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Elbenpfeffer

Kapitel 1 Curadins Gier

Rosa schlug die Augen auf.

Ihr Herz pochte wie verrückt, doch das lag nicht daran, dass sie eine niedrige Holzdecke anstarrte und unter einer recht kratzigen Wolldecke lag. Beides erkannte sie wieder, vom gestrigen Abend.

Tief Luft holend setzte sie sich auf, schwang die Beine aus dem Bett und richtete ihren Blick auf die kleinen blauen Flammen, die ganz in der Nähe in der Luft schwebten.

Dass es sich um elbische Magie handelte, die nicht nur ihre Schlafkammer erhellte, sondern auch den Rest des fürstlichen Wohnsitzes, hatte man ihr gleich beim Eintreten erklärt. Und sie hatte die Lichter auf Anhieb wunderschön gefunden.

Nein, es waren die Traumbilder, die ihren Puls in die Höhe getrieben hatten. Sie standen ihr immer noch deutlich vor Augen, auch wenn es nur Fetzen waren wie herausgetrennte Schnipsel aus einem Film.

Sie hatte ihre Großmutter gesehen, in einem düsteren, völlig verqualmten Raum voller Männer. Ihren Blick starr auf einen Punkt gerichtet, war sie einfach durch die Menge geschritten und die Männer, jüngere und ältere, hatten ihr verblüfft Platz gemacht. Vor einem mit Seilen abgeteilten Bereich war sie schließlich stehen geblieben und Rosas Blickwinkel hatte sich verändert. Über zwei sich prügelnde Jungs hinweg hatte sie den Mann entdeckt, den ihre Oma anstarrte; und er sie. Er hatte die schwarze Lederjacke getragen, die sie schon kannte und sein schönes Gesicht hatte maßlos überrascht ausgesehen. Dann jedoch hatte es sich in blanken Hass verwandelt.

Rosa schüttelte sich, griff nach der Wolldecke und wickelte sich hinein. Mehr hatte sie nicht gesehen, es war, als hätte sie etwas fortgeweht, hinaus aus diesem Raum und hinein in die alte Werkstatt im Haus ihrer Großmutter.

Helles Tageslicht war unter der großen Holztür hindurchgesickert, drinnen jedoch war es ziemlich dunkel gewesen, keine Lampe hatte gebrannt. Ihre Oma und Salims Babaanne hatten einen großen Kreidekreis auf das Pflaster gezeichnet, bedeckt mit seltsamen Symbolen, von denen sie nur eines erkannt hatte. Ein Pentagramm, wie es über Kalos Bett hing. Im Dunkel der Werkstatt hatte sich jedoch noch eine Gestalt geregt, schmal und eher klein. Und so kalt, dass die Erinnerung ihr selbst jetzt noch eine Gänsehaut über den Rücken jagte.

Es war seltsam genug, dass sie sich überhaupt an einen Traum erinnerte, das hatte sie bisher nie. Und es auch nie vermisst. Es musste etwas zu bedeuten haben, wenn sie ausgerechnet jetzt so deutlich von ihrer Oma träumte und von diesem Morwen. Oder es war einfach das Ergebnis der zurückliegenden Ereignisse, seit sie diesen verdammten Elbenpfeffer getrunken hatte. Vielleicht konnte ihr Hans etwas dazu sagen ...

Sie erhob sich und griff nach ihrem Kleid, das neben dem Bett auf einem Schemel lag, dann hielt sie inne.

Hans war gestern Abend gleich weggebracht worden, sobald sie aus der Kutsche gestiegen waren. Zwei Gnome hatten ihn in die Mitte genommen und zum Abschied hatte er ihr lediglich aufmunternd zugenickt, was jedoch ziemlich gequält ausgesehen hatte. Auf ihre Frage, wo er hingebracht wurde, hatte sie keine Antwort erhalten.

Der weißblonde Reiter hatte ihr mit einem Wink befohlen, ihm zu folgen, dann hatte sich die Tür eines ebenerdigen Hauses geöffnet und sie war wieder einmal einigen von diesen Moosweibern übergeben worden.

Rosas Blick glitt durch den Raum, der nicht mehr enthielt, als ein schmales Bett und einen Tisch, zu dem winzigen Fenster hin. Durch die vielen kleinen Glasscheiben hindurch war das erste schwache Grau des Morgens zu sehen, wenn auch ein wenig verzerrt.

Mit zwei Schritten war sie dort, schob den eisernen Riegel vorsichtig zurück und musste kräftig ziehen, bis sich das Fenster schließlich mit leisem Quietschen öffnete. Erschrocken hielt sie inne, doch nichts rührte sich, weder draußen auf dem Hof, noch im Haus.

Ihr Blick fiel auf die Umrisse eines viereckigen Turmes, der in einiger Entfernung auf einem kleinen Hügel stand. Den hatte sie gestern Abend gar nicht gesehen und auch nicht bemerkt wie groß das Areal war. Es Burg zu nennen passte eigentlich nicht, auch wenn die Ansammlung von Häusern, die sich offenbar rund um diesen Turm gruppierten, mitten in der Stadt stand und eine eigene Mauer besaß.

Es erinnerte ein wenig an das Gehöft der Lady Durilda, doch es war sehr viel größer. Die hölzerne Palisade, die sie dort gesehen hatte, war hier eine imposante Konstruktion mit einem breiten Unterbau aus Steinen, gekrönt von einer massiven Holzmauer aus dicken Baumstämmen. Oben brannten ganz normale Fackeln, ebenso hell wie gestern Abend bei ihrer Ankunft.

Aufmerksam glitt ihr Blick die Mauerkrone entlang, doch es waren keine Silhouetten auszumachen, die sich zwischen den Feuerscheinen bewegten. Gestern Abend war ihr nicht in den Sinn gekommen, nach Wachen Ausschau zu halten. Aber wenn es welche gab, waren sie wohl eingeschlafen.

Erneut musterte sie den hohen Turm, doch der war gänzlich unbeleuchtet, nicht einmal ein blauer Schimmer war zu sehen. Dem Gedanken folgend suchte sie den unteren Teil der Mauer ab, denn dort reihten sich die Dächer niedriger Häuser aneinander.

Nur vereinzelt meinte sie etwas von den blauen Lichtern in ihrem Innern auszumachen, doch das war nicht weiter erstaunlich. Die in ihrer Kammer waren auch ganz klein geworden, als sie unter die Decke geschlüpft war. Wie ein Nachtlicht, das allerdings selbst einschätzen konnte, wenn jemand schlafen wollte. Rosa wandte sich um und musterte die Flammen, doch sie waren nicht größer geworden.

Wenn sie es tatsächlich wagen wollte, den Pferdestall zu suchen und Hans zu finden, dann war dies wohl die beste Möglichkeit. Und vielleicht auch für lange Zeit die einzige.

Hastig löste sie die Kordel, die das Nachthemd am Hals zusammenraffte, ließ es zu Boden gleiten und zog sich das Kleid über den Kopf. Dann stieg sie in die halbhohen Lederschuhe und ging langsam zur Tür, den Blick auf die Lichter gerichtet. Es waren genau sieben, wie sie nun zum ersten Mal durchzählte.

Sie hatte sie noch nicht erreicht, als sie in Bewegung gerieten und zu ihr herüberschwebten. Erstaunt hielt sie inne und zog die Hand zurück, die gerade den Türknauf hatte greifen wollen. Wenn die Flammen ihr folgten, war sie draußen sofort zu entdecken.

Versuchsweise tat sie noch einen Schritt, sodass sie nun dicht vor der Tür stand und tatsächlich kamen die Lichter ein wenig näher. Die Enttäuschung, die sie überschwemmte, war größer als erwartet und mischte sich zudem mit einer gehörigen Portion Wut.

Dann jedoch kam ihr ein Gedanke.

„Hört mal“, sprach sie sie wispernd an. „Ich will nur meinen Freund besuchen, dann komme ich gleich zurück, ich verspreche es.“

Es gab keine Antwort und keine erkennbare Reaktion.

Rosa verzog das Gesicht; wie blöd konnte man denn auch sein, ein paar magische Lichter anzusprechen, die weder Augen, noch Ohren oder Mund besaßen.

„Ich vermisse ihn doch so“, flüsterte sie trotzdem und schluckte, denn in diesem Moment ging ihr auf, dass es stimmte.

Eine der Flammen löste sich von den anderen, schwebte zu ihrer Hand hin und tauchte sie in ein hellblaues Licht. Rosa zuckte zurück, doch zu spüren war davon nichts.

Oder doch?

Erstaunt starrte sie ihre Hand an, die von dem Leuchten ganz eingehüllt war. Da war ein schwaches Gefühl, das in ihr aufstieg, ein wenig wie Zuversicht ... und Trost?!

„Ich ... darf also gehen?“

Der Rest der Flammen schwebte zurück zum Bett und versammelte sich neben dem Kissen, wo sie auch die Nacht über gewesen waren. Rosa holte tief Luft, griff nach dem Türknauf und huschte hinaus; dann erstarrte sie.

In dem schmalen Gang, dessen Fenster zum Hof hinausgingen, waren ebenfalls einige dieser Flammen und tauchten ihn in ein schwaches gespenstisches Blau. Nach dem, was sie eben erlebt hatte, war ihr Ausflug damit wohl gescheitert. Die Flammen allesamt anzusprechen, war jedenfalls keine gute Idee, denn hinter den vielen Türen schliefen mit Sicherheit andere Menschen.

Unvermittelt tauchte die kleine Flamme vor ihr auf, die ihre Hand verlassen hatte, schwebte ein Stück voraus und hielt dann inne.

Wartete sie etwas darauf, dass sie ihr folgte?

Skeptisch musterte sie die anderen Lichter, tat vorsichtig einen Schritt, doch sie rührten sich nicht vom Fleck. Ein wenig mutiger geworden tat sie den nächsten, doch es war, als wäre sie unsichtbar. Oder aber ihr kleiner blauer Freund hatte die Sache bereits geregelt.

Tief einatmend folgte sie dem kleinen Licht zur Haustür.

Wenn sie nun verschlossen war ...

Doch das war sie nicht, und als sie hastig hinaustrat, wandte sich die Flamme nach links und sie folgte ihr.

Im Zwielicht des frühen Morgens wirkten die niedrigen, langgestreckten Häuser, die sich an die Mauer schmiegten wie ausgestorben und es war beinahe, als sei sie das einzige lebende Wesen in einem Freilichtmuseum. Doch es roch leicht nach Dung, kaltem Rauch und Bratenfett vom Vortag und ein leises Schnauben riss sie heraus, aus dem seltsamen Gefühl.

Der Pferdestall war weitaus größer, als sämtliche Gebäude in der Nähe; sein zweiflügeliges Holztor stand einen Spalt breit offen. Die kleine Flamme schlüpfte hindurch und Rosa schloss daraus, dass sie drinnen tatsächlich Hans finden würde. So leise wie möglich folgte sie ihr und blieb mit klopfendem Herzen stehen.

Auch hier gab es die leuchtenden Wächter, sodass sie etliche abgeteilte Holzboxen ausmachen konnte und die Silhouetten der Pferde, die drinnen standen und die Köpfe hoben. Sie würden doch wohl nicht anfangen, zu wiehern, weil sie hier drinnen nichts zu suchen hatte?

Die Flamme hatte jedoch nicht angehalten und so nahm Rosa ihren ganzen Mut zusammen, senkte den Kopf und lief weiter.

Als sie es endlich wagte, aufzuschauen, hatte das Licht angehalten und sie wäre beinahe an ihm vorbeigelaufen. Es schlüpfte zurück in ihre Hand und Rosa blickte in die Box hinein, in der es vollkommen dunkel war.

„Wer ist da?“, meldete sich eine leise Stimme, die eindeutig zu Hans gehörte, auch wenn sie ein wenig nuschelig klang.

„Ich bin es, Rosa“, gab sie zurück, streckte die leuchtenden Finger aus und entdeckte seine Gestalt.

„Was in aller Welt ...,“ hörte sie ihn murmeln, dann ertönte ein leises Klirren und ein unterdrücktes Stöhnen.

Rosa hob suchend die Hand, bis sie schließlich sein Gesicht fand und keuchte auf.

„Was um Himmels willen haben sie mit dir gemacht?“

Seine Lippe war aufgerissen und geschwollen, soviel war klar. Er griff jedoch nach ihren Fingern und hielt sie davon ab, sich den Rest anzusehen.

„Nicht der Rede wert. Der andere Bursche wird zwei Tage nicht aus den Augen gucken können. Du musst sofort zurück Rosa! Die Flammen werden dich verraten und die Wachen alarmieren!“

„Nein, werden sie nicht! Ich habe ja eine dabei und sie hat mich zu dir gebracht.“

Er strich über ihre Hand hinweg und schien nun erst zu begreifen, warum sie blau leuchtete, denn er ließ sie abrupt los.

„Sowas ist doch gar nicht möglich ...“, murmelte er.

„Doch, ich habe mit ihnen gesprochen und sie um Erlaubnis gefragt“, hielt sie dagegen. „Ich wollte halt ... Ich wollte halt nach dir sehen und wissen wie es dir geht!“

Unschlüssig hielt sie inne.

„Aber wenn du willst, gehe ich natürlich wieder.“

Sie wandte sich halb um, doch seine Hand legte sich auf ihre Schulter, begleitet von diesem leisen Klirren.

„So war das doch nicht gemeint, Rosa. Ich freue mich ja, dass du gekommen bist. Aber es ist gefährlich für dich.“

Ohne ihm zu antworten ging sie in die Knie und ihre leuchtenden Finger wiesen ihr den Weg zu seinen Knöcheln.

„Sie haben dich angekettet!“ Entrüstet hob sie den Kopf, doch sein Gesicht lag im Dunkeln. „Hast du deshalb keine Lichter bei dir?“

„Nein“, erwiderte er und hockte sich hin. „Sie wissen doch, dass ich niemals weglaufen würde. Die Kette soll mir nur zeigen, dass mein Stand nun niedriger ist, als der eines Hausschweins. Die dürfen immerhin frei über den Hof laufen.“

Er versuchte ein Grinsen, doch seine geschwollene Lippe verzerrte es eher zur Fratze.

„Ich hasse die Elben!“, stellte Rosa fest. „Und ich werde mit diesem Curadin reden! Sie dürfen dich nicht anketten wie einen Hund!“

„Ach Rosa“, seufzte er. „Ich glaube dir sogar, dass du mutig genug bist, um das zu tun. Aber es wäre sehr, sehr dumm, denn wenn du Pech hast, werden sie dich danach ebenfalls einsperren. Dann hilft es dir auch nicht, dass die Wächterflammen dich offenbar mögen. Und ich würde mir dann große Vorwürfe machen, denn wenn sie dich einsperren, wird es für deine Freunde noch schwerer, dich hier rauszuholen.“

Sie musste die Hand nah an sein Gesicht heranführen, um ihm in die Augen sehen zu können.

„Ich gehe aber nicht ohne dich, also muss die Kette weg!“

Trotzig hielt sie seinem Blick stand und in seinen Augen tauchte etwas Verlegenes auf.

„Du bist ganz schön stur, was?“

„Allerdings!“, gab sie zurück und wieder stellte sich das seltsame Gefühl ein, dass er mit seiner Situation eigentlich kein Problem hatte. Dann fiel ihr etwas ein.

„Ist es dir etwa unangenehm, wenn ich dir zu helfen versuche, weil ich ein Mädchen bin?“

Seine Augenbrauen wanderten in die Höhe. „Ach wo, nein. Ich möchte nur nicht, dass du dich meinetwegen in Schwierigkeiten bringst. Aber ... es ist sehr lieb, dass du dich um mich sorgst.“

Etwas Weiches tauchte in seinem Blick auf und Rosa riss  sich schleunigst los von seinen blauen Augen und richtete ihren dorthin, wo sie die Kette vermutete.

„Kann ich denn ... sonst irgendetwas für dich tun? Vielleicht kann ich irgendwo etwas weichen Stoff auftreiben, damit die Kette nicht so scheuert!“

Statt einer Antwort griff er nach ihrer Hand, führte sie an seine Lippen und küsste ihre Finger.

„Wenn du mich wieder mal besuchen kommst, ist alles gut“, wisperte er, griff nach ihren Armen und zog sie mit sich hoch. „Aber jetzt musst du gehen, sonst erwischen sie dich noch. Gleich wird der Hahn krähen.“

Plötzlich spürte sie seinen Mund auf ihrer Wange und sein Haar kitzelte ihren Hals, dann schob er sie zur Box hinaus.

„Bis bald, aber nun lauf!“

Einen Augenblick hielt sie noch atemlos inne, dann rannte sie los und folgte der kleinen Flamme, die ihr auf und nieder hüpfend den Weg wies und deren Licht dabei grün und gelb aufleuchtete.

Ohne so recht zu wissen wie, war sie wieder in ihrer Kammer und lehnte sich atemlos gegen die Tür. Dass draußen nicht nur ein Hahn den neuen Morgen bekrähte, sondern gleich zwei, war ganz und gar nebensächlich.

Er hatte sie geküsst!

Sie hob die Hand und fuhr sacht über ihre Wange, die tatsächlich so warm war, als hätte sie den Kopf in einen heißen Ofen gesteckt. Unwillkürlich musste sie schmunzeln; wie altertümlich, ihr die Hand zu küssen, und die Wange. Und doch irgendwie schön. Wie ein Gentlemen aus einem dieser alten Filme.

Dumpfe Schritte näherten sich auf dem Flur und Rosa stieß sich erschrocken von der Tür ab, die schwungvoll aufgerissen wurde.

„Oho, wie lobenswert, du bist ja schon auf!“

Die Frau, die sie da lobte, sah ebenfalls aus, als sei sie gerade einem alten Film entsprungen, wo sie zweifellos die Rolle der Köchin spielte. Kein Haar lugte unter ihrer hellen Haube hervor, als ihr Blick an Rosa herabglitt, die Hände in die umfänglichen Seiten gestützt.

„Ich bin Loftha, die erste Magd! Dann komm mal mit in die Küche, dort gibt es etwas zu essen. Und gleich danach will dich der Herr Curadin sehen. Ist mir ein Rätsel, warum!“

Rosa rutschte das Herz in die Hose, denn die Sache mit dem Handy hatte sie ganz vergessen.

Stumm folgte sie der Frau, die den schmalen Flur beinahe von Wand zu Wand ausfüllte. Das pochende Glückgefühl blieb dabei ebenso hinter ihr zurück, wie die kleinen Flammen. Sie musste es irgendwie zustande bringen, heimlich die Sms aufzurufen, während sie so tat, als suche sie die Bilder, die sie diesem Curadin zeigen wollte. Und wenn keine drauf waren? Oder er sie gar nicht sehen wollte? Was dann? Ihr Kopf war so seltsam leer, dass sich kein Ausweg darin melden wollte.

Sie liefen quer über den Hof, mitten durch die Hühnerschar, die ihnen nur widerwillig den Weg freigab. Männer und Frauen kamen aus den Häusern, streckten sich und einige schlossen sich ihnen an.

„He Loftha!“, hörte sie hinter sich. „Ist das das Liebchen von Tjados Leibwächter?“

Die Magd drehte nur leicht den Kopf, ohne ihren Stechschritt zu verlangsamen.

„Das geht dich gar nichts an, Fritjor! Also halt den Mund, oder ich wasche ihn dir mit Aschenlauge aus!“

Was immer das genau sein mochte, es war offenbar furchtbar genug, denn hinter Rosa blieb es still. Sich umzusehen wagte sie nicht und es war wohl auch besser, niemanden anzuschauen, wenn man sich schon das Maul zerriss, über Hans und sie. Vielleicht war Hans jedoch auch auf dem Weg in die Küche ... Wohl eher nicht, sonst hätte dieser Kerl sicher nicht so dreist nachgefragt.

An dieser Loftha vorbei fiel ihr Blick auf den Turm, der nun deutlich zu erkennen war. Auch er besaß ein Fundament aus massiven Steinen, der obere Teil sah jedoch aus wie ein Fachwerkhaus, das sogar zwei Stockwerke besaß. Ganz oben, gleich unterhalb des Daches, gab es eine hölzerne Balustrade, auf der gerade eben die Köpfe zweier Männer zu erkennen waren, die Ausschau zu halten schienen. Auf den Hügel führte eine steinerne Treppe hinauf und Rosa fragte sich, ob er wohl extra aufgeschüttet worden war, um den Turm obendrauf zu setzen. Der immerhin erinnerte schon ein wenig an die mittelalterlichen Burgen, die sie kannte, auch wenn diese meist ganz aus Stein erbaut worden waren.

Die Küche befand sich jedoch offensichtlich nicht dort drinnen, denn die Magd schwenkte ab und steuerte ein Haus an, das unweit des Hügels an der hier sehr nahen Mauer stand. Es besaß einen dicken steinernen Schornstein, der ein wenig deplatziert wirkte, so als hätte man ihn erst nachträglich an die Außenwand angebaut; heller Rauch stieg von ihm auf.

Die Magd stürmte hinein und Rosa wäre beinahe die Stufen hinabgefallen, denn die Küche war ein ganzes Stück in den Boden eingelassen worden.

Unten angekommen hielt sie inne, sodass die anderen an ihr vorbeigingen und einem langen Holztisch zustrebten, dessen Sitzbänke bereits beinahe voll besetzt waren. In das Stimmengewirr mischte sich das Klirren von Töpfen und Geschirr, denn eine ganze Reihe von Frauen, Männern und kleinen Moosweibern war bereits emsig damit beschäftigt, zu kochen. Heißes Fett zischte in einem großen Topf, der über der Herdstelle hing, so heftig, dass es für einen Moment alles andere übertönte.

„Na los!“ Die Magd gab ihr einen Schubs. „Such dir einen Platz und lang zu, du hast nicht viel Zeit!“

Rosa stolperte zum Tisch hinüber und versuchte zu ignorieren, dass etliche der Bediensteten tuschelnd die Köpfe zusammensteckten. Sie setzte sich ans Ende der Tafel und noch bevor sie erfasst hatte, was es denn zu essen gab, wurde eine dampfende Schüssel vor ihr abgestellt. Sie enthielt einen grobkörnigen, grauweißen Brei, gekrönt mit geldgelbem Honig. Gut sah er trotzdem nicht aus, doch sein Duft verriet, dass es sich um gekochtes Getreide handelte.

Ohne zu zögern griff sie nach dem hölzernen Löffel und begann zu essen, den Blick auf den Tisch gesenkt.

Ob Hans auch so unverblümt angestarrt wurde? Wahrscheinlich nicht, er schien ja eher den Ruf zu haben, gefährlich zu sein. Und es sah nicht danach aus, als würde er kommen, um mit ihnen zu frühstücken. Wenn er denn überhaupt etwas zu essen bekam.

Mühsam schluckte sie den Brei herunter, legte den Löffel nieder und sah auf. Vielleicht besaß diese Magd ja so etwas wie Mitleid und willigte ein, dass sie ihr Essen mit Hans teilte und ihm den Rest in den Stall brachte.

Ihr Blick streifte das Gesicht des Jungen, der ihr gegenüber saß. Er musterte sie aus zugeschwollenen Augen, die sich grün und blau zu verfärben begannen. Hans hatte Recht, er sah definitiv um einiges schlimmer aus, als er.

Der Junge schien ihr vom Gesicht abzulesen, was sie dachte, denn seines verzerrte sich zu einem bösen Grinsen.

Die Bewegung seiner Hand war so schnell, dass Rosa sie zu spät bemerkte. Ihre Schüssel schoss über den Tisch und der heiße Brei, der den Stoff ihres Kleides sofort durchdrang, ließ sie aufschreien. Instinktiv sprang sie auf und versuchte unter dem leisen Gelächter der anderen, ihn abzuschütteln.

„So eine Schweinerei!“, dröhnte die Magd, die mit großen Schritten herüber kam. „Du ungeschicktes Ding, ich werde dich ...“

Schlagartig wurde es still und Loftha fuhr alarmiert herum.

Auf dem Treppenabsatz stand der bleiche Mann, der Rosa und Hans gestern Abend vor der Stadt in Empfang genommen hatte. Eine Handbewegung reichte aus und die Magd wich mit tief gebeugtem Kopf zurück, und mit ihr alle, die in der Nähe der Treppe waren.

Rosa bemerkte einen Augenblick zu spät, dass sie alle Angst vor ihm hatten und so traf sie auf seinen Blick, bevor auch sie den Kopf senkte. Sogar seine Augen waren farblos! Er musste ein Albino sein, oder sowas. Sie hörte, dass er an den Tisch trat; ein eigenartiger Duft umwehte ihn; schwer, dunkel und süßlich wie Rauch, den man mit Zuckersirup gemischt hatte.

„Was für ein netter, kleiner Scherz“, erklang seine leise Stimme. „Ulf ... so heißt du doch nicht wahr? Wie ein Schwein, das Schluckauf hat, kurz vor dem Schlachten.“

Die Tischplatte begann leise zu vibrieren und es dauerte einen Moment, bis Rosa das leise Rumpeln einordnen konnte und begriff, dass es die zitternden Beine des Jungen waren, die ihn in Bewegung versetzten.

„Ich weiß auch einen netten, kleinen Scherz. Du wirst das Kleid waschen, Ulf und dabei wirst du selbst eines tragen. Und heute Nacht schläfst du im Pferdestall, neben Hans, den ich zuvor von seiner Kette befreie und ihm erlaube, sein Werk an dir fortzusetzen, solange es ihm beliebt. Und so wird es jedem ergehen, der das Mädchen anrührt!“

Rosa glaubte ihren Ohren nicht zu trauen und hob vorsichtig den Kopf. Der Albino sah sie allerdings nicht gerade freundlich an.

„Eil dich Mädchen! Der Herr Curadin will dich sehen und wir brauchen ein neues Kleid für dich!“

Hastig stieg sie über die Bank und umrundete mit steifen Schritten den Tisch.

Niemand sprach ein Wort, als sie ihm zur Tür hinaus folgte, sie schienen sogar alle den Atem angehalten zu haben.

Kaum betraten sie den Hof, zog er sich die Kapuze seines schwarzen Umhanges über den Kopf, als wollte er nicht, dass die Burgbewohner, die nun ihr Tagwerk aufnahmen, ihm ins Gesicht blicken konnten. Warum ihm das unten in der Küche nichts ausgemacht hatte, war Rosa allerdings ein Rätsel.

„Du wirst es mir unverzüglich melden, wenn sich das Jungvolk noch einmal an die vergreift, Mädchen“, sagte er, ohne seinen Schritt zu verlangsamen oder den Kopf zu drehen. „Der Herr Curadin will dich unversehrt. Ich bin Oriel, merk dir den Namen gut!“

„Ja“, beeilte sie sich zu antworten. „Und ... ich heiße Rosa. Herr.“

Einen Moment hielt er inne und die Kapuze bewegte sich, dann ging er jedoch weiter.

„Glaube nicht, dass ich nun dein Beschützer bin, Mädchen. Wenn mein Herr deinen Tod wünscht, werde ich dein Henker sein. Und Henker wollen keine Namen wissen.“

Nun verstand sie, warum die anderen so weit wie eben möglich vor ihm zurückgewichen waren und presste fest die Lippen aufeinander. Was auch immer geschah, sie würde ihm nicht die Genugtuung verschaffen, einen Ton von sich zu geben oder gar in Tränen auszubrechen.

Er brachte sie ins Haus nebenan, wo die Moosweiber sogleich herbeieilten. Sie schienen keine Angst vor dem Albino zu haben, denn eine von ihnen wedelte unwillig mit der Hand, sodass er zwar eine Augenbraue hob, jedoch hinausging und sie allein ließ.

Ohne Umschweife lösten sie die Verschnürung ihres Kleides, zogen es ihr mit einem missbilligenden Blick auf den Breifleck über den Kopf und stopften sie in ein neues. Dieses war aus einem wesentlich weicheren und dickeren Stoff gemacht und während Rosa es noch erstaunt bewunderte, wurde sie schon wieder hinaus geschoben.

Oriel bedachte sie mit einem kurzen Blick, dann setzte er sich stumm in Bewegung.

Erneut umrundeten sie den Hügel.

Hinter ihm tauchte ein zweistöckiges Gebäude auf, dessen Wände gerade mit einer frischen weißen Tünche versehen wurden. Rosas Blick glitt in die Runde. Abgesehen von den oberen Geschossen des Turmes gab es sonst kein Haus, das so herausgeputzt worden war, selbst das größte nicht, das am Ende des Hofes stand und die Ausmaße einer Halle besaß. Brachte dieser Oriel sie etwa direkt zum König? Der Gedanke trieb ihren Puls sprunghaft in die Höhe, doch sie ballte die Fäuste und befahl ihren Knien, auf gar keinen Fall zu zittern. Und für ihre Zunge galt verdammt nochmal dasselbe.

Unmittelbar hinter der Haustür befand sich kein enger Flur, sondern ein großer Raum, dessen Ausstattung Rosa überrascht innehalten ließ.

Eine lange Tafel aus dunkel poliertem Holz glänzte im sanften Schein der Feuerschalen, die in allen vier Ecken standen. Schlichte Bänke flankierten ihn, an seinem Kopf jedoch stand ein hoher Lehnstuhl, der mit einem hellen Pelz gepolstert worden war. Die Schädel verschiedener Tiere hingen an den Wänden; einen Hirsch erkannte sie an seinem ausladenden Geweih. Der Rest von ihnen schien vorwiegend aus aufgerissenen Mäulern und spitzen Zähnen zu bestehen.

„Setz dich hierher und warte“, befahl ihr der Albino und deutete auf einen Holzschemel, der neben anderen an einer Wand stand.

Gehorsam ging sie hinüber und setzte sich.

Oriels Blick glitt noch einmal an ihr herab, dann wandte er sich um und ging hinaus.

Rosa atmete erleichtert auf. Zukünftig würde sie um ihn einen ebenso großen Bogen machen wie alle anderen.

„Fürchtest du dich vor Oriel?“

Sie fuhr herum, doch wo der alte Haushofmeister so plötzlich hergekommen war, war nicht zu entdecken. Hatte er etwa eben schon hinter dem schweren Vorhang gestanden, der einen Teil der Wand hinter ihm bedeckte?

„Ja“, antwortete sie wahrheitsgemäß. „Das tun ja wohl alle hier.“

Bedächtig nickend kam er näher, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Der Saum seines langen dunklen Mantels strich mit leisem Schleifen über den Boden und Rosa fiel auf, wie still es im Haus war.

„Sie fürchten ihn zu Recht“, erwiderte er schließlich. „Selbst mir ist sein fremdes Wesen manchmal nicht geheuer.“

Das war eine erstaunliche Information und Rosa sah ihn mit großen Augen an.

„Ist er denn gar kein Elb?“

Der Haushofmeister schüttelte den Kopf. „Nein. Er war wohl einmal ein Mensch, aber die Lebenskraft eurer Rasse ist längst aus ihm entwichen, wie man ihm wohl ansieht, denke ich.“

Ein Schmunzeln zeigte sich in seinem Gesicht und gab ihm durchaus etwas Verschmitztes. Rosa spürte trotzdem, wie sich die feinen Härchen in ihrem Nacken aufstellten.

„Dann ... ist er ein Geist?“

Wieder schüttelte er den Kopf und seine dunklen Augen musterten sie eingehend.

„Er besitzt eine uralte, menschliche Magie. So wie das Licht ohne Feuer, das es überall in eurer Welt gibt. Oder wie die Zaubertränke, die ihr braut ...“

Rosa sah ihn verständnislos an, dann begriff sie, worauf er hinaus wollte.

„Oh, dieses Licht ohne Feuer hat mit Magie rein gar nichts zu tun! Das ist Elektrizität! Und Zaubertränke gibt es doch gar nicht!“

Sie mühte sich ein Lächeln ab und hoffte, dass es zumindest halbwegs glaubwürdig wirkte. Der Haushofmeister erwiderte es nicht, doch in seinen Augen begann es zu funkeln.

Elektrizität ... Dann weißt du also, wie ihr all diese Dinge ohne Magie erleuchtet, in eurer Welt?“

„Nun ja, schon, das lernen wir in der Schule, aber ...“

Rosa hielt inne, denn der Elb war mit zwei großen Schritten bei ihr und hockte sich hin, sodass sie ihm auf Augenhöhe ins Gesicht sah.

„Sag mir, was du darüber weißt und ich werde dich reich belohnen!“

Dass jemand derart erpicht darauf war, etwas über Physik zu lernen, war ziemlich absurd. Umso mehr, wenn es sich um einen dieser arroganten Elben handelte, die doch angeblich so allmächtig waren und zaubern konnten. Und wieso fragte er ausgerechnet sie, es musste doch sehr viele unter den Sklaven geben, die ihm das erklären konnten.

Oder wusste er das etwa gar nicht?

Rosa fasste einen Entschluss und nahm ihren ganzen Mut zusammen.

„In Ordnung. Aber ich tue es nur, wenn Ihr Hans die Kette abnehmt und er nicht mehr für das büßen muss, was sein letzter Herr verbrochen hat!“

Die Augen des Alten verengten sich gefährlich. „Wenn du mir nur sinnlose Kindergeschichten erzählst, wird es dir schlecht ergehen, Mädchen! Ich erkenne es, wenn Menschen lügen!“

„Ich lüge nicht!“, gab sie tapfer zurück und hielt sich daran fest, dass sie das ja auch nicht musste, wenn es um Physik ging.

„Zuerst will ich prüfen, ob du tatsächlich über mehr Verstand und Kraft verfügst, als mir bisher bei deinesgleichen begegnet ist“, sagte er und legte ihr mit einer raschen Bewegung die Hand auf die Stirn.

Rosa zuckte zusammen, denn die Berührung erinnerte an ein altes Blatt Papier, das zu lange in einem feuchten Keller gelegen hatte. Mehr spürte sie jedoch nicht und tatsächlich ließ der Haushofmeister die Hand bereits sinken und erhob sich. Stumm blickte er auf sie herab und sein Blick war nicht zu deuten.

„Also gut, schließen wir einen Handel. Du wirst mir das Geheimnis dieser Elektrizität verraten und ich werde dafür sorgen, dass dein geliebter Hans sich frei bewegen kann, ein Bett, Kleidung und anständig zu essen bekommt.“

Rosa wartete einen Augenblick, dann runzelte sie die Stirn.

„Und dass er nicht mehr büßen muss, für seinen alten Herrn?!“

Der Elb schüttelte den Kopf und sein Blick wurde dunkel. „Er wird seine Schuld mit harter Arbeit bezahlen müssen, so sind unsere Gesetze. Und du solltest nicht vergessen, dass du sein Schicksal teilen könntest, wenn ich die Geduld verliere.“

Was offenbar in Kürze soweit war, schoss Rosa durch den Kopf. Doch sie wurde das Gefühl nicht los, dass er gerade dabei war, sie übers Ohr zu hauen, denn irgendwie lief die Sache zu glatt. Doch das war nun nicht so wichtig, sie musste versuchen, das Beste für Hans herauszuholen.

„Dann versprecht mir, dass er nicht mehr geschlagen oder misshandelt wird!“

Der Haushofmeister schien unschlüssig, dann nickte er widerwillig.

„Im Gegenzug wirst du mir schwören, dass niemand von diesem Handel erfährt und du niemandem Auskunft gibst, außer mir.“

„Einverstanden“, stimmte sie ohne Zögern zu. „Ich schwöre es.“

Es hätte sie auch gewundert, wenn es kein Problem für ihn gewesen wäre, offen zuzugeben, dass er sich von einer Sklavin die Welt der Menschen erklären ließ.

„Nun, dann komm zu mir, damit wir den Handel besiegeln.“

Er streckte die Hand aus und Rosa erhob sich, ging hinüber und vermied es, das Gesicht zu verziehen, als sie sie ergriff. Zu ihrem Erstaunen fühlte sie sich nun jedoch ganz normal an und sein Händedruck war angesichts seines Alters erstaunlich fest. Aus dem Nichts tauchten zwei von den blauen Flammen auf und umhüllten ihre Hände.

„Die Wächter haben den Handel vernommen“, sagte der Elb mit dunkler Stimme. „Sie werden über ihn wachen. Brichst du ihn, werden sie die Strafe vollziehen.“

„Und was ist, wenn Ihr ihn brecht?“, entfuhr Rosa.

„Nichts“, erwiderte er und ein leises Lächeln zeigte sich in seinen Mundwinkeln. „Denn ich bin der Herr der Wächterflammen.“

Mit einem dumpfen Laut wich Rosa zurück und hatte das große Bedürfnis, sich selbst zu ohrfeigen. Wie hatte sie nur so dumm sein können, zu glauben, der Elb wollte tatsächlich eine Faire Abmachung mit ihr treffen!

„Doch es gibt keinen Grund zur Sorge, denn ich halte mein Wort!“, erklärte der alte Elb. „Und als Zeichen meines guten Willens gebe ich dir das hier zurück!“

Er griff in die Tasche seines Mantels, förderte das Handy zutage und es reichte es ihr.

„Und als Zeichen deines guten Willens solltest du mir sagen, was das ist. Und wie du es vor Lady Durilda versteckt hast.“

„Das ist ganz harmlos“, brachte Rosa heraus und nahm es entgegen. „Es braucht auch diese Elektrizität und ... es speichert Bilder von den Menschen, die wir lieben. Von meiner Mutter zum Beispiel.“ Sie schluckte und wagte kaum, ihn anzusehen. „Hans hat Lady Durildas Wächter ein Fass Wein versprochen, wenn er es für mich versteckt.“

Der Elb runzelte die Stirn und sie senkte den Kopf noch ein wenig mehr und schloss die Augen. Auch wenn der letzte Satz der Wahrheit entsprach, hatte sie doch zur Hälfte gelogen und damit sicher den Vertrag gebrochen.

„Ich verstehe“, sagte der Haushofmeister. „Du kannst es behalten. Und nun geh, die Arbeit wartet auf dich.“

Rosa öffnete die Augen und starrte ihn überrascht an.

„D ... Danke, aber ... wo soll ich denn hingehen? Zurück zu Loftha?“

„Oh nein, dieses Haus besitzt eine eigene Küche, du gehörst nun zu meinen Bediensteten!“

Er klatschte in die Hände und hinter ihr war das Knarren einer Tür zu hören. Als sie herumfuhr, teilte sich der Vorhang an der Wand, ein Gnom erschien und verbeugte sich tief.

„Zeig ihr, was sie wissen muss!“, wies der Elb ihn an und bedeutete ihr mit einer Handbewegung, zu gehen.

Nur zu gern kam sie der Anweisung nach und folgte dem Gnom hinaus.

In dem Flur, den sie nun betraten, schwebten etliche der blauen Flammen, doch Rosa konnte ihre Ungeduld nicht bezähmen. Sie schaltete das Handy ein, ein kleines Kästchen erschien, bedrohlich rot blinkte es einen Moment, dann erlosch es und das Display wurde dunkel.

Der Akku war leer; was immer ihr ihre Freunde hatten mitteilen wollen, sie würde es nicht erfahren.

Kapitel 2 die Herberge

Langsam aber sicher schleppte sich Kalo nur noch mit äußerster Mühe voran. Im Morgengrauen hatten sie sich auf den Weg gemacht und mittlerweile war es später Nachmittag. Ihr Rücken revoltierte schon seit Stunden, daran hatten auch die kurzen Pausen am Wegesrand nichts geändert. Birdy blieb kommentarlos an ihrer Seite, warf ihr nur dann und wann einen besorgten Blick zu. Doch der Abstand zu Salim und Hamgor wurde immer größer.

„Heee“, schrie ihr Freund unvermittelt. „Wie weit ist es denn noch zu dieser Herberge?“

Die beiden Angesprochenen hielten inne und drehten sich um.

„Mach bloß keinen Aufstand“, wies Kalo ihn zurecht. „Ich schaffe das schon!“

„Nein, tust du nicht!“, stellte er grimmig fest. „Und ich glaube kaum, dass wir hier das richtige Korsett finden, um deinen Rücken wieder gerade zu biegen!“

Darauf fiel ihr keine Erwiderung ein; er kannte sie eben viel zu gut.

 

Als sie Salim und Hamgor endlich erreicht hatten, musterte der Elb sie eingehend.

„Gut zwei Stunden haben wir noch vor uns. Ich werde dich tragen, kleine Lady, komm!“

Er drehte sich um, ging in die Knie und streckte seine Hände nach hinten aus. Sie sollte auf seinen Rücken steigen? Niemals, lieber würde sie auf allen Vieren weiter kriechen!

„Lass nur“, schaltete sich Salim ein. „Ich werde sie tragen, nimm du den Rucksack, Hamgor.“

Er sah sie eindringlich an, während der Elb sich erhob und sie einigermaßen beleidigt musterte. Auf Salims Rücken zu steigen, war zwar nicht ganz so unangenehm, aber dennoch ...

„Stell dich nicht so an, Kalo“,  schob der junge Türke hinterher. „Du musst dich nicht schämen, immerhin bist du ein zartes Mädchen. Wir hätten daran denken müssen, dass du nicht den ganzen Tag lang laufen kannst.“

„Da bin ich ganz seiner Meinung“, schloss sich Birdy an. Kalo war jedoch eher damit beschäftigt, zu entscheiden, ob das nun als Kompliment zu verstehen war, oder ob Salim gerade den Macho raushängen ließ. Ihre Wangen begannen sich zu röten, doch der sonst übliche Zorn wollte sich gar nicht einstellen.

„Na gut“, gab sie nach. „Probieren wir es. Aber du sagst Bescheid, wenn ich dir zu schwer werde, ja?“

Er zog eine Grimasse und nickte, dann ging er in die Knie, zog sie mit einem Ruck gekonnt auf seinen Rücken und schlang seine Arme um ihre Oberschenkel.

„Du wiegst ungefähr so viel wie ein Eichhörnchen, kleine Lady“, stellte er fest und setzte sich in Bewegung. „Leg die Arme um meinen Hals, ich werde schon nicht reinbeißen, auch wenn mir ganz schön der Magen knurrt!“

Kalo musste schmunzeln. „Versuch es und ich beiße dir ins Ohr!“

Da sie ihr Gesicht mehr oder weniger an seinen Kopf schmiegen musste, war die Drohung zumindest problemlos umzusetzen. Und sie half ein wenig, um das Herzklopfen zu ignorieren, das sich plötzlich eingestellt hatte.

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