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Die Nachtigall

Informationen zum Buch

Zwei Schwestern. Die eine kämpft für die Freiheit. Die andere für die Liebe.

Der Weltbestseller – die Nr. 1 aus den USA

»Ich liebe dieses Buch – große Charaktere, große Geschichten, große Gefühle.« Isabel Allende

Zwei Schwestern im von den Deutschen besetzten Frankreich: Während Vianne ums Überleben ihrer Familie kämpft, schließt sich die jüngere Isabelle der Résistance an und sucht die Freiheit auf dem Pfad der Nachtigall, einem geheimen Fluchtweg über die Pyrenäen. Doch wie weit darf man gehen, um zu überleben? Und wie kann man die schützen, die man liebt?

In diesem epischen, kraftvollen und zutiefst berührenden Roman erzählt Kristin Hannah die Geschichte zweier Frauen, die ihr Schicksal auf ganz eigene Weise meistern.

In den USA begeisterte »Die Nachtigall« Millionen von Lesern und steht seit über einem Jahr auf der Bestsellerliste.

KRISTIN HANNAH

Die
Nachtigall

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ROMAN

Aus dem amerikanischen Englisch
von Karolina Fell

Für Matthew Shear. Freund. Mentor. Kämpfer.

Du wirst vermisst.

Und für Kaylee Nova Hannah,

den jüngsten Stern in unserer Welt.

Willkommen, kleines Mädchen.

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EINS

9. April 1995

AN DER KÜSTE VON OREGON

Wenn ich in meinem langen Leben eines gelernt habe, dann ist es Folgendes: In der Liebe finden wir heraus, wer wir sein wollen; im Krieg finden wir heraus, wer wir sind. Heutzutage wollen die jungen Leute alles über jeden wissen. Sie denken, über ein Problem zu reden wäre schon die Lösung. Ich stamme aus einer schweigsameren Generation. Wir haben verstanden, welchen Wert das Vergessen hat, wie verlockend es ist, sich neu zu erfinden.

In letzter Zeit allerdings ertappe ich mich dabei, wie ich an den Krieg denke und an meine Vergangenheit, an die Menschen, die ich verloren habe.

Verloren.

Das klingt, als hätte ich meine Liebsten irgendwo verlegt; sie vielleicht an einem Ort zurückgelassen, an den sie nicht gehören, und mich dann abgewendet, zu verwirrt, um wieder zu ihnen zurückzufinden.

Aber sie sind nicht verloren. Und auch nicht an einem besseren Ort. Sie sind tot. Heute, wo ich das Ende meines Lebens vor mir sehe, weiß ich, dass sich Trauer ebenso wie Reue tief in uns verankert und für immer ein Teil von uns bleibt.

Ich bin in den Monaten seit dem Tod meines Mannes und meiner Diagnose sehr gealtert. Meine Haut erinnert an knittriges Wachspapier, das jemand zum Wiedergebrauch glattstreichen wollte. Meine Augen lassen mich häufig im Stich – bei Dunkelheit, im Licht von Autoscheinwerfern oder wenn es regnet. Diese neue Unzuverlässigkeit meiner Sehkraft ist nervtötend. Vielleicht schaue ich deshalb in die Vergangenheit zurück. Die Vergangenheit besitzt eine Klarheit, die ich in der Gegenwart nicht mehr erkennen kann.

Ich stelle mir gern vor, dass ich Frieden finde, wenn ich gestorben bin, dass ich all die Menschen wiedersehe, die ich geliebt und verloren habe. Dass mir zumindest verziehen wird.

Aber ich weiß es besser.

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Mein Haus, das von dem Holzbaron, der es vor mehr als hundert Jahren erbaute, The Peaks getauft wurde, steht zum Verkauf, und ich bereite meinen Umzug vor, wie mein Sohn es für richtig hält.

Er versucht, sich um mich zu kümmern, mir zu zeigen, wie sehr er mich liebt in dieser schweren Zeit, und deshalb lasse ich mir seine übertriebene Fürsorge gefallen. Was kümmert es mich, wo ich sterbe? Denn darum geht es im Grunde. Es spielt keine Rolle mehr, wo ich wohne. Ich packe das Strandleben von Oregon, zu dem ich mich vor beinahe fünfzig Jahren hier niedergelassen habe, in Kartons. Es gibt nicht viel, was ich mitnehmen will. Doch eine Sache unbedingt.

Ich greife nach dem von der Decke hängenden Griff, mit dem die Speichertreppe heruntergezogen wird. Die Stufen falten sich von der Decke wie der Arm eines Gentlemans, der die Hand ausstreckt.

Die leichte Treppe schwankt unter meinen Füßen, als ich in den Speicher hinaufsteige, in dem es nach Staub und Schimmel riecht. Über mir hängt eine einsame Glühbirne. Ich ziehe an der Schnur.

Es sieht aus wie im Frachtraum eines alten Dampfers. Die Wände sind mit breiten Holzplanken verkleidet, Spinnweben schimmern silbrig in den Winkeln und hängen in Strähnen von den Fugen zwischen den Planken herunter. Das Dach ist so steil, dass ich nur in der Mitte des Raums aufrecht stehen kann.

Ich sehe den Schaukelstuhl, in dem ich saß, als meine Enkel klein waren, dann ein altes Kinderbettchen und ein zerschlissenes Schaukelpferd auf rostigen Federn und den Stuhl, den meine Tochter gerade neu lackierte, als sie von ihrer Krankheit erfuhr. An der Wand stehen mit Weihnachten, Thanksgiving, Ostern, Halloween, Geschirr oder Sportsachen beschriftete Kartons. Darin sind Dinge, die ich nicht mehr oft benutze, von denen ich mich aber dennoch nicht trennen kann. Mir einzugestehen, dass ich zu Weihnachten keinen Baum schmücken werde, ist für mich wie aufzugeben, und im Loslassen war ich noch nie gut. Hinten in der Ecke steht, was ich suche: ein alter, mit Aufklebern gespickter Überseekoffer.

Mit einiger Anstrengung zerre ich den schweren Koffer in die Mitte des Speichers, direkt unter die Glühbirne. Ich hocke mich daneben, habe jedoch prompt solche Schmerzen in den Knien, dass ich mich auf den Hintern gleiten lasse.

Zum ersten Mal seit dreißig Jahren hebe ich den Deckel des Koffers. Der obere Einsatz ist voller Andenken an die Zeit, in der meine Kinder klein waren. Winzige Schuhe, Handabdrücke auf Tonscheiben, Buntstiftzeichnungen, die von Strichmännchen und lächelnden Sonnen bevölkert werden, Schulzeugnisse, Fotos von Tanzvorführungen.

Ich hebe den Einsatz aus dem Koffer und stelle ihn neben mir ab.

Die Erinnerungsstücke auf dem Boden des Koffers liegen wild durcheinander: mehrere abgegriffene ledergebundene Tagebücher; ein Stapel alter Postkarten, der mit einem blauen Satinband zusammengebunden ist; ein Karton mit einer eingedrückten Ecke; eine Reihe schmaler Gedichtbändchen von Julien Rossignol und ein Schuhkarton mit Hunderten Schwarzweißfotos.

Ganz oben liegt ein vergilbtes Stück Papier.

Meine Finger zittern, als ich es in die Hand nehme. Es ist eine carte d’identité, ein Ausweis aus dem Krieg. Das Bild im Passfotoformat. Eine junge Frau. Juliette Gervaise.

»Mom?«

Ich höre meinen Sohn auf der knarrenden Holztreppe, Schritte, die mit meinem Herzschlag übereinstimmen. Hat er schon vorher nach mir gerufen?

»Mom? Du solltest nicht hier oben sein. Mist. Die Stufen sind wacklig.« Er kommt zu mir. »Ein Sturz und …«

Ich berühre sein Hosenbein, schüttle langsam den Kopf. Ich kann den Blick nicht heben. »Nicht«, ist alles, was ich sagen kann.

Er geht in die Hocke, setzt sich zu mir. Ich rieche sein Aftershave, dezent und würzig, und auch eine Spur Rauch. Er hat heimlich draußen eine Zigarette geraucht, eine Gewohnheit, die er vor Jahrzehnten aufgegeben und nach meiner Diagnose vor kurzem wieder angenommen hat. Es besteht kein Grund, meine Missbilligung zu äußern. Er ist Arzt. Er weiß es selbst.

Instinktiv will ich den Ausweis in den Koffer zurückwerfen und den Deckel zuklappen, ihn wieder verstecken. Wie ich es mein Leben lang getan habe.

Doch jetzt sterbe ich. Vielleicht nicht schnell, aber auch nicht gerade langsam, und ich sehe mich gezwungen, auf mein Leben zurückzuschauen.

»Mom, du weinst ja.«

»Wirklich?«

Ich will ihm die Wahrheit sagen, aber ich kann es nicht. Es macht mich verlegen, und es beschämt mich, dieses Versagen. In meinem Alter sollte ich mich vor nichts mehr fürchten – und ganz bestimmt nicht vor meiner eigenen Vergangenheit.

Ich sage nur: »Ich will diesen Koffer mitnehmen.«

»Der ist zu groß. Ich packe die Sachen, die du haben willst, in eine kleinere Schachtel.«

Ich lächle bei seinem Versuch, mich zu kontrollieren. »Ich liebe dich, und ich bin wieder krank. Aus diesen Gründen habe ich mich von dir bevormunden lassen, aber noch bin ich nicht tot. Ich will diesen Koffer mitnehmen.«

»Wozu sollen dir denn die Sachen nützen, die da drin sind? Das sind doch nur unsere Zeichnungen und solches Zeug.«

Wenn ich ihm die Wahrheit längst erzählt oder wenigstens mehr getanzt, getrunken und gesungen hätte, wäre er vielleicht imstande gewesen, mich zu sehen statt einer verlässlichen, normalen Mutter. Er liebt eine Version von mir, die nicht vollständig ist. Ich dachte immer, das wäre es, was ich wollte: geliebt und bewundert zu werden. Doch jetzt denke ich, dass ich in Wahrheit richtig gekannt werden will.

»Betrachte es als meinen letzten Willen.«

Ich sehe ihm an, dass er sagen will, ich solle nicht so reden, aber er befürchtet, seine Stimme könnte schwanken. Er räuspert sich. »Du hast es schon zweimal geschafft. Du schaffst es wieder.«

Wir wissen beide, dass das nicht stimmt. Ich bin zittrig und schwach. Ohne medizinische Hilfe kann ich weder essen noch schlafen. »Natürlich schaffe ich es.«

»Ich will doch nur, dass du gut aufgehoben bist.«

Ich lächle. Amerikaner können dermaßen naiv sein.

Früher habe ich seinen Optimismus geteilt. Ich habe gedacht, die Welt sei ein sicherer Ort. Aber das ist schon sehr lange her.

»Wer ist Juliette Gervaise?«, fragt Julien, und es versetzt mir einen kleinen Schock, ihn diesen Namen aussprechen zu hören.

Ich schließe die Augen, und in der Dunkelheit, die nach Schimmel und längst vergangenem Leben riecht, schweifen meine Gedanken zurück in einem weiten Bogen, der über Jahre und Kontinente hinwegreicht. Gegen meinen Willen – oder vielleicht ihm zufolge, wer kann das wissen? – erinnere ich mich.

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ZWEI

In ganz Europa gehen die Lichter aus, wir alle werden sie zu unseren Lebzeiten nie wieder leuchten sehen.

SIR EDWARD GREY ZUM ERSTEN WELTKRIEG

August 1939

FRANKREICH

Vianne Mauriac trat aus ihrer kühlen Küche in den Vorgarten. An diesem schönen Sommermorgen im Loiretal stand alles in Blüte. Weiße Bettlaken flatterten in der Brise, und üppig blühende Kletterrosen entlang der Steinmauer, die ihr Grundstück vor Blicken von der Straße verbarg, boten einen fröhlichen Anblick. Geschäftige Bienen summten zwischen den Blüten, und von weit her hörte Vianne das pochende Stampfen eines Zuges und dann das bezaubernde Lachen eines kleinen Mädchens.

Sophie.

Vianne lächelte. Ihre achtjährige Tochter rannte vermutlich durchs Haus und scheuchte ihren Vater herum, während sie sich für das Samstagspicknick fertig machten.

»Deine Tochter ist ein Tyrann«, sagte Antoine, der an der Tür aufgetaucht war.

Er kam zu ihr, sein pomadisiertes Haar glänzte schwarz in der Sonne. Am Morgen hatte er an seinen Möbeln gearbeitet – einen Stuhl abgeschmirgelt, dessen Oberfläche schon so glatt war wie Satin –, und eine zarte Schicht Holzstaub lag auf seinem Gesicht und seinen Schultern. Er war ein großer Mann, hochgewachsen und breitschultrig, mit kräftigen Gesichtszügen und so starkem Bartwuchs, dass er sich zweimal am Tag rasieren musste.

Er legte seinen Arm um sie und zog sie an sich. »Ich liebe dich, Vianne.«

»Ich liebe dich auch.«

Das war das Fundament ihres Daseins. Sie liebte alles an diesem Mann. Sein Lächeln, die Art, wie er im Schlaf murmelte, nach einem Niesen lachte oder unter der Dusche Opernarien sang.

Sie hatte sich fünfzehn Jahre zuvor in ihn verliebt, auf dem Schulhof, noch bevor sie überhaupt wusste, was Liebe war. Das erste Mal hatte sie in jeder Hinsicht mit ihm erlebt: den ersten Kuss, die erste Liebe, die erste Liebesnacht. Vor ihm war sie ein mageres, linkisches, unsicheres Mädchen gewesen, das zum Stottern neigte, wenn es eingeschüchtert war, was sehr oft vorkam.

Ein mutterloses Mädchen.

Du bist jetzt erwachsen, hatte der Vater zu Vianne gesagt, als er nach dem Tod ihrer Mutter mit ihr auf dieses Haus zugegangen war. Sie war vierzehn Jahre alt gewesen, die Augen vom Weinen verquollen, ihre Trauer unermesslich. Unversehens hatte sich dieses Haus vom Sommerhaus der Familie in eine Art Gefängnis verwandelt. Maman war weniger als zwei Wochen tot, als Papa seine Rolle als Vater aufgab. Bei ihrer Ankunft hier hatte er nicht ihre Hand gehalten oder ihr seine Hand auf die Schulter gelegt, er hatte ihr nicht einmal ein Taschentuch gegeben, mit dem sie sich die Tränen von den Wangen wischen konnte.

Aber ich bin doch noch ein Mädchen, hatte sie gesagt.

Jetzt nicht mehr.

Sie hatte zu ihrer jüngeren Schwester hinuntergesehen, Isabelle, die mit vier Jahren immer noch am Daumen lutschte und nichts von dem ganzen Geschehen begriff. Isabelle fragte in einem fort, wann Maman nach Hause käme.

Als die Tür geöffnet wurde, hatten sie eine große, dürre Frau vor sich, mit einer Nase wie ein Zapfhahn und Augen, die so klein und dunkel waren wie Rosinen.

Sind das die Mädchen?, hatte die Frau gefragt.

Ihr Vater nickte.

Sie werden keine Schwierigkeiten machen.

Es war so schnell gegangen. Vianne hatte es gar nicht richtig verstanden. Ihr Vater gab die Töchter ab wie einen Beutel Schmutzwäsche und ließ sie mit einer Fremden zurück. Der Altersunterschied zwischen den Schwestern war so groß, als kämen sie aus unterschiedlichen Familien. Vianne hatte Isabelle trösten wollen – jedenfalls hatte sie das vorgehabt –, aber ihre Trauer war so übermächtig, dass sie sich um niemand anders sorgen konnte, erst recht nicht um ein so eigensinniges und ungeduldiges und lautes Kind wie Isabelle. Vianne erinnerte sich noch gut an die ersten Tage damals in diesem Haus. Isabelle schrie immerzu, und Madame versohlte ihr den Hintern. Vianne hatte ihre Schwester angefleht, immer wieder gesagt: Mon Dieu, Isabelle, hör auf zu kreischen. Tu einfach, was sie sagt. Doch selbst mit vier Jahren war Isabelle nicht zu bändigen.

All das hatte Vianne ans Ende ihrer Kräfte gebracht – die Trauer um ihre Mutter, der Schmerz, von ihrem Vater verlassen worden zu sein, der plötzliche Wechsel ihrer Lebensumstände und Isabelles gefühlsbeladene, hilfsbedürftige Einsamkeit.

Es war Antoine, der Vianne rettete. In diesem ersten Sommer nach dem Tod ihrer Mutter wurden die beiden unzertrennlich. Mit ihm fand Vianne einen Ausweg. Kaum sechzehn, war sie schwanger, mit siebzehn war sie verheiratet und die Herrin von Le Jardin. Zwei Monate später hatte sie eine Fehlgeburt und verlor sich eine Zeitlang. Man konnte es nicht anders nennen. Sie verkroch sich in ihren Kummer, spann sich in einen Kokon ein, außerstande, sich um irgendetwas oder irgendjemanden zu kümmern – und ganz bestimmt nicht um eine bedürftige, jammernde kleine Schwester.

Aber das waren alte Geschichten. Nicht die Art Erinnerungen, die sie an einem so wunderschönen Tag haben wollte.

Sie lehnte sich an ihren Mann, während ihre Tochter auf sie zurannte und verkündete: »Ich bin fertig. Lasst uns losgehen.«

»Nun«, sagte Antoine grinsend, »die Prinzessin ist bereit, also müssen wir uns in Bewegung setzen.«

Vianne ging lächelnd ins Haus zurück und nahm ihren Hut von dem Haken neben der Tür. Mit ihrem rotblonden Haar, der zarten Porzellanhaut und Augen, die so blau waren wie das Meer, hatte sie sich schon immer vor der Sonne geschützt. Bis sie den breitrandigen Strohhut aufgesetzt und ihre Spitzenhandschuhe und den Picknickkorb zusammengesucht hatte, waren Sophie und Antoine schon vor dem Tor.

Vianne ging zu ihnen auf die unbefestigte Landstraße hinaus, die an ihrem Haus vorbeiführte. Sie war kaum breit genug für ein Auto. Dahinter erstreckten sich weite Heuwiesen, hier und da von grünen Flecken durchsetzt, auf denen roter Klatschmohn und blaue Kornblumen wuchsen. Zwischen den Wiesen lagen kleine Wäldchen. In diesem Abschnitt des Loiretals wurde mehr Grünfutter als Wein angebaut. Obwohl nur knapp zwei Zugstunden von Paris entfernt, befand man sich in einer vollkommen anderen Welt. Nur wenige Touristen verirrten sich hierher, nicht einmal im Sommer.

Gelegentlich rumpelte ein Auto vorbei, ein Radfahrer oder ein Ochsenkarren, meist aber war die Straße verlassen. Sie wohnten etwa anderthalb Kilometer von Carriveau entfernt, einem Städtchen mit weniger als tausend Einwohnern, das vor allem als Station der Pilger auf den Spuren Jeanne d’Arcs Bedeutung hatte. Hier gab es keine Industrie und wenig Arbeit – bis auf die paar Stellen auf dem Flugplatz, der den ganzen Stolz Carriveaus bildete. Es war der einzige Flugplatz in weitem Umkreis.

In der Stadt wanden sich enge Pflasterstraßen zwischen uralten Kalksteinhäusern hindurch, die krumm und schief aneinanderlehnten. Mörtel bröckelte aus den Mauern, Efeu verdeckte den Verfall, der zwar nicht zu sehen, doch überall zu spüren war. Das Städtchen war über Hunderte von Jahren aus krummen Straßen, schiefen Treppen und verwinkelten Sackgassen zusammengeschustert worden. Bunte Farben belebten das Dunkel des Mauerwerks: Rote Markisen leuchteten über schwarzen Metallgestängen, Geranien in Tontöpfen über schmiedeeisernen Balkongeländern. Überall zog etwas den Blick an: das Schaufenster mit pastellfarbenen macarons, grob geflochtene Weidenkörbe voller Käse, Schinken und saucissons, Stiegen mit schimmernden Tomaten, Auberginen und Gurken. Die Cafés waren an diesem Sonnentag gut besucht. Männer saßen um Metalltischchen, tranken Kaffee, rauchten selbstgedrehte braune Zigaretten und diskutierten lautstark.

Ein typischer Tag in Carriveau. Monsieur LaChoa fegte die Straße vor seinem Bistro, Madame Clonet putzte das Fenster ihres Schuhladens, und ein paar halbwüchsige Jungen schlenderten Schulter an Schulter durch die Stadt, kickten ab und zu Unrat von der Straße und reichten sich untereinander eine Zigarette weiter.

Hinter der Stadt bogen Vianne, Antoine und Sophie Richtung Fluss ab. An einer flachen grasbewachsenen Stelle am Ufer stellte Vianne ihren Korb ab und breitete im Schatten eines Kastanienbaums eine Decke aus. Sie nahm eine knusprige Baguette aus dem Korb, eine Ecke üppigen Doppelrahmkäse, zwei Äpfel, ein paar Scheiben hauchdünnen jambon de Bayonne und eine Flasche 36er Bollinger. Sie schenkte ihrem Mann ein Glas Champagner ein, setzte sich neben ihn und sah Sophie dabei zu, wie sie auf der Wiese spielte.

Die Zeit verging in der behaglichen Trägheit eines warmen Sonnentages. Sie unterhielten sich, lachten und genossen ihr Picknick. Erst spät am Nachmittag, als Sophie mit ihrer Angelrute am Flussufer saß und Antoine einen Gänseblümchenkranz für sie flocht, sagte er: »Hitler wird uns bald allesamt in seinen Krieg hineinziehen.«

Krieg.

Die Leute konnten über nichts anderes reden in diesen Tagen, und Vianne wollte es nicht hören. Ganz besonders nicht an diesem schönen Sommertag.

Sie beschattete die Augen mit der Hand und schaute zu ihrer Tochter hinüber. Jenseits des Flusses lag das mit viel Sorgfalt bestellte grüne Tal der Loire. Es gab keine Zäune, keine Begrenzungen, nur kilometerweit wogende grüne Felder, Baumgruppen und hier und da ein Bauernhaus oder eine Scheune. Winzige weiße Blütenblätter schwebten durch die Luft wie Baumwollflöckchen.

Sie stand auf und klatschte in die Hände. »Komm, Sophie. Es ist Zeit, nach Hause zu gehen.«

»Du kannst das nicht ignorieren, Vianne.«

»Ich will mich nicht mit diesem Problem beschäftigen. Warum auch? Wir haben schließlich dich, damit du uns beschützt.«

Lächelnd – vielleicht etwas zu strahlend – packte sie alles in den Picknickkorb, rief ihre Familie zu sich und führte sie zurück zur Landstraße.

In weniger als einer halben Stunde waren sie zurück am massiven Holztor von Le Jardin, dem Landhaus, das sich seit dreihundert Jahren im Besitz ihrer Familie befand. Die Mauern des zweistöckigen Hauses waren in einem Dutzend Grautönen verwittert, und Fenster mit blauen Läden gingen auf einen Obstgarten hinaus. Efeu wuchs an den beiden Kaminen hinauf und bedeckte die Ziegel weiter unten. Es waren nur noch sieben Morgen des ursprünglichen Grundbesitzes übrig. Die anderen zweihundert waren während der letzten zwei Jahrhunderte verkauft worden, als das Vermögen der Familie schrumpfte. Sieben Morgen waren viel für Vianne. Sie konnte sich nicht vorstellen, mehr Land zu brauchen.

Vianne schloss die Haustür hinter ihnen. In der Küche hingen Töpfe und Pfannen aus Kupfer und Gusseisen an einer Eisenstange über dem Herd. Lavendel- und Rosmarinbüschel baumelten zum Trocknen von einem der Deckenbalken herab. In der enormen Kupferspüle hätte man einen Hund baden können.

Der Wandverputz im Haus blätterte an einigen Stellen ab, so dass man die Farbe früherer Anstriche sehen konnte. Die Wohnzimmereinrichtung war eine Mischung aus unterschiedlichsten Stilen – ein mit Gobelinstoff bezogenes Sofa, Aubusson-Teppiche, antikes Chinaporzellan, Chintz- und Toile-Stoffe. Einige der Gemälde an den Wänden waren hervorragend, möglicherweise sogar bedeutend, andere wiederum ohne jeden künstlerischen Wert. Alles strahlte den durcheinandergewürfelten planlosen Eindruck einstigen Reichtums und überkommener Geschmacksvorlieben aus – ein wenig schäbig, aber gemütlich.

Im Salon blieb Vianne stehen und schaute durch die verglasten Sprossentüren in den Garten hinter dem Haus, in dem Antoine dabei war, Sophie auf der Schaukel anzustoßen, die er für sie gebaut hatte.

Behutsam hängte Vianne ihren Hut an den Haken neben der Tür, holte ihre Schürze und band sie um. Während Antoine draußen mit Sophie spielte, wickelte sie eine Schweinelende in dicke Speckstreifen, die sie mit einem Faden festband, und briet sie in heißem Öl an. Während das Fleisch im Ofen garte, bereitete sie die übrige Mahlzeit vor. Um acht Uhr, genau zur rechten Zeit, rief sie zum Essen und musste unwillkürlich über die lauten Schritte, die lebhafte Unterhaltung und das Kreischen der Stuhlbeine auf dem Boden lächeln, als sie sich zu Tisch setzten.

Sophie saß mit ihrem Gänseblümchenkranz, den ihr Antoine am Fluss geflochten hatte, am Kopfende der Tafel.

Vianne stellte die Servierplatte auf den Tisch. Köstlicher Geruch stieg auf – gebratenes Schweinefleisch, knuspriger Speck und glasierte Äpfel in einer gehaltvollen Weinsauce lagen in einem Bett aus gebräunten Kartoffeln. Daneben stand eine Schüssel mit frischen Erbsen, die in Butter schwammen und mit Estragon aus dem Garten gewürzt waren. Und natürlich war auch die Baguette auf dem Tisch, die Vianne gebacken hatte.

Wie immer plapperte Sophie während des gesamten Essens. Was das anging, war sie wie ihre Tante Isabelle – ein Mädchen, das nicht still sein konnte. Erst als sie beim Dessert angelangt waren – îles flottantes, Inseln aus Eischnee, die in einer üppigen crème anglaise schwammen –, stellte sich um den Tisch befriedigtes Schweigen ein.

»So«, sagte Vianne schließlich und schob ihren halbleeren Dessertteller von sich, »es wird Zeit für den Abwasch.«

»O Maman«, jammerte Sophie.

»Kein Gemecker«, sagte Antoine, »dafür bist du zu groß.«

Vianne und Sophie gingen wie jeden Abend in die Küche, nahmen ihre üblichen Plätze ein – Vianne an der tiefen Kupferspüle, Sophie an der gemauerten Ablauffläche – und begannen die Teller zu spülen und abzutrocknen. Vianne roch den süßen, scharfen Geruch von Antoines abendlicher Zigarette, der durchs Haus wehte.

»Papa hat heute über keine einzige meiner Geschichten gelacht«, sagte Sophie, als Vianne die Teller in das Holzregal an der Wand zurückräumte. »Er hat irgendwas.«

»Kein einziges Lachen. Tja, das ist wirklich besorgniserregend.«

»Er macht sich Sorgen über den Krieg.«

Der Krieg. Schon wieder.

Vianne scheuchte ihre Tochter aus der Küche. Oben, in Sophies Schlafzimmer, setzte sich Vianne auf das Bett und hörte dem Geplauder ihrer Tochter zu, während diese ihren Pyjama anzog, sich die Zähne putzte und sich schlafen legte.

Vianne beugte sich vor, um ihr einen Gutenachtkuss zu geben.

»Ich fürchte mich«, sagte Sophie. »Wird es Krieg geben?«

»Hab keine Angst«, sagte Vianne. »Papa wird uns beschützen.« Doch noch während sie die Worte aussprach, erinnerte sie sich an einen anderen Moment, in dem ihre eigene Maman gesagt hatte: Hab keine Angst.

Damals, als ihr eigener Vater in den Krieg gezogen war.

Sophie wirkte nicht überzeugt. »Aber …«

»Kein Aber. Es gibt nichts, worum du dir Sorgen machen musst. Und jetzt schlaf.«

Sie küsste ihre Tochter noch einmal und ließ ihre Lippen einen kurzen Moment auf der Wange des kleinen Mädchens ruhen.

Dann ging sie die Treppe hinunter und wandte sich zum Garten hinter dem Haus. Draußen war es schwül, die Luft von Jasminduft erfüllt. Sie entdeckte Antoine auf einem der eisernen Caféhausstühle, die Beine ausgestreckt, den Oberkörper unbequem zur Seite geneigt.

Sie trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter. Er stieß einen Schwall Rauch aus und nahm einen weiteren langen Zug an seiner Zigarette. Dann sah er zu ihr auf. Im Licht des Mondes wirkte sein Gesicht blass und verschattet. Er griff in seine Westentasche und zog ein Papier heraus. »Ich bin einberufen worden, Vianne. Gemeinsam mit den meisten Männern zwischen achtzehn und fünfunddreißig.«

»Einberufen? Aber … wir haben keinen Krieg. Ich …«

»Ich muss mich am Dienstag melden.«

»Aber … aber … du bist Postbote.«

Er sah sie an, und plötzlich konnte sie nicht mehr atmen.

»Jetzt bin ich Soldat, so wie es aussieht.«

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DREI

Vianne kannte den Krieg. Zwar nicht sein Dröhnen und Donnern, nicht den Qualm und das Blut auf den Schlachtfeldern, aber die Nachwirkungen. Obwohl sie zu Friedenszeiten geboren worden war, hatte sich der Krieg in ihre frühesten Erinnerungen eingeprägt. Sie erinnerte sich, wie sie ihre Mutter bei dem Abschied von ihrem Vater hatte weinen sehen. Sie erinnerte sich an den Hunger und das immerwährende Frieren. Aber vor allem erinnerte sie sich daran, wie verändert ihr Vater bei seiner Rückkehr nach Hause war, wie er gehinkt und geseufzt hatte und wie still er gewesen war. Wie er zu trinken begonnen, sich zurückgezogen und seine Familie nicht mehr wahrgenommen hatte. Und danach erinnerte sie sich an Türenknallen, an aufbrandenden Streit, der in unheilvollem Schweigen versiegte, und daran, dass ihre Eltern getrennte Schlafzimmer hatten.

Der Vater, der in den Krieg zog, war nicht derselbe, der wieder nach Hause kam. Sie hatte sich um seine Liebe bemüht, und, wichtiger, sie hatte sich um die Liebe zu ihm bemüht, doch letzten Endes hatte sich das eine als so unmöglich erwiesen wie das andere. Er hatte sie nach Carriveau abgeschoben, und in den Jahren seither hatte sich Vianne ihr eigenes Leben aufgebaut. Sie schickte ihrem Vater Weihnachts- und Geburtstagskarten, bekam jedoch nie eine Antwort; Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch gab es kaum. Hatten sie überhaupt noch etwas zu besprechen? Anders als Isabelle, die außerstande schien, einfach loszulassen, hatte Vianne verstanden – und akzeptiert –, dass ihre Familie mit dem Tod ihrer Mutter für immer zerbrochen war. Er war ein Mann, der es schlicht ablehnte, seinen Kindern ein Vater zu sein.

»Ich weiß, wie sehr du dich vor dem Krieg fürchtest«, sagte Antoine.

»Die Maginot-Linie wird halten«, sagte sie und versuchte, überzeugt zu klingen. »Zu Weihnachten bist du wieder zu Hause.«

Die Maginot-Linie bestand aus kilometerlangen Betonmauern und Befestigungsanlagen und Abwehrstellungen. Sie war infolge des Großen Krieges, der zwischen 1914 und 1918 geführt worden war, zum Schutz Frankreichs entlang der deutschen Grenze errichtet worden. Die Deutschen würden sie nicht durchbrechen können.

Antoine nahm sie in die Arme. Der Jasminduft war berauschend, und mit einem Mal wusste sie ganz sicher, dass sie von jetzt an, wo auch immer sie Jasmin roch, an diesen Abschied denken würde.

»Ich liebe dich, Antoine Mauriac, und ich erwarte von dir, dass du wieder nach Hause kommst.«

Später konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, wie sie ins Haus gegangen waren, die Treppe hinauf, wie sie sich ins Bett gelegt und einander ausgezogen hatten. Sie wusste nur noch, wie sie nackt in seinen Armen lag und er mit ihr geschlafen hatte wie noch nie zuvor, mit rasenden, suchenden Küssen und Händen, die sie auseinanderzureißen schienen, selbst als er sie ganz dicht an sich heranzog.

»Du bist stärker, als du denkst, Vianne«, sagte er, als sie engumschlungen beieinanderlagen.

»Das bin ich nicht«, flüsterte sie zu leise, als dass er es hätte hören können.

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Am nächsten Morgen hätte sie Antoine am liebsten den ganzen Tag im Bett behalten, hätte ihn am liebsten dazu gebracht, dass sie ihre Sachen packten und davonliefen wie nächtliche Einbrecher.

Aber wohin hätten sie gehen sollen? Der Krieg bedrohte ganz Europa.

Nachdem Vianne das Frühstück und hinterher den Abwasch gemacht hatte, dröhnte ihr Schädel vor Kopfschmerzen.

»Du siehst traurig aus, Maman«, sagte Sophie.

»Wie könnte ich traurig sein, wenn die Sonne so schön scheint und wir unsere besten Freunde besuchen gehen?« Vianne lächelte ein bisschen zu strahlend.

Erst als sie aus der Haustür getreten war und unter einem Apfelbaum im Vorgarten stand, bemerkte sie, dass sie barfuß war.

»Maman«, sagte Sophie ungeduldig.

»Ich komme«, sagte sie, dann folgte sie Sophie durch den Vorgarten, vorbei an dem alten Taubenhaus, das jetzt ein Gartenschuppen war. Sophie öffnete die hintere Gattertür und rannte in den gepflegten Nachbargarten auf ein kleines Haus mit blauen Fensterläden zu.

Sie klopfte, hörte nichts und ging hinein.

»Sophie!«, sagte Vianne scharf, doch ihre Zurechtweisung traf auf taube Ohren. Manieren waren im Haus der besten Freundin überflüssig, und Rachel de Champlain war seit fünfzehn Jahren Viannes beste Freundin. Schon seit dem zweiten Monat, nachdem Viannes Vater seine Kinder so mitleidlos nach Le Jardin abgeschoben hatte.

Sie waren ein seltsames Paar gewesen: Vianne, schmächtig, blass und ängstlich, und Rachel, so groß wie die Jungs, mit wuchernden Augenbrauen und einer Stimme wie ein Nebelhorn. Zwei Außenseiterinnen, als sie sich kennenlernten. In der Schule waren sie unzertrennlich gewesen und in all den Jahren seither Freundinnen geblieben. Sie hatten gemeinsam studiert und waren beide Lehrerin geworden. Sie waren sogar zur gleichen Zeit schwanger gewesen. Und nun unterrichteten sie beide in der Schule am Ort.

Rachel tauchte mit ihrem Neugeborenen, Ariel, an der offenen Tür auf.

Die beiden Frauen wechselten einen Blick, in dem all ihre Gefühle und Ängste lagen.

Vianne folgte ihrer Freundin in ein kleines sonnenhelles und blitzsauberes Wohnzimmer. Eine Vase mit einem Wildblumenstrauß schmückte die massive aufgebockte Holzplatte des Tischs, um den ein Sammelsurium von Stühlen verteilt war. In der Ecke stand eine lederne Reisetasche, obenauf lag der braune Fedora, den Rachels Mann Marc am liebsten trug. Rachel ging in die Küche und kehrte mit einem Gebäckteller voller canelés zurück. Dann gingen die beiden Frauen hinaus.

In dem kleinen Garten hinterm Haus wuchsen Rosen entlang einer Ligusterhecke. Ein Tisch und vier Stühle standen auf einer unregelmäßig gepflasterten Terrasse. Alte Laternen hingen an den Ästen eines Kastanienbaums.

Vianne nahm einen der kleinen Kuchen, biss ab und genoss das Vanillearoma des weichen Kerns und das knusprige, leicht angebrannt schmeckende Äußere. Sie setzte sich.

Rachel setzte sich ihr gegenüber, das schlafende Baby in den Armen. Zwischen ihnen breitete sich ein Schweigen aus, in dem ihre Ängste und Bedenken mitschwangen.

»Ich frage mich, ob er seinen Vater überhaupt kennenlernen wird«, sagte Rachel schließlich, den Blick auf ihr Söhnchen gerichtet.

»Sie werden sich verändern«, sagte Vianne, in der die alten Erinnerungen wach wurden. Ihr Vater hatte in der Schlacht an der Somme gekämpft, in der mehr als eine Million Männer das Leben verloren hatten. Die wenigen Heimkehrer hatten Gerüchte von deutschen Gräueltaten mitgebracht.

Rachel hob das Kind an ihre Schulter und klopfte ihm sanft auf den Rücken. »Marc ist beim Windelwechseln nicht zu gebrauchen. Und Ari schläft so gern in unserem Bett. Ich schätze, ab jetzt findet Marc das in Ordnung.«

Vianne musste unwillkürlich lächeln. Es war nur eine Kleinigkeit, ein Witz, aber es half. »Antoines Geschnarche ist unerträglich. Ich werde endlich mal richtig ungestörten Schlaf haben.«

»Und wir können uns verlorene Eier zum Mittagessen machen.«

»Und nur die halbe Wäsche«, sagte Vianne, doch dann brach ihre Stimme. »Dafür bin ich nicht stark genug, Rachel.«

»Natürlich bist du das. Wir stehen das gemeinsam durch.«

»Bevor ich Antoine kennenlernte …«

Rachel hob abwehrend die Hand. »Ich weiß, ich weiß. Du warst dürr wie eine Bohnenstange, und du hast gestottert, sobald du nervös wurdest. Ich weiß. Ich war dabei. Aber das ist alles vorbei. Du wirst stark sein. Und weißt du auch, warum?«

»Warum?«

Rachels Lächeln verschwand. »Ich weiß, wie groß und gewaltig ich aussehe – statuesk nennen die Verkäuferinnen das, wenn sie mir Büstenhalter und Strümpfe heraussuchen –, aber jetzt fühle ich mich völlig … verloren, Vianne. Ich werde dich brauchen, damit ich mich auf dich stützen kann. Nicht mit meinem ganzen Gewicht, versteht sich.«

»Damit wir nicht beide gleichzeitig zusammenbrechen.«

»Voilà«, sagte Rachel. »So machen wir es. Sollten wir das nicht mit einem Cognac begießen? Oder lieber mit Gin?«

»Es ist zehn Uhr morgens.«

»Da hast du recht. Wie immer. Also einen Cognac.«

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Als Vianne am Dienstag aufwachte, schien die Sonne ins Zimmer und ließ die Deckenbalken glänzen.

Antoine saß am Fenster in dem Schaukelstuhl aus Nussbaumholz, den er während Viannes zweiter Schwangerschaft gebaut hatte. Jahrelang hatte es so gewirkt, als würde sie dieser leere Schaukelstuhl verspotten. Die Fehlschlagsjahre nannte Vianne sie bei sich. Eine Zeit der Trostlosigkeit in einem Land des Überflusses. Drei verlorene Leben in vier Jahren; kaum spürbare, schwache Herzschläge, blaue Händchen. Und dann, wie durch ein Wunder, ein Baby, das überlebte. Sophie. In der Holzmaserung des Schaukelstuhls schienen traurige kleine Geister gefangen, doch er barg auch gute Erinnerungen.

»Vielleicht solltest du Sophie nach Paris bringen«, sagte Antoine, als sie sich aufsetzte. »Julien würde sich um euch kümmern.«

»Mein Vater hat seinen Standpunkt unmissverständlich klargemacht, was das Zusammenleben mit seinen Töchtern angeht. Er wird mich nicht willkommen heißen.« Vianne schob die Matelassé-Decke mit dem schönen Reliefmuster beiseite, schwang ihre Füße auf den abgetretenen Teppich und stand auf.

»Wirst du zurechtkommen?«

»Sophie und mir wird es gutgehen. Davon abgesehen bist du im Handumdrehen wieder hier. Die Maginot-Linie wird halten. Und Gott weiß, dass uns die Deutschen nicht gewachsen sind.«

»Zu dumm, dass ihre Waffen es sehr wohl sind«, sagte Antoine und fuhr dann fort: »Ich habe unser ganzes Geld von der Bank geholt. In der Matratze stecken sechsundfünfzigtausend Francs. Verwende es klug, Vianne. Zusammen mit deinem Gehalt als Lehrerin müsstest du lange damit auskommen.«

Sie wurde nervös. Sie wusste zu wenig über ihre finanziellen Angelegenheiten. Darum kümmerte sich Antoine.

Er erhob sich langsam und nahm sie in die Arme. Das Gefühl der Sicherheit, das sie in diesem Moment empfand, hätte sie am liebsten in Flaschen abgefüllt, um später davon zu zehren, wenn Einsamkeit und Angst sie bedrängten.

Bewahre dir diesen Augenblick in deiner Erinnerung, dachte sie. Die Art, wie sich das Licht in seinem widerspenstigen Haar brach, den liebevollen Blick aus seinen braunen Augen, die aufgesprungenen Lippen, die sie noch eine Stunde zuvor im Dunklen geküsst hatte.

Durch das offene Fenster hörte sie das langsame, gleichmäßige Klapp-Klapp-Klapp eines Pferdes, das die Straße heraufkam, und das Rattern des Wagens, den es zog.

Vermutlich war Monsieur Quillian mit seinen Blumen auf dem Weg zum Markt. Wäre sie im Garten, würde er anhalten, ihr eine Blume geben und sagen, dass sie nicht mit Viannes Schönheit konkurrieren könne, und sie würde lächeln und merci sagen und ihm etwas zu trinken anbieten.

Widerstrebend löste sich Vianne aus Antoines Armen. Sie ging hinüber zu dem hölzernen Toilettentisch, goss lauwarmes Wasser aus einem blauen Porzellankrug in die Schüssel und wusch sich das Gesicht. In dem Alkoven hinter gold-weiß gemusterten Toile-Vorhängen, den sie als begehbaren Schrank benutzte, zog sie ihren Büstenhalter, die mit einer Borte aus Spitze besetzten Unterhosen und das Strumpfband an. Sie rollte die Seidenstrümpfe an ihren Beinen hinauf, strich sie glatt und befestigte sie an den Strumpfbändern. Dann schlüpfte sie in ein Baumwollkleid mit Gürtel und einem eckigen Kragen. Als sie die Vorhänge aufzog und sich umdrehte, war Antoine aus dem Raum gegangen.

Sie ging durch den Flur zu Sophies Zimmer. Ebenso wie das Elternschlafzimmer war es klein, lag unter der Dachschräge, hatte freiliegende Deckenbalken, breite Dielen und ein Fenster, das auf den Obstgarten hinausging. Mit dem schmiedeeisernen Bett, dem Nachttisch, auf dem eine abgenutzte Lampe stand, und einem blaugestrichenen Schrank war der Raum ausgefüllt. Sophies Zeichnungen schmückten die Wände.

Vianne öffnete die Fensterläden und ließ das Licht in den Raum fluten.

Wie immer in den heißen Sommermonaten hatte Sophie irgendwann über Nacht ihre Decke auf den Boden gestrampelt. Ihren rosafarbenen Teddy, Bébé, hatte sie an ihre Wange geschmiegt.

Vianne nahm den Bären in die Hand und betrachtete sein filziges, vielfach gehätscheltes Gesicht. Im Jahr zuvor hatte Bébé vergessen in einem Regal gelegen, und Sophie hatte sich nur noch ihren neuen Spielsachen gewidmet.

Nun war Bébé also zurück.

Vianne beugte sich über ihre Tochter, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben.

Sophie rollte sich zu ihr herum und wachte blinzelnd auf.

»Ich will nicht, dass Papa fortgeht, Maman«, flüsterte sie. Sie griff nach Bébé, riss Vianne den Bären beinahe aus den Händen.

»Ich weiß.« Vianne seufzte. »Ich weiß.«

Vianne ging zum Schrank und nahm das Matrosenkleid heraus, das Sophie am liebsten trug.

»Kann ich die Gänseblümchenkrone aufsetzen, die Papa mir gemacht hat?«

Die »Krone« aus Gänseblümchen lag schlaff auf dem Nachttisch, die kleinen Blüten waren verwelkt. Vianne hob den Kranz vorsichtig hoch und legte ihn auf Sophies Kopf.

Vianne hatte den Eindruck, dass Sophie einigermaßen mit der Situation zurechtkam. Bis sie ins Wohnzimmer ging und ihren Vater sah.

»Papa?« Sophie berührte unsicher den verwelkten Gänseblümchenkranz. »Geh nicht fort.«

Antoine kniete sich hin und zog Sophie in seine Arme. »Ich muss Soldat werden, damit du und Maman sicher seid. Aber ehe du dich’s versiehst, bin ich wieder zurück.«

Vianne hörte das Schwanken in seiner Stimme.

Sophie löste sich ein wenig von ihm. Der Gänseblümchenkranz rutschte seitlich von ihrem Kopf herunter. »Versprichst du, dass du wieder nach Hause kommst?«

Antoine sah an dem ernsten Gesicht seiner Tochter vorbei und suchte Viannes Blick.

»Oui«, sagte er schließlich.

Sophie nickte.

Sie waren alle drei sehr schweigsam, als sie aus dem Haus gingen. Hand in Hand stiegen sie den Hügel hinauf bis zu der grauen Holzscheune. Kniehohes goldglänzendes Gras überzog die Anhöhe, und an der Grundstücksgrenze wuchsen Fliederbüsche, so hoch wie Heuwagen. Drei kleine weiße Kreuze waren alles, was auf dieser Welt auf die drei Babys hinwies, die Vianne verloren hatte. An diesem Tag aber ließ sie ihre Augen nicht darauf ruhen. Sie hatte schon genug mit ihren Gefühlen zu kämpfen, ohne sich auch noch die Last dieser Erinnerungen aufzubürden.

In der Scheune stand ihr alter grüner Renault. Als sie alle in das Auto gestiegen waren, ließ Antoine den Motor an, fuhr rückwärts aus der Scheune und folgte einer Spur aus platt gedrücktem braunem Gras zur Straße. Vianne starrte aus dem kleinen staubigen Fenster, sah das grüne Tal in einer Abfolge vertrauter Bilder an sich vorbeiziehen – rote Ziegeldächer, kleine Bauernhäuser, Heuwiesen und Weinberge, magere Wäldchen.

Viel zu schnell erreichten sie den Bahnhof in der Nähe von Tours.

Auf dem Bahnsteig drängten sich junge Männer mit Koffern, Frauen, die ihnen Abschiedsküsse gaben, und weinende Kinder.

Eine ganze Generation Männer zog in den Krieg. Wieder einmal.

Denk nicht daran, ermahnte sich Vianne. Denk nicht daran, wie es letztes Mal war, als die Männer nach Hause kamen, hinkend, mit Verbrennungen im Gesicht, ohne Arme, ohne Beine …

Vianne ließ Antoines Hand kaum einen Moment lang los, während er ihre Fahrkarten kaufte und sie zum Zug führte. Im Dritte-Klasse-Waggon, in dem es stickig war und heiß und in dem die Leute so dicht gedrängt waren wie die Halme in einem Schilfrohrbündel, saß sie steif aufgerichtet, die Handtasche auf dem Schoß, und umklammerte noch immer die Hand ihres Mannes.

Als sie angekommen waren, stieg etwa ein Dutzend Männer aus. Vianne, Sophie und Antoine folgten den anderen eine Kopfsteinpflasterstraße entlang und in eine reizende Ortschaft, die ebenso hübsch war wie die meisten kleinen Gemeinden der Touraine. Wie konnte es sein, dass der Krieg kam und in diesem malerischen Städtchen mit seinem üppigen Blumenschmuck und den alten pittoresken Gemäuern Soldaten zum Kampf zusammengezogen wurden?

Antoine zog sie an der Hand, damit sie weiterging. Wann war sie stehen geblieben?

Etwas weiter vor ihnen war ein neues zweiflügeliges Eisentor in eine Mauer eingebaut worden. Dahinter waren die Dächerreihen von Behelfsunterkünften zu sehen.

Die Torflügel schwangen auf. Ein Soldat ritt heraus, um die Neuankömmlinge zu begrüßen, der Ledersattel knarrte unter den Bewegungen des Pferdes, das Gesicht des Soldaten war gerötet vor Hitze und staubüberzogen. Er fasste die Zügel kürzer, das Pferd blieb stehen und warf schnaubend den Kopf zurück. Ein Flugzeug dröhnte über sie hinweg.

»Männer«, sagte der Soldat. »Bringt eure Papiere zu dem Lieutenant dort drüben beim Tor. Jetzt gleich. Bewegung.«

Antoine küsste Vianne so sanft, dass sie am liebsten geweint hätte.

»Ich liebe dich«, sagte er, seine Lippen auf ihren ruhend.

»Ich liebe dich auch«, gab sie zurück, aber diese Worte, die immer so bedeutungsschwer gewirkt hatten, schienen plötzlich kein Gewicht mehr zu haben. Was zählte schon die Liebe, wenn es Krieg gab?

»Ich auch, Papa. Ich auch!« Sophie weinte und warf sich in seine Arme. Sie umarmten sich ein letztes Mal als Familie. Dann löste sich Antoine von ihnen.

»Auf Wiedersehen«, sagte er.

Vianne brachte keinen Abschiedsgruß über die Lippen. Sie sah ihm nach, beobachtete, wie er in die Menge der lachenden, gesprächigen jungen Männer eintauchte und in ihr verschwand. Mit einem Knall schlossen sich die Flügel des Eisentores; das metallische Geräusch hallte in der heißen, staubigen Luft nach, und Vianne und Sophie standen allein mitten auf der Straße.

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VIER

Juni 1940

FRANKREICH

Das mittelalterliche Herrenhaus beherrschte einen tiefgrünen bewaldeten Berghang. Es sah aus, als entstammte es dem Schaufenster einer Konditorei; ein Schlösschen aus Karamell mit Fenstern aus Zuckerwatte und Fensterläden in der Farbe kandierter Äpfel. Weit unter dem Gebäude spiegelten sich die Wolken in einem See. Gepflegte Gartenanlagen ermöglichten es den Bewohnern des Anwesens – und, wichtiger noch, ihren Gästen –, über den Besitz zu schlendern, auf dem nur salonfähige Gespräche geführt werden durften.

In dem repräsentativen Speisezimmer saß Isabelle Rossignol steif aufgerichtet an der aufwändig gedeckten Tafel, an der ohne jede Schwierigkeit vierundzwanzig Personen speisen konnten. Alles in diesem Raum war blass. Die Wände, der Boden und die Decke bestanden aus austernfarbenem Stein. Der Scheitelpunkt des Deckengewölbes befand sich in mehr als sechs Meter Höhe. Der große, kalte Raum verstärkte jedes Geräusch, sperrte es genauso ein wie seine Bewohner.

Madame Dufour stand am Kopfende der Tafel. Sie trug ein streng geschnittenes schwarzes Kleid, das die suppenlöffelgroße Kuhle am Ende ihres langen Halses sehen ließ. Ihr einziger Schmuck war eine Diamantbrosche. (Ein einziges gutes Stück, meine Damen, und sorgfältig ausgewählt muss es sein, denn alles hat seine Wirkung, und nichts ist aufdringlicher als billiger Tand.) Ihr schmales Gesicht mündete in ein stumpfes Kinn und war von Locken umrahmt, die so offenkundig blondiert waren, dass der erwünschte jugendliche Eindruck vollkommen zunichtegemacht wurde. »Das Kunststück«, sagte sie jetzt in ihrer kultivierten knappen Aussprache, »besteht darin, dass man seine Aufgabe still und unbemerkt erfüllt.«

Jedes Mädchen am Tisch trug das maßgeschneiderte blaue Wollkostüm, das die Schuluniform darstellte. Im Winter war es gar nicht schlecht, doch an diesem warmen Juninachmittag war es in dem Kostüm kaum auszuhalten. Isabelle bemerkte, dass sie angefangen hatte zu schwitzen, und auch noch so viel Lavendelseife konnte ihren scharfen Schweißgeruch nicht überdecken.

Sie starrte auf die ungeschälte Orange, die vor ihr mitten auf dem Teller aus edlem Limoges-Porzellan lag. Zu beiden Seiten des Tellers war in penibler Ordnung das Besteck platziert. Vorspeisengabel, Menügabel, Messer, Löffel, Buttermesser, Fischmesser. Es nahm kein Ende.

»Und nun«, sagte Madame Dufour, »nehmen Sie die richtigen Besteckteile in die Hand – leise, s’il vous plaît, leise –, und schälen Sie Ihre Orange.«

Isabelle nahm ihre Gabel und versuchte die scharfen Zinken in die dicke Schale zu stechen, doch die Orange rollte von ihr weg über den Goldrand des Tellers und brachte das Porzellan zum Klappern.

»Merde«, murmelte sie und griff schnell nach der Orange, bevor sie zu Boden fiel.

»Merde?« Madame Dufour stand neben ihr.

Isabelle zuckte auf ihrem Stuhl zusammen. Mon Dieu, diese Frau bewegte sich wie eine Natter im Schilf. »Pardon, Madame«, sagte Isabelle und legte die Orange an ihren Platz zurück.

»Mademoiselle Rossignol«, sagte Madame. »Wie kann es sein, dass Sie uns seit zwei Jahren mit Ihrer Anwesenheit beehren und doch so wenig gelernt haben?«

Isabelle stach die Gabel in die Orange. Die Bewegung war ungraziös, aber sehr effektiv. Dann hob sie den Blick und lächelte Madame an. »Im Allgemeinen, Madame, gilt das Scheitern eines Schülers beim Lernen zugleich als Scheitern des Lehrers beim Unterrichten.«

Um den ganzen Tisch wurde hörbar eingeatmet.

»Ah«, sagte Madame. »Also liegt es an uns, dass Sie immer noch nicht imstande sind, eine Orange so zu essen, wie es sich gehört.«

Isabelle versuchte durch die dicke Schale zu schneiden – zu heftig, zu schnell. Die Silberklinge glitt an der porigen Schale ab und klirrte auf den Porzellanteller.

Madame Dufours Hand stieß vor, und ihre Finger schlossen sich um Isabelles Handgelenk.

Sämtliche Mädchen um den Tisch starrten zu ihnen herüber.

»Höfliche Konversation, Mesdemoiselles«, sagte Madame mit einem dürftigen Lächeln. »Niemand will bei einer Essenseinladung eine Statue als Tischnachbarin haben.«

Augenblicklich begannen sich die Mädchen leise über Dinge zu unterhalten, die Isabelle nicht im Geringsten interessierten. Gärtnern, Wetter, Mode. Das waren akzeptable Themen für Frauen. Isabelle hörte das Mädchen neben sich ruhig sagen: »Ich mag Alençon-Spitze unglaublich gern. Geht es dir genauso?«, und musste sich zurückhalten, um nicht einfach loszuschreien.

»Mademoiselle Rossignol«, sagte Madame. »Sie gehen zu Madame Allard und richten ihr aus, dass unser Experiment beendet ist.«

»Was bedeutet das?«

»Sie wird es verstehen. Gehen Sie.«

Isabelle beeilte sich aufzustehen, damit Madame es sich nicht noch anders überlegen konnte.

Madame verzog missbilligend das Gesicht, als die Stuhlbeine laut über den Steinfußboden kreischten.

Isabelle lächelte. »Ich mag Orangen eigentlich gar nicht, wissen Sie.«

»Tatsächlich?«, sagte Madame spöttisch.

Isabelle wäre am liebsten im Laufschritt aus diesem erstickenden Raum gerannt, aber sie hatte schon genügend Probleme, also zwang sie sich, langsam zu gehen, mit zurückgenommenen Schultern und erhobenem Kinn. Bei der Treppe angekommen – die sie mit drei Büchern auf dem Kopf bewältigen konnte, wenn es gewünscht wurde –, warf sie einen Blick nach rechts und links, sah, dass sie unbeobachtet war, und rannte hinunter.

Unten im Flur wurde sie langsamer und straffte sich. Bis sie vor der Tür der Direktorin stand, atmete sie wieder ganz ruhig und gleichmäßig.

Sie klopfte.

Auf Madames neutrales »Herein« öffnete Isabelle die Tür.

Madame Allard saß hinter einem goldverzierten Mahagonischreibtisch. Mittelalterliche Tapisserien hingen an den Wänden, und ein Rundbogenfenster mit Bleiglasscheiben ging auf derart vollendet gestaltete Gartenanlagen hinaus, dass sie mehr Kunst als Natur waren. Sogar Vögel machten hier selten Rast, bestimmt spürten sie die erdrückende Atmosphäre und flogen lieber weiter.

Isabelle setzte sich – einen winzigen Augenblick zu spät fiel ihr ein, dass ihr kein Sitzplatz angeboten worden war. Sie sprang wieder auf. »Pardon, Madame.«

»Nehmen Sie Platz, Isabelle.«

Das tat sie, kreuzte ihre Knöchel, wie es eine Dame tun sollte, und verschränkte die Finger ineinander. »Madame Dufour hat mich gebeten, Ihnen auszurichten, dass das Experiment beendet sei.«

Madame griff nach einem der Murano-Füllhalter auf ihrem Schreibtisch und tippte damit auf die Tischplatte. »Warum sind Sie hier, Isabelle?«

»Ich hasse Orangen.«

»Pardon?«

»Und falls ich einmal eine Orange essen sollte – und, offen gesagt, Madame, warum sollte ich das, wo ich sie doch nicht mag –, würde ich sie mit den Händen essen, wie es die Amerikaner tun. Wie es eigentlich jeder tut. Ich bitte Sie, Madame – Messer und Gabel, um eine Orange zu essen?«

»Ich meinte, warum sind Sie an unserer Schule?«

»Oh. Ach so. Nun, ich wurde aus dem Klosterinternat Sacré-Cœur in Avignon ausgeschlossen. Völlig grundlos, könnte ich ergänzen.«

»Und bei den Franziskanerinnen?«

»Die hatten auch keinen Grund, mich hinauszuwerfen.«

»Und die Schule davor?«

Isabelle wusste nicht, was sie sagen sollte.

Madame legte ihren Füllhalter wieder hin. »Sie sind jetzt beinahe neunzehn.«

»Oui, Madame.«

»Ich denke, es ist an der Zeit, dass Sie gehen.«

Isabelle stand auf. »Soll ich wieder in die Orangenstunde gehen?«

»Sie haben mich missverstanden. Ich meine, Sie sollten die Schule verlassen, Isabelle. Es ist klar, dass Sie kein Interesse daran haben, zu lernen, was wir Sie lehren können.«

»Wie man eine Orange isst und wann man Käse verstreichen darf und wer wichtiger ist – der zweite Sohn eines Herzogs oder eine Tochter, die nichts erben wird, oder der Botschafter eines unbedeutenden Landes? Madame, wissen Sie denn nicht, was in der Welt vorgeht?«

Isabelle mochte weit abgeschieden in der Provinz leben, und doch wusste sie Bescheid. Sogar hier, verbarrikadiert hinter Hecken und geradezu betäubt von all dieser Vornehmheit, wusste sie, was in Frankreich geschah. In ihrem Zimmerchen, wenn ihre Klassenkameradinnen schliefen, saß sie bis spät in die Nacht an ihrem hereingeschmuggelten Radio und hörte BBC. Frankreich hatte gemeinsam mit England eine Kriegserklärung an Deutschland abgegeben, und Hitler hatte sich in Bewegung gesetzt. In ganz Frankreich hatten die Leute Lebensmittel gehortet und Verdunklungsvorhänge angebracht und gelernt, wie Maulwürfe im Dunkeln zu leben.

Sie hatten sich vorbereitet, sich Sorgen gemacht, und dann … nichts.

Monat für Monat geschah nichts.

Zuerst hatten alle nur über den Großen Krieg zwischen 1914 und 1918 geredet und über die Toten, die so viele Familien damals beklagen mussten, doch als die Monate verstrichen und weiter nur über den Krieg geredet wurde, hatte Isabelle von ihren Lehrern den Ausdruck drôle de guerre gehört – seltsamer Krieg. Die eigentlichen Schrecken ereigneten sich anderswo in Europa, in Belgien und Holland und Polen.

»Spielt das Benehmen im Krieg keine Rolle, Isabelle?«

»Es spielt jetzt keine Rolle«, sagte Isabelle spontan und wünschte sich einen Augenblick später, sie hätte den Mund gehalten.

Madame stand auf. »Wir waren nie der geeignete Ort für Sie, aber …«

»Mein Vater hätte mich überall hingesteckt, um mich loszuwerden«, sagte Isabelle. Sie platzte lieber mit der Wahrheit heraus, als sich weitere Lügen anzuhören. Sie hatte in der Abfolge von Internaten und Klosterschulen, in denen sie seit mehr als einem Jahrzehnt untergebracht worden war, viele Lektionen gelernt – und vor allem hatte sie gelernt, dass sie sich auf sich selbst verlassen musste. Auf ihren Vater und ihre Schwester konnte sie ganz gewiss nicht zählen.

Madame sah Isabelle an. Ihre Nasenflügel bebten kaum merklich, ein Hinweis auf höflich zurückgenommenes, jedoch klares Missfallen. »Es ist hart für einen Mann, seine Frau zu verlieren.«

»Es ist auch hart für ein Mädchen, seine Mutter zu verlieren.« Sie lächelte herausfordernd. »Ich habe sogar beide Elternteile verloren oder nicht? Der eine ist gestorben, der andere hat mir den Rücken gekehrt. Ich weiß nicht, worunter ich mehr gelitten habe.«

»Mon Dieu, Isabelle, müssen Sie immer alles aussprechen, was Sie denken?«

Diese Kritik kannte Isabelle schon ihr Leben lang, aber warum sollte sie schweigen? Davon abgesehen hörte ihr ohnehin niemand zu.

»Sie werden also heute abreisen. Ich werde Ihrem Vater ein Telegramm schicken. Tómas bringt Sie zum Zug.« Madame Allard sah sie mit unbewegter Miene an.

»Heute?« Isabelle blinzelte erschrocken. »Aber … Papa wird mich nicht bei sich haben wollen.«

»Ah. Die Konsequenzen«, sagte Madame. »Vielleicht begreifen Sie jetzt, dass man sie besser vorher bedenken sollte.«

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Und so war Isabelle wieder einmal allein in einen Zug gestiegen, ohne zu wissen, wie sie von ihrem Vater aufgenommen werden würde.

Sie starrte durch das schmutzige, fleckige Fenster auf die sattgrüne Landschaft mit ihren Heuwiesen, roten Dächern, Bauernhäusern, grauen Brücken und Pferden.

Alles sah aus wie immer, und das überraschte Isabelle. Krieg zog auf, und sie hatte geglaubt, das würde sich irgendwie in der Landschaft bemerkbar machen, vielleicht indem sich die Farbe des Grases änderte oder die Bäume abstarben oder die Vögel fortflogen, doch nun, während der Zug nach Paris dampfte, sah alles vollkommen normal aus.

An der langgezogenen Gare de Lyon kam der Zug schnaubend und ruckend zum Halten. Isabelle griff nach dem kleinen Koffer, der neben ihren Füßen stand, und zog ihn auf ihren Schoß. Als sie den Reisenden zusah, die sich an ihr vorbei zur Tür schoben, um auszusteigen, meldete sich die Frage wieder, die sie, so gut es ging, verdrängt hatte.

Papa.

Sie hätte gern geglaubt, dass er sie zu Hause willkommen heißen würde, dass er endlich seine Arme ausstrecken und ihren Namen liebevoll aussprechen würde, so wie er es früher getan hatte, als Maman noch der Kitt war, der sie alle zusammenhielt.

Sie starrte auf ihren ramponierten Koffer hinunter.

Er war so klein.

Die meisten Mädchen in den Schulen, die sie besucht hatte, waren mit einer ganzen Kollektion von Schrankkoffern angekommen, die mit Lederriemen zugeschnallt und mit Messingnieten beschlagen waren. Sie hatten Fotos auf ihren Tischen stehen, Andenken auf ihren Nachtschränkchen und Fotoalben in ihren Kommoden.

Isabelle besaß ein einziges gerahmtes Foto von der Frau, an die sie sich erinnern wollte und es doch nicht konnte. Wenn sie es versuchte, stellten sich nur verschwommene Bilder von weinenden Menschen ein und von einem kopfschüttelnden Arzt, und ihre Mutter sagte etwas wie, sie solle sich an ihrer Schwester festhalten.

Als ob das etwas geholfen hätte. Vianne hatte Isabelle genauso schnell im Stich gelassen wie ihr Vater.

Sie registrierte, dass sie inzwischen allein im Waggon saß. Mit ihrer behandschuhten Hand umfasste sie den Griff des Koffers, schob sich von ihrem Sitz und stieg aus.

Der Bahnsteig war voller Menschen. Gleis um Gleis standen Züge bereit, Rauch erfüllte die Luft, wurde von den Dampfloks in Richtung der hohen gewölbten Decke geblasen. Irgendwo schrillte eine Pfeife. Große Eisenräder begannen sich zu drehen.

Ihr Vater fiel auf, sogar in der Menschenmenge.

Als er sie entdeckt hatte, sah sie den Ärger in seiner Miene, den Ausdruck grimmiger Entschlossenheit.

Er war groß, wenigstens ein Meter neunzig, doch der Weltkrieg hatte ihn gebeugt. Zumindest hatte Isabelle das einmal gehört. Seine breiten Schultern hingen herab, als wäre Haltung zu viel verlangt bei allem, was in seinem Kopf vorging. Sein dünner werdendes Haar war grau und ungekämmt. Er hatte eine breite, abgeflachte Nase, und seine Lippen waren dünn wie ein Strich. An diesem heißen Sommertag trug er ein knittriges weißes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, eine lose gebundene Krawatte um den abgewetzten Kragen, und seine Cordhose hätte eine Wäsche nötig gehabt.

Sie versuchte … erwachsen auszusehen. Vielleicht war es ja das, was er von ihr wollte.

»Isabelle.«

Sie umklammerte den Griff ihres Koffers mit beiden Händen. »Papa.«

»Wieder einmal rausgeworfen worden.«

Sie nickte, schluckte schwer.

»Wie soll ich in diesen Zeiten eine andere Schule für dich finden?«

Das war ihre Chance. »Ich will bei dir wohnen, Papa.«

»Bei mir?« Er wirkte ärgerlich und überrascht. War es denn nicht normal für ein Mädchen, bei seinem Vater leben zu wollen?

Sie machte einen Schritt auf ihn zu. »Ich könnte im Buchladen arbeiten. Ich wäre dir nicht im Weg.«

Sie atmete heftig ein, wartete. Mit einem Mal schienen alle Geräusche lauter zu werden. Sie hörte die Schritte der Vorübergehenden, meinte wahrzunehmen, wie die Bahnsteige unter ihnen vibrierten, Tauben flatterten über ihnen, ein Säugling weinte.

Natürlich, Isabelle.

Komm nach Hause.

Ihr Vater seufzte entnervt und wandte sich ab.

»Was ist?«, sagte er mit einem Blick über die Schulter. »Kommst du?«

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Isabelle lag auf einer Decke im duftenden Gras, ein Buch vor sich aufgeschlagen. Dicht bei ihr summte eine Biene an einer Blüte, es klang wie ein winziges Motorrad inmitten dieser Stille. Es war ein glühend heißer Tag, eine Woche nach ihrer Rückkehr nach Hause. Nun, nicht nach Hause. Sie wusste, dass ihr Vater immer noch nach einer Möglichkeit suchte, um sie loszuwerden, aber darüber wollte sie nicht nachdenken an einem so herrlichen Tag, an dem die Luft nach Kirschen duftete und süßem grünem Gras.

»Du liest zu viel«, sagte Christophe, der an einem Grashalm kaute. »Was ist das? Ein Liebesroman?«

Sie drehte sich zu ihm und klappte das Buch zu. Es handelte von Edith Cavell, einer britischen Krankenschwester im Großen Krieg. Einer Heldin. »Ich könnte ein Kriegsheld werden, Christophe.«

Er lachte. »Eine Frau? Als Kriegsheld? Absurd.«

Isabelle sprang auf und griff nach ihrem Hut und den weißen Ziegenlederhandschuhen.

»Jetzt sei doch nicht böse«, sagte er und grinste zu ihr empor. »Ich habe nur das Gerede über den Krieg satt. Und es ist eine Tatsache, dass Frauen untauglich für den Krieg sind. Eure Aufgabe ist es, auf unsere Heimkehr zu warten.«

Er stützte den Kopf auf die Hand und spähte durch das Gewirr blonder Strähnen, das ihm über die Augen fiel, zu ihr hinauf. In seinem blauen Marineblazer und den weißen Schlaghosen sah er genau nach dem aus, was er war: ein privilegierter Student, für den Arbeit ein Fremdwort war. Viele Studenten seines Alters hatten sich freiwillig gemeldet, um von der Universität abzugehen und in die Armee einzutreten. Nicht so Christophe.

Isabelle lief den Hügel hinauf und durch einen Obstgarten bis zu der grasbestandenen Hügelkuppe, auf der sein Panhard Cabriolet stand.

Sie saß schon hinter dem Steuer und hatte den Motor angelassen, als Christophe mit einem leichten Schweißfilm auf seinem hübschen, aber konventionellen Gesicht und dem leeren Picknickkorb am Arm auftauchte.

»Stell den einfach hinten rein«, sagte sie mit einem strahlenden Lächeln.

»Du fährst nicht.«

»Sieht aber ganz danach aus. Jetzt steig ein.«

»Das ist mein Auto, Isabelle.«

»Also, um genau zu sein – und ich weiß, wie wichtig dir die Wahrheit ist, Christophe –, ist es das Auto deiner Mutter. Und ich finde, eine Frau sollte das Auto einer Frau fahren.«

Isabelle versuchte, nicht zu lächeln, als er die Augen verdrehte, »na gut« brummte und sich vorbeugte, um den Korb hinter Isabelles Sitz zu stellen. Dann umrundete er – absichtlich langsam gehend, um seine Bedenken deutlich zu machen – die Kühlerhaube und setzte sich auf den Beifahrerplatz.

Kaum hatte er die Tür zugezogen, legte sie den Gang ein und trat aufs Gaspedal. Einen Moment schien der Wagen zu zögern, dann setzte er sich mit einem Ruck in Bewegung und zog eine Wolke aus Staub und Qualm hinter sich her, während er Geschwindigkeit aufnahm.

»Mon Dieu, Isabelle. Fahr langsamer!«

Mit einer Hand hielt sie ihren flatternden Strohhut fest, mit der anderen das Lenkrad. Sie verlangsamte kaum, wenn sie an anderen Autofahrern vorbeirauschte.

»Mon Dieu, fahr langsamer«, wiederholte er.

»Heutzutage kann eine Frau in den Krieg gehen«, sagte Isabelle, als der Verkehr von Paris sie schließlich zwang, die Geschwindigkeit zurückzunehmen. »Ich könnte zum Beispiel einen Sanitätswagen fahren. Oder in der Dechiffrierabteilung arbeiten. Oder den Gegner verführen, damit er mir geheime Stellungen oder Pläne verrät. Erinnerst du dich an dieses Spiel …«

»Der Krieg ist kein Spiel, Isabelle.«

»Das weiß ich selbst, Christophe. Aber falls es Krieg gibt, kann ich etwas tun. Mehr sage ich nicht.«

Auf der Rue de l’Amiral de Coligny musste sie unvermittelt auf die Bremse treten, um nicht in einen Laster hineinzufahren. Ein Konvoi der Comédie Française fuhr gerade aus dem Louvre ab. Tatsächlich waren überall Lastwagen, und uniformierte Gendarmen regelten den Verkehr. Um mehrere Gebäude und Denkmäler wurden Sandsäcke gestapelt, um sie bei Angriffen zu schützen – von denen es hier noch keinen einzigen gegeben hatte, seit Frankreich in den Krieg eingetreten war.

Warum waren so viele Polizisten auf der Straße?

»Seltsam«, murmelte Isabelle mit gerunzelter Stirn.

Christophe verdrehte den Hals, um festzustellen, was da vorging. »Sie holen die Kunstwerke aus dem Louvre«, sagte er.

Isabelle entdeckte eine Lücke im Verkehr und beschleunigte. Danach hatte sie in kürzester Zeit die Buchhandlung ihres Vaters erreicht und hielt an.

Sie winkte Christophe, als er abfuhr, und betrat den Laden. Er war langgezogen und eng, an den Wänden standen deckenhohe wohlgefüllte Bücherregale. Über die Jahre hatte ihr Vater versucht, sein Angebot zu vergrößern, indem er im Raum weitere Regale aufstellte. Das Ergebnis dieser »Verbesserungen« war die Entstehung eines Labyrinths. Die Büchertürme lenkten den Besucher hierhin und dorthin, immer tiefer hinein. Ganz hinten waren die Bücher für Urlaubsreisende. Manche Regale waren gut beleuchtet, andere lagen im Halbdunkel. Die Steckdosen reichten nicht aus, um alle Winkel zu erhellen. Doch Isabelles Vater kannte trotzdem jeden einzelnen Buchtitel in den Regalen.

»Du kommst spät«, sagte er und sah von seinem Schreibtisch im Hintergrund des Ladens auf. Er arbeitete an der Druckerpresse, vermutlich stellte er einen seiner Gedichtbände her, die niemals jemand kaufte. Seine Fingerspitzen waren blau vor Tintenflecken. »Ich nehme an, junge Männer sind dir wichtiger als eine Anstellung.«

Sie glitt auf den Schemel hinter der Kasse. In der Woche, die sie nun bei ihrem Vater wohnte, hatte sie es sich zum Prinzip gemacht, ihm nicht zu widersprechen, obwohl ihr diese stillschweigende Hinnahme zuwider war. Sie klopfte unruhig mit dem Fuß auf den Boden. Wörter, Sätze – Entschuldigungen – drängten darauf, laut ausgesprochen zu werden. Es war schwer, ihm nicht zu erzählen, wie sie sich fühlte, aber sie wusste, wie dringend er sie aus dem Haus haben wollte, und deshalb schwieg sie.

»Hast du das gehört?«, sagte er plötzlich.

Sie hatte ihren Vater nicht näher kommen hören, und doch stand er jetzt stirnrunzelnd neben ihr.

In dem Buchladen waren merkwürdige Geräusche laut geworden, unbestritten. Staub rieselte von der Decke, die Regale vibrierten und hörten sich dabei an wie klappernde Zähne. Schatten glitten an der Milchglasscheibe der Eingangstür vorbei. Hunderte Schatten.

Isabelles Vater ging zur Tür. Sie rutschte von ihrem Schemel und folgte ihm. Als er die Tür öffnete, sah sie eine Menschenmenge die Straße hinunterrennen.

»Was um alles in der Welt …«, murmelte ihr Vater. Fassungslos blieb er stehen.

Isabelle drängte sich an ihm vorbei, kämpfte sich in die Menge.

Ein Mann lief mit solcher Geschwindigkeit in sie hinein, dass sie stolperte, und er entschuldigte sich nicht einmal. Immer mehr Menschen hasteten an ihnen vorüber.

»Was ist? Was ist los?«, fragte sie einen keuchenden rotgesichtigen Mann, der versuchte, aus der Menge herauszukommen.

»Die Deutschen rücken in Paris ein«, sagte er. »Wir müssen weg. Ich war im Großen Krieg. Ich weiß …«

Isabelle sagte verächtlich: »Die Deutschen in Paris? Unmöglich.«

Der Mann rannte weiter, sein Körper schwankte im Rhythmus seiner Schritte von rechts nach links, immer wieder ballte er die Fäuste.

»Wir müssen nach Hause«, sagte Isabelles Vater und schloss den Buchladen ab.

»Das kann nicht wahr sein«, sagte sie.

»Das Schlimmste kann immer wahr sein«, sagte ihr Vater grimmig. »Bleib dicht bei mir«, fügte er hinzu und tauchte in die Menge ein.

Isabelle hatte noch niemals solch eine Panik erlebt. Überall in der Straße fuhren Autos los, Türen wurden zugeschlagen. Leute verständigten sich schreiend, streckten die Arme einander entgegen, um sich in dem Gedränge nicht zu verlieren.

Isabelle hielt sich dicht bei ihrem Vater. Der Tumult auf den Straßen ließ sie nur langsam vorankommen. Die Gänge in der Métro waren so überfüllt, dass sie nicht weiterkamen, also mussten sie den ganzen Weg zu Fuß gehen. Es wurde schon beinahe dunkel, als sie schließlich zu Hause ankamen. Ihrem Vater gelang es erst beim zweiten Versuch, die Haustür aufzuschließen, so stark zitterten seine Hände. Sie gingen an dem vergitterten Aufzug vorbei und liefen die fünf Stockwerke bis zu ihrer Wohnung hinauf.

»Mach kein Licht«, sagte ihr Vater scharf, während er die Tür öffnete.

Isabelle folgte ihm ins Wohnzimmer und ging an ihm vorbei zum Fenster. Sie schob den Verdunklungsvorhang ein Stückchen zur Seite und spähte hinaus.

Von weit weg drang ein grollendes Geräusch zu ihnen. Es wurde lauter, und die Fensterscheiben begannen zu klirren wie Eiswürfel in einem Glas.

Dann hörte Isabelle einen hohen, wimmernden Ton, Sekunden bevor sie das schwarze Geschwader am Himmel sah, als würden Vögel in Formation fliegen.

Flugzeuge.

»Boches«, flüsterte ihr Vater.

Deutsche.

Deutsche Flugzeuge flogen über Paris. Der wimmernde Ton steigerte sich wie der Schrei einer Frau, und dann explodierte irgendwo – vielleicht im deuxième arrondissement, dachte sie – mit gespenstisch hellem Aufblitzen eine Bombe, und etwas fing Feuer.

Die Luftschutzsirene lief an. Mit einem Ruck zog ihr Vater die Vorhänge zu und führte sie aus der Wohnung und die Treppe hinunter. Sämtliche Nachbarn waren auf dem gleichen Weg, mit Decken und Babys und Kuscheltieren hasteten sie ins Foyer und weiter hinab über die enge, gewundene Steintreppe, die in den Keller führte. Dort saßen sie dann dichtgedrängt in der Dunkelheit. Es stank nach Moder und Körpergerüchen und Angst – das war der durchdringendste Geruch von allen. Immer weiter fielen die Bomben, kreischend und dröhnend, die Kellerwände vibrierten, Staub rieselte von der Decke. Ein Baby weinte und ließ sich nicht beruhigen.

»Bringen Sie das Kind zur Ruhe, bitte«, zischte jemand.

»Ich versuche es ja, Monsieur. Es hat Angst.«

»Wie wir alle.«

Nach einer gefühlten Ewigkeit kehrte Stille ein. Sie war beinahe noch schlimmer als der Lärm. Was war von Paris noch übrig?

Bis die Sirene endlich das Entwarnungssignal gab, fühlte sich Isabelle wie betäubt.

»Isabelle?«

Sie wünschte sich, ihr Vater würde ihre Hand nehmen und sie trösten, selbst wenn es nur für einen Moment war, doch er wandte sich ab und ging die dunkle, gewundene Kellertreppe hinauf. In ihrer Wohnung lief Isabelle sofort ans Fenster und spähte an der Verdunklung vorbei in Richtung des Eiffelturms. Er war immer noch da, ragte hoch über eine Wand aus dichtem schwarzem Qualm hinaus.

»Komm weg vom Fenster«, sagte ihr Vater.

Sie drehte sich langsam um. Das einzige Licht im Zimmer stammte von seiner Taschenlampe, ein schwacher gelber Strahl in der Dunkelheit. »Paris wird nicht fallen«, sagte sie.

Er erwiderte nichts. Runzelte die Stirn. Sie überlegte, ob er an den Weltkrieg dachte und an das, was er in den Schützengräben erlebt hatte. Vielleicht schmerzte seine alte Verletzung, erwachte mit den Geräuschen der niedergehenden Bomben und zischenden Flammen die alte Pein.

»Geh zu Bett, Isabelle.«

»Ich kann jetzt unmöglich schlafen!«

Er seufzte. »Du wirst noch lernen, dass sehr vieles möglich ist.«

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FÜNF

Die Regierung hatte sie belogen. Wieder und wieder hatte man ihnen versichert, dass die Maginot-Linie die Deutschen aus Frankreich heraushalten würde.

Lügen.

Weder Beton und Stahl noch französische Soldaten konnten Hitlers Vormarsch aufhalten, und die Regierungsvertreter waren aus Paris geflüchtet wie Diebe in der Nacht. Es hieß, sie seien in Tours, um eine Strategie zu entwickeln, aber was sollte eine Strategie noch nützen, wenn Paris vom Feind überrannt wurde?

»Bist du fertig?«

»Ich werde nicht gehen, Papa. Das habe ich dir schon gesagt.« Sie trug ein Reisekleid – wie er gewollt hatte –, ein rotgetupftes Sommerkleid, und niedrige Absätze.

»Wir werden diese Diskussion nicht wiederholen, Isabelle. Gleich sind die Humberts hier, um dich abzuholen. Sie werden dich bis nach Tours mitnehmen. Von dort aus überlasse ich es deinem Einfallsreichtum, wie du zum Haus deiner Schwester kommst. So oft wie du aus der Schule weggelaufen bist, hast du weiß Gott genügend Erfahrung, wenn es ums Improvisieren auf Reisen geht.«

»Du wirfst mich also hinaus. Wieder einmal.«

»Es reicht jetzt, Isabelle. Du wirst tun, was ich dir sage. Du wirst Paris verlassen.«

Wusste er, wie sehr er sie damit verletzte? Kümmerte es ihn?

»Du hast dich nie um Vianne oder mich geschert. Und sie will mich genauso wenig wie du bei sich haben.«

»Du gehst«, sagte er.

»Ich will bleiben und kämpfen, Papa. Wie Edith Cavell.«

Er verdrehte die Augen. »Weißt du auch noch, wie sie gestorben ist? Exekutiert von den Deutschen.«

»Papa, bitte.«

»Genug. Ich habe gesehen, wozu sie fähig sind, Isabelle. Du nicht.«

»Wenn es so schlimm ist, solltest du mit mir gehen.«

»Und ihnen die Wohnung und den Buchladen überlassen?« Er packte sie an der Hand und zog sie grob aus der Wohnung und die Treppe hinunter. Sie keuchte hinter ihm her, ihr Strohhut und der Koffer schlugen an die Wände.

Schließlich öffnete er die Haustür und zerrte sie hinaus auf die Avenue da La Bourdonnais.

Chaos. Staub. Gedränge. Die Straße war ein zuckender, atmender Menschendrache, der vorankroch, Schmutz aufwirbelte, lautes Gehupe von sich gab. Leute riefen um Hilfe, Kinder weinten, und über allem hing der scharfe Geruch von Schweiß und Angst.

Autos verstopften die Straße, jedes schwer mit Kisten und Taschen beladen. Manche Leute hatten genommen, was eben zur Verfügung stand – Karren und Fahrräder, sogar Kinderwagen.

Wer kein Auto oder Benzin zur Verfügung hatte ging zu Fuß. Hunderte, Tausende Frauen und Kinder, die sich an den Händen hielten, sich vorwärtsschoben, so viel mitgenommen hatten, wie sie nur tragen konnten. Koffer, Picknickkörbe, Schoßtiere.

Schon jetzt waren die Ältesten und die Jüngsten am langsamsten.

Isabelle wollte sich dieser hoffnungslosen, hilflosen Masse aus Frauen, Kindern und alten Leuten nicht anschließen. Während die jungen Männer fort waren, für sie an der Front starben, flüchteten ihre Familien nach Süden oder Westen, auch wenn niemand sagen konnte, weshalb es dort sicherer sein sollte. Hitlers Truppen waren schon in Polen, Belgien und die Tschechoslowakei einmarschiert.

Die Menschenmenge umschloss sie.

Eine Frau rempelte Isabelle an, murmelte pardon und ging weiter.

Isabelle folgte ihrem Vater. »Ich kann etwas Nützliches tun. Bitte. Ich werde Krankenschwester oder fahre einen Sanitätswagen. Ich kann auch Verbände aufrollen, ich könnte sogar Wunden nähen.«

Neben ihnen schrillte unvermittelt eine Autohupe.

Ihr Vater schaute an ihr vorbei, und sie las Erleichterung in seiner Miene. Sie kannte diesen Blick: Er bedeutete, dass ihr Vater kurz davor war, sie loszuwerden. Wieder einmal. »Dort sind sie«, sagte er.

»Schick mich nicht weg«, sagte sie. »Bitte.«

Er schob sie durch die Menge zu einem staubigen schwarzen Auto am Straßenrand. Auf seinem Dach waren eine durchgelegene, fleckige Matratze, ein paar Angelruten und ein Kaninchenkäfig festgezurrt, in dem noch das Kaninchen saß. Die Kofferraumhaube stand offen, war aber ebenfalls festgebunden; darunter sah Isabelle ein Durcheinander aus Körben, Koffern und Lampen.

Im Auto klammerte sich Monsieur Humbert mit seinen blassen dicken Fingern ans Steuerrad, als wäre der Wagen ein Pferd, das jede Sekunde durchgehen könnte. Er war ein korpulenter Mann, der in der Metzgerei in der Nähe des Buchladens arbeitete. Seine Frau Patricia war stämmig und hatte ein flächiges Bauerngesicht, wie man es häufig auf dem Land sah. Sie rauchte eine Zigarette und starrte aus dem Fenster, als könne sie ihren Augen nicht trauen.

Monsieur Humbert kurbelte sein Fenster herunter und streckte den Kopf heraus. »Hallo, Julien. Ist sie bereit zur Abfahrt?«

Ihr Vater nickte. »Sie ist bereit. Merci, Edouard.«

Patricia beugte sich herüber, um durchs offene Fenster mit Isabelles Vater zu sprechen. »Wir fahren nur bis Orléans. Und sie muss ihren Anteil am Benzin bezahlen.«

»Natürlich.«

Isabelle konnte nicht wegfahren. Das war feige. Falsch. »Papa …«

»Au revoir«, sagte er nachdrücklich genug, um sie daran zu erinnern, dass sie keine Wahl hatte. Er nickte in Richtung des Autos, und sie bewegte sich steif darauf zu.

Sie öffnete die hintere Beifahrertür und sah ein Knäuel aus drei kleinen schmuddeligen Mädchen vor sich, die Kekse knabberten. Sich zu ihnen zu setzen war das Letzte, was Isabelle wollte, dennoch schob sie sich auf die Rückbank, machte sich Platz bei diesen Fremden und schlug die Tür zu.

Dann drehte sie sich um und schaute durch die Heckscheibe ihren Vater an. Er erwiderte ihren Blick; sie sah, dass er die Mundwinkel ganz leicht senkte; das war der einzige Hinweis darauf, dass er sie wahrnahm. Die Menschenmenge wogte um ihn wie Wasser um einen Felsen, und schließlich sah Isabelle hinter dem Auto nur noch eine Mauer aus staubbedeckten Fremden.

Sie drehte sich wieder nach vorn, schaute aus dem Seitenfenster und hatte den wilden Blick einer jungen Frau vor Augen. Das hochgesteckte Haar der Frau war halb heruntergerutscht, an ihrer Brust lag ein Säugling. Das Auto fuhr langsam, kroch manchmal nur noch weiter, und von Zeit zu Zeit blieb es sehr lange einfach stehen. Isabelle sah zu, wie sich ihre Landsmänner – Landsfrauen – vorbeischoben, mit verwirrtem, schreckerfülltem Blick, und immer wieder schlug eine von ihnen auf die Motor- oder Kofferraumhaube und bat um irgendetwas. Sie ließen die Fenster zu, obwohl es in dem Wagen erstickend heiß war.

Zuerst war Isabelle nur traurig, weil sie gehen musste, dann gewann ihre Wut die Oberhand, kochte noch heißer auf, als es hinten in dem stinkenden Auto ohnehin schon war. Isabelle hatte es satt, sich herumschubsen zu lassen. Zuerst hatte ihr Vater sie im Stich gelassen, dann war sie von Vianne abgeschoben worden. Sie schloss die Augen, um ihre Tränen zu verbergen. In der Dunkelheit, die nach Wurst und Schweiß und Rauch roch, mit den streitenden Kindern neben sich, dachte sie daran, wie sie das erste Mal weggeschickt worden war.

Die lange Zugfahrt … Isabelle neben Vianne gezwängt, die nichts tat, außer zu schniefen, zu weinen und so zu tun, als ob sie schliefe.

Und dann Madame, die an ihrer Zapfhahnnase entlang auf sie herabblickte. Sie werden keine Schwierigkeiten machen.

Auch wenn sie noch klein gewesen war, erst vier Jahre alt, hatte Isabelle gedacht, sie wüsste, was Alleinsein heißt, aber sie hatte sich getäuscht. In den drei Jahren, die sie in Le Jardin wohnte, hatte sie wenigstens eine Schwester gehabt, selbst wenn Vianne nie für sie da war. Isabelle erinnerte sich, wie sie von dem Fenster im oberen Stock aus Vianne und ihre Freundinnen beobachtet hatte, wie sehr sie sich gewünscht hatte, dass sich Vianne an sie erinnerte und sie zum Spielen rief. Und dann, als Vianne Antoine heiratete und Madame Unheil – das war natürlich nicht ihr richtiger Namen, aber garantiert die Wahrheit – kündigte, hatte Isabelle gedacht, sie würde zur Familie gehören. Doch nicht für lange. Nach Viannes Fehlgeburt hieß es sofort Auf Wiedersehen, Isabelle. Drei Wochen später, sie war inzwischen sieben Jahre alt, war sie in ihrem ersten Internat. Dort hatte sie erst richtig begriffen, was Alleinsein bedeutet.

»Isabelle. Hast du etwas zu essen mitgenommen?«, fragte Patricia. Sie hatte sich auf ihrem Sitz umgedreht und sah Isabelle an.

»Nein.«

»Wein?«

»Ich habe Geld und Kleidung und Bücher mitgenommen.«

»Bücher«, sagte Patricia verächtlich und wandte sich wieder nach vorn. »Das wird bestimmt eine große Hilfe sein.«

Isabelle richtete ihren Blick aus dem Fenster. Was hatte sie sonst noch für Fehler begangen?

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Stunden vergingen. Die Autofahrt Richtung Süden verlief quälend langsam. Isabelle war dankbar für den Staub, der von der Straße aufstieg. Er legte sich auf die Fensterscheiben und verhüllte den schrecklichen, deprimierenden Ausblick.

Menschen. Überall. Vor ihnen, hinter ihnen, neben ihnen, so dichtgedrängt, dass der Wagen nur stückchenweise vorankam. Es war, wie durch einen Bienenschwarm zu fahren, der für Sekunden einen Weg freigab, um sich gleich darauf wieder zusammenzuschließen. Die Sonne war unerträglich heiß. Sie verwandelte den miefenden Innenraum des Autos in einen Backofen, und sie brannte auf die Frauen herunter, die sich draußen voranschoben, auf ihrem Weg … wohin? Niemand wusste, was genau hinter ihnen geschah und wo sie Sicherheit finden würden.

Das Auto machte einen Ruck vorwärts und blieb dann unvermittelt stehen. Isabelle wurde gegen den Vordersitz geschleudert. Die Kinder fingen sofort an, nach ihrer Mutter zu rufen und zu weinen.

»Merde«, murmelte Monsieur Humbert.

»M’sieur Humbert«, sagte Patricia geziert. »Die Kinder.«

Eine alte Frau schlug beim Vorbeigehen auf die Motorhaube des Autos.

»Das war’s dann, Madame Humbert«, sagte er. »Wir haben kein Benzin mehr.«

Patricia glotzte ihn an wie ein Fisch auf dem Trockenen. »Wie bitte?«

»Ich habe unterwegs bei jeder Tankstelle gehalten. Das weißt du. Wir haben kein Benzin mehr, und es gibt auch keins zu kaufen.«

»Aber … also … was sollen wir jetzt machen?«

»Wir suchen uns eine Bleibe. Vielleicht kann ich meinen Bruder dazu bringen, uns abzuholen.« Humbert öffnete vorsichtig die Fahrertür, um niemanden zu verletzen, der an dem Wagen vorbeiging, und stieg aus. Auf der staubigen Landstraße stehend, sagte er: »Siehst du, dort? Es ist nicht mehr weit bis Étampes. Wir suchen uns ein Zimmer, und morgen sieht alles gleich viel besser aus.«

Isabelle setzte sich aufrecht hin. Hatte sie etwas verpasst? Warum gaben sie so einfach den Wagen auf? Lag Tours nicht noch über hundertfünfzig Kilometer weiter? »Glauben Sie denn, wir können bis nach Tours laufen?«

Patricia drehte sich auf ihrem Sitz zu ihr um. Sie wirkte so erschöpft und verschwitzt, wie Isabelle sich fühlte. »Vielleicht hilft dir ja eins von deinen Büchern. Kommt, Mädchen. Raus aus dem Auto.«

Isabelle griff nach ihrem Koffer, der unter ihren Füßen stand. Er hatte sich im Fußraum verkeilt und ließ sich nur mit Kraft bewegen. Mit einem entschlossenen Knurren gelang es ihr schließlich, ihn herauszuziehen. Dann öffnete sie die Autotür und stieg aus.

Jemand versuchte ihr den Koffer wegzureißen. Sie kämpfte darum, hängte sich mit ihrem ganzen Gewicht daran. Als sie den Koffer an ihren Körper drückte, ging gerade eine Frau an ihr vorbei, die ihre Besitztümer auf ein Fahrrad geladen hatte. Die Frau starrte Isabelle hoffnungslos an, aus ihren dunklen Augen sprach vollkommene Erschöpfung.

Jemand anders stieß Isabelle an, sie stolperte vorwärts und wäre beinahe hingefallen. Nur die dichtgedrängten Körper vor ihr bewahrten sie davor, in Staub und Schmutz auf die Knie zu gehen. Sie hörte, wie sich die Frau neben ihr entschuldigte, und wollte etwas zu ihr sagen, als ihr die Humberts wieder einfielen.

Sie schob sich bis zur anderen Seite des Autos durch die Menschenmenge und rief: »Monsieur Humbert!«

Keine Antwort, nur die unaufhörlichen Schritte auf der Straße.

Sie rief Patricias Namen, doch ihr Ruf wurde von dem Geräusch der vielen Schritte geschluckt und vom Knirschen der vielen Reifen auf der Straße. Leute stießen sie an, drängten sich an ihr vorbei. Wenn sie jetzt hinfiele, würde sie an Ort und Stelle totgetrampelt, allein in dem Gedränge ihrer Landsleute.

Sie umschloss den weichen Ledergriff ihres Koffers fester und gliederte sich in den Zug Richtung Étampes ein.

Als es Stunden später dunkel wurde, lief sie immer noch. Ihre Füße schmerzten, eine Blase brannte bei jedem Schritt. Der Hunger ging an ihrer Seite, bohrte ihr unaufhörlich seinen spitzen Ellbogen in die Rippen, doch was hätte sie tun können? Sie hatte Sachen für einen Besuch bei ihrer Schwester eingepackt, nicht für einen endlosen Exodus. Sie hatte ihre Lieblingsausgabe von Madame Bovary dabei und das Buch, das gerade jedermann las: Vom Winde verweht, und ein wenig Kleidung, aber nichts zu essen und kein Wasser. Sie hatte damit gerechnet, dass die Fahrt nicht länger als ein paar Stunden dauern würde – und ganz bestimmt nicht damit, dass sie zu Fuß nach Carriveau gehen würde.

Auf einer kleinen Anhöhe blieb sie stehen. Im Licht des Mondes waren Tausende Menschen auf dem gleichen Weg wie sie, vor ihr, hinter ihr; Menschen, die sie anrempelten, sie beiseitedrängten, sie weiterschoben, bis sie keine andere Wahl hatte, als mit ihnen voranzustolpern. Hunderte nutzten den Hügel als Rastplatz. Frauen und Kinder lagerten an der Straße, auf Feldern, in Gräben und trockengefallenen Entwässerungsrinnen.

Die Landstraße war übersät mit aufgegebenen Autos und Besitztümern; vergessen, weggeworfen, zertreten, zu schwer zum Tragen.

Als sie kurz vor Étampes war, blieb Isabelle erschöpft stehen. Die Menschenmenge breitete sich vor ihr aus, schleppte sich auf der Straße Richtung Stadt.

Und da begriff sie es.

Es würde keine Übernachtungsmöglichkeit in Étampes geben und nichts zu essen. Die Flüchtlinge, die vor ihr angekommen waren, mussten wie ein Heuschreckenschwarm durch die Stadt gezogen sein und alles Essbare in den Regalen gekauft haben. Es würde kein freies Zimmer geben. Ihr Geld würde ihr nicht helfen.

Was also sollte sie tun?

Richtung Südwesten gehen, nach Tours und Carriveau, was sonst? Ein paar Jahre zuvor, als sie es wieder einmal nach Paris zurückschaffen wollte, hatte sie sich einige Landkarten dieser Region genau angesehen. Sie kannte diese Gegend, wenn sie nur richtig nachdenken konnte.

Sie löste sich aus der Menge, die in Richtung der mondbeschienenen grauen Häuser von Étampes drängte, und bahnte sich vorsichtig einen Weg über ein Feld. Überall saßen Leute im Gras oder schliefen unter Decken. Sie hörte ihre Bewegungen, ihr Flüstern. Hunderte von ihnen. Tausende. Auf der anderen Seite des Feldes entdeckte sie einen Pfad, der an einer niedrigen Steinmauer entlang nach Süden führte. Sie folgte ihm und fand sich schon bald allein wieder. Sie hielt inne, gab sich diesem neuen Gefühl hin, ließ sich von ihm beruhigen. Dann ging sie weiter. Nach etwa anderthalb Kilometern führte der Weg in einen Wald aus dürren Bäumen.

Als sie tief im Wald war – und versuchte, ihre schmerzenden Füße, ihren knurrenden Magen und ihre trockene Kehle nicht zu beachten –, roch sie auf einmal Rauch.

Und röstendes Fleisch. Der Hunger besiegte ihre Entschlossenheit und Vorsicht. Sie sah den orangefarbenen Schein eines Feuers und bewegte sich darauf zu. Im letzten Augenblick wurde ihr bewusst, wie gefährlich die Situation für sie werden konnte, und sie blieb stehen. Ein Zweig knackte unter ihrem Fuß.

»Du kannst genauso gut rüberkommen«, sagte eine männliche Stimme. »Du trampelst wie ein Elefant durch den Wald.«

Isabelle erstarrte. Sie wusste, wie leichtsinnig sie gewesen war.

»Wenn ich deinen Tod gewollt hätte, wärst du schon tot.«

Das stimmte wohl. Er hätte sich im Dunkeln an sie heranschleichen und ihr die Kehle durchschneiden können. Sie hatte auf nichts anderes geachtet als auf das bohrende Gefühl in ihrem leeren Magen und den Geruch von gebratenem Fleisch.

»Du kannst mir vertrauen.«

Sie starrte in die Dunkelheit, versuchte ihn auszumachen. Es gelang ihr nicht. »Dasselbe würdest du sagen, wenn das Gegenteil der Fall wäre.«

Ein Lachen. »Oui. Und jetzt, komm her. Ich habe einen Hasen auf dem Feuer.«

Sie folgte dem Schein der Flammen über ein felsiges Bachbett eine kleine Anhöhe hinauf. Die Baumstämme um sie glänzten silbrig im Mondlicht. Sie bewegte sich vorsichtig, jeden Moment zur Flucht bereit. Beim letzten Baum vor dem Lagerfeuer blieb sie stehen.

Ein junger Mann saß am Feuer, mit dem Rücken an einen Baumstamm gelehnt, ein Bein ausgestreckt, das andere angezogen. Er war vermutlich nur wenige Jahre älter als Isabelle.

Im orangefarbenen Schein der Flammen war er nicht genau zu sehen. Er hatte längeres strähniges Haar, das wohl keinen allzu vertrauten Umgang mit Kamm und Seife pflegte, und trug so schmutzige und geflickte Kleidung, dass sich Isabelle an die Kriegsflüchtlinge erinnert fühlte, die durch Paris gezogen waren, Zigaretten, Papier und leere Flaschen gehortet und um Tausch oder andere Hilfe gebettelt hatten. Er hatte das bleiche, ungesunde Aussehen eines Menschen, der nie weiß, woher seine nächste Mahlzeit kommt.

Und doch bot er ihr etwas zu essen an.

»Ich hoffe, du bist ein Ehrenmann«, sagte sie von ihrem Platz im Dunkeln aus.

Er lachte. »Das hoffst du ganz bestimmt.«

Sie trat in den Lichtkreis des Feuers.

»Setz dich«, sagte er.

Sie ließ sich ihm gegenüber im Gras nieder. Er beugte sich um das Lagerfeuer und reichte ihr eine Weinflasche. Sie trank einen großen Schluck, so gierig, dass er lachte, als sie ihm die Flasche zurückgab und sich Wein vom Kinn wischte.

»Du bist mir ja eine schöne Säuferin.«

Sie hatte keine Ahnung, was sie darauf erwidern sollte.

Er lächelte.

»Gaëton Dubois. Meine Freunde nennen mich Gaët.«

»Isabelle Rossignol.«

»Ah, eine Nachtigall.«

Sie zuckte mit den Schultern. Das hatte sie schon oft gehört. Ihr Familienname bedeutete Nachtigall. Ihre Mutter hatte Vianne und Isabelle beim Gutenachtkuss immer ihre Nachtigallen genannt. Das war eine der wenigen Erinnerungen, die Isabelle an sie hatte. »Warum gehst du aus Paris weg? Ein Mann wie du sollte dort bleiben und kämpfen.«

»Sie haben das Gefängnis geöffnet. Anscheinend wollen sie uns lieber für Frankreich kämpfen lassen, statt dass wir hinter Gittern sitzen, wenn die Deutschen durchmarschieren.«

»Du warst im Gefängnis?«

»Hast du jetzt Angst?«

»Nein. Es ist nur … unerwartet.«

»Du solltest Angst haben«, sagte er und schob sich eine Haarsträhne aus den Augen. »Egal, bei mir bist du sicher. Ich habe andere Sachen im Kopf. Ich sehe nach meiner Maman und meiner Schwester, und dann suche ich mir ein Regiment, in das ich eintreten kann. Ich töte so viele von diesen Bastarden wie nur möglich.«

»Du hast Glück«, sagte sie und seufzte. Warum war es für Männer so einfach, zu tun, was sie wollten, und für Frauen so schwer?

»Komm doch mit.«

So dumm war Isabelle nicht. »Das sagst du nur, weil ich hübsch bin und du denkst, du kriegst mich ins Bett, wenn ich mitgehe.«

Er starrte sie über das Lagerfeuer hinweg an. Es knackte und zischte, als Fett in die Flammen tropfte. Er nahm einen langen Zug aus der Weinflasche und reichte ihr die Flasche zurück. Nahe bei den Flammen streiften sich ihre Finger, ein kaum merkliches Gleiten von Haut an Haut. »Ich könnte dich jetzt sofort haben, wenn ich es wollte.«

»Aber nur gegen meinen Willen«, sagte sie, schluckte mühsam und war nicht fähig, den Blick von ihm abzuwenden.

»Nein, nicht gegen deinen Willen«, sagte er auf eine Art, die ihre Haut prickeln und ihr den Atem stocken ließ. »Aber das habe ich gar nicht gemeint. Und auch nicht gesagt. Ich habe dich gebeten, zum Kämpfen mitzukommen.«

In Isabelle stieg ein nie gekanntes Gefühl auf, sie vermochte kaum, es zu fassen. Sie wusste, dass sie schön war. Das war für sie einfach eine Tatsache. Sie hörte es ständig, wenn sie eine neue Bekanntschaft machte. Sie sah das eindeutige Begehren, mit dem Männer sie anschauten, kannte die Bemerkungen über ihr Haar, ihre grünen Augen oder ihre vollen Lippen, kannte die Blicke auf ihre Brust. Auch in den Augen von Frauen fand sie ihre Schönheit gespiegelt; schon in der Schule hatten ihre Mitschülerinnen nicht gewollt, dass sie mit den Jungen redete, für die sie schwärmten, und hatten sie für arrogant gehalten, noch bevor Isabelle ein Wort gesagt hatte.

Ihre Schönheit war einfach nur ein weiterer Grund, sie auszugrenzen, sie zu übersehen. Sie hatte sich daran gewöhnt, auf andere Art nach Aufmerksamkeit zu suchen. Und doch war sie nicht vollkommen ahnungslos, wenn es um die Leidenschaft ging. Schließlich hatten die Franziskanerinnen sie der Schule verwiesen, weil sie während der Messe einen Jungen geküsst hatte.

Aber dieses Gefühl war etwas anderes.

Selbst bei diesem Licht sah er ihre Schönheit, das wusste sie, doch sie war ihm unwichtig. Entweder das, oder er war klug genug, um zu erkennen, dass sie der Welt mehr bieten wollte als ein hübsches Gesicht.

»Ich könnte etwas tun, das zählt«, sagte sie leise.

»Natürlich könntest du das. Und ich könnte dir beibringen, wie man mit einer Pistole und einem Messer umgeht.«

»Ich muss nach Carriveau, um sicher zu sein, dass es meiner Schwester gutgeht. Ihr Mann ist an der Front.«

Er schaute sie über das Feuer hinweg eindringlich an. »Wir sehen nach deiner Schwester in Carriveau und nach meiner Mutter in Poitiers, und dann kämpfen wir im Krieg.«

Bei ihm klang es nach einem großen Abenteuer, so als würden sie durchbrennen, um sich einem Zirkus anzuschließen und mit Schwertschluckern und einer dicken Dame mit Bart herumzuziehen.

Nach diesem Gefühl hatte sie sich schon immer gesehnt. »Abgemacht«, sagte sie und konnte ihr Lächeln nicht unterdrücken.

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SECHS

Als Isabelle am nächsten Morgen blinzelnd erwachte, sah sie über sich das von der Sonne vergoldete Blätterdach.

Sie setzte sich auf und zog ihr Kleid zurecht, das ihr im Schlaf hochgerutscht war und die mit weißer Spitze besetzten Strumpfhalter und ruinierte Seidenstrümpfe sehen ließ.

»Meinetwegen musst du das nicht machen.«

Isabelle warf einen Blick nach links, von wo Gaëton auf sie zukam. Zum ersten Mal konnte sie ihn deutlich sehen. Er war hoch aufgeschossen, sein sehniger Körper bewegte sich mit einer natürlichen Lässigkeit, und seine Kleidung schien aus dem Mülleimer eines Bettlers zu stammen. Unter seiner ausgefransten Mütze zeigte sich ein schmuddeliges, unrasiertes und scharfgeschnittenes Gesicht. Er hatte eine breite Stirn, ein vorspringendes Kinn, und seine tiefliegenden grauen Augen umgab ein dichter Wimpernkranz. Der Blick aus diesen Augen war so scharf wie die Spitze seines Kinns und zeigte eine Art geläutertes Verlangen. Am Abend zuvor hatte sie gedacht, das wäre seine Art, sie anzuschauen. Nun aber erkannte sie, dass dies seine Sicht auf die Welt im Ganzen war.

Sie fürchtete sich nicht vor ihm, ganz und gar nicht. Isabelle war nicht wie ihre Schwester Vianne, die ihren Ängsten und Bedenken ausgeliefert war. Doch eine Närrin war Isabelle genauso wenig. Wenn sie mit diesem Mann weiterziehen wollte, klärte sie vorab besser ein paar Dinge.

»Also«, sagte sie, »Gefängnis.«

Er starrte sie an, hob eine schwarze Augenbraue, als wollte er sagen: Schon Angst bekommen?

»Ein Mädchen wie du hat davon überhaupt keine Ahnung. Ich könnte dir erzählen, es war so eine Jean-Valjean-Sache – Hungernder für den Diebstahl einer Brotrinde eingesperrt oder so –, und du würdest es für romantisch halten.«

So etwas hörte sie ständig. Es hing mit ihrem Aussehen zusammen, wie die meisten höhnischen Bemerkungen. So eine gutaussehende Blondine musste ja oberflächlich und beschränkt sein. »Hast du Lebensmittel gestohlen, um deine Familie durchzubringen?«

Er setzte ein schiefes Grinsen auf. »Nein.«

»Bist du gefährlich?«

»Kommt darauf an. Was denkst du über Kommunisten?«

»Aha. Also warst du ein politischer Gefangener.«

»So was in der Art. Aber wie gesagt, ein niedliches Mädchen wie du hat keine Ahnung vom Überleben.«

»Du würdest dich wundern, was ich alles weiß, Gaëton. Es gibt mehr als eine Sorte Gefängnis.«

»Tatsächlich, meine Hübsche? Und was weißt du darüber?«

»Was hast du getan?«

»Ich habe Dinge genommen, die mir nicht gehörten. Reicht das als Antwort?«

Ein Dieb.

»Und du bist erwischt worden.«

»Offensichtlich.«

»Das ist nicht sehr beruhigend, Gaëton. Warst du unvorsichtig?«

»Gaët«, sagte er, während er weiter auf sie zukam.

»Ich habe noch nicht entschieden, ob wir Freunde sind.«

Er berührte ihr Haar, wickelte ein paar Strähnen um seinen schmutzigen Zeigefinger. »Wir sind Freunde. Darauf kannst du vertrauen. Und jetzt lass uns aufbrechen.«

Als er nach ihrer Hand griff, überlegte sie, ob sie sich wegdrehen sollte, doch dann tat sie es nicht. Sie gingen aus dem Wald und wieder auf die Straße, tauchten erneut in die Menge ein, die ihnen nur eine kleine Lücke bot, in die sie hineinschlüpften, um sich dann hinter ihnen wieder zu schließen. Isabelle hielt sich mit der einen Hand an Gaëton fest, in der anderen trug sie ihren Koffer.

Sie gingen kilometerweit.

Autos blieben liegen. Karrenräder brachen. Pferde blieben stehen und konnten nicht dazu gebracht werden, sich weiterzubewegen. Isabelle registrierte, wie sie teilnahmslos und träge wurde, erschöpft von Hunger und Durst. Eine Frau hinkte neben ihr, weinend, ihre Tränen zogen Spuren durch ihr vom Staub geschwärztes Gesicht, und irgendwann war da anstelle dieser Frau eine ältere Frau in einem Pelzmantel, die stark schwitzte und jedes Schmuckstück zu tragen schien, das sie besaß.

Die Sonne stieg höher, es wurde drückend heiß. Kinder jammerten, Frauen wimmerten. Der säuerliche Geruch nach Schweiß und ungewaschenen Körpern lag in der Luft, aber Isabelle hatte sich so daran gewöhnt, dass sie kaum noch wahrnahm, wie die Menschen um sie herum oder sie selbst rochen.

Es war beinahe drei Uhr nachmittags, die Hitze hatte ihren Höhepunkt erreicht, als sie ein Regiment französischer Soldaten sahen, die, ihre Gewehre schleppend, mit ihnen in die gleiche Richtung gingen. Die Soldaten bewegten sich ohne militärische Ordnung, ungegliedert und kraftlos. Ein Panzer rumpelte neben ihnen her, zermalmte knirschend die Besitztümer, die auf der Straße weggeworfen worden waren; auf ihm saßen zusammengesunken mehrere bleiche Soldaten mit gesenkten Köpfen.

Isabelle löste ihre Hand aus Gaëtons Griff und bahnte sich mit den Ellbogen einen Weg durch die Menge zu den Regimentssoldaten. »Ihr geht in die falsche Richtung!«, schrie sie und war selbst überrascht, wie heiser ihre Stimme klang.

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