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Dr. Stefan Frank - Folge 2450

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Wo eben noch dein Lachen klang
  4. Vorschau

Wo eben noch dein Lachen klang

Ein Bootsausflug endet für die kleine Lucy tragisch

Dr. Stefan Frank genießt mit seiner Lebensgefährtin gerade eine romantische Bootstour auf dem Starnberger See, als die beiden plötzlich panische Schreie hören.

„Lucy? O mein Gott! Lucy! Wo bist du?“, gellt es über das Wasser.

Alarmiert schaut sich Dr. Frank um. In ihrer Nähe hechtet ein Mann von seinem kleinen Ruderboot aus mit einem Kopfsprung ins Wasser und taucht einige Sekunden später japsend wieder auf.

„Meine Tochter! Meine dreijährige Tochter! Sie ist … über Bord gefallen“, keucht er verzweifelt in die Richtung von Stefan Frank, der beherzt zu dem Mann schwimmt, um zu helfen.

Doch auf der Wasseroberfläche ist nichts zu sehen außer Kreisen, die sich allmählich ausbreiten.

„Um Gottes willen!“ Der Grünwalder Arzt holt tief Luft und taucht pfeilschnell in die Tiefe. Wie lange ist das kleine Mädchen schon unter Wasser? Und wie sollen sie es in dem trüben Wasser finden? Es beginnt ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit …

Bitte, tu mir das nicht an.

Nervös lief Annika vor dem Leuchtturm von Hörnum auf und ab. Das hohe rote Leuchtfeuer mit der weißen Bauchbinde überragte die Insel um gut vierzig Meter. Hier, an der Südspitze von Sylt, wehte ein frischer Wind, der mit dem langen Rock von Annikas Brautkleid spielte und Sand aufwirbelte.

Sie hatte es drinnen nicht mehr ausgehalten. Die Anspannung, ob Thomas noch auftauchen würde oder nicht. Die mitfühlenden Blicke des Standesbeamten, der diskret auf seine Armbanduhr schaute und offenbar abwog, wann wohl das nächste Brautpaar vor der Tür stehen würde. Und das Stechen unter ihrer Haut, das mit jeder Minute stärker wurde.

Annika war aus dem Trauzimmer im siebten Leuchtturmgeschoss geflohen und lief nun eine Spurrille in den Erdboden.

Jetzt, im Sommer, gaben sich die Brautleute am Leuchtturm die Klinke in die Hand. Das sonnige Wetter war wie geschaffen dafür, den Bund fürs Leben zu schließen. Fast schien es, als wollte der Himmel selbst seinen Segen geben … Wenn man denn einen Bräutigam vorzuweisen hatte, der auch auftauchte!

Ein erstickter Laut entfuhr Annika, der halb ein Schluchzen, halb ein Schluckauf war. Sobald sie nervös wurde, bekam sie Schluckauf – und jetzt war sie die personifizierte Nervosität!

Verkrampft schloss sie die Finger um ihren Brautstrauß. Weiße und blassrosa Freesien waren mit unterschiedlichem Grün zu einem bezaubernden Strauß gebunden. Oder es zumindest gewesen. Die ersten Blätter bröselten bereits ab, weil Annika sie so fest umklammert hielt.

Sie zwang sich, den Griff zu lockern, und lächelte matt einer Spaziergängerin zu, die mit einem Terrier an der Leine an ihr vorbeischlenderte. Die Seniorin musterte ihr Brautkleid, dann huschte ein wissendes Lächeln über ihr Gesicht, und sie winkte Annika zu.

Annika erwiderte den Gruß und bemerkte, dass ihre Hand dabei zitterte.

Das hier war angeblich der schönste Tag in ihrem Leben. Warum fühlte es sich an wie eine einzige Katastrophe?

Alles wird gut, sagte sie sich selbst. Thomas verspätet sich nur. Er wird noch auftauchen, und dann werden wir heiraten. Wie es geplant war. Und wie wir es uns immer erträumt haben.

„Verflixt noch mal!“, murmelte sie vor sich hin.

„Falsche Antwort“, tadelte eine helle Stimme. Dorothee wirbelte aus dem Leuchtturm. In ihrem pfirsichfarbenen Kleid sah ihre Freundin aus wie ein heller Sommermorgen. Ihre braunen Haare trug sie hochgesteckt, sodass man den farbigen Salamander sah, der sich über ihre linke Schulter schlängelte. Das Tattoo hatte sie sich selbst zur bestandenen Abschlussprüfung als Krankenpflegerin geschenkt.

Mit ihrem unverwüstlichen Optimismus war Doro die beste Freundin, die man sich wünschen konnte.

Sie zwinkerte Annika zu.

„Falls du schon mal übst, was du dem Standesbeamten antworten willst, solltest du lieber einen neuen Versuch machen.“

„Das wird nicht nötig sein“, prophezeite Annika düster. „Thomas wird nämlich nicht auftauchen.“

„Aber natürlich wird er auftauchen.“

„Nein, wird er nicht.“

„Thomas liebt dich. Ich bin sicher, er wurde nur aufgehalten und wird jeden Augenblick hier eintreffen. Nichts und niemand könnte ihn heute von dir fernhalten.“

„Carola schon.“

„Seine Exfreundin? Das ist nicht dein Ernst?!“

„Er liebt sie immer noch. Das weiß ich jetzt.“

„Du bist ja verrückt! Dich hat er gebeten, ihn zu heiraten, nicht sie.“

„Aber nur, weil sie ihn verlassen hat. Ich hätte es wissen müssen. Für ihn war ich nur ein Notnagel. Thomas kann nicht gut allein sein. Er wurde verlassen, und ich war da. Meine Gegenwart war praktisch für ihn. Mehr nicht.“

„Das ist doch Unsinn.“

„Ist es nicht.“ Nervös zwirbelte Annika eine Strähne ihrer hellblonden Haare zwischen den Fingern. Sie reichten ihr bis zu den Ohrläppchen. „Ich war so blind, Doro. Ich wollte es nicht wahrhaben, dabei gab es jede Menge Anzeichen dafür, was er empfindet. Carola und er haben es immer vermieden, sich anzusehen, wenn sie im selben Raum waren. Bei der Party der Hagenbecks neulich haben sie jeden Blickkontakt gescheut. Das hätte mich stutzig machen müssen.“

„Bestimmt haben sie sich nur unbehaglich gefühlt. Immerhin sind sie Kollegen. Carola ist auch Immobilienmaklerin. Es ist unvermeidlich, dass sie sich ab und zu über den Weg laufen. Vermutlich reden sie nur das Nötigste miteinander.“

„Eben nicht. Sie schweigen sich eisern an, selbst wenn sie nebeneinanderstehen. Als könnte jedes Wort zu viel verraten.“

„Das sieht Thomas aber gar nicht ähnlich.“

„Eben. Normalerweise redet er wie ein Wasserfall. Schweigen ist bei ihm nie ein gutes Zeichen. Letztens auf der Party hat er kaum die Zähne auseinandergebracht.“ Annika schluckte. „Glaub mir: Er hat Carola immer geliebt. Ich war für ihn nur ein Notbehelf.“

„Das ist nicht wahr, Annika.“

„Und warum ist er jetzt nicht hier? Wir wollten vor einer halben Stunde heiraten. Warum taucht er nicht auf?“

„Das weiß ich leider auch nicht. Hast du versucht, ihn anzurufen?“

„Sein Handy ist ausgeschaltet.“ Annika blickte auf ihren Brautstrauß hinunter. „Sieh nur, er verliert schon die ersten Blüten. Das ist ein schlechtes Vorzeichen.“

„Das ist nur ein Zeichen dafür, dass du eine schlechte Floristin erwischt hast.“

Annikas Augen brannten. Sie schaute sich nach allen Seiten um, aber abgesehen von einigen Möwen, die über ihnen in der Luft kreisten, war niemand zu sehen. Ein bitterer Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus.

„Das ist wirklich armselig. Als Anwältin vertrete ich Mandanten bei Scheidungen, und selbst schaffe ich es nicht einmal bis vor den Traualtar.“

„Sag so etwas nicht, Annika. Du siehst umwerfend aus. Thomas wäre ein Idiot, wenn er dich sausen lassen würde.“

„Vielleicht hätte ich gewarnt sein müssen. Immerhin war es seine Idee, heimlich zu heiraten. Wir sind extra aus Hamburg hierhergekommen und haben uns in einer Pension eingemietet, ohne unseren Familien etwas davon zu sagen. Ich wollte gern, dass unsere Angehörigen dabei sind, aber er meinte, auf diese Weise wäre es romantischer. Ich glaube, er wollte sich einfach ein Schlupfloch offen lassen und keine unliebsamen Fragen seiner Verwandten anhören müssen, wenn er nicht aufkreuzt.“

„So etwas traue ich ihm eigentlich nicht zu.“

„Ich auch nicht, aber er ist nicht hier. Das sagt einiges aus, nicht?“ Annika ließ die Schultern sinken. Thomas und sie hatten in getrennten Zimmern übernachtet, weil es angeblich Unglück brachte, wenn er sie vor der Zeremonie sah.

Sie wollten sich am Leuchtturm treffen, heiraten und nach den Flitterwochen mit ihren Familien nachfeiern. Nur Dorothee war eingeweiht und ebenfalls nach Hörnum gekommen, um Annika bei den Vorbereitungen und beim Frisieren zu helfen. Alles war bereit, aber ihr Bräutigam kam und kam einfach nicht.

Oder etwa doch?

In der Ferne tauchte ein hoch gewachsener Mann auf. Sein weißes Hemd leuchtete in der Sonne. Das dunkle Jackett trug er an einem Finger über der Schulter. Seine blonden Haare waren von der Sonne gesträhnt und leicht gewellt. Darunter zeichnete sich ein gebräuntes Gesicht ab, das von dunklen Augen dominiert wurde. Thomas!

Annika wagte ein Aufatmen. Er war also doch gekommen! Nun würde alles gut werden. Ihre Freundin hatte recht behalten. Er war einfach nur aufgehalten worden und … Ihre Gedanken stockten, als er näher kam und sie seine ernste Miene bemerkte. Sein Blick war leer, als würde er in einen tiefen Brunnen starren. Nicht glücklich und voller Vorfreude, wie sie es sich für diesen Tag ausgemalt hatte.

Er blieb vor ihr stehen – und schwieg!

Nein!, hämmerte es hinter ihren Schläfen. Nein, das kann er mir nicht antun!

„Thomas?“ Ihre Stimme zitterte hörbar.

Er seufzte und setzte dazu an, etwas zu sagen, aber noch immer kam kein Wort über seine Lippen. Ein tiefer Atemzug, dann räusperte er sich noch einmal.

„Es tut mir so leid, Annika, aber ich kann dich nicht heiraten“, sagte er mit rauer Stimme.

Das war’s. So wenige Worte konnten ein Glück zerbrechen lassen wie eine Glaskugel. Annika wankte nicht, aber ein Zittern lief durch sie hindurch.

„Warum? Warum jetzt? Warum überhaupt?“

„Ich kann es dir nicht erklären. Ich kann nur wiederholen, dass es mir unendlich leidtut. Ich liebe dich, Annika …“

„Nein, das tust du nicht“, schleuderte sie ihm entgegen, „sonst würdest du mir das hier nicht antun. Wenn du mich wirklich lieben würdest, würdest du dein Versprechen halten und mich nicht so verlassen.“

„Ach, Annika …“ Thomas sah sie traurig an, aber neben dem Kummer bemerkte sie noch etwas anderes in seinem Blick: Entschlossenheit! Er schien sich seiner Sache absolut sicher zu sein – und das brach ihr das Herz.

Es gab keine Hoffnung für sie beide, keine Chance auf eine Versöhnung. Für ihn war das Thema „Heirat“ abgehakt. Das sah sie ihm an.

In ihrem Inneren bildete sich ein Knoten. Sie wollte schreien, toben, auf ihn einschlagen und ihn gleichzeitig beschimpfen und anflehen, sie nicht zu verlassen. Doch sie brachte kein Wort hervor. Nicht einmal bewegen konnte sie sich. Annika stand wie erstarrt da und versuchte, das Unbegreifliche zu begreifen. Wie nur konnte sich die Welt weiterdrehen, wo sie doch gerade in tausend Scherben zerbrochen war?

***

Der Sommer meint es gut an diesem Tag. Auch im mehr als tausend Kilometer vom Nordseestrand entfernten Bayern. Genauer gesagt: am Starnberger See. Eine milde Brise wehte von Südwesten heran und trieb die wenigen weißen Wolken gemächlich über den Himmel. Die klare Luft versprach wieder einen herrlichen Sonnentag. Keines der in dieser Region gefürchteten, schnell aufziehenden Gewitter war zu befürchten.

Dr. Stefan Frank und seine Freundin hatte das sonnige Sommerwetter aus München an den Starnberger See gelockt. Nur eine halbe Stunde Fahrt trennte ihr Zuhause von dem zauberhaften Ausflugsziel.

Als Hausarzt hatte Stefan Frank unter der Woche alle Hände voll zu tun, und auch in der Praxis seiner Freundin herrschte wochentags ein reges Kommen und Gehen. Beide übernahmen an ihren freien Tagen oftmals Notdienste, deshalb war ein gemeinsames freies Wochenende ein kostbares Gut, von dem sie jeden Augenblick genossen.

Aus diesem Grund waren sie schon in aller Frühe losgefahren, hatten sich ein Ruderboot für den ganzen Tag gemietet und trieben nun gemächlich auf dem Gewässer.

Ein leuchtend gelber Sonnenschirm spendete ihnen Schatten. Ein Weidenkorb stand auf dem Boden des Bootes bereit. Darin war alles verstaut, was für ein gemütliches Picknick gebraucht wurde. Sie wollten sich später einen schönen Platz zum Anlegen suchen, sich sonnen und schwimmen.

Einen Tag lang die Seele baumeln lassen, darauf hatte sich Stefan Frank schon lange gefreut. Und das obendrein mit Alexandra, der Frau, der sein Herz gehörte. Das war für ihn der reine Himmel. Die bezaubernde Augenärztin trug ihr Herz auf der Zunge. Das schätzte er ebenso an ihr wie ihre Wärme und Hilfsbereitschaft.

An diesem Tag trug Alexandra ein schulterfreies weißes Sommerkleid mit dünnen Trägern. Es betonte ihre sommerlich gebräunte Haut. Auf ihren braunen Locken saß ein Strohhut, und ihre roten Lippen waren zu einem Lächeln verzogen. Sie sah reizend aus!

Entspannt hielt sie eine Hand ins Wasser und blickte versonnen auf den Strudel hinab, den sie erzeugte. Stefan Franks Herz wurde weit, als er sie betrachtete. Manchmal konnte er kaum fassen, dass ihr Herz ihm gehörte …

Da richtete sie sich mit einem Mal kerzengerade im Boot auf.

„Schau nur, Stefan, da drüben!“ Sie streckte eine Hand zu dem Kreuz aus, das in Ufernähe aus dem Wasser aufragte.

Er nickte wissend. „An dieser Stelle soll König Ludwig II. ertrunken sein.“

„So heißt es, aber glaubst du diese Theorie etwa, Stefan?“

„Ehrlich gesagt, ich habe mir darüber noch nie Gedanken gemacht. Du allerdings schon, wie mir scheint.“

„Und ob! Der König hat uns so viel Schönes hinterlassen. Nimm nur Schloss Neuschwanstein oder Herrenchiemsee. Diese Bauten überdauern Generationen und ziehen immer wieder Menschen in ihren Bann. Der König hatte nicht verdient, was mit ihm geschehen ist. Im Juni 1886 wurde er durch ein ärztliches Gutachten entmündigt und hierher nach Schloss Berg gebracht. Einen Tag später soll er sich im See ertränkt haben.“

Sie zog eine Augenbraue hoch.

„Ein ein Meter neunzig großer Mann und exzellenter Schwimmer! Selbst wenn er gewollt hätte, wäre sein Überlebensinstinkt viel zu stark gewesen, als dass es ihm gelungen wäre, sich zu ertränken. Obendrein fand man ihn im kniehohen Wasser treibend. Ich bin davon überzeugt, dass er ermordet wurde.“

„Offiziell war es allerdings ein Selbstmord.“

„Ja, ich weiß, aber wenn du mich fragst, wurden damit nur die wahren Ereignisse vertuscht.“

„Mir scheint, du hast da deine ganz eigene Theorie, Liebes.“

„Ich habe mir nur einiges angelesen. Das Leben von König Ludwig II. fasziniert mich.“

„Das wusste ich gar nicht. Das Thema ist allerdings wirklich interessant. Ich sollte mir dazu wohl etwas anlesen, wenn wir wieder daheim sind.“ Stefan Frank stemmte sich in die Riemen und brachte das Boot weiter hinaus auf den See.

Außer ihnen waren noch andere Ruderboote unterwegs. Auch etliche Jachten sprenkelten das blaue Wasser mit ihren weißen Segeln. Alexandra lehnte sich im Heck zurück und schaute versonnen zu, wie er ruderte. In ihren Augen lag ein Funkeln, das ihm ein Lächeln entlockte.

„Gefällt dir, was du siehst?“, fragte er neckend.

„Sogar sehr.“

„Das freut mich.“ Er ließ die Ruder los, beugte sich vor und rückte den Sonnenschirm sorgsam so zurecht, dass sie weiterhin im Schatten saß. Zwei Enten flogen quakend über ihr Boot hinweg und verschwanden irgendwo über dem Festland. Die Sonne hatte sogar schon so früh am Tag allerhand Kraft und brannte vom Himmel. Später würden die Temperaturen vermutlich wieder unerträglich sein.

„Unglaublich, diese Hitze, nicht wahr?“, seufzte Alexandra. „Seit Tagen geht das schon so. Hier auf dem Wasser ist es angenehm, aber daheim ist das Haus dermaßen aufgeheizt, dass einem nachts sogar ein Laken als Zudecke zu viel wird. Ich glaube, ich habe letzte Nacht sogar auf Suaheli geträumt.“

„Auf Suaheli? Oha! Vielleicht ist das ein Zeichen.“

„Ja, dass es zu heiß ist.“ Sie blies die Wangen auf und ließ die Luft entweichen.

„Entweder das, oder wünschst dir ...

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