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Mirabella

Rita Roth

Mirabella

Männer, Muse & Meer - Ein Sylt-Liebesroman


Dieses Buch widme ich all jenen, die das Leben lieben und die Liebe leben. Danke an Sylke und Moni! Kilometer für Kilometer habt Ihr mir beim Walken zugehört und mich motiviert. Danke an Schwesterherz Gerdi und den Rest meiner Familie, von denen ich mir immer wieder anhören musste: "Du hattest schon immer eine blühende Fantasie."


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Inhaltsverzeichnis

Die Annonce 

Sonntagstreff Januar 

Wilde Träume 

Die Sterne lügen nicht 

Hiobsbotschaften 

Erster Akt 

Sonntagstreff Februar 

Frischer Wind 

Zweiter Akt 

Sonntagstreff März 

Problemchen 

Blaues Wunder 

Projekt: ‚Ran an den Mann’ 

Dritter Akt 

Sonntagstreff April 

Kleine Wolke 

Sonntagstreff Mai 

Doro 

To-do-Liste: Punkt 1 

Musenküsse 

Sommersonnenwende 

Nackte Wochenenden 

Sonntagstreff Juni 

Es kommt, wie es kommt … 

Miris Geburtstag 

Der Brief 

Sylt 

Gelungene Überraschung 

Strandkorbbeobachtungen 

Philipp 

Doro und ihre Geschichten 

Luft wie Champagner 

Sonntagstreff August 

Mutter und Tochter 

Hochzeit auf der Insel 

Ende 

Die Annonce

„Wie schön, dass Sie den Weg zu mir gefunden haben, dann machen Sie sich mal frei.“

Miri stand wie vom Donner gerührt dem Mann gegenüber, auf dessen Annonce sie sich gemeldet hatte. Hatte sie recht gehört, sie sollte sich freimachen? Es gab keinen Zweifel, er musterte sie bereits von den Haarspitzen bis zur Schuhsohle und blieb wohlwollend an ihrem Dekolleté hängen.

Miri hatte in der Tageszeitung die Annoncen studiert und war über seine Anzeige gestolpert.

Suche aufgeschlossene, junggebliebene Frau 50 Plus, mit weiblichen Formen und Interesse an Kunst und Schönheit. Bin großzügig, ehrlich und habe keine unlauteren Absichten.

Die Anzeige hört sich doch ganz vielversprechend an – was für ein Mann sich wohl dahinter verbergen mag?, hatte Miri gedacht. Beinahe hätte sie das Inserat überlesen, da es nicht unter den Bekanntschaftsanzeigen gestanden hatte, die sie am Wochenende gern studierte, sondern unter der Rubrik Vermischtes. Na ja, es kam häufiger vor, dass die örtliche Zeitung kleine Fehler einbaute. Aber als geschulte Leserin, mit Blick für das Wesentliche, entging Miri natürlich nichts.

Sie hatte gleich geantwortet, richtig mit Stift und Papier. Vermutlich hatte der Herr, der sich dahinter verbarg, kein Handy. Prompt hatte sie eine sehr nette Rückmeldung bekommen, mit Handynummer zwecks Kontaktaufnahme.

Und nun stand sie hier. Den Treffpunkt hatte er vorgeschlagen. Atelier dreizehn, zweiter Stock, Professor Janssen. Gutgelaunt und fröhlich wie fast immer hatte Miri an der Tür geklingelt, ihr strahlendstes Lächeln aufgesetzt und war zu allen Schandtaten bereit gewesen.

Zu fast allen! Gott sei Dank war sie nicht auf den Mund gefallen, nur im Moment war sie sprachlos. Sie atmete dreimal tief durch, blickte dem Mann direkt in die Augen, und dann ging ein Wortschwall über ihn nieder, der sich gewaschen hatte.

„Wie soll ich denn das verstehen? Sie inserieren, dass Sie keine unlauteren Absichten haben und dann überfallen Sie mich gleich mit dem ersten Satz und ziehen mich mit Ihren Blicken förmlich aus. Das ist eine Frechheit, eine bodenlose Unverschämtheit. Glauben Sie denn, Sie haben ein kleines Mädchen vor sich, mit dem Sie so umspringen können? Sie wollten doch eine Frau, die mitten im Leben steht! Sie sind ja auch schon etwas älter, lassen sie mich schätzen, achtundsechzig, oder noch ein paar Jahre mehr?“ Absichtlich hatte sie ihn wesentlich älter geschätzt, als er wirkte. Eigentlich sah er nett aus, sympathisch, hatte das gewisse Etwas, ein guter Typ, aber ein Flegel. Doch Rache ist süß.

„Okay, okay, ich entschuldige mich. Da bin ich wohl mit der Tür ins Haus gefallen. Ich wollte Sie nicht kränken und Ihnen erst recht nicht zu nahe treten. Ich schlage vor, wir trinken erstmal einen Kaffee zusammen und ich erzähle Ihnen, worum es geht. Vielleicht hatte ich das in unserem Telefonat nicht erwähnt. Ich wollte Sie ja erstmal persönlich kennenlernen und mir einen Eindruck verschaffen.“ Nun war er ganz förmlich und distanziert, dabei aber sehr charmant. „Kaffee oder Tee? Oder vielleicht was anderes?“

Obwohl Miri leidenschaftlich gern kühlen Prosecco trank, schien ihr jetzt eine gewisse Vorsicht angebracht. „Kaffee bitte und ein Glas Wasser, Herr Professor.“

Der Professor ging nach nebenan. Miri hörte, wie er freundlich aber bestimmt sagte: „Anna, sei bitte so lieb und bring uns Kaffee und eine Karaffe Wasser.“ Auf Miris fragenden Blick, nachdem er zurückgekehrt war, entgegnete er: „Anna ist meine gute treue Seele, meine bessere Hälfte sozusagen.“

Das wurde ja immer schöner. In was bin ich da rein geraten?, fragte Miri sich.

Anna kam mit einem Tablett, stellte alles ab und sah den Professor tadelnd an. „Philipp, ich glaube, du bist wieder in sämtliche Fettnäpfchen getreten und hast deinen Gast völlig verunsichert.“ Zu Miri sagte sie: „Lassen Sie sich nicht einschüchtern, es ist ganz anders, als Sie wahrscheinlich vermuten. Ich bin nebenan, für alle Fälle, und ich bin Anna, langjährige Sekretärin, Mädchen für alles und gehöre sozusagen zum Inventar.“ Annas Lächeln konnte Steine erweichen und verunsicherte Frauen wieder auf den Boden zurückholen. „Und Sie müssen Miri sein, stimmt’s? Ist Miri eine Abkürzung von Miriam?“, wollte sie wissen.

„Nein, Miriam wäre schön gewesen. Ich heiße Mirabella.“ Als sie ihren Namen nannte, fielen ihr die verschiedensten Varianten dazu ein. Von engsten Freunden wurde sie manchmal Ella Propella genannt. Wenn sie im Internet einen Nickname brauchte, nannte sie sich Bella oder einfach Ella.

„Oh, welch ein ungewöhnlicher Name, dazu wunderschön.“ Mit diesem Satz verließ Anna das Zimmer, nicht ohne einen herzlichen, aufmunternden Blick auf die seltsame Kaffeerunde.

„Wenn Sie jetzt auch noch einen Spruch zu meinem Namen machen, gehe ich sofort“, fauchte Miri und fragte sich insgeheim, warum sie immer noch da war.

„Nein Mirabella, ich finde Ihren Namen wunderschön und würde Sie viel lieber mit Ihrem vollen Namen anreden. Einverstanden?“

„Gut, einverstanden. Und nun erzählen Sie mir mal, weshalb ich eigentlich hier bin. Ich finde diese Situation äußerst merkwürdig. Ein Date dieser Art hatte ich bisher noch nicht. Aber wie Sie sehen, spricht das sicher dafür, dass ich recht aufgeschlossen bin“. Sie stellte die Kaffeetasse zurück, verschränkte die Arme, gewann zunehmend ihre Fassung wieder. „Jetzt sind Sie dran, Philipp.“

„Hm, es ist gar nicht so einfach. Als wir miteinander telefonierten, hatte ich gefragt, ob Sie sich mögen. So wie Sie sind, mit Ihren kleinen und vielleicht auch größeren Macken, mit Ihrem Aussehen, Ihrer Figur, Ihrem Körper und mit dem, was Sie machen. Ich hatte auch gefragt, ob Sie Kunst, insbesondere Malerei mögen, ob Sie gern mal in die Sauna gehen und auch die Ruhe genießen können. All diese Fragen haben Sie spontan bejaht, und wenn ich Sie so sehe, bin ich überzeugt davon, dass Sie nicht geflunkert haben“.

„Na, das freut mich zu hören, aber nun kommen Sie mal zur Sache, Herr Professor! Und freimachen, im Sinne von Ausziehen, werde ich mich hier und jetzt bestimmt nicht.“ Miri wurde langsam ungeduldig und es sah so aus, als wenn der Professor ewig lange brauchen würde, um auf den Punkt zu kommen.

„Gut, ich will es kurz machen. Ich bin Professor für Kunst und Literatur und ich suche verzweifelt ein Aktmodell mit weichen, weiblichen Formen. Eine Frau, die natürlich ist, lebendig und in einem Alter, wo nicht mehr alles nur glatt und prall und fest ist.“

Jetzt war es raus. Vermutlich hatte der Professor bisher noch nie auf diese Weise ein Aktmodell gesucht. Normalerweise machte er wahrscheinlich einfach einen Aushang am schwarzen Brett und die Mädels standen Schlange – schließlich wurden derlei Nebenjobs gut bezahlt.

„Bitte? Habe ich das richtig verstanden, Sie wollen ein Aktmodell 50 plus?“ Miri atmete tief durch, sie schnaufte hörbar. Vielleicht half es doch, dass ihre Freundin Emmi immer wieder aus der Praxis ihrer Entspannungskurse plauderte. „Atmen“, sagte sie immer, „bei Stress atmen. Einfach atmen und den Atem immer schön fließen lassen, den Atem beobachten.“ Miri beobachtete ihren Atem nicht mehr, stattdessen den Professor. Der saß ihr ganz ruhig gegenüber und verzog keine Miene. Er schien es wirklich ernst zu meinen.

„Also, verarschen kann ich mich alleine. Sie meinen das nicht wirklich?!“

„Doch, ich meine das absolut ernst und ich würde mich riesig freuen, Mirabella, wenn Sie unser Modell werden. Sie brauchen sich hier jetzt nicht auszuziehen. Denken Sie in Ruhe darüber nach. Aber nicht zu lange, denn Ende des Monats findet mein nächstes Seminar statt. Es wäre wunderbar, wenn Sie dann dabei wären. Zuvor müssten wir uns aber noch einmal treffen. Ich muss Sie nackt sehen und Ihnen eine kleine Einweisung geben. Es ist nicht so leicht, die Positionen richtig einzunehmen und zu halten. Und wenn Sie sich von dem Schock erholt haben und wieder sprechen können, beantworte ich Ihnen auch alle Fragen.“

Anna kam zur Tür herein, erfasste sofort die Situation, lachte und stellte eine Flasche und drei Gläser auf den Tisch. „Wie wär’s mit einem Prosecco auf den Schreck? Ich glaube, ich setze mich jetzt dazu und wir besprechen alles in Ruhe.“

In Miris Kopf ratterte es. Kopfkino vom Feinsten. Sie sah sich bereits auf weißen Laken oder Bärenfell liegend, bekleidet mit einem Feigenblatt und einem Hauch Chanel, umringt von jungen schönen Männern, die den Pinsel schwangen. Sie kicherte wie eine Siebzehnjährige bei dieser Vorstellung, dann spürte sie, wie sie die Farbe wechselte. Wie immer, wenn sie aufgeregt war, legte sich eine Röte wie ein Sonnenuntergang über Gesicht, Hals und Dekolleté und holte sie schnell zurück in die Wirklichkeit. War das peinlich, mit dreiundfünfzig Jahren, als gestandenes Weibsbild, als Mutter, Ex-Gattin und Gelegenheitsgeliebte rot zu werden wie ein Teenie. Oder waren das die Wechseljahre?

„Wie muss ich mir das denn genau vorstellen? Was muss ich tun, wie weit muss ich mich entkleiden und wie wird das bezahlt?“ Sie hatte zwar eine Freundin, die auch schon Akt-Seminare besucht hatte (sogar mit männlichem Aktmodell), aber über diese Dinge hatten sie nicht gesprochen. Miri hatte sich lieber den übertrieben gezeichneten Knackarsch des Modells angesehen und ihre Freundin bewundert, die so detailliert und anscheinend hemmungslos drauflos gemalt hatte.

„Bei den Seminaren ist es so, dass das Aktmodell in der Mitte posiert, in der Regel vollständig nackt, manchmal mit einem Tuch bekleidet. Es sind unterschiedliche Posen, sitzend, liegend, stehend, meist recht kurz. Drei Minuten, längstens zwölf. Die Kursteilnehmer stehen mit ihren Staffeleien um das Modell herum und skizzieren es in der vorgegebenen Zeit so, wie sie es sehen. Meistens machen wir drei bis fünf Posen hintereinander, dann folgt eine Bildbesprechung. In dieser Zeit können Sie sich zurückziehen und entspannen. Der Raum ist immer gut geheizt, für das Modell muss es warm sein. Die Teilnehmerzahl ist auf zwölf Personen beschränkt. Es ist eine gemischte Gruppe, diesmal sind zwei Frauen dabei. Altersmäßig ist alles vertreten zwischen achtundzwanzig und dreiundachtzig Jahren. Die Seminare finden am Wochenende statt. Samstags und sonntags jeweils von zehn bis siebzehn Uhr, mit einer Stunde Mittagspause. Also drei Stunden für das Modell am Vormittag und drei Stunden am Nachmittag. Wir zahlen dem Modell für das komplette Wochenende dreihundertsechzig Euro.“

„Cool!“, entfuhr es Miri. Ihre Tochter hätte das nicht hören dürfen, sie fand es völlig uncool, wenn ihre Mutter sich am Wortschatz der Jugend vergriff. Aber ihre Tochter war weit weg, ein Jahr in Australien. „Cool“, wiederholte Miri wie zum Trotz. „Ich bin sprachlos. Ich habe nicht gewusst, dass das so gut bezahlt wird. Drei Minuten still sitzen sollte ich hinkriegen und mich hinlegen zum Malen dürfte auch kein Problem sein. Philipp, oder Herr Professor, ich muss trotzdem erstmal zwei Nächte drüber schlafen, ich finde das schon sehr verwegen. Aber es hört sich interessant an. Glauben Sie wirklich, dass Sie eine Frau haben wollen, bei der es an der einen oder anderen Stelle ein bisschen schwabbelt?“

„Genau so eine soll es sein, da bin ich mir ganz sicher. Mirabella, Sie sind eine junggebliebene, attraktive Frau mit einem Körper, soweit ich das so beurteilen kann, der Bilder füllen kann, der Bände spricht und den Sie der Welt nicht vorenthalten dürfen.“

Seine Worte waren Balsam für Mirabellas Seele, so schön hatte das noch kein Mann formuliert. Da merkte man doch gleich den Künstler. In ihrem tiefsten Innern wusste sie bereits jetzt, dass sie es tun würde. Doch eine kleine Bedenkzeit musste sein. Sie hatte zwar strahlend blaue Augen, aber blauäugig und naiv wollte sie dann doch nicht sein. In aller Ruhe wollte sie sich die ganze Sache überlegen, sie überschlafen und ihre beste Freundin ins Vertrauen ziehen.

Es prickelte im Glas und nicht nur dort. Miri hob ihr Getränk, strahlte den Professor und auch Anna an. „Na denn Prost, auf die Kunst!“

Schnell trank sie ihren Prosecco aus und verabschiedete sich.

„Ich rufe Sie am Mittwoch an!“ Leichtfüßig sprang sie auf, schnappte sich ihre knallrote Daunenjacke, das Handtäschchen in der gleichen Farbe, mit Glitzersteinchen besetzt, den tiefroten Kaschmirschal, und schwebte von dannen. Rot war heute die richtige Farbe. Rot bedeutete Power und Power hatte sie.

Sonntagstreff Januar

Auf dem Weg zum Sonntagstreff musste sie innerlich lächeln, eine seltsame Begegnung war das gewesen. Und plötzlich fiel ihr ein, dass der Astrologe, den sie vor ein paar Wochen aufgesucht hatte, ihr eine intensive Begegnung mit der Kunst und einem Mann prophezeit hatte, der eine entscheidende Rolle in ihrem Leben spielen sollte. Zuhause würde sie in ihr Tagebuch schauen, dort hatte sie sich dazu Notizen gemacht.

Sie blickte auf die Uhr, die natürlich auch rot war, und legte einen Zahn zu. Es war bereits nach neunzehn Uhr, stockfinster und eisig kalt.

Januar, der letzte Sonntag im Januar, und das zweite Treffen der Sonntagsrunde, mal abgesehen von Silvester. Trotz der Minusgrade war es Miri immer noch angenehm warm. Sie stürmte in ein Weinlokal im Herzen der Stadt, dort trafen sie sich seit November regelmäßig.

Die Sonntagsrunde war eine kleine Gruppe von Männern und Frauen, alle über fünfzig, die sich im September des Vorjahres bei einem VHS-Kurs kennengelernt hatten.

‚Brain Walk für Singles 50 plus – Begegnung mit Herz, Hirn und Humor.‘ Der Kurs hatte gehalten, was er versprach. Die Kursleiterin hatte raffinierte, jedoch einfache Übungen zusammengestellt, die ein völlig unverkrampftes Kennenlernen möglich gemacht hatten. Die Gruppe hatte Tränen gelacht, als die Übung mit den Kosenamen an der Reihe gewesen war. Die Kursleiterin hatte einen Namen vorgegeben und dann hatten die Anwesenden einen weiteren Kosenamen mit dem letzten Buchstaben des vorangegangenen Namens finden müssen. Nach einer kleinen Anwärmphase war die Phantasie regelrecht beflügelt worden. „Stoppelhase, Engelsternchen, Wollmaus, Traumschleicher“ waren noch die harmlosesten Namen gewesen. Alle hatten vor Lachen geprustet und sich plötzlich um Jahre verjüngt gefühlt. Nach einem zweiten BrainWalk war beschlossen worden, sich künftig privat zu treffen, immer am letzten Sonntag im Monat, um achtzehn Uhr in besagtem Weinlokal.

Für die meisten Singles war der Sonntag ein ziemlich öder Tag. Wochentags gab es immer genug zu tun, Samstage ließen sich auch noch nett gestalten, aber dann kam das Sonntagsloch. Der Freundeskreis machte in Familie, überall waren nur noch Paare unterwegs und als alleinstehender Mensch, egal ob gewollt oder ungewollt, fühlte man sich manchmal ziemlich allein, vielleicht sogar einsam.

Der Sonntagstreff war also eine angenehme Abwechslung. Einige verabredeten sich schon am Nachmittag, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Abends trafen sie sich mit den anderen zum Essen, vor allem aber, um zu berichten, was in der Zwischenzeit passiert war. Es wurde erzählt, was man erlebt hatte, in Sachen Partnerfindung oder sinnvolle Freizeitgestaltung. Wenn alle kamen, konnten das lange Abende werden.

Nun gut, nicht alle waren so mitteilungsfreudig wie Miri. Sie hatten 'Spielregeln' vereinbart, so dass wirklich jeder drankam und die Möglichkeit hatte zu erzählen. Mindestens fünf Minuten, höchstens acht Minuten.

Mit diesen acht Minuten kam Miri meistens nicht hin. Auf dem Weg zum Treffpunkt überlegte sie fieberhaft, wie sie es schaffen konnte, das soeben Erlebte in diesen Zeitrahmen zu packen.

Puh, gar nicht so leicht, dachte sie.

Im Vorbeigehen bestellte sie eine Flasche Prosecco und Bruschetta, dann ließ sie sich auf den letzten freien Stuhl in der Runde fallen und atmete auf. Sie strahlte immer noch, die Mundwinkel zogen sich von einem Ohr zum anderen. Miri wollte sofort anfangen zu erzählen. Sie trug ihr Herz auf der Zunge und brannte darauf, endlich zu berichten. Sie war so gespannt auf die Reaktionen und Gesichter der anderen.

Georg, der Blödmann wies sie in ihre Schranken. „Du bist noch nicht dran, Miri, ich bin grad am Erzählen und du wirst wohl noch fünf Minuten warten können.“ Dabei schaute er auf die Uhr, sah Miri streng an und konnte es sich nicht verkneifen, sie zu tadeln, weil sie etwas später gekommen war.

Beamter, dachte sie nur, pingeliger, kleinkarierter Beamter.

Doch Georg konnte ihr die gute Laune nicht vermiesen. Brav wartete sie, bis seine Ausführungen zu Ende gingen, trank in der Zwischenzeit zwei Gläschen Prosecco und blinzelte Sabine verschwörerisch zu. Mirabella liebte es, im Mittelpunkt zu stehen, auch wenn sie das nie zugegeben hätte. Sie beherrschte das Spiel des gekonnten Auftritts.

Es war still geworden, alle blickten auf Miri und warteten, dass sie endlich anfing zu reden. Sie genoss das Schweigen, blickte in die Runde, hob ihr Glas und sagte „Auf die Kunst“.

Dann sprudelte es nur so aus ihr heraus. Der Schalk saß ihr dabei in den Augenwinkeln und die Blicke der anwesenden Männer und auch einiger Frauen hüpften auf ihrem Dekolleté auf und ab. Sie genoss die Blicke und spürte, wie sie glitzerte, regelrecht Funken sprühte und dass ihre Blauaugen strahlten. Lässig fuhr sie sich mit der Hand durch ihren Blondschopf, der nun, wie sie wusste, richtig verwegen und zerwühlt wirkte. Nach etwa zwei Minuten absoluter Stille und ungläubigen Staunens ergriff Sabine das Wort. Sabine war Miris beste Freundin, sie kannten sich seit gefühlten hundert Jahren und hatten vieles gemeinsam durchlebt. Liebe, Trennung, Scheidung, Wohnungsauflösung, alles, was ein Leben so zu bieten hatte.

„Miri, meine gute alte Freundin Miri, meinst du das jetzt wirklich ernst? Willst du dich in deinem Alter noch zum Affen machen und dich splitterfasernackt vor eine Gruppe junger Männer stellen, die alle deine Söhne sein könnten? Ich fasse es nicht. Stell dir mal vor, da kennt dich einer, vielleicht sogar dein Chef? Und ganz ehrlich … Du hast eine tolle Figur für dein Alter, wirklich, aber die Schwerkraft lässt sich nicht wegdiskutieren. Bei uns allen ist das doch so. Willst du dich wirklich so präsentieren? Was zahlt er denn dafür?“

„Oh, das wird gut bezahlt, dreihundertsechzig Euro für ein Wochenende.“ Langsam schwand Miris Euphorie, Sabines Worte wirkten. Ja, sie hatte Recht, ihr Busen war nicht mehr so straff, der Po hing auch ein bisschen und an den Schenkeln breitete sich eine gepflegte Cellulite aus.

Aber der Professor wollte doch ausdrücklich ein Modell, das nicht perfekt war. Außerdem kann ich das Geld gut gebrauchen, dachte sie. Sie wollte doch so gern zu dem Lebenswege-Seminar, außerdem war der Professor ein interessanter Typ.

Seit ihrer Scheidung vor drei Jahren hatte sich viel verändert. Daniel, ihr Ex, erfolgreicher Manager in einem großen Konzern, hatte Miri zwei Tage nach ihrem fünfzigsten Geburtstag eröffnet, dass er sie wegen einer anderen Frau verlassen wolle.

Das Haus wurde verkauft, den Zweitwagen konnte Miri behalten. Den Unterhalt für seine Tochter, das Studium und ein Jahr Aufenthalt in Australien zahlte er gern. Miri jedoch erhielt keinen Unterhalt. Sie hatte immer gearbeitet, zunächst halbtags, später etwas mehr. Schließlich wollte sie für ihr Kind da sein, eine gute Mutter sein.

Daniel hatte richtig gut verdient und sie selbst auch. Ja, sie verdiente gut, aber mit dem Gehalt ihres Fünfundzwanzig-Stunden-Jobs konnte sie sich keine Extras leisten. Von dem Erlös des Hauses hatte sie sich eine schicke Eigentumswohnung gekauft, eine neue Einrichtung, verschiedene Umbauten gemacht und sich einen Urlaub auf den Seychellen gegönnt. Das Sparbuch war bis auf eine kleine Rücklage für Notfälle aufgebraucht. Also, warum nicht Aktmodell?

Dieser Gedanke ging Miri den ganzen Abend nicht mehr aus dem Kopf. Der Prosecco half dabei, ihre Zweifel zu beseitigen. Zum Glück brachte Sabine sie nach Hause, sie war ganz schön beschwipst. Manchmal hatte Miri das Gefühl, dass sie Alkohol, egal ob Wein oder Prosecco, nur noch in homöopathischen Dosen vertrug. Vielleicht sollte sie lieber gleich Globuli einwerfen. Hätte ihr das zu denken geben sollen? Waren das erste Anzeichen des Alters? Nee, das konnte nicht sein. Innerlich fühlte sie sich noch so jung, vielleicht wie Ende dreißig, und dann wieder wie knapp zwanzig. Wenn sie sich verliebte, was erfreulicherweise auch mit über fünfzig noch passierte, hatte sie tatsächlich Schmetterlinge im Bauch, wartete sehnsüchtig auf seinen Anruf und machte noch immer die gleichen Fehler wie damals, bevor sie Daniel kennengelernt hatte.

Ihr Spiegelbild sagte ihr allerdings etwas anderes – meistens ein Alter um die fünfzig.

Man ist so jung, wie man sich fühlt, dachte sie und war froh, als Sabine vor ihrer Haustür anhielt. Gleich würde sie sich endlich ins Bett fallen lassen können.

„Miri, bitte, bitte, bitte, denk noch mal ernsthaft darüber nach.“ Eindringlich redete die Freundin ihr ins Gewissen. Ganz Unrecht hatte sie ja nicht. Vorhin, als sie sich von den Sonntagsfreunden verabschiedet hatte, hatte Georg, der Blödmann ihr ins Ohr geraunt, dass er Hobbykünstler sei und es ihn interessiere, wann und wo der Kurs anfing. Gern würde er sich anmelden, er habe immer schon Aktzeichnen wollen. Das hatte ihr gerade noch gefehlt! Jetzt aber nix wie weg. Das Bett rief laut und deutlich.

„Weißt du Miri, ich kann ja verstehen, dass dich das Honorar reizt, das kannst du sicher gut brauchen. Wenn du das wirklich machen willst, dann sieh zu, dass du mindestens vierhundert Euro für ein Wochenende bekommst. Ich bin sicher, der Professor zahlt das, ohne mit der Wimper zu zucken.“

„Meinst du wirklich?“ Daran hatte Miri noch gar nicht gedacht. „Gute Nacht, mein liebes Bienchen. Danke für dein Verständnis und deine Sorge. Ich komme schon nicht auf die schiefe Bahn“, gähnte sie und stolperte aus dem Auto.

Wilde Träume

Der Anrufbeantworter blinkte, als sie heimkam, aber das war ihr jetzt auch egal.

„Soll er doch die ganze Nacht blinken, so etwas Wichtiges kann es nicht gewesen sein, sonst hätte der- oder diejenige mich auf dem Handy anrufen können.“

Lässig warf sie ihr rotes Tuch auf den AB und verschwand kurz ins Bad. Abschminken musste sein! In diesem Punkt war sie äußerst diszipliniert. Sie wollte ihren Falten keine Chance geben!

Es dauerte keine fünf Minuten, bis sie einschlief. Miris Schlafzimmer war urgemütlich, helle, massive Erle. Sie hatte ein Vermögen dafür ausgegeben, obwohl sie noch nicht einmal ein Doppelbett genommen hatte, 1,40m Breite reichten. Allein in einem Doppelbett kam sie sich so verloren und einsam vor. Das alte Schlafzimmer hatte sie bei eBay-Kleinanzeigen verschenkt, samt Matratzen. Zu viele Erinnerungen hatten sich darin breitgemacht. Daniel und sie hatten wunderbare Nächte darin verbracht, heiß und stürmisch hatten sie sich geliebt, anfangs jedenfalls. Dann hatte Daniel diese neue Stelle angeboten bekommen, seinen Karrieresprung. Seitdem hatte er alle Energie auf seinen Job verwendet. Irgendwie war die Leidenschaft dabei auf der Strecke geblieben, auch wenn er immer wieder beteuert hatte, wie sehr er sie liebte.

Miri schlief unruhig in dieser Nacht, wilde Träume ließen sie immer wieder aufwachen.

 

Was glauben Sie eigentlich, wo Sie hier sind? Das hier ist kein P-p-p … Ponyhof oder besser gesagt, damit auch Sie, Frau Morgenstern, das endlich kapieren, das Leben ist kein W-w-w-w … Wunschkonzert. Schon gar nicht in unserem Unternehmen!“

Wenn er sich aufregte, machte sich sein Sprachfehler unweigerlich bemerkbar. Er kam ins Stottern, verschluckte die Endsilben und bekam eine feuchte Aussprache. Igitt!

Im letzten Moment konnte ich ausweichen, sonst hätten mich seine speienden Zischlaute mitten ins Gesicht getroffen.

Nun, Frau M-m-morgenstern, ich warte auf eine Erklärung. Was haben Sie sich dabei g-g … gedacht? Völliger Schwachsinn, Stressmanagement in unserer Firma. Glauben Sie allen Ernstes, dass das Verhätscheln der Leute den Krankenstand senkt? Sie wissen doch selbst am besten, dass Stress die Leistung steigert, ungeahnte Kräfte freisetzt und motiviert, unsere Ziele zu erreichen! Druck brauchen unsere Mitarbeiter, damit sie endlich Leistung zeigen, Druck, Druck und nichts als Druck …“

Mittlerweile hatte ich meine Ohren auf Durchzug gestellt. Diese Ausbrüche meines Chefs kannte ich nur zu gut, er redete und tobte sich in Rage und erwartete nicht wirklich eine Antwort von mir.

Richtig aufgebaut hatte sich „Herr Winzig“ vor mir. Nein, er heißt nicht wirklich Winzig, sondern Großmann. Wenn er sich vorstellt, pflegt er immer zu sagen: „Großmann, wie großer Mann“, und grinst dabei süffisant. Groß wäre er wohl gern. Leider ist er nur knapp 1,70m groß, trägt aber immer einen tadellosen Anzug. Heute hatte er einen in Beige-Braun gewählt. Dazu auf Hochglanz polierte Schuhe, die mit ihren hohen Absätzen an Cowboystiefel erinnerten sowie ein schwarzes Hemd, zu seiner Stimmung passend, und eine ziemlich breite bordeauxfarbene Krawatte. Die Krawatte hatte er bereits gelockert, den obersten Hemdknopf geöffnet.

Er spuckte und stotterte und fauchte immer noch, dazu wippte er auf den Zehenspitzen auf und ab und auf und ab, reckte sich in die Höhe, den Riesenzinken gen Himmel, beide Hände in den Hosentaschen vergraben, als ob er dort drinnen sicheren Halt fände.

Nicht nur seine Füße wippten auf und ab, auch sein Adamsapfel hüpfte rauf und runter. Ich konnte meinen Blick nicht davon lösen, ein faszinierendes Schauspiel, das mich völlig in seinen Bann gezogen hatte.

Druck habe ich gesagt, Druck brauchen unsere Mitarbeiter und auch Sie, Frau M … Morgenstern, auch Sie brauchen Druck! Stressbewältigung, dass ich nicht lache! Ha, ha, ha!“

Soll ich Ihnen etwa dabei helfen, Druck aufzubauen?“, versuchte ich vorsichtig dazwischen zu fragen und dachte nur: Mädchen, bleib ganz ruhig und sachlich.

Er hörte mich gar nicht, zischte und hüpfte weiter, sein Kopf hatte die Farbe eines Feuermelders angenommen und sein Adamsapfel sprang hin und her. Ich war wie hypnotisiert, wie in Trance.

Er tat mir leid. Sollte ich ihm helfen, ihn erlösen, endlich den gewünschten Druck aufbauen, oder lieber abbauen?

Mir wurde schwindelig. Beherzt griff ich seine Krawatte und hielt mich daran fest, ganz fest. Alles drehte sich vor meinen Augen, ich hörte ihn nur spucken, fauchen und dann röcheln. Seine Augen traten hervor, schienen ihm aus dem Kopf zu fallen, und dann … Oh Wunder, dann hüpfte sein Adamsapfel nicht mehr.

Ruhig war es geworden, ganz ruhig. Bis ich aus der Ferne das Tatü … tü … tü … tü hörte.

 

Miri holte schwungvoll aus, ein gezielter Schlag. Endlich stand der Wecker still.

Puhhhh, dachte sie, Gott sei Dank nur ein Traum. Leicht benommen schaute sie auf die Digitalanzeige, stellte die Weckzeit auf 8:30 Uhr. Sie schlief sofort wieder ein und träumte wild weiter.

 

Nur Fliegen ist schöner!“ Dieser Spruch ging mir durch den Kopf, als ich auf meinem feuerwehrroten Fahrrad saß und der kräftige Rückenwind mich vorwärts trieb.

Herrlich! Nichts tun müssen, einfach loslassen, aufrecht dasitzen auf dem Rad, einen guten Überblick haben und es nur rollen lassen, von ganz allein, ein wenig lenken und die frische Brise genießen.

Plötzlich war alles so leicht. Die Zinslast, die mir monatelang schlaflose Nächte bereitet hatte, war endlich abgetragen. Vorbei das ewige Knausern und die quälenden Nächte, die mir vorkamen wie aufgefädelte Zeitpunkte, Zeitperlen, die alle einzeln durch ein Nadelöhr gezogen werden mussten. Ein endloser Faden, gesponnen aus Sekunden, Minuten, Tagen und Nächten, Monaten und Jahren. Vorbei!

Ich sinnierte so vor mich hin, als eine Geschmacklosigkeit der besonderen Art mich plötzlich aufhorchen ließ. Ein lauter, fetter LKW rauschte an mir vorbei, prallvoll mit drallen Damen aus Pappmaché, die für Brustimplantate warben. So was hatte ich noch nicht gesehen!

Ich wechselte die Richtung, blickte noch einmal zurück und sah, wie geplatzte Träume (oder waren es gar Brustimplantate?) wie Popcorn in der Mikrowelle wild durcheinanderwirbelten.

Ich jedoch ließ mich vom Rückenwind vorwärtstreiben und ließ sie alle hinter mir.

 

Gnadenlos piepste der Wecker und steigerte sich unaufhörlich in seiner Lautstärke. Der letzte Traum war so schön gewesen, Miri fühlte sich tatsächlich frei und erleichtert. Dann fiel ihr der Traum mit ihrem Chef bruchstückhaft wieder ein und die Entscheidung, die sie treffen wollte.

Leicht benommen und taumelnd tappte sie unter die Dusche. Der Spiegel blinkte ihr schadenfroh 50 plus, plus, plus entgegen, als sie sich freundlich einen guten Morgen wünschen wollte.

Oha, ich sehe heute ganz schön alt aus, aber ich hab mich trotzdem lieb, dachte sie.

Für diese Fälle hatte sie Anti-Aging-Produkte in Ampullen, die sie mit kreisenden Bewegungen in die Haut einschleuste. Danach eine leichte Klopfmassage, ein ausgleichendes Make-up mit sonnigen Reflexen, farbenfrohen Lidschatten in Türkis, etwas Rouge und einen Lippenstift in einem tiefen, satten Rosé, fast schon Pink. Und reichlich Schwarz auf die Wimpern.

Miri zog das kleine Business-Outfit an, heute in Mausgrau, und freute sich auf ihren Arbeitstag. Bei dem Gedanken an den Traum mit ihrem Chef fing sie an zu kichern. Überhaupt, sie kicherte und lachte gern und reichlich. Sie lebte nach dem Motto: Der Ernst des Lebens lässt sich nur mit einer guten Portion Humor ertragen. Den Ernst des Lebens hatte sie bereits des Öfteren kennengelernt. Von Natur aus war sie aber ein echtes ‚Stehauf-Weibchen’ und kam immer wieder, mal mehr, mal weniger schnell, auf die Beine.

Ihre Füße schlüpften in die bequemen schwarzen Wildlederstiefel, die Miri von ganzem Herzen liebte. Klassisch, ohne irgendwelchen Schnickschnack. Flacher Absatz, Gummisohle, streichelweiches Leder, innen mollig warm ausgefüttert. Ein Stiefel, in dem sie ihre orthopädischen Einlagen tragen konnte, ohne dass es jemand ahnen würde. Zum Laufen liebte sie es neuerdings bequem und kaufte bis auf wenige Ausnahmen nur noch flache Schuhe. Sie hatte es nicht mehr nötig, sich größer zu machen. Immerhin hatte sie die stolze Größe von 1,63m erreicht. Ihre Mutter hatte sie damit um zwölf Zentimeter übertroffen. Dumme Sprüche, ihre Größe betreffend, traute sich niemand mehr zu machen, denn die Retourkutsche kam unweigerlich. Sie konnte gut kontern und dann kam ihre spitze Zunge zum Zug.

***

Auch Georg hatte nach dem Sonntagstreff eine unruhige Nacht. Der Sonntag war bis abends für ihn total harmonisch verlaufen, so lange, bis Miri hereingestürmt war und ihre Story mit dem Aktmodell zum Besten gegeben hatte. Verdammt, er hatte nicht mehr gewusst, wo er hinschauen sollte, seine Augen klebten an ihrem Ausschnitt, aus dem schwarze Spitze hervorlugte. Sie saß ihm direkt gegenüber und sie war wirklich nett anzusehen. Sie geizte nicht mit ihren Reizen und was ihr Liebesleben anging, war sie durchaus mitteilsam. Seiner Phantasie wuchsen Flügel und später allein im Bett auch noch mehr. Irgendwie kam er nicht an sie heran. Sie war entzückend, ihm gegenüber verhielt sie sich jedoch eher kumpelhaft.

Noch am selben Abend hatte er im Internet recherchiert, wann und wo dieser Kurs stattfinden sollte. Er würde sich umgehend anmelden, das war seine Chance. Dummerweise hatte Miri den Namen des Professors nicht genannt, auch nicht den Termin. Dank Google ließ sich aber fast alles herausfinden. Außerdem könnte er die Kollegen fragen, sicher würde einer dabei sein, der sich in der Kunstszene auskannte. Georg kannte sich dagegen mit PC, Internet und diesem ganzen IT-Kram hervorragend aus.

Bevor er Berufsschullehrer geworden war, hatte Georg eine Ausbildung im Bereich Telekommunikation gemacht, er hatte das von der Pike auf gelernt. Er war absolut fit, keiner konnte ihm etwas vormachen. Durch sein Know-how war Georg sehr gefragt, regelrecht begehrt. Vor allem bei Frauen. Technisches konnte er mit einer Engelsgeduld so erklären, dass selbst eine Schildkröte es kapiert hätte.

Zudem war er handwerklich geschickt. In seinem hübschen Einfamilienhaus hatte er neben seiner gut ausgestatteten Werkstatt, in der er gern tüftelte, auch noch einen separaten Eisenbahnkeller. Er hatte zwei rechte Hände, selbst kochen konnte er vorzüglich. An Frauenbekanntschaften mangelte es ihm nicht.

Aber es war schwierig, eine Neue zu finden, eine, mit der er zusammenleben wollte und konnte. Fürs Bett fand er immer eine Frau, das war nicht das Problem. Schwierig wurde es erst, wenn er durchblicken ließ, dass er von gemeinsamer Zukunft träumte. Gemeinsam in seinem Haus, das er damals mit Hanne gebaut hatte und in dem sie sehr glücklich gewesen waren. Hanne und er hatten neben ihren zwei Kindern einen frechen Kater und einen wunderbaren Garten, in dem sie zum Sonnenuntergang nach getaner Arbeit, gern bei einem Glas Rotwein zusammengesessen hatten.

Miri erinnerte ihn irgendwie an Hanne. Diese fröhliche, zupackende Art, besonders, wie sie lachte oder kicherte.

Ja, Hanne, dachte er, meine gute alte Hanne, wieso musstest du so früh sterben? Wir hatten doch noch so viel vor.

An einem schönen Herbsttag im Oktober war es geschehen. Die Kraniche waren gen Süden gezogen und hatten am Himmel gekreischt. Hanne liebte die Kraniche ganz besonders, fühlte sich magisch angezogen von ihnen. Wenn sie das Geschnatter nur hörte, blieb sie stehen und sah den Tieren so lange hinterher, bis sie aus ihrem Blickfeld verschwunden waren. Auf eine geheime Art schien sie mit ihnen zu kommunizieren. Manchmal sagte sie, wenn sich die Vögel am Himmel neu formierten: „Schau mal Schatz, die Kraniche tanzen für mich.“ Und es sah tatsächlich so aus.

Georgs Gedanken kreisten in der Vergangenheit. Er sah, wie Hanne im Garten in der Sonne stand und den Kranichen zuschaute, während er ins Haus ging, um den Apfelkuchen zu holen, den sie gerade gebacken hatten.

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