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Leichenkoje

Martin Barkawitz

Leichenkoje

SoKo Hamburg 16 - Ein Heike Stein Krimi





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Vorbemerkung

Dies ist ein Roman. Die Handlung ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Ereignissen oder eventuelle Namensähnlichkeiten sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Inhalt:

Wer ist die schöne Tote an Bord der Adelaide?

Während Hauptkommissarin Heike Stein den Mord an einer Unbekannten im Harburger Yachthafen untersucht, kehrt ihr Kollege Ben Wilken endlich wieder zur Sonderkommission Mord zurück. Währenddessen macht ein unheimlicher Mörder die Hansestadt unsicher, der scheinbar wahllos zuschlägt. Oder haben die Ermittler sein krankes System nur nicht durchschaut?

Als Heike Stein die Wahrheit über die Frauenleiche herauszufinden beginnt, kommt sie einem düsteren Geheimnis auf die Spur. Der Mord hat eine Dimension, von der zunächst nichts zu erahnen war. Schließlich muss Heike einen Killer stoppen, der auch mit mehreren Polizeikugeln im Körper noch brandgefährlich ist ...

1

Die junge Frau schlug die Augen auf und erschrak.

Sie befand sich in einer völlig unbekannten Umgebung. Ihr fehlte jede Erinnerung daran, wie sie hierhergekommen war.

Sie lag auf einem schmalen Bett, das hin und her schaukelte. Im ersten Moment glaubte sie, betrunken zu sein. Aber dann bemerkte sie das Glucksen des Wassers und die Möwenschreie, die von draußen hereindrangen.

Vor dem Bullauge über ihrer Koje war nur Schwärze zu erkennen. Es musste Nacht sein.

Wer hatte sie hierhergebracht, in diese Kabine auf einem Boot oder Schiff?

Es war eng, der Tisch war in die Planken geschraubt worden, in dem schmalen Raum roch es nach Salz und Seetang. Die holzgetäfelten Wände wurden mit Bildern von altmodischen Segelschiffen geziert.

All das bemerkte sie, nicht aber den Mörder. Er konnte sie überrumpeln.

Plötzlich kam er lautlos die wenigen Stufen in die Kabine hinab. Er packte mit beiden Händen ein Kopfkissen und drückte es auf ihr Gesicht.

In Todesangst wehrte sich die Frau, trat und schlug um sich. Aber ihr Gegner war viel stärker als sie. Der gnadenlose Killer ließ nicht locker. Er wusste, dass die Zeit für ihn arbeitete. Es gab weit und breit keine Menschenseele, die seinem Opfer helfen konnte. Der Verbrecher musste nur lange genug mit ganzer Kraft das Kissen auf ihr Gesicht drücken.

Irgendwann erschlaffte ihr junger schlanker Körper.

Der Mörder richtete sich schwer atmend auf. Er ließ das Kissen achtlos zu Boden gleiten und vergewisserte sich, dass wirklich kein Funken Leben mehr in der Frau war.

Die Polizei sollte die Tote ruhig finden, seine eigene Verbindung mit dieser Frau würde für immer ein Geheimnis bleiben.

Er wandte sich ab und ging wieder an Land. Der Killer wurde von Zufriedenheit und Erleichterung erfüllt.

Die einzige Person, die ihm hätte gefährlich werden können, war mausetot.

2

„Die Wasserschutzpolizei meldet einen Leichenfund im Harburger Yachthafen.“

Kriminalrätin Dr. Laura Brink hoffte, dass ihre Stimme nicht allzu begeistert klang. Es freute sie keineswegs, dass schon wieder ein Mensch in Hamburg gewaltsam ums Leben gekommen war. Andererseits konnte die Chefin der Sonderkommission Mord nun endlich Kommissarin Heike Stein wieder einen neuen Fall zuteilen. Die übrigen Ermittler waren mit anderen Aufgaben betraut, und Heike hatte sich in letzter Zeit mehr oder weniger mit Hilfstätigkeiten bei den Fällen ihrer Kollegen über Wasser halten müssen.

„Sie kümmern sich bitte um diese Angelegenheit, Frau Stein. Womöglich handelt es sich gar nicht um einen Mord, sondern um einen Unfall oder Freitod“, fuhr Dr. Laura Brink fort, wobei sie es vermied, die blonde Hauptkommissarin anzusehen. Es war für die Kriminalrätin immer noch eine Qual, sich in demselben Raum wie Heike Stein aufhalten zu müssen. Sie liebte ihre Untergebene nach wie vor und hatte nicht die geringste Hoffnung darauf, dass dieses Gefühl jemals erwidert werden würde.

„Ich fahre gleich nach der Morgenbesprechung dorthin und schaue mir die Sache an“, gab Heike zurück. „Falls ich Unterstützung benötige, melde ich mich.“

„Wie lange musst du denn noch allein arbeiten, Heike? Ist Bens Unschuld nicht längst bewiesen?“, wollte Kommissarin Melanie Russ wissen.

Die Kriminalrätin hätte sie für diese Frage am liebsten an die Wand geklatscht. Als der Korruptionsverdacht gegen Hauptkommissar Ben Wilken aufgekommen war, hatte Dr. Laura Brink davon geträumt, das heimliche Liebespaar Stein-Wilken endlich auseinanderbringen zu können. Aber davon war keine Rede mehr. Laura bildete sich ein, dass die beiden hinter ihrem Rücken stärker zusammenhielten als jemals zuvor. Oder war das nur eine Illusion? Verlor sie allmählich den Verstand? Liebe konnte blind machen. Bei der Sonderkommission Mord bekam man es oft genug mit Fällen zu tun, wo solche Gefühle in blanken Hass umgeschlagen waren.

„Das Verfahren gegen Herrn Wilken ist noch in der Schwebe, Frau Russ“, fauchte die Chefin. „Und deshalb werden wir uns hier nicht damit befassen. Das Bundeskriminalamt wird die Wahrheit schon ans Licht bringen.“

„Wollen wir es hoffen“, meinte Kommissar Rüdiger Koslowski. „Ich finde es widerlich, wenn unbescholtene Polizeibeamte mit Dreck beworfen werden.“

Nun muss dieser ungehobelte Ruhrpott-Prolet auch noch seinen Senf dazugeben!, dachte die Kriminalrätin. Dr. Laura Brink war sich darüber im Klaren, dass ihre Untergebenen alle auf der Seite von Ben Wilken standen. Es war, als würden sie ihr die Schuld für seine missliche Situation geben. Dabei hatte sie gar nichts dazu beigetragen, dass dieser Scheinheilige vom Dienst suspendiert worden war. In diese Lage hatte sich Heike Steins Liebhaber ganz allein gebracht.

Dr. Laura Brink rollte ungeduldig mit den Augen.

„Nachdem wir nun Herrn Wilken ausgiebig bedauert haben, könnten wir uns vielleicht wieder dem Tagesgeschäft zuwenden. - Frau Stein nimmt sich also des Leichenfundes im Yachthafen an und erstattet Bericht, sobald es gesicherte Erkenntnisse gibt. Frau Russ und Herr Koslowski, wie kommen Sie eigentlich mit den Befragungen im Brandstwiete-Fall voran? Es scheint mir, als ob Sie mehr als genug Zeit für die Zeugenvorladungen hatten.“

Die Kriminalrätin war wütend und frustriert zugleich und wollte nun wenigstens diese beiden Untergebenen zur Schnecke machen. Ihre eigene Lage erschien ihr zunehmend unerträglich.

Es war schon traurig genug, dass Heike Stein nichts von ihr wissen wollte. Zu allem Überfluss hatte dieses blonde Biest auch noch bei dem Pik-As-Mordfall Dr. Laura Brinks Leben gerettet. Wenn die Chefin jetzt etwas gegen Heike Stein unternahm, wurde sie unweigerlich von ihrem eigenen schlechten Gewissen geplagt. Und das war mehr, als sie verkraften konnte.

3

 

In einer großen Hafenstadt wie Hamburg gab es mehrere Liegemöglichkeiten für Sportboote. Der Harburger Yachthafen befand sich an der Süderelbe. Heike fuhr vom Polizeipräsidium in Alsterdorf aus dorthin. Sie stellte ihren Dienstwagen auf dem Parkplatz des Wasserschutzpolizeikommissariats 3 ab, das nur einen Steinwurf weit entfernt vom Yachthafen gelegen war. Heike hatte Glück und traf den Kollegen an, der die Meldung entgegengenommen hatte.

„Wir gingen heute Morgen ein paar Hinweisen nach, weil es nachts Einbrüche in mehrere Yachten gegeben hatte“, berichtete Polizeimeister Lohe. „Da ertönte plötzlich ein lauter Schrei. Ich lief zusammen mit Polizeimeisterin Möllenkamp zur Adelaide, das ist ein Kajütkreuzer, der hier vertäut liegt. Die Eignerin heißt Sandra Körner. Sie war es, die eine unbekannte Frauenleiche in einer Koje ihres Bootes fand. Kein Wunder, dass sie einen Entsetzensschrei ausgestoßen hat.“

„Also kannte diese Frau Körner die Tote nicht?“, vergewisserte sich Heike.

„Das behauptet sie zumindest, und sie kommt mir glaubwürdig vor. Der Gerichtsmediziner und die Kriminaltechniker sind bereits an Bord der Adelaide. Wenn du mich fragst, dann wurde das Opfer schlicht und einfach erstickt. Der Körper weist keine äußeren Verletzungen auf, außerdem lag ein Kopfkissen unmittelbar neben der Toten auf dem Boden.“

Dadurch war nach Heikes Meinung noch nichts bewiesen, aber spätestens die Obduktion würde Klarheit über die Todesursache bringen.

„Und die Identität der Leiche ist nicht geklärt?“, fragte die Hauptkommissarin.

„Wir haben im Yachthafen herumgefragt, niemand hat die Frau zuvor gesehen. Sie war mit einer Jeans und einem grünen Kapuzenpullover bekleidet. Personalpapiere haben wir bei ihr nicht gefunden, auch keine EC-Karte und kein Smartphone. Genau genommen hatte sie überhaupt nichts bei sich, noch nicht mal ein Papiertaschentuch.“

Heike nickte und stellte dem Kollegen von der Wasserschutzpolizei noch eine Frage.

„Wie kann die Leiche an Bord der Adelaide gelangt sein?“

„Da gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder über den Steg, wobei das Gelände nachts abgeschlossen ist. Aber ein halbwegs begabter Einbrecher müsste das Schloss im Handumdrehen öffnen können, das haben wir schon öfter bemängelt. Oder eben auf dem Wasserweg. Jemand könnte die Frau an Bord eines anderen Bootes in den Yachthafen gebracht und dann sozusagen umgeladen haben.“

Diese Möglichkeit erschien Heike unnötig kompliziert. Allerdings benötigte sie mehr Fakten, bevor sie sich ein erstes Urteil bilden konnte.

„Okay, dann gehe ich jetzt rüber zum Yachthafen und schaue mir das Boot genauer an“, sagte sie zu Lohe. Der Kollege nickte ihr freundlich zu.

Heike schlenderte das kurze Stück der Straße Am Überwinterungshafen entlang Richtung Wasser. Hier wirkte die Millionenstadt beinahe ländlich, obwohl Heike sich inmitten des Hafengeländes befand. Bäume säumten die Fahrbahn, momentan gab es überhaupt keinen Autoverkehr. Solche verträumten grünen Ecken fand man in der nördlichen Metropole oft völlig unerwartet und überraschend.

Einerseits war die Hauptkommissarin froh, endlich wieder einen eigenen Kriminalfall zu haben. Andererseits fehlte ihr Ben. Sie war es gewohnt, mit ihm gemeinsam ihre Aufgaben zu erfüllen. Von ihren privaten Gefühlen für ihn mal ganz abgesehen.

Wenigstens befand er sich nicht mehr in Untersuchungshaft, sondern war lediglich vom Dienst suspendiert worden. Heike hoffte sehr, dass sich die Vorwürfe gegen ihn in Luft auflösen würden.

Ihr Smartphone klingelte. Ob es Ben war? Doch stattdessen hatte Heike ihre Freundin Ellen am Apparat. Die beiden Frauen kannten sich noch von der Polizeischule, hatten sich aber aus den Augen verloren. Vor Kurzem war der Kontakt durch die Hauptkommissarin wieder reaktiviert worden.

„Hallo, konntest du etwas herausfinden?“, fragte Heike unverblümt.

„Ich helfe dir nur dieses eine Mal“, flüsterte Ellen. „Ich will nicht wegen dir meinen guten Job beim Bundeskriminalamt riskieren.“

„Keine Aufregung, meine Quelle bleibt geheim. Ich will nur wissen, was ihr konkret gegen Ben in der Hand habt.“

„Wir observieren seit längerer Zeit eine Gruppierung der lettischen Mafia, die ihre Fangarme nach Westeuropa ausstreckt. Hamburg ist ein Drehkreuz für diese Organisation. Und ein Mafioso namens Andris Kausmans hat ein Verhältnis mit Bens Ehefrau Maja“, berichtete Ellen.

Heike pfiff durch die Zähne.

„Dieses scheinheilige Biest. Und mir gegenüber spielt sie sich als Moralapostel auf.“

„Wie war das, Heike?“

„Nicht weiter wichtig. Ist diese Erkenntnis gesichert?“

„Auf unsere Observationsteams können wir uns verlassen. Es geht letztlich darum, wie viel Informationen Ben über seine Polizeiarbeit an seine Frau und damit indirekt an die Mafia weitergegeben hat.“

„Aber Ben wird nicht gewusst haben, dass Maja fremdgeht!“, wandte Heike ein.

„Das ist für unsere Ermittlungen irrelevant. Ich habe schon zu viel ausgeplaudert. Bitte melde dich nicht noch einmal bei mir, Heike. Jedenfalls nicht in dieser Angelegenheit. Ansonsten können wir gern mal wieder einen Wein zusammen trinken, wenn wir uns treffen. Vielleicht komme ich ja demnächst nach Hamburg.“

„Ja, das wäre gut“, erwiderte Heike gedankenverloren. „Einstweilen vielen Dank, du hast mir weitergeholfen.“

Die Hauptkommissarin beendete das Telefonat. Sie hatte nun das Gelände des Yachthafens erreicht. Sie musste nicht lange darüber spekulieren, an welchem Anlegesteg die Adelaide vertäut war. Am Ende des östlichsten Piers standen mehrere uniformierte Polizeikollegen, die eine kleine Schar von Schaulustigen sowie einige Pressegeier zurückhielten. Heike kannte die Medienvertreter vom Wegsehen. Als sie die Hauptkommissarin erblickten, richtete sich die Aufmerksamkeit sofort auf Heike.

„War es ein Lustmord?“

„Wird der Täter bald weiterschlachten?“

„Warum tut die Polizei nichts?“

Heike fand eine Frage blöder als die andere und strafte die Sensationspresse mit eisigem Schweigen. Sie hielt ihren Kripo-Ausweis hoch und wurde von den uniformierten Kollegen vorbeigelassen.

Auch ein Team der Spurensicherung war bereits vor Ort. Heike bemerkte zwischen den Kriminaltechnikern in ihren weißen Overalls eine Zivilistin, die ihr schwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Es war Marlen Kroll vom Kriminaldauerdienst. Sie nickte Heike zu.

„Moin, ich habe bisher die Ermittlungen geleitet. Die Kollegen vom Wasserschutz haben mich herzitiert, herausfinden konnte ich allerdings noch nichts - außer, dass wir es mit einem Tötungsdelikt zu tun haben. Deshalb ist es mir nur recht, wenn jetzt die Sonderkommission Mord übernimmt“, sagte Marlen.

„Hast du mit der Bootseignerin gesprochen?“

„Ja, aber nur kurz. Sie soll erst mal den Schock verdauen. Du findest sie am Bug, Heike. Willst du erst mal einen Blick auf die Leiche werfen?“

Die Hauptkommissarin nickte. Gemeinsam mit ihrer Kollegin vom Kriminaldauerdienst betrat sie die Kabine. Es wurde jetzt eng, weil dort insgesamt drei Männer von der Spurensicherung arbeiteten. Die Motoryacht bot Platz für vier Kojen, von denen jeweils zwei durch eine dünne Holzwand voneinander getrennt waren. Die Leiche lag vom Achterdeck aus in der vorderen Kabine.

Man hätte die Frau für eine Puppe halten können. Die Haut wirkte so wächsern, wie man es bei einem lebenden Menschen nicht sieht. Die erstarrten toten Augen schienen Heikes Blick zu suchen, aber das war natürlich Unsinn. Der Mund mit den bleichen Lippen war leicht geöffnet.

„Immerhin scheint das Opfer nicht vergewaltigt worden zu sein. Es sei denn, der Mörder hat sie nach der Tat wieder angezogen“, dachte Marlen laut nach.

 

„Ich werde ein Foto der Toten mit der Vermissten-Datenbank abgleichen“, kündigte Heike an, nachdem sie ein Bild von ihr gemacht hatte. Die Unbekannte war jung und recht hübsch, wenngleich sie bei einer Castingshow oder einem Model Contest wenig Chancen gehabt hätte. Dennoch gab es gewiss genügend Männer, die sich für sie interessiert hatten. So eine Frau konnte doch nicht spurlos verschwinden.

Oder?

Vor Ort konnte Heike nicht nachprüfen, ob das Opfer vermisst wurde. Dafür musste sie ins Präsidium zurückkehren. Sie wandte sich an Marlen.

„Ich schaue mal nach der Eignerin, okay?“

„Sicher, bis später.“

Die Hauptkommissarin verließ die enge Kabine und balancierte am Rand des Decks entlang zum Bug, wo eine Gestalt auf den Planken kauerte. Sandra Körner hatte die Knie angezogen und umschlang ihre Beine mit den Armen. Sie trug eine weiße Seglerhose und eines der klassischen blau-weiß gestreiften Fischerhemden, die in Hamburg Buscherump genannt werden. Heike schätzte die Frau auf Anfang sechzig. Sie blickte auf, als sie die Hauptkommissarin bemerkte. Ihr Gesicht war verquollen, sie hatte offensichtlich geweint.

Heike zeigte ihren Polizeiausweis und nannte ihren Namen, dann setzte sie sich neben Sandra Körner.

„Das kann doch alles nur ein Alptraum sein“, sagte die Ältere mit tonloser Stimme. „Ich betrete die Kabine meines Bootes und stolpere beinahe über eine Leiche.“

„Und Sie sind sicher, dass Sie die Person nie zuvor gesehen haben?“, vergewisserte sich Heike.

„Ja, Frau Stein. Mein Personengedächtnis ist sehr gut. Ich bin Frauenärztin mit eigener Praxis. Und ich bin hundertprozentig davon überzeugt, dass diese Tote keine Patientin von mir gewesen ist.“

„Sie könnte Ihnen ja auch privat begegnet sein“, schlug Heike vor.

Sandra Körner schüttelte den Kopf.

„Ich bin Single, mein Privatleben besteht praktisch aus dem Yachtklub. Hier kann ich entspannen, wenn ich nach langen Arbeitstagen meine Praxis verlasse. Daher war ich auch so schockiert, dass ich auf der Adelaide eine Leiche gefunden habe. Es ist, als ob jemand meinen einzigen Rückzugsraum entweihen wollte.“

„Haben Sie Feinde?“

„Keine, von denen ich wüsste, Frau Stein. Es soll ja Ärzte geben, die durch Kunstfehler den Hass der Menschen auf sich ziehen. Das ist mir zum Glück noch nicht passiert.“

Heike nickte und schaute nachdenklich auf das Wasser der Süderelbe hinaus.

„Warum heißt ihr Boot eigentlich Adelaide? Haben Sie eine besondere Beziehung zu Australien?“

Nun lächelte Sandra Körner zum ersten Mal.

„Ich verbinde sehr schöne Erinnerungen mit der Stadt Adelaide. Als Studentin habe ich zwei Gastsemester in Down Under verbracht, das war die schönste Zeit meines Lebens.“

„Wann haben Sie Ihr Boot zum letzten Mal betreten?“, wollte Heike wissen.

„Gestern Abend habe ich eine kleine Tour gemacht und bin gegen 20 Uhr zum Liegeplatz zurückgekehrt. Da hatte ich noch keine Leiche in meiner Koje, das müssen Sie mir glauben.“

Die Hauptkommissarin machte sich eine Notiz. Dann fragte sie: „Eben sagten Sie, dass Sie durch Ihre Arztpraxis zeitlich sehr eingespannt sind. Trotzdem haben Sie heute, an einem Dienstagvormittag, Zeit für Ihr Hobby. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?“

Sandra Körner zuckte zusammen, dann warf sie Heike einen unfreundlichen Blick zu.

„Wenn Sie es unbedingt wissen müssen: Ich habe selbst gesundheitliche Probleme, Burnout. Deshalb muss ich dringend kürzertreten. Es gibt eine junge Assistenzärztin, die mich heute vertritt. Ich soll öfter eine Auszeit nehmen, bevor ich völlig zusammenklappe.“

Heike schrieb weiter in ihr Notizbuch.

„Ich danke für Ihre Offenheit, Frau Körner. Sie werden verstehen, dass ich als Kriminalistin diesen Todesfall von allen Seiten beleuchten muss“, sagte sie.

„Mir ist wichtig, dass dieser Alptraum bald ein Ende hat. Wann werde ich wieder über die Adelaide verfügen können?“, fragte die Frauenärztin.

Heike machte eine unbestimmte Handbewegung.

„Ich kann nicht für die Kollegen von der Kriminaltechnik sprechen. Aber in den nächsten Tagen wird die Spurensicherung gewiss abgeschlossen sein“, erwiderte sie.

Sandra Körner nickte und starrte wieder auf den Fluss.

Heike kehrte in die Kabine zurück.

„Was hältst du von der Eignerin?“, wollte Marlen wissen.

„Sie ist hauptsächlich daran interessiert, möglichst bald wieder mit ihrem Boot auf der Elbe herumschippern zu können. Der Leichenfund hat Frau Körner zweifellos geschockt, aber das Schicksal der jungen Frau scheint sie trotzdem kaltzulassen. Außerdem verschweigt sie uns etwas.“

„Echt?“ Marlen hob ihre Augenbrauen. „Was denn?“

„Keine Ahnung, das ist nur so ein Bauchgefühl. Damit dürfte ich meiner Chefin nicht kommen, die ist nur an Fakten interessiert.“

Marlen lachte.

„Ja, Dr. Laura Brink ist im ganzen Präsidium gefürchtet. Ich beneide dich nicht um diese Vorgesetzte, Heike. Unser Chef ist viel verträglicher.

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