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Neuanfang in Briar Creek

OLIVIA MILES

Neuanfang in Briar Creek

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Kerstin Fricke

Über dieses Buch

Als Anna Madison die dicken Rauchschwaden über der Main Street von Briar Creek aufsteigen sieht, ahnt sie schon, dass jeder Schritt sie ihrem schlimmsten Albtraum näher bringt: Das Fireside – ihr kleines Café und ganzer Stolz – steht in Flammen, und Anna muss tatenlos mitansehen, wie alles, was sie sich über die Jahre so mühsam aufgebaut hat, in Rauch aufgeht. Und damit steht auch die Existenz von Annas Familie auf dem Spiel: Um den Kredit für den neu eröffneten Buchladen ihres Vaters bezahlen zu können, sind Annas Schwestern nicht nur auf die Einnahmen des Fireside angewiesen, Anna ist auch dafür zuständig, das angrenzende Café von Grace täglich mit Gebäck und Leckereien zu beliefern. Da kommt das Angebot ihres Exfreunds Mark Hastings eigentlich gerade recht: Anna kann jeden Morgen vor dem Frühstücksbetrieb die Küche seines Diners zum Backen benutzen, bis ihr Café wieder aufgebaut ist – doch Anna bereitet dieser Vorschlag Magenschmerzen. Sie kann sich nichts Schlimmeres vorstellen, als jeden Tag gemeinsam mit Mark in der Küche zu stehen. Nicht nur ihre Vorstellungen von gutem Essen liegen meilenweit auseinander, Anna merkt bereits von der ersten Sekunde an, dass ihre jahrelangen Versuche, Mark endlich aus ihrem Herz zu verbannen, gnadenlos scheitern werden …

Für Avery

1

»Eine gute Freundschaft ist immer die beste Grundlage für eine dauerhafte Beziehung.«

Anna Madison, die gerade die Blaubeerscones auf einem Keramiktablett arrangierte, hielt inne und runzelte die Stirn. Nicht immer, dachte sie.

Bis jetzt waren die Gespräche des wöchentlichen Buchklubtreffens nur ein angenehmes Hintergrundgeräusch gewesen, ein munteres und beruhigendes Summen an einem ansonsten ruhigen Vormittag im Laden. Jetzt spitzte Anna jedoch die Ohren, um trotz der blubbernden Kaffeemaschine mehr von der Unterhaltung mitzubekommen. Sie schob das Tablett über die Theke aus poliertem Holz und kniff die Augen zusammen, um die aus mehreren Frauen bestehende Gruppe zu mustern, die sich rings um den antiken Farmtisch vor dem großen Schaufenster von »Main Street Books« versammelt hatte. Die Damen trafen sich jeden Samstagvormittag im »Anhang«, wie die Café-Erweiterung des Buchladens genannt wurde, seitdem sie das Geschäft eröffnet hatte. Hinter der Ladentheke stehend beobachtete sie, wie die Frauen Cappuccino tranken und das frische Gebäck aßen, und sie fragte sich, wer von ihnen töricht genug gewesen war, eine solche Aussage zu machen.

Ihr Blick fiel auf Rosemary Hastings, die am Kopf des Tisches saß und entschlossen das Buch dieses Monats – Sinn und Sinnlichkeit – umklammerte. Rosemary presste ihre rubinroten Lippen selbstsicher zusammen und saß steif und stolz da, was von ihrem jahrelangen professionellen Tanztraining zeugte. Ihr immer grauer werdendes Haar hatte sie zu einem Knoten gebunden, für den sie inzwischen berühmt geworden war.

»Ich habe meinen Kindern immer gesagt, dass sie zuerst mit einer Freundschaft anfangen sollen. Wenn die erst einmal steht, ist die wahre Liebe nicht mehr weit«, fuhr Rosemary weise fort. Die anderen Damen nickten oder nippten höflich an ihrem Kaffee oder Tee, da sie genau wussten, dass man eine gegenteilige Meinung lieber nicht laut aussprach. »Männer und Frauen können nie nur Freunde sein«, führte Rosemary weiter aus. »Eine Freundschaft ist nur der Anfang. Daraus entsteht immer etwas Bedeutungsvolleres.«

Oh, das reichte jetzt aber wirklich. »Ja, klar«, murmelte Anna. Sie schüttelte den Kopf und wandte ihre Aufmerksamkeit erneut dem Korb mit den Ingwer-Feige-Muffins zu. Zufrieden stellte sie fest, dass diese an diesem Morgen sehr beliebt waren, da nur noch sieben der zwölf übrig waren, die sie aus dem »Fireside Café«, ihrem Restaurant, mitgebracht hatte.

»Bist du anderer Meinung, Anna?«

Jetzt hatte sie es geschafft. Anna blickte auf und stellte fest, dass Rosemary sie quer durch den Raum scharf ansah und den Kopf erwartungsvoll schief gelegt hatte. Sie seufzte und sackte in sich zusammen, als zehn Augenpaare sie musterten und alle auf ihre Antwort warteten. Ihr war klar, dass man einen Streit mit Rosemary einfach nicht gewinnen konnte und es klüger wäre, es dabei zu belassen und sich ihrer immer länger werdenden To-do-Liste zu widmen. Seit der Neueröffnung von Main Street Books hatte Anna mehr zu tun, als sie sich je hatte vorstellen können. Das Buchladencafé war sehr gut angekommen, wie es ihre ältere Schwester Grace vorhergesagt hatte, und die Geschäfte im Fireside liefen auch nicht schlechter. Wahrscheinlich sollte sie sich über den guten Start freuen – schließlich hing viel davon ab, dass die beiden Geschäfte gut liefen, damit sie das Darlehen, das sie für die Neubelebung des angeschlagenen Geschäfts ihres Vaters hatte aufnehmen müssen, zurückzahlen konnte –, aber ein Geschäft führte sich nun mal nicht von allein.

»Was haben Sie gesagt, Rosemary?« Annas jüngere Schwester Jane kam um die Ecke und trug einen großen Bücherstapel vor sich her. Sie warf einen Blick auf das oberste Buchcover und schob den Band dann an den passenden Regalplatz in der Kochbuchabteilung, die an das Café grenzte.

»Deine Schwester hat gerade meiner Aussage widersprochen, dass Männer und Frauen nicht nur Freunde sein können.«

»Aber sicher können sie das!« Jane lächelte. »Luke und Grace sind doch das beste Beispiel dafür. Sie waren jahrelang Freunde, bevor sie …«

»Genau!« Rosemary hob triumphierend einen Finger in die Luft. »Sie waren Freunde, bevor sie schließlich fest zusammen waren. Aber ich kenne meinen Sohn.« Sie wackelte mit dem Finger, wobei sie sich seltsamerweise eher auf Anna als auf Jane zu konzentrieren schien. Anna unterdrückte einen Stoßseufzer und wischte mit der Hand die Krümel von der Theke, um sie dann in den Mülleimer zu werfen. »Er wollte nicht nur mit Grace befreundet sein. Nein, nein, nein, mit einem so hübschen Mädchen doch nicht! Er hat sich nur mit ihr angefreundet, um sie besser kennenzulernen. Um in ihrer Nähe zu sein.« Sie zuckte mit den Achseln. »Da steckt immer mehr dahinter.«

Anna schnaubte, was bewirkte, dass Rosemarys Lächeln sofort verblasste. Rosemary sah sich erzürnt und ungläubig um, und in ihren blauen Augen spiegelte sich ihre Entrüstung wider. Mindestens fünf der Frauen zogen den Kopf ein und taten so, als wären sie in ihr bereits mehrfach gelesenes Taschenbuch vertieft. Anna wünschte sich, dass sich ihre Mutter auch der Gruppe angeschlossen hätte, aber als Innenarchitektin hatte Kathleen samstags einfach viel zu viel zu tun. Dennoch wäre ein bisschen Unterstützung schön gewesen, und Jane war viel zu höflich, um jemandem wie Rosemary Hastings Widerworte zu geben, vor allem, da sie jetzt auch noch in deren Tanzstudio arbeitete.

»›Immer‹ ist ein sehr starkes Wort, Mrs Hastings. Manchmal entwickeln sich Freundschaften weiter, manchmal aber auch nicht.« Und manchmal sollten sie es lieber nicht tun, fügte sie innerlich hinzu und verzog das Gesicht.

»Tja, ich spreche aus persönlicher Erfahrung«, erklärte Rosemary und schnaufte.

»Ich ebenfalls.« Anne rückte die Körbe mit dem Gebäck auf dem Tresen zurecht und löste die Bänder ihrer Schürze. Sie hätte schon vor zehn Minuten gehen müssen, stattdessen stand sie immer noch hier und beteiligte sich an einer durch und durch sinnlosen Diskussion.

»Ach ja?« Diese Neuigkeit schien Rosemarys Interesse zu wecken.

Doch Anna hatte nicht vor, das noch weiter auszuführen. Sie reichte ihre Schürze an Jane weiter, die die Nachmittagsschicht übernehmen würde, während Grace sich um den Laden und die Kasse kümmerte. »Es hat mich sehr gefreut, Sie alle zu sehen, aber ich muss jetzt rüber ins Café. Viel Spaß noch bei Ihrem Buchklub, die Damen!« Sie lächelte herzlich und hoffte, dass sie die Unterhaltung geschickt beendet hätte, aber Rosemarys Gesichtsausdruck verriet ihr, dass diese noch lange nicht fertig war.

»Anna Madison, in all den Jahren, die ich dich jetzt kenne, habe ich dich nicht ein einziges Mal mit einem männlichen Freund gesehen.«

Ach, was wusste sie denn schon? Anna verschränkte die Arme vor der Brust und sah Hilfe suchend zu Jane hinüber, aber ihre Schwester zog nur die Augenbrauen hoch und drehte sich wieder zu der Kaffeemaschine um, was Annas Frustration noch verstärkte.

»Das ist doch gar nicht wahr. Ich hatte einige Freunde.« Sie dachte vor allem an einen ganz bestimmten, aber dessen Namen würde sie nicht aussprechen. Niemals. Keiner in Briar Creek wusste von der Beziehung, die sie in der Kochschule gehabt hatte, und das sollte auch so bleiben. »Vielleicht nicht in letzter Zeit, aber da waren schon Freunde. Mehr als genug Freunde.«

Sie hörte, wie Jane hinter ihr schnell den Wasserhahn aufdrehte. Das Geräusch des fließenden Wassers übertönte ihr leises Lachen. Rosemary hingegen schien nicht im Geringsten amüsiert zu sein. Sie presste die Lippen aufeinander, während sie Annas abweisende Haltung zur Kenntnis nahm. »Du arbeitest zu viel. Ein hübsches Mädchen wie du sollte inzwischen längst verheiratet sein.«

Anna keuchte leise auf. Sie starrte Rosemarys Armee aus hoffnungslosen Romantikerinnen an, die jetzt alle nervös in ihre aufgeschlagenen Taschenbücher starrten, als müssten sie für einen Test lernen, und sah sich dann Hilfe suchend im Raum nach jemandem, irgendjemandem um, der Rosemarys Äußerungen ebenso abstoßend fand wie sie. Als sie sich zu Jane umdrehte, stellte sie fest, dass ihre Schwester ihr weiterhin den Rücken zuwandte, und so warf sie die Arme in die Luft und stemmte sie dann in die Hüften. »Dies ist das einundzwanzigste Jahrhundert. Ich bin eine Karrierefrau, und das gefällt mir ziemlich gut.«

»Jetzt beruhige dich doch wieder«, befahl Rosemary. »Du hast mich ganz offensichtlich falsch verstanden.«

»Hab ich das?« Anna sah auf die Uhr, und ihr Herz schlug schneller, weil sie immer nervöser wurde. Es war bereits zwölf Uhr, und die Mittagsgäste strömten bestimmt bereits ins Restaurant.

»Ich meinte damit, dass du nur Arbeit und kein Vergnügen kennst. Du hast es verdient, auch mal ein bisschen Spaß zu haben.«

Nur Arbeit und kein Vergnügen. Anna fiel ein bestimmter Mensch in dieser Stadt ein, auf den das genaue Gegenteil zutraf: niemand anders als Rosemarys Neffe Mark Hastings. Dennoch hatte sie nie gehört, wie sich Rosemary darüber beschwerte, dass er noch Single war.

Mark ist nicht nur Single, korrigierte sie sich, er ist absolut bindungsunfähig.

»Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, hat es in Briar Creek nicht gerade von heiratsfähigen Männern gewimmelt«, merkte sie an und lehnte sich mit dem Rücken an ein Bücherregal. Ihre Beine schmerzten vom vielen Stehen, und sie hatte sich nicht ein Mal hinsetzen können, seitdem sie an diesem Morgen aus dem Bett gestiegen war. Um vier Uhr. Der Gedanke an ein heißes Bad und ein gutes Glas Cabernet zauberte den Hauch eines Lächelns auf ihre Lippen. Es war schließlich Samstag, und sie hatte an diesem Abend ohnehin nichts anderes vor. Wenn die Gäste nach dem Abendessen das Restaurant verließen und die Abrechnung gemacht wurde, könnte sie bereits in ihrem Flanellschlafanzug auf der Couch liegen, und vielleicht war es dann auch erst dreiundzwanzig Uhr.

Sie schnitt eine Grimasse. Daran sollte sie jetzt lieber nicht denken.

»Ach, mir würden da gleich mehrere geeignete Kandidaten einfallen«, meinte Rosemary kryptisch, während ein verschlagenes Lächeln ihre geschminkten Lippen umspielte.

»Tja, dann kennen Sie einige mehr als ich«, erwiderte Anna. Der ihr viel zu vertraute Schmerz machte sich in ihrer Brust breit, als sie an Mark dachte, der nicht weit entfernt im Diner arbeitete.

Warum musste sie überhaupt an ihn denken? Sie kannte seinen Ruf, und zwar nur zu gut, und sie hatte schon vor langer Zeit beschlossen, dass es nichts brachte, auf seine Läuterung zu warten. Mark war ein Aufreißer. Ein attraktiver, unwiderstehlicher Aufreißer. Und ein Schuft. Ja, er war ein Riesenarschloch. Und das Schlimmste war, dass er das wusste und nicht die geringste Absicht hatte, irgendetwas daran zu ändern. Daher musste sie damit aufhören, an ihn zu denken, und zwar auf der Stelle.

Anna klopfte ihre Taschen ab auf der Suche nach ihrer Sonnenbrille, bis ihr wieder einfiel, dass sie sie in ihre Handtasche gesteckt hatte. Sie schalt sich dafür, dass ihre Gedanken einen Weg eingeschlagen hatten, den sie seit Langem hätte vergessen sollen, ging hinter die Theke und kauerte sich hin, um ihre Sachen aus dem Schrank zu nehmen. »Kommst du alleine zurecht?«, fragte sie ihre Schwester und deutete mit dem Kinn auf den Buchklub, der ihr zunehmend auf die Nerven ging.

Jane lächelte sie reumütig an. »Keine Sorge. Du vergisst, dass Rosemary zwanzig Stunden die Woche meine Chefin ist. Falls du das hier für schlimm hältst, dann hast du sie noch nie im Tanzstudio erlebt. Glaub mir, für diese Frau kann das Plié gar nicht tief genug ausfallen.«

Rosemary hatte trotz ihres strengen Äußeren ein gutes Herz, aber dennoch gefiel es Anna gar nicht, ungewollt das Ziel ihrer Aufmerksamkeit zu sein. Wenn es jemand verdient hatte, aufgrund seines Beziehungsstatus ins Kreuzfeuer genommen zu werden, dann war das ja wohl Mark und nicht sie.

Mark. Sie dachte ja schon wieder an den Mann, den sie bereits vor Jahren hätte vergessen sollen. Das war mal wieder typisch für Rosemary, dass sie alles durcheinanderbrachte.

Auf der anderen Seite des Raumes erhob sich ein Murmeln, und kurz darauf kreischten einige Damen auf, als könnten sie ihre Freude nur noch mit Mühe im Zaum halten. Janes Augen funkelten interessiert. »Willst du raten?«

»Ich möchte es eigentlich gar nicht wissen«, antwortete Anna und stöhnte. Sie schob den Riemen ihrer Handtasche auf ihrer Schulter zurecht und drehte sich langsam zu der Gruppe um, da sie spürte, dass Rosemary noch etwas zu sagen hatte, bevor Anna gehen konnte.

»Die Mädels und ich haben es besprochen, und wir haben eine großartige Idee.« Rosemary machte eine dramatische Pause. »Ich werde einen Mann für dich suchen.«

»Wie bitte?« Anna hätte beinahe laut aufgelacht, aber Rosemary hörte nicht auf, breit zu grinsen. Sie hatte die Hände weiterhin züchtig auf dem Schoß gefaltet, hielt den Rücken schnurgerade und sah Anna entschlossen an, während diese vor Schreck die Augen aufgerissen hatte.

»Du hast mich schon verstanden«, sagte Rosemary. »Ich werde einen passenden Mann für dich finden.«

»Oh … bitte nicht.«

»Augenblick mal, was ist mit mir?«, warf Jane ein, und bei diesen Worten blickten die anderen Damen, die so getan hatten, als würden sie der Unterhaltung nicht folgen, ruckartig auf. Es passte gar nicht zu Jane, derart forsch zu sein. »Warum Anna und nicht ich?«, wiederholte sie und stemmte die Hände in die Hüften.

Rosemary gelang es kaum, ihre Irritation zu verbergen. »Meine Liebe … Anna ist schon ihr ganzes Leben lang ohne Partner! Dabei geht sie doch gewiss auf die dreißig zu.«

Anna fühlte, wie sich ihre Fingernägel tiefer in ihre Hüften bohrten, bis sie schon Angst hatte, ein Loch in ihr Baumwollshirt zu reißen. Sie war erst achtundzwanzig, und doch schien ihr bereits der Ruf einer alten Jungfer anzuhängen. Das wurde ja immer schlimmer. Da sie schätzte, die Sache nur noch schlimmer zu machen, indem sie auf diese Beleidigung reagierte, entgegnete sie brüsk: »Ich bin genauso alt wie Kara, Mrs Hastings. Was ist denn mit ihr? Warum verkuppeln Sie nicht eine Ihrer Töchter?«

Rosemary wedelte mit einer Hand in der Luft herum. »Kara und Molly wollen nicht, dass ich mich in ihre Angelegenheiten einmische.«

Ich etwa? Anne sah durch das Café zu den Säulentischen im vorderen Teil des Ladens hinüber, auf denen die Bücher sorgfältig arrangiert worden waren, und reckte den Hals, um jemanden hinter den hohen Bücherstapeln zu entdecken, aber es war niemand zu sehen. Grace hielt sich vermutlich im Hinterzimmer auf, ging die Inventarlisten durch, öffnete gerade hocherfreut die neueste Bücherlieferung oder plante die Neudekorierung des Schaufensters, sodass es den jüngeren Madison-Schwestern oblag, den Laden am Laufen zu halten. Was ihnen momentan nicht besonders gut gelang.

»Was ist mit mir?«, wiederholte Jane.

Anna starrte sie an und versuchte, sich ihre Fassungslosigkeit nicht anmerken zu lassen. Im ersten Augenblick hatte sie geglaubt, das wäre Janes kreative Art, Rosemary abzulenken, aber die Entschlossenheit in ihren haselnussbraunen Augen und die keck in die Luft gereckte Nase sprachen eine ganz andere Sprache. Dabei war es gerade mal wenige Monate her, dass Jane die Scheidung eingereicht hatte. »Glaubst du nicht, dass es noch etwas zu früh dafür ist?«, fragte Anna leise.

»Für Adam war es auch nicht zu früh! Er hat sogar schon losgelegt, als wir noch verheiratet waren!«, schoss Jane zurück und hob das Kinn etwas höher. Da sie Anna den Schreck offenbar ansah, fügte sie hinzu: »Ach, komm. Das ist ja wohl kaum ein Geheimnis.« Sie sah Rosemary an. »Gleiches Recht für alle. Wenn Sie einen Mann für Anna suchen, dann bitte auch einen für mich.«

»Aber ich will überhaupt nicht verkuppelt werden!« Anna legte Jane einen Arm um die Schultern. »Perfekt. Mrs Hastings, rufen Sie einfach all diese sogenannten heiratsfähigen Männer in Briar Creek an und geben Sie ihnen Janes Telefonnummer.«

»Nein.« Rosemary schüttelte derart übertrieben den Kopf, dass sich einer ihrer Ohrringe in ihrem roten Kaschmirschal verfing, den sie sich locker um den Hals geschlungen hatte. Sie zuckte zusammen, löste ihn vorsichtig und musterte dann mit gerunzelter Stirn den Schaden am Schal.

»Jane hat Ihnen doch gerade gesagt, dass sie Hilfe gebrauchen könnte.«

»Oh, das habe ich durchaus gehört«, stellte Rosemary fest und ließ den Schal mit einem resignierten Seufzer sinken. Dann lächelte sie Jane freundlich an. »Und ich werde dir helfen, meine Liebe. Unter einer Bedingung.«

Jane strahlte, aber wenn es um Herzensangelegenheiten ging, war Anna keine Närrin mehr. Früher war sie eine gewesen, doch das war lange her. »Und die wäre?«, verlangte Anna zu erfahren und bekam es mit der Angst zu tun.

»Du musst dich ebenfalls verkuppeln lassen, Anna.« Rosemary verbarg ihr triumphierendes Lächeln hinter ihrer Kaffeetasse.

»Auf gar keinen Fall …«

»Ach, komm schon!«, bat Jane und stieß sie sanft mit dem Ellbogen an. Anna starrte in ihre flehentlichen Augen und bemerkte, dass sich die Enttäuschung darin abzeichnete. Diesen Blick kannte man nun schon seit Monaten von Jane, auch wenn sie ihre Traurigkeit hinter einem tapferen Lächeln verbarg. Jane war die Starke, die Frau, die andere unterstützte, und niemals diejenige, die Forderungen stellte. Jane würde einem noch ihre letzten zehn Dollar geben und dann wortlos gehen. Jane bat nie um irgendetwas. Und doch stand sie jetzt hier und bat Anna um etwas, das sie ihr unmöglich geben konnte.

Viele Jahre hatte sie genau das nicht getan, was jetzt von ihr verlangt wurde: mit Männern ausgehen. Dabei verliebte man sich bloß, und das führte nur wieder dazu, dass ihr das Herz gebrochen wurde. Jane sollte diese Lektion doch inzwischen gelernt haben, aber ihr hoffnungsvoller Blick besagte eindeutig, dass sie das aus irgendeinem Grund nicht getan hatte. Seltsamerweise hatte ihre Schwester nicht den Glauben an die Liebe verloren, obwohl der Vater ihres Kindes und der Mann, der geschworen hatte, sie zu lieben, bis der Tod sie schied, sie betrogen, belogen und schließlich verlassen hatte.

»Okay«, stieß Anna zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und ignorierte das Jubeln der Damen am Tisch. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, Janes dankbares Lächeln zur Kenntnis zu nehmen. So glücklich hatte sie ihre jüngere Schwester seit Monaten nicht mehr gesehen, stellte sie fest. Sie blinzelte mehrmals schnell und konnte nur hoffen, dass Jane nie wieder so verletzt werden würde. »Und jetzt muss ich aber wirklich gehen.«

»Geh nur«, rief Rosemary über das Geplapper ihrer Freundinnen hinweg. »Ich weiß sowieso nicht, wie du das Geschäft führen willst, wenn du den ganzen Tag nur rumstehst und plauderst.«

Wortlos holte Anna tief Luft, zwang sich, dieses Mal den Mund zu halten, und wollte schon gehen, da hielt Jane sie am Arm fest. »Danke«, murmelte sie.

»Du bist mir was schuldig«, warnte Anna ihre Schwester und schob sich die Sonnenbrille auf die Nase. Während sie durch das Labyrinth aus Bücherregalen hindurch- und in den sonnigen Frühlingstag hinausging, fragte sie sich, wie sie aus dem Versprechen, das sie gerade gegeben hatte, wieder rauskommen konnte. Sie hatte in ihrem Leben keine Zeit für Männer, Verabredungen und all diesen Unsinn. Darin gab es nichts als die Arbeit. So musste es sein, und so war es ihr auch am liebsten. Meistens zumindest.

Sie reckte das Kinn in die Luft und konzentrierte sich auf den Weg und die vielen Arbeitsstunden, die noch vor ihr lagen und die ihrem Leben einen Sinn gaben, als sie auf einmal wie versteinert stehen blieb. Vorn an der Ecke Main Street und Second Avenue war eine graue Rauchwolke zu sehen. Eine Menschenmenge hatte sich gegenüber der vertrauten Backsteinfassade versammelt, und überall blieben Leute stehen und starrten hinüber.

Ein Feuerwehrwagen raste mit lauter Sirene an ihr vorbei, sodass ihr das lange blonde Haar ins Gesicht wirbelte, und erst dann fing Anna an zu rennen. Nicht das Café, flehte sie still gen Himmel, bitte nicht das Café. Sie bahnte sich den Weg zwischen den schockierten Schaulustigen hindurch und hätte beinahe ein kleines Kind umgerannt, das die vorbeifahrenden Wagen lachend beobachtete. Sie wusste, dass sie jeder Schritt ihrem schlimmsten Albtraum ein Stück näher brachte.

Inzwischen drang Rauch aus den Fenstern, und sie sah Glasscherben auf dem Bürgersteig liegen. Mehrere Feuerwehrmänner sprangen mit einem langen Schlauch vom Wagen. Als Anna vor dem Fireside Café angekommen war und nach Luft rang, die sich in ihrer Lunge jedoch dick und schwer anfühlte, herrschte um sie herum derart viel Aufruhr, dass sie zuerst gar keine klare Antwort von irgendjemandem bekommen konnte. Rotes Licht flackerte durch den Ruß, der in der Luft hing und sie husten ließ. Der Sheriff marschierte hin und her, brüllte Anweisungen und befahl den Menschen, Abstand zu halten. Die Feuerwehrmänner bildeten mit ausgebreiteten Armen eine Barriere, um die Menge und somit auch Anna langsam zurückzudrängen.

Sie starrte die Menschen um sich herum an, während sie nach hinten taumelte, auf der Suche nach einem vertrauten Gesicht, auch wenn ihr alles vor den Augen verschwamm. Irgendjemand musste ihr doch sagen können, dass alles wieder gut werden würde, dass nichts Schlimmes passiert wäre.

»Anna! Oh Gott!« Anna wirbelte herum und stand ihrer Stellvertreterin gegenüber. Zuerst war sie erleichtert, ihre Freundin zu sehen. Doch Karas Gesicht war tränenüberströmt.

Vor Panik zog sich Annas Brust zusammen, und sie schüttelte ihre Benommenheit ab. »Ist noch jemand im Gebäude?«

»Nein. Nein, ich denke nicht«, murmelte Kara kopfschüttelnd. Sie schlug beide Hände vors Gesicht, als ein lauter Knall die Stadt erschütterte und die Menschenmenge aufschreien ließ.

»Das war vermutlich nur ein Stützbalken«, rief eine raue Stimme, und Annas Knie gaben nach. Nur ein Stützbalken. Nur ein Café. Niemand war verletzt – sie war in Sicherheit, darauf musste sie sich konzentrieren. Doch es gelang ihr nicht. Sie konnte einfach nur dastehen, Karas Arm umklammern und hilflos mit ansehen, wie alles, was sie sich aufgebaut hatte, alles, worauf sie sich verlassen hatte, einstürzte. Was ihr Schicksal zu sein schien.

2

An diesem Samstag war im Hastings die Hölle los. Jeder Tisch war besetzt, und an der Theke saßen die Stammkunden, größtenteils Junggesellen und Witwer, denen der Sinn nach netter Gesellschaft, starkem Kaffee und Marks beliebtem Wochenend-Special stand, dem Hastings-Rührei. Das war auch das Kreativste, was die Karte hergab, was Mark sehr bedauerte.

In der Schlange warteten bereits sieben Familien, die sich in der Nähe des Eingangs drängten oder auf die Bänke vor dem großen Fenster gesetzt hatten, durch das man die Geschäfte entlang der Main Street sehen konnte. Selbst Jackson Jones, der Bürgermeister von Briar Creek, harrte dort aus und fixierte das Paar, das an seinem Lieblingstisch saß, Kaffeetassen vor sich hatte und Zeitung las. Mark konnte über die Menge hinweg erkennen, dass der Mann immer ungeduldiger wurde, aber weder der Bürgermeister noch das müde aussehende Paar mit dem quirligen Kleinkind machte Anstalten, das Restaurant zu verlassen. Wenn sie samstags brunchen wollten, hatten sie in der Stadt nun mal nur diese eine Möglichkeit.

Natürlich gab es immer noch das Fireside Café, aber das war etwas schicker und weniger kinderfreundlich. Zumindest hatte Mark das von treuen Kunden erfahren, da er selbst noch nie dort gewesen war und auch nicht vorhatte, jemals einen Fuß hineinzusetzen. Anna Madison und er sprachen nicht mehr miteinander, und ihr Restaurant machte ihn nervös. Auch wenn seiner Mutter das Gebäude gehörte, erinnerte ihn das alles nur immer wieder daran, wie grausam das Leben sein konnte.

»Soll ich nachschenken?« Mark nahm die Kaffeekanne und hielt sie seinem Cousin Luke hin, der samstags ebenfalls ein Stammgast war, auch wenn Mark sich fragte, wie lange das noch so bleiben würde. Seitdem Luke und Grace Madison über Weihnachten wieder zueinandergefunden hatten, wollte Luke nur noch selten Billard spielen oder Bier trinken gehen, sondern verbrachte seine Zeit lieber in seinem luxuriösen Holzhaus, um die verpassten Stunden mit seiner Freundin aus Highschoolzeiten nachzuholen.

»Du weißt, dass du mich auch jederzeit rauswerfen kannst«, erwiderte Luke, als Mark seine Tasse auffüllte.

Mark schenkte ihm ein schiefes Grinsen und setzte frischen Kaffee auf, während er sich widerwillig eingestand, froh darüber zu sein, dass Luke noch etwas länger bleiben wollte. Nachdem Lukes Frau vor fast zwei Jahren gestorben war, hatte er immer öfter Marks Gesellschaft gesucht, mit ihm zu Abend gegessen, Feiertage verbracht und alle möglichen Ausreden genutzt, um nicht allein zu sein. Mark kannte dieses Gefühl, und da Luke ihm während ihrer Kindheit zur Seite gestanden hatte, als Marks Welt auf den Kopf gestellt worden war, war Mark jetzt nur zu gern für Luke da. Doch nun hatte Luke Grace, und Mark hatte … Er versteifte sich. Eigentlich hatte er alles, was er brauchte. Sich selbst. Seinen Hund. Seine Träume von etwas Besserem als diesem Diner. Alles, was darüber hinausging, bedeutete doch nur Ärger.

Auf der anderen Seite des Raumes fiel ein Teller zu Boden, und ein Baby brüllte so laut, dass Mark zusammenzuckte. Die Kellnerin, die er erst vor Kurzem eingestellt hatte, kam aufgelöst und mit knallrotem Gesicht zum Tresen und zischte dem Koch durch die Durchreiche zu: »Noch ein Gartenomelette mit extra Rösti. Und, ähm, beeil dich bitte damit.« Sie sah Mark in die Augen und senkte dann den Blick, um schnell zurück zu den Tischen zu huschen, wobei sie fast gegen Jackson Jones prallte, der nach zwanzigminütiger Wartezeit endlich einen Tisch bekommen hatte.

»Ganz schön was los heute«, kommentierte Luke die Lage und rührte seinen Kaffee um.

Mark knurrte als Erwiderung nur etwas Unverständliches.

Luke legte den Löffel hin und runzelte die Stirn. »Eigentlich müsstest du doch froh sein, dass dir die Leute die Bude einrennen. Genau das hast du dir doch immer gewünscht.«

Wohl kaum. Mark warf sich ein Geschirrtuch über die Schulter und schenkte sich einen Kaffee ein, den er schwarz trank. Vor Frustration fuhr es ihm in den Magen, und er schob all die Worte, die ihm bereits auf den Lippen lagen, wieder zurück. »Vielleicht verändere ich hier ein paar Dinge.Peppe die Speisekarte auf.«

Er machte schon wieder Kompromisse und verkaufte sich unter Wert, und man konnte ihm den Mangel an Enthusiasmus für diese Idee deutlich anhören. Als er sich an die Wand lehnte und in seine Kaffeetasse starrte, hatte er das Gefühl, in das Schwarze Loch zu blicken, das seine Zukunft darstellte. Er trank die Tasse schnell aus.

Das Hastings hatte nur eine vorübergehende Station für ihn sein sollen, eine Möglichkeit, um seiner Mutter zu helfen und ein bisschen Geld zu verdienen, bis er wusste, was er mit seinem Leben anstellen wollte. Es war nie als dauerhafte Lösung geplant gewesen, aber irgendwie gelang es ihm einfach nicht, den Absprung zu finden. Er überlegte schon seit Jahren, die Stadt zu verlassen. Vermutlich würde er irgendwann einfach seine Sachen packen und gehen. Irgendwo neu anfangen. Aufhören, an den Dingen festzuhalten, die nicht sein sollten. Die Vergangenheit hinter sich lassen. Denn da gehörte sie auch hin.

»An was für Gerichte hast du denn gedacht?«, wollte Luke wissen, und Mark wurde aufgeregt, wie immer, wenn er über seine Pläne nachdachte.

»Ich hatte an moderne amerikanische Küche gedacht. Ein paar neue Ansätze, um die gute alte Hausmannskost zu veredeln.« Allerdings hatte er diese Gerichte weder für das Hastings noch für ein anderes Restaurant in Briar Creek geplant. Doch das musste Luke ja nicht wissen – zumindest jetzt noch nicht.

Arnie Schultz, der am Ende des Tresens saß, hustete und verschluckte sich beinahe. »Moderne amerikanische Küche? Veredelte Hausmannskost?« Er schnaubte, biss in ein fettiges Baconstück und schüttelte kichernd den Kopf. »Willst du jetzt etwa den Snob spielen, der sich zu gut für einen Diner ist, Mark?«

Innerlich fluchte Mark. Er hätte das Ganze gar nicht erst erwähnen sollen. Nicht, solange seine Pläne nicht handfester waren. Falls es je dazu kam. Um seine Ideen umzusetzen, brauchte er Geld, und dann musste er auch noch überlegen, wo er das Restaurant aufmachen wollte …

»Hör nicht auf ihn«, sagte Luke und trank seinen Kaffee aus. Er stützte sich mit einem Ellbogen auf die Theke, sah Arnie in die Augen und deutete mit einem Daumen auf Mark. »Der Mann hier ist ausgebildeter Koch, weißt du.«

Arnie nickte und stürzte seinen Orangensaft hinunter. »Und er macht das beste Rösti, das ich je gegessen habe. Solche Gerichte mag ich, darum komme ich auch jeden Morgen zum Frühstücken her.«

»Das war doch nur so dahingesagt, Arnie. Das ist bloß eine Idee.« Nur ein Wunschtraum. Mark wischte einen Sirupfleck vom Tresen und ärgerte sich, das Thema überhaupt aufgebracht zu haben.

Diesen inneren Zwiespalt spürte er jedes Mal, wenn er sich erlaubte, über ein neues Restaurant nachzudenken. Darüber nachzugrübeln, was sein könnte, war eine Sache, aber die Dinge in Bewegung zu setzen eine ganz andere. Es war eine riskante Sache, ein Restaurant zu führen – in einem Monat war man überall angesagt, und im nächsten blieben die Gäste plötzlich aus –, und er hatte bei seinem Vater gesehen, wie schnell sich das Blatt wenden konnte. Das Hastings sorgte dafür, dass er regelmäßige Einnahmen hatte, und das war nicht zu verachten. Nur wenige Dinge im Leben waren derart zuverlässig.

Er rieb sich die Stirn und spürte, wie er Kopfschmerzen bekam. Das passierte häufig, wenn es im Diner so laut war, und aus diesem Grund hatte er immer eine Packung Aspirin in der Gesäßtasche. Er holte sie heraus und schluckte ohne Wasser eine Tablette herunter.

Ein Feuerwehrwagen jagte mit plärrender Sirene vorbei, und die Autos auf der Hauptstraße von Briar Creek fuhren an den Straßenrand, um ihn durchzulassen. Die Leute, die vor dem Diner warteten, sprangen von ihren Bänken auf, und Mark konnte durch die Scheibe erkennen, wie sie panisch die Köpfe drehten und etwas in der Ferne anstarrten.

Mark sah Luke an. »Das ist schon der zweite.« Er warf die leere Aspirinpackung in den Müll und sah mit finsterer Miene nach draußen. »Glaubst du, es ist was Schlimmes passiert?«

Luke stand auf, zog seine Brieftasche und holte einen Zwanziger heraus. »Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.«

Schon rutschte der nächste Kunde begierig auf Lukes Platz, und Mark reichte ihm die Speisekarte und begann, die Tagesgerichte herunterzurasseln, doch dann zog Lukes Stimme die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich.

»Es ist das Fireside!«, brüllte Luke. Nur das Kreischen von metallenen Stuhlbeinen, die über die abgenutzten Bodenbretter geschoben wurden, übertönte das Murmeln und Aufkeuchen der Gäste. Alle ließen ihre Eier und Pancakes im Stich, um zum Fenster zu rennen und hinauszustarren.

Marks Magen zog sich zu einem Knoten zusammen. Anna.

Er warf seinen Lappen auf die Theke und lief zur Tür. Selbst durch die Menschenmenge, die sich den Weg zum Eingang des Diners bahnte, konnte er die Pein in Lukes Gesicht und die Qual in seinen Augen erkennen. Er wusste, dass Luke an Grace gedacht hatte.

Luke hatte schon seine erste Frau verloren, und Mark wusste genau, wie es sich anfühlte, Angst vor einem weiteren Verlust zu haben.

»Sie ist im Buchladen«, versicherte Mark ihm und übernahm sofort wieder die Rolle, die er seit seinem zehnten Lebensjahr innehatte: die des Kopfes der Hastings-Familie, des Versorgers, des Felsens in der Brandung, auch wenn ihm schwindelig wurde, sein Herz in der Brust hämmerte und er eigentlich gar nicht an Grace, sondern an ihre Schwester dachte, als er diese Worte aussprach. »Es ist Samstag, da ist Grace immer bei Main Street Books.« Anna hingegen verlässt das Fireside so gut wie nie. Es war ihre Leidenschaft, ihr Leben. Als er daran dachte, was ihr möglicherweise zugestoßen war, wurde ihm ganz anders. An diesem Ort konnte einfach nichts Gutes entspringen.

Luke nickte einmal, aber der Schatten, der seine blauen Augen verdunkelte, verriet Mark, dass er nicht überzeugt war. »Kara arbeitet an den Wochenenden im Café. Sie springt für Anna ein, solange sie im Buchladen ist.«

Die Erleichterung wich augenblicklich der Angst um Lukes Schwester. Mark riss die Tür auf. »Komm schon. Es bringt nichts, hier rumzustehen und uns Sorgen zu machen.«

Draußen hing der Rauch schwer in der Luft. Sie hasteten die vier Blocks in Richtung Süden, wo an der Ecke von Main Street und Second Avenue Straßensperren errichtet worden waren. Feuerwehrleute liefen vor dem Fireside Café hin und her und hielten die Passanten auf Abstand. Mark entdeckte inmitten der Menge Sam Logan, den Sheriff der Stadt, und erhaschte einen kurzen Blick auf einen hellrosa Pullover und honigblondes Haar. Anna.

Als sie die beiden Männer auf sich zukommen sah, unterbrach sie ihre Unterhaltung mit Sam und kam auf Luke zugerannt, Tränen in den türkisfarbenen Augen, ihr seidiges Haar vom Wind verweht. Mark blieb stehen und biss unwillkürlich die Zähne zusammen, während sich der Knoten in seinem Magen noch fester zuzog.

Es war besser, wenn Luke die Sache in die Hand nahm. Er gehörte ja im Grunde genommen zur Familie Madison. Grace und er waren früher jahrelang ein Paar gewesen, und Anna war wie eine kleine Schwester für ihn.

Mark hingegen bedeutete sie weitaus mehr – zumindest war es früher einmal so gewesen.

Aus einigen Metern Entfernung beobachtete Mark, wie sein Cousin erst Anna und dann Kara umarmte, und er hörte die Panik in Lukes Stimme, als er die Frage hervorpresste, die ihn bewegte. »Grace?«

Anna schüttelte den Kopf und schaffte es sogar, ein Lächeln aufblitzen zu lassen. »Es geht ihr gut. Sie war nicht hier.«

»Oh, Gott sei Dank.«

Als er bemerkte, dass Anna zu ihm herüberschaute, räusperte sich Mark und machte einen Schritt auf die Gruppe zu. »Geht es allen gut?«

Selbst jetzt, inmitten des Chaos und während ihr Restaurant hinter ihr niederbrannte, besaß sie noch die Nerven, die Lippen zusammenzupressen und das Kinn in die Luft zu recken, sodass er ihre perfekte Stupsnase bewundern konnte. Mark ballte die Fäuste an den Seiten und zwang sich, ruhig zu bleiben. Briar Creek war eine kleine Gemeinde, und er hatte das Recht zu erfahren, ob sich einer seiner Freunde oder gar ein Familienmitglied im Café aufgehalten hatte, als das Feuer ausgebrochen war. Er musste wissen, ob es allen gut ging. Selbst wenn Anna und er nicht miteinander redeten, selbst wenn sie beide um jeden Preis versuchten, so zu tun, als hätten sie nie etwas füreinander empfunden, obwohl sie ihm früher einmal sehr viel bedeutet hatte.

Er musterte sie von oben bis unten und ignorierte die Tatsache, dass er unwillkürlich die Luft anhielt, als sein Blick auf ihre leicht geöffneten Lippen fiel und er ihr dann in die Augen sah, die so klar und blau waren. Es war sehr lange her, dass er sich das letzte Mal gestattet hatte, sie anzusehen, oder dass sie es zugelassen hatte. Er holte tief Luft und riss sich zusammen.

»Es wurde niemand verletzt«, versicherte Anna ihm mit eisiger Stimme. Dann sah sie erneut Luke an, und Mark, der sich vorkam, als wäre er entlassen worden, knirschte vor Frustration mit den Zähnen. Sie hatten sich vor über sieben Jahren getrennt, aber es machte den Anschein, als wollte sie ihn noch immer dafür bestrafen.

Leise fluchend holte er sein Handy aus der Hosentasche, aber da stand auch schon Sam Logan neben ihm, dessen Dienstmarke mit Ruß bedeckt war. »Deine Mutter ist unterwegs. Ich habe sie als Erste angerufen, und sie sagte, sie wäre gerade zu Besuch bei einer Freundin und könnte in neunzig Minuten hier sein. Hoffentlich ist sie gut versichert.«

Mark runzelte die Stirn. Seine Mutter hatte in ihrem Leben schon mehr als genug mitgemacht, wenn man bedachte, dass sie von ihrem Mann im Stich gelassen worden war, mit zwei kleinen Söhnen und einem Haufen Rechnungen, mit dem man das Dach ihres Hauses hätte decken können. Sie hatte damals angefangen, im Diner zu arbeiten, als er noch dem alten Gary Sullivan gehörte. Die Gebäudezeile, die sich entlang der Second und der Third Avenue an der Main Street erstreckte, war das einzig Gute, das Marks Vater hinterlassen hatte, doch das galt erst seit einiger Zeit, seitdem sie alles vermietet hatte. Inzwischen konnte man leicht vergessen, dass es dunkle Zeiten gegeben hatte, in denen das Restaurant seines Vaters leer gestanden hatte und seine Mutter beinahe von den Schulden erdrückt worden war.

Das hat sie fast umgebracht, dachte Mark wütend.

»Was zum Teufel ist passiert?«, wollte er wissen und sah sich um. Fettbrände breiteten sich schnell aus, und dem Anschein nach war der Schaden hier ganz gewaltig.

Sam schüttelte den Kopf. »Wir wissen es noch nicht mit Sicherheit – möglicherweise gab es ein Problem mit der Elektrik. Das Feuer ist in der Küche ausgebrochen.«

Mark stieß ein leises Pfeifen aus. »Konnte was geborgen werden?«

»Nicht viel«, antwortete Sam grimmig, und Mark schüttelte enttäuscht den Kopf. Er blickte zu Anna hinüber, die noch immer von Luke getröstet wurde, während Kara mit verweintem Gesicht neben ihr stand und sich die Augen mit einem zusammengeknüllten Taschentuch abtupfte. Da fiel Mark auf, dass Anna noch nicht eine Träne vergossen zu haben schien. Ihre normalerweise porzellanfarbene Haut sah noch etwas bleicher aus als üblich, und ihre blauen Augen wirkten strahlender, aber anstatt zusammenzubrechen oder einen hysterischen Anfall zu bekommen, wie es andere in ihrer Lage vermutlich getan hätten, stand sie nur wie erstarrt da und lauschte Lukes tröstenden Worten.

Sie wirkte stoisch, fast schon grimmig. Das hatte er im Laufe der Jahre schon aus der Ferne bei ihr beobachtet und sie fast dafür bewundert, wie sie ihren Entschluss, ein eigenes Restaurant zu eröffnen, umgesetzt hatte, ohne sich von Rückschlägen aus der Bahn werfen zu lassen. Im letzten Frühling hatte er bei der Beerdigung ihres Vaters durch die überfüllte Kirche gesehen, wie sie neben ihrer Mutter stand, die Zähne zusammengebissen und den Blick in die Ferne gerichtet.

Von sich konnte er dasselbe nicht behaupten. Ganz im Gegenteil, er hatte noch nicht einmal den Verlust seines Vaters vor mehr als zwanzig Jahren verkraftet. Falls man es denn einen Verlust nennen konnte.

Er wippte vor und zurück und sog die Luft ein, während er den Blick abwandte. Seit seinem Abschlussjahr an der Kochschule, in dem er ihre Beziehung beendet hatte, hatten Anna und er kaum mehr als ein paar gestelzte Worte miteinander gewechselt. Obwohl sie seit beinahe sechs Jahren in der Main Street, nur wenige Blocks entfernt voneinander arbeiteten, war Anna nicht von ihrer starren Haltung abgewichen. Sie schien entschlossen, ihn aus ihrem Leben rauszuhalten. Ihn zu verbannen. Ihn an jedem verdammten Tag daran zu erinnern, wie sehr er ihr wehgetan hatte.

Grace und Jane kamen vom Ende der Main Street angerannt, gefolgt von mehreren Frauen mittleren Alters, angeführt natürlich von niemand Geringerem als seiner Tante Rosemary, deren purpurfarbener Schal hinter ihr im Wind flatterte. Mark hätte bei diesem Anblick beinahe gegrinst, konnte sich aber gerade noch beherrschen. Diese Frau konnte sogar in hochhackigen Schuhen noch rennen. Er vermutete, dass das an der jahrelangen Selbstdisziplin und ihrer Tanzerei lag.

»Was in aller Welt ist passiert?«, wollte sie wissen und sah zwischen Luke und Mark hin und her, wobei sie gleichzeitig ihre Tochter Kara in die Arme nahm. Als sie Anna bemerkte, streckte sie einen Arm nach ihr aus, um sie ebenfalls in die Umarmung mit einzuschließen, und Mark runzelte die Stirn, als er sah, wie sich Anna von ihr trösten und sich über das Haar streichen ließ, den Kopf auf Rosemarys schmale Schulter gelegt. Früher war er derjenige gewesen, bei dem sie Beistand gesucht hatte – zuerst als Freund und danach als ihr Partner.

»Es geht uns allen gut, Mom«, versicherte Kara ihrer Mutter.

»Das wird Sharon schwer treffen.« Rosemary ließ Anna los, schüttelte den Kopf und musterte das Gebäude, in dem sich früher das Restaurant von Marks Vater befunden hatte und das wieder einmal in einem miserablen Zustand war. »Weiß sie es schon, Mark?«

»Sie ist unterwegs.« Mark wollte sich die Reaktion seiner Mutter bei diesem Anblick nicht ausmalen. Er steckte die Hände in die Hosentaschen und schaute mit zusammengekniffenen Augen zu der vertrauten Fassade hinüber, der noch an diesem Morgen rote Geranien und gelbe Ringelblumen ein fröhliches Gesicht verliehen hatten. Das große, bleiverglaste Fenster war zerstört, und überall auf dem Bürgersteig lagen Glassplitter herum. Die kleinen schmiedeeisernen Tische und Stühle, die Anna an wärmeren Tagen ins Freie stellte, waren in dem ganzen Chaos umgeworfen worden.

Dieser Ort war schlicht und einfach verflucht. Dort konnte einfach nichts Gutes Fuß fassen. Weder damals noch heute. Seine Mutter hätte das Gebäude schon vor Jahren verkaufen sollen.

»Was soll ich denn jetzt machen?«, fragte Anna.

»Du bist doch versichert, oder?«, erkundigte sich Grace mit besorgter Miene. Anna nickte und blinzelte mehrmals schnell.

»Aber der Buchladen«, stieß sie dann hervor, und Grace warf Luke einen panischen Blick zu. »Ich habe in meiner Küche alles für den Anhang gebacken! Wir haben da nur einen Tresen und ein paar Geräte. Ich kann doch in einem Toaster keine Scones machen!«

Inzwischen hatten sich alle um Anna versammelt und sahen sie besorgt an. Mark reckte den Hals, um an den Madison-Schwestern, Luke und den Café-Angestellten vorbeischauen zu können, und beschloss dann, dass es Zeit war zu gehen. Es nutzte nichts, hier nur herumzustehen und sich das Schauspiel anzusehen, und außerdem wäre es Anna bestimmt lieber, wenn er wieder ging. Sie hatte im Laufe der Jahre mehr als deutlich gemacht, dass sie auf seine Nähe verzichten konnte, und meist nicht mal auf sein Winken aus der Ferne reagiert, bis er es irgendwann aufgegeben hatte. Seitdem schien sich nichts geändert zu haben.

Auch wenn er sich sehnlichst wünschte, dass es anders wäre.

»Wir werden uns eine Übergangslösung einfallen lassen«, erklärte Grace entschlossen, als sich Mark gerade abwenden wollte.

»Und ich weiß auch eine, die perfekt ist«, rief Rosemary. Ohne auch nur in Marks Richtung zu sehen, streckte sie einen Arm aus und hielt sein Handgelenk fest, bevor er sich zu weit von ihr entfernte. »Du kannst die Küche des Diners benutzen, bis das Café wieder aufgebaut ist. Mark hat ganz bestimmt nichts dagegen.«

Mark und Anna tauschten einen eisigen Blick aus. Er starrte sie an, biss die Zähne aufeinander und war entschlossen, nicht als Erster den Mund aufzumachen. Aus dem Augenwinkel konnte er das zufriedene Grinsen seiner Tante sehen.

»Ich …« Anna blinzelte mehrmals schnell und sah dann Rosemary an. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

Rosemary beugte sich vor und tätschelte Annas Arm. »Aber natürlich nicht. Du stehst ja auch unter Schock!« Mit einem vielsagenden Blick zu Mark fuhr sie fort: »Du wirst in Marks Küche backen, und auf diese Weise könnt ihr das Café im Buchladen weiterführen. Das ist die perfekte Lösung.«

Anna sah nicht so aus, als wäre sie davon überzeugt, aber Grace dankte Rosemary ausgiebig, und Jane sah aus, als hätte sie vor Erleichterung weiche Knie bekommen. »Damit haben wir eine Sorge weniger«, murmelte Anna, und Marks Herz schlug schneller. Sie würde doch nicht etwa … Anna – in seiner Küche? Nach all dieser Zeit? In seinem Kopf gingen die Alarmglocken los, und sie hatten nicht das Geringste mit den Blaulichtern zu tun, die sich in den Ladenfenstern der Umgebung spiegelten.

Rosemary nahm Annas rechte Hand. »Dann ist es entschieden«, sagte sie mit klarer, autoritärer Stimme, und das Blitzen in ihren Augen gab Mark zu verstehen, dass Widerspruch ohnehin vergebens wäre.

Als ob er das je gewagt hätte. Selbst wenn seine Tante eine Frau gewesen wäre, die sich von etwas abbringen ließe, wäre er doch der größte Mistkerl, wenn er die Gemeinde jetzt im Stich ließ. Dann wäre er genau wie sein Vater. Dabei hatte er vor langer Zeit geschworen, dass er nie so werden würde wie er.

3

Als wäre der Tag nicht schon schlimm genug, hatte jemand die großartige Idee, alles Weitere im Hastings zu besprechen. Das war bestimmt auf Rosemarys Mist gewachsen, die heute voller Ideen zu sein schien. Anna warf ihr einen anklagenden Blick zu.

Das Feuer war vor mehr als einer halben Stunde gelöscht worden, aber die Feuerwehrwagen standen noch immer vor dem Haus und versperrten die Kreuzung, und Männer in schweren Stiefeln stiegen über das Geröll hinweg und untersuchten den Ort, um den Brandherd ausfindig zu machen. Sie riefen einander gedämpfte Befehle zu, die Anna aus der Entfernung nicht verstehen konnte. Sie wandte dem Fireside Café entschlossen den Rücken zu. Immer, wenn sie einen Blick auf die zertrümmerten Fenster warf, wurde ihr beinahe übel, und die arme Kara wurde jedes Mal kreidebleich. Aber Anna konnte es sich nicht erlauben, ihren aufgewühlten Gefühlen nachzugeben. Für den Ausbau des Buchladens hatte sie einen Kredit von sechzigtausend Dollar aufnehmen müssen, und ohne das Einkommen aus dem Café würde sie die monatlichen Raten niemals bezahlen können.

Im Dezember hatte es nach einer guten Investition ausgesehen, als Grace ihr den Plan offenbart hatte, wie man den Buchladen ihres Vaters retten konnte, bevor der Mietvertrag auslief. Ihr Herz hatte schneller geschlagen, als Grace ihr vorschlug, auch den leer stehenden Nachbarladen anzumieten, die Wand einzureißen und dort ein Café zu eröffnen, wo die Gäste in den Büchern blättern und Kaffee trinken konnten. Das war genau das, was Main Street Books all die Jahre gefehlt hatte, und da sie im Fireside mehr als genug Gäste hatte, schien es die beste Zeit zu sein, um zu expandieren.

Aber da hatte sie sich offenbar geirrt. Nicht einmal einen Monat nach der Eröffnung des Anhangs war ihre Haupteinnahmequelle nun auf einen Schlag versiegt.

»Ignoriert das Chaos einfach«, meinte Mark, als die Gruppe in den Diner strömte. Anna sah das Mitleid in seinen sanften braunen Augen und wandte sofort den Blick ab.

Dafür war es viel zu spät, das konnte er sich jetzt schenken.

Sie war zum ersten Mal im Hastings, seitdem Mark es nach seinem Abschluss an der Kochschule vor sieben Jahren von seiner Mutter übernommen hatte, und sie sah sich gleichgültig um. Normalerweise mied sie diesen Bereich der Main Street, und bei den wenigen Malen, als sie am Diner vorbeigefahren war, hatte sie den Blick stur vor sich auf die Straße gerichtet. Sie hatte sich eingeredet, sie wäre nur eine aufmerksame Autofahrerin – es waren schließlich Kinder in der Nähe! –, und hätte der Versuchung widerstanden, einen kurzen Blick in Marks neuen Wirkungsbereich zu werfen. Bei ihrem Glück hätte Mark genau in dem Augenblick, in dem sie es wagte, durch sein Fenster zu sehen, aufgeblickt und sie vorbeifahren sehen. Das konnte sie nun wirklich nicht gebrauchen.

Anna ließ sich auf den erstbesten Stuhl sinken und stützte das Kinn auf eine Hand. Unter ihrem Ellbogen spürte sie die Fettschicht auf der Resopaltischplatte. Sie schob einen Teller mit kaltem Rührei ans andere Ende des Tisches und wurde immer deprimierter.

Mark lief durch den Raum, stapelte rasch Teller auf seinen Unterarm und schob mit der anderen Hand Stühle unter die Tische. Er war aufmerksam und hatte alles unter Kontrolle, und Anna schoss durch den Kopf, dass sie genau das an ihm immer als sehr anziehend empfunden und sich damals vor allem aus diesem Grund in ihn verliebt hatte. Seiner zupackenden Art hatte sie noch nie widerstehen können – ebenso wenig wie seinem Grinsen.

Großer Gott, was sollten denn diese Gedanken? Dieser Mann war ein Schuft. Ein schamloser, gemeiner Playboy. Das hatte er ihr damals im Grunde genommen ins Gesicht gesagt, auch wenn seine Taten schon eindeutig genug gewesen waren, bevor er den Anstand besessen hatte, offen zu ihr zu sein und ihre Beziehung zu beenden. Sie waren nur vier wundervolle Monate zusammen gewesen, aber davor hatten sie sich bereits zwei Jahre lang einander angenähert. Er war ihr Freund gewesen, ihr engster Freund, und eigentlich ließ einen ein Freund nicht auf so eine Weise im Stich. Aber er hatte es getan. Eines Tages war es so gewesen, als hätte man den Lichtschalter umgelegt, und er war verschwunden. Er rief nicht mehr an, erfand Ausreden, um sich nicht mit ihr treffen zu müssen, und dann, erst sehr spät, setzte er sich endlich mit ihr zusammen und sagte ihr die Wahrheit. Ich kann dir nicht das geben, was du suchst. Wir wollen einfach nicht dasselbe.

Wie recht er damit doch gehabt hatte! Nach ihrer Trennung hatte es gerade mal eine Woche gedauert, bis er eine neue Freundin hatte. Mark wollte anscheinend jede Woche eine Neue, und sie … Tja, sie wollte eigentlich niemanden mehr. Der einzige Mensch, auf den man sich im Leben verlassen konnte, war man selbst. Wenn man den Boden um sich herum kontrollierte, dann konnte einem diesen niemand unter den Füßen wegziehen.

Zumindest hatte sie das bis heute gedacht.

»Mark!« Rosemary ließ sich neben Kara auf einen Stuhl sinken und rümpfte die Nase, als sie mit Daumen und Zeigefinger eine schmutzige Serviette aufhob. »Bring den armen Mädchen einen Kaffee. Und wie wäre es mit einem Stück von deinem frischen Zitronenbaiserkuchen, wenn du schon mal dabei bist?«

Anna sackte auf ihrem Stuhl tiefer in sich zusammen und musterte Mark, der weiterhin entschlossen und konzentriert wirkte. Er zögerte, schien auf ihre Bestätigung zu warten, dann huschte ein schmales Grinsen über sein Gesicht. »Zitronenbaiserkuchen für alle.«

»Oh, für mich bitte keinen«, korrigierte ihn Rosemary sofort. »Ich muss auf meine Tänzerinnenfigur achten.« Sie lehnte sich zurück und tätschelte ihren flachen Bauch.

Jane ließ unauffällig die Kuchengabel wieder sinken, die sie am Nachbartisch gerade aus der Serviette gewickelt hatte. Anna wusste, dass Jane sich nicht ganz wohlfühlte, wenn sie jeden Tag ihre Strumpfhosen und Bodys anzog, um Ballettstunden zu geben, auch wenn sie Annas Meinung nach jetzt noch hübscher aussah als zuvor. Seitdem Jane Mutter war, schien sie förmlich zu strahlen und ihren Platz im Leben gefunden zu haben. Nur dank ihrer Tochter Sophie hatte Jane all das Schlimme des vergangenen Jahres überstanden, den Tod ihres Vaters und das Ende ihrer Ehe.

Und jetzt das, schoss es Anna durch den Kopf. Gerade als sie alle wieder auf die Beine kamen und sich über die Wiedereröffnung des Buchladens ihres Vaters freuten, musste alles in sich zusammenstürzen.

Sie winkte Jane zu sich an den Tisch, auch wenn sie das aus rein egoistischen Gründen tat. Wenn Jane auf dem Platz saß, konnte Mark sich nicht mehr dorthin setzen.

Nicht dass er das auch nur in Erwägung gezogen hätte. Mark ging ihr ebenso aus dem Weg wie sie ihm. Sie hatte sehr wohl bemerkt, wie er den Blick abwandte, wenn sie einander zufällig auf dem Bürgersteig begegneten, und wie er es schaffte, sich auf einer Party mit jedem Anwesenden außer ihr zu unterhalten. Es war eine stillschweigende Vereinbarung, an die sie sich beide nur zu gern hielten. Selbst wenn es wehtat.

Manchmal, wenn sie ihn am Wochenende abends in der überfüllten Bar sah oder wenn sie im Supermarkt rasch in den nächsten Gang huschte, damit er sie nicht entdeckte, um danach zur Kasse zu rennen, wobei sie die Hälfte der Sachen vergaß, die auf ihrem Einkaufszettel standen, aber noch nicht im Wagen gelandet waren, kam es ihr fast so vor, als würde sie sich das alles nur einbilden und als würden sie einander gar nicht kennen. Als hätten sie nie gemeinsam gelacht. Sich nie geküsst.

Nie ein Kind gezeugt.

Nun drohten die finsteren Gedanken, die sie die ganze Zeit in Schach zu halten versuchte, sie wieder in jene Phase ihres Lebens zurückzuversetzen, in der sie genauso hoffnungslos gewesen war wie jetzt – ebenso allein und ohne Ziel im Leben. Sie war sich nicht sicher, ob sie sich je wieder davon erholen würde, wenn sie diese Gefühle zuließ. Bisher war sie nur zurechtgekommen, indem sie sich immerzu beschäftigt, nach vorne gesehen und gearbeitet hatte, bis sie so müde war, dass sie abends nur noch halb tot ins Bett fallen konnte.

»Sam meinte, sie hätten die baulichen Schäden in Grenzen halten können«, sagte Mark, als er mit den Kuchentellern zurückkam.

»Was für ein Glück«, erwiderte Rosemary.

»Die Küche ist am stärksten betroffen, aber die Wasserschäden durch die Sprinkleranlage werden überall gravierend sein«, fügte Anna hinzu und wurde immer deprimierter.

»Ich fühle mich, als wäre das alles meine Schuld«, warf Kara ein. »Schließlich stand ich hinter dem Backtresen. Aber ich habe erst gemerkt, dass es in der Küche brennt, als es längst zu spät war …«

»Es ist nicht deine Schuld«, versicherte Anna ihr. »Niemand ist dafür verantwortlich.« Trotzdem fragte sie sich, ob sie das Ganze nicht hätte verhindern können, wenn sie nicht im Buchladen gewesen wäre und an Mark gedacht hätte.

Vor ihren Augen verschwamm alles, und sie konnte die dampfende Kaffeetasse, die vor ihr auftauchte, nur undeutlich erkennen. Anna blinzelte mehrmals schnell – sie hatte schon viel zu viel erreicht, um jetzt zusammenzubrechen. Emotionen passten einfach nicht zu ihr, und sie brachten einen auch nicht weiter. Es war sinnlos, wegen einer Sache zu weinen, die längst geschehen war. Verlorenes kam so nicht zurück, selbst wenn sie es sich noch so sehr wünschte.

Sie richtete sich auf, nahm ein Päckchen Kaffeesahne aus der Schale, die auf dem Tisch stand, rührte etwas Zucker in ihren Kaffee und klopfte den Teelöffel an der Tasse ab, bevor sie ihn auf eine Serviette legte. Als sie die Tasse an die Lippen hob, konnte sie Marks Blick deutlich spüren. Gar nicht mal so übel, dachte sie, was man ihr anscheinend auch ansehen konnte.

Mark grinste, als sie aufblickte. Er verschränkte seine muskulösen Arme vor der Brust und drehte sich auf dem Absatz um. Er schien jetzt etwas aufrechter zu gehen als noch vor einem Augenblick, was man an der Art erkennen konnte, wie sich seine breiten Schultern unter dem engen grünen T-Shirt abzeichneten. Anna verdrehte die Augen und sog die Luft ein. Sie würde nicht auf ihn reagieren – sie hatte sich vor vielen Jahren geschworen, das nie wieder zu tun.

Er bedeutete ihr nichts. Gar nichts. Selbst wenn er ihr früher einmal sehr wichtig gewesen war.

Sie schob Jane ihren Teller hin. »Hier. Ich habe keinen Hunger.« Dabei war sie fast am Verhungern. Sie hatte nichts mehr gegessen, seitdem sie sich am Vorabend um 18 Uhr ein Sandwich mit gegrilltem Käse und Tomaten gemacht und es mit einem doppelten Espresso runtergespült hatte, bevor die stressige Abendessenzeit im Restaurant anfing. Vor etwa sechs Monaten hatten sie im Fireside Café die Speisekarte erweitert und boten am Wochenende nun auch Abendessen an, was auf große Resonanz gestoßen war. Am ersten Abend war sie sogar gezwungen gewesen, Gäste wegzuschicken, und kurz darauf bekam man nur noch mit Reservierung einen Platz. Die Nachfrage war so groß gewesen, dass Anna das Risiko eingegangen war und einen Kredit für die Renovierung des Buchladens aufgenommen hatte. Kara war im Café als Annas Stellvertreterin eingestellt worden, hatte die Wochenendschichten übernommen und sie am Freitagabend unterstützt. Da Kara unbedingt dazulernen wollte, hatte Anna überlegt, ihr die Verantwortung für das Dessert zu geben, sie vielleicht sogar als Souschef einzustellen und sie an fünf Abenden die Woche zu beschäftigen, sodass sie nur montags und dienstags freihatte. Stattdessen hatte Anna jetzt nicht einmal mehr ein Restaurant.

Ihr Magen knurrte, auch wenn sie sich nicht sicher war, ob es an ihrer Nervosität oder am Hunger lag. Sie beäugte die seltsame kleine katzenförmige Uhr mit dem wackelnden Schwanz, die über der Kasse hing, und bemerkte erst jetzt, dass es bereits 15:10 Uhr war. Zu Hause hatte sie nicht einmal etwas zu essen, da sie im Allgemeinen im Restaurant aß, aber sie wollte diesen Kuchen auf keinen Fall anrühren. Auch wenn er noch so lecker aussah.

Wenn die Erfahrung sie eines gelehrt hatte, dann, dass er vermutlich ebenso köstlich schmeckte. Mark war schon auf der Kochschule ein angehender Star gewesen, und seine Gerichte waren immer sehr kreativ. Sie hatte gedacht, dass er irgendwann ein schickes, angesagtes Restaurant führen würde.

Und dass sie dann an seiner Seite wäre.

Doch jetzt riss sie sich zusammen, schüttelte den Kopf und verbannte alle Erinnerungen daran, wie Mark früher gewesen war, in die hinterste Ecke. Rasch sah sie sich im Raum um und hoffte, nicht zu interessiert zu wirken. An der hinteren Wand befanden sich mehrere Nischen mit roten, vinylbezogenen Bänken, und in der Raummitte waren zahlreiche Vierertische scheinbar willkürlich angeordnet. Es sah fast genauso aus, wie sie es aus ihrer Kindheit in Erinnerung hatte. Sie wusste, dass der Diner jetzt Familie Hastings gehörte und dass Mark erstmals hier ausgeholfen hatte, als bei seiner Mutter Krebs diagnostiziert worden war, und später nach der Kochschule hier erneut das Zepter übernommen hatte, nachdem ihre Krebserkrankung zurückgekehrt war. Inzwischen ging es Sharon jedoch seit Jahren gut, und Anna war der Ansicht, dass Mark weitaus mehr hätte erreichen können.

»Was glaubst du, wie lange es dauert, bis die Versicherung zahlt?«, wollte Grace mit besorgter Miene wissen.

Alle redeten auf einmal durcheinander, aber Anna hörte nichts außer ihrem eigenen Herzschlag, der in ihren Ohren dröhnte. Der Kredit!

Sie hatten sich darauf geeinigt, dass Grace Main Street Books führte und Anna den Anhang leitete, für den sie auch die Gerichte bereitstellte und in dem sie ein paar Schichten übernahm, bis sich alles eingespielt hatte und sie nur noch als stille Teilhaberin agierte. Während Grace im Vorjahr ihre Ersparnisse geopfert hatte, um beide Läden für ein Jahr anzumieten, hatte Anna genug Sicherheiten vorweisen können, um den Kredit von der Bank zu bekommen, mit dem sie die Erweiterung und Renovierung finanzieren konnten. Anna war davon überzeugt, dass der neue, erweiterte Laden ihres Vaters mit der Zeit Profit machen würde, aber es würde eine Weile dauern, bis ihre Kosten gedeckt waren, und solange war sie zur Begleichung der monatlichen Raten vom Einkommen des Fireside Café abhängig. Grace wusste das natürlich, doch sie hatte keine Ahnung, dass Anna so gut wie keine Ersparnisse mehr hatte. Sie hatte den Großteil ihres Geldes sofort wieder in ihr Geschäft investiert, neue Geräte oder neue Möbelstücke gekauft und erst vor Kurzem weitere Angestellte eingestellt. Das Fireside sollte weiter wachsen, immer schöner werden, und dafür musste man nun einmal Geld hineinstecken.

Bisher war alles reibungslos und nach Plan verlaufen.

Etwas in ihrem Inneren schmerzte, als sie an das letzte Mal dachte, als ihre Pläne ohne Vorwarnung gescheitert waren und sie knallhart auf dem Boden aufgekommen war. Die Realität war hart. Sie hatte es sich selbst zuzuschreiben, dass sie es sich zu bequem gemacht hatte.

Mark schenkte ihr ein Glas Wasser aus einem smaragdfarbenen Krug ein. »Trink das.« Seine Stimme klang rau und bestimmt, und obwohl sie es nur ungern zugab, genoss sie es, dass jemand anderes das Kommando übernahm und ihr sagte, was sie tun sollte, weil sie im Augenblick nicht die geringste Ahnung hatte, wie es weitergehen sollte.

Sie nahm ihm das Glas ab und trank einen Schluck. »Danke!«, brachte sie gerade so über ihre Lippen und merkte selbst, wie ernst ihre Stimme klang. Da seine Miene weicher wurde, hatte er es anscheinend ebenfalls gehört.

Mit einem kurzen Nicken wandte er sich ab und begann, weitere schmutzige Teller auf einem Tablett zu stapeln. Anna trank noch einen Schluck, wobei sie sich wünschte, das Glas würde einen Zaubertrank oder sogar Scotch enthalten und nicht nur Leitungswasser.

Sam Logan tauchte in der Tür auf. »Das Team wird noch ein paar Stunden lang vor Ort sein. Wir sperren alles ab und möchten jeden bitten, das Gebäude erst zu betreten, wenn wir es wieder freigegeben haben.« Er hielt inne und senkte leicht den Kopf, bevor er sich an Anna wandte. »Wir schicken Ihnen und Sharon Hastings den kompletten Bericht, sobald wir die Brandursache ermittelt haben.«

Dann klingelte das Handy des Sheriffs, das er in der Hand hielt, und er ging sofort ran. Anna sah ihm nach, während er davonging, und merkte, wie sich ihre Brust zuschnürte. Als sie den Kopf drehte, bemerkte sie, dass Rosemary, die zwei Tische weiter saß, sie genau beobachtete.

»Ein netter junger Mann, dieser Sheriff«, kommentierte Rosemary. »Und er sieht auch noch gut aus.«

Ach du liebe Güte! Anna zerknüllte die Serviette in ihrer Hand und rieb sie zwischen den Fingern, bis das dünne Material zerfaserte.

Sie schaute mit finsterem Gesichtsausdruck aus dem Fenster, und auf einmal stockte ihr der Atem, als sie aus dem Augenwinkel sah, dass Mark sie musterte. Ihm fiel eine braune Locke in die Stirn, und seine Augen waren dunkel wie der Nachthimmel und auf sie gerichtet. Sie hielt seinem Blick stand und wartete auf die Andeutung eines Lächelns oder eine Erinnerung an den Menschen, den sie früher gekannt hatte, aber jede Verbindung zwischen ihnen schien gekappt worden zu sein. Heute war er ein Fremder, und vielleicht hatte sie das auch so gewollt und dazu beigetragen, dass es so kam.

Aber Himmel noch mal, er war ein verdammt gut aussehender Fremder.

Wem machte sie hier etwas vor? Sam konnte nicht mit Mark mithalten – und auch kein anderer Mann in der Stadt. Er übertraf einfach alle.

4

Anna nahm das Weinglas entgegen, das ihr der Barkeeper reichte, und nippte daran. »Ich weiß wirklich nicht, wie ihr es geschafft habt, mich hierzu zu überreden«, meinte sie zu ihren Schwestern, die jede ihrer Bewegungen genau beobachteten.

»Wenn du zu Hause in Selbstmitleid versinkst, ist dir auch nicht geholfen«, meinte Grace.

Jane nickte zustimmend. »Da ist es besser, wenn du dich ablenkst.«

Anna trank noch einen Schluck Wein. Jane hatte ja recht.

»Bestell noch was«, schlug Grace vor und deutete auf Annas halb leeres Glas. »Die Getränke gehen heute auf mich.« Sie wartete, bis Anna ihr erstes Glas Chardonnay geleert hatte und es aufgefüllt worden war, bevor sie sich vorbeugte und mit leiser Stimme weitersprach. »Ich wollte mit dir über den Kredit für den Buchladen reden.«

»Mach dir deswegen keine Sorgen«, erwiderte Anna mit mehr Überzeugung in der Stimme, als sie tatsächlich empfand. »Das ist kein Problem. Ich habe noch ein paar Ersparnisse.« Ein paar war eine gute Formulierung für den aktuellen Zustand ihres Bankkontos.

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