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Lea und die Pferde - Das Traumpferd fürs Leben

Über die Autorin

Dr. Christiane Gohl wurde 1958 in Bochum geboren. Nach dem Studium der Psychologie und Pädagogik arbeitete sie zunächst als Werbetexterin und Reiseleiterin, dann als freie Autorin und Fachjournalistin. Seit ihrem zehnten Lebensjahr beschäftigt sie sich mit Pferden und reitet in verschiedenen Disziplinen. Pferdefreundliches Reiten und artgerechte Haltung sind ihr dabei besonders wichtig. Mit ihren fundierten Sachbüchern und Romanen avancierte sie in kurzer Zeit zu einer Bestsellerautorin der Pferdebuchszene. Christiane Gohl lebt heute in Spanien.

Inhalt

  1. Hecken voller Geister
  2. Entschluss mit Folgen
  3. Born to be wild!
  4. Putzteufel und Traumboy
  5. Pferdekauf – Erster Versuch
  6. »Ganz fein geritten«
  7. Ein Date zu dritt
  8. Schlägerei
  9. Flucht mit Folgen
  10. Lange Tage
  11. Höchste Zeit für Märchenprinzen
  12. Retter in der Not

Hecken voller Geister

Morgen, Joker!«
Ich hatte die Worte noch nicht ganz ausgesprochen, da antwortete mir auch schon ein ohrenbetäubendes Wiehern. Joker konnte mich von seiner Box aus nicht sehen, aber er erkannte mich wohl am Schritt. Jedenfalls warf er sofort die Trompete an, sobald ich die Stalltür öffnete. Joker war ein großes Pferd – ein riesiges Pferd, genauer gesagt – mit entsprechend dröhnender Stimme.

Mein Freund Thorsten, der in der Stallgasse vor den Boxen seinen Schimmel Mano putzte, hielt sich die Ohren zu.

»Müsst ihr euch zur Begrüßung anbrüllen?«, fragte er.

Thorsten war manchmal etwas eifersüchtig, wenn Joker und ich zu sehr auf Traumpaar machten. Ebenso wie Jokers eigentliche Besitzerin, Frau Müller-Westhoff. Aber ich machte mir da nichts vor: Jokers Begeisterung für mich entsprang einfach der Tatsache, dass ich ihn nicht ritt. Frau Müller-Westhoffs Riesenross war im wahrsten Sinne des Wortes mein Pflegepferd. Ich brachte Joker auf die Weide, putzte ihn über, wenn er sich da dreckig machte, und veranstaltete auch schon mal ein Badefest, wenn seine Reiter wie üblich vergaßen, ihn abzuspritzen. Für all das gab mir Frau Müller-Westhoff jede Woche zehn Euro, was mich ganz verlegen machte. Schließlich hätte ich mich auch umsonst um Joker gekümmert. Aber Frau Müller-Westhoff hatte ein chronisch schlechtes Gewissen, weil sie mich nicht reiten ließ – was wiederum damit zusammenhing, dass sie Joker für gemeingefährlich hielt. Ich vermisste da allerdings nicht viel. Reiten war nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung und eigentlich hatte ich mir auch gar nichts aus Pferden gemacht. Ich war nur im Schlepptau meiner Mutter in diese ganze Reitstallgeschichte hineingerutscht. Die hatte im letzten Jahr ganz plötzlich entdeckt, dass sie ohne Pferde nicht mehr leben konnte – vermutlich eine Form von Midlife-Crisis. Leider traute sie sich allein nicht in die Reitschule und so lotste sie mich mit List und Tücke in einen »Mutter-Tochter-Reitkurs«. Dabei hatten wir Thorsten und seinen Vater kennengelernt. Eine peinliche Situation, aber dann funkte es eben. Erst zwischen mir und Joker Riesenross und schließlich auch zwischen mir und Thorsten. Wobei mir beide am Anfang vor allem leidtaten. Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Joker zum Beispiel war eine Sportskanone. Und seiner Besitzerin war so ziemlich jedes Mittel recht, um sein Talent zum Dressurpferd zu wecken. Er reagierte darauf mitunter etwas ungehalten, was ich ihm nicht verdenken konnte. Und wenn Joker die Geduld verlor, entledigte er sich auch schnell seiner Reiter. Frau Müller-Westhoff stellte ihr Pferd deshalb manchmal so dar, als bedeute ein Ritt auf ihm so etwas wie eine Mount-Everest-Besteigung ohne Sauerstoff. Dabei konnte Joker durchaus nett sein. Bei meinen bisherigen zwei Reitversuchen hatte er jedenfalls nie Anstalten zum Bocken oder Durchgehen gemacht. Aber dafür zog ich auch nicht an seinen Zügeln oder stach mit Sporen auf ihn ein. Joker war Friedensverhandlungen gegenüber durchaus aufgeschlossen. Leider taugten seine Reiter nicht zu Diplomaten.

Thorsten wiederum war alles andere als ein Sportler. Weder mit Gewalt noch mit Verständnis war bei ihm Talent zu erwecken – dafür hatte er andere Qualitäten. Thorsten war rundlich, unbeweglich und fiel mitunter schon im Schritt vom Pferd. Trotzdem wollte sein Vater unbedingt einen Springreiter aus ihm machen und kaufte ihm gleich nach dem ersten Reitkurs das Super-Springpferd Mariano. Zuerst sah das nach einer Katastrophenbeziehung aus, aber zu Thorstens Stärken gehörte seine diplomatische Begabung. Inzwischen hatte er sich mit »Mano« zusammengerauft und auch den Ehrgeiz seines Vaters in erträglichere Bahnen gelenkt: Thorsten und Mano betrieben neuerdings Westernriding. Thorsten hoffte, dass Mano dadurch ruhiger wurde, Thorstens Vater träumte von einer Verwandlung seines Sohnes in John Wayne.

»Was machst du denn so früh hier?«, fragte Thorsten mich jetzt, während ich Joker ein Begrüßungsleckerli ins Maul steckte. Vorher hatte ich Thorsten kurz ein Küsschen auf die Wange gedrückt – eine Reihenfolge, die streng einzuhalten war. Beide waren eifersüchtig, aber Joker vergab schneller. »Wolltet ihr nicht heute zu diesem Reitkurs?«

Ich nickte. Seit einiger Zeit verbrachten meine Mutter und ich unsere Wochenenden mit der Suche nach der idealen Reitschule. Wir hatten schnell festgestellt, dass es uns im Vereinsstall nicht gefiel. Mom war pferdeverrückt, aber nicht ehrgeizig, und auch ich machte mir nichts aus Turnierreiterei. Wir hatten zunächst den örtlichen Islandpferdeverein ausprobiert – aber der entpuppte sich als kaum pferdefreundlicher als der Reitstall. Am Ende entkamen wir mit knapper Not, bevor man meiner Mutter für viel Geld irgendeinen Supertölter andrehen konnte. Moms Pferdebegeisterung konnte jedoch auch diese Erfahrung nicht dämpfen. Nach wie vor wälzte sie Zeitschriften und vor ein paar Wochen hatte sie nun wieder ein neues Angebot aufgetan: »Reiten mit allen Sinnen – Erspüren Sie das Wesen des Pferdes«. Den Kurs gab ein Typ im Weserbergland und meine Mutter hatte uns für dieses Wochenende angemeldet. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen.

»Arme Lea«, bemerkte Thorsten dann auch und gab mir ein Trostküsschen. »Aber du hättest vorher nicht vorbeikommen müssen. Ich könnte Joker doch eben rauslassen. Soll ich ihn wieder reinholen, wenn wir zurück sind?«

Thorsten hatte jeden Samstagmorgen Reitstunde bei einem Westerntrainer in der Nähe. Sein Vater fuhr ihn und Mano hin. Thorsten musste also sowieso früh aufstehen und ließ Joker schon mal für mich auf die Weide, damit ich ausschlafen konnte. In der Woche vor der Schule zum Stall zu fahren, war schließlich stressig genug.

Heute schüttelte ich jedoch den Kopf. »Er muss zum Turnier«, erklärte ich Thorsten. »Deshalb bin ich auch hier. Jemand muss ihm Mut zusprechen.«

»Armer Joker«, sagte Thorsten. Aber dann grinste er. »Obwohl Mut vielleicht nicht das ist, was er braucht. Wenn er seine Tapferkeitsanfälle kriegt, buckelt er Lena einfach runter. Vielleicht wünschst du ihm eher … hm … Demut? Oder Langmut?«

Ich verzog das Gesicht, Joker auch. Er hatte eine unglaublich bewegliche Nase, ein bisschen wie ein Tapir oder Ameisenbär.

»Joker findet das nicht komisch«, übersetzte ich sein Mienenspiel.

Thorsten nickte. »Er hat ja recht. Aber Mut ist trotzdem nicht das Richtige. Der schlägt zu schnell in Übermut um und dann wirft dein Riesenross Frau Müller-Westhoff ab …«

Frau Müller-Westhoff war für Joker keine ebenbürtige Gegnerin, was eigentlich für sie sprach. Eigentlich war sie nämlich ganz nett und hätte sicher nicht am Zügel gezerrt und Joker mit Sporen traktiert, wenn sie es besser gewusst hätte. Sie brachte auch nicht so viel Kraft und Energie dazu auf wie Jokers Bereiterin Lena, was wiederum kein Wunder war. Lena war Pferdewirt-Azubi und übte das Zügelziehen jeden Tag. Frau Müller-Westhoff dagegen pflegte meine Mutter als »Berufsgattin« zu bezeichnen. Sie verbrachte ihre Tage hauptsächlich mit Schönheitspflege – Joker war ihr »Ausgleichssport«. Möglicherweise wäre sie auch lieber durch den Wald geritten, als sich immer wieder in der Nahkampftechnik zu üben, den ihre Reitlehrerinnen als Dressur bezeichneten. Aber von der Vereinsreitlehrerin Frau Witt bis zu Jokers Vorbesitzerin, der berühmten Turnierreiterin Frau Beisendorf, erzählte ihr jeder, sie müsste ihr Pferd zu seinem Glück zwingen. Schon die Einführung von Jokers täglichem Weidegang hatte ziemliches Aufbegehren erfordert. Frau Müller-Westhoff hatte es regelrecht für ihn erkämpft und ich hoffte nun, dass Joker es ihr wenigstens mit einer kleinen Schleife vergelten würde. Wenn er dagegen Oberwasser kriegte und sie im Turnier abwarf, sperrte sie ihn womöglich wieder den ganzen Tag ein.

Ich kraulte ihn unter dem Stirnschopf und versuchte, ihm die Zusammenhänge zu erklären. Joker kaute derweil Heu und Leckerli und sabberte die Reste auf meine Hose. Ich seufzte. Meine Mutter wollte mich gleich hier abholen. Ich würde also verdreckt auf dem Reitkurs erscheinen. Egal: Ich konnte erzählen, Joker und ich hätten uns dem gegenseitigen Verständnis über den Geschmackssinn genähert.

Schon erklang draußen die Hupe unseres Kombis.

Diesmal kriegte erst Joker einen Schmatz auf die Nase, dann Thorsten.

»Macht’s gut, ihr drei«, verabschiedete ich mich und verschenkte den letzten Leckerbissen an Mano. »Viel Spaß im Wilden Westen! Und du schaffst das, Joker!«

Joker schickte mir ein trauriges Wiehern hinterher. Er hatte wohl gehofft, dass ich ihn auf die Weide brachte. Vielleicht war der frühmorgendliche Besuch doch keine so gute Idee gewesen. Im Gegenteil, im Moment sah er aus, als hätte ich ihn eher deprimiert …

Ich seufzte, als ich zu meiner Mom ins Auto stieg.

»Alles klar?«, erkundigte sie sich und lächelte mir zu.

Ich griff mir erst mal die Keksschachtel, die neben ihr auf dem Beifahrersitz gelegen hatte. Wenn wir früh aufstanden, hatten wir beide keinen Bock auf gesundes Frühstück, aber wir konnten uns die Zusatzkalorien auch problemlos leisten. In meiner ganzen Familie waren alle eher groß und schlank, meine Mom hatte früher sogar als Model gearbeitet. Für so eine Karriere sah ich bei mir allerdings schwarz. Ich hatte ein etwas zu rundes Allerweltsgesicht, ein paar Pickel und rotbraunes, unkämmbares Haar, das dazu neigte, in Büscheln hochzustehen. Eine Frisur ließ sich daraus kaum machen. Man konnte es lediglich auf witzig stylen, indem man zum Beispiel viele Zöpfchen mit bunten Spangen abteilte oder Gel benutzte. Beides ging nicht, wenn man eine Reitkappe trug. Die verlangte nämlich entweder langes, glattes Haar, das sich edel zum Knoten aufstecken ließ, oder einen Kurzhaarschnitt wie den meiner Mutter. Letzteren machten die seltsamen Wirbel auf meinem Kopf aber unmöglich. Ein weiterer Beweis dafür, dass der Reitsport und ich nicht kompatibel waren.

»Hast du Thorsten getroffen?«, fragte Mom.

Ich nickte. »Klar, der muss doch wieder zu seinem Westernkurs.«

Meine Mutter seufzte. »Um den ich ihn immer wieder beneide. Du hättest doch bestimmt auch Lust, da mitzumachen, oder?«

Ich zuckte die Schultern. An sich machte ich mir überhaupt nichts aus Reitstunden. Sie waren für mich lediglich ein notwendiges Übel. Ausreiten war schöner. Aber wenn ich schon in einer Reithalle Kringel reiten musste, dann tat ich es natürlich lieber gemeinsam mit Thorsten. Außerdem war sein Lehrer ganz nett und in den Reitstunden ging es ruhig und gelassen zu. Die Reitlehrerin im Vereinsstall hatte uns dagegen eher angebrüllt. Aber Thorstens neue Reitschule hatte einen Haken: Wer dort Unterricht nehmen wollte, musste sein Pferd mitbringen. Schulpferde, die man leihen konnte, gab es nicht.

»Ich hoffe bloß, dies hier lohnt den Aufwand«, wechselte Mom das Thema und bog auf die Autobahn ab. »Das ganze Wochenende …«

Mindestens ein Tag an jedem Wochenende war bei uns eigentlich Familientag. Meine Eltern arbeiteten beide und während der Woche war es oft hektisch. Deshalb nahmen wir uns am Samstag oder Sonntag Zeit füreinander, wobei jedes Familienmitglied abwechselnd bestimmen durfte, was wir unternahmen. Wenn mein Bruder wählen durfte, landeten wir meist in irgendeinem Freizeitpark – morgen zum Beispiel fuhr mein Daddy mit ihm zu irgendwelchen Dinosauriern. Dem entgingen Mom und ich ausnahmsweise, weil wir stattdessen »Reiten mit allen Sinnen« lernten. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese Regelung eine Zukunft haben würde.

Wir erreichten den Reiterhof nach gut zweistündiger Fahrt. Er bestand aus einem einladend wirkenden Gästehaus und hübschen, liebevoll renovierten alten Ställen. Es gab Ausläufe und Außenboxen, den Pferden ging es hier offensichtlich gut. Ein langmähniger Brauner schaute uns aus einer Außenbox entgegen, daneben standen ein paar Schimmel in einem Auslauf.

Es war ein warmer Septembertag und die Teilnehmer am Reitkurs hatten sich bereits auf einer hölzernen Sitzgruppe unter einem Pavillonzeltdach versammelt. Wir waren anscheinend die Letzten – oder nein, auch eine blonde Frau stieg eben noch aus einem himmelblauen Kombi und warf sich ihren Rucksack über die Schultern. Sie grüßte freundlich. Meine Mom und ich holten daraufhin ebenfalls unsere Reisetaschen aus dem Kofferraum und nahmen sie zur Sitzgruppe mit.

Eine Frau stand auf, als sie uns sah, und kam uns entgegen.

»Lotte und Lea Groß?«, fragte sie mit Blick auf einen Zettel. »Vielleicht lassen Sie Ihre Sachen noch im Auto, mein Mann hat schon angefangen. Ich zeige Ihnen die Zimmer dann nachher.«

Die Frau war ziemlich klein, hatte hellblondes Haar und hörte auf den Namen Connie Sanchez. Der Reitlehrer, Haymon Sanchez, war gebürtiger Mexikaner. Angeblich sprach er aber sehr gut Deutsch. Und seine Frau war offensichtlich von hier. Sie hatte überhaupt keinen Akzent und wirkte auch nicht südländisch. Eigentlich wirkte sie hauptsächlich gestresst. Zumindest lächelte sie ziemlich gezwungen, als sie dann die Frau mit dem Rucksack begrüßte.

»Sie müssen Frau Heiden sein. Willkommen! Kann ich Ihnen Ihr Zimmer vielleicht auch erst nachher …«

»Ich wollte mich eigentlich umziehen«, bemerkte Frau Heiden. Sie trug Jeans und Turnschuhe, während wir bereits Reitzeug anhatten. »Aber ich gebe zu, ich bin spät. Ich hab mich ein bisschen verfahren.«

»Ach, Sie können auch in Jeans reiten«, meinte Frau Sanchez. »Mein Mann findet sowieso, dass man sich den Pferden in Freizeitkleidung entspannter und angstfreier nähert.«

Frau Heiden runzelte die Stirn. »Ja? Ist mir noch nicht so aufgefallen. Vielleicht gilt das für Reiter, die ihre Hosen zu klein kaufen?«

Meine Mom und ich kicherten. Auch wir hatten unsere Erfahrungen beim Reithosenkauf gemacht: Die Dinger waren vom Schnitt her höchst gewöhnungsbedürftig und entsprachen vor allem nicht den normalen Konfektionsgrößen. Man musste sie mindestens zwei Nummern größer nehmen als Jeans und das ging ganz schön gegen die Ehre. Insofern saßen Reithosen dann auch oft wie Wurstpellen. Wobei nur Billigmodelle tatsächlich früher oder später platzten. Frau Müller-Westhoffs Edelteile zum Beispiel hielten einiges aus.

»Aber die Einführung wäre schon sehr wichtig. Vielleicht können Sie ja später …« Frau Sanchez war nicht bereit, Frau Heiden den Vortrag ihres Gatten zu ersparen.

Die blonde Frau ergab sich schließlich und wir wanderten zu dritt zu dem Tisch im Schatten. Haymon Sanchez saß dort vor einer Gruppe andächtig lauschender Schüler: zwei Frauen, ein noch ziemlich junges Pärchen und eine weitere Mutter mit Tochter. Das Mädchen war ungefähr so alt wie ich, also dreizehn oder vierzehn. Sie hatte halblanges braunes Haar, das im Nacken zum Pferdeschwanz zusammengebunden war, ein blasses, längliches Gesicht und wasserblaue Augen. Ich setzte mich ihr gegenüber und winkte ihr zur Begrüßung zu. Aber sie schien mich gar nicht wahrzunehmen. Stattdessen verschlang sie den Kursleiter mit Blicken. Ob sie in ihn verliebt war? Wenn ja, so fand ich das ziemlich schwer nachvollziehbar. Haymon Sanchez war bestimmt schon um die vierzig. Er war klein, etwas gedrungen und sprach mit scharfer, durchdringender Stimme, wobei er seine Rede durch große Gesten untermalte. Immer wieder fuhr er sich durch sein volles, dunkel gelocktes Haar, das bis über seine Schultern wallte. Bei Nico Chico, dem Leadsänger meiner Lieblingsboygroup, gefiel mir das – aber bei diesem Typen wirkte es eher komisch. Und auch was er sagte, erschien mir seltsam.

»Pferde sind sehr spirituelle Wesen! Wenn es euch nicht gelingt, ihnen euren Geist und euer Herz zu öffnen, könnt ihr sie nicht verstehen.«

Mindestens zwei der Leute am Tisch nickten. Das Mädchen allen vorweg.

»Habt ihr euch zum Beispiel mal Gedanken gemacht, warum Pferde so häufig vor Hecken scheuen?«

Hatte ich nicht. Aber die anderen Kursteilnehmer nickten wieder. Vermutlich scheuten viele Pferde vor Hecken.

»Nun, was sich dem Pferd im Gegensatz zu uns erschließt, sind die Erdgeister und Baumgeister, die darin wohnen. Das Pferd fürchtet ihre Kraft – und wir müssen es nun befähigen, ihnen eigene Energiefelder entgegenzusetzen …«

Ich sah fragend in die Runde. Meine Mom kaute auf ihrer Unterlippe. Frau Heiden verdrehte die Augen. Der Rest der Kursteilnehmer schien die Geister allerdings als völlig selbstverständlich hinzunehmen.

»Behaltet das im Gedächtnis …«, endete Haymon. »Wir werden uns jetzt Pferde holen und es praktisch umsetzen …«

»Kann ich mich vorher vielleicht irgendwo umziehen?«, unterbrach Frau Heiden die darauffolgende andächtige Stille.

Frau Sanchez winkte ihre aufmüpfige Kundin resigniert zu sich und führte sie Richtung Gästehaus. Ein paar Minuten später stieß die in Jeansreithosen und Westernstiefeln wieder zu uns. Wir waren inzwischen bei der Pferdeverteilung. Mom und ich putzten zwei ziemlich teilnahmslos wirkende Schimmel. Frau Heiden erhielt den hübschen Braunen mit der Lockenmähne. Die anderen Kursteilnehmer, anscheinend kamen sie regelmäßig, beäugten sie neidisch. Wieder allen voran das braunhaarige Mädchen. Ich schob mich beim Putzen näher an sie heran und stellte mich schließlich vor. So erfuhr ich auch ihren Namen: Nellie.

»Du bist zum ersten Mal hier?«, fragte sie.

Ich nickte. »Meine Mutter hat die Anzeige gelesen: ›Reiten mit allen Sinnen‹.« Ich verdrehte ein bisschen die Augen.

»Wir kommen seit sechs Monaten!«, verriet mir Nellie. »Jeden Samstag. Und es ist cool. Na ja, du wirst ja sehen. Haymon ist … also seine Art mit den Pferden – dieses, hm, intuitive Reiten … ich hab’s ja immer noch nicht ganz raus, aber wenn man es kann, muss es einfach irre sein! Man denkt wie ein Pferd!«

Ich runzelte die Stirn und fragte mich, ob ich das wollte. Joker war ein netter Kerl, wirklich, ich hatte ihn sehr gern. Aber seine Gedankenwelt schien mir eher eingeschränkt. Eigentlich dachte er überhaupt nur ans Fressen. So gesehen wären alle intuitiven Reiter Fälle für Weight Watchers. Aber Nellie war nicht nur schlank, sie war dürr.

Mom und ich taten uns etwas schwer mit dem Zaumzeug der Pferde, das nur aus einer Art Halfter mit Zügeln daran bestand.

»Gebisslos!«, strahlte Nellie. »Man kann den Pferden damit nicht wehtun!«

Möglicherweise erschwerte diese Art der Zäumung aber auch das Anhalten. Mom zumindest wirkte skeptisch und auch Frau Heiden schien wenig begeistert. Immerhin konnten wir bei ihr abgucken, wie man den Pferden die Zäumung anlegte. Sie schob sie dem Braunen geschickt über die Nase und führte ihn dann Richtung Reitplatz.

Haymons Reitbahn erinnerte eher an einen Übungsplatz für Motocrossfahrer: Es gab einen Rundkurs, aber auch Hügel, um die man herumritt oder die man auf ausgetretenen Pfaden überquerte. Eine Seite des Platzes wurde durch eine Hecke begrenzt. Meine Esperanza schaute skeptisch nach den Geistern aus, als ich sie daran vorbeiführte. Nellies Pferd sprang sogar etwas zur Seite.

Haymon rüffelte sie dafür. »Du musst dem Pferd Sicherheit geben, Nellie! Solche Reaktionen musst du vorausahnen und das Pferd dann spirituell auffangen!«

Nellie guckte unglücklich. Meine Mutter, die ihr folgte, fixierte ihren Schimmel wie ein Schlangenbeschwörer. Es schien zu wirken. Snowflake ging brav an der Hecke vorbei. Desgleichen der braune Rayo, obwohl Frau Heiden dem Grünzeug keinen Blick schenkte.

In der Mitte der Bahn durften wir dann aufsitzen.

»Und nun anreiten!«, befahl Haymon. »Nein, nicht so, Nellie, nicht dem Pferd die Hacken in die Weichen schlagen! Denken, Nellie! Denkt daran, sanft getragen zu werden, denkt an Schritt …«

Esperanza setzte sich in Bewegung, nachdem Nellies Pferd glücklich lief. Ich trieb sie etwas an – und bekam prompt einen Rüffel.

»Nicht mit Gewalt beeinflussen! Denk sie schneller, nimm ihre Impulse wahr!«

Ehrlich gesagt nahm ich gar nichts wahr. Esperanza trottete Nellies Pferd hinterher, ohne weiter mit mir zu kommunizieren.

»Und nun durcheinanderreiten. Nicht alle hintereinander, wir haben diese sehr abwechslungsreiche Bahn, also nutzt sie! Nellie, über den Hügel da!«

Nellies Pferd machte keine Anstalten, in Richtung Hügel abzubiegen, aber Nellie gab auch keinerlei Hilfen. Letzteres war kein Wunder – Haymon brüllte sie an, sobald sie auch nur winzigste Versuche unternahm, irgendwie anders als telepathisch auf ihr Pferd einzuwirken. Nach ein paar Minuten war sie tomatenrot im Gesicht und den Tränen nah.

Ich selbst versuchte es nun auch mit einem Kringel, wozu ich die Zügel leicht annahm. Esperanza schlug sofort mit dem Kopf.

»Da siehst du, was passiert, wenn du Gewalt anwendest!« Haymon schaute triumphierend. Nun hätte ich es ja gern richtig gemacht, aber unser Reitlehrer gab keinerlei konkrete Tipps. Wir sollten immer nur fühlen und denken. Nach einer Viertelstunde tat mir vor lauter krampfhaftem Denken der Kopf weh. Trotzdem schien bei Esperanza nichts anzukommen. Den anderen Kursteilnehmern ging das nicht anders. Mit einer Ausnahme. Frau Heiden ritt ihren Rayo ohne erkennbare Hilfengebung von einem Hügel zum anderen und schaffte sogar Schritt-Trab-Übergänge. Haymon war des Lobes voll und Nellie warf ihr glühende Blicke zu. Sie tat mir inzwischen fast leid. Sie schien hier überhaupt nichts richtig zu machen. Jeder zweite Rüffel des Reitlehrers galt ihr und inzwischen liefen ihr wirklich Tränen über die Wangen.

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