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Herausgeber: Monacensia
Literaturarchiv und Bibliothek
Dr. Elisabeth Tworek

Michael Klein, geboren 1960, Studium der Philosophie, Germanistik und Publizistik in Münster, arbeitet als Kulturredakteur bei einem Regionalmagazin und schreibt für Zeitschriften und den Rundfunk (NDR, SWR, BR, HR). Von 2007 bis 2016 war er Mitglied der Programmkommission des Filmfestivals Max-Ophüls-Preis. Er ist Autor, Übersetzer und Herausgeber zahlreicher Bücher, zuletzt erschien »Mark Twain in München« (2015) im Morio Verlag.

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Inhalt

  • »Bavarian Gemütlichkeit and Lebkuchen«
  • PENSION DAHLWEINER
  • Einleitung
  • Pension Dahlweiner
  • Eine deutsche Gastwirtin

»Bavarian Gemütlichkeit and Lebkuchen«

Immerhin ein halbes seiner vierundsiebzig Lebensjahre hat Mark Twain in Bayern verbracht. Einen ganzen Winter hat er mit seiner Familie in München gelebt, präzise vom 15. November 1878 bis zum 27. Februar 1879. Im August 1891 hat er Nürnberg und die Wagner-Festspiele in Bayreuth besucht. Und ein dritter, längerer Besuch datiert aus dem Jahr 1893. Zwei Wochen waren Mark Twain und seine Familie Ende Juni bis Anfang Juli in München, anschließend fünf Wochen zur Kur in (Bad) Tölz-Krankenheil.

Im Winter 1878/79 siedelte sich Mark Twain, mit bürgerlichem Namen Samuel Clemens, mit seiner gesamten Familie – seiner Frau Olivia, seinen Töchtern Susy und Clara, Olivias Freundin Clara Spaulding und dem Kindermädchen Rosa (eigentlich Rosina) Hay – in München an. Abgesehen von Sightseeing und Museumsbesuchen (München gilt für viele Amerikaner seinerzeit als eine der bedeutendsten Kunststädte Europas und für manche gar als bedeutendste), abgesehen vom Pflegen von Freundschaften mit Münchnern und der Verbesserung seiner Deutschkenntnisse hat Mark Twain sich einen klaren literarischen Auftrag gestellt: das Manuskript zu einem geplanten Reisebuch »Ein Bummel durch Europa« zu schreiben.

München wird in diesem Buch zwar wenig vorkommen – aus Gründen, die noch genannt werden –, doch fügt man Mark Twains verstreut veröffentlichte Texte und seine in Briefen und Notizen geäußerten Eindrücke über München zusammen, ergibt sich doch ein recht ansehnlicher Umfang, der in diesem Buch unter den Überschriften »Pension Dahlweiner«, »Münchner Impressionen« und »Das Geständnis eines Sterbenden« eingefangen ist.

Im letzten Jahr ist in der Reihe »Stationen« im Heidelberger Morio Verlag mein Bericht über »Mark Twain in München« erschienen, dieses und das vorliegende Buch ergänzen einander, was Mark Twains Münchner Winter 1878/79 angeht, ideal, man darf sie mit Recht als Komplementärstücke ansehen.

Über die Woche, die Mark Twain mit seiner Frau im August 1891 in Nürnberg und Bayreuth verbringt, hat er ausführlich Auskunft gegeben. Sein Text trägt den Titel »Am Schrein des Heiligen Wagner« und berichtet unter anderem von der weltweiten Richard-Wagner-Pilgerschaft während der Festspiele, von guter Organisation und schlechtem Essen sowie vom Kontrast zwischen einem amerikanischen und europäischen Blick der Zeit auf das Adelsprinzip.

Der letzte Aufenthalt Mark Twains in Bayern – obwohl er an Länge dem Münchner Winter nur wenig nachsteht – hinterließ kaum Spuren in seinen Schriften. Das findet seinen Grund in den Umständen dieses Besuches, die ausgesprochen widrig waren und weder etwas mit München, noch mit Tölz zu tun hatten. Mark Twain plagten zu dieser Zeit doppelt und dreifach gravierende Sorgen.

Zum einen fühlte er sich durch enorme finanzielle Probleme bedrängt, die drei kulminierende Ursachen hatten: erstens hohe Verluste in Mark Twains eigenem Verlagshaus »Charles L. Webster & Co.«, das zwar zeitweise hohe Gewinne eingefahren hatte – ein schwindelerregender Bestseller waren die Memoiren des Bürgerkriegsgenerals und US-Präsidenten Ulysses S. Grant –, inzwischen aber in ein verlustreiches Fahrwasser geraten war. Zweitens hatte Mark Twains Vorliebe, in neue Erfindungen zu investieren und goldene Träume späterer sensationeller Gewinne zu hegen, ihn in das Abenteuer der Entwicklung einer automatischen Setzmaschine für Zeitungen und Verlage geführt, aber die in Fachkreisen geradezu legendär gewordene Paige Typesetting-Machine erwies sich als ein einziges Desaster und wurde endgültig zum Spott, als eine offizielle Testvorführung nach ellenlanger, teurer Herstellungszeit, in die Mark Twain schiere Unsummen investiert hatte, nach wenigen Minuten in einem Wirbel durcheinanderfliegender Typen endete, bis die Maschine, gebrochen und heillos verkantet, jegliche weitere Bewegung einstellte. Und diese beiden Investitionskatastrophen wurden drittens immens verschlimmert durch die große amerikanische Wirtschaftsdepression, die im Frühjahr ausgebrochen war und das gesamte Land in eine schwere, lange Krise führte. Die Briefe, die Mark Twain während seiner Zeit in München und anschließend in Tölz-Krankenheil schrieb, haben wenig Zeit und keinen Blick für landschaftliche Schönheiten oder bayerische Gepflogenheiten, sie sind bestimmt von unmittelbarer Panik und düsteren Blicken in die Zukunft.

»Noch nie in meinem Leben war ich derart verzweifelt. Es sieht um uns alles schwarz aus«, schreibt er zum Beispiel in einem Brief Mitte Juli 1893, und später: »Ich kann in diesen Nächten nicht schlafen, ständig plagen mich Visionen des Armenhauses.« Das ist keine Übertreibung, keine Koketterie, sondern nackte, ehrliche Existenzangst. Mark Twain, einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Vereinigten Staaten und verheiratet mit einer Frau aus einer reichen Industriellenfamilie, die ein beträchtliches Vermögen in die Ehe einbrachte, sieht sich allen Ernstes in Gefahr, seinen Lebensabend mit seinen Liebsten in einem Armenhaus verbringen zu müssen. Es ist eine konkrete Sorge und erfüllt ihn mit einem Gefühl der Demütigung. So weit, wie Mark Twain befürchtet, wird es am Ende nicht kommen, aber das kann er zu diesem Zeitpunkt beileibe noch nicht ahnen. Es ist der Finanzmagnat und »Standard-Oil«-Vizepräsident Henry Huttleston Rogers, ein großer Fan seiner Bücher und bald Mark Twains persönlicher Freund, der dessen Finanzen durch eine gemeinsame Kraftanstrengung über Jahre hinweg würdevoll ins Lot zu bringen helfen wird.

Nicht weniger drängend als die finanziellen Nöte sind Mark Twains Befürchtungen, die die physische Fragilität seiner Frau Olivia betreffen. Seit je ist sie kaum belastbar, nun hat ihre Herzschwäche bedenklich zugenommen. Die Experten, die sie beide aufsuchen, machen seit geraumer Zeit keine Hoffnung, Olivia habe nicht mehr lange zu leben. Eine Prognose von maximal zwei Jahren steht seit einiger Zeit im Raum, Zeit, die von der Prognose bereits abzuziehen ist. Mark Twain ist außer sich vor Sorge und Bestürzung.

Freilich wird ihm die bayerische Zeit erneut zum Glücksfall. Im Winter 1878/79 hatte er in München seine schwere Schreibkrise überwunden (wovon in diesem Buch in der Einleitung zu »Der gestohlene weiße Elefant« die Rede sein wird). In diesem Sommer 1893 überwindet Olivia auf Jahre hinaus ihren gesundheitlichen Tiefpunkt. Die Diagnose eines Münchner Herzspezialisten, einer Kapazität auf diesem Gebiet, gibt Entwarnung, was die unmittelbare Todesdrohung durch die Herzschwäche angeht. Die Vorhersage, sie habe maximal noch zwei Jahre zu leben, sei übertrieben pessimistisch, ihre Lebenserwartung könne durchaus völlig normal sein. Der Arzt verordnet eine Kur in Tölz-Krankenheil, das der ideale Ort sei, Olivias Zustand zu bessern und ihre Konstitution zu kräftigen.

Fünf Wochen bleiben Mark Twain und Olivia dort, zeitweise besucht von ihren Töchtern, und als sie am 21. August aus Tölz-Krankenheil abreisen, hat Olivias Tatkraft geradezu wundersam zugelegt. Fast zehn Jahre wird es dauern, bis sie erneut von schweren Herzproblemen angegriffen wird. Und als sie im Juni 1904 stirbt, erinnert sich Mark Twain an die Zweijahresprognose zurück und stellt fest, dass seit damals elf Jahre vergangen seien – immerhin hat Olivia ein gutes Jahrzehnt länger gelebt als damals befürchtet.

Von diesen drei Besuchen Mark Twains in Bayern legen seine folgenden Texte Zeugnis ab. Vieles darin liest sich, mit einer leichten Drehung, durchaus heutig und zeigt, dass die Welt sich weniger rasch ändert, als gemeinhin behauptet wird – neu angestrichene Kulissen erzeugen noch kein neues Spiel. Man liest Mark Twains Kommentar zu etwas, das er als einen frühen Ansatz eines Überwachungsstaates wahrgenommen haben könnte, und entdeckt Ähnlichkeiten zu aktuellen Argumenten. Man erkennt im Vergleich zwischen bayerischen und amerikanischen Zeitungen – der sehr zu Ungunsten der bayerischen und überhaupt deutschen ausfällt – eine Parallele zur Attraktivität deutscher oder amerikanischer Internetseiten. Und man findet zeitlose, bissig-launige Bemerkungen zum Beispiel zur Liebe jener Kreatur, die sich gerne als »homo sapiens« bezeichnet sieht, zu unverdient erlangtem Vermögen. Manches aus dem 19. Jahrhundert mag uns heute verstaubt erscheinen, Mark Twains Werk ist es gewiss nicht.

Mark Twains exzellenter Biograf Justin Kaplan sprach übrigens von einer Art »Liebesaffäre zwischen Mark Twain und Deutschland« und stellte fest, Mark Twain habe sich bis ins Alter freudvoll an »Bavarian Gemütlichkeit and Lebkuchen« zurückerinnert. Die folgenden Texte, die vom Herausgeber neu oder erstmals ins Deutsche übersetzt wurden, erzählen warum.

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»Geborn 1835; fünf Fuss achteinhalb inches hoch; weight doch aber about 145 pfund, sometimes ein wenig unter, sometimes ein wenig oben; dunkel braun Haar und rhotes Moustache, full Gesicht, mit sehr hohe Oren und leicht grau practvolles strahlenden Augen und ein Verdammtes gut moral character. Handlungkeit, Author von Bücher.«

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Launiges Selbstporträt Mark Twains, das er seinem Freund Bayard Taylor schickte.

PENSION DAHLWEINER

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»Wir halten das Allerbeste von Fräulein Dahlweiner und würden nirgends anders in München mehr wohnen wollen als unter ihren mütterlichen Fittichen.«

Mark Twain am 2. Dezember 1878 in einem Brief an seine Schwiegermutter Olivia Lewis Langdon.

Einleitung

Es war alles andere als ein Zufall, dass Mark Twain und seine Familie Mitte November 1878 ihre Quartiere in der Pension von Caroline Dahlweiner bezogen, und ihre Räume waren lange im Voraus gebucht worden. Mark Twains Schriftstellerkollege und Freund Charles Dudley Warner – gemeinsam schrieben sie den Roman »Das vergoldete Zeitalter« – und seine Frau Susan hatten bereits in der Pension Dahlweiner in München gewohnt und sie Mark Twain, als dieser seine Europareisepläne schmiedete, empfohlen. Nach dem Besuch der Warners war das herzliche Verhältnis zwischen Susan und Caroline Dahlweiner auch über den Ozean hinweg bestehen geblieben und beide verband eine allerdings unregelmäßige Korrespondenz. Susan Warner erbot sich, die Formalitäten zu klären, und so reservierte sie die Zimmer, zehn Monate vor Mark Twains Eintreffen, im Januar 1878.

Der Grund seinerseits, dass die Warners bei Caroline Dahlweiner gewohnt hatten, lag in der Tatsache, dass diese in der literarischen Welt der Vereinigten Staaten zwar keine Berühmtheit, freilich doch auch keine Unbekannte war. Wie kann eine Münchner Pensionswirtin, die weder Bücher schrieb, noch journalistisch tätig war, noch überhaupt in irgendwelchen Kulturkreisen verkehrte, zu einer Bekanntheit unter Autoren und Lesern ausgerechnet im fernen Amerika geworden sein?

Des Rätsels Lösung: Caroline Dahlweiner war die Protagonistin eines erzählerischen Berichts der amerikanischen Schriftstellerin Helen Hunt geworden, die später den Namen ihres zweiten Ehemannes annahm und als Helen Hunt Jackson ihren größten Erfolg mit dem 1884 erschienenen Roman »Ramona« erlebte. Helen Hunt besuchte 1869 München und nahm durch bloßen Zufall Unterkunft in Caroline Dahlweiners Pension. Die beiden Frauen mochten sich auf Anhieb, bewahrten ihre Freundschaft und als Helen Hunt daranging, ihre Reise schriftstellerisch umzumünzen, wurde ein besonders leuchtender und an den Anfang ihres 1872 veröffentlichten Buchs »Bits of Travel« gestellter Teil ihrer Erinnerung jener an die Zeit in der Pension und an ihre anschließenden kurzen gemeinsamen Abenteuer in Nürnberg und auf der Weiterfahrt nach Rotterdam.

Das Erscheinen dieser Erzählung machte in den USA einigen Eindruck, man las die Erlebnisse und Lebenswege Caroline Dahlweiners dort mit großer Sympathie und vor allem ergab sich, dass als Folge fortan amerikanische Schriftsteller und Literaten, wenn sie nach München reisten, gezielt Caroline Dahlweiners Pension wählten.

Gelegentlich liegen ja besonders schöne oder wertvolle Steine einfach so am Wegesrand und es lohnt sich, sie aufzuheben. Was an dieser Stelle getan wird, denn obwohl dies ein Buch von und über Mark Twain ist, wird im Folgenden als Ergänzung und Beleuchtung der guten Erfahrungen, die die Familie Clemens mit ihrer Pensionswirtin machten, ein repräsentativer Ausschnitt aus Helen Hunts Text eingefügt. Wenn die Clemens Caroline Dahlweiner nicht ebenfalls derart ins Herz geschlossen und ihre Begeisterung über ihr Pensionsfräulein nicht schriftlich niedergelegt hätten, es gehörte nicht hierher. Da sie jedoch ein echter Teil all jener Gründe war, warum sich Mark Twain und sein Anhang so wohl in München gefühlt haben, passt dieses Porträt in den Zusammenhang, lässt durch die Schilderung ihrer Persönlichkeit das heitere Leben in der Pension Dahlweiner plastisch werden und liefert uns heute Einblicke in eine interessante bayerische Frauenbiografie.

»Eine deutsche Gastwirtin« ist eine leicht gekürzte Fassung des ersten Teils von Helen Hunt Jacksons »A German Landlady«, dessen zweiter Teil Caroline Dahlweiners wechselvolle Lebensgeschichte erzählt. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern schlägt sie sich, gebeutelt von Schicksalsschlägen, aber niemals ihren Mut und ihre Fröhlichkeit verlierend, als Kindermädchen und Kleidermacherin in Augsburg, später als Verwalterin eines heruntergekommenen und unter ihr aufblühenden Bauernhofs im Starnberger Land durch, bevor sie nach Streitigkeiten mit dem Besitzer und einer unglücklichen, gleichwohl rührenden Liebesbeziehung nach München geht und ihre Pension eröffnet. Auch dieser zweite Teil ist eine empfehlenswerte Lektüre. Da er aber in keinem Zusammenhang mehr zum Verständnis des Wohlbefindens steht, das Mark Twain und seine Familie in der Obhut Caroline Dahlweiners in München verspürten, sei der interessierte Leser auf Helen Hunt Jacksons »Bits of Travel« verwiesen.

Caroline Dahlweiner erscheint bei Helene Hunt in leichter namentlicher Abwandlung als Fräulein Hahlreiner. Bei dem in Helen Hunts Text erwähnten »Renan«, über den die beiden Frauen debattieren, handelt es sich um den französischen Historiker und Religionswissenschaftler Ernest Renan, dessen Hauptwerk »Das Leben Jesu« einige Jahre zuvor erschienen war.

»Ihr gebrochenes Englisch erschien mir die reizendste, komischste, beredteste Sprache, die ich je gehört habe«, schreibt Helen Hunt über Caroline Dahlweiner, und die Autorin gibt in ihrem Text zahlreiche Beispiele dafür, die in der Übersetzung ins Deutsche natürlich verlieren würden. Deshalb wurden im Folgenden in Caroline Dahlweiners wörtlicher Rede besonders hübsche Passagen im Original belassen und die Übersetzung in eckigen Klammern nachgestellt.

Caroline Dahlweiners vergnügliches Kauderwelsch-Englisch unterhielt auch Mark Twain und seine Familie und in der Pension muss eine angenehme und höchst erfrischende Sprachverwirrung geherrscht haben, denn die kleine Familienreisegesellschaft hatte sich samt und sonders vorgenommen, den langen Aufenthalt in München zu nutzen, um ausgiebig Deutsch zu lernen. Nun ja, bei den Kindern Clara und Susy ist es nicht unbedingt ein spontaner eigener Entschluss gewesen, gewisse pädagogische Einflüsterungen der Eltern sollen stattgefunden haben.

Mark Twains begeisterte Äußerungen über Caroline Dahlweiner sind seinen Briefen entnommen und im Folgenden zu einer kleinen Collage zusammengestellt.

Pension Dahlweiner

Mark Twain
München, Deutschland
Karlstraße Nr. 1a, 2ter Stock

17.11.1878

Mein lieber William [Dean Howells],

wir sind vorgestern Nacht hier angekommen, reichlich übermüdet: eine achtstündige Fahrt von Rom nach Florenz; dort machten wir einen Tag und zwei Nächte Pause; dann fünfeinhalb Stunden nach Bologna; eine Nachtruhe; dann ging’s von Mittag bis 22:30 Uhr weiter nach Trent ins österreichische Tirol, wo das in Verwirrung gesetzte Hotel unsere Nachricht nicht erhalten hatte, so dass mein Reisetrupp zu dieser elenden Stunde und in dieser Schneeregion in feuerlosen Räumen bibbern musste, während die Betten gemacht und vorgewärmt wurden; dann Aufstehen um sechs Uhr morgens und einen würdigen Blick auf Schneegipfel geworfen, die im vollen, hellen Mondlicht glitzerten, während die Gehilfen vom Hotel für uns faul ein Frühstück in einem öden Raum dunkel flackernder Kerzen derangierten; dann eine kräftige zwölfstündige Fahrt durch die herrlichsten Schneelandschaften und schneebedeckten Wälder; und um sieben Uhr abends fuhren wir bei Nieselregen und Nebel vor dem Domizil vor, das für uns zehn Monate zuvor reserviert worden war. München schien der furchtbarste, der ödeste, der unerträglichste Ort zu sein! – und die Zimmer waren so eng, der Komfort so dürftig und die Porzellanöfen derart abschreckend, gespenstisch, düster, hässlich! Verzweifelt setzten sich Livy und Clara nieder und weinten, und ich stahl mich in ein abgeschiedenes Eckchen, um zu fluchen. Einer nach dem anderen zogen wir uns in unsere schmalen deutschen Betten zurück; und als Livy und ich unser Gespräch quer durch den Raum beendet hatten, war es eine beschlossene Sache, dass wir uns vierundzwanzig Stunden ausruhen würden, dann an Schadensbeitrag zahlen, was immer verlangt werde, um anschließend geradenwegs nach Südfrankreich zu flüchten.

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Mark Twain, 1879 oder 1880

Aber wie sich herausstellte, lag das alles schlicht an der Erschöpfung. Am nächsten Morgen verliebten wir uns alle in die Zimmer, in das Wetter, in München und Hals über Kopf in Fräulein Dahlweiner. Wir bekamen ein weitaus größeres Wohnzimmer – ein richtig weiträumiges –, machten zwei aneinander grenzende Schlafräume mit Verbindungstür zu einem einzigen für die Kinder, und jetzt ist uns vollkommen behaglich zumute. Die einzige Befürchtung ist jetzt, dass das Klima der Gesundheit der Kinder abträglich sein könnte – in diesem Fall müssten wir nach Frankreich weiterreisen, aber es wäre mit dem schwersten Bedauern.
Gestern Abend war jegliches Gefühl der Verlorenheit verschwunden; also versammelten wir uns nach dem Abendessen um die Lampe, hatten unser Bier und ich meine Pfeife, wir befanden uns in einer Stimmung dankbarer Wohligkeit und nahmen die neuen Magazine in Angriff. Ich las deine neue Geschichte laut vor, unter tosendem Applaus.

Meine Frau und ich senden Grüße an alle

Immer dein

Mark

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Lieber Joe [Joseph H. Twichell],

ich habe ein Arbeitszimmer gefunden, anderthalb Kilometer von hier, und bin bereit, ans Werk zu gehen.
Richte den Warners aus, dass wir hier herrlich untergebracht sind und uns in das Fräulein verliebt haben. Wir bekommen hier das allerbeste Essen (und die größte Vielfalt), die wir je in Europa kennengelernt haben. Ich habe einen dermaßen großen Appetit, wie du ihn im Hotel du Soliel in Vispach hattest. Das ist eine entzückende Neuerung. Das Essen ist ausnahmslos so gut, wie es nur sein kann, und das Mädchen, das es aufträgt, hat derart viel Erde an den Händen, dass man es auf kurze Entfernung von einem Acker kaum unterscheiden kann.
Den Kindern geht es gut – derart gut, dass es kaum möglich ist, ihren schrecklichen Lärm zu ertragen. Die Ofenhitze hier setzt Livy mit Kopfschmerzen zu, aber sonst ist sie wohlauf, Clara ebenso.

Beste Grüße an dich, deine Familie und Freunde

Mark

***

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Mark Twains Freund Joseph Twichell

Liebe Schwiegermutter [Olivia Lewis Langdon],

ich flüstere dir vertraulich und verschwiegen ins Ohr, dass unser Quartier hier nicht paradiesisch ist – oder es zumindest nicht war, als wir hier ankamen. Der Eingang zur Straße ähnelte dem einer Scheune, und wenn man die Treppen erstiegen hatte, lagen die Flure in solcher Dunkelheit, dass man keine zwei Meter weit sehen konnte – und puuh! wie es in ihnen nach den Toiletten roch! – und wie kalt und zugig sie waren! Das Tischtuch war niemals sauber. Einmal hab’ ich ein Zimmermädchen ein großes Weiß-nicht-was (das etwas von Livys wertvollen Glaswaren obenauf hatte) umkippen sehen, um die Ecke eines Teppichs darunter zu schieben. Unser Schlafzimmerfenster blickte auf einen Hof hinaus, in dem sich alle möglichen Umtriebigkeiten versammelten. Um fünf Uhr in der Frühe wurde dort Holz gesägt und gehackt; um sechs Uhr begann ein Berufsteppichklopfer, seinen Rhythmus hinzuzufügen; um sieben kamen zur Verstärkung mehrere Kesselschmiede hinzu – stell dir bloß diesen ganzen Lärm auf einmal vor! In der allerersten Nacht, als ich mich zum Schlafen ins Bett fallen ließ, entdeckte ich, dass es meinen Lieblings-Hassgegenstand im Haus gab – eine Kuckucksuhr. (Im Haus, in dem ich schreibe, gibt’s ebenfalls eine.) Clara Spauldings Bett ist zweimal eingebrochen. Ihr Fensterrollo muss auf einer Stufenleiter hochgezogen werden und auf gleiche Weise wieder herunter. Zu unserem Morgenlärm gesellte sich bald (in der Eingangshalle) das Bellen eines Spitz-Hundes um sieben Uhr dreißig. Tatsache ist, dass es nur eine Sache gab, in die wir ein festes und unverbrüchliches Vertrauen setzten, und das war unser freundliches, junges, farbiges Mädchen, das uns am Tisch bediente. Aber sieh mal an, vorgestern fiel es in die Zisterne, und die ganze Farbe ging ab.

Jetzt bitten wir sie jeden Tag hineinzufallen. Wir haben jetzt saubere Tischtücher. Claras Bett und Fensterrollo sollen heute repariert werden. Den Spitz habe ich für heute Abend zum Essen eingeladen und morgen wird er mehr über das süße Nach-und-Nach wissen als heute.

Liebe Mutter, du siehst, es geht uns gut. Wir sind zufrieden und reichlich glücklich. Wir halten das Allerbeste vom Fraulein und würden nirgends anders in München wohnen wollen als unter ihren mütterlichen Fittichen.

Alles Liebe an dich und alle anderen zuhause

Samuel

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Mark Twains Ehefrau Olivia
Langdon Clemens

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Die Schriftstellerin Helen Hunt Jackson in späteren Jahren.

Eine deutsche Gastwirtin

Es war eine jener Vorherbestimmungen, die die Menschen »glückliche Zufälle« nennen, die dazu führte, dass ich Fräulein Hahlreiner kennenlernte. Eine leichthin gestellte Frage an eine Zufallsbekanntschaft während einer Bahnreise, und einen Augenblick später war jener Name ausgesprochen, der mir nun ewig im Gedächtnis bleiben und das Bild der besten, liebsten und fröhlichsten Gastwirtin in ganz Deutschland vor Augen stellen wird.

Zwei hohe Treppenfluchten, wie sie sonst lediglich die Opfer der Monarchie zu erklimmen bereit wären, plagten wir uns hinauf, bis wir sie fanden. Eine Brise guter Laune empfing uns schon beim ersten Öffnen der Tür.

»Ist Fräulein Hahlreiner da?«

»I am she [Das bin ich]«, kam es lachend aus breiten, roten Lippen hervor, und ein Zwinkern lag in ihren hübschen braunen Augen. Die Zimmer waren genau, wie wir sie wünschten. Wer hätte, als wir traurig aus dem geliebten Tirol abreisten, glauben mögen, dass mitten im Herzen von München genau die Betten, sonnigen Fenster, belebten Wohnzimmer warteten, die zu uns passten?

Es bedurfte nur weniger Worte, um alles abzumachen, und weniger Stunden, um einzuziehen. Binnen eines Tages fühlten wir uns ganz wie zuhause, und das runde, mütterliche Fräulein verstand uns, als hätte es uns bereits in der Wiege umsorgt. Wie ihre Anwesenheit das ganze Stockwerk erfüllte! Sie besaß dreizehn Zimmer. Ein deutscher Baron mit Frau und zwei Kindern, denen er zwölf Stunden am Tag etwas vorpfiff, -schrie und -sang wie ein riesiger Bobolink auf einer Wiese, hatte einige der Zimmer. Zwei geheimnisumwitterte Frauen aus Ungarn, die verschwiegen, würdevoll und ruhig waren und Abenddiners gaben, lebten in der Eckseite, und wir hatten den gesamten Rest, abgesehen von Küche, Speisekammer und Schlafzimmer des Fräuleins.

Es ist wundervoll, wie rasch es völlig natürlich erscheint, wenn Wohnzimmer und Küche einander gegenüberliegen, unbekannte Nachbarn auf der anderen Seite der Schlafzimmerwand leben, das Geschirr auf dem Dielentisch gespült wird und man Kohlen und Menschen durch dieselbe Tür hereinkommen sieht. Wenn wir dies in New York zustande brächten, gäbe es weniger Todesfälle vor lauter Anstrengung, etwas daherzumachen.

Kein Künstler hat je eine Fotografie von Fräulein Hahlreiner aufgenommen, und ich kann es leider auch nicht tun. Was ich sagen kann ist, dass sie etwa 1.70 m groß war und dick in einem Ausmaß, das Rubens so gerne gemalt hat; sie war zweiundfünfzig Jahre, sah aber nicht älter aus als vierzig; sie hatte haselnussbraune Augen, die ständig lachten, eine hohe, helle Stirn, zwei Grübchen in ihrer linken Wange, die niemals stillstanden, und Haar, das so lebendig war wie ihre Grübchen, zu lang, um kurz genannt zu werden, zu kurz, um lang genannt zu werden – und immer wogte es nach hinten in der Luft, wenn sie auf einen zukam; zu wichtigen Gelegenheiten ließ sie sich beim Friseur Löckchen machen – die einzige Eitelkeit, die ich je beim Fräulein festgestellt habe; freilich waren sie so kurzlebig, dass man ihr ihre kleine Schwäche gleich wieder vergab, die Löckchen hielten niemals länger als zwei Stunden. Trotz ihrer Beleibtheit war ihr Gang elastisch und leichtfüßig, und ihre Hände und Füße waren wohlgeformt; ihr gebrochenes Englisch erschien mir die reizendste, komischste, beredteste Sprache, die ich je gehört habe. Unser Mittagessen kochte sie uns um zwei, um fünf ging sie für uns oder mit uns einkaufen, um acht löste sie bei uns durch allerlei unerwartete Possen oder drollige Geschichten Lachstürme aus, und zur Schlafenszeit wickelte sie uns mit einem herzlichen »Gute Nacht. Schlafen Sie gut!« in die Bettdecken ein. Aber indem ich das erzähle, berichte ich doch nur äußerliche Wahrheiten, und noch immer habe ich den Charme der Atmosphäre, die von unserem lieben Fräulein und allem, was sie tat und sagte, ausging, nicht hinreichend beschrieben,

Die Tage in München verflogen allzu rasch – Tage in der Pinakothek, Tage in der Glyptothek, Tage in der Kunstausstellung mit ihren zweitausend Bildern. Wir waren in den Kopf der Statue der Bavaria geklettert, hatten in Nymphenburg die Königsgemächer durchstöbert, hunderttausend Menschen auf der Theresienwiese versammelt gesehen und wie der König die Preise beim Pferderennen übergab – und nun rückte der Tag näher, an dem wir München und einander verlassen mussten.

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Bavaria mit Ruhmeshalle, 1860–80

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Glyptothek um 1890

Meine Route führte nach Norden – via Nürnberg, Rhein, Rotterdam nach London. Seit Tagen hatte ich vergeblich nach einer Reisebegleitung gesucht, die mit mir bis Rotterdam kommen würde. In dieser Krisensituation appellierte ich an das Fräulein.

»Liebes Fräulein, warum kommen Sie denn nicht mit mir nach Rotterdam?«

»O my dear lady, you make me go to be like fool to think of so nice journey [Oh, gnädige Frau, Sie machen mich ja ganz narrisch auf eine solche schöne ...

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