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Die Kinder der Verlorenen Bucht

Über das Buch

Das erste Kinderbuch vom Bestsellerautor Luca Di Fulvio: Eine sagenumwobene Bucht, an der Kinder spurlos verschwinden. Ein Bösewicht, der Seelen sammelt. Eine magische Anderwelt. Lily, Red, Max und die Möwe Luigi machen sich auf, das Rätsel um die Verlorene Bucht zu lösen. Genau hier soll das Tor zur Anderwelt liegen, einer Welt, in der alles verkehrt herum läuft. Aber die Reise in ihrem kleinen Segelboot gestaltet sich alles andere als einfach. Im Sog heftiger Strudel und vorbei an riesigen Seeungeheuern geraten sie in die Fänge des Herrschers in der Anderwelt, Egon Dragon. Für die vier Freunde gibt es kein Zurück mehr, und sie müssen schnell sein, denn Egon Dragon hat es auf ihre Seelen abgesehen …

Über den Autor

Luca Di Fulvio, geboren 1957, lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in Rom. Bevor er sich dem Schreiben widmete, studierte er Dramaturgie bei Andrea Camilleri an der Accademia Nazionale d’Arte Drammatica Silvio D’Amico. Seine Romane »Der Junge, der Träume schenkte«, »Das Mädchen, das den Himmel berührte« und »Das Kind, das Nachts die Sonne fand« standen monatelang auf den ersten Plätzen der Spiegel-Bestsellerliste und tun es noch. »Die Kinder der Verlorenen Bucht« ist sein erstes Kinderbuch.

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Max Meinzold, geboren 1987, ist freischaffender Grafikdesigner und Illustrator. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Science-Fiction, Fantasy und der Kinder- und Jugendliteratur. Für seine moderne und innovative Buchgestaltung wurde er bereits für zahlreiche Preise nominiert. Er lebt und arbeitet in München.

Luca Di Fulvio

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Aus dem Italienischen
von Katharina Schmidt und Barbara Neeb

Mit Bildern von Max Meinzold

BASTEI ENTERTAINMENT

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1

Während Luigi über die Bucht flog, konnte er nicht fassen, dass er sich selbst in ein solches Schlamassel gebracht hatte. Als sich dann auch noch ein schauriges Heulen aus den stürmischen Wogen erhob, jammerte Luigi, den Tränen nah: »Oh heiliger gekochter Kabeljau! Hier wimmelt es ja von Seewölfen!«

Wie jeder wahrscheinlich sofort erkennt, verstand Luigi nicht viel von Meeresbewohnern. Er war ja auch bloß eine Stadtmöwe und keine besonders mutige noch dazu.

Aber was war eigentlich passiert? Damit ihr das alles besser versteht, sollte ich euch die Geschichte lieber von Anfang an erzählen.

Lily, Red und Max waren drei Freunde, die zusammen durch dick und dünn gingen, wie man so schön sagt. Sie hatten im vergangenen Jahr Freundschaft geschlossen, gleich am ersten Schultag nach den Sommerferien.

Red und Max waren neu in die Klasse gekommen, und vielleicht hatte man sie deshalb zusammengesetzt. Die anderen Kinder – die sich schon seit zwei Jahren kannten – hatten sie neugierig, aber auch misstrauisch gemustert. Und irgendwie hatten sie von vornherein beschlossen, dass die zwei Neuen nicht in ihre Cliquen passten. Sie fanden die beiden merkwürdig, noch ehe sie überhaupt wussten, wen sie da vor sich hatten.

Red war elf Jahre alt, groß, schlank und ziemlich sportlich und hatte leuchtend rote Haare, als ob sein Kopf in Flammen stünde. Lily hatte jedoch sofort seine grünen Augen bemerkt, länglich geformt wie die einer Katze. Die sind einfach toll, hatte sie gedacht, doch sie hatte nicht gewusst, ob der Junge, zu dem sie gehörten, ein netter Kerl war oder nicht.

Der andere Neue, Max, war ein wenig pummelig und eigentlich eher lustig, Typ Klassenclown. Aber alle hatten gesehen, wie rot er geworden war, als der Lehrer die beiden in der ersten Stunde der Klasse vorgestellt hatte. Max hatte schüchtern und unbeholfen gewirkt.

»Der ist ja voll doof«, hatte Claretta gleich im Brustton der Überzeugung ihrer Banknachbarin ins Ohr geflüstert.

Und alles, was Claretta sagte, war für die Mädchen der Schule Gesetz. Claretta war das reichste Mädchen von allen. Sie wurde in einer Luxuslimousine mit Chauffeur zur Schule gebracht und lebte in dem größten Haus der Stadt. Bei ihren Geburtstagsfeiern gab es Kellner mit weißen Handschuhen, fünfstöckige Torten und eine Band, die Livemusik spielte.

»Der ist ja voll doof«, verbreitete es sich gleich in der Klasse. »Hat Claretta gesagt.«

»Was für ein Unsinn!« Lily war empört, als sie davon hörte. Sie hasste es, Leute zu beurteilen, ohne sie zu kennen, und noch mehr hasste sie es, jemandem zuzustimmen, nur weil er reich war. Außerdem fand sie die beiden Neuen eigentlich ganz nett.

Lily war ebenfalls elf und sehr hübsch, mit einem golden schimmernden Teint und langen Locken, die sich um ihren schlanken Hals schmiegten. Ihre Mutter hatte immer wieder vergebens versucht, sie dazu zu bringen, sich die Haare abschneiden zu lassen. Das wäre doch viel praktischer, hatte sie gesagt, weil die Haare dann leichter zu bürsten wären und schneller trockneten. Aber Lily schien auf diesem Ohr einfach taub zu sein. Und sie war eins von diesen Mädchen, die alles bekamen, wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatten. Und so waren ihre Haare mit jedem Jahr länger geworden. Sie hatte Haarschleifen, Haargummis und Haarreifen in allen erdenklichen Farben und Formen. Ich möchte aber nicht, dass ihr ein falsches Bild von Lily bekommt. Ihr sollt auf keinen Fall denken, sie wäre eines von diesen zickigen Mädchen, die nur mit Puppen spielen und nichts anderes als Klamotten im Kopf haben. Nein, Lily sah zwar aus wie eine wunderschöne Prinzessin, war aber gleichzeitig unglaublich abenteuerlustig. Sie rannte mit den Jungs um die Wette, nichts konnte sie so leicht erschrecken, und sie war auch nicht wirklich eitel. Und vielleicht das Wichtigste: Sie hatte ein tiefes Vertrauen in ihre Instinkte. Ich meine damit nicht, dass sie nie auf den Rat anderer Leute hörte, sondern dass sie ihrem Bauchgefühl vertraute. Und im Gegensatz zu so vielen Gleichaltrigen hatte sie eine blühende Fantasie. Sie dachte sich Geschichten aus, stellte sich Abenteuer vor und hatte einen heimlichen unsichtbaren Freund namens Sam Schachtelbox.

Von ihm hatte sie niemandem erzählt, noch nicht einmal ihren Eltern. Sogar ihre Oma – die Lily unheimlich gernhatte – wusste nichts von Sam Schachtelbox. Lily konnte selbst nicht ganz genau sagen, wie sie ihn sich ausgedacht hatte. Als sie eines Nachts nicht schlafen konnte, hatte sie einfach gewusst, dass er »da« war. Nicht, weil sie ein Geräusch gehört oder etwas gesehen hatte. Nein, sie hatte ihn in ihrem Inneren gespürt. Wie ein Licht, das diese schlaflose Nacht erhellte, wie ein warmer Hauch, der ihr über die Wange strich. Seit dieser Nacht nannte sie ihn Sam Schachtelbox, und in den schwierigsten Momenten, oder immer dann, wenn sie sich mal allein fühlte, erfanden ihr Kopf und ihr Herz gemeinsam diesen unsichtbaren Freund, der mit ihr sprach und gute Ratschläge gab. Und jedes Mal, wenn sie mit Sam Schachtelbox geredet hatte, ging es ihr gleich viel besser.

Und eben weil sie ihren Instinkten vertraute – und sich nicht vom Urteil ihrer Mitschüler beeinflussen ließ –, kam Lily nach dieser ersten Stunde zu dem Schluss, dass sie die beiden Neuen mochte. Und sie war überzeugt, dass Sam Schachtelbox der gleichen Meinung sein würde.

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2

Nachdem es zur zweiten Stunde geläutet hatte, kam Herr Tappabuchi ins Klassenzimmer. Es wurde sofort still. Herr Tappabuchi war der Mathematiklehrer, und die Kinder nannten ihn insgeheim »das gemeine Aas«. Es hieß, dass er einmal eine ganze Klasse hatte durchfallen lassen. Nicht ein einziger Schüler war versetzt worden. Was für ein schrecklicher Rekord!

Herr Tappabuchi schob sich die dicke Brille hoch, setzte sich ans Pult und begann die Anwesenheit der Schüler zu überprüfen, dabei fuhr er mit seinem langen, knochigen Zeigefinger, der von den vielen Zigaretten, die er in seinem Leben geraucht hatte, ganz gelb geworden war, die Liste entlang. Als er bei L angekommen war, sagte er: »Ach, das da muss einer von den Neuen sein. Max Last«, er hob den Kopf, suchte sein Opfer und, als er es gefunden hatte, meinte er spöttisch: »Na, der Name passt ja. Du bist wahrscheinlich wirklich die Maximalbelastung für die Klasse.« Dann lachte er über seinen eigenen, nicht gerade originellen Scherz.

Viele der Schüler lachten jetzt auch. Nur wenige konnten der Versuchung widerstehen, einen von den Neuen zu hänseln.

Max wurde rot und begann mit gesenktem Kopf an seinen Fingernägeln zu kauen.

»Ich glaube, du musst nicht noch etwas in dich hineinstopfen«, stichelte Herr Tappabuchi weiter. »Hast du nicht schon genug Speck auf den Rippen?« Er lachte erneut.

Und mit ihm fast alle Schüler.

Bis auf Red und Lily.

»Fettkloß«, setzte der Junge, der genau vor Max saß, noch eins drauf.

»Jetzt hör schon auf zu lachen oder ich hau dir eine rein!«, schnauzte Red ihn an. Seine grünen Augen waren ganz dunkel geworden, und seine Nasenlöcher blähten sich wie bei einem Stier, ehe er mit gesenkten Hörnern auf jemanden losgeht. Dann ließ Red die Finger knacken.

»Was hast du gesagt?«, ging Herr Tappabuchi sofort dazwischen. »Brutale Typen kann ich in meiner Klasse nicht gebrauchen.«

Nun war es wieder totenstill im Raum, und Red stand auf. Seine Halsschlagadern waren angeschwollen. Für ihn war der einzige brutale Typ hier dieser ekelhafte Lehrer, der es witzig fand, sich über einen Jungen lustig zu machen, nur weil er ein wenig dicker war. Und vielleicht hätte er ihm das auch ins Gesicht gesagt, denn Red war niemand, der lange darüber nachdachte, ob er sich mit etwas schaden würde. So war er eben. Ein wirklich gutmütiger Kerl und normalerweise auch ganz lieb und nett, aber er konnte es nun mal nicht ausstehen, wenn jemand ungerecht behandelt wurde. Red machte also gerade den Mund auf, um etwas zu sagen – bestimmt etwas, das ihm viel Ärger eingebracht hätte –, als er spürte, wie sich eine verschwitzte Hand auf seinen Arm legte.

»Lass gut sein«, flüsterte Max ihm zu.

Red war geladen. Und zitterte vor Wut. Aber er hielt kurz inne.

Und dieser Moment genügte Herrn Tappabuchi, um zum Gegenangriff anzusetzen.

»Ach, wo du gerade stehst«, sagte er mit seiner widerlichen Stimme, »wollen wir doch mal sehen, ob du in Mathematik genauso fix bist wie mit den Fäusten, kleiner Schläger.« Während er sich eine Aufgabe ausdachte, funkelten seine Augen bösartig. »Also, wenn ein Aufzug ein Fünftel eines Nilpferds bewältigen kann, das das Doppelte eines Büffels von neun Zentnern wiegt, wie hoch ist dann die Max-imal-last«, hier grinste er wieder und warf Max einen spöttischen Blick zu, »für diesen Aufzug?«

An dieser Stelle sollte man vielleicht erwähnen, dass Red nicht gerade ein Musterschüler war. Was das Lernen anging, war er sogar eher faul. Er tat gerade so viel wie nötig, um nicht durchzufallen. Er machte zum Beispiel immer seine Hausaufgaben, schrieb aber auch nicht eine Zeile mehr, als er musste.

»Er träumt immer vor sich hin«, bekamen seine Eltern stets von den Lehrern zu hören. »Er ist intelligent, aber er bemüht sich nicht.«

Reds Eltern wiegten bei jedem dieser Gespräche betrübt den Kopf hin und her. »Das wissen wir ja«, sagten sie, und wenn sie nach Hause kamen, hielten sie ihrem Sohn eine Standpauke.

»Aber Papa, aber Mama«, verteidigte sich Red dann, »es ist doch nicht meine Schuld, dass ich mich langweile. Wenn es als Schulfach Abenteuerkunde gäbe, dann wäre ich todsicher Klassenbester.«

Aber kehren wir wieder zur aktuellen Situation zurück. Herr Tappabuchi musterte Red mit einem boshaften Grinsen.

»Also …«, stammelte Red. »Hmm … mal sehen …«

»Was ist nun, kleiner Schläger?«, beharrte Herr Tappabuchi unerbittlich.

Red war ganz offensichtlich in Schwierigkeiten. Und seine Wut trug nicht gerade dazu bei, dass er klarer denken konnte.

Viele Schüler – die allerdings die Antwort selbst nicht kannten – lachten, weil er offensichtlich versagte.

Lily dagegen betete, dass er die Antwort wusste. Sie konnte Ungerechtigkeit genauso wenig ausstehen wie Red. Und sie verabscheute alle Erwachsenen, die wie Herr Tappabuchi ihre Macht ausnutzten.

Wieder fühlte Red die verschwitzte Hand auf seinem Arm.

»Dreihundertsechzig Kilo«, flüsterte Max.

»Dreihundertsechzig Kilo«, sagte Red laut, als Herr Tappabuchi schon dachte, er hätte gewonnen.

Die Klasse drehte sich erwartungsvoll zum Lehrer, um zu sehen, ob die Antwort richtig war. Und der wütende Gesichtsausdruck von Herrn Tappabuchi sagte ihnen, dass sie absolut richtig war.

»Zwölf mal zwölf?«, fragte der Lehrer schnell nach.

»Hundertvierundvierzig«, flüsterte Max.

»Hundertvierundvierzig«, sagte Red.

Wieder grummelte Herr Tappabuchi enttäuscht.

Lily dagegen war selig.

»Die Innenwinkelsumme eines Dreiecks?«, hakte der Lehrer nach.

»Hundertachtzig Grad«, flüsterte Max wieder.

»Hundertachtzig Grad«, sagte Red.

»Setzen!«, brüllte Herr Tappabuchi wütend. »Und sieh zu, dass du nicht noch mal eine Schlägerei anfängst, denn beim nächsten Mal wanderst du sofort zum Direktor.«

Red setzte sich mit einem breiten Grinsen. Dann schaute er zu Max und zwinkerte ihm zu. »Du bist eine Granate«, flüsterte er.

Da lächelte auch Max.

Der Junge vor ihnen – der gleiche, der Max vorhin einen Fettkloß genannt hatte – drehte sich zu ihnen um und sagte leise: »Ich hab genau gehört, dass du ihm vorgesagt hast.«

»Und?«, fragte Max.

»Wenn du mir deine Hausaufgaben gibst, verrat ich dich nicht an Tappabuchi«, zischte der Junge.

»Aber das ist Erpressung«, flüsterte Max zurück.

»Genau. Pass bloß auf.« Der Junge grinste ihn frech an.

»Wenn du petzt und Max in Schwierigkeiten bringst, verpass ich dir wirklich noch eine«, ging Red dazwischen und knackte mit den Fingerknöcheln.

Der Junge drehte sich erschrocken nach vorn.

Max nagte wieder an seinen Nägeln.

»Du hast mich vorhin wohl nicht recht verstanden«, sagte Herr Tappabuchi zu Max. »Du bist schon dick genug. Da musst du nicht auch noch Nägel kauen.« Er wollte unbedingt das letzte Wort haben.

Dann meldete sich Lily.

»Ja, Lily?«, forderte der Lehrer sie auf.

»Fingernägel enthalten nur viel Kalzium und andere Mineralsalze«, sagte Lily. »Davon kann man nicht dick werden.«

Die ganze Klasse brach in schallendes Gelächter aus.

Herr Tappabuchi, der so wütend war wie schon lange nicht mehr, gab ihnen an dem Tag schrecklich viele Hausaufgaben auf.

In der Pause alberten Max und Red miteinander rum, lachten und bedankten sich beieinander. Max war Red sehr dankbar, dass er ihn verteidigt hatte, und Red rechnete es Max hoch an, dass er ihn davor bewahrt hatte, wie ein Trottel dazustehen.

Da kam Lily zu ihnen und stellte sich vor. Red schmiss sich in die Brust, und Max wurde wie immer rot. Beide Jungs bedankten sich auch bei ihr, weil sie für sie Partei ergriffen hatte.

»Das war ganz schön mutig von dir«, sagte Red.

»Hättest du dem wirklich eine reingehauen?«, fragte Lily.

»Willst du die Wahrheit wissen?«, antwortete Red grinsend. »Ich habe noch nie jemanden verprügelt. Aber dieser Idiot wusste das ja nicht und hat es geschluckt.«

»Soll er ruhig weiter daran glauben, dann geht er uns nicht mehr auf die Nerven.« Max lachte zufrieden.

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3

Von da an waren Lily, Red und Max unzertrennlich. Sie machten gemeinsam Hausaufgaben, schmiedeten Abenteuerpläne und dachten sich die tollsten Geschichten aus.

Außerdem wollte es ein glücklicher Zufall, dass sie jeden Tag zusammen sein konnten, denn ihre Eltern besaßen in einem nahe gelegenen Fischerdorf drei kleine Ferienhäuser am Meer. So verbrachten sie jedes Wochenende an der Baia del Sole, der Sonnenbucht, die ihren Namen wegen des guten Wetters wirklich verdiente. Sie spielten am Strand, erkundeten neue Gegenden, halfen den Fischern, die Netze zum Trocknen auszubreiten, tauchten im klaren Wasser und lernten Segeln.

Kurz gesagt, sie wurden ganz besonders dicke Freunde, wie man es selten erlebt. Sie waren ein eingespieltes Team, in dem jeder auf seine Art wichtig war. Denn jeder war in einer Sache besonders gut, und wenn einer etwas nicht so toll beherrschte, konnte er sich auf die Hilfe der anderen verlassen.

Lily und Red waren große Abenteuerfans. Und seit sie nun Tag und Nacht zusammenhockten, war ihre Leidenschaft noch größer geworden.

Max malte sich zwar auch gern gefährliche Abenteuer aus, aber im wirklichen Leben war er etwas zurückhaltender. Ehrlich gesagt konnte man Max ganz und gar nicht heldenmutig nennen. Er teilte die Träumereien von Red und Lily mehr aus Freundschaft, als dass er sich tatsächlich dafür begeistern konnte.

»Also ich finde ja kulinarische Abenteuer wesentlich interessanter«, sagte er dann immer, und Lily und Red lachten sich kringelig darüber.

Max brachte sie immer zum Lachen. Sobald er einmal aufgetaut war, war er auf einmal gar nicht mehr schüchtern, sondern witzig und schlagfertig. Er hatte immer einen lustigen Spruch auf Lager, und sein Vorrat an Schimpfwörtern war unerschöpflich.

So vergingen das Schuljahr und die Sommerferien wie im Flug, und als die drei danach wieder in die Stadt zurückkehrten, hatten sie schon längst ihren Geheimclub gegründet und in den Dünen aus Treibholz, das sie am Strand gesammelt hatten, ein kleines Clubhaus gebaut.

Lily, die neben ihrer Abenteuerleidenschaft auch sehr gern malte, hatte ein Brett verziert und darauf den Namen ihrer Bande geschrieben: Die Piraten.

Auf dem Boden der Hütte hatten sie einen aufgeschnittenen Sack als Teppich ausgebreitet und verbrachten dort ganze Nachmittage damit, so zu tun, als würden sie von Feinden belagert, oder sie dachten sich wilde Abenteuer aus, bei denen sie großartige Schätze entdeckten.

Als einmal schauderhaftes Wetter mit Sturm und Regen sie zwang, den ganzen Tag bei Max zu Hause zu verbringen, hatten die drei Freunde einen feierlichen Eid geschworen: Sie würden sich niemals, durch nichts und niemanden, voneinander trennen lassen, sie würden auch noch das kleinste Geheimnis miteinander teilen und alle Abenteuer gemeinsam durchstehen, die ihnen über den Weg liefen.

Lily hatte den Schwur voller Begeisterung abgelegt, und um zu zeigen, dass sie es ehrlich meinte, hatte sie hinzugefügt: »Sollte ich euch jemals verraten, dürft ihr mich zur Strafe an einen Stuhl fesseln und mir die Haare ratzekahl abschneiden.« Und da sie sehr an ihren langen Haaren hing, könnt ihr euch vorstellen, wie ernst es ihr war.

Red, der sich inzwischen schwer in Lily verguckt hatte, schaute ihr tief in die Augen und sagte: »Und wenn ich dich verraten sollte, darfst du heiraten, wen du willst, auch diesen Stinkstiefel Amadeo.« Das war der Spitzname des hübschesten Jungen der Schule, der darüber hinaus auch noch eine Sportskanone war. Jeder Junge in der Schule beneidete ihn, und auch Red war schrecklich eifersüchtig.

»Und wenn du mich verraten solltest?«, fragte Max, der sich von Reds Beteuerung etwas ausgeschlossen fühlte.

»Dann darfst du ebenfalls Amadeo heiraten«, sagte Lily sofort.

»Iiih!«, schrie Max entsetzt auf und schob sich gleich das fünfte Stück Erdbeerkuchen in den Mund.

Die drei Freunde lachten.

»Jetzt musst du auch etwas schwören, Max«, sagte Lily schließlich.

»Hmm«, überlegte Max kauend, »also, wenn ich euch verraten würde, dann … dann will ich sitzenbleiben! Genau, wenn ich euch verrate, hoffe ich, dass man mich durchfallen lässt.«

»Oh nein, das gilt nicht«, sagte Lily, die zwar die Kleinste von den dreien war, aber auch die Schlauste. »Wenn du uns verraten solltest, dann darfst du ein Jahr lang nichts Süßes essen.«

»Ein ganzes Jahr?«, fragte Max und wurde blass.

»Natürlich, mindestens ein Jahr.«

Max betrachtete das letzte Stück Kuchen auf dem Teller, stürzte sich darauf wie ein Raubvogel auf seine Beute und schlang es in einem Bissen herunter.

»Ich werde euch niemals verraten, Freunde. Selbst wenn ich dafür nur eine Woche auf Süßigkeiten verzichten müsste. Da sterbe ich lieber«, sagte Max.

Als Palletta, Max’ kleine Hündin, die mindestens genauso rund war wie ihr Herrchen, sah, dass es nichts mehr zu essen gab, trottete sie enttäuscht zu ihrem Körbchen. Max bemerkte es, ging zu ihr und streichelte sie sanft. Dann holte er ein Leckerchen aus seinem Geheimvorrat und gab es Palletta, die es sofort schwanzwedelnd verschlang.

»Armes Dickerchen«, sagte Max zu seinen Freunden. »Meine Mutter gibt ihr nur noch Schonkost, weil sie abnehmen soll, aber hin und wieder stecke ich ihr einen Leckerbissen zu. Zum Glück bekomme ich noch was Richtiges zu essen.«

»Aber alle hänseln dich, weil du so rund bist«, sagte Lily. »Stört dich das nicht?«

»Hm, ich finde das schon doof«, antwortete Max. »Aber ich bin eben so. Ihr zwei zieht mich deswegen ja auch manchmal auf, aber nur zum Spaß und nicht, um mich zu beleidigen.«

»Na ja, du ärgerst mich ja schließlich auch«, meinte Red. »Wenn wir zusammen Mathe machen, sagst du immer, ich wäre eine taube Nuss.«

»Mann, Red, in Mathe bist du einfach eine Katastrophe.« Max lachte. »Finde dich damit ab, du bist nun mal eine taube Nuss.«

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4

Am nächsten Morgen war der erste Schultag nach den Sommerferien. In der Pause fiel den drei Freunden eine Möwe auf, sie wirkte ausgesprochen unbeholfen und ängstlich und hockte oben auf dem hohen Maschendrahtzaun des Basketballplatzes. Die Jungen auf dem Hof warfen mit Steinen nach ihr, um sie zu vertreiben. Der Vogel spreizte die großen Flügel, wich den Steinen aus und hockte sich schließlich wieder auf den Zaun.

»Hört sofort auf damit, ihr Idioten!«, schrie Lily die Jungs an, die weiter mit Steinen auf die Möwe zielten.

»Warum bleibt die da eigentlich hocken und fliegt nicht weg?«, fragte Red.

Aber keiner schien die Antwort darauf zu wissen. Dann läutete es zum Pausenende, und alle gingen zurück in ihre Klassenzimmer.

Durch das Fenster beobachteten Red und Max, wie die Möwe, kaum dass der Schulhof verlassen lag, hinunter auf den Boden segelte und sich dort emsig pickend auf die Suche nach Butterbrotresten machte.

»Die Arme hat Hunger«, sagte Max.

Lily sah Red fragend an. Sie konnte von ihrem Platz nicht nach draußen sehen.

»Die Möwe hat Hunger«, gab ihr Red durch Handzeichen zu verstehen.

Später auf dem Heimweg redeten die drei wieder über die Möwe. Max kam als Erster auf sie zu sprechen, weil er – na klar, ihr wisst schon – beim Thema Essen sehr sensibel war.

»Wir sollten ihr ein wenig Futter vorbeibringen«, sagte er.

»Was fressen Möwen denn?«, fragte Red.

»Alles«, antwortete Lily, die Tiere ausnahmslos liebte und sich in ihrer Freizeit ständig Dokumentarfilme ansah. »Fisch, Fleisch, Eier … sogar Abfälle.«

»Verflixte Bohnenkacke!«, rief Max. Das war sein Lieblingsfluch. »Dann sind Möwen ja schlimmer als ich.«

Lily und Red mussten lachen.

»Morgen klaue ich was aus dem Kühlschrank und bringe es ihr mit«, beschloss Max. »Hoffentlich kommt sie wieder.«

Am nächsten Tag kam Max mit ein paar in Zeitungspapier eingewickelten Sprotten in die Schule, und tatsächlich hockte die Möwe wieder auf dem Zaun, als ob sie wüsste, dass Max ihr etwas mitgebracht hatte. Max wartete, bis alle Mitschüler nach der Pause in die Klassenzimmer zurückgegangen waren, und legte das Päckchen mit den Fischen unten an den Zaun.

»Verflixte Bohnenkacke!«, rief er, als er den Klassenraum betrat. »Habt ihr gesehen, wie der Vogel das Zeug runtergeschlungen hat? Er hat nicht mal gekaut!«

»Möwen kauen nicht«, erklärte Lily, die am vergangenen Nachmittag alles Wissenswerte über diese Tiere nachgelesen hatte. »Möwen stopfen sich die Nahrung in den Kropf und fressen dann später woanders in Ruhe.«

»Kann ich verstehen, ich habe auch am liebsten meine Ruhe beim Essen«, meinte Max und grinste.

Und so brachten die drei Freunde die ganze Woche lang abwechselnd etwas zu fressen für die Möwe mit. Sie wurde langsam zutraulich und wagte sich immer näher. Als sie einmal besonders nah herangehüpft war, machte Lily eine Entdeckung.

»Sie hat blaue Augen«, sagte Lily überrascht, weil Möwen eigentlich gelbe Augen haben. »Das ist aber merkwürdig.«

»Na, es gibt doch immer Ausnahmen, warum soll eine Möwe keine blauen Augen haben?«, fragte Max altklug.

Am folgenden Montag empfing sie der Vogel nicht gerade freundlich, sondern flatterte aufgeregt über ihren Köpfen und stieß schrille Schreie aus.

»Die ist bestimmt wütend, weil wir zwei Tage nicht da waren«, sagte Red.

»H

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