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Körbchen mit Meerblick

Zum Buch:

Eis, Sandburgen, Wattwanderungen – Melanie verbindet nur die schönsten Erinnerungen mit den Nordseeferien bei ihrer Tante. Trotzdem ist sie überrascht, dass diese ihr nach ihrem Tod ihren gesamten Besitz vermacht. Dazu gehören nicht nur das Haus und die Kunsthandlung, sondern auch der quirlige Welpe Schoki. Nun muss Melanie sich entscheiden: Will sie wirklich ihr vertrautes Leben zurücklassen und für immer in diesem Küstennest leben? Einen Sommer will sie sich Zeit nehmen, diese Entscheidung zu treffen.

Doch dabei haben der gut aussehende Nachlassverwalter Alex und das vierbeinige Temperamentsbündel auch ein Wörtchen mitzureden …

Ein Roman voller Sommer, Sonne, Sand und Welpe.

Zur Autorin:

Seit Petra Schier 2003 ihr Fernstudium in Geschichte und Literatur abschloss, arbeitet sie als freie Autorin. Neben ihren zauberhaften Weihnachtsromanen schreibt sie auch historische Romane. Sie lebt heute mit ihrem Mann und einem Deutschen Schäferhund in einem kleinen Ort in der Eifel.

Internetseite der Autorin: www.petra-schier.de

Lieferbare Titel:

Kleines Hundeherz sucht großes Glück

Petra Schier

Körbchen mit Meerblick

Roman

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

KAPITEL 1

Mein Frauchen ist fort. So richtig fort. Für immer. Nicht bloß kurz zum Einkaufen oder zum Milchholen bei den Nachbarn. Fort. Sie kommt nicht wieder zurück.

Ich vermisse sie. Wie schön wäre es, wenn sie jetzt bei mir wäre, mit mir spielen oder kuscheln würde. Aber sie kommt nicht zurück. Männer in schwarzen Anzügen haben sie weggebracht, in einer braunen Holzkiste.

Und ich? Ich bin jetzt bei Christina zu Besuch. Ich mag sie, und hier gibt es immer viele andere Hunde, die bei ihr zu Gast sind. So wie Zora und Benni, die beiden Golden Retriever. Ganz viele Menschen, die alle nett zu mir sind.

Nur ein Frauchen habe ich jetzt nicht mehr. Dabei hätte ich so gerne wieder eins. Vielleicht darf ich bei Chris und Zora und Benni bleiben. Das würde mir gefallen, auch wenn ich dann lauter Kommandos lernen muss. Sitz geht ja noch und Platz und Komm her. Chris bringt fremden Hunden auch noch lauter andere Sachen bei. Benni kann zum Beispiel tanzen, was witzig aussieht, und Zora ist gut im Finden von Sachen.

Vielleicht macht das ja sogar Spaß, aber bei meinem Frauchen Sybilla musste ich so was nie machen. Dafür hat sie mir Bällchen geworfen und mich zum Schwimmen mit ans Wasser genommen. Und im Watt haben wir tolle Spaziergänge gemacht. Da kann man auch wunderbar buddeln. Ich liebe es zu buddeln. Sybilla mochte das nicht ganz so. Sie hat immer geschimpft, wenn ich von oben bis unten mit Matsch verschmiert war. Trotzdem ist sie immer wieder mit mir hingegangen.

Wenn ich es mir aussuchen dürfte, würde ich gerne ein Frauchen haben, das mit mir ans Meer geht. Und ins Watt. Die mit mir herumtobt und Quatsch macht und eben einfach mein absoluter Lieblingsmensch ist. Versteht ihr das?

Vielleicht erfüllt sich mein Traum ja. Sybilla hat immer gesagt, das Wünsche sich erfüllen. Kommt Zeit, kommt Rat, hat sie auch immer gesagt. Na ja, vielleicht gilt das ja auch für mein neues Frauchen. Drückt mir die Daumen. Und die Pfoten. Das soll ja Glück bringen.

KAPITEL 2

Melanie? Ich habe dir einen Salat und einen Frischkäsebagel mitgebracht.“ Edith Grün hatte die Glastür zum Büro mit dem Ellenbogen aufgestoßen und stellte nun eine weiße Papiertüte mit dem Essen auf Melanies Schreibtisch ab, bevor sie ihr eigenes Mittagessen auszupacken begann.

Melanie nickte ihr zu und hob kurz die Hand. Sie hatte den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt und tippte eine E-Mail, während sie der Stimme am anderen Ende der Leitung lauschte. „Ja, genau. Nein, das ist nicht akzeptabel. Wir haben die Scharniere bereits vor zehn Tagen in Auftrag gegeben.“ – „Das mag ja sein, aber bei Ihnen ist anscheinend immer Urlaubszeit. Zumindest immer dann, wenn nicht gerade Grippezeit ist. Wir benötigen die Lieferung bis zum zwanzigsten, andernfalls stornieren wir die Bestellung und werden uns einen anderen Lieferanten … Was? Ja, selbstverständlich auch für alle zukünftigen Aufträge.“ – „Ich schicke Ihnen die Aufstellung samt aller Maßangaben sofort per E-Mail, nur für den Fall, dass Sie die Daten Ihres Kollegen nicht finden sollten.“ Oder wollen, dachte sie mit einem grimmigen Stirnrunzeln. „Danke sehr, Herr Lotbrink. Ich erwarte die Bestätigung über den Erhalt der Mail innerhalb einer Stunde. Und eine pünktliche Lieferung.“ – „Das ist nicht mein Problem, Herr Lotbrink. Sie wissen so gut wie ich, dass es auch noch andere Anbieter für maßgefertigte Scharniere gibt. Guten Tag.“ Melanie beendete das Gespräch, tippte einen letzten Satz in das Mailformular und klickte auf Senden. Dann atmete sie tief durch und lehnte sich erleichtert auf ihrem Stuhl zurück.

„Schon wieder Lieferprobleme bei den Scharnieren?“ Edith warf ihr einen mitfühlenden Blick zu. „Du solltest dem Chef nahelegen, die Zusammenarbeit mit Lotbrink zu beenden.“

„Das habe ich soeben getan.“ Melanie lächelte schmal. „Und ich habe auch schon einen Ersatz gefunden. Das Angebot der neuen Zulieferfirma liegt mir bereits vor. Trotzdem soll Lotbrink nicht meinen, wir würden ihn aus der Sache so einfach herauslassen.“ Sie schnüffelte. „Hm, das riecht lecker. Ist die Hähnchenbrust etwa noch warm?“

„Was dachtest du denn? Olivier hat den Salat ganz frisch zubereitet. Selbst der Bagel kam gerade aus dem Ofen. Also iss jetzt und vergiss mal für eine halbe Stunde die Arbeit.“

„Zwanzig Minuten, höchstens. Ich muss noch eine Aufstellung über die neuen Angebote für Türbeschläge …“

„Mittagspause, Melanie!“ Edith hob mahnend den Zeigefinger. „Schalt mal einen Gang runter.“

„Aber die neue Produktlinie kann nicht starten, wenn ich nicht …“

„Melanie.“ Streng schüttelte Edith den Kopf. „Du bist vielleicht die Chefeinkäuferin von Brungsdahl Möbel, aber deshalb hängt das Schicksal der Firma nicht davon ab, dass du auf deine Pausen verzichtest.“ Sie klappte den Behälter mit ihrem Salat auf und griff nach der Plastikgabel. „Oder überhaupt auf deine Freizeit. Wie lange warst du gestern noch im Büro? Dein Überstundenkonto muss doch schon beinahe explodieren. Mich wundert, dass Brungsdahl senior das mitmacht.“

Melanie zuckte die Achseln. „Der Junior hat darauf bestanden, dass alle Bestellungen für die kommenden Projekte Punkt für Punkt überprüft und mit der Arbeitsvorbereitung abgestimmt werden. Das hat nun mal gedauert. Seit die neue Abteilung für Büromöbel so richtig läuft, kommen fast täglich neue Bestellungen rein. Meistens von großen Unternehmen. Ich kann verstehen, dass der Chef alles reibungslos abgewickelt sehen will.“

„Aber nicht auf Kosten deiner dir zustehenden Freizeit.“ Kopfschüttelnd machte Edith sich über ihren Salat her. „Ein bisschen Privatleben braucht der Mensch schließlich auch.“

Melanie dachte an ihre kleine Zweizimmerwohnung im fünften Stock eines Neubaus am Rand von Köln-Nippes, in der nichts als ihre von Brungsdahl gefertigten Designermöbel sie erwarteten. „Ich habe keine Zeit für ein Privatleben.“

„Sag ich doch!“ Edith hatte mit halb vollem Mund gesprochen. „Entschuldige, ich habe einen Riesenhunger. Du solltest mal wieder unter Leute gehen. Wann hattest du zuletzt ein Date? Und damit meine ich nicht die Geschäftsessen, zu denen dich Brungsdahl junior dauernd einlädt, um dir noch mehr Arbeit schmackhaft zu machen. Der Mann ist ein Sklaventreiber im Armanianzug.“

Melanie, deren letzte Verabredung mit einem Mann fast auf den Tag genau zehn Monate zurücklag, widmete sich nun demonstrativ ebenfalls ihrem Salat und dem verführerisch duftenden Bagel. „Ich konzentriere mich im Moment lieber auf meinen Beruf, das weißt du doch, Edith.“

„Das ist doch Quatsch und bloß eine Ausrede, weil du zweioder dreimal Pech hattest und die Typen, mit denen du ausgegangen bist, nur auf einen One-Night-Stand aus waren. Nicht alle Männer sind so.“

Darauf antwortete Melanie nichts. Ihre Kollegin war seit drei Jahren glücklich mit ihrem Traummann verheiratet und glaubte fest an die große Liebe und Happy Ends. Ihr konnte sie doch nicht erzählen, dass sie selbst dieses „Pech“, wie Edith es nannte, ganz bewusst provoziert hatte. Melanie suchte sich immer nur solche Männer für ihre gelegentlichen Dates aus, die an einer festen Beziehung nicht interessiert waren. Das war sie selbst nämlich ebenfalls nicht. Ihr ruhiges, geregeltes und von ihrer Arbeit bestimmtes Leben reichte ihr vollkommen aus. Sie war zufrieden mit sich und allem, was sie bisher erreicht hatte. Mehr brauchte und wollte sie nicht.

„Da fällt mir gerade ein …“ In der Hoffnung, damit vom Thema abzulenken, griff sie nach ihrer silbernen Umhängetasche, die sie im untersten Schubfach an ihrem Schreibtisch verstaut hatte. „Ich muss unbedingt noch meine Post durchsehen. Gestern war es schon so spät, dass ich sie nicht mehr aus dem Briefkasten geholt habe. Deshalb habe ich sie heute früh eingesteckt, um sie mir in einer ruhigen Minute anzusehen. Ist aber wahrscheinlich sowieso alles nur Werbung.“

„Siehst du, nicht mal für deine Post hast du genügend Zeit. Du solltest wirklich mal Urlaub machen und dich entspannen.“

„Glaub mir, ich bin entspannt.“ In Melanies Nacken zwickte ein Muskel, als sie zwischen zwei Bekleidungsprospekten eine Ansichtskarte aus Italien entdeckte – in der Handschrift ihrer Mutter. „Es geht mir gut.“

„Es könnte dir noch viel besser gehen, wenn du mal ein bisschen Spaß hättest.“ Edith redete weiter, doch ihre Stimme wurde für Melanie zu einem leisen Hintergrundrauschen. Ihre Mutter, Silvana Brenner-Costales war mit ihrem neuen Ehemann auf einer Rundreise durch Europa. Die aktuelle Station schien Florenz zu sein. Ehemann Nummer drei, dachte Melanie und spürte, wie sich in ihrem Magen ein kleiner harter Knoten bildete. Von den „Zwischenmännern“, wie sie sie heimlich nannte, ganz zu schweigen. Von ihnen hatte es im Lauf der Jahre mindestens ein Dutzend gegeben, eher noch mehr. Irgendwann hatte Melanie aufgehört zu zählen.

All diese Männer hatten etwas gemeinsam: Sie waren gut aussehend, wohlhabend und großzügig. Zumindest so lange, wie sie ihren Spaß mit Silvana hatten. Oder umgekehrt. War die erste Euphorie vorbei, folgte eine kurze Zeit des Liebeskummers, bis ihre Mutter sich aufraffte, eine neue Frisur ausprobierte, die Besitzer einiger teurer Bekleidungshäuser um einen bedeutsamen Betrag reicher machte und sich einen neuen Beau angelte.

Zur Ehe hatten sich nur wenige von ihnen verleiten lassen. Der Mann der Stunde war Marcos Costales, halb Deutscher, halb Spanier, der sein Geld mit der Fertigung von Tuning-Teilen für Autos verdiente. Seine Firma gehörte europaweit zu den führenden Unternehmen in dieser Sparte. Er hatte bei der Hochzeit vor knapp drei Monaten durchaus glücklich gewirkt, so als glaube er tatsächlich an die große Liebe und das Glück mit Silvana.

Auch Silvana hatte mit dem Riesenklunker an ihrem Ringfinger wie verrückt um die Wette gestrahlt. Melanie hatte pflichtschuldig so getan, als freue sie sich mit ihr, wohl wissend, dass die rosarote Brille wie üblich nur allzu rasch beschlagen würde. Noch schien es allerdings nicht so weit zu sein, denn Silvana hatte in ihrer schwungvollen Handschrift eine überschwängliche Kurzbeschreibung des romantischen Städtetrips gezeichnet. Melanie konnte nicht anders als die Augen verdrehen. Sie hatte schon vor langer Zeit aufgehört, sich zu wünschen, ihre Mutter würde endlich den richtigen Mann finden. Den einen, mit dem sie zusammen alt werden würde. Im Grunde hatte sie diesen Wunsch bereits vor so vielen Jahren begraben, dass sie sich kaum noch daran erinnern konnte, ihn jemals gehegt zu haben.

Rasch legte sie die Ansichtskarte beiseite und sortierte weitere Werbeblättchen aus. Schließlich stieß sie noch auf einen Brief ihres Vermieters, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass die Mietnebenkosten ab dem Herbst lediglich um ein Prozent steigen würden und nicht, wie ursprünglich erwartet, um fünf Prozent. „Na fein“, murmelte sie vor sich hin und runzelte die Stirn, als sie den letzten Umschlag öffnete. Er kam von einer Anwalts- und Notariatskanzlei in Lichterhaven. Als sie den Namen der kleinen Stadt an der Nordseeküste las, beschleunigte sich unwillkürlich ihr Puls. Sie hatte eine Großtante in Lichterhaven. Sybilla. Ein Brief vom Notar konnte nur bedeuten …

„Oh.“ Als sie das mehrseitige Schreiben auseinanderfaltete und die ersten Zeilen las, weiteten sich ihre Augen. „Oh, mein Gott.“

„Hm, was meinst du?“ Edith, die gerade die inzwischen leere Styroporbox samt Besteck in den Papierkorb verfrachtet hatte, hob überrascht den Kopf. „Stimmt etwas nicht, Melanie? Du bist ja ganz blass geworden.“

Melanie hörte ihre Kollegin näherkommen, konnte ihren Blick jedoch nicht von dem Brief lösen. „Das … ist …“

„Was denn um Himmels willen? Ist jemand gestorben?“ Besorgt legte Edith ihr eine Hand auf die Schulter.

„Meine Großtante Sybilla. Sie war vierundachtzig.“

„Oh, das tut mir leid. Standet ihr euch nahe?“

Melanie spürte, wie sich der Druck von Ediths Hand mitfühlend verstärkte. Ihr Herz klopfte noch immer unnatürlich schnell. „Ja. Nein. Ich habe sie schon seit gut zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Früher waren wir manchmal in den Sommerferien bei ihr zu Besuch.“ Wie aus weiter Ferne vernahm sie ihr eigenes kindliches Lachen, meinte, Möwen kreischen zu hören und das schlickige Watt unter den nackten Füßen zu spüren. Und an noch etwas erinnerte sie sich ganz unwillkürlich: Wattwurmkekse. Tante Sybilla hatte sie selbst erfunden und ihnen diesen nicht ganz schmeichelhaften Namen gegeben, weil die Plätzchen ein wenig so aussahen wie die Hinterlassenschaften, die die Wattwürmer bei Ebbe auf dem Watt hinterließen. Melanie hatte unzählige dieser Häufchen mit den Zehen zerdrückt und ihren Spaß daran gehabt. Und sie hatte die Wattwurmkekse geliebt.

„Tante Sybilla hat mich als Haupterbin eingesetzt.“ Melanie kam ihre eigene Stimme merkwürdig fremd und fern vor. „Der Brief hier kommt von ihrem Nachlassverwalter. Er bittet mich um Stellungnahme innerhalb von sechs Wochen, ob ich das Erbe annehmen will oder nicht.“

„Was hast du denn geerbt?“ Mit unverhohlener Neugier ließ Edith sich auf der Schreibtischkante nieder. „Ein bisschen Geld? Oder doch nur alte Nippsachen? Das ist mir vor Jahren passiert. Meine Nachbarin, du erinnerst dich vielleicht, dass ich dir von ihr erzählt habe? Ich habe mich immer ein bisschen um sie gekümmert, und als Dank hat sie mich als Alleinerbin eingesetzt, weil sie ja keine Familie hatte. Am Ende lief es darauf hinaus, dass ich bloß ihre Wohnung auflösen durfte und den ganzen alten Kram verkauft habe. Na ja, was sich noch verkaufen ließ. Nach Abzug aller Kosten sind gerade mal knapp zweitausend Euro übrig geblieben. Aber ein ziemlicher Aufwand war es. Wenn es so was ist, überleg es dir gut. Der Aufwand lohnt sich oft nicht. Oder hatte sie womöglich sogar Schulden? Dann musst du das Erbe nicht antreten, weißt du. Auch wenn sie noch so lieb und nett war …“

„Sie hatte keine Schulden.“ Mit aller Kraft versuchte Melanie, den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken. Sie zwang sich, auch noch die zweite Seite des Schreibens zu überfliegen. „Anscheinend habe ich ihr Haus in Lichterhaven geerbt.“

„Wo ist das denn? Klingt so nordisch.“

„Das ist ein kleines verschlafenes Städtchen direkt an der Nordseeküste. Nicht allzu weit von Cuxhaven entfernt.“

„Wow, ein Haus am Meer!“

„Und ihr Geschäft dort. Sie führte eine kleine Handlung für Kunsthandwerk. Der Anwalt schreibt, sie hätte bis ganz kurz vor ihrem Tod noch täglich selbst dort gearbeitet. Offenbar ist sie einfach eines Morgens nicht mehr aufgewacht.“

„Ein seliger Tod.“ Edith räusperte sich leise. „Und du hast jetzt das Geschäft an der Backe? Das kannst du bestimmt leicht verkaufen. Das Haus würde ich aber an deiner Stelle behalten. Wer hat schon ein Haus direkt am Meer? Dann hast du auch vielleicht eher einen Grund, mal Urlaub zu machen. Oder du vermietest es an Touristen.“

„Mhm, ja, du hast sicher recht. Ich muss mich so bald wie möglich darum küm…“ Als sie den nächsten Absatz las, verstummte Melanie erschrocken. „Ach, du liebe Zeit!“

„Was denn? Hatte sie auch noch ein Milliönchen irgendwo versteckt?“ Edith lachte, wurde aber gleich wieder ernst. „Anscheinend nicht. Ist doch ein Haken an der Sache? Lass mich raten: Haus und Laden sind überschuldet.“

„Nein, nein.“ Ungläubig und nicht sicher, ob sie lachen oder fluchen sollte, starrte Melanie auf den Brief. „Offenbar habe ich nicht nur Haus und Geschäft geerbt, sondern auch einen Hund.“

„Pfff, was?“

„Der Nachlassverwalter schreibt, es sei ein zehn Monate alter Labrador, den Tante Sybilla vor einem halben Jahr bei sich aufgenommen hat. Sie hat wohl gleich in das Testament aufnehmen lassen, dass ich als Haupterbin auch für das Viech verantwortlich sei.“

„Viech? Na, hör mal! So ein süßer kleiner Wauwau.“ Edith konnte ein Glucksen nicht unterdrücken. „Du und ein Hund? Das passt ja wie die Faust aufs Auge. Ich stelle mir gerade vor, wie er überall auf deinen Designermöbeln seine Haare verteilt. Und auf deinem teuren Teppich und in deinem Bett …“

„Hör auf! Ich werde selbstverständlich keinesfalls den Hund hierherholen.“ Melanie rieb sich mit der flachen Hand über die Stirn, hinter der es leicht zu pochen begonnen hatte. „Das wird auch gar nicht nötig sein. Hier steht, dass ich das Erbe nur antreten kann, wenn ich vorher ein Jahr lang in Tante Sybillas Haus gewohnt und ihr Geschäft geführt habe.“

„Was?“ Edith rutschte von der Schreibtischkante herunter und schnappte sich den Brief. Mit großen Augen las sie selbst, was der Notar und Anwalt der Verstorbenen, Dr. Alexander Messner, über das Erbe geschrieben hatte. „Das ist ja unerhört! Gegen so etwas muss man doch angehen können. Nichts gegen deine Tante, aber kann es sein, dass sie nicht mehr … du weißt schon, alle Tassen im Schrank hatte? Was willst du denn jetzt machen?“

„Ich weiß es nicht.“ Ratlos nahm Melanie ihr den Brief wieder aus der Hand.

„Du kannst jedenfalls nicht einfach alles stehen und liegen lassen und ein ganzes Jahr in irgend so ein Kaff an der Küste ziehen. Ich meine, Urlaub am Meer und so ist ja ganz nett, aber das hier? Das klingt ja fast wie Erpressung. Überleg dir genau, was du tust, Melanie. Vielleicht solltest du mal hinfahren und das vor Ort klären. Möglicherweise kann man ja wirklich dagegen angehen. Wenn deine Tante nicht mehr ganz richtig im Kopf war, als sie das Testament verfasst hat, lässt sich bestimmt was machen.“

„Ja.“ Melanie packte den Brief wieder zurück in ihre Tasche. „Vielleicht sollte ich das tun. Aber jetzt ruft die Arbeit. Ich habe viel zu tun und …“

„Aber du hast noch immer nichts gegessen.“

„Doch, habe ich.“ Melanie deutete auf den angebissenen Bagel und die zu einem Drittel geleerte Salatbox.

Edith verdrehte vielsagend die Augen und kehrte an ihren eigenen Schreibtisch zurück. „Das kann nicht gesund sein.“

„Es geht mir gut, keine Sorge. Nach dieser Nachricht ist mir sowieso der Appetit vergangen. Ich esse den Salat einfach heute Abend.“ Mit wenigen Handgriffen hatte Melanie ihre Tischplatte von allen Überresten des Essens und der Post befreit und griff nach dem Telefon. Gleichzeitig öffnete sie ihr E-Mail-Programm und einige Dateien, die sie gleich benötigen würde. Alle Gedanken an Tante Sybilla, Wattwurmkekse und diese ungeheuerliche Erbschaft verbannte sie rigoros in den hintersten Winkel ihres Gehirns. Dass ihre Großtante sie als Haupterbin eingesetzt hatte, kam ihr vor wie eine Ohrfeige. Sie hatte sich seit zwanzig Jahren nicht mehr bei ihr gemeldet, und jetzt das. Sie konnte jetzt nicht darüber nachdenken. Sie wollte es nicht. Es gab Wichtigeres zu tun. Ihre Arbeit hatte Vorrang vor dem Testament einer vermutlich verwirrten alten Dame.

Entschlossen starrte Melanie auf ihren Computerbildschirm und wählte blind die Nummer des Unternehmens, mit dem sie die nächsten Verhandlungen führen musste. Das dumpfe Gefühl der Trauer, das sich unbarmherzig in ihre Magengrube eingeschlichen hatte, ignorierte sie hartnäckig.

KAPITEL 3

Sie kommt also hierher?“ Anke Messner saß vor einer großen Schüssel voll Erdbeeren, die sie eine nach der anderen klein schnitt und in den Topf auf ihrem Schoß fallen ließ. Sie wollte Marmelade kochen. Ihr Mann Arno saß mit seinen Eltern am großen Küchentisch und spielte Karten.

Alexander Messner saß ebenfalls mit seinem Vater und den Großeltern in der Küche, beteiligte sich jedoch nicht am Spiel, sondern hatte sich bequem auf seinem Stuhl zurückgelehnt und die langen Beine ausgestreckt. Einen Arm hatte er auf die Rückenlehne der Eckbank hinter seiner Großmutter gelegt. Immer wieder schielte er in ihre Karten und amüsierte sich heimlich über die Dreistigkeit, mit der sie schummelte. „Sie will am späten Nachmittag hier sein. Offenbar hat sie sich kurzfristig zwei oder drei Tage Urlaub genommen. Genaueres weiß ich auch nicht. Sie hat mit Elvira telefoniert.“

„Deine Sekretärin ist Gold wert, weißt du das? Ohne sie wärst du aufgeschmissen.“ Sein Großvater Norbert sah kurz von seinen Karten auf, um ihm einen langen, bedeutungsvollen Blick zuzuwerfen. „Sie hat schon bei deinem Vater gelernt, als er die Kanzlei noch geführt hat.“

„Ich weiß, Opa. Sie ist eine sehr gute Anwalts- und Notargehilfin.“ Alexander wusste bereits, was jetzt unweigerlich folgen würde, und unterdrückte ein Schmunzeln.

„Zu meiner Zeit hätt’ ich sonst was für so eine gute Sekretärin gegeben, Junge. Das kannst du mir glauben.“

„Du hattest mich, war ich etwa nicht gut?“ Der Kopf seiner Großmutter ruckte hoch, und sie sah ihren Ehemann empört an.

„Das ist doch was anderes. Ich meine vor dir. Da hatte ich nur solche unfähigen Tippsen. Hübsch anzusehen, aber hohl im Kopf wie ein leeres Bierfass. Deshalb hab ich mir dich ja auch gleich geschnappt, als ich gemerkt hab, dass du was Besonderes bist.“

Evelyne Messners Blick wurde sogleich wieder weich. „Du bist ein Charmeur. Schon immer gewesen.“

„Und du schummelst schon wieder, Mutti.“ Arno klopfte protestierend mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte. „Wie kann es sein, dass du jetzt eine Karosieben legst?“

„Ich schummele nie. Ich spiele nur ein bisschen kreativer als ihr alle.“

„Kreativ nennst du das? Mutti, du hast das Wort Schummeln erfunden!“

Evelyne lächelte sichtlich geschmeichelt.

„Wie auch immer.“ Ohne sich vom Spiel ablenken zu lassen, redete Norbert weiter. „Zu meiner Zeit hat man sich als kluger Mann so ein Goldstück geangelt.“

„Opa, ich hab dir doch schon mehrmals gesagt, dass ich mir Elvira nicht angeln könnte, selbst wenn ich es wollte. Sie ist lesbisch und lebt seit fünf Jahren mit ihrer festen Freundin zusammen.“

„Lesbisch, ach was. So ein neumodischer Schnickschnack.“

„Das ist überhaupt nichts Neumodisches.“ Evelyne legte ihre letzte Karte ab und strahlte. „Gewonnen!“

„Du bist unmöglich, Mutti.“ Kopfschüttelnd, jedoch mit einem nachsichtigen Lächeln, sammelte Arno die Karten ein und mischte sie neu.

„Sprich nicht so mit deiner Mutter!“ Norbert hob in einer gespielten Drohung den Zeigefinger.

„Was wollte ich gerade sagen?“ Als ihr Sohn die Karten neu zu verteilen begann, schenkte Evelyne sich ein Glas Wasser ein. „Ach ja. Norbert, du erinnerst dich doch an die alte Gerberin Sophie, die drüben am anderen Ortsende mit ihrem Vater gewirtschaftet hat? Die war auch lesbisch. Damals hat man nur nicht darüber gesprochen, aber es wussten doch alle, dass sie und ihre Magd … na, du weißt schon. Die beiden waren unzertrennlich bis ins hohe Alter. Sind sogar nur ein paar Wochen nacheinander gestorben.“

„Ja, ja, schon gut. Aber ist es vielleicht einzusehen, dass so ein nettes Frauchen nix mit Männern zu tun haben will?“ Norbert schüttelte verständnislos den Kopf. „Die alte Sophie, ja, da kann man es noch verstehen. Die war nicht mal besonders schön. Aber die Elvira …“

„Es ist nun mal so, wie es ist, Opa.“ Alexander grinste. „Außerdem ist sie sowieso nicht mein Typ. Mal ganz abgesehen davon, dass ich sie schon seit dem Sandkasten kenne.“

„Na, das ist doch wohl nichts Schlimmes. Schau mich und deine Großmutter an.“

„Nein, schlimm ist das natürlich nicht, aber mir fehlt da doch ein bisschen der Zauber des Neuen.“

„Der nutzt sich auch bald ab.“

„Norbert, nun lass den Jungen doch mal in Ruhe.“ Anke warf ihrem Schwiegervater einen mahnenden Blick zu, während sie den Kochtopf mit den klein geschnittenen Erdbeeren auf den Herd stellte. „Er hat doch nun wirklich oft genug erklärt, dass aus ihm und Elvira nichts werden kann. Ich mag ihre Freundin übrigens sehr gern. Tina ist eine ganz liebe und hilfsbereite Person. Gönn ihnen doch ihr Glück.“

„Hab ich etwa gesagt, dass ich es ihnen nicht gönne?“ Stirnrunzelnd musterte Norbert die Karten, die sein Sohn ihm ausgeteilt hatte. „Sag mal, hast du überhaupt richtig gemischt? Das ist ja grauenhaft. Mit dem Blatt kann man doch überhaupt nix anfangen. Höchstens sich den Allerwertesten abwischen.“

„Norbert, ich bitte dich!“ Evelyne funkelte ihn strafend an. Anke nahm den Faden von vorher wieder auf. „Melanie Brenner kommt also heute Nachmittag an. Das arme Mädchen, dann wird sie aber ziemlich erschöpft sein nach der langen Zugfahrt.“

„Ich glaube, sie kommt mit dem Auto.“

„O je, noch schlimmer!“ Evelyne sortierte ihre Karten nach Farben. „Woher kommt sie noch mal? Aus Köln? Wir waren vor ein paar Jahren mal dort in einem Konzert. Erinnerst du dich noch, Norbert? Die Fahrt hat sich ewig hingezogen. Und überall diese Baustellen auf der Autobahn. Schrecklich! Du solltest sie hierher einladen, Alexander, damit sie sich bei einem guten Kaffee oder Tee und einem Stück Hefekuchen erholen kann.“

„Na, wir wollen sie doch nicht gleich mit einer Überdosis der Messner-Familie erschrecken.“ Alexander lachte. „Sie ist eine Klientin wie jede andere auch. Also werde ich sie ganz normal in meiner Kanzlei empfangen.“

„Aber wir kannten sie schon, als sie noch ein Kind war. Vielleicht freut sie sich über ein bisschen Familienanschluss.“

„Wenn sie den hätte haben wollen, wäre sie in den letzten zwanzig Jahren mal bei Sybilla aufgetaucht.“ Norbert stieß einen zischenden Laut aus, als seine Frau ihre erste Karte ablegte. „Du willst mich wohl vergackeiern?“

„Entschuldigt mich, ich muss mich jetzt auf den Weg zur Kanzlei machen. Ich habe noch einiges vorzubereiten.“

„Grüß das Mädchen ganz herzlich von uns, Alex.“ Seine Mutter ließ von den Erdbeeren ab und gab ihm einen raschen Kuss auf die Wange.

„Mama, das Mädchen ist fast dreißig und damit lange erwachsen, und vielleicht erinnert sie sich gar nicht mehr an uns.“

„Sicher tut sie das. Sie war als Kind immer gerne hier. Außer, wenn du sie und Christina beim Spielen geärgert hast, zusammen mit deinem unsäglichen Freund Lars.“ Anke lachte bei der Erinnerung. „Wenn ich es recht bedenke, ist es vielleicht gar nicht so gut, dass ausgerechnet du als Nachlassverwalter eingesetzt worden bist. Wenn sie dir die Streiche von damals noch übel nimmt, ist sie vielleicht schneller wieder zurück in Köln, als wir gucken können.“

Auch Alexander lachte. „Wenn sie sich heute noch deswegen aufregt, wäre sie aber kein großer Verlust für uns, meinst du nicht?“

„Kann schon sein. Grüß sie trotzdem von uns und lade sie ein, uns zu besuchen, bevor sie wieder zurückfährt. Ich sterbe vor Neugier, was aus dem kleinen blonden Mädchen geworden ist.“

„Wir werden sehen.“ Alexander schnappte sich sein graues Jackett von der Stuhllehne und zog es über.

„Also zu meiner Zeit hat man nicht bloß halbe Anzüge in der Kanzlei getragen“, moserte sein Großvater. „Jeans und Jackett, ein Wunder, dass dir die Klienten nicht reihenweise davonlaufen.“

„Vadder, lass den Alex mal machen.“ Arno legte bedächtig eine Karte ab, woraufhin seine Mutter einen fauchenden Laut ausstieß.

„Jetzt schummelst du aber!“

„Tu ich nicht. Du hast bloß nicht aufgepasst.“

„Trotzdem sollte der Junge sich ordentlich kleiden“, beharrte Norbert.

„Das tut er doch. Die Zeiten haben sich eben geändert.“ „Das tun sie ständig. Aber als Anwalt sollte man immer darauf bedacht sein …“

Alexander lächelte seiner Mutter noch einmal zu und ergriff die Flucht.

***

Langsam steuerte Melanie ihr weißes Sportcoupé durch das Küstenstädtchen. Seit sie das Ortsschild von Lichterhaven passiert hatte, spürte sie ein beständiges Gefühl des Wiedererkennens, das sich jedoch mit einem Anflug von Fremdheit zu einer unbehaglichen Mischung verknäuelte. Vieles erkannte sie wieder, einiges hatte sich jedoch auch stark verändert. Neue Häuser waren gebaut und einige Straßen neu angelegt worden. Je näher sie dem Ortskern kam, desto vertrauter erschien ihr die Umgebung, wohl hauptsächlich, weil im historischen Stadtkern kaum Veränderungen an der Bausubstanz vorgenommen werden konnten.

Bei ihren Recherchen im Internet hatte sie bereits herausgefunden, dass aus dem verschlafenen Örtchen in den vergangenen beiden Jahrzehnten ein quirliger, moderner Touristenort geworden war. Hotels waren gebaut worden, ebenso ein großes Meerwasserwellenbad mit riesigem Außenbereich. Es gab geführte Ausflüge zu Wasser und zu Land und selbstverständlich auch Fahrten nach Helgoland, Sylt und zu anderen Inseln. Angeboten wurden auch Wanderungen und Kutschfahrten ins Watt, vielfältige kulturelle Veranstaltungen, und sogar zwei Kurkliniken gab es irgendwo am Ortsrand. Jetzt, Anfang Juni, begann gerade die Sommersaison. Die Ferien standen in mehreren Bundesländern kurz bevor und Lichterhaven hatte sich bereits für den Ansturm der Touristen herausgeputzt. Die üppigen Blumenkästen und Rabatten an fast allen Häusern und die gepflegten und mit Liebe dekorierten Gärten und Hauseingänge erinnerten Melanie eher an Werbeprospekte über die Alpenregion. Verkehrsinseln und öffentliche Plätze leuchteten ebenfalls in den herrlich bunten Farben der von Landschaftsgärtnern sorgfältig aufeinander abgestimmten Sommerblumen in Kübeln und Beeten. Dazwischen fanden sich immer wieder maritime Motive wie eine große muschelförmige Schaukel auf dem Spielplatz, ein restaurierter Kutter aus dem achtzehnten Jahrhundert mitten auf dem Markt oder Watti Wattwurm, eine lustige Comicfigur, an die Melanie sich sogar noch aus ihren Kindertagen erinnerte. Die Figur war zwar über die Jahre sichtlich modernisiert worden, diente aber offenbar nach wie vor als Maskottchen des Fremdenverkehrsvereins und fand sich auf Touristenführern und Wegweisern ebenso wie auf der Homepage des Ortes und auf Broschüren.

Melanie, die ihre letzte Pause kurz nach Hannover gemacht hatte, atmete auf, als ihr Navi verkündete, sie sei an ihrem Ziel angekommen. Glücklicherweise fand sie direkt vor der Anwalts- und Notariatskanzlei Dr. Alexander Messner einen Parkplatz, gleich neben einem großen anthrazitfarbenen SUV. Einen Moment lang schloss sie die Augen, um sich zu sammeln, dann klappte sie die Sonnenblende herunter und betrachtete sich kritisch im Spiegel. Ein bisschen blass wirkte sie, was hauptsächlich am fehlenden Schlaf lag. Die letzten beiden Tage hatte sie ständig hin und her überlegt, was sie wegen der Erbschaft unternehmen sollte. Schließlich hatte sie sich den Freitag freigenommen und mit der Sekretärin des Nachlassverwalters einen Termin ausgemacht. Längstens bis Sonntag würde sie bleiben und dann wieder nach Köln zurückfahren.

Nachdem sie ihr Make-up ein wenig aufgefrischt hatte, nahm sie ihren dunkelblauen Blazer vom Beifahrersitz und stieg aus dem Wagen. Sogleich wurde sie von einer kräftigen Windbö erfasst, die ihr sorgfältig frisiertes Haar völlig durcheinanderbrachte. Rasch schlüpfte sie in den Blazer, denn die Luft war kühl, gerade einmal sechzehn Grad, wie ihr eine Anzeige unter dem Logo der gegenüberliegenden Sparkasse mitteilte, und nicht so sommerlich wie noch in Köln. Der Wind trieb Wolken über den Himmel, die die Sonne immer nur für wenige Sekunden hervorblitzen ließen.

Als sie sich an die steife Brise gewöhnt hatte und ihr Gesicht dem kühlen Luftstrom entgegenhielt, überkam sie eine Gänsehaut und gleichzeitig ein lang vergessenes Gefühl des Erkennens. Sie roch das Meer. Den salzig-würzigen Duft der Nordsee, den sie als Kind geliebt hatte.

Als Kind, ermahnte sie sich. Sie war lange nicht hier gewesen und hatte auch kein Bedürfnis danach verspürt. Und sie wollte ganz sicher nicht sentimental werden.

Jetzt sah Melanie sich erst einmal neugierig um. Sie befand sich in einer Seitenstraße des historischen Stadtkerns von Lichterhaven. Das Anwalts- und Notariatsbüro befand sich in einem hübsch restaurierten, reetgedeckten Fachwerkgebäude. Neben dem Eingang befand sich eine Messingplakette, auf der vermerkt war, dass das Haus ursprünglich im Jahr 1545 erbaut und nach einer Sturmflut 1817 wiederaufgebaut und teilweise erweitert worden war. Noch wesentlich später, so mutmaßte Melanie, hatte man die Eingangstür vergrößert und an den heutigen Standard angepasst.

Sie war eine gute halbe Stunde zu früh, also beschloss sie, sich ein wenig die Füße zu vertreten. Nachdem sie sich kurz orientiert hatte, schlug sie die Richtung ein, in der sie die Lichterhavener Hauptstraße und das Stadtzentrum vermutete, an dessen oberem Ende mit dem Marktplatz sie eben schon vorbeigefahren war. Die Hauptstraße mit ihren vielfältigen Geschäften, Restaurants und Cafés und einigen ebenfalls geschäftstüchtig genutzten Seitengassen führte geradewegs hinunter zum Hafen und von dort aus am Deich entlang zum Schwimmbad und weiter zum Badestrand mit seinen bunten Strandkörben. So weit kam Melanie jedoch nicht. Ein kurzes Stück vom Hafen entfernt blieb sie wie angewurzelt stehen. Unbewusst hatte sie den Weg zur Kunsthandlung ihrer Großtante eingeschlagen. Sie spürte einen Kloß im Hals, als sie das hölzerne, schon leicht verwitterte Schild mit der geschwungenen Aufschrift Sybillas Schatztruhe erblickte. Gitter waren vor die beiden Schaufenster und die gläserne Eingangstür gezogen worden, um das hübsche und teilweise sogar wertvolle Kunsthandwerk vor Einbrechern zu schützen. An der Tür hing ein laminiertes Schild, das potenzielle Kunden darüber informierte, die Kunsthandlung sei aufgrund eines Todesfalles vorläufig geschlossen.

Melanie trat näher an die Tür heran und versuchte, im Inneren des Geschäfts etwas zu erkennen. Sie sah gedrechselte Möbel auf der einen Seite, hübsche hölzerne und tönerne Vasen und Schüsseln in Regalen sowie weitere Ausstellungsstücke in Vitrinen und auf einem großen dunklen Tisch. Der wenige übrige Platz an den Wänden war mit zahlreichen Bildern behängt. Der Eingangstür gegenüber befand sich ein glänzender altmodischer Tresen aus ebenfalls dunklem Holz mit einer modernen Registrierkasse darauf.

Selbstverständlich war sie als Kind mehrmals hier gewesen, doch seltsamerweise verband sie mit dem Geschäft nur wenige Erinnerungen. Vielleicht lag es daran, dass sich die Einrichtung bis auf den Verkaufstresen sehr verändert hatte, möglicherweise auch daran, dass die Fassade – einst weiß – mittlerweile in einem warmen, sonnigen Gelbton gestrichen war. Vielleicht war es auch eine Mischung aus beidem, die Melanie das Gefühl gab, ein vollkommen fremdes Haus anzusehen.

„Wollten Sie in den Laden?“ Eine junge Frau von höchstens Mitte zwanzig trat neben sie und hielt dabei ihre krausen blonden Locken mit der Hand im Nacken zusammen, damit der Wind sie ihr nicht ins Gesicht blies. „Da haben Sie aber Pech. Die alte Sybilla ist vor zwei Wochen verstorben. Sie hat ihr Geschäft ihrer Großnichte vererbt, aber die stammt nicht von hier, deshalb ist es ungewiss, was aus der Kunsthandlung wird. Schade, wenn Sie mich fragen, denn Sybilla hatte immer so schöne Sachen in ihrer kleinen Schatztruhe. Ich habe es geliebt, bei ihr zu stöbern. Sie war so eine nette Frau, wir vermissen sie alle.“

Melanie schluckte und sah die junge Frau unsicher von der Seite an, beschloss dann aber, sich nicht zu erkennen zu geben. Offenbar war der Tod ihrer Großtante Stadtgespräch, und sie wollte ganz sicher nicht zum Ziel von Tratsch und Mutmaßungen werden.

„Sie sind bestimmt auf Urlaub hier, nicht wahr?“ Die blonde junge Frau lächelte sie offen und herzlich an.

„Mhm, ja, so was in der Art.“

„Das freut mich. Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt bei uns in Lichterhaven. Und falls Sie Hunger haben sollten, empfehle ich Ihnen das Restaurant Seemöwe drüben hinter dem Deich. Da kann man nicht nur ausgezeichnet essen, sondern hat auch noch einen fantastischen Blick aufs Meer.“ Sie deutete nach links zu einem Gebäude, das sich noch in Sichtweite, aber auf der anderen Seite des Deiches befand, und offenbar teilweise von Pfeilern abgestützt, über dem Wasser gebaut worden war. „Oder wenn Ihnen das jetzt zu weit ist, können Sie auch ins Café Möwennest gehen, das ist gleich unten am Hafen. Ich bin auf dem Weg dorthin. In den Semesterferien helfe ich dort beim Kellnern und verdiene mir das Geld, das ich bisher immer so gerne für Sybillas Schnickschnack ausgegeben habe. Ich heiße übrigens Luisa. Wenn Sie ins Möwennest oder die Seemöwe kommen, berufen Sie sich auf mich, dann kriegen Sie einen besonders schönen Platz. Aber jetzt muss ich los. Auf Wiedersehen!“ Sie hob die Hand zum Gruß und war bereits weitergewirbelt, bevor Melanie etwas erwidern konnte. Der weiter auffrischende Wind blies Luisas schlanke Gestalt geradezu vor sich her.

Kurz blickte Melanie ihr nach und wandte sich dann wieder dem verschlossenen Geschäft ihrer Großtante zu. Sie wusste nicht einmal, wo sich der Friedhof befand. Danach musste sie unbedingt den Anwalt fragen, beschloss sie und machte sich auf den Weg zurück zur Kanzlei. Zwar war sie noch immer viel zu früh, doch bei dem Anwalt gab es bestimmt einen Wartebereich, in dem sie sich angenehmer die Zeit vertreiben konnte als hier draußen im aufkommenden Sturm.

Als sie die ersten Regentropfen auf der Haut spürte, beschleunigte sie ihren Schritt, den Kopf gesenkt. So achtete sie nicht darauf, was um sie herum vor sich ging, prallte auf dem Gehweg vor der Kanzlei mit einem hochgewachsenen Mann zusammen und fand sich einen Moment später Halt suchend an dessen breiter Brust wieder.

„Hoppla. Sie haben es aber eilig.“ Seine Stimme war angenehm dunkel und von einem heiteren Lachen eingefärbt. Er hatte sie reflexartig an den Oberarmen gefasst, damit sie nicht hinfiel.

„Entschuldigung, ich wollte …“ Was Melanie gewollt hatte, entfiel ihr für einen Moment, als sie den Kopf hob und dem intensiven Blick aus haselnussbraunen Augen begegnete. Erst nach einem weiteren Atemzug nahm sie das Gesicht wahr, das zu den Augen gehörte. Markante Wangen- und Kinnlinie, gerade Nase, ein lächelnder, sinnlicher Mund. Der leichte Bartschatten verriet, dass ihr Gegenüber sich höchstens jeden zweiten Tag die Mühe machte, sich zu rasieren. Das hellbraune Haar reichte ihm bis an die Schultern, war jedoch im Nacken zu einem gepflegten Zopf zurückgebunden.

„Ich nehme an, Sie wollen zu mir.“ Seine Stimme verriet noch immer seine Erheiterung. „Und da ich heute Nachmittag nur einen Termin habe, gehe ich davon aus, dass Sie Melanie Brenner aus Köln sind.“ Er ließ ihre Arme los und streckte stattdessen die rechte Hand aus. „Alexander Messner.“

„Guten Tag, Herr Dr. Messner.“ Mechanisch ergriff Melanie seine Hand und spürte eine nicht unangenehme, aber dennoch leicht verstörende Wärme von seinem Händedruck ausgehen, von der sie das Gefühl hatte, dass sie sich über ihren gesamten Arm ausbreitete. „Tut mir leid, dass ich Sie angerempelt habe. Der Regen … Ich habe nicht aufgepasst, wohin ich laufe.“

„Jetzt, wo Sie es erwähnen. Wir sollten wohl besser hineingehen, bevor aus den wenigen Tropfen ein richtiger Schauer wird. So was geht hier in Sekundenschnelle.“ Er schloss die Tür auf und ließ ihr den Vortritt.

Kaum war die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen, als von draußen auch schon das heftige Rauschen des Regens zu vernehmen war, der sich wie ein Wasserfall über der Stadt ergoss. „Sehen Sie, gerade noch rechtzeitig.“ Er deutete auf eine offene Tür, die in ein Vorzimmer führte. „Hier entlang bitte. Hallo, Elvira, irgendwelche Anrufe?“

Eine Frau Anfang dreißig mit langem schwarzem Pferdeschwanz und wachen grauen Augen saß hinter dem Schreibtisch im Vorzimmer, auf dem Kopf ein schmales Headset. Als sie Alexander Messner sah, zog sie es sofort von den Ohren und schaltete das Diktiergerät aus, an das die Kopfhörer angeschlossen waren. „Frau Geeswein hat wegen eines neuen Termins angefragt. Ich habe sie auf zwei Uhr am kommenden Dienstagnachmittag gelegt. Und Hinnerk kommt morgen früh vorbei, um sich die kaputte Dachrinne anzusehen.“

„Morgen? Am Samstag?“

„Er meinte, anders hätte er keine Zeit.“

„Wie immer. Sonst noch etwas?“

„Nein, alles ruhig.“ Elviras Blick ruhte freundlich und mit einer Spur Neugier auf Melanie. „Sie müssen Frau Brenner sein. Herzlich willkommen in Lichterhaven. Und mein Beileid. Wir alle kannten Ihre Großtante gut.“

„Danke.“ Melanies Stimme klang ein wenig spröde, was hauptsächlich daran lag, dass nicht nur Elviras, sondern auch Alexander Messners Blick aufmerksam auf ihr ruhte und sie nervös machte.

„Kommen Sie in mein Büro und setzen Sie sich. Elvira, bitte keine Störungen.“

„Geht klar, Boss.“ Die Anwaltsgehilfin grinste schalkhaft. „Soll ich euch einen Kaffee bringen?“

„Ja, bitte. Für Sie auch, Frau Brenner?“ Während er sprach, geleitete Messner sie zu einem der beiden Besuchersessel vor seinem Schreibtisch. „Oder lieber einen Tee?“

„Kaffee wäre gut, danke.“ Sie ließ sich auf dem bequemen Ledersessel nieder und beobachtete, wie der Anwalt um den Schreibtisch herumging und sich auf seinem Platz niederließ. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er für einen Anwalt vergleichsweise salopp gekleidet war. Eng sitzende, leicht verwaschene Bluejeans, die seine schmalen Hüften und die kräftigen Beine hervorragend zur Geltung brachten. Dazu ein schlichtes weißes Hemd, dessen oberste zwei Knöpfe geöffnet waren, und ein graues, offenbar maßgeschneidertes Jackett. Dennoch wirkte er nicht fehl am Platz, sondern, im Gegenteil, ganz in seinem Element.

Das Büro war mit schlichten, zweckmäßigen Möbeln eingerichtet, die sich dem Stil des alten Hauses unterordneten und ihn gleichzeitig unterstrichen. Dunkles Holz kontrastierte mit cremefarbenen Wänden und einigen Kunstdrucken mit maritimen Motiven. Alles wirkte sehr ruhig, geschäftsmäßig und männlich. Selbst die beiden langblättrigen Grünpflanzen neben dem Fenster untermauerten diese Atmosphäre noch, anstatt sie aufzuweichen.

„Auch ich möchte Ihnen mein Beileid zu Ihrem Verlust aussprechen.“ Messner griff nach einem Stapel Papiere, der bereits für den Termin bereitlag, und blätterte nachlässig darin, jedoch ohne hinzusehen.

Elvira betrat den Raum und stellte zwei Tassen Kaffee, Milch und Zucker auf den Tisch.

„Danke.“ Messner nickte ihr freundlich zu und wartete, bis sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, bevor er weitersprach. „Soweit ich die Angelegenheit überblicke, sind Sie hier, um in Erfahrung zu bringen, ob Ihre Großtante vor ihrem Tod meschugge gewesen ist, nicht wahr?“

„Wie bitte?“ Verblüfft über die drastische Wortwahl, richtete Melanie sich auf.

„Und Sie möchten herausfinden, ob die Bestimmungen des Testaments anfechtbar sind.“

„Ich … Nun ja.“ Sie hob die Schultern leicht an. „Ich habe mich gefragt, warum Tante Sybilla mich zur Haupterbin einsetzt und dann solche unmöglichen Bedingungen daran knüpft.“

„Ob sie unmöglich sind, ist Ermessenssache, würde ich sagen.“

„Nach meinem Ermessen sind sie unmöglich.“ Melanie verschränkte die Arme vor der Brust. „Wie konnte sie glauben, dass ich jemals darauf eingehen würde? Ich führe mein Leben in Köln, habe einen Beruf, eine gute Arbeitsstelle. Mein Lebensmittelpunkt ist dort. Was in aller Welt soll ich mit ihrem Haus und vor allen Dingen dem Geschäft?“

„Sie meinen hier am Ende der Welt?“ Er blickte sie wieder so intensiv an, dass ihr Herzschlag leicht aus dem Takt geriet und sie den Eindruck hatte, er könne ihre Gedanken lesen.

„Das auch. Verzeihen Sie, aber das alles ist mir einfach unverständlich. Sybilla kann unmöglich erwartet haben, dass ich alles stehen und liegen lasse und hierher ziehe, nur um ihr Erbe anzutreten. Ich kann schließlich nicht einfach ein Jahr lang mein Leben auf Pause schalten.“

„Ich glaube auch nicht, dass sie das im Sinn hatte. Vielmehr wollte sie Ihnen wohl ermöglichen, sich innerhalb des Jahres, das sie als Frist gesetzt hat, mit dem Ort und dem Geschäft auseinanderzusetzen und es hinterher dauerhaft zu übernehmen.“

„Was aber nicht geschehen wird.“

„Nein?“

„Selbstverständlich nicht. Ich kann nicht einfach …“

„… alle Brücken hinter sich abbrechen? Das ist natürlich verständlich. Sicher haben Sie Familie und Freunde in Köln.“

Melanie biss sich auf die Zunge, um nicht voreilig zu antworten. Der springende Punkt war, dass sie keine nennenswerte Familie besaß, weder in Köln noch anderswo. Und Freunde? Gute Bekannte und Arbeitskollegen, das ja. Auf Freundschaften hatte sie nie viel Wert gelegt. In ihrer Kindheit und Jugend war sie mit ihrer Mutter zu oft von Ort zu Ort gezogen, um dauerhafte Freundschaften schließen zu können, und inzwischen war sie so sehr daran gewöhnt, mit sich allein zu sein, dass sie sich gar keine Mühe mehr machte, Menschen näher kennenzulernen. Das, was sie mit Edith verband, kam einer Freundschaft vermutlich am nächsten, obwohl sie sich nie außerhalb der Arbeit trafen und Zeit miteinander verbrachten. Doch das war ganz allein ihre Sache und ging den Anwalt nichts an.

Fakt war nur leider, dass ihre Lebenssituation im Grunde jedes Argument gegen einen Ortswechsel entkräftete. Oder fast jedes. Immerhin hatte sie sich ihre derzeitige Stellung bei Brungsdahl mühsam erkämpft und war nicht gewillt, sie so einfach aufzugeben. Ihr Job vereinte alles, was sie liebte und brauchte: Zahlen, Fakten, geschäftsmäßiger und zivilisierter Umgang mit Menschen. Mehr wollte sie nicht. Alles andere überforderte sie. Wenn sie ehrlich mit sich war, wusste sie, dass sie nicht gut in zwischenmenschlichen Beziehungen war. Aber sie hatte ihr Bedürfnis danach irgendwo auf dem Weg zum Erwachsenendasein aufgegeben. Menschen waren unberechenbar, unzuverlässig, emotional. Damit konnte sie nichts anfangen. Sie stand ja schon der Flatterhaftigkeit und den Flausen ihrer Mutter meist hilflos gegenüber. Diese hatte kaum jemals Rücksicht darauf genommen, wie es ihrer Tochter gerade ging. Materiell hatte es Melanie nie an Zuwendung gefehlt, doch emotional hatte sie früh gelernt, sich auszuklinken. Das gefühlsmäßige Auf und Ab ihrer Mutter war für Melanie stets mit Instabilität, häufigen Ortswechseln und einer ständigen Unsicherheit verbunden.

Silvana Brenner, oder Brenner-Costales, wie sie ja inzwischen hieß, hatte ihre Tochter nie mit Absicht verletzt oder vernachlässigt. Sie war einfach immer so sehr damit beschäftigt gewesen, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, dass ihr gar nicht aufgefallen war, wie sehr sie ihre Tochter damit belastete. Melanies einzige Fluchtmöglichkeit vor den Gefühlsausbrüchen ihrer Mutter war es, ihre eigenen Emotionen zu unterdrücken und eine Distanz zu den Menschen aufzubauen, die sie umgaben.

Ehe sich das Schweigen zwischen ihnen ausweiten konnte, änderte Melanie entschlossen den Fokus des Gesprächs. „Welche Möglichkeiten sehen Sie, gegen die testamentarischen Bestimmungen vorzugehen?“

„Ganz offen gesprochen?“ Messner faltete die Hände vor sich auf dem Tisch. „Keine. Ihre Großtante war zum Zeitpunkt der Niederschrift des Testaments bei voller körperlicher und geistiger Gesundheit. Das war sie übrigens bis zu ihrem Todestag. Wie ich Ihnen bereits schrieb, hat sie sogar noch täglich für mehrere Stunden in ihrer Kunsthandlung gearbeitet. Es gibt keinerlei Anlass, ihre Entscheidungen infrage zu stellen.“ Er raschelte mit den Papieren, wieder ohne einen Blick hineinzuwerfen. „Wie Sie meinem Schreiben sicher ebenfalls entnommen haben, gibt es eine weitere Nebenerbin. Frau Deana Holthusen hat seit achtzehn Jahren Ihre Großtante bei der Führung des Geschäfts unterstützt. Sie erhält einige Sammlerstücke aus dem Laden sowie eine Summe von zwanzigtausend Euro. Details habe ich mit ihr noch nicht besprochen, da sie verständlicherweise im Augenblick nicht in der Lage ist, sich über die Erbschaft Gedanken zu machen.“

„Nicht?“

„Sie trauert, Frau Brenner.“

Melanie spürte eine unangenehme Wärme in ihre Wangen steigen. Verlegen senkte sie den Blick. „Natürlich.“ Sie kam sich furchtbar unsensibel vor. „Sie sehen also keine Chance, aus der Sache herauszukommen?“

„Keine, die vor einem deutschen Gericht auch nur die Spur von Gehör finden würde. Wenn Sie mit den Bestimmungen nicht einverstanden sind, bleibt Ihnen lediglich die Möglichkeit, das gesamte Erbe auszuschlagen. Ich empfehle Ihnen aber dringend, diese Entscheidung nicht übers Knie zu brechen. Sehen Sie sich Geschäft und Haus zunächst genau an, werfen Sie einen Blick in die Geschäftsbücher und nicht zuletzt …“ Er musterte sie eingehend. „Überlegen Sie sich, warum Ihre Großtante Sie als Erbin eingesetzt hat. Das geschah sicher nicht aus einer Laune heraus. Sie müssen Ihr viel bedeutet haben.“

Und doch war der Kontakt zwanzig Jahre lang vollkommen abgebrochen. „Ich kannte meine Großtante eigentlich kaum. Das letzte Mal, als ich hier zu Besuch gewesen bin, war ich zehn Jahre alt.“

„Ich weiß. Und ziemlich schüchtern. Außer, wenn es darum ging, Sybillas Wattwurmkekse zu erbetteln.“

Erstaunt sah Melanie ihn an. „Woher …?“

„Wir sind uns damals schon das eine oder andere Mal begegnet. Nicht immer zu Ihrem Vergnügen – oder eigentlich müsste ich zu deinem Vergnügen sagen, da wir uns ja schon so lange kennen. Du hast zwei Sommer lang ständig mit meiner Schwester Christina zusammengehangen. Wie zwei Kletten wart ihr.“

„Christina?“ Melanie schluckte, als die Erinnerung an die Oberfläche spülte. „Christina Messner. Dann sind Sie … ich meine, dann bist du …?“

„Alex. Der böse große Bruder, der die nervigen Mädchen mit Vorliebe getriezt hat.“ Er lachte. „Meistens gemeinsam mit meinem Kumpel Lars. Wir waren eine Landplage, nicht nur euch gegenüber.“

Leicht verunsichert musterte Melanie den breitschultrigen, gut aussehenden Mann, der ihr so selbstsicher gegenübersaß. Seine Augen funkelten schalkhaft, und vielleicht war es dieses mutwillige Blitzen, das das Bild des frechen, halbwüchsigen Jungen vor ihrem inneren Auge aufsteigen ließ. Von diesem schlaksigen Fünfzehnjährigen war allerdings nicht mehr allzu viel zu sehen. „Das ist ja eine Überraschung.“ Die Worte klangen lahm in ihren Ohren, doch wie sollte sie darauf reagieren? Der nervtötende und für sie als kleines Mädchen manchmal sogar Furcht einflößende Junge, der sie abends auf dem Heimweg vom Strand erschreckt hatte, indem er schreiend hinter einem Gebüsch hervorsprang, und der sie und ihre Freundin mit Wasserpistolen gejagt oder sie mit Erbsen aus selbst gebastelten Steinschleudern beschossen hatte, saß ihr hier gegenüber. Und er war heute nicht nur ein attraktiver und anziehender Mann, sondern noch dazu ein respektabler Anwalt und Notar und zu allem Überfluss der Nachlassverwalter ihrer Großtante.

Die Erinnerungen an den Jungen, der nichts anderes im Kopf hatte, als sie und seine Schwester zu ärgern, ließen sich mit seinem heutigen Auftreten und der charismatischen Aura, die er ausstrahlte, nur schwer vereinbaren.

„Darf ich dir einen Vorschlag machen?“ Wie selbstverständlich blieb er beim vertraulichen Du. „Sieh dir das Geschäft und das Haus in Ruhe an. Ich nehme an, du hast ein Hotelzimmer gebucht, aber wenn du möchtest, kannst du auch im Haus übernachten. Denk über die Möglichkeiten nach, die sich dir hier bieten.“

„Es bieten sich hier keinerlei Möglichkeiten für mich. Zumindest keine, die ich je in Betracht ziehen würde.“ Im Augenblick wäre sie am liebsten meilenweit von hier entfernt gewesen. Die plötzliche Vertraulichkeit, mit der er sie ansprach, ließ sie die Stacheln hochstellen. Sie war ganz sicher nicht hierhergekommen, um alte Freundschaften – Bekanntschaften, korrigierte sie sich im Geiste, schließlich konnte man bei ihnen beiden nun wirklich nicht von Freundschaft sprechen – neu aufzuwärmen. Er hatte sie gehänselt, und sie war beständig auf der Hut oder sogar auf der Flucht vor ihm und seinem grässlichen Freund gewesen. „Lebt Ihr … dein Freund auch noch in der Stadt?“

„Lars?“ Alex trank einen Schluck von seinem Kaffee. Seine Miene hatte sich eine Spur verfinstert. „Nein. Er ist vor Jahren fortgegangen.“ Es schien, als wolle er noch etwas hinzufügen; er schwieg dann aber doch. Ob es irgendeinen Vorfall gegeben hatte, der diese ehemals so gute Freundschaft hatte zu Bruch gehen lassen?, überlegte Melanie kurz. Nein, das ging sie absolut nichts an.

Sie räusperte sich verlegen und nahm ebenfalls einen Schluck vom Kaffee. „Ich würde mir das Haus sehr gerne ansehen. Das Geschäft natürlich auch.“

„Wann fährst du wieder zurück nach Köln?“

„Am Sonntag.“

Alex nickte nachdenklich. „Vielleicht solltest du das noch einmal überdenken und dir mehr Zeit für die Entscheidung nehmen. Gib deiner Großtante eine Chance, Melanie. Sie hatte mit dem Testament etwas im Sinn.“

„Sie kannte mich doch genauso wenig wie ich sie.“ „Vielleicht hat sie das anders gesehen.“

„Ich werde nicht einfach so für ein Jahr ins Nirgendwo ziehen.“

„Wenn man aus der Großstadt kommt, kann einem ein kleiner Ort wie unserer sicherlich wie nirgendwo vorkommen, aber … Vielleicht solltest du nicht nur deiner Tante, sondern auch Lichterhaven eine Chance geben, bevor du dich entscheidest. Und es muss ja nicht gleich ein Jahr sein. Du hast sechs Wochen Zeit, dich zu entscheiden.“ Er erhob sich und holte einen Schlüsselbund aus dem obersten Schubfach des Schrankes neben der Tür. „Lass uns gehen. Was willst du zuerst sehen, den Laden oder das Haus?“

***

Da er näher lag, hatte Melanie sich für den Laden als erste Station entschieden. Der Regenguss war tatsächlich nur ein heftiger Schauer gewesen, der Wind jagte allerdings weiterhin dunkle Wolken über den Himmel. Da die Lichterhavener Hauptstraße zur Fußgängerzone umfunktioniert worden war, ließen sie für den kurzen Weg die Autos stehen. Alexander schloss zuerst die Schutzgitter, dann die Tür zu Sybillas Schatztruhe auf und ließ Melanie den Vortritt. Dabei bemühte er sich, ihr nicht zu nahe zu kommen. Schon ihr kleiner Zusammenstoß hatte ihn ein wenig aus dem Konzept gebracht. Er war auf ein Wiedersehen eingestellt gewesen, nicht jedoch darauf, dass die Frau, zu der sich das schüchterne kleine Mädchen von damals entwickelt hatte, genau sein Typ sein würde. Mehr noch: Sie war heiß! Die Anziehung, die er praktisch auf den ersten Blick verspürt hatte, ließ seinen Hormonhaushalt geradezu kopfstehen.

Schüchtern schien sie mittlerweile nicht mehr zu sein, oder vielleicht versteckte sie diesen Wesenszug auch nur hinter der kühlen Reserviertheit, die so gar nicht zu ihrem äußeren Erscheinungsbild passte. Sie faszinierte ihn. Das seidige honigblonde Haar fiel ihr in weichen Wellen auf die Schultern und umrahmte ein hübsches Gesicht mit hohen Wangenknochen und blaugrauen Augen, die nur sehr dezent mit Mascara betont wurden. Auch sonst trug sie nur wenig Make-up, das sie bei ihrem reinen Teint vermutlich nicht nötig hatte.

Der schmal geschnittene dunkelblaue Hosenanzug brachte ihre schlanke, jedoch unmissverständlich weibliche Figur äußerst gut zur Geltung. Der Blazer über ihrem cremefarbenen Shirt saß gerade knapp genug, um seine Fantasie anzuregen. Schon versuchte er, sich vorzustellen, wie sie wohl ohne die Kleider aussehen mochte. Als ihm bewusst wurde, in welche Richtung seine Gedanken wanderten, rief er sich streng zur Ordnung und versuchte, sich auf seine Aufgabe als Nachlassverwalter zu konzentrieren. „Der Laden wurde vor zehn Jahren renoviert und vor fünf Jahren noch einmal von außen neu gestrichen. Wie du siehst, haben wir nach dem Tod deiner Großtante hier nichts verändert. Lediglich die letzte Abrechnung hat Deana noch gemacht und das Geld zur Bank gebracht. Im Obergeschoss gibt es eine kleine Wohnung. Sybilla hat dort ihre Büroräume eingerichtet und ein Lager sowie eine kleine Küche und ein Bad.“ Er ging voraus und zeigte ihr die Räumlichkeiten im ersten Stock. Alles war noch genau so, wie Sybilla es hinterlassen hatte. Das Büro war ein wenig unordentlich, in der kleinen Küche standen Tassen und eine Teekanne umgedreht neben der Spüle, wo sie wohl zum Abtropfen abgestellt worden waren. Die Luft roch ein wenig abgestanden, weil seit zwei Wochen nicht gelüftet worden war.

Melanie sah sich überall nur kurz um, so als könne sie sich nicht durchringen, alles genauer in Augenschein zu nehmen. Als sie in den Verkaufsraum zurückkehrten, legte Alex einen zweiten Schlüsselbund auf den Verkaufstresen. „Die Schlüssel gehören dir. Wenn du dich näher umsehen und mit den Geschäftsbüchern befassen möchtest, kannst du das jederzeit tun. Ein Hausschlüssel befindet sich ebenfalls am Bund. Ich habe die Schüssel beschriftet, damit du dich leichter zurechtfindest.“

„Danke.“ Melanie, die schweigend im Laden umhergewandert war, kehrte zum Tresen zurück und nahm die Schlüssel, drehte sie aber nur zögernd zwischen den Fingern. „Es ist ein schöner Laden.“

„Da hast du recht. Er strahlt Sybillas Persönlichkeit aus. Sie hatte ein ausgezeichnetes Verhältnis zu den lokalen und regionalen Künstlern und Kunsthandwerkern. Hin und wieder hat sie sogar kleine Ausstellungen organisiert und Lesungen. Sie war ein aktiver und wichtiger Teil der Gemeinschaft hier im Ort. Wir werden sie sehr vermissen. Das tun wir jetzt schon.“

„Ich kann mich nur noch bruchstückhaft an sie erinnern.“ Alex wollte schon fragen, warum sie so lange Zeit nicht mehr hier gewesen war, doch er hielt sich zurück. Es ging ihn nichts an, und Melanie sah nicht so aus, als wolle sie darüber sprechen. Er wusste nicht, wie sie es anstellte, doch alles an ihr wirkte plötzlich abwehrend, obgleich sie keine Miene verzogen hatte.

Sie umrundete den Tisch mit den kleineren Ausstellungsstücken und betrachtete einige der Bilder an der Wand. „Die Künstler, deren Sachen hier verkauft wurden, stammen alle aus der Gegend?“

„Die meisten, soweit ich weiß. Deana wird dir darüber sicher mehr sagen können. Ich kann sie anrufen, wenn du willst.“

„Nein.“ Melanies Kopf hatte sich ruckartig zu ihm herumgedreht. Sie räusperte sich, dennoch klang ihre Stimme belegt. „Nein, lass nur. Das muss heute nicht mehr sein. Ich möchte sie nicht stören. Bestimmt war sie mit Tante Sybilla gut befreundet und … Vielleicht ein andermal. Ich würde jetzt gerne das Haus sehen. Ist es weit bis dorthin? Hier hat sich vieles sehr verändert, ich habe keine Ahnung mehr, wie ich dort hinkomme.“

„Es sind nur ein paar Minuten mit dem Auto bis an den Stadtrand. Wenn du willst, fahre ich dir voraus.“

***

Die Erinnerung war in dem Moment wieder vollkommen klar, als sie um die lang gezogene Kurve bog und vor der Zufahrt zu Sybillas Grundstück anhielt.

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