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Sieht so eine Mörderin aus? Authentische Kriminalfälle aus Berlin

Barbara Keller

Sieht so eine Mörderin aus? Authentische Kriminalfälle aus Berlin

Cassiopeiapress Gerichtsreportagen/ Edition Bärenklau





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Sieht so eine Mörderin aus?

Authentische Kriminalfälle aus Berlin

von Barbara Keller

© der Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Sieht so eine Mörderin aus? © by Barbara Keller

Die Originalausgabe erschien im Verlag “Edition Noack & Block“, Lizenzausgabe

für die Edition Bärenklau, 2015

Cover: Monika de Montgazon, Opfer eines Justizirrtums,

am ersten Verhandlungstag vor dem Berliner Landgericht.

Foto: © Barbara Keller, 2004

Layout: Steve Mayer, 2015

Das Werk einschließlich aller Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes

ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,

Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in

elektronischen/digitalen Systemen.

Sie sind tragisch, sie sind komisch, lächerlich, lapidar oder ganz und gar böse und gemein: die Frauen und ihre kriminellen Geschichten. Von der pflichtvergessenen Mutter und notorischen Diebin zur uneinsichtigen Sexualstraftäterin. Über den Auftragsmord zum Justizirrtum und zurück – eine Klaviatur, die die kriminellen Damen virtuos beherrschen.

Die Berliner Journalistin Barbara Keller stellt in ausgewählten Gerichtsreportagen beeindruckende Fälle vor, die am Moabiter Kriminalgericht verhandelt wurden.

Der Inhalt dieses Ebooks entspricht 168 Taschenbuchseiten.

INHALT:

- Vorwort

- Typisch Untypisches

Fürsorgepflicht verletzt: „Wir sind ja keine Familie“

- Mutter verjubelt das Vermögen ihres behinderten Sohnes

- Sexualdelikt: „Hurra, wir haben gewonnen! Gute Arbeit!“

- Lange Finger, Unterstellungen, Betrug

Gerichtssoap mit Folgen

- Postmitarbeiterinnen fleddern Briefpost: „Verhältnisse wie in der Karibik“

- Langfinger bei Karstadt

- Fehlstart ins Leben: „Das Schlimmste sind diese ekelhaften Drogen“

- Politisches

Protest ja, aber vernünftig!

- Die „Rote Zora“ kehrt zurück

- Betrügerisch und untreu

Sexmeile Oranienburger – Abzocke am Bordstein

- Lottobetrug: „Und Drei mach gleich, so bist du reich“

- Das betrogene Sozialamt

- Kaufmännischer Amoklauf – ein betrügerisches Kreditballett

- Dreiste Entmieter erkennen Strafbefehle an:

„Es ist ein Unding, so mit Mietern umzugehen!“

- Bewaffneter Raubüberfall & Co

Drohung gegen die Polizei: „Meine Rache wird fürchterlich sein!“

- Unerlaubter Waffenbesitz: „Die können was erleben!“

- Mutter und Tochter auf Raubzug

- 68-Jährige überfällt Berliner Banken

Beziehungsdramen

Beziehungsdrama eskaliert

- Krach in der Partnerschaft – Hund geht über die Balkonbrüstung

- Der lange Abschied

- Seniorin tötet Ehemann im Streit:

Teil 1 „Komm mir nicht zu nahe!“

- Seniorin tötet Ehemann im Streit:

Teil 2 „Was man nicht sieht, ist nicht da“

- Wenn Blut fließt – Tötungsdelikte

Tödliche Partnerschaft – ein Versicherungsfall

- Totgepflegt – der fast perfekte Mord

- Mord oder Sterbehilfe?

Teil 1 „Dort, wo täglich Leben gerettet wird, schwimmt doch keiner gegen den Strom“

- Mord oder Sterbehilfe?

Teil 2 „Es gibt kein weniger wertvolles, weniger schutzwürdiges Leben“

- „Killer-Bräute“

- Blutiger Befreiungsschlag

- Metzelei im Nebel

- Fahrlässige Tötung und Tötung auf Verlangen

Freie Hebammen – inkompetente Kurpfuscherei?

- Ausweglos: „Es fällt mir so schwer. Ich bin so müde …“

- Chronik eines Justizirrtums

- Mord ohne Motiv (2. Juli 2004)

- Anklage Mord (9. Juli 2004)

- Eine Wende? (16. Juli 2004)

- Das Rätselraten geht weiter (23. Juli 2004)

- Ein Mord wird zum Unglücksfall (3. August 2004)

- „Ich will wissen, wer es wirklich war!“ (20.8.2004)

- „Typische Fehlleistungen“ des LKA? (1. November 2004)

- Zweifelsfrei schuldig? (6. Dezember 2004)

- Urteil ausgebremst – Befangenheitsantrag (17. Dezember 2004)

- Schuldig, überführt! (26. Januar 2005)

- Drei Jahre später: Freispruch für die „Vatermörderin“ (2. April 2008)

- „Ein Fehlurteil zu viel“ (9. April 2008)

- „Ich habe gedacht, das ist ein Irrtum, das klärt sich auf“

Interview mit Monika de Montgazon

- Nach dem Freispruch ist vor der Klage (18. September 2008)

- Nachwort

Vorwort

Es muss nicht immer Mord sein. Und das ist es ja auch nicht. Gut, in Berlin mit seinen 3,7 Millionen Einwohnern, da kommt im Jahr schon einiges an Bluttaten zusammen. Alle vierzehn Tage wird in der Bundeshauptstadt jemand gemeuchelt. Aber auf dem Land ist Mord so etwas wie ein Naturereignis. Das trifft einen wie ein Blitzschlag; nämlich nie oder immer nur die anderen.

Man führe sich vor Augen, dass der Mensch offenbar die einzige Spezies ist, die sich einen bewaffneten, täglich durch die Straßen patrouillierenden Service – sprich: die Polizei – leistet, um sich voreinander zu schützen. Im täglichen Straßenverkehr beispielsweise liegen Straftaten gegen Leib und Leben praktisch in der Luft. Ein sehnsüchtiger Blutseufzer scheint über dem Mahlstrom des Verkehrs zu liegen, der nach einem erlösenden Biss lechzt und sich geifernd in der Regenbogenpresse austräumt.

Dafür passiert jedoch, statistisch gesehen, herzlich wenig. Drei Prozent Kriminalitätsrate, was ist das schon? Nur auf die Masse gerechnet zeigt das Wirkung. Im Nachwort können Sie dazu einiges an Zahlen lesen. Von diesen Straftätern, die sich in den gegen den Strich geführten Kämmen der Justiz verfingen, waren im Schnitt ein Viertel weiblich.

Wie sieht ein Krimineller, wie sieht eine Kriminelle aus? Spätestens seit den Phänomenen Mario Z. (der „Axtmörder“, Prozess im März 2010) und Ralf M. (der „Kannibale von Neukölln“, Prozess im Mai 2005), die beide wie unreife Jüngelchen daherkamen, dürfte sich, nicht nur bei den Schlagzeilen-Freunden, Unsicherheit breitgemacht haben. Im Sommer sah ich „die älteste Bankräuberin Berlins“ auf dem Balkon ihrer Wohnung im Prenzlauer Berg durch die Geranien lugen: eine betagte, in dunklen Farben gekleidete Dame. Sieht so eine Bankräuberin aus?

Sie sind tragisch, sie sind komisch, lächerlich, lapidar oder ganz und gar böse und gemein: die Frauen und ihre kriminellen Geschichten. Sie sind Teil der mehr als dreihundert Prozesse, die die Autorin zwischen 2004 und 2009 am Berliner Landgericht verfolgte und in Schrift und Bild dokumentierte. Von der pflichtvergessenen Mutter und notorischen Diebin zur uneinsichtigen Sexualstraftäterin. Über den Auftragsmord und (fast) perfekten Mord zum Justizirrtum, der an Rechtsbeugung grenzte, und zurück. Eine Klaviatur, die die kriminellen Berliner Damen und die Prozessbeteiligten ihrerseits arbeitsteilig virtuos bedienen. Vielleicht, oder vielleicht besser nicht, erkennen Sie sich oder andere in diesen Geschichten, die bis auf eine Ausnahme anonymisiert sind, wieder.


Typisch Untypisches

Fürsorgepflicht verletzt:

„Wir sind ja keine Familie“

Am 2. März 2006 muss sich die ungelernte, beim Bautenschutz beschäftigte Mia T. (24) vor Gericht verantworten, ihren Sohn Till (3) nicht ausreichend versorgt und ihn vernachlässigt zu haben. Die Brandenburgerin Mia T. wohnt im Sommer 2005 bei ihrem Freund Henri Sch. in Berlin-Marzahn. Als das Jugendamt auf sie aufmerksam wird, wiegt Till drei Kilogramm, kann weder sprechen noch stehen oder laufen und hat den Entwicklungsstand eines weniger als ein Jahr alten Kindes. In der kleinen, schmuddeligen Plattenbauwohnung leben neben den beiden erwachsenen Personen und Till auch vier Hunde und eine Katze.

Nur durch Zufall entdeckte das Berliner Jugendamt im Sommer 2005 die Zustände im Haushalt der damals nicht berufstätigen Mia T. Die 24-Jährige war, seitdem sie im Frühjahr 2005 aus ihrem Haus in Vierlinden/Brandenburg ausgezogen war, nirgends mehr gemeldet.

Vier große Hunde (Rottweiler-Schäferhund-Mischlinge), eine Katze, zwei Erwachsene und ein dreieinhalbjähriges Kind lebten auf engstem Raum. Die Wohnung machte einen verwahrlosten Eindruck, hier und da rottete ein Hundekothaufen vor sich hin. Auf Verfügung der Behörde kam Till umgehend in eine Pflegefamilie.

Am 2. März 2006 muss sich seine Mutter wegen Verletzung der Fürsorgepflicht vor Gericht verantworten. Von ihr ist jedoch am Tag der Hauptverhandlung nichts zu erfahren. Sie schweigt zu den Vorwürfen. Zu ihren Einkommensverhältnissen erklärt die ungelernte und jetzt beim Bautenschutz beschäftigte stämmige Frau der sichtlich erstaunten Staatsanwältin, 2.500 bis 3.000 Euro im Monat zum Verbrauch zur Verfügung zu haben.

Der als Gebäudereiniger beschäftigte Freund der Angeklagten, Henri Sch., ist auskunftswilliger. Ein kleiner, drahtiger Mann, der leise, schnell, fast unverständlich spricht. Er beteuert, mit Mia T. nur befreundet, nicht liiert zu sein. Allerdings wohnte er seit 2004 bei Mia T. in der Doppelhaushälfte in Brandenburg und kennt Till von klein auf.

Von Tills prekärem Zustand und seinen Entwicklungsstörungen will Henri Sch. nichts mitbekommen haben. „Till war ein pflegeleichtes Kind“, sagt er. Till sei, so viel er weiß, nie allein gewesen. Entweder war Mia T. da, ein Babysitter oder seine Wenigkeit, erklärt er lax. Und krabbeln, da widerspricht Henri Sch. vehement, das konnte der Junge schon: „Wenn er musste, dann ist Till schon gekrabbelt.“

Ansonsten aber war man ja keine Familie und Henri Sch. eben auch die meiste Zeit nicht da. Bis 18 Uhr schlief Henri Sch. nach der Arbeit. Dann erlebte er Till anderthalb Stunden, unter anderem beim Abendbrot. Danach musste er, so sagt er, auch schon wieder zur Arbeit.

Anfang 2005 zog der ganze Haushalt – bis auf Tills Kinderzimmer, für das nun kein Platz mehr war – in die Wohnung nach Berlin-Marzahn. Die beiden Pferde kamen in Pension. Ein halbes Jahr später flog der in die kleine Plattenbauwohnung umgesiedelte Brandenburger „Bauernhof“ auf.

Seit September 2005 lebt der jetzt fast vier Jahre alte Till in einer Pflegefamilie. Noch immer kann er nur mit Mühe, schwankend, an der Hand laufen. Nahrung nimmt Till, obwohl er Zähne hat, lediglich in Breiform auf. Er kann schlecht schlucken, und ein Saugreflex ist bei ihm nicht ausgebildet. Sein Pflegevater, ein ausgebildeter Heilerziehungspfleger, sagt: „Till würde am gedeckten Tisch nahezu verhungern.“

Erst nach mehr als einem Jahr ergeht gegen Mia T. das Urteil. Dazwischen liegen Sachverständigentermine von Neurologen, Termine zur Begutachtung des Gesundheitszustands des Jungen. Das Gericht muss prüfen, ob und inwieweit Mia T. am retardierten Entwicklungszustand ihres Sohnes schuld ist.

Das Moabiter Schöffengericht ist schließlich von der Schuld der Mutter überzeugt und verurteilt Mia T. wegen Verletzung der Fürsorgepflicht zu einer Bewährungsstrafe von 18 Monaten sowie zu einer Geldbuße von 1.000 Euro. Till bleibt mit Zustimmung der Mutter in der Pflegefamilie.

Mutter verjubelt das Vermögen ihres behinderten Sohnes

Ein einziges Mal innerhalb von fünf Jahren hat Urda P. (42) für ihren Sohn Frank (11) Unterhalt gezahlt. Dabei stand die gelernte Bäckereifachverkäuferin fortwährend in Lohn und Brot. Damit nicht genug, brachte sie auch die Versicherungssumme ihres behinderten Sohnes – satte 440.000 DM – durch. Die Strafanzeige gegen sie stellt der geschiedene Ehemann Paul V. (39) jedoch einen Tag zu spät. Die Tat ist verjährt. Deshalb lautet die Anklage gegen die Mutter jetzt auch nur „Verletzung der Unterhaltspflicht“ und „falsche Versicherung an Eides Statt“. Eine läppische Amtsgerichtssache, die aber, vor dem Landgericht als „Untreue“ verhandelt, zu einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren hätte führen können.

Es ist Freitag um die Mittagszeit. In den Fluren des Amtsgerichts Tiergarten ist nicht mehr viel los. Nur in der zweiten Etage vor dem Saal 2115 finden sich nacheinander drei Prozessbeteiligte ein. Urda P., eine kleine, zurückhaltende Frau, die mit ihrer blauen Jacke auch als Kontrolleurin der öffentlichen Verkehrsbetriebe durchgehen könnte, steuert sofort auf einen schlanken Herrn mit brauner Lederjacke zu: „Was machst du denn hier?“

Der antwortet auf die fast vorwurfsvolle Frage zurückhaltend: „Die haben mich auch vorgeladen.“ Etwas überrumpelt von der Situation und sichtlich irritiert, beginnen zwei Menschen, die einmal das Leben miteinander teilten, sich vielleicht liebten, eine Konversation. Der smarte Herr mit der Lederjacke ist Paul V., der ehemalige Ehemann der Angeklagten.

Aus dem sich entspinnenden, recht belanglosen Wortwechsel der beiden dringt ein Satz zu mir: „Na Hauptsache, dem Jungen geht’s gut.“ Aus diesem Satz klingt eine Besorgnis, die man Urda P. nach Kenntnis der Lage eigentlich nicht zutraut.

Rückblick: Am 17. Juli 1998 hat Paul V. auf der Autobahn einen schweren Unfall, verursacht durch einen hinter ihm fahrenden LKW mit Bremsdefekt, der auf ihn auffährt. Sohn Frank, der am Tag zuvor noch seinen vierten Geburtstag gefeiert hat, fährt im Wagen mit und entgeht nur knapp dem Tod. Heute, sieben Jahre später, ist Frank körperlich wieder hergestellt. Aber zurückgebliebene Hirnschädigungen sind Ursache dafür, dass er ein Förderzentrum für geistig Behinderte besucht.

Vielleicht als Folge des Unfalls und des in Verbindung damit zerstörten Familienlebens geht auch die Ehe von Urda und Paul V. in die Brüche. Die Regelung um die Zahlung der Versicherungssumme für den verunglückten Frank V. überschneidet sich mit der Scheidung der Eheleute. Das Geld wird dem Vater des kleinen Jungen zugesprochen. Umgerechnet ca. 225650 Euro zahlt die Versicherung des Unfallverursachers für Frank V., der aufgrund des Unfalls für den Rest seines Lebens geschädigt ist. Die erkleckliche Summe, von der Vater Paul V. sagt: „Davon hätten wir fürs Leben satt sein können.“, fließt auf das Konto von Urda P.

Schüchtern sitzt Urda P. am 11. August 2005 vor dem Amtsrichter. „Tut mir leid, so wie das Geld kam, war es auch wieder weg“, sagt sie. Verantwortung fühlt die Mutter noch heute nicht. Nein, sie könne auch gegenwärtig keine Unterhaltszahlungen leisten, denn sie verdiene ja nur 930 Euro im Monat.

Dann folgen die Fragen des Richters, wo denn das viele Geld geblieben sei. Urda P. sagt: „Weiß ich nicht.“ Nach detaillierter Aufrechnung durch den Richter – angebliche Darlehen an Verwandte, Schenkung einer Summe von 57.000 Euro an den neuen Freund – ist auch nicht mehr zu hören als „Ich weiß es wirklich nicht.“ Als der Vorsitzende Richter der Angeklagten etwas nachdrücklicher vorwirft: „Sie hätten doch wenigstens Unterhalt zahlen müssen!“, haucht sie ein dünnes „Ja“ in den Saal.

Urda P. ist jedoch geständig, und sie ist ja auch nicht vorbestraft. Das Urteil für die pflichtvergessene Mutter lautet: Freiheitsstrafe von zehn Monaten, ausgesetzt auf eine Bewährung von drei Jahren. Daneben wird Urda P. dazu verurteilt, monatlich mindestens 100 Euro Unterhalt für ihren Sohn zu zahlen und die Zahlung vierteljährlich dem Gericht nachzuweisen.

Der Vorsitzende Richter macht in seiner Urteilsbegründung keinen Hehl aus seiner persönlichen Meinung. Er nennt es eine „himmelschreiende Ungerechtigkeit“, die sich die Angeklagte geleistet hätte. Dem eigenen behinderten Kind das Vermögen vorzuenthalten! Das sei der gravierendste Fall von Vermögensdelikt, der ihm in seiner Laufbahn als Richter am Amtsgericht untergekommen sei.

Sexualdelikt: „Hurra, wir haben gewonnen! Gute Arbeit!“

Zu sechs Monaten Haft wurde die dreifache, alleinstehende Mutter Sonja S. (34) verurteilt, die dem Werben eines knapp 13-jährigen verliebten Jungen nachgab. Unter den entsetzten Augen der Mutter des Jungen griffen sich beide, benebelt vom Alkohol, in einer lauen Sommernacht am Meer gegenseitig in die Hose. Strafbar nach § 176, Abs. 1 des StGB, der sexuelle Handlungen mit Personen unter 14 Jahren mit Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren ahndet.

Alina B. (31) und Sonja S. (34) sind Nachbarinnen. Beide arbeiten als Pflegerinnen in der Altenpflege, sind alleinstehend und haben je drei Kinder. Sie sind gute Bekannte, fast Freundinnen. Alina B. jedoch hat Probleme mit ihrem Sohn Tim S. (12). Die Respektlosigkeiten, die er gegen sie auch vor anderen Personen zeigt, sind kränkend und beschämend zugleich.

Tim S. weicht der Autorität seiner Mutter gern in den Haushalt von Sonja S. aus, in der auch der ehemalige Partner von Alina B. ein und aus geht. Tim S. verliebt sich in die resolut mütterliche Sonja S. und wirft ihr Liebesbriefe in den Hausbriefkasten.

Im Sommer 2003 fahren die beiden Frauen gemeinsam mit den sechs Kindern nach Kołobrzeg (Kolberg) an die Ostsee in den Urlaub. Der 21. Juli 2003 ist ein ganz besonderer Tag. Alina B. hat Geburtstag. Die Urlauber gehen in ein Restaurant, essen, trinken einiges, sind ausgelassen und haben sich vorgenommen, am Strand zu übernachten. Auch der ehemalige Partner von Alina B. ist dabei.

Gegen zwei Uhr nachts sind die Kleinen eingeschlafen. In der Zwischenzeit fließt weiter Alkohol, und auch Tim S. darf mit Erlaubnis seiner Mutter Bier trinken. Alina B. sitzt allein. Ihr ehemaliger Freund und Tim S. kuscheln sich an die heute Angeklagte. Plötzlich sieht Alina B., wie ihr Sohn und ihre Freundin sich gegenseitig in die Hose fassen. Sie nimmt Sonja S. empört zur Seite. Doch die versteht ihre Aufregung nicht. „Tim ist in der Pubertät. Ich helfe ihm doch nur“, soll sie, so Alina B., geantwortet haben.

Als ihr Sohn in Berlin weiterhin mehr bei Sonja S. ist als bei ihr, entschließt sich die Mutter Ende 2003 schließlich zu einer Anzeige. Am 28. November 2005, mehr als zwei Jahre nach den Vorkommnissen, wird die Anklage zur Verhandlung zugelassen.

Auf dem Flur des Amtsgerichts ist am Tag der Hauptverhandlung ein wütender Tim S. zu erleben. Der jetzt bereits 15-Jährige beschimpft seine Mutter: „Ohne dich wären wir gar nicht hier! Das hätte man doch so regeln können!“ Kurz darauf herrscht er sie an: „Halt’s Maul, ich unterhalte mich gerade!“

Die Angeklagte Sonja S., die sensibel wirkt, scheint ruhig und gefasst. Gegenüber der Richterin beteuert sie: „Wir haben nur miteinander herumgetobt und herumgealbert.“ In einer Verhandlungspause jedoch zieht sich Sonja S. auf die Toilette zurück. Sie bebt am ganzen Körper und kann kaum die Zigarette halten, die sie sich anzünden will.

Als Tim S. aus dem Prozess-Saal kommt, wo er seine Aussagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit gemacht hat, reckt er triumphierend die Faust: „Ja! Sie hat geweint!“ Obwohl er zuvor seiner Mutter gegenüber noch aggressiv erklärt hat: „Du hast ja Halluzinationen!“, bestätigt er gegenüber dem Gericht den gegenseitigen Griff nach dem Geschlecht. Weiteres sei aber damals und später nicht vorgefallen.

Gegen Sonja S., die ihre Rolle und Verantwortung als erwachsene Frau missversteht und dabei auch das Vertrauen ihrer Freundin Alina B. ausgenutzt hat, ergeht das Urteil einer sechsmonatigen Haftstrafe wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern, ausgesetzt auf zwei Jahre zur Bewährung.

Tim S. jubiliert nach der Verhandlung: „Wir haben gewonnen!“ Er frohlockt: „Gute Arbeit!“ Seine Mutter, Alina B., die im Laufe des Verfahrens vergeblich versucht hatte, ihre Anzeige zurückzuziehen, erwidert jedoch resigniert: „Niemand hat gewonnen.“ Der Anwalt der Nebenklage dagegen fährt dem Jungen über den Mund: „Sei still, dir war das doch damals auch nicht unangenehm!“

Lange Finger, Unterstellungen, Betrug

Gerichtssoap mit Folgen

Langzeitstudentin Petra K. (37) und Jutta M. (43), gelernte Büroangestellte, arbeiten beide im Großraumbüro eines Callcenters in Berlin - Wedding. Am 6. Juli 2005 zieht Petra K. die Geldkarte ihrer Kollegin aus deren offen stehender Handtasche und versucht noch am selben Tag einige Abhebungen. Dreimal misslingt der Versuch. Dann übergibt Petra K. die EC-Karte der Bürochefin mit der Bemerkung, sie habe die Karte zufällig auf dem Fußboden gefunden. Als Jutta M., am Tag darauf wieder im Besitz ihrer EC-Karte, ihrer Tochter einen Pullover kaufen will, ist die Karte zu ihrer Verwunderung gesperrt. Sie erstattet Anzeige und lernt ihre Kollegin unverhofft von einer ganz neuen Seite kennen.

Das Erstaunen von Jutta M. ist groß, als sie in der Lichtbilderdatei der Kripo am Tempelhofer Damm Petra K. wiedererkennt. Woran die gescheiterte Diebin nicht gedacht hatte: Ihre Versuche, Geld abzuheben waren in den Filialen der Sparkasse und der Dresdner Bank von Videokameras gefilmt worden.

Jutta M. sagt, sie habe sich immer gut mit ihrer Kollegin verstanden, die eine freundliche Person sei. Umso erschütterter ist sie, dass Petra K. ausgerechnet bei ihr lange Finger gemacht hat: „Ich fand es gemein, dass sie jemand Bekanntes bestiehlt. Sie weiß, ich bin allein mit meiner Tochter. Das ist nicht so einfach.“

Am 6. Oktober 2006 muss sich Petra K. im Amtsgericht Tiergarten wegen Diebstahl und versuchten Computerbetruges verantworten. Eine reumütige Sünderin erwartet man an diesem Tag jedoch vergeblich. Die verhuscht wirkende, magere Friedrichshainerin lässt bereits bei der Feststellung ihrer Personalien einen Wortschwall an Rechtfertigungen und vermeintlichen Richtigstellungen vom Stapel.

Die 37-jährige Angeklagte, die noch immer an ihrer Magisterarbeit bastelt, derzeit jedoch von Arbeitslosengeld II lebt und mit dem Ein-Euro-Job im Callcenter dazuverdient, fühlt sich falsch verstanden. So hat sie dem Gericht schon im Vorab einen Brief geschrieben, in dem sie blumig erklärt, ihre Kollegin habe nur Anzeige erstattet, „um ihre perversen Gelüste, in einer Gerichtssoap die Hauptrolle zu spielen, ausleben zu können“.

Ja, sie bereue und entschuldige sich, natürlich. Aber schließlich sei ja niemand zu Schaden gekommen. Vor Gericht verwickelt sich Petra K. rechthaberisch in Widersprüche. Mal hat die EC-Karte einfach so auf der Erde, mal auf dem Schreibtisch gelegen. Als der Richter Petra K. diese und ältere, anders lautende Aussagen vorhält, begehrt sie bockig auf: „Sie müssen meine Antworten schon auch ertragen!“

Schließlich ist es doch um die Langmut des Vorsitzenden Richters geschehen. Er hält Petra K. entnervt vor: „Sie haben ein gestörtes Unrechtsbewusstsein!“ Doch keinesfalls um ein letztes Wort verlegen, reckt Petra K. nun erst recht das Kinn vor und erwidert störrisch: „Ganz im Gegenteil!“

Der uneinsichtigen Angeklagten, die in einer seltsam ichbezogenen Welt lebt, nutzen alle Ausflüchte nichts. Der versuchte Computerbetrug ist nachgewiesen, der Diebstahl offensichtlich. Das zu erwartende Strafmaß bewegt sich demzufolge zwischen einer Geldstrafe und einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren. Schließlich bleibt es – Petra K. ist nicht vorbestraft – bei einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 15 Euro, zahlbar in monatlichen Raten von 250 Euro.

Die Verurteilte zieht, wie nicht anders zu erwarten, unzufrieden und nur mühsam weitere Verteidigungstiraden zurückhaltend, von dannen.

Postmitarbeiterinnen fleddern Briefpost:

„Verhältnisse wie in der Karibik“

Acht Monate lang entnahmen zwei an einer Schöneberger Anschriften-Lesemaschine der Deutschen Post AG beschäftigte Frauen den Briefsendungen beigelegtes Geld. Am 30. März 2006 flogen die langjährigen Postmitarbeiterinnen Katrin Sch. (44) und Katrin R. (41) auf. Sie fielen auf einen Fangbrief der Post AG herein. – Die Folgen: Job weg, Rente weg und ein Prozess vor dem Amtsgericht Tiergarten.

Katrin Sch. und Katrin R. sind seit vielen Jahren bei der Deutschen Post AG beschäftigt, als sie auf die Idee kommen, Briefen beigelegte Geldscheine „abzuzweigen“. Beide Postmitarbeiterinnen – sie arbeiten Schulter an Schulter an der Anschriften-Lesemaschine in Schöneberg – sind nicht vorbestraft.

Eines Tages wird Katrin Sch. neugierig. Ein geöffneter, leerer Brief in der Fundkiste, eine Nachfrage ohne Antwort. Offenbar gibt es Langfinger bei der Post AG. Warum sollten sie da eigentlich nicht auch …? Im Juli 2006 beginnen die Postkolleginnen, „sporadisch“ (sagen sie) Briefe nach lukrativen Beilagen zu durchforsten. Eine öffnet die Briefe, die andere steckt ein. Die gefledderten Briefumschläge werden vernichtet.

Acht Monate treiben die beiden Berliner Postmitarbeiterinnen, ledige Mütter bereits erwachsener Kinder, unbemerkt ihr Unwesen. Bei der Post gehen gehäuft Beschwerden und Nachforschungsanträge ein. Die AG entschließt sich zu einem Fangbrief. Der wird den diebischen Postbeschäftigten schließlich zum Verhängnis.

Am 30. März 2006 fliegt der Coup auf. Das hochnotpeinliche, teils unlautere Kesseltreiben des Arbeitgebers beginnt. An dem kritischen Tag um vier Uhr schnappt die Falle zu. Bereits um acht Uhr haben beide Frauen ein Geständnis abgelegt, die Aufhebungsverträge und die Verzichtserklärung auf die Rentenrückstellung unterschrieben. Auch das Weihnachtsgeld werden sie zurückzahlen. Das war es.

Neun Monate später der Prozess am Amtsgericht Tiergarten. 61 Diebstahlsfälle wirft die Staatsanwaltschaft ihnen vor. Geldsummen zwischen 10 und 400 Euro sollen sie den Briefen entnommen haben – insgesamt 3.765 Euro. Katrin Sch. und Katrin R. sind sichtlich beschämt. Wiederholt erklären sie, wie „wahnsinnig leid“ ihnen alles täte und wie bitter sie ihr Vorgehen bereuten.

Katrin R., der plötzlich völlig schleierhaft ist, wie sie zu den Diebstählen kam, hat bereits 2.000 Euro zurückgezahlt. Sie sagt: „Ich habe das Geld im Prinzip nicht gebraucht.“ Katrin Sch. hingegen ließ die Beute in den Tagesverbrauch einfließen.

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