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Drei Krimis aus der Provinz

Alfred Bekker, Peter Haberl

Drei Krimis aus der Provinz

Thriller Sammelband





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Drei Krimis aus der Provinz

von Alfred Bekker, A. F. Morland & Peter Haberl

Der Umfang dieses Buchs entspricht 482 Taschenbuchseiten.

Drei Spitzen-Krimis mit Tatorten in den Bergen - mal sauerländisch, mal alpin. Aber immer geschehen die Morde weit ab der großen Metropolen. Genau dort, wo man glaubt, dass die Welt noch in Ordnung und das Böse so fern sei...

Drei Krimis aus der vermeintlichen heilen Provinzwelt - mit skurrilen Ermittlern, ungwöhnlichen Fällen und Typen, wie sie nur noch in Dörfern vorkommen.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Der Killer wartet

A. F. Morland: Flucht in die Berge

Peter Haberl: Die Rache des Dämons

1

Norbert Wolf erstarrte, als er in den Pistolenlauf blickte.

"Keine Bewegung", kam es dumpf unter dem Motorradhelm hervor. Der Mann, der plötzlich aus der Dunkelheit heraus aufgetaucht zu sein schien,trug eine schwarze Lederkluft. Das Helmvisier war heruntergelassen, so dass nicht einmal seine Augen zu sehen waren.

"Was wollen Sie?", fragte Wolf."Die Tageskasse ist schon weg. Ich habe gerade dreißig Mark im Portemonnaie..."

"Mund halten!", erwiderte der Maskierte kalt. Er deutete mit dem Pistolenlauf auf die Eingangstür des Baumarktes Dörner, die Norbert Wolf gerade hinter sich abgeschlossen hatte.

"Mach wieder auf!", kam es dumpf unter dem Helm hervor.

Wolf starrte den Unbekannten fassungslos an. Mit der Schulter lehnte er sich dabei gegen die Aufschrift DER GROSSE LÜDENSCHEIDER BAUMARKT - DIE NUMMER EINS IN SÜDWESTFALEN. Ein Slogan, der schon lange nichts mehr mit der Wahrheit zu tun hatte.

Ein leichtes Zittern erfasste Wolfs Hände, als er schließlich zögernd den Schlüssel wieder ins Schloss steckte und herumdrehte.

"Reingehen!", befahl der Maskierte.

Er stieß Wolf dabei schmerzhaft den harten Pistolenlauf in die Seite.

Wolf wurde totenbleich. Er schluckte.

"Klar doch", sagte er. "Ganz ruhig, ja? Ganz ruhig, ich mache ja alles, was Sie sagen!"

Angstschweiß perlte auf Wolfs Stirn. Er ging durch die Tür.

Der Maskierte folgte ihm und zog dabei den Schlüssel aus dem Schloss heraus.

Im Inneren des Baumarktes herrschte eine Art Halbdunkel.

Die einzigen Lichtquellen waren die Laternen auf dem Parkplatz, die durch die großen Scheiben hereinleuchteten.

"Soll ich Licht machen?", fragte Wolf.

"Nein, kein Licht."

"In den Kassen ist nur noch Wechselgeld!"

"Scheiß auf die Kasse!", kam es wie eine Drohung unter dem Helm hervor. Der Maskierte gestikulierte nervös mit der Waffe herum. "Los, vorwärts!", knurrte er dann.

"Wohin?"

"Werde ich dir schon sagen!"

Sie gingen an den Kassen vorbei, von denen es im Dörner-Baumarkt insgesamt drei gab. Der Maskierte trieb Wolf zwischen den hohen Regalschluchten hindurch, vorbei an den riesigen Rollen mit preiswertem Teppichboden und den Steckelementen, aus denen sich der geschickte Heimwerker Regalwände fertigen konnte. Gute fünfhundert Quadratmeter hatte dieser Baumarkt. Und er war eine Art Labyrinth.

Irgendwann langte der Maskierte ins Regal.

Er holte sich eine Rolle extrabreites Gewebeband heraus.

Metallfarben. Wolf sah es aus den Augenwinkeln. Es war ihm anzusehen, wie sehr ihn die Frage beschäftigte, was das zu bedeuten hatte. Kein Mensch veranstaltete so ein Theater, um eine Rolle Isolierband zu stehlen... Das wusste auch Norbert Wolf.

Bei der Holzabteilung befand sich ein Informationsstand.

Der Maskierte ließ den Blick schweifen.

Dann blickte er hinter den Tresen.

"Setz dich auf den Stuhl dort!", wies er Wolf unmissverständlich an.

Wolf atmete tief durch. "Hören Sie, was wollen Sie eigentlich. Ich mache Ihnen keine Schwierigkeiten... Ich..."

"Ich will dein Gerede nicht hören!", erwiderte der Maskierte kalt. "Auf den Stuhl..."

Wolf keuchte. Panik erfasste ihn.

"Sie waren das, nicht wahr? Sie haben mich angerufen und diese Briefe geschickt... Sie..."

"Auf den Stuhl!"

Wolf gehorchte. Er setzte sich auf den schon ziemlich durchgesessenen Drehstuhl. Es quietschte dabei.

"Hände auf den Rücken!", kam der Befehl des Maskierten.

Wolf gehorchte. Und in der nächsten Sekunde bekam er einen brutalen Schlag mit dem Pistolenlauf gegen die Schläfe.

Benommen sackte Wolf in sich zusammen. Der Maskierte legte die Waffe auf den Tresen und packte das Isolierband aus der Folie. Und dann begann er damit, Wolf regelrecht einzuwickeln. Er band die Arme nach hinten und verklebte sie mit dem Stuhl. Dann bog er grob die Beine unter den Stuhl und schnürte die Füße mit den Händen zusammen. Wolf stöhnte. Er schien wieder zu sich zu kommen.

Bevor er etwas lauter werden konnte, hatte der Maskierte ihm allerdings auch den Mund verklebt.

Dann drehte der Maskierte den Rollstuhl herum.

Wolf sah ihn trübe an. Angst leuchtete aus seinen blassblauen Augen.

Der Maskierte musterte sein Opfer einen Augenblick lang durch das geschlossene Helmvisier.

Dann gab er dem Stuhl einen Tritt.

Etwa zwei Meter entfernt befand sich eine Stufe. Der Stuhl fiel krachend zu Boden. Ein dumpfes Ächzen kam unter dem Klebeband hervor. Wolfs Augen waren vor Angst geweitet. Er lag hilflos am Boden und versuchte verzweifelt, sich zu bewegen. Wie ein eingesponnenes Insekt in einem Spinnennetz.

Der Maskierte nahm die Waffe wieder an sich und betrachtete den am Boden Liegenden.

Dann hob er die Waffe, zielte und drückte ab.

Wolf schloss die Augen.

Es machte klick.

Die Pistole war nicht geladen. Ein dumpfes Lachen dröhnte unter dem Helm hervor, während auf Wolfs Stirn die Schweißperlen glitzerten.



2

Moeller setzte das Saxophon an den Mund. Ein rauer, knarrender Ton kam heraus und bildete das erste Element einer flirrenden Tonkaskade.

Moeller schloss die Augen.

Über der leicht swingenden Basslinie des Miles Davis-Standards SO WHAT entwickelte er seine Improvisation. Ein steter Fluss roher, kantiger Töne sprudelte aus seinem Horn.

Appeggi, die manchmal etwas neben der Tonart waren.

Dazwischen auch ein paar Kiekser und Obertöne, von denen sich nur vermuten ließ, in wie weit sie in dieser Form tatsächlich beabsichtigt waren oder nur in Kauf genommen wurden.

Aber was für einen John Coltrane erlaubt gewesen war, das durfte auch Moeller. In dieser Hinsicht war Moeller Anarchist. Er kannte keinen Respekt. Nicht vor Lebenden oder Toten und auch nicht vor den Ohren und Nerven seiner Zeitgenossen und Nachbarn. Vielleicht spielte Moeller etwas schief, aber dafür klang es interessant. Moeller spielte mit mehr Inspiration, als so manche hochgelobte Jazz-Größe. Fand er jedenfalls selbst.

Sein Solo entwickelte sich. Immer gewagtere Tonsprünge und Läufe reihten sich aneinander. Moeller spielte sich in eine Art Rausch. Außer ihm selbst und seinem Instrument war da nur noch der Kopfhörer mit den dicken Muscheln, auf dem er Bass, Klavier und Schlagzeug hörte, die er zuvor mit Hilfe eines Roland-Sound-Moduls und eines Keybords digital eingespielt hatte. Lediglich das Saxophon nahm er akustisch auf und mischte die Tonspur hinterher mit dem Rest ab. "Alle wirklich Großen sind längst tot!", pflegte Moeller manchmal zu sagen, weil er das für ein Bonmot hielt. Und er dachte dabei an Charlie Parker, Miles Davis, John Coltrane und vielleicht noch an Duke Ellington. Und er fragte sich regelmäßig, warum er selbst eigentlich noch lebte. Vielleicht, weil du dir einen gesünderen Beruf gewählt hast, dachte er dann.

Moeller hatte irgendwann in grauer Vorzeit mal vor der Alternative gestanden: Entweder ein unsicheres Leben als Musiker oder ein sicherer Job im öffentlichen Dienst.

Und weil er irgendwo in seinem tiefsten Inneren gewusst hatte, dass er eben doch nicht so groß wie Coltrane war, hatte er den sicheren Weg gewählt. Er war Polizist geworden.

Aber war der Kampf gegen das Verbrechen nicht auch etwas, wofür es zu leben lohnte? Der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen und die Schwachen zu schützen? Moeller musste in diesem Zusammenhang immer an die Batman-Comics denken, die er als Junge gelesen hatte. Die Begeisterung für Batman war eher dagewesen als die für John Coltrane, die Leidenschaft für das Recht und die Gerechtigkeit eher als jene für den Jazz.

So war er jetzt Polizist. Kripo-Beamter, genauer gesagt.

Und im tiefsten Inneren wusste Moeller, dass er mit dieser Arbeit der Menschheit besser dienen konnte, als mit den unfreiwilligen Kieksern aus seinem Saxophon.

Inzwischen hatte er 15 Dienstjahre bei der Kriminalpolizei Lüdenscheid hinter sich. Und er war immer noch Kriminalkommissar in der Gehaltsstufe A12. Weiter war er nie gekommen. Schon von seinem Äußeren her wirkte Moeller ziemlich unangepasst. Sein langes, zu einem Pferdeschwanz zusammengefasstes Haar, der Drei-Tage-Bart und die kaputte Jeans. Moeller hielt sich für einen Nonkonformisten und schob die Tatsache, dass er es nie weiter als bis zum Kriminalkommissar im Dezernat für Tötungsdelikte, landläufig Mordkommission genannt, gebracht hatte, diesem Umstand zu.

Aber wenn er ehrlich war, dann hatte er auch nie einen besonderen Ehrgeiz an den Tag gelegt. Sein Herz gehörte jedenfalls nicht dem Job. Nicht den dicken Akten mit den penibel aufgelisteten Beweisstücken und Indizien. Nicht den seitenlangen Gutachten über Haarreste und Blutspuren und Fasern irgendwelcher Pullover. Sein Herz gehörte dem Jazz, dieser freiesten und unangepasstesten aller Musikformen. Der Jazz war wie er, so empfand er es oft. Und das jazzigste aller Instrumente war das Saxophon, ein Instrument, das bei jedem Spieler einen völlig anderen, sehr persönlichen Klang hatte.

Moeller spielte wie in Trance.

Er war in eine eigene Welt entrückt. Eine Welt der Töne und des Klangs und der Freiheit. Denn nichts war vorgeschrieben. Alles konnte passieren. Die Musik entstand aus dem Augenblick. Ein kreativer Akt, der nicht wiederholbar war. Entweder es ging oder es ging daneben. Es gab keine Sicherheit, keine Noten, an die man sich klammern konnte.

Allenfalls ein harmonisches Gerüst oder eine Basslinie. Und auch dieses Gerüst ließ sich durchbrechen. Moellers Finger bewegten sich mit atemberaubender Schnelligkeit über die Tasten des Instruments, einem Altsaxophon in Es. Seine Töne wurden jetzt leiser, lyrischer. Gefühlvoll phrasierte Passagen lösten die herausgerotzten, kantigen Töne ab. Moeller hatte längst vergessen, in welcher Tonart er jetzt eigentlich hätte sein müssen. Er spielte einfach. Ein anderer schien seine Lippen und seine Finger zu bewegen und zu koordinieren.

Vielleicht der Gott des Jazz persönlich oder der Saxophon-Geist von John Coltrane. Das waren die Augenblicke, für die Markus Moeller lebte. Und dann mischte sich in dieses tiefe Feeling plötzlich etwas anderes.

Eine Dissonanz, gegen die jeder Kiekser von Coltrane wie eine Offenbarung geklungen hätte.

Ein schriller Laut, der immer eindringlicher in Moellers Musik hineinschnitt.

Selbst durch den Kopfhörer mit den dicken Muscheln war es nun unüberhörbar.

Eine Sirene!

Moeller fluchte leise vor sich hin, was sein uraltes Vierspur-Aufnahmegerät für die Nachwelt dokumentieren würde.

Er nahm den Kopfhörer ab und pfefferte ihn auf einen ziemlich durchgesessenen Sessel, den er in seinem Homestudio abgestellt hatte. Dann seufzte er und ging zum Fenster.

Die Sirenen wurden nicht durch seine Kollegen von der Schutzpolizei und auch nicht von Krankenwagen verursacht.

Es war die Feuerwehr.

Moeller erkannte das am Klang.

Er sah hinaus in die Dunkelheit, sah die Blinklichter aufblitzen und hörte eine weitere Sirene herannahen, noch bevor die erste verklungen war.

Moeller zählte. Drei, vier, fünf Fahrzeuge.

Das musste ein Großeinsatz sein.

Er öffnete das Fenster. Seine Wohnung befand sich im dritten Stock eines schmucklosen grauen viergeschossigen Hauses in Lüdenscheid-Brüninghausen. Eine der zahlreichen ehemaligen Werkswohnungen der Firma Plate-Stahl. Auf'm Aul hieß die Straße, an der diese Häuser lagen - was auch immer diese Straßenbezeichnung nun bedeuten mochte.

Auf der nahen Hauptstraße brauste indessen ein Feuerwehrfahrzeug nach dem anderen daher.

Da musste wirklich etwas Bedeutendes passiert sein.

Und Moeller war weder der erste noch der einzige, der auf diesen Gedanken gekommen war. Unten, auf dem kurzgeschnittenen Rasen vor dem Haus standen ein paar Leute und schauten sich das Schauspiel an.

Ein Mann im Unterhemd und einer violetten Jogginghose, der die Rechte so tief in der Hosentasche vergraben hatte, dass die Hand sich irgendwo in Höhe der Knie befinden musste, und in der Linken eine Bierdose hielt, bemerkte Moeller und drehte sich zu ihm herum.

"Na, wieder die ganze Nacht am Dudeln?", rief er. "Du kennst aber auch kein Erbarmen mit der arbeitenden Bevölkerung, woll, Moeller?"

Es gibt Leute, die an jeder möglichen oder unmöglichen Stelle ein woll einfließen lassen.

Es gibt aber auch jene, die stattdessen wo' sagen, mit kurzem, fast als a gesprochenen o. Das ist ein Unterschied, der fast so wesentlich ist wie der zwischen evangelisch und katholisch.

Moeller hatte für sich irgendwann mal entschieden, dass er weltläufig war, und so sagte er weder woll noch wo'. In dieser Frage war er also gewissermaßen neutral.

Was die Frage anging, die der Mann im Unterhemd gestellt hatte, allerdings nicht.

Er hasste es, wenn man ihm mit Vorurteilen gegen Beamte kam.

"Willst du damit etwa sagen, dass ich nicht zur arbeitenden Bevölkerung zähle, ja?", rief Moeller hinunter.

Der Mann im Unterhemd zuckte die Achseln.

"Nachts dudelst du mit deinem Horn rum und tagsüber schläfst du dich dann in deiner Dienststube aus. Dat iss ein Leben, woll?"

"Der Unterschied ist doch nur, dass du deine Abende im Brauhaus verbringst!", meinte einer der anderen Männer.

Der Mann im Unterhemd machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ist doch wahr!", meinte er dann. "Was arbeitet der denn schon? So viele Gangster gibt es doch gar nicht hier in Lüdenscheid."

Noch immer war der Zug der Feuerlöschfahrzeuge nicht abgerissen.

"Hat einer 'ne Ahnung, was da eigentlich passiert ist?", fragte jemand.

"Sicher wieder blinder Alarm im Krankenhaus Hellersen!", meinte der mit dem Unterhemd. "Das geht auf keine Kuhhaut, wie oft die Feuerwehr wegen dieser Rauchmeldeanlage unterwegs ist..."

Moeller sah nachdenklich in die Nacht.

Nein, dachte er. Das muss was Größeres sein. Er verzog das Gesicht zu einem Grinsen, das leicht sarkastisch wirkte.

Vielleicht ein Chemieunfall, bei dem man schleunigst die Fenster schließen sollte, ging es ihm durch den Kopf.

Aber wer immer auch für dieses Theater verantwortlich war: Er hatte Moeller die Aufnahme verdorben.

Gerade heute.

Gerade in jenem, ach so raren Moment, in dem er in künstlerischer Hochform gewesen war...

Moeller hängte sich das Saxophon vom Hals und ließ sich in den Sessel fallen. Er setzte sich dabei auf den Kopfhörer, den er im nächsten Moment etwas ärgerlich von der Sitzfläche kegelte. Manchmal hatten sich eben alle gegen einen verschworen. Selbst die Brandstifter.

Moeller atmete tief durch.

Im Hintergrund waren noch immer Sirenen zu hören.

Schließlich verebbten sie.

Eine ganze Weile saß Moeller da und tat gar nichts. Seine Aufnahme war verdorben, aber um schlafen zu gehen, war er noch entschieden zu aufgekratzt. Schließlich stand er auf, um sich Miles Davis' KIND OF BLUE aufzulegen. Eines der genialsten Jazz-Alben aller Zeiten, wie er fand. Mit der noch recht langsamen Originalversion von SO WHAT. Die ersten Takte waren verklungen, da klingelte das Telefon.

Um diese Uhrzeit konnte das eigentlich nichts Gutes bedeuten.



3

Es war buchstäblich die Hölle los, als Moeller am Ort des Geschehens eintraf. Der Baumarkt Dörner - DIE NUMMER EINS IN SÜDWESTFALEN, wie Moeller den Werbeslogan aus dem lokalen Radio im Ohr hatte - brannte lichterloh. Die Flammen machten die Nacht zum Tag. Auf der Werdohler Landstraße hatte sich indessen ein kleiner Stau von Gaffern gebildet.

Im Hintergrund ragte die mächtige Talbrücke auf, über die die A45 geführt wurde. Die Flammen ließen bizarre Schattengebilde auf den grauen Betonpfeilern tanzen.

Moeller stellte seinen rostigen Omega neben einem Einsatzwagen der Polizei ab und stieg aus.

Der Baumarkt war nicht mehr zu retten. Um das zu erkennen, brauchte man kein Brandfachmann sein. Ein ausgebranntes Betonskelett würde vielleicht am Ende bleiben. Und eine Menge Sondermüll.

Moeller hatte immer noch die swingende Basslinie aus SO WHAT im Kopf. In seinem inneren Ohr hörte er sie dauernd und stellte sich dabei ein fulminantes Saxophon-Solo vor, während er einen Augenblick das ganze Geschehen auf sich wirken ließ.

Feuerwehrleute liefen hektisch durcheinander. Dazwischen war auch ein Notarzt-Team inklusive Rettungswagen zu sehen.

Polizisten riegelten das Gelände ab und versuchten dafür zu sorgen, dass der Verkehr auf der Werdohler Landstraße nicht ins Stocken kam.

Moeller atmete tief durch.

Seine inneres Solo näherte sich seinem fulminanten Höhepunkt, und er hatte eigentlich nicht die geringste Lust dazu, jetzt näher auf das brennende Gebäude zuzugehen.

Schließlich spürte er schon ziemlich unangenehm die Hitze.

Die ersten Schweißperlen standen ihm auf der Stirn.

Zögernd bewegte sich Moeller schließlich doch.

"Keine Zuschauer hier!", rief ihm ein uniformierter Kollege wild gestikulierend entgegen.

Moeller holte seine Kripomarke aus der Hosentasche und hielt sie dem Uniformierten entgegen.

"Ich bin dienstlich hier", sagte Moeller und gähnte.

"Entschuldigung", erwiderte der Uniformierte. "Konnte ich Ihnen ja nicht ansehen, woll?"

"Macht ja nichts."

"Ich glaub', ich hab' Sie auch schonmal gesehen..."

"Kann sein", sagte Moeller. Er grinste. "Wollen Sie mich nicht doch etwas energischer wegschicken? Dann hätte ich einen guten Grund, wieder nach Hause zu fahren... Ich habe nämlich keine Ahnung, was ich hier soll. Sieht mir mehr wie ein Fall für die Feuerwehr aus... Ein ziemlich aussichtsloser allerdings..."

"Kommen Sie. Ich glaube, Sie werden schon erwartet..."

Jetzt gab es kein zurück mehr! Keine Ausrede, um sich länger vor der Arbeit zu drücken. Moeller seufzte.

Er ging hinter dem Uniformierten her.

"Wenn Sie mich fragen, das riecht nach Brandstiftung", meinte dieser.

"So?"

Moellers Interesse war mäßig.

"DIE NUMMER EINS IN SÜDWESTFALEN ist der Dörner-Baumarkt doch schon lange nicht mehr. Mein Schwager arbeitet da, deshalb weiß ich Bescheid."

"Ach!"

"Die haben seit drei Monaten keine Löhne mehr dort gekriegt! Seit es hier den neuen OBI-Markt gibt, stehen die doch am Rand des Bankrotts!"

"Und Sie meinen, vorher haben die Besitzer schnell den eigenen Laden angezündet, um sich mit der Versicherungssumme schadlos zu halten", schloss Moeller.

"Ist doch der erste Gedanke in so einem Fall, woll?"

"Na, wenn Sie es sagen!" Eine Spur Ironie klang in Moellers Worten mit, die sein uniformierter Kollege aber nicht registrierte.

"Sagen Sie mal, irgendwo habe ich Sie doch auch schon mal gesehen", meinte Moeller dann. "Ich komm jetzt nicht drauf. War, glaube ich, in der Zeitung. Haben Sie mal bei Rot-Weiß gespielt?"

"Nee. Nicht einmal bei den Altherren."

"Oder waren Sie verdienter Sportler des Turnvereins?"

"Ich mache nur gerade so viel Sport, dass mich die Uniform nicht kneift!"

"Jetzt weiß ich es! Sie waren bei dem großen Unfall mit Sattelschlepper dabei! Vor einer Woche auf der A45!"

"Bingo!"

"Habe ich es mir doch gedacht! Sie waren gut zu sehen, sogar in bunt!"

"So'n Unfall regelt man ja nicht alle Tage, woll?"

Moeller nickte. "Da haben Sie allerdings recht!"

Die Körperhaltung des Uniformierten hatte sich gestrafft.

Jeder freut sich, wenn er mal prominent ist, dachte Moeller sarkastisch. Er nickte leicht den Kopf, während in seinem Kopf wieder die SO WHAT-Basslinie swingte.

Seitlich von ihm, mitten unter einem Pulk von Feuerwehrleuten befanden sich zwei Lokaljournalisten, die eifrig herumknipsten. Einer von den Lüdenscheider Nachrichten und einer von der Westfälischen Rundschau.

Konkurrenz belebte das Geschäft. Moeller kannte sie beide und wusste, dass sie nebenbei ihre Bilder auch noch an die Bildzeitung verkauften, wenn sie blutrünstig genug waren.

Die Unfälle auf der A45 boten in dieser Hinsicht eigentlich immer was. Ob dieser Brand allerdings republikweit gesehen genug sensationspotential hatte, bezweifelte Moeller.

Gut, dass die beiden beschäftigt sind, dachte Moeller. Dann belästigten sie wenigstens nicht ihn, um Dinge aus ihm herauszuquetschen, die er selbst nicht wusste.

Ein Mann mit wehendem Regenmantel kam auf ihn zu. Das war Moellers Kollege Klaus Simitsch. Unter dem fliegenden Regenmantel trug er ein elegantes Jackett und eine farblich darauf abgestimmte Krawatte. Er war ein paar Jahre jünger als Moeller und vom Outfit her so etwas wie das komplette Gegenteil. 'Angezogen für einen Undercover-Einsatz im Arbeitgeberverband', so stichelte Moeller manchmal.

"Da bist du ja endlich, Moeller!", rief Simitsch.

Die meisten Kollegen redeten ihn so an. Nachname und 'du'.

"Die wirklich Großen haben eben nur einen einzigen Namen", pflegte Moeller dazu immer zu sagen. Prince, Heino, Spock...

Und Moeller! Moeller mit oe wohlgemerkt.

Simitsch war ziemlich genervt. Seine Krawattennadel saß schief. Das war ein schlimmes Omen, fand Moeller.

Er sagte: "Immer mit der Ruhe, Kollege."

"Meine Güte, hast du dir Zeit gelassen, Moeller! Und dabei wohnst du doch hier ganz in der Nähe, woll?"

Eigentlich gehörte Simitsch gar nicht zu den Woll-Sagern.

Aber wenn er im Stress war, kam seine wahre Natur zum Vorschein.

"Na, ich geh dann mal!", meinte indessen der Uniformierte, der die dicke Luft roch.

Simitsch nahm Moeller zur Seite.

"Die Feuerwehrleute haben einen Mann aus dem Dörner-Markt herausgeholt..."

"Ach..."

"Er war mit Isolierband an einen Stuhl gefesselt. Der Brand ist relativ früh entdeckt worden, deswegen ist der Kerl mit dem Leben davongekommen. Ein bisschen viel Rauch hat er abbekommen, aber sonst fehlt ihm wohl nicht so viel..."

Moeller deutete auf das Flammenmeer.

"Wieso hat man den Brand nicht besser unter Kontrolle gekriegt? Ich meine, wenn man ihn doch so schnell entdeckt hat..."

"Bin ich ein Brandexperte, Moeller?"

"War ja nur 'ne Frage."

"Mann, das ist ein Baumarkt! Viel Holz, brennbare Chemikalien, Farben, Lacke... Das geht doch im Handumdrehen!"



4

Ein Mann mit einen Stethoskop um den Hals ging auf Simitsch und Moeller zu.

"Sie können jetzt mit ihm reden", meinte er mit ernstem Gesicht. "Aber nicht zu lange..."

"Gut", sagte Moeller.

"Der Mann hat wahnsinniges Glück gehabt. Eine leichte Rauchvergiftung, das ist alles."

Simitsch ging zum Rettungswagen. Moeller dackelte hinterher. Der Gerettete saß auf der Trage. Er hustete etwas.

Ein Sanitäter kümmerte sich um ihn, aber da konnte er kaum helfen.

Simitsch zeigte seine Dienstmarke herum. Moeller auch.

"Wir müssen Ihnen ein paar Fragen stellen, Herr...", begann Simitsch.

Der Mann sah auf. Er war vermutlich zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt. Das Gesicht war faltig. Die Zähne so gelb, dass er nach Moellers Meinung ein Raucher sein musste.

Die Fingernägel sprachen auch dafür. Seine Kleidung sah ziemlich ramponiert aus. Aber der Aufdruck DÖRNER – DIE NUMMER EINS IN SÜDWESTFALEN war auf dem graublauen Kittel noch deutlich zu sehen. Nur die Ö-Striche von DÖRNER waren durch einen Rußfleck so verdreckt, dass man sie nicht mehr erkennen konnte.

"Wolf", sagte der Mann. Er hustete noch einmal. Dabei schloss er die Augen und fuhr sich mit der flachen Hand über den schütteren Haaransatz. "Norbert Wolf..." Er prustete zum Steinerweichen.

"Was ist passiert?", fragte Simitsch.

"Häh?" Wolf sah Simitsch an wie ein Auto.

"Mein Gott, jemand hat Sie überfallen, gefesselt und dort", - dabei deutete er in Richtung des Infernos - "zurückgelassen!"

"Ich weiß nicht...", murmelte Wolf.

"Sagen Sie uns, was passiert ist!"

"Ich kann dazu nichts sagen", erklärte Wolf.

"Das gibt's doch nicht!", rief Simitsch.

"Ich habe einen Schlag auf den Kopf bekommen", meinte Wolf. Der Arzt stand etwas abseits und nickte. "Kann ich bestätigen", erklärte er.

Simitsch fuhr sich durch das Haar und schüttelte den Kopf.

Jetzt mischte Moeller sich ein. "Wo waren Sie, als Sie den Schlag bekommen haben?"

"An der Eingangstür. Ich habe den Laden abgeschlossen."

"Sie sind bei Dörner angestellt", stellte Moeller fest.

"Ja."

"Als was?"

"Abteilungsleiter."

"Welche Abteilung leiten Sie?"

"Sanitäres!"

Unter Schock steht er jedenfalls nicht, dachte Moeller. Der Kerl schien auf einmal gut beieinander zu sein... Viel besser als noch vor zwei Minuten.

"Und den Schlag haben Sie an der Tür bekommen."

"Wohl schwerhörig, woll? Habe ich doch gesagt!", brauste Wolf jetzt auf einmal auf.

"Sie haben niemanden erkannt."

"Nee!"

"Und sonst, haben Sie..."

"Bin ich 'nen Papagei, dass ich alles wiederholen muss?", schimpfte Wolf. Er fasste sich theatralisch an den Kopf und hustete dann noch einmal zum Steinerweichen. "Vielleicht befragen Sie Herrn Wolf besser morgen", meinte der Arzt.

Mit dem ist was faul, dachte Moeller. Und eine andere Stimme in ihm konterte: Du siehst Gespenster! Was heute Abend passiert ist, war einfach zu viel für den armen Kerl!

Ein uniformierter Kollege kam herbei.

Er führte eine ziemlich abgerissen wirkende Gestalt neben sich her. Die Wollmütze hatte ein Loch und war entschieden zu warm für die Jahreszeit. Der graue Bart war so verfilzt, dass sich darin schon ganz von allein Rastalocken zu bilden begannen. Die Nase war knallrot, der Geruch nach Bier und Erbrochenem einfach nicht zu ignorieren.

"Dieser Herr hier hat eine Beobachtung gemacht", sagte der Uniformierte.

Der Herr rülpste erst einmal.

Dann sagte er: "Ich habe sie genau gesehen... Ganz genau! Und würde sie auch wiedererkennen!"

"Wen?", fragte Moeller.

"Die drei jungen Männer!"

"Wie sahen die denn aus?"

"Die trugen Ledersachen und alberten hier herum."

"Wo genau?"

"An den Müllcontainern. Sie haben mit Feuerzeugen herumgespielt, Kartons aus dem Papiercontainer herausgefischt und dann angezündet. Ich habe mich verzogen. Bis zur Brücke bin ich gegangen und habe mir ein besseres Plätzchen gesucht. Tja, und dann hat's wenig später gebrannt..."

"Der sieht doch alles doppelt", raunte Simitsch Moeller leise zu. Aber nicht leise genug. Der Zeuge hatte es mitgekriegt.

"Sie nehmen mich nicht ernst, woll? Nur, weil ich nicht so ein feiner Pinkel bin!" Die Farbe seiner Nase ging jetzt auf den Rest seines Gesichts über. Aber bevor er richtig ärgerlich werden konnte griff Moeller ein. Diplomatie ist mein Geschäft!, dachte er dabei. Manchmal jedenfalls. Klaus Simitschs Stärke war das jedenfalls nicht.

"Was halten Sie davon, wenn Sie mit uns aufs Präsidium kommen, um ein Protokoll und ein Phantombild zu machen?"

Der Mann sah auf.

Sein Gesicht nahm wieder seine Normalfarbe an.

"Wenn ich ein Frühstück dafür kriege."

"Kriegen Sie!"

"Aber das bezahlst du, Moeller!", knurrte Simitsch.



5

Der Obdachlose, der sich als Zeuge gemeldet hatte, lieferte drei einigermaßen überzeugende Beschreibungen von Jugendlichen. Die Phantombilder waren brauchbar und einer der Abgebildeten davon war sogar so etwas wie ein guter Bekannter. Er hatte mehrere Verfahren wegen Körperverletzung hinter sich und hieß Ferdinand Sarow, geboren in Alma Ata, Kasachstan. Als Sohn deutschstämmiger Aussiedler war er im Alter von zwölf Jahren nach Deutschland gekommen. Jetzt war er 19.

Noch zwei Jahre, dachte Moeller, als er Sarows Gesicht auf dem Computerschirm auftauchen sah. Noch zwei Jahre, dann war es endgültig vorbei für ihn mit der milden Behandlung nach dem Jugendstrafrecht.

"Sie halten doch Ihr Wort, woll?", sagte der Obdachlose in Moellers Gedanken hinein.

"Häh?", gähnte Moeller.

"Na, von wegen Frühstück und so!"

Inzwischen hatte es draußen zu regnen begonnen. Die Tropfen klatschten gegen die Fensterscheiben des Büros. Klar, dass er nicht raus will, dachte Moeller. Nicht bei dem Mistwetter.

"Sie haben sich Ihre Gratisnacht in unserem Hotel redlich verdient", meinte Moeller dann.

Simitsch verzog nur das Gesicht.

"Weißt du eigentlich, dass du da gerade kostbare Steuermittel verschleuderst, Moeller?", knurrte er zwischen den Zähnen hindurch und schob sich seine Krawattennadel zurecht. Irgendwie hatte das Ding die Eigenschaft, dauernd schief zu sitzen.

Der Obdachlose verbrachte die Nacht also in einer Ausnüchterungszelle des Präsidiums.

Als Moeller am nächsten Morgen wieder zu seiner Dienststelle fuhr, besorgte er unterwegs Brötchen.

Lüdenscheid wird oft auch Regenscheid genannt, weil es hier angeblich öfter regnet als anderswo. Aber heute machte die Stadt ihrem schlechten Ruf keinerlei Ehre. Die Sonne schien. Moeller lenkte seinen rostigen Omega quer durch die Stadt. Es ging immer wieder auf und ab, den Hügel hinauf und wieder hinunter. Bei gutem Wetter stellte Moeller sich manchmal vor, er befände sich in den Straßen von San Francisco. Nur, dass die Straßen von Lüdenscheid ein bisschen schmaler waren und statt der Golden Gate Bridge gab es nur die Talbrücken mit der A45, der berüchtigten Todesbahn, die dieser Gegend auch internationales Renommee brachte. In den USA wurden Videobänder unter dem Titel ACCIDENTS ON GERMAN AUTOBAHN vertrieben. Und die A45 war natürlich immer dabei.

Vor unvorstellbar langer Zeit soll ein längst vergessener Herrscher den Auftrag zum Bau einer Siedlung in dieser Gegend gegeben haben. Und die ersten Siedler wanderten nun von Anhöhe zu Anhöhe, konnten sich aber nicht entscheiden, auf welcher die Siedlung errichtet werden sollte. "Lüd, entscheid! - Leute, entscheidet euch!", hätten daraufhin die Gesandten der Herrschaft gerufen, woraus schließlich die Ortsbezeichnung 'Lüdenscheid' entstand. Dass man dieser Aufforderung bis heute nicht nachgekommen war, konnte jeder sehen, der auf der A45 an der Stadt vorbeifuhr. Alle Anhöhen waren besiedelt.

Als Moeller im Präsidium ankam, war Klaus Simitsch natürlich schon längst da.

"Es gibt Frühstück", sagte Moeller, als er eintrat. "Am besten du holst unseren Gast mal aus seiner Suite, Klaus!"

"Bin ich der Butler?"

"Trage ich einen Anzug?"

"Moeller, ich hoffe, du wirst irgendwann mal versetzt und ich bekomme einen richtigen Kollegen auf das Büro - keinen Herbergsvater für obdachlose Zeugen!"



6

Eine Stunde später fuhren Moeller und Simitsch zum Hebberg.

Dort befand sich die Adresse von Ferdinand Sarows Eltern.

Sarow war dort nach wie vor gemeldet.

Simitsch weigerte sich regelmäßig, in Moellers rostigen Omega zu steigen. Darum fuhren sie mit dem gut gepflegten Volvo, den Simitsch sein Eigen nannte.

Simitsch fuhr betont vorschriftsmäßig, deshalb dauerte die Fahrt vom Präsidium zum Hebberg etwas länger, als Moeller es für notwendig hielt.

Aber heute war Moeller zu müde, um darüber zu meckern.

Er registrierte beiläufig das Hauptpostamt und das Rathaus auf der Linken. Dort begann die Fußgängerzone und der Verkehr kroch, weil viel zu viele insgeheim hofften, doch noch irgendwo einen der wenigen Parkplätze am Straßenrand zu finden und nicht eines der Parkgelegenheiten um den Sternplatz herum aufsuchen zu müssen. In einem scharfen Knick führte die Straße vor der Fußgängerzone wieder Richtung Norden und wechselte zweimal den Namen. Erst hieß sie Humboldt-, dann Gas- und dann Werdohler Straße. Noch viel später würde sie sich dann Werdohler Landstraße nennen.

Moeller gähnte, als sie links am Arbeitsamt vorbeikamen und zum zweitenmal beim Forstamt. Dazwischen ging eine Straße ab, die passenderweise Dukatenweg hieß, weil hier das Finanzamt angesiedelt war. Moeller erinnerte sich mit Grausen daran, dass er im letzten Jahr des öfteren dort vorstellig geworden war, weil die Finanzdirektion es einfach nicht anerkennen wollte, dass die Kosten für ein Saxophon für Moeller Werbungskosten waren. "Schließlich stelle ich damit doch meine geistige Gesundheit wieder her, die mir im Job zeitweilig verloren geht", hatte er argumentiert. "Und damit betreibe ich gewissermaßen eine berufliche Weiterqualifikation." Dem Finanzbeamten hatte das nur ein müdes Lächeln entlockt. Und als Moeller dann versucht hatte, sein Saxophon und alles, was er an Aufnahmetechnik investiert hatte, als besondere Belastung anerkannt zu wissen, hatte der Kommissar seinen Ruf als Querulanten weg.

Auch wenn das natürlich niemand aussprach.

Im Dienstleistungszeitalter nannten selbst Ämter ihre Querulanten inzwischen Klienten. Zu deutsch: Kunden. Leider war Moeller an jenem Tag in einen Laden geraten, in dem es üblich war, nur zu bezahlen, aber nichts dafür zu bekommen.

"Sie fühlen sich also ungerecht behandelt", hatte ihn der Finanzbeamte - sicherlich auf zahlreichen Fortbildungen inzwischen psychologisch geschult - dann angesäuselt.

Wenigstens die Audiokassetten hatte Moeller schließlich durchsetzen wollen. "Damit hören wir Gangsterbosse ab", hatte Moeller behauptet. "Sie haben doch sicher die Debatte über den großen Lauschangriff verfolgt!"

"Und Sie wollen mir allen ernstes weismachen, dass die Polizei des Landes Nordrhein-Westfalen dabei auf IHRE Kassetten angewiesen ist? Nee, nee, das ist Ihr Privatvergnügen, Herr Moeller."

Moeller hatte gedroht zu prozessieren, was er aus irgendeinem Grund dann aber doch nicht gemacht hatte.

Mann, Simitsch, musst du unbedingt einen Weg fahren, der so voll unguter Erinnerungen ist? dachte Moeller in diesem Augenblick.

Bevor sich die Gasstraße in Werdohler Straße umbenannte, bog Simitsch nach rechts ab.

Vorschriftsmäßig machte Simitsch das Licht an, bevor er in den Oberstadttunnel einfuhr. Dann ging es über die Staberger Straße weiter bis zum Bräucken-Kreuz, wo sich insgesamt fünf Straßen trafen.

Simitsch fuhr in die Bräuckenstraße, eine gut ausgebaute Hauptverkehrsader der Stadt. Nach etwa 800 Metern bog Simitschs Volvo nach links Richtung Wefelshohl. Anschließend gleich wieder nach rechts, vorbei an einem von Grünanlagen umgebenen Altenheim und einem Jugendheim.

Dann waren sie AM HEBBERG, einer Straße, die relativ steil hinaufführte und wenig von der Idylle der Altenwohnanlage aufwies.

Simitsch parkte den Volvo am Straßenrand. Sie stiegen aus.

Moeller blickte die trostlose Häuserzeile entlang. Die Farbe blätterte von den Wänden. Der letzte Anstrich musste schon Jahre zurückliegen. Ein Fenster war mit Spanplatte vernagelt.

Das entsprach nicht gerade Moellers Vorstellung von 'Schöner Wohnen'.

"Da ist es", sagte Simitsch, der auf seinem Zettel die Hausnummer nachschaute.

Die Tür stand offen. Im Flur roch es nach Urin. Sie stiegen die steile Treppe hinauf. Die PVC-Beschichtung der Stufen war ziemlich abgewetzt. An manchen Stellen kam der Untergrund zum Vorschein. Sarows wohnten im dritten Stock. Moeller schwitzte, als sie dort anlangten. Simitsch drückte auf die Klingel an der Tür. Der Knopf blieb stecken. Defekt.

Also klopfte er.

"Wer stört?", rief eine heisere Männerstimme.

"Kriminalpolizei!", sagte Moeller. "Wir wollen zu Herrn Ferdinand Sarow! Machen Sie bitte auf."

Polternde Schritte waren hinter der Tür zu hören. Eine Kette wurde gelöst. Und dann sprang die Tür auf. Ein riesiger Kerl stand da im Unterhemd. Er stank nach Erbrochenem und noch etwas anderem, zweifellos Alkoholischem. Moeller versuchte vergeblich zu erschnüffeln, ob es Maria Cron oder Wodka Gorbatschow war.

"Was wollen Sie von mir?", dröhnte der Mann akzentschwer.

Hinter ihm erschien eine kleine, etwas hilflos wirkende Frau in einem rosa Kittel.

"Von Ihnen gar nichts", sagte Moeller.

"Aber ich bin Ferdinand Sarow. Falsch geparkt habe ich nicht! Ich habe nämlich seit gestern kein Auto mehr!"

"Wir wollen zu Ihrem Sohn", sagte Moeller ruhig. "Der heißt doch auch Ferdinand, oder?"

"Was weiß ich, wie der heißt. Der ist ja so selten hier!", grunzte der Riese.

Kann ich verstehen, dachte Moeller. Aber er verkniff sich eine Bemerkung.

"Wenn Sie nichts dagegen haben, möchten wir uns gerne selbst überzeugen", erklärte Moeller so sachlich wie möglich. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte er, dass Simitsch unter seinem Jackett herumnestelte. Wahrscheinlich, um sich zu vergewissern, wo seine Dienstwaffe momentan ihren Sitz hatte. Dieser Angsthase, dachte Moeller.

"Vielleicht zeigen Sie mir erstmal Ihren Ausweis", grunzte Sarow. Er rülpste ungeniert. "Da kann ja jeder kommen..."

Moeller hielt ihm erst die Marke, dann den Ausweis unter die Nase.

Sarow runzelte die Stirn.

"Dass sind Sie, da auf dem Bild?"

"Ich kann es selbst kaum glauben!"

"Woll!"

"Jetzt lassen Sie uns bitte rein."

"Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl!"

Moeller fluchte innerlich. Die Leute sehen zu viele Fernsehkrimis, ging es ihm grimmig durch den Kopf. Zwei-dreimal pro Abend werden dem Ottonormalkriminellen seine Rechte vorgelesen, kein Wunder, dass er glaubt, er könnte sich alles herausnehmen!

Moeller atmete tief durch.

Simitsch öffnete den Mund zu einer hochoffiziellen und sehr korrekten Belehrung.

Sarow öffnete auch den Mund. Die Absicht war nicht ganz klar. Moeller hoffte, dass der Riesenkerl sich nicht gerade jetzt erbrechen musste.

Aber die kleine Frau im Hintergrund kam allen Anwesenden zuvor.

"Jetzt lass sie rein, Ferdi", sagte sie, noch akzentschwerer als ihr Mann. Der Tonfall war sehr bestimmt und erinnerte Moeller an den einer sowjetischen Volkskommissarin.

Jedenfalls machte ihr Mann den Weg frei. Er grunzte irgend etwas Unverständliches vor sich hin, aber das war auch schon alles, was er ihr an Widerstand entgegensetzte.

Die Waffen der Frauen, dachte Moeller sarkastisch.

Er ging als erster in die Wohnung.

Simitsch folgte und schien dabei vor allem die Sorge zu haben, dass sein gutes Jackett keinen Flecken bekam. Die Sorge war im übrigen nicht ganz unbegründet.

"Was hat er denn wieder ausgefressen, der Junge?", wandte sich die zierliche Frau an Moeller.

"Vielleicht gar nichts", erwiderte Moeller.

Simitsch sagte: "Moeller, das unterliegt dem Datenschutz. Der Gesuchte ist über achtzehn, du kannst seiner Mutter nicht einfach..."

"Ja, ja", sagte Moeller. Nervensäge, dachte er. Das Gesetz hatte seine Logik, der Datenschutz auch - und das Leben manchmal eben eine andere. Aber, weil Simitsch sich dieser Erkenntnis standhaft verschloss, waren seine dienstlichen Beurteilungen um Längen besser als die von Moeller und das wiederum würde dazu führen, dass Simitsch irgendwann auf der Karriereleiter an Moeller vorbeiziehen würde. Das stand so fest wie das Amen in der Kirche. Moeller wusste es, aber er hatte auch nicht vor, irgend etwas zu tun, um den Dingen einen anderen Verlauf zu geben.

Die Frau sah Moeller mit großen Augen an. Moeller wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht, die es irgendwie geschafft hatte, sich aus seinem Pferdeschwanz herauszustehlen.

Aus den Augenwinkeln heraus sah Moeller die zerfledderten Lüdenscheider Nachrichten auf dem Tisch. Der Brand bei Dörner war Thema Nummer eins. Die Bilder wirkten wie Werbeplakate für die digitalisierte Neufassung eines Films wie FLAMMENDES INFERNO.

"Es geht um die Sache bei Dörner. Sie werden davon gehört haben."

"Mein Sohn?" Ihr rutschten ein paar Worte auf Russisch heraus. Sie schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen. "Ich habe es immer gewusst, es wird ein böses Ende nehmen. Alles wird ein böses Ende nehmen! Ich habe es immer gewusst! Hier gibt es keinen Gott nicht und keinen Glauben in diesem Land!"

Ihr Mann ließ einen hörbaren Furz dazu. Aber wegen des schweren Aromas, das in der Luft hing, war davon trotzdem nichts zu riechen.

"Wir suchen ihn erstmal als Zeugen", sagte Moeller. Er ging an der Frau vorbei, warf einen Blick in den Nachbarraum. "Wo ist das Zimmer Ihres Sohnes?"

"Hier", sagte die Frau. "Warten Sie..." Sie ging voran.

Moeller folgte ihr. Zusammen durchquerten sie ein unordentliches Wohnzimmer. An den Wänden kroch hier und da Schimmel empor. Frau Sarow öffnete eine Tür und machte Licht.

Moeller blickte in eine Abstellkammer ohne Fenster. Einziger Inhalt war eine Matratze und ein Haufen von Kleidungsstücken.

An die hintere Wand war mit schwarzer Farbe ein freundliches FUCK YOU! gesprüht worden.

"Wo ist Ihr Sohn jetzt?", fragte Moeller.

Die Frau im Kittel blickte zur Seite. Sie schielte nach ihrem Mann. Aber der schien ihr weit genug entfernt zu sein, so dass sie erstaunlicherweise an zu reden fing. "Er hängt mit seinen Freunden oft beim Bahnhof herum", sagte sie.

"Ich danke Ihnen."

"Herr Wachtmeister..."

"Kommissar. Aber eigentlich heiße ich Moeller."

Sie seufzte. Tränen rannen ihr über das blasse Gesicht.

"Er ist eigentlich ein guter Junge!"

Moeller sah sie nachdenklich an. In Gedanken hörte er John Coltrane die Melodie von NAIMA in sein Horn hauchen.

Innerlich war er schon gar nicht mehr da. Nur sein Körper hatte irgendwie vergessen, sich zu entmaterialisieren.

"Klar doch", sagte er schließlich. "Ihr Junge ist bestimmt ein guter Kerl. Im Kern zumindest..."



7

Jedes noch so kleine Nest, das das Privileg besitzt, über einen Bahnhof zu verfügen, sorgt normalerweise mit einer Fülle von mehr oder minder aufdringlich angebrachten Hinweisschildern dafür, dass man den auch findet. Selbst, wenn es sich bei dem sogenannten Hauptbahnhof nur um eine winzige Haltestation handelt, an der gerade mal jeder dritte Nahverkehrszug anhält.

Anders in Lüdenscheid. Kein Schild weist darauf hin, dass es überhaupt so etwas wie Bahnanschluss gibt. Und durch die Verkehrsführung über Einbahnstraßen ist es selbst mit einem Stadtplan eine ganz eigene Kunst, diesen Bahnhof auch tatsächlich zu erreichen. Man schien hier das Verschlankungskonzept der Bahn tatkräftig zu unterstützen.

Indem man Auswärtige mehr oder minder wirksam von der Bahnbenutzung ausschloss, war es wohl nur noch eine Frage der Zeit, wann das Fahrgastaufkommen des Hauptbahnhofs Lüdenscheid dermaßen in den Keller sank, dass man auch diese Strecke stilllegen würde.

Simitsch hatte solche Probleme als Einheimischer natürlich nicht. Schon deshalb, weil das Polizeipräsidium nämlich gleich um die Ecke lag. Er steuerte zielsicher durch die Einbahnstraßen und parkte neben einem Kiosk, der neben Zeitschriften vor allen Dingen auch Hochprozentiges im Angebot hatte.

Das Viertel um den Bahnhof war nicht unbedingt ein Schmuckstück und deswegen sollte es auch schon lange saniert werden.

Nach den hochtrabenden Plänen der Stadt sollte endlich eine Busdrehscheibe kommen. Durch die Ansiedlung von Firmen mit hohem Forschungs- und Dienstleisteranteil sollte ein attraktives Umfeld entstehen. Sogar ein neues Bahnhofsgebäude war geplant. Aber da die Stadt am Rand des Bankrotts balancierte, konnte man darauf wohl noch eine ganze Weile warten.

Immerhin würde dann der etwas heruntergekommene Kiosk noch eine Weile vor dem Abriss sicher sein, in dem Moeller sich des öfteren die Zeitung kaufte und der so gar nicht in den schönen neuen Business-Bahnhof passte, wie ihn sich die Planer vorstellten. Ein High-Tech-Bahnhof mit einem Gleis - ein kühner Gedanke.

Moeller blickte sich um, beobachtete einen Augenblick lang zwei zehnjährige, die sich am Schaufenster eines Sportgeschäfts die Nasen plattdrückten und sagte dann: "Von unseren Freunden ist nichts zu sehen!"

"Dann fahren wir am besten gleich weiter. Die drei werden früher oder später uns oder den Kollegen in die Arme laufen..."

"Einen Moment."

"Was ist denn noch, Moeller?"

"Ich will mir eben noch 'ne Zeitung kaufen!"

Simitsch seufzte. "Muss das sein?"

"Muss sein."

Moeller hatte die Tür schon geöffnet. Simitsch stellte den Motor ab. Moeller konnte nicht mehr hören, was sein Partner noch vor sich hingrummelte.

Er ging in den Kiosk.

Es war ziemlich eng da drin. Die Regale quollen vor buntbedrucktem Papier nur so über.

Hinter dem Tresen stand ein schmächtiger Mann, der Moeller etwas irritiert ansah.

Drei junge Männer in dunkler Lederkluft standen davor.

Ferdinand Sarow war einer von ihnen. Der Obdachlose hatte ihn gut beschrieben. Und bei den beiden Anderen musste es sich um die beiden Unbekannten handeln, die sich zusammen mit Sarow in der letzten Nacht auf dem Dörner-Gelände befunden hatten.

Jeder von ihnen trug zwei Sixpacks Bier bei sich.

Moeller fand, dass das ein glücklicher Umstand war. So hatten sie die Hände voll und konnten damit keinen Unfug anstellen.

"Kriminalpolizei!", sagte er und hielt ihnen dabei die Marke deutlich sichtbar hin. Ein Ruck ging durch die Drei.

Unter den engen Ledermonturen war zu sehen, wie sich ihre Muskeln spannten.

"Ey wieso?", kam es aus dem schmallippigen Mund von Ferdinand Sarow.

"Wenn Sie bitte Ihre Sixpacks in den Händen behalten würden."

"Ey, was hamm wa denn gemacht?", kreischte Sarow.

"Ihr sollt zu einer Vernehmung mit aufs Präsidium kommen. Das ist alles."

"Ey, wir kennen unsere Rechte, woll!"

Moeller seufzte.

"Nun macht kein Theater!"

"Ey Alter, da steckt doch was dahinter, wo'?", meinte jetzt der Kerl, der links von Sarow stand.

Ein Woll-Sager und ein Anhänger der Wo'-Partei in einer Gang, staunte Moeller. Und da sage noch einer, dass es in der heutigen Zeit an Toleranz mangelt!

Moeller begegnete Sarows Blick. Er hatte unterhalb des rechten Auges eine Schramme. Mochte der Teufel wissen, bei welcher Art von 'freundlicher Aussprache' er sich das Ding geholt hatte. Es war ihm anzusehen, was er jetzt dachte.

"Schlag dir das aus dem Kopf!", sagte Moeller vorbeugend.

Sarow blickte sich um. Der Kiosk war wie eine Mausefalle.

Es gab nur den einen Ausgang. Und der wurde durch Moeller versperrt, der seine Jacke etwas zur Seite gleiten ließ, so dass die drei Schwarzgekleideten einen Blick auf seine Dienstwaffe werfen konnten. Moeller hoffte, dass das genügend Eindruck machen würde. "Ich hasse das mit den Handschellen, aber für den Notfall habe ich diese altmodischen Dinger in ausreichender Stückzahl vorrätig! Besser ihr kommt freiwillig mit!"

"Ey, sind wir verhaftet, oder was?", rief Sarow ungehalten.

Moeller verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln.

"Ey, das liegt daran, wie viel Schwierigkeiten ihr macht..."

Die drei sahen sich an. Ratlose Blicke waren es, die sie miteinander tauschten.

Moeller wartete ihre Antwort gar nicht erst ab.

"Schön, dass ihr vernünftig seit", meinte er. "Also Abmarsch!"

Moeller dachte schon amüsiert daran, wie Simitsch herumzetern würde, wenn diese drei sich mit ihren Sixpacks in seinen ach so penibel gepflegten Volvo quetschen würden.

Aber da hatte Moeller keinerlei Mitleid.

Selber Schuld!, dachte er. Hättest du eben in meinen Omega steigen müssen, Klaus!



8

Norbert Wolf stand mit versteinertem Gesicht da und blickte aus dem Wohnzimmerfenster seiner Wohnung in Lüdenscheid-Wettringhof. Von hier oben aus hatte man eine fantastische Aussicht. Wenn die Windrichtung ungünstig war, hörte man allerdings auch den Verkehrslärm von der A45, die wie auf Stelzen über das Tal geführt wurde.

"Nobbi, so kann's nicht weitergehen!", hörte er die Stimme seiner Frau Barbara hinter sich.

"Ja, ja..."

"Es hat doch keinen Sinn! Du musst..."

"Hör auf", sagte er genervt. "Ich kann's nicht mehr hören, Barbara."

Barbara war zehn Jahre jünger als er. Obwohl sich die ersten grauen Haare in ihre dunkle Mähne hineingemogelt hatten, war sie immer noch sehr hübsch. Im Gegensatz zu den meisten Frauen ihres Bekanntenkreises, standen ihr die Leggings wenigstens, die sie mit Vorliebe trug.

"Nobbi, du wärst beinahe umgekommen!", rief sie beschwörend.

"Das weiß ich selber!", fauchte er zurück. Er fuhr sich mit den Händen über das Gesicht.

An der Haustür klingelte es.

Norbert Wolf schaute ruckartig auf.

"Vermutlich die Kripo", murmelte er.

Barbara rieb nervös die Handflächen gegeneinander. Sie schluckte. Dann ging sie zur Tür. Norbert Wolf hörte, wie sie mit jemandem redete. Wenig später kehrte sie in Begleitung eines großen, kräftig wirkenden Mannes Ende vierzig ins Wohnzimmer zurück.

"Martin!", entfuhr es Norbert. Die Erleichterung war unüberhörbar.

Martin grinste.

"Na, was hast du denn gedacht, wer da kommt. Der Teufel persönlich, woll?"

"Martin, ich kann deine Witze jetzt nicht ab!"

"Schon gut, schon gut..."

Martin sah Barbara an. "Lässt du uns mal einen Moment allein, Barbara? Ich muss mit deinem Mann ein paar Takte reden..."

Barbara öffnete halb den Mund, aber es kam kein Ton über ihre Lippen. Stattdessen schluckte sie schließlich.

"Nun mach schon, Barbara!", forderte Norbert Wolf.

Martin wartete, bis Barbara den Raum verlassen hatte. "Ich habe gehört, was passiert ist, Nobbi", sagte er dann.

Norbert stieß ein heiseres Lachen hervor. "Kunststück! Stand ja auch groß genug in der Zeitung!"

"Du weißt, was ich meine." Martins Stimme klirrte wie Eis.

Norbert Wolf nickte.

"Ja", murmelte er düster.



9

Die Aufgabe, sich mit Ferdinand Sarow und seinen Kumpels herumzuschlagen und aus ihren verworrenen Aussagen ein richtig schönes, ordentliches Protokoll zu machen blieb an Simitsch hängen. Aber Moeller fand, dass das gerecht war.

Sollte der ruhig ein bisschen schwitzen für seine Karriere.

Moeller fuhr indessen nach Lüdenscheid-Wettringhof, um noch einmal mit Norbert Wolf zu sprechen.

Ich hoffe nur, dass Wolf diesmal etwas besser beieinander ist, ging es Moeller durch den Kopf. Er versuchte dabei, die Melodie von TAKE FIVE zu pfeifen, kam aber immer wieder mit dem Rhythmus durcheinander. Fünf Viertel. Verflucht schwer.

Moeller jagte seinen rostigen Omega über die Werdohler Landstraße unter der Talbrücke Schlittenbach her und dann vorbei an den Ruinen des Baumarktes Dörner. Links war Wald, rechts das Bett des Schlittenbaches und zwischendurch die Kläranlage.

Der Stadtteil Wettringhof lag auf einer Anhöhe. Der Anstieg war so steil, dass im Winter bei ungünstiger Witterung kein Bus die Höhenstraße passieren und bis Wettringhof vordringen konnte.

Als Moeller die gewundene, schmale Straße hinauf nach Wettringhof fuhr, musste er sich voll konzentrieren, um nicht von der Fahrbahn zu geraten. Moeller fuhr nämlich einfach zu schnell.

Norbert Wolf wohnte in der Timbergstraße. Es gab hier eine Mischbebauung aus Einfamilienbungalows und maximal dreistöckigen Mietshäusern. Es gab hier einen Kindergarten und eine einzige Kneipe, die Bergschenke. Dazu jede Menge Steilhänge zum Rodeln. In der Bergschenke hatte Moeller mal mit einem Kollegen eine silberne Hochzeit gefeiert. Der Kollege war inzwischen längst in Pension und hatte sich in ein Ferienblockhaus an der Listertalsperre zurückgezogen. Er verbrachte seine Tage jetzt damit, am Seeufer zu sitzen und darauf zu warten, dass irgend etwas an einer seiner fünf Angelruten zog.

Beneidenswert, dachte Moeller.

Er stellte den Wagen am Straßenrand ab.

Ein kleiner dicker Junge kickte mit Steinen herum und zielte dabei auf parkende Autos.

"Hey, was fällt dir ein!", rief Moeller.

Der Junge verzog das Gesicht und streckte die Zunge heraus.

"Hör mal, Kleiner, ich bin Polizist!"

Der kleine dicke Junge zeigte ihm einen Stinkefinger und rief: "Leck mich doch, du Asi!" Dann rannte er davon.

Moeller kratzte sich am stoppelbärtigen Kinn. Wenn ich jetzt anfange, über die heutige Jugend zu schimpfen, fühle ich mich nur wie ein alter Knochen, dachte er. Also lass ich es besser.

Wolfs bewohnten das Erdgeschoss eines dreigeschossigen Hauses. Moeller ging zur Tür und klingelte. Die Haustür wurde geöffnet und vor der Wohnungstür empfing ihn eine dunkelhaarige Frau um die vierzig.

"Moeller, Kriminalpolizei", stellte sich Moeller vor.

"Barbara Wolf. Kommen Sie, mein Mann hat schon damit gerechnet, dass Sie hier bei uns auftauchen."

Moeller folgte ihr in die Wohnung. Überladen, dachte er.

Von allem zuviel. Das war sein erster Eindruck, als er den Flur betrat. Zu viele Möbel vor allem. Zu große Bilder an den Wänden und zu großflächige Teppiche auf dem Boden. Barbara Wolf führte Moeller ins Wohnzimmer.

Ihr Mann saß in einem der klobig wirkenden Ledersessel. Er nickte Moeller zu.

Moeller sah kurz zu der dritten anwesenden Person hinüber, einem kräftig gebauten Endfünfziger.

"Guten Tag", sagte der Abteilungsleiter kühl an Moeller gewandt. "Bitte setzen Sie sich!"

"Guten Tag, Herr Wolf. Ich hätte gerne mit Ihnen nochmal gesprochen... Wenn es möglich ist, allein."

Wolf atmete tief durch und deutete auf den kräftigen Endfünfziger. "Das ist Martin Feller, ein guter Freund. Weder vor ihm, noch vor meiner Frau habe ich irgendwelche Geheimnisse. Also stellen Sie bitte Ihre Fragen!"

Moeller war etwas erstaunt. Er sah Martin Feller mit hochgezogenen Augenbrauen an und fragte dann. "Der Name Feller kommt mir irgendwie bekannt vor..."

Martin Fellers Lächeln war dünn.

"Das will ich doch sehr hoffen", meinte er. "Schließlich machen wir jede Menge Werbung, damit unser Name in aller Munde ist!"

"Gebrauchtwagen-Feller!", stieß Moeller dann hervor.

"Ganz genau. Aber wir haben in unserem Haus nicht nur Gebrauchtwagen, sondern bieten auch einen Reparatur-Service!"

"Verzeihen Sie meine Unkenntnis", meinte Moeller dann.

"Aber ich kaufe meine Wagen immer von Privat - um die Händlerprovision zu sparen!"

"Gott sei dank denken nicht alle Leute so wie Sie, Herr Moeller!" Martin Feller holte tief Luft. Er blies sich auf wie ein Frosch und fuhr dann mit wichtiger Miene fort: "Schlimme Sache, das mit Dörner... Die Zeitung war ja heute voll davon!"

"Das wird wohl noch ein paar Tage so bleiben", meinte Moeller, während er aufmerksam Martin Fellers Gesicht studierte. Aus dem Kerl wurde er irgendwie noch nicht so recht schlau.

"Also, ich will zwar nicht behaupten, dass ich dort einen intimen Einblick hätte, aber wenn Sie mich fragen, dann riecht das doch nach Versicherungsbetrug... Die Firma war jedenfalls ziemlich am Ende. Ich meine, geben wir's doch zu. Es sind doch alle lieber zu OBI gegangen. Die Preise waren niedriger, der Service besser..." Er zuckte die Achseln. "Also, wenn das mein Laden gewesen wäre, ich hätte ihn auch angezündet! Wissen Sie, wir Unternehmer stehen immer mit einem Bein am Abgrund..."

"Ja, ja..."

"So ein Beamter wie Sie kann sich das vermutlich gar nicht richtig vorstellen!"

"Vermutlich", sagte Moeller mit einem dünnen Lächeln. Er wandte sich an Norbert Wolf und zog ein paar Polaroidfotos heraus, die von Ferdinand Sarow und seinen Freunden im Präsidium gemacht worden waren. Moeller legte sie vor ihn auf den Tisch. "Sehen Sie sich die Gesichter gut an, Herr Wolf."

Norberts Blick war eher flüchtig.

"Erkennen Sie einen dieser Männer?", fragte Moeller.

"Tut mir leid!"

"Schauen Sie genau hin!"

"Wie gesagt, ich habe niemanden erkennen können. Ich bekam einen Schlag auf den Kopf und dann habe ich erstmal nur Sterne gesehen."

"Sind Ihnen diese Männer vielleicht sonst schon einmal begegnet?"

"Nein."

"Sehen Sie nochmal genau hin!"

"Sie haben doch gehört, was er gesagt hat!", mischte sich jetzt Martin Feller ein. Moeller sah ihn etwas verwundert an.

"Jemand hat zweifellos versucht Ihren Freund umzubringen. Und er könnte es wieder versuchen!"

"Also für mich ist die Sache ziemlich klar, Herr Moeller", meinte Martin Feller.

"Ach ja?" Moeller hob die Augenbrauen. "Dann haben Sie mir zweifellos etwas voraus!"

Martin Feller entging die Ironie in Moellers Worten völlig.

Er machte eine große, ausholende Geste. "Die Dörner-Brüder haben jemanden engagiert, der den maroden Baumarkt anzünden sollte. Aber Norbert war zur falschen Zeit am falschen Ort.

Sie mussten ihn aus dem Weg räumen, weil er ein Zeuge war, der..."

"Ein Zeuge, der nichts gesehen hat", meinte Moeller kühl.

"Die Täter hätten doch einfach nur abwarten brauchen, bis Herr Wolf gegangen wäre... Aber vielleicht sagt uns Herr Wolf mal selbst etwas dazu..."

Norbert Wolf sah sich fast hilfesuchend zu Feller um. Ein Augenblick unangenehmen Schweigens entstand, den Barbara mit der Frage "Möchten Sie vielleicht eine Tasse Kaffee, Herr Moeller?", zu überbrücken versuchte.

"Nein danke", murmelte er zwischen den Zähnen hindurch.



10

Am Abend wollte Moeller in der 'Brüninghauser Halle' etwas essen. Er fluchte leise vor sich hin, weil er keinen Parkplatz fand. So stellte er den rostigen Omega einfach auf den gegenüberliegenden Wendeplatz, der eigentlich für die Busse gedacht war.

Er stellte den Wagen dicht neben einem der rostigen Müllcontainer ab und stieg aus.

Hinter dem Wendeplatz bolzten ein paar Jungs in Dortmund-Trikots auf einer ziemlich tiefen Wiese, auf der zwei Tore aufgestellt worden waren. Links plätscherte die Verse, ein kleiner Fluss, der ein paar Kilometer südlich zur riesigen Versetalsperre gestaut wurde. Dass die Verse solch gewaltige Wassermassen transportierte, sah man ihr nicht einmal dann an, wenn sie im Winter gelegentlich über die Ufer trat.

Moeller überquerte die Straße.

Die 'Brüninghauser Halle' hieß nicht nur so, sondern war tatsächlich eine Halle. Zumindest die linke Hälfte des langgezogenen Fachwerkbaus. Dort war nämlich eine Turnhalle untergebracht, die von Sportvereinen und Schulen notgedrungen genutzt wurde. Ein Vergnügen war die Turnerei auf dem Parkettboden wohl nur bedingt. Aber wenigstens sorgten die kleinen Löcher in der Wand für ausreichend Frischluft.

Parkettboden und eine Bühne machten es möglich, dass hier auch größere Festlichkeiten stattfinden konnten. Die andere Hälfte der 'Halle' bestand aus einer gemütlichen Kneipe mit rustikalem Charme.

In der Turnhalle war Licht.

Man konnte mühelos hineinsehen.

Die Aktiven des Tischtennisvereins waren gerade dabei, die Platten hinter den Rolltoren hervorzuholen und veranstalteten dabei einen Riesenkrach.

Moeller ging in den Kneipenteil der Brüninghauser Halle und setzte sich an einen der Tische.

Achim, der Wirt kam wenig später an seinen Tisch und Moeller ließ sich von ihm ein Kotelett in die Pfanne hauen.

Selber kochen lohnte sich für einen Single nicht, fand Moeller. Außerdem konnte er es auch nicht. Er konnte gerade eine Dose Ravioli öffnen und den Inhalt erwärmen. Aber Ravioli aß Moeller nicht mehr, seit der Rinderwahn grassierte.

Moeller resümierte innerlich, was es inzwischen im Fall Dörner an Fakten gab. Es war wenig genug und irgendwie ärgerte es Moeller, dass die Sache ihn bis in seinen Feierabend hinein verfolgte. Ferdinand Sarow und seine drei Freunde hatten sich ersteinmal geweigert, irgend etwas zu sagen, dann, als die Tatsache, dass sie zur fraglichen Zeit am Tatort gewesen waren, nicht mehr abzustreiten war, hatten sie beteuert, nichts mit dem Brand oder dem Mordversuch an Norbert Wolf zu tun zu haben. Es war fraglich, ob man Ihnen etwas anderes beweisen konnte. Ein Kollege aus Moellers Dezernat hatte versucht, den Gebrüdern Dörner einen Besuch abzustatten. Offiziell waren sie im Urlaub, was in Anbetracht der Lage, in der sich ihre Firma befand, schon recht seltsam anmutete.

Was ist mit Wolf los?, ging es Moeller durch den Kopf. Warum war er so wenig behilflich, wenn es darum ging, jemanden dingfest zu machen, der es ganz offensichtlich nicht sonderlich gut mit ihm meinte!

Er will die Sache selber regeln, ging es Moeller durch den Kopf. Was immer 'die Sache' auch letztlich sein mochte. Das war alles andere, als eine gute Aussicht. Oft genug endete so etwas in einer Katastrophe.

Moeller sah einem Mann am Tresen zu, der durch seinen großen Cowboyhut und seine durchdringende, klare Stimme auffiel. Er wischte sich seinen Schnurrbart aus Bierschaum ab, während einer der anderen fragte: "Sag mal, wie viel Pferde habt ihr eigentlich jetzt?"

"Insgesamt drei."

"Eine Menge Arbeit, woll?"

"Och, geht so. Ich würde gerne noch ein paar mehr halten, aber da müsste ich erst den Stall fertig umgebaut haben!"

"Ja, ja..."

"Als wir jetzt im Urlaub waren, da haben wir einen Stall gesehen... Vom Feinsten!"

"Was? Ihr seht auch noch im Urlaub Pferde an?"

"Ja. Reiterferien in Österreich. War gut."

"Sowas habt ihr doch zu Hause!"

"Ja, aber sollten wir unsere Pferde mit nach Österreich nehmen?"

Inzwischen kam Achim mit dem Kotelett. Er setzte es vor Moeller auf den Tisch. "Das ist paniertes Rindfleisch. Stört Sie doch nicht, oder?"

"Also..."

"War nur ein Witz", sagte Achim. "Aber bei mir können Sie auch das Rindfleisch ruhig nehmen. Kommt alles aus artgerechter Tierhaltung."

"Da werde ich eher Vegetarier."

"Aber, Herr Kommissar! Sie sollen die Gangster bestrafen, nicht sich selbst!"



11

Als Moeller am nächsten Tag ins Präsidium kam, war Simitsch nicht nur schon lange anwesend, sondern hatte seinem Kollegen auch alle Neuigkeiten voraus, die es in dem Fall gab. Da war erstmal das vorläufige Fachgutachten über die Brandursache. Es war jetzt amtlich, dass es sich um Brandstiftung gehandelt hatte. Das Feuer war an mehreren Stellen gleichzeitig ausgebrochen.

Ferdinand Sarow und seine Freunde waren inzwischen wieder auf freiem Fuß. Vorerst war ihnen nicht nachzuweisen, dass sie etwas mit dem Brand zu tun hatten.

"Das Dollste ist, dass einer der Dörner-Brüder aus der Versenkung aufgetaucht ist", meinte Simitsch dann und genoss dabei sichtlich das Erstaunen in Moellers Gesicht.

"Ach!"

"Tja, Moeller! Es handelt sich um Gerd Dörner. Er befindet sich zur Zeit auf Teneriffa. Die spanische Polizei hat Kontakt mit ihm aufgenommen. Dörner will so schnell wie möglich zurückkehren. Aber das ist dann nicht mehr unsere Sache."

"Wieso?"

"Weil die Kollegen vom Betrugsdezernat den Fall übernehmen."

"Aber..."

"Anordnung von oben. Außerdem ist doch niemand gestorben, oder?"

"Schon", musste Moeller zugeben.

"Ergo: kein Tötungsdelikt!"

"Es hätte aber um ein Haar einen Toten gegeben!"

"Moeller, sei froh, dass wir den Schlamassel los sind und aus dem bequemen Sessel heraus verfolgen können, wie die Sache ausgeht. Wird sicher knibbelig. Vier Meter mit Gutachten gefüllte Aktenschrankwand schätzungsweise!"

"Fünf Meter!", hielt Moeller dagegen.

Klaus Simitsch grinste. "Du hast mehr Dienstjahre und daher die größere Erfahrung, Moeller. Vermutlich hast du daher recht!"

Die Bürotür flog in dieser Sekunde auf. Brenner, ein Kollege von der Spurensicherung stand breitbeinig da. Das enge Sweatshirt betonte seinen fussballförmigen Bauch, dessen Form wiederum mit seinem braungebrannten, aber fast haarlosen Schädel korrespondierte.

"Auf geht's!", rief Brenner.

"Was gibt's denn?", fragte Moeller.

"Eine Leiche!", gab Brenner knochentrocken zurück und rieb sich unternehmungslustig die Hände.

Moeller wandte sich mit einem angriffslustigen Grinsen an Simitsch. "Klaus, hol doch schonmal den Wagen!"



12

Als es klingelte, hob Charly Wallmeier den Kopf.

"Telefon, woll?", meinte Jürgen, der Azubi, während Charly langsam nickte.

Charly erhob sich und blickte auf den aufgebockten VW.

"Zieh du die Reifen an", murmelte er und bewegte sich dann in Richtung des unansehnlichen Glaskastens, der dem Autohaus Feller als Büro diente.

Ein Büro, das seit einer Woche nicht besetzt war, weil die Bürokraft ein Kind bekam. Seitdem regierte im Autohaus Feller das vollkommene Chaos, zumal die Vorbereitungen für die Lüdenscheider Auto-Show auf Hochtouren liefen.

Es klingelte erneut.

Charly beeilte sich, riss die Tür auf, stolperte dann fast über die Rollen des Drehstuhls und war endlich am Ziel.

Er riss den Hörer von der Gabel und ächzte seinen Text herunter: "Hallo? Hier Autohaus Feller. Charly Wallmeier am Apparat. Sie wünschen?""

"Kann ich Herrn Feller mal sprechen?", krächzte es von der anderen Seite durch die Leitung.

Charly atmete erst einmal tief durch und versuchte dabei verzweifelt, die Stimme des Anrufers irgendwo einzuordnen.

Aber es wollte ihm einfach kein Kunde einfallen zu dem sie gepasst hätte.

Auf jeden Fall klang sie recht unzufrieden - und das zusammen mit der Tatsache, dass der Mann den Chef sprechen wollte, konnte eigentlich nur Schlechtes bedeuten. Wahrscheinlich eine Reklamation oder so etwas.

Charly nutzte die nächsten zwei Sekunden, um sich innerlich zu wappnen.

"Hm... Den Chef?", meinte er gedehnt.

"Ja", meinte der andere mit frostigem Unterton.

Charly zuckte die Schultern.

"Also... Vielleicht kann ich Ihnen ja auch helfen, Herr... Wie war nochmal Ihr Name?"

Der Anrufer tat, als hätte er das Letzte nicht gehört.

"Ist Herr Feller da?", fragte er völlig ungerührt.

"Hören Sie..."

"Ja, oder nein?"

Die Stimme des Anrufers hatte den Klang von Metall und klirrendem Glas.

Charly schluckte.

Er gab sich geschlagen, obwohl der Chef ihm die ausdrückliche Order gegeben hatte, Anrufe möglichst von ihm fernzuhalten und selber zu erledigen.

"Also gut, ich seh mal nach...", knurrte er, legte den Hörer auf den unordentlichen Schreibtisch und lief mit zwei Sätzen zur Tür.

"Chef?" Nach kurzer Pause rief er zum zweiten Mal: "Chef?"

"Was ist?", echote irgendwo die genervte Stimme von Martin Feller persönlich.

"Ein Anruf!"

"Mach du das, ich hab zu tun!"

"Ich bin ihm nicht gut genug!"

In der Werkstatthalle ließ irgendjemand einen Schraubenschlüssel fallen, ein Geräusch ertönte, das an dem kahlen Beton mehrfach widerhallte.

"Ich komme!", rief Martin Feller.

Und Charly grummelte indessen halblaut vor sich hin: "Der Kunde ist eben König!" Dann ging er zum Telefon. "Hallo? Noch da?"

"Ja."

So ein arroganter Sack, ging es Charly dabei durch den Kopf. Aber so war das nun einmal, wenn man etwas verkaufen wollte: Immer freundlich sein, wenn es einem auch noch so sehr stank.

"Der Chef kommt sofort", kündigte Charly also mit einem geschäftsmäßig höflichen Tonfall an und damit schien der Kerl auf der anderen Seite zufrieden zu sein.

Jedenfalls erwiderte er nichts darauf und das hielt Charly für ein gutes Zeichen.

Die Tür ging auf und schlug dann mit einem scheppernden Geräusch wieder zu.

"Wer isses?", flüsterte Martin Feller.

Charly flüsterte ebenfalls.

"Keine Ahnung!"

"Wahrscheinlich der Bäumer!", vermutete Martin Feller.

"Dessen Wagen hätte schon letzte Woche fertig sein sollen!"

Charly grinste.

"Na, dann: Viel Vergnügen!"

Feller verzog das Gesicht und nahm den Hörer.

"Hallo?"

"Ich geh noch an den Wagen vom Röder, okay?", rief Charly dazwischen, während er sich zum Gehen wandte.

Martin Feller nickte knapp.

"Okay!"

Während Charly das Büro verließ und die Tür hinter zufallen ließ, murmelte Martin Feller in den Telefonhörer: "Autohaus Feller. Wer spricht da bitte?"

Pause.

Keine Antwort.

Durch den Hörer war nur das regelmäßige Atmen eines Menschen zu hören.

"Sind Sie noch dran?", fragte Feller ungeduldig. "Hier spricht Martin Feller. Was möchten Sie, bitte?"

Pause.

Nichts geschah. Aber auf der anderen Seite war jemand, daran konnte es keinen Zweifel geben.

Dann machte es klick.

Das Gespräch war zu Ende.

"Seltsamer Kauz", murmelte Martin Feller halblaut zu sich selbst. Es war nicht der erste Anruf dieser Art, den er bekam, und er begann sich zu fragen, was das zu bedeuten haben konnte.

Die Tür ging auf.

Jürgen kam herein, der schlaksige Azubi. Er kaute auf einem Kaugummi herum und das konnte Martin Feller auf den Tod nicht ausstehen. So eine Undiszipliniertheit, ging es ihm durch den Kopf. Zu unserer Zeit...

Aber wen interessierte das noch? Niemanden, wenn man ehrlich war. Aber Martin Feller stand heute nicht der Sinn nach Ehrlichkeit. Die war ein Luxus für bessere Tage.

Martin Feller blickte kurz auf.

"Was ist?

"Also, äh..."

"Kannst du nicht reden oder was?" Feller verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln und fügte noch hinzu: "Mit dem DING da zwischen den Zähnen ist das auch schwierig, was?"

"Hm."

"Und wenn ich jetzt ein Kunde wäre? Der wär' doch längst über alle Berge bei der Konkurrenz, ehe du das Scheißding so in deinem Rachen platziert hast, dass du was 'rauskriegst!"

Jürgen schluckte. Sein Adamsapfel wippte dabei auf und nieder.

Dann sagte er: "Sie sind aber kein Kunde, sondern nur der Chef, woll?"

"Wie wahr", seufzte Feller. Bei jüngeren Leuten zog er irgendwie immer den Kürzeren. Das war mit seinem Sohn so und auch mit Jürgen. Er hatte auch keine Ahnung, woran das lag. Es war einfach so.

Zu meiner Zeit...

Aber er hatte heute nicht die Energie, sich wirklich darüber aufzuregen. Ein lähmender Schatten lag schwer auf seiner Seele und drückte ihn nieder.

Jürgen machte mit dem Kaugummi im Mund eine Blase, ließ sie mit einem Knall platzen und meinte dann: "Ich fahre zur Pommes-Bude. Wollen Sie wieder ein halbes Hähnchen, wie immer?"

Feller schüttelte den Kopf. Er schien gedanklich abwesend zu sein und nur halb hinzuhören.

"Nein", murmelte er.

Jürgen runzelte die Stirn.

"Was dann?", fragte er.

"Nichts."

"Was?"

"Ich habe keinen Appetit."

Jürgen zuckte die Achseln und machte ein ungläubiges Gesicht.

"Sind Sie krank oder was?

"Hau schon ab und lass mich in Frieden!"

"Ist ja schon gut!"

Jürgen wandte sich um, steckte die Hände in die Taschen seines Blaumanns und ging hinaus.

Martin Feller sah ihm kurz nach.

Verdammter Mist!, dachte er dabei. So ein gottverdammter Mist!

Dann klingelte erneut das Telefon. Martin Feller fühlte sich wie elektrisiert. Wieder und wieder klingelte es. Feller spürte, wie ihm der Puls bis zum Hals schlug. Dann überwand er sich und griff doch nach dem Hörer.

"Ja?", sagte er.

"Martin, bist du es?"

Eine Frauenstimme. Barbara Wolfs Stimme. Martin Feller registrierte es mit Erleichterung.

"Warum dauert das denn so lange bei euch, verdammt nochmal?"

"Was ist los, Barbara?"

"Es ist etwas geschehen..."



13

Eine halbe Stunde brauchte Simitsch mit seiner vorsichtigen Fahrweise bis zur Listertalsperre, die vom Biggesee nur durch eine Staumauer getrennt wurde. Zusammen bildeten sie ein riesiges, einzigartiges Seensystem. Im Sommer kam Moeller des öfteren hier herunter, um Abends nach dem Dienst noch ein erfrischendes Bad zu nehmen. Und an schönen Sonn- oder Feiertagen war es manchmal so voll, dass man auf den dicht am Ufer entlanggeführten Straßen kaum noch einen freien Parkplatz finden konnte. Und wenn sich nach längeren Perioden der Trockenheit der Wasserstand etwas abgesenkt hatte, gab es hier sogar so etwas wie einen richtigen Strand.

Ein Einsatzwagen der Polizei parkte am Straßenrand. Das war kurz hinter einer Kurve, und Simitsch musste ziemlich hart in die Eisen treten. Er quetschte den Volvo so dicht wie möglich an die Leitplanken und stellte den Motor ab. "Ihr müsst auf meiner Seite aussteigen", meinte er an Moeller und Brenner gewandt. Moeller seufzte.

"Es bleibt einem auch nichts erspart..."

Durch die Bäume warf er einen Blick über den schmalen, langgezogenen See. Das Wasser glitzerte in der Sonne. Eine leichte Brise wehte von den gegenüberliegenden Bergen herunter, an deren Hängen sich schmucke Blockhäuser und ein Campingplatz befanden.

Sie stiegen aus.

Über eine bröckelige Treppe gingen sie hinab zum steinigen Strand, an den der Tote gespült worden war.

Moeller ließ den Blick umherschweifen und sog die frische Luft ein. Wenn die Leiche auf der anderen Seite angespült worden wäre, hätten wir den Fall erst mit einiger Verzögerung auf dem Schreibtisch gehabt!, ging es ihm durch den Kopf. Denn der See war gleichzeitig die Kreisgrenze. Hier Märkischer Kreis, drüben Kreis Olpe.

Was, wenn ein Angler den Toten genau in der Mitte aus dem Wasser gefischt hätte?, dachte er. Eine Frage, mit der ein Klaus Simitsch sich intensiv befasst hätte...

Moeller wandte sich der Leiche zu, konnte aber nur die Beine sehen, weil Simitsch, Brenner und zwei Uniformierte sich über den Toten beugten.

Moeller betrachtete die Slipper, die der Tote trug. Die Absätze waren schiefgelaufen.

Oben, auf der Straße hielt ein Wagen. Jemand stieg aus und wenig später kletterte der Gerichtsmediziner die Böschung herunter. Simitsch und Brenner erhoben sich. Jetzt erst sah Moeller die Leiche zur Gänze.

Das bleiche, aufgequollene Gesicht von Norbert Wolf blickte ihn starr und ausdruckslos an.

Mitten in der Stirn hatte er ein kleines, rundes Einschussloch.

"Der Tote liegt noch nicht lange im Wasser!", stellte der Gerichtsmediziner nach kurzer Untersuchung fest. "Vielleicht seit Mitternacht... Alles andere können Sie in meinem Gutachten nachlesen."

"Wer hat den Toten entdeckt?", fragte Moeller.

"Ein Spaziergänger", meldete sich einer der Uniformierten zu Wort. "Er wohnt hier ganz in der Nähe. Wir haben seine Aussage aufgenommen."

Moeller nickte düster.

Jetzt ist es zweifellos UNSER Fall!, ging es ihm durch den Kopf. Denn niemand konnte ernsthaft bestreiten, dass hier ein Tötungsdelikt vorlag. Dieser Dummkopf!, dachte Moeller ärgerlich und meinte den Toten damit. Er hätte reden sollen, der blöde Hund!



14

Als Simitsch und Moeller wieder im Präsidium waren, warfen sie eine Münze. Der Verlierer musste der Witwe die schlechte Nachricht überbringen. Moeller verlor. Und so fuhr er nochmal nach Wettringhof, während Simitsch den wichtigen Schreibkram erledigte.

Als Moeller dann eine Viertelstunde später vor dem Haus in der Timbergstraße parkte, in dem Wolfs wohnten, sah er wieder den kleinen dicken Jungen. Diesmal rupfte er gerade die Geranien aus einem Vorgarten.

Moeller starrte ihn an.

Und der Kleine starrte zurück.

"Ey, was guckste, du Asi!"

Von irgendwoher war das Klappen einer Tür zu hören. Der kleine Dicke wandte den Kopf. So unbeholfen wie ein zu fett geratenes Kaninchen hoppelte er dann davon, so schnell er konnte.

Barbara Wolf erwartete Moeller an der Tür.

"Mein Mann ist nicht da"!, sagte sie. "Tut mir leid."

"Ich möchte zu Ihnen, Frau Wolf. Kann ich hereinkommen?"

Sie rieb nervös die Handinnenflächen gegeneinander. Dann zuckte sie die Schultern.

"Ja, sicher."

"Danke."

Moeller folgte ihr ins Wohnzimmer. Zu seiner Überraschung traf er dort auf ein bekanntes Gesicht.

"Herr Feller!", stieß Moeller hervor. Feller trug den Kittel seines Autohauses. Irgendetwas musste wichtig genug gewesen sein, um mitten während der kostbaren Arbeitszeit eines Unternehmers einen Besuch abzustatten. Moeller reichte ihm die Hand. Fellers Händedruck war überhart. Einer, der zeigen will, wer der Boss ist, dachte Moeller. Aber er registrierte noch etwas anderes. Martin Feller hatte feuchte Hände.

"Sie scheinen hier ja eine Art Dauergast zu sein, Herr Feller..."

"Sagte ich Ihnen nicht bereits, dass Nobbi und ich gute Freunde sind. Unsere Frauen sind auch befreundet. Wir sind auch schon zusammen im Urlaub gewesen und..." Er brach plötzlich ab.

Irgendwie hatte Moeller das Gefühl erwartet worden zu sein.

Und das gefiel ihm nicht.

"Ich muss Ihnen leider mitteilen, Frau Wolf, dass Ihr Mann tot aufgefunden wurde", brachte Moeller seine traurige Pflicht dann möglichst schnell hinter sich. Er hasste solche Momente. Aber er fand trotzdem, dass er so etwas besser konnte als Leute wie Simitsch. Und dass, obwohl man ihm so etwas in seiner Ausbildung nie beigebracht hatte.

"Was?", entfuhr es Barbara. Sie schüttelte stumm den Kopf. "Das kann nicht wahr sein!"

"Es ist leider so!"

"Was genau ist passiert?", mischte sich jetzt Martin Feller ein.

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