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Elbenpfeffer

Kapitel 1 die neue Stadt

Rosa rannte.

Mit wehendem Haar und flatternden Schnürsenkeln hetzte sie an der alten Dame mit dem Rollator vorbei, wich dem Zustellboten für das Werbeblättchen aus und umrundete eine Frau mit Kinderwagen so knapp, dass diese einen entrüsteten Laut von sich gab.

Ihre Mutter hatte am Abend zuvor versprochen, sie zu wecken, aber natürlich hatte sie verschlafen und so war sie vor kaum einer halben Stunde erschrocken aufgewacht.

Nun lief sie dem Linienbus hinterher, der gerade an ihr vorübergebraust war. Wenn sie ihn nicht erwischte, würde ihr Plan, die neue Klasse mit dem Schlag des Schulgongs zu betreten, nicht aufgehen. Und nichts war schlimmer, als am ersten Tag zu spät zu kommen.

Bei dem Gedanken begann ihr Herz noch schneller zu pochen. Es war ohnehin furchtbar, wenn sich all die neugierigen Augen auf einen richteten. Doch Lehrer vergaßen so eine Verspätung am allerersten Tag nie und man war gleich in der Schublade der Schwänzer verschwunden.

Rosas Glück war, dass die stark befahrene Hauptstraße, an der sie eine kleine billige Wohnung gefunden hatten, eine Menge Fußgängerampeln besaß. Der Verkehr kam daher nur langsam voran, egal, zu welcher Tageszeit. An so einer Ampel überholte sie den Bus und blieb schwer atmend an der Haltestelle stehen. Eigentlich war sie eine ganz gute Läuferin, aber nicht morgens um Viertel vor acht. Und nicht heute.

 

Der Bus quoll über vor Schülern, die vermutlich alle denselben Weg hatten wie sie, und Rosa hatte das Gefühl, bereits jetzt gemustert zu werden. Darunter litt sie ohnehin oft, denn ihr war sehr bewusst, dass ihr gesamtes Outfit schon bessere Tage gesehen hatte. Sie weigerte sich nach wie vor hartnäckig, Klamotten aus der Kleiderkammer zu tragen. Second Hand war in Ordnung, aber eben nicht umsonst und so musste alles ein wenig länger halten.

Über die Köpfe der anderen hinweg blickte sie durch die Fensterscheiben hinaus. Die heruntergekommenen Fassaden alter Stadthäuser, Ein-Euro-Shops, Handyläden und Dönerbuden glitten vorüber. Das also war die Heimatstadt ihrer Mutter, aus der sie vor fünfzehn Jahren abgehauen war. Mit diesem Typen, ihrem Vater, den sie nie gesehen hatte. Irgendwie witzig, dass sie damals so alt gewesen war wie Rosa heute. Und eigentlich total bescheuert, mit fünfzehn von zu Hause auszureißen, ohne Schulabschluss und ohne Job.

Der Bus hielt mit einem Ruck und sie schreckte auf.

Die Kinder und Jugendlichen drängten hinaus, und obwohl sie das Haltestellenschild nicht sehen konnte, schloss sie sich ihnen an. Draußen schaute sie sich um und erkannte das alte Kaufhaus wieder, vor dem bereits zu dieser frühen Stunde einige Männer herumhingen, das erste Bier des Tages in der Hand.

Die Gesamtschule, die sie von nun an besuchte, lag nur ein Stück die Querstraße hinunter, das hatte sie bereits gestern herausgefunden. Immerhin kein weiter Schulweg; morgen würde sie sich wieder mehr als einen Wecker stellen, sich das Geld für den Bus sparen und zu Fuß gehen.

 

Die Augen starr auf die kleinen Schildchen an den Türen geheftet, eilte Rosa den Gang entlang, bis sie schließlich die 9.3 fand, ihre neue Klasse. In diesem Moment ertönte der Gong und ein Blick zurück zeigte ihr einige Lehrer, die strammen Schrittes den Flur heraufkamen. Einer von ihnen, noch gar nicht so alt, musterte sie und schenkte ihr ein Lächeln.

„Guten Morgen, du bist dann wohl die Neue?“

Er hielt ihr die Hand hin, die sie artig schüttelte und stumm dazu nickte.

„Na dann, immer herein!“

Schwungvoll öffnete er die Klassentür und streckte mit einer affigen Verbeugung und breitem Grinsen erneut die Hand aus. Sie sollte vorgehen? Musste das denn sein ...

Rosa holte tief Luft und trat ein.

Gespräche und Musik, die sie schon auf dem Flur gehört hatte, versiegten nicht. Ein, zwei Gesichter sahen auf, der Rest jedoch nahm keine Notiz von ihr. Und von dem Lehrer neben ihr auch nicht.

„Soooo“, rief der gegen den Lärm an. „Wer sein Handy behalten möchte, packt es nun weg und der Rest klappt den Mund zu. Es ist Montagmorgen und ihr seid wieder in der Schule!“

Während die Schüler der Aufforderung zögernd nachkamen, suchte Rosa die Tischreihen ab. Es war voll in der Klasse, nur in der hintersten Reihe, neben einem kunterbunten Haarschopf, schien ein Platz frei zu sein. Gerade wollte sie darauf zusteuern, als sich die Hand des Lehrers auf ihre Schulter legte.

„Ich darf euch Rosabelle Lehmann vorstellen, sie ist ab heute eure neue Mitschülerin.“

Jetzt starrten sie alle an und Rosa beschloss, diesen Lehrer auf Anhieb zu hassen. Warum kapierte denn keiner von ihnen, dass es die Hölle war, vorgezeigt zu werden wie ein merkwürdiges Tier.

„Und ich bin Herr Niemeyer“, teilte er ihr mit „der allseits geschätzte Klassenlehrer.“

Gelächter brandete auf und es klang nicht eben freundlich, doch der Lehrer ließ sich davon offenbar nicht beirren. Allerdings galt der größere Teil der Schadenfreude vermutlich ohnehin ihrem freakigen Vornamen.

„Dort hinten neben Gabriele ist noch ein Platz frei“, teilte ihr dieser Herr Niemeyer mit und gab ihr zur Krönung einen leichten Schubs.

„Ich heiße Kalo“, tönte es quer durch die Klasse, deren Lachen sich noch steigerte.

„Kalo, der Papagei!“, krächzte jemand, während Rosa sich mit steifen Schritten in Bewegung setzte.

Der Papagei entpuppte sich als Mädchen, das mit zornrotem Gesicht, schwarz umrandeten Augen und ebenso kohlschwarz gekleidet, kerzengerade auf seinem Stuhl saß.

„Lass die Idioten doch quatschen, Kalo“, kam eine leise Stimme von links.

Rosa wandte den Kopf und blickte einem Schüler ins Gesicht, dessen Augen unter dem wild zerzausten, schwarzen Haar metallicblau geschminkt waren. Während sie noch zu entscheiden versuchte, ob das nun ein Mädchen oder ein Junge war, zwinkerte ihr das Wesen lächelnd zu. Schleunigst senkte sie den Blick und setzte sich.

„So“, rief der Lehrer. „Dann mal heraus mit eurer Hausaufgabe, die da hieß Inhaltsangabe zum ersten Akt des Götz von Berlichingen, vom guten alten Herrn Goethe! Wer's nicht gemacht hat, Hand hoch!“

Zu Rosas Erstaunen hoben sich eine ganze Reihe von Händen, Kalos und die ihres Freundes aus der Nebenreihe waren jedoch nicht dabei. Der Deutschlehrer öffnete kommentarlos das große Klassenbuch und begann, die Namen der Schüler ohne Hausaufgaben zu notieren. Das wirkte so selbstverständlich, als wäre es eine ganz alltägliche Sache. In ihrer alten Schule hatte es in solchen Fällen Sechser gegeben, für nichterbrachte Leistungen, doch hier schien es wesentlich gemütlicher zuzugehen.

„Hast du den Götz schon gelesen?“

Es dauerte einen Augenblick, bis sie begriff, dass der Lehrer sie meinte, denn er sah nicht auf.

„Ja“, antwortete sie mit dünner Stimme.

Zwei Blondinen aus den vorderen Reihen drehten sich zu ihr um und musterten sie aus schmalen Augen.

„Das dachte ich mir!“, tat Herr Niemeyer kund. „Die Bayern liegen ja immer ganz vorn!“

„Aber irgendwann kriegen sie von den Schalkern mächtig eins auf die Fresse!“

Rosa sah lediglich die Rückseite des Jungen, der den Kommentar abgegeben hatte. Er erntete zustimmendes Schulterklopfen und ein paar sehr leise Buh-Rufe.

„Ich meinte den Schulunterricht, Christian“, gab der Lehrer zurück. „Aber es war klar, dass sich in deinem Hirn außer Fußball nichts ernsthaft festsetzt.“

Jetzt erst wurde es wirklich still im Raum und das Schweigen hatte etwas Feindseliges. Mühsam schluckte Rosa gegen die Trockenheit in ihrem Mund an und wappnete sich gegen das, was nun kommen würde.

„Wer möchte seine Hausaufgaben freiwillig vorlesen?“

Zwei Hände hoben sich und sie war mehr als erleichtert, dass es ihr erspart blieb, eine mündliche Zusammenfassung des Lesestoffes abzuliefern.

 

In der ersten großen Pause hockte sich Rosa abseits des Getümmels auf dem Schulhof auf eine halbhohe Mauer und zog ihren Stundenplan hervor. In Bayern hatte sie die Mittelschule besucht und war dort so gut gewesen, dass man ihr einen Übertritt zum Gymnasium ans Herz gelegt hatten. Doch ihre Mutter war zu keinem Gespräch mit den Lehrern erschienen. Sie hatten kein Geld für so eine Schule, hatte sie gesagt, weder für die Schulbücher, noch für die feinen Klamotten, die man dort tragen musste. Da war Rosa richtig aus der Haut gefahren und ihre Mutter hatte ziemlich geheult.

Unwillig verscheuchte sie die Erinnerungen. Hier schien es einfacher zu sein, zum Abitur zugelassen zu werden. Zumindest dafür war der Umzug gut gewesen.

„Der Stundenplan ist zum Kotzen, oder?“

Rosa sah auf und blickte in das schmale Gesicht Kalos, die sich lässig an die Mauer lehnte und sie anlächelte.

„So lange hier rumhängen zu müssen geht mir total auf den Zeiger“, fügte sie hinzu. „Aber bei der Ritter kann man ganz gut blaumachen.“

Sie beugte sich zu ihr hin und wies mit dem Finger auf den Eintrag Sport am Donnerstagnachmittag.

Rosa wusste nicht so recht, was sie darauf erwidern sollte. Sie hatte nicht vor, den Unterricht zu schwänzen. Die langen Schultage machten ihr zwar auch Sorgen, allerdings aus ganz anderen Gründen.

„Du redest wohl nicht viel, was?“, meinte Kalo. „Kann ich verstehen, ist eh' besser, hier vorsichtig zu sein.“

Ihr Blick war nun ernst und Rosa runzelte die Stirn.

„Warum denn?“, wagte sie zu fragen.

„Machst du Witze? Das hier ist Süd!“

Rosa zuckte fragend die Schultern und Kalo sah sie ungläubig an.

„Mann Mädel, auf dich muss ich wohl wirklich aufpassen! Hier is' unten! Kellergeschoss! Die eine Hälfte der Leute hier kriegt Hartz Vier und die andere vertickt Drogen!“

„Du übertreibst mal wieder maßlos, Kalo!“

Rosa fuhr herum und erkannte Kalos Freund mit den metallicblauen Augen.

„Hi, ich bin Birdy.“

Er hielt ihr mit einem angedeuteten Knicks die Hand hin und begann zu grinsen.

„Bevor du fragst, ja, ich bin schwul! Und der einzige echte Revolutionär hier!“

„Ja und außerdem der, der am meisten auf die Fresse kriegt“, erwiderte Kalo. „Wie oft hab ich dir schon gesagt, dass es superbekloppt ist, jedem gleich zu erzählen, dass du schwul bist! Ich sag ja auch nicht Hallo, ich bin die Kalo und ich bin hetero!“

„Warum denn nicht?“, gab Birdy unbeirrt zurück. „Dann ist immerhin gleich klar, wer dich anbaggern kann und wer nicht!“

Das schien ein endloses Thema zwischen ihnen zu sein und Rosa musste leise schmunzeln. Sie waren offensichtlich beide ziemlich durchgeknallt, aber ganz nett. Der Schulgong ertönte und unterbrach die Diskussion.

„Komm mit“, sagte Kalo zu ihr. „Den E-Kurs in Mathe haben wir zusammen.“

Rosa schob den Stundenplan in ihren Rucksack und die beiden nahmen sie in die Mitte.

„So schlimm wie Kalo sagt, ist es auch wieder nicht“, fuhr Birdy fort. „Man muss sich nur von ein paar Ecken fernhalten, dann geht es.“

„Ja, zum Beispiel von der dort“, bestätigte Kalo.

Sie hatten den überdachten Eingangsbereich erreicht und Rosa folgte ihrer Blickrichtung. Neben den Toiletten stand eine Gruppe, aus der ein braunhaariger Junge herausstach. Er war beinahe einen Kopf größer als die anderen, die offensichtlich an seinen Lippen hingen.

„Halt dich von Chris und seiner Fangemeinde fern“, sagte Kalo leise. „Er ist 'n echtes Arschloch.“

„Ist das der Christian, der vorhin in der Klasse ... ?“

„Jepp“, unterbrach sie Birdy. „Er ist Schalkefan und außerdem was Besseres, sein Vater ist Zahnarzt. Kohle ohne Ende, aber der Sohnemann ist dumm wie Toast und hält sich für so 'ne Art Lord Voldemort. Ich bin allmächtig und grausam, huhuhu ...“

In diesem Moment sah der Junge zu ihnen herüber.

Er war zweifellos gutaussehend, doch sein Blick war so kalt, dass Rosa sich brüsk abwandte.

„Du musst aufpassen, Blondie eins und Blondie zwei haben spontan beschlossen, dich zu hassen!“, sagte Kalo und öffnete ihnen die Tür.

„Was?“

Rosa warf einen Blick zurück und tatsächlich sahen ihr die beiden blonden Mädchen nach, die offenbar auch zu diesem Chris gehörten; die Lippen fest zusammengepresst.

„Aber warum denn, ich habe ihnen doch nichts getan!“

„Oh, das ist Ansichtssache!“, antwortete Birdy. „Du bist ganz hübsch, deine Haare sind echt und reichen bis zum Arsch, das nehmen sie dir übel!“ Er grinste schelmisch. „Die beiden geben ein Vermögen aus für ihre schlecht gemachten Puffmutti-Extensions!“

Rosa sah ihn fassungslos an und Kalo gab ihm einen kräftigen Schubs, sodass er auf der Treppe ins Stolpern geriet.

„Hör auf mit dem Scheiß, Birdy! Was soll Rosa denn von uns denken!“ Sie stimmte in sein Grinsen ein und hakte sich bei ihr unter. „Keine Sorge, wir passen auf dich auf!“


Es ging auf halb vier zu, als Rosa sich zu Fuß auf den Heimweg machte. Kalo und Birdy hatten ihr empfohlen, vom Schulhof aus einem kleinen Trampelpfad zu folgen, dies sei der kürzeste Weg zurück zur Hauptstraße. Dann hatten sie ihr zugewunken und waren gemeinsam in Richtung der schmucken Siedlung verschwunden, die vor dem Haupteingang der Schule lag.

Ob die beiden in einem dieser gepflegten Mehrfamilienhäuser wohnten? Sie sahen eigentlich nicht danach aus. Mehr zufällig bemerkte sie aus dem Augenwinkel die zwei auffälligen Blondschöpfe und begriff, dass Chris' Fanclub sich gleich neben dem Trampelpfad versammelt hatte. Unwillkürlich wurde ihr flau im Magen und sie senkte den Blick zu Boden. Was sollte sie tun, wenn sie von denen angequatscht wurde? Sie war mehr oder weniger allein, eine Gruppe quietschender Fünftklässler vor ihr hatte die Straße bereits erreicht.

Das ungute Gefühl verstärkte sich, denn die Gespräche ihrer neuen Mitschüler versiegten, als sie an ihnen vorüberging. Ihr war nach Rennen zumute, doch sie zwang sich, ihre Schritte nicht zu beschleunigen.

Tatsächlich sagte niemand ein Wort, bis sie den Bürgersteig erreichte. Ihre Erleichterung, davongekommen zu sein, war so groß, dass sie den Kopf schüttelte. Vermutlich hatten Kalo und Birdy total übertrieben und sie benahm sich absolut lächerlich.

Sie war trotzdem froh, in das erstaunlich dichte Gedränge rund um das alte Kaufhaus einzutauchen.

Tische standen nun vor dem Eingang, an denen kein freier Platz zu sehen war. Menschen mit Einkaufstüten unterhielten sich und Kinder spielten Fangen um einen ganz ansehnlichen Straßenbaum. Offenbar war dies eine Art Treffpunkt im Viertel. Das gefiel Rosa ganz gut, auch wenn einige der Leute ziemlich heruntergekommen wirkten und mehr Nationalitäten und Sprachen vertreten waren, als sie kannte. Allerdings wirkten alle friedlich und entspannt; also hatte Kalo tatsächlich übertrieben.


Kaum fünfzehn Minuten später stand Rosa vor dem alten, dreigeschossigen Stadthaus, in dem ihre Mutter und sie nun das Dachgeschoss bewohnten. Das Mauerwerk war an vielen Stellen rissig und der grüne Anstrich ausgeblichen, sodass die Fassade an einen morschen Stofffetzen erinnerte. Doch sie hatte das Haus auf Anhieb ins Herz geschlossen. Bisher hatten sie immer in Wohnblöcken gelebt, in denen sie stets das unangenehme Gefühl gehabt hatte, ein Berg aus Beton und Menschen türme sich über ihr auf. Schon die alte Holztür mit ihren leicht ramponierten Blumenornamenten, die sie nun aufschloss, war dagegen ein echtes Schmuckstück.

Kaum war sie eingetreten, stieg ihr ein Geruch nach angebranntem Essens in die Nase. Hastig lief sie die Treppen hinauf, und richtig, der brandige Gestank entströmte zweifellos ihrer neuen Wohnung. Mit fliegenden Fingern und der Panik nahe öffnete sie die Wohnungstür.

Der kleine Flur war bereits rauchig, sodass sie direkt in die Wohnküche stürmte. Mit angehaltenem Atem riss sie das Fenster auf und verbrannte sich die Finger, als sie den Topf von der Herdplatte zog.

„Ach verdammt, ich hab das Chili vergessen!“

Ihre Mutter tauchte im Türrahmen auf, hustete vernehmlich und wedelte den beißenden Qualm fort.

„Das tut mir so leid, Süße! Ich wollte dir doch was Gutes kochen!“

Die verschlafenen traurigen Augen in ihrem immer noch sehr jungen Gesicht ließen Rosas Zorn verpuffen. Sie hatte es gut gemeint, aber offenbar war sie mal wieder vor dem Fernseher eingeschlafen. Ihr kam ein Gedanke und sie drängte sich an ihrer Mutter vorbei ins Wohnzimmer.

Auf dem Couchtisch standen eine Flasche Wodka und ein überquellender Aschenbecher.

„Ich habe nicht viel getrunken, ehrlich!“

Sie war ihr nachgekommen und hob die Hände. „Ich war nur so müde; hab letzte Nacht kaum ein Auge zugekriegt, weil es doch dein erster Schultag war, heute.“

Die Flasche war halb leer, doch Rosa blieb stumm. Sie wollte dieses Gespräch nicht schon wieder mit ihr führen. Es endete stets damit, dass sie anfing zu weinen und ihr hoch und heilig schwor, keinen Schnaps mehr zu trinken.

„Du warst einkaufen?“, fragte sie stattdessen und ignorierte, das ihre Mutter aufatmete.

„Allerdings! Der Kühlschrank ist proppevoll mit allem, was du magst!“

Mit wenigen Schritten war Rosa wieder in der Küche und öffnete den Kühlschrank. Tatsächlich; er war vollgestopft mit Gemüse, Obst, Joghurt und anderen gesunden Dingen. Sie nahm ein Stück Käse heraus, dessen Aufkleber das Logo einer ziemlich teuren Lebensmittelkette zeigte.

„Und wo hast du das Geld dafür her?“

Hektik breitete sich im Gesicht ihrer Mutter aus und sie fuhr sich durchs Haar, das ebenso lang und haselnussbraun war wie Rosas. Allerdings sehr viel ungekämmter.

„Das war ulkig! Kaum warst du weg, heute Morgen, hat es an der Tür geklingelt. Kurz nach acht, und da standen ein Typ und eine Frau und meinten sie kämen vom Amt und wollten gucken, ob wir was brauchen. Die waren natürlich von Hartz Vier, aber ganz nett. Wirklich, gar nich' so steife Spießer!“ Abrupt drehte sie sich um und ging ins Wohnzimmer hinüber.

Dass Rosa bei offenem Küchenfenster kaum noch verstand, was sie erzählte, entging ihr dabei.

„... dass du ja schließlich zur Schule gehst und ein Bett brauchst und einen Schreibtisch!“

Ihre Mutter kehrte in die Küche zurück, eine brennende Zigarette in der Hand.

„Und dann hat mir die Frau ein Formular ausgefüllt und mit dem hab ich im Amt einen Barvorschuss bekommen! Super, oder?“

„Du warst heute Morgen schon beim Amt?“

Sie nickte sichtlich stolz, während Rosa die Stirn krauste.

„Und die haben dir Bargeld in die Hand gedrückt?“

Wieder ein Nicken.

„Und wieviel?“

„Hundert Euro, ist aber für den Einkauf draufgegangen, bis auf einen Zehner.“

Rosa seufzte tief, wandte sich um und warf einen Blick auf das verunglückte Essen. Ein schwarzbrauner Klumpen aus Hackfleisch und Bohnen klebte am Boden; vermutlich war der Topf hin. Und vermutlich erzählte ihre Mutter gerade wieder eine ihrer Lügengeschichten und hatte die Lebensmittel geklaut. Oder das Geld. Die Wut, die vorhin noch davongeflattert war, ließ sie die Fäuste ballen und sie drehte sich um.

„Mit Hundert Euro müssen wir für drei Wochen einkaufen, um über die Runden zu kommen, Mom! Das weißt du doch! Wenn kein Wodka dabei ist, und keine teuren Zigaretten, und du nicht im nächstbesten Edelschuppen einkaufst, klappt das auch! Ich brauche neue Schulhefte und einen neuen Taschenrechner, hast du daran auch mal gedacht?“

„Ich wollte dir doch nur eine Freude machen!“, gab ihre Mutter mit großen Augen zurück, in denen es feucht zu schimmern begann. „Aber ich kann ja offenbar nichts richtig machen!“

Sie fuhr herum und verschwand.

Rosa senkte den Blick auf den Dielenboden und lehnte sich an den Herd. Von draußen näherte sich der dumpfe Beat viel zu großer Autoboxen und hielt an der Ampel vor dem Haus. Langsam ging sie zum Fenster hinüber und schloss es, obwohl es in der Küche immer noch nach verbrannten Bohnen roch. Dann seufzte sie tief und machte sich auf ins Wohnzimmer.

Ihre Mutter saß auf dem Sofa und starrte auf den Fernseher, der leise lief. Stumme Tränen rannen ihr über die Wangen und ließen Rosas Kehle eng werden. Entschlossen ging sie hinüber, setzte sich neben sie und schlang ihr die Arme um die Taille.

„Tut mir leid, Mom, ich freue mich ja, dass du für mich einkaufen warst. Ich mache uns jetzt einen leckeren Salat, und wenn wir gegessen haben, packen wir zusammen die Umzugskisten aus, in Ordnung?“

Ihre Mutter schniefte leise, dann nickte sie, griff nach ihrer Hand und drückte sie fest.

 

Die Stimmung besserte sich, während sie damit beschäftigt waren, ihre Habseligkeiten zu verstauen. Ihre Mutter zeigte ihr wieder einmal die gerahmten Fotos, auf denen sie kaum ein halbes Jahr alt war und einen Teddy umarmte, der sie um einiges überragte. Sie fand das Bild ziemlich kitschig und es war ihr peinlich, dass sie es wie gewohnt sorgfältig in einem Regalfach des Wohnzimmerschrankes aufstellte. Doch sie wollte den Abend nicht verderben, indem sie die nächste Diskussion mit ihr begann.

Schließlich gab sie vor, noch Hausaufgaben machen zu müssen und ließ sie allein. Ganz gelogen war das nicht, obwohl sie die Aufgaben schlicht aus ihren alten Schulheften abschreiben konnte.

In ihrem kleinen Zimmer ließ sie sich auf die Matratze fallen, die auf dem Boden lag, und richtete den Blick hinauf zur Zimmerdecke.

Die Anschlusskabel für die Deckenleuchte hingen wie dürre Spinnenbeine herab und das würden sie wahrscheinlich auch so lange tun, bis sie erneut umzogen.

Es war nicht einmal der Schnaps, zum Verhängnis wurde ihnen eher die Klauerei. Wenn ihre Mutter zu oft erwischt worden war und Hausverbot in den meisten umliegenden Läden hatte, zog sie um; möglichst weit weg. Genau genommen waren sie schon seit Jahren auf der Flucht und es war erstaunlich, dass heute Morgen die Leute vom Amt geklingelt hatten, und nicht die Polizei. Ihre Mutter ging vermutlich immer noch davon aus, dass sie den wahren Grund für die drei Umzüge in den letzten vier Jahren nicht kannte. Ihre Begründung war jedes Mal, dass sie von einem Typen wegmusste, bevor er Ärger machte. Und das war auch nicht komplett gelogen.

Die Tür öffnete sich und ihre Mutter steckte den Kopf durch den Spalt, das Haar sorgfältig aufgesteckt und stark geschminkt.

„Schätzchen? Ich geh' eben noch ein Bier trinken, im DAB-Stübchen, das kenne ich von früher. Mal sehen, ob ich da nicht ein paar uralte Bekannte wiedertreffe. Hier, für deine Schulhefte.“

Sie legte einen Zehn-Euro-Schein auf die kleine Kommode, zwinkerte ihr zu und verschwand.

Mit einem Ruck schoss Rosa in die Höhe und riss die Zimmertür auf. Ihre Mutter, die im Flur gerade in die hochhackigen Pumps stieg, sah überrascht auf.

„Aber komm allein nach Haus, ja?“

Sie hob eine Augenbraue, dann begann sie zu grinsen. „Aber natürlich, Mäuschen! Ich gehe doch nur ein Bier trinken.“

Damit warf sie ihr eine Kusshand zu und gleich darauf waren ihre stöckelnden Schritte im Hausflur zu hören.

 

Am nächsten Morgen erwachte Rosa mit einem drückenden Gefühl in der Brust und so trockenem Mund, als hätte sie im Traum die Wüste Gobi durchwandert. Es war fünf vor halb sieben, die beiden Wecker links und rechts neben der Matratze würden gleich klingeln, also hievte sie sich gähnend hoch.

Kaum hatte sie ihre Zimmertür geöffnet, hielt sie inne.

Ein Gemisch aus Zigarettenqualm, Wodka, Schweiß und Rasierwasser stieg ihr in die Nase. Die Tür zum Schlafzimmer ihrer Mutter am anderen Ende des Flures war geschlossen und es war still in der Wohnung.

Mit schnellen Schritten lief sie in die Küche.

Auf dem Tisch stand die leere Wodkaflasche, zwischen zwei Gläsern und einigen Bierdosen, und über dem Küchenstuhl hing eine schwarze Lederjacke.

Rosa schluckte; Tränen stiegen ihr in die Kehle auf, und Zorn. Sie hatte ihr Versprechen wieder nicht gehalten! Wenn sie doch bloß wach geworden wäre, in der Nacht! Dann hätte sie ... Ja was? Den Typen rausgeschmissen, der nun neben ihrer Mutter seinen Rausch ausschlief? Sicher nicht. Sie konnte ziemlich laut werden, wenn sie angetrunken war. Dann hätten die Nachbarn sich direkt wieder beschwert.

Wutentbrannt riss sie den Kühlschrank auf, griff nach Margarine und Marmelade und warf die Tür zu.

Wenn sie jetzt schon wieder so einen Loser angeschleppt hatte, ohne Geld, der bei ihnen wohnte und aß, war alles wie immer und der Neuanfang, den sie ihr versprochen hatte, ein schlechter Witz.

Sie sollte zum Jugendamt gehen.

Der Gedanke, der sich von ganz allein eingeschlichen hatte, ließ Rosa zusammenzucken. Jugendamt, das hieß für sie ins Heim und für ihre Mutter ... totaler Absturz. Ein einziges Mal hatte sie ihr damit gedroht, vor einem, nein vor zwei Jahren. Ihre Mutter war in die Küche gestürmt, hatte ein Messer genommen...

Rosa zwang sich, den Küchenschrank zu öffnen, eine Tasse und den Zitronentee hervorzuholen. Sie wollte eigentlich nicht daran zurückdenken, wie ihre Mutter mit dem Messer rumgefuchtelt hatte und sie ihr in den Arm gefallen war. Ihr Blick traf auf die helle Narbe, die sich quer über ihren rechten Daumenballen zog.

Nein, sie wollte nicht ins Heim.

Entschlossen füllte sie den Wasserkocher und schüttelte den Kopf. Vielleicht war der Typ ja diesmal ganz nett und half ihnen, das alles hier besser in den Griff zu kriegen.

Sie warf einen Blick auf die Lederjacke, dann ging sie hinüber und musterte sie genauer. Abgewetzt war sie schon, obwohl die typischen speckigen Stellen fehlten. Und es war kein Aufnäher von irgendeinem Bikerclub zu sehen oder so was. Das war ein gutes Zeichen. Darüber hinaus roch die Jacke überraschend angenehm, offenbar ein teures Rasierwasser oder Parfum. Ob sie nachsehen sollte, was der Inhalt der Taschen über ihn preisgab? Nein, lieber nicht. Rosa atmete tief durch und machte sich daran, ihr Frühstück zuzubereiten.


Der Morgen empfing sie grau verhangen, kalter Nieselregen fieselte ihr ins Gesicht. Sie zog die Schultern hoch, schloss die Jeansjacke und wickelte sich den Wollschal fester um den Hals. Ihre Steppjacke wäre die bessere Wahl gewesen, bei diesem miesen Aprilwetter. Doch sie mochte das unförmige Ding nicht, das irgendjemand ihrer Mutter geschenkt hatte. Vermutlich, um sich den Weg zur Kleiderkammer zu sparen.

Sie war früh dran und so machte sie sich ohne Hast auf den Weg. Die Straße war wie immer vollgestopft mit Autos, in denen die Fahrer müde vor sich hin stierten. Auf dem Bürgersteig waren weit weniger Menschen unterwegs, meist Schulkinder und einige Erwachsene, die den Bushaltestellen zustrebten. Die alte Dame mit dem Rollator machte ihr so eilig wie möglich Platz und Rosa warf ihr ein entschuldigendes Lächeln zu.

Ein warmer Duft nach frisch gebackenem Brot traf ihre Nase und ihr Blick fiel auf einen kleinen türkischen Lebensmittelladen, der bereits geöffnet zu sein schien. Rosa liebte die türkische Küche, vor allem die Sesamkringel, die man so herrlich in den rahmigen Joghurt tauchen konnte. Einen Moment zögerte sie, dann trat sie ein. Wenn ihre Mutter sich den teuren Wodka kaufte, konnte sie sich auch einen dieser Kringel leisten.

Ein junger Mann mit Baseballkappe nickte ihr freundlich zu, während er Gemüsekisten ins Schaufenster packte.

Der Laden war überschaubar, sodass Rosa das Brot neben der kleinen Kasse sofort entdeckte. Und wenn sie nun schon mal verschwenderisch war, dann war ein Becher Ayran auch noch drin.

Auf dem Weg zum Kühlregal bemerkte sie eine alte Frau, die in einer Ecke saß und deren dunkle Augen sie aufmerksam musterten. Sie lächelte ihr zu, doch die Alte erwiderte es nicht. Stattdessen bekam ihr Blick etwas Besorgtes, sodass Rosa sich ruckartig umwandte und zur Kasse hinüberging. So abgerissen sah sie ja nun wirklich nicht aus, dass man sie gleich bemitleiden musste.

Der junge Mann tippte gerade die Preise ein, als sich eine Hand auf ihren Arm legte. Überrascht sah Rosa der alten Dame ins Gesicht, die etwas auf Türkisch murmelte, sich reckte und ihr sanft über die Stirn fuhr.

Der Junge schien ebenso so überrascht wie sie, und wies die Frau wohl zurecht, doch diese schüttelte energisch den Kopf und antwortete ihm knapp.

„Ähm, sorry“, sprach er Rosa schließlich an. „Meine Großmutter hat dich nur gesegnet, weil ...“ Er warf ihr einen bittenden Blick zu, doch sie forderte ihn mit einer Handbewegung auf, weiterzusprechen.

„... weil du ein hartes Schicksal hast.“

Dass die Geschichte ihm peinlich war, zeigte sein Gesichtsausdruck deutlich. Rosa ging es ähnlich, doch der Blick seiner Großmutter war nun so warm und liebevoll, dass sie spontan nach ihrer Hand griff, den Handrücken küsste und ihn an ihre Stirn führte. Die Alte hatte ihre helle Freude an der respektvollen Geste und auch der junge Mann hinter der Kasse grinste breit.

„Nimm' nur“, sagte er und drückte ihr den braunen Plastikbeutel in die Hand, in den er Sesamkringel und Joghurtdrink gepackt hatte. „Es ist ein Geschenk.“

Überrascht sah Rosa ihn an, dann erwiderte sie sein Lächeln.

„Vielen Dank, das ist sehr nett. Dann, ähm, tschüss. Und ... alles Gute.“

Sie nickte der Alten noch einmal zu und lief hinaus.

Beeilen musste sie sich nun tatsächlich und sie beschleunigte ihre Schritte, während sich ein ungewohnt warmes Gefühl in ihr ausbreitete.

Die Fußgängerampel am Kaufhaus war von Schülern umringt, die sich im Pulk über die Straße schoben. Doch als Rosa einfiel, loszulaufen, sprang sie bereits wieder auf Rot um. Einen Moment war sie versucht, trotzdem hinüberzulaufen, doch die nächsten Autos kamen bereits heran.

„Hey, hey, wen haben wir denn da!“ Ein Arm schlang sich um ihre Taille. „Wenn das nicht die Neue ist!“

Eine Hand zog an ihrem Haar, nicht heftig, aber unangenehm. „Tatsächlich echt!“

Endlich begriff sie, dass es dieser Chris war, der Junge mit den kalten Augen, eingehüllt in eine Duftwolke, als hätte er in seinem Deodorant gebadet.

Rosa zog ihren Kopf fort und versuchte, seine Hand abzuschütteln, doch er griff fester zu und zog sie an sich.

„Du tust doch nur so schüchtern, Schnecke. Ich hab genau gesehen, wie du mich gestern angestarrt hast!“

„Lass mich gefälligst los!“

Sie stemmte sich gegen ihn, doch statt sie loszulassen, hob er die freie Hand und umfasste ihr Kinn. Ein stechender Schmerz fuhr ihr durch den Kiefer und ihr ging schlagartig auf, warum Kalo und Birdy sie vor ihm gewarnt hatten.

Plötzlich wurde er von ihr fortgerissen.

„Lass' das Mädel los, du Spacko!“

Der junge Mann aus dem türkischen Laden hatte ihn am Kragen seiner Jacke gepackt und funkelte ihn an. Er war ebenso groß wie dieser Chris, jedoch deutlich breiter in den Schultern.

„Sie steht unter meinem Schutz, klar?“ zischte er, während ihr Peiniger ihn mit großen Augen anstarrte. „Pack' sie nochmal an und du bist tot, Mann! Und jetzt verpiss' dich!“

Er stieß ihn fort und Chris hob nach rückwärts stolpernd beschwichtigend die Hände, während er Rosa einen irritierten Blick zuwarf.

„Na klar, Mann, kein Stress!“

Dann nutzte er seine Chance und lief zwischen zwei Autos über die Straße. Rosa starrte ihren Retter an, der ihr freundlich die Hand hinhielt.

„Ich bin Salim. Keine Sorge, der Typ wird dich nicht mehr belästigen.“

„Danke“, brachte sie heraus und ergriff zögernd seine ausgestreckte Rechte, die erstaunlich warm und ein wenig schwielig war. „Ich bin Rosa.“

Er nickte ihr zu und setzte sich bereits in Bewegung. „Schau mal wieder vorbei, meine Großmutter würde sich freuen!“

Dann lief er zu einer Gruppe junger Männer hinüber, die ihn lachend empfingen.

„Aber hallo, neu in der Stadt und schon so mächtige Freunde?!“

Rosa fuhr herum; Kalo stand vor ihr, das schlichte Staunen im Gesicht.

„Los komm', es ist schon Acht.“

„Ich hab ihn vorhin erst getroffen, in dem kleinen türkischen Laden“, gab sie Auskunft, während sie neben ihr über die Straße hastete.

„Na jedenfalls hatte Chris ganz schön Schiss! Hab's von Weitem gesehen, der Typ ist echt 'n Psycho!“

Rosa gab ihr stumm Recht und fiel in den Laufschritt ein, den sie vorlegte, obwohl sie nun ohnehin zu spät kommen würden.

„Wieso ist Salim denn so mächtig?“ fiel ihr ein, als sie in die Schule stürmten.

„Ist 'ne Gangsache, erklär' ich dir später“, erwiderte Kalo knapp und riss die Tür zum Biologieraum auf.

 

„... und dann meinte sie, ich hätte ein hartes Schicksal und hat mich, ähm, gesegnet.“

Rosa saß auf der kleinen Mauer, die den Fahrradunterstand vom Schulhof abgrenzte, weit entfernt von den Pausenhoftoiletten, an denen sich Chris und seine Freunde versammelten. Kalo und Birdy standen vor ihr und hatten stumm zugehört, nun jedoch begannen sie zu grinsen.

„Cool, bestimmt ist seine Großmutter eine Seherin oder sowas“, meinte Birdy.

Rosa runzelte die Stirn; sie hätte eigentlich wissen müssen, wie verrückt sich das anhörte.

„Na immerhin hat sie wohl dafür gesorgt, dass Salim nun dein Beschützer ist“, sagte Kalo und ihr Blick wurde ernst. „Schätze, das wird Chris ziemlich auf die Eier gehen.“

„Oh ja“, bekräftigte Birdy und krauste nun seinerseits die Stirn. „Er wird's nicht auf sich sitzen lassen, dass Salim ihn vor dir lächerlich gemacht hat. Du musst jetzt echt aufpassen und ihm am besten nicht allein begegnen.“

Rosa schluckte und senkte den Blick auf ihre zerschlissenen Chucks.

„Na toll, als hätte ich nicht schon genug Probleme.“

Es dauerte einen Moment, bis sie bemerkte, dass die beiden schwiegen, und sie hob den Kopf.

„Das sieht man dir an“, meinte Kalo weich und setzte sich neben sie.

Rosa presste die Lippen zusammen und senkte erneut den Blick. Also doch, dabei gab sie sich so große Mühe. Sie hätte den Mund halten sollen.

„Auf mich kannst du zählen, wenn du Hilfe brauchst.“

„Und auf mich auch“, stimmte Birdy ein. „Ich mag dich nämlich!“

„Oh Mann, Birdy, du Nerd!“ Kalo verdrehte die Augen. „Glaubst du etwa, man sagt sowas, wenn man jemanden nicht mag?“

„Sorry, Schwester, der Nerd bist ja wohl du!“, konterte er. „Gefühle muss man auch aussprechen, in ganzen Sätzen, e-mo-tio-nal, kannst es ja mal googeln!“

Rosa musste schmunzeln, obwohl ihr gar nicht danach war.

„Danke“, sagte sie leise und sah auf.

Die Gesichter der beiden glätteten sich und machten einem verlegenen Lächeln Platz.

„Und was ist das nun für eine Gangsache, mit Salim?“

„Er ist 'n Gangsterrapper“, antwortete Kalo, offensichtlich froh, das Thema wechseln zu können. „Hängt immer mit so einer Truppe rum, die alle teure Skaterklamotten tragen und jede Menge Kohle haben. Und ab und zu gibt's illegale Rennen und Kämpfe.“

Rosa sah sie halbwegs verständnislos an.

„Sie meint Autorennen mit aufgemotzten Karren“, erläuterte Birdy. „Und bei den Kämpfen geht es um Geld, Salim und ein paar seiner Kumpels sind Kickboxer.“

Der Schulgong ertönte und Rosa erhob sich.

„Und das wisst ihr mit Sicherheit?“, hakte sie nach.

„Also mit den getunten Schlitten fahren sie nach der Schule durch die Gegend, das ist kein Geheimnis“, erwiderte Kalo. „Den Rest weiß ich von ein, zwei Leuten, die bei den Kämpfen dabei waren.“

Es schien also die Wahrheit zu sein und er hatte Chris ja auch recht hart angepackt. Aber es passte so gar nicht zu dem freundlichen jungen Mann, der im Laden Gemüsekisten gestapelt hatte und ihr zu Hilfe geeilt war.

 

In den folgenden Schulstunden hockte Rosa neben Kalo in der Bank und duckte sich, soweit es eben ging.

Das Getuschel und Gestarre der anderen, als sie hereingekommen waren, zeigte deutlich, dass sich bereits herumgesprochen hatte, was am Morgen an der Ampel geschehen war. Chris hatte sie schlicht ignoriert, doch allein der Blick auf seinen Rücken war mehr als unangenehm.

Er hing betont lässig auf dem Stuhl, starrte aus dem Fenster, statt dem Unterricht zu folgen und Rosa war sich sicher, dass er gerade darüber nachdachte, wie er sich am besten an ihr rächen konnte. Es sah ganz danach aus, als hätte Salim ihr nicht unbedingt einen Gefallen getan. Andererseits jedoch wäre es ohne sein Auftauchen wohl noch schlimmer geworden.

Dieser Chris stand darauf, anderen Schmerzen zuzufügen, das war klar. Mädchen Schmerzen zuzufügen ... Unwillkürlich schüttelte es sie bei dem Gedanken und Kalo sah sie fragend an. Rosa hatte ihnen nicht erzählt, dass Chris ihr schmerzhaft den Kiefer zusammengepresst hatte. Sie bemühte sich, ihr ein Lächeln zu schenken und war froh, als diese es erwiderte. Es war besser, wenn sie es für sich behielt; es machte ja sonst alles nur schlimmer.

 

Als der Gong die letzte Schulstunde beendete, begann Rosas Herz wild zu pochen. Wie erstarrt zwang sie sich, ihre Sachen zusammenzupacken und nicht darauf zu achten, was Chris tat.

„Er ist raus“, raunte Kalo ihr zu.

„Keine Sorge“, ertönte Birdys leise Stimme neben ihr. „Wir bringen dich nach Hause.“

Kalo nickte dazu, doch Rosas Herzklopfen näherte sich augenblicklich der Panik. Zuhause wartete ihre betrunkene oder mindestens verkaterte Mutter und, wenn sie Pech hatte, irgendein Freak.

Während sie noch versuchte, zu entscheiden, ob ihre Angst vor Chris groß genug war, um das Angebot anzunehmen, hakte sich Kalo bei ihr unter.

„Komm. Und bleib locker, er wird sicher davon ausgehen, dass Salim dich heute im Auge behält.“

 

Tatsächlich war von Chris nichts zu sehen, als sie aus dem Schulgebäude traten. Auch auf dem Trampelpfad nicht; seine Fans und er schienen sich schlicht in Luft aufgelöst zu haben. Rosas Erleichterung hielt sich trotzdem in Grenzen, denn nun stellte sich die Frage, was sie tun sollte, wenn die beiden mit hinauf kommen wollten, in die Wohnung.

„Was ist denn da los?“

Birdys Stimme ließ sie den Kopf heben. Mittlerweile hatten sie die Hauptstraße erreicht und ihr Blick fiel auf ein blinkendes Blaulicht, das in einiger Entfernung über den Köpfen einer Menschenmenge hinweg zu sehen war. Rosas Herz setzte einen Schlag aus, dann begann es zu rasen. Ohne auf Kalo und Birdy zu achten, lief sie los.

Bitte, bitte nicht, flehte es in ihr, doch es war umsonst. Der Krankenwagen stand vor ihrem Haus, neben einem Auto mit der Aufschrift „Notarzt“.

Als sie die ersten Gaffer erreichte, kam eine Streife hinzu und zwei Polizisten stiegen aus.

„Rosa, warte einen Moment!“

Jemand hatte ihren Arm gepackt und als sie über die Schulter sah, blickte sie in Salims besorgtes Gesicht.

„Ich habe den Rettungswagen gerufen, sie sind schon bei ihr.“

„Bei meiner Mutter?“ Ihre Stimme bebte und als Salim nickte, entwich ihr ein Keuchen.

Sie wollte sich losreißen, doch er griff nach ihrer Hand, setzte sich vor sie und begann, die Schaulustigen mit der anderen beiseitezuschieben. Die wogten ihnen bereits entgegen und einige beeilten sich, ihrer eigenen Wege zu gehen, denn die beiden Polizisten waren damit beschäftigt, Platz zu schaffen.

„Ich habe angerufen“, sprach Salim sie an und deutete auf Rosa. „Und sie ist die Tochter der Frau.“

D

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