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Nebel über München

Olaf Maly

Nebel über München

Ein Kommissar Wengler-Krimi


Alle Namen und Personen in diesem Buch sind frei erfunden. Etwaige Übereinstimmungen mit lebenden oder toten Personen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt. Ich möchte mich an dieser Stelle bei zwei Personen bedanken, ohne deren Hilfe dieses Buch nicht zustande gekommen wäre. Da wäre zu allererst meine langjährige Partnerin Marita Stepe, die es stets auf sich nimmt, die erste Fassung meiner Bücher zu lesen und mit konstruktiver Kritik auf die Handlung Einfluss nimmt. Und dann noch meine Lektorin, Theresia Riesenhuber, die mit Engelsgeduld meine Fehler ausmerzt. Sollte Ihnen das Buch gefallen haben, empfehlen sie es doch bitte Ihren Freunden. Und vielen Dank, dass sie es gelesen haben.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

1

Es war kalt an diesem Novembermorgen. Und es war wieder einmal Montag. Allerheiligen war endlich vorüber und Allerseelen, am heutigen Tag, war kein richtiger Feiertag. Jedenfalls keiner, den man als Beamter der Münchener Polizei freihatte. Das Leben konnte also weitergehen. Am ersten dieser zwei feierlichen Tage gedachte man der Heiligen, wie es halt Tradition war im katholischen Bayern. Aller Heiligen, nicht nur derer, die man auf Erden irgendwann heiliggesprochen hatte. Nein, man gedachte auch jenen, von denen man noch nicht einmal wusste, dass sie heilig waren, da dies ganz ohne Zutun der Menschen entschieden wurde. Von ganz oben verordnet. Ohne dass jemand hier unten Einfluss nehmen konnte. Wie viele es davon gab, wusste keiner, das war aber auch Nebensache. Man verallgemeinerte und betete alle Heiligen gleichzeitig an. Das machte es einfach und effektiv. Wollte man doch keinen vergessen. Die wahrscheinlich unzählige Menge derer, die es geschafft hatten, konnte man nur erahnen, aber nicht wissen. Und mit dieser Methode, einfach alle gleichzeitig zu feiern, konnte man niemanden vergessen.

Was die bayerischen Heiligen betraf, hatten diese sicher eine Sonderstellung. Da war sich Kommissar Wengler absolut sicher. Seine Mutter hatte immer davon gesprochen, dass sie, wenn sie einmal in den Himmel kommen sollte, nur in den bayerischen einziehen würde. Dafür betete sie, wann immer sie eben betete. Und in ihren letzten Jahren betete sie viel.

'Und dann wart ich da auf dich, Herbert', pflegte sie zu sagen. 'Ein gutes Wort werd ich für dich einlegen, wenn ich ihn seh. Und dann machen wir uns eine gemütliche Ewigkeit. Da wird der Herrgott schauen! Da sitzen mir auf die Wolken und singen Halleluja. Den ganzen Tag.'

Das war zwar nicht gerade die Vorstellung vom Paradies, die Herbert Wengler hatte. Für sich selbst dachte er dann stets: 'Des werden wir schon sehen, wie sich des ergibt. Ich hoffe, da gibt's immer nur Bier und Weißwurst.' Obwohl der Pfarrer immer meinte, die Nahrung sei dort eher geistig. Was immer das zu bedeuten hatte. Zu seiner Mutter sagte Wengler jedoch: 'Mama, genauso machen wir des. Red mit ihm, wenn'st da oben bist.'

Dann kam Allerseelen, der zweite Tag dieses Gedenkens an die Verstorbenen, der in diesem Jahr ein Montag war, da er Allerheiligen folgte, was eben an einem Sonntag stattfand. Man gedachte der Seelen der Toten, die aus dem Fegefeuer aufgestiegen waren. Die von der Hölle Erlösten machten Rast an diesem Tag, wo immer sie hin unterwegs waren. Die Rast fand immer an ihrem jeweiligen Grab statt. Dem bayerischen Brauchtum folgend, brachte man ihnen deswegen etwas zum Essen an ihre Gräber. Meist einen Hefezopf oder Opferbrot, wie man es nannte. Das war früher. In der heutigen Zeit besuchte man die Gräber und beließ es dabei. Den Hefezopf aß man dann lieber selbst.

Kommissar Wengler nahm diesen Sonntag immer zur Gelegenheit, das ehemalige Grab seiner Mutter zu besuchen. Ehemalig deswegen, weil er eigentlich nur die Stelle besuchte, wo das Grab einmal gewesen war. Seine Mutter war vor vielen Jahren gestorben und hatte auf dem Südfriedhof für ein paar Jahre einen Platz gehabt. Dann hatte sich der Kommissar gedacht, dass ihre Seele sowieso schon lange im Himmel sei und man Platz machen solle für die nächste Generation Verstorbener. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass seine Mutter, die niemandem jemals ein Leid zugefügt hatte, überhaupt auch nur einen Tag in der Hölle war. Nicht eine Minute. Nein, das war ganz unmöglich. Sie brauchte also kein Grab, bei dem sie Rast machen konnte auf dem Weg in den Himmel. Zur Sicherheit beließ er das Grab dennoch für ein paar Jahre. Man konnte ja nie wissen. Und da wollte er kein Risiko eingehen, wenn er sie denn treffen sollte. Dort oben, im Himmel.

'Eines aber ist immer sicher', dachte er eines Tages für sich selbst: 'Die Toten sterben nicht aus.' Also gab er das Grab auf und vermachte es dem nächsten, der es brauchen mochte. Wiederverwertung nannte man das.

Trotzdem jedoch, ging er jedes Jahr an die Stelle, an der das Grab einst gewesen war. Dort ganz in der Nähe gab es eine Bank, grüne Latten, mit schmiedeeisernen Seitenteilen, die diese Latten in geschwungener Form zur Bank machten. Sie war alt, diese Bank, wahrscheinlich viel älter schon als er selbst. Und das Grün war jeden Zentimeter ein bisschen anders grün. Je nachdem, welche Schichten der Farbe gerade sichtbar waren. Wenn etwas die Zeit überdauerte, waren es Gräber und Friedhöfe, dachte Wengler sich stets, wenn er diese Bank sah. Er hatte auch immer eine dicke Zeitung dabei, die er auf die Bank legte, bevor er sich darauf setzte. Schließlich war es Anfang November und, wie immer um diese Zeit, kalt und nass. Auch wenn es seiner Hose keinen Schaden zugefügt hätte, sich einfach darauf zu setzen, es war einfach wärmer. Und hielt seine Hose trocken. Dann saß er dort, sog die frische, kalte Luft ein, sah den Eichhörnchen nach, die sich gegenseitig jagten, und lauschte den Stimmen der wenigen Vögel, die es um diese Zeit noch gab. Meist nur Raben und Krähen, die man den ganzen Sommer über nicht zu Gesicht bekam. Nur im Herbst und Winter wurden die munter. Und dann dachte er an seine Mutter. Sie war eine kleine, stämmige Frau gewesen. Bescheiden und still. Wann immer etwas Geld übrig war, gab sie es für den 'Bub' aus, wie sie ihn nannte. Er konnte sich nur an wenige Momente erinnern, in denen sie ihn Herbert genannt hatte. Der Name war der seines Vaters, der noch im letzten Kriegsjahr gestorben war. Auf dem Feld der Ehre, wie man so sagte. Ganz böse war seine Mutter immer deswegen und hat das nie verstanden – oder verstehen wollen. Das mit der Ehre und dem Heldentod. 'Tot ist tot, Bub, da gibt’s nichts zum Diskutieren. Auch nicht zum Verschönern. Da kann'st mir daheim bleiben, mit deiner Ehre. Lieber hätt ich den Herbert, deinen Vater, bei mir, als auf diesem komischen Feld.' Dann wurde so gut wie nicht mehr darüber geredet. Außer, wenn der Bruder seiner Mutter zu Besuch war, der immer wieder davon anfing. Deswegen, glaubte Herbert Wengler, haben die sich nicht so oft gesehen. Der Bruder, für Wengler Onkel Julius, hatte eine Schusterei. Unten, in der Au, einem Viertel Münchens, das bis heute seinen spröden, urbayerischen Charakter behalten hat. Am auffälligsten für den jungen Herbert Wengler war immer, dass der Onkel stets die schmutzigsten Schuhe anhatte, die man sich vorstellen konnte. Auch er selbst war nie ein Verfechter des Schuhputzens, aber sein Onkel war erstens Schuster und zweitens schon viel gereifter. Hätte also den Sinn sauberer Schuhe wohl mehr verstehen müssen als er selbst. Auf seine Frage, warum das so sei, antwortete sein Onkel, dass er keine Zeit habe, seine eigenen Schuhe zu pflegen. „An denen verdien' ich nicht einen Groschen, Bub. Kost' mich nur was.“

Damit war diese Diskussion erledigt und der junge Herbert wusste, dass er wieder etwas fürs Leben gelernt hatte. Nämlich, dass man mit seiner wertvollen Zeit haushalten und immer entscheiden musste, was man wann machte. Und die wichtigen Dinge zuerst erledigte. Wie 'auf ein Bier gehen' und Ähnliches, was Onkel Julius am liebsten machte. Auch Karl Valentin, ein Münchener Original, war in der Au geboren worden. Dieser Stadtteil musste also etwas an sich haben, was andere Viertel nicht hatten.

Wenglers Mutter bekam eine kleine Witwenrente, die sie sich mit Putzen und Waschen ein wenig aufbesserte. Viel war es nicht, aber sie waren zusammen. Jeden Tag. Das war ihr immer das Wichtigste. 'Zusammen sein mit meinem Bub', meinte sie, 'hält mich am Leben'. Bis sie starb. 'Geh zum Staat, Bub', hatte sie noch kurz vor ihrem Tod gesagt. 'Da geht's dir gut und du brauchst dir keine Sorgen machen.' Was er dann, wie man sah, auch getan hat.

Immer wenn er kam und sich auf seine Bank setzte, war auch diese Frau da. Kleinwüchsig und vornüber gebeugt, ging sie von Grab zu Grab. Sie hatte diesen schwarzen Hut auf, der von einer großen Nadel in ihrem aschgrauen Haar festgehalten wurde. Der Hut war zu klein für ihren Kopf, passte irgendwie nicht so richtig. Hier am Friedhof schien sie fast zum Inventar zu gehören. Wann immer er sie sah, hatte sie diesen grauen Mantel an, der fast bis zum Boden reichte. Er hatte den Eindruck, dass dieser Mantel immer länger wurde. Früher mag er ihr vielleicht gerade über die Knie gegangen sein, aber im Alter wurde sie kürzer und kürzer – es war sicher nicht der Mantel, der länger und länger wurde. Der behielt seine ursprüngliche Länge. Nur sichtbar älter wurde er, dieser Mantel, zusammen mit der Frau, die in ihm steckte. Er fing an, an den Rändern und Ärmeln auszufransen. Man sah, dass sich jemand bemühte, ihn immer wieder zu reparieren. Mal mit gutem, mal mit weniger gutem Erfolg. Mit dicken, schwarzen, viel zu großen Stiefeln schlurfte die Frau langsam über den Kiesweg und versuchte, die Gräber in dieser Reihe so gut wie es eben ging sauber zu halten. Sie nahm die Blätter auf, die auf den Gräbern lagen, eines nach dem anderen, und gab sie in einen Korb, der neben ihr stand. Alte, verwelkte Blumen ereilte dasselbe Schicksal. Sie stand mit dem Rücken zum Kommissar, tief gebückt über den Gräbern, ihrer Arbeit zugetan. Ohne den Kommissar anzusehen, fing sie plötzlich an zu reden: „Ham's da jemanden liegen?“, fragte sie.

Auch wenn der Kommissar sie seit Jahren sah, war es doch das erste Mal, dass sie zu ihm sprach. Vielleicht brauchte sie ein paar Jahre, diese Vertrautheit zu schaffen, die nötig war, jemanden anzusprechen. Oder sie wollte an diesem Tag einfach mal mit jemandem reden.

„Immer kommen's am Allerheiligen und setzen sich da auf die Bank. Jedes Jahr. Und dann gehn's wieder, als wenn nix g'wesen wär. Haben's nix Besser's zu tun an dem Tag, wie hier rumsitzen?“

Für die erste Konversation, dachte sich der Kommissar, war die Frau ganz schön forsch. Wusste sie doch nicht einmal seinen Namen, geschweige denn, woher er kam und warum.

„Meine Mutter war amal hier, aber des is' schon lang' her. Jetzt komm ich nur, weil ich niemanden ander'n hab, den ich am Friedhof besuchen kann. Und an dem Tag besucht man doch die Toten. Muss man doch. Deswegen gibt's doch den Tag.“

„Wie hat's denn g'heißen, die Mutter?“

Noch immer war sie stetig damit beschäftigt, Blätter und Unrat, der sich über die Tage angesammelt hatte, aufzulesen.

„Franziska Wengler hat's g'heißen.“

„Franziska Wengler, aha“, sagte die Frau, ohne sich umzusehen oder von ihrer Arbeit abzulassen. Es gab immer wieder ein Blatt, das aufzuheben war, eine braune, verwelkte Blume, der man Beachtung schenken musste.

„Des Grab hab ich auch für viele Jahre g'macht. Bis sie dann die Veronika Mutschler rein g'legt haben. Da drüben, gleich des zweite da drüben“, wobei sie mit dem Kopf eine kleine Bewegung in die entsprechende Richtung machte, „des war des Grab von Ihrer Mutter. Kann mich noch gut an den Grabstein erinnern. Die Schrift war schon a bisserl schwach, aber man hat's schon noch lesen können. Na ja, jetzt is' eh weg, des Grab. Und der Stein auch.“

„Ja, des war des Grab. Kann mich schon noch erinnern. Auch wenn's schon lang her is'.“

Eine Pause stellte sich ein. Als wäre das Gespräch beendet. Einfach so. Doch nachdem sie zum Nachbargrab gegangen war, fing die Frau wieder an zu reden: „Mein Joseph liegt hier. Der Pfarrer hat g'sagt, wenn ich die Reih' hier immer schön sauber halt, kann er da liegen, bis ich auch geh. Des is' jetzt schon 17 Jahr', seit mein Joseph mich verlassen hat. Einfach umg'fallen is' er, einfach so. Dann is' der Doktor 'kommen und hat g'meint, den hat der Schlag 'troffen. Schnell is' 'gangen, hat er g'meint, der Doktor. G'spürt hat er nix, mein Joseph. Aber dass der so einfach 'gangen is, so auf einmal, des hab ich nicht so gut gefunden. Und des sag ich ihm auch jedes Mal, wenn ich her komm'. Und wenn wir uns dann wieder treffen, da oben mein ich, frag ich ihn, was er sich dabei 'dacht hat.“

Sie kniete sich nieder, um auch noch die restlichen kleinen Wurzeln der eingepflanzten, aber schon verwelkten Astern herauszuziehen. Es war eine mühsame Arbeit, das sah man ihr an. Ihre Hände, klein und schmal, waren an den Gelenken stark deformiert. Sie hatte Probleme, sie zu schließen. Die gestrickten Handschuhe, die sie anhatte, waren an den Fingerkuppen abgeschnitten. Es musste ihr kalt sein.

„Dann hab ich aus der Wohnung müssen, weil des doch eine Dienstwohnung war. Im Finanzamt hat er g'arbeitet, mein Mann. Der Herr sei ihm gnädig“, wobei sie kurz innehielt und sich bekreuzigte.

„Sein ganzes Leben war er im Finanzamt. Früh is' er hin und Punkt um halb sechs war er daheim. Jeden Tag. Da hat man können die Uhr danach stellen, nach meinem Joseph. Ja, und dann, wie ich aus der Wohnung hab raus müssen, bin ich ins Altersheim, gleich da, neben der Kirch. Der Herr Pfarrer hat g'meint, des wär des Beste für mich. 'Liebe Schwestern' nennen die sich. Alles so welche mit einer weißen Haube auf dem Schädel. Und einen schwarzen Umhang bis zum Boden. Haar' sieht man keine. Vielleicht haben die überhaupt keine Haare nicht. Auf dem Kopf, mein ich. Auf die Zähn' haben die sicher welche. Aber was weiß ich schon.“

„Dann haben sie's ja noch ganz gut erwischt, mein ich.“

Die Frau drehte sich nun doch auf einmal um, sah den Kommissar streng an und meinte, vielleicht etwas lauter, als sie eigentlich gewollt hatte:

„Da is’ nix 'Liebes' bei dene Schwestern, des können's mir glauben. Jeden Tag bet' ich, dass des vorbei geht. Aber der Herrgott hat kein Einsehen. Vielleicht ist des die Strafe für meine Sünden.“

Damit nahm sie ihren Korb, sah sich noch einmal auf den Gräbern um, nickte zufrieden und machte sich langsam und schlürfend auf den Weg zum Abfallbehälter, der am Ende des Weges aufgestellt war. Jeder Schritt wurde vom Geräusch des Kieses untermalt, den ihre Stiefel, aus denen sie fast herausfiel, verschob. Dort hinein, in den großen grünen Abfallcontainer, leerte sie den Inhalt ihres Korbes und ging in Richtung Ausgang, ohne sich noch einmal umzudrehen. Der Kommissar saß noch für eine Weile, sah wieder den Eichhörnchen zu, die scheinbar um die Wette liefen. Vielleicht, um sich warm zu halten. Krähen krächzten von Zeit zu Zeit. Das hieß, dass es Winter wurde. Die Vögel, alle die es konnten, waren Richtung Süden geflogen und hatten ihre Lieder mitgenommen. Die großen Kastanienbäume, die im Sommer den so nötigen Schatten spendeten, waren kahl und schwarz. Es tropfte die Nässe von den kahlen Ästen. Nur die vereinzelt herumstehenden Tannen waren grün und gaben dem Ganzen doch noch ein bisschen Farbe.

Es war ein trauriges Wochenende. Eines, in dem es nur traurige Musik gab und man nicht tanzen durfte. Das wurde so verordnet. Sobald jedoch das Wochenende vorbei war, dachte man wieder mehr ans Leben. Wie fast jedes Jahr, fielen an diesem Wochenende auch bereits, ganz leise, die ersten Flocken Schnee. Nicht dass er liegen blieb, nein. Aber eine dünne Schicht der weißen Pracht verzuckerte die immer noch spärlich auf den Ästen hängenden Blätter. Blätter, die nicht loslassen konnten, auch wenn sie schon lange tot und braun waren. Der Winter stand vor der Tür. Er kündigte sich an, um diese Jahreszeit. Bedeutete den Menschen, die warmen Sachen aus dem Keller zu holen, die Stiefel zu putzen und Handschuhe zu suchen. Ein Schal wäre auch nicht das Schlechteste. Es würde ein harter Winter werden, dieses Jahr. Alle Anzeichen sprachen dafür. Einschließlich des hundertjährigen Kalenders, nachdem sich die Bauern auch heute noch richteten. Schon Ende Oktober hatte es einmal angefangen zu schneien. Nur ein paar Wochen nach dem Oktoberfest. Viel zu früh, um sich daran zu erfreuen. In den Bergen, nicht weit weg von München, lag schon die erste Schicht Schnee auf den Almen, die gerade erst geräumt und winterfest gemacht worden waren. Das Wetter war um das Oktoberfest herum eigentlich immer noch ganz gut in München. Jedes Jahr hatte man irgendwie Glück mit dem Wetter. Der bayerische Himmel hatte scheinbar ein Einsehen. Gab den Menschen da unten noch zwei Wochen, die sie genießen konnten. Zumindest wettermäßig. Es war nicht unbedingt warm, aber meist sonnig. Abends konnte es schon mal Frost geben. Man merkte das nicht, wenn man ein paar Liter Bier intus hatte. Alkohol macht unempfindlich gegen Kälte. Man war warm. Es war einem warm. Auch die Liebe, die man kurzfristig im Bierzelt gefunden hatte, machte einen warm. Meist nur ums Herz, aber das war auch alles, was man in diesen Momenten brauchte. Wenn sich dann der Nebel, der sich abends zwischen die Buden gelegt hatte, morgens mit den ersten Sonnenstrahlen lichtete und man sah, wen man am Vorabend mitgenommen hatte, kam oft die Ernüchterung schneller als man wollte. Meist mit einem Paukenschlag, der einem die Augen öffnete und das Gehirn explodieren ließ. Dann rannte man so schnell es ging weg, egal wohin, nur weg.

Das Wochenende an Allerheiligen, drei Wochen später, war dann immer ein guter Anlass, über all das nachzudenken. Die Zeit danach. Man war wieder unter sich, wenn man anfing, auf der Theresienwiese die Zelte abzureißen, die Überreste der vollendeten Dekadenz zu beseitigen. Man schaufelte alles zu, kehrte es weg, schaffte es auf den Müll. Die Fröhlichkeit nahm man mit. Und deswegen war es auch eine traurige Zeit, die Zeit um den Totensonntag. Die Wolken hingen schwer, schwarz und grau, tief über der braunen, verletzten Erde. Es würde lange dauern, bis man wieder das frische Grün sehen konnte, das einem Hoffnung machte auf bessere Zeiten. Lustigere Zeiten. Und Wärme. Wärme, die man so notwendig brauchte, gerade in dieser Zeit. Aber jetzt musste man sich erst einmal auf die Monate der Kälte und Nässe einrichten, die aus nichts mehr herauszubekommen war. Nicht aus den Kleidern und nicht aus den Köpfen. Und das betraf natürlich auch Kommissar Wengler. In seiner ganzen Person. Innen wie außen.

2

„Bin ich froh, dass des komische Betwochenende endlich vorbei is', Armin“, sagte er, als er am Montagmorgen im Büro erschien. Missgelaunt, angetan mit schweren Stiefeln, seiner braunen Cordhose, einem dicken Pullover und seinem Anorak aus dem Schlussverkauf. Den Anorak warf er in Richtung Kleiderständer. Den grünen Trachtenhut, mit der braunen Entenfeder an der Seite, gleich hinterher. Es war ihm egal, ob das hängen blieb oder auf dem Boden landete. Es war ihm vieles egal, an diesem Tag.

„Jetzt schneit's schon jedes Jahr früher. Kaum is' die Wies'n vorbei, kommt der verdammte Schnee runter. Nicht einmal Zeit hat man, seine warmen Sachen rauszuholen.“

„Sie haben doch das ganze Wochenende Zeit gehabt, Herr Kommissar.“

„Ja, Armin. Wo du recht hast, hast du recht. Ich mach' ja nichts anderes, als in die Schränk rumzustöbern. Ich hab' ja sonst kein Leben. Also, warum nicht das Wochenende damit verbringen, warme Sachen zu finden. Gott sei Dank wohn' ich in keinem Schloss, wo man nicht einmal weiß, in welchem Zimmer die Sachen sind. Ich brauch' bloß auf'n Speicher und hab alles, was ich brauch'. Die Sommersachen hoch, die Wintersachen runter.“

„Wenn Sie ein Schloss hätten, hätten Sie auch einen Diener, Herr Kommissar. Dann bräuchten Sie überhaupt nichts zu machen. Der würde dann Ihre Sachen schon jeden Tag hinlegen. Dann würde er sagen: 'Herr Wengler, heute empfehle ich den hellbraunen Tweed mit der karierten Jacke und den leicht bräunlichen, kurzen Stiefeletten'.“

Der Kommissar blickte Armin an, als käme der gerade von einem anderen Stern.

„Da hast auch wieder recht, Armin. Des is' genau, was mir noch abgeht. Jemand, der mir sagt, was ich anziehen soll. Ein Lakai, der einem dann auch noch den Hintern abwischt. Einmal, da hab ich eine g'habt, die Hildegard, die hat des ein paar Mal versucht. Die is' mit mir in des Kaufhaus 'gangen und hat g'sagt: 'Herbert, dieser Pullover hat auf dich gewartet, des bist genau du. Ich kann mir dich darin genau vorstellen. Als wär der nur für dich g'macht.' Dann hab ich g'meint, wieso der auf mich hätt warten soll'n. So ein Schmarren. Nicht einmal der Bus wart' auf mich, und schon überhaupt kein Pullover. Des hat sie mir noch lang' übel genommen und g'meint, ich wär ein Trampel und hätt' keine Ahnung von Mode und so. Da hat's allerdings recht g'habt, die Hildegard.“

Ohne weiteren Kommentar setzte Wengler sich an seinen Schreibtisch. Die Heizung war voll aufgedreht, wie immer. Im ganzen Haus bestand der leise Verdacht, dass man die Heizkörper überhaupt nicht mehr regeln konnte, was, wenn man den Hausmeister darauf ansprach, selbstverständlich hartnäckig bestritten wurde. Sommer wie Winter waren sie einfach offen. Nur im Sommer heizte man eben nicht.

„Warm is' wieder hier. Wie in einer Sauna.“

Das war ein Standardkommentar des Kommissars, den Armin schon seit langer Zeit nicht mehr erwiderte. Es sei denn, der Kommissar riss das Fenster auf. Mit einem Seufzer, der wohl sagen sollte, dass man sein Schicksal nicht ändern, sich also gerade diesem ergeben konnte, schob der Kommissar seine Pulloverärmel nach oben. Dann faltete er sorgfältig seine Süddeutsche auf und fing an, sich in seine Welt der Verwunderung zu versetzen.

„Ja, jetz' schau die Deppen an. Die wollen jetz' auf der nächsten Wies'n ein asiatisches Zelt hinstellen. Mit thailändischem Essen. Ja, hat des schon amal jemand g'höhrt?“

Armin sah von seinem Computer auf und den Kommissar an.

„Das kann ich gar nicht glauben. Das ist doch ein Witz, oder?“

„Armin, steht hier schwarz auf weiß“, wobei der Kommissar mit seinem Zeigefinger hart auf die Stelle schlug, auf der diese infame Meldung stand, „schwarz auf weiß. Einen Asiaten auf der Wies'n. Ja, des nächste is' dann Tofu anstatt Hendl. Oder Reispfanne mit Hühnerfüß. Süß und sauer, wie die Gelben des machen.“

„Hendl?“

„Armin, gegrilltes Huhn. Langsam solltest schon amal was lernen von der bayerischen Sprache. Wenn'st hier sesshaft werden willst, bleibt des nicht aus, dass du was lernen musst. Sonst verpasst' noch alles. Und wenn'st dann amal so a bayerisches Madl erwischst und nur die Hälfte verstehst, dann kann's passieren, dass'd verheirat' bist und weißt gar nix davon. Wachst auf und 'bumm', die Freiheit war gewesen. Ab heute lebenslänglich. Nur weilst nix verstanden hast.“

Das Telefon klingelte.

„Armin Staller, Mordkommission.“

Ein Moment der Stille. Armin schien angestrengt zuzuhören.

„Moment bitte, ich schalte auf Lautsprecher.“

„Ja, der Herbert is' scheinbar schon im Büro. Hab ich doch glatt gedacht, er schafft's nicht mehr heut'. Nach so einem traurigen Wochenende. Wie geht’s dir denn Herbert?“

„Wie soll's mir schon gehen? Was meinst, Schorsch, wie's mir geht, wenn ich weiß, dass es die nächsten Monat' nichts wie kalt und nass is'?“

„Ja, da bist nicht allein. Wenn man halt alt wird, kann man des halt nicht mehr so aushalten. Da reißt's einem hinten und vorn. Und die Frau daheim meint, man spielt der was vor, nur weil man nicht mit in die Stadt will zum Einkaufen. Dabei käm uns des doch überhaupt nicht in den Sinn. Die meint, wir hätten immer so dumme Ausreden. Nur wenn wir auf den Fußball gehen, dann tät uns nix weh.“

„Ja, da bin ich immer froh, dass ich da keine Probleme hab. Da brauch' ich nicht den Kranken spielen, nur weil ich keine Lust hab zum Einkaufen.“

„Ja, Herbert, des sind die Momente, wo dich jeder hier beneidet. Besonders um Weihnachten rum. Kannst' des nicht einmal für mich übernehmen? Ich mein, nur so einen Samstag, weißt.“

„Des würd mir noch fehlen. Na, Schorsch, die Suppen musst schon selber auslöffeln. Hast sie dir ja auch einbrockt. Wollt'st es ja net anders.“

„Ja, wenn man jung is', da gehen halt einem die Pferd durch, wie man sagt.“

„Red' kein Schmarren, Schorsch, jeder macht des, was er meint, richtig is'. Des einzige, mit dem ich ein Problem hab, is' des Wetter. Und des hab ich noch nie mögen. Ich weiß nicht, wer auf die Idee gekommen is', mich hier reinzusetzen, mitten in dieses Klima. Aber du rufst doch nicht an, weilst wissen willst, wie's mir geht. Was is' denn?“

Georg Zoller, auch Schorsch oder – von ganz engen Freunden – auch Bazi genannt, war Kollege und Leiter des Rauschgiftdezernats. Früher, das heißt sehr viel früher, haben der Schorsch und Herbert Wengler einmal zusammengearbeitet. Dann trennten sich die Wege. Es gab da eine gemeinsame Liebe, die, wie so oft, in Rivalität ausartete und die beiden für Jahre entzweite. Aber wenn die Jahre vergehen, vergeht auch der Groll. Bis man dann eines Tages aufwacht, sich mit der flachen Hand auf die Vorderseite seines Kopfes schlägt und zu sich selbst sagt:

'Was bist jetzt du für ein Depp g'wesen, dass'd wegen einem Weib deinen Freund vergessen hast?'

Dann ist die Freundschaft wieder hergestellt. Natürlich nicht, ohne dieses Ereignis auch noch kräftig zu feiern. Was eben der Herbert und der Schorsch auch ausgiebig gemacht haben.

„Einen Toten haben wir. Einen, der ganz schön zugerichtet ist. Ich mein, ich hab ja schon viel g'sehen, aber den hat's wirklich erwischt. War auch schon a paar Tag im Wasser, da unten am Stauwerk. Da, bei der Praterinsel. Erst haben wir uns gedacht, dass des einer aus der Szene ist. War aber nicht. Der war viel zu gut angezogen. Ich mein, mit Anzug und so.“

„Des nutzt dem jetzt auch nix mehr, der gute Anzug.“

„Da magst recht haben, Herbert. Da siehst, wie unwichtig des is, wenn man amal flach liegt. Also was is', schaust dann a mal rüber und übernimmst des?“

„Wieso habt's ihr den eigentlich zuerst ang'schaut? Ich mein, für Tote in der Isar sind doch noch immer wir zuständig.“

„Des schon, Herbert, aber wir haben da grad so was am Laufen hier in München. Die Russen und die Albaner richten sich g'rad hier ein und nehmen sich gegenseitig des G'schäft weg. Drogenmäßig, mein ich. Fast jeden Tag haben wir da einen, der irgendwo auf der Straß' oder in einer Borzen liegt, mit zwanzig Kugeln im G'sicht. Da braucht man euch gar nicht mehr, weil wir eh wissen, wer die abg'feuert hat. Und da haben wir gedacht, des is’ wieder so ein Fall. War aber nicht. Die Hände sind manikürt und überhaupt schaut der net aus, als wenn er viel mit die Händ was macht. Unsere Kundschaft hat des net, die sind eher rauh. Net nur an die Händ', mein ich.“

„Aber herzlich, wissen wir schon. Wo is' er denn jetzt, dein guter Anzug?“

„Beim Brunner, da unten im Keller, weißt es eh. Der wartet schon sehnsüchtig auf dich.“

„Des glaubst, dass der wartet. Wenn der mich sieht, hat er immer nur diese dummen Kommentare, dass man nichts anfassen darf und so. Wegen seine DNA-Spuren. Nicht einmal Luft holen darfst bei dem. Könn'st ja seine DNA einatmen. Dann wär die weg und nicht mehr zum Finden.“

3

Dr. Bernd Obermüller war ein gut aussehender, schlanker, hochgewachsener Mann Mitte fünfzig. Die graumelierten Haare waren nicht seine eigene, natürlich gewachsene Haartracht, sondern der Erfolg von Haarverpflanzungen und kunstvoller Drapierung derselben. Er hielt viel auf sich und sein Aussehen. Als er um vierzig herum feststellte, dass seine Haarfülle immer dünner wurde, gab er viel Geld aus, dies zu verhindern. Er meinte zwar immer – besonders zu anderen, die sich das nicht leisten konnten – dass es wichtiger sei, etwas im Kopf als auf demselben zu haben, nahm dies aber für sich selbst nicht in Anspruch.

Seine Anzüge waren, ebenso wie seine Schuhe, in Italien maßgeschneidert und handgenäht. Die Krawatten bezog er aus dem Liberty Haus in London. Alles, was keinen Namen hatte, den man lesen konnte, wenn man die Innenseite der Jacke wie zufällig zur Schau stellte, verachtete er. Und er pflegte das Jackett stets so zu legen, dass man die Marke wahrnehmen musste. Er konnte es nur schwer mit ansehen, wie die jungen Mitarbeiter in Jeans und Blazer zur Arbeit kamen. Wenn die Jeans wenigstens von einem Designer kämen. Aber einfach nur Jeans aus dem Kaufhaus waren eine Schande in sich selbst. Wie die Träger derselben eine Schande waren. Er sah darin einen Zerfall der Kultur, etwas, was man aufhalten sollte. Er verglich es mit dem Zerfall des Römischen Reichs und fragte sich, wie lange es dauern würde, bis auch uns dieses Schicksal ereilte. 'Wie kann man sich vom normalen Volk unterscheiden, wenn man deren Gepflogenheiten annimmt?', meinte er häufig. Wie sich abheben von der normalen, dumpfen Gesellschaftsschicht, wenn man genauso aussah wie diese? Das sei keine Option. Nein, das musste sogar unter allen Umständen verhindert werden. Nur der weise Einwand seines Personalvorstands hielt ihn davon ab, eine entsprechende Kleiderordnung einzuführen.

Er jedoch, fand er, war eine angemessene Kleidung seiner Position schuldig. 'Vorsitzender einer großen Firma zu sein, bringt besondere Opfer mit sich', war einer seiner Standardsprüche, wenn ihn jemand darauf ansprach. Und dann lächelte er und zeigte seine strahlend weißen Zähne aus Porzellan, wohl wissend, dass sich das Gegenüber neidisch in sich selbst zurückzog und seine eigene, so minderwertige Existenz zu tiefst bedauerte.

An diesem Nachmittag aber saß er mit halb offenem Hemdkragen, einer fast bis zum Nabel gelösten Krawatte und hochgekrempelten Ärmeln im Konferenzzimmer und hörte all den Leuten zu, die ihm so gar nichts zu sagen hatten. Er war allen, die dort saßen, weit überlegen. Dessen war er sich voll bewusst. Das ging ihm pausenlos durch den Kopf.

Er sah sie an, diese Dreißigjährigen, die ein Jahr in England oder Amerika verbracht hatten und dachten, ihm etwas vormachen zu können. Innerlich lachte er über sie. Sah sie als das, was sie seiner Meinung nach waren: Dummköpfe, die immer nur dasselbe herunter faselten, was sie sich aus Büchern abgeschrieben hatten, die so dumm waren wie sie selbst. Sie hatten keine eigene Meinung, sie zitierten immer nur Leute, die sie nie in ihrem Leben gesehen, geschweige denn gesprochen, haben. Und doch dachten sie, ihm etwas vormachen zu können. Und wären das seine Leute gewesen, hätte er einen nach dem anderen in sein Büro geladen, nur um sie auf das Maß zurechtzustutzen, das auf sie gepasst hätte. Ungefähr so groß wie einer seiner manikürten Fingernägel. Der seines kleinen Fingers. Und dann hätte er sie entlassen. Das hätte ihm gefallen. Und ihnen dann noch gesagt, dass sie das nicht als Tragödie sehen sollten, sondern als einen neuen Anfang. Als Herausforderung. Als der Beginn von etwas Großem und Gewaltigem. Und dass sie ihm eines Tages dankbar sein würden für diesen Moment. Jetzt und hier. Und das war es, über das er nachdachte, als er sich den Unsinn anhören musste, den einer nach dem anderen von sich gab.

Da ging auf seinem Handy ein Anruf ein, was ihn jäh aus seinen Tagträumen riss. Alle Gespräche waren auf sein Festnetztelefon umgeleitet, das in seiner Abwesenheit von seiner Assistentin beantwortet wurde. Das Handy selbst, war auf Vibrieren gestellt, da er den ganzen Tag an dieser Besprechung teilnehmen musste, an der er so überhaupt nicht teilnehmen wollte. Doch er hatte keine Wahl. Seiner Sekretärin, Frau Brenner, hatte er am Morgen noch gesagt, dass er nicht gestört werden wolle. Nur in äußerst dringenden Fällen. Jetzt hatte sie also doch ein Gespräch auf sein Handy durchgestellt. Sollte es sich herausstellen, meinte er noch, bevor er in die Besprechung ging, dass es kein dringender Fall war, wenn er ein Gespräch annehmen musste, würde sie etwas erleben. Und das meinte er so. In diesen Sachen verstand er keinen Spaß, das wusste Frau Brenner nur zu gut. Also musste er annehmen – da es nun ununterbrochen in seiner Hosentasche vibrierte – das es etwas Dringendes war.

Dr. Bernd Obermüller war Vorstand eines IT-Unternehmens, das gerade versuchte, sich aus Deutschland heraus in ganz Europa auszubreiten. Die Erweiterung brachte mit sich, dass man sich mit einer anderen Firma verband. Diese Besprechung diente dazu, die entsprechenden Kontakte herzustellen, um eben das zu ermöglichen. Der Nachteil dieser Akquisition war, und das wusste er nur zu gut, die Eliminierung seines Postens. Konsolidierung nannte man das. Zusammenlegung von Ressourcen. Eigentlich nicht direkt ein Nachteil – jedenfalls nicht, was die Firma betraf. Eher nur für ihn. Er hatte das intern schon mehrere Male mit großem Erfolg durchexerziert. Hatte Abteilungen zusammengelegt, nur um Leute entlassen zu können, die ihm nicht genehm waren. Dann, nach ein paar Wochen, wurde der alte Zustand wieder hergestellt, da man angeblich die erhofften Einsparungen nicht erzielen konnte. Sein engster Mitarbeiter und Konfident, der der einzige war, der sagen konnte, was er dachte, ohne danach auf der Straße zu sitzen, fragte ihn einmal danach. 'Ich sehe es als mein Privileg an und ich brauche es, Macht über Menschen zu haben', hatte er geantwortet. 'Wenn ich das nicht mehr kann, ist alles vergebens gewesen. Dann schmeiße ich hin.' Sein Konfident fragte solche Fragen nie wieder.

Nach 16 Jahren treuer Mitarbeit sollte er also kalt abserviert werden. Das war auch der Grund, warum er eigentlich nicht zu dieser Besprechung hatte gehen wollen. Aber er musste dennoch. Und auch der Grund, warum er seiner Sekretärin nicht wohl gesonnen war. Sie hatte nichts damit zu tun. Aber er brauchte ein Ventil. Jemanden, an dem er seinen Frust ablassen konnte. Er war nicht einmal sich selbst wohl gesonnen. Und schon gar nicht den anderen, die ihm nun schon seit Stunden auf die Nerven gingen. Gut, man hatte ihm eine sogenannte Betreuung durch einen Headhunter zugesagt. Ein Jahr lang sollte dieser nach einer neuen Position für ihn suchen. Aussichtslos, von Tag 1 an, das wusste er. Niemand würde seinen Lebenslauf auch nur lesen, geschweige denn, ihn einladen, sich persönlich vorzustellen. Er kannte nicht die richtigen Leute, die ihm einen Job verschaffen konnten. Ja, er hatte viele Bekannte, Leute, die ihm verpflichtet waren, die ihm etwas schuldeten. Aber die waren nicht seine Freunde. Er brauchte keine Freunde, meinte er immer. 'Wenn du einen Freund brauchst', war einer seiner klugen, und nicht immer aktuellen Sprüche, 'schaff dir einen Hund an'. Das führte unweigerlich dazu, dass viele seiner Kontakte es gar nicht erwarten konnte, ihn fallen zu sehen. Es wurden bereits Wetten abgeschlossen, wann es soweit sein würde. Viel Geld war im Spiel, als bekannt wurde, welches Schicksal ihn erwartete. Man freute sich in diesen Kreisen darüber und trank noch einmal auf diesen 'Mistkerl', wenn man beim Abendessen darauf zu sprechen kam. Nur ein paar Worte. Mehr war er nicht wert.

Ja, in der Firma würde man zum Abschluss seiner so wertvollen Tätigkeit eine Feier organisieren, auf der der neue Vorstand dann in gefühlsvollen Sätzen bedauerte, ihn gehen zu sehen. Wie er sich abgerackert habe, aus diesen kleinen Anfängen etwas Großes zu machen. Und man würde auch ihm huldvoll sagen, dass dies nicht sein Ende sein werde, sondern ein neuer Anfang. Ein Anfang von noch größeren Herausforderungen, denen er sich ohne Zweifel würde stellen können. Beifall würde dann rauschen, von seinen Kollegen und Untergebenen, die sich insgeheim freuten und ihm wünschten, dass er ganz langsam in sich zusammenfiele und nie mehr aufstand. Je tiefer und härter der Fall, umso besser. Dann käme bei all den Anwesenden das gute Gefühl auf, dass nicht sie es waren, denen man alles Gute wünschte, und auch, dass er endlich weg war, dieser Ekel. Er wusste das nur zu genau. Er hatte keine Illusionen. Nicht in dieser Hinsicht.

Politik innerhalb der Firma war nicht immer seine Stärke gewesen, obwohl er früher auch manchmal damit jemandem ausgestochen hatte, auf der Leiter nach oben. Er konnte gut treten, jedenfalls nach unten. Nur die Mittel wurden in den letzten Jahren von den Jüngeren immer weiter verfeinert. In seiner Zeit hatte es gereicht, jemandem vor der Kaffeemaschine schlecht zu machen, ihn immer wieder voll auflaufen zu lassen, besonders, wenn der Chef in der Nähe war. Heute aber war das anders. Man benutzte die sozialen Medien, die er nicht verstand und mit denen er auch nichts zu tun haben wollte. Es wurden Videos ins Netz gestellt, von denen niemand wusste, wie und wo sie entstanden waren. Wenn man dann die entsprechenden Kanäle informierte, wusste innerhalb von Minuten die ganze Firma, wie sich der so loyale Boss wieder über irgendjemand ausgelassen hatte. Schlecht für die Karriere. Sollte man doch – wenigstens nach außen – der absolute Teamplayer sein. Dann gab es Anrufe von oben, vom Aufsichtsrat, vor dem er sich rechtfertigen musste. In letzter Zeit hatte dies schon fast den Hauptteil seiner Arbeitszeit in Anspruch genommen. Rechtfertigungen. Sein Gefühl betrog ihn nicht, wenn er dachte und der Bauch ihm sagte, dass da etwas gegen ihn im Gange war. Es war etwas im Gange, daran bestanden keine Zweifel.

Missmutig nahm er also das Telefon aus seiner Hosentasche und sah auf das Display, um herauszufinden, was denn so wichtig war. Er hielt das Handy unter dem Tisch, kniff die Augen zusammen und versuchte, aus einem Meter Entfernung etwas zu entziffern. Das war nicht einfach. Die Augen ließen schon lange nach, da konnte man nichts machen. Normalerweise brauchte er keine Brille, redete er sich ein, aber wenn er wirklich etwas lesen wollte, kam er nicht umhin. Seine Eitelkeit jedoch verbot es ihm, ständig eine auf der Nase zu haben. Nur wenn er sich unbeobachtet fühlte, nahm er sie aus seiner Tasche. Die Nummer, die er sah, war ihm nicht bekannt. Er hatte ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Man konnte sich darauf verlassen, dass er alles behielt, was er je gelesen, gesehen oder gehört hatte. Seine Untergebenen wussten ob dieser Begabung. Sie war eine seiner Stärken. Er wusste, dass viele diese Gabe nicht besaßen und nutzte diesen Vorteil immer wieder aus. Man konnte ihm nichts vormachen. Nie. 'Wer konnte das nur sein?', fragte er sich. Nun gut, da er eindringlich betont hatte, nur sehr wichtige Anrufe entgegenzunehmen, musste es denn auch wichtig sein.

„Meine Herren, wir sollten eine kleine Pause machen, so etwa 10 Minuten“, sagte er daher in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. Ohne eine Antwort abzuwarten, stand er auf und bewegte sich Richtung Tür, öffnete diese und war verschwunden. Alle im Raum Verbliebenen sahen sich gegenseitig an und verstanden nicht. Man hatte sich geeinigt, das alles so schnell wie möglich durchzuziehen. Pausen waren nicht geplant. Sogar das Essen wurde angeliefert, damit man keine Zeit damit verlor, irgendwo hinzufahren. Und nun unterbrach dieser Obermüller einfach unangekündigt. Unglaublich. Man war geschockt.

Bernd Obermüller war mittlerweile in einem kleinen Büro angekommen, dessen Benutzer nicht anwesend zu sein schien. Jedenfalls sah es so aus, als käme er so schnell nicht zurück. Kein Computer am Tisch, kein Kalender an der Wand und keine Bilder von Frau und Hund im Rahmen. Nur all die Kabel, die man so brauchte, lagen wie Spaghetti auf Tisch und Boden verteilt. Das konnte nur bedeuten, dass die Stelle, die zu diesem Büro gehörte, zu vergeben war. Obermüller drückte auf die 'Annahme'-Taste und hielt das Telefon ans Ohr – nicht, ohne es vorher mit einem Taschentuch, das er immer in der Tasche hatte, abgewischt zu haben.

„Sind Sie Herr Dr. Bernd Obermüller?“, kam es aus dem Lautsprecher.

„Der bin ich, ja. Um was geht es? Ich bin in einer sehr wichtigen Besprechung und ich hoffe, es ist wichtig, was Sie mir zu sagen haben.“

Da stand er nun, leicht an den aufwendig furnierten Schreibtisch gelehnt, und hörte dem zu, was der Teilnehmer am anderen Ende ihm zu sagen hatte. Die Stimme, die er hörte, klang verstellt, künstlich. Als wolle jemand nicht erkannt werden. Wie aus einem Computer. Je länger sie sprach, desto mehr wich die Farbe aus Obermüllers Gesicht. Seine Röte, die ihm im Konferenzzimmer noch zu Gesicht stand, da er außer sich war und es nicht zeigen durfte, und es zudem unerträglich warm im Raum war, wurde mehr und mehr zu einer Blässe, die sich zu Ende des Gesprächs in Aschfahl gewandelt hatte. Er war innerlich zusammengebrochen. Wenn er auch noch mühsam aufrecht stehen konnte, waren seine Kräfte doch im Begriff zu schwinden. Er musste sich setzen, bevor seine weichen Knie nachgaben. Zu seinem Glück hatte man die Stühle in diesem Büro noch nicht aussortiert. Er nahm auf dem Besucherstuhl Platz, der an die Wand gelehnt war. Dann öffnete er die Krawatte noch weiter als sie ohnehin schon offen war. Auch weitere Knöpfe am Hemd musste er öffnen, um Luft zu bekommen. Er ließ das Telefon auf seinen Oberschenkel sinken. Die Person am anderen Ende hatte bereits aufgelegt. Dort saß er nun, das Telefon immer noch eingeschaltet, und dachte nach. Es war nicht einfach, seine Gedanken zu finden und zu ordnen. Absolut nicht einfach.

Nach wenigen Minuten, die ihm wie Stunden vorkamen, nahm er sich, so gut es eben ging, zusammen. Er blickte auf das Display am Telefon, sah, dass der Teilnehmer wirklich aufgelegt hatte, aber ein Bild hinterlassen hatte. Er sah sich das Bild an und stand langsam auf. Wie in Trance ging er in das Besprechungszimmer zurück, nahm seine Jacke, die über dem Stuhl hing, und marschierte geradewegs zu seinem Büro. Er hatte seine Fassung mittlerweile einigermaßen wiedergefunden und konnte auch wieder halbwegs rational denken. Die Leute im Besprechungszimmer hatte er nicht mehr wahrgenommen. Fast wie unter Hypnose war er an ihnen vorbeigegangen. Sie hatten ihn gefragt, ob es ein Problem gäbe. Ob man ihm helfen könne. Ob man die Besprechung vielleicht unterbrechen solle. Er hatte sie nicht beachtet. War an ihnen vorbeigegangen, als seien sie nicht vorhanden. Sie waren Luft. Schlechte Luft. Sie waren von einer Minute auf die andere unwichtige Zuschauer einer Entwicklung geworden, die ihrer nicht mehr bedurfte. Sie waren ganz einfach unwichtig geworden. Sie waren es im Grund schon lange gewesen, aber zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht einmal mehr die Kraft, etwas vorzuspielen. Der Vorhang war gefallen, die Schauspieler gingen nach Hause. Der letzte Akt war vorüber. Das Licht wurde gelöscht. Es gab keine Zugabe.

In seinem Büro angekommen, nahm Obermüller seine Aktentasche, warf achtlos einige persönliche Gegenstände hinein, nahm den Mantel aus seinem Schrank, den Autoschlüssel vom Tisch und verließ das Gebäude. Auch seiner Sekretärin gab er keine Erklärung zu seinem Verhalten ab. Er bemerkte sie nicht einmal. Sie sah ihn an und wusste von seinem Gesichtsausdruck, dass er nicht ansprechbar war. Er war sich in diesem Moment sicher, dass er nie wieder einen Fuß in dieses Büro setzen würde. Und er war nicht unbedingt sehr traurig darüber. Das vor ihm liegende Problem war bedeutender und das wusste er.

4

Dr. Brunner saß hinter Glas, in seinem Büro, das von außen fast wie ein Aquarium aussah. Es war spartanisch eingerichtet. Nur sein Schreibtisch und einige Stühle, ein kleines Regal und eine große, weiße Tafel an der Wand hinter ihm. Er saß an seinem Tisch und war in irgendetwas vertieft, sah auf seinen Computerschirm, als wäre dieser dazu da, ihm das Leben zu retten. Dabei tippte er pausenlos auf sein Keyboard ein. Er bemerkte nicht, dass sich der Kommissar und Armin näherten. Kommissar Wengler klopfte leicht an die Tür, die offen stand.

„Oh, mein Gott, Sie haben mich aber erschreckt!“

„Wollten wir nicht“, meinte der Kommissar fast entschuldigend und ging ein bisschen weiter ins Büro hinein. „Ich weiß auch, warum Sie sich so erschrocken haben“, sagte er, „weil Sie immer nur mit Leichen zu tun haben. Ein Lebender wird Sie dann halt erschrecken. Tote klopfen nicht mehr an.“

„Nicht deswegen, Herr Kommissar, nur, ich war gerade in was vertieft. Betrifft übrigens Ihre neue Leiche. Lassen Sie uns doch gleich einmal hingehen. Dann können Sie selbst sehen.“

Dr. Brunner stand auf, ging an den beiden, die nun mitten im Raum standen, vorbei, direkt auf einen der Metalltische im Sezierraum zu, auf denen die Objekte seines Tuns lagen. Das Licht war grell und weiß. Der Raum war fensterlos. Nur ganz oben gab es einige kleine Luken, die man mit einer Kurbel von unten her öffnen konnte. Die Be- und Entlüftungsschächte sowie die komplette Elektrik waren unverkleidet unter die Decke montiert und hielten die Temperatur niedrig. Da man mit vormals lebenden Objekten zu tun hatte, die bei angenehmen Temperaturen schnell zerfielen, war das mehr eine Notwendigkeit als für die Behaglichkeit der Mitarbeiter gedacht. Nur im Sommer, 'wenn die Hitze einem das Gehirn zerlaufen ließ', wie es der Kommissar immer auszudrücken pflegte, war dies ein Ort, an dem man sich gerne traf.

Jeder Tisch hatte noch eine extra Lampe mit einem Vergrößerungsglas. Auf den Wagen aus rostfreiem Stahl, die neben jedem Tisch standen, lagen alle möglichen Instrumente. Sägen, Skalpelle, Messer und Scheren in diversen Größen. Der Geruch nach Chlor und Desinfektionsmittel konnte einem den Atem nehmen. Der ganze Raum war mit weißen Fliesen verkleidet. Am Boden und an den Wänden.

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