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Die Eroberung des Normannen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Motto
  6. Mittsommermonat, Mitte Juni
  7. Festtag Saint Vandregisil de Fontenelle, Mitte Juli
  8. Zwei Wochen nach Lughnasadh, Mitte August

Über das Buch

Im Jahr 1092 erobert der normannische König William Rufus das unter schottischer Herrschaft stehende Cumbria. Er vertreibt den einheimischen Fürsten und setzt seinen getreuen Gefolgsmann Tancreid de Grande-Île, einen harten und vom Schicksal gezeichneten Mann, als Sheriff ein. Sein Auftrag ist es, Cumbria als Bollwerk gegen Schottland zu befestigen und die barbarischen Einwohner zu folgsamen Untertanen zu machen.

Doch es gibt Widerstand: Eine Gruppe Rebellen hat sich geschworen, die verhassten Normannen aus dem Land zu vertreiben. Cwenburh inghean Dolfinn, die jüngste Tochter des vertriebenen Fürsten, schließt sich den Rebellen an und verdingt sich als Schreiberin des neuen Sheriffs, um auf diese Weise an vertrauliche Informationen zu gelangen. Obwohl sich Tancreid und Cwenburh als Feinde gegenüberstehen, besteht zwischen ihnen eine große Anziehungskraft, die sie bald nicht mehr leugnen können. Doch keiner ist bereit, seine Ideale zu opfern und jeder kämpft für seine Seite …

Über die Autorin

Lisa McAbbey, geboren 1970 in Wien, hat Rechtswissenschaften studiert und – vor ihrem Sprung ins Berufsleben – einen sechsmonatigen Aufenthalt in London eingeschoben, um ihre Sehnsucht nach der »Insel« ausgiebig zu stillen. Seitdem ist sie zu einem eingeschworenen Großbritannien-Fan geworden. Sie ist für einen internationalen Konzern tätig, ihre Freizeit verbringt sie mit Schreiben und dem Versuch, ihrem Labradormischling Manieren beizubringen.

LISA MCABBEY

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Historischer Roman

A.D. 1092

In this year the king William with a large army went north to Carlisle, and restored the town, and reared the castle, and drove out Dolphin that before governed the land, and set his own men in the castle, and then returned hither southward. And a vast number of rustic people with wives and with cattle he sent thither, to dwell there in order to till the land.

The Anglo-Saxon Chronicle

[In diesem Jahr zog König William mit einer großen Armee nordwärts nach Carlisle, eroberte die Stadt, errichtete eine Burg, vertrieb Dolphin, der bisher das Land regiert hatte, und stationierte seine eigenen Männer in der Burg. Dann kehrte er in den Süden zurück und schickte Bauernvolk mit ihren Frauen und ihrem Vieh, damit sie fortan dort lebten und das Land bestellten.

Angelsächsische Chroniken im Jahre des Herrn 1092]

Inglewood Forest, Cumbria

Anno Domini 1092
Mittsommermonat, Mitte Juni

Cwen ließ sich rücklings auf dem Wasser treiben; ihr Blick folgte den bauschigen, weißen Wolken, die auf dem leuchtend blauen Himmel gemächlich dahinsegelten. Bunt schillernde Libellen schwirrten über dem stillen Waldsee, und hoch oben zog ein Raubvogel seine Kreise. Cwen schloss die Augen und genoss die wärmenden Strahlen der Sonne auf ihrem Gesicht. Sie liebte es, gleichsam federleicht vom Wasser getragen zu werden, geborgen im Schoß von Mutter Natur, die sie sanft auf den Wellen wiegte. Sie streckte die Arme weit von sich und wackelte zufrieden mit den Zehen. Was für ein herrlicher Sommertag!

Als der Wind das leise Schnauben ihrer Schimmelstute vom Ufer herübertrug, seufzte sie. Aber Epona hatte recht, sie zu ermahnen – die alte Ymma wartete sicherlich schon auf sie.

Am frühen Morgen bereits war Cwen aufgebrochen, um im Wald Kräuter zu sammeln. Zwei prall gefüllte Säcke, die links und rechts an Eponas Sattel baumelten, zeugten von ihrem Fleiß. Cwen hatte den ganzen Morgen und den halben Nachmittag damit verbracht, verschiedenste Heilpflanzen zu ernten. Es war wichtig, dass man sie zum richtigen Zeitpunkt schnitt. Als sie dann am Ufer des versteckten Waldsees mehrere Büschel Sumpfklee entdeckt hatte, hatte sie der Verlockung des kühlen Nass nicht widerstehen können. Es war der erste heiße Tag dieses Sommers. Cwen hatte ihren grob gewebten Kittel abgestreift und war – nur mit ihrem langen Leinenhemd bekleidet – ins Wasser gewatet, um ein paar Runden zu schwimmen und sich dann auf dem Rücken gemütlich dahintreiben zu lassen.

Eponas unruhiges Wiehern aber riss Cwen nun aus ihren Gedanken und ließ sie aufsehen. Die Stute fraß nicht mehr wie eben noch von den saftigen Gräsern am Weiherrand. Etwas am gegenüberliegenden Ufer hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Cwen wandte ihren Kopf dorthin – und erstarrte vor Schreck.

Über ihr, hoch oben auf den Felsen, die den See an dieser Stelle begrenzten, war ein Reiter aufgetaucht, ein Hüne von einem Mann. Sein Pferd war nicht weniger gewaltig, mit mächtigem Körper und langen, kräftigen Beinen. Das schwarze Fell glänzte schweißnass in der Sonne. Still und reglos standen Reiter und Ross, und Cwen hätte sie für eine Statue aus Stein halten können, hätte nicht die laue Sommerbrise mit Mähne und Schweif des Rappen gespielt.

Der Mann trug ein eisernes Kettenhemd, das weit über seine Knie reichte, darunter waren lederne Gamaschen an Armen und Beinen sichtbar. Er war bis an die Zähne bewaffnet: Auf seinen Rücken war ein langes Schwert geschnallt, am Sattel waren zudem Keulen, eine Streitaxt sowie ein Speer befestigt. Seine linke Seite wurde beinahe vollständig von einem großen, nach unten spitz zulaufenden Schild bedeckt, auf dem ein Furcht einflößender, schwarzer Wolf mit weit aufgerissenem Maul und langen, spitzen Fängen abgebildet war. Den Kopf des Reiters schützte ein konischer Eisenhelm mit breitem Nasenstück, und die untere Gesichtshälfte war von einem Lederschutz bedeckt, sodass nur die Augen sichtbar waren.

Dunkle, unheilvolle Augen, deren lodernder Blick, wie Cwen schien, starr auf sie gerichtet war, auf ihre Gestalt, die sich ihm – nur in das nasse Leinenhemd gehüllt – so gut wie nackt darbot. Es war, als könnte sie die ruchlosen Gedanken hinter diesen seelenlosen Raubtieraugen erahnen.

Voller Entsetzen beobachtete sie, wie der Hüne den Entschluss fasste, seine schändliche Absicht in die Tat umzusetzen. Seine Schenkel pressten in die Seiten des riesigen Hengstes, der sich auf seinen Hinterbeinen zu einer gewaltigen Höhe aufrichtete. Dabei wich der Blick des eisernen Kriegers niemals von ihr, als wolle er seiner Beute bekunden, dass es kein Entkommen gebe. Er riss das Ross herum und trieb es auf dem schmalen Pfad, der oben entlang der Felsen verlief, in Richtung des Uferabschnitts, wo sich Epona befand. Die Stute war Cwens einzige Chance zu entkommen.

Befreit vom Bann dieser unheimlichen Augen konnte Cwen endlich die Angststarre abschütteln, die sich wie eine eiserne Klammer um sie gelegt hatte. Mit einer raschen Bewegung rollte sie sich auf den Bauch und schwamm mit kräftigen Zügen, so schnell sie konnte.

Obwohl der Waldsee an dieser Stelle schmal war, war sie sicher, dass sie es schaffen könnte. Der Hüne musste beinahe das gesamte Gewässer entlangreiten, um zu jenem ebenen, grasbewachsenen Flecken zu gelangen, an dem sie Rast gemacht hatte. Ein schnelles Pferd – und die langen Beine des Rappen verhießen Schnelligkeit – würde die Distanz dennoch binnen kurzer Zeit zurückgelegt haben. Sie musste sich beeilen!

Cwen schwamm, bis das Wasser zu flach dafür wurde, und stürmte dann keuchend hinaus ans Ufer. Sie verfluchte das lange Leinenhemd, das sich um ihre Beine schlang und ihre Flucht behinderte, und raffte es hoch bis über die Knie. Sie wagte nicht, sich umzudrehen und den Fortschritt des Reiters entlang des Uferwegs zu verfolgen, denn dadurch verlöre sie kostbare Zeit. Das klirrende Geräusch der beschlagenen Hufe war bereits verstummt, der Mann hatte also schon das obere Ende des Sees erreicht, wo der felsige Steig in den weichen Waldboden überging. Er würde jeden Moment auf die Lichtung preschen.

Sie ließ ihren Kittel und ihre Stiefel unbeachtet liegen, und auch die Tasche mit den zuletzt geschnittenen Sumpfkleebüscheln, und hastete barfuß auf Epona zu, riss die Zügel von dem Haselnussstrauch, an dem sie sie festgebunden hatte, und schwang sich in den Sattel. »Los, Mädchen, spute Dich! Dort hinein! Schnell, schnell!«

Damit trieb sie die Stute in das Dickicht des Waldes, in den höchst willkommenen Schutz aus Bäumen und Unterholz, auf versteckte Pfade, die nur wenige kannten. Sie betete zur Göttin des Waldes, ihr geneigt zu sein und sie mit ihrem dichten Blättermantel vor den erbarmungslosen Augen ihres Häschers zu verbergen.

Keinen Moment zu früh! Denn schon vernahm sie das Donnern der Hufe, hörte den Rappen auf der Lichtung zum Stehen kommen und dann undeutliche Flüche in einer fremden Sprache. Sie beugte sich über Eponas Hals und wisperte der Stute ins Ohr: »Leise nun, Mädchen! Weiter, weiter!« Sie neigte den Kopf zur Seite und lauschte, aber es waren keine Geräusche zu hören, die auf eine Verfolgung schließen ließen. Kein Knacken brechender Äste, kein Rascheln von Laub an zurückschnellenden Zweigen. Sie atmete erleichtert auf; ihr rasender Herzschlag beruhigte sich ein wenig.

Cwen folgte dem verborgenen Pfad, der sich tiefer und tiefer in den Wald hinein wand – fort von ihrem eigentlichen Ziel, Ymmas Hütte. Doch Cwen wollte kein Risiko eingehen. Sie würde eine Zeit lang bei der alten Bärenhöhle warten und dann bei Einbruch der Dunkelheit vorsichtig den Heimweg antreten. Nur nicht Gefahr laufen, dem gepanzerten Krieger nochmals zu begegnen! Ein eisiger Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Sie war einem furchtbaren Schicksal um Haaresbreite entronnen. Leise murmelnd richtete sie ein kurzes Dankgebet an die Jungfrau Maria und trieb Epona weiter voran.

Der Mond war bereits aufgegangen, als Cwen müde und erschöpft an Ymmas Hütte klopfte. Die alte Frau hatte sich wohl noch nicht schlafen gelegt, denn die verwitterte Türe wurde sogleich aufgerissen. Lichtblaue Augen, die Cwen stets von unendlicher Tiefe erschienen, musterten sie erleichtert.

»Da bist du ja endlich, Cwen! Bei den Göttern, wo hast du so lange gesteckt, Mädchen? Ich habe mir schon schreckliche Sorgen gemacht!«

Cwen zuckte mit den Schultern und brachte ein schiefes Lächeln zustande. Sie bemerkte, wie Ymmas Blick über ihr inzwischen zerrissenes Leinenhemd streifte, ihre bloßen, schlammverschmierten Füße, die unzähligen wilden Haarsträhnen, die sich aus ihrem geflochtenen Zopf gelöst hatten.

»Ach, meine Kleine, was hast du wieder angestellt?« Sie zog Cwen an sich und umarmte sie, genauso wie eine liebevolle Mutter ihr verloren geglaubtes Kind. Und Cwen spürte, wie die Anspannung, die sich ihrer seit dem unheilvollen Erlebnis am Waldsee bemächtigt hatte, endgültig von ihr abfiel. Tränen, die sie nicht mehr zurückhalten konnte, schossen ihr in die Augen.

»Schon gut, mein Mädchen!«, murmelte die weise Frau und tätschelte Cwens Rücken. »Schon gut! Du bist nun in Sicherheit.«

Cwen nickte und klammerte sich an den knochigen, mageren Körper der Alten in dem verzweifelten Versuch, Halt und Geborgenheit zu finden.

»Sch, sch, sch! Was immer es war, es ist vorüber«, tröstete die Alte.

Ein heftiger Schauder schüttelte Cwens schmale Gestalt und ließ sie aufschluchzen. Sie wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort über ihre zittrigen Lippen.

»Sch, nicht sprechen. Jetzt komm erst einmal herein und beruhige dich. Und danach dann kannst du mir alles erzählen. Schön der Reihe nach.«

Nachdem Cwen ihre Stute Epona in den Verschlag gebracht und versorgt hatte, kehrte sie in die kleine, behagliche Hütte zurück, wo Ymma bereits einen Becher mit dampfendem Kräutersud für sie bereithielt, den sie dankbar entgegennahm.

»Ein stärkender Trunk aus Melisse, Herzgespann und Honig wird dir jetzt guttun, Cwen. Er vertreibt die Ängste, die in den dunklen Ecken lauern. Setz dich, und dann rede dir deinen Kummer von der Seele. Ich bin ganz Ohr.«

In der Mitte der Kate prasselte ein heimeliges Feuer, und gelbe Funken stoben durch den Rauchabzug hinaus in die schwarze Nacht. Cwen kuschelte sich auf einer niedrigen Holzbank in ein paar Schaffelle, sog den süßlichen Duft des Kräutertrunks ein und begann mit leiser Stimme zu schildern, was am Waldsee vorgefallen war.

Die weise Frau hatte es sich auf einem dreibeinigen Hocker bequem gemacht und lauschte stirnrunzelnd und ohne Cwen ein einziges Mal zu unterbrechen. Die Erinnerung an den ausgestandenen Schrecken ließ Cwen neuerlich schaudern, und die Alte erhob sich schwerfällig, um ihrem Schützling noch etwas von dem Melissentrank nachzuschenken.

»Er war solch ein gewaltiger Hüne, Ymma«, wisperte sie beklommen, »geradezu unmenschlich. Auf seinem Schild prangte ein schwarzer Wolf, bereit, über mich herzufallen. Die Waffen des Kriegers hätten ausgereicht, fünf Männer auszustatten, und er trug ein langes, eisernes Gewand. Solch eine fürchterliche Bestie habe ich niemals zuvor gesehen!«

Bei Cwens Worten erstarrte die weise Frau. »Ein eiserner Krieger, sagst du?« Ihre hellsichtigen Augen waren auf die Flammen des Feuers gerichtet, und es schien plötzlich, als würde sie in eine andere, weit entfernte Welt blicken. Ymmas Stimme verkam zu einem kaum hörbaren Flüstern, als sie erschrocken murmelte: »Bei den Göttern, die Normannen sind gekommen, um sich Cumbria zu nehmen!«

Cwen stieß entsetzt den Atem aus. »Was meinst du damit? Hast du einen Traum gehabt?«

Die weise Frau grunzte und ließ sich dann ächzend wieder auf dem Hocker nieder, nachdem sie Cwens Becher nachgefüllt hatte. »Für diese Erkenntnis mussten mir die Götter keine Träume schicken, Mädchen! Es war bloß eine Frage der Zeit, bis die Normannen hier am Solway Firth auftauchen würden, um Cumbria für sich zu beanspruchen. Ihr König ist ein Spross dessen, den sie den Eroberer nennen. Das Blut des Vaters fließt wild und ungestüm in seinen Adern.«

Ein unheilvoller Schauer lief über Cwens Rücken. Natürlich kannte sie die Geschichte des Eroberers, jedes Kind kannte sie. Es war an einem Herbsttag des Jahres 1066 gewesen, mehrere Jahre vor ihrer Geburt, als William, der Herzog der Normandie, mit einer großen Armee über das Meer übergesetzt war und in der Schlacht am Senlac Hill die Engländer besiegt hatte. Am Weihnachtstag desselben Jahres hatte er sich zum König krönen lassen – und trotz unzähliger Aufstände und Widerstandsversuche seiner neuen Untertanen hatte er sich auf dem englischen Thron behauptet. So fest saß er darauf, dass er das Königreich bei seinem Tod an seinen Sohn gleichen Namens hatte übergeben können; das war vor beinahe fünf Jahren gewesen. Seither hatte es weitere Unruhen und Umsturzversuche gegeben, aber der Sohn war offensichtlich aus demselben Holz geschnitzt wie der Vater, denn aus allen Auseinandersetzungen mit seinen Widersachern war er immer als Sieger hervorgegangen.

Seit der Schlacht am Senlac Hill hatte sich das Herrschaftsgebiet der Normannen stetig ausgedehnt: anfänglich bis nach York, später hinauf zu dem weiter nördlich gelegenen Fluss Tyne und schließlich über das gesamte Northumbria und weite Teile von Wales. Doch die schottische Grenze war immer unangetastet geblieben – und unbeansprucht. Und somit auch Cumbria.

Dolfinn mac Cospatrick, der Herrscher dieses Fürstentums und Cwens Vater, hatte Máel Coluim mac Donnchada Treue und Gefolgschaft geschworen. Durch die Heirat seiner Schwester, Cwens Tante, mit dessen Sohn Donnchad war er nicht nur mit dem schottischen König verschwägert, sondern hatte in diesem einen starken Beschützer und mächtigen Oberherrn. Und die Normannen würden es doch gewiss nicht wagen, diesen großen Herrscher herauszufordern?

»Du musst dich irren, Ymma. Vielleicht befinden sich ein paar Normannen auf dem Weg zu Máel Coluim, um mit ihm weitere Verhandlungen zu führen. Hieß es nicht, dass sich die beiden Könige bei ihrem Treffen im letzten Herbst über etliche ihrer Streitpunkte geeinigt hätten?«

»Hm, vielleicht hast du recht, Mädchen. Aber würde jemand, der in friedlicher Absicht unterwegs ist, tatsächlich mehr Waffen als für einen Mann nötig mit sich herumtragen?«

Die weise Frau gesellte sich zu Cwen und streichelte behutsam deren Kopf. »Sei es, wie es sei – wir werden die Entscheidungen der Mächtigen nicht beeinflussen können. Du hast heute jedenfalls unsagbares Glück gehabt, meine Kleine! Cerridwen hat dir ihren Schutz zuteil werden lassen.«

Cwen nickte und konnte ein weiteres Schluchzen nicht unterdrücken. Sie wusste, sie war einem schrecklichen Schicksal nur mit knapper Not entgangen: Misshandlung, Vergewaltigung, wahrscheinlich Tod. Sie schüttelte den Kopf, verärgert über sich selbst. »Ich war nicht vorsichtig genug. Mit meinen siebzehn Sommern sollte man meinen, ich wäre alt genug, solche Gefahren zu meiden!«

Ymma brummte. »Hmpf, von dem Waldsee weiß kaum eine Menschenseele. Es war schon eine unheilvolle Fügung, dass sich der eiserne Krieger dorthin verirrt hat. Zu genau demselben Zeitpunkt wie du.«

Mit kreisenden Bewegungen strich sie Cwen über den Rücken, und die lehnte sich genussvoll in die sanfte, wohltuende Berührung. Cwen zog die Knie an und legte den Kopf darauf. Gedankenverloren verfolgte sie den Tanz der rötlich-gelben Flammen in der Herdstelle. Der Kräutertrunk, das prasselnde Feuer und Ymmas Fürsorge wärmten ihre müden Glieder und halfen, ihr verängstigtes Herz zu beruhigen. Wie sehr wünschte sie sich Sicherheit und Geborgenheit für sich selbst, ihre Familie, ihre Freunde, ihr gesamtes Volk. Doch Ymmas Mahnung, es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Normannen auch ihre Heimat überfielen, hatten über der Zukunft düstere Wolken der Furcht aufziehen lassen.

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Carlisle, Cumbria

Anno Domini 1092
Festtag Saint Vandregisil de Fontenelle, Mitte Juli

Ein verdammtes Morastloch am verfluchten Ende der Welt war das hier, sonst nichts! Die verängstigten Bewohner dieses gottvergessenen Fleckens kauerten in den Eingängen ihrer windschiefen Hütten und verfolgten die Bewegungen seines Trupps mit misstrauischen und verschlagenen Blicken. Sie warteten wohl auf eine günstige Gelegenheit, sich mit ihren Sicheln und Harken auf ihn und seine Männer zu stürzen.

Und wie er diesen ständigen Regen verabscheute! Es schüttete nun schon unablässig seit mehreren Tagen, dabei sollte dies doch die wärmste Zeit des Jahres sein. Gewiss musste doch auch in dieser unwirtlichen Gegend so etwas wie Sommer einkehren!

Tancreid presste die Lippen zusammen und gab seinem schwarzen Streitross die Sporen. Das Wasser tropfte von seiner Helmkante, er spürte, wie es allmählich die dicke, gesteppte Ledertunika unter seinem Kettenhemd durchdrang. Seine Gedanken schweiften zu den sanften, grünen Hügeln seiner Heimat Calvados, zu den fruchtbaren Feldern, auf denen sich zu dieser Zeit die goldenen Ähren im Wind wiegten, zu den saftigen Wiesen, auf denen junge Fohlen ausgelassen herumtollten.

Und hier? Nichts als undurchdringliche Wälder und karge Berge, und dahinter die raue Irische See. Nichts als kalte Winde, grauer Nebel und endlos Regen. Es schien, als ob sich selbst die Sonnenstrahlen nicht in diesen trostlosen Landstrich wagten. Verdammt!

Sein letzter Fluch musste wohl von vernehmlicher Lautstärke gewesen sein, denn Urse, der neben ihm ritt, zog fragend die Augenbrauen hoch.

»Welche Laus ist Euch denn über die Leber gelaufen? Ihr schaut ja finsterer als ein Pfaffe, dem man seinen Freitagskarpfen verwehrt.«

Tancreid gab einen undefinierbaren Laut von sich. »Nichts, was die Familie Grande-Île nicht verdient hätte.« Bei der Erwähnung dieses Namens verzog er das Gesicht. »Wir dürfen wohl nichts Besseres erwarten als solch ein Schlammloch am Ende der Welt. Ich bin mir sicher, die Anzahl der Anwärter auf dieses funkelnde Juwel war überschaubar!«

Urse schnaufte entrüstet. »Jetzt seid Ihr aber undankbar! Der König belohnt Eure jahrelangen Verdienste, und Ihr schmollt wie ein Gör, das seinen Willen nicht bekommt. Ich habe Euch nicht ein Dutzend Jahre als Euer Waffenmeister überallhin begleitet, um mir nun dieses Weibergejammer anzuhören. Kommt, lasst uns zur Fürstenhalle reiten, Willelme erwartet Euch. Und danach besorgen wir uns ein paar feiste Huren, um ordentlich zu feiern!«

Tancreid warf seinem treuen Weggefährten einen vernichtenden Blick zu, der wohl einen sanftmütigeren Mann in Angst und Schrecken versetzt hätte. Dem alten Recken entlockte er damit aber nur ein Grinsen, welches die Zahnlücke entblößte, die er einem einige Jahre zurückliegenden Raufhandel mit einem volltrunkenen Schwertschmied zu verdanken hatte.

»Verdammt, Urse, jeden anderen Kerl würde ich für solche Worte an seinen Gedärmen aufhängen. Schätze dich glücklich, dass ich meinem Vater mein Ehrenwort gegeben habe, auf dein Wohlergehen zu achten und Dir kein Leid geschehen zu lassen.«

»Pah«, lachte Urse meckernd, »meiner Erinnerung nach war das genau umgekehrt! Ganz abgesehen davon, dass ich Euch an Alter wie an Weisheit weit voraus bin. Aber kommt, sputen wir uns. Dieser verfluchte Regen weicht mir ja schon die Zehennägel auf!«

»Mir ist ein Rätsel, dass dir noch niemand die freche Zunge herausgerissen hat. Mit glühenden Eisenzangen.« Trotz dieser strengen Worte umspielte endlich ein schwaches Lächeln Tancreids Lippen, und er trieb seinen Hengst durch die morastigen Straßen hinauf zum Fürstenhof, den König Willelme für die Zeit seines Aufenthalts in Carlisle als Residenz auserwählt hatte. Nicht, dass es viel Auswahl gegeben hätte, dachte Tancreid mit einem abschätzigen Blick auf die baufällig wirkenden Häuser der Stadt.

In saubere Kleider gehüllt, betrat Tancreid wenig später zusammen mit Urse und einigen seiner Männer die große Halle, in der es vor Menschen wimmelte. Barone, Ritter, Ministerialen, Dienstleute – sie alle drängten sich in die Nähe des Königs. Und wohl auch ins Trockene. Tancreid musste bei diesen Gedanken ein Schmunzeln unterdrücken, gerade, als ein hagerer Diener auf ihn zutrat.

»Monseigneur de Grande-Île, der König erwartet Euch in der Schreibkammer.«

Tancreid nickte und bahnte sich einen Weg durch das Menschengewühl. Dank seiner Statur – er war weit über sechs Fuß groß, breitschultrig und mit einem muskulösen, kampfgestählten Körper ausgestattet – kein allzu schwieriges Unterfangen. Des beißenden Rauchs von den Holzfeuern wegen, die in den beiden mannshohen Kaminen brannten, blinzelte er mehrmals. Zudem schwängerten der Geruch von abgestandenem Bier und die Ausdünstungen zu vieler Leiber auf zu engem Raum die Luft – man hätte sie mit einem Schwert schneiden können.

Zwei grimmig dreinblickende Wachen verwehrten jedem ungebetenen Besucher den Zutritt zum Skriptorium, ließen Tancreid aber passieren, kaum dass sie ihn erkannten. Er nickte ihnen zu und öffnete die eisenbeschlagene Eichentür. Drei Augenpaare sahen ihm erwartungsvoll entgegen.

»Nur herein, mein Guter, nur herein!« Der König, ein mittelgroßer Mann von gedrungener Gestalt, nur wenige Jahre älter als Tancreid, mit rotblondem, nach der Sitte der Normannen kurz geschorenem Haar, winkte Tancreid zu dem runden Tisch in der Mitte der Kammer, auf dem eine große Landkarte ausgebreitet lag. Anders als in der Halle war die Luft hier von einem süßlich-herben Kräuterduft erfüllt, und durch ein geöffnetes Fenster strömte eine frische, kühle Brise.

»Seid gegrüßt, Monseigneur de Grande-Île! Berichtet mir vom Abzug des cumbrischen Fürsten! Es hat keine Schwierigkeiten gegeben, vermute ich?«

Tancreid verbeugte sich vor dem König und nahm den Becher Wein entgegen, den ihm ein Diener reichte. Sein Blick streifte dabei über die Gestalt des Königs, der in eine wadenlange Tunika gehüllt war, die aus einem goldgewirkten, dunkelroten Stoff gefertigt war, der sehr teuer schien. Auf den Fingern steckten kostbare Ringe, selbst die feinen Lederschuhe schmückten wertvolle Edelsteine. Wenn man ihn so sah, hätte man in ihm kaum jenen unerbittlichen und zielstrebigen Kriegsherrn vermutet, der seine Armee unaufhaltsam hunderte Meilen nach Norden getrieben hatte. Tancreid bewunderte diese Stärken an Willelme, fragte sich aber gleichzeitig, wie sich der König seiner Vorliebe für Luxus so leichtfertig hingeben konnte. Es gab viele im Königreich, die ihn dafür – zumindest hinter vorgehaltener Hand – tadelten. Und das waren nicht nur die Vertreter der Kirche.

Als ob es dem König ebenbürtig sein wollte, war das Skriptorium beinahe ebenso prächtig herausgeputzt: Weiche Kissen in leuchtenden Farben zierten die Stühle und Hocker, bunt bestickte Tapisserien zeigten Szenen einer Hirschjagd, und sowohl die Weinkaraffe als auch die Trinkpokale waren aus purem Gold gefertigt. Was für ein Unterschied zur Halle mit ihren rauchgeschwärzten Wänden, schmutzverkrusteten Holzdielen und irdenen Bechern!

Tancreid räusperte sich. »Nein, Sire, es gab keine Schwierigkeiten. Wie vereinbart, hat Dolfinn mit seinen Getreuen Carlisle verlassen. Sie haben die alte Römerstraße nach Norden genommen. Er macht sich wohl direkt auf den Weg zu Malcolm Langhals nach Schottland.«

Willelme drehte einen seiner Ringe hin und her, einen schmalen Goldreif, auf dem ein großer Rubin funkelte, während seine Augen verärgert aufblitzten. »Nun, soll er doch! Möge er sich bei seinem königlichen Verwandten ausheulen, der Bastard! Lange genug war er ein Stachel in meinem Fleisch!«

Er schürzte verächtlich die Lippen. »Im letzten Herbst hat er es gewagt, mit seinen barbarischen Hinterwäldlern die Flanken und die Nachhut meines Heeres anzugreifen, während wir durch die nördlichen Shires nach Schottland marschierten. Ha, hat der Tölpel etwa gedacht, solch freche Dreistigkeit lasse ich ihm ungeahndet durchgehen?«

Er nahm einen tiefen Schluck vom dunkelroten Wein, bevor er weitersprach. »Er hätte wissen müssen, dass ich Beleidigungen des englischen Königs keinesfalls dulden kann. Zudem hat sein Vorgehen mir deutlich vor Augen geführt, dass es im Norden meines Reiches weder Frieden noch Sicherheit geben kann, solange Malcolm und sein Vasall Dolfinn die Geschicke Cumbrias bestimmen. Die Eroberung Carlisles war daher nichts anderes als eine notwendige Schlussfolgerung.« Willelme fuhr sich durchs Haar. »Der alte Langhals aber wird meine Sicht der Dinge wohl kaum teilen. Deshalb werden wir uns jedenfalls vorbereiten. Falls dieser Narr Dolfinn je zurückkehren sollte – mit oder ohne seinen Aufschneider von einem Gönner – werden wir ihn gebührend empfangen!«

Er lachte ausgiebig, bevor er Tancreid auf die Schultern klopfte. »Und hier kommt Ihr ins Spiel, Monseigneur. Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass Eure Familie und Ihr lange genug für den Verrat Eures Vaters gebüßt habt. Es steht leider nicht in meiner Macht, Euch die Güter im Calvados zurückzuerstatten, die mein Vater damals Eurem Vater nahm – wie Ihr wisst, stehe ich mit meinem Bruder Robert, dem Herzog der Normandie, nicht auf bestem Fuße. Doch es gibt andere Möglichkeiten, Eure treuen Dienste in den vergangenen zwölf Jahren zu belohnen. Ihr seid in jeden Kampf gezogen, zu dem wir, mein geschätzter Vater und danach ich, Euch gerufen haben, und das waren bei Gott nicht wenige. Ihr habt nicht ein einziges Mal mit der Wimper gezuckt und dem Königshaus stets bedingungslos gedient. Es erfüllt mein Herz mit Stolz und Freude, einen solch ehrenhaften und tapferen Ritter in meinen Diensten zu haben! Und ich wünschte, es gäbe mehr von Eurer Sorte in meinem Gefolge!«

Tancreid nickte, ergriffen von den Worten seines Herrn und Königs. Ihm war durchaus bewusst, dass Willelme – wie zuvor dessen Vater – seine starke und geschickte Schwerthand schätzte wie auch die Tatsache, dass er jedem Befehl des Königs unverzüglich Folge leistete, ohne je gezögert oder anderen Interessen als jenen des Königs den Vorzug gegeben zu haben. Doch dass der König ihn für seine Ehre pries, war die gewichtigste Anerkennung, die sich Tancreid vorstellen konnte. Nach den unverzeihlichen Verfehlungen seines Vaters hatte er immer besonders großen Wert auf einen ehrenhaften Lebenswandel gelegt und sich selbst gegenüber die Ansprüche immer sehr hoch angesetzt. Dass dies augenscheinlich auch Willelme aufgefallen war, berührte ihn mehr, als er anderen oder auch nur sich selbst einzugestehen gewillt war.

»Mir ist auch bewusst, dass Dankbarkeit allein einen landlosen Ritter und seine Familie wohl kaum zu erhalten vermag, noch dazu eine, die einst so bedeutend und vermögend war wie die Eure.«

Wiederum nickte Tancreid, und seine Stimme klang etwas rau, als er antwortete: »Einige haben ihr Heil bei anderen gesucht, sodass nur noch der harte Kern der Sippe übriggeblieben ist.«

»Ich weiß, Monseigneur. So trennt sich die Spreu vom Weizen, nicht wahr?« Ohne eine Erwiderung seines Vasalls abzuwarten, setzte der König fort: »Tancreid de Grande-Île, als Dank für Eure Verdienste um die Krone ernenne ich Euch zu meinem Sheriff und übergebe Euch die Verantwortung für meine Stadt Carlisle und das gesamte Cumbria. Ihr sollt in den nächsten vier Jahren mein Verwalter hier sein, Ihr sollt in meinem Namen Recht sprechen und Steuern erheben. Insbesondere beauftrage ich Euch, Cumbria zu einem Bollwerk gegen die Schotten auszubauen, Burgen zu errichten und mit wehrhaften Männern zu besetzen, Straßen zu befestigen, und die Stadt Carlisle wiederaufzubauen. Ihr sollt mein Grenzposten im Nordwesten des Reiches sein, verlässlich und standhaft wie ein cumbrischer Felsen. Ihr sollt das Land bestmöglich fördern und gestalten, auf dass es einen vollwertigen Platz innerhalb meines Reiches erlange. Nehmt Ihr dieses Amt und alle damit verbundenen Aufgaben und Pflichten an, Monseigneur? So kniet nieder.«

Tancreid zögerte nicht und tat, wie ihm geheißen. Er schwor dem König den Treueeid als Sheriff von Cumbria. Dann erhob er sich und nahm das Schwert entgegen, das ihm Willelme als Zeichen seiner neuen Amtswürde überreichte. Zudem zeigte sich der König von seiner großzügigen Seite und machte ihm ein schön gearbeitetes Kettenhemd, wie auch einen Schild zum Geschenk, auf dem die goldenen Löwen des königlichen Wappens prangten und ihn als Sheriff des Reiches auswiesen.

»Ich danke Euch für Eure Güte und Weisheit, Sire. Nicht nur ich, sondern auch meine Familie weiß diese große Ehre zu schätzen, die Ihr uns zuteilwerden lasst.«

Der König nickte huldvoll und lächelte. »Wie sehr das auf Eure Familie zutrifft, wird die Zeit zeigen.«

Tancreids rechte Augenbraue wanderte nach oben, doch er erwiderte nichts. Er wusste selbst am besten, dass etliche Mitglieder seiner Familie Ehre und Loyalität nicht unbedingt als höchste Güter ansahen.

»Wenn Ihr das Amt zu meiner Zufriedenheit erfüllt, Monseigneur, wird die Verbannung auf die Insel Grande-Île aufgehoben und Ihr und die Euren dürft wieder den angestammten Familiennamen Saint-Cyr führen.«

Diese Eröffnung kam unerwartet, und als der König die Überraschung in Tancreids Augen las, lächelte er erneut. »Ich sagte doch, es gibt andere Möglichkeiten, meine treuesten Weggefährten zu belohnen.« Er drückte seinen königlichen Siegelring in das weiche Wachs des Ernennungsdokuments, welches Robert Blouet, sein allgegenwärtiger Kanzler, schon bereithielt. »Nun ist es getan.«

Später am Abend fand sich Tancreid an einem der Tische in der großen Halle wieder. Das Abendessen war noch in vollem Gange, obwohl sich der König bald nach dessen Beginn zurückgezogen hatte. Mit einer Hand umklammerte Tancreid den Becher Ale, der vor ihm stand, mit der anderen tastete er immer wieder nach der Rolle Pergament, die sicher in seinem Wams steckte – und das Siegel des Königs trug.

»Ihr habt noch gar nichts angerührt, Tancreid. Geht es Euch gut?«, drang Urses Stimme an sein Ohr.

Er nickte und stopfte geistesabwesend einen Bissen Fleisch in den Mund.

»Ist alles so gelaufen, wie er es Euch angekündigt hat?«

Tancreid schüttelte langsam den Kopf.

»Was?«, ereiferte sich Urse. »Hat er es sich etwa anders überlegt, dieser hundsföttische …«

Bevor Urse sich der Königsbeleidigung schuldig machen konnte, unterbrach Tancreid ihn unwirsch: »Nein, er hat sein Wort gehalten und mich zum Sheriff von Cumbria ernannt. Für die nächsten vier Jahre.«

»Hm, dann passt ja alles«, grunzte Urse zufrieden.

»Er will danach die Verbannung aufheben.«

»Was? Was will er? Habe ich Euch recht gehört?« Der alte Kämpe versetzte seinem Sitznachbarn, einem stämmigen, jungen Kerl aus dem Cotentin, der eben laut grölend ein derbes Sauflied angestimmt hatte, eine Kopfnuss. »Heh, Mann, man kann ja sein eigenes Wort nicht verstehen bei dem Lärm, den du veranstaltest! Verzieh dich an einen anderen Tisch!«

Der Angesprochene wollte zuerst Widerworte geben, überlegte es sich aber angesichts von Urses narbenzerfurchtem Gesicht anders und zog murrend von dannen.

»So, den Tropf sind wir los!«, wandte sich Urse wieder an Tancreid, der die Wiederholung der Frage nicht abwartete.

»Ja, du hast richtig gehört! Man kann sagen über ihn, was man will, aber sein Großmut und seine Ritterlichkeit sind unbestritten. Ich weiß gar nicht, was ich davon halten soll.« Er schüttelte den Kopf – es fiel ihm eindeutig noch schwer zu glauben, was der König zugesagt hatte.

»Wenn Ihr von meiner Ritterlichkeit sprecht, dann stimme ich Euch natürlich vollinhaltlich zu, dass diese unbestritten ist!« Ein groß gewachsener Mann in der gepflegten Kleidung eines normannischen Adeligen pflanzte sich lachend vor Tancreids Tisch auf.

Dieser sprang angesichts des Neuankömmlings erfreut auf und umarmte ihn herzlich. »Gislebert! Sei gegrüßt, Bruder! Wir haben schon befürchtet, eure Karren sind irgendwo auf der Strecke im Schlamm steckengeblieben! Wo sind die anderen? Bereits untergebracht?«

Gislebert erwiderte die familiäre Begrüßung mit gleicher Begeisterung und grinste. »Ja, meine Brüder im Geiste haben bereits ihre Schlafstätten im Dormitorium aufgesucht. Die Reise hat ihnen doch mehr abverlangt, als sie üblicherweise gewohnt sind. Aber ich wollte dir so schnell wie möglich unsere Ankunft vermelden. Außerdem hatte ich auf einen wohlschmeckenden Happen vom Tisch des Königs gehofft!«

Tancreids älterer Bruder war vor zwölf Jahren in den Dienst der Kirche getreten, kurz nach dem Tod ihres Vaters, der sich – angesichts der Schmach und Schande, die sein Verrat am damaligen Herzog der Normandie bedeutete – selbst gerichtet hatte. Als Ältesten und Erben hatte Gislebert der mit dem Hochverrat einhergehende Verlust der Titel und Ländereien des Vaters am härtesten getroffen, und es war ihm – da er damals von einer schweren Krankheit geschwächt war – nichts anderes übriggeblieben, als die Kirchenlaufbahn einzuschlagen. Doch trotz dieser widrigen Umstände hatte Gislebert Zähigkeit und Zielstrebigkeit bewiesen, die schließlich belohnt wurden: Seit Kurzem bekleidete er das Amt des Archidiakons von Durham. Und auf Wunsch des Königs sowie des Erzbischofs Thomas von York hatte er nun die kirchliche Leitung Cumbrias im Namen des Bischofs von Durham übernommen. Zusammen mit zwölf Benediktinermönchen, die ihm zur Unterstützung beigestellt worden waren, sollte er fortan über das christliche Heil der Bewohner Cumbrias wachen.

»Nimm Platz, Bruder, es ist noch genug von allem da! Greif zu!«

Gislebert ließ sich nicht lange bitten und folgte umgehend Tancreids Aufforderung. Er suchte sich ein paar schöne Stücke Schweinebraten mit knuspriger Kruste aus, die er auf eine dicke Scheibe Brot legte. Dann holte er sein Tischmesser aus dem Beutel und schnitt mundgerechte Happen herunter, die er mit sichtlichem Genuss verspeiste.

»Mmh, auf des Königs Köche ist doch immer Verlass! Wie gut, dass er sie überallhin mitnimmt!« Eine dralle Magd stellte einen Humpen Bier vor ihn hin, und nach ein paar tiefen Schlucken rülpste er vernehmlich.

Tancreid lachte. »Wohl bekomm’s, Bruder! Aber erzähle, wie ist es euch ergangen? Ihr seid doch ohne Zwischenfälle vorangekommen?«

Gislebert rülpste nochmals, bevor er antwortete: »Ach nichts, was erwähnenswert wäre. Nur die üblichen Beschwernisse einer Reise. Eine gebrochene Radspeiche, ein Bruder mit Durchfall, vergammeltes Essen. Die weitaus größte Strapaze war das Wetter in den letzten Tagen: Fluten über Fluten, die sich vom Himmel ergossen. Bruder Ansger meinte schließlich, zu den Zeiten Noahs könnte es kaum weniger geregnet haben.«

Tancreid grinste. »Gut, dass ihr alle Carlisle wohlbehalten erreicht habt!«

Er ließ einen prüfenden Blick über Gisleberts Gestalt streifen, um sich von der Wahrheit seiner Worte zu vergewissern. Sein Bruder schien nicht nur unversehrt, sondern war ein Bild des blühenden Lebens. Die Wangen, die in den letzten Monaten deutlich rundlicher geworden waren, hatten eine durch und durch gesunde Farbe. Gislebert zeigte den ersten Ansatz eines Bauches – wohl eine Folge der bekömmlichen Speisen im bischöflichen Haushalt –, was aber dank seiner Größe – er stand Tancreid in dieser Hinsicht kaum nach – nicht unangenehm auffiel. Sein kurz geschorenes Haar, ebenso rabenschwarz wie das aller Männer ihrer Familie, zierte eine kreisrunde Tonsur, neben seinem Ring das einzige Zeichen, das ihn als Mann der Kirche auswies: Im Alltag verzichtete er meist auf das Tragen kirchlicher Gewänder. Seine violette Tunika war aus bestem Wollstoff, Gürtel wie Beutel mit Silber beschlagen.

Tancreid wunderte sich nicht zum ersten Mal, wie sein Bruder die Mittel für seine edle Ausstattung aufbrachte. Das Salarium eines Archidiakons musste deutlich höher sein, als er angenommen hatte – was ihn für seinen Bruder ehrlich freute. Nach allem, was sie durchgemacht hatten, verdiente er dieses Leben in Wohlstand und Behaglichkeit.

Tancreid hoffte inständig, dass Gislebert mit dieser neuerlichen Wendung seines Schicksals, die ihn in das unwirtliche Cumbria geführt hatte, nicht allzu sehr haderte. Sein Blick wanderte zu den Augen seines Bruders, die fröhlich strahlten, während er mit dem knurrigen Urse scherzte. Die Ehre des neuen Amtes schien ihn glücklich zu machen. Gut so!

Dann ließ ein ganz anderer Gedanke Tancreid unvermittelt schmunzeln. Er wusste nicht, wieso ihm diese Eingebung gerade jetzt durch den Kopf schoss, aber ihm fiel gerade wieder – wie schon unzählige Male zuvor – auf, dass Gisleberts Wimpern beinahe so lang und dicht waren wie die eines Mädchens. Weshalb der ältere Bruder auch stets der Schwarm allen Weibsvolks gewesen war – und wahrscheinlich noch immer war. In etwas angeheiterten Momenten verglich Urse Gisleberts Augenaufschlag gern mit dem sanften Blick einer normannischen Milchkuh. Gislebert hatte braune Augen, übrigens als Einziger der Sippe, ererbt von der sizilianischen Mutter. Da war das kein ganz so abwegiger Vergleich.

»Was ist so lustig, Bruder?«

Aus diesen bedeutungsvollen Gedanken gerissen, zuckte Tancreid mit den Schultern. »Wahrscheinlich ich selbst, wenn man die heutigen Ereignisse bedenkt! Der Sohn eines Verräters wird Sheriff von Cumbria – das kann doch nur ein Witz sein!«

Gislebert drückte Tancreids Hand. »Ah, dann ist es endlich passiert? Ich gratuliere dir, kleiner Bruder! Es war auch höchste Zeit, dass Willelme deine Verdienste würdigt und entsprechend belohnt. Du hast dich beinahe dein halbes Leben lang für ihn und seinen Vater abgekämpft, im wahrsten Sinne des Wortes! Es gibt wohl kein treueres und besseres Schwert im ganzen Königreich als deines! Urse, alter Mann, du stimmst mir doch sicherlich zu, nicht wahr?«

Der Angesprochene nickte natürlich kräftig.

»Ach, ihr seid zwei Narren!«, entgegnete Tancreid. »Aber ich danke euch für eure Unterstützung! Ohne euch hätte ich wohl schon längst aufgegeben.« Und in Gedanken fügte er an: so wie Eustace.

Ihr jüngster Bruder hatte die Schmach, die der Verrat ihres Vaters bedeutete, nicht verkraftet; auch die – unsichere – Aussicht auf Begnadigung hatte ihn nicht abzuhalten vermocht: Er hatte seinem Land und seiner Familie den Rücken gekehrt und sich vor beinahe zehn Jahren auf den Weg zu den Verwandten ihrer Mutter nach Sizilien gemacht, um dort sein Glück zu finden. Vor fünf Sommern hatte sie die Nachricht von seinem Tod erreicht.

Tancreid ballte die Faust. Er fühlte sich für das frühe Ableben des Bruders verantwortlich. Hätte er von Eustaces Plänen gewusst, er hätte ihn mit Ketten an die Burgmauern geschmiedet, um ihn am Fortgehen zu hindern. Wahrscheinlich hatte dieser aber eine solche Absicht geahnt, denn er hatte sich heimlich wie ein Dieb mitten in der Nacht davongeschlichen.

Tancreid seufzte. Kaum einem seiner Geschwister schien das Glück hold zu sein. Zwei seiner Schwestern hatten zwar bereits vor mehreren Jahren geheiratet, aber beide weit unter ihrem Stand. Isabelle, einst eine vielgerühmte und hofierte Schönheit, war nun die Ehefrau eines Kaufmanns in Caen, kinderlos und verhärmt. Die jüngere Adelize hatte erst vor drei Jahren Hochzeit mit einem verwitweten Dienstmannen des Grafen von Meulan gefeiert und war neun Monate später im Kindbett gestorben. Die dritte und jüngste Schwester, eine Nachzüglerin mit dem lieblichen Namen Roese, lebte zusammen mit ihrer Großmutter auf der Grande-Île, jener Insel vor dem Contentin, wohin der damalige König von England und Herzog der Normandie die Familie Saint-Cyr nach dem Verrat des Vaters verbannt hatte: eine karge und – trotz ihres Namens – kleine Insel, auf der eine Handvoll Fischer lebten. Und der Rest seiner Familie.

Tancreid wandte sich an Gislebert: »Bruder, wann hast du zuletzt von Grand-mère und Roese gehört? Geht es ihnen gut?« Da Tancreid zumeist irgendwo im Königreich unterwegs war und nur selten Gelegenheit hatte, in die Normandie zu reisen, hatte er mit seiner Großmutter und Schwester vereinbart, jeglichen Nachrichtenaustausch über Gislebert abzuwickeln. So war der älteste Bruder im Regelfall der Erste, der von Neuigkeiten wusste.

»Ach, keine Sorge, Tancreid, sie sind beide wohlauf. Und mehr als erpicht darauf, nach Cumbria zu kommen!«

Tancreid grinste. »Die beiden werden hier nichts als Chaos und Unheil verbreiten. Und mich sicherlich recht bald um den Verstand bringen!«

Tatsächlich vermisste er beide schrecklich, er hatte sie schon mehr als zwei Jahre nicht mehr gesehen. Roese zählte inzwischen sechzehn Sommer und war wohl noch immer ein rechter Wirbelwind, genau wie Grand-mère mit ihren bereits mehr als fünf Dutzend Jahren. »Der König hat meiner Bitte, sie herzuholen, sobald es ihre Sicherheit erlaubt, stattgegeben. Wir sind ihm sehr zu Dank verpflichtet.«

Gislebert nickte bedeutungsvoll. »Ja, das sind wir.« Dann versetzte er Tancreids Schulter einen Stoß. »He, bevor ich mein müdes Haupt auf die rauen Schlafkissen des Dormitoriums bette, möchte ich noch hören, wie ihr die Cumbri besiegt habt. Sofern sie nicht schon beim Anblick des narbenzerfurchten Urse die Flucht ergriffen haben!«

Tancreid lachte, während der alte Recke Gislebert einen säuerlichen Blick zuwarf.

»Nein, ganz so einfach war es nicht«, berichtete Tancreid. »Wobei wir auch schon weit hartnäckigere Nüsse zu knacken hatten. Die Belagerung Carlisles dauerte kaum länger als jene von Tonbridge vor vier Jahren.«

»Damals haben wir die Burg gleich am Tag nach unserer Ankunft gestürmt«, bestätigte Urse grinsend.

»Hier hat es drei Tage länger gedauert«, fuhr Tancreid fort. »Willelme ließ einen Belagerungsturm bauen, auf dessen Plattform wir zwei Ballistae aufstellten. Mit diesen beweglichen Geschützen feuerten wir einen Hagel von Wurfspießen ab, direkt hinunter in die befestigte Stadt. Es war beinahe ein Kinderspiel. Ein paar junge Hitzköpfe meinten, sich als Helden gebärden zu müssen, und versuchten den einen oder anderen Ausfall. Aber angesichts unserer Reiterei, die sie bereits sehnsüchtig erwartete, haben sie ganz schnell kehrtgemacht und sich wieder hinter den Toren verschanzt.«

»Es war eine wahre Freude zuzusehen, wie sie die Beine in die Hand nahmen und wieselflink zurückflitzten«, meinte Urse gackernd.

»Am vierten Tag ergaben sich Dolfinn und seine Krieger«, erzählte Tancreid weiter, »und erbaten sicheren Abzug aus der Stadt, welchen der König natürlich gewährte. Vor ein paar Stunden haben wir den Fürsten und seine Getreuen zur Stadt hinausgeleitet, und Willelme residiert nun in Dolfinns Halle.«

»Hm, und wie hat dieser seine Schmach hingenommen?«, fragte Gislebert.

Tancreid zuckte mit den Schultern. »So würdevoll, wie es in dieser Situation möglich war, würde ich meinen. Unsere Armee war seinen Kriegern haushoch überlegen, sowohl zahlenmäßig wie von Bewaffnung und Ausstattung her. Ehrlicherweise muss man sagen, die Cumbri hatten niemals eine Chance gegen uns, zumindest nicht ohne Unterstützung von dritter Seite.«

»Vermutlich«, fuhr Tancreid nach einem Schluck Ale fort, »hat sich Dolfinn auf den Weg zu König Malcolm Langhals nach Schottland gemacht, um eben diese Unterstützung einzufordern. Unsere Aufgabe wird es nun sein, für diesen Fall gewappnet zu bleiben.«

»Da steht uns ja noch einiges bevor«, meinte Gislebert stirnrunzelnd.

»Ja«, nickte Tancreid, »niemand hat gesagt, dass es leicht sein würde. Aber wir Grande-Îles sind das ja gewohnt!«

Gislebert lächelte schief. »Ein wahres Wort, Bruder. Aber nun gut, es war ein langer Tag, ich werde mir eine ruhige Schlafstatt suchen.« Er erhob sich und klopfte Tancreid auf die Schulter. »Gut gemacht, Kleiner, ich bin stolz auf dich!«

Tancreid grinste neuerlich. »Und ich auf dich, ehrenwerter Archidiakon! Lass uns dieses rückständige Cumbria gemeinsam auf Vordermann bringen!«

Gislebert lachte. »So sei es, Sheriff!« Und an Urse gewandt: »Gute Nacht, alter Mann!«

Urse grummelte eine kaum verständliche Antwort, und Gislebert verließ augenzwinkernd den Tisch.

»Hm«, meinte der wackere Kämpe, »in seiner Gegenwart komme ich mir immer wie ein uralter, grauer Bär vor, dabei bin ich noch keine vierzig Jahre alt. Das zumindest hat mir meine Mutter versichert.«

Seine Stimme klang so verdrossen, dass Tancreid lauthals auflachte. »Na, das mit dem Brummbär ist ja nicht ganz von der Hand zu weisen.«

»Ja, ja, schon gut. Ich habe den Wink verstanden.« Urse nahm einen kräftigen Schluck Ale und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. »So, jetzt, wo der Pfaffe weg ist, können wir ja unser letztes Unterfangen des heutigen Tages beginnen.« Als Tancreid ihn fragend anblickte, warf dieser die Hände in gespielter Entrüstung in die Höhe. »Ihr werdet das doch nicht vergessen haben?«

Tancreid schüttelte ratlos den Kopf. »Ich fürchte, ich habe keine Ahnung, worauf du hinauswillst.«

»En aide de Deu! Wenn Ihr Euch jetzt schon nicht mehr daran erinnern könnt, was wir vor wenigen Stunden besprochen haben, wohin soll das erst in ein paar Jahren führen?«

Tancreids Stimme bekam einen warnenden Unterton. »Urse, überspann den Bogen nicht!«

Einlenkend entgegnete der Gerügte daraufhin: »Nun gut. Wenn Ihr Euch gnädigst entsinnen möget: Wir wollten uns Huren suchen! Freundliche, dralle Huren mit kräftigen Schenkeln und weichen Locken, die einen tapferen Kämpfer gerne willkommen heißen!«

»Ach, das meinst du!«

»Ja, das meine ich! Mich juckt’s gewaltig!« Wie um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, fasste sich Urse in den Schritt.

»Dann lass dich nicht aufhalten, Mann! Ich passe heute!«

Urses Stimme klang schrill, als er rief: »Was? Schon wieder? Was ist nur los mit Euch? Plagen Euch erneut Träume von dieser unseligen Waldnymphe?«

Zwischen zusammengebissenen Zähnen stieß Tancreid verärgert hervor: »Ich würde es begrüßen, wenn du deine Stimme senken könntest – sonst müsste ich mir überlegen, dich an den Füßen kopfüber aufzuhängen. Für ein oder zwei Nächte … oder drei.«

»Pah«, erwiderte Urse unbeeindruckt, nun aber im Flüsterton. »Sie war höchstwahrscheinlich nur eine Einbildung, eine Sinnestäuschung. Ihr könnt ihretwegen nicht allen Weibern entsagen, Tancreid!«

»Ja, ich weiß! Es geht sicherlich bald vorüber, aber heute Abend musst du allein losziehen.«

Übellaunig schlug Urse mit der flachen Hand auf den Tisch. »Tja, wenn Ihr mich fragt, dann war sie eine vermalledeite Hexe, die Euch den Schwanz verzaubert hat.«

»Urse!«

»Schon gut«, brummte dieser. »Ein Mann wird wohl noch seine ehrliche Meinung äußern dürfen. Aber sauft Euch nicht die letzte Unze Verstand aus Eurem dicken Schädel.«

»Urse!«

Bevor es zu weiteren Drohungen oder gar Handgreiflichkeiten kommen konnte, sprang Urse auf. »Ich mein’s ja nur gut mit Euch. Eine angenehme Nachtruhe wünsche ich Euch, Sheriff!« Er tippte sich an die Stirn und war gleich darauf im Menschengewühl verschwunden.

Wenig später entdeckte Tancreid den alten Lüstling auf der gegenüberliegenden Seite der Halle. Sehr entschieden schob er eine stämmige, blonde Magd mit wogendem Busen zur Tür hinaus, seine Arme waren besitzergreifend um ihre ausladenden Hüften gelegt. Ihr hohes, alles andere als abgeneigtes Lachen drang bis an Tancreids Tisch.

Er seufzte und lehnte sich zurück an die Wand hinter sich. Er musste wohl vollkommen den Verstand verloren haben! Vielleicht wäre es das Beste, es Urse gleichzutun und sich ein williges Weib zu suchen, um diese andere aus seinem Kopf zu vertreiben. Die Waldnymphe, wie Urse sie genannt hatte. In Gedanken durchlebte er nochmals die Ereignisse dieses ungewöhnlich warmen Frühsommertages vor etwa einem Monat …

Der König hatte im Mai sein Heer in Lincoln versammelt, um von dort nach Cumbria aufzubrechen. Vor dem Beginn des Feldzuges wollte Willelme der Einweihung der eben fertiggestellten Kathedrale von Bischof Remigius beiwohnen, einem alten und treuen Freund seines Vaters, des Eroberers. Doch dann war der ehrwürdige Kirchenmann am Festtag des Heiligen Valérien d’Auxerre ganz unerwartet gestorben, und die Zeremonie musste um etliche Tage verschoben werden, weshalb sich auch der Abmarsch des Heeres verzögert hatte.

So war es bereits Juni gewesen, als Willelme und seine Armee, darunter auch Tancreid und dessen Gefährten, an York vorbei nordwärts marschiert waren. Sie hatten das mächtige Richemont Castle des bretonischen Grafen Alain ar Rouz passiert, eines weiteren loyalen Weggefährten des Königs wie auch dessen Vaters, und danach einen trostlosen, beinahe menschenleeren Landstrich durchquert, der dem Auge nichts als kahle Hügel und dunkle Moorböden bot, bevor sie schließlich nach Appleby gelangten, der ersten größeren Siedlung auf cumbrischem Boden. Auf einer alten Römerstraße ging es stetig weiter, bis der Heerzug Mitte des Monats jenen uralten, großen Wald erreichte, der sich nördlich von Penrith bis hinauf nach Carlisle erstreckte, bekannt als Inglewood Forest.

An jenem sonnigen Nachmittag, Tancreid erinnerte sich noch gut daran, schwärmten ein paar Reiter aus, Tancreid darunter, um im Wald zu jagen: Wildbret war stets eine willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan der Kämpfer. Tancreid folgte der Fährte eines stattlichen Damhirschs, die ihn immer tiefer in den Forst hineinführte, bis er sich plötzlich am Steilufer eines kleinen, versteckten Sees wiederfand. Er bedauerte gerade, keine Gelegenheit zu haben, seinen Körper – erhitzt, wie er war – in dem einladenden Nass abzukühlen, als sein Blick auf das schönste Wesen fiel, dessen er je in seinem Leben ansichtig geworden war. Auf der Wasseroberfläche unterhalb der Felsen ließ sich mit ausgebreiteten Armen eine junge Frau treiben, die üppige Haarpracht – er vermutete einen Rotton – wie einen übergroßen Heiligenschein um sie herum ausgebreitet. Sie trug ein weißes Hemd, das aber, weil es nass war, nichts vor Tancreids neugierigen Blicken verbarg: eine schlanke, grazile Gestalt von mittlerer Größe, lange, wohlgeformte Beine, runde, feste Brüste. Er bewunderte ihre anmutigen Gesichtszüge, die kleine, schmale Nase, ihre vollen Lippen, die fein geschwungenen Brauen über den geschlossenen Augen. Wie gern hätte er deren Farbe gesehen!

Offensichtlich genoss sie die warmen Sonnenstrahlen, die hier ihren Weg durch das sonst undurchdringliche Blätterdach des Waldes fanden. Tancreid überkam plötzlich eine nie gekannte Sehnsucht, dieser Frau nahe zu sein, sie neben sich zu spüren, sich mit ihr zu vereinen.

Und als ob sie bei diesen Gedanken seine Gegenwart erahnt hätte, öffnete die Schöne in diesem Moment ihre Augen und erfüllte Tancreids Wunsch: Sie waren grün, von der gleichen Farbe wie der Waldsee, in dessen Wasser sich die Baumkronen der umstehenden Eichen spiegelten. Er las darin Erschrecken und Entsetzen, als sie seiner ansichtig wurde. Merkwürdigerweise war er angesichts ihrer Furcht erleichtert – denn diese bedeutete, dass dieses sinnliche, überirdisch schöne Wesen kein Trugbild war.

Einer Eingebung folgend, gegen die er nicht die Macht hatte, sich zu wehren, drückte er seinem Hengst Gryngolet die Schenkel in die Seiten und lenkte das Pferd auf den schmalen Pfad, der entlang des Sees führte – hinunter zum flachen Ufer. Er beobachtete, wie die junge Frau, anscheinend aus ihrer Angststarre erwacht, sich auf den Bauch drehte und mit kräftigen Zügen zum Ufer schwamm. Er lachte laut auf, sein Jagdinstinkt war erwacht. Er spornte Gryngolet an, schneller zu galoppieren, denn seine Beute durfte ihm nicht entwischen. Um keinen Preis!

Erst jetzt entdeckte er, dass am Seeufer, das er ansteuerte, eine weiße Stute wartete, von kleinem, aber kräftigen Körperbau. Verdammt! Mit einem Pferd stiegen ihre Chancen, ihm zu entkommen. Allez, vite, Gryngolet, allez, vite! Er spürte das Blut in ihm rascher pulsieren, so rasch, wie sein Herz es antrieb, das nun schneller schlug.

Als er endlich auf der kleinen Waldlichtung ankam und den Hengst so hart zügelte, dass er mit den Vorderbeinen aufstieg, war weder die junge Frau noch ihre Stute zu sehen. Er fand Hufspuren, die einem kaum sichtbaren Pfad Richtung Westen tiefer in den Wald folgten, der aber bald von undurchdringlichem Unterholz so zugewachsen war, dass Tancreid sich gezwungen sah, die Verfolgung aufzugeben und umzukehren. Er ballte die Fäuste und fluchte mehrmals laut. Sie war ihm um Haaresbreite entwischt. Verdammt! Verdammt! Verdammt!

Er wetterte noch eine Weile vor sich hin, ehe er schließlich verdrossen den Rückweg antrat. Beim heiligen Blute Christi, wie sollte er die Maid jemals wiederfinden?

Der graue Urse nahm ihm, nachdem er sich dem Heereszug wieder angeschlossen hatte, die Behauptung ausgebliebenen Jagdglücks nicht ab und musterte ihn eindringlich mit zusammengekniffenen Augen. Er löcherte Tancreid dann so lange mit Fragen, bis dieser dem aufdringlichen Gefährten schließlich zwei Abende später und nach etlichen Bechern Ale, die seinen Widerstand einbrechen ließen, von seinem Erlebnis am Waldsee erzählte.

Auf diese Beichte hin sagte Urse eine Weile nichts und schüttelte lange den Kopf. Endlich meinte er, dass Tancreid auf ein übernatürliches Wesen gestoßen sein müsse, wahrscheinlich eine Waldnymphe.

Tancreid betrachtete ihn erstaunt, um festzustellen, wie ernst diese Äußerung gemeint war. Als Urse aber weiterhin den Kopf hin und her wiegte, ohne irgendwelche Anzeichen von zuckenden Mundwinkeln oder schelmisch blitzenden Augen, seufzte er. Ihm war bisher nicht bewusst gewesen, dass sein alter Freund an Feenvolk und dergleichen Unsinn glaubte.

Er stützte den Kopf in die Hände und murmelte düster: »Urse, verdammter Narr, mit diesem Altweibergeschwafel bist du mir keine große Hilfe!«

Der zuckte nur mit den Schultern. »Eurem Bruder gegenüber würde ich so etwas natürlich nicht erwähnen.«

Schlimmer noch als die Entdeckung, dass sein langjähriger Kampfgefährte Waldnymphen für genauso wirklich hielt wie sich selbst, war die Erkenntnis, dass Tancreid seit dem Erlebnis im Wald seine Lust auf Frauen verloren hatte. Keine – und mochte sie noch so hübsch und willig sein – reizte ihn. Wenn er dagegen an das Mädchen vom See dachte, fühlte er sogleich das Blut heiß durch seine Adern schießen und seinen Körper vor Verlangen glühen. Vielleicht hatte Urse also doch recht. Denn konnte tatsächlich ein menschliches Wesen solch unselige Reaktionen in einem gewöhnlichen Manne hervorrufen?

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Inglewood Forest, Cumbria

Anno Domini 1092
zwei Wochen nach Lughnasadh, Mitte August

Cwen legte den Gänsekiel zur Seite und streckte den Rücken durch. »Wir waren außerordentlich fleißig in der letzten Woche«, stellte sie zufrieden fest. »Beinahe ein Dutzend Seiten haben wir geschrieben!«

Ymma, die frisch gepflückte Kräuter zu duftenden Sträußen zusammenband und an die Decke der Hütte zum Trocknen aufhängte, gab einen zustimmenden Laut von sich.

»Meine Mutter wäre stolz auf uns. Es war immer ihr großer Wunsch, all das heilkundige Wissen in einem Buch aufzuzeichnen, damit es nicht verloren geht«, meinte Cwen.

Ymma grunzte neuerlich, arbeitete aber unverdrossen weiter.

»Mit etwas Glück haben wir es bereits zum nächsten Beltanefest geschafft.«

»Hm.«

Cwen bettete den Stapel fertig beschriebener Pergamentblätter, den sie vorher in sauberes Leinen eingeschlagen hatte, vorsichtig in eine Holztruhe, wo bereits ein Stoß früher fertiggestellter Schriftseiten lagerte. Sorgfältig verschloss sie das kleine Gefäß, das die aus Eichengallen hergestellte Tinte enthielt. »Für heute ist es genug, Ymma. Es wird bald dunkel.«

Die weise Frau nickte und befestigte die letzten Kräuterbündel an der Trockenstange. »Wir bereiten noch den Eisenkrauttrunk für Hillas Ehemann zu. Sie wollte morgen in der Frühe vorbeikommen, um ihn abzuholen.«

Cwen lachte schelmisch, denn sie konnte sich denken, warum Hilla ausgerechnet nach diesem Kraut gefragt hatte, wo doch in ihrer Familie niemand erkältet oder ansonsten erkrankt war: Es galt als Mittel gegen nachlassende Manneskraft. »Oh, hat der gute Osmund etwa zu Lughnasadh seine Schuldigkeit nicht zufriedenstellend getan?«

Lughnasadh war das erste Erntefest des Jahres, jener Tag, an dem frisches Brot aus dem ersten Kornschnitt des Sommers gebacken wurde. Oftmals waren die Getreidevorräte aus dem Vorjahr in den Scheunen und Kammern der einfachen Leute um diese Zeit schon seit Wochen versiegt, daher war dieser Tag stets Anlass zu ausgelassenem und meist hemmungslosem Feiern. Man sagte, dass dieses Fest der Grund sei, weshalb um Ostern herum mehr Kinder als sonst das Licht der Welt erblickten.

Ymma warf ihr einen tadelnden Blick zu. »Eine Heilerin macht sich niemals lustig über die Wünsche oder Beschwerden derer, die ihren Rat und ihre Hilfe suchen, möge sie davon halten, was sie will. Jeder Einzelne hat deinen Respekt verdient.«

Cwen presste die Lippen zusammen und nickte bedrückt ob dieser strengen, aber berechtigten Zurechtweisung. Sie ärgerte sich über sich selbst. Sie wurde nun schon seit vielen Jahren in der Heilkunst unterrichtet, zuerst von ihrer Mutter, einer der großen, weisen Frauen des alten Volkes, und dann – seit deren Tod vor sieben Wintern – von der kundigen und klugen Ymma, die hier im Wald hauste, so lange Cwen denken konnte. Von nah und fern kamen die Leute, jung und alt, reich und arm, männlichen wie weiblichen Geschlechts, um sie um Hilfe zu bitten.

Cwens Bestimmung war es, diesen weisen Frauen nachzufolgen. Sie war das nächste Glied einer jahrhundertealten Kette von Heilerinnen, die auserwählt waren, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten zum Wohle ihres Volkes einzusetzen und damit dessen Fortbestand zu fördern.

Als Cwens Mutter damals ihren Tod hatte nahen spüren, hatte sie Ymma gebeten, die Ausbildung ihrer Tochter fortzusetzen und ihrem Ehemann das Versprechen abgerungen, diese Lehrzeit seines jüngsten Sprosses zu ermöglichen.

Ihr Vater hatte diesen besonderen Wunsch seiner zweiten Ehefrau immer geachtet. Er selbst stammte zwar aus dem berühmten angelsächsischen Geschlecht Cospatrick aus Northumbria, welches nach der normannischen Eroberung über die schottische Grenze hatte fliehen müssen, war aber als umsichtiger Herrscher stets darauf bedacht, auch mit den anderen Volksstämmen Cumbrias bedachtsam zu verfahren. Denn er wusste um die Wichtigkeit, jede dieser Gruppen ihre Traditionen leben zu lassen. Und die Wurzeln der Menschen dieses Landes konnten kaum vielfältiger sein: Angelsachsen, Nordmänner wie auch Nachfahren des alten Volkes teilten sich die Erde Cumbrias.

Zudem waren aus der ersten Ehe ihres Vaters fünf gesunde Kinder hervorgegangen, weshalb seine Nachfolge als auch das Betreiben geeigneter Heiratspolitik ausreichend gesichert waren. Seine jüngste Tochter jenen weisen Frauen zu überlassen, die nach althergebrachter Überlieferung keusch und ehelos lebten, war daher kein allzu großes Opfer gewesen.

Cwen hatte damals gerade zehn Sommer gezählt. Als ihre geliebte Mutter kurze Zeit später diese Welt verlassen hatte, war Cwen von Caer Luel, dem Fürstensitz ihres Vaters, nach Calthwaite, einem kleinen Weiler mitten im Inglewood Forest, gezogen, wo sie für die Dauer ihrer Ausbildung bei Ymma leben sollte, um dann das Werk ihrer Mutter zu vollenden.

Diese nämlich hatte begonnen, all ihr heilkundiges Wissen, die Wirkung der Pflanzen und ihre Anwendung, schriftlich festzuhalten, damit nachkommende Generationen diesen Schatz an Wissen nicht verlören. Sie hatte das umfangreiche Werk selbst nicht mehr fertigstellen können, jedoch Cwen aufgetragen, dies in ihrer Nachfolge zu tun.

Das war auch der Grund, warum Cwen als einziges von Dolfinns Kindern lesen und schreiben gelernt hatte, und nicht nur das: Sie war auch in der französischen und lateinischen Sprache unterrichtet worden. Ihre Mutter wollte es ihr ermöglichen, sich mit Klöstern – dem Hort vielfältigen Heilwissens – auf dem Kontinent austauschen zu können.

In den letzten Jahren hatte Cwen gemeinsam mit Ymma eifrig an der Vollendung dieses Werkes gearbeitet; daneben lehrte die weise Frau sie alles, was sie über Krankheiten und Heilpflanzen wusste. Doch trotz der langjährigen Ausbildung passierten ihr immer wieder Fehler, so wie ihre unpassende Bemerkung vorhin. Sie seufzte schwer. Vielleicht war sie doch nicht die Richtige für diese Aufgabe.

»Na, Mädchen«, tätschelte Ymma gutmütig ihren Arm, »dass du mir jetzt nicht in Tränen ausbrichst! Eine erwachsene Frau muss auch mit unfreundlichen Worten umgehen können.« Und mit einem Lächeln ergänzte sie: »Und eine Heilerin umso mehr. Komm, du kannst mir helfen, den Eisenkrauttrunk herzurichten.«

Cwen nickte und beeilte sich, hinüber zum Arbeitstisch zu laufen.

»Nun, was benötigen wir?«

Beinahe wie im Schlaf zählte Cwen auf: »Einige Blätter vom Bohnenkraut, Samen der Senfrauke, zerstoßene und in heißem Wasser eingeweichte Samen der gelben Rübe und natürlich Eisenkraut, das in Wein gekocht wurde. Dazu etwas Honig und Pfeffer.«

Die weise Frau schnalzte zufrieden mit der Zunge. »Ganz richtig, Cwen! Dann lass uns an die Arbeit gehen. Und nebenbei kochen wir uns einen bekömmlichen Gemüseeintopf. Schau gleich draußen in den Beeten nach, was die Göttin Cerridwen heute für uns bereithält.«

Das ließ Cwen sich nicht zweimal sagen und kam wenig später mit einem Weidenkorb zurück, gefüllt mit Lauch, Sellerie, Möhren, Pastinaken, Erbsen, Petersilie und Knoblauch. Sie goss Wasser in den Kessel, der über der Feuerstelle hing, und machte sich daran, das geerntete Gemüse zu putzen und zu schneiden.

»Gib auch noch ein paar Hand voll Hafergrütze dazu«, rief ihr Ymma zu, die in einem steinernen Mörser die Rübensamen zerrieb.

Als Cwen und Ymma ihr Abendessen endlich beendet hatten, war es bereits dunkel. Der Eisenkrauttrunk stand – abgefüllt in einen kleinen, irdenen Krug – auf einem Wandbrett, bereit zum Abholen.

»Mmh, war das gut«, brummte Ymma zufrieden. »Komm, Cwen, machen wir es uns mit einem schönen Becher Kamillenaufguss am Feuer bequem.«

»Ja, gern«, erwiderte Cwen, »und du erzählst eine der alten Geschichten.«

Die weise Frau lachte meckernd. »Ach, Mädchen, die hast du doch schon unzählige Male gehört.« Doch sie ließ sich auf einem Schemel neben der Herdstelle nieder und begann, die Legende vom edlen Recken Gwalchmei wiederzugeben. Cwen hockte sich auf den Boden und beobachtete das Spiel der tanzenden Flammen, während sie Ymmas knarziger Stimme gebannt lauschte.

»Es geschah vor vielen, vielen Jahren in ebendiesem Wald, den wir heute Inglewood Forest nennen. Der König, der damals über dieses Land herrschte, Artur, begab sich eines Tages auf die Jagd. Bald folgte er einem majestätischen Hirsch tiefer und tiefer in den Wald hinein, und schließlich konnte er das prächtige Tier auf einer Lichtung stellen und erlegen.

Da trat plötzlich ein Mann aus dem Schatten der Bäume: Gromer, der Herr eines nahe gelegenen Anwesens. Er war seit Langem ein erbitterter Feind des Königs und forderte diesen sogleich zum Zweikampf heraus. Der unbewaffnete Artur bot ihm Land und Gold, wenn er ihn denn am Leben ließe, und jener stimmte schließlich zu – unter der Bedingung, dass Artur in einem Jahr wiederkomme und folgendes Rätsel löse: Was begehren Frauen am meisten, vor allem anderen? Sollte er versagen, wäre er des Todes.

Artur schwor einen Eid und kehrte an den Königshof zurück, wo er seinem Gefolge von der Begegnung im Wald und dem Rätsel berichtete. Daraufhin machte sich große Ratlosigkeit breit, bis der edle Gwalchmei, einer der tapfersten Recken des Königs, vorschlug, durch das ganze Land zu reiten und Frauen wie auch Männer zu befragen.

Artur stimmte zu, und so preschten beide – auf getrennten Wegen – von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler, von Hof zu Hof, und stellten allen, denen sie begegneten, die gleiche Frage: Was begehren Frauen am meisten, vor allem anderen? Die einen sagten dies, die anderen das, und als Artur und Gwalchmei nach vielen Monaten in die Königshalle zurückkehrten, verglichen sie die zahlreichen Antworten. Nichtsdestotrotz wuchs die Sorge des Königs mit fortschreitender Zeit, dass er das Rätsel nicht werde lösen können und ihn ein schreckliches Schicksal erwarte.

In der Hoffnung auf eine glückliche Fügung ritt er daher eines Tages nochmals in den Wald von Inglewood, wo er am Wegesrand auf ein altes Weiblein traf. Sie war so hässlich und unansehnlich, dass der König im ersten Moment heftig erschrak. Ihr Gesicht war aufgedunsen und voller Warzen, ihre Zähne gelb, die Nase lang und krumm, die Augen trübe, der Rücken buckelig.

Artur wollte schon weiterreiten, als ihm die alte Vettel, die sich selbst Ragnell nannte, zurief: Sprich mit mir oder gehe hin, denn dein Leben liegt in meiner Hand. Als der König sie verwundert nach dem Sinn ihrer Worte fragte, erklärte sie: Von all den Antworten, die du gesammelt hast, ist keine die richtige. Nur ich weiß die richtige Antwort. Gewähre mir einen Wunsch, mein König, und ich werde dir die Lösung des Rätsels verraten.

Und sie begehrte, einen seiner besten Krieger zu heiraten – jenen mit dem Namen Gwalchmei. Als der König das hörte, wurde ihm bang zumute, denn Gwalchmei war nicht nur sein Neffe, sondern sein tapferster und treuester Recke, und er wollte ihm nicht die Bürde auferlegen, diese hässliche Alte zum Weib nehmen zu müssen.

Zurück am Königshof berichtete Artur von seinem Erlebnis, und Gwalchmei erklärte sich sofort bereit, die Vettel zu heiraten. Um das Leben des Königs zu retten und dem Wohl des Reiches zu dienen, war ihm kein Opfer zu groß. Er wäre ein elender Feigling, würde er anders handeln.«

Während Ymma einen Schluck Kräutertrunk nahm, um ihre trocken gewordene Kehle anzufeuchten, seufzte Cwen schwärmerisch. »Ach, was für ein Held! Der tapfere Gwalchmei ist mir der liebste von all den Kämpen an Arturs Hof!«

Die weise Frau lächelte und fuhr fort.

»Ein paar Tage später kehrte der König in den Wald zurück zu jener Stelle, wo er Ragnell getroffen hatte. Tatsächlich erschien sie wieder, und Artur gewährte ihr ihren Wunsch. Daraufhin verriet ihm die Alte die Lösung des Rätsels: Ich sage dir, was sich Frauen vor allem anderen wünschen. Manche meinen, es wäre Schönheit, andere Reichtum, und wiederum andere, von allen geliebt zu werden. Aber nichts davon ist richtig. Was wir von allen Dingen am meisten schätzen, ist die Freiheit, über unser Leben selbst zu bestimmen, so wie wir es für richtig halten.

Und so begab sich der König ein Jahr nach seinem Treffen mit Gromer erneut in den Inglewood Forest, wo der bereits auf ihn wartete. Als Artur ihm die richtige Lösung mitteilte, schäumte der Mann vor ungläubiger Wut. Oh, es war sicherlich meine Schwester Ragnell, die Euch die Antwort verraten hat. Möge sie in der Hölle schmoren! Nun bin ich an meinen Schwur gebunden und muss Euch freigeben. So zieht denn von dannen!

Der König verabschiedete sich und brachte Ragnell mit zurück an den Königshof, wo alsbald Hochzeit gefeiert wurde. Die Gäste waren allesamt entsetzt, als sie die Hässlichkeit der Braut sahen und Zeugen ihrer schlechten Manieren wurden. Allein der edle Gwalchmei ließ sich davon nicht abschrecken und brachte Ragnell in sein Gemach, wo er die alte Vettel – ohne zu zögern – umarmte und küsste, wie es die Pflicht eines braven Ehemannes ist.

Er staunte nicht wenig, als plötzlich ein wunderschönes junges Weib vor ihm stand und ihm offenbarte, dass sein Kuss den Bann, den ihr Bruder über sie gelegt habe, aufgehoben habe. Gwalchmei konnte sein Glück kaum fassen, als die junge Braut fortfuhr: Meine Schönheit ist nicht von Dauer, edler Herr. Ihr müsst bestimmen, ob ich am Tag schön sein soll oder in der Nacht. Der Bann erlaubt nicht beides.

Gwalchmei überlegte eine Zeit lang hin und her und erwiderte dann: Ich lege die Entscheidung in deine Hände, Weib. Was immer du für richtig befindest – deine Wahl sei meine Wahl.

Ragnell jauchzte glücklich, denn mit dieser Antwort war der Bann vollständig gebrochen, und ihre Schönheit war fortan beständig. Indem Gwalchmei ihr die Freiheit gewährte, ihr Schicksal selbst zu beschließen, hatte er ihr das gegeben, was jede Frau vor allem anderen begehrt.

Und so lebten Gwalchmei und seine Herrin glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage.«

»Oh, ich liebe diese Geschichte«, meinte Cwen mit verträumtem Blick, das Kinn auf die angezogenen Knie gestützt. »Es ist schade, dass Helden wie Gwalchmei nur in den längst vergangenen Zeiten lebten.«

Angesichts Cwens sehnsüchtigen Gesichtsausdrucks lächelte Ymma verschmitzt. »Na ja, vielleicht gibt es den einen oder anderen auch noch in unserer Zeit.«

Cwen grinste. »Ach ja? Der wäre mir noch nicht begegnet!«

Bei Cwens Worten wiegte die weise Frau den Kopf hin und her und wackelte mit den Augenbrauen. Es war mehr als offensichtlich, dass sie jemand ganz Bestimmten im Sinn hatte, war aber nicht dazu zu bewegen, ihre Gedanken preiszugeben. Cwen grübelte eine Zeit lang mit gerunzelter Stirn vor sich hin, wen sie denn gemeint haben könnte, als plötzlich die Tür der Hütte aufgestoßen wurde und zwei in lange Umhänge gehüllte Männer hereinpolterten.

Cwen schrak zusammen, fasste sich aber rasch, als die späten Besucher ihre dunklen Kapuzen von den Köpfen zogen, und sich als Swain und Haimo, zwei von Cwens Halbbrüdern, entpuppten.

»Guten Abend«, grüßte Swain mit ernster Stimme und bedrücktem Gesicht. Er war der Älteste von Cwens fünf Halbgeschwistern, drei Brüdern und zwei Schwestern aus der ersten Ehe des Fürsten von Cumbria. Wohl wegen seines Altersvorsprungs von sieben Jahren bezeichnete er Cwen – zu deren Leidwesen – gern als das Küken der Familie. Swain war ein stattlicher, junger Krieger mit langen, rotblonden Locken und einem ebensolchen Schnurrbart.

Der zuletzt geborene Sohn Dolfinns, der fuchsrote Haimo, zählte dagegen nur zwei Sommer mehr als Cwen, ein drahtiger Bursche von mittlerer Größe mit wieselflinken Beinen und Augen, denen nichts entging.

Cwen sprang auf und begrüßte ihre Brüder freudig: »Swain, Haimo, wie schön, euch zu sehen! Was bringt euch hierher in den Inglewood Forest? Wart ihr auf der Jagd?«

Ihr Blick wanderte über die Gestalten der jungen Männer auf der Suche nach Taschen mit erlegter Beute. Wann immer Dolfinn oder seinen Söhnen bei ihren Pirschgängen durch den Inglewood Forest das Glück hold war, machten sie üblicherweise einen Abstecher nach Calthwaite, um Cwen und Ymma das eine oder andere Stück Wildbret vorbeizubringen.

»Ich sehe keine Trophäen, Brüder! Maponos wird den beiden berühmten Jägern doch nicht seine Gunst entzogen haben!«

Das Grinsen erstarb auf ihren Lippen, als sie die ernsten Mienen der beiden bemerkte, die auf ihren scherzenden Ton nicht eingingen, sondern betreten die Blicke senkten. »Was ist passiert? Ist jemand erkrankt? Vater, Uhtred oder eines der Mädchen? Braucht jemand Hilfe?«

Als beide weiterhin nur wortlos die Köpfe schüttelten, packte Cwen Swain an dessen Tunika und hätte ihn am liebsten durchgeschüttelt. »Was ist passiert? So redet doch!«

Der Bruder löste ihre Finger von seinem Gewand und schob sie zu ihrem Hocker. »Setz dich, Cwen. Und du auch, Ymma.« Er holte tief Luft, bevor er weitersprach: »Es ist unsere allerschlimmste Befürchtung eingetreten: Die normannischen Teufel sind über uns hergefallen.«

Cwen riss ungläubig die Augen auf. »Was? Was soll das bedeuten? Und wie um Himmels willen kann das sein?«

»Es marschierte eine gewaltige Armee gegen Caer Luel«, setzte Haimo fort. »Mehrere tausend Mann stark, an der Spitze ihr verfluchter König selbst, der Sohn des Bastards, den sie Eroberer nennen. Sie fuhren all ihr Kriegsgerät auf, Rammböcke, Schleudern und Belagerungstürme, und beschossen unsere Befestigungen unablässig mit Wurfspeeren, Pfeilen und Steinen. Wir konnten den Angriffen eine Zeit lang standhalten, aber nach vier Tagen mussten wir uns eingestehen, dass die Übermacht der Normannen einfach zu groß war.« Er senkte den Kopf, tief beschämt über diese Schmach.

»Diese Satansbrut hat uns eiskalt erwischt«, rief Swain erzürnt. »Wir konnten uns gerade noch in Caer Luel verschanzen, da fielen sie schon über uns her wie ausgehungerte Wölfe.«

Haimo nickte zustimmend. »Wir versuchten ein paar Ausfälle, aber diese eisernen Bestien waren sogleich über uns. Es war aussichtslos!« Er hieb mit der flachen Hand auf den Tisch, sein Gesicht war plötzlich zornesrot.

Cwen schüttelte ungläubig den Kopf. »Aber unsere Krieger …«

»Sie haben tapfer gekämpft, ohne Ausnahme, aber Vater hat uns schließlich befohlen, die Waffen niederzulegen.«

Mit einem Schrei des Entsetzens sprang Cwen auf. »Nein«, rief sie bestürzt, »ihr habt euch den Feinden ergeben?«

Beide Männer nickten traurig. »Der Normannenkönig verlangte den Abzug der Anführer. Vater hat Caer Luel mit der Familie und ein paar Getreuen verlassen.«

Cwen ballte die Fäuste. »Nein, das kann nicht sein! Ihr … ihr müsst Euch irren, so kann es nicht gewesen sein!«

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