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Die Tochter des Malers

Über Gloria Goldreich

Gloria Goldreich ist die von der Kritik hochgelobte Autorin zahlreicher Erzählungen, Kinder- und Jugendbücher sowie mehrerer Romane. Ihr Werk wurde mehrfach ausgezeichnet. Sie ist die Mutter dreier Kinder und lebt mit ihrem Mann in Tuckahoe, New York.

Kathrin Bielfeldt ist Texterin und Übersetzerin und spricht fünf Sprachen. Sie hat unter anderem Romane von Elisabeth Elo, Pete Dexter und James Sallis ins Deutsche übertragen.

Informationen zum Buch

Ein Roman wie ein Gemälde von Marc Chagall: voller Poesie, Träume und Liebe

Paris, 1935: Ida ist die behütete Tochter des Ausnahmekünstlers Marc Chagall und eines seiner Lieblingsmotive. Als sie sich in den Studenten Michel verliebt, steht die innige Beziehung zu ihrem Vater auf dem Spiel. Dann wird Frankreich von den Deutschen besetzt, und ihrer Familie droht tödliche Gefahr, was Chagall jedoch in blinder Hingabe an seine Kunst verleugnet. Schon bald muss Ida sich entscheiden – zwischen ihrem eigenen Lebensweg und der Rettung ihres Vaters.

Bewegend, mitreißend, voller Tragik – und eine wahre Geschichte

Gloria Goldreich

Die Tochter des Malers

Roman

Aus dem Amerikanischen von Kathrin Bielfeldt

Für meine wichtigsten Leser
(am Ende des Tages):

Gila Rosa, Samuel Nathan und Lily Esther Sheldon

Ruthy Gal, Saul Eitan und Ilan Yehudah Amkraut

Koby Matan und Alon Yoav Horowitz

Vorwort der Autorin

Die Tochter des Malers ist ein biographischer Roman, der auf dem Leben von Ida Chagall basiert, der einzigen Tochter des Künstlers Marc Chagall.

Während ich mich treu an die Chronologie ihres Lebens und jene historischen Ereignisse gehalten habe, die es prägten, habe ich mir die schriftstellerische Freiheit erlaubt, Szenen und Dialoge zu erschaffen, die allein meiner Phantasie entsprungen sind. In diesen Fällen habe ich versucht, mich so weit wie möglich an den Persönlichkeiten der Protagonisten und den bekannten Details der Geschehnisse zu orientieren. Meine Kenntnisse darüber bezog ich aus einem umfassenden Studium der Biographien, Briefe und Erzählungen, mit denen diese erfundenen Situationen und Gespräche im weitesten Sinne zu tun haben. Ich stütze mich auf viele Quellen, möchte jedoch folgende herausheben:

Jackie Wullschlagers großartigen Band Chagall: A Biography (Knopf) und My Life with Chagall von Virginia Haggard (Donald I. Fine).

1. Kapitel

Ein Grauen erfasst sie, das sie nicht benennen kann, doch sie befindet sich in Gefahr, dessen ist sie gewiss. Ihr Atem kommt stoßweise, schwer. Sie läuft, sie rennt. Die Metallplättchen an den Absätzen ihrer Lacklederschuhe klackern auf dem Kopfsteinpflaster, und ihr Herz schlägt wild, als hätte es Mühe, mit ihrem verzweifelten Tempo mitzuhalten. Ihre Eltern packen sie an den Händen – Mutters scharfe Nägel bohren sich in ihre rechte Handfläche, und ihr Vater hält die Linke in schmerzhaft festem Griff.

»Schneller, Idotschka. Schneller«, drängen sie. Die Furcht in ihren Stimmen lässt sie zittern.

Ihre Verfolger holen auf, Stiefel trommeln in dröhnendem Hass, Pferdehufe hämmern unheilvoll.

Sie kann nicht schneller. Sie spürt, wie die Kraft sie verlässt, sie strauchelt. Tränen laufen ihr über die Wangen. Wie böse ihre Eltern würden, fiele sie hin, ihre Mamotschka, ihr Papotschka.

Und dann plötzlich ist der Wettlauf vorbei, und sie werden in den Himmel gehoben. Sie steigen auf, alle drei, halten sich fest an den Händen, die Herzen leicht, fliegen sie himmelwärts. Die Arme ihrer Eltern werden zu Flügeln, und sie suchen sich ihren Weg durch den Himmel, der nicht länger in eine samtige Dunkelheit gehüllt ist, sondern nun auf wundersame Weise mit Blumen in allen Farben des Regenbogens übersät. Ein Windhauch fährt ihr durch die rotgoldenen Locken, und sie lacht, als die dichten Ranken sie am Kinn kitzeln. Ihr Rock bläht sich zu einem großen weißen Bausch auf, der sie sicher trägt.

Sie wirft einen Blick auf ihre Mutter, die mühelos durch die Luft schwingt, gleich einer Amsel, ihr Haar eine Haube aus poliertem Ebenholz, das Samtkleid, das ihren schlanken Körper umschließt, in der Farbe der Nacht. Sie wendet den Kopf nach links und sieht, dass ihrem Vater das Barett heruntergefallen ist und das dichte Haar nun sein elfenhaftes Gesicht umrahmt; feine Strähnen verschleiern einen Moment lang seine strahlendblauen Augen. Er lächelt; die Hand seiner Tochter liegt leicht und vertrauensvoll in der seinen. In diesem blumenbestreuten Himmel fühlt er sich heimisch. Er wird diese Himmelslandschaft malen, das weiß sie, wenn sie wieder in Sicherheit sind.

Sie gleiten, alle drei, werden wie Zephire auf sachten Brisen getragen, sanft gebettet auf Wolken, hoch oben über den brennenden Dörfern und den dunklen Reihen der Soldaten, die durch das Land marschieren, das sie einst das ihre nannten. Mütterchen Russland hat sie verstoßen. Sie sind verwaiste Flüchtlinge, abgewiesen und entwurzelt, doch flügelschlagend bahnen sie sich ihren Weg zu einem sicheren Hafen. Sie sprechen nicht, denn ihre Sprache haben sie verloren. Stille legt sich über sie, wie eine tröstende Decke, bestickt mit Hoffnung und Versprechen. Wortlos, ohne einen Laut.

Noch im Halbschlaf, geborgen in ihrem Bett, lächelte Ida das verschlafene Lächeln eines Träumers, dem es widerstrebt aufzuwachen. Sie streckte sich träge, schlug die Augen auf und blinzelte in das goldene Licht des frühen Morgens, das durch das große Fenster ihres Schlafzimmers strömte. Voll süßer Schwermut sang draußen ein Vogel, und sie trat ans Fenster. Eine einsame Grasmücke wippte auf einem dünnen Ast des Zitronenbaumes und erhob sich dann in den wolkenlosen Sommerhimmel.

»Au revoir«, rief sie ihm leise hinterher und schaute hinunter in den Garten, in dem ihre Eltern einander in den Korbstühlen gegenübersaßen und sich leise unterhielten, während sie ihren Morgenkaffee tranken. Ihre Stimmen drangen durch das offene Fenster, zur Musik ihrer Löffel, die gegen die Porzellantassen klirrten.

Sie beobachtete sie einen Moment, drehte sich dann um, zog sich das weiße Nachthemd aus und stand nackt vor ihrem großen Spiegel. Sie betrachtete die Kurven ihres Körpers, die zierliche Kontur ihres Gesichts. Dann hob sie ihr üppiges, schimmerndes Haar und ließ es wieder über die Schultern fallen.

Ihr Spiegelbild beruhigte sie. Sie ließ ihre Hände über die weiche Fülle ihrer Brüste gleiten und spürte die Macht ihrer aufkeimenden Fraulichkeit. Sie war nicht länger das kleine Mädchen aus ihren Alpträumen und verbannte die Bilder der Nacht aus ihren Gedanken. Die schmerzliche Vergangenheit lag hinter ihnen. Für einen himmlischen Hafen hatte sie keinen Bedarf. Sie zwang sich, die Traurigkeit zu verdrängen, die ihren Träumen so häufig nachklang.

Sie wandte den Kopf, betrachtete sich im Profil, lächelte ihr Spiegelbild probehalber an, verzog dann die Stirn.

Bin ich hübsch?, fragte sie sich. Schön sogar? Wird Michel finden, dass ich mich verändert habe?

An der Tür ihres Schlafzimmers klopfte es ungeduldig; ihr Name wurde gerufen. »Mademoiselle Ida! Mademoiselle Ida!«

Die schroffe Stimme Katjas, ihrer polnischen Hausangestellten, gereizt und anklagend, durchdrang ihre Träumerei.

»Es ist spät. Deine Eltern warten auf dich.«

»Sag ihnen, ich bin in ein paar Minuten unten.«

Katja grummelte etwas, dann entfernten sich ihre schweren Schritte beinahe vorwurfsvoll.

Ida zuckte die Achseln. Sie wusste, dass Katja sie nicht mochte, dass es ihr nicht gefiel, Dienstmädchen in einem jüdischen Haushalt zu sein. Aber das war bedeutungslos. Katja, wie ihre Mutter häufig betonte, konnte von Glück reden, für die Chagalls zu arbeiten. Sie waren freundliche Arbeitgeber, Katja bekam ihren Lohn pünktlich, sie aß das gleiche Essen wie die Familie, und auch für die Fahrt zur Kirche an Sonn- und Feiertagen war gesorgt.

Ida schüttelte den Gedanken an Katja ab, spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht und zog sich schnell an, entschied sich dabei für ein hellblaues, mit Perlen geknöpftes Kleid aus einem hauchdünnen Stoff, das sich leicht abstreifen ließ. Ihr Vater hatte gesagt, er wünsche, dass sie noch für ihn Modell stünde, bevor sie ins Ferienlager in den Bergen aufbrach. Er wollte die Serie von Aktstudien vervollständigen, die er Monate zuvor begonnen hatte und bei der er nach Lust und Laune wechselweise mit Aquarellfarben, Gouache, Kohle und Öl arbeitete.

Über die Jahre hatte ihr Vater mit dem Pinsel ein illustriertes Journal ihres Lebens erschaffen, eine Chronik ihrer ausgelassenen Kindheit, ihres launenhaften Jugendalters und ihrer sich nun zur vollen Blüte entfaltenden Weiblichkeit. Der Titel eines jeden Werkes stand in seiner ausladenden Handschrift auf dessen Rückseite, womit er Besitzanspruch und Provenienz zugleich dokumentierte. Da war Ida auf der Schaukel, ein Porträt in Bewegung, in flüchtigen Strichen gemalt, während sie sich himmelwärts katapultierte, dabei heftig mit ihren molligen Beinchen pendelte und der Wind ihre Wangen polierte. Mehr Zeit hatte er sich gelassen, Ida am Fenster zu malen, ein Bild, auf dem sie verträumt durch das changierende Fensterglas blickte, während die Sonne über ihrem Haus in Montchauvet unterging und das Wasser des Flusses aufflammen ließ.

»Woran denkst du, Idotschka?«, hatte ihr Vater an jenem Tag gefragt, während sein Pinsel über die Leinwand flog und er die Augen konzentriert zusammenkniff.

Sie hatte überlegt, ihm von der verzweifelten Flucht aus ihrem Traum zu erzählen, damit er sie malen könnte und sie greifbar würde, doch sie war stumm geblieben. Diese nächtliche Phantasie, die sie immer wieder heimsuchte, gehörte ihr allein und sollte von Pinsel und Palette nicht vereinnahmt werden. Es bereitete ihr geradezu Freude, sie für sich zu behalten. Sie hatte ohnehin nur sehr wenige Geheimnisse vor ihren Eltern. Auf jeden Aspekt ihres Lebens erhoben sie Anspruch. Manchmal dachte Ida, sie würden jeden ihrer Atemzüge überwachen und jede ihrer Stimmungen aufnehmen, betrübt von ihrer Traurigkeit, glücklich über ihre Freude. Bisweilen glaubte sie, an ihrer Wachsamkeit zu ersticken, sie ärgerte sich über die Obsession ihrer Eltern, stets die Kontrolle über ihr Sein behalten zu wollen, und dann schämte sie sich sofort wegen ihrer Illoyalität. Sie war glücklich, ihre Tochter zu sein, Begünstigte all ihres Ruhms und Vermögens und Empfängerin ihrer bedingungslosen Liebe. Und Ida liebte sie dafür aus tiefstem Herzen.

Ihr war bewusst, dass die ständige Sorge ihrer Eltern um sie von der Unsicherheit und dem Leid herrührte, das sie erduldet hatten. Natürlich hatten sie Angst. Und Ida akzeptierte ihre Angst, ertrug sie. Sie ließ sie in dem Glauben, die Wächter ihres Schicksals zu sein. Ihre Träume jedoch, ihre wunderschönen und furchterregenden nächtlichen Odysseen, sollten allein ihre bleiben, ebenso wie das Geheimnis, das sie ein ganzes Jahr über in ihrem Herzen verschlossen hatte. Es elektrisierte sie, dass es ihr gelungen war, ihren Eltern nichts von Michel zu erzählen. Er gehörte nur ihr allein.

Michel. Wie sehr sie allein den Klang seines Namens liebte. Während die Monate ihrer Trennung langsam verstrichen, dachte sie immer wieder an sein feingeschnittenes Gesicht, an seine sanfte Stimme. Ihre Vorfreude auf ihre nächste Begegnung hatte im Verlauf dieser letzten schwülen Sommertage zugenommen, in denen sie ihrem Vater Modell stand. Stunde um Stunde, ohne sich zu rühren, wenn er seine Staffelei verließ, um die dunklen Höfe ihrer Brustwarzen näher zu studieren, die ineinander verwobenen rostbraunen Locken zwischen ihren Beinen.

Die Intensität seines festen Blickes verunsicherte sie nie. Er war Marc Chagall, und er betrachtete sie weder als Mann noch als Vater, sondern als Künstler.

Es war Michel, der sie mit den Augen eines Liebhabers anschaute, Michel, den sie nach einem langen Jahr der Trennung in wenigen Tagen endlich wiedersehen würde.

Bei dem Gedanken lächelte sie, flocht ein blaues Band in ihr Haar und eilte barfuß durch das sonnengetränkte Haus, um mit ihren Eltern im von Mauern umgebenen Garten zu frühstücken. Die Verandatüren öffneten sich, und beide drehten sich zu ihr um. Ihre Mienen leuchteten vor Freude.

»Da ist ja unsere Ida.«

Ihr Vater erhob sich und küsste sie auf beide Wangen. Sie kniete vor ihrer Mutter, spürte Bellas sanfte Hände behutsam auf ihrem Kopf. Dies war ihre übliche morgendliche Begrüßung, ein Zusammenkommen nach nur einer einzigen Nacht, als wären sie für lange Zeit getrennt gewesen. Es war, als wäre für sie jeder Moment ihres Beisammenseins ein Geschenk, ihre Anwesenheit im Leben der anderen und vielleicht sogar ihr Leben selbst ein Wunder. Ida fragte sich, ob ihre Eltern wohl je träumten, in die Freiheit zu fliegen. Vielleicht waren ihre Träume durchzogen von den dunklen Erinnerungen an das verlorene Land ihrer Geburt, das Dorf ihrer Jugend. Ob wohl die Gesichter ihrer Familie und ihrer Freunde, die schon lange aus ihrem Leben verschwunden waren, irgendwo über ihnen in der Dunkelheit der Nacht trieben, genau wie die himmlischen Blumen in Idas Traum?

Aber natürlich würden sie solche Gedanken nicht mit ihr teilen. Ida war ihre umsorgte Tochter, die beschützt werden musste vor der Härte des Lebens. Sie hatten sie nicht einmal in die Schule geschickt, weil sie solche Angst um sie hatten. Andere Kinder waren grausam. Überfüllte Klassenzimmer waren Brutstätten von Krankheiten. Die breiten Alleen und schmalen Straßen ihrer Umgebung waren bevölkert von wildfremden Menschen und rasenden Fahrzeugen. Sie konnten es nicht riskieren, ihre Ida solchen Gefahren auszusetzen. Sie war die Erbin ihrer Vergangenheit, ihre Hoffnung für die Zukunft, der Quell ihrer frohen Gegenwart, Zögling ihrer Mutter, Modell ihres Vaters und eine ganz und gar zauberhafte Tochter. Und sie wiederum gab sich die größte Mühe, sie zufriedenzustellen, sie zu erheitern und sie vor ihren Freunden mit Stolz zu erfüllen.

»Was für ein aufgewecktes Kind.«

»Was für ein begabtes Mädchen.«

»So charmant.«

Die Eltern hatten immerzu gestrahlt und das Lob für sich selbst vereinnahmt, als wäre es ihr Verdienst. Ihr überschäumendes Temperament entzückte sie; ihr Lachen tirilierte durchs ganze Haus. Ihre wunderbare Ida, so glücklich, so wunderschön, und, ja, vielleicht sogar talentiert. Die Zeichnungen ihrer Jugendzeit waren gewitzt, und ihre Malerei war vielversprechend.

Sie erlaubten ihr, Unterricht an einer kleinen Malschule in ihrem Viertel zu nehmen, obschon Bella ihre Rückkehr immer am Fenster stehend erwartete.

Die angespannten Falten auf dem Gesicht ihrer Mutter entgingen Ida nicht, wenn sie ihnen von dem abstrusen Landstreicher erzählte, den sie gesehen hatte, der einen roten und einen blauen Schuh trug, von dem lächerlichen Jungen in ihrem Kurs, dem ständig die Baskenmütze über die Augen rutschte, oder von dem Lehrer, der »Sur le Pont d’Avignon« singend durchs Atelier patrouillierte.

Sie spielte ihre Rolle noch, während sie sich langsam und entschlossen einen Weg aus dem Kokon der elterlichen Besorgnis suchte und Anspruch anmeldete, ihr Leben so zu leben, wie sie selbst es wollte. Sie hatte für die Erlaubnis gekämpft, an einem Ferienlager für die jugendlichen Nachkommen jüdischer Emigranten aus Russland teilzunehmen, das in den französischen Alpen stattfand. Es wäre ihr Geschenk zu Idas siebzehntem Geburtstag.

»Es wird mich so glücklich machen, Mamotschka, Papotschka. Wollt ihr mich denn nicht glücklich sehen?«

Sie war mit ausgestreckten Armen um sie herumgetänzelt, und sie hatten gelächelt, bezaubert von ihrem Charme. Natürlich wollten sie das. Wem waren sie verpflichtet, wenn nicht dem Glück ihrer Tochter? Sie zogen Erkundigungen ein. Das Lager würde gut betreut, und die jungen Teilnehmer würden in die russische Sprache und Kultur eintauchen und die Liebe zu Mütterchen Russland erfahren. Dadurch würde Ida ihnen noch näherkommen, sie würde ein neues Verständnis ihrer Vergangenheit gewinnen, am allerwichtigsten jedoch: Sie würde glücklich sein. Also willigten ihre Eltern ein, zahlten die Gebühr und kauften Idas Bahnfahrkarte.

Bei dieser ersten Reise ganz allein hatte sie aufgeregt aus den Fenstern ihres Erste-Klasse-Waggons geschaut, während der Zug durch die Berge raste. Schüchtern hatte sie ihre ersten zaghaften Freundschaften mit anderen jungen russischen Juden geschlossen. Und schon bald hatte sie dem großen, schlanken Michel Rapaport, der alle Sprachen ihres Herzens beherrschte, tief in die Augen gesehen. Auf den Flügeln ihrer neuen Freiheit schwang sie sich in die Höhe, wanderte barfuß mit Michel durch das wogende Alpengras und saß neben ihm am lodernden Lagerfeuer, während sie russische Volkslieder oder Chansons sangen.

Er war ein zurückhaltender Jurastudent, ein liebender Sohn, der seinen Eltern in ihrem kleinen Pariser Geschäft half und fest entschlossen war, ihnen das Leben leichter zu machen, indem er ein erfolgreicher avocat wurde. Wie Ida fesselten ihn familiäre Bindungen, und beide waren sich bewusst, dass es ihnen während der nächsten Monate nicht möglich wäre, sich zu treffen. Aber sie ließen sich nicht entmutigen. Sie würden sich im nächsten Jahr wiedersehen. In der Zwischenzeit schickte er ihr Gedichtbände, sie sandte ihm ihre Zeichnungen. Ihre vertrauliche, doch harmlose Korrespondenz, Päckchen der Hoffnung und Liebe, eingewickelt in braunes Papier, kam per Post und ließ sich mühelos erklären.

»Ein Geschenk von einer Freundin«, sagte Ida zu ihrer Mutter.

Monate waren verstrichen, und jetzt zählte Ida die Tage. Schon sehr bald würde sie die Stunden zählen, und dann würde sie in den Zug steigen und Richtung Südosten in das Bergdorf reisen, wo Michel sie erwartete, mit vor Liebe leuchtendem Gesicht.

Es lag ein intensiver Duft nach Rosmarin in der Luft, als sie an diesem sonnenhellen Morgen mit ihren Eltern im Garten saß, die Zweige der Obstbäume voller goldener Birnen und karminroter Kirschen. Sie lächelte ihre Eltern an, hatte sogar ein Lächeln für die mürrische Katja, die ihr Kaffee einschenkte. Ihr Vater nahm sich eine Scheibe Brot, kaute geräuschvoll und schlenderte dann in den Garten hinaus, wo er sich im Schatten eines alten Olivenbaums ausstreckte.

»Hast du gut geschlafen?«, fragte ihre Mutter, während sie Idas Croissant mit Himbeermarmelade bestrich, die sie selbst machte, nach einem Rezept des Kochs, der über die Küche ihrer Eltern im fernen Witebsk geherrscht hatte, dem Dorf, das die Heimat gewesen war, sowohl für Marc als auch für Bella.

»Sehr gut, Mamotschka. Und du?«

»Wir waren früh auf. Dein Vater wollte das erste Licht des Tages nutzen. Er arbeitet immer noch an den Hochzeitsstudien.«

»Sind sie bald fertig?«, erkundigte sich Ida. »So schön du auch bist, du siehst müde aus, Mamotschka.«

Bella trug ein mehrlagiges Kleid mit weiten Ärmeln aus reinweißem Organdy; weiße Lilien kränzten ihr dunkles Haar, und hellblauer Kajal unterstrich ihre Augen. Ida kannte dieses Kleid. Bella trug es häufig, wenn sie Modell saß, mal als Braut unter einem Hochzeitsbaldachin, dann als Leiche in einem mit Satin ausgeschlagenen Sarg. Marc wurde es nie müde, sie zu malen. Bella und Ida waren beide, behauptete er, ideale Modelle, die für seinen Pinsel bestimmt waren. Sie lachten darüber, dennoch erfüllte sie seine Behauptung mit Stolz. Sie waren willige Komplizen seiner Kunst, wenngleich diese bisweilen rücksichtslos und eine tyrannische Herrscherin über die Familie war.

Ida erinnerte sich, wie sie sich bei ihrem Vater beklagt hatte, dass er niemals sie bat, als Braut Modell zu sitzen, und auch nicht im gefältelten Leinen eines Totenhemds, den häufigen Rollen ihrer Mutter. Bella hatte sie warnend angesehen, und in Marcs blauen Augen funkelte der Zorn.

»Dummes Mädchen«, hatte er gesagt. »Idotschka, ich werde dich so nicht malen, weil ich dich nicht verlieren will. Nicht an den Tod – nicht an die Ehe. Noch nicht. Vielleicht niemals.«

»Aber warum malst du Mamotschka so?«, hatte sie nachgefragt.

»Ach, deine Mamotschka, meine Bella. Ich werde sie niemals verlieren. Sie ist für immer mein, im Leben und im Tod.«

Daraufhin war Bella blass geworden, als mache ihr die Unbedingtheit seiner Worte Angst.

Seitdem registrierte Ida immer wieder eine vertraute Blässe unter den sorgfältig mit Rouge geschminkten Wangen ihrer Mutter. Sie war, das wusste sie, ein Zeichen ihrer Erschöpfung, ein Vorbote der fürchterlichen Kopfschmerzen, von denen die Mutter viel zu oft heimgesucht wurde.

»Ich dachte, heute Morgen wollte Papa eigentlich mich malen«, sagte sie. »Dann hättest du dich ausruhen können.«

»Er wird dich jetzt malen«, versicherte Bella ihr. »Er ist heute voller Ideen.«

Sie lächelte mit verhaltenem Stolz über die morgendliche Tatkraft des Künstlers mit den elfenhaften Zügen, in den sie sich als junges Mädchen, kaum älter als Ida heute, verliebt hatte.

Ida schenkte sich eine weitere Tasse Kaffee ein, als Marc aufsprang, mit großen Schritten den Garten durchquerte, zwei Sonnenblumenblüten von ihren langen Stängeln abschnitt und eine Leinwand auf seine Staffelei stellte. Seine plötzliche Energie überraschte sie nicht. Schon die kürzesten Nickerchen konnten ihren Vater erfrischen, der stets von der Kraft seiner phantastischen Visionen angetrieben wurde. Er hatte keine Zeit zu verlieren, Realität und Illusion kollidierten, und die Brillanz seiner Vorstellungskraft trieb ihn zur Tat.

»Bist du so weit, Ida?«, fragte er.

»Natürlich.«

Schnell schritt sie in den Garten, blieb unter dem Zitronenbaum stehen, streifte ihr Kleid ab und warf es ins Gras. Er hielt ihr die Sonnenblumen hin.

»Streck dich unter dem Baum aus. Ganz einfach. Die Blüten legst du dir zwischen die Brüste. Comme ça. Ein Bein über das andere. Ja, genau so.«

Seine Hände waren flink, als sie Idas Gliedmaßen arrangierten, das Band aus ihren Haaren zogen und ihr langes, kupferfarbenes Haar über ihre Schultern fließen ließen. Sie schwieg, als er die Ölfarbe aus den Tuben auf seine Palette drückte, Blau- und Grüntöne vermischte, Zinnoberrot und grelles Gelb, und dann seinen feinhaarigen Zobelpinsel hob und zu malen begann.

Bella legte Idas Kleid sorgfältig über einen Stuhl, als Katja ihr zuwinkte. Sie ging ins Haus, drehte sich jedoch noch einmal zu ihrem Mann und ihrer Tochter um, als wolle sie sich diesen sonnenbeschienenen Moment ihres Miteinanders ins Gedächtnis einprägen.

Ida lag ruhig da, während ihr Vater arbeitete, seine feinen Gesichtszüge, die mitunter an einen Vogel denken ließen, völlig entspannt, ein Lächeln um die Lippen. Jetzt konnte sie mit ihm sprechen, ihm Fragen stellen, ein Lachen oder Geschichten aus seiner Jugend entlocken.

»Woran wirst du während meiner Abwesenheit arbeiten?«, fragte sie.

»Ich denke, ich werde wieder Szenen aus meinem Dorf malen. Meinem Witebsk. Kannst du dich noch daran erinnern, Ida?«

Sie lachte. »Papotschka, ich bitte dich. Ich war erst vier, als wir Witebsk verlassen haben. Wie könnte ich mich da an etwas erinnern?«

In ihrer Erinnerung ähnelte Witebsk der märchenhaften Landschaft seiner Gemälde, wo er und ihre Mutter, der arme Junge und das reiche Mädchen, sich getroffen hatten, miteinander über die Brücke spaziert waren, welche die Dwína überspannte, und sich beim Anblick ihrer Spiegelbilder im Wasser ineinander verliebt hatten. Witebsk war ein mystisches Dorf, in dem jeder, ja sogar die Tiere, ein Jiddisch sprach, das von Witz und Anmut durchzogen war.

An Russland indes, das Land, aus dem sie flohen, als sie gerade sechs war, erinnerte sie sich als Ort geradezu furchterregender Dimensionen, düster und kalt. Das war die düstere Traumlandschaft ihrer unruhigen Nächte, in der ihre Eltern ihre Hände ergriffen.

Sie würde ihrem Vater nicht von ihren vagen Erinnerungen an ihre grauenvolle Reise von Witebsk nach Moskau erzählen, wo sie auf dem harten, kalten Fußboden des Moskauer Jüdischen Theaters schliefen. Dort hatte er das Bühnenbild für eine Inszenierung der Erzählungen von Scholem Alejchem erschaffen, für die ihre Mutter die Kostüme nähte und er die schweren Stoffe bemalte, als wären sie Leinwände. Genauso wenig würde sie die Bilder, die von ihrem Aufenthalt in der jüdischen Waisenkindersiedlung in Malachowka durch ihr Gedächtnis geisterten, mit ihm teilen, wo Marc Kunst lehrte, Bella ohne Unterlass weinte und sie selbst fürchtete, dass sie eines Tages womöglich das Schicksal der blassen, elternlosen Kinder ereilen könnte, mit denen sie aus Zweigen und Steinen Spielzeug bastelte. Wie sehr sie dort gefroren hatte und wie hungrig sie gewesen war. Der Gedanke daran ließ Ida frösteln.

All diese beängstigenden Erinnerungen hatte sie weggeschlossen. Doch wenn sie schlief, befreiten sie sich und wurden zu diesem stets wiederkehrenden Traum der Flucht, einer Reise in die goldene Wärme, die nun über ihren nackten Körper strich, während der Pinsel ihres Vaters so mühelos über die Leinwand segelte.

»Schon bald wird sich niemand mehr an Witebsk erinnern«, sagte er leise. »Genau deshalb muss ich es malen. Mein Dorf. Mein Zuhause.«

Ida schloss die Augen und dachte an die Bilder, die ihr Vater von seiner verschwundenen Welt gemalt hatte. Sie lauschte, während er voller Wehmut vom Weiler seiner Kindheit erzählte, von seiner Familie, seinem Bruder David, getötet auf der Krim, von seinen wunderschönen Schwestern, deren Schicksal unbekannt war, von dem geschützten Friedhof, wo seine Eltern begraben lagen.

»Witebsk.« Er intonierte den Namen des Dorfes, flüsterte ihn wie ein Gebet.

Ida wunderte sich darüber, dass ihr Vater zwar die kleine Synagoge skizzierte, in der er seinerzeit seine Bar-Mizwa gefeiert hatte, oder bärtige Rabbis mit Bettüchern und Gebetsriemen malte, doch niemals in die Synagoge ging, nicht einmal, um seiner toten Eltern zu gedenken. Sie wusste, dass er jüdische Feiertage als Ärgernis auffasste, auch wenn er Bella und Ida am Sederabend des Passahfestes widerstrebend zu Jakob Rosenfeld begleitete, der Bellas Bruder und gleichzeitig ihr einziger Verwandter in Paris war. Obwohl Idas Vater liebevoll von seinen Schwestern sprach, unternahm er keinerlei Anstrengungen, herauszufinden, wo sie sich aufhielten. Diese Zwiespältigkeit verwirrte sie, was sie jedoch nicht auszusprechen wagte.

Witebsk und seine Kindheit blieben das heilige Gebiet seiner Vergangenheit. Dennoch waren seine bildlichen Zeugnisse dieser Phantasielandschaft nicht nur zärtlich, sondern steckten voller Gewalt und Chaos. In traumhaften Darstellungen sprangen Tiere über Dächer, ein grüner Geiger kauerte unsicher auf einer Brüstung, eine elegante Kirchturmspitze ragte über den winzigen geduckten Häusern der Juden auf. Seine Darstellung einer Bäuerin, die eine Kuh molk, die entgegen aller Realität in den Kopf einer großäugigen Ziege gesetzt worden war, ängstigte Ida geradezu, obwohl sie wusste, dass solche Bilder bei den kultivierten Sammlern, die die Pariser Kunstgalerien abgrasten, heiß begehrt waren. Kunstkritiker analysierten sie in hochtrabenden Abhandlungen und spürten ihrer Symbolik nach. Besser gefielen Ida die Gemälde, die ihr Vater von ihrer Mutter malte, besonders jene aus der Zeit, als er und Bella frisch verlobt gewesen waren, auf denen er als Liebhaber seiner Geliebten quer durch ein Zimmer entgegenflog, in den Armen einen großen Blumenstrauß. Sie lächelte, als sie an dieses Bild dachte, und stellte sich vor, wie Michel ihr entgegengeflogen kam, einen Strauß Edelweiß in Händen.

Sie seufzte. Die Sonne brannte heiß, und sie sehnte sich danach, ihre Position zu verändern. Sie wollte nichts von Witebsk hören oder schon wieder Geschichten über die Großeltern lauschen, die sie nie kennenlernen würde, über die Tanten und Onkel und Cousins, denen sie niemals begegnen würde. Sie bewegte sich kaum merklich, und schon glitt eine Sonnenblume aus dem Tal zwischen ihren Brüsten aufs Gras. Sie streckte einen Arm nach ihr aus. Marc schüttelte warnend den Kopf und fuchtelte mit seinem Pinsel, als wäre dieser ein Dirigentenstab und er ein Dirigent, der das Crescendo am Ende seiner visuellen Symphonie heraufbeschwor. Bis dahin war ihr jede Bewegung verboten.

Schließlich hielt er inne. »Gut, Ida. Es ist fertig. Komm und sieh es dir an.«

Sie stand auf, streckte sich und streifte ihr Kleid über. Während sie die winzigen Perlmuttknöpfe schloss, stellte sie sich vor, wie Michel sie bereits in wenigen Tagen langsam öffnen würde. Sie ging zur Staffelei und lächelte anerkennend. Er hatte die mattgoldenen Nuancen ihrer sonnengebräunten Haut eingefangen, fein abgestimmt auf den Farbton der zu Boden gesunkenen Blume, hatte ihr Gesicht völlig entspannt gezeichnet, die Augen geschlossen, so dass die kupferfarbenen Wimpern bis zu ihren Wangen zu reichen schienen.

»Ich habe nicht geschlafen«, protestierte sie.

»Nein, aber du hast geträumt.«

Sie fragte nicht, woher er das wusste, sondern verfolgte, wie er die Leinwand von der Staffelei hob, ganz vorsichtig, damit die frische, glänzende Ölfarbe nicht verschmierte. Ohne einen Blick zurück, in Gedanken bereits seinem nächsten Projekt entgegeneilend, trug er es in den Schuppen, der als Atelier und Lagerraum diente. Sie wusste, dass er dort im Halbdunkel eine frische Leinwand vorbereiten würde, während er dabei den Nachrichten aus seinem kleinen Radio lauschte. In den letzten Monaten hörte er geradezu besessen Sendungen aus Deutschland, aus denen das Gegeifer Hitlers schrillte.

»Ein gefährlicher Mann«, murmelte er, auch wenn all seine Bekannten behaupteten, der schnauzbärtige Fanatiker würde mit Sicherheit binnen weniger Wochen entmachtet.

»Fanatiker sind hartnäckig«, sagte er. »Und das gilt ganz besonders für so bösartige, gemeingefährliche Fanatiker.«

Ida seufzte über den Pessimismus des Vaters und war erleichtert, nun die in Leder gebundene Ausgabe von Eugen Onegin lesen zu können, die Michel ihr geschickt hatte. Er hatte sie gedrängt, längere Abfolgen von Puschkins Vierzeilern auswendig zu lernen. Bislang hatte sie nur einen geschafft, war allerdings überzeugt, dass Michel ihr verzeihen würde. Sie würde lächeln, und er würde ihr alles vergeben, genau wie ihr Vater oder ihre Mutter es stets taten. Ida war sehr zuversichtlich, was die Macht ihres Lächelns betraf.

Sie streckte die Arme. Wie wunderbar es war, mit ihren Eltern auf dem Land zu sein, während sich der Sommer über Feld und Weide legte, Lavendel und Sonnenblumen vergoldete, die Blätter der Olivenbäume und die Wedel imposanter Palmen silbern machte. Es war wunderbar, zu wissen, dass sie und Michel schon bald wieder Hand in Hand über Lichtungen in den Bergen schlendern würden, fernab der Blicke ihrer wachsamen Eltern.

Lange hatten sie über ihre innig geliebten und allzu besorgten Mütter und Väter gesprochen, jene gequälten Emigranten, die auf ewig in ihren Erinnerungen an das Land verstrickt blieben, aus dem sie geflohen waren, stets ihre abgenutzten Samoware polierten, leise Russisch sprachen und immer wieder sepiafarbene Fotos von Angehörigen zur Hand nahmen, die sie nie wiedersehen würden. Sie waren Waisen der Geschichte, ihre Eltern ebenso wie die Michels.

»Meine arme Mutter, mein armer Vater«, hatte Michel geflüstert, dann Idas Hand an seine Lippen gehoben, als sie ausgestreckt im Gras lagen und ihr Kopf auf seiner Brust ruhte.

»Ja, und meine armen Eltern …« Sie dachte an ihre Mutter, die weinte, während sie Notizbuch um Notizbuch mit ihrer eleganten jiddischen Schreibschrift füllte, von den vergangenen Tagen ihrer behüteten Kindheit berichtete, von ihrem geliebten Dorf. Und natürlich war da ihr Vater, sein Pinsel so schwer von Farbe wie sein Herz vor Kummer und Sorgen. In schwindelerregenden Strichen und ungestümen Farbexplosionen fing er die Vergangenheit ein. Sie zitterte, als sie an seine nüchterne Radierung des Grabes seines Vaters dachte, das Grab, das er nie sehen würde.

Tränen waren ihr über die Wangen geflossen und nass auf Michels Hemd gefallen. Er hatte ihre Finger geküsst, einen nach dem anderen. Sie waren beide Kinder des Exils, die sich gegenseitig Trost spendeten.

Erfüllt von diesen Erinnerungen, blickte sie nun zum verwilderten Garten hinüber und sah ihre Mutter vor einem Lavendelbeet knien, neben ihr im Gras ein Korb voller Kirschen. Bella hatte sich umgezogen und trug nun das weite Baumwollkleid, das Marc ihr auf dem arabischen Markt in Jerusalem gekauft hatte. Er hatte es wegen seiner dezenten Farbe ausgesucht, eine Mischung aus zarten Blau- und Grüntönen, die durch geschicktes Färben erzielt worden waren. Ida erinnerte sich, dass er den arabischen Verkäufer nach seinem Geheimnis gefragt hatte, doch der zahnlose Händler hatte nur den Kopf geschüttelt. Er würde die Rätsel seines Handwerks ebenso wenig preisgeben wie Marc das Geheimnis seiner Palette.

Bella erhob sich und winkte Ida zu. Das Kleid unterstrich ihren schlanken Körper, ihre kleinen festen Brüste, ihre schmalen Hüften. Die Zartheit ihrer Mutter erstaunte Ida immer wieder. Als sie noch jünger war, hatte sie oft darüber gegrübelt, wie die zierliche Bella eine so kräftige und füllige Tochter wie Ida hatte zur Welt bringen können.

»Brauchst du Hilfe, Maman?«, rief sie und legte den Puschkin-Band beiseite. Sie schlenderte durch das hohe Gras zu ihrer Mutter, die Büschel der sternförmigen lilablauen Pflanze in ihren Korb mit Kirschen legte. »Du hast so viel Lavendel gepflückt«, sagte sie.

»Ich brauche ihn für die Beutelchen, die ich für deinen Koffer mache. Der frische Duft wird dich an uns erinnern.« Bella fügte noch ein weiteres Büschel hinzu, verstaute es sicher unter den langstieligen rubinroten Früchten.

»Denkst du wirklich, ich würde dich vergessen?«, fragte Ida scherzhaft, hob den Korb hoch und atmete den Duft der Blüten ein. Sie steckte sich eine Kirsche in den Mund und spuckte den Kern ins Gras.

»Wenn du auspackst, verteile die Säckchen auf die Schubladen. An einige werde ich Schnüre binden, damit du sie in deinen Schrank hängen kannst. Und natürlich werde ich auch noch Badesalz für dich machen. Wirf es einfach hinein, wenn das Wasser warm wird«, rief Bella.

»Mamotschka, ich bin kein Kind mehr«, protestierte Ida. Schon sehr bald würde sie endlich allein sein, fort von der erstickenden Besorgnis ihrer Eltern, ihren beschützenden Anweisungen. »Ich bin achtzehn Jahre alt«, fuhr sie fort. »Ich weiß, wie man Koffer auspackt, und stell dir vor – ich weiß sogar, wie ich mein Bad vorbereite.«

»In Ordnung. Du bist achtzehn. Kein hohes Alter, Idotschka.«

»Als du achtzehn warst, hast du dich mit Papotschka verlobt«, erwiderte Ida.

Bella nickte.

»Ja. Aber ich hatte etwas von der Welt gesehen. Ich hatte Theater in Moskau studiert. Ich konnte für mich selbst sorgen, wusste, in der Fremde zurechtzukommen, mir zu essen zu kochen und mit meinem eigenen Geld umzugehen. Dein Leben ist bisher völlig anders verlaufen als das meine damals.«

»Weil ihr es so entschieden habt«, konterte Ida. Die Leichtigkeit ihres Tons kaschierte ihre Verbitterung.

Sie dachte daran, wie sie allein am Fenster ihrer Pariser Wohnung gestanden und gleichaltrige Mädchen gesehen hatte, die in ihren Uniformen von der Schule nach Hause gingen, die Arme eingehakt, die Köpfe zusammengesteckt, während sie sich Geheimnisse erzählten und lachten. Sie hatte nie Schulkameraden gehabt. Sie wurde von ihrer Mutter oder Hauslehrern mit traurigen Augen unterrichtet, die neben ihr am Esszimmertisch hockten.

»Wir haben versucht, zu tun, was das Beste war.« In Bellas Stimme lag ein Anflug von Bedauern. »Ach, Ida, wir haben so viel Gefahr, so viel Leid gesehen. Wir wollten dich beschützen, und das möchten wir auch jetzt noch.«

»Das verstehe ich ja. Aber ihr müsst mich mein eigenes Leben führen lassen.« Sie sprach mit sanfter Stimme, doch ihre Wangen glühten.

»Ich weiß.« Bella lächelte gepresst. »Immerhin bis du ja achtzehn Jahre alt.«

Zusammen gingen sie zurück zur Veranda, wo Katja hohe Gläser mit frischer, selbstgemachter Limonade auf den schmiedeeisernen Tisch gestellt hatte. Sie saßen einander gegenüber, Bella trank in winzigen Schlucken, Ida leerte ihr Glas auf einen Zug und stellte es auf den Kopf, damit auch noch die letzten Zuckerkristalle auf ihre Zunge gleiten konnten.

»Du bist deinem Vater so ähnlich – Süßes und noch mehr Süßes. Als er sich das erste Mal bei meinen Eltern vorstellte, da hat er allen Kuchen auf dem Tisch vertilgt und drei Zuckerstückchen gelutscht.« Bei dem Gedanken musste Bella lachen. »Natürlich lag das daran, dass es in seinem eigenen Elternhaus nie etwas Süßes gab. Seine Familie war bitterarm. Es kam kaum genug Essen auf den Tisch. O ja, Hering. Immerzu Hering, weil dein Großvater Chagall nämlich für den Heringhändler arbeitete.« Sie rümpfte die Nase, als würde die Erinnerung an den Gestank des Herings die gute Luft ihres wunderschönen Gartens verpesten. Bella griff nach einer weiteren Kirsche und nahm die Sonnenblume in die Hand, die das Hausmädchen auf den Tisch gelegt hatte. »Weißt du, was mir heute aufgefallen ist, Idotschka?«, fragte sie und zupfte dabei ein Blütenblatt nach dem anderen. »Ich habe gesehen, dass die Sonnenblumen ihre Blüten nicht mehr der Sonne zuwenden. Ist das nicht kurios? Ich hätte gedacht, dass sie ihre Stärke von der Sonne beziehen und immer ihre Wärme suchen. Aber nun sind die Blumen ausgewachsen und tun das nicht mehr.«

Ida lächelte.

»Ich wende mein Gesicht nicht von dir ab, Mamotschka«, sagte sie leise. »Ich versuche nur, erwachsen zu werden.«

»Das wirst du. Schon viel zu bald. Dafür wird das Leben sorgen«, erwiderte Bella. »Komm. Lass uns nachsehen, wie weit Katja mit dem Mittagessen ist.«

2. Kapitel

Am Tag von Idas Abreise ins Lager wachten Marc und Bella früh auf. Die Sonne war eine blasse Kugel, kaum zu erkennen auf dem stahlgrauen Himmel. Bella ging in den Garten hinaus und blickte zu den dunklen Wolken hinauf, die nichts Gutes erahnen ließen. Gut, dachte sie, dass Ida noch schläft. Das Wetter könnte sie nervös machen. Sie selbst war eine bange Reisende, gequält von lähmender Migräne, und die gleiche Schwäche vermutete sie auch bei ihrer Tochter.

Sie zitterte und trat in die Küche, wo Marc vor seinem Kaffee saß, den Kopf auf die Hände gestützt, tiefe Sorgenfalten auf der Stirn. Seine Kohlestifte und den Block mit grobem Kraftpapier, auf dem er erste, vorläufige Skizzen gemacht hatte, hatte er beiseitegelegt. Seine ganze Aufmerksamkeit galt den Radionachrichten; die dunkle Stimme des Sprechers drang durch den schwach beleuchteten Raum.

»Kann sein, dass es regnet«, sagte Bella besorgt, während Katja ihre Tasse füllte. »Vielleicht sollte Ida erst später abreisen, wenn das Wetter besser geworden ist.«

Er brachte sie mit einer knappen Handbewegung zum Schweigen. Mit geschürzten Lippen lauschte er einem Bericht der Agence France-Presse aus Berlin, in dem von einer scharfen Rede Adolf Hitlers berichtet wurde, mit der er erneut zum Boykott der Juden in Deutschland aufgerufen hatte.

»Wegen Hitler sollten wir uns Sorgen machen, nicht wegen eines Regenschauers«, sagte er verbittert und schaltete das Radio aus. »Züge hören nicht auf zu fahren, nur weil das Wetter schlecht ist. Natürlich wird Ida heute abreisen. Lass sie lachen und singen und mit Freunden zusammen sein. Wer weiß, wie lange sie das noch kann? Dieser Hitler ist wahnsinnig. Und gefährlich.«

»Sei nicht töricht, Marc«, erwiderte Bella scharf. »Hitler befindet sich auf der anderen Seite der Grenze in Deutschland. Wir sind in Frankreich. Wir sind hier sicher. Ida ist sicher.«

Sie sagte es mit einer Zuversicht, die sie nur vorgab. Wie oft hatten sie sich in der Vergangenheit sicher gefühlt und waren getäuscht worden? Sie hatte ihren Optimismus nach der kommunistischen Revolution noch nicht vergessen, genauso wenig wie das Leid, als sich der Traum von damals in einen Alptraum verwandelte. Den einen Tag wurde Marc als Kommissar für die Schönen Künste in ihrem heimischen Witebsk gefeiert, und schon am nächsten mussten sie fliehen, stets auf der Suche nach einer trügerischen Sicherheit, wobei sie nur knapp dem Mob entkamen, der den Hass auf den Zaren gegen Hass auf die Juden eingetauscht hatte. Sie hatten Ida nie aus ihrer Nähe gelassen, immer vor Angst gezittert, waren in unzählige Züge gestiegen, hatten Grenzen überquert, Sprachen gewechselt und Lügen erzählt, bis sie schließlich in Deutschland ankamen.

In Berlin hatten sie sich erneut in Sicherheit gewähnt. Marcs Gemälde hingen in angesehenen Galerien, und sie waren gern gesehene Gäste in eleganten Salons. Es gab Geld und Anerkennung. Ihr Status als Emigranten verlieh ihnen eine besondere Aura, ihre Schönheit und ihr Auftreten wurden allgemein bewundert. Und sie hatten sich entsprechend gekleidet. Die schlanke Bella, deren rabenschwarzes Haar ihr zartes Gesicht einrahmte, trug locker sitzende Kleider in lebendigen Farbtönen. Marc zeigte sich mit kessen Hüten und den typischen gegürteten Hemden mit hohen Kragen der russischen Bauern. Ida war ein bezauberndes Kind mit ihren gerüschten weißen Kleidchen, das helle Haar gekrönt von kunstvollen Hauben und Mützen, die Bella selbst anfertigte. Ihr Leben in Deutschland war angenehm und komfortabel.

Doch sie waren wachsam. Mit ihrem ausgeprägten Gespür für Gefahr erkannten sie, wie der Antisemitismus aufkeimte und sein Gestank mit jedem Tag intensiver wurde. Erst wurde ihr Freund Paul Cassirer von Hitler als korrupter jüdischer Millionär angeprangert. Dann kam eines Tages der Schriftsteller Ilja Ehrenburg blass vor Schrecken in ihre Wohnung. Er war an mehreren Häusern vorbeigekommen, auf die die Worte »Tod den Juden« geschmiert worden waren.

Marc und Bella hatten sich in stummem Einverständnis angesehen. Ihre Sicherheit in Berlin war eine Illusion gewesen. Sie zogen nach Paris um.

Frankreich war anders, hatte Bella sich damals, und jetzt wieder, versichert. Es war das Land von liberté, égalité, fraternité; Paris war die Stadt des Lichts. Hier würden sie ihre Heimat finden, und sie hatte sich nicht geirrt. Paris hieß sie willkommen, feierte sie geradezu. Marcs Arbeit wurde begeistert aufgenommen. Schriftsteller und Dichter, Intellektuelle und Diplomaten besuchten ihr Haus. Sie saßen neben Picasso und Matisse im Café La Rotonde und im Café de Flore, wo sie von den Kellnern mit Namen und Ida mit Wangenküsschen begrüßt wurden. Gewiss waren sie hier sicher, mussten es einfach sein. Sie war viel zu erschöpft, um erneut zu fliehen, und die Unheil verkündenden Wolken zogen weiter.

Obwohl der Pessimismus ihres Mannes sie an diesem düsteren Morgen verärgerte, war auch sie besorgt. Sie war in der Nacht mit klopfendem Herzen aufgewacht und in Idas Zimmer geeilt. Als sie zu ihrer schlafenden Tochter hinabschaute, versuchte sie, sich an das Gebet für Reisende zu erinnern, das ihr orthodoxer Vater gesprochen hatte, als sie aus Witebsk an die Universität nach Moskau gereist war. Doch sie würde Marc ihre nächtlichen Ängste nicht anvertrauen, nicht noch Öl ins Feuer seiner Befürchtungen gießen, auch wenn sie selbst dessen Hitze spürte. Sie waren Überlebende. Alles würde gut. Ida würde es gut ergehen.

»Wir werden in Sicherheit sein«, wiederholte sie trotzig.

Marc füllte seine Kaffeetasse und strich mit den Fingern durch seinen dichten Schopf unbezähmbarer Locken. Zum ersten Mal fiel Bella auf, dass sein Haar graue Strähnen bekommen hatte, und es stimmte sie traurig. Sie wurden langsam alt, sie beide.

Er trank einen großen Schluck Kaffee und rührte dann Zucker hinein.

»Juden sind niemals sicher, Bella«, sagte er. »Wir sind die Kinder Isaaks und müssen das Opfermesser immer fürchten.«

Bella erkannte, dass die Skizzen, an denen er gearbeitet hatte, Studien des biblischen Erzvaters Isaak waren, kurz bevor sein Vater ihn auf dem Berg Moriah opfern wollte. Seit ihrer Reise nach Palästina, einer Odyssee, die sie drei Jahre zuvor zu Idas fünfzehntem Geburtstag unternommen hatten, hatte er immer wieder biblische Motive illustriert, die Landschaft des heiligen Landes hatte ihn inspiriert. Bella dachte bei sich, dass diese biblischen Zeichnungen seine Antwort auf Hitler waren, sein künstlerisches Beharren darauf, dass das jüdische Volk überleben würde, genau wie Isaak überlebt hatte. Sie berührte die Zeichnung, hob dann ihren Finger, der von der Zeichenkohle beschmiert war, und streichelte Marc zärtlich über die Wange.

»Wir werden dafür sorgen, dass Ida sicher ist«, sagte sie.

»Natürlich werden wir das«, pflichtete er ihr bei.

»Kein Grund zur Besorgnis. Ich kümmere mich schon selbst darum, dass ich sicher bin«, trällerte Ida unbeschwert, als sie in den Raum platzte und zu ihren Eltern trat. Sie war bereits reisefertig gekleidet, trug ein weißes Leinenkleid und über den Schultern eine grüne Reisepelerine. Sie umarmte beide, drückte ihnen Küsse auf die Wangen und schnappte sich ein Croissant vom Tisch.

»Katja, frischen Kaffee«, rief sie und setzte sich zwischen die beiden.

Sie stopfte sich Erdbeeren in den Mund und plapperte aufgeregt über ihre Pläne für die nächsten Wochen. Sie wollte in den Bergen wandern. In der Stadt unweit des Lagers gab es ein wunderbares Café. Sie hoffte, dass die Jugendlichen, mit denen sie sich im vergangenen Jahr angefreundet hatte, wieder dort wären. Oh, die Nächte im Gebirge waren einfach nur wunderschön, der mit Sternen übersäte Himmel. Sie hatte ihre Wasserfarben eingepackt, und vielleicht würde sie sogar versuchen, in Öl zu malen. Es musste aufregend sein, nachts zu malen.

Ihr Überschwang überrollte die Eltern und verbannte ihre Ängste für den Moment.

Katja brachte ihr eine Tasse Kaffee, in die Ida, wie es ihr Vater immer tat, einen Teelöffel Zucker nach dem anderen schaufelte. Sie nickte gedankenverloren, als Bella ihr riet, im Zug einen Fensterplatz zu nehmen, ihren Handkoffer stets auf dem Schoß zu behalten und sich zu vergewissern, dass ihr Portemonnaie mit ihrer Barschaft tief an dessen Boden vergraben war.

»Keine Sorge. Ich werde aufpassen. Vertraut ihr mir vielleicht nicht?«

»Oh, natürlich vertrauen wir dir, Idotschka. Es ist der Rest der Welt, dem wir nicht vertrauen«, erwiderte Marc trocken.

Bella sagte nichts und legte ein ordentlich eingewickeltes Proviantpäckchen in Idas Handkoffer.

»Piroggen. Die mit Kartoffeln, die du so magst. Achte darauf, genug zu essen, hörst du?«

Ida lächelte und drückte die Hand ihrer Mutter an ihre Lippen. »Du sollst dir um mich keine Sorgen machen«, sagte sie. »Ich kann sehr gut auf mich aufpassen.«

Der Himmel klarte auf, als sie zum Bahnhof fuhren. Bella wurde schwer ums Herz beim Anblick des Zuges, der ungeduldig schwarze Rauchwolken ausstieß und dessen Pfeife wütend kreischte, als er mit einem Ruck zum Stehen kam. Der Schaffner wartete neben der Tür des Waggons darauf, dass die Fahrgäste einstiegen. Eine hartnäckige dunkle Vorahnung ließ Bellas Hände zittern und machte ihren Hals ganz trocken. Der Schmerz in ihrer Schläfe wurde stärker. Sie meinte, etwas tun zu müssen, irgendetwas, um Ida bei ihnen zu behalten. Vielleicht könnte sie einfach ihren Arm packen und sie anflehen, nicht abzureisen. Aber natürlich würde sie nichts sagen. Ihre Unvernunft beschämte sie. Ihr Herz klopfte schnell, und sie legte den Kopf an Marcs Schulter. Die Zugpfeife kreischte erneut. Ida umarmte sie ein letztes Mal, dann stieg sie hinter dem Gepäckträger, der ihren kleinen Koffer trug, die eisernen Stufen hinauf. Aus dem Fenster ihres Abteils winkte sie ihnen zu, als die Pfeife einen weiteren lauten, wütenden Ton erschallen ließ, und dann beschleunigte der Zug und verdreckte die Luft mit seinem kohleschwarzen Qualm.

Bella erinnerte sich an eine alte Frau in Witebsk, die behauptet hatte, aus Rauchfahnen die Zukunft lesen zu können. Es war eine hässliche, bucklige Frau mit Warzen auf den Händen und einem säuerlichen Atem, doch ihre Vorhersagen waren nahezu immer eingetroffen. Die unfruchtbare Frau, deren glückliche Zukunft sie im Rauch ihrer Sabbatkerzen gelesen hatte, wurde schwanger. Das kranke Kind, dessen Tod sie prophezeit hatte, starb. Bella seufzte und betrachtete nachdenklich die grauen Schleier, die über den Himmel zogen, während der Zug davoneilte. Sie fragte sich betrübt, was diese Schwaden wohl über Idas und ihre eigene Zukunft offenbaren mochten.

3. Kapitel

Nachdem sie sich auf einem Fensterplatz in ihrem Abteil niedergelassen hatte, legte Ida die Pelerine ab und öffnete die obersten Knöpfe ihres weißen Leinenkleids. Sie betrachtete sich im Fenster des beschleunigenden Zugs, nahm eine silberne Puderdose aus ihrer Tasche und schminkte ihre Wangen und Lippen leicht nach. Sie suchte einen kleinen Flakon mit Parfum heraus und tupfte sich jeweils ein Tröpfchen hinter jedes Ohr. Fliederduft zog durch die Luft, und die mollige ältere Frau ihr gegenüber lächelte freundlich.

»Es heißt, Flieder sei der Duft der Liebenden, Mademoiselle«, sagte sie.

»Ach ja?«, erwiderte Ida und schlug ihre Ausgabe von Eugen Onegin auf. Sie wollte diese kostbaren Momente des Alleinseins nicht mit banalen Plaudereien verbringen.

Als der Zug in Lyon anhielt, gab sie das von ihrer Mutter vorbereitete Proviantpaket einem Bettler, der auf dem Bahnsteig lungerte, und kaufte sich selbst im Bahnhofsbistro ein Baguette und einen Café au lait. Schon dieser einfache Vorgang entzückte sie, sie zählte die Münzen sorgfältig ab und genoss ihre Unabhängigkeit. Sie trank den Kaffee in kleinen Schlucken, aß die eine Hälfte des Baguettes im Zug und wickelte den Rest dann sorgfältig ein. Sie war sicher, dass Michel hungrig sein würde, wenn sie sich trafen.

Wie sie es geplant hatten, wartete er auf dem Bahnsteig in Embrun auf sie, dem winzigen Dörfchen im Schatten der Berge des Département Hautes-Alpes. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie ihn sah, so groß und attraktiv mit seiner hohen Astrachan-Mütze und dem lockeren dunklen Ledermantel, wie er gern von Studenten der Sorbonne getragen wurde. Zunächst entdeckte er sie nicht, und seine vor Enttäuschung dunklen Augen suchten den Bahnsteig ab.

»Michel!«, rief sie.

Er lief ihr entgegen, die Arme weit ausgebreitet. »Ida!«

Sie stürmte in seine Umarmung, und er drückte sie fest an sich. Das Baguette, das sie in Händen hielt, wurde zerquetscht, und sie lachten, als die Krümel auf den Bahnsteig rieselten.
»Und dabei hatte ich Hunger«, sagte er.

»Macht nichts, ich hole dir ein neues. So viel du magst«, versprach sie, während er ihren kleinen Koffer in das Taxi lud, das er genommen hatte. Sie lehnte sich an ihn. Endlich waren sie wieder zusammen, die Sehnsüchte des vergangenen Jahres erfüllt. Während das Taxi einen Gebirgspass hinaufbrauste, hielt er sie eng an sich gedrückt, und sie entspannte sich lächelnd im Schutz seiner Umarmung.

* * *

»Was unsere Eltern wohl gerade tun?«, fragte Michel, als sie am nächsten Tag einen Gebirgspfad auf eine Lichtung hinunterspazierten, auf der vor dem Hintergrund des rauen, dunklen Alpengrases Edelweiß silberweiß schimmerte. Den unbeschwerten Rhythmus des vergangenen Sommers hatten sie mühelos wiedergefunden.

»Mein Vater malt, und meine Mutter sitzt für ihn Modell, wobei sie die ganze Zeit von ihrer Kindheit träumt, an ein Gedicht oder eine Geschichte denkt«, entgegnete Ida, ohne zu zögern.

Sie erinnerte sich, ihre Mutter einmal gefragt zu haben, warum sie häufig die Augen schloss, wenn sie Modell saß. »Aber man muss doch die Augen schließen, wenn man träumen möchte«, hatte Bella erwidert.

»Und deine Eltern?«, fragte sie Michel.

Sie war den Rapaports nie begegnet, obwohl sie wusste, dass ihre Eltern bei den Zusammenkünften jüdisch-russischer Emigranten in der Synagoge am Montmartre, an denen sie gelegentlich teilnahmen, schon mit ihnen gesprochen hatten. Marc und Bella besuchten solche Veranstaltungen, wusste Ida, weil sie sich danach sehnten, ihre Muttersprache zu sprechen und Neuigkeiten über Freunde und Verwandte in ihrer verlassenen Heimat zu erfahren. Marc, der die Leistungen anderer stets mit den seinen verglich, kehrte von solchen Abenden immer glücklich zurück, zufrieden, dass seine Verdienste beeindruckender waren, sein Ruhm größer war als der aller anderen Anwesenden. Er, Sohn eines Mannes, der Heringe fischte, und einer Frau, die einen winzigen Lebensmittelladen betrieb, lebte nun in Paris auf einem Standard, den sich die enteigneten Söhne der privilegierten Klassen Russlands längst nicht mehr leisten konnten – jene Banker, Anwälte und Doktoren, die ihn während seiner Studentenzeit in Moskau und St. Petersburg verschmäht hatten. Ida hatte ihn ganz beiläufig gefragt, ob er schon einmal den Rapaports begegnet sei.

»Bourgeoise Moskowiten. Sie besaßen früher ein Stadthaus in der Hauptstadt und eine Datscha in Saloshe, aber jetzt haben sie ein kleines Kurzwarengeschäft im Marais und leben in der Wohnung dahinter. Ladenbesitzer – mehr sind sie nicht«, hatte er verächtlich geantwortet.

»Es ist doch kein Verbrechen, ein Geschäft zu führen. Deine Mutter hatte auch einen Laden«, hatte Bella protestiert, die sich über seine Vorurteile amüsierte.

Ida fand das überhaupt nicht amüsant, sagte jedoch nichts. Sie wollte nicht, dass ihre Eltern ihr Interesse an la famille Rapaport hinterfragten. Jetzt wartete sie geduldig auf Michels Antwort.

Er blickte auf seine Uhr.

»Lass mich überlegen. Es ist jetzt halb elf am Vormittag. Meine Mutter feilscht wahrscheinlich gerade mit einem Kunden, der ein Stück Stoff zum halben Preis dessen haben möchte, was sie dafür verlangt. Mein Vater liest Le Monde, sieht sich die aktuellen Kurse an der Börse an und sucht nach Anlagemöglichkeiten für Geld, das er nicht hat«, sagte er.

Ida lachte. Sie beide waren kluge und behütete Kinder von Eltern, die sich nicht recht wohl fühlten mit ihrem neuen Leben in Frankreich. Michels Eltern bauten darauf, dass ihr Sohn fleißig Jura studierte, damit er ihren verlorenen Wohlstand und ihr einstiges Prestige wiederherstellte. Die Chagalls bauten darauf, dass Ida sie herausforderte, ihr Leben mit Freude und Schönheit erfüllte, um die Familien zu ersetzen, die beide verloren hatten.

»Halb elf«, meinte Ida, »die Uhrzeit, zu der Vater immer seine Arbeit unterbricht, um BBC zu hören. Wenn du wissen möchtest, was Adolf Hitler gestern Abend in Berlin gegessen hat, brauchst du nur am nächsten Morgen Marc Chagall zu fragen.«

»Dann nimmt er diesen hässlichen kleinen Österreicher also ernst?«, fragte Michel.

»Ich denke, wir alle sollten ihn ernst nehmen«, erwiderte Ida nüchtern.

Michel fuhr mit der Hand über einen Wacholderstrauch. Er wollte nicht über Hitler sprechen. Sie hatten Urlaub von der Tristesse. »Vielleicht sollten wir umkehren. Der Vortrag über Literatur beginnt gleich, bei dem ein Russischprofessor von der Sorbonne sprechen wird«, sagte er.

»Ich will kein einziges Wort mehr über Turgenjew oder Tolstoi hören. Und ich hab auch keine Lust auf das Gerede dieser langweiligen Mädchen, die von nichts anderem sprechen als vom Tanzen und von Partys und ihren Träumen, Apothekerinnen oder Lehrerinnen zu werden. Ich will keine Apothekerin sein. Auch keine Lehrerin. Hier gibt es niemanden, der mich interessiert.«

Sie verzog das Gesicht zu einem reizvollen Schmollmund, dem Matisse persönlich schon Beifall gespendet hatte, als sie ihn damit in einem Café angesehen hatte. Die Mädchen in ihrem Schlafsaal, die einfachen Töchter russischer Emigranten, durch und durch sittsam, hatten wahrscheinlich noch nie vom großen Matisse gehört. Ihre getuschelten Intimitäten zur Schlafenszeit fielen ihr auf die Nerven. Sie zogen sich unter der Bettdecke aus, weil sie sich ihrer Körper nicht sicher waren, während Ida, die ihrem Vater nackt Modell gesessen hatte, unbekleidet im Schlafsaal herumspazierte. Sie hörte, wie sie über Iwan und Boris redeten, wie Natalja sich fragte, ob sie Iwan wohl erlauben sollte, ihre Brüste zu berühren, während Anna feierlich beichtete, dass Boris sie geküsst hatte. »Auf den Mund«, erklärte sie mit einem entzückten Flüsterton.

»Dumme Gänse«, hatte Ida Elsa zugeraunt, der Ärztin, die als Betreuerin im Schlafsaal der Mädchen wohnte.

»Nicht dumm. Nur jung«, hatte Elsa erwidert.

»Im ganzen Lager interessiert dich wirklich niemand?«, fragte Michel sie nun herausfordernd.

»Vielleicht Elsa.«

»Und außer Elsa niemand?«, hakte er verschmitzt nach.

»Okay. Du interessierst mich. Ich weiß nicht wieso, aber das tust du.« Sie lachte und schüttelte so heftig den Kopf, dass ihr das leuchtende Haar ins Gesicht peitschte. Ihre Baskenmütze wurde von einer plötzlichen Böe erfasst und wehte fort.

Gemeinsam liefen sie hinterher. Als sie sich gerade auf die Mütze stürzen wollten, fielen sie hin, sein Körper schwer auf ihren. Mit den Fingern umklammerte sie die Mütze und ließ sie dann zu Boden gleiten, um seine Wange zu berühren, den Bogen seines Mundes nachzuzeichnen und den Schwung seiner Augenbraue.

»Ida«, flüsterte er.

»Michel.«

Und ihre Namen wurden zu Versprechen, die über ihre Lippen glitten, Lippen, die sich zuerst in zärtlicher Freundschaft begegneten, dann mit stürmischer Dringlichkeit. Dort, auf der Bergwiese, zogen sie sich zum ersten Mal aus. Unter dem Holderstrauch breitete er seinen Ledermantel aus, und sie vereinigten sich, ihr Schmerzensschrei gedämpft von der jähen Explosion der Lust, die sie verzückt aufschreien ließ. Ihre Herzen schlugen in leidenschaftlichem Rhythmus miteinander. Erschöpft sahen sie zum wolkenlosen Himmel auf. Ida dachte an ihre unbedarften Mitschülerinnen, die kicherten, wenn sie von heimlichen Küssen und zaghaften Berührungen erzählten.

So ein Mädchen war sie nicht. Sie war jetzt eine Frau, die Frau, von der sie ihrer Mutter bereits erzählt hatte. Sie war die Tochter ihrer Eltern, stolz auf ihren Körper, erfreute sich an der Liebkosung ihrer nackten Haut durch Wind und Sonne, genoss die Freiheit und Macht ihrer Gefühle für Michel, seine Gefühle für sie.

Er nahm ihre Hand und küsste ihre Finger einen nach dem anderen.

»Du bereust es doch nicht, ma chérie?«, fragte er leise.

»Bereuen? Warum sollte ich es bereuen?«, erwiderte sie und legte ihren Kopf auf seine Schulter, drückte seine Handfläche auf ihre Wange.

Dann zogen sie sich schnell wieder an und kehrten zum Lager zurück, wo die Diskussion über Turgenjew bereits vorüber war und das Abendessen auf langen Holztischen aufgetragen wurde.

* * *

Während der verbleibenden Wochen des Ferienlagers waren sie unzertrennlich. Bei den wenigen Vorträgen, an denen sie teilnahmen, saßen sie stets nebeneinander. Sie sprachen das unbedingt erforderliche Minimum an Russisch, lernten die Lieder der Wolgaschiffer und die Volkstänze ukrainischer Bauern. An dem Tag, als ein engagierter Dichter das Werk von Scholem Alejchem erörterte, saßen sie jedoch ganz vorn. Er las ausgewählte Passagen vor, allerdings nicht im gefühlvollen Jiddisch des Autors, sondern in einer unbeholfenen russischen Übersetzung, die von prätentiösen Intellektuellen bevorzugt wurde. Was für ein selbstgefälliger Dünkel, dachte Ida.

»Kennt einer von euch die Arbeiten von Scholem Alejchem?«, fragte er die jungen Leute, die sich nicht die Mühe machten, zu verbergen, wie sehr sie das alles langweilte.

»Ich. Mein Vater hat das Bühnenbild für das Jüdische Theater gemalt, als seine Stücke in Moskau aufgeführt wurden«, meldete sich Ida lakonisch zu Wort.

Der Dichter schaute sie interessiert an.

»Dein Vater? Bist du die Tochter von Marc Chagall? Seine Idotschka? Ich erinnere mich, dich als kleines Mädchen gesehen zu haben. Vermutlich in Berlin. Du erinnerst dich natürlich nicht mehr an mich, trotzdem, richte deinen lieben Eltern bitte Grüße von mir aus.«

Er blickte sie über das Pult hinweg an und sah vor seinem geistigen Auge vielleicht das verschmitzte Kind mit dem kupferfarbenen Haar, das der verhätschelte Liebling ihrer kleinen Gemeinde gewesen war.

»Idotschka.« Ihr Spitzname wurde spöttisch überall im Raum geflüstert. Ihre Kameraden zeigten auf sie und stießen sich gegenseitig an.

Ida ignorierte sie und zuckte gleichgültig die Achseln.

»Das werde ich tun, Monsieur«, versprach sie.

Sie wusste, dass sich ihre Eltern höchstwahrscheinlich nicht einmal mehr an seinen Namen erinnern würden. Er war weder berühmt genug, zu ihrem Freundeskreis zu gehören, noch einflussreich genug, auf der Liste von Bekannten zu stehen, deren Namen und Telefonnummern sie in ein schwarzes ledernes Adressbuch schrieben. Man konnte ja nie wissen, wer sich eines Tages noch als nützlich erweisen könnte. Das hatte ihr rastloses Leben sie gelehrt.

Er strahlte sie an.

»Ach, die kleine Ida«, murmelte er und widmete sich wieder seinen Notizen.

»Wenn er nur wüsste, wie erwachsen die kleine Ida ist«, flüsterte ihr Michel ins Ohr.

»Vielleicht werde ich ihm einfach sagen, wie erwachsen ich bin. Vielleicht werde ich es allen sagen«, stichelte Ida und verkniff sich ein lautes Lachen.

Aber natürlich würde sie es niemandem erzählen, genauso wenig wie Michel. Sie erfreuten sich beide am Geheimnis ihrer süßen Intimität.

Jeden Nachmittag entzogen sie sich den Aktivitäten der Gruppe und rannten über die Wiese zu einer verlassenen Hirtenhütte. Und mit jedem neuen Tag wurde ihr Liebesspiel ruhiger, bewusster.

»Wir müssen vorsichtig sein«, hatte Michel gewarnt, und sie hatte zustimmend genickt und gelacht. Sie war die Tochter aufgeklärter Eltern. Bella hatte ihr den Monatszyklus an dem Tag erklärt, als ihre Menstruation begann. Sie errötete dabei zwar, war jedoch fest entschlossen, eine moderne Frau, eine moderne Mutter zu sein. Ihre Tochter, la fille parisienne, sollte Kenntnis von ihrem eigenen Körper haben und nicht wie im Schtetl aufwachsen.

»Ich weiß, was ich tue, Michel«, hatte Ida ihm versichert. »Mein Körper ist mein Freund. Wir beide verstehen uns.«

Sie zogen sich gegenseitig aus, wobei Michel stets ungeschickt an den Knöpfen ihres Kleides herumfummelte. Sie kniete sich hin, um seine Schuhe von seinen langen blassen Füßen abzustreifen und diese zu streicheln. Sie musterten einander mit sanften Blicken und zärtlichen Berührungen. Sie bauten sich eine Laube, ein Dach ineinander verwobener Ranken, und Michel flocht ein weiches Bett aus den Ästen von Nadelbäumen, über die er seinen langen Ledermantel ausbreitete. Leuchtendgrüne Kiefernnadeln schimmerten in ihren kupferfarbenen Locken, und sie klaubten sie sorgfältig heraus, eine nach der anderen, während sie langsam zurück zum Lager gingen.

Idas Schlaf war ruhig und sorglos, ihre Träume waren angenehm, auch wenn sie sich morgens nicht mehr an sie erinnern konnte. Sie wachte mit einem Lächeln auf dem Gesicht auf.

Einmal ging sie spätabends zum Gemeinschaftsbadehaus und trocknete sich gerade die Haare ab, als Elsa sich neben sie setzte. Ida lächelte sie an. Sie mochte Elsa mit ihren ernsten Augen, die so anders war als die übrigen Mädchen. In Moskau zur Waise geworden, hatte sie es mit Hilfe jüdischer Hilfsorganisationen nach Paris geschafft, wo sie mit stoischer Willenskraft ihr Leben selbst in die Hand genommen hatte. Sie hatte Medizin studiert, während sie Gelegenheitsarbeiten annahm und sich Stipendien beschaffte, die ihr einen bescheidenen Lebensunterhalt sicherten. Irgendwie hatte sie Zeit gefunden, sich in André zu verlieben, einen jungen Chirurgen. Sie hatte Ida sein Foto gezeigt. Er war rundlich, hatte vorzeitig eine Glatze bekommen, eine markante Nase und zusammengekniffene Augen.

»Hübsch ist er nicht, das weiß ich«, sagte sie ganz offen. »Aber das bin ich ja selbst nicht. Wir lieben uns, wie wir sind, nicht wegen Äußerlichkeiten. Er ist treu und fleißig, brillant in seiner Arbeit. Und er mag mich. Es ist schon sehr lange her, seit jemand mich gemocht hat.«

»Und du? Magst du ihn auch?«, hatte Ida gefragt.

»Ich liebe ihn«, hatte sie ohne Zögern erwidert.

André und Elsa waren verlobt und wollten bald heiraten. Ihre Zukunft gehörte ihnen allein. Ida bewunderte Elsa und beneidete sie um ihre Unabhängigkeit. Elsa hatte keine Eltern, denen sie Rechenschaft ablegen musste, keinen berühmten Familiennamen, den es hochzuhalten galt. Sie konnte ihr Leben leben, wie immer sie es wollte. Mit einem schuldbewussten Schauder kam Ida in den Sinn, dass sie Elsa um ihren Waisenstatus beneidete.

»Bist du gern hier, Ida?«, fragte Elsa und reichte ihr einen Kamm.

»Sehr«, erwiderte Ida vorsichtig.

»Du und Michel, ihr seid euch nahegekommen. Habe ich bemerkt«, fuhr Elsa fort.

»Wir haben uns letztes Jahr hier kennengelernt und uns das ganze Jahr über geschrieben. Wir sind sehr eng befreundet.«

»Ich glaube, ihr seid mehr als nur Freunde«, sagte Elsa.

»Ja. Du hast recht. Wir sind mehr als Freunde.« Idas Wangen leuchteten in einem purpurnen Glanz, der dem Pinsel ihres Vaters fremd wäre. Sie wollte ihr Geheimnis mit Elsa teilen, die sie ernst anblickte. Elsa würde sie verstehen. Vielleicht hieß sie es sogar gut.

»Wir sind amants, wir lieben uns«, fügte sie hinzu, wobei ihr Herz heftig klopfte und sich Wärme in ihrem Körper ausbreitete. Es war eine Erleichterung, es ausgesprochen zu haben.

»Das überrascht mich nicht. Ich dachte es mir schon«, sagte Elsa. »Ich nehme an, dass ihr aufpasst?«

»Aufpassen?« Ida war für einen Moment verwirrt.

»Du weißt sicher, was ich meine.« Elsa sah sie eindringlich an.

»Ja, natürlich tue ich das«, sagte sie eine Idee zu schnell.

Aufpassen. Michel hatte genau dieses Wort auch benutzt, und sie hatte seine Besorgnis mit einem Lachen abgetan. Sie kannte den Rhythmus ihres Körpers, die fruchtbaren Tag und die sicheren.

Er müsse sich keine Sorgen machen, hatte Ida Michel versichert. Sie war nicht beunruhigt. Warum auch sollte sie sich Sorgen machen? Sie notierte sorgfältig die Daten ihres Menstruationszyklus und wusste um die Unwägbarkeiten. Es konnte gar nichts schiefgehen. Sie war ein Glückskind, die magische Tochter ihrer Eltern. Und jetzt war sie Michels belle amante, seine wunderschöne Geliebte. Sie hatte ihm das Haar zerzaust und sich über seine Befürchtungen lustig gemacht.

Spontan drehte sie sich Elsa zu und nahm sie in die Arme. »Es ist lieb von dir, dass du dir Sorgen um uns machst, aber bei uns ist alles gut.«

»Ja. Natürlich. Es ist immer alles gut, bis es dann nicht mehr gut ist«, erwiderte Elsa trocken.

Am letzten Tag des Sommerlagers reichte Elsa Ida einen Zettel. »Meine Adresse in Paris«, sagte sie. »Falls du mich jemals brauchen solltest.«

»Merci, aber darf ich dich auch besuchen, wenn ich dich nicht brauche?«, fragte Ida verschmitzt.

»Natürlich. Schließlich sind wir Freunde. Ich habe meist Nachtdienst, aber nachmittags bin ich zu Hause. Und meine Tür ist nie abgeschlossen.«

»Ich habe vor, dich auszuführen. Michel und ich werden mit dir und André zu einem wunderbaren Café auf der rive gauche gehen.« Ida glühte vor Aufregung. Mit einer anderen jungen Frau befreundet zu sein war eine neue Erfahrung für sie. Es würde wunderbar sein, mit ihrem Geliebten und ihren Freunden an einem Tisch auf der Terrasse zu sitzen und zuzuschauen, wie die Lichter von Paris auf dem Wasser der Seine tanzten.

Sie steckte Elsas Adresse in eine Ecke ihres Koffers, direkt neben die Lavendelkissen, die sie nie herausgenommen hatte.

Sie und Michel reisten zusammen nach Paris zurück. Er hatte seiner Mutter einen Strauß spätblühender Gebirgsrosen mitgenommen. Es schmerzte ihn, dass seine Mutter, die Blumen und Gärten so sehr liebte, den ganzen Sommer über in ihrem kleinen Laden eingesperrt war, um nur ja keinen Franc zu verlieren. Die Armut seiner Eltern betrübte ihn, und die Opfer, die sie für ihn brachten, belasteten ihn mit Schuldgefühlen.

Ida hatte keine Blumengabe dabei. Marc und Bella hatten Montchauvet verlassen und richteten sich nun in ihrem Pariser Heim in der Nähe des Bois du Bologne ein. Sie wusste, dass Bella jeden Tag auf den Blumenmarkt ging, und wenn sie nach Hause zurückkehrte, waren ihre Arme beladen mit den rostroten Blüten des Herbstes. Bella war so stolz auf ihr Heim, dass sie Mobiliar und Gemälde ständig neu arrangierte und Schalen und Vasen mit Blumen füllte. Ihr Zuhause war ihre Insel, ihr sicherer Hafen in einer hässlichen und unsicheren Welt.

Sie hatte Ida in ihren Briefen genau berichtet, wie sie ihr Schlafzimmer umgestaltet hatte. Reinweiße Vorhänge an den Fenstern, ein Orientteppich auf dem Boden, ein dunkelroter Seidenbaldachin über dem Bett. Die neue Daunendecke war leuchtend rosa, und ihre Mutter hatte dicke Kissen darauf verteilt. Idas Bücher standen in Regalen, die geschnitzten Holztiere, die sie seit ihrer Kindheit gesammelt hatte, waren auf dem Sekretär platziert.

»Du wirst dich dort sehr glücklich fühlen, ma fille«, hatte Bella geschrieben.

Ida hatte gelächelt, als sie den Brief las.

»Meine Mutter hat ein Kinderzimmer eingerichtet. Spielzeug und Bilderbücher und kuschlige Kissen. Sie begreift nicht, dass ich inzwischen erwachsen geworden bin. Ich bin nicht mehr ihre petite fille. Ich bin jetzt eine jeune dame.«

»Sie möchte dir eine Freude machen. Sei ihr nicht böse«, mahnte Michel.

Als Mann leiser Töne wählte Michel stets den Weg des Friedens. Seine Eltern hatten ihn ermahnt, nie aufzufallen und jeder Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Ohne große Worte waren sie ebenso wie die Chagalls, wenn auch ohne deren finanzielle Mittel, von Russland über Berlin gereist und schließlich in Frankreich angekommen.

»Wir dürfen keine Aufmerksamkeit auf uns lenken«, hatte sein Vater ihn immer und immer wieder erinnert. Es sei wichtig, dass Juden sich in Schweigen und Anonymität hüllten.

Der Rat seines Vaters hatte Spuren in Michels Wesen hinterlassen. Idas Überschwang der Gefühle, ihr energisches Durchsetzungsvermögen waren ihm fremd. Ihre leidenschaftliche Energie faszinierte und erschöpfte ihn zugleich, während die Berühmtheit ihres Vaters ihn einschüchterte. Doch das spielte keine Rolle. Sie allein war es, die ihn betörte. Ihr Selbstvertrauen und ihre Schönheit, ihre Lebensfreude und die Zärtlichkeit ihrer Berührung verzauberten ihn. Er liebte sie, dessen war er sich absolut sicher. In Gedanken bei ihr schlief er ein, und sobald er erwachte, klang ihr Lachen in seinen Ohren.

»Natürlich bin ich nicht sauer auf sie«, versicherte Ida ihm. »Wir sind nie böse aufeinander, meine Eltern und ich.«

Die Chagalls erlaubten sich nicht den Luxus des Zorns, sie waren viel zu sehr aufeinander angewiesen. Sie waren sich ihrer Sichtbarkeit nur zu bewusst und allzeit in der Pose des Bildes, das sie der Welt von sich zeigen wollten. Sie wussten, dass sie als magisches Trio wahrgenommen wurden – der lebendige Marc mit seinem elfenhaften Gesicht, die zarte dunkelhaarige Bella und Ida, ihre temperamentvolle Tochter, deren Haare die Farbe lodernder Flammen hatten.

Als ihr Zug in die Gare de Lyon einfuhr, trennten sich Ida und Michel, wie sie es verabredet hatten, und gingen in verschiedene Waggons. Sie wollten nicht, dass ihre Eltern sie gemeinsam aussteigen sahen, und hatten beschlossen, dass sie ihnen ihre Nähe, ihre »Freundschaft« zu gegebener Zeit erklären würden. Für den Moment würde Michel zu seinem Jurastudium zurückkehren, und Ida würde sich zum Atelierunterricht am La Palette in Montparnasse anmelden, was nahe genug bei der Sorbonne war, dass sie sich ohne großen Aufwand treffen konnten. Ihre Eltern hatten bereits zugestimmt, dass La Palette eine anspruchsvollere Ausbildung bot als die Akademie, die sie zuvor besucht hatte.

Sie sah die kommenden Monate vor sich liegen wie eine verwunschene Straße durch die Zeit. Michel und sie würden sich die Stunden zwischen seinen Seminaren und ihren Kursen für eilige Mittagessen in den Cafés an der rive gauche stehlen. Hand in Hand würden sie an der Seine spazieren gehen, und in der Dämmerstunde, der l’heure bleue, würden sie nebeneinander auf dem Pont Neuf stehen und zuschauen, wie die Spiegelbilder der ersten Sterne des Abends über das dunkle Wasser tanzten.

Lächelnd lauschte Ida auf das Kreischen der Bremsen des Zugs und verfolgte, wie Michel ausstieg und in großen Schritten den Bahnsteig überquerte, um die kleine silberhaarige Frau in dem dunklen Kostüm zu begrüßen, die sich auf Zehenspitzen stellte, um ihren großen Sohn zu küssen, und freudig strahlend den Strauß Rosen entgegennahm, den er ihr reichte. Ida wartete noch einen Moment, dann trat auch sie auf den Bahnsteig und eilte ihren Eltern entgegen.

»Mamotschka. Papotschka. Wie schön, euch zu sehen. Ihr habt mir gefehlt.« Sie fiel ihrer Mutter in die Arme und lächelte ihren Vater glücklich an. Marc legte eine Hand auf ihren Kopf und presste ihre seidigen Locken an seine Wange. Er musterte aufmerksam das gerötete Gesicht seiner Tochter und fragte sich, warum es ihm so verändert vorkam. »Willkommen daheim, Idotschka«, sagte er leise. »Soyez la bienvenue.« Arm in Arm verließen sie den Bahnhof, und als sie am Ausgang auf ihren Fahrer warteten, sah Ida Michel und seine Mutter in der Métro-Station verschwinden. Michels Arm lag beschützend auf den schmalen Schultern seiner Mutter, und sie hielt die blutroten Rosen an ihr Herz gedrückt.

4. Kapitel

Im Sommerlager hatte Ida stets friedlich geschlafen, mit ihrer Rückkehr nach Paris suchte sie der furchterregende Traum jedoch von neuem heim. Wieder gab es dieses verzweifelte Rennen durch dunkle und fremde Straßen, die hämmernden Hufschläge berittener Verfolger, in deren Augen der Hass funkelte, dann wieder das geheimnisvolle himmlische Entkommen. Doch plötzlich veränderte sich die Traumlandschaft, und während sie den blumenbesetzten Himmel entlangglitt, überkam sie heftiger Schwindel. Sie löste sich aus der schützenden Umklammerung ihrer Eltern und stürzte in eine übel riechende Dunkelheit, kämpfte gegen einen anschwellenden Brechreiz, der sie erwachen ließ. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Sie setzte sich auf, ihre Augen brannten, der Hals war rau. Säuerliches Erbrochenes füllte ihren Mund.

Erschrocken mühte sie sich aus dem Bett und wankte im milchig weißen Licht der Morgendämmerung ins Bad, wo sie würgte und vor Schmerz ihren Unterleib umklammerte. Der Raum drehte sich rasend schnell um sie; sie streckte eine Hand nach der Wand aus und ließ sich vorsichtig auf die kalten Bodenfliesen hinabsinken. Schließlich ließ das Schwindelgefühl nach, und der Brechreiz verschwand. Sie wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser, putzte sich die Zähne und tastete sich bedächtig zurück ins Schlafzimmer.

Ich bin krank, dachte sie, während sie sich unruhig im Bett wälzte und in den schweißgetränkten Laken verhedderte.

Dann erinnerte sie sich, dass Yvette, die Studentin, die im Atelier La Palette an der Staffelei neben ihr arbeitete, über Bauchschmerzen geklagt hatte. Vielleicht hatte Ida sich bei ihr angesteckt, war sie doch genau wie ihre Mutter anfällig für Infekte. Ida wusste von Bellas fürchterlichen Kopfschmerzen, ihren wiederkehrenden Anfällen von Verdauungsbeschwerden und unerklärlichen Muskelschmerzen. Merkwürdig geformte Behälter mit nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten und homöopathischen Mixturen standen neben edelsteinfarbenen Parfumflakons und Kajal auf Bellas unordentlicher Frisierkommode.

Erst gegen Morgen fiel Ida in einen unruhigen Schlaf, und als sie aufwachte, war der Brechreiz verschwunden. Sie lächelte ihre Mutter matt an, die mit einem Croissant und einer Tasse Café au lait in der Tür ihres Zimmers stand.

»Ich hab keinen Hunger«, sagte sie entschuldigend.

»Aber du musst etwas essen«, protestierte Bella.

»Ich werde im Atelier essen. Ich möchte heute Morgen nicht zu spät kommen. Wir haben ein Aktmodell.«

Bella blickte ihre Tochter forschend an.

»Geht es dir gut, Idotschka?«, fragte sie. »Du siehst blass aus.«

»Mir geht es gut. Vorhin war mir ein wenig übel, aber jetzt ist wieder alles bestens.«

»Vielleicht bekommst du deine Regel?«

»Nein«, erwiderte Ida schroff.

Die Frage ihrer Mutter ärgerte sie. Ihre Zudringlichkeit gefiel ihr nicht. Sie war durchaus in der Lage, ihren Monatszyklus allein auszurechnen.

»Ich dachte ja nur«, blieb Bella hartnäckig. »Katja erwähnte, sie habe in der Wäsche keine der Binden gefunden, die du für deine Periode benutzt.«

»Katja sollte sich um ihren eigenen Kram kümmern. Vielleicht hätte ihr auch in den Sinn kommen können, dass ich solch intime Wäsche lieber selbst mache. Sie sollte dankbar sein, dass ich ihr eine so unangenehme Aufgabe abgenommen habe.«

Ida sprach mit ruhiger Stimme weiter, sah ihre Mutter jedoch nicht an. Sie konzentrierte sich darauf, die Schnallen ihrer Schuhe zu schließen, und behielt den Kopf tief gesenkt. Sie ignorierte das Schwindelgefühl, von dem sie erneut übermannt wurde, als sie aufstand, um ihre Haare zu bürsten, und widerstand ihm, indem sie energisch die Bürste durch ihre kupferfarbenen Locken zog.

Bella warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und verließ das Zimmer, woraufhin Ida in ihrer Schreibtischschublade nach ihrem Kalender kramte, in dem sie stets die Daten ihres Menstruationszyklus eintrug. Sie realisierte, dass es bereits einige Wochen her war, seit sie einen Eintrag gemacht hatte. Nein, nicht Wochen, bemerkte sie mit schwerem Herzen, es waren beinahe zwei Monate vergangen.

Sie zwang sich, ruhig zu bleiben, und erinnerte sich, dass ihre Regel schon mehrfach unregelmäßig gekommen war. Aber war sie schon einmal so spät dran gewesen? Und selbst wenn, bisher hatte sie noch nie Grund zur Besorgnis gehabt.

Sie zählte die Tage seit dem letzten Mal, zählte gleich noch einmal und dachte an ihre nächtliche Übelkeit, die Benommenheit, mit der sie am Morgen zu kämpfen gehabt hatte.

»Nein«, sagte sie laut. »Das kann nicht sein.«

Sie drehte sich zu ihrem Spiegel und betrachtete ihr Abbild, konzentrierte sich auf ihre schmale Taille und den flachen Bauch. Da war kein Hinweis, dass in ihrem Körper neues Leben entstand. Sie umfasste ihre Brüste, voll und fest unter dem hochgeschlossenen grünen Leibchen, dessen Farbe zu ihren Augen passte. In einen Büstenhalter schnürte sie sich nie, auch nicht in ein enges Mieder. Sie ließ die Finger zwischen die Knöpfe ihres Leibchens gleiten. Waren ihre Brüste empfindlicher als sonst, fragte sie sich, und falls es so war, hatte das etwas zu bedeuten?

Ihre Hände zitterten. Sie ging zu der Schublade, kramte in ihren Taschentüchern und fand schließlich den Zettel, auf den Elsa ihre Adresse gekritzelt hatte. Sie steckte ihn in ihre Tasche, warf das Croissant aus dem Fenster, schüttete den Kaffee in die Toilette und eilte nach unten.

»Ade, Mamotschka«, sagte sie und gab Bella die leere Tasse. »Danke für’s Frühstück. Tut mir leid, dass ich so gereizt war. Ach, habe ich ganz vergessen, dir zu sagen, dass ich zum Abendessen nicht zu Hause sein werde. Ich bin verabredet.«

Sie küsste ihre Mutter auf beide Wangen, eilte hinaus und schloss die Tür vor Bellas Widerspruch und ihren unvermeidlichen Fragen.

»Mit wem? Wo trefft ihr euch?«

Bellas angespannte Stimme hallte noch durch den leeren Raum, als Marc lautlos hereinkam. Er arbeitete stets in Strümpfen, immer in Sorge, Farbtropfen könnten seine Schuhe beflecken. Er hatte seine ärmliche Kindheit nicht vergessen, in der er und sein Bruder David sich ein einziges Paar Schuhe geteilt und an wechselnden Tagen zur Schule hatten gehen müssen.

Seufzend dachte Bella, dass ihre schmerzliche Vergangenheit ihre Gegenwart immer prägen würde.

»Mit wem hast du gesprochen, Bella?«, fragte er und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein.

»Ich wollte mit Ida sprechen, aber sie ist so schnell aufgebrochen, dass sie mich wohl nicht mehr gehört hat. Sie sagte, sie werde nicht zum Abendessen nach Hause kommen, da sie verabredet sei, allerdings hat sie nicht gesagt, mit wem oder wo«, erwiderte sie in klagendem Ton.

»Vielleicht mit diesem Jurastudenten, diesem Michel Rapaport«, mutmaßte Marc. »Sie sagte doch, dass sie sich im Sommerlager angefreundet hätten. Ich gehe davon aus, dass sie seiner bald überdrüssig werden wird.«

»Ja, wahrscheinlich«, sagte Bella müde. »Dennoch mache ich mir Sorgen um sie. Sie ist noch so jung, so naiv.«

»Auch nicht jünger als du, als wir uns kennengelernt haben«, sagte er lächelnd.

»Ja, ich weiß. Aber wir lebten in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Wir kannten unsere Grenzen. Wir wussten, was erlaubt war und was verboten.«

»Hatten wir denn eine Wahl?«, fragte er bitter. »Es gab kein Entrinnen vor den neugierigen Augen der Klatschweiber von Witebsk. Wir konnten noch nicht einmal so tun, als könnten wir den Stimmen der Rabbis oder den Warnungen unserer Eltern entkommen. Immer hatten sie Angst, dass wir Schande über sie bringen würden.«

»War es denn so falsch von ihnen, sich Sorgen zu machen?«, fragte sie.

»Vielleicht nicht. Sie haben uns mit ihren Sorgen zur Heirat getrieben – zu unserem Glück.« Er lächelte.

Er rührte in seinem Kaffee und fügte mehr Zucker hinzu.

»Aber es ist nicht nötig, um Ida besorgt zu sein«, fügte er hinzu. »Sie ist noch ein Kind, ein zartes, junges Mädchen.«

»So zart und jung nun auch wieder nicht«, sagte Bella und lächelte zum ersten Mal an diesem Morgen. »Unsere Ida ist eine wunderschöne junge Frau. Und deine Künstlerfreunde sind sich dessen nur allzu bewusst. Bestimmt hast du auch schon bemerkt, wie sie von jungen Männern angestarrt wird, wann immer wir mit ihr in einem Café sind, wie sie sich nach ihr umdrehen, wenn wir die Straße hinuntergehen.«

Sie erzählte ihm nicht, dass die Anmut ihrer Tochter sie mit einer seltsamen Mischung aus Stolz und Furcht erfüllte.

»Bella, du machst dir Sorgen, wo es keinen Grund dazu gibt. Es gibt mehr als genug Probleme auf der Welt. Dann ist unsere Ida eben hübsch, und die Männer bekommen das mit. Kein Grund zur Beunruhigung.«

»Und was bewegt dich, Marc?«, fragte sie gereizt.

»Was mich bewegt? Adolf Hitler. Was in Deutschland passiert, das macht mir Sorgen«, erwiderte er.

»Deutschland liegt auf der anderen Seite der Grenze. Wir leben in Frankreich«, konstatierte sie tonlos, wie immer, wenn er die Unheil verkündenden Schlagzeilen aus Le Monde oder den Nachrichten zur Sprache brachte.

»Der Krieg ist gerade mal sechzehn Jahre her«, fuhr sie fort. »Glaubst du denn wirklich, dass die Deutschen wieder Krieg wollen? Schon der Gedanke ist lächerlich. Natürlich gibt es Antisemitismus in Deutschland – das wussten wir, als wir Berlin verlassen haben –, aber das bedeutet nicht gleich Krieg. Du bist derjenige von uns beiden, der sich zu viele Sorgen macht, Marc.«

Er zuckte die Achseln. »Vielleicht. Einigen wir uns darauf: Du hörst auf, dir wegen Ida den Kopf zu zerbrechen, und ich höre auf, dasselbe wegen Hitler zu tun.«

»In Ordnung, das ist fair«, sagte sie, und beide lachten.

Sie lächelten sich an, und Bella rückte ihm näher und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Liebevoll streichelte er ihr seidiges dunkles Haar.

»Wir haben für heute Abend eine Einladung zu einer Aufführung im Théâtre de l’Athénée. Sollen wir hingehen?«, fragte er.

Sein Vorschlag war, das wusste sie, eine Geste der Versöhnung. Sie nickte, dankbar für die Ablenkung, die es ihr erlauben würde, nicht an Ida zu denken und daran, wo sie den Abend verbrachte und wann sie nach Hause käme.

»Es wird ein spannender Abend«, sagte er. »Alle großen Namen aus Paris werden dort sein. Sogar der Spanier.«

»Er ist so arrogant, dieser Picasso«, sagte sie.

Sie ließ unerwähnt, dass Picasso, als sie und Ida auf einen Kaffee im Les Deux Magots waren, Idas Profil gezeichnet und ihnen bei seinem Aufbruch seinen Block gezeigt hatte. Es war eine Kohlezeichnung, flüchtig und minimalistisch, in der dennoch die schlummernde Sinnlichkeit ihrer Tochter in all ihrem Reiz eingefangen war.

* * *

Ida verbrachte den Vormittag mit wachsender Frustration an ihrer Staffelei. Die instinktive Arbeitsweise ihres Vaters hatte sie schon immer fasziniert, seine schnellen und energischen Pinselstriche, seine mutig gewählten Farben. Ihre eigenen Versuche schienen ihr so schwerfällig. Sie starrte das nackte Modell an, das bewegungslos und gelangweilt auf dem Podest stand, ihr fettiges aschblondes Haar zu einem derben Knoten gebunden. Ida mühte sich erfolglos ab, die herabhängenden Brüste und die stämmigen Beine der Frau zu malen. Der Maître, der durch das höhlenartige Atelier schritt und die Arbeit seiner Studenten kritisierte, blieb stehen und betrachtete ihre Leinwand.

»Es wäre vielleicht hilfreich«, sagte er, »wenn Sie Ihr Modell skizzieren, bevor Sie zu malen beginnen.«

»Mein Vater tut das nie«, protestierte Ida.

»Sie sind nicht Ihr Vater, Mademoiselle Chagall«, entgegnete er mit einem gehässigen Lächeln.

Sie war erleichtert, als die Nachmittagspause ausgerufen wurde. Das Modell streifte sich einen verschlissenen blauen Hausmantel über und nahm dankbar eine Zigarette und ein Glas Wasser von einem Mitarbeiter des Ateliers an.

»Sie ist so hässlich«, murmelte Ida, und Yvette, die wieder neben ihr malte, runzelte die Stirn.

»Du meinst also, dass es dir so schwerfällt, sie zu malen, weil sie hässlich ist?«, fragte Yvette. »Vielleicht solltest du etwas mehr Wohlwollen für sie aufbringen. Wie kann eine Frau, die hässlich und arm ist, ihren Lebensunterhalt bestreiten? Glaubst du wirklich, dass sie gern nackt in diesem eiskalten Atelier steht? Welche Wahl haben Frauen wie sie denn?«

Ida antwortete nicht. Yvettes Worte beschämten sie.

Niedergeschlagen legte sie ihren Kittel ab, strich sich übers Haar und verließ das Atelier. Eine sanfte Brise der lieblichen Herbstluft umfing sie und beruhigte sie, dann ging sie schnellen Schrittes zu dem Café, in dem sie und Michel sich verabredet hatten.

Er saß an einem kleinen Tisch im hinteren Teil des Lokals. Aus Furcht, Freunden ihrer Eltern oder den eigenen Kommilitonen zu begegnen, hatten sie es sich zur Gewohnheit gemacht, sich zu ihren Rendezvous in abgedunkelten Winkeln jener Cafés zu treffen, die gerade nicht à la mode waren. Diese Heimlichkeit verlieh ihren verstohlenen Stunden der Zweisamkeit etwas Geheimnisvolles und war sehr romantisch. Michel beugte sich vor, ergriff ihre Hand und führte sie an seine Lippen. Ein halbes Baguette lag auf seinem Teller, und seine Kaffeetasse war fast leer.

»Es tut mir leid, Chérie, aber ich habe heute nur wenig Zeit. Ich habe mir in der juristischen Bibliothek Bücher zurücklegen lassen und meinen Eltern versprochen, dass ich ihnen später im Laden helfe. Verzeihst du mir?«

Sie schluckte ihre Enttäuschung runter. »Sehen wir uns denn heute Abend?«, fragte sie.

»Es geht leider nicht. Ich muss zu einer Lerngruppe zum Eigentumsrecht. Wir haben nächste Woche eine wichtige Prüfung. Bitte, sei mir nicht böse.«

Er fürchtete Idas Zorn ebenso wie ihre plötzlichen Stimmungswechsel, ihre Verärgerung, wenn er ihre Pläne für einen nachmittäglichen Ausflug oder ihre Wahl eines Cafés ablehnte. Sie hatte von klein auf immer ihren Willen bekommen, während er stets den Bedürfnissen seiner Eltern Vorrang gegeben hatte und die Bürden und den Kummer, den diese zu tragen hatten, nicht noch vergrößern wollte. Dennoch währte ihr Zorn nie lange, und seine Vergebung erfolgte zwangsläufig und unmittelbar.

»Nein. Ich bin dir nicht böse.«

Erleichtert gab er ihr einen Kuss auf die Wange. Sie schaute ihm nach, als er hinauseilte, leicht gebeugt unter dem Gewicht seiner schweren Büchertasche. Ihr kam in den Sinn, dass er in seiner schäbigen Studentenjacke aus braunem Tuch eigentlich recht gewöhnlich aussah, und dieser Gedanke überraschte sie. Sie bestellte einen Kaffee und ein Croque Monsieur. Sie hatte vorgehabt, Michel von ihren morgendlichen Beschwerden und deren möglicher Bedeutung zu erzählen, doch sie bereute ihr Schweigen nicht. Es wäre dumm, mit ihm darüber zu reden, bevor sie sich sicher war. Sie fischte Elsas Adresse aus ihrer Tasche. Sie wusste, wie sie Gewissheit erlangen konnte.

Sie aß in aller Ruhe und studierte dabei die ölbefleckten Seiten der ausliegenden Le Monde. Wieder gab es schlechte Nachrichten aus Deutschland, Warnungen Winston Churchills vor einem Krieg, der immer wahrscheinlicher wurde. Sie seufzte. Viele Freunde ihrer Eltern planten bereits, Europa zu verlassen. Ida würde sie erneut drängen, Visa in der Botschaft der Vereinigten Staaten zu beantragen, obwohl sie genau wusste, dass ihre Eltern das nicht wollten. Schon zu viel Zeit ihres Lebens hatten sie auf der Flucht verbracht. Ihre Mutter war erschöpft, und ihr Vater ging trotz all seiner Befürchtungen in Bezug auf Hitler davon aus, dass sein Ruhm ihn schützen würde. Sie legte die Tageszeitung zurück, beglich ihre Rechnung und verließ das Café.

Allerdings ging sie nicht wieder ins Atelier. Die Gedanken an die grobschlächtigen Züge des traurigen Modells, an Yvettes harsches Verhalten und die Kritik des Maître ließen sie in die entgegengesetzte Richtung laufen. Beschwingt von ihrer unerwarteten Freiheit, schlenderte sie in ein elegantes Geschäft in Faubourg Saint-Germain. Sie strich mit der Hand über die edlen Kleidungsstücke und probierte mehrere an, bevor sie sich für ein himmelblaues Cape aus weichem Kaschmir entschied. Die eifrige Verkäuferin bot ihr eine dazu passende Baskenmütze an, die sie ebenfalls kaufte, dann in einem kecken Winkel aufsetzte und ihr Haar so legte, dass die kupfernen Locken ihre Stirn säumten.

Zufrieden mit ihrem Abbild im Spiegel des Geschäfts, überkam sie ein Gefühl der Zuversicht. Das Cape lag leicht auf ihren Schultern. Sie lächelte bei dem Gedanken, wie oft ihre Mutter sich neu einkleidete, wenn die Melancholie sie zu übermannen drohte. Bella hatte recht. In schöne neue Kleider gehüllt, vermochte man die Dinge wieder mit mehr Hoffnung zu sehen. Die Angst, die Ida seit Tagesanbruch nicht mehr losgelassen hatte, verflüchtigte sich, und sie fühlte sich neu belebt. Ganz gleich, was passierte, sie würde damit klarkommen. Sie war Ida Chagall, ergeben geliebtes Kind ihrer Eltern, Michels Liebe, und was hätte ihr mehr Hoffnungen auf eine leuchtende Zukunft machen können?

5. Kapitel

Sie eilte durch die Stadt zu Elsas Adresse auf dem rechten Ufer der Seine und freute sich, als sie Elsa, die eben erst aus dem Krankenhaus zurückgekehrt war, dort antraf. Sie umarmten sich, und Ida stand am Fenster, während Elsa ihren weißen Krankenhauskittel gegen ein unförmiges graues Wollkleid tauschte. Sie wusste, dass Elsa eine Frau war, deren Arbeit immer Vorrang haben würde vor ihrem äußeren Erscheinungsbild. Idas Mutter würde das natürlich niemals gutheißen. Für Bella kamen Schönheit und Stil eine Schlüsselrolle im heiklen Spiel des gesellschaftlichen Überlebens zu. Das waren die Werte ihrer Familie in Witebsk gewesen, und sie prägten auch ihren Blick auf diese Welt.

Elsa sprudelte über vor Neuigkeiten über ihre Tätigkeit im Hôpital des Femmes, einem von der Familie Rothschild finanzierten Frauenkrankenhaus.

»Ich habe beschlossen, mich auf Gynäkologie zu spezialisieren«, sagte sie zu Ida. »Wenn ich in Doppelschichten arbeite, kann ich meine Facharztausbildung in zwei Jahren abschließen. André hat man eine Anstellung im Beth Israel Hospital in New York versprochen, und sobald ich mein Visum habe, werde ich ihm dorthin nachreisen.«

»Warum willst du so hart arbeiten?«, fragte Ida. »André wird doch sicher warten können, bis du fertig bist, und dann könnt ihr zusammen emigrieren.«

»Wir befinden uns in einem Wettlauf gegen Hitler. Liest du keine Zeitung, Ida? Dieser Verrückte hat alle polnischen Juden, deren Papiere nicht einwandfrei waren, aus Deutschland ausgewiesen. Meine Schwester und mein Bruder leben jetzt mit ihren Familien in einer Kaserne im Niemandsland zwischen den Grenzen Polens und Deutschlands. Sie müssen um ihr Essen kämpfen. Und wir werden als Nächste dran sein. Wir wären Narren, wenn wir glaubten, dass die Juden Frankreichs bei einem Einmarsch Hitlers verschont bleiben. Also – ja, wir ziehen fort, so bald und so schnell wir können.«

Ida seufzte. »Mein Vater macht sich auch Sorgen, aber er glaubt, sein Name und sein Ruhm werden uns schützen.«

»Wenn Hitler in Frankreich einmarschiert, wird hier kein Jude mehr sicher sein. Nicht einmal der große Marc Chagall«, sagte Elsa bissig. »Aber du bist doch sicher nicht gekommen, um mit mir darüber zu diskutieren. Erzähl mir, was du gemacht hast, Ida. Gefällt dir die Arbeit im La Palette? Und wie geht es Michel?«

»Die Malerei fällt mir schwer. Besser gefällt es mir in den Zeichenkursen. Michel arbeitet hart, und es scheint ihm gut zu gehen.«

»Und dir, Ida? Geht es dir auch gut?«

Ida wandte den Blick ab. Ihre Hände zitterten, und ihre Stimme senkte sich zu einem Flüstern.

»Nein. Mir geht es nicht gut. Ich glaube … Ich glaube, ich könnte schwanger sein.«

Ihre Wangen brannten, aber gleichzeitig fühlte sie sich erleichtert, endlich ausgesprochen zu haben, was ihr schon den ganzen Tag durch den Kopf ging.

»Und wie kommst du darauf?«, fragte Elsa, nun sachlich und professionell.

Ida ließ sich auf einen Stuhl sinken. »Mir war letzte Nacht schlecht, ich musste mich übergeben. Morgens war mir dann schwindlig. Ich habe in meinen Kalender gesehen. Wie es aussieht, hatte ich schon ein oder sogar zwei Mal keine Periode. Ich weiß, was diese Kombination bedeuten könnte.«

»Das mag auf eine Schwangerschaft hindeuten, aber sicher können wir nicht sein. Du solltest dich untersuchen lassen. Deine Mutter geht doch bestimmt zu einem Gynäkologen, den du ebenfalls aufsuchen könntest.«

»Aber ich will nicht, dass meine Eltern etwas erfahren. Zumindest nicht, bis ich selbst sicher bin. Könntest du mich nicht untersuchen, Elsa?« Sie wandte den Kopf ab, aus Angst vor Elsas Antwort auf eine Bitte, von der Ida wusste, dass sie nicht das Recht hatte, sie an ihre Freundin zu richten, die keine Gleichberechtigte war.

Elsa zögerte. Sie nahm ihre dicke Brille ab, wischte sie am Saum ihres Kleides sauber und setzte sie wieder auf.

»Ida, ich habe nur wenig Erfahrung«, sagte sie. »Du solltest in eine Klinik gehen.«

»Elsa, bitte. Ich möchte nicht mit einem Fremden sprechen. Und in einer Klink müsste ich doch bestimmt irgendwelche Formulare ausfüllen, ihnen eine carte d’identité vorlegen. Der Name Chagall ist nicht unbekannt in Paris. Sicher würde es Gerede geben. Kannst du mir nicht helfen?«

Elsa fixierte sie nachdenklich. »In Ordnung«, sagte sie schließlich und seufzte.

Ihre Zustimmung war nur zögernd gekommen, doch nun handelte sie entschlossen. Sie holte ihre schwarze Arzttasche aus dem Schrank und setzte einen Topf Wasser auf den Kohleofen. Als das Wasser abgekocht war, goss sie es in eine Schale und wusch ihre Hände darin unter Zuhilfenahme eines Stückes giftig gelber Seife.

»Bitte, Ida, leg dich auf mein Bett, zieh deine Unterwäsche aus und hebe deinen Rock. Du weißt, dass du deine Beine so weit wie möglich spreizen musst?«

Gehorsam tat Ida alles, was man ihr sagte. Sie breitete ihr neues himmelblaues Cape auf Elsas dünner Bettdecke aus, legte den Kopf auf das flache Kissen und bemerkte, dass sie immer noch die Baskenmütze trug. Sie stellte sich vor, wie lächerlich sie aussehen musste, die Röcke weit hochgezogen, die nackten Schenkel gespreizt, alles entblößend, mit der Baskenmütze keck auf ihren Locken.

Behutsam untersuchte Elsa sie und tastete das weiche Gewebe mit einem glänzenden Instrument aus Stahl ab. Obwohl sie sehr vorsichtig ans Werk ging, sog Ida die Luft vor Schmerz heftig ein.

»Tut mir leid«, sagte Elsa. »Ich gebe mein Bestes, dir nicht weh zu tun.« Endlich zog sie ihre Hand zurück, und Ida atmete erleichtert auf.

»Mit Bestimmtheit kann ich es nicht sagen«, sagte Elsa, »aber ich habe etwas ertastet. Die Zellen der Plazenta bilden sich erst eine gewisse Zeit nach der Empfängnis. Möglich, dass es das war. Sicherheit wirst du aber nur mit einer Urinuntersuchung bekommen. Dennoch wage ich die Vermutung, dass du dich in einem frühen Schwangerschaftsstadium befindest, ich würde sagen, noch in den ersten Wochen. Ich habe befürchtet, dass so etwas passieren könnte. Ich hätte im Lager offener mit dir reden müssen.«

»Es ist nicht deine Schuld, Elsa. Du hast mich gewarnt.«

Ida setzte sich auf. Sie zog sich wieder an und eilte dann ins Bad. Sie sah ihre Freundin nicht an, als sie wieder herauskam, wusch sich jedoch gründlich ihre Hände und benutzte das heiße Wasser und die Karbolseife.

»Was willst du jetzt tun?«, fragte Elsa leise.

Ida zuckte die Achseln, erwiderte jedoch nichts.

»Weiß Michel Bescheid?«

»Nein.« Sie zog das Cape zurecht und fummelte an dem weichen Stoff herum. »Findest du, diese Farbe steht mir?«, fragte sie.

»Ida, du musst jetzt vernünftig sein«, sagte Elsa tadelnd.

»Ich weiß. Natürlich weiß ich das.«

»Falls du wirklich schwanger bist, ist es noch in einer frühen Phase, was wiederum bedeutet, dass du die Wahl hast. Es gibt Möglichkeiten, eine Schwangerschaft zu beenden. Immerhin sind wir hier in Paris, nicht in Osteuropa.«

»Avortement. Das ist es doch, was du meinst.«

Das Wort war ihr nicht unbekannt. Avortement, Abtreibung. Sie wusste, dass ihre Mutter das für Katja, ihr Hausmädchen, arrangiert hatte. Ida hatte zufällig aufgeschnappt, wie Bella mit ihrer Freundin Raïssa Maritain darüber gesprochen hatte, während sie, über ihren Skizzenblock gebeugt, in einer Ecke des Gartens saß. Ihrer polnischen Hausangestellten hatten ihre Eltern geholfen, aber wie würden sie reagieren, wenn nun ihre eigene Tochter in der gleichen Lage wäre?

Sie war sich der Antwort gewiss. Natürlich würden sie ihr helfen. Sie war schließlich ihre Idotschka, ihre Prinzessin. Ihr Vater würde sie in die Arme schließen und trösten, genau wie ihre Mutter – so wie beide es schon immer getan hatten. Aber was wollte sie selbst? Und diese Entscheidung würde nicht allein ihre sein. Was würde Michel wollen?

»Würden deine Eltern eine Abtreibung ablehnen?«, fragte Elsa.

»Würde ich sie ablehnen?« Ida lächelte bitter. Ihre Frage schwebte in dem Zimmer, dessen Stille nur vom Horn eines Schleppers unterbrochen wurde, der sich die Seine heraufmühte.

»Das musst du allein entscheiden«, sagte Elsa bekümmert. »Bitte, halt mich auf dem Laufenden, Ida. Vielleicht können André und ich dir helfen.«

»Natürlich. Wir reden bald wieder. Vielen Dank, Elsa.« Sie knöpfte ihr Cape zu. Elsa streckte eine Hand aus und ließ sie über die weiche Wolle gleiten.

»Es ist eine wunderschöne Farbe, Ida«, sagte sie, und sie lächelten einander an. Für diesen kurzen Augenblick waren sie einfach zwei junge Frauen, die sich über die Schönheit eines Kleidungsstückes freuten, unberührt vom Gegeifer eines deutschen Diktators oder einer ungeplanten Schwangerschaft.

* * *

Ida war erleichtert, dass ihre Eltern noch außer Haus waren, als sie wieder zu Hause eintraf.

»Sie sind im Theater. Aber sie haben Ihnen etwas zu essen aufgehoben, Mademoiselle. Soll ich es anrichten?«, fragte Katja.

»Nein.« Schon allein der Gedanke an Essen widerte sie an. »Aber vielen Dank«, fügte sie hinzu.

Langsam ging Ida die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Sie betrachtete aufmerksam ihr Gesicht im Spiegel und sah erleichtert, dass ihre Haut wieder gesund wirkte und ihre Augen gewohnt smaragdgrün leuchteten.

»Alles wird gut«, versicherte sie sich.

Sie schloss die Augen und fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

6. Kapitel

Am darauffolgenden Tag erwachte Ida spät und schaute hinaus in den Nebel. Spontan riss sie das Fenster auf, lehnte sich hinaus und ließ zu, dass die kühle Feuchtigkeit sich auf ihr Gesicht legte. Die Tür zu ihrem Zimmer stand einen Spaltbreit offen, und sie konnte ihre Mutter hören, die mit Katja die Aufgaben des Tages besprach. Die Wäsche musste gemacht werden, Silber geputzt, der Boden des Esszimmers gebohnert und die Teppiche mussten gelüftet werden. Ida hörte zu, beruhigt von Bellas Tonfall und der täglichen Routine. Ihre Welt hatte sich vielleicht verändert, war jedoch nicht untergegangen.

Schnell suchte sie sich ein weißes Wollkleid heraus, das ihre Eltern besonders mochten, und zog sich an. Als sie ihr Haar zu einem kupferfarbenen Knoten aufsteckte, war sie sich darüber im Klaren, dass sie ihnen gefallen wollte, und sie wusste, warum sie sich dabei so viel Mühe gab. Bella und Marc, geübte Darsteller auf so vielen Bühnen so vieler Länder, hatten ihr beigebracht, wie wichtig Kostüme waren und welchen Eindruck die äußere Erscheinung hinterlassen konnte. Sie betrachtete sich im Spiegel, wischte sich eine verirrte Locke aus der Stirn und verließ ihr Zimmer.

Bella saß an ihrem Sekretär, einen Stift in der Hand, und studierte die Einträge, die sie am Vortag in ihr Heft gemacht hatte. Ida kannte die Angewohnheit ihrer Mutter, sich jeden Morgen die Notizen des vergangenen Tages noch einmal durchzulesen und dabei in ihrem endlosen Streben nach Perfektion vieles wieder zu streichen. Ida trug ihren Kaffee und das Croissant in den Salon.

»Bonjour, Maman«, sagte sie. Bella lächelte und sah zu ihr hoch. »Es ist spät. Gehst du heute nicht ins Atelier?«

»Nein. Ich hatte gestern einige Schwierigkeiten. Meine Arbeit dort, zumindest die Malerei, läuft nicht so gut.«

»Das Malen fällt einem nicht in den Schoß. Genauso wenig wie das Schreiben«, sagte sie und schaute auf ihr Heft hinunter.

»Papotschka fällt es in den Schoß.«

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