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Hafengesindel

Vorbemerkung

Dies ist ein Roman. Die Handlung ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Ereignissen oder eventuelle Namensähnlichkeiten sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Inhalt:

Gangsterkrieg an der Elbe!

Produktpiraterie ist ein Millionengeschäft, bei dem ein Menschenleben nichts zählt. Als ein Zollfahnder im Kugelhagel stirbt, sollen Kommissarin Heike Stein und ihr Kollege Ben Wilken den brutalen Mord aufklären. Der Dienstpartner des Toten will blutige Rache nehmen. Doch das Mordopfer hatte mehr zu verbergen, als Heike zunächst erkennt. Sie begreift, dass nicht nur das organisierte Verbrechen brandgefährlich ist. Rivalisierende Unterweltbanden terrorisieren den Hafen. Und nach dem Fund einer nackten Frauenleiche läuft der Fall endgültig aus dem Ruder ...

1

Malte Lottmann war dem Tod geweiht.

Der Zollfahnder wusste, dass er verloren hatte. Sein Smartphone war ebenso verschwunden wie seine Dienstwaffe. Außerdem gab es weit und breit keine Menschenseele, die ihm hätte helfen können. Gewiss, es gab Kranführer und Barkassenkapitäne in der Nähe. Aber konnte er einem von ihnen trauen? Lottmanns Gegner ließen überall im Hafen Bestechungsgelder fließen. Man wusste nie, wer von ihnen gekauft war.

Diese Leute wurden fürs Wegsehen bezahlt, auch bei einem Mord.

Er rannte über den weitläufigen Containerplatz. Mitten in der Nacht herrschte hier rege Betriebsamkeit, denn der Hamburger Hafen war eine perfekte 24-Stunden-Maschinerie. Am meisten ärgerte Lottmann sich über seine eigene Dummheit.

Was für ein Leichtsinn es gewesen war, ohne Rückendeckung in die Höhle des Löwen zu schleichen! Er wollte sich selbst und seinen Kollegen bei der Fahndungsgruppe etwas beweisen.

Sie sollten kapieren, dass Lottmann noch nicht zum alten Eisen gehörte.

Immerhin hatte er es geschafft, sich selbst aus der Gefangenschaft zu befreien. War das vielleicht kein Lichtblick? Die Verbrecher hatten den Zollfahnder überwältigt, ihm sämtliche persönlichen Dinge abgenommen und ihn in einen dunklen Verschlag gesperrt. Die Tür war allerdings nicht sehr stabil gewesen. Lottmann hatte das Schloss mit einem kräftigen Fußtritt knacken können.

Er war aus dem verlassenen Lagerschuppen am Reiherdamm entkommen und befand sich mitten in dem weitläufigen Hamburger Hafengebiet. Mehrere Male war er mit dem Versuch gescheitert, ein vorbeifahrendes Auto anzuhalten. Wahrscheinlich sah Lottmann nicht vertrauenerweckend genug aus.

Also hatte er beschlossen, bis zum Wasserschutzpolizeikommissariat 2 am Roßdamm zu marschieren. Doch da stellte er fest, dass er verfolgt wurde.

Der dunkle SUV fuhr Lottmann im Schritttempo nach. Und als der Zollfahnder zu rennen begann, beschleunigte das schwedische Auto ebenfalls. Zwischen den aufgestapelten Containern war es zu eng für einen PKW. Doch was nützte das? Lottmanns Widersacher mussten nur außerhalb des Geländes auf ihn lauern. Oder sollte er sich in die Elbe stürzen, um schwimmend zu entkommen?

Damit rechneten die Gangster garantiert nicht. Allerdings gab es dabei eine Schwierigkeit. Lottmann wusste nicht, wie lange er in dem kalten Wasser überleben würde. Nein, ein Sprung in den Fluss wäre mitten im November einem Selbstmord gleichgekommen. Und diesen Triumph wollte er den Verbrechern nicht gönnen.

Trotzdem hatte der Zollfahnder sich immer stärker der Kaimauer genähert. Am anderen Ende des Hafenbeckens wurde gerade ein Containerriese unter der Flagge von Singapur entladen. Ob Lottmann sich an Bord des Schiffs schleichen sollte? Er konnte den Kapitän bitten, per Funk mit dem Hauptzollamt Kontakt aufzunehmen.

Lottmann blickte selbstkritisch an sich hinab.

Er wirkte in seinen zerrissenen schmutzigen Kleidern nicht wie eine Amtsperson, sondern sah eher wie ein Obdachloser aus. Immerhin beherrschte Lottmann als Hamburger Zollfahnder die englische Sprache fließend.

Doch es gab ein ganz anderes Problem.

Die Schiffswand ragte wie ein Hochhaus aus Stahl vor ihm auf. Es gab keine Gangway, auf der Lottmann hätte an Bord gelangen können. Liegezeiten bedeuteten für die Reedereien bares Geld, von dem sie so viel wie möglich sparen wollten. Die tagelangen Landgänge der Schiffsbesatzungen gehörten der romantisch-verklärten Vergangenheit an.

Lottmann fühlte sich, als ob eine eiskalte Klaue in seine Gedärme greifen würde.

Denn plötzlich waren die beiden Männer mit den Maschinenpistolen da.

Sie wollten den Zollfahnder in die Zange nehmen.

Lottmann biss die Zähne zusammen. Natürlich! Warum hatte er angenommen, dass seine Verfolger geduldig im Auto warten würden?

Sie konnten ihn auch hier auf diesem Containerplatz stellen.

Nun war der Sprung ins Wasser wirklich zu Lottmanns letzter Überlebenschance geworden. Und wenn es nur für ein paar Minuten war.

Er rannte auf die Kaimauer zu und stieß sich von der Kante ab.

Die Geschossgarbe traf Lottmann noch in der Luft. Sechs oder sieben Kugeln schlugen in seinen Körper ein.

Er war schon tot, als seine sterblichen Überreste auf die Wasseroberfläche klatschten und dann allmählich im nächtlich-schwarzen Elbstrom versanken.

2

„Die Leiche hat fünf Tage in der Elbe gelegen.“

Mit diesen Worten begann Kriminalrätin Dr. Laura Brink an einem kühlen Novembermontag die Morgenbesprechung der Sonderkommission Mord. Sie deutete dabei mit einem Zeigestock auf ein an die Wand projiziertes Foto, das allerdings keine Wasserleiche zeigte. Darauf war stattdessen ein ungefähr fünfzigjähriger Mann in Zolluniform zu sehen, der ernst und aufmerksam in die Kamera blickte.

Das war ein ungewöhnlicher Auftakt für die Konferenz, wie Heike Stein fand. Doch bei ihrer Chefin musste sie stets auf Überraschungen gefasst sein. Daher wunderte sich die Hauptkommissarin auch nicht darüber, dass ihre Vorgesetzte den neuen Mitarbeiter des Teams noch nicht vorgestellt hatte.

Der Fremde saß jedenfalls so selbstverständlich neben Koslowski, als ob der Dortmunder Kommissar und er schon seit ewigen Zeiten zusammenarbeiten würden. Koslowski blieb locker, wie Heike es von ihm gewohnt war. Sie musterte den Unbekannten mit einem kurzen Blick.

In seinem Norweger-Pullover und den zerschlissenen Jeans hätte er einer Friesen-Bierwerbung entsprungen sein können. Dazu passten auch sein wild wuchernder Vollbart und der frische Teint. Ein Naturbursche, dachte Heike.

Nun öffnete der Mann den Mund.

„Warum sprechen Sie von der Leiche, Frau Kriminalrätin? Wir wissen doch schon, dass es sich um Zollfahnder Malte Lottmann handelt. Reden Sie nicht von ihm, als wäre er ... irgendein Ding.“

Die Hauptkommissarin horchte auf. Ihre Chefin schätzte es überhaupt nicht, wenn man sie zurechtwies. Entweder war diese Tatsache dem kernigen Typen nicht bekannt oder sie war ihm egal.

Frau Dr. Brink runzelte die Stirn.

„Wir befassen uns in dieser Abteilung ausschließlich mit Tötungsdelikten, Herr Fischer. Wenn Ihr emotionaler Abstand zu dem Opfer nicht groß genug ist, sind Sie hier womöglich fehl am Platz.“

„Das haben Sie nicht zu entscheiden“, gab der Kerl zurück. „Ich bin hier, weil der Polizeipräsident die Zollbehörde um Amtshilfe gebeten hat.“

Nun richteten sich die Blicke sämtlicher Ermittler auf den Blondbart. Als die Kriminalrätin wieder das Wort ergriff, hörte sich ihre Stimme klirrend kalt an.

„Ich möchte Ihnen Zollfahnder Jan Fischer vorstellen. Er hat mit der Leiche - Verzeihung: mit Malte Lottmann - unmittelbar zusammengearbeitet und kann uns womöglich Hinweise zum Tatmotiv liefern.“

Jan Fischer ließ seinen Blick über die Gesichter von Heike, Ben, Melanie, Koslowski und den übrigen Ermittlern der Sonderkommission Mord schweifen.

„Malte und ich waren Dienstpartner. Für mich steht fest, dass die Triaden für seinen Tod verantwortlich sind.“

„Die chinesischen Geheimbünde?“, hakte Heike nach. „Wie kommen Sie darauf?“

„Malte und ich gehören zu einer Ermittlungsgruppe, die sich auf Produktpiraterie spezialisiert hat. Wir reden hier über ein Geschäft, in dem Jahr für Jahr Millionen Euro verdient werden. Es gibt praktisch kein Markenprodukt, das nicht imitiert wird - von Designer-Handtaschen bis zu Krebsmedikamenten.“

„Das organisierte Verbrechen hält sich normalerweise beim Mord an Polizisten oder anderen Amtsträgern zurück“, warf Ben Wilken ein. „Wenn einer von uns stirbt, würde er sofort durch einen Kollegen ersetzt werden. Bestechung ist für die Gangster viel effektiver.“

„Wollen Sie damit sagen, dass Malte gekauft wurde?“, fauchte Fischer.

„Das hat niemand behauptet“, stellte Frau Dr. Brink richtig. „Wir halten zunächst nur die Fakten fest. - Ihr Kollege wurde am vorigen Dienstag von seiner Ehefrau Nora als vermisst gemeldet. Er hatte ihr gesagt, dass er sich abends noch mit Ihnen treffen wollte.“

Der Zollfahnder nickte.

„Ja, das hörte ich am nächsten Morgen. Von einer solchen Verabredung wusste ich nichts.“

„Also hat Lottmann seine Frau angelogen?“, vergewisserte Heike sich.

Fischer schaute sie wütend an, dann nickte er mürrisch.

„Das ist die eine Möglichkeit. Die andere besteht darin, dass Malte zu mir wollte, aber vorher von diesen Dreckskerlen erwischt wurde.“

„Der Mord wurde jedenfalls von einer Person verübt, die Zugang zu Automatikwaffen hatte“, stellte die Chefin nach einem Blick in ihre Unterlagen fest. „Laut vorläufigem Obduktionsbefund trat der Tod durch mehrere Schussverletzungen im Brustbereich ein, wobei drei der Kugeln noch in dem Körper steckten. Die Lage der Schusskanäle sowie die Ähnlichkeit der Geschosse deutet auf die Verwendung einer Maschinenpistole hin.“

„Wie konnte der Tote identifiziert werden?“, fragte Koslowski dazwischen. „Wasserleichen sind doch meist ziemlich unansehnlich.“

„Der Zahnstatus stimmt überein“, sagte Frau Dr. Brink.

„Und was ist mit dem Ehering?“, wollte Heike wissen. „Sie sagten, seine Frau hätte ihn als vermisst gemeldet. Trug er denn keinen Ehering?“

Diese Frage richtete sie allerdings nicht an ihre Chefin, sondern an Fischer. Der schaute sie zornig an - so, als ob Heike ein schmutziges Familiengeheimnis ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt hätte.

„Malte hatte seinen Ehering immer angesteckt“, gab er schließlich zu. „Womöglich ist das Ding abgefallen, während er in der Elbe flussabwärts trieb.“

„Wo wurde der Körper eigentlich gefunden?“, fragte Melanie Russ.

„Auf der Höhe des Köhlbrandhöfts“, erwiderte die Kriminalrätin. „Die Wasserschutzpolizei hat schon eine Einschätzung abgegeben, wo der Körper ungefähr in die Elbe gestürzt ist. Es kommt am ehesten der Roßkanal zwischen der Howaldtbrücke und dem Köhlbranddeich infrage.“

Fischer schnaubte ironisch - so, als ob Dr. Laura Brink unabsichtlich einen Scherz gemacht hätte.

„Genau dort befinden sich Lagerräume der Fengtian Trading Company, die fest in den Händen der Triaden ist.“

„Ermitteln Sie gegen dieses Unternehmen?“, fragte Ben.

„Ja, natürlich. Allerdings können wir immer nur Stichproben vornehmen. Ich möchte nicht wissen, wie viele gefälschte Markenartikel jedes Jahr über den Hamburger Hafen in unser Land eingeführt werden. Gerade im Oktober haben wir noch eine groß angelegte Razzia gemacht. Wir haben Informanten in China, die uns auf dem Laufenden halten. Diesmal ging es um drei Container voll mit gefälschten Luxus-Pumps für das Weihnachtsgeschäft. Wir waren rechtzeitig vor Ort und öffneten die Behälter. Aber sie enthielten nichts Illegales, nur Unmengen von Plastiksieben, normale Haushaltsgegenstände. Keine Markenartikel.“

Wenn die Razzia ein Schlag ins Wasser gewesen war, wieso war der Zollfahnder ermordet worden? Diese Frage behielt Heike einstweilen für sich.

Im nächsten Moment wurde ihr klar, dass sie sich noch ausgiebig mit dem Fall würde beschäftigen müssen.

„Frau Stein, Sie und Herr Wilken werden gemeinsam mit Herrn Fischer dieses Tötungsdelikt aufklären“, bestimmte die Chefin.

3

Maja Wilken war so erledigt wie nach einem Marathonlauf. Und das, obwohl sie während der vergangenen Stunden hauptsächlich still gesessen hatte. Die Bluse klebte an ihrem schweißnassen Rücken, obwohl es in dem Sitzungssaal des Hamburger Landgerichts eher frisch gewesen war.

„Ein Jahr Freiheitsstrafe, zur Bewährung ausgesetzt - damit sollten wir uns zufriedengeben“, sagte die Rechtsanwältin von Bens Ehefrau. „Ich rate davon ab, dass wir in Revision gehen. Ehrlich gesagt hätte ich nicht damit gerechnet, dass wir so billig davonkommen.“

Maja nickte geistesabwesend. Für sie war nur entscheidend, dass sie nicht ins Gefängnis musste. Der Richter hatte zu ihren Gunsten berücksichtigt, dass sie von der lettischen Mafia bedroht worden war, als sie Dienstgeheimnisse ihres Mannes an die Gangster weitergegeben hatte.

Und Majas Zusammenbruch vor den Schranken des Gerichts war nicht gespielt gewesen. Sie hatte sogar ein paar Tränen vergossen. Hauptsächlich weinte sie allerdings aus Selbstmitleid und Scham. Aus Majas Sicht gab es nämlich nur eine wirklich Schuldige.

Heike Stein.

Wenn Ben nicht mit dieser falschen Schlange fremdgegangen wäre, hätte Maja nicht in den Armen eines dominanten Balten-Gangsters Trost suchen müssen. Das war zumindest ihre Sicht der Dinge. Sie war so in ihre Gedanken versunken, dass ihre Verteidigerin sie am Ärmel zupfen musste.

„Ich sagte gerade, dass Ihr Taxi bereits wartet, Frau Wilken. Ich habe es zum Hintereingang beordert, so entgehen Sie den Pressegeiern.“

Maja nickte zerstreut und murmelte ein Dankeschön. Dann verabschiedete sie sich von ihrer Rechtsanwältin. Bens Frau wollte jetzt nur noch allein sein. Ihre Tochter wurde an diesem Tag nach dem Kindergarten von Katja - der Mutter einer Spielkameradin - abgeholt, wo die Kleine auch den Nachmittag verbringen sollte. Maja konnte sich also innerlich wieder festigen, bevor ihr Kind und ihr Ehemann heimkamen.

Sie ließ sich auf den Rücksitz des Taxis fallen und nannte ihre Adresse in Ahrensburg.

Der Fahrer murmelte etwas Unverständliches und ließ den Mercedes vorwärts gleiten.

Maja dachte wieder einmal an Heike.

Letztlich war es ja Bens Kollegin und Geliebte gewesen, die Maja zu einer neuen Aussage überredet hatte. Dadurch war die heutige Gerichtsverhandlung ja überhaupt erst zustande gekommen. Maja wollte sich nicht eingestehen, dass sie sich selbst in diese Situation manövriert hatte. Sie konnte es drehen und wenden, wie sie wollte.

Ihr Hass auf Heike wurde immer größer.

Trotz ihrer starken Gefühle entging es Bens Frau nicht, dass der Fahrer eine falsche Route gewählt hatte. Maja beugte sich vor.

„Hören Sie, hier geht es aber nicht nach Ahrensburg!“

„Klappe halten“, lautete die lakonische Antwort.

Maja wurde von einem heißen Schreck durchzuckt.

Der Mann am Lenkrad sprach mit demselben Akzent wie ihr lettischer Lover Andris!

Gleich darauf musste das Taxi an einer Kreuzung halten.

Maja wollte die Chance nutzen, rüttelte verzweifelt am Türgriff. Aber das nutzte nichts, die Tür ging nicht auf. Der Fahrer drehte sich halb zu ihr um.

„Lass den Unsinn, sonst werde ich sauer.“

Er unterstrich seine Worte, indem er die auf dem Beifahrersitz liegende Zeitung beiseiteschob. Darunter lag eine Pistole.

Der Anblick dieser Schusswaffe wirkte auf Maja beruhigender als eine Extraportion Valium.

Sie sackte zurück in die Polster und stieß langsam die Luft aus den Lungen.

„Wohin bringen Sie mich?“, fragte Maja mit belegter Stimme.

„Klappe halten“, wiederholte der Kerl.

Maja presste die Lippen aufeinander. Sie wollte ihren Entführer auf gar keinen Fall herausfordern. Durch ihren Mann wusste sie, dass mit dem organisierten Verbrechen nicht gut Kirschen essen war. Ein Menschenleben bedeutete diesen Leuten nicht viel. Doch trotz ihrer großen Angst erkannte Maja, dass sie nicht getötet werden sollte.

Jedenfalls nicht sofort.

Hätten die Verbrecher sie ermorden wollen, dann wäre das schon längst möglich gewesen. Maja war jeden Tag mehrere Stunden lang allein zu Hause. Nach Andris Kausmans Untertauchen hatten Kripo-Beamte das Haus der Wilkens einige Tage lang im Auge behalten. Danach war beschlossen worden, dass weiterer Polizeischutz nicht notwendig sei.

Nicht notwendig!

Maja schnaubte ironisch. Diese Einschätzung war kompletter Unsinn. Sie wollte Ben über die Unfähigkeit seiner Kollegen die Meinung geigen, sobald sie wieder daheim war.

Falls sie überhaupt jemals zu ihrer Familie zurückkehren konnte.

Furcht und Unsicherheit schnürten Majas Kehle zu. Sie führte sich vor Augen, dass niemand wusste, wo sie abgeblieben war. Ihre Verteidigerin hatte ihr ein Taxi gerufen, und ...

Ein furchtbarer Verdacht keimte in Majas Innerem auf. Wenn ihre Anwältin nun mit den lettischen Gangstern unter einer Decke steckte? Nicht irgendein Taxi hatte auf sie gewartet, sondern ein Wagen, der sie schnurstracks zu einem finsteren Unterwelt-Herrscher bringen sollte.

Wieder einmal verfluchte Maja die Tatsache, dass Ben Kriminalist war. Wenn ihr Ehemann beim Grundbuchamt oder einer Spedition arbeiten würde, dann wäre ihr schon so mancher üble Moment in ihrem Leben erspart geblieben. Vor allem hätte Ben dann niemals Heike kennengelernt.

Maja konnte es drehen und wenden, wie sie wollte.

Heike war an allem schuld. Aus Sicht von Bens Frau würde ihre Ehe perfekt laufen, sobald dieses blonde Gift beseitigt war. Lange Zeit hatte Maja auf Bens Versetzung nach Wiesbaden gehofft, aber den Job beim Bundeskriminalamt konnte er sich wohl abschminken. Auch wenn ihm keine Bestechlichkeit nachgewiesen werden konnte - es blieb immer ein bitterer Nachgeschmack, der eine steile Karriere aussichtslos erscheinen ließ.

Majas Widerwillen gegen Heike lenkte sie wenigstens zeitweise von dem Dilemma ab, in dem sie sich momentan befand. Es gab ohnehin nichts, was sie tun konnte. Also starrte sie aus dem Fenster, während draußen die Schilder von Maja völlig unbekannten Straßen vorbeizogen: Eulenkrugstraße, Huusbarg und Holthusenstraße - das sagte ihr alles nichts. Irgendwann bemerkte Bens Frau, dass sie in Volksdorf war. Das Taxi hielt vor einem unauffälligen Einfamilienhaus, das vermutlich in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts errichtet worden war.

So ungefähr der letzte Ort, an dem Maja baltische Gangster vermutet hätte.

Der Fahrer stieg aus, riss die Hintertür auf und zerrte sie am Arm aus dem Wagen.

Wenigstens ist das Taxameter nicht eingeschaltet, dachte Maja mit einem Anflug von Galgenhumor.

Der Mann brachte sie ins Haus, wo im Wohnzimmer auf dem Sofa eine wohlbekannte Gestalt wartete.

Andris Kausmans.

Majas Geliebter war eines Tages spurlos verschwunden, er hatte sich buchstäblich in Luft aufgelöst. Natürlich gab es eine Fahndung, denn immerhin hatte der lettische Gangster über Maja polizeiinterne Daten von Ben beschaffen wollen. Die Ehefrau des Hauptkommissars war ja nicht ohne Grund heute vor Gericht erschienen.

Maja schaute Andris an.

Sie hatte versucht, ihn zu hassen. Irgendwie wollte ihr das nicht gelingen. Gewiss, er hatte sie ausgenutzt. Doch das war nur eine Seite der Medaille.

Man kann gegen Andris sagen, was man will. Aber er wird bestimmt nicht mit Heike Stein ins Bett gehen!

Dieser Gedanke schoss Maja durch den Kopf, während ihr Ex-Geliebter ein paar Worte in seiner Muttersprache an den Fahrer richtete. Der nickte daraufhin und verschwand von der Bildfläche. Die Haustür klappte. Maja war mit Andris allein.

„Du siehst gut aus, ich habe dich vermisst.“

Seine Stimme war immer noch weich wie Samt, wenn er sie mit seinem leichten Akzent ansprach. Maja lief ein wohliger Schauer über den Rücken, was sie angesichts ihrer Lage selbst verblüffte. Das hier war schließlich kein Date, sondern eine Entführung.

Doch die Aura von Gefahr, mit der dieser Gangster sich umgab, hatte sie schon früher in ihren Bann geschlagen. Trotzdem versuchte Maja, resolut zu wirken.

„Was willst du, Andris? Ich habe keine Zeit, meine Tochter wartet auf mich.“

Der Verbrecher schüttelte den Kopf.

„Warum lügst du mich an? Hast du das nötig? Pia ist momentan noch im Kindergarten, später wird sie dann mit ihrer kleinen Freundin bei deiner Nachbarin Katja spielen.“

Majas Herzschlag setzte scheinbar einen Moment lang aus. Kalter Schweiß trat auf ihre Stirn. Andris wusste alles, kannte sogar Katjas Namen! Andererseits wäre es naiv gewesen, etwas anderes anzunehmen. Diese Leute waren bestens organisiert und verfügten über das nötige Kleingeld, um sich Informationen zu beschaffen.

Majas Mund fühlte sich staubtrocken an. Trotzdem schaffte sie es, einige Worte hervorzupressen.

„Was willst du?“

„Warum bist du denn so abweisend? Ich glaube, du hattest einen harten Tag im Gericht. Wie wäre es mit einem Drink?“

Bens Frau konnte Andris‘ Freundlichkeit nichts entgegensetzen. Sie hatte immer noch ihr Handy in der Tasche. Ob sie zur Toilette gehen und dann heimlich die Polizei rufen sollte? Sie kannte zwar den Namen der Straße nicht, aber ihr Smartphone ließ sich ja orten. Doch kaum war ihr dieser Einfall gekommen, als sie ihn auch schon wieder verwarf.

 

Erstens hatte sie viel zu viel Angst vor den lettischen Gangstern. Und zweitens fand sie es tief in ihrem Inneren reizvoll, wieder in Andris‘ Gewalt zu sein. Als Mann war er für sie sehr aufregend. Im Bett hatte er sie niemals zu etwas zwingen müssen.

 

A

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