brutal gegen die Wand, sodass es Todd den Atem raubte.

»Wo ist der Junge!«, schrie er ihn an. »Du wirst mir jetzt sofort sagen was du mit dem Jungen gemacht hast oder ich werde dir bei lebendigem Leibe jede einzelne deiner verdammten Schuppen rausreißen.«

»Ich ... ich habe nichts mit dem Jungen gemacht. Das schwöre ich. Ich habe nur euer Raumschiff runterkommen sehen und folgte den Wachen von Nod heimlich hier her. Erst nachdem sie wieder verschwunden waren kam ich aus meinem Versteck. Ich hoffte etwas Essbares für meine Familie zu finden. Das ist die Wahrheit, das schwöre ich bei dem Leben meiner Frau und dem meiner Kinder. Ich habe nichts mit der Sache zu tun und ich kann dir auch nicht helfen. Das Anwesen Nods ist eine Festung. Nur seine Soldaten kommen da rein. Selbst wenn du es rein schaffen solltest, ist die Chance verschwindend gering, dass du da jemals wieder lebend raus kommst«, sprach der Roctar luftlos, röchelnd.

»Er alleine vielleicht nicht, aber mit unserer Hilfe ganz sicher«, ertönte eine weibliche Stimme aus dem Hintergrund.

Cameron ließ von dem Roctar ab und drehte sich verwundert um.

Er erblickte zwei Personen, die auf ihn zugelaufen kamen. Ein äußerst grimmig dreinschauender, muskelbepackter Hüne und eine ungewöhnlich aussehende, jedoch wunderschöne Frau. Unter ihrer Robe, welche leicht geöffnet war, blitzte ein schwarzer, eng anliegender lackartiger Ganzkörperanzug hindurch.

»Wer seid ihr denn?«, gab sich Cameron cool, ohne sich von dem Anblick der außerirdischen Schönheit aus der Fassung bringen zu lassen.

»Wer wir sind, ist erstmal nebensächlich. Wichtig ist, dass wir offensichtlich dasselbe Interesse haben«, reagierte sie ruhig.

Der Colonel neigte seinen Kopf leicht zur Seite und kniff die Augen zu kleinen Schlitzen zusammen. »Haben wir das?«, entgegnete er skeptisch.

Todd wollte abermals die Unachtsamkeit des Menschen ausnutzen und sich unbemerkt davonschleichen, jedoch hatte er die Rechnung ohne Kri‘Warth gemacht. Der Gigant schnappte den schmächtigen Roctar an der Kehle, hob ihn in seine Gesichtshöhe und fauchte ihm seinen muffigen Atem entgegen.

»Durchaus«, erwiderte Nokturije sicher. »Diesem Spitzel, der im Dienste Nods steht, haben wir es zu verdanken, dass unser Freund und Gefährte Jaro Tem seit einigen Tagen ein Gefangener der Roctar ist. Ebenso wie dein blasshaariger Freund.«

»Ich bin kein Spitzel Nods. Ich kann ihn nicht einmal leiden. Er lässt mich und meine Familie Hunger leiden«, krächzte Todd protestierend.

»Jaro Tem? Etwa der Botschafter der Syka – Jaro Tem?«, fragte Cameron interessiert, ohne dem Protest des Roctars Beachtung zu schenken.

Nokturije nickte.

»Ich sehe, dass du dich in der intergalaktischen Politik auskennst, Mensch. Das ist gut! Das vereinfacht die Sache ungemein. Demzufolge steht die Wichtigkeit der Befreiung des Botschafters nicht mehr infrage. Wirst du dich unserer Sache anschließen?«

Colonel Davis überlegte einen Moment.

»Ich sehe ein, dass unsere Interessen nicht allzu verschieden sind, doch wer garantiert mir, dass ihr mich, wenn ich mich euch anschließe, auch bei der Befreiung des Jungen unterstützen werdet?«

Die Me grinste den Menschenoffizier an. Sie musste sich eingestehen, dass er ihr gefiel und sie seine von Natur aus gegebene Skepsis mochte.

»Ich könnte dir mein Wort darauf geben. Nur ob dies dir ausreicht, musst du selbst für dich entscheiden«, konterte sie charmant.

Cameron sah Nokturije in ihre faszinierenden smaragdgrünen Augen und versuchte damit, ihre Vertrauenswürdigkeit einzuschätzen. Doch auf unerklärliche Weise schien er sich in dem satten und tiefen Grün beinahe zu verlieren. Er wendete seinen Blick ab und schüttelte seinen Kopf, um wieder zu klarem Verstand zu kommen.

»Meine Mutter sagte zwar immer, dass ich niemals einer schönen Frau vertrauen sollte, doch ich denke, dass dies meine einzige Chance ist, Lucas vor einem unschönen Abgang zu bewahren.«

»Eine äußerst emotionslose Umschreibung für einen derart grausamen und schmerzlichen Tod. Doch ich bin erleichtert, dass du dich uns anschließen möchtest. Denn zu dritt wird der Plan, den wir ausgeheckt haben, ganz sicher funktionieren.«

Der Roctar lachte, was sich schnell in einen keuchenden Husten wandelte.

»Warum lachst du, Echse?«, fragte Cameron zornig.

»Lasst mich runter ... lasst mich runter und ich sage es euch«, japste der Echsenmann.

Nokturije gab Kri‘Warth durch ein Kopfnicken zu verstehen, dass er ihn absetzen sollte. Was er schließlich auch tat. Todd rieb sich seine mit Schuppen besetzte Kehle.

»Viel besser!«, murmelte er vor sich hin und Nokturije wurde langsam ungeduldig.

»Nun sprich oder ich werde meinen Freund bitten, dir all deine Gliedmaßen einzeln herauszureißen. Es wäre interessant zu erfahren, ob sie wieder nachwachsen.«

»Ich kenne ihren Plan. Sie wollen Kopfgeldjäger mimen und den Menschen als ihren Gefangenen präsentieren und sich auf diese Weise in den Palast Eintritt verschaffen. Ich habe euch in der Bar belauscht, wie ihr darüber gesprochen habt und euch nur noch das nötige Opfer dazu fehlte. Doch dieser glorreiche Plan wird nicht aufgehen, jedenfalls nicht mit diesem Menschen«, sprach Todd hektisch.

»Was?«, fragte Cameron erschüttert. »Ihr wolltet mich an diese Echsen verkaufen?«

»Nur als Vorwand, hineinzukommen. Sobald wir drinnen wären, könnten wir den Laden von innen aufmischen«, versuchte Nokturije, ihr Vorhaben zu verteidigen.

»Was denkt ihr, warum meine Leute den Menschen nicht mitgenommen haben?«, mischte sich Todd erneut ein. »Seine Haut ist verbrannt. In unseren Augen gilt dies als ungenießbar.«

Cameron schaute ein wenig pikiert drein. Doch sein Gesichtsausdruck begann sich sofort wieder zu entspannen.

»Nach all den Jahrhunderten, in denen meine Vorfahren unter den rassistischen Ungerechtigkeiten leiden mussten, soll nun der Tag gekommen sein, an dem wir aufgrund unserer Hautfarbe endlich einen Vorteil haben – ich glaube es nicht!«, reagierte der Colonel beinahe schon glücklich.

»Dies erschwert die Sache allerdings ungemein«, sprach Nokturije weniger erfreut.

»Es gibt da allerdings noch eine andere Möglichkeit – einen geheimen Zugang. Doch die Frage ist, was für mich dabei rausspringt.« Todd linste dabei auffällig auf den noch betäubten Jack-Russel-Terrier.

»Aus allem versuchen, Kapital zu schlagen. Was für eine erbärmliche kleine Made du doch bist. Ich denke unser Wookie-Freund hier hat einen besseren Deal für dich. Er lässt dich im Gegenzug zu deinem kleinen Geheimnis am Leben.«

Nokturije war ein wenig erstaunt darüber, dass Cameron diese böse Bubenmasche sehr gut beherrschte, auch wenn sie nicht erklären konnte, warum er Kri‘Warth einen Wookie nannte. Sein Plan, den schmächtigen Roctar einzuschüchtern, ging jedoch auf. Der Hüne sah Todd nur an und dieser fing sofort nervös an, wie ein Vögelchen zu singen.

»In Ordnung. Ihr könnt den Köter behalten. Der riecht sowieso nicht sonderlich köstlich und bis man das ganze Fell erst entfernt hat ...«

Kri‘Warth verpasste dem Roctar einen ordentlichen Klaps auf den schuppigen Hinterkopf.

»Okay ... okay!«, jammerte er und hob beschwichtigend seine beschuppten Hände. »Unterhalb der Südmauer verläuft ein kleiner Tunnel. Den haben die Erbauer angelegt, um ihren Herrscher bei Gefahr unbemerkt aus der Festung schleusen zu können. Dieser endet nahe eines ausgetrockneten Wasserlochs. Ich kann allerdings nicht sagen, ob der Zugang in der Festung inzwischen versiegelt wurde. Als Kinder sind wir sehr oft auf diese Weise in den Palast eingedrungen und haben uns all die wertvollen Gegenstände angesehen.«

»Du meinst, ihr habt sie geklaut«, durchschaute ihn Cameron.

»Ja, wir haben geklaut. Wollt ihr mich deswegen jetzt hängen?«

»Wir nicht, aber dein König vielleicht. Zeige uns den Zugang«, sprach Nokturije.

»Lasst ihr mich dann laufen?«, fragte Todd kleinlaut.

»Wir werden sehen! Doch vorerst kannst du dein Leben als Pfand für das unsere betrachten«, entgegnete die Me und grinste.

 

Sinkender Mut

 

Ein faulig, modriger Geruch war es, der Lucas in die Nase stieg, bevor er langsam seine Augen öffnete. Er zitterte unwillkürlich vor Kälte am ganzen Leib. Der Boden, auf dem er lag, war bedeckt von einer klammen Dreckschicht.

Der Junge setzte sich auf und begann sich umzusehen. Der Großteil dieser nicht gerade luxuriösen Unterkunft lag in Dunkelheit. Doch ein Teil der Wände, des nur schwach beleuchteten Gewölbes, schimmerten silbern. Lucas erkannte schnell, dass es nur das Mondlicht war, welches von einem vergitterten, bogenförmigen kleinen Fenster hereinschien. Mit großer Mühe, getrieben von seiner Neugier, begab er sich auf seine schwachen Beine. Er wollte einen Blick durch dieses Bogenfenster werfen, um in Erfahrung zu bringen, was sich jenseits dieser feuchten Mauern befand.

Das Fenster befand sich in einer beträchtlichen Höhe, beinahe zu weit oben, als dass er es ohne größere Anstrengung hätte erreichen können. Selbst ein ausgewachsener Mann normaler Größe hätte seine Probleme damit gehabt. Dennoch versuchte er, durch einige kräftige Sprünge an die Gitterstäbe zu kommen.

Nach mehreren missglückten Versuchen gelang es ihm tatsächlich, die kurzen rauen Stäbe zu greifen. Ächzend zog er sich mit all seiner verbliebenen Kraft hinauf, in der Hoffnung einen flüchtigen Blick erhaschen zu können.

Lucas nahm seine Füße zuhilfe, indem er sie gegen die feuchte Steinwand stemmte. Er hatte es beinahe geschafft und wollte mit seinem linken Fuß den letzten Schritt nachsetzen, als er an einem der glitschigen, feuchten Wandsteine den Halt verlor.

Ein starker Schmerz durchfuhr seine Handflächen und er spürte, wie sich das raue Metall in sein Fleisch schnitt. Aus Reflex ließ der Junge augenblicklich los, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie tief er fallen würde.

Mit einem dumpfen Schlag landete er unsanft auf seinem Rücken. Ihm stockte der Atem und außer dem starken Stechen fühlte sich seine Lunge wie gelähmt an. Aus seinen panisch aufgerissenen Augen traten Tränen hervor, am liebsten hätte er vor Schmerzen laut aufgeschrien, doch er konnte es nicht.

Stattdessen vernahm er eine rügende Stimme aus einer dunklen Ecke des Kerkers.

»Dummer, dummer Menschenjunge!«, und während Lukas sich nach Luft schnappend aufzusetzen versuchte, in der Hoffnung wieder zu Atem zu finden, trat Jaro Tem aus der Dunkelheit ins schummrige Mondlicht.

»Sonderlich intelligent scheinst du nicht zu sein«, fuhr der Botschafter fort.

Lucas wollte etwas entgegnen, doch reichte die wenige Luft in seiner stark in Mitleidenschaft gezogenen Lunge dafür noch nicht aus.

Wehmütig sah der Syka den auf dem Boden sitzenden Jungen an, kniete sich zu ihm hinab und strich ihm sanft durch sein kurzes blondes Haar.

»Wo … sind … wir?«, quälte Lucas aus sich heraus.

Der Syka drückte einen seiner kurzen knubbeligen Finger auf Lucas Lippen.

»Nicht sprechen! Dafür bleibt noch genug Zeit. Du solltest dich nun besser ausruhen!«

Als ob die Worte Jaros eine hypnotische Wirkung auf ihn zu haben schienen, sank sein Oberkörper sanft zu Boden und er fiel in einen tiefen, festen Schlaf.

 

Lucas erwachte von seltsamen, ungewöhnlichen Geräuschen, die seine Gehörgänge durchwanderten. Sie bestanden aus einer Aneinanderkettung von Krächz- und Fauchlauten, als ob es sich dabei um eine Sprache handelte. Langsam öffnete Lucas seine Lider und wurde sogleich von einem ungewöhnlich grellen Licht geblendet. Wie oft kam es vor, dass Lucas erst am Nachmittag erwachte, dann wenn die Sonne am höchsten stand und ihre hellen warmen Strahlen durch das Fenster am Kopfende seines Bettes schickte. Jeder, der schon einmal in der prallen Sonne eingeschlafen war, weiß, dass man eine Weile benötigte, um wieder normal zu sehen und es alles andere als angenehm war. Doch dieses Licht war irgendwie anders. Es verursachte sofort ein starkes Brennen, als ob man ihm tausend Nadeln durch seine Augäpfel bohren würde. Reflexartig schloss der Junge sogleich wieder seine Lider.

»Du solltest aus dem Licht gehen! Deine Augen werden sonst wie Dalatifrüchte in glühender Hitze verbrennen«, vernahm er die Stimme Jaros.

Erst jetzt besann sich der Junge seiner Situation. Er war noch immer in diesem Kerker, zusammen mit diesem Fremden, wobei er sich gewünscht hatte, dass es sich nur um einen bösen Traum handelte.

Lucas begab sich mit geschlossenen Augen auf alle Viere, als sogleich ein weiterer Schmerz stechend seine Glieder durchfuhr. Lucas zischte leise durch seine Zähne und ballte die Fäuste, sodass seine aufgerissenen Handflächen nicht direkt auf dem verdreckten Boden auflagen.

»Wo bist du?«, fragte er mit leicht schmerzverzerrter Stimme.

»Hier bin ich!«

Die Antwort des Syka war nicht weit entfernt und wies ihm den ungefähren Weg, den er einzuschlagen hatte. Langsam und behutsam, ohne seine Wunden allzu sehr zu belasten, krabbelte er in Richtung seines Zellengenossen.

»Gut so!«, trieb Jaro den Jungen an.

Durch seine geschlossenen Augenlider bemerkte Lucas, wie die starken Lichteinflüsse langsam nachließen, was ihm die Chance ermöglichte, sie einen kleinen Spalt zu öffnen, um zumindest ein wenig sehen zu können. Auch wenn seine Augen nach wie vor stark brannten, erkannte er verschwommen durch das Wasser in seinen Augen die Umrisse des Botschafters, der sich in einer düsteren Ecke vor den aggressiven Strahlen der fremden Sonne verbarg.

Er hatte es geschafft. Ungeschickt wie ein Kleinkind, das zum ersten Mal vom Krabbeln in die sitzende Position zu gelangen versuchte, drehte sich Lucas, sodass sein Oberkörper mit dem Rücken an der Wand lehnte. Das Herz des Jungen raste vor Anstrengung und sein Atem war unregelmäßig und schwer. Neben ihm die kleine gedrungene Person, die ihn mit großen Augen durch ihre absonderliche Brille anstarrte.

»Deine Wunden sehen nicht gut aus«, bemerkte Jaro, mit dem Blick auf Lucas Hände gerichtet, die er in seinen Schoß, mit den Innenflächen nach oben, abgelegt hatte.

Lucas betrachtete seine pochenden und brennenden Wunden, welche sich über die kompletten Flächen erstreckten. Das Blut war inzwischen getrocknet und der Junge war kaum in der Lage, ohne den Schmerz noch zu verstärken, seine Finger zu bewegen.

»Ich habe eine Tinktur bei mir und hoffe, dass diese zumindest den Schmerz lindern wird.«

Der Syka zog unter seiner Robe ein kleines Fläschchen hervor, was Lucas skeptischen Blickes verfolgte.

»Was befindet sich in dieser Tinktur?«

»Seine Zusammensetzung ist ein streng gehütetes sykasches Geheimnis. Sei also unbesorgt, es wird sicherlich seinen Zweck erfüllen.«

Zögerlich streckte er ihm seine Hände entgegen und der kleine Mann setzte dazu an, ihm die Mixtur aufzutragen. Lucas biss sich instinktiv auf die Lippen, da er ein Brennen erwartete, doch es fühlte sich kühl und wohltuend an und ließ den pochenden Schmerz innerhalb weniger Sekunden vollkommen verschwinden.

»Wundermedizin!«, dachte er sich im Stillen, doch dann stieg ihm zum ersten Mal der Geruch der Tinktur in die Nase. Es roch scharf und säuerlich, so musste jemand riechen, der seit Jahren kein Bad mehr genommen hatte.

Hätte der Junge nicht bereits einen leeren Magen gehabt, wäre es dieser spätestens zu dem Zeitpunkt gewesen. Lucas würgte trocken und hob seine Hände von sich weg, um diesen Gestank aus seiner Nase zu bekommen.

»Ich weiß. Der Geruch ist grauenhaft, aber sieh hin. Du wirst überrascht sein.«

Lucas legte seine Hände wieder in seinen Schoss und beobachtete, wie die Tinktur das getrocknete Blut wieder verflüssigte und sich die tiefen Risse in seinen Handflächen allmählich wieder schlossen. Es war ein wahres Wunder in seinen Augen. Auch wenn der Syka bereits unzählige Heilungen miterleben durfte, war es auch für ihn immer wieder aufs Neue ein erfreuliches Ereignis.

»Ich bin froh, dass Greel‘et auch bei euch Menschen funktioniert. Jedoch musst du achtsam sein, die Haut ist die nächsten Tage an diesen Stellen noch sehr dünn. Wenn du also nicht vorsichtig bist, könnten dir die Wunden wieder aufreißen.«

Lucas nickte, nachdem er die leichten Blutrückstände seiner Hände an den Beinen des stark verschmutzten Overalls abgewischt hatte. Es war absolut faszinierend, denn es waren noch nicht einmal Narben zu sehen.

»Danke Botschafter Tem.«

»Keine Ursache mein Junge. Doch ich bin überrascht, dass du meinen Namen kennst und zugleich beschämt, deinen nicht zu wissen.«

»Mein Name ist Lucas Scott und es ist nicht sonderlich schwer, sie zu kennen. Schließlich waren sie es, der den Menschen als Botschafter der Syka die Hand reichte und uns die Freundschaft anbot. Ihnen und ihrem Volk haben wir diesen immensen Fortschritt zu verdanken und das trotz allem, was sie über uns und unsere Geschichte erfahren haben.«

»Lucas Scott«, wiederholte Jaro.

Auch wenn die Syka die Erschaffer der Übersetzerchip-Technologie waren, benötigten sie selbst keine. Sie waren dazu in der Lage, Sprachen unterschiedlichster Art innerhalb kürzester Zeit zu beherrschen. Auch wenn Jaro die Erdensprachen bereits schon beherrschte, so war es doch eine ganze Weile her, dass er eine dieser sprechen musste.

 

Lucas verfügte, wie jeder andere Erdenbürger, über ein Implantat. Seit etwa fünfzig Jahren wird Kindern sofort nach der Geburt ein solches Übersetzungsmodul hinter dem linken Ohr eingesetzt. Mit einem direkten Link zum cerebralen Sprachzentrum war es jedem Träger möglich, alle gespeicherten Sprachen zu verstehen.

 

»Die Menschen befanden sich auf einem Scheideweg und sie haben viele Fehler gemacht, wie fast alle intelligente Lebewesen. Doch daraus lernen zu können, dazu sind nur die intelligentesten von ihnen in der Lage. Ich hatte es mir damals zur Aufgabe gemacht, die Menschen in eine bessere Zukunft zu führen, sie an die Hand zu nehmen – und ich muss sagen, dass sich die Mühen gelohnt haben. Nach wie vor sind sie unserem Volk wertvolle Alliierte.«

Jaro grinste den Jungen freundlich an, wobei seine Mundwinkel sich ungewöhnlich weit in Richtung seiner großen Ohren hinaufzogen. Von einem Moment auf den anderen wandelte sich der Gesichtsausdruck des Syka in Erschütterung.

»Wo sind nur meine Manieren geblieben?«

Er stand auf, zupfte die lange Robe zurecht und legte seine Arme verschränkt an seinen Oberkörper, sodass seine knubbeligen Fingerspitzen die schmächtigen Schultern berührten. Dann verneigte sich Jaro vor ihm und sprach dabei folgende Worte:

»Es ist mir eine wahre Freude, dich Lucas Scott zu treffen. Jaro Tem wird dich vom heutigen Tag an als einen Freund ansehen und deinen Namen stets in Ehren halten. Gleich so deine Vorfahren und all jene, die noch folgen werden.«

Anschließend verharrte er in kopfgeneigter Position für einige Sekunden in Stille.

Lucas war die Situation ein wenig unangenehm und er wusste zuerst nicht, was er dem entgegnen sollte. Schließlich, schwerfällig wie ein alter Greis, versuchte er, sich auf seine Beine zu kämpfen, um Jaro dieselbe Ehre zu erweisen.

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