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Stumme Zeiten

Olaf Maly

Stumme Zeiten

Eine Kommissar Wengler Geschichte


Zuerst einmal möchte ich mich bei meiner langjährigen Partnerin Marita Stepe bedanken, die wie immer geduldig meine Bücher liest und mir sagt, was man verbessern kann. Als nächstes gilt mein Dank Alice Scharrer von Korrektar, die in Engelsgeduld meine Fehler ausgemerzt hat. Des weiteren möchte ich mich bei Vivian Tan bedanken, die wie immer das Cover entworfen hat, und mir auch sonst als große Hilfe in Sachen Design beiseite steht. Und natürlich bei Lisa Frank von BookRix, die mir wie immer hilft, wenn es um den Vertrieb geht.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Kapitel 1

Kommissar Wengler war gerade dabei, sich eine Tasse Kaffee zu kochen. In Giesing. Zu Hause, bei sich, in seiner kleinen Küche unterm Dach, die an einer Seite eine Schräge hatte. Und dort auch das einzige Fenster, das zum bayerischen Himmel hinaus zeigte. Dieser war grau an diesem Morgen, jedenfalls auf der Seite, die man von hier aus sehen konnte. Nicht ganz grau. Mehr abwechselnd grau. Hell- und dunkelgrau, mit blau dazwischen, in variablen Abständen. Die Wolken zogen schnell wie ein D-Zug über den blauen Hintergrund, der sich auftat, wenn so eine Wolkenbank wieder einmal gen Osten gezogen war. Das Wetter kam immer aus dem Westen, aus der Biskaya, Frankreich. Vielleicht ein Grund, warum man in Bayern die Franzosen nicht so gerne mochte. Außer Lola Montez, natürlich, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Sie war zwar keine Französin, sondern Irin, die auch einmal in Indien gelebt hatte. Aber sie kam aus Paris, um unserem König Ludwig dem Ersten den Kopf zu verdrehen. Das reichte, um als Französin durchzugehen.

Tauben flogen am Dachfenster vorbei, und er hatte immer den Eindruck, als würden sie bei ihm hineinsehen. Er fühlte sich beobachtet. Im Sommer, wenn das Fenster offen war, sah man sie am Rahmen sitzen und neugierig ins Zimmer schauen. Sie streckten ihre Hälse so weit es ging in das Zimmer, als gäbe es dort irgendetwas, das für eine Münchener Taube von Wert sein konnte. Manche pickten sogar an die Scheibe, um auf sich aufmerksam zu machen. Dann stellten sie Sichtkontakt mit Herbert Wengler her, gurrten kurz zum Gruß und flogen ihrer Wege.

Auch kam so ab und an einmal ein kleiner Ast gegen die Scheibe geflogen, der sich von einem der wenigen Bäume gelöst hatte, die es noch in Giesing gab. Dann krachte es ein wenig, und man erschrak. Früher, ja, da gab es mehr Grünflächen. Sogar einen Spielplatz gab es mitten unter den Häusern, dort unten im Hinterhof, dem kleinen Park zwischen den Häusern. Dann ersetzte man diesen durch ein paar teure Eigentumswohnungen mit Tiefgarage, und das Grüne war gegangen. Abgelöst durch eine , graue Fassade. Mit glattem, pflegeleichtem Sichtbeton, wie man das nannte. Und Naturrostflächen. Immerhin hatte man die Türen rot angestrichen. Oder blau, damit man auch wieder sein Zuhause finden konnte. Manchmal waren die Fensterrahmen grün.

Auf der anderen Seite des Raumes, an der keine Schräge war, gab es eine kleine Küchenzeile. Graues Resopal, das aussehen sollte wie Marmor, diesen gewünschten Effekt jedoch total verfehlt hatte. Es sah mehr aus wie Resopal eben. Dann war da ein rostfreies Waschbecken aus Edelstahl, ein Ofen und ein unter einer Arbeitsplatte eingebauter Kühlschrank. 

Den Ofen konnte Herbert Wengler nicht bedienen, da man diesen erst programmieren musste, bevor er irgendetwas tat. Dazu gab es ein kleines Handbuch, in der die Schrift so groß war wie die Beschreibung der Nebenwirkungen auf einer Pillendose. Als hätte man den Inhalt einer Magazinseite auf einer etwas größeren Briefmarke unterbringen müssen. Das allein wäre nicht so tragisch gewesen. Lediglich das Deutsch, das offensichtlich von einem Chinesen übersetzt worden war, konnte er beim besten Willen nicht entziffern. Er war nie eine Koryphäe in Deutsch, aber das hätte bei seiner Deutschlehrerin Kreszenz Scheitelmeier, die ihn mehr oder weniger deswegen ignoriert hatte, mit Sicherheit eine glatte sechs eingefahren.

Der Kühlschrank war unter der Arbeitsfläche, die gerade einmal einen halben Meter lang war - und somit zwangsläufig relativ klein. Viel ging dort nicht hinein. Gerade einmal ein paar Bier und vielleicht 200 Gramm gemischter Aufschnitt von Sebastian Fettl, seinem Metzger in der Deisenhofener Straße, aber das reichte. Er aß sowieso meistens außerhalb. Weder der Ofen noch der Kühlschrank waren ein großes Problem für Herbert Wengler, da er weder Lust noch die Energie als wohl auch das Können aufbrachte, sich selbst etwas zum Essen zu kochen. Der Augustiner war ihm gerade recht. Und für ein paar Weißwürste und zwei Brezen, die er dort immer frisch bekam, zusammen mit einem kühlen Bier, brauchte es auch keine überteuerte Küche.

Einmal stand er in einem Geschäft für Haushaltsartikel und bestaunte einen programmierbaren Ofen, der mehr Computertechnologie in sich hatte, als der, mit dem man zum Mond geflogen war. Meinte jedenfalls der Verkäufer, ein junger Mann mit rechts rasiertem Schädel und links wallendem, vollem Haar. Sollte dieser einmal mit dem Gesetz in Konflikt kommen, müsste man ihn von beiden Seiten aus fotografieren, dachte er sich. Einmal als Vollhaar und einmal als Glatze.

Er hatte sich das also, sozusagen sekundär, einmal erklären lassen, wie so ein Ofen der Neuzeit funktionierte. Das heißt, eigentlich erklärte man es nicht ihm, sondern einem jungen Ehepaar, das mit halb offenem Mund neben einem dieser Monster stand und dem Verkäufer lauschte, der nicht schnell genug reden konnte. Man hätte auch einem Bericht der Tagung der Astrophysiker zuhören können. Vielleicht hätte man dann wenigstens verstanden, wovon dieser Professor in Sachen Elektroofen mit programmierbarer, eingebauter Mikrowelle und automatisch nachgezogenem Wärmespeicher in voller Euphorie berichtete. Er musste einfach danebenstehen und zuhören. Und dabei lächeln. Bis ihn der Verkäufer sah und fragte, ob er auch an so einem Wunder der Technik interessiert sei. Dann lachte er und sagte ihm: „so ein Schmarrn hab ich schon ewig nicht mehr g’hört.“

Der Verkäufer betrachtete ihn, als wäre er gerade von einem fremden Stern herunter gebeamt worden. Und dann ging Herbert Wengler kopfschüttelnd seiner Wege.

Und dieser Weg führte ihn eben an den Kaffeemaschinen vorbei. Nachdem er die Preise sah und immer weiter und weiter in die hintere Ecke ging, da er dachte, dort würden sie niedriger, stand er plötzlich vor diesem Glastrichter. Dieser war preismäßig zu verkraften. Unter 30 Euro. Das war wahrscheinlich günstiger als das extrafeine, mit Laser gelochte Sieb, von dem man an den italienischen Maschinen lesen konnte, die garantierten, das man ein noch nie da gewesenes Kaffeeerlebnis haben würde. Jedes mal aufs Neue. Immer wieder neu. Sollte man sich entschließen, ein solches mechanisches Wunder zu erstehen.

Er hatte sich also eine neue Kaffeepresse zugelegt, so eine französische. Man schüttete Kaffeepulver in ein zylindrisches Glas, goss heißes Wasser darüber und drückte langsam und bedächtig, das war das Wichtigste, ein Sieb durch das Wasser. Der Kaffeesatz sollte unten bleiben, der Kaffee selbst über dem Sieb. Er hatte sich das im Kaufhaus vorführen lassen und dachte, das wäre etwas für ihn. Die Demonstration war allerdings ohne Kaffee. Trocken. Die Verkäuferin war nicht davon zu überzeugen, dass es mit Kaffee besser aussehen würde.

Nicht dass er besonders gut auf die Franzosen zu sprechen war, aber da drückte er eben einmal ein Auge zu. Oder sogar zwei. Außerdem war die junge Frau in der Küchenabteilung ausgesprochen nett und hatte ihn mit ihrem Lächeln mehr als überzeugt.

Das mit den Franzosen hatte auch noch historische Hintergründe. Hintergründe aus seiner eigenen Geschichte, über die er nicht gerne redete. Sie hieß Monique und sprach kein Wort Deutsch. Dachte er jedenfalls, damals. Das war vor vielen Jahren in seiner Stammkneipe am Glockenbach, wo er sich manchmal mit seinen Freunden zum Schafkopfen traf. Er musste auf sie warten, und da kam dieses Mädchen in die Wirtschaft. Groß, schlank, lange braune Haare, roter Mund. Sie ging nicht, als sie schritt, nein, sie schwebte. Wie auf Wolken. Am Tresen vorbei, bis zu seinem Tisch. Dann fragte sie, ob sie sich setzen dürfe. In gebrochenem Deutsch, mit französischem Akzent. Sie war jung, zerbrechlich, sah blendend aus und schmiegte sich nach wenigen Minuten an ihn an. Nachdem er um einige Mark ärmer war und ihre Zunge immer loser wurde, stellte sich heraus, das sie eigentlich Monika hieß und aus einem Dorf kam, das Hinterhopfenbach hieß. Das kam allerdings erst ans Tageslicht, als seine Freunde bereits anwesend waren und ihn im gewissen Sinne beneideten. Wenn ihn seine Freunde besonders ärgern wollten, brauchten sie nur den Namen Monique erwähnen, und schon war der Tag für ihn gelaufen.

Er war an diesem Tag nicht ins Büro gefahren, das Wetter war zu schön, auch wenn sich die Wolken in atemberaubender Eile abwechselten. Es war ein lauer Tag, einer, den man in München zählen konnte, den man feiern musste. Nicht zu heiß und nicht zu kalt. Ein bisschen windig vielleicht, aber dennoch angenehm. Blauer Himmel, kleine Wolken. Er hatte schon Bescheid gegeben, dass er, wenn das Wetter nicht umschlagen sollte, einen Tag frei nehmen würde. Wenn es regnen sollte, meinte er, wär’s im Büro auch nicht am schlechtesten. Dann käme er schon noch. Andererseits würde er endlich einmal seine Überstunden abfeiern.

Am Abend zuvor waren er und seine Freunde, der Schäfer Franz aus Giesing und der Hintermeier Egon aus der Glockenbachstraße, noch im Augustiner gewesen. Man hatte dort zwei nette Frauen kennengelernt, die nicht aufhörten, begeistert davon zu erzählen, wie schön doch München sei und wie nett doch die Bayern wären. Trotz ihres zweifelhaften Rufes, den die Bayern ja doch hätten, wie sie immer wieder lachend betonen mussten. Und so gutaussehend wären die Bayern. Besonders die an diesem Tisch. Der Egon und der Franz fanden das unheimlich lustig und wollten gar nicht mehr heim, haben ein Bier nach dem anderen ausgegeben, sie zum Essen eingeladen. Bis die zwei Frauen dann auf einmal auf die Toilette mussten. Zusammen. Niemand wunderte sich, da Frauen grundsätzlich nur in größeren Gruppen auf die Toilette gingen, also ließ man sie ziehen. Dann kamen sie nicht mehr zurück.

Da der Kommissar von Anfang an sah, dass das nicht gut ausgehen würde, hatte er sich nicht an der spendablen Großzügigkeit der beiden beteiligt, mit der Ausrede, dass er nicht genug Geld bei sich hätte.

„Und jetz, ihr zwei Deppen? Habt’s des ganze Geld ausgeben und die zwei ham an schönen, freien Abend g’habt. Und jetz sind’s weg und lachen sich halb tot, dass die zwei Blöde g’funden ham, die’s eing’laden ham.“

„Aber schön war’s, oder net, Herbert?“

Dann lachten sie darüber und stießen noch einmal auf die Frauen an, die einen ja doch immer noch irgendwie im Bann hätten.

„Wie machen die des nur?“, fragte der Schäfer Franz in die Runde, erwartete jedoch keine Antwort. Man wusste es. Die Frage war mehr rhetorisch.

Dann schlief er aus, da er mehr getrunken hatte, als er wollte. Er machte das nicht oft, aber manchmal musste das sein. Irgendwie brauchte sein Körper ab und zu die Spülung, damit sein Gehirn wieder frei wurde und ordentlich arbeiten konnte, meinte er dann immer. Was allerdings das Innere seines Kopfes mit dem Bierkonsum zu tun hatte, war und blieb sein ureigenstes Geheimnis. Sollte ihn jemand darauf ansprechen, meinte er nur: „Davon verstehst du nix.“

Das Telefon klingelte.

„Halb zehn, mitten in der Nacht“, sagte er zu sich selbst und ging langsam zum weißen Schnurtelefon, das er sich schon vor vielen Jahren zugelegt hatte.

„Wie kannst nur mit so am oidn Zeug leben“, haben die Leute gemeint, die ihn besuchten.

„Heut braucht ma doch a Schnurloses. Weißt, so eins, des ma in alle Zimmer mitnehmen kann. Sogar aufs Klo kannst des mitnehmen und doch noch telefonieren.“

„Des letzte, was ich da brauch, ist a Telefon“, pflegte er darauf zu antworten und sah damit die Sache als erledigt an.

Nun also klingelte es. Penetrant.

„Was is?“, sagte er, als er es abhob.

Er war nie sehr höflich oder nett an seinem Telefon zu Hause. Die Leute, die seine Nummer kannten, waren seinen Ton gewohnt. Und die, die ihm etwas verkaufen wollten, wurden damit sofort in die richtige Richtung gewiesen. Eben aufzulegen. 

Es war Armin Staller, sein Assistent. Er wusste, dass sein Chef an diesem Tag nicht ins Büro kommen wollte, aber eine Leiche kann nicht warten, meinte er.

„Herr Kommissar, wir haben einen Toten. In einem Auto an der Raststätte Höhenrain, auf der Autobahn nach Garmisch.“

„Aha. Und was wollen wir in Höhenrain? Do is doch Starnberg zuständig, oder?“

„Wie immer haben Sie recht, Herr Kommissar, aber erstens ist der Tote in einem Auto mit Münchener Kennzeichen unglücklicherweise verstorben und hat eine Münchener Adresse, und zweitens haben die in Starnberg niemanden, der das übernehmen kann. Einsparungen und so, haben die gemeint. Es gäbe zu wenig Tote dort, als dass sich ein Kommissar bezahlt machen würde.“

„Zu wenig Tote? Da leben doch nur Alte. Musst amal hingeh'n, nach dem Starnberg. Da siehst es dann, in ihre Marineuniformen, als würden's jetz groß in See stechen. Mit so einer Kappen auf, da von Norddeutschland. Damit's die Toupets da am hirnlosen Schädel ned wegblast, verstehst. Dabei is des nur der Starnberger See, den'st in a halben Stund durchschwimmen kannst.“

„Tote, die nicht eines natürlichen Todes sterben, mein ich, Herr Kommissar.“

„So, und wir ham alle Zeit der Welt und nix zum Tun?“

„Bei diesem Wetter ist das doch ein schöner Ausflug in die freie Natur.“

„Du kannst mich mit deiner Natur. Hast den Brunner schon ang'rufen? Ich geh davon aus, dass die auch keinen Brunner haben, da unten.“

Dr. Brunner war der zuständige Gerichtsmediziner. Der Kommissar mochte ihn. Auf seine Weise, allerdings.

„Schon erledigt, die sind wahrscheinlich schon auf dem Weg. Ich habe eine Stunde gewartet, da ich Sie nicht aus dem Bett holen wollte.“

„Des spricht für dich, Armin. Ich drück mir jetz an Kaffee durch, und dann komm ich runter. In a halben Stund bin ich fertig, dann kannst mich abholen.“

„Sie drücken sich einen Kaffee durch? Wie soll ich das verstehen?“

„Französisch, Armin, verstehst? Mit so einer französischen Presse. Hab ich mir letztens zug'legt. Aber macht nix, wenn'st des net kapierst. Bis gleich dann.“

Damit legte er auf und preßte sich noch einen Kaffee durch das französische Sieb.

Kapitel 2

Ferdinand Gruber war Verkäufer. Handlungsreisender, wie man so sagt. Für Fenster und Türen. Besonders gute, doppelt verglast und manche sogar schusssicher, wie er immer wieder behauptete, wenn er seine Ware Leuten anbot, die gar keine neuen Fenster brauchten. Das war die Kunst, meinte er, jemandem etwas zu verkaufen, wovon derjenige, bevor er ihn traf, nicht einmal wusste, dass er es brauchte. Bevor man ihn davon überzeugt hatte, dass er ohne so ein neues Fenster nicht mehr leben konnte. Das Offensichtliche, nämlich jemandem etwas zu verkaufen, was er haben musste, war einfach uninteressant und langweilig. Wie Socken oder Unterhosen. Die braucht man immer, da gibts keine Frage und auch keine Handlungsreisenden.

Er fuhr die Dörfer ab, südliches München. Bis nach Wolfratshausen, im Osten bis Holzkirchen und im Westen bis Landsberg. Die Seenplatte Bayerns. München selbst hatte er nicht im Programm, das wurde von seinem erbitterten Widersacher betreut, dem Max Josef Beisser. Sie hatten gleichzeitig in der Firma angefangen und mussten sich hocharbeiten. Damals waren sie noch Freunde. Der Max hat ihn dann überholt, und damit war es dann auch vorbei mit der Freundschaft. Und der bessere der beiden bekam München. Ihm blieb das bayerische Oberland. Dort hatte er mit Bauern zu tun, die meist, das heißt eigentlich immer, alles besser wussten. Und auch nicht damit zurückhielten, es ihm zu sagen. Sie erklärten ihm, dass die Fenster schon der Großvater hat einsetzen lassen und es eine Schande wäre, die herauszureißen. Eine Schande, da würde der sich noch im Grab umdrehen, der Großvater. Dagegen war kein Kraut gewachsen. Nur die Neusiedler, die Dazugezogenen, die aus der Stadt aufs Land wollten, die hatten Verständnis für die Technik des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Nur aber meistens kein Geld, da sie sich mit dem Hauskauf sowieso schon übernommen hatten. Eine verzwickte Welt war das, wie er sich immer wieder sagte.

Ferdinand Gruber also, der die Leiche zufällig entdeckt hatte, stand neben dem Wagen, in dem der Tote regungslos saß und wartete auf die Polizei. Zusammen mit dem Wachtmeister Tobias Schneeriegel, der als Erster am Tatort eintraf, nachdem der Herr Gruber die 110 angerufen hatte. Dieser sagte ihm am Telefon, er solle sich dort, wo er sei, zur Verfügung halten, bis er käme.

„Ja, aber ich muss weiter, Herr Wachtmeister“, meinte er etwas ungeduldig.

„Wissen's, Zeit is Geld. Den Toten können's ned verpassen, der is in dem Mercedes. Ein grauer Mercedes is des, mit einem Münchener Kennzeichen. Steht grad hier am Parkplatz. Am Ende, kurz bevor's wieder auf die Autobahn geht.“

„Jetz bleiben’s da, Herr Gruber, bis ich da bin. Dauert nur a paar Minuten. Soviel Zeit müssen's jetz scho ham. Ist a Dienst an der Gemeinschaft. Und wenn ich dem Kommissar erzähl, dass ich sie hab gehen lassen, wird der narrisch. Und glauben's mir, des wollen's ned erleben.“

Thomas Schneeriegel kannte den Kommissar überhaupt nicht. Er wusste auch nicht, wie er reagieren würde, aber es half. Herr Gruber erklärte sich schweren Herzens bereit, auf ihn zu warten. Also setzte er sich in seinen Wagen, der neben dem des Toten stand und wartete. Wachtmeister Schneeriegel fuhr so schnell er konnte zum Fundort der Leiche. Er wollte sichergehen, Herrn Gruber auch wirklich dort anzutreffen. Als er dessen Wagen stehen sah, parkte er seinen blau-weißen Dienstwagen genau so, dass der Herr Gruber ihn bitten musste, zur Seite zu fahren, wollte er wegfahren. 

Es dauerte keine weitere Stunde und Wachtmeister Schneeriegel konnte dem Kommissar die Hand schütteln. Das heißt, er wollte, nur hatte der Kommissar keine Lust dazu. Er ließ seine Hände in den Taschen, dort wo er sie hingesteckt hatte. Er wurde an einem ruhigen Tag, den er plante im Englischen Garten zu verbringen, auf einen ungemütlichen Autobahn-Rastplatz zitiert.

„Jetz könnt ich so schön am Turm sitzen und eine Maß trinken“, meinte er leise zu sich selbst, als er sich umsah. Die Autos rasten an ihm vorbei und wirbelten losen Staub auf, der seine Nase verstopfte.

Aber es dauerte nicht lange, und er hatte sich mit seiner Alternative abgefunden.

„So, Herr Wachtmeister, dann erzählen’s amal, was hier los is.“

„Ja, Herr Kommissar?“

„Wengler, Kommissar Herbert Wengler.“

„Ja, gut, Herr Kommissar Wengler, des in dem blauen Auto da, des is ein gewisser Herr Gruber. Der hat unsere Dienststelle ang'rufen und hat g’meint, da wär ein Toter in dem Auto, da in dem grauen. In dem da daneben.“

Der Kommissar, der währenddessen langsam auf die beiden Autos, die nebeneinander standen, zuging, hörte aufmerksam zu. Der Wagen des Herrn Gruber, ein Kombi, hatte ein großes Fenster und eine Tür aufgemalt, daneben eine junge, hübsche Frau, die mit ihrer Hand auf den Schriftzug „Fenster und Türen Zimmerer“ wies. Die hinteren Seitenscheiben waren mit dem Poster verdeckt worden. Von dort aus nach vorne verlief das Bild in das Blau eines bayerischen Rautenmusters, das am Kotflügel zwangsläufig endete. 

Am Wagen angekommen, sah man durch die offene Tür einen Mann sitzen. Ende dreißig, dunkle, halblange Haare, mit einem relativ einfachen Ausdruck im Gesicht. Irgendwie sah man Menschen doch immer die fehlende Intelligenz an, fiel dem Kommissar ein, als er Herrn Gruber dort im Auto betrachtete. Er saß einfach da und betrachtete seine Finger, als hätte er sie zum ersten Mal in seinem Leben gesehen. Das passiert öfter, dachte sich der Kommissar, und er wunderte sich immer wieder, warum Menschen das machten.

Kommissar Wengler blieb neben dem Auto stehen und wartete, bis der Mann, der dort saß, sich bewegte. Dann trafen sich die Blicke. Der Kommissar war der erste, der zu reden anfing.

„Herr Gruber, nehm ich an?“

„Ja, und wer sind Sie?“

„Kommissar Wengler, Mordkommission München. Sie ham den Toten g’funden und die Polizei ang’rufen?“

„Ja, ich bin hierher g’fahrn, was schon eine halbe Ewigkeit her is, wollt da parken, und hab den da im Auto g’sehn. Z’erst hab ich mir denkt, der schlaft, aber dann, wie ich besser nachg'schaut hab, hab ich g’sehn, das da Blut aus seinem Kopf raus läuft. Des, hab ich mir denkt, is nicht normal. Dann bin ich noch näher dahin ’gangen und hab noch besser nachg’schaut.“

Es entstand eine Pause, in der sich der Herr Gruber wieder seinen Fingern widmete und einen tiefen Seufzer ausstieß.

„Und dann?“, meinte der Kommissar.

„Ja, dann hab ich die Polizei ang’rufen. Wie ich dem Wachtmeister g’sagt hab, dass ich weg muss, hat der g’meint, dass ich hier bleiben soll, weil Sie sonst mit mir was machen, was mir nicht g’fallen tät.“

„Hat er des g’sagt, der Herr Wachtmeister?“

Kommissar Wengler sah Wachtmeister Schneeriegel, der neben ihm stand, eingehend an, der ob dieser Aussage seinen Kopf neigte. Man sah, es war ihm irgendwie peinlich.

„Ham’s gut g’macht, Herr Wachtmeister“, meinte der Kommissar jovial, was den Wachtmeister wieder in bessere Stimmung brachte.

„Und genau was wollten Sie auf dem Parkplatz? Ich mein, des is ja nicht gerade a Platz wo man hingeht, weil der so schön is.“

Herr Gruber schnaufte wieder tief, als wollte er sagen, dass dieser Mensch Fragen stellte, die absolut keinen Sinn machten. Aber das ist eben so bei der Polizei, dachte er sich. Auch er selbst redete manchmal Stuss, ohne Sinn. Gehört zum Geschäft. 

„Herr Kommissar, ich bin den ganzen Tag mit der Kisten hier auf der Straßen und irgendwann muss ma halt amal, wenn’s des verstehn. Und da ich kein Badezimmer in dem Auto hier hab, muss ich des halt so machen.“

„Und dann stell’n sie sich ans Ende von dem Parkplatz? Die ganze Reihe is leer, und Sie nehmen den letzten Platz? Da frag ich mich schon warum.“

„Ja, da ham’s Recht, Herr Kommissar. Ich hätt an jeden andern Platz nehmen können, und wenn ich des jetz so richtig überleg, hätt ich des auch tun soll’n. Weil da wär ich schon lang wieder weg und hätt nix g'sehn. Dann hätt ich auch meine Termine einhalten können, die ich jetz alle hab absagen müssen wegen dem Zirkus hier. Aber wenn’s heut aufs Häusl gehen woll’n, müssen’s 70 Cent hinlegen. Und dann kriegen's an Gutschein und können sich a Schokolade kaufen. Ich hab so viele Gutscheine, da kann ich ein G’schäft aufmachen mit dene.“

„Sehn’s des als Dienst an der Gemeinschaft, Herr Gruber, wofür Ihnen die Gemeinschaft sehr dankbar is. Kennen Sie den Toten? Ham’s denn schon amal vorher g’sehn?“

„Nein, den hab ich noch nie g’sehn, noch nie. Ich mein, außer vorhin halt. Wie ich kommen bin, mein ich.“

Herr Gruber saß immer noch in seinem Auto und musste jedes mal den Kommissar von unten ansehen, was ihm scheinbar auch nicht gefiel, da er seinen Kopf nach hinten biegen musste. Also stieg er aus und stellte sich neben ihn. Er war einige Zentimeter größer als der Kommissar, aber das waren die meisten. Irgendwie dachte sich Kommissar Wengler, dass er früher größer war, aber es konnte auch sein, dass die Leute heute länger waren. Darüber ließe sich streiten, meinte er zu sich selbst, als der Herr Gruber neben ihm stand.

Es war kein schöner Platz, den sich der Tote ausgesucht hatte. Das meiste war Parkplatz, dahinter eine kahle Wiese, der das Gras fehlte. Weiter hinten wiederum ein paar Büsche, die ungepflegt vor sich hin wucherten. Man sah sonst nur die schmutzige Erde zwischen kleinen, grünen Inseln und allen möglichen Unrat, den die Leute dort unbedacht hingeworfen hatten. Plastikflaschen, Papier, Schachteln und Alufolien von Schnellrestaurants und Burgerbuden. Der Papierkorb war übervoll, der Deckel stand halb offen. Fliegen hatten ihr Stelldichein und scheinbar auch ihren Spaß, da sie zuhauf darum herum kreisten. Scheinbar war dieser Ort auch die Hundetoilette, da um die Bäume herum alles wie verbrannt aussah. Ein paar Bänke standen dort, die mit Graffiti übersprüht waren. Den meisten fehlten Latten, sodass man sich nur an manche Stellen setzen konnte. Einem Tisch, den man für eine Rast hätte gebrauchen können, fehlte die Platte. Sie lag einige Meter entfernt in den Büschen, zugewachsen mit Unkraut. Wobei das Unkraut den Gesamteindruck nicht verschlechterte, ganz im Gegenteil. Es gab dem ganzen etwas Landschaftliches. Sollte man nur das sehen, und den Parkplatz vergessen, wäre es sogar schön. 

Der Kommissar dachte darüber nach, dass man alles nur im richtigen Winkel des Betrachtens sehen musste. Er erinnerte sich an ein Bild  vom Ruhrgebiet, mit grünen Wiesen, bunten Blumen und alten Bäumen. Parkbänke dazwischen und einem kleinen Weiher, auf dem Enten schwammen. Unser grünes Wanne-Eickel, stand auf dem Bild. Das sah fast so aus wie in Bayern, dachte er sich damals. Dann gab es noch ein weiteres Bild daneben, auf dem stand, dass dies derselbe Standpunkt war, nur genau dahinter, um 180 Grad gedreht. Man sah verfallene Fabrikgebäude, halb zerfallene Kamine und kaputte Zäune, hinter denen aller möglicher Müll lag. Also eben alles eine Frage des Blickwinkels, dachte er sich damals.

Mehrere Wägen rollten an und fuhren an der Gruppe, die sich dort versammelt hatte, vorbei. Sie parkten einer nach dem anderen, Leute stiegen aus, nahmen Koffer und Gerät, und gesellten sich dazu.

„Herr Kommissar, hier sind wir“, meinte Dr. Brunner, der Chef der Gerichtsmedizin. Alle anderen stellten sich mit silberfarbenen Koffern hinter ihm auf und warteten. Die Leute des Herrn Mergentheimer von der Spurensicherung warteten nicht auf Anweisungen, sondern begannen umgehend, zu arbeiten.

„Seid’s auch schon da? Hat ja nur a paar Stunden dauert.“

„Und wo is er?“, meinte Dr. Brunner, den Kommentar des Kommissars geflissentlich überhörend.

„Den Verschiedenen, meinen’s, Herr Doktor?“

„Nein, mein lieber Herr Kommissar, ich meine den Ermordeten. Die, die einfach sterben, warum auch immer, die sind nicht mein Metier. Um die kümmert sich der Totengräber.“

„Er ist noch im Auto“, meinte Armin, der das Gespräch weiterführen wollte. Er wusste, dass der Kommissar nicht gut auf Dr. Brunner zu sprechen war. Sie mochten sich irgendwie auf eine besondere Art, die wahrscheinlich nur sie beide zu erklären und schätzen wussten. Er wollte den Disput im Keim ersticken, wenn er das später auch wieder zu hören bekam. Kommissar Wengler wollte ganz einfach immer ein bisschen sticheln. Es bereitete ihm diabolische Freude. 

„Aha. Danke, Herr Staller. Leut, aufbau’n. Die ganze Musik. Des wird was dauern. Wenigstens is schön’s Wetter.“

Man brachte ein Zeltdach, ein paar Klapptische, Stühle, etliche Koffer, Kameras mit Stativen und große Lampen. Dann sperrte man den Bereich großräumig ab. Man hätte meinen können, dass dort ein Film gedreht würde. Danach zogen sich alle Beteiligten ihre weißen Overalls an und machten sich an die Arbeit.

Wachtmeister Schneeriegel, der das scheinbar noch nie gesehen hatte, stand mit offenem Mund an sein Auto gelehnt da und staunte.

„Jetz können’s Ihren Mund schon wieder zumachen, Herr Wachtmeister. Ham sie die Adresse von dem Herrn Gruber aufnotiert?“

Der Wachtmeister drehte sich Kommissar Wengler zu und meinte:

„Des hab ich immer nur im Fernsehen g’sehn, Herr Kommissar. Des is aber schon gewaltig da, der Aufwand. Wir ham ja nicht so viel Morde bei uns, müssen’s wissen. Eigentlich, wenn ich ehrlich bin, noch keinen seitdem ich dabei bin.“

„Des muss angenehm sein, in so einem ruhigen Teil unseres schönen Oberlandes zu wohnen. Die Adresse? Ham’s die?“

„Hab ich, Herr Kommissar, selbstredend. Wollen’s die ham?“

Kommissar Wengler schüttelte leicht verwundert den Kopf.

„Armin, bitte nimm’s auf. Ich schau mir amal den Toten an. Und schau, ob du was über den Herrn Gruber im Internet find’st.“

Damit wollte der Kommissar Richtung Auto gehen, in dem der Ermordete saß. Er wurde von Herrn Gruber aufgehalten. Verbal.
     „Was ist denn nun mit mir, Herr Kommissar?“, hörte er ihn sagen.
     „Ja, Herr Gruber, des wär’s dann fürs Erste. Ich glaub, heut brauch ma Sie ned mehr. Wir ham Ihre Adress’, und wenn wir was brauchen, dann ruf ma Sie an.“

Damit ging der Kommissar zum Auto des Ermordeten und stellte sich daneben. Dort standen zu viele Leute herum, als dass er wirklich etwas sehen konnte. Alle betrachteten ihn irgendwie erstaunt, so als wäre er ein Fremdkörper, der nun überhaupt nicht zu dem Ganzen passte.

„Hamma schon was, Herr Doktor?“, fragte der Kommissar, als Dr. Brunner seinen Kopf kurz aus dem Auto nahm; die erste Unterbrechung, seit er mit seinen Untersuchungen begonnen hatte.

„A bisserl was. Erschossen is er worden. Glatter Durchschuss durch’s Hirn. Die Kugel müsst noch da in der Verkleidung stecken, weil im Kopf ist sie nicht, da sind zwei Löcher. Und da neben auf dem Boden is a Unterhosen, so a knappe, wie bestimmte Frauen die immer an ham. Wissen’s eh, was ich mein. Die muss des schon eilig g’habt ham, wenn die nicht amal Zeit g’habt hat, das sie sich die wieder anzieht.“

„Sie meinen, da wär noch jemand drin g’wesen, als des passiert is?“

„Kann sein, kann auch nicht sein, aber des werden wir schon noch rausfinden. Die Hosen von dem Toten is vorn auf. Des wär ein Indiz, das da was g’laufen is. Aber was Sicheres wissen wir erst, wenn wir des alles untersucht ham.“

„Wissen’s schon, wann der g’storben is?“

„Ja, des is nicht so einfach, aber ich nehm amal an, so um Mitternacht, vielleicht auch a bisserl später. Genaues ...“

„Ja, verstanden, nach der Obduktion.“

Kommissar Wengler ging um das Auto herum, untersuchte ein wenig die nähere Umgebung, schob mit den Füßen ein wenig den Unrat herum und setzte sich schließlich auf eine Bank. Neben dem Tisch ohne Platte. Die einzige Bank, die mehr als zwei Latten hatte, auf denen man sitzen konnte. Er wollte dem Treiben zusehen und warten, ob man etwas finden würde. Herr Gruber war mittlerweile abgefahren. Auch dem Wachtmeister hatte er gesagt, dass er sich nun wieder den Starnbergern widmen möchte, die ihn sicher schon vermissen würden.

Armin Staller gesellte sich nach einiger Zeit zu ihm.

„Hamma was, Armin?“, sagte er und sah ihn von unten an.

„Ja, wir wissen, dass der Mann Richard Schuster heißt und in Schwabing gemeldet ist. Er ist, wie man so sagt, Vermögensberater. Jedenfalls steht das im Internet. Ich habe nachgesehen, und er hat eine richtig beeindruckende Website, auf der er für sich Reklame macht. Er verdoppelt Ihr Geld in nur ein paar Monaten, meint er. Das wäre doch was. Vielleicht haben Sie ja was auf der Seite, was nur so herumliegt.“

„Ja, für sich selbst verdoppeln vielleicht. Und außerdem is er tot, Armin. Der verwaltet keine Vermögen mehr. Und schon gar nicht meins.“

„Er sicher nicht, aber er hat noch einen Partner.“

„Aha, und wer is des?“

„Steht hier nicht. Nur Schuster und Partner.“

„Ach ja, Partner. Ich hab einmal einen kennt, Armin, der hat a G’schäft g’habt. Fenster putzen. War mein Nachbar, in Giesing. Zwei Eingänge weiter oben. Auf seinem Auto war die Nummer 46 ganz groß drauf g’standen. Ja, sag ich, Hubert, so hat der g’heißen, ich hab gar nicht g'wusst, dass dein Laden so viele Autos hat. Ich seh dich immer nur in dem einen da. Hat’s auch nicht, Herbert, hat er g’meint. Sieht aber besser aus. Oder soll ich dahin schreiben, Einzelkämpfer? Klotzen, verstehst, Herbert, nicht kleckern, klotzen. Recht hat er g’habt. Dann hat ihn amal eine Straßenbahn von der Seite mitg’nommen. Die hat auch nicht kleckert, des kannst mir glauben. Und sei Nummer 46 war weg.“

„Ich weiß, was Sie meinen, Herr Kommissar, aber es könnte doch sein, das er jemanden hat. Einen Partner, meine ich.“

„Ja, des könnt sein. Des find ma raus. Und jetz lass uns fahr’n. Die Gegend ist net grad des, was ich brauch zum Glücklichsein.“ 

„Wir sind aber auch nicht hier, weil wir glücklich sein wollen.“

„Da hast du wieder recht. Trotzdem hätt'st dir des sparen können. Des weiß ich auch.“

Der Kommissar stand auf, und beide gingen langsam zum Auto zurück. Die Spurensicherung war schwer am Arbeiten. Inzwischen war der Leichenwagen eingetroffen, und man bugsierte den Toten langsam aus dem Fahrzeug. Er war schwer, gute 150 Kilo. Man brauchte vier Mann und eine gute Ladung bayerischer Schimpfwörter, bis man es endlich geschafft hatte.

Als er auf der Bahre lag, meinte der Kommissar, es wäre gut, wenn man sich ihn doch noch einmal ansehen würde. Langsam ging er in Richtung des Fahrzeugs, neben dem der Tote aufgebahrt war. Die Leute, die ihn herausbugsiert hatten, standen da, ihre Hände auf die Knie gestützt, und mussten erst einmal tief Luft holen.

„Des war a Brocken, Herr Kommissar“, meinte einer der Leute von Dr. Brunner, der geholfen hatte.

Dr. Brunner gesellte sich dazu.

„Ich wollt nur amal schaun, was da war. Is immer gut, wenn man den Toten amal g’sehn hat. Ich mein in voller Größe.“

„Ja, des kann nicht schaden“, meinte Dr. Brunner.

„Der Schuss muss grad von der Seiten da rein.“

Damit zeigte er auf das Einschussloch, das an der linken Schläfe zu sehen war. Es war ein kleines, unbedeutendes Loch. Da das Blut verkrustet war, konnte man fast meinen, es wäre nur ein kleiner Kratzer.

Herr Schuster war, wie gesagt, sehr schwer, hatte ein rundes, aufgedunsenes Gesicht mit einem Zweitagebart. Die schwarzen Haare waren mit viel Pomade nach hinten gekämmt. Er hatte fleischige Hände, kurze Finger. Auf zwei dieser Finger waren dicke Ringe mit bunten Steinen aufgeschoben. Am rechten Arm trug er mehrere goldene Ketten. Am linken war eine goldene Rolex zu sehen. Auch um den Hals hatte er eine schwere Kette aus Gold mit einem Kreuz, das in der Mitte einen Diamanten hatte. Bekleidet war er mit einem dunklen Anzug und einem hellblauen Hemd. Die oberen Knöpfe waren geöffnet. Das Jackett und eine rosa Krawatte lagen auf dem Rücksitz.

„Ich glaub, der war ahnungslos, weil des Fenster auf war. Vielleicht is jemand kommen, hat ans Fenster klopft, der hat des runterlassen und ‚bumm‘, fertig war’s.“

„Ja, Herr Doktor, des könnt’s g’wesen sein. Raubmord war’s sicher nicht.“

Herbert Wengler sah Dr. Brunner etwas verwundert an, drehte sich um und ging Richtung Auto. Armin war neben ihm.

 „‚Bumm‘, hat er g’sagt, als wär des so a amerikanische Serie. Bin froh, dass der die Toten nur aufschneidt' und nicht den Mörder finden muss.“

„Er wollte halt nur sagen, wie sich die Tat abgespielt haben könnte.“

„Ja, Armin, nimm ihn nur in Schutz. Und wir gehen jetz amal in die Wirtschaft, vielleicht ham die ja was g’sehn oder g’hört.“

Kapitel 3

Die Raststätte war keine fünfzig Meter vom Schauplatz entfernt. Auf dem Weg dorthin hatten sich bereits mehrere Menschen versammelt, die dem Treiben zusahen. Sie diskutierten, was dort wohl passiert sei.

Unbeeindruckt davon suchten sich die beiden einen Weg zum Eingang. Man hörte Gesprächsfetzen, aber nichts Definitives. Alles verstummte plötzlich, als sich der Kommissar näherte. Man sah sie an, als wäre das die Oscar-Verleihung – so, als würden sie jetzt über den roten Teppich in das Theater gehen. Es fehlten nur noch das Fernsehen und die Paparazzi.

An der Tür angekommen, öffnete diese sich mit einem leisen Rauschen. Alles war hell erleuchtet, auch wenn es draußen durchaus noch Tageslicht gab. Sie gingen geradewegs zur Kasse, an der eine kleine, runde Frau in einem blauen Schürzenkleid saß und ihre Nägel betrachtete. Warum schaun bloß alle heut ihre Nägel an?, dachte sich der Kommissar.

 „Stören wir?“, fragte der Kommissar als sie hinter ihr standen. Sie drehte sich bedächtig mit ihrem Stuhl um und sah den beioden Kommissaren ins Gesicht. Auf dem Namensschild stand Elfriede Schramm. 

„Na, is eh nix zum Tun. Die stehn alle da draußen und schaun dem Spektakel da zu. Ich möcht bloß wissen, was da so interessant is. Als ob die noch nie an Toten g’sehn ham. Mei Cousin is g’storben vor vier Wochen, oder so. Kann auch schon a bisserl länger her sein. Jedenfalls ham’s den in der Kirch ausg’stellt, wie eine Statue. Da g’legen is er in dem Sarg, mit an dunklen Anzug und einer Krawatten. Der hat doch nie in sein Leben an Anzug ang’habt. Und schon überhaupt keine Krawatten. Und g'’soffen hat der wie a Loch. Dann ham’s dem auch noch des G’sicht gepudert, als wenn des was hat machen können. Der hat auch so noch ausg’schaut wie die Sau. Aber des Essen beim Neuwirt war gut, des muss ma scho sagen.“

Der Kommissar ging nicht auf diesen Kommentar ein, sondern lächelte nur ein wenig.

„Kommissar Wengler, und des is Armin Staller, mein Assistent“, wobei er auf Armin deutete.

„Wir hätten gern den Chef g’sprochen.“

„Die Chefin, Herr Kommissar. Des Regiment führt hier eine Frau, deswegen geht des auch so gut. Der Mann, den wir vorher g’habt ham, der hätt des bald ruiniert, des G’schäft. Und die is im Büro.“

„Gut gnädigste Frau Schramm, und wo is des Büro?“

Die Frau an der Kasse sah den Kommissar an, als wollte sie sagen, das weiß doch jedes Kind, wo das Büro ist. Dann holte sie tief Luft.

„Am Besteck vorbei und links. Privat steht drauf. Da müssen’s klingeln und dann kommt’s raus. Wenn’s drin is. Sie kann aber auch auf den Knopf drücken, den’s da am Schreibtisch hat. Aber des is nur für normale Leut.“

„Aber sie ham doch g’sagt, das drin is.“

„Wissens was, gehn’s da hin und schaun’s selber. Des is alles, was ich weiß.“

Dann drehte sie sich wieder um und wartete auf den nächsten Kunden, der nicht kam, da alle draußen standen. Das Lokal selbst war wie ausgestorben. Der Koch mit einer weißen Mütze, die ungefähr einen halben Meter hoch war, stand mit aufgestützten Armen hinter der Essensausgabe und sah die beiden an. Er lächelte. Manchmal rührte er in den rechteckigen Trögen, die unter dem Glas standen. Es dampfte aus den Töpfen. Fast hätte der Kommissar Hunger bekommen.

Es gab Putenschnitzel mit Pilzen, stand groß auf einer schwarzen Tafel, die mitten im Raum stand. Danach noch Apfelstrudel mit Vanillesoße. Alles als Mittagsmenü zum Sonderpreis. Am Ende der Theke war ein Getränkeautomat. Daneben standen viele Gläser in blauen Plastikträgern. Dort gab es auch Bestecke und Servietten. Das war wohl der Bereich, den Frau Schramm angesprochen hatte. Der Kommissar ging langsam auf die Stelle zu, Armin hinter ihm her. Dort angekommen, sah er die graue Tür mit der roten Klinke aus Plastik. Und mit der Aufschrift ‚Privat’. Darüber eine kleine Kamera. Er klopfte. Dann ertönte ein Summen, und Armin lehnte sich gegen die Tür, die sich langsam öffnete. Sie waren also ‚normale’ Leute.

„Kommen’s rein, meine Herren. Hab eh schon auf Sie g’wartet“, hörten sie, als sie beide den Raum betraten.

„Kommissar Wengler und mein Assistent Armin Staller. Und wieso genau ham Sie auf uns g’wartet?“

Armin schloss die Tür hinter sich. Eine Frau mittleren Alters saß hinter einem großen Schreibtisch aus hellem Holz. Der Tisch stand halb schräg am Ende des Raumes. Die Seiten waren beide mit Schrankwänden vollgestellt. Im selben Holzdesign wie der Tisch. Hinter dem Schreibtisch war ein Fenster mit Blick auf den Hinterhof des Restaurants. Fahles Sonnenlicht fiel aus einem Winkel längs ins Zimmer. Man sah einige Leute dort stehen und rauchen. Neben dem Schreibtisch gab es eine kleine Palme, auf der Fensterbank draußen einen Blumenkasten. Die Pflanzen darin hingen traurig über den Rand.

Auf dem Tisch standen drei Bildschirme nebeneinander, die die Frau halb verdeckten. Ansonsten war alles sehr gepflegt und aufgeräumt. Vor den Monitoren stand eine Tastatur. Die Frau hinter dem Tisch stand auf.

Sie war schlank und hatte blonde Haare, die leicht gewellt auf ihre Schultern fielen. Ihre wachen, blauen Augen verrieten, dass sie alles um sich herum genau beobachtete. Es schien ihr nichts zu entgehen. Eine Lesebrille hing auf ihrer Brust, gehalten von einer goldenen Kette. Sie trug eine weiße Bluse auf einem blauen Rock.

„Maria Kernschreiber. Setzen Sie sich, meine Herren.“

Vor dem Schreibtisch standen zwei bequem aussehende, gepolsterte Stühle. Die Lehnen bogen sich nach hinten, wenn man sich dagegen lehnte.

„Warum ich Sie erwartet habe?“, fragte sie, ohne eine Antwort des Kommissars abzuwarten.

„Weil wir hier alles und jeden 24 Stunden beobachten, Herr Kommissar. Ich hatte Sie schon auf dem Schirm, als Sie durch die Tür hereinkamen. Dann sind Sie zu Frau Schramm gegangen, und nun sind Sie hier. In der heutigen Zeit kann man nicht vorsichtig genug sein. Was können wir für Sie tun?“

„Und warum ham Sie g’wusst, dass wir von der Polizei sind?“

„Weil Sie durch die Absperrung durch sind, ganz einfach.“

„Das heißt, Sie haben überall Kameras, auch auf dem Parkplatz?“, fragte Armin Staller.

„Richtig, nur muss ich Sie enttäuschen, in der Nacht sieht man da nicht sehr viel, falls Sie denken, wir haben den Täter auf Video. Das wäre wohl ein bisschen zu einfach, oder?“

„Wir brauchen die Aufzeichnungen trotzdem. Alle, die Sie haben.“

Frau Kernschreiber nahm ihr Handy und drückte eine Taste. Dann legte sie es wieder auf den Tisch.

„Ich nehme an, des Restaurant is immer offen“, fragte der Kommissar.

„Ja, durchgehend. Sieben Tage die Woche. 24 Stunden.“

In diesem Moment kam ein junger Mann durch die Tür. Er stand hinter den zwei Kommissaren, die sich nach ihm umdrehten.

„Das ist der Herr Stangl, unser Mädchen, oder besser ‚Mann’, für alles. Er ist für die Wartung der Anlagen und für die Sicherheit hier zuständig. Und weiß am besten, wo die Kameras sind.“

Frau Kernschreiber ging wieder auf ihren Platz, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Arme.

„Das, mein lieber Herr Stangl, sind die Herren von der Polizei, und die wollten die Aufzeichnungen sehen von den Kameras da draußen am Parkplatz.“

„Und auch vom Rest der Gegend, bitte“, ergänzte Armin.

„Es könnte ja sein, dass man ihn besser sieht, wo Licht ist. Vielleicht haben wir ein paar Bilder, auf denen man ein Auto sieht, das dort hinfährt.“

„Wann soll jetz des g’wesen sein?“, sagte Herr Stangl.

„Ja, ich würd sagen so zwischen 10 Uhr abends und 5 Uhr morgens, des würd schon amal reichen, für den Anfang“, sagte Kommissar Wengler.

„Ich werd Ihnen eine Kopie machen. Sollt in 10 Minuten fertig sein.“

Damit verließ Herr Stangl den Raum.

„Ja, meine Herren, kann ich mit noch was dienen?“

„Ja“, kam es vom Kommissar.

„Wir nehmen an, dass in dem Auto noch eine weitere Person war, vielleicht so eine Frau, na ja, die man kaufen kann, wissen’s schon, was ich mein.“

„Eine Prostituierte, meinen Sie. Sagen’s des nur. Ist ja keine Schande. Ja, das kann schon sein. Eigentlich ist das ja verboten, aber die Polizei schaut da oft nicht so genau hin. Die meisten sind immer am Sonntag da, weil dann die Lkws dort stehen und die Fahrer Langeweile haben. Nehme ich an. Können ja nicht weiter am Sonntag. Oder vielleicht auch aus anderen Gründen. Des können Sie besser beurteilen als ich. Dann ist hier immer volles Haus. Was Sie ansprechen, das mit den Mädchen, spielt sich allerdings immer nur dort hinten ab. Hinter den Lastwagen. Von hier aus sehen Sie das nicht. Das ist so eine stille Vereinbarung mit der Polizei, glaube ich. Unter der Woche ist das allerdings immer sehr ruhig. Wenn jemand da war, dann wahrscheinlich auf Bestellung.“

„Auf Bestellung?“

„Ja, die haben doch alle ihre Lieblingsdamen, Herr Kommissar. Anruf genügt.“

„Kennen Sie diese Damen?“, wollte Armin wissen.

„Kennen ist ein bisschen zu viel gesagt. Die kommen her und trinken ihren Kaffee oder essen was. Meistens, wenn niemand anders mehr da ist. So nach Mitternacht. Wir sind eine ruhige Tankstelle um die Zeit. Kein Verkehr, außer im Winter, am Wochenende, wenn die Skifahrer kommen. Oder im Herbst, wenn alle mit ihrem Sonnenbrand im Gesicht von Italien hochfahren.“

„Und wo sind die stationiert, wenn die nicht da sind?“, fragte der Kommissar.

„Ich mein, wo kommen die her, die Damen?“

„Ja, Herr Kommissar, das weiß ich nicht. Aber da die immer mit Wohnwägen hierherkommen, nehme ich an, die können überall parken.“

„Ja, des is richtig. Fahrendes Volk. Schwer zum Erwischen. Aber vielleicht weiß des ja unser Freund in Starnberg.“

Die Tür ging auf. Herr Stangl kam herein und ging langsam auf den Schreibtisch der Frau Kernschreiber zu. Dort übergab er ihr einen Stick mit den Daten der Kameras, wie er bemerkte.

„Des is alles, was ich hab. Eine Kamera war kaputt, aber des sollt schon des sein, was Sie brauchen.“

„Ich nehme das, Frau Kernschreiber“, sagte Armin Staller und streckte die Hand aus.

„Ja dann“, sagte der Kommissar und stand auf.

„Dann danken wir Ihnen, und vielleicht sieht man sich ja mal wieder.“

„Des würd mich sehr freuen, Herr Kommissar“, sagte Frau Kernschreiber und lächelte ...

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