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Eine Liebe im Schatten der Krone

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Für meine Mutter

1. KAPITEL

Edinburgh, Juni 1561

Fiona öffnete das Fenster. Ihre Schlafkammer ging nach hinten hinaus, und ihr Blick fiel auf den kleinen Innenhof, der sich unter ihr erstreckte. Auf den runden Pflastersteinen stand ein Ziehbrunnen, dem sich ein kleiner Garten anschloss. Die Blumen und Sträucher standen in voller Blüte, und die zahlreichen Rosen hatten ihre Kelche geöffnet. Dahinter schlossen sich weitere Häuser an. Die Mittagssonne schien warm vom blassblauen Himmel und leuchtete auf ein Meer von roten, braunen und grauen Dächern.

Was für ein herrlicher Tag, um zu heiraten, dachte sie, und eine tiefe, innige Vorfreude stieg in ihr auf.

Sie wandte sich um. Das Sonnenlicht warf ein helles Muster durch die bleiverglasten Fensterscheiben auf die dunklen Holzdielen des Fußbodens. In der Ecke stand ihr Baldachin-Bett, dessen Vorhänge aus roter Serge zurückgeschlagen waren. Gegenüber, an der Wand, befand sich die Kommode mit der Waschschüssel und dem Krug. Darüber hing ein Silberspiegel, in dem sie sich jetzt prüfend von allen Seiten betrachtete.

Bonnie, das junge Hausmädchen, hatte ihr beim Ankleiden geholfen, aber es war noch Zeit bis zur Trauzeremonie.

Ein fein gezeichnetes Mädchengesicht blickte ihr aus dem Spiegel entgegen. Sie war blasser als sonst. Auch ihr Haar lag heute in zwei besonders glänzenden Zöpfen um ihren Kopf geflochten, und darüber hatte Bonnie sorgfältig den Schleier aus venezianischer Spitze festgesteckt. Das Brautkleid aus cremefarbener, schimmernder Atlasseide bauschte sich um ihre kräftigen Hüften. Hastig wandte Fiona den Blick ab. Sie war nicht schlank genug für ein Mädchen von achtzehn Jahren. Aber sie konnte den Leckereien, die Caitlin, die Köchin der Frasers, stets auftischte, einfach nicht widerstehen, und das blieb nicht ohne Folgen.

Wie auch immer, dachte sie. Hauptsache, Duncan findet mich schön.

Ihre Gedanken wanderten zurück zu dem Tag vor fast einem Jahr, als er zum ersten Mal ihr Haus betreten hatte …

Duncan Sanderton war ein Laird, ein Gutsbesitzer des niederen Landadels. Sein Anwesen lag einige Meilen westlich von Edinburgh, in den West Lothians, und er war zu ihrem Bruder Angus gekommen, um den Grenzverlauf seines Besitzes urkundlich bestätigen zu lassen. Angus Fraser arbeitete als Advokat in den Magistrates Courts, und das Ausstellen von Besitzurkunden fiel in seine Zuständigkeit.

Fiona begegnete dem Gast im Vestibül, als der Diener ihm den Umhang und das Barett abnahm. Ein großer, kräftiger Mann mit einer gesunden Gesichtsfarbe, dem man den häufigen Aufenthalt an der frischen Luft ansah. Er hatte dichtes, weizenblondes Haar, und in seinen blauen Augen lag ein fröhliches Funkeln. Ihr Bruder stellte ihn kurz vor, dann verschwanden die beiden Männer hinter der Tür von Angus‘ Kabinett.

Sein fröhlicher Blick war Fiona seitdem nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

Am Abend, als die Familie beim Dinner im Speisezimmer zu Tisch saß, fragte sie ihren Bruder beiläufig: „Kommt der Laird noch einmal hierher?“

Angus nickte.

„Am nächsten Mittwoch, wenn die Urkunde vom Magistrat unterzeichnet und mit Siegel versehen ist.“

Fiona strahlte ihn an.

Am Mittwoch ließ sie sich von Bonnie das Haar bürsten, bis es ihr wie ein dichtes, seidiges Vlies über die Schultern fiel. Sie benetzte ihren Hals mit Rosenessenz und zog ihr zweitbestes Kleid an. Es war aus dunkelgrünem Musselin und am Ausschnitt mit einem Spitzeneinsatz in derselben Farbe verziert.

Beim Mittagessen musterte ihre Mutter sie erstaunt. „Ist heute ein besonderer Tag, oder warum ziehst du mitten in der Woche deinen Sonntagsstaat an?“

Ihr Bruder, dem ihr eleganter Aufzug bisher nicht aufgefallen war, blickte auf. „Die Farbe steht dir ausgezeichnet, Kleines.“ Er griff nach dem Steinkrug und füllte seinen Becher. „Schöne Gewänder sollte man nicht zu lange im Schrank hängen lassen“, fügte er, zu seiner Mutter gewandt, hinzu. „Sonst tun sich am Ende noch die Motten gütlich daran.“

Fiona sah ihn dankbar an.

Nach dem Essen stand sie ungeduldig im Erker des Wohngemachs, der auf den St.-Giles-Square, den großen Marktplatz im Herzen der schottischen Hauptstadt, hinausging. Gegenüber von ihrem Elternhaus erhob sich die Kathedrale, ein prächtiges, gotisches Bauwerk aus graubraunem Sandstein und hohen Spitzbogenfenstern. Doch heute hatte sie keine Augen für die Kirche, die ihr von frühester Kindheit an ein vertrauter Anblick war. Immer wieder glitt ihr Blick über den belebten Platz.

Endlich – die Turmuhr gegenüber schlug dreimal – hörte Fiona Pferdehufe, und gleich darauf stieg der junge Mann von seinem Pferd und band es an der dafür vorgesehenen Holzstange in der Nähe des Eingangs fest. Sie eilte die geschwungene Treppe hinunter und öffnete die breite Haustür aus Ebenholz, bevor Thomas, der Diener, ihr zuvorkommen konnte.

Sie bemerkte das bewundernde Aufleuchten in seinen blauen Augen, bevor der Gast sein Barett lüftete und sich verbeugte.

„Gott zum Gruß, Mistress Fiona.“

Er trat ein, und sekundenlang herrschte Schweigen zwischen ihnen. Der Laird bemerkte ein Ölgemälde, das an der Wand in der Nähe der Eingangstür hing. Er trat näher, um es zu betrachten.

„Das ist Edinburgh vor dem großen Brand, nicht wahr?“, fragte er interessiert.

„Ja, mein Vater hat das Bild nach einem alten Holzschnitt malen lassen. Die Farben sind kräftig gehalten, wahrscheinlich schöner als unsere Stadt in Wirklichkeit war.“

Er nickte. „Das glaube ich auch. Aber man erkennt die einzelnen Straßen hier viel besser als auf einem Holzdruck.“

Ihr Bruder kam und führte den Gast in sein Kabinett. Fiona begab sich in den Salon, der auf den St.-Giles-Square hinausging. Sie setzte sich in den Erker und nahm ihre Stickarbeit auf. Durch das geöffnete Fenster erklang das geschäftige Treiben von Edinburghs größtem Platz. Nach einer Weile öffnete sich die Tür, und Angus erschien im Rahmen.

„Wir sind beinahe fertig. Bist du so lieb und richtest uns eine kleine Erfrischung? Ich glaube, Caitlin hat Plätzchen gebacken. Jedenfalls riecht es herrlich im Hausflur.“

„Natürlich.“

Fiona ging zur Kredenz, stellte ein paar kleine, irdene Teller und Becher auf ein Zinntablett und trug alles hinaus in den Garten. In einem sonnigen Winkel bei der Hauswand standen ein schmiedeeiserner Tisch und einige Stühle. Bonnie brachte einen Steinkrug mit leichtem Bier und eine Holzschale mit Ingwergebäck. Die beiden Männer setzten sich.

„Leistet Ihr uns Gesellschaft?“, fragte der Gast, während Fiona die Becher füllte. „Wir besprechen keine Amtsgeheimnisse“, fügte er scherzend hinzu.

Das Gespräch drehte sich um die siebzehnjährige Königin Mary Stuart, die in Frankreich aufgewachsen war und den französischen König François II. geheiratet hatte. Ihre Mutter Marie de Guise hatte Schottland bisher stellvertretend regiert. Seit ihrem Tod im letzten Monat herrschte Marys Halbbruder James als Regent über das Land.

„Ich bezweifle, dass Mary zurückkehren wird“, bemerkte der Laird nachdenklich. „Sie ist Königin von Frankreich, für diese Rolle wurde sie erzogen.“

Angus nickte zustimmend. „Ich denke, dass James ein guter Herrscher sein wird. Er ist hier aufgewachsen und kennt sein Volk besser als Mary.“

In diesem Moment kam der Diener in den Garten. „Sir, ein Bote von Richter Craigmillar ist gekommen. Er hat eine Nachricht für Euch.“

Der Advokat erhob sich. „Es ist gut, Thomas, ich komme.“

Er verschwand im Haus. Am Tisch breitete sich Schweigen aus. Fiona reichte dem Gast erneut die Gebäckschale.

„Wo liegt Euer Gut?“, fragte sie.

„Etwa fünf Meilen westlich von Edinburgh“, antwortete er. „Springfield. Zu dem Gutshof gehören ein Dorf und einige Pächter, die das Land bewirtschaften. Es ist kein großer Besitz, den ich von meinen Eltern geerbt habe.“

Er nahm einen kräftigen Schluck von dem leichten Bier, lehnte sich zurück und blinzelte in die warmen Strahlen der Nachmittagssonne. „Ihr habt fürwahr ein schönes Plätzchen hier. Ich hätte nicht gedacht, dass es sich in der Stadt so gut leben lässt. Ich vermute, Ihr habt Euer ganzes Leben in Edinburgh verbracht?“

„Ja, wir haben immer hier in St. Giles gewohnt. Mein Vater war Offizier, er fiel in der Schlacht bei Pinkie Cleugh. Meine Mutter wollte dann nicht, dass mein Bruder die militärische Laufbahn einschlug, und so wurde er Advokat. Die Lage unseres Hauses ist günstig, es ist nicht weit bis zum Gerichtshof, den Magistrates Courts, wo er arbeitet.“

„Ist es Euch nicht manchmal zu eng hier in der Stadt?“, fragte er interessiert. „Habt Ihr nicht das Bedürfnis nach Weite, nach frischer Luft und der Natur?“

Sie lachte. „Eng? Wir haben einen großen Vorplatz, und vom Firth of Forth weht immer eine frische Brise. Habt Ihr das nicht bemerkt? Ich glaube wirklich, dass Edinburgh es an Schönheit mit jeder anderen Stadt aufnehmen kann.“

Er antwortete nicht. Sein Lächeln reichte bis in seine blauen Augen, während er sie aufmerksam betrachtete. Doch in seinem Blick lag etwas, das Fiona nicht zu deuten wusste. Sie spürte Wärme in sich aufsteigen, gemischt mit Verlegenheit, die sie zu verbergen versuchte.

„Und es ist nicht weit bis zum Strand von Figgate Muir, wo wir im Sommer manchen schönen Tag verbringen“, fuhr sie fort.

„Könntet Ihr Euch vorstellen, Edinburgh zu verlassen?“, fragte er unvermittelt. „Würde Euch auch ein Leben auf dem Land gefallen?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete sie nach kurzem Nachdenken. „Ich habe ja noch nie auf dem Land gewohnt.“

In diesem Moment kehrte Angus zurück, und das Gespräch wandte sich wieder der Politik zu.

Am Abend überraschte Angus seine Damen mit einer Neuigkeit.

„Der Laird hat uns für Sonntag auf sein Gut eingeladen. Nach dem Kirchgang, zum Mittagsmahl.“

Fiona lächelte breit und hätte ihren Bruder am liebsten umarmt. Die bedenkliche Miene ihrer Mutter entging ihr nicht, doch das konnte ihre Freude nicht trüben.

***

In den nächsten Monaten machte ihr Duncan Sanderton offen den Hof. Alle bemerkten, wie seine Miene sich aufhellte, sobald sein Blick auf Fiona fiel. Er suchte das Alleinsein mit ihr, so oft es die Schicklichkeit erlaubte. Am Neujahrstag, an dem in Schottland traditionsgemäß die Geschenke ausgetauscht wurden, überreichte er ihr einen kleinen, schwarzen Samtbeutel, aus dem sie mit zittrigen Fingern einen funkelnden, in ziseliertes Gold gefassten Smaragdring zum Vorschein brachte.

„Willst du meine Frau werden?“, fragte er leise.

Sie schlang die Arme um seinen Hals. „Ja“, antwortete sie glücklich. „Ich liebe dich, Duncan.“

Er schob den Ring über ihren Finger. Fiona hielt das Schmuckstück gegen das Licht und beobachtete, wie der Edelstein in der Sonne funkelte.

„Er ist wunderschön“, sagte sie bewundernd.

Die Familie ahnte schon vorher, was die Stunde geschlagen hatte, und als Fiona und Duncan ihre Verlobung verkündeten, waren weder Angus noch seine Mutter überrascht.

Lady Frances verweigerte ihre Zustimmung zunächst. Fionas Mutter machte kein Hehl daraus, dass ihr der junge Mann nicht vornehm genug war.

„Er ist eine höchst angenehme Erscheinung“, gab sie zu. „Und er hat ein sehr liebenswürdiges Wesen, das will ich gar nicht bestreiten. Aber was ist schon ein Laird! Ein Gutsbesitzer mit ein paar Morgen Land und Pächtern, die es bewirtschaften. Duncan Sanderton trägt keinen Adelstitel, und sein Anwesen ist bescheiden. Fiona stammt aus einer alten Clan-Familie und hat bessere Möglichkeiten.“

Angus stellte sich auf die Seite seiner Schwester.

„Wenn er für Fiona gut genug ist, sollten wir uns nicht gegen diese Verbindung sträuben, Mutter“, wandte er ein. „Ist ihr persönliches Glück nicht wichtiger als ein bedeutender Stammbaum und einflussreiche Verbindungen zum Hof? Abgesehen davon stammen wir zwar von einem schottischen Adelsgeschlecht ab, doch mit den reichen Lords können wir uns nicht vergleichen.“

Als einziger Mann in der Familie galt Angus als Familienoberhaupt, und sein Wort fiel ins Gewicht. Lady Frances fügte sich schließlich widerstrebend, und Fiona jubelte. Zusammen mit ihrer Mutter vervollständigte sie nun ihre Aussteuer. Denn Duncan drängte darauf, im Sommer zu heiraten. Zum Glück lagerten in ihrer Truhe bereits fertig genähte Tafeltücher aus feinem, weißem Batist mit passenden Servietten sowie Bettwäsche aus gewebtem Leinen. In einem Schrank befanden sich Teller, Becher und Krüge aus Zinn, entsprechendes Besteck und aus gebranntem Ton gefertigtes Geschirr für den Alltag. Es blieb genügend Zeit, sich dem Brautkleid zu widmen.

All das ging Fiona durch den Kopf, während sie den letzten prüfenden Blick in den silbernen Spiegel ihres Mädchenzimmers warf. In diesem Moment klopfte es an der Tür, und ihre Mutter, in ein silbergraues Samtkleid gehüllt, trat ein.

„Bist du bereit? Angus wartet im Vestibül.“ Prüfend betrachtete sie ihre Tochter, dann wurde ihr Blick weich. „Bist du glücklich, mein Liebling?“

Das Mädchen nickte. „Ich kann gar nicht beschreiben, was ich empfinde. Es ist, als erlebte ich einen wunderbaren Traum.“

„Dann will ich mich auch freuen.“ Sie trat hinter ihre Tochter und löste die Kordeln des Fischbein-Mieders. „Du bist zu eng geschnürt, bei der Hitze bekommst du ja kaum Luft.“

„Ach, Mutter, bitte lasst es so. Gerade heute …“

Lady Frances legte ihr die Hand auf die Schulter und warf ihr im Spiegel einen liebevollen, aber entschiedenen Blick zu. „Duncan hat um deine Hand angehalten, nicht wahr? Du brauchst dich also nicht vor ihm zu verstecken. Es fehlte noch, dass du vor dem Altar in Ohnmacht fällst. Die Leute würden denken, dass du schwanger seist.“

Anschließend richtete sie den Rock aus, der Fionas Beine wie eine Glocke umgab. Entlang dem eckigen Ausschnitt, den gepufften Ärmeln und unterhalb der Taille war der elfenbeinfarbene Atlas mit Perlen bestickt, die wie Kaskaden hinunter auf den weit schwingenden Saum fielen. Vorsichtig ordnete ihre Mutter den Schleier, in den Myrtenblüten geflochten waren.

„So, nun können wir gehen.“

Angus übernahm an diesem Tag die Aufgabe des verstorbenen Vaters und geleitete seine Schwester zum Altar. Gemeinsam überquerte die Familie den St.-Giles-Square zu der gegenüberliegenden Kathedrale.

In den hohen Bronze-Kandelabern brannten weiße Kerzen, doch es hätte ihrer nicht bedurft, denn die Sonne, die durch die hohen Spitzbogenfenster schien, tauchte das dämmerige Kirchenschiff in ein sanftes Licht und warf Mosaikmuster in leuchtenden Farben auf den Steinfußboden. Die Stühle zu beiden Seiten des Gangs waren zum großen Teil besetzt. Fiona wusste um das Ansehen, das ihre Familie in der Stadt genoss, aber sie hätte nicht damit gerechnet, dass so viele Menschen dabei sein wollten, wenn sie den Bund fürs Leben schloss.

Als sie den ersten Schritt in das Kirchenschiff setzte, erhoben sich die Anwesenden. Brausend setzte die Orgel ein, während Fiona am Arm ihres Bruders langsam den Gang hinunterschritt. Am Altar wartete Duncan auf sie, festlich in ein Wams aus schwarzem Samt mit einer weißen Halskrause gekleidet. Er wirkte ungewohnt ernst und feierlich, doch seine Augen leuchteten auf, als sie neben ihn trat. Dann knieten sie nieder, während der Pfarrer den Traugottesdienst hielt.

Wie im Traum verließ sie an Duncans Arm das prächtige Gotteshaus. Draußen standen die Gäste Spalier, um den frisch Vermählten zu gratulieren. Blumenkinder streuten den Weg, während Fiona vorsichtig die Stufen herabstieg, darauf bedacht, nicht auf den Saum ihres Brautkleides zu treten.

Auf dem Vorplatz standen mehrere offene Wagen, mit Blumen und bunten Bändern geschmückt, die die Festgesellschaft zum Gut des Lairds bringen würden. In rascher Fahrt ging es durch Edinburghs Stadttor hinaus in die West Lothians, dem Gebiet, das sich der schottischen Hauptstadt anschließt. Fiona kannte die Strecke von früheren Besuchen, und ihr Blick schweifte über die sanfte Hügellandschaft, die so typisch für die schottischen Lowlands war. Die Weiden leuchteten in einem satten Grün, auf einigen grasten größere Schafherden. Gelegentlich tauchte ein Bauernhaus auf. Zufrieden sog sie den frischen Duft nach Blumen, Wiesen und Sommer ein.

Springfield tauchte auf. Ein weiß gekalktes Gutshaus mit einem runden Turm auf einer Seite, das von einer mannshohen Mauer umschlossen war. Davor floss der Bach, der dem Anwesen seinen Namen gegeben hatte. Auf den Wiesen, die es umgaben, blühten malvenfarbener Klee, Margeriten und leuchtendrote Pfingstrosen.

Die Wagen fuhren durch das hölzerne Eingangstor in den gepflasterten Innenhof, dessen Mittelpunkt ein Brunnen bildete. Auf der rechten Seite befand sich das Wohnhaus, auf der linken erstreckten sich die Ställe und ein Wirtschaftsgebäude. Duncan half Fiona über die kleine Leiter hinunter und drückte sie kurz an sich.

„Willkommen daheim“, sagte er leise, nur für sie verständlich.

Sie sah sich um. Der Hof war voller Menschen, die sie zum Teil kannte. Da war Colum MacGregor, der Steward des Anwesens, ein Mann in seinen Vierzigern mit einem klugen, besonnenen Gesicht. Hinter ihm scharte sich das Gesinde des Hauses. In einigem Abstand standen die Pächter mit ihren Familien, um diesen festlichen Tag mit ihrem Herrn zu feiern. Zwei große Bratspieße glänzten in der Sonne, und ein lieblicher Duft nach gebratenem Lamm und Schwein durchzog die Luft. Finlay, der junge Border Collie des Lairds, sprang zwischen den Menschen herum und schnupperte aufgeregt nach dem köstlichen Geruch.

Die Menschen umringten das Paar, um ihre Glückwünsche auszusprechen. Fiona bemerkte die Rührung in den Augen ihres Gemahls.

„Ich hätte nicht gedacht, dass sie sich so mit uns freuen“, sagte er.

Er hielt eine kurze, launige Rede, dann nahmen die Geladenen nach und nach an den aufgereihten Bänken Platz. Auf jedem der einfachen Holztische stand ein kleiner Strauß mit Feldblumen. Der erste Gang, bestehend aus Fleischpasteten, wurde serviert, und die Diener füllten die Becher mit Ingwerbier, das sie kurz zuvor aus dem Keller geholt hatten, damit es möglichst lange kühl blieb.

Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit konnte Fiona fast nichts essen. Das Glück schnürte ihr buchstäblich die Kehle zu. Ihr Blick wanderte über die Menschen im Innenhof, die ihr zu Ehren gekommen waren, über die weißen Gebäude, die, in einem Rondell aneinandergebaut, eine harmonische Einheit bildeten. Das Anwesen war ihr vertraut, da Duncan sie und ihre Familie im Laufe des vergangenen Jahres mehrmals eingeladen hatte. Doch jetzt erfüllte sie ein ganz neues Gefühl, während sie sich im Innenhof umschaute, in dem das lebhafte Stimmengewirr der Gäste widerhallte.

Seit heute war sie die Herrin von Springfield und dieses Anwesen ihr Zuhause.

Der Nachmittag verging rasch. Allmählich leerten sich die vollen Zinnplatten. Als die Mägde ovale Holzschalen mit süßem Plunderzopf servierten, ging ein zufriedenes Raunen durch die Reihen.

Fiona unterhielt sich mit der Frau eines Pächters. Auch Duncan wusste um seine Pflichten als Gutsherr und Gastgeber. Er setzte sich an jeden Tisch und plauderte mit den Gästen.

Jetzt kehrte er zu seinem Platz zurück. Seine Braut befand sich am anderen Ende der Tafel und unterhielt sich mit der Frau eines Pächters. Ihm selbst gegenüber saß Lady Frances. Er griff nach dem Krug und füllte ihren Becher, bevor er sich selbst einschenkte.

„Ich habe Euch noch nicht für den heutigen Tag gedankt, Mylady“, sagte er mit halblauter Stimme zu seiner Schwiegermutter. „Obwohl ich weiß, dass Ihr unserer Verbindung nicht aus ganzem Herzen zustimmt. Aber Ihr habt mein Wort, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun werde, um Eure Tochter glücklich zu machen.“

Lady Frances betrachtete ihn nachdenklich. Ein junger Mann, der hart arbeitete und für die Menschen sorgte, die ihm unterstanden. Der ihr Kind von ganzem Herzen liebte. Sie fühlte sich plötzlich verlegen bei dem Gedanken an ihren Standesdünkel. Sogar während der Trauung in der Kirche hatte sie noch mit dem Schicksal gehadert.

„Ihr dürft mich nicht missverstehen“, erwiderte sie fast entschuldigend. „Ich habe Euren Charakter immer geschätzt. Es ist nur – König François ist im letzten Dezember gestorben, und Mary wird bald aus Frankreich zurückkehren, um die schottische Krone zu übernehmen. Wir Frasers sind eine der ältesten Familien im Land, selbst wenn unsere Linie politisch unbedeutend ist. Aber mein Gemahl ist vor vierzehn Jahren gefallen, Anno 1547, als die Engländer versuchten, Mary zu entführen, um sie mit dem jungen König Edward zu verheiraten. Ich glaube, dass die Königin sich den Familien gegenüber erkenntlich zeigen wird, deren Männer ihr Leben für sie ließen. Es ist ein glücklicher Zufall, dass Fiona und die Königin im selben Alter sind, und ich hoffte sehr, dass sie eine Stelle bei Hof bekommen würde. Deshalb …“

„… wart Ihr enttäuscht, als sie sich dafür entschied, einen einfachen Laird zu heiraten und ihr Leben auf einem kleinen Gut zu verbringen“, ergänzte Duncan. „Das ist doch nur verständlich, jede Mutter würde so empfinden. Aber es ist ja noch nicht aller Tage Abend.“

Er nahm sich eine Scheibe Plunderzopf. „Die Königin muss zunächst in Schottland, das für sie im Grunde ein fremdes Land ist, Fuß fassen. Sie ist in Frankreich aufgewachsen und fühlt sich als Französin. Mary tritt ein schweres Erbe an: Seit John Knox vor ein paar Jahren die Reformation hier einführte, ist unser Land zerrissen. Marys Halbbruder James Stuart ist überzeugter Protestant, genau wie die Lords, die in ihren Domänen selbstherrlich regieren. Aber wir alle wissen, dass er die Krone niemals tragen wird, weil er unehelicher Herkunft ist – seine Mutter war eine Mätresse von König James V. Die Tatsache, dass Mary katholisch ist, erschwert die Lage natürlich.“

Er bemerkte den bewundernden Blick seiner Schwiegermutter und lächelte.

„Ihr seid überrascht, dass ich mich für Politik interessiere? Es ist nicht so, dass ich nicht über meine Schafherden und Kornfelder hinausdenken könnte.“

„Das habe ich auch nie angenommen“, beteuerte sie, nicht ganz der Wahrheit entsprechend.

„Was Euren Plan, Fiona eine Stelle bei Hof zu verschaffen, betrifft, so stelle ich mich dem durchaus nicht entgegen. Auch ich halte es für einen glücklichen Zufall, dass sie in demselben Alter wie die Königin ist. Eine Chance, die wir nicht ungenutzt verstreichen lassen sollten.“

„Ihr wärt also damit einverstanden, wenn sie eine Stelle bei Hof annähme?“, fragte Frances mit aufleuchtenden Augen.

Duncans Blick ging hinüber zu seiner Gemahlin, die sich jetzt mit Colum MacGregor unterhielt.

„Fionas Glück ist auch mein Glück“, antwortete er mit Wärme in der Stimme. „Doch ich möchte nichts überstürzen. Für sie hat ein neuer Lebensabschnitt begonnen – ebenso wie für die Königin. Mit der Zeit wird sich der richtige Weg finden.“

Er hob seinen Becher, um mit ihr anzustoßen. „Lasst uns auf die Zukunft trinken, Mylady.“

Die Schatten wurden länger, und allmählich verschwand die Sonne wie ein rotglühender Ball hinter den Hügeln der West Lothians. Die meisten jungen Leute hatten den Innenhof verlassen und tanzten auf der Wiese vor dem Anwesen, wo zwei Männer auf dem Dudelsack eine alte, volkstümliche Weise spielten. Es bildeten sich zwei Reihen, von denen je ein Mann und eine Frau in die Mitte traten, miteinander tanzten, dann den Partner wechselten und sich schließlich an das Ende der Reihe stellten. Inzwischen traten die nächsten beiden Paare vor.

Fiona summte die Melodie leise mit, während sie spürte, wie sich die Unruhe, die sie im Laufe des Nachmittags überkommen hatte, verstärkte. Sie fürchtete sich vor dem, was sie heute Nacht erwarten würde.

Sie erinnerte sich an die Küsse, die sie in der Zeit der Brautwerbung getauscht hatten, lange, innige Umarmungen, die in ihr die Sehnsucht nach mehr, nach etwas Unbekanntem geweckt hatten. Doch darüber hinaus war Duncan nie gegangen.

An einem Sonntag im Mai hatten sie einen Spaziergang zu Arthur’s Seat gemacht, dem grünen Hausberg von Edinburgh, der sich über den Dächern der Stadt erhebt. Nur sie beide allein. Er hatte sie in die Arme genommen und geküsst, immer wieder, und sie hatte sein Verlangen nach Erfüllung gespürt. Und gleichzeitig ein eigenes, süßes Begehren, das sie noch nie zuvor empfunden hatte.

„Liebes“, murmelte er. „Wenn du wüsstest, wie ich mich nach dir sehne. Doch ich will nicht – ich will das Schönste, das wir haben, nicht vorwegnehmen. Ich war so lange geduldig, nun werde ich diese kurze Zeit noch warten.“

Er hatte sie losgelassen und den Arm um sie geschlungen, während sie weiterwanderten.

An diesen Nachmittag dachte Fiona, als sie zu den Klängen des Dudelsacks tanzte. Duncan hatte ein Verlangen in ihr geweckt, und sie sehnte sich danach, seinen Körper zu spüren. Doch die Angst vor dem Fremden, Unbekannten ließ sich nicht verscheuchen.

Als die Dunkelheit vollständig hereingebrochen war, leerte sich der Innenhof allmählich. Die Pächterfamilien fuhren auf ihren Leiterwagen heim zu ihren Cottages, während die Gäste aus Edinburgh in Springfield übernachteten und den Heimweg morgen antreten würden.

Über dem Anwesen lag Stille. Selbst die Dienerschaft hatte sich zur Ruhe begeben. Am Arm ihres Gemahls stieg Fiona die Treppe in den ersten Stock zum Schlafgemach hinauf. Kerzenschein strahlte ihnen entgegen, als Duncan die Tür öffnete. Die blumenbestickten Vorhänge des Baldachin-Betts waren zurückgeschlagen. Der Holzfußboden war mit Blüten bestreut, und in der Luft hing ein feiner Duft nach getrockneten Rosen, Minze und Mädesüß.

Duncan zog seine Frau zu sich heran. „Komm“, flüsterte er.

Jetzt war er gekommen, der Moment, nach dem sie sich gesehnt und den sie gleichzeitig gefürchtet hatte. Langsam begann er sie zu küssen, seine Lippen bedeckten ihr Gesicht, er ließ sie weiter zu ihrem Hals und ihrem Dekolletee gleiten. Fiona fühlte seine warmen, kräftigen Hände auf ihrem Nacken, ihren Schultern, bis sie ihre Korsage erreicht hatten. Plötzlich hielt er inne und sah sie an.

In diesem Augenblick spürte Fiona seine Unsicherheit, die ihr selbst Mut gab. Sie stellte sich mit dem Rücken vor den Spiegel, und gemeinsam lösten sie die Schnüre der Korsage. Aus den Augenwinkeln sah er ihre bloße Haut im Schein der Kerzen schimmern.

Er hob sie hoch und legte sie auf das weiche Bett. Zögernd streichelte er ihre Brüste. Erst als er spürte, dass sie sich unter seinen Liebkosungen entspannte, wurden seine Bewegungen ruhiger, zuversichtlicher. Er stand auf und entkleidete sich selbst. Als er sich zu ihr legte, fuhr sie mit den Fingern durch sein dichtes, blondes Haar und lächelte.

„Ich liebe dich“, flüsterte sie.

Er umfasste sie zärtlich und streichelte sie erneut, ließ seine Hand über ihren Bauch gleiten und tiefer. Sie räkelte sich wohlig unter seinen Berührungen, während eine Wärme und eine nie gekannte Lust in ihr aufstiegen. Er verwöhnte sie, bis sie vor Sehnsucht zu vergehen glaubte. Endlich, als ein leises Stöhnen sie erfasste, bettete er ihren Kopf sanft auf das Leinenkissen und senkte sich über sie. Als er in sie drang, spürte sie einen kurzen, scharfen Schmerz und schrie leise auf. Er hielt inne und bewegte sich unendlich langsam, behutsam in ihr. Sie spürte seinen warmen, festen Körper, und der Wunsch nach Vereinigung schien den Schmerz auszulöschen. Sie nahm ihn in sich auf und betrachtete das Gesicht dicht über sich, die geschlossenen Augen mit dem jetzt völlig entspannten Ausdruck. Mit stetigen, sanften Bewegungen brachte er sie hinüber in das Reich der Sinnlichkeit, einer Welt, die nur ihnen beiden gehörte. Als der Höhepunkt kam, breitete sich eine wunderbare Wärme in ihr aus, und eine köstliche Entspannung durchströmte jede Faser ihres Körpers.

Später lagen sie nebeneinander, gesättigt und glücklich, als er sie noch einmal zu sich heran zog.

„War es schön?“

Sie nickte nur, denn ihr Herz war zu voll, um das Erlebte in Worte zu fassen. Sie schmiegte sich an seinen warmen Körper und atmete seinen männlichen Duft ein.

Er beugte sich über die Kerze, die auf einem Schemel neben dem Bett stand, und löschte die Flamme. Draußen kündigten die Vögel den kommenden Tag an, und ein erster grauer Streifen drang durchs Fenster. Fiona kuschelte sich an ihren Gemahl.

„Gute Nacht, Liebster“, murmelte sie mit schlafverschleierter Stimme.

Sanft strich er über ihre Wange. „Schlaf gut, mein Engel.“

2. KAPITEL

Wenn Fiona später an diesen ersten Sommer auf Springfield zurückdachte, schien es ihr, als habe jeden Tag die Sonne geschienen, als sei das Gutshaus von einem goldenen Licht umhüllt gewesen, das jeden Winkel in Wärme getaucht habe. Immer wieder ertappte sie sich bei dem Gefühl, ein Märchen zu erleben.

In den ersten Wochen lief sie fröhlich wie ein Kind treppauf, treppab und nahm jedes Zimmer in Augenschein. Als Herrin des Gutes oblag ihr auch die Verantwortung für das Gesinde. Das war ein ganz neues Gefühl, denn in ihrem Elternhaus hatte Lady Frances den Haushalt geleitet. Hier kümmerte sich Colum MacGregor, der Verwalter, um alles, was die Arbeit auf den Feldern und den Ställen betraf. Fiona merkte bald, dass ihr Gemahl dem Älteren weitgehend freie Hand ließ, was wesentlich zu der entspannten, fröhlichen Atmosphäre zwischen den beiden beitrug. Umgekehrt schätzte der Steward, der schon unter Duncans Vater gedient hatte, den Rat des jungen Lairds. Er traf keine wichtige Entscheidung, ohne ihn um Rat zu fragen.

Einige Wochen nach ihrer Hochzeit kam Colum mit einem dicken, ledergebundenen Buch in die Turmstube, in der Fiona ihr persönliches Reich eingerichtet hatte.

Er verbeugte sich leicht und legte das Buch auf den Tisch. „Hier trage ich immer die Einnahmen und Ausgaben ein, die den Wirtschaftsbereich betreffen, Madam. Bisher habe ich das Buch stets Sir Duncan übergeben. Aber er sagte mir, dies sei nun Eure Aufgabe.“

Fiona sah überrascht auf. Es erfüllte sie mit Stolz, dass ihr Gemahl dieses Vertrauen in sie setzte, und sie sagte es ihm auch.

„Zahlen sind ein Buch mit sieben Siegeln für mich“, fügte sie ein wenig unsicher hinzu. „Und doch überträgst du mir diese Verantwortung.“

„Du wirst es lernen“, erwiderte er zuversichtlich. „Die Zahlen eines Wirtschaftsbuches sind kein Hexenwerk – du wirst die Aufgabe schon meistern. Wenn du etwas nicht verstehst, frag mich oder Colum. Man kann nur durch Fragen lernen.“

Es war eine neue Welt, die Fiona erlebte, und sie genoss es, das unbekannte Territorium zu erobern und zu meistern. Das Schönste war, wenn sie nach einem ausgefüllten Tag neben ihrem Gemahl unter dem Baldachin lag und er sie zu sich heranzog. Wenn sie seine warmen Lippen auf ihrer Haut spürte, bittend und fordernd zugleich, die den Wunsch nach Erfüllung in ihr weckten. Geduldig, beharrlich steigerte er ihr Begehren, um es langsam in einem Liebesspiel zu stillen, das sie beide allmählich immer trefflicher beherrschten.

***

Im August gelangte die Kunde von Königin Marys Landung im Hafen von Leith auf das Gut. Sie zog im Palast von Holyrood ein, der vor den Toren Edinburghs lag. Anfang September war ein prachtvoller Umzug geplant, um die Bürger zu begrüßen und die Stadt offiziell in Empfang zu nehmen.

Fiona und Duncan fuhren zu diesem Zweck nach Edinburgh. Das Schlafgemach ihrer Mutter im ersten Stock ging auf den Marktplatz von St. Giles hinaus, und von dort hatte man den besten Blick auf die Prozession.

Fiona freute sich auf den Ausflug. Ihr Elternhaus schien ihr im ersten Moment ein wenig fremd, als sie es betrat, doch die alte Vertrautheit stellte sich rasch wieder ein. Gespannt wartete sie auf den Einzug der Monarchin, die sie noch nie gesehen hatte.

Der große Platz war dicht gedrängt mit Schaulustigen. Über der Menge wehten Wimpel mit der königlichen Standarte: Zwei goldene Lilien auf blauem Hintergrund auf der linken Seite – von der die zweite als Symbol ihrer Witwenschaft nur halb abgebildet war – und ein roter Löwe auf der rechten.

Die königliche Sänfte kam in Sicht. Sie hielt auf der Mitte des Platzes. Begleitet von den Hochrufen des Volkes, stieg die Monarchin aus und wandte sich Archibald Douglas of Kilspindie, dem Oberbürgermeister der Stadt, zu, der sie mit einer Verneigung begrüßte. Fiona beugte sich weit über die Brüstung des Fensters, um jede Einzelheit erkennen zu können.

Es war eine ungewöhnlich große, schlanke Frau, die die Würdenträger der Stadt huldvoll begrüßte. Sie trug eine Robe aus rotem und goldenem Brokat, die mit Rubinen und Perlen bestickt war. Über dem weißen Rüschenkragen erhob sich ein feingezeichnetes, auffallend schönes Gesicht. Eine Fülle kastanienbrauner Locken fiel unter dem goldenen Diadem hervor.

„Ob ihr die Rückkehr nach Schottland wohl schwer gefallen ist?“, meinte Fiona, mehr zu sich selbst.

„Ganz bestimmt“, antwortete ihre Mutter, die den Trubel an Fionas Seite verfolgte. „Sie war ja erst acht Jahre alt, als ihre Mutter, Marie de Guise, sie über die Irische See an den französischen Hof geschickt hat. Sie wollte ihre Tochter damit vor Henry VIII. retten, der sie sonst an den englischen Hof hätte entführen lassen. König Henry plante damals eine Heirat zwischen Mary und seinem eigenen Sohn, dem englischen Thronfolger und späteren Edward VI., sobald die beiden im heiratsfähigen Alter sein würden.“

„Das war doch eine gute Idee“, wandte Fiona ein. „Eine Ehe zwischen den beiden hätte endlich Frieden zwischen Schottland und England geschaffen.“

„Eigentlich ja. Aber Henry hatte in dem Ehevertrag eine bedenkliche Klausel eingefügt“, mischte sich Angus ein, der hinter ihnen stand und das Geschehen auf dem Platz über ihren Köpfen hinweg verfolgte. „Schottland sollte auf jeden Fall unter englische Herrschaft fallen, selbst wenn Mary vor der Eheschließung sterben sollte. Marie de Guise fürchtete mit Recht, dass ihre Tochter im fernen London eines unnatürlichen Todes sterben könnte und der Thronfolger Edward dadurch für eine andere vorteilhafte Heirat frei sein würde. Sie traute Henry alles zu – schließlich hatte er zwei seiner sechs Ehefrauen hinrichten lassen. Am französischen Hof dagegen war Mary sicher.“

„Ich denke, ein Arrangement mit dem französischen König war Marie de Guise ohnehin sympathischer als eine englische Heirat“, fügte die Mutter hinzu. „Zwar hat sie Henry nie persönlich kennengelernt, aber sein Ruf als furchterregender Gemahl ging ihm ja voraus. Nach dem Tod seiner dritten Gattin hielt er um ihre Hand an. Sie lehnte seinen Antrag mit der Begründung ab, dass sie nur einen sehr kleinen Hals habe – in Anspielung auf Anne Boleyns trauriges Ende.“

Alle lachten.

„Abgesehen davon war Marie de Guise selbst Französin“, fuhr Frances fort. „Henry starb im Januar 1547, und stellvertretend für den jungen Edward VI. regierte der Duke of Somerset. Er führte Henrys Plan aus und schlug unsere Truppen vernichtend bei Pinkie Cleugh.“

Sie presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Fiona wusste, was in ihr vorging. Nie würde sie den Engländern diese Schlacht verzeihen, die ihr den geliebten Gemahl geraubt hatte.

„Sicher wäre Mary niemals hierher zurückgekehrt, wenn François nicht gestorben wäre“, mischte sich Duncan ein. „Als Witwe gab es für sie keinen Grund mehr, in Frankreich zu bleiben, und Schottland braucht seine Königin.“

Sie beobachteten, wie der Bürgermeister der Monarchin ein rotes Samtkissen überreichte, auf dem ein goldener Schlüssel lag. Mary dankte ihm und wandte sich an die Zuschauer.

„Liebe Bürger von Edinburgh“, begann sie mit klarer, angenehmer Stimme. „Ich freue mich sehr über den herzlichen Empfang, den ihr mir heute in eurer schönen Stadt bereitet. Ich hoffe, euch eine ebenso gute Monarchin zu werden wie meine selige Mutter und mein sehr geschätzter Bruder, der die Geschicke dieses Landes bisher für mich so vorbildlich geleitet hat. Möge Gott meine Herrschaft segnen, zu eurem Wohl und zum Wohle Schottlands!“

Begeisterter Applaus brandete auf.

„Achtzehn Jahre – das ist sehr jung für die große Verantwortung, die sie trägt.“ Lady Francesʼ Augen glänzten verdächtig. „Ich wünsche ihr eine lange, glückliche Regierungszeit.“

Der Rest der Rede ging immer wieder im Jubel der Zuhörer unter. Anschließend dankte Archibald Douglas of Kilspindie der Königin in einer Ansprache für ihre Worte. Dann setzte sie sich wieder in ihre Sänfte, und der Zug setzte sich weiter fort in Richtung Edinburgh Castle, des mittelalterlichen Stadtschlosses, wo der Festakt mit einem Bankett für die Ratsherren mit ihrer Königin enden würde.

Die Zeremonie war beendet.

„Lasst uns einen Spaziergang machen, das Wetter ist so herrlich“, schlug Fiona vor.

Gesagt, getan. Wenig später verließ die Familie das Haus. Die Menge auf dem St.-Giles-Square hatte sich inzwischen ein wenig verlaufen, doch die Straßen und Gassen waren belebt. Vor den Häusern hatten sich zahlreiche Buden postiert, deren Besitzer mit lauter Stimme gebrannte Nüsse und kandierte Früchte anboten, und aus den geöffneten Türen der Garküchen drang ein appetitlicher Duft nach gebratenem Fleisch. Eine fröhliche Stimmung lag zwischen den hohen, schmalen Häusern.

Die Bürger von Edinburgh, denen sie über den Weg liefen, wirkten gelöst und waren offensichtlich stolz auf ihre junge, strahlende Königin, deren Schönheit ihren Ruf noch übertraf. Heute wollte niemand daran denken, dass ihr katholischer Glaube neue Konflikte für Schottland bedeutete, das erst vor wenigen Jahren zum Protestantismus übergetreten war. Heute wollten die Menschen feiern.

Eingehakt zwischen ihrem Gemahl und ihrer Mutter schlenderte Fiona durch die High Street, bis sie zu der Brücke des Flusses Water of Leith kamen, der durch die schottische Hauptstadt fließt. Sie ließen sich am Ufer nieder, dem sich eine schmale Wiese anschloss, auf der auch andere Familien den warmen Spätsommerabend genossen.

Fiona schmiegte sich an ihren Mann. Sie schloss die Augen und atmete den angenehmen, vertrauten Geruch seiner Haut ein, der sie an den Sommer und die Felder erinnerte, die sich hinter Springfield erstreckten. Er legte den Arm um sie, und seine Hand strich zärtlich über ihre geflochtenen Zöpfe.

„Woran denkst du?“, fragte er.

„Dass ich um nichts in der Welt mit der Königin tauschen möchte“, antwortete sie nachdenklich. „Gewiss, sie lebt in Holyrood Palace, trägt prunkvolle Gewänder und das Volk verehrt sie, weil sie nicht nur unsere Herrscherin, sondern auch jung und sehr schön ist. Aber unser Land ist doch seit der Reformation zerrissen. John Knox hat vor ein paar Jahren den protestantischen Glauben eingeführt, und die meisten großen Familien sind konvertiert. Aber Mary ist katholisch, wie es am französischen Hof Sitte ist. Und es gibt natürlich auch hier Familien, die der katholischen Kirche in Rom noch anhängen.“

Duncan nickte und blickte auf den Fluss, der in silbrigen Wellen durch sein Bett floss. „Möglicherweise wird es wieder zu religiösen Auseinandersetzungen kommen.“

„Sie ist gerade verwitwet“, fuhr Fiona fort. „Und natürlich muss sie wieder heiraten. Schottland braucht schließlich einen Erben. Sie kann nicht ihrem Herzen folgen, sondern muss nach dynastischen Standpunkten entscheiden. Ich dagegen“, sanft strich sie über seine Wange, „durfte den Mann heiraten, den ich liebe.“

Duncan nahm ihre Hand und küsste sie. „Ich werde alles tun, um dich glücklich zu machen“, antwortete er halblaut, nur für sie verständlich. „Ein Leben lang.“

***

Allmählich ging der Sommer in einen goldenen Frühherbst über. Die Oktobersonne schien warm über die abgeernteten Felder, doch die Abende brachen früh herein, und die Nächte wurden kälter.

Es war die Zeit der Apfelernte. Die Bäume auf der Wiese, die sich hinter dem Garten des Gutshauses anschloss, waren schwer von den roten und gelben Früchten, die das Gesinde in hohen Weidekörben erntete. In der großen Gutsküche wurde das Obst unter Fionas Aufsicht zu Kompott eingeweckt oder zu Mus gekocht, der in Tongefäßen im Keller lagerte. Ein Teil der Ernte wurde zur Apfelmost verarbeitet und in Lederschläuche gefüllt. Die Tage waren ausgefüllt mit Arbeit, und die Mägde mussten sich sputen, um das immer kürzer werdende Tageslicht zu nutzen. Doch es lag eine fröhliche Stimmung über dem Haus, da alle wussten, dass die Vorräte bis weit ins nächste Jahr reichen würden. Zudem bildete die Apfelernte den Abschluss der meisten landwirtschaftlichen Arbeiten, und die kommenden Wintermonate würden mehr Ruhe und Beschaulichkeit bringen.

Als der November die West Lothians in dichte, feuchte Nebelschleier hüllte, zog sich Fiona gerne in die Turmstube zurück. Sie lag im zweiten Stock, ein gemütlicher, halbrunder Raum, von dem aus sie auf die Felder und Wiesen blicken konnte, die um diese Jahreszeit allerdings häufig in einem undurchdringlichen Nebel verborgen blieben.

Duncans Mutter hatte die Stube einst bewohnt, und vor dem Kamin stand noch der alte, mit abgewetzter, grüner Serge bezogene Lehnstuhl, in dem die verstorbene Herrin von Springfield viele Stunden verbracht hatte. Über den Kaminsims hängte Fiona einen selbst gestickten Wandbehang, der ein Einhorn im Wald darstellte. Die Holzdielen bedeckte ein Bärenfell, und in der Nähe des Fensters stand ein Tisch, auf dem nun das Wirtschaftsbuch lag. Außerdem hatte Fiona ihren Stickrahmen von zu Hause mitgebracht, ein tischähnliches Holzgestell, in das statt einer Platte der Stoff eingespannt wurde.

Nicht nur Duncan, der in der dunklen Jahreszeit mehr freie Zeit hatte, verbrachte die Nachmittage hier gerne. Auch der Border Collie Finlay gesellte sich oft zu ihnen. Das Tapsen seiner Pfoten auf den ausgetretenen Steinstufen, die in den zweiten Stock führten, kündigte sein Kommen stets an. Leise kratzte er an der geschlossenen Tür, die im Winter der Zugluft wegen meist geschlossen blieb. Wenn Fiona ihm öffnete, rieb er dankbar seinen Kopf an ihrem Rock, bevor er gemächlich hereintrottete. Wachsam blickte er zu seinem Herrn hinüber, dann ließ er sich mit einem zufriedenen Seufzer vor dem Kamin nieder.

Anfangs drohte Duncan ihm noch scherzhaft mit dem Finger. „Du brauchst dich gar nicht häuslich hier niederzulassen, Bursche. Wir brauchen kein Schoßhündchen, dein Platz ist draußen im Hof.“

Das kluge Tier sah ihn aufmerksam aus seinen dunklen Augen an, dann war sein bittender Blick zu Fiona gewandert. Sie strich zärtlich über sein dichtes, schwarz-weißes Fell.

„Lass ihn hier bleiben“, bat sie. „Bei dem Wetter sitzt er auch lieber im Warmen, und er ist doch so brav.“

Und dabei blieb es.

***

Nach den Weihnachtsfeierlichkeiten, die traditionell am 6. Januar, dem Tag der Heiligen Drei Könige, endeten, brachte Angus eine frohe Nachricht: Es war ihm gelungen, eine Audienz bei der Königin für seine Schwester zu erwirken.

Duncan verbarg seine Freude nicht. „Das ist der Anfang unseres Glücks“, prophezeite er. „Eines Tages werden wir zu den ersten Familien Schottlands gehören.“

„Wir sind doch sehr glücklich hier. Und würdest du wirklich Springfield gegen ein Leben bei Hof eintauschen?“, fragte Fiona ungläubig.

Sie kannte seinen Fleiß, sein Pflichtbewusstsein. Er führte seinen Besitz in vorbildlicher Weise. Die Schafe waren prächtige, wohlgenährte Tiere, und obgleich er nicht mit Reichtum gesegnet war, befanden sich die Wohngebäude und Stallungen in einem gepflegten Zustand. Stets hatte er ein offenes Ohr für die Anliegen seiner Pächter. Oft saß er bis tief in die Nacht an dem grob gezimmerten Tisch in seinem Verschlag und beriet sich im Schein des rauchenden Kienspans mit Colum, wie sie die Ernte steigern oder den Schafbestand erhöhen könnten.

Er nickte. „Ich habe Springfield geerbt, aber obwohl ich hart dafür arbeite, sehe ich es nicht als mein Vermächtnis an. Ich will nicht mein Leben lang ein besserer Bauer bleiben. Darauf habe ich deiner Mutter auch gewissermaßen mein Wort gegeben. Ich möchte es den großen Familien, den Ruthvens, Mortons, Douglasʼ und anderen gleichtun. Auf meinem Gut bleibe ich nicht mehr als der Laird, geachtet von seinen Untergebenen, aber unbedeutend. Nur bei Hof haben wir die Möglichkeit, eine einflussreiche Position zu gewinnen und aufzusteigen.“

Er nahm ihre Hände und küsste sie. „Da ist noch etwas anders. Wenn Gott uns einen Sohn schenkt – und wir werden bestimmt bald ein Kind bekommen – würde die Königin vielleicht die Patenschaft übernehmen. Sie ist für ihre Großzügigkeit bekannt. Etwas Besseres könnte uns nicht passieren.“

Fiona wusste, dass er sich mehr als alles andere ein Kind wünschte und war beseelt von dem Wunsch, schwanger zu werden. Ein Baby würde ihr Glück vollkommen machen.

Doch jetzt wandten sich ihre Gedanken dem bevorstehenden Ereignis zu. „Ich brauche ein neues Gewand für meine Vorstellung bei Hof.“

3. KAPITEL

Es war ein kalter, trockener Tag Ende Januar, als Fiona sich auf den Weg zum Holyrood Palace machte. Ein weiß-grauer Himmel lag über Edinburgh, und einzelne Schneeflocken wirbelten durch die Luft. Der Boden war hart gefroren, doch Ian, der junge Knecht auf Springfield, lenkte die Kutsche ohne Mühe über die glatte Straße, die durch die West Lothians vom Gut nach Edinburgh führte.

Fiona schloss den Ledervorhang, der das Innere der Kutsche vor Zugluft schützte, und hüllte sich in die Felldecke, die in den kalten Monaten dort bereitlag. Sie lehnte gegen den Rücken der harten Holzbank und schloss die Augen. Ihr Herzklopfen schien sich zu verstärken, je näher sie ihrem Ziel kamen.

Die königliche Residenz Holyrood lag vor den Toren der Stadt, umgeben von einem großen, waldähnlichen Park. Sie war während der rauen Brautwerbung, die Henry VIII. um Mary führte, zerstört worden. Die Bürger von Edinburgh würden niemals die Nacht im März 1544 vergessen, als die Truppen des Earls of Hertford in ihre Stadt eindrangen und einen großen Teil der Gebäude in Brand steckten. Dies vollbracht, ritten die englischen Soldaten hinaus nach Holyrood, zündeten den Palast an und plünderten die dazu gehörende Augustiner-Abtei. Doch sobald der Feind abgezogen war, ließ Marie de Guise ihr Schloss und die schottische Hauptstadt wieder aufbauen.

Fiona hatte keine Erinnerung mehr an diese Ereignisse, doch sie waren ihr aus vielen Erzählungen vertraut, denn der Überfall auf ihre Stadt lebte im Gedächtnis der Menschen weiter.

Wenigstens sind wir jetzt vor den Engländern sicher, dachte sie. Henry ist tot, und seine Tochter, Königin Elizabeth, ist für ihre friedliebende Einstellung bekannt.

Die Kutsche fuhr durch das Eingangstor. Fiona schob den Ledervorhang ein wenig beiseite und betrachtete den Park, der sich zu ihrer Rechten erstreckte. Die Natur lag im Winterschlaf, die kahlen Bäume hoben sich gegen den wolkenverhangenen Himmel ab. Über den Ästen und der Erde lag Raureif wie eine hauchdünne, glitzernde Zuckerschicht, und gelegentlich tauchte ein Stechpalmenbusch in glänzendem Dunkelgrün mit leuchtendroten Beeren auf. Über dem Anwesen herrschte Stille, die nur vom dem Zwitschern der Rotkehlchen und Amseln unterbrochen wurde.

Der Palast erhob sich vor Fionas Augen. Ein majestätischer Bau aus graubraunem Sandstein, flankiert von zwei Rundtürmen zu jeder Seite. Nichts erinnerte mehr an die Verwüstung der Engländer vor siebzehn Jahren. Hohe Fenster durchbrachen die strenge Fassade, von denen einige trotz der fahlen Wintersonne erleuchtet waren.

Ian bremste die Pferde auf dem großen Vorplatz vor dem Hauptportal. Ein Wachmann kam, öffnete den Schlag und half der jungen Frau beim Aussteigen.

„Ihre Majestät erwartet Euch, Mylady.“

Gemeinsam betraten sie die Eingangshalle. Geblendet von dem Glanz, der sie umgab, blieb Fiona stehen. Ein riesiger, offener Raum mit breiten Granitsäulen umfing sie. Auch hier standen Palastwachen. Hohe, schmiedeeiserne Kandelaber mit einer Vielzahl von Kerzen erhellten den Raum und sorgten für ein wenig Wärme. Eine junge Frau in Fionas Alter trat auf sie zu.

„Im Namen der Königin heiße ich Euch in Holyrood willkommen, Madam. Mein Name ist Lettice Bothwell, ich bin Hofdame bei Ihrer Majestät. Wenn Ihr mir bitte folgen möchtet.“

Sie gingen einen langen, holzgetäfelten Gang entlang, der in einer hohen Tür aus dunklem Eichenholz mündete, die von einem Palastwächter flankiert wurde. Die beiden Frauen betraten einen kleinen, gemütlich eingerichteten Raum. Ein türkischer Teppich mit filigranen Ornamenten verschluckte jeden Laut ihrer Schritte. Über dem steinernen reichverzierten Kamin hing ein Porträt von Marys Vater, James V. An dem bleiverglasten Fenster, das auf den Park hinausging, saß die Königin auf einem hohen, mit dunkelrotem Brokat gepolsterten Stuhl, eine Stickarbeit auf dem Schoß. Ihr gegenüber saß eine andere Hofdame, die ein Körbchen mit verschiedenen bunten Garnen hielt.

„Euer Gnaden, Mistress Fiona Sanderton ist da“, meldete Lettice Bothwell.

Die Königin legte ihre Arbeit beiseite, erhob sich und streckte Fiona die Hand entgegen.

„Meine Liebe, ich freue mich, Euch kennenzulernen.“ Sie wandte sich zu der Dame im Fenster. „Dies ist Lady Seton, eine der vier Damen, die von Kindheit an zu meinem Gefolge gehören.“

Ihre Stimme war weich und melodisch, nur ein leichter Akzent verriet ihre französische Muttersprache. Die Nachmittagssonne beleuchtete ihr Gesicht. Fiona hielt den Atem an. Beim Einzug der Königin in Edinburgh im letzten September hatte sie deren Gesicht von ihrem Platz im ersten Stock ihres Elternhauses nicht genau erkennen können. Der Königin ging der Ruf großer Schönheit voraus, und tatsächlich hatte Fiona noch nie in so liebliche Züge geschaut.

Das Auffallendste war ihre Größe. Fiona war selbst hoch gewachsen, doch sie schätzte die Königin auf fast sechs Fuß. Damit überragte sie alle Geschlechtsgenossinnen und den größten Teil der Männer. Eine Robe aus hellblauer Seide umschloss ihre mädchenhaft schlanke, grazile Taille. Ein hoher, schneeweißer Rüschenkragen umgab das fein geschnittene Gesicht mit dem kleinen, energischen Kinn. Ihre Haut war rein und weiß wie die Blütenblätter einer Lilie und bildete einen wunderbaren Kontrast zu den großen, bernsteinfarbenen Augen. An diesem Nachmittag trug sie keine Kopfbedeckung, und ihr volles, kastanienbraunes Haar wurde von perlenbesetzten Kämmen zurückgehalten.

Fiona war froh, dass Duncan auf einer Robe aus hellbraunem Brokat, verbrämt mit einer goldfarbenen Borte am Saum, bestanden hatte. Sie selbst hätte sich mit einem schlichteren Stoff begnügt, der in dieser eleganten Umgebung zu bescheiden gewirkt hätte.

„Darf ich Euch eine Erfrischung anbieten?“, fuhr Mary fort.

Fiona hatte vor Anspannung den ganzen Morgen nichts essen können, und auch jetzt verspürte sie nicht den geringsten Hunger. Doch sie wagte nicht, abzulehnen.

Vor dem Kamin befand sich ein kleiner, mit einem bunten Läufer bedeckter Tisch. Ein Diener servierte Rosinenkuchen und warmes Bier. Auf einen Wink der Königin verließ Lady Seton das Zimmer.

„Setzt Euch und stärkt Euch!“, forderte die Königin ihren Gast auf. „Nach der Fahrt in der kalten Kutsche müsst Ihr durchfroren sein.“

Fionas klamme Finger umfassten dankbar den silbernen Becher mit dem heißen Bier. Es schmeckte köstlich nach Honig, Zimt und Gewürznelken. Bald spürte sie, wie eine angenehme Wärme in ihre Glieder drang.

„Erzählt mir ein wenig von Euch“, sagte Mary freundlich. „Ich habe gehört, dass Eurer Vater in der Schlacht bei Pinkie Cleugh den Heldentod für uns gestorben ist.“

Fiona nickte. „Meine Mutter hat mir oft davon berichtet. Ich selbst kann mich leider kaum noch an ihn erinnern.“

„Dann geht es Euch wie mir“, erwiderte die Königin. „Ich war sechs Tage alt, als mein Vater seinem Fieber erlag. Er wurde nur dreißig Jahre alt. Meine Mutter sagte oft, dass die Sorgen, die ihm Henry VIII. und die rebellischen, schottischen Lords bereiteten, seine Gesundheit aufzehrten.“

Sie seufzte leicht. „Leider blieb auch meiner Mutter und mir nicht viel Zeit miteinander vergönnt.“ Sie hielt einen Moment inne. „Ich erinnere mich noch genau an den Abschied. Meine Mutter umarmte mich immer wieder und wollte mich nicht loslassen. Ich habe die Tragweite dieses Tages damals nicht verstanden, aber ich war traurig, weil sie weinte.“

„Habt Ihr sie nach Eurer Reise nach Frankreich noch einmal gesehen?“

„Ja, sie besuchte mich im September 1550 und verbrachte fast ein Jahr am französischen Hof. Das war unsere glücklichste Zeit zusammen.“ Ein Schatten ging über das ebenmäßige Gesicht. „Als sie im Juni vor zwei Jahren starb, konnte ich nicht bei ihr sein. Aber das ist das Los der Monarchen. Sie müssen ihrer Pflicht gehorchen.“

Sie warf einen Blick auf Fionas Teller. „Ihr esst ja gar nichts. Nehmt doch ein wenig von dem Rosinenkuchen.“

Der Kuchen war reich gefüllt mit getrockneten Früchten und schmeckte süß und köstlich. Fiona spürte, wie ihr Appetit allmählich zurückkehrte.

Der kurze Nachmittag verging mit angenehmem Plaudern. Ein Diener brachte einen silbernen Leuchter mit zwei Kerzen, der das dämmerige Gemach in ein angenehmes Licht tauchte.

„Euer Bruder, der Advokat, deutete an, dass Ihr Euch um eine Position in meinem Haushalt bemüht“, bemerkte die Königin.

„Wenn es möglich wäre – ich könnte mir keine größere Ehre vorstellen“, antwortete Fiona.

„Es würde gut passen“, erwiderte Mary freundlich. „Ich habe natürlich meinen Hofstaat aus Frankreich mitgebracht, doch eine Ehrendame könnte ich noch in meinem Gefolge gebrauchen. Indessen sehe ich eine Schwierigkeit – Ihr seid jung verheiratet und wollt Euch gewiss von Eurem Gemahl nicht trennen?“

Es war durchaus nicht ungewöhnlich, dass Ehepaare getrennt lebten, wenn einem von beiden das Glück winkte, eine der begehrten Positionen bei Hof zu erringen. Doch Fiona wollte sich nicht für alle Schätze der Welt von Duncan trennen. Dankbar sah sie die verständnisvolle Monarchin an.

„Er strebt ebenfalls einen Posten bei Hof an – wenn es sich irgendwie einrichten lässt.“

Die Monarchin schüttelte bedauernd den Kopf. „Zurzeit sehe ich leider keine Möglichkeit. Doch ich werde mit meinem Halbbruder sprechen. Früher oder später wird immer eine Stelle in seinem Gefolge frei, und ich vergesse Euch nicht.“

Sie ergriff die silberne Glocke, die auf dem Kaminsims stand, und klingelte. Wenig später trat Lettice Bothwell ein, die Hofdame, die Fiona empfangen hatte. Die Königin reichte ihrem Gast die Hand zum Kuss.

„Es hat mich sehr gefreut, Eure Bekanntschaft zu machen, Lady Sanderton. Ich hoffe, Euch bald wieder hier begrüßen zu dürfen.“

Fiona versank in einer Reverenz. Als sie sich erhob, sah sie die Monarchin direkt über sich. Die regelmäßigen, wie gemeißelten Züge schimmerten im warmen Schein der Kerzen.

Die Dunkelheit hatte sich über Holyrood gesenkt. Ian wartete mit der Kutsche auf dem Vorplatz und half ihr die Stufen der kleinen Trittleiter hinauf. Das Innere des Wagens war eisig, und Fiona hüllte sich fröstelnd in das Fell. Dennoch schob sie den Ledervorhang ein wenig zurück, denn es war drinnen inzwischen genauso kalt wie draußen. Die Nacht war mondlos, aber sternenklar, und der Himmel wölbte sich wie ein riesiges, diamantenbesetztes Samttuch über das Land. Der Park wurde von Fackeln erhellt, die den Weg in gelegentlichen Abständen säumten, und Fiona beobachtete, wie die rotgelben Flammen sich lodernd gegen den schwarzen Hintergrund abhoben.

Fiona schob den Vorhang wieder vor, schloss die Augen und lehnte sich auf der harten Bank zurück. Im Geist zog der Nachmittag an ihr vorüber. Sie fühlte sich freudig erregt. Was für eine wunderbare Frau die Königin ist, dachte sie.

Zu Hause wartete Duncan schon in der Turmstube auf sie. Als sie eintrat, prasselte im Kamin ein Feuer, und ein würziger Duft nach brennendem Torf durchzog die Luft. Müde setzte sie sich auf den alten Lehnstuhl, während er Platz auf einem Schemel nahm und ihrem Bericht aufmerksam lauschte. Nachdem sie geendet hatte, drückte er sie fest an sich.

„Meinen Glückwunsch. Das hast du großartig gemacht.“

„Ich habe doch gar nichts getan“, wehrte sie ab.

In seinen blauen Augen lag wieder dieses Leuchten, das sie noch bei keinem anderen Menschen gesehen hatte. Ein Blick voller Liebe, mit der er nur sie bedachte.

„Natürlich hast du das. Sei nicht so bescheiden, mein Herz. Oder glaubst du, die Königin würde ihre Gunst an jeden Bittsteller verschwenden, der sich darum bemüht? Du hast offensichtlich einen glänzenden Eindruck bei ihr hinterlassen. Irgendwann wird eine Position für mich frei werden. Dann übertrage ich Colum die Verantwortung für Springfield, und wir beide leben am Hof.“

***

Bald darauf setzte ein lang anhaltender Regen ein, der dafür sorgte, dass die Bewohner das Gut nicht mehr verlassen konnten. Die Straße nach Edinburgh verwandelte sich in einen braunen Schlamm und wurde für mehrere Wochen unpassierbar. Erst Mitte April, als der Frühling Einzug hielt, konnte Fiona ihre Mutter wieder besuchen.

Das Wetter war angenehm mild, so dass sie auf einen Wagen verzichtete und den Weg in Begleitung von Ian zurücklegte. Die West Lothians lagen im Frühlingsschmuck. Die Hügellandschaft leuchtete grün, und an den Birken, Eichen und Buchen wuchsen zarte Knospen. Auf den saftigen Weiden grasten die Schafe friedlich vor sich hin, und gelegentlich entdeckte Fiona ein Bauernhaus in der Ferne. Die Sonne schien warm von einem blassblauen Himmel, und ein leichter Wind trieb die federbuschartigen Wolken vor sich her.

Die graue Stadtmauer von Edinburgh tauchte auf. An der Seite von Ian passierte sie West Port, das westliche Tor der Stadt, danach ritten sie weiter durch den Stadtteil Cow Gate, bogen beim Meat Market ab und erreichten den St.-Giles-Square. In der Nähe der Kathedrale, zu ihrer Rechten, befand sich das Mercat Cross, ein Kreuz, das auf einem Steinsockel stand. Es wurde gerne für öffentliche Reden und Bekanntmachungen genutzt. Auch heute stand dort ein Mann, den Fiona sofort erkannte: Es war der Reformator John Knox. Sein Talar wehte leicht im Wind, und er trug eine schwarze Kappe, die ihn als Gelehrten auswies. Sein langer, grauer Bart wallte auf die Brust herab. Eine Gruppe von Zuhörern umstand das Kreuz und lauschte mit offensichtlicher Aufmerksamkeit.

Nicht nur in Edinburgh, sondern im ganzen Königreich genoss der strenge Geistliche großes Ansehen. Er galt als der Wegbereiter der neuen Religion. Viele Schotten verehrten ihn wie einen Heiligen. Aus diesem Grund versuchte die Königin, sein Wohlwollen zu erringen, doch bisher vergeblich. Als Katholikin verkörperte sie gerade die Lebensfreude, die Knox als „lasterhaftes Treiben“ verurteilte.

Denn Toleranz anders Denkenden gegenüber gehörte nicht zu den Eigenschaften dieses streitbaren Gottesmannes. Fiona erinnerte sich noch gut an seine feindseligen Predigten aus der Zeit, in der sie zu Hause gewohnt hatte, denn Knox war der Pfarrer der St.-Giles-Kathedrale. Er vereinte die düsteren Botschaften eines Propheten aus dem Alten Testament mit der Kampfbereitschaft eines Kreuzritters. Aufmerksam verfolgte Fiona das Geschehen auf dem Platz.

„Die Königin hat uns Glaubensfreiheit zugesichert“, rief Knox mit schallender Stimme. „Doch was wird aus unserem Land, wenn ein katholischer König es regiert? Er wird die protestantische Religion unterdrücken, und Mary wird ihn dabei unterstützen. Wollt Ihr das, Bürger von Edinburgh? Wollt Ihr von einem Papisten regiert werden, wollt Ihr Scheiterhaufen auf diesem schönen Platz lodern sehen?“

Beifälliges Gemurmel kam nach diesen Worten aus den Reihen der Zuschauer.

Er sät Hass, dachte Fiona zornig, während sie ihr Pferd rasch weiterlenkte.

Als Thomas sie später in den Salon ihres Elternhauses führte, fand sie dort bereits einen Gast vor: Auf dem grünen Läufer stand ein etwa zweijähriger Junge, der sich mit Mühe auf seinen kurzen, strammen Beinchen aufrecht hielt. Ihre Mutter warf ihm einen kleinen Ball aus weichem Leder zu. Sie zielte dabei so geschickt, dass der Kleine ihn mühelos fing. Er lachte fröhlich auf und rannte mit dem Ball weg, als wollte er ihn verstecken.

„Das ist Johnny“, stellte Frances ihren jungen Gast vor. „Er gehört den Nachbarn, die im November im Haus nebenan eingezogen sind. Komm, Johnny, gib mir den Ball!“

Der Kleine schüttelte lachend den Kopf und kauerte hinter einen Schemel, hinter dem er schelmisch hervor lugte. Offensichtlich fühlte er sich heimisch im Wohngemach.

„Was geht denn da draußen vor sich?“ Fiona war in Gedanken noch auf dem Vorplatz. Sie ging zum Erker und schloss das halbgeöffnete Fenster, denn die gewaltige Stimme des Reformators drang in den Raum, auch wenn seine Worte nicht zu verstehen waren.

Die Mutter zuckte die Schultern. „Bei Hof ist die Rede von einer Heirat zwischen der Königin und Don Carlos, dem spanischen Thronfolger. Jedenfalls hat der spanische Gesandte diesbezügliche Verhandlungen mit Madrid eingeleitet. Master Knox ist außer sich bei dem Gedanken, dass unser Land unter den Einfluss eines katholischen Königs kommen könnte. Er malt den Teufel schon an die Wand, dabei ist noch gar nichts entschieden.“

„Don Carlos?“, wiederholte Fiona erstaunt. „Sein Vater, Philipp II. von Spanien, soll der mächtigste König Europas sein. Aber dafür müsste Mary Schottland ja verlassen und in Madrid leben. Wer würde unser Land dann regieren?“

„Ihr Bruder James Stuart, er hat ja auch vor ihrer Ankunft als Regent über uns geherrscht“, antwortete Frances. „ Aber die Angelegenheit ist noch nicht spruchreif. Es gibt noch einige andere Heiratskandidaten, doch Don Carlos wäre wohl die glänzendste Partie.“

Johnny kroch aus seinem selbst gewählten Versteck hervor und rannte mit einem fröhlichen Lachen zu den beiden Frauen. Er vergrub den Kopf in Frances‘ Schoß, anscheinend glaubte er, dadurch selbst unsichtbar zu werden. Zärtlich fuhr sie ihm über die wirren, blonden Locken.

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