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Revenants

Prolog

Der dunkelhaarige Mann, der in der Dämmerung die karge Graslandschaft durchschritt, begann zu schwitzen. Sein eleganter, schwarzer Wollmantel passte nicht zu der lauen Frühlingsluft, doch dort, wo er herkam, war es noch bitterkalt.

Er warf einen Blick auf seine mit Staub überzogenen Rindslederschuhe, schüttelte schnaubend den Kopf und beschleunigte seinen Schritt. Der Zorn trieb ihn voran, und der feste Vorsatz, diesem unbedarften Blondschopf zu zeigen, dass man ihm nicht ungestraft die Beute abjagte.

Endlich erreichte er die hölzerne Palisade und hob den Kopf, um dem Ausbund an Hässlichkeit ins Gesicht zu schauen, der heute Abend Wache hielt.

„Öffne das Tor, ich will mit Engilger sprechen!“

„Na guck mal an, einer von den Schönlingen“, tönte es von oben. „Ohne Hrothgars Erlaubnis darf hier keiner rein!“

„Dann geh‘ und sag ihm, dass Perigher hier ist, du Met pissende Eiterbeule oder ich sorge dafür, dass du an deiner eigenen Zunge erstickst!“

Die Wache verschwand und eilige Schritte polterten die Leiter hinab. Der Mann lehnte sich vorsichtig an das Tor und seine Finger begannen in schnellem Rhythmus gegen das Holz zu trommeln. Er war seit Jahren nicht mehr in diesem elenden Loch gewesen und vermutlich war es am besten, seine Garderobe samt der Schuhe schlicht in den Müll zu entsorgen, wenn er das hier hinter sich gebracht hatte.

Wenig später folgte er dem Wachmann, der nun offenbar lieber den Mund hielt, zu dem Langhaus, aus dem grölendes Gelächter herüberwehte. Er ließ sich die Tür öffnen und blieb auf der Schwelle stehen.

Der Geruch von Met, feuchtem Holz, einem qualmenden Kamin und einigen ungewaschenen Kreaturen schlug ihm entgegen, doch er war tatsächlich hier.

Ohne Umschweife schritt er auf den Mann zu, dessen schönes Gesicht und stattliche Gestalt so deplatziert wirkten, wie Diamanten in einer Jauchegrube.

„Faílthe“, Engilger“, grüßte er ihn und nickte dem Hausherrn, der neben ihm saß, knapp zu.

Der Angesprochene quittierte den Gruß mit einem erstaunten Blick und gab der viel zu beleibten Matrone, die es sich auf seinem Schoß bequem gemacht hatte, einen Klaps, sodass sie sich schmollend davon machte.

„Faílthe! Was bringt dich denn hierher, Perigher? Soweit ich weiß, treibst du dich doch schon seit Jahren mit Hreodborths kleiner Gefolgschaft herum!“

„Eine Frau“, gab der Mann Auskunft und beobachtete, wie sein Gegenüber zu schmunzeln begann.

„Nun, meine Erlaubnis brauchst du nicht, wenn du dir eine der Schönheiten hier mitnehmen willst.“

„Ich meine eine menschliche Frau, eine, die uns mit ihrer Neugier gefährlich wird und ihre Aura als Waffe einzusetzen versteht. Ich habe sie gefunden, aber Tiw erhebt Anspruch auf sie.“

Der Mann namens Engilger hob eine Augenbraue. „Das hört sich in der Tat interessant an!“

„Ich überlasse sie dir gern“, sagte der Dunkelhaarige grinsend, „ich will nur einen Kampf gegen Hreodborts kleinen Liebling!“

Der Blick des anderen wurde eindringlich, dann nickte er.

„Ich werde dafür sorgen, dass du ihn bekommst.“

Donnerstag, 11. Februar

Ich schlug die Beine übereinander und seufzte.

Die Frau, die mir gegenübersaß, hatte schon vier meiner Papiertaschentücher verbraucht und es sah ganz danach aus, als würde ich Nachschub holen müssen. Ihre Geschichte war nicht ungewöhnlich, doch für sie war es die Katastrophe, die sie nie hatte erleben wollen.

Ihr Mann hatte sich hormongeschüttelt und unzufrieden mit seinem wohlgeordneten Leben, eine fünfzehn Jahre jüngere Frau genommen und soeben verkündet, dass er zu ihr ziehen, künftig Motorrad fahren, und noch mal Vater werden würde.

Immerhin hatte die so plötzlich verlassene Gattin beschlossen, sich Hilfe zu holen und saß nun zum ersten Mal in ihrem Leben einer Sozialarbeiterin gegenüber; nämlich mir.

Ich wusste, wie schwer ihr das gefallen sein musste, denn zur Sozialberatung, das war immer noch gängiges Vorurteil, gingen eigentlich nur Säufer, geschlagene Frauen und Sozialhilfeempfänger.

Geduldig hatte ich ihr zugehört und ihr ein Taschentuch nach dem anderen gereicht. Nur ab und an stimmte ich ihr nickend zu oder stellte eine kurze Frage, bis schließlich der ganze Schmerz und die Angst heraus waren, und vor uns auf dem Tisch lagen.

Nun konnten wir darüber sprechen, wie sie ihr Leben neu sortieren und die Angst bewältigen konnte, ohne den Verräter ihrer kleinen Welt gar nicht überleben zu können.

Anderthalb Stunden später hatte sie ein wenig Hoffnung geschöpft und ein erstes, leises Lächeln wiedergefunden. Sie nahm die drängendsten Aufgaben für die nächste Zukunft mit nach Hause und einen weiteren Termin bei mir.

Als ich sie zur Tür brachte, fing ich einen strengen Blick meines Chefs auf. Seiner Meinung nach investierte ich unnötig viel Zeit in die Beratungsgespräche und verdarb damit die Fallquote unserer Einrichtung.

Das war mir ehrlich gesagt egal, denn dafür war ich ungeschlagene Königin der erfolgreich bewältigten Lebenskrisen. Und das war auch der Grund, warum es bei einem strengen Blick blieb. Mein Vorgesetzter zog in Diskussionen regelmäßig das kürzere Ende, wenn ich ihn bat, mir beizubringen, wie man menschliche Krisen einfühlsam und an den Bedürfnissen der Klienten orientiert im Akkord auflöst.

Mit einem leicht ironischen Lächeln kehrte ich zurück in mein Büro.

Ich hatte das achte Gespräch hinter mich gebracht und ein Neunstundenarbeitstag ging zu Ende. Die brennenden Augen und die Erschöpfung bemerkte ich erst jetzt.

Merkwürdigerweise hielt meine konzentrierte Aufmerksamkeit für die Belange meiner Klienten gerade so lange an, wie sie mich brauchten. Danach fühlte ich mich im wahrsten Sinne des Wortes so platt, dass ich durch meine geschlossene Bürotür hindurch nach Hause gehen konnte.

Heute jedoch nicht, denn ich war mit meiner Freundin in unserer Lieblingskneipe verabredet. Darauf freute ich mich wahnsinnig und holte tief Luft, um die letzten Kräfte für einen netten Abend zu mobilisieren. In Windeseile packte ich meine Tasche, klopfte an die Tür meines Chefs und steckte den Kopf hindurch.

»Ich bin dann weg!«

Er nickte, hob den Blick nicht vom Monitor und signalisierte damit, dass er natürlich noch bleiben würde. Ansonsten musste ich mich von niemandem verabschieden, die Kollegen waren alle ausgeflogen, Außendienst.

Wenig später warf ich die Tür des alten Bürogebäudes hinter mir ins Schloss und trat auf die Straße. Es war Februar, bereits stockdunkel, und wir litten unter der nasskalten Wetterlage, die so typisch war für den späten Winter im Ruhrgebiet. Ich wickelte mir den Schal fester um den Hals, hatte aber keine Lust, einen Schirm aufzuspannen. Dass ich nass wurde, war mir egal, mein Haar weigerte sich sowieso, eine anständige Frisur länger als einen halben Tag zu behalten.

Mein Blick fiel auf das alte Rathaus gegenüber, das im Winter dezent beleuchtet wurde. Die Schönheit war neunzehnhundertfünf erbaut worden und inzwischen viel zu klein. Aber so ziemlich jeder Recklinghäuser war furchtbar stolz auf das Jugendstilgebäude mit seinen Türmen und Erkern, das erhaben am Altstadtring thronte. Ich wandte mich ab und lief mit schnellen Schritten Richtung Fußgängerzone.

Mein Kater würde nicht begeistert sein, dass ich heute später als gewöhnlich nach Hause kam. Er hasste es, nach siebzehn Uhr auf mich warten zu müssen. Ich war eine fanatische und mit Sicherheit etwas schräge Katzenmutter, seit ich, gerade volljährig, meiner verrückten Familie entkommen und in eine Wohngemeinschaft gezogen war. Meine Mutter hatte kein Haustier geduldet, das größer war als ein Hamster.

Die kleine Schildkröte fiel mir ein, die ich einmal von einer Schulfreundin geschenkt bekommen hatte. Ich hatte sie abgeben müssen, weil die Gute mir ständig entkommen war, um ihr großes Geschäft auf dem Lieblings-Ersatzperser meiner Mutter zu verrichten. Danach war sie jedes Mal zufrieden mit dem Kopf nickend zurück in mein Zimmer gewackelt, um sich den Hals kraulen zu lassen.

Kluges Tier, ging mir durch den Kopf und ich musste grinsen.

Ich erreichte die große Holztür der Kneipe und floh vor der nassen Kälte hinein. Bevor ich mich umsehen konnte, musste ich mich durch den schweren Wollvorhang kämpfen, der als Windfang diente. Das Gebäude war weitaus älter als das Rathaus. Bereits Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erbaut, war es viele Jahrzehnte die städtische Hufschmiede gewesen, was an den hohen gewölbten Decken noch zu erkennen war. Ganze Fuhrwerke samt Pferden waren hier hereingefahren.

Suse saß an einem der hinteren Tische, winkte mir zu und sah ebenfalls einigermaßen geschafft aus. Meine Freundin war wie ich Pädagogin und ihr Job bestand darin, die normalerweise völlig Chancenlosen in unserer Gesellschaft so fit für den Arbeitsmarkt zu machen, dass sie ihr eigenes Geld verdienen und damit ein eigenständiges Leben führen konnten.

Ich nahm sie in den Arm und drückte sie innig. Wir kannten uns nun schon seit vielen Jahren und hatten uns früher so manche wilde Nacht um die Ohren geschlagen. Was uns allerdings wirklich verband, war das Gefühl, sehr viel mehr von der Welt und den Menschen um uns herum mitzubekommen, als in dieser schnelllebigen, oberflächlichen Zeit erwünscht war oder geduldet wurde. Und manchmal auch mehr, als wir selbst ertragen konnten.

Mühsam schälte ich mich aus der dicken Steppjacke heraus und wickelte zumindest einen der beiden Schals ab, die ich im Winter trug.

»Hi«, begrüßte ich Suse noch einmal, als ich mich setzte und mich endlich in Ruhe umsah. »Ziemlich voll heute Abend. Komme ich zu spät?«

Suse schüttelte den Kopf. »Ich war zu früh dran, hab’s nicht mehr ausgehalten in meinem Laden. Mein verrückter Chef musste mir mal wieder einen Vortrag darüber halten, wie schwierig die Finanzen aussehen.«

Mitfühlend sah ich sie an. Ich kannte viele solcher und ähnlicher Geschichten über ihren Einrichtungsleiter. Wir waren beide der Meinung, dass unsere Vorgesetzten eigentlich Brüder waren, man hatte sie nur im Krankenhaus vertauscht und in verschiedenen Familien abgegeben.

»Und die Mickimaus hat dazu genickt und Speichel geleckt, bis ihr fast der Kopf abgefallen ist«, fügte Suse düster hinzu.

Die Mickimaus, so hatten wir eine ihrer Kolleginnen getauft. Zunächst nur wegen ihrer piepsigen Stimme, aber inzwischen waren wir der Meinung, dass die Mickimaus einer eigenen Gattung moderner Frauen angehörte. Sie hatten zwar studiert, doch sie hielten hartnäckig daran fest, möglichst hübsch und niedlich nickend durch ihre Jobs zu stöckeln, und damit mindestens Assistentin des Chefs zu werden. Dafür schrieben sie nachts Konzepte, kochten Kaffee und holten dem Vorgesetzten die Sachen aus der Reinigung.

Und morgens schmierten sie ihren Liebsten das Bütterchen und beklagten sich, dass sie nie genug Zeit hatten, um auch noch den Haushalt perfekt in Ordnung zu halten.

Ich hörte mir schmunzelnd noch einige Ausführungen zum skandalösen Verhalten der Mickimaus an, während wir die Speisekarte studierten, die wir ohnehin auswendig kannten. Wir bestellten unser Essen bei der hübschen, netten Kellnerin und sahen dann beide in die Runde.

»Nix dabei«, seufzte Suse und ich verstand sie auf Anhieb.

Wir waren beide Singles, was wahrscheinlich mit der Verzweiflung zu tun hatte, die wir mit unserer messerscharfen Logik regelmäßig in Beziehungsstreitigkeiten auslösten. Interessierte Männer gab es durchaus, aber in der Regel fielen sie mir gar nicht auf, während Suse sich nie entscheiden konnte, ob sie nun ganz nett waren oder total langweilig.

Während sie sich immer mal wieder einen Mann an ihre Seite wünschte, hatte ich das Thema vor genau vier Jahren aufgegeben. Damals war der einzige Mann, den ich je hatte heiraten wollen, einfach verschwunden. Ein halbes Jahr später hatte er mir per SMS mitgeteilt, dass es vorbei sei und kurz darauf hatte das Schicksal beschlossen, mich im Internet über seine Heiratsanzeige stolpern zu lassen.

Ich nahm gerade einen Schluck aus meinem Bierglas, als mein Blick auf einen Mann fiel, der an einer der Säulen lehnte, die das alte Gewölbe stützten. Er stand allein dort, sah sich still um und wirkte hoch konzentriert.

Seinem Profil nach schien er ganz nett auszusehen, aber das war eigentlich nicht der Grund, warum er mir aufgefallen war. Etwas an ihm irritierte mich, doch ich wusste nicht was. Ich folgte seinem Blick und sah, dass er auf einer jungen Frau ruhte, die an der entgegengesetzten Wand des Raumes lehnte und wild gestikulierend und lachend mit einer Zweiten sprach. Sie war ganz und gar nicht hübsch, aber sehr lebendig.

Mit gerunzelter Stirn versuchte ich in seinem Gesicht zu erkennen, warum er sie so eindringlich musterte und bemerkte, dass er sein Interesse nun auf etwas anderes richtete.

Diesmal ruhte sein Blick auf zwei Damen, die ohne männliche Begleitung an einem Tisch saßen. Sie waren eher mittleren Alters, vielleicht kurz vor fünfzig, übertrieben schick aufgemacht und gaben sich betont lässig. Ihre Beine steckten trotz des Sauwetters draußen in schwarzen Strumpfhosen und High Heels, und es war offensichtlich, dass sie auf der Jagd nach Männerbekanntschaften waren.

»Wen beobachtest du denn da?«, wollte Suse wissen.

»Da steht ein merkwürdiger Mann an der Säule.« Ich wies mit den Augen auf ihn, doch er war verschwunden.

Irritiert sah ich mich um und entdeckte ihn am Tisch der einsamen Jägerinnen.

»Er hat sich gerade die aufgebrezelten Damen ausgeguckt«, flüsterte ich und wies mit dem Kopf dezent zu dem Tisch neben der Theke hin.

Suse sah hinüber und verzog das Gesicht. »Iiiih, merkwürdiger Geschmack für so einen hübschen Kerl.«

Das fand ich auch. Er saß eher zurückhaltend dort und lächelte die beiden verhalten an. Und plötzlich wurde mir klar, was mir an ihm aufgefallen war.

Sein Blick war so intensiv und aufmerksam, dass er aus der Masse der Männer in der Kneipe herausstach. Das ließ die beiden Damen offenbar regelrecht erblühen. Sie lachten, strichen sich die Haare aus dem Gesicht und ihre Hände flatterten nervös über den Tisch.

Der Mann achtete jedoch nicht darauf, er blieb gelassen und tat nichts, außer ihnen zuzuhören.

Er produziert sich gar nicht, fiel mir verblüfft auf.

Das taten Männer doch normalerweise, wenn Frauen so verzückt auf sie reagierten. Und Suse hatte Recht, er war eigentlich sehr hübsch. Sein glattes blondes Haar reichte ihm bis ans Kinn, seine großen Augen waren hell und er besaß ein recht markantes Kinn. Soweit ich es sehen konnte, war er schlank, aber nicht dünn; kein schwächliches Bürschchen. Er trug sehr unauffällige Sachen, einen dunklen Kapuzenpulli, eine schwarze Lederjacke, seine Beine steckten in dunklen Jeans und die Füße in robusten Boots. Sein Alter jedoch war schwer zu schätzen, ich hätte ihm alles zwischen Ende zwanzig und Mitte vierzig geglaubt.

Plötzlich glitt sein Blick zu mir herüber und ich sah erschrocken und peinlich berührt auf die Tischplatte hinab. Ohne noch einmal zu ihm hinzusehen, wandte ich mich Suse zu.

»Er scheint auf ältere Frauen zu stehen«, flüsterte ich. »Er hat sie gezielt angesprochen!«

Sie schüttelte den Kopf. »Dann muss ich wohl noch ein bisschen älter werden, mich verdammt schlecht kleiden und mir kiloweise Make-up ins Gesicht schmieren, damit ich auch mal angesprochen werde.«

Ich schmunzelte und musste doch ein Gähnen unterdrücken, der Neunstundentag forderte seinen Tribut. Und nun, wo mich der Mann beim Gaffen ertappt hatte, war es sowieso kaum möglich, dabei zuzusehen, wie er versuchte, gleich mit zwei Frauen anzubandeln.

»Weißt du was«, teilte ich Suse spontan mit. »Ich lad’ dich ein. Und dann muss ich ins Bett, glaube ich.« Ich kramte mein Portemonnaie aus der Tasche und erhob mich. »Ich bezahle an der Theke, das geht schneller.«

Direkt daneben saß der merkwürdige Mann mit seinen beiden Damen und mir war der Gedanke gekommen, ihn beim Bezahlen wenigstens noch etwas näher in Augenschein zu nehmen. Das in die Tat umzusetzen, war für mich ein geradezu waghalsiges Abenteuer und ich hatte Mühe, auf dem Weg zur Theke nicht über meine eigenen Füße zu stolpern.

Mit klopfendem Herzen lehnte ich mich an den Tresen und warf einen Blick auf ihn, der nun keine zwei Meter von mir entfernt war. Aus der Nähe betrachtet sah er zweifellos noch besser aus.

»Das hat mir ja noch kein Mann gesagt«, gurrte eine der beiden Grazien gerade begeistert.

Unter dem Tisch begann eines ihrer Beine zu zucken und ich musste grinsen. Es fehlte nicht viel, und sie würde vor Aufregung von Kopf bis Fuß zittern.

Der Blonde musste mein Schmunzeln bemerkt haben, denn er richtete seinen Blick auf mich und mein Herz tat einen rumpelnden Schlag.

Ich hatte noch nie so intensiv grüne Augen gesehen. Abrupt wandte ich den Blick ab und gab mir die größte Mühe, völlig cool auszusehen, obwohl mein Herz so laut zu hämmern begann, das es eigentlich jeder im Umkreis von fünf Metern hören musste.

Endlich trat einer der Kellner näher und ich konnte bezahlen.

Steif stakste ich zurück und meinte seinen bohrenden Blick in meinem Rücken zu spüren. Suse kannte mich zu gut, um nichts zu bemerken.

»Was ist los?«

»Er hat grüne Augen«, erwiderte ich leise.

Sie verstand sofort. Grüne Augen bei einem Mann verwirrten mich selbst dann, wenn ich den Rest von ihm gar nicht mochte. Ich wickelte mir meinen zweiten Schal um den Hals und griff nach meiner Jacke, als Suse verdutzt an mir vorbei starrte.

»Sie gehen gerade zu dritt«, flüsterte sie.

Ich musste mich nur leicht drehen, um zu sehen, wie die beiden Frauen dem Blonden aufgeregt kichernd nach draußen folgten. Vielleicht ging meine Fantasie gerade mit mir durch, aber bei dem Gedanken, dass er die beiden gleich zusammen verführen wollte, fand ich ihn ein wenig abstoßend. Aber es war schließlich jedermanns Privatsache, womit er seine Gelüste befriedigte, solange niemand zu Schaden kam.

Als wir kurz nach dem Trio auf die Straße traten, waren sie bereits fort. Ich verabschiedete mich von Suse; die paar Minuten bis zu meiner Wohnung wollte ich zu Fuß gehen.

Es war noch nicht sehr spät und so waren noch einige Menschen in der Fußgängerzone unterwegs. An einem Donnerstag konnte man in Erwartung des Wochenendes schon mal etwas zu spät ins Bett gehen.

Nach wenigen Schritten zweigte eine kleine dunkle Straße ab. Ich hielt inne und überlegte, ob ich meinem Lieblingsbaum einen kurzen Besuch abstatten sollte.

Seit Jahren schon zog mich die alte, hohe Trauerweide magisch an, die in einem sehr kleinen, schnuckeligen Park stand. Im Sommer bedeckten ihre langen, hängenden Zweige ein großes Areal von mindestens fünf oder sechs Metern Durchmesser.

Unter ihnen war es auf eine beinahe gruselige Art dunkel und dämmerig, was mir sehr gefiel. Der Baum hatte etwas Verwunschenes und wirkte, als sei er sehr viel eher da gewesen, als die Menschen, die zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts die schönen Häuser um ihn herum gebaut hatten.

Ein großes Verwaltungsgebäude war dort im Stil des Rathauses errichtet worden, und eine Stadtvilla mit Kutscherhaus. Heute beherbergten sie die städtische Volkshochschule und Musikschule. Villa und Kutscherhaus waren von einer Mauer mit schmiedeeisernem Gatter umgeben und bildeten das Kernstück eines kleinen Parks. Es war ein Ort der Harmonie und Ruhe, der den Besucher hundert Jahre zurückversetzte, in eine Zeit, in der Häuser und Gärten das Auge des Betrachters noch mit ihrer Schönheit hatten verzaubern sollen. Ich liebte diesen Ort und war eigentlich seinetwegen so nah wie möglich an den alten Stadtkern herangezogen.

Ich dachte nicht weiter darüber nach und beschloss, einen kleinen Umweg zu machen.

Die Gasse war nur sparsam mit Laternen ausgestattet, doch ich fand das kleine Tor in der Mauer trotzdem. Es war nie verschlossen und ich passte hindurch, ohne es weiter aufstoßen zu müssen.

Um zur Trauerweide zu gelangen, musste ich die Villa umrunden, und hatte die Hausecke noch nicht erreicht, als ich leise Stimmen hörte.

Erschrocken hielt ich inne und wollte schon fluchtartig den Rückweg antreten, als mir auffiel, dass sie nicht zu Jugendlichen oder Betrunkenen passten. Es waren nur zwei, die eine samten und dunkel, die andere eher schrill.

Ein Mann und eine Frau mussten dort stehen, die sich sicher ganz bewusst eine einsame Ecke ausgesucht hatten. Die dunkle Männerstimme zog mich an und nagelte mich dort fest, wo ich stand.

»Dies hier ist ein besonderer Ort, voller Magie«, sagte er leise.

Ein leises, weibliches Glucksen antwortete ihm. »Stehst du auf so was, Magie

Der Mann mit der samtenen Stimme lachte leise. »Aber ja. Sie hat mich ja zu dir geführt.«

»Oooh, du sagst das so süß«, gurrte die Frau.

Dann war es still.

»Willst du mich denn gar nicht küssen, wenn du mich schon an einen so magischen Ort schleppst?«, fragte sie leise und ich konnte hören, dass sie bereits leicht beleidigt war.

»Magie entfaltet sich selten, wenn man ungeduldig ist«, gab der Mann leise zurück.

Ein Mann, der eine Frau in eine wirklich dunkle Gegend schleppte und sie gar nicht küssen wollte? Meine unselige Neugier horchte auf und verlangte nach mehr. Vorsichtig schob ich mich weiter nach vorn, bis ich um die Ecke lugen konnte.

Sie standen neben meiner Weide; er hielt sie locker in seinen Armen und ich hielt verblüfft den Atem an. Es war recht dunkel, doch ich meinte zu erkennen, dass der Mann glattes, mittellanges Haar hatte. Die Frau trug einen kurzen Rock und war auf ihren High Heels beinahe größer, als er. Ich unterdrückte ein Keuchen und zog den Kopf zurück. Der Mann mit den grünen Augen stand dort und eine seiner beiden Eroberungen.

Still und leise schlich ich auf dem Weg zurück, den ich gekommen war. Nicht auszudenken, wie peinlich es geworden wäre, wenn sie mich entdeckt hätten. Es hätte zweifellos so ausgesehen, als hätte ich sie absichtlich verfolgt und stünde wie ein Voyeur an der Hausecke. Ich spürte, wie ich rot wurde, als ich den Park verließ und der Situation glücklich entkommen war.

Und doch gingen mir auf dem Heimweg seine seltsamen Worte über Magie nicht aus dem Kopf.

Es war schon sehr ungewöhnlich, dass ein Mann überhaupt davon sprach, und bei diesem war es offenbar nicht einmal Mittel zum Zweck gewesen. Es hatte sich schlicht angehört, als meine er es ernst. Vielleicht bildete ich mir das aber auch nur ein. Neben einigen anderen Schwächen besaß ich auch eine etwas zu lebhafte Fantasie. Es war das Wort Magie, auf das ich sofort angesprungen war. Alles, was damit zu tun hatte, faszinierte mich von klein auf.

Es hatte schließlich immer schon einige Menschen gegeben, die einen Zugang zu Dingen hatten, die niemand erklären konnte. Insgeheim zählte ich mich gern dazu, obwohl ich bisher nie auch nur etwas annähernd Magisches erlebt hatte.

Er hatte die Frau zu der Trauerweide gebracht, dem Baum mit der magischen Ausstrahlung, das konnte doch kein Zufall sein. In mir wuchs eine unbestimmte Aufregung und trieb meine Fantasie voran. Als ich meine Haustür aufschloss, war ich mir beinahe sicher, dass dieser Mann zumindest sehr ungewöhnlich war. Und die Begegnung mit ihm ebenso.

Nachdem mein schwer beleidigter Kater mit einem Leckerchen halbwegs zufriedengestellt war, konnte ich endlich Jacke und Schuhe ausziehen. Im Wohnzimmer ließ ich mich auf das Sofa fallen und stellte fest, dass ich plötzlich wieder hellwach war.

Kurz entschlossen zappte ich durch das Fernsehprogramm, doch der Mann mit den grünen Augen schob sich in den Vordergrund.

War denn tatsächlich etwas Besonderes an ihm? Oder hatte ich inzwischen bloß vergessen, dass sich so ein Eindruck eben einstellte, wenn einem ein hübscher Mann begegnete?  Vielleicht war es genau das, ein kleiner Hormonkoller, den ich gerade gefährlich überbewertete. Ich schaltete den Fernseher aus und beschloss, das Ganze zu vergessen.

Freitag, 12. Februar

Bevor der Wecker klingelte, erwachte ich bereits aus einem unruhigen und wenig erholsamen Schlaf. Ich hatte davon geträumt, dass der Mann mit den grünen Augen in den Zweigen der alten Weide wohnte und mich von dort oben beobachtete. Wach geworden war ich von dem erschrockenen Blick in seine hellen, grünen Augen.

Ich fühlte mich wie gerädert, doch ich setzte mich tapfer auf die Bettkante und streckte mich. Es half nichts, das Katzenfutter musste schließlich bezahlt werden.

Um kurz nach Sieben verließ ich beschwingt das Haus, ohne mir meine gute Laune erklären zu können. Ich stöpselte mir die Kopfhörer meines Players in die Ohren und der fröhliche Rhythmus irischer Folkmusik trug mich durch die Dunkelheit in Richtung Innenstadt. Um diese Zeit war es noch sehr ruhig und still und ich musste nicht befürchten, von Schulkindern auf Fahrrädern halb oder ganz überfahren zu werden.

So zuckte ich erschrocken zusammen, als ein kleiner dunkler Schatten auf dem Gehweg landete. Vor mir saß eine schlanke Katze und starrte mich an.

Ungewöhnlich war das an sich nicht, ich traf hier öfter auf solche Freigänger. Aber im Winter waren sie doch eher selten, denn die meisten von ihnen hatten ein warmes Zuhause.

Nichtsdestotrotz hatte ich zu jeder Jahreszeit ein Leckerchen in der Tasche. Ich zog mir die Kopfhörer aus den Ohren und ging in die Hocke. Die Katze beobachtete mich aufmerksam, aber sie lief nicht davon. In der spärlichen Beleuchtung der nächsten Straßenlaterne war nicht viel von ihr zu erkennen, doch sie schien mir neu in der Gegend. Nachtschwarz ohne irgendeinen Fleck sah sie jedoch nicht verwahrlost aus.

Langsam öffnete ich meine Tasche und zog die Knabberstangen heraus, nach denen mein Kater geradezu verrückt war, riss die Verpackung auf und hielt ihr ein Stück hin.

»Na, meine Schöne, wie wär’s, hast du Hunger?«

Die Katze näherte sich vorsichtig und schnupperte ausgiebig daran. Offenbar traf es ihren Geschmack, denn sie verschlang sie gierig eine nach der anderen.

Mehr hatte ich nicht bei mir und hielt ihr die Hand hin, damit sie sich davon überzeugen konnte. Vorsichtig strich ich ihr über den Kopf und sie ließ es geschehen.

Dann begann sie plötzlich intensiv an mir zu schnuppern und schob ihre Nase in meine Steppjacke. Dabei bemerkte ich, dass ich einen Kater vor mir hatte, unkastriert; das war eher selten.

Nachdem mich der Kleine komplett umrundet hatte, sah er mir direkt in die Augen, was ungewöhnlich ist, wenn man sich als Mensch und Katze noch gar nicht kennt. Noch einmal streckte ich die Hand nach ihm aus, doch er drehte sich um, sprang mit einem eleganten Satz auf eine hohe Mauer und von dort in einen Garten. Nachdenklich erhob ich mich und setzte meinen Weg fort.

Hatte der Kater grüne Augen gehabt? Das war natürlich nichts Besonderes bei einer Katze, doch mir fiel auf, dass ich schon wieder auf grüne Augen gestoßen war.

Unsere Einrichtung war noch dunkel und still, als ich das Geschäfts- und Bürogebäude am alten Wallring erreichte und in die erste Etage hinaufstieg. Ich öffnete das Fenster in meinem Büro und ließ die nasskalte Luft herein, dann machte ich mich daran, Kaffee zu kochen. Meine Kollegen liebten mich dafür, dass das starke Gebräu schon auf sie wartete, wenn sie zur Arbeit kamen und ich tat es gern für sie. Wir verbrachten schließlich oft mehr Zeit miteinander, als mit unseren Familien. Wobei ich ja nur Moggedur hatte, der abends auf mich wartete.

Wie jeden Morgen setzte ich mich mit einer Tasse Kaffee ans offene Fenster und sah hinaus. Der Wall, wie wir die Straße nannten, die rund um die Altstadt von Recklinghausen führte, belebte sich gerade.

Jeden Morgen kamen viele Pendler in die Stadt und ich war froh, dass ich zu Fuß zur Arbeit gehen konnte und nicht wie viele andere im morgendlichen Ampelstau festhing.

Das Gewusel dort unten war nicht gerade spannend und so fiel mir die Sache mit den grünen Augen wieder ein. Ein Mann mit grünen Augen und ein Kater mit grünen Augen … . Gab es da einen Zusammenhang oder sollte beides ein Hinweis auf etwas anderes sein?

Unten schlug die Haustür zu und ich hörte, wie meine Kollegen Thomas und Beate heraufkamen. Christine, die Glückliche, hatte Urlaub und versuchte irgendwo in Italien Ski fahren zu lernen.

Ich schloss mein Fenster und machte mich auf in die kleine Küche. Wir würden uns eine Tasse Kaffee und eine kurze Plauderei gönnen, bevor wir alle in unseren Büros verschwanden, um die Beratungen und Fälle dieser Woche zu dokumentierten.

Wenn der Chef eintrudelte, unser Horst, lösten wir die Runde auf. Er setzte sich nie zu uns und mochte es auch nicht, dass wir in der Küche zusammenhockten. Er befürchtete wohl, dass wir über ihn tratschten, und ging davon aus, dass wir ihn gar nicht dabei haben wollten. Und er lag nicht falsch damit.

Horst hatte kein Händchen für die Pflege kollegialer Beziehungen und eigentlich auch nicht für die soziale Arbeit an sich. Die Leitung der Zweigstelle, das Koordinieren und Organisieren, war sozusagen seine Rettung.

Die Dienstbesprechung, die jeden Freitag stattfand, nahm wie immer den größten Teil des Vormittags in Anspruch. Wir trugen die schwierigeren Fälle vor, berieten über Maßnahmen und Fördermöglichkeiten, und hörten uns viel zu oft die neuesten Forderungen unseres Trägers nach mehr Effektivität und weniger Überstunden an.

Unsere Fallbesprechungen waren heute relativ schnell abgeschlossen und Horst begann mit einem Monolog darüber, wie unser letzter Jahresbericht vom Vorstand aufgenommen und beurteilt worden war.

Nach wenigen Minuten glitt meine Aufmerksamkeit mehr und mehr ab. Der langweilige Vortrag und die warme Heizungsluft lullten mich ein und meine Lider wurden schwer.

Ein Bild schob sich vor meine Augen. Der Mann mit den grünen Augen saß dabei nicht in den nackten Ästen der Weide, er trat direkt aus dem Stamm hervor und lächelte mich an.

Vor Überraschung rutschte mir die Hand unter dem Kinn weg, und sowohl Horst als auch die Kollegen sahen mich erstaunt an.

»Wolltest du etwas sagen?«, fragte mein Chef und runzelte die Stirn.

»Nein, nein«, erwiderte ich verwirrt und richtete mich auf. »Mach ruhig weiter, es ist sehr interessant.«

Mit zusammengekniffenen Augen suchte er nach einem Anzeichen von Spott in meinem Gesicht und wirkte verblüfft, weil er keines entdecken konnte.

Er nahm seinen Singsang wieder auf und ich bemerkte, dass meine Kollegen mich fragend betrachteten. Ich grinste schelmisch und sie erwiderten es;. Horst zu ärgern, war etwas, das uns allen insgeheim Spaß machte.

Innerlich atmete ich auf und fragte mich, ob das Bild meinem nächtlichen Traum entstammte. Ich wusste es nicht und das irritierte mich, denn normalerweise konnte ich es einordnen, wenn mir Traumbilder später am Tag einfielen.

Mein Chef war sichtbar erleichtert, dass ich ihn diesmal nicht mit einem Einwand quälte, und entließ uns um zwölf Uhr in unsere Büros oder in die Mittagspause, wenn wir uns eine leisten und entsprechend länger arbeiten wollten.

Ich entschloss mich, mir ein warmes Essen zu gönnen und machte mich auf in die Innenstadt. Die nächste Pizzabude war nicht weit entfernt und so lief ich eilig durch den kalten Regen, wie immer ohne Schirm.

Die Pizzeria war heute relativ leer, es war Freitagmittag und ihre Hauptkundschaft, die Leute von der Stadtverwaltung, gingen um diese Zeit nach Hause und ins Wochenende.

Ich bekam meine Pizza in Windeseile und der freundliche Italiener schob den Karton in eine Plastiktüte, damit sie draußen nicht völlig durchweichte.

Im Eingang hielt ich inne und überlegte, ob ich es mir antun sollte, zum Büro zurück zu rennen, als sich vor mir ein schwarzer Schirm hob und ich schon wieder grüne Augen sah.

Der blonde Mann von gestern Abend hielt ihn mit einer Hand und mit der anderen die seiner Eroberung.

So gingen sie an mir vorüber und mir fiel auf, dass diese verrückte Frau bei dem nasskalten Wetter schon wieder in kurzem Rock und Seidenstrümpfen unterwegs war. Allerdings trug sie heute flachere Schuhe. Ich musste grinsen; sie wollte wohl nicht größer sein, als ihr neuer Verehrer.

Augenblicklich kämpfte meine verdammte Neugier mit dem Wunsch, eine warme Pizza zu essen.

Die beiden entfernten sich langsam und ich schloss einen Kompromiss mit meinem Magen. Ich würde ihnen zehn Minuten lang unauffällig folgen, dann könnte ich die Pizza wenigstens noch lauwarm essen. Damit setzte ich mich in Bewegung und bereute es nun, keinen Schirm zu haben, unter dem ich mich notfalls verstecken konnte.

Mit schnellen Schritten holte ich gerade soweit auf, dass ich hören konnte, was gesprochen wurde.

»Ich bin allergisch gegen Katzen, und deshalb mag ich sie auch nicht«, sagte die Frau gerade und es hörte sich an wie ein abschließender Kommentar.

»Oh, das ist ein großer Fehler«, erwiderte der Mann mit seiner dunklen, angenehmen Stimme. »Katzen sind ganz besondere Geschöpfe. Sie spüren stets die Wahrheit hinter den Dingen.«

Er war also ein Katzenfreund. Ich musste lächeln, das gefiel mir.

»Was denn für eine Wahrheit?«, fragte sie zurück. »Das sind doch nur Tiere, die spüren höchstens, wenn es was zu Fressen gibt.«

Na, da hatte er sich ja eine warmherzige und intelligente Dame um die fünfzig ausgesucht. Warum bloß? Das tat sich doch kein so hübscher, netter Mann freiwillig an.

»Oh nein«, widersprach er unbeirrt. »Sie sind geschmeidig, elegant und feinfühlig, genau wie du.«

Ich verzog das Gesicht, was tat er denn da? Die Frau war so offensichtlich nichts von alledem, dass ich an seinem Verstand zu zweifeln begann. Sie dagegen floss über vor Begeisterung.

»Oh«, säuselte sie süßlich. »Du bist unglaublich! Ich liebe dich dafür.«

Der Schirm vor mir schwankte zur Seite und die Frau stand plötzlich im Regen.

»Nicht vor all den Menschen«, wehrte der Blonde ab.

Hatte sie versucht, ihn zu küssen!? Dann zeigte seine Reaktion aber deutlich, dass er es nicht mochte. Er hielt den Schirm wieder über sie und zog sie weiter. Sie kicherte verhalten, wohl um die Situation halbwegs zu retten.

»Du bist so schüchtern, Tiw.«

Tiw. Ein ungewöhnlicher Vorname, den ich noch nie zuvor gehört hatte. Das erklärte allerdings nicht, warum er sich mit einer solchen Frau einließ. Dann kam mir ein wenig angenehmer Gedanke in den Sinn, und es überlief mich heiß, obwohl ich inzwischen ziemlich durchnässt war.

Es sei denn, die Frau hatte Geld und er war ein Heiratsschwindler oder so ein Loverboy, der ihnen das Geld mit den unglaublichsten Lügen abschwatzte. Diese mögliche Erklärung für sein Interesse an der ältlichen Diva missfiel mir allerdings gründlich.

Plötzlich hielt der Schirm vor mir an und ich hielt inne.

»Nein, ich will nicht zu deinem blöden Baum!«, zeterte die Frau und einige Passanten sahen sich nach ihr um. »Ich will jetzt nach Hause! Du kannst ja nachkommen, wenn du wieder normal bist!«

Damit warf sie den Kopf in den Nacken, drehte sich um und stapfte genau auf mich zu. Ich versuchte, mein entgeistertes Gesicht unter Kontrolle zu bringen und zwang meine Beine, weiter zu laufen, denn der Mann, Tiw, sah ihr traurig nach. Sein Blick streifte mich und ich sah eilig auf die Pizzaschachtel hinab.

Mein Herz klopfte wie verrückt, als ich den Eingang des hiesigen großen Kaufhauses erreichte, hineinstürmte und mich umwandte. Durch die großen Glastüren konnte ich sehen, wie er unter seinem schwarzen Schirm vorüberging, den Kopf gesenkt. Ich sah ihm nach, bis er in eine Straße einbog, die unter anderem auch zu dem kleinen Park führte.

Was nun? Vielleicht verpasste ich es gerade jetzt, herauszufinden, ob er tatsächlich in dem Weidenstamm verschwand. Dann fiel mir auf, wie verrückt der Gedanke war. Ich war hin und her gerissen und sah wahrscheinlich selbst ziemlich merkwürdig aus, wie ich da mit meiner Pizzaschachtel in der Hand auf und ab lief.

Schließlich warf ich die Furcht vor was-auch-immer über Bord und lief los, dem schwarzen Schirm hinterher.

Ich bog in dieselbe kleine Straße ein, konnte ihn jedoch nicht entdecken. Wenn er gar nicht zu dem Baum wollte, hatte ich ihn wohl verloren.

Im Laufschritt bog ich in eine weitere Gasse ein, dann nahm ich die letzte Ecke und konnte nun zum Park hinübersehen. In der Ferne betrat der schwarze Schirm gerade den Hintereingang und ich beschleunigte erneut meine Schritte.

In diesem hinteren Teil des Parks war der Boden zu einem kleinen Wall aufgeschüttet worden. Der Weg führte hinauf und man gelangte auf der anderen Seite über eine Treppe zur Weide hinab.

Der Mann verschwand hinter dem Wall und ich fasste den Entschluss, so zu tun, als müsste ich dringend zur Volkshochschule, deren Hintereingang sich beinahe direkt neben dem Baum befand.

Atemlos erreichte ich die Treppe, doch der schwarze Schirm war verschwunden.

Das konnte nicht sein, wenn er nicht um die kleine Villa herum und damit vor mir weggelaufen war. Ich vergaß jede Vorsicht, rannte kurz entschlossen an der Weide vorbei und um die Hausecke, an der ich noch am Abend zuvor gestanden hatte.

Es war nichts von ihm zusehen.

Sollte er wirklich so schnell sein? Ich durchquerte den Park, erreichte den Haupteingang und stürmte auf die kleine Gasse hinaus; nichts.

Kurz entschlossen lief ich in die andere Richtung bis zur nächsten Querstraße, doch der Schirm und mit ihm der Mann namens Tiw blieben verschwunden.

Endgültig außer Atem hielt ich inne.

Ich war klatschnass, ich überzog gerade meine Mittagspause und meine Pizza war mit Sicherheit inzwischen eiskalt. Aber wenn mir der Blonde nun entkommen war, so musste ich doch wenigstens noch einen Blick auf den Baum werfen.

Ich eilte zurück und hielt an, als die Weide in Sicht kam.

Sie sah nicht gerade imposant aus. Ihre Äste waren beschnitten worden, was wahrscheinlich gut für sie war, sie aber im Moment aussehen ließ wie ein gerupftes Huhn. Unbegründet vorsichtig näherte ich mich der niedrigen Steinmauer, die den Baum einfasste und im Sommer unter ihren langen Zweigen kaum zu sehen war. Ich betrachtete die Weide forschend, konnte aber rein gar nichts Ungewöhnliches erkennen.

Schließlich legte ich die Pizzaschachtel auf der Mauer ab und stieg hinüber. Augenblicklich überfiel mich das Gefühl, in einen Bereich einzudringen, in dem ich eigentlich nicht sein durfte.

Zögernd trat ich näher an den Stamm heran. Täuschte ich mich, oder war die Luft rund um den Baum irgendwie .... anders? Es erinnerte an das Flimmern, das man im Hochsommer über heißem Asphalt sehen konnte.

Meine Nackenhaare begannen sich aufzustellen; plötzlich schwappte die Furcht über mich hinweg, ich wirbelte herum und lief davon.

Dass ich meine Pizza auf der Mauer hatte stehen lassen, fiel mir erst auf, als ich nach Luft schnappend die Einkaufsstraße erreichte und mir die stechenden Seiten halten musste. Ich bemühte mich darum, normal zu atmen und ging eilig die Straße hinunter. Mein Herz raste immer noch und ich spürte das Adrenalin in meinen Adern pulsieren. Inzwischen war ich schweißgebadet und bemerkte den kalten Regen nicht mehr.

Wie sollte ich meinen Zustand im Büro erklären? Mir fielen lediglich so unglaubwürdige Sachen ein wie ein versuchter Überfall oder ein bissiger Hund, der mich verfolgt hatte.

Dann kam mir eine Idee, die funktionieren würde. Ich würde einfach sagen, dass ich mein Portemonnaie verloren und die halbe Innenstadt danach abgesucht hatte, bis ich es wieder gefunden hatte. Und ansonsten nahm ich mir ernsthaft vor, mir den Mann mit den grünen Augen aus dem Kopf zu schlagen, bevor ich an meiner eigenen Zurechnungsfähigkeit zweifeln musste.

Meine Freundin Suse fiel mir ein; sie bräuchte wahrscheinlich nur wenige Sekunden, um mir den Sachverhalt zu erläutern.

Ich hatte ein Pärchen verfolgt, das sich gestritten hatte und der Blonde war recht schnell seiner Wege gegangen. Und ich war vor einer Weide geflüchtet, weil ich meinte, die Luft mitten im Winter flimmern zu sehen.

Herzlichen Glückwunsch dachte ich grimmig. So was nannte man Wahnvorstellungen und die wurden mindestens zwei Wochen lang in der Psychiatrie behandelt, bevor man angefüllt mit Medikamenten wieder hinaus durfte.

Meine Kollegen bedauerten mich ausgiebig, als ich tropfnass in der Beratungsstelle auftauchte und meine Lügengeschichte erzählte. Beate brachte mir ein Handtuch und einen heißen Kaffee, dann war ich allein in meinem Büro und versuchte kopfschüttelnd, mich zu sammeln.

Ich hatte eine völlig harmlose Geschichte aufgeblasen, bis sie etwas Mystisches, Magisches bekam. Und damit rechtfertigte ich auch noch, dass ich zwei Menschen belauscht und verfolgt hatte. Mir stieg das Blut in die Wangen, was für ein Glück, dass ich den beiden nicht aufgefallen war.

Nicht ganz so einfach war es mit dem merkwürdigen Flimmern um den Stamm der Weide. Ich hatte keine Sehschwäche und konnte meinen Augen zu mehr als hundert Prozent vertrauen, denn mir fielen auch Details und Kleinigkeiten auf, die andere gar nicht bemerkten. Der Gedanke, dass ich mich darauf vielleicht nicht mehr verlassen konnte, beunruhigte mich zutiefst.

Und ich war doch eigentlich auch kein ängstlicher Typ. Ich bildete mir nichts ein, ich erfasste die meisten Dinge im Leben intuitiv richtig. Nein, das Flimmern war da gewesen und das starke Gefühl einer Bedrohung auch!

Und wenn ich schon beschloss, keinen Gedanken mehr an den Mann mit den grünen Augen zu verschwenden, so musste ich doch wenigstens noch einmal zu dem Baum, um zu überprüfen, ob meine Intuition mich getäuscht oder gerettet hatte.

Tiw, ging mir sein Name durch den Kopf.

Ehe ich mich versah, hatte ich den Namen in eine Suchmaschine eingegeben.

Tiw – altenglischer Vorname, in der nordischen bzw. germanischen Mythologie ist Tyr der Gott des Krieges.

Er trug also einen sehr alten, englischen Vornamen, und stammte aus England? Nicht unbedingt, es war ebenso gut möglich, dass er den Namen von völlig verrückten Hippie-Eltern bekommen hatte, denn ich konnte mich nicht daran erinnern, einen Akzent bei ihm gehört zu haben.

Nun hatte ich zwar einen Anhaltspunkt, aber der brachte mir nicht mehr ein, als die Information, dass er einen ungewöhnlichen Vornamen besaß. Dann fiel mir ein, was ich mir vorgenommen hatte und ich rief die Software auf, mit der wir unsere Beratungsfälle dokumentierten.

In den nächsten anderthalb Stunden mühte ich mich mit der Dokumentation meiner Beratungsfälle ab, dann gab ich auf. Ich war müde, immer noch ziemlich durchnässt und wollte nach Hause. Und wahrscheinlich wartete mein Chef ohnehin darauf, dass ich endlich ging, damit er kurz nach mir als Letzter das Büro verlassen konnte.

Den Wochenendeinkauf erledigte ich hastig und war froh, als ich die Wohnungstür hinter mir schließen konnte.

Moggedur musste sich mit einer kurzen Begrüßung zufriedengeben, denn ich wollte möglichst schnell aus den nassen Sachen herauskommen.

Als ich ins Bad schlurfte, blieb mein Blick am Spiegel hängen. Plötzlich fragte ich mich, was dieser Tiw heute wohl gesehen hatte, als sein Blick auf mich gefallen war. Ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen, die ich meiner Urgroßmutter verdankte, große blaue Augen, ein herzförmiger Mund und dunkelblonde Locken, die sich nicht alle darauf einigen konnten, entweder in Pudelmanier oder korkenzieherartig bis auf die Schultern zu fallen. Ich war ganz sicher keine Schönheit, doch im Vergleich zu der ältlichen Ziege, die den Mann mit den grünen Augen heute im Regen hatte stehen lassen, war ich doch wohl eine ziemlich attraktive Frau.

Tiw. Sein Name war Tiw. Mir wurde kalt und ich stieg unter eine sehr heiße Dusche.

In Jogginghosen, dicken Wollsocken und Fleecepulli verließ ich das Bad und fühlte mich besser. Mein Blick fiel auf Moggedur, der im Wohnzimmer vor der Balkontür saß, das Fell aufgestellt und mit buschigem Schwanz, der hin und her peitschte. Ich eilte durch den Flur, während mein Kater herumschnellte und im Schlafzimmer unter dem Bett verschwand.

Vor der Balkontür erkannte ich eine schlanke, schwarze Katze; sie hatte die Vorderpfoten auf die Glasscheibe gestemmt, war erbärmlich nass und maunzte.

Bevor ich noch darüber nachdenken konnte, wie sie meinen Balkon im dritten Stock erreicht hatte, öffnete ich die Tür und sie sprang herein. Ich erkannte den schwarzen Kater von heute Morgen auf Anhieb an seinen grünen Augen und sah verblüfft auf ihn herab.

Er schüttelte sich das Wasser aus dem Fell und begann seelenruhig, sich trocken zu lecken.

Als gut erzogene Katzenmutter eilte ich sofort in die Küche und stellte ihm kurz darauf eine doppelte Portion Nassfutter hin.

In aller Ruhe begann er zu fressen, also hockte ich mich hin und sah ihm dabei zu, während ich mich fragte, ob Katzen tatsächlich so gut klettern konnten. Noch sehr viel merkwürdiger war, dass er meinen Balkon in einem Gebäudekomplex mit gut und gern hundert Wohnungen gefunden hatte.

Er leerte den Napf gründlich, setzte sich hin und sah mich an. Sein Blick war irgendwie neugierig, forschend und so direkt, wie bei unserer Begegnung am frühen Morgen. Schließlich kam er näher, schnupperte an meinen Fingern und rieb dann seinen Kopf daran. Vorsichtig begann ich, ihn zu streicheln. Er schloss schnurrend die Augen und ich spürte, wie mich eine warme Woge der Zuneigung überschwemmte. Ohne Scheu zeigte er mir seinen Bauch und rollte sich behaglich auf dem Teppich herum.

»Wie bist du hier rauf gekommen?«, fragte ich ihn leise und der Kater sah mich aufmerksam an. »Und wie hast du mich gefunden, hm? Das ist doch kein Zufall!«

Statt mir zu antworten, schloss er schnurrend die Augen und ich musste lächeln, er wollte sein Geheimnis wohl nicht preisgeben.

Plötzlich erhob er sich geschmeidig, setzte sich grazil hin und sah sich in meinem Wohnzimmer um. Wohin der eigentliche Besitzer dieser Wohnung verschwunden war, schien ihn nicht zu interessieren, was recht ungewöhnlich war. Schließlich beendete er die Besichtigung und lief zur Balkontür hinüber.

»Du willst wieder hinaus? Es ist nass und kalt da draußen und du könntest vom Dach fallen«, erklärte ich ihm überflüssigerweise und erhob mich.

Er maunzte leise und begann, an der Scheibe zu kratzen. Das war deutlich genug, ich öffnete die Tür und er sprang hinaus und mit einem Satz auf die breite Balkonbrüstung. Von dort gelangte er auf das Dach und war verschwunden.

Ich schloss die Tür und sah eine Weile auf den leeren Napf hinab.

Das war zweifellos ein netter, aber sehr merkwürdiger Besuch. Und wenn das, was ich seit gestern Abend erlebt hatte, lediglich Zufälle waren, dann erlebte ich gerade mehr davon, als sich schulterzuckend abtun ließ.

Meiner Meinung nach steckten hinter dem, was wir Zufall nannten, auch keine wahllosen Vorkommnisse. Es waren vielmehr Ereignisse, die wir nicht in die logischen Zusammenhänge unserer Erklärungsmuster einordnen konnten. Das hieß jedoch nicht, dass es keine Zusammenhänge gab.

Zuerst hatte ich Tiw getroffen, dann den Kater, dann wieder Tiw und eben wieder den Kater. Wenn das nicht bereits eine Gesetzmäßigkeit darstellte, was dann? Mein eigener Kater fiel mir wieder ein und ich machte mich auf den Weg ins Schlafzimmer.

Es dauerte lange, bis ich ihn hervor gelockt und er sich vorsichtig davon überzeugt hatte, dass der merkwürdige Eindringling verschwunden war. Endlos lang schnüffelte er an den Stellen, wo der kleine Schwarze gesessen und gelegen hatte und ich beneidete ihn um die Informationen, die ihm seine feinen Sinne damit einbrachten. Während ich Moggedur bei seiner Inspektion beobachtete, krochen mir Frösteln und Müdigkeit in die Glieder. Ein gemütliches Nachmittagsschläfchen kam mir in den Sinn, das wäre nun genau das Richtige.

Als ich mich auf meinem Sofa zusammengerollt hatte und die Lider schloss, tauchten die grünen Augen des Katers vor mir auf, dann die grünen Augen des blonden Mannes, und das merkwürdige Flimmern am Stamm der alten Weide.

Ich erwachte leicht benommen, es war stockdunkel in meinem Wohnzimmer und ich erinnerte mich glasklar an einen seltsamen Traum. Im Halbdunkel eines Feuerscheins hatte ich vor einem reich verzierten großen Kessel gestanden. Stumme Männern hatten mich umringt, die Köpfe tief gesenkt. Ich hatte mir selbst ins Gesicht gesehen, das über und über mit blauen Kreisen bemalt gewesen war. So etwas hatte ich noch nie geträumt, obwohl mir die Szenerie nicht unbekannt war.

Abgesehen davon, dass sie in diversen Fantasyfilmen auftauchte, hatte mir mein ausgeprägtes Interesse an Historik und allem Mythischen so einiges an Hintergrundwissen eingebracht.

Eine Frau vor einem großen Kessel war nach christlicher Tradition nun mal eine Hexe und beides zusammen äußerst verdammungswürdig. Ich erkannte auch die blaue Bemalung in meinem Gesicht wieder, aber sie war doch irritierend, denn soweit ich wusste, hielt man sie eher für eine Art Kriegsbemalung.

Versonnen setzte ich mich hin, schlang mir die Decke um die Schultern und starrte ins Dunkel.

Ein merkwürdiger Mann mit sehr grünen Augen, der einen uralten englischen Vornamen trug. Eine Katze mit grünen Augen, die mich in einem ziemlich großen Wohnhaus aufstöberte, eine seltsame Luftspiegelung an der alten Weide und ein Traum von einem alten Ritual.

Mein Gefühl gab mir ein, dass es entweder vier Puzzlestücke waren, die irgendwie zusammengehörten oder aber eine fixe Idee und damit besorgniserregend. Spannend war es auf jeden Fall.

Grübelnd blieb ich sitzen, bis mir aufging, dass vier Teile schlicht zu wenig waren, um in einem Puzzlebild etwas erkennen zu können. Ich brauchte also mehr. Und selbst wenn die ganze Sache meiner übersteigerten Fantasie entsprang, es schadete ja niemandem, ihr ein wenig nachzuspüren.

Schwungvoll erhob mich vom Sofa, oder wollte es zumindest, doch leichter Schwindel und ein mulmiges Gefühl ließen mich an meinem Esstisch Halt suchen. Erst jetzt bemerkte ich, dass meine Kehle wie ausgedörrt war und mir das Schlucken schwerfiel. Offenbar hatte mir die verrückte Verfolgung des blonden Mannes im Regen eine Erkältung eingebracht.

Seufzend ging ich in die Küche hinüber, um Teewasser aufzusetzen und mir etwas zu essen zu machen. Da mir nichts Besseres einfiel, lehnte ich mich an den Küchenschrank und starrte wartend auf den Wasserkocher.

Wenn ich herausfinden wollte, ob mehr hinter diesen merkwürdigen Geschehnissen steckte, musste ich etwas unternehmen. Aber was?

Ich konnte weder den Mann mit den grünen Augen, diesen Tiw, aufstöbern, noch die Katze. Und selbst wenn ich diesem Tiw wieder begegnen sollte, was dann? Sollte ich ihn einfach ansprechen und fragen, ob er neulich im Stamm der alten Weide verschwunden war, oder warum er sich für alternde Damen interessierte und ihnen lächerliche Komplimente machte?

Ich schnaubte, während ich das kochende Wasser auf den Tee goss. Konnte ich ihn dazu bringen, sich für mich zu interessieren, um so sein Geheimnis zu lüften? Nein, ausgeschlossen! So was konnte ich nicht besonders gut. Und außerdem war sein Blick in der Kneipe nicht an mir hängen geblieben, was ja eindeutig mangelndes Interesse dokumentierte.

Ich schob eine Portion Pommes Frites in den Ofen und entschied, dass ich vorerst nicht mehr tun konnte, als die Augen offen zu halten und zu beobachten. Und mir die alte Weide noch einmal sehr genau ansehen.

Schließlich jonglierte ich den vollen Teller, die Teekanne, eine Tasse und das Besteck ins Wohnzimmer. Mein Blick fiel auf das große, bis zum Boden reichende Seitenfenster; es war nun auch noch nebelig geworden und ich schüttelte mich leicht. Ein furchtbares Wetter, das so ungefähr meinem Befinden entsprach.

Gerade wollte ich mich wieder auf das Sofa fallen lassen, als mir auffiel, dass ich Mayonnaise und Ketchup vergessen hatte. Seufzend schleppte ich mich noch einmal zurück in die Küche und begann, mich maßlos darüber zu ärgern, dass ich den Blonden mit den Grünen Augen durch den strömenden Regen verfolgt hatte. Geschah mir ganz recht, dass ich nun erkältet war.

Auf dem Rückweg fiel mein Blick auf die Balkontür und ich dachte flüchtig an den kleinen schwarzen Kater, der hoffentlich auch ein warmes Zuhause hatte.

Dann stutzte ich.

Vor der Balkontür war gar kein Nebel zu sehen. Ich sah erneut zum Seitenfenster hinüber, vor dem eine milchige Wand hing.

Vorsichtig näherte ich mich dem Fenster und sah hinaus.

Der große Gebäudekomplex besaß eine Art Zwischenetage, die man bepflanzt und mit einem kleinen Spielplatz versehen hatte. Der linke Teil des Platzes versank bis zur Hauswand in dichtem Nebel, doch den rechten Teil mit Rutsche, Parkbank und einer Hecke konnte ich klar erkennen.

So etwas hatte ich noch nie gesehen. Es schien eine kleine, sehr kompakte Nebelbank zu sein, die in der Luft hing, als habe sie jemand dort vergessen. Mich schauderte und ich versuchte die Erinnerung an einen Gruselfilm zu verdrängen, in dem aus solchen Nebelbänken untote Seeleute heraustraten, um blutige Rache zu nehmen. Blitzartig ließ ich die Jalousie herunter und flüchtete mich auf das Sofa.

Samstag, 13. Februar

Ich erwachte mit dem schlechten Gewissen, das der kleine Kater heute Morgen vergeblich auf mich gewartet hatte, und schüttelte leicht benommen den schweren Kopf.

Mit schmerzenden, steifen Gliedern setzte ich mich auf, denn ich war auf dem Sofa eingeschlafen. Dazu gesellten sich nun auch noch brennende Halsschmerzen und eine laufende Nase.

Schniefend machte ich mich auf zur Kaffeemaschine und mir fiel ein, dass ich abends mit Freundinnen zum Essen verabredet war. Wir trafen uns einmal im Monat, seit unsere Jobs und die ersten Kinder verhinderten, uns spontan zu sehen. Das Treffen wollte ich auf keinen Fall versäumen und erst recht nicht einer Erkältung opfern, die ich einer völlig blödsinnigen Verfolgungstour verdankte!

Ich wickelte mich in meinen Bademantel und kehrte mit meinem Kaffee in der Hand zurück ins Wohnzimmer. Die fest geschlossene Jalousie ließ mich die Stirn runzeln, doch dann fiel mir die merkwürdige Nebelbank wieder ein. Vorsichtig zog ich sie hoch und war erleichtert, dass das Wetterphänomen verschwunden war.

Moggedur strich mir inzwischen klagend um die Beine, denn es war Zeit für sein morgendliches Leckerchen. Ich beeilte mich, ihm in die Küche zu folgen und seinen Gelüsten nachzukommen.

Dann kochte ich mir die nächste Kanne Tee, machte mir einige Toasts, steckte einen meiner Lieblingsfilme in den DVD-Player und schlüpfte wieder unter die Decke. Das war mein übliches Programm, wenn ich krank war. Es stellte sicher, dass ich schnell wieder einschlief.

Wieder stand ich im Traum vor dem Kessel und hob in einer beschwörenden Geste die Arme. Doch diesmal konnte ich in der Menge der Männer, die mich umringten, ein Gesicht erkennen.

Tiw stand dort und beobachtete mich voller Ehrfurcht.

Ich erwachte von dem Schrecken, ihn dort zu sehen und war völlig verwirrt. Das Gesicht des blonden Mannes war mir so echt und lebendig erschienen, wie gestern in der Innenstadt, und ich musste mich beinahe zwingen, den Traum abzuschütteln.

Ich setzte mich auf, ergab mich einem Hustenreiz, dann stützte ich den Kopf in die Hände und atmete tief durch.

Was hatte dieser Traum nur zu bedeuten? Waren Tiw und ich uns schon einmal begegnet, vor einigen Hundert oder gar tausend Jahren? Das war selbst mir eigentlich zu verrückt, denn es würde bedeuten, dass wir seitdem die eine oder andere Wiedergeburt hinter uns gebracht hatten. Nein, an so was glaubte ich dann doch nicht.

Für den Rest des Nachmittags ließ ich mich vom Fernsehprogramm berieseln und hielt mich von weiteren Gedankenspielen fern.

Schließlich raffte ich mich auf, nahm eine heiße Dusche und zog mir ein paar nette Sachen an. Dann schluckte ich zwei weitere Schmerztabletten, wickelte mich in meine üblichen zwei Schals und machte mich auf den Weg.

Wir trafen uns stets in einem Restaurant in der Recklinghäuser Innenstadt und so war mein Weg durch den wieder einsetzenden Regen nicht sehr weit.

Wie immer war ich die erste und verbrachte ein paar befangene Minuten am vorbestellten Tisch, bis die anderen Fünf fast zeitgleich eintrafen. Unsere Abende waren stets ausgelassen und lustig und dafür brauchten wir eigentlich gar keinen Alkohol. Diesmal war mir jedoch sehr danach, Bier zu trinken.

Nach dem Zweiten war ich bereits angeheitert und vergaß für den Moment alle Geschichten von grünen Augen und Katzen und lebhaften Träumen. Und die Erkältung ebenfalls.

Es war bereits nach Mitternacht, als ich mich auf den Heimweg machte. Ich lehnte es ab, mit dem Auto chauffiert zu werden, denn der Weg zu den Parkplätzen war vermutlich weiter, als der zu meiner Wohnung. Und ich wollte noch ein wenig frische Luft schnappen, in der Hoffnung, dass sie mir den Kopf klärte und den leichten Schwips vertrieb, den ich mir unzweifelhaft zugelegt hatte.

Die Innenstadt war beinahe menschenleer.

In den vielen Kneipen war es durchaus noch recht voll, doch man blieb sitzen, bis es einen heimzog, denn für einen Zug durch die Gemeinde war das Wetter zu schlecht.

Mein Weg führte mich nicht direkt an meiner Lieblingskneipe vorbei, aber es sprach eigentlich nichts dagegen, einen kleinen Umweg machen. Vielleicht war er ja wieder dort ... .

Ich verharrte an dem Abzweig, den ich nehmen musste, um den Gedanken in die Tat umzusetzen und hielt inne.

Dann zuckte ich die Schultern. Ich würde nur einmal kurz reinschauen, wahrscheinlich wäre er so wieso nicht da.

Eine Wand aus Lärm schlug mir entgegen, als ich mich durch den wollenen Windfang in den Gastraum schob. Die Kneipe war äußerst gut besucht und jemand hatte die Musik lauter aufgedreht, als sonst. Natürlich wurde ich augenblicklich gemustert, weil ich ohne Begleitung hereingekommen war. Ich ignorierte die Blicke, so gut es ging und drängte mich vorsichtig durch die Menge.

Im vorderen Raum der Kneipe konnte ich den Blonden nirgendwo entdecken. Also betrat ich den hinteren Gastraum, in dem vorwiegend gegessen wurde, und ließ meinen Blick über die voll besetzten Tische gleiten. Er war nicht da.

Enttäuschter, als ich es mir eingestehen mochte, wandte ich mich um und lief beinahe in einen schlanken, dunkelhaarigen Mann hinein. Er musterte mich überrascht, dann sprach er mich zu meiner übergroßen Verblüffung an.

»Na, so allein unterwegs?«

Sein aufmerksames Lächeln und sein eindringlicher Blick und das blütenweiße Hemd, das er trug, irritierten mich. Er besaß markante, hohe Wangenknochen und erinnerte an ein russisches Männermodell auf dem Laufsteg. Und er hatte den ältesten Spruch der Welt benutzt, um mich anzusprechen.

Ich wurde nie von Männern angesprochen! Es kam mir völlig absurd vor, darauf überhaupt zu antworten und mir fiel auch nicht wirklich ein, was ich darauf sagen sollte.

»Ja«, erwiderte ich schlicht und runzelte die Stirn.

Sein Lächeln vertiefte sich und wirkte durchaus anziehend. Sein Blick allerdings durchbohrte mich beinahe und erinnerte mich damit vage an etwas, dass ich gerade nicht zu fassen bekam.

»Ich würde mich freuen, dir Gesellschaft zu leisten. Möchtest du etwas trinken?«

Diese ausgesuchte Höflichkeit setzte dem Ganzen die Krone auf. Er konnte auf keinen Fall ein Einheimischer sein und aus diesem Jahrhundert eigentlich auch nicht.

»Nein«, hörte ich mich sagen und drängte an ihm vorbei.

Ich stürmte direkt auf die Straße hinaus und schüttelte verwirrt den Kopf, dann musste ich grinsen. Da sprach mich endlich mal ein hübscher Mann an, lud mich ein, und mir fiel nichts Besseres ein, als vor ihm zu flüchten. Ob das nun meiner Schüchternheit entsprang oder eher dem unguten Gefühl, das mich beim Blick in seine dunklen Augen gepackt hatte, wollte ich lieber nicht näher betrachten.

Ich setzte bereits meinen Weg nach Hause fort, als ich die Kneipentür hinter mir heftig zuschlagen hörte. Unwillkürlich warf ich einen Blick über die Schulter und erkannte sofort das markante Gesicht des dunkelhaarigen Mannes, der mich eben angesprochen hatte. Erschrocken wandte ich mich ab; verfolgte er mich etwa? Mein Herz begann vernehmlich zu klopfen und ich beschleunigte meine Schritte. Dann fiel mir jedoch ein, was ich an Verhaltensregeln für eine solche Situation gelernt hatte.

Vor einem Juweliergeschäft blieb ich stehen und drehte mich um. In einigen Selbstverteidigungskursen hatte man uns eingebläut, dass man einem einzelnen Verfolger ins Gesicht schauen und ihm so signalisieren sollte, kein leichtes Opfer zu sein.

Der Dunkelhaarige hatte den Kragen seines schwarzen Mantels hochgeschlagen und bog, ohne einen Blick auf mich zu werfen, in die Gasse ein, die zu dem kleinen Park führte; und zur Weide.

Verblüfft sah ich ihm nach, er schien es sehr eilig zu haben.

Und ganz plötzlich ging mir auf, woran mich sein intensiver Blick erinnert hatte. So hatte dieser Tiw die beiden einsamen Damen angeschaut, bevor er mit ihnen die Kneipe verlassen und eine der beiden zur Weide gebracht hatte!

Augenblicklich packte mich die Neugier und drängte das dünne Stimmchen beiseite, das mich zur Vorsicht mahnen wollte.

Konnte es sein, dass der Dunkelhaarige unterwegs war zum Weidenbaum? Aber er war allein, ohne weibliche Begleitung.

Schon setzte ich mich in Bewegung, presste mich an die nächste Hauswand und sah wieder einmal verstohlen um eine Ecke.

Und tatsächlich verschwand er gerade hinter der Pforte, die in den Park führte.

Ich lief die Gasse hinunter und verlangsamte meinen eiligen Schritt an der Mauer; notfalls konnte ich so tun, als ginge ich zufällig dort vorbei.

Von dem dunkelhaarigen Mann im Wollmantel war nichts zu sehen und so schlich ich leise durch das Tor. Vermutlich hatte er den Weg durch den Park schlicht als Abkürzung benutzt, doch die flatternde Aufregung, die ich spürte, trieb mich trotzdem vorwärts.

Nach wenigen Schritten hielt ich inne.

Leise Stimmen waren zu hören, mehrere Menschen mussten an der Weide stehen, die eine verstohlene Unterhaltung führten.

»Perigher«, hörte ich eine dunkle Stimme. »Hattest du keinen Erfolg heute?«

War das nicht die Stimme des Blonden, von Tiw? Ich war mir nicht sicher. Periger, das war dann wohl der Dunkelhaarige, der gerade angekommen sein musste. Schon wieder so ein merkwürdiger Name!

»Chan aithne[1].«

Die Worte wurden in einer mir völlig fremden Sprache mit äußerst ungewöhnlichem Klang gesprochen.

»Fàilte[2], Hreodbeorth«, sagte dieselbe Stimme. »Gut, das du da bist.«

»Tapadh leat[3], Perigher«, erwiderte eine tiefe Bassstimme. »Es war schwierig, euch zu finden.«

Diese fremdartigen Worte faszinierten mich augenblicklich und mein Drang, einen Blick um die Ecke zu werfen, wurde immer stärker. Wer mochte dort im Dunklen stehen und sich mit dem hübschen Blonden treffen? Es war doch seine Stimme, die ich da eben gehört hatte, oder nicht?

»Es wird Zeit, dass jemand die Führung übernimmt«, fauchte plötzlich eine Frauenstimme. »Tiw bringt uns alle in Gefahr.«

Er war wirklich dort! Ich hatte es also doch geahnt, gewusst, irgendetwas Geheimnisvolle ging dort unten vor sich!

Dass auch eine Frau bei ihnen war, verblüffte mich allerdings, auch wenn ich gar keine Begründung dafür fand. Und wieso brachte Tiw sie alle in Gefahr? Ich hielt den Atem an und lauschte angestrengt, um kein Wort zu verpassen.

»Er war bei der Frau im Haus«, sprach die weibliche Stimme und klang dabei sehr zornig und vorwurfsvoll. »Tha e amadan[4]!«

»Sie war sehr nett zu mir«, verteidigte sich die dunkle, samtene Stimme, die zu Tiw gehörte.

»Tha thu gòrach[5]? Sie war nett zu der Katze, nicht zu dir«, fuhr die Frau ihn an und etwas in mir begann, sie zickig und unsympathisch zu finden.

Was sollte das nun bedeuten? Ich war nett zu einer Katze gewesen, aber zu Tiw natürlich nicht, der kannte mich ja gar nicht!

»Tha mi duilich[6]«, hörte ich Tiw leise erwidern und es klang niedergeschlagen.

»Tha thu e amadan[7]«, zischte die Zicke erneut und was immer das bedeuten mochte, es schien mindestens ein Schimpfwort zu sein. Für einen Moment war es still, dann sprach die raue Männerstimme.

»Warum bist du so unvorsichtig, Tiw?«

»Ich hatte wenig Erfolg, in letzter Zeit«, erwiderte er leise und noch ein wenig zerknirschter als zuvor.

Wenig Erfolg, wobei? Also ging es doch um Frauen! Schließlich war ihm gestern eine wütend davon gelaufen. Die Frauenstimme lachte leise. Halt die Klappe, ging mir unwillkürlich durch den Kopf, es wissen ja jetzt alle, was du davon hältst!

»Na h-abair facal! Ich werde dir helfen«, sagte die raue Stimme fürsorglich.

Die Unterhaltung schien sich dem Ende zuzuneigen, und wenn ich nun nicht langsam den Mut fand, einen Blick um diese Hausecke zu werfen, würde es wohl zu spät sein, um mir diese Versammlung anzusehen. Sehr langsam schob ich mich vor.

»Da ist jemand«, raunte die Frau.

Ich erstarrte, während mein Herz mir vor Schreck aus der Brust zu springen drohte. Dann hörte ich stöckelnde Schritte in einiger Entfernung. Mir brach der Schweiß aus, doch sie mussten diese Schritte gemeint haben und wenn ich jetzt nicht endlich um diese Ecke schaute…. . Ich schob meinen Kopf nach vorn und konnte endlich den Umriss der alten Weide erkennen.

Es war niemand mehr da.

Mein Blick irrte suchend umher, während der stöckelnde Schritt in der Ferne verklang. Maßlose Enttäuschung überschwemmte mich, ich hatte zu lange gezögert.

Ich zog den Kopf zurück und drückte mich an die Hauswand hinter mir. Es war trotzdem mehr als unheimlich, dass vier Leute sich einfach so in Luft auflösten.

Erst, als ich mich bewegte, stellte ich fest, dass meine Beine zitterten. Ich zwang mich, rückwärts zu gehen, dann drehte ich mich um und verließ den kleinen Park durch den Hintereingang.

Gar nichts hatte ich mir eingebildet, etwas äußerst Merkwürdiges ging hier vor sich. Dieser Tiw verbarg etwas und er war nicht allein. Sie sprachen eine merkwürdige Sprache, die mich an keine erinnerte, die ich je gehört hatte. Und sie versteckten sich vor anderen Menschen!

Ich blieb abrupt stehen.

Genau so war es, immerhin hatten sie sich mitten in der Nacht in dem dunklen Park getroffen und die Schritte hatten sie vertrieben. Wieso hatten sie sich überhaupt versteckt? Tiw hatte schließlich ganz offen Kontakt zu den einsamen Damen aufgenommen, und der andere, dieser Periger, zu mir.

Ich konnte mir keinen Reim darauf machen und beeilte mich, nach Hause zu kommen. Ab und zu sah ich mich um, doch die Innenstadt war menschenleer und niemand folgte mir.

Trotzdem überfiel mich das ungute Gefühl, das ich nicht unbemerkt geblieben war. Meine Schritte beschleunigten sich, schließlich rannte ich und war heilfroh, als die Haustür hinter mir ins Schloss fiel.

Atemlos schloss ich die Wohnungstür zweimal hinter mir ab. Dann ließ ich mich auf den Teppich sinken und streichelte Moggedur, der verwirrt zu mir aufsah.

Wer oder was war Tiw?

Die Frage warf ein völlig neues Licht auf die Erlebnisse der letzten Tage. Das war doch verrückt! Ich versuchte, mich zu beruhigen und atmete tief durch.

Sich merkwürdig zu verhalten, sich nachts zu viert an einer alten Weide zu treffen und eine fremde Sprache zu sprechen, war noch kein Zeichen für irgendetwas Ungewöhnliches oder gar Magisches.

Mein Gefühl, mein Instinkt oder was auch immer war allerdings mehr denn je der Meinung, dass diesen Tiw etwas umgab, das nicht zu meiner sonstigen, realen, nüchternen Welt passte.

Die dicke Steppjacke brachte mich ins Schwitzen und die Erkältung tat ein Übriges, doch ich war unfähig, mich zu bewegen.

Vielleicht drehte ich ja auch gerade komplett durch.

Und vielleicht hatten sie sich gar nicht in Luft aufgelöst, sondern waren lediglich sehr schnell weggelaufen. Mir flatterte trotzdem der Gedanke durch den Kopf, dass sie im Stamm der Weide verschwunden waren.

Mühsam hievte ich mich auf die Beine und zog endlich die Jacke aus. Wenn mich nicht alles täuschte, hatte ich inzwischen Fieber und sollte mich besser nicht weiter in magisch verdrehtes Zeug hineinsteigern.

Ich suchte nach meinem Fieberthermometer, stopfte es mir in den Mund und fand mich vor meiner Kaffeemaschine wieder. Mir war selbst nicht klar, wie mir eine Tasse Kaffee jetzt helfen sollte, aber es war eigentlich auch egal.

Das Thermometer piepste leise und ich warf einen Blick darauf. Über achtunddreißig Grad; also war ich nun richtig krank und damit wohl auch nicht mehr wirklich zurechnungsfähig. Das passte!

Das Sofa und meine Kuschelecke kamen mir wie die rettende Insel im Ozean vor, doch ich konnte nicht verhindern, dass meine Gedanken um die Unterhaltung kreisten, die ich mit angehört hatte.

Ein älterer Mann namens Rotbort oder so ähnlich war gerade erst angekommen, das war klar. Er hatte gesagt, dass es schwierig gewesen sei, die anderen zu finden. Ein merkwürdiger Satz im Handyzeitalter, in dem jeder jederzeit erreichbar war. Also hatten sie sich vor ihm versteckt? Nein, entschied ich. Dann hätte der Mann namens Periger sich nicht gefreut, ihn zu sehen.

Zu den Vorwürfen, die die schlecht gelaunte Zicke Tiw gemacht hatte, fiel mir gar nichts ein.

Was war schon dabei, wenn er im Haus einer Frau zu Besuch gewesen war? Und den merkwürdigen Satz, dass diese Frau nett zu der Katze gewesen sei und nicht zu ihm fand ich total seltsam.

Die ältliche Diva, Tiws Eroberung, konnte kaum gemeint sein, denn sie hatte ja deutlich gemacht, dass sie Katzen nicht leiden konnte.

Vielleicht besaß Tiw eine Katze!?

Dass er sie mochte, hatte ich ja schon mit angehört, naja, belauscht passte wohl besser. Gehörte ihm vielleicht der kleine schwarze Kater?

Und wenn Tiw der Meinung war, er habe in letzter Zeit wenig Erfolg gehabt, und wenn sich das auf Frauen bezog, ging es dann doch um Geld und Heiratsschwindel? Irgendwie kam mir das abwegig vor. Diesem Periger konnte es jedenfalls nicht um Geld gegangen sein, als er mich angesprochen hatte, denn ich sah garantiert nicht aus wie eine vermögende Frau. Mein Kopf begann zu brummen und ich beschloss, den Ungereimtheiten dieses seltsamen Gespräches nicht länger nachzuhängen, sondern ins Bett zu gehen.

Wenig später kroch ich müde und frierend unter die Decke und in die wohlige Wärme meines elektrischen Heizkissens, als mich blitzartig der Gedanke durchfuhr, dass ich mich an ein Wort dieser seltsamen Sprache erinnern konnte.

Amadan hatte die Frauenstimme gesagt, gleich zweimal.

Wie elektrisiert hielt ich inne, halb unter der Bettdecke, halb draußen. Ob mir das Internet sagen konnte, was es bedeutete und aus welcher Sprache es stammte?

Unverzüglich sprang ich auf, eilte ins Wohnzimmer und schaltete das Notebook ein, das so entsetzlich langsam hochfuhr, dass ich ungeduldig zu zappeln begann.

Die erste verständliche Erklärung, die ich fand, war englisch und ich starrte verblüfft auf den Monitor.

amadan - definitions - 1. The Gaelic word for Idiot or Fool.

Sie hatten gälisch gesprochen!?

Überrascht ließ ich mich auf das Sofa fallen und brauchte ein wenig, bis mir klar wurde, was das bedeutete. Sie kamen also aus Schottland oder Irland, oder zumindest aus dieser Ecke. Merkwürdig daran war allerdings, dass sie auch akzentfrei Deutsch sprachen.

Ich hatte trotzdem das triumphierende Gefühl, ihnen ein erstes Stück ihres Geheimnisses entrissen zu haben.

Zufrieden, aber inzwischen zitternd vor Kälte kroch ich ins Bett und wartete darauf, dass mich das Heizkissen durchwärmte.

Tiw war also ein Schotte oder Ire, der ausgerechnet in Recklinghausen eine Frau suchte und sich bei Bedarf in Luft auflösen konnte. Ich musste grinsen, das hörte sich ziemlich bescheuert an.

[1] gäl.: Nein

[2] gäl.: sei gegrüßt

[3] gäl.: danke dir

[4] gäl.: er ist ein Idiot

[5] gäl.: bist du blöd/dumm?

[6] gäl.: es tut mir leid.

[7] gäl.: du bist ein Idiot

Sonntag, 14. Februar

Morgens um vier wachte ich von einem Hustenanfall auf, dann schüttelte ich den Kopf, denn erneut erinnerte ich mich deutlich an den Traum, der mich wohl aufgeweckt hatte.

In ihm hatte ich rechtzeitig um die Ecke gelugt und die vier Gestalten an der Weide im schwachen Schein der Außenlampen gerade eben erkennen können. Der dunkelhaarige Mann im schwarzen Mantel hatte mir den Rücken zugedreht, sodass ich von ihm nicht mehr gesehen hatte, als seinen gepflegten Hinterkopf. Ihm gegenüber hatte ein breitschultriger Mann mit wildem Haar und Bart gestanden, an seiner rechten Seite eine schlanke Frau mit wallender Mähne und daneben Tiw, die Hände tief in den Taschen seiner Jeans vergraben. Plötzlich hatte er den Kopf gehoben und mich angesehen.

Als ich schwankend ins Bad tapste, bemerkte ich, dass mir Tiws Zerknirschtheit im Gespräch mit den anderen leidtat und es mich sogar regelrecht ärgerte, dass die Frau ihn einen Idioten genannt hatte.

Seufzend stützte ich mich aufs Waschbecken und betrachtete mein müdes Gesicht mit den geschwollenen Augen und der Triefnase. Sollte ich es nun dem Fieber zurechnen oder entwickelte ich gerade eine gewisse Sympathie für den Mann mit den grünen Augen? Vielleicht ein wenig gestand ich mir ein, er war immerhin ein gut aussehender Mann. Allerdings gehörte ich ja offensichtlich nicht zu den Frauen, die ihn interessierten.

Und das war vielleicht auch besser so.

Ich holte mir einen meiner Lieblingsfilme, legte ihn im Schlafzimmer ins Abspielgerät und kuschelte mich wieder ins Bett.

 

Ich schoss in die Höhe, mein Herz raste und ich war schweigebadet. Angst schnürte mir die Luft ab und ich brauchte einige Zeit, bis ich begriff, dass ich zu Hause war und in Sicherheit. Schon wieder so ein Traum, doch dieser war ganz anders ...

Ich hustete und schniefte, dann holte ich tief Luft und zwang mich, langsam und ruhig zu atmen. Diesmal war ich an Tiws Hand durch die Innenstadt gelaufen, ich spürte noch seine warmen Finger, die sich mit meinen verschränkten. Doch eine entsetzliche Angst hatte mich angetrieben, die Weide zu erreichen und in ihr zu verschwinden. Ich hatte Tiws Hand nicht loslassen, nicht allein zurückbleiben und der furchtbaren Gefahr begegnen wollen, die uns verfolgte, doch der Gedanke, mich in den Stamm hinein zwängen zu müssen, hatte mir schlicht den Atem abgeschnürt.

Ich sah den Baum noch vor mir, dessen lange Zweige bis auf den Boden herabhingen und sich im leisen Nachtwind öffneten, als hätten sie uns erwartet.

Ich hustete und schniefte, dann holte ich tief Luft und zwang mich, langsam und ruhig zu atmen.

Es gelang mir nicht gerade gut, mir den Mann mit den grünen Augen aus dem Kopf zu schlagen. Er schien sich eher tief in meinem Unterbewusstsein eingenistet zu haben und mich nicht mehr loszulassen. Es war nur ein Traum, beruhigte ich mich selbst, meiner viel zu lebhaften Fantasie entsprungen. Entschlossen hievte ich mich hoch und ging in die Küche hinüber.

Wenig später richtete ich mich mit heißem Tee und Toast auf meinem Sofa ein und fühlte mich ein wenig besser. Das Erlebnis der letzten Nacht kam mir nun ebenfalls wie ein Traum vor; vielleicht bildete ich mir da doch eine Menge mehr ein, als tatsächlich dahinter steckte.

S

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