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Ist das Liebe oder kann der weg?

Über die Autorin

Anke Maiberg, geb. 1974 in der Nähe von Hamburg, hat Jura studiert und ist Mutter von drei Töchtern. Die damit einhergehende Vorbildfunktion lässt sie erfolgreich hinter sich, wenn sie am Schreibtisch durchgeknallte Frauen auf romantische Feldversuche schickt. Ist das Liebe oder kann der weg? ist ihr erster Roman. Anke Maiberg lebt mit Mann, Kindern und Katze in Berlin.

BASTEI ENTERTAINMENT






Die Geschichte, Personen und Schauplätze in diesem Buch sind fiktiv. – Zugegeben, das Dorf Freesbüll dürfte so manchem in geografischer Hinsicht bekannt vorkommen, und Tante Lisbeth trägt einige Züge meiner verstorbenen Tante Ruth … das ist aber nur eine Hommage an den für mich schönsten Ort der Welt und einen meiner Lieblingsmenschen. Wahrheitsgemäße Aussagen zum Leben meiner Tante oder den Bewohnern, Institutionen und Unternehmen von Nordfriesland sind nicht beabsichtigt!

EINS

Er geht zur Maniküre«, sagte ich und nippte an meinem Sekt.

Katja verdrehte die Augen und schlug sich mit gespielter Verzweiflung eine Hand vor die Stirn – aber dann schrieb sie den Punkt beflissen auf. Hierzu nutzte sie meine Cosmopolitan. Genauer gesagt, die große Bilderstrecke mit den sexyesten Bond-Szenen aller Zeiten. Noch genauer: ein Foto von Daniel Craig, wie er in Casino Royal nur mit einer himmelblauen Badehose bekleidet aus dem Atlantik steigt. »Da muss man ja damit rechnen, von Frauen zum Objekt gemacht zu werden«, hatte Katja gefeixt und Bonds nackte Brust zum Notizzettel umfunktioniert. Mit blauem Kuli entstand darauf eine Liste: Außer dem gerade hinzugefügten »Maniküre« hatte sie schon »untreu«, »selbstverliebt«, »rücksichtslos« und »kein Balkon« notiert. Das alles galt natürlich nicht für James Bond – was wussten denn wir, ob 007 einen Balkon hat? Nein. Es ging um meinen Freund.

Thema des Abends war, dass Stephan mich im Grunde gar nicht verdient hatte. Um das zu untermauern, erstellten wir diese Sammlung seiner fiesesten Eigenschaften und Negativpunkte, und Katja brainstormte wie eine Weltmeisterin. Gerade platzierte sie mit breiten Buchstaben »triebgesteuert« über dem Saum der Badehose. Der Plan war, dass ich die Liste später an meinen Kühlschrank pappte. Wie die Moppelpo-Fotos bei einer Diät, die auch davon abhalten sollen, wieder schwach zu werden. Oder wir würden sie nachher verbrennen. Zusammen mit der Voodoopuppe, die Sandra gerade bastelte.

Sandra war meine zweitbeste Freundin nach Katja. Rang zwei deshalb, weil sie mich in ihrem Beruf als Zahnprophylaxe-Assistentin einmal im Quartal über die Schmerzgrenze trieb. Ansonsten hatte ich sie beide gleich lieb. Und Sandra gab ebenfalls alles beim Stephan-Exorzieren. Sie hatte alte Sportsocken so ineinandergeknüllt und mithilfe von Haargummis in Form gebracht, dass ein Püppchen mit Armen, Beinen und Kopf entstanden war. Statt Augen hatte sie ihm mit Edding zwei Kreuze gemalt.

Als ich Stephans Maniküre erwähnt hatte, war sie aufgesprungen. Jetzt kehrte sie mit einer Packung künstlicher Fingernägel in den Händen aus dem Badezimmer zurück. »Die benutzt du doch nicht mehr, oder?«, fragte sie. Nein. Wie Sandra wusste, lagen die Dinger schon seit Ewigkeiten im Schrank. Ich hatte sie mal im Kaufrausch in einer Drogerie erstanden und eine Zeit lang davon geträumt, auch mal Nägel in Mandel- statt in Zwiebackform zu haben. Aber jedes Mal, wenn ich die Packung dann zu Hause in die Hände genommen hatte, war ich mir albern vorgekommen und hatte sie wieder fortgeräumt. Im Grunde hatte ich sie im Hinterkopf schon fürs nächste weihnachtliche Schrottwichteln vorgesehen. Da konnte ich sie genauso gut auch fürs Voodoopuppe-Basteln hergeben.

Sandra riss die Packung auf und drapierte die Nägel um die Enden der Frottee-Ärmchen. »Holt mal einer Sekundenkleber?«, forderte sie dann, als sie sich die richtigen Positionen überlegt hatte.

Katja fühlte sich nicht angesprochen. Sie hatte damit begonnen, Daniel Craig ein kompliziertes Meerjungfrauen-Tattoo auf den Bizeps zu malen, und konnte gerade nicht aufstehen. Ich brummte. Täuschte ich mich, oder kippte hier gerade die Stimmung? Als sie bei mir angekommen waren, hatten die Mädels noch laut geschimpft und Stephans Fehltritt zum Anlass wütender »Männer sind doch alle Schweine!«-Schimpftiraden genommen. Aber allmählich schien der Kriegsrat zu einer heiteren Mal- und Bastelstunde zu verkommen. Na ja. Solange mich keiner bat, einen Roibuschtee zu kochen … Ich stand auf, kramte den Kleber aus der Küchenschublade und sah dann zu, wie Sandra die Sockenpuppe pimpte. »Lässt er sie nur feilen, oder kriegt er auch Lack?«, fragte sie nach.

»Lack ist ihm zu auffällig«, verriet ich, was Stephan mir eigentlich im Vertrauen gesagt hatte. Aber Vertrauen konnten wir ja wohl knicken. »Er schwört auf pflegendes Nagelöl und anschließend ein Politur-Finish.«

Katja machte Würgegeräusche und setzte auf der Liste zwei dicke Ausrufezeichen hinter »Maniküre«.

Als Sandra fertig war, hielt sie die Puppe auf Armlänge von sich entfernt und betrachtete sie kritisch. »So sieht’s jetzt aber irgendwie albern aus«, stellte sie fest.

»Ich glaube, Voodoopuppen haben normalerweise keine Fingernägel«, pflichtete Katja ihr bei.

»Ich glaube, Voodoopuppen haben normalerweise auch nicht ›35-38‹ auf dem Bauch stehen«, sagte ich schulterzuckend. Die Leistengegend der Puppe hatte offenbar den Teil meiner Sportsocken abbekommen, bei dem die Schuhgröße in den Stoff eingewebt war. Aber solange wir kein Youtube-Video von unserem kleinen Exorzismus ins Netz stellten, würde uns schon keine Abmahnung für Pfusch am kultischen Zauberzubehör ins Haus flattern.

Sandra fing an zu kichern. »Stellt euch mal vor, Stephan hätte wirklich so ein Tattoo! Um die Damenwelt auf die Länge seines Gemächts hinzuweisen!«

Auch Katja prustete los. »Genau! Wär das nicht praktisch? Wir sollten ihm mal einen Tipp geben. ›Du, Stephan, falls du noch eine Methode brauchst, um die Frauen für dich zu gewinnen …«

»Das scheint er aber nicht mehr nötig zu haben«, knurrte ich. Ich spürte, wie sich meine Muskeln unwillkürlich verkrampften, als ich an die Szene vom Abend zuvor zurückdachte.

Da hatte Stephan es offenbar ganz ohne die Hilfe von Tattoos geschafft, den Fokus einer Frau auf sein bestes Teil zu lenken. Und fokussiert war sie gewesen, die Frau mit der roten Mähne und den Schlauchbootlippen. Was die da auf Stephans Bett abgezogen hatte, erforderte Konzentration und außerdem eine Beweglichkeit, die nur auf falsch verschraubten Gelenken oder extremer Disziplin beim Yoga beruhen konnte. Was mir beides fehlte. Ich verzichtete beim Yoga nicht nur regelmäßig darauf, mich richtig in den Dehnungsschmerz reinzulehnen … ich verzichtete auch oft genug aufs Yoga als solches. So wie gestern, als ich den Kurs geschwänzt hatte. Um stattdessen zu Stephan zu gehen. Und ihn beim Fremdgehen zu erwischen.

»Hase, mach da keine große Sache draus!«, hatte er rausgepresst, als er mich nach Luft schnappend in der Tür hatte stehen sehen. Unter dem Spagat der Schlampe eingeklemmt, hatte er es noch nicht mal geschafft, mir auf die Straße hinterherzulaufen.

Ich seufzte. Katja hielt mir einen Nougatriegel hin. Donnerstags, wenn die Mädels zum Seriengucken zu mir kamen, gönnten wir uns auch immer gleich alles, was uns in den Werbepausen angepriesen wurde. Also, nicht die Kleinwagen. Aber die Süßigkeiten und den Sekt. Heute hatten wir, Festplattenrekorder sei Dank, das Fernsehen zwar aufgeschoben, weil wir uns erst mal um meinen Liebeskummer kümmern mussten. Das Naschzeug gab es aber trotzdem schon mal. Während ich an dem Keksteil meines Riegels herumknabberte, stellte ich fest, dass wir wirklich leichte Beute für die Marketingleute waren. Fehlte nur noch, dass wir uns alle pastellige Unterwäsche zulegten und einander kichernd Enthaarungsprodukte zuwarfen.

Hmm. Enthaarungscreme. Meine Stimmung hellte sich auf.

»Ich weiß, was ich mache!«, rief ich und schnipste mit den Fingern. »Ich habe doch seinen Schlüssel …«

»Ja, da habe ich auch schon dran gedacht«, unterbrach mich Katja. »Also, du könntest den Schlüssel in ein Paket mit Hundekacke stopfen und Stephan aufs Kopfkissen legen!«

Sandra und ich verzogen vor Ekel den Mund.

Katja zuckte mit den Schultern. »Und was wolltest du sagen?«, fragte sie mit dem beleidigten Tonfall des verkannten Genies.

»Also, an Rache dachte ich auch«, sagte ich gedehnt. Die beiden nickten zustimmend. Katja gab mir den »Gefällt mir«-Daumen. Ich lehnte mich vor und senkte konspirativ die Stimme. »Stephan findet doch immer, dass er aussieht wie McDreamy.« Sandra guckte ungläubig.

Klar, den zärtlichen Blick von Patrick Dempsey in Grey’s Anatomy hatte er nicht. Er schaute einen eher so adlermäßig-durchdringend an. »Wegen seiner Haare«, erklärte ich. Und das musste man Stephan schon lassen, die dunklen Haare waren fast wie bei McDreamy. Dicht, glänzend und sanft gewellt.

»Na, Komplexe hat Stephan jedenfalls keine.« Katja verdrehte die Augen. Stephan und sie waren Kollegen, und sie fand ihn nicht im positiven Sinne selbstbewusst, sondern eher großkotzig – was sie auch gerade in der Liste ergänzte. Und »intrigant«. Auf ihrer Stirn bildete sich vor Wut eine Furche.

»Glitter Angel?«, fragte ich verstehend nach und traf damit ins Schwarze.

»Der hinterhältige Mistkerl!«, giftete Katja. »Das Mandat stand so was von mir zu! Und dass du die ganze Zeit zu dem gehalten hast, verstehe ich sowieso nicht! Ich meine, dich wollte er auf die Premiere doch auch nicht mitnehmen!«

»Er hat doch gar keine zweite Karte. Er muss da doch nur hin, um den Mandanten zu bespaßen«, rechtfertigte ich Stephan reflexmäßig. Das Thema Premiere war bei Katja ein Dauerbrenner.

Es ging um Folgendes: Katja fühlte sich von Stephan verraten, weil er sich ein Mandat geangelt hatte, auf das sie total scharf gewesen war. Es ging um einen Filmfonds. Filmfonds, das waren Konstrukte, mit denen deutsche Gutverdiener ihr Geld in Hollywood-Produktionen anlegten. Normalerweise keine glamouröse Sache, eher das Gegenteil, wie das halt bei Steuerrecht so ist. Wer bei der Kanzlei Blöcher und Schramm einen Filmfonds betreut, der flaniert nicht mit dem Headset durch ein Filmstudio, sondern korrespondiert mit dem Finanzamt und trifft allenfalls die völlig unspektakulären deutschen Zahnärzte, die in die Fonds zu investieren pflegen. Die Filmstars bekommt ein Anwalt nicht zu Gesicht. – Außer bei Glitter Angel. Für diesen Film hatte der Hauptinvestor, ein Industrieller mit dem denkbar glitterfreien Namen Ulf Herkenrath, einen derart großen Batzen angelegt, dass die Kanzlei Karten für die Europapremiere erhalten hatte. Also, der den Fonds betreuende Anwalt. Also: Stephan.

Katja würde vor Neid noch ein Magengeschwür bekommen, befürchtete ich. Ihre Idee mit der Hundekacke auf dem Kopfkissen entsprang wahrscheinlich neben ihrer Loyalität mir gegenüber nicht zuletzt auch der Tatsache, dass sie Stephan statt der schönen Hauptdarstellerin Sarah Norton von ganzem Herzen die Pest an den Hals wünschte. Und sich selbst in die starken Arme der männlichen Hauptrolle Chris Fletcher.

Katjas Gehetze hatte ich immer ein bisschen ungerecht gefunden, denn Stephan freute sich noch nicht mal auf den Termin. Er hatte mir erklärt, dass die einzigen Perlen in seiner Nähe die Schweißperlen auf der Stirn von Ulf Herkenrath sein würden. Die Stars tummelten sich bei solchen Events höchstens abgeschirmt im VIP-Bereich, und Ulf Herkenrath müsste ich mir so vorstellen wie die Typen im Flugzeug, die über die Lehne zu einem rüberquellen und einem dabei jovial ins Ohr kalauern, welche von den anwesenden Damen sie nicht von der Bettkante schubsen würden, höchstens rein. Stephan würde sich also den ganzen Empfang über hinter einem Stehtisch vor Ulf Herkenraths Körperfülle in Sicherheit zu bringen versuchen, Altherrenwitze parieren und aus Langeweile Kanapee-Servietten falten.

So hatte ich mir das jedenfalls bis jetzt vorgestellt. Allerdings zerpixelte sich dieses Bild gerade vor meinem inneren Auge und setzte sich neu zusammen. Wie war das? Dieser Herkenrath wollte jemanden ins Bett schubsen? Und Stephan, der kleine Fremdgeher, sollte sich um ihn kümmern? Na, womöglich bestand Stephans Idee von guter Mandantenbetreuung doch nicht nur darin, ihm bei der Party ein frisches Pils zapfen zu lassen. Mein Kopfkino zeigte mir nunmehr in beeindruckender HD-Qualität meinen Freund, wie er sich bei Ulf Herkenrath unterhakte, auf einen Raum voller rothaariger, schmollmündiger Premierenluder zeigte und ein paar der Damen zu sich heranwinkte …

Okay. Genug jetzt, Inga!, ermahnte ich mich. Es hatte keinen Zweck, eifersüchtig zu sein! Das einzig Gesunde war jetzt, die Beziehung hinter mir zu lassen. Jawohl. Blick streng nach vorn. Keine Gedanken mehr an Stephan. Außer, was die Vergeltung anging.

Ich schüttelte also die Gedanken an Glitter Angel ab und erklärte den anderen meine Racheidee. Also, Stephans McDreamy-Haare. Zunächst einmal schilderte ich, was er sich da allmorgendlich so alles reinfingerte, um die perfekte Welle zu erzeugen. »Der hat’s gut!«, nuschelte Sandra, die ihre hoffnungslos feinen blonden Haare resigniert als braven Bob trug, und begann, der Stephan-Puppe ein voluminöses Toupet anzukleben. Dafür verging sie sich mit der Nagelschere an meinem Luffa-Massagehandschuh, den sie flugs ebenfalls aus dem Badezimmer geholt hatte. Und da ich diesen genauso wenig benutzte wie die falschen Fingernägel, machte es mir nichts aus, dass Sandra die Luffa-Fasern jetzt als Puppenlocken recycelte.

»Jedenfalls …«, ich ließ meinen Blick verschwörerisch zwischen meinen Freundinnen hin und her wandern, »wenn man eine Portion Enthaarungscreme unter das Gel mischen würde …«

Katjas Augen leuchteten. Sie entriss Sandra die Puppe und entfernte ihr den Luffa-Skalp wieder. »Kojak!«, jubelte sie und wedelte mit dem Sockenknäuel.

Sandra war auch ganz zufrieden. »Was wohl das rothaarige Luder dazu sagt?«, freute sie sich. Ich ließ mir nicht anmerken, dass mir das einen Stich versetzte. Ging Sandra etwa davon aus, dass Stephan die wiedersah? War die womöglich mehr als nur ein One-Night-Stand gewesen? »Vielleicht liebt sie Stephan wegen seines Charakters?«, maunzte ich.

Katja tippte auf die Liste, die noch immer auf ihrem Schoß lag. »Herzchen, ich fürchte, so blöd bist nur du.«

»Bin schon kuriert«, erklärte ich tapfer und nahm einen großen Schluck Sekt. Wurde Zeit, dass ich mir härtere Sachen ins Regal stellte. Kann man Aperol auch pur trinken?

»Brav.« Sandra betrachtete die Sache damit als abgehakt. Sie holte sich die Voodoopuppe zurück, beflockte den Kopf mit neuen Locken und griff anschließend nach der Fernbedienung. Die nahm ich ihr aber weg und zeigte auf Voodoo-Stephan. »Wir wollten den doch noch anzünden!«

Sandra sah die Puppe auf ihrem Schoss zärtlich an. »Das gibt giftige Dämpfe«, erklärte sie, »wegen des ganzen Klebstoffs. Verbrennt doch den Bond.«

»Nix gibt’s!«, wehrte Katja den Vorschlag ab. Schützend legte sie eine Hand über die Zeitschrift. Das Meerjungfrauen-Tattoo war wirklich gut geworden. Trotzig wie zwei Kindergartenkinder, denen man ihr Spielzeug fortnehmen will, blickten die beiden mich an. Ich lenkte ein und versprach, dass jeder seinen Mann nachher mit nach Hause nehmen durfte.

Mit mutigen, ausgefallenen und möglicherweise leicht kriminellen Racheideen ist es meistens so, dass sie einem am nächsten Morgen albern vorkommen. Oder einen der Mut verlässt. Oder beides.

Beste Freundinnen, die den Freund nicht leiden können und auf eine mutige, ausgefallene und mindestens leicht kriminelle Verstümmelungsaktion schon lange gewartet haben, sorgen für diesen Fall vor. Zwar mussten Katja und Sandra beide am Freitag arbeiten und konnten mich daher nicht persönlich begleiten – aber schon zum Frühstück bekam ich Anfeuerungsgesänge (»Mach ihm die Haare schön, mach ihm die Haare schön, mach ihm, mach ihm, mach ihm die Haare schön!«) und wohlüberlegte Ratschläge (»Denk an Gummihandschuhe!«) aufs Handy.

»Ach, ich weiß nicht«, zauderte ich, als Katja mir am Telefon einzuschärfen versuchte, die Handschuhe nicht nur beim Enthaarungsmittel-Panschen, sondern auch schon beim Betreten der Wohnung zu tragen. Als Nächstes würde sie mir zu einer Strumpfmaske raten! Da fiel mir etwas auf. »So ein Quatsch. Ich bin Stephans Freundin! Ich kann Fingerabdrücke hinterlassen, so viele ich will!«

»Die Exfreundin«, korrigierte Katja.

Wie oberlehrerhaft! Ich seufzte vernehmlich. Katja entschied sich, mich misszuverstehen.

»Du bist doch die Exfreundin, oder?«, hakte sie nach. »Du hast doch wohl nicht entschieden, dem Schwein zu verzeihen?«

»Natürlich nicht!«, versicherte ich ihr sofort und verschwieg, dass mein Entschluss ein klein wenig zu wanken begonnen hatte. Vielleicht, hatte ich beim Duschen überlegt, schämte Stephan sich ja furchtbar und traute sich nur nicht, mich anzurufen? Was, wenn in meiner Abwesenheit der Bote vom Blumenladen mit einem Riesenbouquet Rosen vor der Tür stand? Wenn ich ehrlich sein sollte, ich war überhaupt nicht in Rächerlaune, sondern in Stimmung, Liebesbeteuerungen entgegenzunehmen. »Verzeih mir, Mausi, es war der größte Fehler meines Lebens, und ich werde nie eine andere lieben als dich …«, oder so etwas in der Art. Und danach ab zum Kuscheln und langes, reuiges Rückenkraulen. Langsam übergehend in wohligen Sex, bei dem ich mich ohne schlechtes Gewissen einfach mal träge ausstreckte und genoss, wie Stephan mir mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln seine Liebe bewies. Er konnte, wenn er wollte, sehr schöne Dinge mit seinen Händen anstellen. Und anderen Körperteilen. Wenn er sich mir ausgiebig widmete, konnte es mitunter passieren, dass ich mich regelrecht vergaß. Die Leute über mir hatten mich nach so einer Nacht einmal auf ein merkwürdiges Quieken aus meiner Wohnung hingewiesen und gefragt, ob ich neuerdings Meerschweinchen hätte. Oh ja, die Meerschweinchen-Moves. Von denen wollte ich mich wirklich nicht trennen.

Katja war mir auf die Schliche gekommen. »Du wartest doch nicht etwa darauf, dass er anruft, oder?«, bohrte sie. »Inga! Denk an Catwoman! Und Alice Schwarzer!«

»Alice Schwarzer im Catsuit motiviert mich nicht«, maulte ich.

»Sollte sie aber. Oder findest du es emanzipiert, dich betrügen zu lassen?«

Ach, Mann …

Nicht kochen können. Nicht gut singen. Notfalls auch nicht gut Auto fahren – alles kein Problem. Aber nicht emanzipiert sein, das wollte ich nicht über mich sagen lassen. Um Viertel nach zehn stand Catwoman alias Inga Hering also in der Choriner Straße, schloss die Haustür auf und stapfte entschlossen die Stufen zu Stephans Wohnung hinauf.

Stephan wohnte teuer. Das ahnte man an der Ausstattung des Hauses mit Tiefgarage und Video-Gegensprechanlage und natürlich an der guten Lage mitten in Prenzlauer Berg. Sehen konnte man’s aber nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn man ein Architekturbanause war und in kahlen, ungemütlichen Räumen nicht den Ausdruck besonderer Lifestylekunst erkannte. Die Wände seiner Wohnung waren aus Waschbeton und der Fußboden aus einer Art Turnhallen-Linoleum, und Innenwände hatte diese Wohnung auch nicht, außer bei Bedarf Schiebetüren rund ums Klo. Wirklich. Man konnte in dieser Wohnung duschen und dabei dem anderen beim Kochen zugucken oder beim Pieseln aus den Panoramafenstern gucken und den Leuten im Hinterhaus zuwinken. Überaus loftig. Wie Flashdance für Reiche, hatte ich immer gefunden. Und nicht zum ersten Mal überkam mich die Lust, meinen MP3-Player einzudocken und eine Runde wie Jennifer Beals im Film wild durch den Raum zu hopsen. – Hm. Heute letzte Gelegenheit, stellte ich fest. Warum eigentlich nicht? Stephan war bei der Arbeit, die Putzfrau kam nur dienstags, und die Rothaarige würde ja wohl noch keinen Schlüssel haben. Ich betrachtete mein Exemplar. Er baumelte an einem Miniatur-Alfa-Romeo-Lenkrad. Als er ihn mir gegeben hatte, hatte Stephan ein ganz schönes Tamtam gemacht. »Vertrauen ist die Grundlage jeder Beziehung. Ich vertraue dir. Und als Beweis vertraue ich dir meinen Schlüssel an.« Bla, bla, bla. Nachträglich musste ich Katja recht geben, die schon damals den zeitlichen Zusammenhang mit seiner einwöchigen Geschäftsreise suspekt gefunden hatte. Natürlich hatte ich mich erboten, in der Zeit die Installation seines Surroundsystems zu überwachen. Wer weiß, vielleicht hatte die Rothaarige auch schon einen Job und damit einen Schlüssel übertragen bekommen. Spiegel über dem Bett montieren oder so. Vorsichtshalber sicherte ich die Wohnungstür mit der kleinen Vorlegekette.

Während ich Stephans Rechner hochfuhr, verdunkelte ich die Fenster und machte mich auf die Suche nach passender Kleidung. Kein Flashdance ohne Stulpen! Bei Stephans Sportsachen fand ich allerdings nur Basketballshorts und Thermorückenpflaster. Aber er hatte gleich mehrere schwarze Strickpullis. Wunderbar! Allein schon wegen der Sache mit dem Schlüssel entschied ich mich für den teuren Kaschmirpulli aus London und schnitt die Ärmel ab. Dann zog ich mich bis auf die Unterwäsche aus. Mann, war das hier fußkalt! Und das im Spätsommer! Noch ein Grund mehr für die Stulpen. Ich beguckte mich im Spiegel und fand, dass ich umwerfend aussah. Klar, Jennifer Beals war dunkelhaarig und ich blond, aber mit etwas Kopfüber-Haare-Zerstrubbeln brachte ich es immerhin auf das nötige Volumen. Das war in Achtzigerjahrefilmen schließlich das A und O. Auf Youtube schaute ich mir zu Lehrzwecken noch mal ein paar Originalszenen an. Dann drehte ich die Lautstärke hoch, zog den Startbutton nach links und tanzte los.

Es machte einen Heidenspaß. What a feeling! (Ich sang natürlich auch mit.) Ein oder zwei Beals’sche Sprünge ließ ich lieber weg, ich wollte schließlich nicht mit gerissenen Bändern und gebrochenen Wirbeln aus der Wohnung robben müssen. Aber was Ausdruck und Leidenschaft anging, gab ich alles. Das Surroundsystem auch. Bis zur Erschöpfung wirbelte ich, trippelte, sprang, rotierte (und schwitzte) wie die im Film, bis ich fand, dass die Jury mich auch in die Akademie aufgenommen hätte. Schnaufend nahm ich mir dann ein Glas Wasser und ließ mir von Stephans stahlgebürstetem Riesenkühlschrank ein paar Eiswürfel hineinwerfen. Endorphine, stellte ich dabei fest, machten ausgesprochen emanzipiert. Ich hatte keinerlei Skrupel mehr, die Racheaktion durchzuführen. Mit dem Geschirrtuch wischte ich mir gründlich den Schweiß ab und hängte es danach mit einem wohligen Ekel wieder an seinen Platz. Ich war bereit zum Giftmischen.

Es funktionierte hervorragend. Ich spülte gut die Hälfte von Stephans Stylingcreme in den Abfluss und verquirlte den Rest mit der Enthaarungscreme, die ich auf dem Hinweg noch schnell in der Drogerie besorgt hatte. Stephans Milchschaumschläger hatte mit der Konsistenz zunächst etwas zu kämpfen, schlug sich aber tapfer durch und produzierte eine hervorragende Emulsion. Sie roch zwar etwas ungewöhnlich, aber das würde Stephan kaum merken, wenn nach dem Duschen Schwaden von Duschgel-, Aftershave-, Deo- und Herrenduft durch die Wohnung waberten.

Ich räumte alles schön auf, fuhr den Rechner runter, packte die verschwitzte Unterwäsche samt Stulpen in meine Umhängetasche und zog Jeans und T-Shirt wieder an. Ich war allerbester Laune, fühlte mich sexy, vital und vollkommen frei von Liebeskummer. Lässig zog ich die Tür hinter mir zu, warf den Wohnungsschlüssel in den Briefkasten und radelte heim. Jammerschade, dass heute Freitag war. Selbst wenn Stephan schon morgen die ersten Haare ausfielen, würde es bis Montag dauern, bis Katja ihn im Büro sehen und mir über den Erfolg meiner Enthaarungsaktion berichten konnte. Ich konnte es kaum erwarten!

Zu Hause duschte ich. Danach jagte ich eine Packung Tiefkühlgemüse durch die Mikrowelle, inspizierte den Akkustand meines Handys und checkte meine E-Mails. Man bot mir an, nächstes Wochenende ohne Angebotsgebühren online Auktionen einzustellen, ein Versandhaus versprach, noch zehn Tage auf Portokosten zu verzichten, ein Reisebüro schickte einen Gutscheincode, und eine Zeitung wollte, dass ich an einer Umfrage teilnehme. Sonst nix – was mich irgendwie unzufrieden machte.

Ich fühlte mich rastlos. Süßigkeiten halfen da meistens, aber die hatten Katja, Sandra und ich alle aufgefuttert. Ich surfte herum. Auf News Online gab es nichts Neues. Außer, dass Sarah Norton zugab, bei den Dreharbeiten zu Glitter Angel etwas mit Chris Fletcher angefangen zu haben. Ätsch! Die jedenfalls würde sich nicht von Stephan angraben lassen. Aber schade um Chris Fletcher. Um ein paar schöne Gedanken zu generieren, googelte ich »007 Badehose« und bekam gleich dutzendweise das Foto von Daniel Craig auf den Schirm, das Katja mir gestern entführt hatte. Aber auch das von Borat im Ganzkörpertanga. Gruselig, wer stellt denn so was unter dem Stichwort 007 ins Netz? Schnell schloss ich den Browser. Mein Desktophintergrund poppte auf. Ein Foto von Stephan. Beim Segeln, mit bronzefarbener Haut und nautisch konzentriertem Blick in die Ferne … rasch klickte ich auf das Textverarbeitungsprogramm.

Ich konnte ja auch meinem Job nachgehen, wie die meisten Menschen um diese Uhrzeit. Als Freiberuflerin arbeitete ich von zu Hause aus, was mir mitunter Probleme mit der Disziplin bereitete. Es gab so viel in meinem Leben, was mich von der Arbeit ablenken konnte … Aber in diesem Fall half sie mir vielleicht umgekehrt mal, mich von meinem Leben abzulenken. Ich öffnete die Datei meines aktuellen Werkes.

Mein Beruf war es, Betriebsanleitungen zu übersetzen. Zu Beginn eines Auftrags ging ich in die Agentur und holte mir den Text und, wenn das jeweilige Gerät klein genug war, ein Beispielexemplar. Bei Pürierstäben ging das gut und bei Brotschneidemaschinen; beim Aufsitzrasenmäher neulich hatte ich passen müssen (manchmal ärgerte ich mich über meine Stadtwohnung). In der Regel bekam ich aber Übersetzungsaufträge für Betriebsanleitungen technischer Anlagen, denen ich weder einen Nutzen noch einen Spaßfaktor abgewinnen konnte, und begnügte mich bei der Arbeit deshalb meist klaglos mit Prospekten und sonstigem Bildmaterial. Meine letzte Aufgabe, bevor ich mir ab Montag mindestens zwei Wochen auftragsfreien Urlaub genehmigt hatte, bestand darin, die Faltbroschüre einer Erdwärme-Heizung zu übersetzen.

Boahhrgh. Alles, was ich über eine Heizung wusste und nach meinem Geschmack auch jemals wissen musste, war dies: warm – Knauf nach rechts/kalt – Knauf nach links drehen. Und jetzt war ich dazu verdonnert, mich über todlangweilige Fachlexika zu beugen und Technikersprache (Englisch) in Technikersprache (Deutsch) zu verwandeln. Und dafür hatte ich Linguistik studiert! Ich seufzte und versuchte, meinem Sprachgefühl dadurch Ausdruck zu verleihen, dass ich gelegentlich statt wörtlich »manuelle Wärmeaktivations-Drückvorrichtung« ein gewagtes »Heiztaste« übersetzte. Was sehnte ich mich nach Texten, in denen an Stelle von Photovoltaik und Thermospeichern einfach mal nur Sonne und Kaminfeuer ihren Dienst taten! Deshalb verfolgte ich beruflich inzwischen auch Plan B. Wenn in den nächsten Wochen alles klappte, würden »lange Kolben« und »Druck auf dem Ventil« zwar auch in Zukunft noch gelegentlich eine Rolle bei meiner Arbeit spielen, aber in einem wesentlich kurzweiligeren Zusammenhang …

Ich ließ zu, dass meine Gedanken zu der E-Mail abglitten, mit der ich gestern den Probetext übersandt bekommen hatte, der über meine berufliche Zukunft entscheiden konnte. Sollte ich nicht doch schon mal reinlesen? Oder hielt ich mich an meinen Plan, erst ganz tapfer das Heizungswerk zu Ende zu übersetzen?

Bevor es zu einem inneren Ringkampf kam, erlöste mich das Telefon. Allerdings nicht das Handy, sondern das Festnetz, was mich ein wenig stutzig machte. Wer ruft schon heutzutage noch aufs Festnetz an? Stephan jedenfalls nicht. Aber vielleicht die Boten vom Blumenladen, um zu fragen, ob ich jetzt zu Hause sei und sie den Strauß vorbeibringen könnten?

Ich schaute aufs Telefondisplay. Nö. Es war nur die liebe Tante. »Die liebe Tante«, das war meine Tante Lisbeth. Sie nannte sich selbst so. Damit rächte sie sich dafür, dass mein Vater uns Kindern beigebracht hatte, »Tante Lisbeth« zu ihr zu sagen, statt sie einfach nur beim Vornamen zu rufen.

Ich nahm ab und meldete mich brav. »Inga Hering.«

»Hallo, hier ist die liebe Tante.«

»Hallo, Tante Lisbeth. Lange nichts von dir gehört.«

»Das muss ich auch bemängeln«, sagte sie und ließ vom Tonfall her durchblicken, dass sie zu rund neunzig Prozent im Scherz meckerte.

»Wir sind noch in dem Alter, in dem du bei mir anrufen musst. In zehn Jahren melde ich mich dann bei dir«, gab ich zurück.

»Ist das der Deal zwischen dir und deiner Mutter?«

»Das ist ein ganz allgemeingültiger Generationenvertrag«, erklärte ich. »Wenn die Kinder erwachsen sind, werden sie trotzdem erst noch jahrelang von den Alten betüddelt. Andersrum läuft’s erst dann, wenn die Eltern tatterig geworden sind oder auf die Enkelkinder aufpassen sollen.«

»Darum ruft mich nie einer an!«, stellte Tante Lisbeth fest. Sie war geistig voll beisammen und körperlich noch so, wie man das nach über sechzig Jahren ohne sportliche Betätigung halt sein kann, und sie hatte auch weder Enkel- noch überhaupt Kinder. Außer denen, die sie in der Sparkasse immer erfand, um beim Weltspartag Kuscheltiere »für die Kleinen« abzustauben. Auf ihrem Bett tummelten sich die Stofflöwen, -frösche und -maulwürfe der vergangenen dreißig Jahre.

»Sorry«, tröstete ich halbherzig. Aber sie nahm’s wie immer gelassen. »Ich kann auch gar keine Enkelkinder gebrauchen«, erklärte sie. »Die Blagen spucken einem nur die Bluse voll. Deine Mutter kann’s aber übrigens kaum erwarten!«

Das wusste ich. Mamas Berichte, wer von meinen Klassenkameradinnen schon wieder alles ein Baby, ein süüüüßes Baby, bekommen hatte, wurden immer penetranter. Dabei war ich noch nicht mal dreißig. »Ich hab vorhin gerade mit ihr gesprochen«, fuhr Tante Lisbeth fort. »Deshalb rufe ich auch an. Sie hat mich daran erinnert, dass dein Freund Rechtsanwalt ist.«

Super. S – u – p – e – r. Jetzt hatte ich mal gerade so schön nicht an ihn gedacht … Mir entfuhr ein genervtes Stöhnen.

Tante Lisbeth deutete das falsch. »Ja, ich weiß«, sagte sie. »Mich stört es auch total, wenn Eltern Beziehungen nach dem Status des Partners beurteilen …«

»… aber Anwalt ist einfach so nützlich«, führte ich ihren Satz zu Ende. »Hattest du einen Verkehrsunfall, oder was?«

»Nein, das nicht. Jedenfalls nichts, was jemand bemerkt hätte.«

Da war es mal wieder. Bei Tante Lisbeth konnte man einfach nicht sagen, ob sie Spaß machte oder tatsächlich so abgefeimt war, Fahrerflucht zu begehen und das in nebensächlichen Randbemerkungen rauszulassen. Ich beschloss, nicht nachzufragen. Sie redete auch schon längst weiter. »Sag mal, wann warst du eigentlich das letzte Mal hier?«

»Öhm«, murmelte ich leicht schuldbewusst. Früher hatte ich sie regelmäßig besucht, aber Stephans und meine Urlaubspläne hatten eher Mittelmeer als Nordsee vorgesehen, und für einen Wochenendbesuch war es schlicht zu weit, seit ich in Berlin wohnte. »Ist schon etwas her. Aber, wie gesagt, sobald du tatterig wirst …«

»Das war kein Vorwurf«, beruhigte sie mich. »Ich meine nur, hast du von dieser ganzen Windrad-Geschichte hier bei uns überhaupt etwas mitbekommen?«

Noch mal: »Öhm.« Und ein gedehntes: »Jaaa, doooch.« Dabei zupfte ich vom Basilikum, das sich auf meinem Fensterbrett nach einem größeren Topf sehnte, die Blütenknospen ab. Vom Blühen soll das ja angeblich ungenießbar werden. »Energiewende und so. Viele neue Windräder …«, eierte ich.

»Der Windpark in Freesbüll?«, fragte sie ungeduldig. »Davon schon gehört?«

»Nee. Wie, ihr kriegt einen Windpark?«, wunderte ich mich. »Offshore im Wattenmeer?«

»Nee. Neben der Reithalle.«

»Das ist ja eher nah bei dir.«

»Eben. Deshalb brauche ich einen Anwalt.«

Tante Lisbeth erklärte mir, dass sie Angst hatte, gelinkt worden zu sein. Das ganze Dorf hatte in die neuen Windräder investiert, die man nun am Ortsrand hochgezogen hatte. Das war kein schöner Anblick. Sie hatte aber trotzdem einen dicken Batzen hineingesteckt, weil man ihr mit hohen Renditen gewunken hatte. Aber jetzt hatte sie im Fernsehen eine Sendung gesehen, die Windräder als »Risikoanlagen« entlarvt hatte. Und nun hatte sie Angst um ihr Geld und die schöne Landschaft und überlegte, ob sie nicht aussteigen und gegen die Bebauung vorgehen konnte.

»Soll ich mal meine Freundin Katja fragen?«, bot ich an.

»Wieso das denn?«, fragte Tante Lisbeth irritiert.

»Na, weil sie Anwältin ist.«

»Ja, und dein Freund?«

»Tante Lisbeth!«, entrüstete ich mich, »Frauen sind genauso gute Anwälte wie Männer. Ich finde dich sexistisch!«

»Pffh«, machte sie. Wenn ich doch nur Kritik so an mir abprallen lassen könnte. »Katja gehört nicht zur Familie. Ich finde, dein Freund kann ruhig mal etwas für uns tun.« Das klang, als wären wir die Mafia. Leider musste ich die Patin enttäuschen und gestand nach einigem Zögern, dass der Anwaltsfreund passé war.

Aber Tante Lisbeth überraschte mich mal wieder. Sie war bereit, ohne weiteres Gemurre auf den Anwalt in der Familie zu verzichten. »Na, dann ist es doch gut, wenn du den los bist«, stellte sie lakonisch fest, als ich von Stephans Seitensprung berichtet hatte.

Prima, sie war auf meiner Seite. »Und er hat noch gar nicht angerufen, um mich zurückzuerobern«, maulte ich daher mit Ich-armer-Wauzi-Stimme, die anzeigen sollte, dass ich dringend Streicheleinheiten brauchte.

Denkste. »Nee, wird er auch nicht mehr«, versetzte sie nur herb.

»Das ist aber ungerecht!«, beschwerte ich mich.

Das sah Tante Lisbeth ein. Hoffnungen wollte sie mir trotzdem keine machen. Aber dafür bot sie mir eine Therapie. Oder jedenfalls einen therapeutischen Tapetenwechsel. Ich solle sie besuchen, schlug sie vor. Das würde mich auf andere Gedanken bringen. Und ich könne mir die Unterlagen für den Windpark durchsehen, um für sie die Sache mit Katja zu besprechen.

Ich musste nicht lange überlegen. Im Gegensatz zu meiner Mutter, die auf Spontanbesuche mit Panik und Putzanfällen reagierte, machte meine Tante überraschenden Gästen einfach entspannt eine Dose Labskaus auf. Ich konnte ihre Einladung also ohne schlechtes Gewissen annehmen.

Kurz entschlossen simste ich Sandra, die nur zwei Straßen weiter wohnte, dass sie sich mit ihrem Ersatzschlüssel zu meiner Wohnung Milch, Butter und das Basilikum holen konnte, packte Laptop und ein paar Klamotten in meine Reisetasche und setzte mich in den nächsten Zug.

ZWEI

Am Bahnhof entdeckte ich Tante Lisbeth sofort. Gut, am Husumer Fernbahngleis herrschte nun auch nicht gerade emsiges Gewusel. Aber selbst am Flughafen von Chicago wäre sie schnell auszumachen gewesen.

Tante Lisbeth beschreibt sich selbst gern mit den Worten »Ich bin genau wie Claudia Schiffer, nur etwas älter«. Damit meint sie, dass auch sie eins achtzig groß ist. Und okay, sie hat auch ein blaues Auge. Aber wirklich nur eins. Nicht von Geburt, sondern seit dem Unfall, als mein Opa vor vierzig Jahren am Steuer einen Herzinfarkt erlitten hatte. Mein Opa war vermutlich schon tot gewesen, als das Auto gegen einen Baum geknallt war. Tante Lisbeth, die auf dem Beifahrersitz gesessen hatte, kam dagegen buchstäblich mit einem blauen Auge davon. Ein Glassplitter hatte ihr linkes Auge verletzt; als Folge hatte sich daraufhin die Irisfarbe geändert. Das andere Auge ist weiterhin blassgrün. Richtigerweise sollte Tante Lisbeth, wenn sie denn schon Promi-Vergleiche anstellt, also auch David Bowie mit ins Boot nehmen. Und Lady Gaga, wegen ihrer schrillen Brillen. Denn auch Tante Lisbeth verfügt über ein beachtliches Repertoire an bunt gemusterten, ausladenden Brillengestellen. Damit lenkt sie zum einen den Blick von ihrer recht aristokratisch geformten Nase ab. Zum anderen soll hiermit, wie auch mit ihren stets barbiepink oder korallenrot leuchtenden Lippen und der bevorzugt sonnengelben Garderobe, der Betrachter auf ihr lebensbejahendes Wesen eingestimmt werden.

An diesem Tag trug Tante Lisbeth eine zitronengelbe Tunika mit schillernden Schmetterlings-Applikationen; darunter, darüber und in einer großen Wolke um sie herum außerdem das, was man ihr in der Parfümerie zweifellos als den neuesten Sommerduft vorgestellt hatte. Zur Begrüßung drückte sie mich kurz, aber heftig an ihre Brust. Weil ich einen ganzen Kopf kleiner bin als sie, handelte ich mir damit ein Schmetterlingspailletten-Relief auf der Wange ein. Tante Lisbeth hakte sich bei mir unter und führte mich aus dem Bahnhof. Direkt vor dem Portal wartete ihr schlüpfergrüner Peugeot mittig auf zwei Mutter-Kind-Parkplätzen. Ich lupfte eine Augenbraue.

»Mutter-Kind, Tante-Nichte, wer wird denn da so kleinlich sein«, beschwichtigte sie mich und bugsierte meine Reisetasche auf die Rückbank.

Die altbekannte Strecke von Husum nach Freesbüll entspannte mich. Links der Deich, rechts Marschland, alles schön übersichtlich. Für die Urlauber ein, zwei Landgasthöfe und an der Straße aufgestellte Schilder, die auf Bauernhofcafés und Antiquitätengeschäfte in der Nähe aufmerksam machten. Neu waren die Windräder. Tante Lisbeth hätte sich ihr »Guck mal! Das ist der Windpark!« auch sparen können, denn sie waren natürlich nicht zu übersehen. Wie an einer Perlenschnur aufgereiht standen sie in einer Reihe parallel zur Küstenlinie und dominierten die Landschaft. Die Sockel waren breit wie Einfamilienhäuser und wollten trotz ihres grasgrünen Anstrichs nicht ins Bild der Schafsweide passen, in der sie verankert waren. Es fiel mir schwer, die Höhe zu schätzen, aber ich hatte den Eindruck, dass die Anlagen hier sogar noch größer waren als jene, die ich entlang der Bahnstrecke gesehen hatte. Hundert Meter waren die locker hoch.

»Ist das normal?«, fragte ich.

»Sind Prototypen. Wird ’ne ganz neue Generation von Windrädern. Wir haben die als Erste«, gab Tante Lisbeth an. Mir fiel das hinterste der sechs Räder auf, das außer den Rotorblättern und dem Generatorblock noch eine Zusatzausstattung hatte, so etwas wie eine gläserne Manschette rund um den Mast.

»Ist das ’ne Aussichtsplattform?«

»Ja.«

»Cool! Lassen die da Besucher rauf?«, fragte ich hoffnungsvoll.

Tante Lisbeth zeigte auf den Sockel des Aussichtswindrades. Ein grelles Banner war einmal ringsherum gespannt. Als wir etwas dichter herangekommen waren, konnte ich auch die Aufschrift entziffern. »Windpark Freesbüll mit öffentlicher Aussichtsplattform. Feierliche Eröffnung am Samstag, den 6. September, 11.00 Uhr«. Das war in einer Woche. Ich beschloss, mindestens bis dahin zu Besuch zu bleiben.

Wir passierten ein Verkehrsschild. »Da war ein Schild mit Tempo 70«, sagte ich, weil Tante Lisbeth dem keine Beachtung schenkte.

Sie bretterte weiter. »Bist du sicher? Das Schild habe ich hier noch nie gesehen!«

»Na, selbst wenn, du fährst 140!«

»Ja und? Chill mal deine Basis!«

»Chill mal deine Basis«? War Tante Lisbeth beim Arzt eine Bravo in die Hände gefallen, oder woher hatte sie diesen Jugendslang? Ich chillte jedenfalls gar nichts. »Hier ist Landstraße! Da darf man höchstens 100!«

»Echt?« Tante Lisbeth beäugte mich misstrauisch, stieg aber gleich darauf kräftig auf die Bremse. Selbstverständlich nicht aus Einsicht.

»Gleich hinter dem Ortseingangsschild da vorn blitzen sie manchmal. Früher, da kannte ich den Polizisten, aber jetzt ist der in Pension, und der neue lässt nicht mit sich reden!«

Ich zog meinen Kopf an, bis ich ein Doppelkinn spürte, und hoffte, damit entrüstete Ungläubigkeit vorzuspiegeln. Glücklicherweise sah Tante Lisbeth aber mittlerweile auch schon wieder auf die Straße, und ich konnte bei gemäßigten Stundenkilometern die Ankunft in Freesbüll doch noch entspannt genießen.

Mein Vater war hier aufgewachsen, und im Haus meiner Oma und später bei Tante Lisbeth hatte ich regelmäßig meine Ferien verbracht. Die Menschen hatten hier alle einen Hund, mit dem sie zweimal am Tag am Reitstall vorbei die Runde zum Meer spazierten, und den Rest des Tages waren sie im Vorgarten, harkten ein bisschen im Blumenbeet und schnackten mit den vorbeikommenden Leuten, die gerade mit Gassigehen dran waren. Die Straßen im Ort hießen nicht nach Politikern, sondern »Heideweg«, »Wiesengrund« und »Am Walde«, und von der Infrastruktur her war auch für alles gesorgt. Es gab einen kleinen Kaufmann mit Bäckereiecke, einen Freibadimbiss mit Frittenverkauf auch zur Straße hin, einen Blumenladen, eine Minigolfanlage und vor allem eine Bilderbuchnatur. Unmittelbar an der Nordsee gelegen, bot der Ort am Abend traumhafte Sonnenuntergänge mit sich im Wasser spiegelnden Wolken, und tagsüber konnte man sich entweder am Meer den Kopf freipusten lassen, oder man ging geschützt eine Runde durch den Wald. Außerdem kann Freesbüll mit einer für den platten Norden geologischen Besonderheit aufwarten: Eiszeitliche Ablagerungen grenzen hier direkt an die Nordsee, weshalb der Ort auf einer kleinen Anhöhe liegt. Auf Karten ist das ganze großspurig als »Freesbüller Berg« mit Scheitelpunkt von einunddreißig Metern über Normalnull verzeichnet, was Gebirgsbayern und andere Höhenliebhaber mindestens schmunzeln lässt.

Pfffh, denkt sich der Friese dann, geht doch Enzian pflücken auf euren Zweitausendern, unser Berg ist trotzdem besser. Mit Recht! Ihrem Berg verdanken es die Freesbüller nämlich, dass man hier auf einen Deich verzichten kann und so von vielen Stellen des Ortes aus einen unverbauten Blick auf die Nordsee hat.

Beispielsweise von Tante Lisbeths Wohnzimmer. Von dort aus hatte man nicht nur Sicht auf das direkt gegenüberliegende Freibad, sondern konnte den Blick auch über die ein paar Hundert Meter dahinter liegende Husumer Bucht schweifen lassen. Nachdem wir bei ihr angekommen waren und ich mein weniges Gepäck abgeladen hatte, stellte ich mich ans Fenster und sah den Surfern zu, die im Zickzack übers Wasser zischten. »Na, träumerischer Blick in die Ferne?« Tante Lisbeth trat neben mich. »Generationen von liebestollen Mädchen habe ich mit diesem Blick schon aufs Meer gucken sehen.« Das klang zynisch. Ob sie sich überhaupt in meine Lage hineinversetzen konnte?

Meines Wissens hatte sie nämlich nie einen festen Partner gehabt. Nur heiße Affären, zum Beispiel die Geschichte mit einem neapolitanischen Goldschmied namens Gianni. Von dem zeugte nach wie vor ein silbergerahmtes Foto, das seinen festen Platz in ihrer Schrankwand hatte. Es zeigte einen braun gebrannten Mann mit in den (extreeeem weit aufgeknöpften) Hemdausschnitt gesteckter Sonnenbrille, der dem Betrachter jovial entgegengrinste.

»Gianni hatte auch echt schöne Haare«, stellte ich fest.

»Klar. Italiener doch alle«, sagte Tante Lisbeth achselzuckend. Sie knuffte mich in die Seite. »So. Diesen Stephan vergisst du jetzt. Du bist noch halbwegs jung, machst dieses Übersetzungszeug …«

»Das ist kein Zeug! Ich habe ein Diplom!«

»Ja, egal, du hast jedenfalls einen Beruf und brauchst keinen Versorger.«

»Natürlich nicht. Aber …«

»Und außerdem hast du große Brüste. Es wird sich bestimmt bald ein Neuer finden.«

»Danke«, sagte ich und schielte genervt. »Wie gut, dass ich zu dir gekommen bin. Mama hätte mich nie mit meinen Brüsten getröstet.«

»Nur weil sie neidisch ist«, erklärte Tante Lisbeth sachlich. »In der Familie deiner Mutter haben sie alle nur diese verkümmerten Hummeltitten. Sei froh, dass du wenigstens hierin nach uns kommst.«

»Wie, ›wenigstens‹?«

»Na ja. Dein Gesicht ist ja ganz niedlich. Aber diese Ohren …«

»Tante Lisbeth! Meine Ohren sind schön!« Vielleicht etwas spitz. Das finden meine Freundinnen aber alle entzückend elfengleich. Ich kontrollierte dennoch, ob meine Haare ordnungsgemäß darüber hingen. »Und überhaupt! Darum geht es doch gar nicht! Ich meine, erstens kommt es bei wahrer Liebe nicht aufs Aussehen an …«

»Pfffh.«

»… und zweitens will ich auch gar keinen neuen Mann! Also, Stephan natürlich auch nicht mehr. Aber ich bin einfach so verletzt …« Ich wollte jetzt, immer schön der Reihe nach, erst mal meine Gefühle gehegt und gepflegt wissen. Die Ereignisse durchsprechen. Durch Drüberreden verarbeiten … Aber Tante Lisbeth verfolgte eine andere Taktik.

»Das Wichtigste ist jetzt, dass du auf andere Gedanken kommst«, unterbrach sie mich. »Ich habe da auch schon einen Plan. Wir gehen ins Fernsehen.«

Sie blickte mich bierernst an und zauberte vom Telefontischchen einen Ausdruck hervor, auf dem ich das Logo eines Fernsehsenders erkannte. Sie hatte also schon etwas vorbereitet. War das etwa ihre Vorstellung einer Therapie? »Ich soll in eine Flirtshow?«, fragte ich ängstlich. Wieso war ich nur hergekommen?

Aber sie winkte ab. »Quatsch.«

Puh. Ich atmete auf. Da war ich ihr aber ganz schön auf den Leim gegangen! Mich damit zu veräppeln, dass ich mich im Fernsehen vor Millionen von Menschen blamieren sollte! »Ich dachte schon …«

»Hase. Du sollst doch nicht denken.«

»Lustig«, sagte ich und freute mich über den Zufall, »das hat Stephan auch immer gesagt.«

Tante Lisbeth stemmt die Arme in die Hüften. »Sag mal, haben wir ein Problem mit Feminismus?«

»Nein! Das hat er ironisch gemeint. So wie du. Er hat mich voll respektiert. Äh. Glaub ich jedenfalls.«

Tante Lisbeth zog missbilligend einen Nasenflügel hoch. »Wie du dich behandeln lässt!«

»Hör mal! Du hast doch das Gleiche auch gerade gesagt!«, wehrte ich mich.

»Das ist etwas anderes. Ich bin deine Tante.«

»Soll ich denn jetzt denken oder nicht?«, fragte ich nach.

»Das musst du ganz allein wissen«, sagte sie trocken. »Notfalls hast du ja noch deine …«

Bevor sie den Satz beenden konnte, verdrehte ich derart stark die Augen, dass sie brav verstummte. Lediglich ihr Blick senkte sich deutlich auf mein Dekolleté.

»Jedenfalls bin ich sehr froh, dass wir nicht in eine Flirtshow gehen«, wollte ich das Thema beenden.

»Wunderbar. Wir gehen nämlich zum Super-Quiz

Sie meinte es ernst. Geschäftig begann sie, in das ausgedruckte Formular unsere Daten einzutragen.

»Ich überstehe da doch keine zwei Runden!«, versuchte ich ihr das Vorhaben madig zu machen.

»Keine Sorge. Beim Super-Quiz ist man zu zweit; ich kann einspringen, wenn du mal wieder nichts weißt.«

»Na, dann ist es für mich natürlich kein bisschen peinlich.«

»Genau.« Mein Sarkasmus prallte komplett an ihr ab. Zwar blickte sie für einen Moment vom Fragebogen auf und runzelte die Stirn. Aber das galt allein ihrer Überlegung, um wie viele Jahre sie bei ihrem Geburtsdatum pfuschen konnte, ohne aufzufliegen. Mit gönnerhaftem Nicken machte sie einen Abschlag von acht Jahren.

Ich probierte es weiter. »Ich hab nichts anzuziehen.«

»Ich leih dir was.«

Ich stellte mir vor, wie wir beide in einem glitzernden Paillettenoutfit auf die Bühne traten. »Vielleicht sollten wir uns gleich beim Eurovision Song Contest bewerben«, schlug ich vor. »Du singst, ich tanze?«

»Gute Idee. Aber erst mal zum Quiz. Da kommt man schneller ans Geld. Und davon fahren wir dann nach Italien.«

Dagegen hatte ich nichts. »Aber könnten wir nicht vielleicht einfach so …«, regte ich an. Schließlich war Tante Lisbeth, das wusste ich genau, nicht gerade arm. Sie machte erfolgreich Kunst. Formal gesehen jedenfalls. Im Sinne von Farbe auf Leinwand, nicht im Sinne von Ästhetik. Es ging ihr rein um Kommerz: Sie produzierte jeden Monat dutzendweise Ölbilder. Sehr beliebt war zum Beispiel das Leuchtturmmotiv mit den kleinen pastellfarbenen Harlekinen, die von der Turmspitze bis zum Mond balancierten. Oder die Halligen bei Sonnenuntergang mit den Einhörnern, die davor auf der Salzwiese grasten. Erstaunlicherweise fanden diese grauenhaften Bilder problemlos Käufer. Lisbeths Freundin Renate vertickte sie in ihrem Café in St. Peter-Ording zu astronomischen Preisen an die Kurgäste. Ob die sämtlich an einer schweren Form des grünen Stars erkrankt waren? Dann gaben die Farbverläufe bestimmt Effekte wie bei einem gelungenen LSD-Trip. Tante Lisbeth sah das genauso. Tatsächlich kam der LSD-Vergleich von ihr – kannte sie sich da aus? Aus betriebswirtschaftlichen Gründen hatte sie jedenfalls ihren künstlerischen Anspruch hintangestellt und nachfrageorientiert gearbeitet. Vor einigen Jahren hatte sie dann erklärt, dass sie von der Malerei Kopfschmerzen bekäme – bei den Motiven allemal verständlich –, und über eine Volkshochschul-Kunstklasse ein paar Angestellte akquiriert. Ihr mangelndes Können machten sie durch beherzten Einsatz von Glitzerpuder auf Schaumkronen, Harlekinbommeln etc. wett. Das Geschäft lief seitdem besser denn je. Jeden Frühling flog Tante Lisbeth außerdem für drei Wochen nach Capri und holte sich, außer Massagen und ein paar Kilo Hüftgold, neue Anregungen von den italienischen Sonnenuntergangsmalern, die sie dann an ihre Auftragsmaler weitergab. Sie war also gut situiert. Da musste man sich doch jetzt wegen ein paar hundert Euro Reisegeld nicht im Fernsehen blamieren! Oder hatte sie etwa derart viel Geld in den Windpark gesteckt?

Mit einem Anflug von Besorgnis versuchte ich herauszuhören, ob es ihr nicht im Grunde darum ging, ihre Finanzen zu sanieren. Aber von Geld war nicht mehr die Rede. Im Gegenteil: Das Argument mit dem Reisegeld war offenbar nur vorgeschoben. Tante Lisbeth wollte einfach nur in der Quizshow auftreten! Sie geriet ins Schwärmen über Alexander Samson, den Moderator des Super-Quiz. Den allerschnuckeligsten Showmaster Deutschlands, wie sie fand.

Dass sie auf Quizshows stand, wusste ich ja schon. Wenn ich etwas mit ihr zu bereden hatte, aber keine Lust auf ausufernde Gespräche, richtete ich es immer so ein, dass ich während Wer wird Millionär? in Freesbüll anrief. Dann war meine Tante ganz einsilbig und auf ein schnelles Auflegen bedacht. Nur hatte ich bis dato angenommen, dass sich ihre Quiz-Ambitionen auf Besserwisserei vom heimischen Sessel aus beschränkten. Aber nein. Sie war auch bereits bestens über die Anmeldeprozedur informiert. »Also, meine Freundin Elke, die hat sich da mal mit ihrem Mann Hinnerk beworben«, erklärte sie. »Dann kam eine Einladung zum Casting. Man muss sich nämlich erst mal testen lassen, die nehmen nicht jeden! Elke und Hinnerk also ab nach Hamburg. Das war in so einem tollen Kongresshotel, und da haben sie dann einen Probefragenkatalog beantworten müssen, und wer weitergekommen ist, von dem wurden dann Videoaufnahmen gemacht!« Tante Lisbeth war hellauf begeistert.

»Und?«

»Ja, nix und. Elke und Hinnerk haben schon die erste Runde vergeigt. Aber die wären sowieso nicht weitergekommen, wo doch der Hinnerk so viele Warzen im Gesicht hat. Ich hab Elke gesagt, dass sie froh sein konnte, dass sie überhaupt zum Casting kommen durften.« Ich zuckte zusammen. Tante Lisbeth dachte offenbar, dass sie ihre Freundin damit getröstet hatte.

»Und hat sie dir auch gesagt, was das für Fragen waren in dem Probequiz?«

»Nee«, wunderte sie sich. »Sie wollte dann nicht mehr weiter darüber reden.«

Glücklicherweise verstand sich meine Tante aber als Medienprofi und bedurfte keiner weiteren Erfahrungsberichte von Dabeigewesenen. In den Castings zu diesen Shows gehe es immer um den »gewissen Touch«, erklärte sie mir. Ein Alleinstellungsmerkmal, das die Kandidaten gegenüber den anderen hundert Bewerberpaaren einzigartig und interessant machte. Die Geschichte, wie die welterfahrene, weise und warmherzige Tante (sie) der vom Liebeskummer geschüttelten, planlosen, aber schnuckeligen Nichte (mir) unter die Arme greifen und ihr zur großen Amore mit einem Italiener verhelfen wollte – das würden die Fernsehmacher und das Publikum lieben!

»Kommt gar nicht infrage!«, stellte ich klar.

»Papperlapapp«, sagte sie, griff zu Kuli und lavendelfarbenem Briefpapier und schrieb einen Begleitbrief zum Bewerbungsformular. Im letzten Absatz drängte sie die Redaktionsleitung, einen raschen Castingtermin zu vergeben, damit der Kummer beim Kind noch frisch wäre und die telegenen Tränen reichlich flössen. Das Ganze scannte sie ein und mailte es, ohne auch nur im Geringsten auf meinen anhaltenden Protest einzugehen, an die Super-Quiz-Redaktion. Ich fühlte mich übergangen. Außerdem war ich keine Heulsuse! Tante Lisbeth fuhr den Rechner herunter. »Übrigens«, sagte sie dabei beiläufig, »es gibt hunderttausend Euro zu gewinnen.«

Hunderttausend Euro!

Ich halte es für eine menschliche Stärke, wenn man dazu in der Lage ist, seine Meinung auch mal zu ändern. Das zeigt, dass man die innere Größe hat, sich guten Argumenten gegenüber nicht von vornherein zu verschließen, mitdenkt und nach eingehender Prüfung der Positionen einen angemessenen Interessenausgleich vorzunehmen imstande ist. Soll heißen: Kaum glimmte die Hoffnung auf dickes Geld auf, zerbröselte mein gesundes Schamgefühl zu Staub. Was war an einer Quizshow denn überhaupt schlimm? Ich musste keine Käfer essen, mich nicht nackig machen und nicht singen. Im Grunde war es sogar Fernsehen mit Bildungsauftrag … Als ich so weit war, den Fernsehauftritt als Dienst an der Menschheit zu empfinden, und mit mir und Tante Lisbeths Plänen im Reinen war, zog ich mich ins Schlafzimmer zurück, um Katja anzurufen. Tante Lisbeth war noch mal kurz zum Kaufmann gegangen und hatte mich gebeten, endlich wegen des Windparks nachzufragen, was während der Zugfahrt wegen der ganzen Funklöcher nicht geklappt hatte.

Tante Lisbeths Schlafzimmer bestand im Wesentlichen aus einem riesigen Kleiderschrank, der die ganze Wand gegenüber dem Fenster einnahm und Kuriositäten aus vier Jahrzehnten barg, Omas Fuchsmantel etwa (»kommt alles wieder!«). Und natürlich dem eins vierzig breiten Polsterbett, das auf zwei Dritteln von Tante Lisbeth und zum Rest von den Sparkassen-Plüschtieren bewohnt wurde. Ich grüßte den altbekannten Riesenfrosch, den Löwen und den Maulwurf und schloss Bekanntschaft mit einer grell gepanzerten Schildkröte und einer Weltraummaus. Die Sparkasse ging offenbar mit der Zeit: Die Schildkröte hatte diese riesigen Mutantenaugen, aus denen einen aktuell auch viele Hutablagen-Kuscheltiere weinerlich anguckten, und die Maus hatte an ihrem Weltraum-Utensiliengürtel einen hellrosa Schlagstock. Oder handelte es sich um ein Erwachsenenspielzeug? Igitt! Ich beguckte das Tier genauer. Ah, nur ein Laserschwert, stellte ich beruhigt fest. Ich kuschelte mich zu den Tieren auf die Tagesdecke, drückte auf Katjas Namen in meinem Kontaktemenü und berichtete ihr von den Ereignissen und Rechtsfragen des Tages.

»Windparks sind ein komplexes Thema«, erklärte sie. »Ein bisschen habe ich damit zu tun. Unsere Mandanten haben teilweise WKA-Fonds in ihren Portfolios.«

»WKA

»Windkraftanlagen. Die Fonds sind ein Renner, weil sich die Leute wegen des EEG garantierte Profite vorstellen.«

»EEG

»Erneuerbare-Energien-Gesetz. Also, mal überlegen …«

Katja überlegte laut. Und ausführlich. Beseelt referierte sie über Bauleitpläne, Umweltgutachten, eine gewisse Thea Lärm und ein sogenanntes Bimsch-Gesetz. Ich blickte den Maulwurf fragend an. Er guckte treuherzig, aber verständnislos zurück. Wir einigten uns darauf, uns keine weiteren Abkürzungen mehr erklären zu lassen, weil wir uns das alles sowieso nicht hätten merken können.

Ich hatte einen Flashback. Es ging mir gerade genauso wie bei Stephan, wenn der mir von seiner Arbeit erzählt hatte. Also, ich fand es natürlich super, dass er von seinem Tag im Büro berichtete, das machen die meisten Männer ja nicht. Dass er sich mir öffnete, nahm ich als ein Zeichen seiner Liebe. Und seine Fälle waren objektiv gesehen echt spannend. Er schaffte es zum Beispiel, einer deutschen GmbH & Co. KG durch Gründung einer Holding in Luxemburg zu einem verminderten Steuersatz zu verhelfen. Oder so ähnlich. Peinlicherweise konnte ich ihm nämlich nicht im Geringsten folgen. Mein Hirn geriet in der Regel nach zwei bis drei Paragrafen ins Stottern, trudelte noch ein Weilchen hinter seinen Analysen zur Europarechtsprechung hinterher und schaltete irgendwann unweigerlich in den Leerlauf. Das ließ ich mir natürlich nicht anmerken und machte wohldosiert interessierte Geräusche. Na ja, etwas überdosiert, denn die Sache hatte sich dazu ausgewachsen, dass Stephan nach anfänglichem Skizzen-auf-Servietten-Malen inzwischen ganze Schaubilder aus dem Büro mitgebracht hatte. Da, ein Pluspunkt für die Trennung. Bis Weihnachten wäre es sonst womöglich noch zu Powerpoint-Präsentationen an meiner Schlafzimmerwand gekommen.

In Katjas Fall war ich natürlich auch selbst schuld. Ich hatte ja gefragt. Trotzdem ging ich dazwischen. »Katja, es reicht«, wimmerte ich. »Ich glaube, ich habe verstanden, dass Windräder nach einem irre komplizierten Verfahren genehmigt werden. Also, zusammenfassend: Wenn Tante Lisbeth die Dinger abreißen lassen will, muss sie einen Verfahrensfehler nachweisen?«

»Korrekt.«

»Und sollte sie das denn, oder lohnt sich das Geschäft? Was rätst du deinen Mandanten?«

»Kommt drauf an. Eigentlich kommt es nur auf den Standort an. Wo viel Wind, da viel Geld.«

»Dann Glückwunsch.« Keine Frage, Wind war da. In Freesbüll wuchsen sogar die Bäume schief, weil sie dauerhaft von Westen her eins drüberbekamen.

Ich gratulierte Tante Lisbeth. »Katja ist allenfalls noch ein bisschen skeptisch, weil eure Anlagen bisher nicht ausgetestet wurden. Du hast doch gesagt, dass das ein neuer Anlagentyp ist, oder?«, fragte ich, als sie ihre Einkäufe auf dem kleinen Küchentisch ausbreitete.

Tante Lisbeth stellte Teller neben das frisch eingekaufte Schwarzbrot, holte Butter, Käse, roten Heringssalat und ein Gurkenglas aus dem Kühlschrank und wies mich mit einem Fingerzeig an, am Tisch Platz zu nehmen. Jetzt gab es wohl Abendbrot. »Ja, das sind Prototypen. Wir haben die vorher nur als Zeichnung im Prospekt gesehen. Aber daneben war eine Grafik, und da ging die Profitkurve steil nach oben.«

»Und sonst so? Stand da was zur Technik? Oder Vorversuchen, im Windkanal oder so?«

»Keine Ahnung«, gab sie zu. »Der Rest von der Broschüre war mir zu trocken. Irgendwie hab ich mir gedacht, wenn alle anderen auch mitmachen, wird das schon einer von denen richtig gelesen haben. Wilm zu Beispiel. Der hat den Windpark ganz offiziell empfohlen.«

»Wilm?« Ich war gerade dabei, Butter auf einer Scheibe Schwarzbrot zu verstreichen, hielt bei dem ungewöhnlichen Name jedoch inne.

»Wilm Hansen. Das ist unser Bürgermeister. Und der Mann von meiner Freundin Kathrin.« Tante Lisbeth guckte stolz, fast so, als wäre sie mit der Frau vom Bundespräsidenten befreundet.

»Und der heißt Wilm?«, wunderte ich mich noch mal.

»Das ist ein ganz normaler Vorname!«

»Putzig.«

»Das ist nicht putzig! Das ist normal!«

»Normal ist Niklas. Oder Fabian.«

»Wenn man noch in den Kindergarten geht. Wilm ist über sechzig. Außerdem brauchen wir hier keine dusseligen Modenamen. Wir haben unsere eigenen. Das ist Teil unserer Kultur. Da sind wir fest drin verwurzelt! Schleswig-Holstein, mee-heer-u-hum-schlu-hungen …« Jetzt hatte sie angefangen zu singen! Ich erkannte die Landeshymne. »Los, mach mit!«, unterbrach sie sich selbst. »Du bist doch schließlich auch hier geboren!«

»Ja, aber nicht aufgewachsen.« Aufgewachsen war ich in Bergisch Gladbach. Ich hob an zum Bergischen Heimatlied. Na ja, zu dem Teil, an den ich mich aus dem Grundschul-Sachkundeunterricht noch erinnerte. »Wo im Schatten der Eiche die Wiege mir stand …«, schmetterte ich.

Das ließ Tante Lisbeth sich nicht bieten. »Schleswig-Holstein, stammverwandt …«, brüllte sie mir dazwischen.

»Da ist meine Heimat, mein Bergisches Land!«, grölte ich dagegen.

»Wanke nicht, mein Vaterland!« Tante Lisbeth blickte mich finster an. Wir gingen in die Wiederholung.

Ich: »Da ist meine Heimat …«

Sie: »Schleswig-Holstein, stammverwandt, wanke niiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii…« Tante Lisbeth, fest entschlossen, hier nicht als Erste aufzuhören, hielt den Ton. Auf ihrer Stirn trat eine Ader hervor.

»… mein Beeeeeeeer…«, hielt ich mit.

»…iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii…« Tante Lisbeths Ader wurde besorgniserregend dick. Was, wenn die platzte? Mein Erste-Hilfe-Kurs war schon so lange her. Druckverband? Oder lief ihr davon das Hirn voll? Bekam sie dann einen Schlaganfall? Ich beschloss, es vorsichtshalber nicht drauf ankommen zu lassen, und beendete meine Einlage. »…gisches Land.«

»…cht mein Vaterland«, japste Tante Lisbeth. »Und merk dir das: Nur weil deine Eltern mit dir als Kind von hier weggezogen sind, hast du noch lange nicht fremde Hymnen zu singen.«

»Ich singe in der Regel überhaupt keine Hymnen. Außer wenn gerade WM ist.«

»Oh ja. WM. Zur WM musst du mal herkommen, dann ist hier was los! Was meinst du, wie wir die Balkone schmücken! Ich lass zum Beispiel bis ganz unten zur Parterrewohnung von Frau Schmied schwarz-rot-gelbe Stoffbahnen runterhängen. Und Frau Asmussen nebenan umhäkelt ihre Balkonkästen!«

»Stark.«

»Und wir haben Public Viewing. Hast du das schon mal gemacht?«

»Äh. Nee. Rudelgucken ist mir zu chaotisch«, gab ich zu. »Da sind so wahnsinnig viele Leute, und ich habe immer Angst, dass neben mir einer spucken muss.«

»Musst dann wirklich mal herkommen. Hier können sich die Leute benehmen. Außerdem ist die Fanmeile extra zwischen Marquardsens und dem Reitstall, da stehen die Mülleimer vom Reitverein rum, für den Pferdemist. Da wird notfalls draufgespeit, und es gibt keine Sauerei. Gucken tun wir auf dem Hof vor der freiwilligen Feuerwehr. Mit Grillwürstchen und Gulaschkanone. Ab Unentschieden gibt’s dann Autokorso. Mit Treckern bis nach Paulstedt rauf!«

Das klang gar nicht so schlecht. Aber wir waren ein bisschen vom Thema abgekommen. »Wo waren wir eigentlich gerade stehen geblieben? Windpark-mäßig?«, kam ich daher darauf zurück und lud ordentlich Heringssalat auf meine Stulle.

»Du hast dich über unseren Bürgermeister lustig gemacht.«

»Das hast du falsch verstanden. Ich habe mich nicht lustig gemacht, ich war begeistert.«

Tante Lisbeth guckte skeptisch.

»Doch, wirklich«, versuchte ich, sie zu überzeugen. »Ich bin vollkommen hingerissen von norddeutschen Namen! Wenn ich mal Kinder bekomme, heißen die auf jeden Fall Jan-Ingwer oder Malte-Frerk oder so. Oder noch besser, ich heirate einen Mann mit einem typisch norddeutschen Nachnamen. Wie ›Petersen‹. Dann kann ich meinen Kindern so eine süße Namenskombination geben. Peter Petersen! Klaas Klaassen! Was ist eigentlich der richtige Vorname zu Feddersen?«

Da war Tante Lisbeth auch ratlos. »Fred?«, schlug sie vor.

»Finde ich gut. Fred Feddersen. Kannst du mir einen netten jungen Herrn Feddersen vorstellen?«

»Ich horch mich mal um. Meine Freundin Renate heißt Feddersen. Vielleicht sind die Neffen noch zu haben.«

»Super. Aber, ’tschuldigung, dass ich schon wieder abgelenkt habe. Herr Hansen ist also hier der Bürgermeister und hat gesagt, dass ein Windpark eine lohnende Sache wäre.«

»Ja, genau. Weil wir es als Gemeinde nämlich dringend nötig haben, mehr Steuern einzunehmen. Und so ein Windpark bringt uns in zwanzig Jahren eine Million Euro pro Anlage, allein durch die Gewerbesteuer!«

»Wow. Eine Million?«

»Eine Million. Und wir haben im Dorf zusammengelegt, damit uns eins von den Windrädern auch selbst gehört und nicht nur der Investorengesellschaft. So profitiert die Gemeinde von den Steuern, und wir Bürger bekommen was von der Rendite aus der Stromerzeugung.«

»Klingt doch perfekt. Wie wär’s, wenn wir zur Sicherheit noch in deinen Unterlagen nachsehen, ob da irgendwo Berechnungsgrundlagen stehen?«, schlug ich vor.

»Gute Idee.« Tante Lisbeth stand aber nicht auf, sondern fischte sich als Zwischengang nach ihrem gerade vertilgten Käsebrot ein paar Gürkchen aus dem Glas. »Suche ich dir nachher raus. Aber jetzt erst noch mal was Wichtigeres: Ich habe einen Schlachtplan entwickelt.«

Zapp. Tante Lisbeth war nicht der Typ, der unbequemen Gedanken lange nachhing. Kein Wunder, dass sie ernsthaft fand, ich könne Stephan doch einfach vergessen. Sie schob die Sorgen um die Windräder einfach beiseite und war auch gleich wieder bester Dinge. Es ging schließlich um das Quiz. Wir würden uns, das hatte sie auf dem Weg zum Kaufmann beschlossen, die Themen aufteilen. Bei der Show wäre sie zuständig für Kultur, Geschichte, Literatur, Geografie und Wissenschaft.

»Dich brauchen wir dann nur für diesen Schnickschnack. Popmusik, Filme, Promis und so. Ansonsten gilt, was ich sage.«

»Na, hör mal.« Ich nahm mir vor, ihrer Überheblichkeit einen Dämpfer zu versetzen. »Du bist doch hier diejenige, die stundenlang im Fernsehen Prinzenhochzeiten guckt. Und dabei weint!« Ich verzichtete auf den zusätzlichen Hinweis, dass die Sparte Unterhaltung außerdem nicht ausschließlich »Schnickschnack« war. Zum Beispiel wusste ich, dass erfolgreiche Pop-Komponisten weniger Zeit mit Musenküssen als mit reiner Musiktheorie verbringen. Kommerzielle Ohrwürmer sind keine Magie, sondern speisen sich aus einer Formel berechenbarer Akkordfolgen und bei Balladen gern auch noch einer Tonartverschiebung in der letzten Strophe. Das hatte ich schon mit dreizehn beim Klavierunterricht gelernt. Eine kleine chromatische Rückung am Ende, und schon schmilzt das Hörerherz. Dieses Wissen hatte mich als Teenager freilich trotzdem nicht davor bewahrt, zum Klang meiner Kuschelrock-CDs Rotz und Wasser zu heulen. Ähnlich, so mutmaßte ich, ging es Tante Lisbeth mit ihren königlichen Hochzeiten.

»William und Kate hat ja nun wirklich jeder geguckt«, rechtfertigte sie sich. »Und damals bei dem Felipe von Spanien und seiner Letizia, das war quasi ein Akt des Patriotismus. Wo wir schon keinen eigenen König haben!«

Ich guckte verständnislos. »Und deshalb nehmen wir den spanischen? Du meinst, weil wir Deutschen sowieso schon halb Mallorca bevölkern?«

Tante Lisbeths Tonfall wechselte flugs von trotzig zu belehrend. »Wegen der Blutsbande! Das weiß man doch, dass der Felipe deutsche Vorfahren hat! Was meinst du, warum der so schön groß ist? Ich hoffe, du kannst dir das merken, so was kommt bestimmt dran.«

»Muss ich ja gar nicht«, stellte ich fest, »du kannst ja ein Veto einlegen, wenn ich mich bei so einem Königskram vertue.«

»Ja und nein! Bei dem Casting kann ich dich noch nicht rausreißen. Da muss jeder seinen eigenen Fragebogen ausfüllen!«

Na toll. Dann konnte Tante Lisbeth sich ihre Ressortverteilung gleich an den Hut stecken, wenn man in der Vorrunde sowieso alles können musste. Der Schreck ließ ein paar Synapsen in meinem Hirn auffunzeln, und lange verschüttetes Schulwissen irrlichterte durch meinen Kopf. a² + b²= c² … Einfallswinkel gleich Ausfallwinkel … Liberté, egalité, fraternité … Ach, das würde schon werden!

DREI

Auch bei Tante Lisbeth waren alte Weisheiten wieder nach oben gekommen.

»Mens sana in corpore sano!«, schallte es nämlich am nächsten Morgen durch die Wohnung. Ich rollte von der Ausziehcouch im Wohnzimmer und nahm an, dass mich das auf Schonkaffee zum Frühstück einstimmen sollte. Ältere Damen lieben ja ihren »Schonkaffee«, neben Krampfadern ein guter Grund, das Alter zu fürchten. Erstens haben Morgengetränke ohne Koffein ohnehin keine Daseinsberechtigung, und zweitens sind sie schuld an wirklich schlechter Fernsehwerbung.

Wenigstens hätte selbst die entkoffeinierte Variante mir aber den Genuss von Kaffeeduft zum Aufstehen bescheren müssen. Ich schnupperte. Nichts. Hier waberte einzig der seifige Geruch des Lavendelsäckchens umher, das an den Rahmen der Milchglastür zum Flur gepinnt war.

Hinter dieser Tür nahm ich seltsame Bewegungen wahr. Ich ging nachgucken. Zuerst sah ich nur, aber das war ja auch schon eine ganze Menge, Tante Lisbeths Hinterteil, eingezwängt in eine goldene Radlerhose. Das sah aus wie eine wogende, überdimensionale Kalbsleberwurst. Erschrocken fuhr ich zurück, zum Glück, sonst hätte ich als Nächstes Tante Lisbeths Handkante im Magen gehabt, denn mittlerweile hatte sie sich aufgerichtet und vollführte zackige Rumpfdrehungen. Dehnübungen à la Turnvater Jahn. Ich staunte. Ich hatte meine Tante noch nie Sport machen sehen. Meines Wissens hatte niemand das. Außer ihren Freundinnen bei der Beckenbodengymnastik vielleicht, aber das gilt nicht. Den Beckenboden kann man schließlich trainieren, indem man so tut, als müsse man riiiichtig doll Pipi und kein Klo in Sicht. Also nach außen nicht sichtbar. Bei ihrer Gymnastik hockten die Damen wahrscheinlich im Kreis, plauschten, und die Krankenkasse würde nie dahinterkommen, ob auch nur eine von ihnen tatsächlich die Sitzbeinhöcker zusammenzog.

Tante Lisbeth machte noch ein paar Mal die Windmühle, dann justierte sie ihr pinkes Stirnband und drehte sich zu mir um.

»Morgengymnastik für einen gesunden Geist in einem gesunden Körper. Wow, Tante Lisbeth«, lobte ich.

»Das ist nur zum Aufwärmen! Wir können aber gleich los. Ich habe für dich keine Stöcke, aber du kannst ja einfach so nebenhergehen, ist besser als gar nichts.«

Stöcke … Gehen … Oh nein! Oh nein, oh nein, oh nein! Entsetzt riss ich die Augen auf. »Sag jetzt nicht …«

»Nordic Walking! Doktor Treu sagt, das ist das Gesündeste überhaupt!«

Uff. Nur weil etwas gesund ist … »Tante Lisbeth! Das geht gar nicht«, schimpfte ich. »Weißt du, wie uncool …«

»Quatsch! Das machen alle hier, der halbe Kurs von meiner Beckenbodengymnastik.«

»Spazieren gehen mit Stöcken, das ist doch total peinlich.«

»Das ist kein Spazierengehen, das ist Sport! Hier, guck mal, ich habe sogar einen Pulsmesser.« Sie raffte ihr Hightech-Anti-Schwitz-T-Shirt hoch und zeigte mir einen Gurt mit einem schwarzen Plättchen, das unter ihrer Brust klemmte und sich sein Dasein als Sportgerät sicher auch anders vorgestellt hatte.

Hier war so einiges hingeblättert worden, und nun bekam ich das Herzstück ihrer Ausrüstung präsentiert, bei dem sie ganz offensichtlich auch nicht gespart hatte: ein Set türkismetallic lackierter Stöcke mit ergonomischen Griffen, Handschlaufen und aus Titan. Junge. Von allen Trends der Welt musste meine Tante sich ausgerechnet den albernsten aussuchen? Konnte sie nicht einfach in aller Ruhe zu Hause Teelicht-Lampenschirme zusammenlaminieren oder neckische Figuren aus Tontöpfen basteln? Oder, wenn sie etwas für ihre Gesundheit tun wollte, ganz einfach Zahnzwischenraumbürstchen benutzen?

Tante Lisbeth wurde langsam ungeduldig. »Kommst du jetzt mit? Oder schämst du dich etwa für mich?«

Mmmh, ja. Das traf es ziemlich genau. Aber gleichzeitig schämte ich mich auch dafür, dass ich mich schämte. Tante Lisbeth wollte etwas machen, das sie für Sport hielt. Ich dachte an die in der Regel von einer rosa-weißen Ballongirlande umkränzten Aufsteller für Damen-Fitnessstudios, auf denen fröhlich beieinander untergehakte Frauen zusammen Luftsprünge machten. Teamgeist, das ist beim Sport das Wichtigste, ganz besonders, wenn man ihn nicht gewohnt ist. Eine für alle, alle für eine.

Eine Viertelstunde später waren wir unterwegs. Ich hatte mich schnell angezogen und ignorierte Tante Lisbeths Frage, ob ich denn wirklich in Jeans und Jacke »Sport« machen wolle. Mein Spaziergang/ihr Training vor dem Frühstück führte uns zum Freesbüller Wald. Vor hundert Jahren hatte man hier das Experiment gewagt, trotz Wind- und Salzbelastung auf dem nährstoffarmen Hügel Bäume anzupflanzen. Der wackere Lehrer Altmann, an den heute noch eine Art Hinkelstein erinnert, hatte in trockenen Zeiten milchkannenweise Gießwasser den Berg hinaufgebracht, und heute profitierten mindestens ein Reh, haufenweise Spaziergänger, Jogger und, es ist wohl wahr, so manch ein Nordic Walker von dem inzwischen hohen Gehölz mit den großzügigen Waldwegen.

Man grüßte sich. Das ist allerdings noch kein Anzeichen für eine Verschwörung der Leute mit den albernen Stöcken, sondern eine Besonderheit des dünn besiedelten Nordfrieslands. Wenn man hier jemandem begegnete, dann freute man sich und sagte »Moin«, egal ob zu Bekannten oder Fremden. Manchmal auch »Moin, Moin!«. Ob das nun die Steigerungsform für tatsächlich gute Bekannte war oder vielleicht nur Ausdruck der besonderen Gesprächigkeit des Grüßenden, war mir nie ganz klar. Tante Lisbeth entschied sich bei den uns entgegenkommenden Walkern jedenfalls für die kurze Variante, aber das sicher nicht aus Atemnot. Ihr »Workout«

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