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Mein zauberhafter Buchladen am Ufer der Seine

Über Rebecca Raisin

Rebecca Raisin ist eine wahre Bücherliebhaberin, und sie war schon immer verrückt nach guten Geschichten – vor allem natürlich nach Liebesgeschichten, die sie mit viel Herz und großem Erfolg schreibt. Mehr unter: www.rebeccaraisin.com

Annette Hahn übersetzte neben Fay Weldon, Susan Choi, Patricia Shaw u. a. »Sex and the City« von Candace Bushnell ins Deutsche.

Informationen zum Buch

Wo liegt das Glück, wenn nicht in Paris?

Buchhandlungen sind magische Orte, an denen manch einer ganz neue Wege für sein Leben zu entdecken vermag. Das zumindest findet die junge Buchhändlerin Sarah. Doch ihr kleiner, aber feiner Laden in der amerikanischen Provinz ist alles andere als eine Goldgrube. Und eine Lösung für ihre komplizierte Beziehung zu ihrem Freund Ridge findet sie hier auch nicht. Als eine Freundin aus Frankreich sie bittet, für eine Weile ihren Buchladen am Ufer der Seine zu übernehmen, zögert Sarah nicht lange. Doch dort erwartet sie alles andere als la vie en rose, und Sarah muss erst die Geheimnisse der französischen Bücherfreunde verstehen, um den unvergleichlichen Zauber von Paris entdecken zu können.

Eine junge Buchhändlerin sucht ihr Glück in einem kleinen Buchladen in Paris – und findet die Liebe …

Rebecca Raisin

Mein zauberhafter Buchladen am Ufer der Seine

Roman

Aus dem Amerikanischen
von Annette Hahn

Kapitel Eins

Oktober

Schweren Herzens stellte ich das Schild ins Schaufenster.

50 Prozent auf alle Bücher

Sollte sich die Lage nicht bald ändern, würde dort demnächst Räumungsverkauf stehen. Der Gedanke ließ mich schaudern. Ich trat hinaus, um das Fenster von außen zu begutachten. Der herbstliche Himmel war in romantischen Lila- und Orangetönen gefärbt, und unter meinen Schuhen knisterten sternförmige Blätter. Meine Buchhandlung hatte Lockangebote bitter nötig – vielleicht würde sie mit deren Hilfe endlich wieder die so dringend benötigten schwarzen Zahlen schreiben. Die Geschäfte liefen schlecht, und zu allem Überfluss war vor kurzem meine Miete erhöht worden. Der Besitzer des Gebäudes setzte mich zunehmend unter Druck, und die zusätzliche Miete strapazierte mein Budget aufs Äußerste. Es musste sich dringend etwas ändern.

Das Telefon klingelte, und ich begann unwillkürlich zu strahlen. Um diese frühe Tageszeit konnte das nur Ridge sein. Obwohl wir schon seit fast einem Jahr zusammen waren, musste ich bei seinem Namen immer noch an die »Blue Ridge Mountains« denken. Aber das passte zu ihm, groß und breitschultrig, wie er war, mit Augen, die mich zum Dahinschmelzen brachten. Natürlich war er mehr als die Summe seiner Teile – mindestens ebenso wie sein Äußeres liebte ich seinen Verstand und seinen Witz. Und das Beste an ihm war, dass ich bei ihm einfach sein konnte, wie ich war.

Dieser Mann war der Held meines wahr gewordenen Liebesromans und sollte am folgenden Tag aus Kanada zurückkehren. Sechs Wochen war es her, seit ich ihn zuletzt gesehen hatte, und ich sehnte mich unsäglich nach ihm.

Ich spurtete in den Laden zurück und ergriff das Telefon: »Bookshop on the Corner

»Das ist die Stimme, die mich glücklich macht«, hörte ich sein unvergleichliches Timbre. Mein Herz machte einen Satz, und sofort sah ich ihn vor mir: mit seinem zerzausten schwarzen Haar und dem schelmischen Blitzen in den blauen Augen.

»Was hast du gerade an?«, erkundigte er sich.

»Das möchtest du wohl gern wissen.« Ich unterdrückte ein Lachen. Anders als wir es anfangs angenommen hatten, lebten wir überwiegend in einer Fernbeziehung, da er als Journalist für seine Geschichten um die ganze Welt reiste. Die Phasen des Getrenntseins machten mir sehr zu schaffen. Zum Glück hatte ich meine Bücher, die mich über meine Einsamkeit hinwegtrösteten.

»Verrat es mir, oder ich muss dich zwingen zu skypen, damit ich es mit eigenen Augen sehen kann.«

Ich blickte an mir hinunter und verzog das Gesicht: schwarze Wollstrumpfhose, schwarzer Bleistiftrock und ein fusseliger blauer Strickpulli, alles uralt. Nicht unbedingt die Antwort, die Ridge sich wohl erhoffte, und auch nicht das Bild, das ich nach so vielen Wochen des Getrenntseins abgeben wollte. »Diese Strümpfe, die du so magst«, antwortete ich also, »und …«

Er knurrte. »Etwa die Strümpfe? Die halterlosen?«

Ich setzte mich auf den Stuhl hinter der Kasse und drehte mit Blick auf meine dicken Wollstrümpfe, die voller Knötchen waren, eine Haarsträhne um den Finger. »Genau die.«

Aus dem Hörer erklang ein Seufzen. »Du machst mich verrückt. Schick mir ein Foto.«

»Nicht so voreilig … Wenn du brav bist, werde ich sie auch morgen Abend tragen.« Ich lächelte. Unsere Wiedersehen waren immer sehr leidenschaftlich. Und das war gut so, denn ich brauchte schon einen ganz besonderen Mann, um mich von meinen Büchern weglocken zu lassen. War er hier, blieben wir immer so lange im Bett, bis einer von uns arbeiten musste. Und diese Tage im Schlafzimmer waren geradezu eine Offenbarung.

Aus dem Hintergrund hörte ich eine Stimme und klingelnde Telefone. Ridge murmelte etwas, ehe er wieder ins Handy sprach. »Also, wegen morgen …«, sagte er, und in seiner Stimme schwang Bedauern.

Ich schloss die Augen. »Du kommst nicht.« Ich versuchte, ein Stöhnen zu unterdrücken, aber es bahnte sich dennoch seinen Weg. Die Verlockung einer tollen Story war stets zu groß, als dass er ihr widerstehen konnte, und in letzter Zeit wurden die Abstände zwischen seinen Besuchen immer größer. Natürlich verstand ich, dass seine Arbeit ihm wichtig war, aber ab und zu brauchte ich ihn bei mir.

Er seufzte resigniert. »Es tut mir so leid. Da läuft eine brandaktuelle Sache in Indonesien, und ich muss hin. Es wird nur ein oder zwei Wochen dauern, dann nehme ich mir länger Urlaub.«

Mit sanftem Schaukeln schwebten draußen ein paar Blätter von der Eiche. Ich war nicht die Art Freundin, die ständig jammerte – in Momenten wie diesem geriet ich allerdings in Versuchung. Genau so etwas hatte Ridge bereits die letzten drei Male gesagt, als er seine Rückkehr verschieben musste. Und dann hatte wieder irgendjemand angerufen und Ridge zum nächsten Einsatzort gebeten.

»Ich verstehe«, erklärte ich bemüht heiter. Manchmal kam ich mir vor wie in einem endlosen Wartespiel. Würde es immer so bleiben? »Nur, dass du es weißt: Heute Nachmittag habe ich noch eine wichtige Verabredung.«

»Oh.« Kurzes Schweigen. »Ich hoffe doch sehr, dass du von einer Verabredung mit einer Romanfigur sprichst.« Sein Ton war leicht und doch von einem Hauch Eifersucht durchzogen. Vielleicht war das Getrenntsein für ihn ja genauso schwer wie für mich.

»Ein ziemlich heißer Romanfreund … nicht ganz so heiß wie mein echter Freund, aber ein passabler Ersatz, bis der wieder da ist.«

»Dieser Ersatz hält dich aber hoffentlich nicht auch die halbe Nacht vom Schlafen ab, sonst muss ich ihn mir vorknöpfen«, drohte er im Spaß, dann fügte er ernster hinzu: »Bald wird es besser, Sarah. Ich sehne mich so sehr nach dir. Aber im Moment, wo ich als Freier arbeite, muss ich einfach alles annehmen, was sich bietet.«

»Ich weiß. Ich fühle mich nur manchmal so verloren. Als hätte jemand ›Pause‹ gedrückt und unsere Beziehung wäre plötzlich zum Stillstand gekommen.« Ich suchte nach den richtigen Worten. »Es ist nicht nur, dass ich dich vermisse – ich verstehe ja, dass das zu deinem Beruf gehört –, es ist einfach … alles. Mein Umsatz schrumpft immer weiter, die Miete wurde erhöht, alle anderen kommen in ihren Jobs und in ihrem Leben voran, nur bei mir gibt es keine Entwicklung.«

An genau diesem Punkt war ich bereits gewesen, als ich Ridge kennenlernte, erst die Begegnung mit ihm hatte mich aus meiner Melancholie herausgerissen. Eine Zeitlang hatte das gereicht. Liebe war schließlich immer eine gute Lösung. Aber abgesehen von der Romantik stagnierte mein Leben, und ich wusste, dass das an meiner Angst vor Veränderung lag. Ich sollte nicht nur ab und zu von meinen Buchseiten aufblicken und vorsichtig ins wahre Leben hineinspähen, ich sollte lieber richtig hineinspringen. Gelegenheiten beim Schopf packen und sie nutzen. Aber wie?

»Du hast eine harte Zeit, in ein paar Wochen wirst du es überstanden haben. Bald komme ich wieder, und ich bin sicher, dass mir etwas einfallen wird, um dich auf andere Gedanken zu bringen …«

Allein die Vorstellung, wie Ridge mich alles außerhalb des Schlafzimmers vergessen lassen würde, heiterte mich auf, doch sobald er wieder weg wäre, brächen die Probleme erneut über mich herein. Was genau wollte ich eigentlich? Meine Freundinnen heirateten und bekamen Kinder. Kauften Häuser und schufen sich ein Heim. Gründeten Unternehmen. Ich dagegen trat auf der Stelle. Natürlich lebte ich eher zurückgezogen und verkroch mich am liebsten im hintersten Winkel meiner Buchhandlung, um zu lesen und hin und wieder ein paar Kunden zu bedienen. In unserer Kleinstadt in Connecticut gab es nun einmal nicht viel zu erleben, und der ruhige und friedliche Gang der Dinge hier war … eigentlich in Ordnung. Aber genau darum ging es: Ich merkte, dass »in Ordnung« mir nicht mehr reichte. Ich hatte Angst, das Leben würde an mir vorbeigaloppieren, weil ich zu feige war, die Zügel in die Hand zu nehmen.

Das war eine ziemlich schwammige Vorstellung davon, was mit mir los war, und ich beschloss, sie Ridge vorzuenthalten, bis ich mehr Klarheit hatte, was ich vom Leben wollte. »Ich hoffe, du weißt, dass du keinen Schritt vor die Tür setzen wirst, wenn du wieder hier bist. Das Telefon wird abgestellt, Computer bleiben ausgeschaltet, und das Bett verlassen wir nur, wenn ich meinen Lebensunterhalt verdienen muss.«

»Wie wäre es, wenn ich mich um den Lebensunterhalt kümmere?«, meinte er. »Dann müssten wir das Bett überhaupt nicht verlassen.«

»Leere Versprechen, wie immer«, erwiderte ich und hoffte, diese kribbelnde Begierde zwischen uns, die süße Qual ahnungsvoller Erwartung würde nie versiegen.

»Ich muss los, Süße. Ich ruf dich heute Abend noch mal an, falls es nicht zu spät wird.«

»Ruf auf jeden Fall an. Sonst kann ich nicht dafür garantieren, dass dieser Romanfreund deine Freundin in Ruhe lässt.«

»Warum bin ich jetzt eifersüchtig auf eine fiktive Figur?« Er lachte. »Okay, bis heute Abend. Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch.«

Er legte auf, und mit dem Wissen, dass ich ihn nicht wie geplant am nächsten Tag sehen würde, fühlte ich mich schlagartig einsam. Ich versuchte, das Bild von Ridge aus meinem Kopf zu verbannen.

Auf der Straße erwachte das verschlafene Ashford nach und nach zum Leben. Die Schilder in den Ladentüren wurden auf Geöffnet gedreht, die Eingangsstufen gefegt, und immer mehr Passanten spazierten an meinem Schaufenster vorbei. Manch einer würde vor der dunstigen Oktoberkälte in meine Buchhandlung fliehen und – die Hände um einen dampfend heißen Teebecher geschlungen – den Morgen in einer der gemütlichen Ecken zwischen neuen und antiquarischen Büchern sitzen und lesen. Ich tat alles, damit Kunden sich bei mir wohl fühlten. Gemütlichkeit war für mich der Schlüssel, denn was brauchte man für einen schönen Tag anderes als ein gutes Buch und ein warmes Getränk? Die Sessel und Leseecken waren mit vielen Kissen ausstaffiert, und auch sonst waren alle Voraussetzungen für angenehme Stunden in meinem Laden gegeben.

Mit dem Staubwedel in der Hand spazierte ich durch mein Geschäft und kitzelte die Buchrücken. Ich bin sicher, dass sie, sobald ich mich umdrehte, einander zuzwinkerten, weil sie es kaum erwarten konnten, dass der Tag begann und die Sonnenstrahlen wie träge Finger über sie hinwegwanderten, bis eines wie im Scheinwerferlicht aufleuchtete und einer Kundin oder einem Kunden zeigte: Hier wartet das richtige Buch für dich!

Was, wenn ich den Laden tatsächlich schließen müsste, wie es in letzter Zeit so vielen Geschäftsinhabern in unserer Stadt passierte? Mir wurde mulmig bei der Vorstellung, dass die Menschen irgendwann nicht mehr in echten Buchhandlungen herumstöbern würden. War es nicht viel schöner, in einem gemütlichen Umfeld nach dem passenden Roman zu suchen als im Internet? Man konnte mit den Fingerspitzen über Buchrücken fahren, den herrlichen Geruch alter Schmöker einatmen, sie aufschlagen und eselsohrige Seiten glattstreichen. Jemandes Notizen am Rand lesen oder eine markierte Passage und überlegen, warum dieser bestimmte Satz oder jene Metapher den vorigen Besitzer hatte aufmerken lassen.

Gerade antiquarische Bücher trugen so viel in sich, hatten eine Vergangenheit. Sie waren in Flugzeugen zu sonnigen Stränden gereist oder in dichtgepackten Rucksäcken auf hohe Berge mit dünner Luft getragen worden. Manche waren über duftende Badewasser gehalten worden und hatten sich beim Gelesenwerden mit Feuchtigkeit vollgesogen. Andere zeigten kindliche Kritzeleien auf der Seite der Danksagung, wo kleine Finger nach einem freien Platz gesucht hatten, um bunte Spuren zu hinterlassen. Dann gab es die eher jungfräulichen Bücher, die vorsichtig gelesen worden waren, mit Lesezeichen, als hätte der Besitzer die Seiten nur so weit aufgeschlagen, dass er den Inhalt gerade eben erkennen konnte, um seinen Schatz nicht zu beschädigen.

Ich liebte sie alle.

Und es fiel mir schwer, mich von ihnen zu trennen, auch wenn ich mich in den vielen Jahren meines Buchhändlerinnendaseins eigentlich daran hätte gewöhnen müssen.

Was das anging, hielt mich Missy, meine beste Freundin, für komplett durchgedreht. Sie war der Meinung, ich verbrächte viel zu viel Zeit in meinem »düsteren« Laden und das auch noch allein und mit der »spinnerten Idee«, die Bücher würden mit mir kommunizieren. Aber das dachte ich manchmal tatsächlich.

Der Wind draußen wurde stärker, ergriff einen Schwung Blätter und wirbelte sie in Wellen die Straße hinunter. Ich rieb zum Warmwerden meine Hände aneinander, ging ins Lesezimmer und legte etwas Holz nach. Mit jedem Tag wurde es kälter, und das Knistern und Glimmen der glühenden Scheite war ein wunderbares Geräusch, tröstend wie eine Umarmung.

Die Bücherstapel im Lesezimmer waren nicht für den Verkauf bestimmt – jeder, der wollte, konnte darin blättern und lesen. Hier befanden sich meine Lieblingsbücher, von denen ich mich auf keinen Fall trennen wollte. Der Großteil stammte aus dem Nachlass der verstorbenen Frau eines Kunden, und diese Frau schien meine Vorlieben haargenau zu teilen, so dass es mir vorkam, als wäre sie noch zugegen. Ihre Büchersammlung, ein so wichtiger Teil ihres Lebens, lebte weiter, lange nachdem sie schon nicht mehr existierte.

Ich ging wieder nach vorn, wo Lil, meine Freundin aus dem Gingerbread Café gegenüber, mir von der anderen Straßenseite zuwinkte. Beim Anblick ihres voluminösen Babybauchs musste ich schmunzeln.

»Mach endlich Pause, du musst dich entspannen«, rief ich ihr zu. Das Kind konnte jeden Tag kommen, aber Lil bestand darauf, so lange wie möglich zu arbeiten. Für uns alle waren die Geschäfte schon einmal besser gelaufen, daher wollte Lil ihr Café vor ihrer Babypause noch ein wenig umgestalten. Ihre Angestellte CeeCee nannte das »Nestbau«.

Lil warf ihre langen blonden Locken über die Schulter. »Wenn ich noch entspannter wäre, würde ich schlafen. Und wie willst du ohne deine tägliche Ration Schokolade überleben?«

»Stimmt«, pflichtete ich ihr bei. »Sobald mein Magen sich meldet, komme ich rüber.« Genau gegenüber dem Café zu arbeiten war bisweilen die reinste Qual für mich, weil mir ständig der Duft heißer Schokolade oder frisch gebackener Hefekuchen in die Nase wehte. Oft trugen mich meine Beine fast von allein über die Straße, wo ich dann in eines der Sofas sank und mit allen nur vorstellbaren Köstlichkeiten versorgt wurde. Die Frauen aus dem Café waren mir wunderbare Freundinnen und versetzten mir nicht selten den metaphorischen Tritt in den Hintern, wenn sie fanden, dass ich die Behaglichkeit meines Ladens verlassen und mich etwas Neuem stellen müsse – wie zum Beispiel der Liebe.

Als ich Ridge kennenlernte, konnte ich nicht begreifen, was ein erfolgreicher Journalist aus New York an einer Frau aus der Provinz wie mir finden könnte. Nicht, dass ich mich nicht für gut genug gehalten hätte, aber unsere Lebenswelten lagen meilenweit voneinander entfernt, und jemand wie er war in Ashford eine Seltenheit.

Meine Freundinnen hatten das nicht so gesehen und mich ihm wortwörtlich in die Arme geschubst, besser gesagt, zwischen die Beine. Was mir hochnotpeinlich gewesen war. Meine Freundinnen hatten den Abend organisiert, einschließlich des Schubsers von Lil, nach dem ich höchst unelegant auf Rigde zustolperte und vor ihm auf den Knien landete. Mir stockte der Atem, denn er trug zur tiefsitzenden Hose einen relativ kurzen Pulli, und ich hatte ausreichend Gelegenheit, seine wohlgeformten Bauchmuskeln zu bewundern. Meine Lippen waren nur noch zwei Zentimeter von seinem gebräunten Körper entfernt, als er mich auffing und wieder aufrichtete, sonst hätte ich womöglich noch der Versuchung nachgegeben, an ihm zu lecken, um zu erkunden, wie er schmeckte. Solche Gedanken können nur einer Frau kommen, die zu viele Liebesromane liest.

Die Erinnerung daran treibt mir noch immer die Röte ins Gesicht – es war mir so gar nicht ähnlich gewesen. Lils lautes Lachen holte mich in die Gegenwart zurück. »Dann bis nachher! Ein Schokoladensoufflé mit deinem Namen wartet auf dich.«

»Du würdest auch den Teufel in Versuchung führen.« Ich zwinkerte ihr zu und kehrte in die Wärme meines Buchladens zurück.

Aus meinem Laptop machte es pling – und ich spurtete hinüber, um zu sehen, wer mir geschrieben hatte. So spannend war mein Leben, dass eine simple E-Mail ausreichte, mich in Aufregung zu versetzen.

Sales@littlebookshop.fr

Sophie, eine Freundin in Paris. Ihr gehörte das Once Upon a Time, eine bekannte Buchhandlung am Ufer der Seine. Sie hatte vor einer Weile etwas in meinen Buch-Blog geschrieben, und danach hatten wir uns angefreundet und uns über Freud und Leid des Buchhändlerinnendaseins ausgetauscht. Sophie war so sympathisch wie charmant, und sie schätzte die Magie und Heilkraft der Bücher ebenso wie ich.

Ich öffnete die Mail und las.

Ma chérie,

ich kann keinen Tag länger in Paris bleiben. Manu hat mir nicht einfach das Herz gebrochen – er hat es mir aus dem Leib gerissen und ist darauf herumgetrampelt. Jeder Tag scheint endlos, und ich kann kaum noch atmen. Er geht an meinem Laden vorbei, als wäre nichts gewesen. Ich möchte Dir einen Vorschlag machen. Ruf mich bitte so schnell wie möglich an.

Alles Liebe
Sophie

Die arme Sophie. Ich hatte schon viel von dem umwerfenden jungen Mann gehört, der regelmäßig in ihren Laden kam und berühmte Dichter zitierte. Er hatte Sophies Herz im Sturm erobert, doch schon bald bekam sie den Eindruck, dass er auch anderen Frauen hinterherschielte. Selbst wenn sie Hand in Hand durch die Gassen von Paris spazierten, drehte er nach jeder attraktiven Passantin, die ihnen entgegenkam, den Kopf.

Ich antwortete, sie könne mich über Skype erreichen, und nach wenigen Sekunden erschien Sophies Gesicht auf dem Bildschirm meines Laptops. Sie trug ihre langen kastanienbraunen Haare zu einem Dutt hochgesteckt, ihre Lippen glänzten blassrosa, und dass sie an Liebeskummer litt, war ihr nicht im Geringsten anzusehen.

»Chérie«, sagte sie und nickte mir zu. »Er ist ein Schürzenjäger, ein Casanova, ein …« Während sie nach dem richtigen Wort suchte, brach ihr die Stimme. »Er ist jetzt mit der Frau aus dem Geschäft nebenan zusammen!« In ihren Augen funkelte Wut, doch ihre Miene blieb stoisch.

Ich schnappte nach Luft. »Mit der Blumenhändlerin?«

Sophie schüttelte den Kopf. »Auf der anderen Seite, mit der aus der Fromagerie.« Sie verzog das Gesicht. Ich hatte schon so viel über die Menschen in ihrem Leben gehört, dass ich ihre Nachbarn genau einzuordnen wusste.

»Giselle?«, fragte ich ungläubig. »War die nicht verlobt?«

Sophie lehnte sich vor. »Sie hat ihre Hochzeit abgesagt und der ganzen Welt verkündet, dass mein Manu ihr einen Antrag gemacht hat. Jetzt richten sie ihr neues Haus ein und wollen sofort Kinder …«

Ich schlug die Hand vor den Mund. »Das ist nicht dein Ernst!« Sophie war gut in den Vierzigern und hatte dem deutlich jüngeren Manu ihren Kinderwunsch schon früh unterbreitet, doch der hatte sofort abgeblockt und gesagt, Nachwuchs wolle er auf keinen Fall.

Die Türglocke in ihrem Laden klingelte. Ein Kunde. Sophie setzte ein strahlendes Lächeln auf, drehte den Kopf und sprach in schnellfeuergewehrartigem Französisch mit jemandem außerhalb des Bildschirms. »Die ganze Nachbarschaft tuschelt darüber«, wandte sie sich leise wieder mir zu, »und ich bin natürlich diejenige, die am schlechtesten wegkommt. Die ältere Frau, die von ihrem jüngeren Freund betrogen wurde. Bestimmt lachen alle über mich.«

Ich wünschte, ich könnte sie durch den Bildschirm hindurch in die Arme nehmen. Selbst wenn ihr das Ausmaß ihrer Verzweiflung nicht anzusehen war, konnte sie nicht verhindern, dass Tränen in ihren Augen schimmerten. Ich war empört, dass Manu sie derart abserviert hatte. Sie hatte ihm vertraut und viel für ihn empfunden. »Niemand lacht über dich«, versprach ich ihr. »Bestimmt ziehen sie über Manu her, weil sie wissen, dass er einen großen Fehler gemacht hat.«

»Nein, nein.« Sophie lachte bitter. »Ich stehe da wie ein Idiot. Ich kann es nicht ertragen, wenn er mit ihr durch die Straßen zieht und dann auch noch durchs Schaufenster zu mir hereinschaut, als wollte er es bewusst darauf anlegen, dass ich sie sehe. Das ist so grausam!« Sophie hob eine Hand und wandte sich ab, als erneut jemand mit ihr sprach. Sie sagte »Au revoir!« und drehte sich wieder zu mir, doch die Ladenglocke klingelte erneut. »Ich will dir einen Vorschlag machen, und ich möchte, dass du in Ruhe darüber nachdenkst.« Sie musterte mich eindringlich, winkte ihren Kunden kurz zu, dann drehte sie den Bildschirm noch ein Stück weiter von ihnen weg.

»Und?«, fragte ich und lachte nervös. »Was willst du mir vorschlagen?«

Sie atmete lang und hörbar aus, dann lächelte sie. »Einen Buchhandlungstausch. Du kommst her und kümmerst dich um das Once Upon a Time, und ich übernehme für die Zeit deinen Bookshop on the Corner

Ich riss vor Schreck die Augen auf.

Dass auch Sophie nicht so ruhig war, wie sie schien, verriet eine zitternde Geste ihrer Hand, als sie fortfuhr: »Du hast immer gesagt, wie gern du die Stadt der Liebe besuchen würdest – das wäre die Gelegenheit, ma chère. Dein Französisch ist mehr als ausreichend, um hier über die Runden zu kommen.« Vor Aufregung sprach Sophie immer schneller. »Du würdest mir so viel Kummer ersparen. Ich will irgendwohin, wo mich keiner kennt. Vor allem will ich mich nie wieder verlieben.«

Ich versuchte, bei der letzten Bemerkung nicht zu schmunzeln. Wie oft hatte ich Sophie gegenüber geklagt, dass es in Ashford keine interessanten Männer gab und mein Liebesleben völlig eingeschlafen war, bevor Ridge in die Stadt kam.

»Sophie, ich will dir ja gern helfen, aber mit meinem Laden komme ich kaum selbst zurecht …« Ich zögerte, um Zeit zu gewinnen, und strich mir den Pony aus den Augen. Wie sollte das funktionieren? Wie sollten wir unsere Buchhandlungen gegenseitig führen? Was war mit dem finanziellen Aspekt … mit der ganzen Logistik? Ich hatte nicht nur das Antiquariat, sondern zusätzlich auch einen Online-Shop und war spezialisiert darauf, seltene Bücher aufzutreiben – wie sollte Sophie damit zurechtkommen?

In meinem Kopf wirbelten die Fragen durcheinander, und ich wusste, es würde mir unendlich schwerfallen, meine Bücher zu verlassen. Ich liebte meinen Laden, als wäre er ein lebendiges Wesen, ein allerbester Freund, der immer für mich da war. Außerdem hatte ich mich nie weit aus Ashford wegbewegt, geschweige denn je ein Flugzeug bestiegen … Es war einfach unmöglich.

»Bitte«, flehte Sophie. »Denk darüber nach. Die Details können wir später besprechen, und ich werde sicherstellen, dass es sich für dich lohnt. Du weißt, dass ich gut bin, was Zahlen angeht – deine Umsätze werden bestimmt in die Höhe schnellen.« Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich muss hier weg, Sarah. Du bist meine einzige Chance. Weihnachten in Paris steht doch sowieso auf deiner Liste …«

Meine Liste. Ein hastig bekritzelter Zettel voll mit Dingen, die ich in meinem Leben einmal getan haben wollte – von denen ich mir aber zugleich sicher war, dass ich sie wohl niemals erleben würde. Weihnachten in Paris – mit schneebestäubten Bäumen am Ufer der Seine. Funkelnden Lichterketten am Boulevard Saint-Germain. Grandios glitzernder Weihnachtsbeleuchtung in den Kaufhäusern. Unzähligen Weihnachtsmärkten, die zum Bummeln einluden, natürlich dick eingemummelt in Mütze, Schal und Handschuhe, und Ridge an meiner Seite, während ich nach Schnäppchen jagte … So manchen Tag in meinem Laden hatte ich damit verbracht, in Lebenserinnerungen von Parisern oder Frankreich-Reiseführern zu schmökern und vom Unmöglichen zu träumen.

»Wenn du wüsstest, wie sehr ich hier leide«, fuhr Sophie fort. »Und das liegt nicht nur an Manu, es liegt an allem. Auf einmal habe ich zu nichts mehr Lust – es ist, als hätte jemand den Stöpsel gezogen, und jetzt bin ich leer …« Sie kniff die Augen zusammen, um ihre Tränen zurückzuhalten.

Obwohl ihre Umstände ganz anders waren als meine, befand sie sich letztlich in einer ähnlichen Lebenskrise. Vielleicht würde eine Veränderung, eine neue Umgebung uns beiden tatsächlich helfen. Ihre Vorstellung, meine Umsatzzahlen in die Höhe treiben zu können, war natürlich lachhaft – sie hatte keine Ahnung, wie winzig Ashford war.

»Ein Buchhandlungstausch …«, wiederholte ich, während die Idee allmählich Gestalt annahm. Könnte ich einfach so von heute auf morgen weggehen? Was wäre mit meinen Freundinnen, meinem Leben, meinen Büchern? Meiner Angst vor Veränderung? Und Ridge – was würde er dazu sagen? Fest stand jedoch: In meinem Leben fehlte etwas. Könnte dies die Antwort sein?

Paris. Die Stadt der Liebe. Und eine Stadt der Bücher.

Mit lautem Rums fiel neben mir ein Buch zu Boden, und der aufwirbelnde Staub glitzerte in der Sonne. Ich reckte den Hals, um seinen Titel zu lesen.

Paris: Ein literarischer Reiseführer

War das ein Zeichen?

»Ja«, sagte ich, ohne zu zögern. »Wir machen es.«

Kapitel Zwei

»Du wirst – was?« Missy quietschte und zog die Augenbrauen so in die Höhe, dass ich dachte, sie würde hintenüberkippen. Ein paar Gäste des Gingerbread Café sahen neugierig zu uns herüber. Ich wurde rot, aber Missy warf den Lauschenden einen Blick zu, der sagte, dass sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollten.

Ich biss mir auf die Lippe und hob entschuldigend die Hände. »Es ist irgendwie passiert, ich habe zugesagt. Ja. So einfach war das.« Konnte das tatsächlich ich sein – der introvertierte Bücherwurm, jemand, der stets auf wohltuende Routine setzte? Es brachte mich doch etwas durcheinander, wie sehr mein Plan meine Freundin schockierte, weil er mir so gar nicht ähnlich sah.

»Ich kann nicht fassen, dass du so schnell zugesagt hast.« Missy schüttelte den Kopf, dass ihre braunen Locken nur so flogen. »Aber ich halte das für eine großartige Idee. In letzter Zeit ist dir irgendwie dein gewohnter Enthusiasmus abhandengekommen.« Sie schlug die Beine übereinander und zupfte am Saum ihres Rocks. »Du meine Güte, das kommt überraschend. Du gehst wirklich weg.« Als meine engste Vertraute war für sie der Gedanke, dass ich einen so drastischen Schritt ohne ihren guten Rat entschieden hatte, sicher nicht leicht zu verkraften.

»Eine heiße Schokolade und einen Latte à la Gingerbread für euch. Und jetzt verratet mir, was es mit diesem Getuschel bei euch beiden auf sich hat.« CeeCee ließ sich uns gegenüber aufs Sofa fallen und legte ihre Füße auf der Ottomane ab. »Lil«, rief sie dann. »Komm auch her, es scheint große Neuigkeiten zu geben.« Sie faltete ihre kräftigen braunen Hände über dem Bauch und sah mich erwartungsvoll an.

»Also …« Ich schob eine Haarsträhne hinters Ohr und wartete auf Lil, deren Babybauch so weit hervorstand, dass sie das Tablett darauf hätte balancieren können. Sie gab jeder von uns einen Teller mit Schokoladentrüffeln und Pfefferkuchenmännchen und nahm neben CeeCee Platz.

»Und?« Nun starrte auch sie mich gespannt an. »Was ist los?«

Ich rieb mir das Gesicht und holte tief Luft. »Ich habe einem Buchhandlungstausch mit Sophie in Paris zugestimmt. Es ging ganz schnell … Sie hat mich angeskypt, und ich habe, ohne viel nachzudenken, ja gesagt.«

Zum ersten Mal in ihrem Leben waren meine Freundinnen sprachlos. Ich musste lachen. »Hey, Mädels, ich reise nicht in die Antarktis oder besteige den Mount Everest. Ich fliege nur nach Paris.«

Lil räusperte sich und schien als Erste die Fassung zurückzugewinnen. »Sarah, das ist … einfach – wow! Ich hätte im Leben nicht damit gerechnet, dass du deinen Laden jemals verlassen würdest.« Die Schwangerschaft stand Lil gut, ihr Gesicht wirkte frisch und rosig. Bei meiner Ansage war sie jedoch blass geworden. Dachte sie etwa, ich hätte die falsche Entscheidung getroffen?

Schnell fügte sie hinzu: »Nicht, dass ich es nicht für eine gute Idee halte! Ich finde nur …« Sie brach ab.

»Hier wird sich nie etwas ändern«, erklärte nun CeeCee. »Die Jahre fliegen nur so vorbei, den Tipp gebe ich euch gratis. Es kommt die Zeit, meine Lieben, da muss man sich entscheiden … Also, geh hin und tu, was du tun musst.«

Einige Gäste waren an die Theke getreten und wollten ihre Bestellungen aufgeben, doch die Mädels waren zu schockiert, um es zu bemerken. Ich gab Lil ein Zeichen.

»Eine Minute noch«, rief sie und lächelte entschuldigend.

»Was sagt denn dieser Traum von deinem Mann dazu?« CeeCee bekam einen verträumten Gesichtsausdruck. »Mr Waschbrettbauch … Also, wenn ich vierzig Jahre jünger wäre …« Sie brach ab, und wir kicherten verhalten.

»Cee!«, sagte Lil mit gespielter Strenge. »Könntest du dich bitte zusammenreißen?« CeeCee war Ende sechzig, aber trotz ihrer Körperfülle agil und munter wie eine junge Frau.

»Was?« CeeCee wurde wieder ernst und sah uns an. »Nur weil ich alt bin, heißt das nicht, dass ich Schönheit nicht zu würdigen weiß. Meine Augen funktionieren immer noch wunderbar.«

»Ich glaube, du musst die Anzahl an Schmachtfetzen reduzieren, die du Cee leihst«, sagte Lil zu mir. »Die könnten ihrer Gesundheit schaden.«

Wir lachten lauthals los. »Ich weiß nicht, Lil«, sagte ich. »Im Grunde hat sie ja recht – hässlich ist Ridge wirklich nicht.«

Lil nickte. »Da kann ich dir nicht widersprechen.«

»Und erst mit dir an seiner Seite«, führte Missy mit Blick auf mich weiter aus. »Du siehst sogar französisch aus mit deinem schwarzen Pony und den großen Augen.« Missy hatte ein Talent dafür, Leute aufzubauen. Und selbst wenn sie Paris für eine verrückte Idee hielt, würde sie mich uneingeschränkt unterstützen.

»Stell dir nur vor: ihr zwei Turteltauben in Paris. Dieser Mann ist so in dich verliebt. Ich wette, er macht dir dort einen Antrag … Ihr geht durch die Straßen, dein Haar nass vom Regen, und er sieht dich mit diesen glühenden Augen an …« Missy verlor sich wieder in Phantasien.

Ich lachte. »Gib’s zu, du hast die Bücher, die ich Cee geliehen habe, auch gelesen.«

Missy grinste. »Wer hätte gedacht, dass die so süchtig machen? Aber im Ernst: Ich glaube, dass trotz deiner ruhigen Art ein Feuerwerk in dir schlummert, das endlich explodieren will. Es wird dir guttun, eine Weile an einem Ort wie Paris zu wohnen. Und dieser Mann passt hervorragend zu dir.«

Unsicher lächelte ich Missy an. Es war definitiv zu früh, um an Heirat zu denken, aber natürlich machte ich mir Gedanken über die Zukunft. Erst mit der Zeit war mir klargeworden, wie sehr Ridges Reporterdasein in Kontrast zu meiner eher beschaulichen Lebensweise stand. Ich war glücklich, wenn ich in Ruhe in die Welt meiner Bücher eintauchen konnte. Aber war das mein Problem? Der Grund, dass ich manchmal nicht schlafen konnte? Es lag wohl eher daran, dass ich mich bisweilen fragte, ob ich mich dem echten Leben wirklich stellte. Alle um mich herum hatten Ziele, ob das nun die Familienplanung betraf oder das berufliche Weiterkommen. Und ich zog quasi die Decke über den Kopf und hatte Angst, neue Aufgaben nicht bewältigen zu können. Wie eine Schlafwandlerin war ich bislang durchs Leben gewandert, doch nun wurde es Zeit, aufzuwachen – und den Duft von Croissants zu genießen.

»Ridge lebt sein Leben, und für mich wird es Zeit, herauszufinden, was ich will – abgesehen vom Lesen, sosehr ich das auch liebe.«

Ich war nicht sicher, ob Ridge sich in Ashford auf Dauer wohl fühlen würde. Er war durch und durch New Yorker, liebte neue Herausforderungen und sprintete von einer Story zur nächsten. Bewegte man sich hier in Ashford in diesem Tempo, dachten die Leute, man werde von einer Horde Killerzombies verfolgt. »Du hast dich schon weit von dem Mädchen entfernt, das angestrengt versuchte, unsichtbar zu sein«, lobte Missy in Erinnerung an mein altes Ich. In der Vergangenheit hatte ich eine Reihe von Problemen gehabt, die mit einem Kindheitserlebnis zusammenhingen und wie Steppenläufer neben mir hergeweht waren, bis sie mich irgendwann überrollt hatten. Die Nachwirkungen machten mir gelegentlich noch zu schaffen. Aber es waren genau diese drei Frauen gewesen, die mich trotz meiner Proteste dahin gebracht hatten, mich nicht immer zurückzuziehen. Und das war gut so.

»Das ist wohl wahr. Wir sind stolz auf dich.« Mit einem leisen Stöhnen erhob sich CeeCee von der Couch. »Ich werde mich mal um die Kundschaft kümmern, bevor es hier eine Revolte gibt.«

»Paris wird dir guttun«, bekräftigte nun auch Lil, »und wenn du wirklich dorthin willst, werden wir dich zu hundert Prozent unterstützen.« Ohne CeeCee neben sich war sie in die Sitzkuhle der Couch gerutscht. Sie stemmte sich mit einiger Mühe wieder hoch, zog ein Kissen auf den Schoß und strich gedankenverloren über ihren Bauch. Wehmütig fügte sie hinzu: »Es wird natürlich komisch sein, zum Laden hinüberzugucken und jemand Fremdes dort zu sehen.« Sie schluckte.

Missy zog eine Serviette aus dem Halter und tupfte sich die Augen. »Ich habe schon lange nicht mehr geweint und werde jetzt nicht damit anfangen, also hört gut zu … Wenn du weggehst, wird uns ein Stück aus dem Herzen gerissen. Wir wissen, dass es dir da drüben gutgehen wird. Aber bleib nicht ewig dort, abgemacht?«

Dankbar stand ich auf und nahm sie in den Arm.

»Herrje«, meinte Lil, in deren Augen jetzt tatsächlich Tränen glänzten. »Gebt mir ein Taschentuch.«

CeeCee kehrte zurück. »Da lasse ich euch eine Minute allein, und schon gibt es ein Heulsusenfest.«

Wir setzten uns wieder hin, starrten einander an und brachen in Gelächter aus.

»Und?«, meinte Missy schließlich ganz nüchtern. »Wann wirst du aufbrechen?«

Ich sah zu Boden. »In zwei Tagen.« Das war sehr bald, aber vielleicht war es besser so. Dann hatte ich weniger Zeit, um wegen einer möglichen Fehlentscheidung in Panik zu verfallen.

»Schon übermorgen?« Missy stand der Schreck ins Gesicht geschrieben. Wir waren seit zehn Jahren befreundet, und ich würde sie schrecklich vermissen.

»Ich weiß, das ist sehr kurzfristig, aber Sophie muss dringend da weg. Ihr Freund hat mit der Nachbarin angebandelt und sie verlassen«, erklärte ich.

»Was für ein Mistkerl.« Missy runzelte die Stirn. »Aber weiß Sophie denn, wie hinterwäldlerisch es hier ist? Ich meine, Paris gegen Ashford einzutauschen … Also, wir lieben es, aber wird sie damit zurechtkommen?«

Im Hintergrund knisterte und knackte das Kaminfeuer – ein vertrautes und beruhigendes Geräusch während so vieler unserer Gespräche. »Sie weiß alles über Ashford. Ihre einzige Bedingung war, dass es nicht zu viele attraktive Männer in der Umgebung gibt.«

Wir lachten wieder. »Dann«, meinte CeeCee schmunzelnd, »hat sie sich genau die richtige Stadt ausgesucht. Attraktive Männer sind hier so rar, dass es an ein Wunder grenzt, dass überhaupt noch Kinder geboren werden.«

Ich grinste. Es klang wie ein Klischee, dennoch entsprach es der Realität. Die jungen Männer zogen in der Regel von hier weg, um aufs College zu gehen oder Arbeit in einer größeren Stadt zu finden. Jedes Jahr sank unsere Einwohnerzahl weiter.

Missy stellte ihren Becher auf den Tisch und stand auf. »Ich werde so tun, als würdest du nur übers Wochenende wegfahren …«

Ich wollte lachen, doch es klang unecht. Meine Freundinnen, mein Sicherheitsnetz, zu verlassen, würde mir unendlich schwerfallen. Andererseits ließ der Gedanke, endlich die Stadt zu besuchen, von der ich schon so lange geträumt hatte, einen Schwarm Schmetterlinge in meinem Bauch aufflattern. Instinktiv sah ich zu Lils Bauch hinüber, während sie sich abstützte, um aufzustehen. »Lil …« Ich konnte nicht weitersprechen.

»Was?« Sie sah mich an. »Oh«, machte sie, als sie merkte, in welche Richtung mein Blick ging. »Mach dir darüber keine Sorgen … Wir werden eben ständig mit dir skypen.«

Ich ging zu ihr, legte eine Hand auf ihre Kugel und wurde mit einem Tritt belohnt. »Siehst du?«, meinte Lil. »Der Kleine findet auch, dass du gehen solltest.«

Ich schwieg, weil ich Angst hatte, beim Sprechen loszuheulen. Ich würde die Geburt ihres Babys verpassen.

***

»Mom, es ist nur Paris. Ich werde nicht durch den Himalaja wandern oder im Grand Canyon Fallschirm springen. Ich gehe nur in eine andere Buchhandlung. Ich werde französischen Wein trinken und Macarons in allen Regenbogenfarben essen, Straßen entlangwandern, auf denen schon Edith Piaf gegangen ist, Flohmärkte besuchen …« Ich hatte jeden Reiseführer meines Ladens gelesen, alle Details in mich aufgesogen und war voller Vorfreude.

»Aber du wirst ganz allein sein. Und völlig auf dich gestellt.«

»Ach, Mom.« Sie tat, als wäre ich nicht in der Lage, allein zu verreisen, und ihre Zweifel an mir waren nicht leicht zu ertragen. »Ich bin sicher, dass ich bald Freunde finden werde, und Ridge kann mich genauso dort besuchen wie hier. Und was wäre so schlimm daran, mal eine Weile allein zu sein? Dann kann ich mir in Ruhe überlegen, was ich will.«

»Sarah, die Welt da draußen ist ein Dschungel, in dem dir alles Mögliche passieren kann. Du bist nicht die Art von Frau, die einfach so in den Sonnenuntergang reitet …«

Ein Dschungel! Als läge Paris in der Wildnis.

»Was, wenn du wieder in den Zustand von damals zurückfällst, Sarah? Dir geht es hier doch gut. Du hast wunderbare Freundinnen, ein abwechslungsreiches Leben …«

»Mein Leben ist alles andere als abwechslungsreich. Im Grunde steht es still. Und ich falle nicht zurück, ich gehe vorwärts. Diese Reise wird mir neue Impulse geben. Ich bin kein kleines Mädchen mehr. Das alles liegt lange zurück. Sehr lange.«

Sie schnalzte mit der Zunge, so wie Mütter das manchmal tun. »Ich will nur nicht, dass du dich wieder in dich zurückziehst, das ist alles.«

»Das werde ich nicht. Begreifst du denn nicht? Für mich ist das ein riesiger Schritt nach vorn. Wenn ich nach Paris gehe, bedeutet das genau das Gegenteil von Verstecken.«

Als ich sieben Jahre alt war, waren wir einmal zu einer Landwirtschaftsausstellung in der Nähe von Ashford gefahren, und irgendwie hatte ich mich dort verlaufen. Ich war in einen nahegelegenen Wald spaziert und zu tief hineingeraten. Als es dunkel wurde, bekam ich entsetzliche Angst und dachte, ich müsse sterben, ganz allein und verwirrt, wie ich mit meinen sieben Jahren war. Jedes Geräusch war hundertfach verstärkt, jeder Schatten ein gefährliches Raubtier. Eine ganze Suchmannschaft mit Taschenlampen musste losziehen, und ich wurde erst kurz vor Mitternacht gefunden. In der Zeit danach litt ich unter Alpträumen und hatte Panik, etwas ohne meine Eltern zu unternehmen. Ich entwickelte ein nervöses Stottern, woraufhin die Schule schon bald unerträglich für mich war. Andere Kinder äfften mich nach und hänselten mich, bis ich mich irgendwann ganz in meine eigene Welt zurückzog – die Welt der Bücher, die damals meine einzigen Freunde waren. Lange Zeit hatte ich mich von diesem Trauma nicht erholen können. Nach jahrelangem Sprechtraining bekam ich mein Stottern zwar allmählich in den Griff, doch mit dem Einsetzen der Pubertät hatte ich gelernt, mich geradezu unsichtbar zu machen. Ich hatte keinerlei soziale Kontakte und wusste auch nicht, wie ich das ändern sollte. Hat man sich erst einmal von allen anderen abgewandt, ist es schwer, einen Weg zurück zu finden. All das änderte sich erst, als ich die Buchhandlung eröffnete und Missy in mein Leben trat. Heute lag diese schwere Zeit hinter mir, und die Freundschaft zu meinen Mädels und schließlich auch meine Beziehung zu Ridge hatten mein Selbstvertrauen wachsen lassen.

Mom saß mir an ihrem alten zerkratzten Resopaltisch gegenüber. Seit meiner Kindheit hatte sich in dieser Küche nichts geändert. Dasselbe Gewürzschränkchen wie früher hing an der Wand, und das Regal mit den Ziertellern zog noch immer den Staub an. Auf dem Herd stand derselbe eingedellte silberne Wasserkessel und wartete darauf, benutzt zu werden. Man musste kein Genie sein, um zu erkennen, wem ich ähnlich war. »Veränderung« war für uns ein Fremdwort – und trotzdem hatte ich spontan entschieden, etwas Neues zu wagen.

»In meinen Büchern bin ich um die ganze Welt gereist, aber es wird Zeit, dass ich sie zuklappe und auch in der Realität etwas erlebe.« Ich faltete die Hände und stützte mich auf die Ellbogen. »Es sind doch nur ein paar Monate, Mom, dann bin ich wieder zu Hause. Und ich gehe davon aus, dass ich genau da weitermachen kann, wo ich aufgehört habe, weil sich hier nun mal nichts ändert.«

Dad war draußen bei den Apfelbäumen, nachdem er mich fest umarmt und mir quasi seinen Segen gegeben hatte. Er war kein Mann großer Worte, aber sein Verhalten zeigte mir immer, wie viel ihm an mir lag. In Moms Augen spiegelte sich jedoch echte Sorge. Sie rang die Hände und legte die Stirn unter den in letzter Zeit grauer werdenden Haaren in Falten.

»Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie du dort zurechtkommst.« Ihre Unterlippe zitterte.

»Mom, alles wird gut. Es wird bloß Zeit, dass ich mal etwas Neues ausprobiere.«

Trotzig schüttelte sie den Kopf. Reisen hielt sie grundsätzlich für leichtsinnig. Und obendrein für gefährlich.

»Was, wenn dir etwas zustößt?«

»Ich hoffe, das wird es, Mom. Ich hoffe, dass ich mit neuem Schwung zurückkomme. Ich bin es leid, immer dieselbe zu sein … träge und ständig darauf wartend, dass irgendwas passiert. Ich muss dafür sorgen, dass etwas passiert.« Je mehr ich versuchte, sie zu überzeugen, desto mehr glaubte ich es selbst.

Das einzige Geräusch war das Ticken der Uhr an der Wand, die schon dort gehangen hatte, als ich fünf gewesen war. Schließlich fragte sie: »Ist es wegen Ridge? Hast du das Gefühl, ihm etwas bieten zu müssen? Ihm um die Welt folgen zu müssen?«

Ich unterdrückte ein Seufzen. »Es ist nicht so, dass ich sein Leben imitieren oder meine Vorstellungen seinen anpassen will. Ich möchte einfach mal eine Weile außerhalb von Ashford leben.«

Sie atmete tief durch. »Also gut. Aber ich werde mir Sorgen machen, bis du wieder heil zurück bist.«

»Bitte versuch, dir keine Sorgen zu machen.« Ich strich ihr beruhigend über die Hand. »Versuch, dich für mich zu freuen.«

Lächelnd erwiderte sie: »Das tue ich doch. Paris ist nur so weit weg und so überfüllt mit Menschen. Ich habe das im Fernsehen gesehen … da gibt es auch viele Verbrechen. Handtaschenklau, Menschenhandel …«

Ich musste lachen. Ashford war so klein, dass niemand sich traute, ein Verbrechen zu begehen. »Mom, ich gebe auf mich acht. Versprochen.«

***

Am Abend vor meiner Abreise rief ich Ridge an.

»Liebste …« Seine Stimme klang schläfrig. »Irgendwie verpassen wir uns immer …«

»Das scheint tatsächlich unser Schicksal zu sein. Wo bist du?« Ich lag im Bett, zog mir die Decke bis ans Kinn, rollte zur Seite und wünschte, er wäre hier, die Arme um mich geschlungen, den warmen Körper an mich gepresst. Ich schloss die Augen, um das Gefühl der Leere zu vertreiben.

»In irgendeinem öden kleinen Hotel am Flughafen. Die leere Matratze neben mir erinnert mich daran, wie weit ich von dir entfernt bin.«

Ich zog mir ein Kissen an die Brust, doch egal, wie sehr ich mich nachts auch daran ankuschelte, es blieb ein dürftiger Ersatz, bis Ridge zurückkehren und mich festhalten würde. »Und bald bist du noch weiter weg.«

Er seufzte. »Stimmt. In ein paar Stunden fliege ich wieder los. Und wie immer, wenn ich allein irgendwo im Bett liege, frage ich mich, was ich da überhaupt tue … ob es das wert ist. Jetzt gerade fühlt es sich nicht so an.«

»Was soll ich sagen? Das ist dein Beruf, und du liebst ihn. Wenn du zu lange an einem Ort wärst, würdest du dich doch langweilen.«

»Das glaube ich nicht, Sarah. Ich hätte dich.«

Das war lieb von ihm, und mir ging das Herz auf, aber ich war sicher, dass Ridge das Abenteuer seines Berufs brauchte. Die Aufregung des Unbekannten. Bliebe er länger in Ashford, würden ihm bestimmt bald die Füße kribbeln und er würde sich nach dem Reisen zurücksehnen. Dieses Leben passte zu ihm, denn er selbst war so energiegeladen wie seine Berichte.

»Bald siehst du mich wieder«, sagte ich. »Hoffentlich kannst du deine Story in einer Woche abschließen.«

Ich hörte ihn seufzen. »Das will ich schwer hoffen. Es ist schon fast einen Monat her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben – so lange waren wir noch nie getrennt.« Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Tut mir leid, dass ich dich gestern nicht mehr angerufen habe. Ich musste für eine andere Story die Redaktion machen, und als ich zurückkam, war es zu spät, da wollte ich dich nicht mehr stören.«

»Du hättest trotzdem anrufen sollen. Wenn ich nachts noch deine Stimme höre, träume ich manchmal von dir.« Ohne weitere Überleitung platzte ich heraus: »Ridge, Sophie und ich machen einen Buchhandlungstausch. Ich fliege nach Paris. Und zwar schon morgen …«

Ich hörte, wie sein Bett quietschte – vermutlich hatte er sich abrupt aufgesetzt. »Wie bitte?« Seine Stimme klang scharf.

»Ich weiß, das kommt plötzlich und sieht mir so gar nicht ähnlich, aber ich dachte, dass es gut wäre, mal spontan zu sein.« Zumindest sagte ich mir das andauernd. Vielleicht konnte man es lernen?

»Sarah … du fliegst morgen weg? Und das sagst du mir jetzt?«

Ich runzelte die Stirn. »Na ja, ich habe versucht, dich zu erreichen.«

»Ja, tut mir leid …«

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