Logo weiterlesen.de
Sherlock Holmes und die Riesenratte von Sumatra

Inhalt

Pfeife_Sherlock.jpg

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. EINFÜHRUNG
  7. KAPITEL 1 – Der tätowierte Seemann
  8. KAPITEL 2 – Die Geschichte von Bootsmann Sampson
  9. KAPITEL 3 – Das Todesschiff
  10. KAPITEL 4 – Red Scanlon im Binnacle
  11. KAPITEL 5 – Jäger oder Gejagte
  12. KAPITEL 6 – Abreise
  13. KAPITEL 7 – Erkundungen
  14. KAPITEL 8 – Neue Hoffnung und ein Rätsel
  15. KAPITEL 9 – Zusammentreffen
  16. KAPITEL 10 – Der Mahlstrom
  17. KAPITEL 11 – Die Bestie in Henry’s Hollow
  18. KAPITEL 12 – Genesung
  19. KAPITEL 13 – Der Teich
  20. POSTSKRIPTUM
  21. ANMERKUNGEN ZUM FALL DER RIESENRATTE VON SUMATRA

Über dieses Buch

Kann es ein schlimmeres Monster als den Hund von Baskerville geben?

Im Hafen von London wird eine grausam zugerichtete Leiche gefunden. Gleichzeitig tauchen Gerüchte über ein monsterhaftes Wesen auf, das einer riesigen Ratte gleicht. Hier ist die Hilfe von Sherlock Holmes und Dr. Watson gefragt. Doch Holmes ist bereits mit der spektakulären Entführung der jungen Lady Allistair beschäftigt. Die Ermittlungen in diesem Fall führen auf den Landsitz der Allistairs nach Strathcombe, wo in den umliegenden Wäldern eine Bestie ihr Unwesen zu treiben scheint. Hängt die Entführung mit dem Mord im Londoner Hafen zusammen? Bald schweben Watson und Holmes selbst in größter Gefahr …

Über den Autor

Rick Boyer ist ein ausgewiesener Sherlock-Holmes-Kenner, der mehrere Holmes-Geschichten geschrieben hat. Als Klassiker gilt sein Roman um die Riesenratte von Sumatra, einen der berühmten Verlorenen Fälle, die Watson im Kanon der ursprünglichen Arthur-Conan-Doyle-Erzählungen erwähnt. Rick Boyer lebt und arbeitet in den USA.

Rick Boyer

Titel_Sherlock.jpg

und
die Riesenratte
von Sumatra

Ein Detektiv-Krimi mit
Sherlock Holmes und Dr. Watson

Aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Bauer

EINFÜHRUNG

Pfeife_Sherlock.jpg

Verehrter Leser, wenn Sie diese Zeilen lesen, werde ich schon viele Jahre in meinem Grab liegen. Aus einer Vielzahl von Gründen, von denen einige auf den folgenden Seiten offensichtlich werden, ist es erforderlich, die Veröffentlichung dieses Berichtes so lange zurückzuhalten, bis alle Personen, die darin erwähnt werden, verstorben sind. Daher soll das Manuskript in einer Geldkassette in einer Filiale der Barclay’s Bank in der Oxford Street, London, verwahrt werden, und zwar bis zum Jahr 1975 – eine runde Zahl, die ich willkürlich wähle, allerdings in der Gewissheit, dass alle Menschen, die sich durch die folgende Erzählung in ihrer Ehre gekränkt oder angegriffen fühlen könnten, bis dahin längst zu Staub zerfallen sind. Ich verfüge dies als Teil meines letzten Willens und Testamentes, auszuführen durch meinen Testamentsvollstrecker oder dessen Bevollmächtigte.

John H. Watson, M. D.

London, 1912

KAPITEL 1

Der tätowierte Seemann

Pfeife_Sherlock.jpg

Der Sommer des Jahres 1894 war heiß, trocken und ohne besondere Vorkommnisse, bis auf das rätselhafte Verschwinden von Miss Alice Allistair, welches das gesamte Königreich schockierte und in Sorge versetzte. Sie befand sich, zusammen mit ihrer Anstandsdame, auf einer Ferienreise durch Indien, als sie auf einem Marktplatz in Bombay entführt wurde und spurlos verschwand.

Ihr Vater, Lord Allistair (dessen Name in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts sicher jedem britischen Bürger geläufig war), wandte sich vertraulich an Sherlock Holmes und bat ihn um Hilfe. Doch die Wochen verstrichen, und noch immer traf keine Nachricht aus dem Fernen Osten über das Schicksal seiner Tochter ein. So kam es, dass mein Gefährte sich Anfang September in einem ruhelosen, gelangweilten und misslaunigen Zustand befand. Eine Fahrt nach Bombay sowie ein ansehnliches Honorar Seiner Lordschaft standen zwar in Aussicht, doch noch immer tat Holmes nichts anderes als mürrisch im Zimmer auf und ab zu gehen und ununterbrochen etwas vor sich hin zu murmeln.

Lassen Sie mich an dieser Stelle aus langer Erfahrung eine Anmerkung machen: Bei allen Abenteuern, die das Zusammenleben mit dem berühmtesten beratenden Detektiv der Welt mit sich brachte, seine Gesellschaft hatte durchaus auch ihre Nachteile. Sherlock Holmes führte einen unsteten Lebenswandel, war oft launisch und wenig mitteilsam und, was seine persönlichen Gewohnheiten betraf, unordentlich bis an die Grenze zur Schlampigkeit.

Es war am frühen Abend des 15. September des erwähnten Jahres, als ich nach einem Blick auf Holmes, der tief in Gedanken versunken auf dem Sofa saß, die Stille und die bedrückende Atmosphäre unserer Wohnung nicht länger aushielt. Die Zimmer stanken nach abgestandenem Rauch und chemischen Dämpfen, und Holmes’ Introvertiertheit und niedergeschlagene Stimmung halfen auch nicht gerade, die Stimmung zu bessern. Ich stand auf, ging zum Fenster hinüber, öffnete es und ließ die milde Sommerbrise herein, um schlechte Luft und schlechte Laune gleichermaßen zu vertreiben.

»Was für ein schöner Abend, Holmes. Schließen Sie sich mir auf einen Spaziergang an?«

»Ich glaube nicht, Watson. Ich habe im Augenblick genügend zu tun.«

»Der Fall der Bradley-Fälschungen oder der Allistair-Fall?«

»Beides. Der erste ist eher unbedeutend und leicht zu lösen: Wenn der Angestellte hinkt, ist er schuldig. Ich erwarte jeden Augenblick die Antwort. Der andere ist weitaus schwieriger, und ohne irgendwelche Spuren und Hinweise bin ich machtlos.«

Er starrte die Wand an und versank noch tiefer in Gedanken.

Ich wandte mich wieder zum Fenster um. Der Himmel hatte die leuchtend kupferrote Farbe der untergehenden Sonne angenommen, die am Horizont bereits in dunkles Blau überging. Das entfernte Schwatzen der Fußgänger drang von unten an mein Ohr. Als ich hinunterblickte, sah ich glänzende Zylinder und wippende Sonnenschirme von vorüberschlendernden Paaren. Ihr fröhliches Lachen reizte mich. Wo waren sie gewesen? Wohin gingen sie? Oder, um es noch direkter auszudrücken: Warum waren wir in unserer düsteren Wohnung eingesperrt, weit weg von allem?

»Holmes, kommen Sie, ein kurzer Ausflug, um Körper und Geist ein wenig in Schwung zu bringen, würde … hallo, was ist denn das?«

Holmes warf einen Blick zum Fenster hinüber. »Was ist los, Watson?«

Hufklappern und ein Paar wild hin und her schaukelnder Droschkenlampen hatten meine Aufmerksamkeit erregt. Im schwindenden Licht konnte ich gerade noch den Kutscher ausmachen, wie er auf seinem Bock stand und die Pferde mit äußerster Härte anpeitschte.

»Scheint ein betrunkener Droschkenkutscher zu sein. Die armen Tiere!«

»Es handelt sich wohl kaum um einen Betrunkenen. Ich wette, es ist ein Sanitätswagen.«

Er erhob sich vom Sofa und stellte sich neben mich ans Fenster. Zu meiner großen Verblüffung stellte sich das Vehikel, als es unten durch das Licht der Straßenlaterne schoss, in der Tat als Sanitätswagen heraus; die Kennzeichnung auf seiner Seite war unmissverständlich.

»Holmes, Sie verblüffen mich! Wie konnten Sie das wissen?«

»Man kann sowohl mit seinen Augen als auch mit seinen Ohren ›wahrnehmen‹, mein lieber Watson. Ein Sanitätswagen hat – aus offensichtlichen Gründen – ein längeres Chassis als eine vierrädrige Droschke. Wenn er über das Kopfsteinpflaster holpert, verrät er sich also durch ein eigentümlich tief tönendes Rattern in seiner Verschalung, das man von Droschken nicht kennt. Dieses spezielle Rattern findet man auch bei Lastkutschen und Rollwagen, doch angesichts der späten Stunde und der Geschwindigkeit des Gefährts bleibt nur ein Sanitätswagen übrig.«

»Bravo!«, rief ich.

»Doch damit scheint mir erst die Hälfte des Rätsels gelöst«, meinte Holmes, beugte sich weiter aus dem Fenster und ließ seinen Blick aufmerksam über den Horizont schweifen.

»Mir drängt sich der starke Verdacht auf, dass – zusätzlich zu dem Unglück, das sich in unserer Nachbarschaft ereignet hat – sich in genau diesem Augenblick an anderer Stelle in London eine Katastrophe großen Ausmaßes abspielt, von der die morgigen Zeitungen ohne Zweifel berichten werden.«

Diese Reihe von Schlussfolgerungen verblüffte mich dermaßen, dass es mir die Sprache verschlug. Holmes bemerkte meinen verwirrten Gesichtsausdruck.

»Nun kommen Sie schon, mein lieber Watson, Sie sind ein Mann der Medizin und wissen über Sanitätsfahrzeuge Bescheid: Haben Sie nicht irgendetwas vermisst?«

»Nein«, antwortete ich nach einigem Überlegen, »außer dass irgendein unglückliches …«

»Ts, ts, Mann! Sonst nichts?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Dann frage ich Sie: Wie kam es, dass Sie nicht in der Lage waren, zu erkennen, um was für ein Fahrzeug es sich handelte, bis Sie die Kennzeichnung auf der Tür gesehen haben?«

Wie schon so oft während der langen Bekanntschaft mit meinem Freund, spürte ich Verlegenheit in mir aufsteigen, weil ich wieder einmal das Offensichtliche übersehen hatte.

»Die Klingel! Es gab keine Glockenzeichen.«

»Exakt! Die Warnglocke des Sanitätsfahrzeuges wurde nicht betätigt. Dies erklärt sowohl den unberechenbaren Kurs der Droschke –nichts anderes als der Versuch des Kutschers, den Zusammenprall mit Fußgängern zu vermeiden – als auch das recht wilde Verhalten des Kutschers selbst, was Sie beides eher auf den ungezügelten Genuss von Alkohol zurückgeführt haben.«

Holmes beobachtete nach wie vor aufmerksam den Horizont und die Straßen unten. Er füllte seine Pfeife, paffte ein paar Züge und murmelte dabei zu sich selbst:

»Natürlich stellt sich dann die Frage, warum die Glocke nicht angeschlagen wurde …«

»Ein neuer Kutscher …?«

»Nein. Das Geschick, mit dem der Mann das Gespann beherrschte und die Passanten umfahren hat, beweist, dass er recht erfahren ist … Der Spaziergang, den Sie eben erwähnten, hat plötzlich einen ganz neuen Reiz gewonnen. Lassen Sie uns aufbrechen!«

»Natürlich«, fuhr er fort, als wir die Treppe hinuntereilten, »ist es offensichtlich, dass das Sanitätsfahrzeug vom St. Thomas’ Hospital kam.«

»Hah! Ich fürchte, da irren Sie sich, alter Freund; Sie scheinen ein wenig nachzulassen, Holmes, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten«, erwiderte ich nicht wenig selbstgefällig. »Erlauben Sie mir, Sie mit Ihren eigenen Methoden zu schlagen. Sie scheinen Charing Cross zu vergessen, das in derselben Richtung wie St. Thomas’, allerdings wesentlich näher liegt. Es erscheint daher nur logisch, dass der Wagen von dort kam, da offensichtlich alle Eile geboten zu sein schien.«1

»Ausgezeichnet, Watson! Wirklich, Sie übertreffen sich selbst!«

Ich fühlte mich tief geschmeichelt, denn Holmes gehörte nicht zu den Menschen, die allzu freizügig Lob verteilen.

»Schade nur, dass Sie sich irren«, fügte er hinzu.

»Wie können Sie da so sicher sein?«, erwiderte ich ein wenig pikiert.

»Wieder einmal haben Sie es versäumt, genau zu beobachten. Haben Sie gesehen, wie der Kutscher seine Peitsche schwang?«

»Er war sehr eifrig bei der Sache.«

»So sehr, dass Sie sich zu dem Ruf: ›Die armen Tiere!‹ hinreißen ließen. Haben Sie auch auf die Pferde selbst geachtet, als das Licht der Straßenlaternen auf sie fiel? Ihre Flanken waren schweißgebadet. Diese beiden Hinweise führen uns zu dem Schluss, dass die Tiere zwar aus der Richtung von Charing Cross kamen, aber schon sehr viel länger unterwegs waren. Sie müssen daher vom St. Thomas’ Hospital aus aufgebrochen sein.«2

So gesehen war die Schlussfolgerung in der Tat ganz einfach.

»Aber Sie haben recht daran getan, Logik anzuwenden, Watson, denn das lässt uns erkennen, dass das Unlogische geschehen ist: Statt aus dem nächstgelegenen Krankenhaus zu kommen, hat der Sanitätswagen einen Weg durch die ganze Stadt hinter sich. Das ist höchst interessant. Außerdem ist da noch die Frage nach der fehlenden Warnglocke. Vielleicht können wir diese beiden Teile des Rätsels zusammenfügen. Wir wissen, dass der Kutscher nicht bloß vergessen hat, die Glocke zu schlagen – er ist dafür viel zu erfahren. Welche Erklärung bleibt dann noch übrig?«

Wir schritten die Baker Street hinunter in Richtung Süden zum Portman Square, doch ich war viel zu sehr mit dem Rätsel beschäftigt, um die Schönheit des Abends wahrzunehmen. Ich dachte angestrengt über die Frage nach, die Holmes gestellt hatte.

»Die Glocke war also entweder defekt oder fehlte ganz«, schlug ich vor.

»Exakt! Was darauf hindeutet, dass dieser Sanitätswagen, schlecht ausgestattet, wie er ist, eigentlich nicht für den Einsatz bestimmt ist. Er wurde also von einem Moment auf den anderen aus der Werkstatt geordert, und noch dazu aus dem ›falschen‹ Krankenhaus. Was schließen Sie daraus?«

»Natürlich – alle regulären Wagen waren bereits im Einsatz!«

»Aha! Aber aus welchem Grund? Offensichtlich wurden sie zum Schauplatz eines tragischen Unglücks gerufen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich um ein Feuer handelt. Wieso ein Feuer? Nun, was könnte es sonst sein? Eine Überschwemmung? Gewiss nicht; der Wasserstand des Flusses ist normal, und wir warten seit längerem auf Regen. Ein Erdbeben? Absurd! Ein Massenmord? In Amerika vielleicht, aber nicht hier. Nein, ein Feuer muss ausgebrochen sein, und ich …«

»Was?«

Holmes’ Gesicht hatte einen gespannten Ausdruck angenommen, der mir verriet, dass sich eine neue Entwicklung anbahnte.

»Sehen Sie die Menschenmenge dort am Straßenrand? Da ist auch unser Sanitätswagen. Und Lestrade, der sich seinen Weg zur Mitte bahnt. Ich fürchte, dieser Unglücksfall hat einen unheilvollen Beigeschmack. Schnell, kommen Sie! Wir sollten dort sein, bevor die Polizei am Tatort alles ruiniert hat.«

Wir kämpften uns durch die Ansammlung neugieriger Passanten. Als wir uns ihrem Zentrum näherten, konnte ich Lestrades raue Stimme vernehmen, der sowohl seinen Untergebenen als auch den Umstehenden Befehle entgegenbellte. Im Gaslicht der Straßenlaterne, die die Menge teilweise verdeckte, konnte ich eine dunkle Gestalt im Rinnstein erkennen.

Es war offensichtlich, dass Lestrade Holmes’ Auftauchen mit einer Mischung aus Erleichterung und Verärgerung quittierte.

»Mr Holmes«, meinte er, »ich habe keine Ahnung, wie Sie es jedes Mal schaffen, scheinbar aus dem Nichts aufzutauchen, sobald ein Mord geschehen ist.«

»Ein Mord«, wiederholte Holmes, der sichtlich auflebte. »Watson, unser Abendspaziergang wird von Minute zu Minute interessanter. Mit Ihrer Erlaubnis, Lestrade, würde ich die Leiche gerne untersuchen.«

Nachdem die Menschenmenge weitgehend zerstreut worden war, hatten wir drei freie Hand, den Leichnam genauer in Augenschein zu nehmen. Das Opfer war ein Mann mittleren Alters, kräftig gebaut, mit dichtem, dunklem Haar und Bart und dunkler Hautfarbe. Es sah aus, als sei der Mann kopfüber auf die Straße gestürzt; seine Füße lagen noch auf dem Gehsteig, Kopf und Schultern ruhten auf dem Kopfsteinpflaster. Auf dem Boden unter der offenen Weste und dem Hemd hatte sich eine Blutlache gebildet. Lestrade schlug die Kleidung weiter zurück. Die Todesursache war sofort offensichtlich: Von der Hüfte bis zur linken Schulter klaffte eine scheußliche Wunde im Körper des Mannes, die in einer Reihe kleinerer Schlitze ausmündete und dem Opfer ein brutales und schnelles Ende bereitet hatte. Die Verletzungen waren so groß und grotesk, dass ich trotz all meiner medizinischen Erfahrung äußerst schockiert und angewidert war.

»Kein schöner Anblick, wenn ich so sagen darf«, meinte Lestrade. »Aber das ist ein Mord nie, egal, wie er ausgeführt wurde.«

»Die Tätowierungen auf seinem Arm und der Brust und die Art seiner Kleidung deuten darauf hin, dass es sich bei ihm um einen Seemann handelt«, bemerkte Holmes. »Wurde der Leichnam bewegt?«

»Unseres Wissens nicht«, antwortete Lestrade. »Der Constable, der ihn gefunden hat, heißt Roberts – ein guter Mann, wohlgemerkt –, aber er kann beim besten Willen keinen einzigen Zeugen in dieser Angelegenheit auftreiben. Die Menschenansammlung hat ihn zum Tatort gelockt. Keiner der Ladenbesitzer, weder ein Anwohner noch ein Passant konnte auch nur den leisesten Hinweis darauf geben, was hier vorgefallen ist.«

»Das ist merkwürdig. Immerhin ist es ein idealer Abend, um sich draußen aufzuhalten. Es sind viele Leute auf der Straße. Angesichts der Art der Verletzungen und des physischen Zustandes des Opfers kann man annehmen, dass es einen Kampf gegeben haben muss – oder zumindest ein lautes Geschrei. Es ist äußerst seltsam, dass der Vorfall keine Aufmerksamkeit erregt haben soll.«

An dieser Stelle hielt mein Gefährte inne und warf dem Leichnam im Rinnstein einen Blick zu, der durchaus mitleidig war.

»Nun, wenn es keinen lebenden Zeugen gibt, der uns weiterhelfen kann, dann muss der Tote selbst uns seine Geschichte erzählen.«

Daraufhin fuhr Holmes fort, die Leiche aufs Allergenauste zu untersuchen. Er ließ nichts aus, untersuchte die Kleider, besonders die Ärmelaufschläge und Taschen, die zerrissene Weste und das aufgeschlitzte Hemd, die Stiefel, die tätowierte Brust, so zermetzelt sie auch sein mochte, und beendete seine Arbeit damit, dass er seine Nase in den Schnurrbart des Toten drückte und kräftig daran roch. Im nächsten Augenblick sprang er auf, schritt die Straße auf und ab, paffte dabei heftig an seiner Pfeife und ließ den Blick in alle Richtungen schweifen.

Da ich seit langem an diese Verhaltensweisen meines Freundes gewöhnt war, begann ich ein Gespräch mit Lestrade, in dem ich die Tatsache hervorhob, wie seltsam es doch sei, dass der Mord keine Aufmerksamkeit erregt hatte und keinerlei Hinweise bei der Leiche gefunden worden waren, die zu ihrer Identifizierung hätten führen können, noch, was das betraf, irgendwelche persönlichen Habseligkeiten. Während die Sanitäter den Leichnam auf eine Trage hoben, beobachtete ich Lestrade, wie er sich mit einigen Reportern unterhielt, die am Rande der Menschenmenge gewartet hatten. Ich war noch immer damit beschäftigt, als ich Holmes nach uns rufen hörte.

»Hierher, Watson, Lestrade! Kommen Sie her, das könnte Sie interessieren.«

Wir sahen nach oben und entdeckten Holmes’ eckiges Gesicht außerhalb des Lichtkegels der Straßenlaterne, wie er vom Dach des Hauses unmittelbar über uns herunterschaute.

»Nehmen Sie die zweite Tür da drüben – die einfache, nicht die des Lagerhauses.«

Wir ließen zwei Constables zurück, die die Abfahrt des Sanitätswagens überwachen sollten, und bestiegen die schmale, schäbige Treppe, die unauffällig von der Straße nach oben führte. Holmes wartete auf dem ersten Treppenabsatz auf uns. Er führte uns eine weitere Treppenflucht hinauf und schließlich durch eine enge Tür aus rohem Holz.

»Diese Stufen führen zum Dach hinauf. Lestrade, wenn Sie Ihre Blendlaterne dabeihaben, nun wäre der Zeitpunkt gekommen, da sie sich als nützlich erweisen könnte.«

Kurz darauf standen wir auf einem Flachdach mit einem etwa drei Fuß hohen Mauervorsprung zur Vorderseite Richtung Baker Street hin. Holmes, der die Blendlaterne von Lestrade übernommen hatte, ging zu einer Ecke des Daches und ließ den Strahl auf ein zerknülltes Taschentuch fallen.

»Hier haben Sie ein Beweisstück, Lestrade. Möglicherweise können Sie das Chloroform schon von Ihrem Platz aus riechen.«

»In der Tat …«, meinte der Polizei-Detective nachdenklich. Holmes’ Scharfsinn schien ihn ein wenig zu verdrießen. »Aber was zum Teufel hat Sie bloß auf die Idee gebracht, ausgerechnet hier nachzusehen?«

»Die Logik, mein Freund. Überlegen Sie doch einmal: Ein großer, muskulöser Mann in der Blüte seiner Jahre wird brutal mit einem Dolch ermordet. Der Leichnam wird auf einer geschäftigen Hauptstraße mitten in London gefunden. Trotzdem scheint niemand die Tat bemerkt zu haben. Um dies zu erklären, müssen wir entweder annehmen, dass unsere Bürger taub, abgestumpft und blind sind, oder eine andere, vernünftigere Erklärung suchen: dass der Mann irgendwo anders ermordet und sein Leichnam nur auf dem Gehsteig abgelegt wurde. Doch wie wurde er dort abgelegt? Aus einer vorbeifahrenden Kutsche? Das wäre eine Möglichkeit, doch diese wäre laut und auffällig. Aus Ermangelung einer anderen Alternative stehen wir nun auf diesem Dach, und wie Sie anhand der Beweismittel sehen können, deutet alles darauf hin, dass der Mord genau hier begangen wurde.«

Um seinen Punkt zu unterstreichen, deutete Holmes auf den Mauervorsprung, der die Straße überragte. Er war großflächig mit Blut verschmiert.

»Aber warum das Chloroform«, fragte ich, »wenn die Tat mit einem Dolch begangen wurde?«

»Der Mann wurde zuvor bewusstlos gemacht – daher konnte die Tat in aller Stille begangen werden. Die Mörder – ich glaube, es war mehr als einer – warteten danach an dieser vorteilhaften Stelle, bis die Straße unten kurzzeitig menschenleer war, warfen dann den Leichnam auf die Straße und ergriffen die Flucht über die Leiter, die an der Rückseite des Gebäudes angebracht ist. Ich schätze, Ihre Leute werden einige gebrochene Rippen bei unserem Opfer finden, Lestrade, die meine Theorie unterstützen.«

»Nun, Holmes«, sagte ich, als wir die Treppe wieder hinunterstiegen, »damit scheinen die Dinge ein wenig klarer zu sein, nicht wahr?«

»Im Gegenteil, Watson. Was am Anfang verschwommen war, ist nun völlig undurchdringlich. Was vorher bloß unerklärlich war, wird nun vollkommen unzusammenhängend: geradezu verrückt. Unsere letzte Entdeckung hat den Vorhang nur ein wenig zu einem Fall gelüftet, der der verworrenste und diabolischste zu werden verspricht, mit dem wir es seit langem zu tun hatten.

Mein lieber Freund«, fuhr er fort, »hat dieser Mord auf dem Dach denn keine Fragen in Ihnen aufgeworfen? Denken Sie immer daran, dass ein Detektiv – ganz so wie ein Arzt, der das Außergewöhnliche, das Einmalige zu erkennen sucht, um eine Diagnose stellen zu können – Ausschau nach dem Unlogischen, dem Grotesken halten muss, um zum Kern des Verbrechens vorzustoßen. Auf welch irrationale Elemente sind wir gestoßen?«

»Man hätte den Mann nicht erstechen müssen – das Chloroform und der Sturz hätten ihn sicher getötet.«

»Ja, das kommt dazu. Aber ist es keinem von Ihnen beiden aufgefallen, dass die Verbrecher, nachdem sie die Tat begangen hatten, sich unnötig in Gefahr brachten, indem sie die Leiche hinunter auf die Straße warfen und so öffentliches Aufsehen erregten?«

»Ihr Einwand ist wohl berechtigt«, gab Lestrade zu. »In der Tat ist mir dieser seltsame Umstand gerade auch aufgegangen. Normalerweise liegt einem Mörder vordringlich daran, sein Opfer zu verstecken

»Doch diese Täter hier haben die Polizei bereitwillig auf ihre Spur gehetzt und ihre Flucht gefährdet, indem sie die Leiche regelrecht ›zur Schau‹ gestellt haben, statt sie zu verbergen.«

»Vielleicht suchen sie öffentliches Aufsehen, weil der Mord als eine Art Warnung dienen soll.«

»Ich stimme Ihnen zu, zumindest im Augenblick.«

Lestrade und ich folgten Holmes zur Rückseite des Gebäudes, wo er die schmiedeeiserne Feuerleiter und das Pflaster darunter untersuchte. Viel kam dabei nicht zu Tage, bis auf einen Fetzen dunkelblauer Wolle, den Holmes von einem vorstehenden Bolzen an der Leiter pflückte.

»Das Schicksal meint es gut mit uns«, sagte er, während er die Fasern im Strahl der Blendlaterne zwischen den Fingern hin und her drehte. »Auf den ersten Blick würde ich sagen, dass er aus einer Spinnerei in Norwich stammt, aber um das exakt bestimmen zu können, muss ich ihn erst genauer untersuchen.«

Ein größerer Aufruhr auf der Straße riss Holmes in diesem Moment aus seinen Überlegungen. Das Trillern von Polizeipfeifen und das Getrampel schwerer Stiefel brachten uns dazu, rasch nach vorne zur Straße zu laufen. Dort entdeckten wir mehrere Constables, die wild mit den Armen wedelten.

»Sind sie noch immer auf’m Dach?«, rief einer von ihnen. »Auf, holen Sie ’nen Schalltrichter! Ich … halt, da ist er! Inspector Lestrade! Wir werden dringend an den Docks erwartet, Sir, so schnell’s geht, bitte!«

»Es handelt sich also um ein großes Feuer?«, fragte mein Freund.

»Schrecklich! Und es breitet sich rasch aus. Ich …« Lestrade brach mitten im Satz ab. »Aber wie haben Sie davon erfahren? Ich selbst wurde eben erst telegrafisch darüber informiert, und zwar polizeiintern. Und ich habe niemand anderen etwas davon erwähnen hören.«

»Haben Sie etwas dagegen, wenn wir uns anschließen?«, fragte Holmes, der Frage des Inspectors ausweichend.

»Nun, ich nehme an, es kann nichts schaden. Hören Sie, Mulvaney, ist auf diesem Wagen da Platz genug? Sehr gut. Können Sie noch drei weitere Passagiere aufnehmen? Guter Bursche! Kommen Sie – aber ich warne Sie, halten Sie sich im Hintergrund!«

Wir stiegen in den offenen Wagen und suchten uns einen Platz auf den Bänken zwischen einem Dutzend Bobbys, die von nichts anderem redeten als dem großen Feuer in den Docks. Ich nahm an, dass sie das Ausmaß des Unglücks übertrieben. Aber dreißig Minuten später, als ich den glutroten Himmel im Osten sah und bemerkte, dass die Themse wie ein goldenes Band glühte, wusste ich, dass es schlimmer war, als jeder von uns befürchtet hatte.

Der erste Hinweis auf die Größe des Feuers war der Verkehr. Die Straßen waren bis zur Überfüllung verstopft; Kinder rannten schreiend in alle Richtungen; kläffende Hunde liefen vor Kutschen und zwischen fliegende Hufe. Pferde bäumten sich auf und wieherten. Ein steter Strom Neugieriger drängte zum Hafenviertel – nur um auf panikerfüllte Anwohner zu prallen, die aus dieser Gegend flohen. Und mit jeder verstreichenden Minute loderte der glühende Himmel heller und weiter auf.

»Das Wetter der vergangenen Tage war sicher nicht hilfreich, so viel steht fest«, meinte Holmes aus dem Mundwinkel, ohne dabei den Himmel aus den Augen zu lassen.

Unzählige Male steckten wir in einem Pulk aus Menschen und Wagen fest. Doch glücklicherweise war die Alarmglocke unseres Polizeiwagens intakt. Ihr Klang war so mächtig, dass mir bald die Ohren dröhnten und schmerzten.

»Zur Seite! Macht Platz für die Polizei! Du da! Sofort anhalten, das ist ein Befehl!«, schrie unser Kutscher, ein stämmiger Kerl und offensichtlich in solchen Dingen erfahren. Er führte die vier Paar Zügel und die aufgeregten Pferde, die daran angespannt waren, mit bewundernswertem Geschick. Mit schwindelerregender Geschwindigkeit bogen wir um die Ecken. Wir ratterten durch schmale Gassen. Wir flogen über die Straßen. Über dem Hämmern der Hufe und dem Donnern der Räder konnte ich das wilde Keuchen unserer Pferde hören – ein Geräusch wie das von tausend riesigen Blasebälgen.

Schließlich sah ich einen Feuerball hinter einem Gebäude aufsteigen und wusste, dass wir uns dem Schauplatz des Geschehens näherten. Im gleichen Augenblick schoss ein Feuerwehrwagen aus einer Seitenstraße, eine ölige Rauchfahne hinter sich und gezogen von sechs prächtigen Pferden in schimmernden Überwürfen. Wir schlossen uns an, und die beiden Wagen jagten mit lautem Getöse dahin!

Vorwärts ging es, die Menschenmenge teilte sich und jubelte uns zu, als wir vorbeipreschten. Als wir die Preston Road erreicht hatten, bogen wir nach Süden ab und fuhren weiter, bis wir mitten auf der Isle of Dogs waren. Hier befanden sich die großen Werften und Anlegestellen: der Schlund, der das Empire fütterte. Und hier lebte das Arbeitervolk, das seinen Lebensunterhalt mit dem Seehandel verdiente: Seefahrer, Lotsen, Hafenarbeiter, Schiffbauer, Takler … und natürlich Tavernenbesitzer.

Wir schossen zwischen zwei großen Lagerhäusern hindurch, und im nächsten Augenblick bot sich mir ein gewaltiges, furchterregendes Spektakel.

Es nur ein Feuer zu nennen, würde der Sache nicht gerecht werden. Ein Abschnitt der Hölle, aus den Tiefen hervorgespien und ans Flussufer verpflanzt, wäre eine bessere Beschreibung. Welch schreckliche Gewalt und welch ein Grauen! Große Feuerbälle schossen in den Himmel. Gewaltige Funkenschauer und glühende Bruchstücke wurden nach oben gespuckt und segelten wieder abwärts, um neue Feuer zu entfachen.

Drei Gebäude standen in Flammen, und einige andere würden bald folgen. Sie waren riesig. Einer der Giganten in der Mitte schien der Ursprung des Infernos zu sein. Noch während ich hinsah, brach ein kreisrunder Teil des Daches ein, und eine vielleicht zweihundert Fuß hohe Flammensäule schlug aus dem Gebäude hervor wie ein schmaler, bösartiger Giftpilz, dessen abgerundeter Kopf sich zu einer riesigen roten Blase aufblähte. Die Flammen erhellten die Umgebung in einem Umkreis von mehreren hundert Yards. Ein Meer von Gesichtern mit nach oben gerichteten Augen umgab uns. Kinder, die den Ernst der Lage nicht verstanden, rannten hin und her und trugen schreiend ihren Teil zum allgemeinen Lärm bei. Für sie war das alles bloß ein spannendes Schauspiel, das die Langeweile des Sommers unterbrach – all die Zerstörung, die um sie herum stattfand, nahmen sie glücklicherweise gar nicht wahr.

Unser Wagen hielt nahe der brennenden Gebäude. Ich sprang hinunter. Mein Gesicht schmerzte von der Hitze; ich konnte kaum atmen. Überall um mich herum hetzten Feuerwehrleute umher und schrien. Drei riesige Löschmaschinen standen in einer Reihe und arbeiteten wie besessen. Die Gespanne bockten und tänzelten trotz ihrer Ausbildung hin und her und warfen im Feuerschein große grotesk zitternde Schatten auf das Pflaster. Diese Szene wiederholte sich scheinbar endlos, so weit man blicken konnte: pumpende Löschmaschinen, die Rauch ausstießen, nervöse Gespanne, die weggeführt und angeleint wurden, Männer, die Karren mit Schläuchen schoben und Leitern trugen, während Offiziere Befehle durch Schalltrichter schrien. Und über alles erhob sich das ohrenbetäubende Brüllen und Krachen des flammenden Infernos.

Der einzige günstige Umstand für die Feuerwehrleute war die Nähe der Themse: Zugschläuche wurden über die Kaimauern in den Fluss gelassen, der unbegrenzten Nachschub an Wasser garantierte. Ein großes, dampfgetriebenes Löschschiff legte an den Docks an, und aus seinem gedrungenen, lastkahnähnlichen Rumpf schoss ein Wasserstrahl, der so gewaltig war, dass er die hölzernen Wände der Gebäude zersplittern ließ, bevor er die Flammen dahinter erreichte. Nicht weit entfernt kämpften sich kleine Gruppen von Feuerwehrleuten so nah sie es wagen konnten an die Feuersbrunst heran und hoben ihre Schläuche – doch sie wirkten so armselig wie Mäuse, die einen Löwen angreifen, und die Wasserstrahlen zeigten, wenn überhaupt, nur wenig Wirkung.

Als ich hinter mir eine Bewegung verspürte und mich umdrehte, sah ich überraschenderweise einen Kohlewagen näher kommen, und ich beobachtete, wie die Feuerwehrleute – welch seltsame Ironie – die Flammen im Unterteil ihrer Maschinen fütterten.

Die Polizei bildete einen Kordon, um die Menge fern zu halten, und ich sah, wie Lestrade Befehle brüllte. Dieser Anblick versetzte mir einen schmerzhaften Stich. Ich verfluchte meine bisherige Untätigkeit, ließ Holmes stehen und eilte zum nächsten Constable.

»Ich bin Arzt – wo sind die Verletzten?«, schrie ich, und nachdem der Mann mir die Richtung gewiesen hatte, kämpfte ich mich zur Rückseite eines Backsteingebäudes, wo man, geschützt vor Hitze und Lärm, eine behelfsmäßige Krankenstation errichtet hatte. Augenblicklich hob sich meine Stimmung: Es gab nur wenige Opfer, und die meisten hatten bloß leichte Verbrennungen erlitten. Als ich an ihnen vorbeisah, offenbarte sich mir der Grund für unseren »schlecht ausgestatteten« Sanitätswagen von vor einer Stunde. Lange Reihen dieser Kutschen standen in der Nähe bereit; die Pferde stampften ungeduldig mit den Hufen. Zu meiner großen Verblüffung wurden sie nicht gebraucht. Die schweren Fälle waren bereits abtransportiert worden, und so säuberte und verband ich bloß die Wunden der umherirrenden Leichtverletzten. Gott sei Dank, dachte ich bei mir, dass die Gebäude meist Lagerhäuser sind, was erklärt, wieso es nur so wenig Verletzte gibt. Ich wurde jedoch von einem Anblick und einem Geräusch abgelenkt, die ich mein Lebtag nicht mehr vergessen werde – und all meine Erleichterung und mein Optimismus waren mit einem Schlag verschwunden.

Ein Jammern drang an mein Ohr, und ich erhob mich, um zu sehen, woher es kam. In einer dunklen Nische an der Ecke des alten Gebäudes saß eine Frau, eingehüllt in einen zerschlissenen Umhang, und drückte ein winziges Bündel an die Brust. Sie blickte mit einem Gesichtsausdruck zu mir auf, der nichts Menschliches mehr hatte, und wehklagte mit einer Stimme, die mir ebenso unmenschlich erschien. In ihrer Seelenqual zerfleischte sie sich selbst; ihr Gesicht war ein Schlachtfeld aus zerfetzter Haut und Tränen.

»Abbie! Meine Abbie!«, schrie sie und wehrte sich gegen jene, die sie zu beruhigen versuchten. Schließlich gelang es den Sanitätern, das in einem Tuch eingewickelte Bündel auf einen Karren zu legen. Die vor Schmerz wahnsinnig gewordene Mutter kletterte hinterher, und begleitet vom schrecklichen Wehklagen setzte sich die traurige Prozession in Bewegung.

Es dauerte eine Weile, bis ich wieder dazu in der Lage war, an meine Arbeit zurückzukehren. Als Arzt, der fast täglich mit dem Tod konfrontiert wird, stumpft man mit der Zeit gegenüber den meisten Fällen ab. Das Dahinscheiden eines alten Mannes oder einer Todkranken sind feste Bestandteile des Alltags und der Welt eines Mediziners. Er sieht sie als naturgegeben an.

Doch wenn ein junges Leben vom Tod dahingerafft wird – ein Kind zum Beispiel, das möglicherweise noch zwei Stunden zuvor fröhlich lachend auf den Knien seiner Mutter saß und sein abendliches Naschwerk aß –, die Verwandlung dieser Kreatur in ein lebloses kleines Bündel … diese Art von Tod trifft uns mit voller Wucht, selbst beim hundertsten, ja, sogar beim tausendsten Mal. Und gebe Gott, dass der Tag nie kommen möge, wo ich einen solchen Tod einfach hinnehmen kann.

Nachdem ich mehrere Stunden lang kleinere Verletzungen behandelt hatte, machte ich mich erschöpft zurück auf den Weg zu Holmes und Lestrade. Obwohl das Feuer sich erheblich ausgedehnt hatte, waren die riesigen Feuerstreifen verschwunden. Stattdessen hatte sich eine gewaltige Glut in Bodenhöhe entwickelt, und die Hitze, die vom Brand ausging, war noch heftiger geworden. Die Feuerwehr hatte klugerweise ihre Bemühungen aufgegeben, die großen Gebäude zu löschen, und konzentrierte sich darauf, die angrenzenden Häuser zu retten. Das Feuer war inzwischen eingedämmt, und die Aufregung und der Lärm ebbten langsam ab, bis auf das gelegentliche Krachen einstürzender Wände und Dächer. Doch noch immer arbeiteten die großen Maschinen, und noch immer eilten kleine Trupps hin und her, oft mit einem verletzten Kameraden über der Schulter.

Erschöpft und niedergeschlagen erreichten Holmes und ich kurz vor Mitternacht die Baker Street. Das Tosen des Feuers, das Klirren und Rasseln der Maschinen und das schreckliche Wehklagen der Mutter dröhnten noch immer in meinen Ohren.

Eine Zeit lang saßen wir uns schweigend gegenüber. Dann berichtete ich ihm mit trauererfüllter Stimme von dem Vorfall mit dem toten Kind. Er stieß einen tiefen Seufzer aus; auch ihm ging die Geschichte sehr nahe.

»Es gibt so viel Leid in der Welt, Watson, und seien Sie versichert, es ist kein Zufall, dass das meiste davon die Armen trifft.«

»Diesen Abend werden wir sicher nicht so schnell vergessen«, meinte ich. »Ich bin vollkommen erschöpft, und dennoch werde ich sicher nicht schlafen können.«

»Ich gestehe, dass ich dieselbe Anspannung verspüre. Gönnen wir uns also einen Whiskey. Dabei können wir über den Vorfall am frühen Abend reden.«

Gesagt, getan: Er schenkte zwei Gläser ein, ließ sich mit der Pfeife auf dem Sofa nieder und schien der Welt zu entrücken.

»Wir liegen sicher nicht falsch«, sagte er nach einer Weile, »wenn wir annehmen, dass es sich bei dem Opfer um einen Seemann handelt …«

»Ganz sicher. Seiner Kleidung und seiner Erscheinung nach –«

»… der erst kürzlich in London eingetroffen ist, und zwar aus Borneo oder zumindest dieser Gegend kommend. Und er war zum Zeitpunkt des Mordes auf dem Weg zu mir.«

»Was?«

»Ich muss schon sagen, sein Tod geht mir noch näher, jetzt, da ich weiß, dass er mich um Hilfe bitten wollte …«

»Wie können Sie sich da so sicher sein?«, fragte ich.

»Zum jetzigen Zeitpunkt ist das reine Spekulation, aber lassen Sie uns die Ereignisse einmal rekonstruieren: Wie ich gesagt habe, befand sich der Mann vor nicht mehr als sechs oder acht Wochen noch auf oder in der Nähe von Borneo. Dies verrät uns ganz einfach und eindeutig die erst kürzlich angebrachte Tätowierung an seinem rechten Handgelenk. Sie ist malaysischen Ursprungs und scheint nicht älter als zwei Monate zu sein. Wenn wir veranschlagen, dass die Seereise etwa dieselbe Zeit in Anspruch genommen haben muss, kann er folglich noch nicht lange in London gewesen sein. Bringen Sie mir die Times. Wir wollen doch mal nachsehen, ob nicht zufällig kürzlich ein Schiff aus dieser Ecke der Welt eingetroffen ist.«

Während ich nach der Zeitung suchte, rollte Holmes sich auf dem Sofa zusammen und paffte seine Pfeife.

»Drei innerhalb der letzten vierzehn Tage werden erwähnt. Die Yarmouth Castle ist am letzten Dienstag aus Futschou eingetroffen …«

Holmes schüttelte ungeduldig den Kopf.

»Das Barkschiff Rangoon hat vorgestern angelegt, aus Hongkong kommend.«

»Und das letzte?«, fragte er.

»Das Paketboot Matilda Briggs – Donnerwetter! –, eingelaufen heute Nachmittag aus Batavia!«

»Das ist das Schiff unseres Seemanns! Wie ich beim Durchblättern der alten Ausgaben hier sehe, traf in den letzten vierzehn Tagen kein anderes Schiff aus dieser Gegend ein. Unser toter Freund ist also erst heute Nachmittag angekommen. Er muss mir etwas äußerst Wichtiges mitzuteilen gehabt haben. Schade, dass seine Lippen für immer versiegelt sind.«

»Woher wissen Sie, dass er hierher unterwegs war?«

»Stellen Sie sich Folgendes vor, Watson: Ein Seemann trifft nach wochenlanger Fahrt im Hafen ein. Was würde er wohl als Erstes tun?«

»Sich ins Vergnügen stürzen, schätze ich.«

»Das wäre das Naheliegendste. Aber dieser Bursche ist ein seltsamer Vogel. Er lässt sich nicht in Limehouse volllaufen – nein, er taucht im West End auf, in der Baker Street. Warum? Ich möchte auf keinen Fall eitel erscheinen, mein Freund, aber Sie wissen so gut wie ich, dass ich in dieser Stadt einen beträchtlichen Ruf genieße, und das nicht nur in den gehobeneren Kreisen.«

»Das ist zweifellos richtig.«

»Es ist gut möglich, dass einer meiner fragwürdigeren Bekannten unten bei den Docks den Mann an mich verwiesen hat. Außerdem gibt es etwas, das diese These meiner Ansicht nach beweist.«

Holmes griff sich Feder und Papier und zeichnete darauf die folgenden Striche:

// // /

»Sagen Ihnen diese Striche irgendetwas?«, fragte er.

»Absolut nichts – sieht aus wie Kratzer von einem Federvieh.«

»Das glaubt sicher auch die Polizei. Ich habe sie auf dem rechten Ärmelaufschlag des Mannes entdeckt, was übrigens beweist, dass er Linkshänder war. Er hat sie mit einem der groben Bleistifte aufgemalt, wie Seeleute sie oft bei sich tragen. Und wie die meisten Seeleute war er es gewöhnt, Nummern durch vertikale Striche darzustellen. Folglich leiten wir daraus die Ziffern 2–2–1 ab, oder, man gebe Acht: 221 B, Baker Street.«

»Verblüffend!«, rief ich aus.

»Nicht wirklich. Der Mann hielt sich offensichtlich nicht damit auf, auch den Namen der Straße aufzuschreiben: Das konnte er sich ohne Probleme merken. Aber er wollte sichergehen, dass er die richtige Hausnummer hat.«

»Armer Bursche!«

»Er wurde verfolgt und nur eine Straße von seinem Ziel entfernt überfallen, was nahe legt, dass seine Mörder wissen, wer ich bin. Warum sonst hätten sie ihn hier töten sollen und nicht unten bei den Docks?«

»Sie befürchteten, dass er Ihnen sein Geheimnis anvertrauen würde, und haben ihn deshalb aus dem Weg geräumt.«

»Allerdings nicht, ohne vorher alles zu beseitigen, was auf die Identität des Mannes hinweist. Dass man den Leichnam auf die Straße hinuntergeworfen hat, scheint mir jedoch als Warnung an all jene gedacht zu sein, die vom Tode dieses Mannes erfahren. Ich fürchte, wir haben es mit einer dunklen und schändlichen Verschwörung zu tun, Watson, mit einer Mörderbande, die vor nichts zurückschreckt, wenn es um die Wahrung ihrer Geheimnisse geht. So verworren das Rätsel allerdings sein mag, es gibt einen roten Faden, der sich durch die ganze Angelegenheit zieht. Wir wissen, dass der Fall international ist; er ist nicht auf London beschränkt, sondern hat seine Wurzeln entweder an Bord der Matilda Briggs oder gar im Orient. Bedenkt man die Tätowierung des Mannes sowie den Auslaufhafen der Briggs, ist offensichtlich, dass wir immer wieder auf Malaysia zurückkommen. Haben Sie sich die Wunden des Mannes genauer angesehen?«

»Sie waren außerordentlich schwer.«

»War nichts Ungewöhnliches daran?«

»Sie unterschieden sich wohl von gewöhnlichen Messerwunden, aber ich kann Ihnen nicht sagen, worin genau. Ich erinnere mich vage, schon einmal ähnliche Wunden gesehen zu haben …«

»Vielleicht in Afghanistan?«

Ich sprang vor lauter Verblüffung von meinem Stuhl auf.

»Holmes!«

»Regen Sie sich nicht auf. Ich habe nur geraten und dabei ins Schwarze getroffen. Es lag nahe, dass Sie solche Wunden in Afghanistan gesehen haben, eher als im malaysischen Archipel. Der Dolch, mit dem unser Seemann getötet wurde, war, wenn ich mich nicht irre, malaysischen Ursprungs. Der Kris, wie er meist genannt wird, ist eine zweischneidige Stoßwaffe mit welliger Klinge, der, wie Sie gesehen haben, dazu geeignet ist, die fürchterlichsten Wunden zuzufügen.«

Holmes schwieg eine Weile, was ich dazu nutzte, meine Gedanken zu sammeln.

»Sie glauben also, dass er von einem Malaysier getötet wurde«, meinte ich schließlich.

»Das steht nicht fest. Ich glaube, die Mannschaft der Matilda Briggs könnte uns in dieser Angelegenheit weiterhelfen. Ich fürchte, Sie werden morgen alleine frühstücken müssen, Watson; ich werde zu früher Stunde am Hafen sein. Wer weiß? Vielleicht finde ich in irgendeiner schäbigen Gasse oder einer überfüllten Spelunke einen Puzzlestein zur Lösung des Rätsels. Haben Sie den Mond gesehen, als wir zurückkehrten? Er hat einen Hof; dass heißt es wird noch vor dem Morgengrauen regnen, was den Feuerwehrleuten helfen wird. Gehen Sie schlafen! Sie sind blass wie ein Gespenst. Gute Nacht, Watson.«

Ich wünschte meinem Freund dasselbe, und während ich mich fürs Bett fertig machte, konnte ich nicht umhin, mich zu wundern, wie ein solch lieblicher Herbstabend sich so plötzlich in eine Nacht der Zerstörung, der Geheimnisse und des Todes verwandelt hatte.

KAPITEL 2

Die Geschichte von Bootsmann Sampson

Pfeife_Sherlock.jpg

Am nächsten Morgen wurde ich von einem Donnerschlag und einem Regenguss geweckt, der gegen die Fensterscheiben peitschte. Ich zog mich an, betrat den Salon und entdeckte die Überreste von Holmes’ hastigem Frühstück. Ich klingelte nach meinem eigenen, und während ich wartete, fiel mir zufällig die Morning Post auf, die ausgebreitet vor dem Kamin lag. Folgender Artikel sprang mir sofort ins Auge:

LAGERHAUSFEUER FORDERT 7 TOTE

Preston Road, 15. Sept.: Ein Feuer ungeheuren Ausmaßes forderte gestern Abend sieben Menschenleben. Der Brand, der vermutlich gegen 18.00 Uhr im Speditionslager der Seehandelsfirma G. A. McNulty & Sons in der Preston Road ausbrach, loderte bis 3.30 Uhr in der Früh, als er endlich von der 2. und 4. Feuerbrigade gelöscht werden konnte. Eine Liste der Toten folgt in der nächsten Rubrik.

Wie es zum Ausbruch des Feuers kam, wurde noch nicht festgestellt. Die Polizei schließt Brandstiftung nicht aus und hat Scotland Yard um Hilfe gebeten.

Alle Opfer waren in angrenzenden Gebäuden eingeschlossen. Im Ganzen wurden acht Häuser zerstört: fünf Wohnhäuser und drei Geschäftsgebäude, einschließlich des oben erwähnten Lagerhauses von Mr McNulty.

Der Artikel fuhr fort, weitere Einzelheiten aufzuzählen, aber mir wurde das Herz so schwer dabei, dass ich die Lektüre zurückstellte und zur nächsten Seite umblätterte. Aufheiterung war jedoch nicht in Sicht, denn kaum hatte ich die Seite aufgeschlagen, fiel mein Blick auf folgende Zeilen:

MORD IN DER BAKER STREET

London, 15. Sept.: Der übel zugerichtete Leichnam von Raymond Jenard, Matrose auf dem Frachtschiff Matilda Briggs, wurde auf dem Gehsteig gegenüber Curray’s Tuchhändlerladen in der Baker Street 157 aufgefunden. Todesursache war eine Reihe schwerer Stichwunden.

Inspector Lestrade von der Paddington District Station informierte die Morning Post darüber, dass die Tat offensichtlich ein Straßenraub mit Todesfolge gewesen sei, da keinerlei Wertsachen oder irgendwelche Objekte bei dem Toten gefunden wurden, die zu seiner Identifizierung hätten führen können.

Diese wurde nur durch die Hilfe von Mr John Sampson ermöglicht, Bootsmann auf der Matilda Briggs und Freund des Verstorbenen.

Mr Jenard, der keine Familie zurücklässt, wohnte in der Preston Road 22 und war bei seinen Schiffskameraden und allen, die ihn näher kannten, als aufrechter und freundlicher Mensch angesehen.

Ich war mitten beim Frühstück, das Mrs Hudson heraufgebracht hatte, als ich Schritte auf der Treppe vernahm. Kurz darauf öffnete sich die Tür, und vor mir stand ein krummer alter Seebär mit ergrautem Bart, hinter dem sich ein runzliges, rotwangiges Gesicht verbarg. Die Augen jedoch funkelten mich verschmitzt an, als vergnüge sich der alte Mann an meiner Überraschung.

»Ich bitte um Verzeihung …«, sagte ich und stellte abrupt meine Tasse ab.

»Mr ’Olmes da, Kamerad?«, krächzte er.

»Nein«, erwiderte ich einigermaßen entrüstet, »und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie anklopfen würden, bevor Sie das Haus eines Fremden betreten, Sir. Außerdem ruinieren Sie da gerade Mr Holmes’ Teppich.«

Sein Ölzeug glänzte vom Regen, und Wasser tropfte auf den Vorleger, den Sherlock Holmes vom Schah von Persien erhalten hatte, als Dank für die Wiederbeschaffung der berühmten Delak Tiara. Ich wusste, dass mein Freund darüber nicht gerade erbaut sein würde. Der seltsame, gebeugte alte Mann stand schnaufend vor mir und schwankte leicht, als befände er sich an Deck eines Schiffes auf hoher See.

»Bitte nennen Sie mir Ihr Anliegen«, meinte ich kurz angebunden, »und schauen Sie, dass Sie weiterkommen; ich bin heute Morgen sehr beschäftigt.«

Das stimmte natürlich nicht, aber ich wollte ihn so schnell wie möglich loswerden. Etwas an seiner starren, steifen Art beunruhigte mich.

»Aye, Kamerad – haste ’nen Schluck Rum für ’n alten Mann?«

»Ganz sicher nicht! Nun, wenn Sie mir Ihr Anliegen nicht …«

»Geht um ’n Mord. Bin gekommen …«, und während er das sagte, schlurfte er vorwärts, bis er unmittelbar vor mir stand, »… um was über den Mord zu erzähl’n, verstehste?«

Ich starrte ungläubig zu ihm hoch. Daraufhin beugte er sich zu mir hinab, bis sein Gesicht ganz nahe an meinem war, und flüsterte mit heiserer Stimme: »Verstehste, Kamerad … ich war’s nämlich, der ihn … begangen hat

Ich sprang von meinem Stuhl auf und öffnete schnell wie der Blitz die Schublade an Holmes’ Seitentisch. Ich hatte bereits den Revolvergriff in der Hand, als eine vertraute Stimme mir Einhalt gebot.

»Holla, Watson! Ich schätze, ich habe den Scherz ein wenig zu weit getrieben!«

Ich drehte mich um und sah, wie sich der alte Seebär verwandelte, als Holmes den falschen Backenbart und den Kitt abzog.

»Dies muss in der Tat eine meiner besseren Verkleidungen sein«, meinte er und lachte leise in sich hinein. »Wenn selbst mein engster Freund mich aus nächster Nähe nicht erkennt, kann ich wohl sicher sein, dass ich die Bewohner des East End ebenso zu täuschen vermochte. Ah, Watson, ein Schluck Brandy wäre alles in allem jetzt nicht zu gewagt. Mich fröstelt’s bis ins Mark.«

»Wirklich, Holmes! Es ist ein bisschen früh am Tag für solche Streiche. Mir ist der Appetit gründlich vergangen.«

In der Tat war mir von dem Vorfall noch immer ein wenig schwindelig.

»Dann muss ich mich in aller Aufrichtigkeit bei Ihnen entschuldigen. Ich hatte nicht vor, Sie zu brüskieren oder zu erschrecken.«

Sein reumütiger Tonfall hatte eine erstaunliche Wirkung auf mich. Ich erholte mich langsam, und es gelang mir sogar, mein inzwischen etwas abgekühltes Frühstück zu beenden, während Holmes die Reste seiner Verkleidung ablegte, seine Pfeife anzündete und sich vor dem knisternden Kaminfeuer niederließ.3 Draußen heulte der Sturm weiter; es goss in Strömen, und ein Donnerschlag folgte dem anderen.

»Nun, Watson, wie ich sehe, haben Sie einen Blick in die Post geworfen. Gab es in den beiden Artikeln über das Feuer und den Mord etwas, das Ihre Aufmerksamkeit erregte?«

Ich verneinte.

»Ist es nicht seltsam«, hakte Holmes nach, »dass unser Seemann Jenard in einem der Gebäude wohnte, das vom Feuer zerstört wurde?«

»Das scheint mir entgangen zu sein«, erwiderte ich und blickte noch einmal in die Zeitung, »aber das kann nur ein Zufall sein.«

»Ich fürchte nicht. Ich glaube eher, dass die beiden Tragödien der letzten Nacht auf die ein oder andere Weise miteinander verbunden sind. Natürlich ist Ihnen klar, dass die Post sich irrt.«

»Sie meinen, was das Motiv des Mordes betrifft?«

»Das ist offensichtlich. Aber ich beziehe mich auf das Feuer. Die Post behauptet, dass das Feuer in McNultys Lagerhaus ausgebrochen ist. Wenn man den Artikel genau liest, erkennt man, dass dies nicht der Fall sein kann. Er widerspricht sich in gewisser Weise selbst.«

Ich gesellte mich zu Holmes vor den Kamin und bemühte mich, die Zeitung in der Hand, den Widerspruch zu entdecken, der ihm so offensichtlich erschien. Es dauerte jedoch nicht lange, da wurden meine Gedankengänge durch Mrs Hudson unterbrochen.

»Mr Holmes, Sir«, sagte sie, »unten wartet ein Gentleman, der Sie zu sehen wünscht.«

»Hat er Ihnen seine Karte gegeben?«, fragte mein Freund.

»Nein, Sir. Aber er hat mir seinen Namen genannt.«

»Ja?«

»Mr John Sampson.«

»Geleiten Sie ihn sofort herauf«, befahl Holmes, und der Feuereifer war ihm deutlich anzusehen. »Schnell, Watson, schüren Sie das Feuer, während ich unserem Gast ein Glas einschenke. Was für eine äußerst günstige Wendung des Schicksals, denn wenn ich mich nicht ganz täusche, kommt hier ein Mann, der viel Licht in die ganze Angelegenheit bringen kann.«

Ich benutzte also Zange und Blasebalg und zündete mir danach eine Zigarette an, gespannt die Ankunft von Bootsmann Sampson erwartend.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Sherlock Holmes und die Riesenratte von Sumatra" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen