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Noch etwas Strychnin, Schatz?

Mark Hollberg

Noch etwas Strychnin, Schatz?

Fiese Minikrimis für zwischendurch


Leg dich nie mit einer Frau an


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Dieses Buch

Kriminelle Geschichten über Alltagstypen, die ihr böses Gesicht zeigen. Meistens Männer. Aber auch mit den Frauen an ihrer Seite ist nicht zu spaßen; sie drehen einfach den Spieß um, durchkreuzen und gewinnen das böse Spiel. Geschrieben sind diese kleinen hinterhältigen Geschichten eher für weibliche Leser.

Alte Freunde

Der erste Moment ist immer heikel. Das wusste Anke Köster aus jahrelanger Erfahrung. Die schwere Tür der Villa öffnete sich.

»Guten Tag, Herr Schneider.« Anke lächelte. »Eigentlich wollte ich zu Frau Schneider. Ich komme vom Buchclub und sie hat schon lange nicht mehr ...«

Konrad Schneider blickte die Frau an, als wolle sie ihm Mottenpulver verkaufen. »Ich kaufe nichts. Und Frau Schneider auch nicht.« Ein zweiter Blick glitt über die Frau. Sie musste ungefähr in seinem Alter sein. Plötzlich stutzte Konrad Schneider und seine Miene hellte sich etwas auf.

»Anke? Anke Lehmann?«

Anke war irritiert. »Lehmann ist mein Mädchenname. Aber woher...?«

Nun lachte Schneider von einem Ohr zum anderen. »Mensch, Anke. Wir gingen bis zum Abitur auf die gleiche Schule. Erinnerst du dich denn nicht mehr?« Der schwerreiche Bauunternehmer Konrad Schneider strahlte übers ganze Gesicht.

»Konny. Damals hatte ich eine richtige Hippiemähne.« Bedauernd strich er sich über seine spärlichen Haare. Langsam kam ein Leuchten in Ankes Augen. »Konny Schneider. Haben wir nicht das Schlüsselloch der Lehrertoilette mit Industriekleber verschlossen?«

Konrad lachte dröhnend. »Genau, Anke, das waren wir.« Er nötigte Anke in seine »bescheidene Behausung«, wie er seine 12-Zimmer-Villa nannte.

»Das ist ja ein kleines Schloss, Konny.« Konrad stand vor ihr wie ein kleiner König. »Ich habe es gern etwas weitläufiger.« Er lächelte zufrieden. »Ziehe bitte deine Schuhe aus. Die Perserteppiche haben ein Vermögen gekostet und sind sehr empfindlich.«

Ein wenig Neid klang in Ankes Stimme mit. »Du hast es gut getroffen, Konny.« Konrad führte sie stolz wie ein Pfau durch sein Haus. »Nur erstklassige Baustoffe. Alles vom Feinsten. Hält ewig.« Er öffnete eine Tür. »Von dieser Küche träumt jeder Koch.« Anke deutete auf den parkähnlichen Garten, der durch das Küchenfenster zu sehen war. »Herrlich, Konny. Sogar mit Pool.«

Wenig später saßen sie zusammen und plauderten über alte Zeiten. »Mir ist es nicht so gut ergangen wie dir«, sagte Anke. »Nach meiner Scheidung verdiene ich meine Brötchen als Repräsentantin eines Buchclubs.« Sie blickte sich um. »So was kann ich mir davon nicht leisten.«

Konrad hörte aufmerksam zu. »Deine Frau steht bei uns auf der Kundenliste«, fuhr Anke fort. Konrad seufzte tief. »Paula hat mich verlassen.«

»Das tut mir leid, Konny. Ich wusste ja nicht...« Konrad straffte seinen Rücken. »Kein Problem.«

»Seid ihr geschieden?«, fragte Anke.

»Ich wünschte ja. Aber dazu müsste ich wissen, wo sich Paula aufhält.« Anke stand nun neben ihn. »Ich verstehe nicht, Konny.«

»Sie ist Hals über Kopf in einer Nacht– und Nebelaktion gegangen.« Konrads Stimme war kaum noch zu hören. »Einfach so. Sogar die Polizei war schon hier.«

In den nächsten Tagen telefonierten Anke und Konrad sehr oft miteinander. Sie wetteiferten förmlich damit, die kuriosesten Geschichten aus der Schulzeit auszugraben. Ankes gutes Gedächtnis versetzte Konrad für kurze Zeit in eine andere Welt. Konrad war ein angenehmer Gesellschafter und ein charmanter Plauderer. Aus diesen und vielen anderen Gründen nahm Anke seine Einladung zu einem Ausflug gern an.

»Wo hast du denn nur dieses urige kleine Lokal entdeckt?« Konrad hatte Anke zu einem absoluten Geheimtipp mitten im Wald geführt. Sozusagen als Krönung des Tages. »Darf ich dich noch zu einem Absacker zu mir einladen?« Darauf hatte Anke gehofft und sagte frohgelaunt: »Abgemacht! Aber nicht mehr allzu lange.« Sie blickte in gespielter Verzweiflung himmelwärts. »Muss morgen früh raus und Hausbesuche bei Karteileichen machen.«

Ein wunderschöner Tag klang aus. Anke und Konrad standen schweigend im Garten und genossen die frische Luft. »Ist das herrlich hier«, bemerkte Anke und machte ein paar Schritte auf den Pool zu. »Wenn ich da an meine kleine Wohnung denke.«

Sie bückte sich. »Schau, Konny, hier sind schon Risse in der Poolwand.« Konny näherte sich. »Muss ich mal machen lassen«, erwiderte er beiläufig. »Lass uns reingehen.« Er wandte sich um. Anke nutzte diese Chance und ließ eine kleine Kapsel in das Wasser des Pools gleiten.

Wenn ich diesen Spaßvogel erwische, dachte Konrad und starrte am nächsten Morgen auf das blutrote Wasser im Pool. Konrad war sehr wütend. Vielleicht so wütend wie damals. Er nahm sich fest vor, den Zaun um einen guten Meter zu erhöhen, damit er und sein Eigentum zukünftig vor solch üblen Streichen geschützt waren. Er kniete sich nieder, öffnete die Klappe und drehte das Ventil auf. Leise gurgelnd sank der Wasserspiegel. In der Zwischenzeit leerte er seinen Briefkasten und beim Anblick der Ansichtskarte, die er in den Händen hielt, erbleichte er ein zweites Mal. Er musste sich auf einen Gartenstuhl setzen, so weich fühlten sich seine Knie an. Eine Postkarte an sich ist nichts Besonderes. Aber der Text auf der Rückseite trieb Konrad den Schweiß auf die Stirn. Ich weiß, wo Paula ist, stand einfach nur da. Er wusste es auch. Als einziger. Und Paula konnte ihren Platz nicht verlassen. Der Pool war inzwischen leer. Nur auf dem Boden glitzerten noch ein paar Pfützen. Wie um sicherzugehen, stieg Konrad die Leiter hinunter, hockte sich hin und starrte die Poolwand an.

»Du kommst hier nicht raus«, sagte er bestimmt.

»Da wäre ich mir nicht so sicher«, hörte er Ankes Stimme vom Beckenrand. Hinter ihr Männer mit ernsten Gesichtern. Die Männer trugen Uniformen. Konrad guckte verwirrt von einem zum anderen. Einer der ernsten Männer trat vor.

»Herr Schneider, ich verhafte Sie wegen Mordes an Ihrer Frau Paula.« Er nickte Anke zu. »Gute Arbeit, Frau Kollegin.«

Als Konrad abgeführt wurde, setzte der Maurer gerade die Spitze seines Stemmbohrers auf die Poolwand. Konrad drehte sich zu Anke um.

»Wer bist du?«

»Ich bin tatsächlich auf Karteileichen spezialisiert. Allerdings nicht beim Bücherclub, sondern bei der Polizei.«

»Und woher wusstest du...?« »Überall in deinem Haus hast du teures Material genommen. Es hält ewig. Nur dein Pool ist schon schadhaft. Es musste sicherlich schnell gehen damals.«

Aufrichtiges Beileid

Harry und Agnes hörten schon die Orgel spielen, als sie vor der Friedhofskapelle aus ihrem Auto stiegen. Trotz ihrer Routine waren sie aufgeregt.

»Tief durchatmen, Harry. Bisher ist immer alles gut gegangen.«

Harry schnaubte. »Deine Ruhe möchte ich haben.« Vor dem Eingang zur Kapelle hielten sie kurz an. Eine kleine Tafel verkündete, um wen heute getrauert wurde. »Das ist er«, sagte Harry. »Dr. Walter Bromberg. Bekannter Chirurg und Förderer der schönen Künste. Steinreich.« Er richtete sein dunkelblaues Einstecktuch. »Gleiche Geschichte wie immer?«, fragte Agnes. Harry nickte nur und stieß die Tür zur Kapelle auf. Eine kühle Ruhe umfing die Beiden. Ganz vorn stand der Sarg mit dem Verstorbenen. »In der ersten Reihe sitzen gewöhnlich die Familienmitglieder«, flüsterte Harry. »Das ist immer der Schwachpunkt.«

Agnes drückte seinen Arm. »Schau«, sagte sie beruhigend. »Es sind so viele Trauergäste da. Wir fallen überhaupt nicht auf.« Sie drehte vorsichtig ihren Kopf nach links. »Frag die Dame da, ob ein Essen im Hause Bromberg geplant ist. Sonst fällt unser Plan wie ein Kartenhaus zusammen.«

»Entschuldigen Sie, gehören Sie zur Familie?«, fragte Harry die Dame mit der schwarzen Brille. Die Angesprochene lächelte freundlich. »Nein, mein Mann und ich sind nur Nachbarn.« Harry fiel ein Mühlstein vom Herzen. »Wir kommen von außerhalb. Ich kenne Walter noch aus Universitätszeiten«, sagte er. »Habe von seinem Tod nur zufällig erfahren.«

Die Geschichte war immer glaubwürdig. »Ich wollte nur wissen, ob nachher noch alle ins Haus des Verstorbenen eingeladen sind.« 

Die Dame nickte. »Die Familie Bromberg gibt nach der Trauerfeier ein Buffet. Alle Anwesenden sind eingeladen.«

Harry unterdrückte ein Lächeln. »Gut. Sagen Sie, ich kenne seine Frau gar nicht. Walter und ich haben uns seinerzeit etwas aus den Augen verloren.«

»Die Frau mit dem Schleier.« Ein schwitzender Mann näherte sich und wischte sich mit einem Taschentuch über seine hohe Stirn. Die Frau hakte sich bei ihm ein. »Mein Mann. Sie entschuldigen mich. Die Rede beginnt.«

»Meinst du, dass alles wahr ist, was der Redner über Dr. Bromberg erzählt hat?«, fragte Agnes. Harry schaute Agnes streng an. »Das ist doch nicht wichtig. Uns interessiert nur, wie wir in sein Haus kommen. Und mit heiler Haut wieder raus.« Er erhob sich wie alle anderen. »Wir müssen Dr. Bromberg jetzt die letzte Ehre erweisen.« Gemessenen Schrittes gingen Harry und Agnes nach vorn und reihten sich wie selbstverständlich in die Schlange der Trauergäste ein. Mit gesenktem Kopf blieben sie ein paar Sekunden vor dem offenen Sarg stehen. Wie in tiefem Schmerz schüttelte Harry ein paar Mal seinen Kopf, bevor er weiterging. »Geschafft«, murmelte er. Harry und Agnes folgten einfach dem Konvoi der Fahrzeuge, der sie direkt in das Villenviertel der Stadt führte. Die Todesanzeige war nicht übertrieben gewesen. Es roch überall diskret nach Reichtum. Zwei junge Mädchen liefen umher und trugen allerlei Schalen und Schüsseln durch die Räume. Eine halb geöffnete Tür gab den Blick frei auf eine lange Tafel, auf der eine Fülle von Speisen und Getränken stand. Ruhig und andächtig schlenderten Harry und Agnes wie die anderen Gäste durch die hohen Räume. Ihre Blicke hatten jedoch andere Ziele als ausschließlich das gedeckte Buffet.

»Keine Alarmanlage. Ältere Fenster. Und überall wertvolle Bilder«, murmelte Harry kaum hörbar. »Leichte Beute«, bestätigte Agnes.

Die Frau mit dem Schleier aus der ersten Reihe unterhielt sich gedämpft mit zwei Herren und wirkte sichtlich erschöpft. Agnes schubste Harry in ihre Richtung. »Wir müssen kondolieren. Sonst fallen wir auf. Danach essen wir einen Happen und inspizieren heimlich die anderen Räume, bevor wir verschwinden...« Harry dachte an den bevorstehenden Reichtum, »... und schon bald wiederkommen.«

»Mein tiefstes Beileid...«, rang er sich die übliche Floskel ab und ergriff die Hand der Witwe.

»Ich kannte Ihren Mann von der Universität. Ein richtiger Draufgänger. Und dann dieser schreckliche Unfall.« Das hatte er in der Zeitung gelesen und der Trauerredner hatte es bestätigt. Es war immer so einfach. »Meine Frau und ich leben im Ausland.« Die beiden Herren musterten ihn scharf. »Wir danken Ihnen, dass Sie sich die Mühe gemacht haben und uns allen in dieser schweren Stunde beistehen.« Plötzlich standen Harry und Agnes in der Mitte der kleinen Gruppe. »Aber das ist nicht Frau Bromberg.«

Harry schluckte schwer. »Und Sie sind auch kein Trauergast.« Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter. »Sie gestatten...« Blitzschnell griff der Größere der beiden Männer in Harrys Innentasche und förderte die Todesanzeige und eine kleine Kamera ans Tageslicht. Agnes rückte etwas näher an Harry heran.

»Wissen Sie, was ich vermute?«, ließ der Große verlauten. »Sie haben sich unter die Trauergäste gemischt und erkunden das Haus für Ihren nächsten Einbruch.« Der Druck seiner Hand verstärkte sich. »Und ich denke, die letzten fünf Einbrüche in die Villen Verstorbener gehen auch auf Ihr Konto.« Er zückte lässig seinen Dienstausweis.

»Am besten, wir unterhalten uns mal in Ruhe im Nebenzimmer.«

»Was ist denn da für ein Tumult?« Der schwitzende Mann fuhr sich wieder mit seinem Taschentuch über die hohe Stirn. »Umso besser. Dann sind sie alle beschäftigt und achten nicht auf uns«, raunte ihm seine Begleiterin zu und schob ihre schwarze Brille zurück an ihren Platz. »Jetzt können wir uns in Ruhe mit den Örtlichkeiten vertraut machen. Allein die Bilder werden uns wieder ein kleines Vermögen einbringen.«

Die Blaue Dame

Ungeduldig schritt Konsul Blankenburg in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Der Anruf musste doch jeden Moment kommen. Die vereinbarte Zeit war bereits um fünf Minuten überzogen. Sicherlich war es nicht immer leicht, aus Asien sofort eine Verbindung zu kommen, aber das war ihm egal. Endlich klingelte das Telefon.

»Du hast sie?«

Der schwerreiche Konrad Blankenburg atmete tief durch. Bis vor wenigen Jahren noch jagte er selbst hinter den Schätzen dieser Erde her, bis ihm sein Arzt im wahrsten Sinne des Wortes eine ruhigere Gangart ans Herz legte. Mit spitzen Fingern entnahm er dem Döschen eine weiße Pille, die seinem Herz etwas von seiner ursprünglichen Stärke zurückgab.

»Junge, ich weiß, dass du damit niemals einen Scherz machen würdest. Aber bitte wiederhole, was du gerade gesagt hast. Die Leitung ist sehr schlecht.« Ohne den weiteren Bericht seines Neffen zu unterbrechen, presste der Konsul den Hörer fester an sein Ohr. Blankenburg merkte, wie sein Puls raste und zwang sich zu äußerster Ruhe. Er war am Ziel seiner Träume. Die Blaue Dame war in seinem Besitz.

»Pieter, du hörst mir jetzt ganz genau zu.« Blankenburg war es gewohnt, dass man seine Anweisungen widerspruchslos befolgte. »Verpacke die Vase so, dass sie selbst einen Eselsritt über den Himalaja überstehen würde. Du weißt, wie du es machen musst. Schließlich hast du es bei mir gelernt.« Seine Gedanken überschlugen sich. »Dann nimmst du den nächsten Flieger nach Hause. Die Blaue Dame wird einen Ehrenplatz in meiner Sammlung bekommen.« Ein unbeschreibliches Glücksgefühl sammelte sich in seiner Brust. »Und sei vorsichtig mit den Behörden. Die Zöllner sind überempfindlich, wenn es um Kulturgüter geht.«

Genau 48 Stunden später stand Pieter Blankenburg, Neffe des bekannten Kunstsammlers Konrad Blankenburg, müde und unrasiert in der Eingangshalle der Villa. Der Flug von Peking nach Frankfurt war ohne besondere Vorfälle verlaufen.

»Ist mein Onkel in seinem Arbeitszimmer?« Maja, seit über 20 Jahren Hausdame des Konsuls, neigte leicht ihren Kopf. »Ihr Onkel erwartet Sie bereits.« Mit dem Päckchen unterm Arm durchquerte Pieter die Halle, nahm zwei Stufen auf einmal und stand vor der schweren Eichentür zum Allerheiligsten seines Onkels. Konrad Blankenburg lockerte den Kragen seines Hemdes, fuhr sich nervös mit der Hand über seinen kahlen Schädel und atmete drei Mal tief durch.

»Ist sie da drin?« Er zeigte auf das Paket. Pieter nickte wortlos. »Ich kann es kaum erwarten. Gib es mir!« Feierlich überreichte ihm sein Neffe den Behälter. Mit fahrigen Fingern löste Konsul Blankenburg die Verpackung.

»Es hat keiner Fragen gestellt?« Sein Gesicht hatte eine leicht rötliche Färbung angenommen und sein Atem ging sehr schnell.

»Es ging alles glatt. So wie immer.« Pieter Blankenburg war schließlich Experte als Jäger wertvoller Kunstgegenstände. Egal, ob es sich dabei um einen reich verzierten Dolch der Tuareg handelte oder um eine Götzenstatue aus den Anden, der man magische Kräfte nachsagte. Der Konsul flüsterte nur noch. »Die blaue Dame. Dass ich das noch erleben darf.« Er löste eine weitere Schicht Verpackungsmaterial. Er hielt inne. »Der große Moment, Junge.« Dann erstarrte der Konsul, röchelte, griff sich an die Brust und kippte zur Seite.

»Exitus«, sagte Dr. Drebber, der Hausarzt des Verstorbenen. »Sein Herz hat die Aufregung nicht mehr vertragen.«

Maja stand fassungslos im Arbeitszimmer des Konsuls. Ihr Blick wanderte ruhelos zwischen dem Toten und dem offenen Paket hin und her. Vorsichtig hob sie eine der Scherben auf und hielt sie gegen das Licht. Dr. Drebber schaute erst fragend den Neffen und dann Maja an.

»Die blaue Dame. Eine Vase aus der Xia-Dynastie. Als verschollen gemeldet. Unbezahlbar. Ich habe sie aufgespürt. Wie konnte das nur passieren...« Pieter war zu keinem zusammenhängenden Satz mehr fähig. Seine Haare hingen ihm wirr in die Stirn, er kniete neben der Leiche seines Onkels.

»Sein Leben lang war er hinter dieser Vase her«, ergänzte Maja mit tonloser Stimme. »Die blaue Dame war ja schon mal im Besitz der Familie Blankenburg. Einer seiner Vorfahren hatte sie auf einer Expedition vor über 200 Jahren einem chinesischen Trödler abgekauft.« Sie schüttelte den Kopf. »Über 150 Jahre war sie dann im Besitz der Familie Blankenburg, bis sie bei einem spektakulären Raub gestohlen wurde.« Sie legte die Scherbe zu den anderen. »Die Spur der Vase verlor sich dann irgendwo. Trotz eines Heeres von Privatdetektiven. Und nun ist sie wieder aufgetaucht. Als Scherbenhaufen. Sie hat wohl den Transport nicht überstanden«.

»Kein Wunder, dass sein Herz bei diesem Anblick aussetzte«, sagte Dr. Drebber.

Der Morgen graute. Maja schaltete die Schreibtischlampe aus und rieb sich die brennenden Augen. Sie nahm die letzte Scherbe aus dem Karton. Das war sie dem Konsul, der sie wie ein Familienmitglied behandelt hatte, schuldig gewesen. Die Blaue Dame sollte ihren Ehrenplatz trotz allem bekommen. Es war eine komplizierte Arbeit gewesen, aber seit ihrer Kindheit liebte Maja Puzzle-Spiele. Und jetzt prangte die Blaue Dame von vielen Rissen durchzogen, aber vollständig zusammengesetzt in Originalgröße auf der Arbeitsplatte.

»Das gibt es doch gar nicht!«, entfuhr es Maja. Sie presste die Hand auf ihren Mund und starrte auf den Transportbehälter. »Da wollte wohl jemand vorzeitig sein Erbe antreten.« Trotz ihrer Müdigkeit griff Maja zum Telefon und rief sofort die Polizei an. »Ich möchte ein Verbrechen melden«, sagte sie in den Hörer. »Einen Mord. Den fast perfekten Mord.«

Kommissar Siedentopf hasste dubiose Fälle in den frühen Morgenstunden. »Was genau ist denn passiert, gute Frau?«, brummte er. »Der perfekte Mord? Dann wieder nur fast. Ich versteh nicht.«

Ungeduldig schaute er auf seine Armbanduhr. Genau in dem Moment betrat Pieter Blankenburg das Zimmer.

»Ich hörte Stimmen«, murmelte der Neffe schlaftrunken und gähnte herzhaft. Maja zeigte mit dem Finger auf die Blaue Dame. Siedentopf schaute blicklos erst die chinesische Vase und dann den Transportbehälter an. »Ja und?«

Pieter war plötzlich hellwach. Maja räusperte sich. »Die wieder zusammengesetzte Vase passt in ihrer ursprünglichen Form gar nicht in den Behälter«, sagte sie. »Jemand hat sie vorher zerschlagen und nur die Scherben eingepackt. Eiskalt hat derjenige das schwache Herz des Konsuls in seine mörderischen Pläne einkalkuliert. Der Anblick der Trümmer war dann tatsächlich zu viel für Konsul Blankenburg.«

Siedentopf wurde hellhörig. »Und wer hat die Vase verpackt?«

Maja deutete auf Pieter Blankenburg, der aschfahl an der Wand lehnte. »Dieser widerliche Geizkragen«, presste er hervor. »Immer wieder habe ich ihn gebeten, meine Spielschulden zu bezahlen...«

»Höre ich da ein Motiv Und sogar ein Geständnis?« Siedentopf klatsche in die Hände. »Mitkommen!«

Der verhängnisvolle Buchstabe

 

Das Telefon unterbrach ihre Zeitungslektüre. Unwillig murrend nahm Sabrina den Hörer auf. Sie brauchte die morgendlichen Berichte wie ihren starken Morgenkaffee. Und was sie vor allem brauchte, war ein Auftrag. Sonst würde sie bald sowohl auf Kaffee als auch auf die Zeitungslektüre verzichten müssen.

»Detektei Sabrina Voss. Wie kann ich Ihnen helfen?«, schnurrte sie deshalb in den Hörer.

»Konsul Meinheim-Wittgenstein hier.« Die Stimme klang herrisch. Eine Spur zu herrisch, fand Sabrina. »Frau Dr. Lukas hat Sie wärmstens empfohlen. Sie haben ihr viel Geld erspart.« Sabrinas Blick huschte über ihren Schreibtisch. Dort lag in Reichweite die Akte Lukas. Der Fall war abgeschlossen.

»Ja, ich erinnere mich«, erwiderte sie und nickte dabei. »Ihr Mann, ein verkrachter Schauspieler, hatte eine Geliebte aus Brasilien, die ihm nach und nach alles Geld aus der Tasche zog.«

Sabrina grinste für den Konsul unsichtbar, wenn sie an die schwülstigen Liebesbriefe dachte, die Diethelm Lukas seiner feurigen Lilia geschrieben hatte. »Schlimm, dass es das Geld seiner Frau war.«

»Genau!«, schnarrte der Konsul. »Mein Fall liegt aber etwas anders.« Er machte eine kleine Pause. »Meine Tochter Isabelle ist entführt worden.« Seine Stimme wurde bohrend. »Können Sie mir helfen?«

 

Die Ampel sprang auf Rot. Sabrina nutzte die Gelegenheit und warf noch mal einen Blick auf die Adresse, die ihr Konsul Meinheim-Wittgenstein gegeben hatte. Sie schnalzte mit der Zunge. Erstklassige Gegend. Dort wohnen nicht die Millionäre, sondern die reichen Millionäre. Der kann es sich leisten, dachte sie und verdoppelte schon mal innerlich ihr Honorar. Sie pfiff fröhlich vor sich hin, als sie an den warmen Regen für ihr Konto dachte und gab wieder Gas.

Nach einer aufwändigen Sicherheitsprozedur am Tor des Anwesens blickte sich  Sabrina in der riesigen Empfangshalle der Villa Meinheim-Wittgenstein interessiert um. 

»Darf ich um Ihren Mantel bitten?«, dienerte ein freundliches Männchen im Frack. Die gute Seele reichte ihr gerade mal bis an die Schultern und hatte Mühe, ihr den eierschalfarbenen Mantel abzustreifen. Die ganze Umgebung strömte einen pompösen Reichtum aus.

»Da sind Sie ja ...« Mit weit ausgebreiteten Armen trat Konsul Johannes Ansgar Ferdinand Meinheim-Wittgenstein, Patriarch der Meinheim-Dynastie und Aufsichtsratsvorsitzender der Meinheim AG aus einer der vielen Türen. Sein kahler runder Schädel glänzte unter der Deckenbeleuchtung. »Meine Liebe, so was Entsetzliches ... meine kleine Isabelle... in den Händen gewissenloser Banditen.« Mit einer theatralischen Geste griff er an die Stelle, wo er sein Herz vermutete. »Sie sind ihre und meine letzte Hoffnung. Die Polizei ist ja unfähig ...«

Sabrina hob ihre linke Augenbraue und wie aufs Stichwort auf einer Theaterbühne polterte jemand die breite Treppe herunter. In stiller Verzweiflung richtete Sabrina den Blick ihrer braunen Augen himmelwärts: Kommissar Leopold Sadowski. Er war zwar mindestens 80 kg schwerer als Inspektor Columbo, hielt aber wie sein berühmter Kollege ständig eine stinkende kalte Zigarre zwischen seinen kurzen Fingern.

»Was wollen Sie denn hier, Vossilein?«

Er schaute die Detektivin aus kleinen unruhigen Schweinsäuglein an. »Wir kommen schon ohne Sie klar.« Sabrina blickte erst auf die ungeputzten Schuhe des Kommissars, dann in sein vor Ärger rot gefärbtes Gesicht. »Offensichtlich nicht.«, erwiderte sie nur kurz.

»Das sind die Fakten, liebe Frau Voss.« Der Konsul durchpflügte mit unruhigen Schritten den wertvollen Perserteppich in seinem Privatbüro. »Kein Lebenszeichen von meiner Isabelle.« Er reichte ihr ein Stück Papier. »Aber diesen Brief habe ich bekommen.«

 

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Sabrina schüttelte ihre dunklen Locken. »Ich brauche eine Kopie davon.« Kommissar Sadowski lachte höhnisch. »Wir haben schon alles untersucht. Schließlich sind unsere Labors voll ausgerüstet. Kein Anhaltspunkt. Nichts. Nada.«

Er holte schwungvoll mit seiner rechten Hand aus, wobei er die Asche seiner Zigarre gleichmäßig verstreute. »Aber bitte, Frau Kollegin, versuchen Sie Ihr Glück.«

»Haben Sie Feinde, Herr Konsul?«

Der Konsul seufzte tief. »Gutes Kind, Feinde? Mehr als genug. Die Meinheim AG ist praktisch Marktführer. 80% aller Fernseher weltweit verwenden unsere neue CXV-34 Technik, eine Revolution in unseren Wohnzimmern.« Er wanderte weiter auf und ab. »Ganz klar, dass da einige kleinere Hersteller auf der Strecke bleiben.« Er fuhr ungerührt fort.

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