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Die Unwahrscheinlichkeit des Glücks

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Cynthia Hand

Die Unwahrscheinlichkeit
des Glücks

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Sarah Heidelberger

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Hilf dem Boot deines Bruders über den Fluss, und auch deines wird das andere Ufer erreichen.

HINDUISTISCHES SPRICHWORT

5. Februar

Erst mal möchte ich festhalten, dass es nicht meine Idee gewesen ist, das hier aufzuschreiben. Die kommt von Dave. Meinem Therapeuten. Er glaubt, dass es mir schwerfällt, meine Gefühle auszudrücken, und deswegen hat er vorgeschlagen, dass ich in ein Tagebuch schreibe – um alles loszuwerden, hat er gesagt, wie in alten Zeiten, als die Ärzte ihre Patienten zur Ader ließen, damit irgendwelche geheimnisvollen Gifte abfließen. Was übrigens trotz der guten Absichten der Ärzte fast immer mit dem Tod der Patienten endete.

Unsere Unterhaltung sah ungefähr so aus:

Er wollte, dass ich Antidepressiva nehme.

Ich sagte, dass er sich die dahin schieben kann, wo nie die Sonne scheint.

Also steckten wir irgendwie in der Sackgasse.

„Dann lass uns was anderes probieren“, sagte er schließlich, griff hinter sich und holte ein kleines schwarzes Buch raus. Er hielt es mir hin. Ich nahm es, schlug es auf und sah ihn verwirrt an.

Das Buch war leer.

„Ich dachte, alternativ könntest du es mit Schreiben probieren“, sagte er.

„Das ist ein Moleskin-Notizbuch“, führte er aus, weil ich ihn immer noch wortlos anstarrte. „In die hat Hemingway immer geschrieben.“

„Alternativ zu was?“, fragte ich. „Zu Xanax?“

„Ich möchte, dass du es eine Woche lang probierst“, sagte er. „Also, das mit dem Schreiben.“

Ich versuchte, ihm das Tagebuch zurückzugeben. „Schreiben liegt mir nicht.“

„Ich finde, dass du ganz schön eloquent sein kannst, wenn du willst, Alexis.“

„Warum? Was soll das bringen?“

„Du brauchst ein Ventil. Du frisst alles in dich hinein, und das ist nicht gut für dich.“

Na toll, dachte ich. Als Nächstes erzählt er mir, dass ich mehr Gemüse essen und Vitamine nehmen und jede Nacht acht Stunden schlafen soll.

„Aha. Und du liest das dann?“, fragte ich, weil nicht mal die kleinste Wahrscheinlichkeit besteht, dass ich bei so was jemals mit mache. Eine Stunde die Woche mit Dave über mein unerwartet tragisches Leben zu reden ist schon schlimm genug. Da werde ich auf keinen Fall auch noch meine Gefühle in einem Buch ausschütten, das er dann mit nach Hause nehmen kann, um meine Grammatik zu überprüfen.

„Nein“, antwortete Dave. „Aber ich hoffe, dass du dich eines Tages wohl genug damit fühlst, um mit mir über das zu sprechen, was du geschrieben hast.“

Unwahrscheinlich, dachte ich, aber was ich sagte, war: „Okay. Aber ich bin kein Hemingway.“

Ich weiß nicht, warum ich eingewilligt habe. Vermutlich, weil ich die brave kleine Patientin spielen will.

Dave wirkte äußerst zufrieden mit sich. „Ich will auch nicht, dass du Hemingway bist. Hemingway war ein Idiot. Ich will, dass du schreibst, was dir in den Sinn kommt. Über deinen Alltag. Deine Gedanken. Deine Gefühle.“

Ich habe keine Gefühle, wollte ich sagen, aber stattdessen nickte ich, weil er mich so erwartungsvoll anguckte, als würde meine geistige Gesundheit alleine von meiner Bereitschaft abhängen, in dieses blöde Tagebuch zu schreiben.

Aber dann sagte er: „Und ich glaube, damit es wirklich etwas bringt, solltest du auch über Tyler schreiben.“

Woraufhin ich unwillkürlich die Zähne zusammenbiss.

„Das kann ich nicht“, brachte ich gerade noch so raus.

„Schreib nicht über das Ende“, sagte Dave. „Versuch, über eine Zeit zu schreiben, als er glücklich war. Als ihr zusammen glücklich wart.“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich kann mich nicht erinnern.“ Und das stimmt. Schon nach knapp 7 Wochen, nur 47 Tagen, an denen ich nicht jeden Tag mit meinem Bruder zu tun hatte, ihn nicht am Küchentisch mit Erbsen beschossen, ihn nicht in den Gängen in der Schule gesehen und, wie es sich für eine pflichtbewusste große Schwester gehört, so getan habe, als würde er mir auf den Zeiger gehen, ist das Bild von Ty in meinem Kopf verschwommen geworden. Den Ty, der nicht tot ist, kann ich mir nicht mehr vorstellen. Meine Gedanken kreisen um das Ende. Die Leiche. Den Sarg. Das Grab.

„Glücklich“ kommt da nicht im Entferntesten vor.

„Konzentrier dich auf die ersten und die letzten Male“, erklärte mir Dave. „Das hilft dir, dich zu erinnern. Als Beispiel: Vor ungefähr zwanzig Jahren hatte ich einen 83er Mustang. Ich habe eine Menge Arbeit in den Wagen gesteckt und so sehr an ihm gehangen, dass es fast schon peinlich war. Inzwischen ist so viel Zeit vergangen, dass ich mich kaum mehr richtig erinnern kann, wie er aussah. Aber ich könnte dir erzählen, wie meine erste Fahrt und mein letzter langer Roadtrip in dem Mustang gewesen sind, oder wie ich zum ersten Mal eine Stunde auf dem Rücksitz mit der Frau verbracht habe, die ich später geheiratet habe. Und dann sehe ich ihn ganz deutlich vor mir.“ Er räusperte sich. „Es sind diese Schlüsselmomente, die sich in unser Gedächtnis einbrennen.“

Hier geht es um kein Auto, dachte ich. Hier geht es um meinen Bruder.

Und ich dachte, dass Dave mir gerade indirekt vom Sex mit seiner Frau erzählt hatte. Was so ungefähr das Letzte war, woran ich denken wollte.

„Das ist also deine offizielle Hausaufgabe“, sagte er und lehnte sich zurück, als wäre damit alles abgemacht. „Schreib deine Erinnerung daran auf, wie Tyler das letzte Mal glücklich gewesen ist.“

Und da sitze ich jetzt.

Und schreibe in ein Tagebuch, dass ich nicht in ein Tagebuch schreiben will.

Ich bin mir der Ironie bewusst.

Ganz im Ernst, Schreiben liegt mir nicht. Beim Einstufungstest fürs College habe ich ziemlich anständige 720 Punkte fürs freie Schreiben bekommen. Aber neben meinen fehlerfreien 800 Punkten in Mathe verblassen die trotzdem. Ich habe noch nie Tagebuch geführt. Dad hat mir eins zu meinem 13. Geburtstag geschenkt, ein rosafarbenes mit einem Pferd drauf. Es ist ganz hinten in meinem Bücherregal gelandet, zusammen mit einer Ausgabe der Jugendbibel und „Die große Make-up-Schule“ und all dem anderen Kram, der mich auf den Lebensabschnitt zwischen meinem 13. und meinem 19. Geburtstag vorbereiten sollte – als ob man sich darauf vorbereiten könnte! Fünf Jahre und eine Staubschicht später liegen die Sachen immer noch da.

Sie passen nicht zu mir. Ich hatte von Geburt an Zahlen im Kopf. Ich denke in Gleichungen. Wenn ich wirklich etwas Nützliches zu Papier bringen würde, dann, indem ich einen Weg finde, meine Erinnerungen, diese flüchtigen, schmerzhaften Augenblicke meines Lebens, zu addieren und zu subtrahieren und zu teilen, Variablen einzusetzen und sie zu verschieben, zu versuchen, sie zu isolieren, ihre verborgenen Bedeutungen zu enthüllen, sie von Möglichkeiten in Gewissheiten zu verwandeln.

Ich würde versuchen, die Gleichung meines Lebens zu lösen. Herausfinden, ab welchem Punkt alles schiefgelaufen ist. Wie ich hierhergekommen bin, von A nach B, wobei A die selbstsichere, kluge, stabile Alexis Riggs ist, die viel gelacht und ab und zu mal geheult und nicht bei den einfachsten Dingen versagt hat.

Und B das hier.

Aber stattdessen gähnt mir eine leere Seite entgegen. Der Kuli in meiner Hand fühlt sich unnatürlich an. Er wiegt viel mehr als ein Bleistift. Und er lässt sich nicht wegradieren. Im Leben gibt es keine Radierer.

Ich würde alles durchstreichen und von vorne anfangen.

1. KAPITEL

Heute Morgen weint Mom wieder. In letzter Zeit passiert das ständig, als würde plötzlich ein Wasserhahn in ihr aufgedreht werden. Wir sind beim Einkaufen oder sitzen im Auto oder sehen fern, und wenn ich zu ihr rüberschaue, weint sie lautlos vor sich hin, als würde sie es selbst nicht merken – kein Schluchzen oder Heulen oder Schniefen, nur ein Fluss aus Tränen, der ihr übers Gesicht läuft.

Aber zurück zum heutigen Morgen. Mom macht Frühstück, wie so gut wie jeden Morgen, seit ich auf der Welt bin. Sie schiebt Rührei auf meinen Teller, streicht Butter auf eine Scheibe Toast, gießt mir ein Glas Orangensaft ein und stellt alles auf den Küchentisch.

Und weint dabei die ganze Zeit.

Wenn sie das macht, versuche ich, mich so zu verhalten, als würde nichts Ungewöhnliches passieren, als wäre es ganz normal, dass meine Mutter mein Frühstück vollheult. Als würde es mir nicht an die Nieren gehen. Also sage ich irgendwas Fröhliches wie: „Sieht toll aus, Mom, ich war schon am Verhungern“, und dann fange ich an, das Rührei auf meinem Teller hin- und herzuschieben, weil ich hoffe, das weckt den Eindruck, ich würde wirklich etwas essen.

Wenn alles noch so wie früher wäre, wenn Ty hier wäre, würde er sie zum Lachen bringen. Er würde Blasen in seinen Kakao blubbern. Er würde ein Gesicht aus seinem Speck und den Eiern formen, so tun, als ob er damit redet, und dann langsam eins der Augen essen und dabei schreien wie in einem Slasherfilm.

Ty wusste, wie man alles wieder in Ordnung bringt. Ich nicht.

Mom setzt sich mir gegenüber hin, die Tränen tropfen ihr vom Kinn, und sie faltet die Hände im Schoß. Ich höre auf, so zu tun, als würde ich essen, und senke den Kopf, weil ich zwar vor einer Weile aufgehört habe, an Gott zu glauben, aber nicht alles noch komplizierter machen will, indem ich meiner Mutter meinen aufkeimenden Atheismus beichte. Nicht jetzt. Es gibt schon genug, womit sie klarkommen muss.

Aber anstatt zu beten, trocknet sie ihr nasses Gesicht mit einer Serviette ab und sieht mich mit glänzenden Augen an. Ihre Wimpern kleben feucht aneinander. Sie holt tief Luft, so wie man es macht, wenn man etwas Wichtiges zu sagen hat. Und dann lächelt sie.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich sie zuletzt habe lächeln sehen.

„Mom?“, frage ich. „Alles in Ordnung mit dir?“

Und da sagt sie es. Die verrückte Sache. Die Sache, mit der ich einfach nicht umgehen kann.

Sie sagt:

„Ich glaube, dein Bruder ist noch hier im Haus.“

Sie fährt fort, indem sie erklärt, dass sie letzte Nacht grundlos aus einem tiefen Schlaf aufgewacht ist. Sie ist aufgestanden, um sich ein Glas Wein und eine Valium zu holen. Als Einschlafhilfe, sagt sie. Sie stand an der Küchenanrichte, als sie wie aus dem Nichts das Parfüm meines Bruders roch. Überall um sie herum, sagt sie.

Als hätte er neben ihr gestanden, sagt sie.

Das Parfüm ist ziemlich markant. Ty hat es sich zu Weihnachten vor zwei Jahren bei Walmart gekauft, eine riesige Flasche von Brut in Atommüll-Grün – „Die Essenz des Mannes“, wie es auf der Schachtel hieß. Immer, wenn mein Bruder das Zeug trug, was ziemlich oft vorkam, füllte der Duft den ganzen Raum. Wie eine Wolke, die in den Schulgängen zwei Meter vor ihm her schwebte. Es roch nicht wirklich schlecht, einfach nur überwältigend. RIECH MICH, forderte es. Rieche ich nicht männlich?HIER KOMME ICH!

Ich schlucke eine Gabel Rührei runter und überlege, was ich Hilfreiches antworten könnte.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass aus der Flasche immer mal wieder etwas Parfüm entweicht“, sage ich schließlich. „Und im Haus zieht es.“

Bitte schön, Mom. Eine absolut logische Erklärung.

„Nein, Lexie“, sagt sie und schüttelt den Kopf. In ihren Mundwinkeln hält sich eine Spur ihres seltsamen Lächelns. „Er ist hier. Das spüre ich.“

Die Sache ist, dass sie nicht verrückt wirkt. Sie wirkt hoffnungsvoll. Als wären die letzten sieben Wochen einfach nur ein böser Traum gewesen. Als hätte sie ihn gar nicht verloren. Als wäre er nicht tot.

Das wird Probleme geben, denke ich.

2. KAPITEL

Ich fahre mit dem Bus zur Schule. Ich weiß, das ist eine gewagte Aussage für eine Zwölftklässlerin, besonders für eine, die ein Auto hat. Aber in der uralten Zwickmühle zwischen Zeit und Geld entscheide ich mich immer für das Geld. Ich lebe in der verschlafenen Kleinstadt Raymond, Nebraska, (Einwohnerzahl 179), gehe aber in der sich ausgedehnten Metropole Lincoln (Einwohnerzahl 258.379) zur Schule. Die Highschool ist 12,4 Meilen von meinem Zuhause entfernt. Das sind hin und zurück 24,8 Meilen. Mein schrottiger alter Kia Rio (den ich nicht sonderlich liebevoll „die Zitrone“ nenne) verbraucht ungefähr eine Gallone auf 29 Meilen, und in diesem Winkel von Nebraska kostet eine Gallone durchschnittlich 3,59 Dollar. Mit dem Auto zur Schule zu fahren, würde mich also 3,07 Dollar kosten. Dieses Jahr haben wir 179 Schultage, was eine stattliche Summe von 549,53 Dollar ergibt, nur damit ich am Tag 58 Minuten mehr Zeit habe.

Da gibt es nicht viel nachzudenken. Nächstes Jahr muss ich das College bezahlen. Ich habe erhebliche Ersparnisse und einen Plan. Ein Teil dieses Plans besteht darin, dass ich den Bus nehme.

Tatsächlich mochte ich den Bus sogar. Bevor es passiert ist, meine ich. Als ich mir die Stöpsel ins Ohr stecken, Bach aufdrehen und zugucken konnte, wie die Sonne über den leeren hellen Maisfeldern und den klischeehaften von der Sonne ausgebleichten Farmhäusern im Hintergrund aufgeht. Über den Windrädern, die sich davor drehen. Den Kühen, die sich aneinanderdrängen, um sich gegenseitig zu wärmen. Den Vögeln – schiefergraue Junkos, Meisen und hin und wieder das bunte Blitzen eines Kardinals –, die mühelos durch die kalte Winterluft gleiten. Es war ruhig und gemütlich und schön.

Aber seit Ty gestorben ist, habe ich das Gefühl, dass mich alle im Bus beobachten. Sicher, manche tun es aus Mitgefühl, bereit, sofort mit einem Taschentuch zur Stelle zu sein. Aber andere gucken mich an, als wäre ich plötzlich zur Gefahr geworden. Als würde ich ein schlechtes Gen in mir tragen. Als könnte mein trauriges Leben durch flüchtigen Kontakt übertragen werden. Wie eine Krankheit.

Na ja, die können mich mal.

Wütend zu sein ist natürlich sinnlos. Unproduktiv. Sie verstehen es noch nicht. Dass sie alle auf den einen Anruf warten, der alles verändert. Dass sie alle sich irgendwann so fühlen werden wie ich. Weil jemand, den sie lieben, sterben wird. Das ist eine der grausamen Gewissheiten im Leben.

Daran denke ich, während ich versuche, sie zu ignorieren, meine Musik aufdrehe und lese. Und ich blicke nicht mehr auf, bis wir die zwölf Meilen zur Schule hinter uns haben.

Diese Woche lese ich Genie und Wahnsinn,die Biografie des Mathematikers John Nash. Es gab auch einen Film dazu, in dem meiner Meinung nach viel zu wenig Mathe vorkam, aber ansonsten war er okay. Das Buch ist der Wahnsinn. Ich mag die Vorstellung, dass Nash unser Verhalten als etwas Mathematisches betrachtet hat. Das war sein Genie, auch wenn er verrückt geworden ist und angefangen hat, Leute zu sehen, die gar nicht da waren: Er hat die Zusammenhänge zwischen Zahlen und der physischen Welt erkannt, zwischen unseren Handlungen und den unsichtbaren Gleichungen, die sie steuern.

Nehmen wir zum Beispiel meine Mutter und ihre Verkündung, dass mein Bruder noch unter uns ist. Sie versucht, unser Universum neu zu ordnen, damit Ty nicht verschwindet. So wie ein gestrandeter Fisch wild mit dem Schwanz schlägt, weil er hofft, dass er so wieder ins Wasser zurückfindet – eine instinktive Reaktion, ein Überlebensmechanismus.

Mom versucht, wieder ins Wasser zu finden. Wenn man es aus dieser Perspektive betrachtet, ergibt es Sinn.

Nicht, dass es gesund wäre. Nicht, dass ich wüsste, was ich dagegen tun soll.

Ich glaube keine Sekunde lang, dass Ty noch in unserem Haus ist. Er ist weg. In dem Augenblick, in dem das Leben aus ihm gewichen ist, in dem Augenblick, in dem die Neuronen in seinem Gehirn aufgehört haben zu feuern, hat er aufgehört, mein Bruder zu sein. Er wurde zu einer Ansammlung toter Zellen. Und ist jetzt, dank der Wunder der modernen Einbalsamierungstechniken, auf dem besten Weg, ein Sarg voll grünem Schleim zu werden.

Ich werde ihn nie wiedersehen.

Bei dem Gedanken geht das Loch in meiner Brust auf. Das passiert immer wieder, alle paar Tage seit der Beerdigung. Es fühlt sich an, als ob sich zwischen der dritten und vierten Rippe auf meiner linken Seite eine riesige, klaffende Lücke öffnet, ein Leerraum, durch den man den Plastiksitzbezug hinter meinen Schulterblättern sehen kann. Es tut weh, und mein ganzer Körper verkrampft sich vor Schmerzen. Ich knirsche mit den Zähnen und balle die Fäuste, und die Luft bleibt in meinen Lungen stecken. Ich fühle mich immer, als ob ich gleich sterben müsste, wenn das passiert. Als würde ich sterben. Dann, genauso plötzlich, wie es entstanden ist, füllt sich das Loch wieder. Ich kann atmen. Ich versuche zu schlucken, aber mein Mund ist staubtrocken.

Das Loch ist Ty, denke ich.

Das Loch ist so was wie Trauer.

Der Schultag verläuft weitgehend ereignislos. Ich treibe dahin wie auf Autopilot, verloren in meinen Gedanken über John Nash, gestrandete Fische und die Logistik, mit der Luftströme den Duft des Eau de Colognes meines Bruders, das völlig verstaubt neben dem Waschbecken im Bad im Keller steht, durch den Hobbyraum die Treppe hoch bis in die Küche getragen haben könnten, um meine Mutter komplett durcheinanderzubringen.

Dann kommt die früher mal beste Schulstunde des Tages: sechste Stunde, Wahlkurs Analysis für Fortgeschrittene. Ich nenne es auch die Nerdzentrale, weil hier die höchste Konzentration an schlauen Leuten herrscht, die man zu irgendeinem Zeitpunkt an irgendeinem Ort in der Schule antreffen kann.

Mein trautes Heim.

Die Nerdzentrale ist dafür da, dass Schüler Zeit zum Lernen und Zeit für ihre Analysishausaufgaben haben. Aber weil wir Nerds sind, sind wir alle nach zehn Minuten mit den Hausaufgaben fertig. Dann verbringen wir den Rest der Stunde mit Kartenspielen: Poker, Bataille royale, Hearts, Rommee, wonach uns eben gerade ist.

Unsere Lehrerin, die brillante und mathastische Miss Mahoney, sitzt an ihrem Pult vorn im Klassenzimmer und tut so, als würden wir harte wissenschaftliche Arbeit leisten. Weil es irgendwie auch ihre Freistunde ist, da wegen der Kürzungen im Schulbudget ihre Vorbereitungszeit gestrichen wurde.

Sie steht auf Katzenvideos auf YouTube.

Wir haben alle unsere Schwächen.

Da sind wir also und spielen eine mitreißende Partie Five Card Draw. Ich mache alle fertig, denn ich habe drei Asse auf der Hand. Was eine wunderbare Matheaufgabe für sich ergibt: Die Wahrscheinlichkeit, drei Asse auf einmal zu ziehen, liegt bei 94 zu 54.145 oder, wenn man es in Gewinnchancen ausdrücken will, bei 575 zu 1, was echt superunwahrscheinlich ist, wenn man darüber nachdenkt.

Beaker sitzt links von mir und zwirbelt eine leuchtend rote Haarlocke um ihren Finger. Ich glaube, das soll wie ein Tell aussehen, der verrät, dass sie eine Wahnsinnshand hat, aber vermutlich bedeutet es das genaue Gegenteil. Eleanor sitzt rechts von mir, und sie hat eine miese Hand, was ich daher weiß, dass sie sagt: „Ich hab eine miese Hand“ und steigt aus. So ist El – sie sagt immer ungefiltert, was sie denkt.

Womit wir bei Steven wären, der mir mit einer sehr guten Hand gegenübersitzt. Woher ich das weiß? Er gibt sich alle Mühe, ein Pokerface zu machen, was ihm in jeder Hinsicht misslingt. Das ist eine der Eigenschaften, die ich an Steven früher so mochte – seine Unfähigkeit, seine Gefühle zu verbergen. In seinen großen braunen Augen kann man ganz deutlich erkennen, was in seinem Kopf gerade vor sich geht. Und im Augenblick ist er ganz eindeutig glücklich über seine Karten.

Alles klar, er hat also eine gute Hand. Aber so gut wie drei Asse? Vermutlich nicht.

„Ich gehe mit und erhöhe um fünfzig Skittles.“ Ich zähle die Bonbons ab und schiebe sie in die Tischmitte.

Meine Mitspieler schnappen kollektiv nach Luft – das sind eine Menge Bonbons.

Steven wirft mir einen skeptischen Blick zu.

„Und?“, sage ich, um ihn herauszufordern, und denke: Nur weil wir uns getrennt haben, muss ich dich noch lange nicht mit Samthandschuhen anfassen. Nur weil etwas Schlimmes passiert ist, musst du mich noch lange nicht mit Samthandschuhen anfassen.

Aber ehe er antworten kann, ruft mich Miss Mahoney.

„Alexis, kann ich dich mal kurz sprechen?“

Sie will unter vier Augen mit mir reden. Das verheißt nichts Gutes.

Ich lege meine Karten mit der Bildseite nach unten ab und gehe widerwillig zu ihrem Pult. Sie kaut auf ihrer Unterlippe herum, noch ein unheilvolles Zeichen.

„Was gibt es denn?“, zwitschere ich.

„Ich wollte mit dir über das hier reden.“

Sie schiebt mir ein Blatt Papier hin.

Die Zwischenprüfung von letzter Woche.

Die 25 Prozent meiner Gesamtnote ausmacht.

Und auf die neben meinem Namen ein großes rotes „71 %“ gekritzelt ist.

Ich schiebe mir die Brille die Nase hoch und überfliege entgeistert das harmlose Blatt Papier. Offenbar habe ich drei ganze Aufgaben falsch gelöst, und für eine vierte habe ich nur einen Teil der Punkte bekommen. Insgesamt waren es zehn Aufgaben.

71 Prozent.

Eine Drei minus. Praktisch eine Vier.

Ich schlucke. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

„Ich konnte das alles“, sage ich nach ein paar quälenden Sekunden mit belegter Stimme und überfliege das Blatt erneut. Meine Fehler sind dermaßen himmelschreiend offensichtlich, dass ich mir vorkomme wie das Opfer eines grausamen Streichs.

Das war’s mit der vollen Punktzahl im Abschlusszeugnis, denke ich. Boom.

„Es tut mir leid“, sagt Miss Mahoney leise, als würde nicht sowieso schon jeder im Raum angestrengt unserer Unterhaltung lauschen. „Du kannst sie am Freitag wiederholen, wenn du denkst, dass dir das helfen würde.“

Es dauert ein paar Sekunden, bis ich verstehe. Was ihr leidtut. Warum sie mir einen zweiten Versuch anbietet, obwohl sie das sonst nie erlaubt. Deine Note ist eine Tatsache, sagt sie immer. Du musst lernen, mit den Tatsachen zu leben.

Ich straffe den Rücken.

„Nein, ich bleibe dabei.“ Ich ziehe das Blatt Papier an einer Ecke zu mir heran und falte es in der Mitte, um die Note zu verstecken. „Bei der Abschlussprüfung mache ich es besser.“

Sie nickt. „Es tut mir alles so leid, Lex“, wiederholt sie.

Mein Kinn hebt sich. „Was denn?“, frage ich, als hätte ich keine Ahnung, was sie meint. „Ich hab den Test gegen die Wand gefahren, nicht Sie.“

„Ich weiß, wie schwer du es hast, seit Tyler …“

Und dann verstummt sie.

Gott, wie ich diese Pause hasse, in der die Leute nach einer möglichst unverfänglichen Formulierung für gestorben suchen, als wäre es weniger furchtbar, wenn man es bei einem anderen Namen nennt: Ausdrücke wie seine letzte Ruhe gefunden, als wäre der Tod eine Art Nickerchen. Von uns gegangen oder heimgegangen, als wäre es nur ein Urlaub. Verblichen, was bürokratischer wirken soll, in Wahrheit aber so klingt, als wäre der Tote ein alter Teppich, der fadenscheinig geworden ist, nachdem man lange genug auf ihm herumgetrampelt ist.

„Selbstmord begangen hat“, helfe ich Miss Mahoney weiter.

Zumindest bin ich fest entschlossen, ehrlich damit umzugehen. Mein Bruder hat Selbstmord begangen. In unserer Garage. Mit einem Jagdgewehr. Das klingt zwar nach der makabersten Partie Cluedo aller Zeiten, aber so war es nun mal.

Das sind die Tatsachen.

Wir müssen lernen, mit den Tatsachen zu leben.

„Es geht mir gut“, sage ich. Dann, noch mal: „Bei der Abschlussprüfung mache ich es besser.“

Sie sieht zu mir hoch, und in ihrem Blick liegt dieses grauenvolle Mitleid.

„Gibt es sonst noch was?“, frage ich.

„Nein, das … das wäre alles, Alexis“, sagt sie. „Danke.“

Ich gehe zurück zum Pokertisch. Ich kann spüren, wie mich die anderen Schüler anstarren, meine Freunde, meine Klassenkameraden, die ich größtenteils schon seit der sechsten Klasse kenne und mit denen ich in den vergangenen vier Jahren im Matheclub und im Team für die Wissenschaftsolympiade gewesen bin und am Physik-Wettbewerb teilgenommen habe. Die sich jetzt alle fragen, was für ein gefühlskalter, nüchterner Mensch ich sein muss, dass ich es einfach so dahinsagen kann. Als wäre es mir egal. Als hätte ich meinen Bruder nicht geliebt, wenn ich die Tatsache, dass er tot ist, so einfach runterleiern kann.

Ich setze mich hin, stopfe diese Beleidigung von Test in meinen Rucksack und versuche, meinen Freunden in die Augen zu sehen. Was sich als so gut wie unmöglich entpuppt.

In Beakers Augen schimmern Tränen. Ich kann sie nicht ansehen, weil ich weiß, dass sie sonst in lautes Schluchzen ausbricht. Was dazu führen könnte, dass jedes Mädchen im Raum mitmacht, mit Ausnahme vielleicht von El. Weil hysterisches, mädchenhaftes Geflenne – anders als Selbstmord – nämlich definitiv ansteckend ist.

Ich könnte gehen, denke ich. Ich könnte einfach rauslaufen, den Gang entlang und aus der Schule, in den minus fünf Grad kalten Nachmittag, und die zwölf Meilen nach Hause laufen. Gut möglich, dass Erfrieren angenehmer ist als das hier. Miss Mahoney würde mich gehen lassen. Ich würde keine Probleme bekommen.

Aber dass ich keine Probleme bekommen würde, ist ja gerade der Grund dafür, dass ich nicht gehen kann.

Ich will keine Sonderbehandlung, nicht deswegen.

Also nehme ich meine Karten wieder auf die Hand, versuche zu lächeln und versage dabei völlig. So beiläufig wie möglich sage ich: „Also, wo waren wir noch mal?“

Ach, genau: drei Asse.

„Lex …“, sagt El. „Was für eine Note hast du …“

Ich nicke Steven zu. „Ich glaube, dein Call steht noch aus.“

Er schüttelt den Kopf. „Ich passe.“ Jetzt steht ihm ins Gesicht geschrieben, dass er gerne noch mehr sagen würde. Viel mehr. Aber er ist nicht sicher, ob das noch seine Aufgabe ist: den Versuch unternehmen, mich zu trösten. Er weiß nicht, wie er mich trösten soll, also passt er.

Ich werfe einen Blick zu El rüber. Sie sieht mir nicht in die Augen, zuckt aber mit einer Schulter und starrt auf ihre Fingernägel, als wäre sie gelangweilt. „Ich hatte eine miese Hand, falls du dich erinnerst.“

„Beaker?“, hake ich nach.

Beaker nickt, holt stockend Luft und schiebt den Großteil ihrer Skittles in die Tischmitte. „Ich gehe mit“, sagt sie.

Sie hat nichts. Ein Damenpaar.

Ich zeige meine Karten. Hurra, der ganze Süßkram gehört mir. Aber es fühlt sich an, als hätte ich etwas viel Wichtigeres verloren.

3. KAPITEL

Es passiert später an diesem Abend.

Es ist ein Abend wie die meisten Nach-Ty-Abende. Ich lungere im Schlafanzug unten im Hobbyraum auf dem Fernsehsessel herum, den Dad hier zurückgelassen hat. Mom liegt oben auf dem Sofa im Wohnzimmer, immer noch in ihrer Krankenschwesternmontur, und liest Wenn guten Menschen Böses widerfährt. Alle paar Zeilen unterstreicht sie etwas, als wäre jedes Wort des Autors direkt an sie gerichtet. So macht sie es immer bei dieser Art von Büchern, die uns die Leute haufenweise schenken. Aber wenigstens weint sie nicht. Sie redet nicht mehr über Geister. Sie funktioniert.

Also habe ich sie lesen lassen und den Großteil der vergangenen Stunden damit verbracht, leicht angebranntes Mikrowellenpopcorn zu futtern und die Werbung auf dem DVR vorzuspulen, während ich Bones gucke. Der Plan ist, so lange die Wiederholungen der zweiten Staffel zu sehen, bis ich zu müde bin, um der Handlung zu folgen, und damit auch zu müde, um immer wieder über das heutige Analysis-Debakel zu grübeln.

Der Abend besteht im Großen und Ganzen aus einer Aneinanderreihung von krassen Leichen.

Ich versuche, mich gegen den Anblick der Toten zu immunisieren. Alle lebenden Geschöpfe unter der Sonne als Fleisch zu betrachten. Als alte Teppiche. Grünen Schleim. Was auch immer. Etwas, das unausweichlich verfallen wird. Ich weiß nicht, warum, aber es hilft mir zu sehen, dass der Tod etwas Unvermeidliches und Zwangsläufiges ist.

Ja, mir ist klar, wie verkorkst das ist. Aber man tut, was man tun muss.

Und so kommt es, dass ich um punkt 22:11 Uhr, als gerade die siebzehnte Folge zu Ende geht, das Eau de Cologne meines Bruders rieche.

Deutlich.

RIECH MICH, sagt es. HIER KOMME ICH.

Ich habe keine Zeit zum Nachdenken. Wenn ich die Zeit anhalten und nachdenken könnte, würde ich versuchen, es mir damit zu erklären, dass sich die Parfümflasche viel näher an dem Ort befindet, an dem ich mich gerade aufhalte (im Keller, schätzungsweise fünf Meter weit vom unteren Badezimmer entfernt), als bei meiner Mutter, als sie den Duft gestern Abend in der oberen Etage gerochen hat. Es würde sich alles ganz leicht rational erklären lassen.

Aber ich habe keine Zeit zum Nachdenken. Weil ich im selben Moment für den Bruchteil einer Sekunde vom Fernseher weggucke, um auf meinem Handy nach der Uhrzeit zu sehen, und als ich aufblicke …

Ist er da.

Er steht neben seiner Zimmertür, in seinen Lieblingsjeans und einem weißen T-Shirt.

Ty.

Ich denke nicht.

Ich kreische und schmeiße mein Handy nach ihm.

Ehe er getroffen wird, verschwindet er wieder, wie ein Lichtblitz, der über den Himmel zuckt: Erst ist er da, dann plötzlich weg. Mein Telefon knallt mit einem hässlichen Knirschen gegen die Wand.

„Lexie?“, ruft meine Mutter von oben, ihre Stimme gedämpft von den Holz- und Teppichschichten zwischen uns. „Was war das?“

Ich kriege keine Luft.

Ty.

„Lex?“, ruft meine Mutter noch mal.

„Alles gut“, rufe ich. „Nichts passiert …“ Ich zwinge mich, aufzustehen und mein Telefon aufzuheben. Meine Hände zittern, während ich versuche, den Schaden zu begutachten, und das nicht nur, weil ich Ty gesehen habe. Sondern auch, weil ich mein Handy kaputtgemacht habe.

Weil sich auf meinem Handy etwas befindet, das ich auf keinen Fall verlieren will. Das ich nicht verlieren darf. Auf keinen Fall.

Ich drücke auf den Einschaltknopf und starre auf das gesprungene schwarze Display. Mein gebrochenes Spiegelbild starrt zurück. Ich sehe total panisch aus.

Das Display leuchtet auf.

Das Handy geht an. Startet neu.

Ich schließe für ein paar Sekunden die Augen. Bitte, denke ich. Bitte.

Wie durch ein Wunder scheint das Handy, mal abgesehen von dem Sprung im Display, in Ordnung zu sein. Ich scrolle durch die Nachrichten, immer weiter zurück, durch die Hunderte von be sorgten SMS, die sich in den vergangenen Wochen angehäuft haben, durch unzählige Varianten von Herzliches Beileid und Ich bete für dich und deine Familie und Sag Bescheid, falls… bis zu einer SMS vom 20. Dezember.

Von dem Abend, an dem Tyler gestorben ist.

Sie ist noch da.

Meine Sicht verschwimmt, sodass ich die Worte nicht erkennen kann, aber ich brauche sie auch gar nicht mehr zu sehen. Ich weiß nicht, warum mich die Vorstellung, diese Nachricht zu verlieren, so in Panik versetzt. Ich werde sie niemals verlieren. Sie hat sich für den Rest meines Lebens in mein Gehirn gebrannt.

Ich zwinge mich, Luft zu holen. Ich muss zwei- oder dreimal ganz tief einatmen, ehe ich auch nur versuchen kann zu kapieren, was gerade passiert ist.

Tyler.

Ty. Das Wort ist wie ein Herzschlag.

Ich starre die Stelle an, an der er gestanden hat. „Ty“, flüstere ich.

Aber das Zimmer ist leer.

Mein Bruder ist nicht hier.

9. Februar

Das hier ist sinnlos.

Das letzte Mal, als ich Ty gesehen habe

Nein.

Es war nicht real.

Das letzte Mal, als ich Ty glücklich erlebt habe

Okay, eigentlich hat Ty nie richtig unglücklich gewirkt, nicht so unglücklich, wie man es sein muss, um

Es schien ihm besser zu gehen

Er hatte sich im Griff. Er war –

Klar war er manchmal traurig. Sind wir nicht alle manchmal traurig?

Er hatte seine Gründe für das, was er getan hat:

Dad

Megan

diese Ashley

seine blöden, oberflächlichen Sportlerfreunde

Mom

mich

das Gefühl, dass keiner für ihn da ist

die allgemeine Mistigkeit des Lebens

Aber andererseits ist das Leben für die meisten von uns ätzend. Und trotzdem verabschieden wir uns nicht alle per Kugel in die Brust aus dieser Welt.

Ich sollte das hier einfach hinter mich bringen.

Das letzte Mal, dass ich Ty glücklich, richtig und wirklich glücklich erlebt habe, war am Abend des Schulballs. Der 11. Oktober. Er hatte ein Mädchen gefragt, ob es ihn begleitet, und es hatte Ja gesagt. Er sollte sie um 8 abholen. Der erste Teil des Abends, an dem er meiner Erinnerung nach glücklich war, begann vermutlich so gegen 19:15 Uhr, als er hinter mir im Badezimmerspiegel erschien, während ich mich gerade fertig schminkte.

Er sagte, dass ich hübsch aussehe.

Ich schnitt eine Grimasse, weil ich Make-up hasse. Ich hasse es, Kontaktlinsen zu tragen. Ich hasse das ganze Tamtam um den Schulball, echt, den Aufstand, den alle deswegen machen, die unbequemen Kleider und die kitschigen Bilder und den blöden Punsch, um den alle herumstehen und an ihren Gläsern nippen, damit sie sich nicht unterhalten müssen. In großen Menschenmengen werde ich klaustrophobisch – liegt wohl daran, wie stickig die Luft wird, wenn sich um einen herum so viele Körper drängen. Ich brauche meinen Freiraum. Ich muss atmen können.

Aber Steven brachte das Argument, dass Tänze Übergangsriten und zwar durchaus eine Form der Folter, aber ein notwendiges Übel sind.

„Wir gehen hin, damit wir später beweisen können, dass wir auch mal jung waren“, sagte er.

Ich glaube, in Wahrheit wollte er mich einfach nur in einem Kleid sehen.

Wie auch immer, Ty sagte, dass ich hübsch aussehe.

„Aha. Was willst du?“, fragte ich argwöhnisch.

„Ich brauche deine Hilfe“, sagte er. „Es ist wichtig, Lex, und alleine krieg ich das nicht hin. Bitte.“

Unsere Blicke begegneten sich im Spiegel. Wir hatten dieselben Augen (von Dad), nussbraun mit einem goldenen Kreis um die Pupille. Wir hatten dieselbe Nase (von Mom), mit demselben kleinen Höcker auf dem Nasenrücken. Wir hatten dasselbe gelockte braune Haar, das an Ty dank großzügigem Einsatz von verschiedenen Haarpflegeprodukten immer gut aussah, bei mir aber wild in die Gegend steht, weil ich mir nie die Mühe mache, mich weiter damit zu beschäftigen. Jedes Mal, wenn ich meinen Bruder ansah, war ich wieder verblüfft, dass er so was wie eine leicht verbesserte Kopie von mir war, jedenfalls was das Aussehen betraf.

Er sah mich so ernst an, dass ich sofort klein beigab.

„Na klar“, sagte ich. „Worum geht’s?“

Er hielt eine Pinzette von Mom hoch. „Bitte tu was gegen meine zusammengewachsenen Augenbrauen.“

Ich schubste ihn weg. „Igitt! Auf keinen Fall! Mit deiner Körperpflege will ich nichts zu tun haben!“

„Bitte!“, bettelte er.

„Mach es selber.“

„Ich hab’s ja versucht. Aber ich schaff es nicht. Ich weiß nicht, wie das geht!“

„Gibt es für so was nicht Schönheitssalons?“

„Dafür ist es zu spät. Ich muss sie in nicht mal einer Stunde abholen. Komm schon, Lex. Ich seh aus wie Bert aus der Sesamstraße. Du musst mir helfen.“

Dann setzte er seinen Hundeblick auf. Am Ende erhitzte ich den kleinen Wachstopf, mit dem ich meine Augenbrauen bearbeite – wenn ich der Natur freien Lauf lasse, sehe ich nämlich auch wie Bert aus, und mein Äußeres ist mir zwar nicht so wahnsinnig wichtig, aber in der 9. Klasse gab es mal einen Zwischenfall, bei dem mich Jamie Bigelow als haarige Höhlenfrau bezeichnet hat. Danach fing ich an, mich zu wachsen, zu rasieren und im Namen der Weiblichkeit mit vielen weiteren Werkzeugen zu quälen.

Ty saß auf dem Badezimmerschränkchen, während ich das Wachs sorgfältig zwischen seine Augen strich. Ich presste den Stoffstreifen drauf und drückte ihn in Haarwuchsrichtung glatt. Ty klammerte sich am Rand des Schränkchens fest und holte tief Luft.

Ich erinnere mich noch, dass er gesagt hat: „Ich vertraue dir. Wehe, ich sehe danach aus wie ein Freak.“

„Du siehst jetzt schon wie ein Freak aus“, sagte ich, er wusste aber, dass das nur ein Witz war. „Okay, ich zähle bis drei …“

Aber ich zählte nicht, sondern riss den Stoffstreifen einfach runter.

Ty kippte rückwärts vom Schränkchen, heulte auf und schlug die Hände vors Gesicht.

„Au!“, brüllte er. „Du durchgeknalltes Miststück!“

Ich war geschockt. Ty fluchte nie. Wir fluchten beide nicht. Als wir klein waren, hielt Mom uns immer Vorträge, weil wir Schimpfworte instinktiv verniedlichten: Mist, verflixt, Sch…eibenkleister, A-Loch und so weiter. Wenn es dasselbe bedeutet, schimpfte Mom immer, warum sagt ihr es dann überhaupt? Ich schätze, ihre Gardinenpredigten haben gewirkt, weil Ty und ich es nie schafften, mit angemessenem Nachdruck zu fluchen. Wenn wir Schimpfworte sagten, klangen sie immer gestelzt und unnatürlich.

Also war das mit dem durchgeknallten Miststück ganz schön krass. Mich hatte noch nie wer als Miststück bezeichnet. Und ich musste feststellen, dass es mir nicht gefiel.

„A-loch!“, schoss ich reflexartig zurück. „Idiotische kleine Mistbratze!“

„Sadistische Schreckschraube!“

„Nerviger Jammerlappen!“, wehrte ich mich.

„Hinterhältige Haardiebin!“

„Dödel!“, rief ich, aber es klang furchtbar unbeholfen.

Dann lachten wir. Heftig. Wir lachten und lachten, auf diese Art, bei der man sich den Bauch halten muss und am Ende fast heult. Wir lachten, bis es wehtat. Dann seufzten wir beide, Ty rubbelte sich übers Gesicht und wir gingen zum Spiegel, um das Ergebnis meiner Arbeit zu begutachten.

Das nicht gut aussah.

Denn die Haare waren zwar weg – immerhin –, aber jetzt befand sich zwischen Tys Augenbrauen ein knallrosa Streifen gereizter Haut, der aussah, als wäre jemand mit einem Textmarker auf ihn losgegangen.

„Oh, oh“, kicherte ich.

„Lex …“, sagte er, „was hast du nur getan?“

Ich sagte ihm, dass es sich bis zum Morgen legen würde.

Er warf mir einen vernichtenden Blick zu.

Dann klärte er mich auf, dass er das Mädchen, mit dem er zum Ball ging – Ashley, sagte er – wirklich mochte, sie beeindrucken wolle und ich gerade so ziemlich sein ganzes Leben ruiniert habe.

„Jetzt mach dir nicht gleich in die Hose.“ Ich holte einen Wattebausch und tupfte Ty das hautberuhigende Öl auf die Stirn, das der Wachspackung beiliegt.

Das hautberuhigende Öl wurde seinem Namen aber leider nicht gerecht. Nach dem Auftragen warteten wir 10 Minuten, aber Ty sah immer noch so aus, als hätte jemand sein Gesicht mit einem Bügeleisen bearbeitet.

Wir versuchten es mit Eis. Mit Lotion. Mit Hämorrhoidencreme – einer meiner genialeren Geistesblitze –, aber am Ende leuchtete seine Haut wenn überhaupt noch mehr.

„Lex“, sagte er, „ich glaube, ich muss dich gleich erwürgen.“

Das war nur zur Hälfte als Witz gemeint.

„Jetzt bleibt uns nur noch ein Ausweg“, sagte ich feierlich.

Ich hielt meine Make-up-Tube hoch.

Er versuchte nicht mal, sich zu wehren. Er hielt still, während ich sorgfältig eine Schicht Clinique Stay Matte Oil-Free Foundation zwischen seine Augenbrauen verteilte. Sie war einen Hauch zu hell für seinen Teint, aber besser als das Rosa. Ich musste auch einen Großteil seiner Stirn schminken, damit der Übergang weicher wurde.

„Alles klar“, sagte er, als ich fertig war. „Jetzt fühle ich mich endgültig entmannt.“

„Halt die Klappe, oder ich hol den Lippenstift raus“, witzelte ich, und dann flüchtete er nach unten, um sein Eau de Cologne aufzutragen und sich fertig zu machen. Ein paar Minuten später kam Mom von der Arbeit zurück, und ehe wir aufbrachen, ließ sie Ty und mich an der Haustür für ein gemeinsames Foto posieren.

Ich weiß noch, wie sie sagte: „Da sieh sich mal einer meine beiden hübschen Kinder an.“ Ty legte den Arm um mich, ich lehnte den Kopf an seine Schulter und wir lächelten. Die Kamera blitzte. Mom wandte sich ab, um etwas aus ihrer Handtasche zu kramen, und plötzlich gab Ty mir einen Kuss auf die Wange, einen von diesen ekligen Schlabberküssen, woraufhin ich zurückwich und ihm die Schulter boxte.

„Raus mit dir, du Gör“, sagte ich und wischte meine Wange ab.

Mom reichte ihm die Autoschlüssel.

„Mitternacht.“

„Aye-aye, Captain“, antwortete er.

Sie sah mit gerunzelter Stirn zu ihm hoch. „Sag mal, hast du … Make-up drauf?“

Er zuckte mit den Achseln, als hätte er keine Ahnung, wovon sie redete.

„Jedenfalls siehst du toll aus“, schloss sie nach einem Augenblick.

Das tat er wirklich. Sein Anzug saß perfekt, er sah aus wie aus dem Ei gepellt. Natürlich sagte ich das nicht, weil ich seine Schwester war und das schräg gewesen wäre. Aber ich dachte damals, dass er endlich so wirkte, als würde er sich wohl in seiner Haut fühlen. Entspannt. Als würde er sich trauen, einfach er selbst zu sein.

„Sei ein Gentleman“, ermahnte Mom ihn.

„Yes, Ma’am.“ Er lächelte und salutierte, und dann war er weg. Mom drehte sich zu mir um. Die elterliche Nostalgie stand ihr ins Gesicht geschrieben.

„Meine Babys werden erwachsen“, bekundete sie seufzend.

Ich verdrehte die Augen. Dann klopfte Steven an die Tür, um mich zu entführen, damit wir Beweismittel für die Nachwelt sammeln konnten, dass auch wir vor langer Zeit mal jung gewesen waren.

Ich kann mich kaum mehr an den Ball erinnern, aber ich weiß noch, dass Steven meine Hand genommen hat, als wir in der mit Silberbannern und blauen und weißen Heliumballons und Stroboskopen aufgerüsteten Aula angekommen sind, und mich im Kreis herumgewirbelt hat, damit er mein Outfit begutachten konnte. Ich trug ein ärmelloses Kleid mit Gürtel und knielangem, ausgestelltem Rock, schwarze Spitze auf grünem Satin, für das ich bei Macy’s 79 Dollar verprasst hatte.

„Du siehst aus wie die Euler’sche Formel“, murmelte er, während er mich von Kopf bis Fuß musterte.

Nerd-Übersetzung: Die Euler’sche Formel gilt als vollkommenste Gleichung, die jemals geschrieben wurde. Einfach, aber elegant. Wunderschön.

„Danke“, sagte ich und errötete. Ich versuchte, mir ein gleichwertiges Kompliment auszudenken, vielleicht die allgemeine Relativitätstheorie oder die Callan-Symanzik-Gleichung, aber am Ende beließ ich es bei: „Du siehst heiß aus. Ernsthaft.“

Steven lächelte. Er ist ziemlich gut aussehend, mit braunen Augen und goldbraunem Haar und geraden, kieferorthopädisch nachbearbeiteten weißen Zähnen, aber meistens fällt das den Leuten in unserer Umgebung nicht auf. Sie sehen nur, wie sehr er sich für den Physikunterricht begeistern kann. Sie sehen den Taschenrechner in seiner Hosentasche. Und seine Brille.

Er hob meine Hand an seine Lippen und drückte einen Kuss drauf. „Kommt, Mylady“, sagte er, „lasst uns tanzen.“

Eine Zeitlang wackelten wir unbeholfen auf der Tanzfläche herum, bis Beaker und Eleanor mit ihren Dates zu uns kamen und wir uns im Stillen über die Tussen mit ihren puffigen Frisuren und ihren puffigen Kleidern lustig machten. Dann machten wir uns scheinheilig gegenseitig Komplimente für unsere Kleider, ließen für die Nachwelt Fotos machen und tanzten noch ein bisschen.

Und dann kommt der Teil, an den ich mich so deutlich erinnern kann. Ich tanzte mit Steven zu einem langsamen Lied und ließ meinen Kopf gegen seine Brust sinken, sodass ich seinen Herzschlag spürte. Der Song war A Thousand Years von Christina Perri. Wir lachten darüber, wie schmalzig er ist, wie übertrieben sentimental, und rissen ein paar Twilight -Witze, aber andererseits hatten wir auch gleich angefangen zu tanzen. Das Lied eignet sich toll zum Tanzen. Stevens Hände lagen in meinem Kreuz, sein Gesicht war in meiner Halsbeuge, sein Atem wärmte meine Haut, und ich hatte diesen Moment plötzlicher Euphorie. Wir gehören zusammen, dachte ich. Wir passen zueinander.

Es fühlte sich an wie die Euler’sche Formel.

Ich hob den Kopf, und er hob seinen. Unsere Blicke trafen sich. Unsere Beine streiften einander, während wir uns langsam vor und zurück wiegten.

„Darling, don’t be afraid, I have loved you for a thousand years“, schmachtete Christina Perri. „And I’ll love you for a thousand more.“

Warte, dachte ich. Moment mal.

Vor mir lag ein ganzes aufregendes Leben, College, Karriere und Erwachsensein. Das hier war nicht der richtige Zeitpunkt, um sich ernsthaft in jemanden zu verlieben. Dafür waren wir zu jung. Hormone konnte ich verstehen. Auf Dates gehen, Sich-Ausprobieren und herausfinden, wie es war, jemanden zu küssen und geküsst zu werden, all das leuchtete mir ein. Aber das hier – wie ich mich in diesem Moment in Stevens Armen fühlte – fühlte sich nach mehr an als nur nach Hormonen.

Nach viel mehr.

Ich schlang meine Arme dichter um seinen Nacken und ließ meinen Kopf wieder sinken. Als ich die Wange zurück an seine Brust legte, klopfte sein Herz ganz schnell.

Und meins auch.

Ich sah mich beiläufig um und entdeckte nur wenige Meter entfernt Ty, der mit einem Mädchen tanzte – Ashley, wie ich annahm. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, nur die Rückseite ihres blassblauen Kleids, das über den Boden streifte, und ihr goldenes Haar, das ihr in kunstvollen Wellen über die Schultern fiel. Aber Tyler erkannte ich deutlich. Seine Augen waren geschlossen und seine Finger ruhten gespreizt auf Ashleys Hüften, während er sich im Takt mit ihr bewegte. Er lächelte nicht, aber auf seinen Zügen spiegelte sich eine stille Zufriedenheit. Eine Ruhe.

Ich hatte ihn noch nie so glücklich erlebt.

Als hätte er gespürt, dass ich ihn beobachtete, öffnete er die Augen und entdeckte mich. Grinste.

Miststück, formte er mit den Lippen.

Ich grinste zurück, dann zeigte ich zwischen meine Augenbrauen. Trägst du etwa Make-up?, gab ich lautlos zurück.

Er deutete einen Stinkefinger an.

Ich musste laut lachen, woraufhin Steven aufschreckte und fragte: „Was ist denn so lustig?“

„Nichts“, sagte ich und versuchte, mein Gekicher zu unterdrücken. „Mein Bruder ist nur so eine Knalltüte.“

Steven drehte sich um und grüßte Ty mit einem Was-geht-Mann-Nicken, das Ty erwiderte.

Jungs und ihre Geheimsprache.

„Ich mag deinen Bruder.“

„Er dich auch.“ Ich lächelte, weil es stimmte – Ty fand es super, dass ich mit Steven zusammen war. „Der Typ ist echt in Ordnung“, hatte er mal zu mir gesagt. „Er kapiert, wie du tickst.“ Und damals hatte das auch gestimmt. Steven hatte gewusst, wie ich ticke.

Die Violinen schwollen zu einem letzten Crescendo an, dann verklangen sie. Wir hörten auf zu tanzen und sahen einander an.

„Und jetzt?“, fragte Steven.

„Jetzt trinken wir den blöden Punsch“, schlug ich vor, und weg waren wir.

An den Rest des Balls kann ich mich nicht erinnern. Er ist mit all den anderen bedeutungslos verstreichenden Sekunden meines Lebens verloren gegangen. Ich. Steven. Ty. Alles vergeht. Ich begriff nicht, dass ich diesen Augenblick auf der Tanzfläche hätte genießen müssen, ich wusste nicht, wie wunderschön und außergewöhnlich er war, wie zerbrechlich, wie flüchtig. Dieser Augenblick, in dem Ty glücklich war. In dem wir alle glücklich waren, zusammen und in Sicherheit.

Ich habe es nicht gewusst.

Ich habe es nicht gewusst.

4. KAPITEL

Daves Praxis liegt in einem der unscheinbaren Geschäftsgebäude in der Innenstadt – in einem Labyrinth, in dem man die Gänge ablaufen und die Namen von Anwälten und Buchhaltern und Maklern von identischen Schildern neben identischen Türen ablesen muss, bis man das Schild erreicht hat, auf dem David Harrington, Paar-und Familientherapeut, New-Hope-Familienberatung steht.

Als ich vor etwa einem Monat zum ersten Mal zu ihm gegangen bin, bin ich in seine Praxis gestapft und habe mit den grauen Wänden und Berberteppichen aus dem Gang gerechnet. Aber als die Tür aufging, stand ich plötzlich in diesem abgefahrenen Wartezimmer, das vollgestopft war mit Aquarien, einer Auswahl an Lavalampen, einem Beistelltischchen mit einer Sammlung von Wackel-Hulatänzerinnen fürs Armaturenbrett, Daves beeindruckender Kollektion von alten Tabasco-Flaschen, die an einer Wand ausgestellt sind, und – das ist das Beste – der größten Ansammlung von Comics (die Art, die auf der Witzseite in der Zeitung abgedruckt wird), die ich jemals gesehen habe. Zehn Minuten lang saß ich da und blätterte in einer Sammlung von alten Peanuts-Klassikern. Charlie Brown, der versucht, einen Fußball zu treten. Lucy, die ihm den Ball unter dem Fuß wegzieht. Charlies Wutanfall. Und ich lachte über den armen Charlie, und es fühlte sich merkwürdig an zu lachen, weil Ty damals erst seit zwei Wochen tot war.

In diesem Moment kam Dave aus seinem Behandlungszimmer. In Anbetracht des Wartezimmers hatte ich einen Hippie oder irgendeinen exzentrischen Spinner erwartet, aber da stand er in seinem Karohemd und seinen bügelfreien Stoffhosen, mit perfekt rasiertem Bart und seinem kurzgeschnittenen ergrauenden Haar, das er immer mit einem Tick zu viel Gel bearbeitet. Er streckte mir die Hand hin.

„Lexie, nehme ich an“, sagte er. „Ich bin Dave. Und du kannst Du sagen, wenn es dir recht ist.“

Ich musste überrascht gewirkt haben, denn danach sagte er: „Tut mir leid. Möchtest du lieber Alexis genannt werden? Als ich mich mit deiner Mutter getroffen habe, hat sie von dir immer als Lexie gesprochen.“

„Sie haben mit meiner Mom geredet? Persönlich?“

„Ja, aber nur kurz“, antwortete er. „Sie wollte mir die Situation erklären.“

Es fiel mir schwer, mir meine Mom an diesem Ort vorzustellen. Wie sie mit übereinandergeschlagenen Beinen neben den Hulatänzerinnen und der Wand voller Tabascoflaschen saß und darauf wartete, diesem Mann von ihrem toten Sohn und ihrer traurigen Tochter zu erzählen.

„Also“, sagte Dave und wies in sein Behandlungszimmer, wo ein großes kariertes Sofa und eine Schachtel Taschentücher warteten. „Komm rein.“

Ich zögerte. „Also, vielleicht ist das doch keine so gute …“

„Ich bin vor allem zum Zuhören da, Alexis“, sagte er daraufhin. „Für den Fall, dass du reden willst. Probier es einfach aus.“

Dave ist ein ziemlich netter Typ. Mir ist noch nicht ganz klar, wozu er eigentlich gut sein soll, mal abgesehen von seiner Funktion als fehlgeleiteter Versuch meiner Mom, mir in dieser schweren Zeit etwas Gutes zu tun. Als wäre das Leben gerade nicht so oder so absolut ätzend. Aber wie dem auch sei. Mein Bruder ist tot. Ich rede nicht viel, ich hänge nicht mit meinen Freunden rum, und ich bin nicht die normale quietschfidele Lex, die die Leute erwarten.

Also sollte ich ganz klar eine Therapie machen.

Heute Nachmittag sitze ich volle dreißig Minuten in Daves Behandlungszimmer, ehe mir irgendetwas Produktives einfällt, was ich sagen könnte. Bisher war das für ihn immer in Ordnung – abzuwarten, bis ich zum Reden bereit bin –, heute ist allerdings nicht zu übersehen, dass ihn etwas beschäftigt. Irgendeine kleine Psychonuss in meinem Kopf will er unbedingt knacken.

Mich beschäftigt auch etwas, aber das sage ich ihm nicht.

Ich will ja. In den letzten Tagen ist es in meinem Kopf ganz schön heftig zugegangen. Immer wieder denke ich, dass ich verrückt geworden sein muss. Irgendwas in meinem fragilen Gehirn muss unter all der emotionalen Belastung zusammengebrochen sein. Ich habe offiziell den Bezug zur Realität verloren.

Weil Ty tot ist.

Er ist weg. Er kommt nie mehr zurück.

Was ich neulich Abend gesehen habe, muss einfach eine Halluzination oder der Anfang eines psychischen Zusammenbruchs oder ein Wachtraum gewesen sein.

Es hat sich so real angefühlt.

Aber es kann nicht real gewesen sein.

Wie auch immer, wenn ich klug wäre, würde ich Dave davon erzählen. Immerhin wird er dafür bezahlt, dass er mir zuhört. Rational gesehen ist er genau der richtige Mensch zum Reden – objektiv, emotional unbeteiligt, pragmatisch. Für so was ist eine Therapie doch eigentlich da: dass man einen Ort hat, an dem man seine verrückten Anwandlungen abschütteln kann. Gesund wird. Sich auseinandersetzt.

Aber was soll ich denn sagen? Äh, also, ich hab vor vier Tagen abends den Geist meines toten Bruders im Keller gesehen.

Worauf Dave erwidern würde: Oh, das ist ja sehr interessant, Alexis. Na, dann wollen wir dir mal ein paar schöne Tabletten verschreiben.

Also fragt Dave, wie es mir geht, und ich sage: gut. Was nicht stimmt. Er fragt, wie meine Woche war, ich sage: okay. Was sie ganz und gar nicht war.

Dann herrscht Stille. Dave nagelt mich mit seinen freundlichen blauen Augen fest, während ich mit meiner Turnschuhspitze an der Teppichkante herumspiele.

Irgendwann sagt Dave: „Ich hoffe, dass du nicht mehr verärgert bist wegen letzter Woche.“

Ich starre ihn ein paar Sekunden lang verständnislos an, bis es mir wieder einfällt. Oh. Letzte Woche.

Richtig. Letzte Woche hatten wir die kleine Auseinandersetzung wegen der Antidepressiva.

Weil ich ihm von dem Loch in meiner Brust erzählt habe. Davon, dass ich das Gefühl habe zu sterben, wenn es passiert. Von meiner panischen Angst davor, dass diese Momente immer häufiger auftreten und immer länger andauern könnten, bis ich nur noch das Loch spüren kann und es mich vielleicht für immer verschlingt.

Ich dachte, mein Geständnis wäre mutig. Ich habe versucht, mich Dave gegenüber zu öffnen. Ich habe versucht, zu tun, was ich soll.

Erwartet hatte ich, dass Dave mir sagt, dass das Loch zwar entsetzlich sei, aber auch etwas ganz Normales, dass es nicht schlimmer, sondern besser würde und dass ich nicht sterben würde, jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Dass es noch eine Weile wehtun würde, ich es aber überleben würde.

Und dann würde ich versuchen, ihm zu glauben.

Aber was er sagte, war: „Dagegen gibt es ein Medikament, das ich dir verschreiben könnte.“

Dann fing er an mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern und der Wunderwirkung von Xanax und dass ich es für den Anfang vielleicht mit Valium probieren könnte, weil man davon nicht so schnell abhängig wird. Stumm starrte ich ihn an, bis er damit fertig war, in poetischen Worten von Medikamenten zu schwärmen. Schließlich sagte er: „Und, was meinst du?“

Ich erwiderte: „Du willst, dass ich Antidepressiva nehme?“

Er sagte, dass Antidepressiva in Kombination mit einer traditionellen Therapie eine äußerst effektive Behandlungsmethode seien.

Ich hakte nach: „Glaubst du, ich bin depressiv?“

Er hüstelte. „Ich glaube, dass du gerade eine sehr schwere Zeit durchlebst, die du dir mit Medikamenten etwas erleichtern könntest.“

„Ich verstehe. Hast du schon mal das Buch Schöne neue Welt gelesen?“

Er zwinkerte ein paarmal. „Nein, ich glaube nicht.“

„Es handelt von einer Gesellschaft in der Zukunft, in der es eine Droge namens Soma gibt, durch die sich alle glücklich fühlen“, erklärte ich. „Sie soll alles in Ordnung bringen. Du bist unzufrieden mit deiner Arbeit? Kein Problem. Nimm Soma, und dir ist alles egal. Deine Mom stirbt? Nimmt ein bisschen Soma, schon fühlst du dich prima.“

„Alexis“, wandte Dave ein. „Ich versuche, dir zu helfen. Das Loch, von dem du erzählt hast, klingt wie die klassische Beschreibung einer Panikattacke …“

„Aber am Ende ist es doch so“, unterbrach ich ihn. „Diese futuristische Gesellschaft, in der alle unter Drogen gesetzt werden, damit sie glücklich sind, ununterbrochen, ganz egal, was passiert, die ist grauenerregend – monströs sogar! Sie ist das Ende der Menschheit. Weil wir Gefühle haben sollen, Dave. Mein Bruder ist gestorben, und das soll Gefühle in mir auslösen.“

Ich hörte zu reden auf, weil ich plötzlich außer Atem war. Ich wollte noch mehr sagen. Ich wollte in die Welt schreien, dass Ty auch Antidepressiva genommen hatte, mehr als zwei Jahre lang, bis zu seinem Tod, und dass man ja sieht, wie wahnsinnig sie ihm geholfen haben. Ich wollte Dave mein ironisches kleines Geheimnis erzählen: dass ich weiß, dass ich Schmerz empfinden sollte, weil mein Bruder gestorben ist – Trauer, Verlust, wie man es auch nennen mag – und dass ich all das sogar spüren will, es aber nicht tue. Abgesehen von den Augenblicken mit dem Loch spüre ich gar nichts.

Ich brauche keine Medikamente, um den Schmerz zu betäuben.

„Ich verstehe“, sagte Dave.

„Mann, wann sind Therapeuten eigentlich zu Drogendealern geworden?“, fragte ich, weil ich immer noch aufgebracht war.

Dave lächelte, als würde er meine Beleidigung witzig finden, und ging sofort dazu über, mich zu besänftigen. „Schon gut, Alexis, schon gut. Keine Medikamente.“ Und dann schlug er die Sache mit dem Tagebuch vor.

Schreiben als Alternative zu Xanax.

„Ich habe diese Woche mit Tagebuchschreiben angefangen“, melde ich jetzt Rapport.

Er wirkt ungewöhnlich überrascht. „Worüber hast du denn geschrieben?“

Ich zucke mit den Achseln. „Zeug halt.“

Er wartet ab, ob ich mehr erzähle, aber als ich nichts sage, fängt er selbst mit einem neuen Thema an: „Okay. Diese Woche würde ich gern über deine Freunde sprechen.“

„Im Augenblick habe ich keine Freunde“, rutscht es mir raus.

Er hebt seine Brauen. „Du hast keine Freunde?“

Uuups. „Also, ich meine, doch, ich habe Freunde, aber …“

„Haben sie sich zurückgezogen?“, fragte er. „Manchmal wissen die Leute nicht, wie sie damit umgehen sollen, wenn …“

„Nein“, rudere ich zurück. „Nein, sie sind toll. Es ist nur so, dass … Ich glaube, ich bin diejenige, die sich zurückgezogen hat.“

David gibt einen nachdenklichen kleinen Laut von sich, als wäre er gerade auf eine therapeutische Goldmine gestoßen. „Warum?“

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