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Supernatural Planet 1

T. M. Wulf

Supernatural Planet 1

Zuflucht der Verfolgten


“Next stop everywhere…“ Doctor Who Dieses Buch möchte ich mehreren Persönlichkeiten widmen, da sie mir große Inspirationen in meiner „Welt der Begabten“ waren und immer noch sind: David Tennant (für Tobias Falk), Peter Capaldi (für Sean „Mac“ Mackenzie) und der BBC. Und darüber hinaus Sir Patrick Stewart (für Hork).


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

1. Dominic Keller – Der geheimnisvolle Zuhörer

»Nicky!«

»Nickyyy!« Die unangenehme, schrille Stimme hallte durch das ganze Schulgebäude. »Dominic! Jetzt bleib doch mal stehen! Ich muss dir etwas erzählen!«

Eigentlich wäre der schmächtige, dunkelhaarige Junge lieber davongelaufen, als er die fordernde Stimme hörte. Annika war, selbst wenn er es auf seine nette Art ausdrücken würde, etwas… nervig, etwas sehr nervig. Aber Dominic Keller war viel zu höflich. Also drehte sich der Zwölfjährige schwungvoll zu dem Mädchen um und begrüßte es mit einem aufgesetzten Lächeln. Prompt fing Annika an von dem Jungen, in den sie gerade verliebt war, zu erzählen. Schon nach wenigen Minuten wünschte er, er wäre weggerannt.

»Leider«, teilte sie ihm noch vertraulich mit, »hat auch Emma ein Auge auf ihn geworfen. Er möchte aber mit mir ins Kino gehen. Was soll ich nur tun?« Etwas betrübt schaute sie ihn mit ihren klaren blauen Augen an. Ihre blonden Haare waren perfekt gestylt, und er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, wie hübsch sie doch war. Nervig, aber hübsch.

Da fuhr sie auch schon fort: »Dass er mich mag, ist aber so toll, und ich freue mich riesig darüber. Ich werde die Einladung annehmen, beste Freundin hin oder her.« Jetzt strahlte Annika über das ganze Gesicht. »Danke, dass du mit mir geredet hast, es geht mir schon viel besser.«

Als wäre es seine Idee gewesen, die beste Freundin zu hintergehen. Ironisch dachte er: „Ja, war ein super Gespräch, jederzeit wieder.“

Dann drehte sie sich um und schwebte davon, einem Engel gleich. Bewundernd schaute er hinter ihr her, da fing er einen Gedanken auf, der nicht so erfreulich war. Ganz und gar nicht erfreulich. Sarah stand einen Gang weiter und hatte ihr Gespräch belauscht. „Das muss ich sofort Emma erzählen.“ Und schon war sie den Flur entlang gerannt.

Zwei Tage später stieß Dominic auf eine verheulte Annika. Mit den roten Augen sah sie gar nicht mehr so hübsch aus. Als ihr Blick auf ihn fiel, verzehrte Wut ihre engelsgleichen Züge, und nun sah sie fast schon hässlich aus.

»Du…« Ihr fehlten die Worte, so sauer war sie auf ihn.

Wie er aus ihren Gedanken erlesen konnte, hatte Emma alles erfahren und daraufhin die Freundschaft kurzerhand beendet. Sie hatte die letzten Tage gut genutzt, denn sie brachte Noah dazu, mit ihr auszugehen. Annika war also abgeschrieben. Nun stand sie da, ohne ihre beste Freundin und ohne den begehrten Jungen. Sie konnte es sich nur so erklären, dass Dominic mit Emma über ihr Gespräch geplaudert hatte.

Als sie sich endlich beruhigte, fauchte sie ihn auch schon an: »Du hast mich verraten. Ich hatte keine Chance mehr, es Emma vorher zu erzählen. Jetzt denkt sie, ich wollte ihr den Jungen ausspannen.«

Eigentlich war es genau das, was sie vorhatte. Schließlich hatte sie zwei Tage Zeit gehabt, es ihr zu sagen, was sie aber nicht getan hatte. Dominic hütete sich, ihr diese Erkenntnis ins Gesicht zu sagen. Er setzte an, um ihr zu erklären, dass er so einen Vertrauensbruch niemals begehen würde, aber sie wollte nicht zuhören.

Bald schon gab es eine neue beste Freundin an ihrer Seite. Und Annika tat alles, was in ihrer Macht stand, um Dominic fertig zu machen. Niemand redete mehr mit ihm. Von da an behielten seine MitschülerInnen ihre Probleme und tiefsten Gedanken für sich, er wurde zum Außenseiter. Und es war erst ein Halbjahr vom Schuljahr um. Das zweite wollte und wollte einfach nicht rumgehen. Doch jede Qual hatte einmal ein Ende, so auch die sechste Klasse des Gymnasiums. Jetzt war Dominic froh, dass er endlich Ferien hatte. Er liebte es, zuhause sitzend in anderen Welten zu versinken. Wie an diesem ersten Ferientag, als das Unmögliche geschehen sollte.

Dominics Mutter Emilie Keller saß an diesem alles verändernden Tag an ihrem Schreibtisch vor dem Computer und schrieb mit einem unglaublichen Tempo an ihrer Geschichte. Sie war eine kleine, zierliche Person mit dunkelbraunen Haaren und ebenso dunklen Augen. Der große Mann, der ihr gegenüber an seinem Zeichentisch stand, war äußerlich das genaue Gegenteil. Seine blonden, längeren Haare kräuselten sich bis in seinen Nacken und seine hellblauen Augen starrten konzentriert vor sich auf den Tisch. Der Tuschestift, der in seinen langen Fingern fast verschwand, tanzte über das Papier. Paul zeichnete genauso schnell Skizzen auf seinen Zeichenblock, wie seine Frau die Geschichten auf ihrem Laptop schrieb. Die beiden konzentrierten sich auf die Story, die erst in Emilies Kopf entstand und dann, wie durch Magie, in seinen Bildern Gestalt annahm. Das Ehepaar Keller arbeitete an einem gemeinsamen Auftrag. Große Verlage rissen sich um das geniale Pärchen, da ihre Romane und die Illustrationen perfekt aufeinander abgestimmt waren. Die Rohfassung eines Buches entwarfen sie gemeinsam. Bevor Paul mit seiner Arbeit beginnen konnte, mussten sie die Handlung, die Charaktere und das Aussehen der Figuren festlegen. Die beiden bevorzugten phantastische Geschichten. In diesem Genre erschufen sie sich Welten mit Magie und Zauberei. Hier konnten ihre erdachten Wesen, die außergewöhnliche Fähigkeiten besaßen, Gegenstände durch die Luft fliegen lassen; telepathisch miteinander kommunizieren; und noch viele andere irre Dinge tun, ohne dass sie deswegen verurteilt wurden. Auf ihren Welten nannte man sie Magier oder Zauberer. Doch in der realen Welt auf der Erde wurden Menschen wie die Kellers, von der Wissenschaft noch harmlos als paranormal bezeichnet, von normalen Menschen aber oft als Missgeburten gefürchtet.

Als Emilie Paul kennen gelernt hatte, war sie in einem Zustand der Verwirrtheit und völlig verunsichert gewesen, da sie sich gerade erst ihrer Begabung bewusstgeworden war. In dieser Zeit nannte Emilie sie einen Fluch, denn sie nahm die Gefühle anderer Leute so wahr, als wären es ihre eigenen. Außerdem konnte sie Gegenstände nur per Gedankenkraft bewegen. Eines Tages waren diese Fähigkeiten einfach da gewesen, ohne dass sie darum gebeten hatte.

2. Emilie und Paul Keller – Die Geschichtenerzähler

Am besagten Tag, als sich Emilies Kräfte das erste Mal zeigten, war sie auf irgendetwas wütend. Den Grund ihrer Wut würde sie später vergessen. In ihrer Erinnerung blieb nur ein seltsames Ereignis haften, ein sehr seltsames, denn es flog auf einmal eine Vase quer durch das Zimmer an die Wand.

Erst dachte sie: „Hier zieht es aber mächtig.“

Als sie jedoch nachsah, fand sie kein Fenster und auch keine Tür, die geöffnet waren. Und so einen mächtigen Luftzug, der eine schwere Vase in die Luft heben konnte, der musste wohl erst noch erfunden werden. Also, was war es dann? Trotz dieser Überlegungen verdrängte sie die Möglichkeit der Telekinese, so etwas gab es doch gar nicht. Bei diesem Vorfall blieb es nicht. Sie fing an, die Gedanken anderer Menschen aufzuschnappen, ohne konkrete Worte zu verstehen. Doch schon bald hatte sie plötzlich Erinnerungen an Leute, die sie gar nicht kannte, und sie wusste auf einmal von Orten, an denen sie niemals gewesen war.

Sie dachte, sie würde verrückt werden. „Irgendetwas stimmt ganz und gar nicht mit mir. Ich drehe völlig durch.“

Emilie fing an, sich von ihren Freunden und Bekannten zu distanzieren, da sie ihre geheimsten Gedanken kannte. So in die Psyche eines Menschen einzudringen, war ihr peinlich und äußerst unangenehm. Sie war auf dem besten Wege, tatsächlich verrückt zu werden, als ihre Freundin Monika sie eines Tages auf eine Party regelrecht mitzerrte.

»Du musst mal wieder raus und unter Leute gehen«, war ihr Argument gewesen.

Obwohl Emilie sich unwohl bei dem Gedanken fühlte, so viele Menschen zu treffen und ihre Schicksale in ihren Köpfen lesen zu können, ging sie widerstrebend mit.

Und wie Emilie es befürchtet hatte, stürmten die Stimmen auf sie ein, die junge Frau konnte sie nicht abblocken. Durch diese ganzen verwirrenden Gefühle fiel ihr trotzdem ein Gesicht in der Menge auf. Der Mann musterte sie intensiv.

Eine Stimme hob sich in ihrem Kopf von den anderen ab: „Du hast Angst, das spüre ich. Dazu besteht kein Grund. Ich bin übrigens Paul.“ Tröstende Gedanken drängten alle anderen in den Hintergrund. Zum ersten Mal seit Monaten konnte sie wieder frei atmen. Unbewusst ging sie in seine Richtung.

Als sie ihn erreichte, sprach sie ihn an: »Mein Name ist Emilie, und ich kann fühlen, dass du auch ein Freak bist.«

Sein Blick aus den hellblauen Augen drang tief in ihre Seele vor. Da er bemerkte, wie unangenehm es ihr war, telepathisch zu kommunizieren, benutzte er auch seine Stimme. Sie war sanft, genauso hatte seine Stimmfarbe in ihrem Kopf geklungen. »Du gehörst noch nicht lange zu uns, nicht wahr? Zu uns Freaks, wie du es ausdrückst, meine ich.« Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

Auf einmal stürmten tausend Fragen aus ihrem Innersten hinauf an die Oberfläche: Wo waren diese Menschen? Wie viele gab es von ihnen? Konnte man diesen Fluch loswerden? Und noch etliche mehr. Aber auch ein Hoffnungsschimmer zeigte sich, vielleicht konnten sie ihr helfen zu erkennen, was mit ihr geschah.

Er hob abwehrend beide Hände in die Höhe und schmunzelte. »Wow, wow, wow, bombadiere mich nicht mit deinen Fragen, bitte, eine nach der anderen.«

Mit einem Mal wurde ihr bewusst, dass sie nicht nur die Gedanken der Anderen nicht blockieren konnte, sie war auch nicht in der Lage, ihre eigenen abzuschirmen, die jetzt wiederum auf Paul einstürzten.

Sie lächelte entschuldigend und setzte zum Sprechen an, aber er schüttelte den Kopf. »Nicht hier. Komm mit.«

Obwohl Emilie ängstlich war, wusste sie doch, sie konnte ihm vertrauen. Er ließ sie ohne weiteres in seinen Kopf, und sie nahm nur ehrliche Anteilnahme wahr.

Kurz ging sie zu ihrer Freundin hinüber, um sich zu verabschieden. »Sorry, Moni, aber ich bekomme Migräne. Du weißt ja, wie schlimm es werden kann. Ich muss schnell nach Hause.«

»Oh, das tut mir leid. Soll ich dich eben fahren?«

»Nein danke, ist nicht nötig, ich gehe zu Fuß. Die frische Luft wird mir guttun. Hab noch eine Menge Spaß. Wir telefonieren morgen, in Ordnung?«

Monika nickte, und als Emilie sich umdrehte und wegging, schaute sie ihr mitleidig hinterher. Kurz hatte Emilie ein schlechtes Gewissen. Ihre beste Freundin anzulügen, war jedoch ein notwendiges Übel, denn was hätte sie ihr auch sagen sollen? Dass sie mit einem fremden Mann mitging und ihm vertraute, weil…. Ja, warum eigentlich? Sie seine Gedanken lesen konnte? Niemand kannte ihr Geheimnis, nicht einmal Monika.

Der Ort war dunkel und abgelegen. Paul führte Emilie in eine Seitengasse, irgendwo in einen Teil der Stadt, in dem sie noch nie gewesen war. Wolkenkratzer auf beiden Seiten ließen kein Licht von der Straße herein. Die Megastadt Berlin zeigte sich in solchen Straßen nicht gerade von ihrer schönsten Seite.

„Hier fehlen definitiv Straßenlaternen“, dachte die junge Frau und war versucht, sich bei Paul festzuklammern.

Trotz der Dunkelheit ging er sicheren Schrittes auf eine Haustür zu. Nun endlich reagierte ein Bewegungsmelder, ein Licht flammte grell über der Tür auf und blendete Emilie für einen kurzen Moment. Paul steckte seinen Schlüssel in die Haustür und öffnete sie. Er führte sie eine kurze Treppe hinauf und hielt vor der ersten Wohnungstür auf der rechten Seite an. Nachdem er den Schlüssel gewechselt hatte, schloss er auch diese Tür auf. Es ging einen kurzen engen Flur entlang, dann folgte Emilie ihm in ein gemütliches Wohnzimmer.

Er drehte sich zu ihr um. »Willkommen in meiner bescheidenen Hütte. Fühl dich wie zuhause.«

In diesem Moment blieb sie mit einem Fuß an dem Fahrrad hängen, das mitten im Zimmer stand. Sie stolperte und konnte nicht abbremsen. Die junge, hübsche Frau fiel ihm direkt in die Arme. Sofort entstand eine mentale Verbindung zwischen ihnen. Paul wurde von der Berührung so überrascht, dass er nicht schnell genug seine geistige Blockade aufbauen konnte. Emilie nahm Paul in ihre Gedanken auf, so wie er sie in seine aufnahm. Beider Vergangenheiten flossen in die Gegenwart hinein.

Er sah Emilie, wie sie als kleines Kind zum ersten Mal die Schönheit einer Landschaft aufnahm, sie war so überaus glücklich über so viel Perfektion. Sie integrierte und personifizierte ihn in diese Erinnerung hinein, als wäre er damals wirklich dort gewesen. Er stand einfach neben ihr und schaute zu, wie sie sich freute und ihn anstrahlte, sie war bezaubernd...

Die Gedanken der beiden überschnitten sich, und sie wurde in Pauls Erinnerungen gezogen. Sie sah ihn, wie er als kleiner Junge bewusst seinen ersten Weihnachtsbaum sah. Diesmal war sie die stumme Beobachterin. Er schaute neben dem Baum stehend zu ihr auf, und seine Augen strahlten sie an. Ein kleiner Junge, der keine Scheu vor der eigentlich fremden Person zeigte, die sie war...

Dann ihre große unsägliche Trauer, als sie ihre Mutter verlor, sie war kaum zehn Jahre alt. Er spürte ihren tiefen Schmerz und nahm die Rolle des tröstenden Bruders, den sie niemals hatte, in ihren Gedanken ein...

Pauls erste Verabredung, er mochte das Mädchen sehr, bei ihren Unternehmungen hatte er sehr viel Spaß. Emilie wurde Zeuge seines ersten Liebesaktes und besetzte selbst die Hauptrolle in seinen Erinnerungen. Sie teilte seinen Schmerz, als seine erste Liebe nicht mit seiner Fähigkeit fertig wurde und ihn verließ. Diesmal war Emilie die tröstende Schwester an seiner Seite, die ihn fest in den Arm nahm...

Er war bei ihr, als die Vase durch das Zimmer flog und mit einem lauten Knall an der Wand zerschellte.

Sie schaute ihn in dieser Erinnerung an und fragte: Kannst du mir das erklären? Was passiert mit mir?

Paul löste sich aus der Umarmung, und sie schaute ihn mit ihren großen braunen Augen an. »Was war das denn gerade? Passiert das immer, wenn sich zwei Freaks umarmen?«

»Erstens, sag bitte nicht immer „Freaks“, das verletzt meine Gefühle. Und zweitens, nein, tut es nicht, aber wir scheinen eine besondere Verbindung zu haben.«

»Ist das deine Masche bei einer Anmache? Ich muss sagen, die ist neu. Und was zum Henker sucht ein Fahrrad mitten in deinem Wohnzimmer?«

In den nächsten Monaten lehrte der junge ungewöhnliche Mann sie alles, was er über das Paranormale wusste. Bald schon konnte Emilie die Gedanken der anderen von sich fernhalten, auch lernte sie, ihre eigenen zu blockieren. Die beiden fühlten sich seit dem ersten Tag zueinander hingezogen. Im Laufe des nächsten Jahres entwickelten sie noch tiefere Gefühle füreinander, die bald schon in Liebe übergingen. Und nun waren sie fast schon dreizehn Jahre verheiratet.

3. Der Zauber eines Augenblickes

Da die Rohfassung des Romans bereits fertig war, schrieb Emilie nun an den einzelnen Szenen, und Paul setzte diese in Bilder um. Unter seinem Stift entstanden riesige Wälder. Und auch Städte, die in den unmöglichsten Regionen des Planeten entstanden waren. Da gab es Städte in der Wüste; im Eis; in einem undurchdringlichen Dschungel; und eine war sogar in eine riesige Klippe gehauen. Sie waren mit allen möglichen Wesen aus der irdischen Mythologie bevölkert. Dazu kamen andere seltsame Lebewesen, von denen beide glaubten, sie seien ihrer Fantasie entsprungen. Das junge Ehepaar kam gar nicht auf den Gedanken, dass sie von außen manipuliert wurden. Sie würden aber noch erfahren, dass es Mächte dort draußen gab, die Unvorstellbares leisten konnten.

Sie hatten schon mehrere Stunden am Stück gearbeitet, als sich Emilie zurücklehnte und ihre Handgelenke ausschüttelte. Sie stand auf und ging zu ihrem Mann hinüber, der noch die letzten Skizzen anfertigte. Als auch Paul soweit war, legte er den Stift zur Seite.

Sie massierte ihm die verspannten Schultern, und er stöhnte wohlig auf: »Damit kannst du ewig weitermachen.«

»Oh nein, kann ich nicht.« Mit der flachen Hand versetzte sie ihm einen Klapps auf die Schulter. »So, wir haben uns eine kleine Pause verdient, ich koche uns frischen Kaffee.«

Während Paul aufstand und zu ihr trat, um sie in die Arme zu nehmen, schwebte wie durch Zauberhand die Glaskanne von der kleinen Anrichte zu der Spüle in der Ecke. Der Wasserhahn wurde auf- und wieder zugedreht, die volle Kanne schwebte zurück zur Kaffeemaschine, und der Knopf der Maschine stellte sich auf an. Da beide ohne Kaffee nicht existieren konnten, hatten sie sich eine kleine Küchenzeile in ihr Arbeitszimmer, in dem sie mehrere Stunden des Tages verbrachten, einbauen lassen.

Dominic saß nebenan in seinem Zimmer und hatte es sich in seinem Sessel bequem gemacht. Wenn seine Eltern schrieben und zeichneten, brauchte er kein Buch, um sich zu beschäftigen, da er die Geschichten in ihren Gedanken miterlebte. Nichts tat er lieber in seinen Ferien. Der zwölfjährige Junge hatte es nicht leicht in der Schule. Zwar war er ein ausgezeichneter Schüler, aber Freunde hatte er dort keine gefunden. Er galt als seltsam, und das war noch eine der harmloseren Bezeichnungen, die die anderen SchülerInnen für ihn fanden und sich nicht scheuten, sie auch zu benutzen. Und dabei war es ihnen egal, ob er sie hörte oder nicht. Es waren nicht so sehr sein Aussehen oder die Klamotten, die er trug. Wobei die Nerd-T-Shirts mit den Abbildungen seiner Lieblingscomichelden, die er mit Vorliebe trug, nicht gerade seine Beliebtheit steigerten. Diese waren für einen Jungen in seinem Alter aber nicht sonderlich schräg. Das, was seine MitschülerInnen so sehr an ihm störte, war die Art wie er sie ansah. Mit seinen dunklen Augen starrte er ihnen direkt in ihre Seelen. Sie hatten das Gefühl, dass ihre Geheimnisse offenbart wurden, und diese gar nicht mehr so geheim waren. Ihnen war nicht bewusst gewesen, was sie da im ersten Halbjahr der sechsten Klasse taten, als sie einfach drauflos redeten. Vor dem Vorfall mit Annika war er für sie nur ein aufmerksamer und verständnisvoller Zuhörer gewesen. Seine KlassenkameradInnen hatten ihm all ihre Probleme, ohne zu zögern, mitgeteilt. Doch das beliebteste Mädchen der Schule hatte ihnen eingeredet, dass er ihre Geheimnisse ausplauderte, um Zwietracht unter ihnen zu säen. Danach hatte ihn niemand mehr angesprochen, obwohl er unschuldig gewesen war. Er wäre niemals auf die Idee gekommen, ihm anvertraute Dinge anderen zu erzählen, das lag nicht in seiner Natur. Doch niemand hörte ihm mehr zu. Natürlich hätte er sie mit seinen paranormalen Fähigkeiten zwingen können, seine Freunde zu sein. Aber seine Eltern hatten ihm, seit seine immensen Kräfte erwacht waren, eingebläut, sie nicht zu missbrauchen und gegen andere Menschen einzusetzen. Niemals wäre ihm so ein Vorgehen eingefallen, denn auch das war wider seiner Natur.

Als seine Mutter aufgestanden war, konnte Dominic sich noch nicht aus den Gedanken seiner Eltern lösen. Unbewusst stand auch er auf, ging zu ihnen ins Arbeitszimmer und wurde in die innige Umarmung einbezogen. Ihre Gedanken bildeten eine Einheit, fest versunken in der Welt, die sie auf dem Papier erschaffen hatten. Ein leichtes Kribbeln, das über ihre Körper lief, erfasste sie. Die drei traten einen Schritt zurück und sahen sich an. Jeder von ihnen war von einem leichten Energiefeld umgeben, das sanft aufleuchtete. Nun erfasste sie ein Schwindelgefühl, aus dem schnell eine irre Karussellfahrt wurde. Fremdartige Eindrücke brachen über die kleine Familie herein. Hunderte, nein tausende von Farbtönen stürzten auf sie zu und die Fahrt, die durch einen Tunnel von hellen Farben ging, wurde immer schneller. Bis sie plötzlich abrupt endete und die zwei Erwachsenen und der Junge dadurch ins Straucheln gerieten. Sie hielten sich aneinander fest, um sich gegenseitig Halt zu geben. Sie konnten unmöglich sagen, wie lange es - was auch immer es gewesen war - gedauert hatte. Es konnten Minuten, aber auch Stunden vergangen sein. Erstaunt schauten sie sich im nächsten Moment mit weit aufgerissenen Augen um. Ihre Umgebung hatte sich völlig verändert. Massive Mauern aus Stein umgaben sie, wo einst mal die geschmackvollen Tapeten des Arbeitszimmers gewesen waren. Die Kellers befanden sich nun in einem Raum in einer Burg, einer Bibliothek mit Hunderten von Büchern. Die meisten in einer Sprache verfasst, die sie nicht entziffern konnten. Emilie, Paul und Dominic gingen an den Bücherwänden vorbei zu einem hohen Fenster. Was sie sahen, überwältigte sie: ein wunderschönes Tal mit einem Teppich aus wogendem blauen Gras und den herrlichsten fremdartigsten Blumen lag tief unter ihnen.

„Wie sind wir hier hingekommen?“, stellten sie sich die Frage. Dann kam ihnen der Gedanke „Teleportation". Waren sie in der Lage, sich nur durch Gedankenkraft von einem Ort zu einem anderen zu begeben? Eigentlich hatten sie sich so etwas anders vorgestellt. In der Fachliteratur der Parapsychologie war niemals die Rede von einem Wurmloch gewesen. Aber etwas anderes konnte es einfach nicht gewesen sein, das sich vor ihnen geöffnet hatte.

4. Ein zauberhafter Ort

Eine aus schwerem Holz gefertigte Tür schwang vor ihnen auf, und ein seltsames Wesen in einer dunkelroten Robe betrat den Raum.

Es lächelte freundlich. Dadurch konnten sie einen Blick auf eine Vielzahl kleiner spitzer Zähne erhaschen. Ohne dass sich seine Lippen bewegten, erklang in ihren Köpfen eine ruhige Stimme: „Dieser Gedanke ist richtig, mit unserer Hilfe konntet ihr euch hierher teleportieren. Ich bin immer wieder aufs Neue erstaunt, wie aufgeklärt die Menschen des 21. Jahrhunderts doch sind.“

Und leise klang der Kommentar „Kennen die Begriffe Teleportation und Wurmlöcher schon. Erstaunlich, absolut erstaunlich!“ in ihren Köpfen nach.

Mit einer kleinen Bewegung seiner Hand ließ er den Energieschild um ihre Körper verschwinden. „Ohne diesen Schutz wärt ihr auf der Reise in dem Tunnel, der euch eine lange Strecke durch das Weltall zu uns geführt hat, erstickt oder zermalmt worden, wahrscheinlich aber vorher erfroren.“

„Ach, mehr nicht? Na, dann geht’s ja“, dachte Paul ironisch.

Seltsamerweise hatten die Kellers keine Angst, obwohl sie es hier eindeutig mit einem Außerirdischen zu tun hatten, und sie sich auf einem fremden Planeten befanden. Trotz des extraterrestrischen Aussehens des kleinen Humanoiden, der eindeutig männlich war, fühlten sie sich freundlich aufgenommen.

„Na, eigentlich seid ihr hier die Außerirdischen, aber wir wollen uns nicht über Spitzfindigkeiten streiten.“ Er winkte ab. „Ich möchte mich erst einmal vorstellen: Ich bin so etwas wie der Boss hier und heiße Hork. Willkommen auf Lamir. Ihr seid hier in der Stadt Katana, unserer Hauptstadt.“

Sie sahen die Bedeutung des Wortes Katana in seinen Gedanken: Vielfältigkeit. Diese Vielfältigkeit würden sie in Zukunft noch sehr häufig in allem entdecken, das mit dem Planeten zu tun hatte.

Der menschliche Junge Dominic sollte das erste Mitglied von Vieren eines neuen Teams werden, das Hork zusammenstellte. Von diesem Team versprach er sich eine ganze Menge, es würde das beste werden, das jemals auf dem ungewöhnlichen Planeten ausgebildet worden war. Denn die Zeiten, die vor den Lamiranern lagen, drohten schwer zu werden, sehr schwer. Er hatte diese außergewöhnlichen Begabten mit ihren unglaublichen Kräften nach langer Suche ausfindig machen können. Dafür hatte der Telepath auf etlichen Planeten nach ihnen Ausschau gehalten. Für ein Talent sogar in einer anderen Zeit. Es nach Lamir zu bringen, würde ihn sehr viel Kraft kosten. Umso erleichterter war Hork, dass er die Unterstützung des stärksten Begabten, den er je ausgebildet hatte, an seiner Seite wusste. Aber jetzt galt es erst einmal, die Familie Keller zu überzeugen, hier bei ihnen zu bleiben. Ihr Sohn sollte die Ausbildung bekommen, die nötig war, um siegreich aus der bevorstehenden Katastrophe hervorzugehen.

Vielleicht hatten sie noch ein paar Jahre, aber länger würde er Lutec, den Unerbittlichen, nicht mehr von seiner Heimat fernhalten können. Sein einst bester Freund kam immer näher und er würde versuchen, all das zunichtezumachen, für das Hork so hart gearbeitet hatte. Davon war er überzeugt, obwohl er nicht die Gabe seiner Präkogs besaß, in die Zukunft sehen zu können.

Um die Kellers nicht abzuschrecken, hielt er diese Gedanken von ihnen fern. Hork war der mächtigste Telepath seiner Zeit, und es war für ihn ein Leichtes, jedes Lebewesen zu beeinflussen. Niemals wäre es ihm möglich gewesen, so viel zu erreichen, wenn er seine Macht nicht auch in der Vergangenheit eingesetzt hätte. Ja, nicht selten war er dabei skrupellos vorgegangen. Das machte ihn alles andere als glücklich, aber das Wohlergehen seiner Schutzbefohlenen hatte für ihn Vorrang gegenüber allem anderen. Manchmal auch gegenüber seinen ethischen Grundsätzen. Stattdessen offenbarten seine Gedanken ihnen genau das, was sie sehen sollten.

Hork erklärte den dreien, was passiert war: „Ein gemeinsamer Wunsch nach einer Welt voller Magie war nötig gewesen, um euch nach Lamir zu transportieren. Diese ist eine von unzähligen Welten ähnlich wie die eures Heimatplaneten Erde. So leid es mir tut, aber es gibt auf den anderen Welten immer noch Verfolgte, denn der Großteil der Bevölkerungen war voller Feindseligkeit gegenüber den mutierten Minderheiten ihrer eigenen Spezies. Wir sind nun mal anders und heben uns von den normalen Wesen ab, da wir Telekinese oder Telepathie beherrschen oder manch andere auch, wie in eurem Falle, noch ein hohes Potenzial für weitere Fähigkeiten aufweisen. Für all die Verfolgten habe ich Lamir als Zufluchtsstätte begründet. Die talentierten Lebewesen, die nicht in der Lage sind aus eigener Kraft zwischen den Welten zu „reisen", wie es bei eurer kleinen Familie noch ist, sollen jedoch auch die Chance bekommen, den wunderbaren Planeten Lamir kennenzulernen. Auch euch biete ich an, unter euresgleichen leben zu können. Jeder Neuankömmling lernt seine Kräfte zu nutzen und sie voll auszubilden. Ich war der erste unserer neuen Gesellschaft, der die Welt, die zu unserer Heimat geworden ist, betreten hat. Und wir heißen jedes Wesen mit friedlichen Absichten herzlich willkommen.“

Aus jedem Satz hörten die Kellers den immensen Stolz heraus, den Hork empfand. Und so schloss er seinen kleinen Vortrag mit dem Gedanken: „Natürlich würde Dominic auch eine ganz normale Schulausbildung bekommen, die in etwa dem heutigen Wissensstandard der Erde entspricht. Die Schule beginnt in knapp sechs Wochen unserer lamiranischer Zeitrechnung. Solange habt ihr Bedenkzeit. Ihr könnt euch alles ansehen, dann entscheidet ihr, ob meine Heimat zu eurer werden soll. Die Ausbildung der Schüler dauert vier Jahre. Danach steht es ihnen frei, wieder auf ihren Heimatplaneten zu leben oder hier bei uns unter ihresgleichen. Nur eine Gegenleistung verlange ich für die Ausbildung, die ich ihnen angedeihen lasse: sie müssen ihre Kräfte Lamir in Krisensituationen zur Verfügung stellen. Jetzt kennt ihr meine Bedingung. Hat sie euch so sehr abgeschreckt, dass ihr sofort wieder zurück möchtet?“

Völlig überwältigt schüttelten alle drei ihre Köpfe. Daraufhin verbeugte sich Hork und richtete sich dann wieder auf. Mit einem wissenden Lächeln wandte er sich zur Tür, um diese mit einem Wink seiner Hand zu öffnen.

„Bluma wird euch die Zimmer zeigen, damit ihr euch frisch machen könnt. In einer Stunde gibt es Essen.“

Ein bezauberndes Wesen betrat die Bibliothek. Es schien zu schweben und schillerte in sämtlichen Regenbogenfarben. Große, bunte Augen schauten sie freundlich an. „Herzlich Willkommen auf Lamir. Bitte folgt mir.“ Auch ihr Mund bewegte sich nicht, als die Worte in ihren Köpfen erklangen.

Sie erwarteten, Zimmer vorzufinden, die so altmodisch wie die Bibliothek eingerichtet waren, aber da täuschten sie sich gewaltig. Die Betten waren modern und hatten bequeme Matratzen.

Emilies Blick fiel auf eine offene Tür. Im Nebenzimmer sah sie einen Schreibtisch mit einem ultramodernen Computer. Staunend betrat sie den Raum und befand sich mitten in ihrem eigenen Arbeitszimmer, der Kaffee stand bereits fertig auf der Anrichte. Sprachlos wusste sie nicht, ob sie wütend über die Einmischung in ihr Leben sein sollte oder einfach nur erfreut über die Möglichkeit, die sich ihnen hier bot.

Sie war verständlicherweise völlig geflasht und fragte sich im Stillen: „Ein Planet voller paranormaler Aliens, die uns entführt haben? Dazu kommt noch, wir haben uns selbst hierhin gewünscht? Häh?“ Sie schüttelte verständnislos ihren Kopf.

Langsam kam sie zu der Überzeugung, dass sie jeden Moment aufwachen würde, und zwar auf der Erde in ihrem Bett, und alles nur ein seltsamer Traum war. Wie konnte es anders sein? Außerirdische? Mit paranormalen Kräften? Nein, das ging einfach nicht in ihren Kopf.

Aber als Emilie die Gesichter ihrer beiden geliebten Männer sah, dachte sie, es könnte nicht schaden, eine Zeitlang hier zu leben. In Gedanken stimmten die beiden ihr freudig zu. Ihre Entscheidung war bereits gefallen, sie wollten hierbleiben. Vor der kleinen Familie lag eine aufregende Zeit, die ihnen nicht nur Angenehmes bringen würde.

5. Lutec - Eine Zeit der Verfolgung

Nachdenklich schaute der alte Mann den Kellers hinterher. Als sich die Tür hinter ihnen schloss, trat Hork aus dem Geschlecht der Assas von der Welt Porta auf den Balkon der Bibliothek. Er sah von seinem Turm herab auf eine Welt, die er verzweifelt jahrzehntelang gesucht hatte. In dieser Zeit der Suche war er ein Verfolgter, ein von der Gesellschaft Gefürchteter, nur aufgrund seiner Gabe. Er hatte gelernt, seine Fähigkeiten zu verbergen. Damals lebte er ständig in Furcht, entdeckt zu werden. Ein paar Jahre ging es auch immer wieder gut, er benutzte sie niemals in der Öffentlichkeit. Doch es kam jedes Mal ein Zeitpunkt, da geriet er in eine Situation, aus der er sich oder andere nur mit Hilfe seiner telekinetischen Kräfte befreien konnte. Nach der Entdeckung war er gezwungen, alles zurückzulassen und zu fliehen. Wie oft schon? Zu oft! Längst hatte er aufgehört mitzuzählen. Irgendwann kam die Zeit, da ertrug er es nicht mehr, sich immer wieder verstecken und fliehen zu müssen. Er lernte Lutec kennen, und dieser brachte ihn mit einer Gruppe von Leuten zusammen, die ähnliche Fähigkeiten wie er besaßen. Doch sie liefen nicht davon, sondern kämpften für ihr Recht, in Ruhe und Frieden leben zu können.

Der kleine Humanoide schaute sich zum wiederholten Male um. Aber da war nichts. Nichts, das Hork hätte fürchten müssen. Warum also seine Unruhe? Er schüttelte seinen kahlen Kopf, die braune, lederartige Haut zeigte die Glattheit der Jugend und war noch nicht rau vom Alter und von dem Wetter, das verdammt heiß und trocken auf Porta war. Schnell eilte er weiter und kam zu dem vereinbarten Treffpunkt. Eine Treppe in einem Hinterhof, links und rechts ragten futuristisch anmutende Gebäude hoch in den tiefroten Himmel hinauf, den man aus diesem Winkel nur erahnen konnte. Er hatte keine Probleme mit Klaustrophobie, aber die Furcht, die er im Moment empfand, kam dem schon ziemlich nahe. Das Treffen mit dem ihm unbekannten Führer der Widerstandsbewegung hatte eine gute Bekannte von ihm arrangiert, er konnte jetzt nicht mehr die Flucht ergreifen.

Er stieg die baufällige Treppe hinab und klopfte an die Tür. Ein großer Mann mit dunklen Augen öffnete die Tür einen Spalt breit. Wie es für Portaner typisch war, blinzelte er nicht. Sie benutzten ihre Augenlider nur bei sehr hellem Licht, dann senkten sich die fast farblosen Lieder schützend über die lichtempfindlichen Augen. Eine sinnvolle Schutzfunktion, wenn man auf einem Planeten lebte, auf dem eine helle rote Sonne schien. Doch hier im Dunkeln, vor der Sonne geschützt, brauchten die Portaner sie nicht. Oder sie blinzelten, wenn - was Hork besonders unangenehm war, da es ihm in den ungünstigsten Momenten passierte - sie nervös waren.

Und so dachte er: „Zeig keine Schwäche, jetzt nur nicht blinzeln. Nicht blinzeln… Na toll.“ Seine Augenlider zuckten nervös auf und nieder.

»Bist du Hork?«, fragte der Mann mit seiner tiefen Stimme.

»Ja, und du? Bist du Lutec?« Der sehr viel kleinere Hork schaute ihn zögerlich, fast schon schüchtern an.

»Nein, der Boss ist drinnen.«

Nicht nur die Augen, auch alles andere an diesem muskelbepackten Kerl war dunkel. Nun schob er die Tür weiter auf. Nicht, dass das nötig gewesen wäre, der schmale, zierliche Hork hätte auch so hindurch gepasst. Schnell schlüpfte er hinein, er wollte sich nicht länger in dieser verruchten Gegend der Öffentlichkeit preisgeben.

Und wieder einmal dachte er: „Was mache ich hier eigentlich? Ich sollte längst zuhause bei Marien sein.“

Mit den zittrigen, langen Fingernägeln seiner klauenartigen Hand strich er sich über die schweißnasse Stirn. Er war viel zu nervös für diesen Job, das hatte ihm seine Schwester klipp und klar gesagt. Jetzt straffte er seinen Körper, sah seine Hand an und brachte sie unter Kontrolle. Es war zu viel geschehen, viel zu viel. Selbst so ein geduldiger und gutmütiger Mann wie er einer war, gelangte irgendwann einmal an das Ende seiner Gutmütigkeit. Nun hieß es, etwas zu tun, nur aus diesem Grunde war er hier. Das führte er sich wieder vor Augen. Mit neuem Mut ging er hinter dem gruseligen Mann her in eine Zukunft, die ungewiss vor ihm lag. Nur eins war klar: er wollte sich nicht mehr verstecken, er wollte nicht mehr davonlaufen. Wenn dies Kampf bedeutete, dann würde er kämpfen.

Mit einem Hauch von Galgenhumor dachte er: „Na, ich hoffe, sie haben einen ruhigen Job für mich. Als Informant für die Widerstandsbewegung würde ich mich doch ganz gut machen.“

Er grinste sogar leicht, als vor ihm eine Tür geöffnet und er hindurch geschoben wurde.

„Ob ich mich auch so düster anziehen muss, wenn ich hier mitmischen will?“, fragte sich Hork, als er Lutec sah. Die Leute der Widerstandsbewegung schienen ein Faible dafür zu haben. Im Gegensatz zu ihm, der dezente, helle Kleidung bevorzugte.

Lutec war noch dunkler gekleidet als der Mann, der Hork die Tür geöffnet hatte und auch ein Stück größer. So kam sich der Neuling noch mehr wie ein Winzling vor. Der Boss der Untergrundbewegung trug eine Hose und ein weites Hemd, die schwärzer als die Nacht waren. In seinen Augen konnte Hork die Pupille nicht von der Iris unterscheiden, denn auch diese war dunkel. Er trug einen Bart, wie es der Mode auf Porta gerade entsprach: ein elegantes Lippenbärtchen über einem schwarzen Kinnbärtchen. Dazwischen bildeten zwei schmale Striche den Mund, dem man ansah, dass er nicht oft lächelte. Er hatte sich seinen kahlen Schädel schwarz gefärbt, das unterstrich Lutecs ungewöhnlich helle, lederartige Haut noch. Es war die Haut eines Mannes, der viel Zeit in tiefen Kellergewölben verbrachte. Hork verging sein Grinsen auf der Stelle, als er das harte Gesicht des Mannes sah. Schüchtern wartete er an der Tür.

In seinen Gedanken hörte er ein: „Komm näher.“

Er trat auf Lutec, den Unerbittlichen, wie er überall genannt wurde, zu.

„Nimm Platz.“ Die Stimme in seinem Kopf hatte eine kräftige Klangfarbe, kräftig und hart. Konversation zu führen, war nicht sein Ding, und er kam sofort auf den Punkt. Der Mann verlangte von seinem Gegenüber, alle gedanklichen Barrieren, die er sich so schwer erarbeitet hatte, für ihn fallen zu lassen.

„Bist du bereit dazu?“ Er hob eine Hand mit scharfen Krallen in die Höhe, die er sich – wie konnte es anders sein?, fragte sich Hork – natürlich schwarz lackiert hatte, und unterbrach die Gedanken des jüngeren Mannes mit dieser herrischen Geste. „Ich spreche hier nicht von oberflächlichen, flüchtigen Denkmustern, die für jeden zugänglich sind, die nur ein wenig telepathisch begabt sind. Mich interessiert nicht, was du gerne trinkst oder was deine Lieblingsfarbe ist. Auch interessieren mich nicht die Gedanken, die dann kommen, die tiefer unter der Oberfläche verborgen liegen: wen du liebst oder wen du nicht magst. Das sind bedeutungslose Gedanken. Danach erst wird es für mich spannender. Jetzt kommen die Gedanken, nach denen man tiefer graben muss: wen du abgrundtief hasst oder die Geheimzahl deines Schließfaches bei der Bank. Ah… dein Vermögen ist nicht schlecht.“ Er winkte mit einer schnellen Bewegung ab. „Aber auch das interessiert mich nicht wirklich. Um dir voll und ganz vertrauen zu können, muss ich deine geheimsten, deine tiefsten Geheimnisse lesen.“ Und er wiederholte die Worte in Horks Kopf: „Bist du bereit, mir diese zu zeigen? Wenn nicht, dann trennen sich unsere Wege - hier und jetzt.“

War Hork dazu bereit? Dann sah er wieder seine Eltern - tot am Boden liegend. Und das nur aus dem einen Grund, weil sie seine Erzeuger waren. Sie hatten keine Fähigkeiten besessen, und sie waren sicherlich nicht gefährlich gewesen. Aber sie hatten versucht, ihren geliebten Sohn zu schützen und hatten ihn nicht an die Gesetzeshüter herausgeben wollen. Bevor sie starben, hatten sie ihm noch genug Zeit verschafft, seine kleine Schwester Marien zu nehmen und zu verschwinden. Das war nun zehn Jahre her, und seitdem mussten die beiden regelmäßig ihren Wohnort verlassen und fliehen. Er hatte genug, was zu viel war, war zu viel. Er hatte niemals irgendeinem Lebewesen ein Leid zugefügt. Im Gegenteil: jedes Mal, wenn er seine Fähigkeiten einsetzte, half er den Portanern. Und zum Dank beschimpften sie ihn als Hexer und wollten ihn wegsperren. Bis jetzt waren Hork und Marien jedes Mal noch früh genug weggekommen. Aber wie lange würde das noch gut gehen? Bis zu dem heutigen Tage hatte er nichts von der Widerstandsbewegung wissen wollen. Eine Bewegung, die von Leuten mit Kräften ausging, so wie er und seine Schwester sie hatten. Sie kämpften für ihr Recht auf Freiheit. Auch er wollte seine Freiheit, aber niemals wollte er sie mit Gewalt erringen. Das hatte ihn bisher von ihnen unterschieden. Doch nun war er hier und sprach mit dem unerbittlichen Anführer der Untergrundbewegung.

In Gedanken gab er Lutec seine Zustimmung und fuhr seine innere Barriere runter, gleichzeitig schloss er seine graublauen Augen und entspannte sich. Vor seines Gleichen hatte er nichts zu verbergen. Sofort entstand eine Verbindung zwischen ihnen, die aber nur in eine Richtung funktionierten sollte, eigentlich. Lutec war nicht bereit, Hork in seinen Kopf zu lassen. Kurz muckte dieser auf, es klang wie ein quengelndes Kind.

Amüsiert blitzte es in Lutecs Augen kurz auf. „Ich muss mich schützen, mein Wissen ist zu wichtig.“

Er musste seine eigenen Barrieren verstärken, denn er bemerkte, wie stark die mentalen Fähigkeiten dieses kleinen, schmächtigen Mannes waren, der fast noch ein Junge war.

„Hey, so klein bin ich auch nun wieder nicht.“

Sofort blockte Lutec ihn überrascht ab. Das hatte er noch nie erlebt. Normalerweise durchdrang niemand seine Gedankenblockade, wenn er es selbst nicht wollte. Er erkannte hier ein großes Potenzial, das mit der nötigen Ausbildung vielleicht sogar stärker werden konnte, als es seine eigenen Fähigkeiten waren. Das, was er nun in Hork sehen konnte, war frei von Argwohn und Hinterlist. Der junge Mann hatte ein Gemüt, das trotz der erlittenen Pein rein und gut geblieben war.

Schon wollte er ihn fortschicken. Was sollte er mit diesem Jüngling? Er würde zerbrechen an dem Schmutz, der im Kampf auf ihn wartete. Es gab Arbeit, die gemacht werden musste. Und wenn Normalos dabei draufgingen, dann durften seine Anhänger nicht um sie weinen.

„Ah, ihr nennt sie Normalos.“

Da, schon wieder. Obwohl Lutec seine Barriere so weit verstärkt hatte, wie er nur konnte, hatte Hork wieder seine Gedanken aufschnappen können.

„Ich bin bereit, für meine Freiheit zu kämpfen, genauso wie jeder von euch es tut. Gib mir eine Chance, mehr verlange ich gar nicht. Du kannst mich ausbilden, mich und meine Schwester. Wir müssen in der Lage sein, uns zu verteidigen.“ Und noch eins konnte Hork kurz, aber deutlich in Lutecs Gedanken lesen. Dieser hatte Angst vor dem großen Potenzial des Jungen, denn er traute niemandem.

Der schwarze Mann ließ ihn einschlafen. Lange grübelte er, gebeugt über die kleine Gestalt, nach. Was sollte er mit diesem außergewöhnlichen Jungen machen? Konnte er ihn am Leben lassen? Sie brauchten Leute wie ihn, aber würde er nicht irgendwann einmal zu einer Gefahr für seine Organisation werden? Doch nicht nur Horks Gabe war für die Widerstandsbewegung wichtig, auch seine Position, die er innehatte, war es. Als neuer Rechtsprecher des hiesigen Gerichtes kam er an Informationen, die überaus lebensnotwendig für sie sein würden. Das tief in dem jungen Mann verborgene Geheimnis versetzte Lutec in Erstaunen: Dieser so unschuldig und kaum älter als zwölf aussehende Junge war ein Betrüger. Seine Position bei Gericht hatte er sich durch eine ganz besondere und sehr seltene Fähigkeit erschlichen. Durch seine stark ausgeprägten telepathischen Fähigkeiten griff er auf das Wissen derer zurück, die ihn umgaben. Er war einer der wenigen Pretender. Seine Begabung äußerte sich darin, dass er sich in jeden Portaner hineinversetzen und vorgeben konnte, er zu sein. Lutec erkannte den Vorteil, den er haben würde, wenn Hork auf seiner Seite spielte. Vorerst würde er ihn also am Leben lassen.

Der junge Telepath erwachte und lächelte schwach: „Das war aber gar nicht nett von dir. Ich schätze mal, du lässt mich leben!?... Wie überaus großzügig von dir.“

Hier saß der jüngste Staatsanwalt, den die Stadt Antrona, Sitz der Regierung von Porta, jemals in ihren Diensten hatte.

6. Eine Zeit des Kampfes

Der junge Hork schloss sich ihnen also an, und schon bald kämpfte er an ihrer Seite. Sie nannten sich selbst „Die Begabten". Und sie setzten sich zur Wehr, wann immer ihresgleichen abgeholt und von der Regierung weggesperrt werden sollten. Sie agierten aus dem Untergrund mit einem Netzwerk aus Spionen, die ihnen mitteilten, wann und wo eine „Reinigung" der Gesetzeshüter stattfinden sollte. Eine Reinigung ging immer gleich vonstatten: sobald der Staatsapparat Informationen über eine Familie bekam, die sich auffällig verhielt, wurde die Nachbarschaft ausgehorcht. Wenn der Verdacht sich verdichtete, wurden sie bei einer Nacht- und Nebelaktion aus den Betten geholt und deportiert. Die üblichen Gefängnisse reichten nicht aus, um die Begabten mit ihren Fähigkeiten eingesperrt zu halten. Die Gefahr bestand, dass sie sich zusammentaten und ihre Kräfte bündelten.

Dass sie friedliebende Portaner waren, die ihr Leben lang ohne Probleme mit ihren Nachbarn zusammengelebt hatten, wurde bei all dem nicht berücksichtigt. Die Angst der Bevölkerung war zu groß vor dem Unbekannten, für das die Begabten standen. Selbst die überführten Verbrecher auf Porta fürchteten sich vor ihnen, so dass sie sich weigerten, mit den Mutanten eingesperrt zu werden. Es war zu vielen Meutereien unter den Gefangenen gekommen. Also hatte die Regierung vor Jahrzehnten schon ein Hochsicherheitsgefängnis gebaut und sperrte sie dort weg. Jeden von ihnen in eine eigene Zelle mit hohen Sicherheitsstandards. Getrennt voneinander fristeten sie ihr Dasein einsam und allein, viele von ihnen mit der Gewissheit, gar nichts getan zu haben.

Die meisten Informationen über bevorstehende Reinigungen kamen von ihrem neuen Verbündeten, und schon bald vertraute Lutec Hork voll und ganz. Als Anführer der Truppe hatte er nie bewusst wahrgenommen, wie einsam er im Grunde doch gewesen war. Und plötzlich war dieser Junge in sein Leben getreten und hatte sich in sein Herz geschlichen. Doch er sollte Recht behalten, Hork war nicht hart genug für diesen Job. Es gab sehr viele Tote auf beiden Seiten. Nach etlichen Jahren wurde die Belastung zu groß für Hork, es kam ihm immer sinnloser vor, für den Frieden zu töten. Mit der Zeit setzte sich ein Gedanke in seinem Kopf fest. Immer öfters überlegte er, ob es nicht einen anderen Weg des Zusammenlebens gab. Er wollte den Portanern die Angst vor seinen Leuten nehmen. Die Begabten konnten ihre Kräfte für Gutes einsetzen und würden so zu einer Bereicherung der Gesellschaft werden.

Er konnte viele aus der Widerstandsbewegung überzeugen, dass Gewalt nicht die Lösung ihres Problems war. Zu wenige gab es von ihnen und zu viele von den anderen. Und tatsächlich fingen sie an, bei Naturkatastrophen mit ihren Kräften zu helfen und auch Verbrechen zu bekämpfen. Sie griffen dann ein, wenn Unrecht geschah. Doch Lutec konnte er nicht überzeugen. Zu tief verankert war sein Hass auf alle Normalos, die sie zu lange unterdrückt, zu viele von ihnen eingesperrt und getötet hatten. Er wollte so weitermachen wie bisher. Seiner unumstößlichen Meinung nach waren die Begabten die nächste logische Stufe auf der Leiter der Evolution, und somit würden sie die Schwächeren verdrängen, während Hork sie sogar noch beschützen wollte. Bei einem ihrer letzten Gespräche, trennten sie sich im Streit.

»Wird es nicht langsam Zeit, dass wir mit diesem ewigen Krieg aufhören, bevor es niemanden mehr von uns gibt, alter Freund? Sie fürchten die Begabten, nur deswegen verfolgen sie uns. Wenn wir die Normalos aber beschützen, dann werden sie erkennen, dass für Furcht kein Grund besteht, und wir können in Frieden nebeneinander leben.«

»Hork, du bist ja so naiv. Sie werden uns niemals in Ruhe lassen, zu groß ist ihre Angst vor dem Neuen und Unbekannten. Nein! Wir müssen alle Begabten um uns sammeln und dann zuschlagen. Wenn wir in Frieden leben wollen, dann müssen sie sich uns unterordnen. Wir haben das Recht des Stärkeren auf unserer Seite, so will es die Evolution.« Seine Worte waren hart und unerbittlich, und obwohl Hork längst wusste, dass er ihn nicht überzeugen konnte, versuchte er es dennoch eindringlich weiter: »Nein, diese Theorie trifft nicht auf eine hochentwickelte Zivilisation wie der unsrigen zu. Wir können nebeneinander existieren. Der Starke muss den Schwachen schützen. Ich kann nicht zulassen, dass du noch mehr Schaden anrichtest. Nimm Vernunft an, sonst trennen sich unsere Wege - hier und jetzt.«

Unbewusst wählte er genau die Worte, die Lutec vor fast zehn Jahren zu ihm gesagt hatte. Er stellte seinem alten Freund somit dasselbe Ultimatum, das Lutec ihm damals gestellt hatte, als er von Hork verlangt hatte, seine geheimsten Gedanken offenzulegen. Sie benutzten nicht oft ihre Stimmen, zu nah waren sie sich. Aber bei hitzigen Diskussionen fehlte ihnen die emotionale Ruhe und Ausgeglichenheit, um stumm miteinander zu kommunizieren. In den letzten Jahren war es oft zu Streitgesprächen zwischen ihnen gekommen. Hork war Lutecs letzter Rest an Gewissen. Oftmals hatte er ihn davon abgehalten, ungerechtfertigte Einsätze gegen die Normalos durchzuführen.

»Die Zeiten der Verfolgung und der Kriege sind für uns vorbei, die Geschichte soll sich nicht umkehren. Wir dürfen nicht zu den Verfolgern werden und die gleichen Fehler begehen wie die verängstigte Bevölkerung von Porta. Wir müssen nach vorne sehen und dürfen nicht zurückschauen.« Hork schwor sich, niemals wieder den Begriff Normalos zu verwenden. Es sollte keine Trennung mehr geben, angefangen bei den Hassparolen. Zornig verließ Lutec den Raum.

Doch der Führer der Widerstandsbewegung sollte auch hierbei Recht behalten, zu groß war die Angst der Bevölkerung und der Regierung vor Veränderungen. Und als es plötzlich zwei Fraktionen der gefürchteten Abnormalen gab, konnte die Öffentlichkeit nicht unterscheiden, wer nun die Guten und wer die Bösen waren. Also scherten sie alle über einen Kamm. Für Hork war es unmöglich, seine Ziele zu verfolgen. Er wurde an zwei Fronten bekämpft. Nicht nur durch die Normalos, nein, jetzt auch noch durch Lutec und seine Anhänger. Als die beiden sich trennten, gingen nicht alle Begabten mit Hork, viele dachten wie Lutec und blieben bei diesem.

Seinen Traum zu erfüllen, einen Stützpunkt auf Porta mit der Unterstützung der Regierung aufzubauen, war unmöglich geworden. Die Gruppe um Hork konnte auch weiterhin nur im Untergrund tätig sein. Also kam er zu dem Entschluss, nach einer passenden Welt zu suchen, die geeignet war, mit seinesgleichen besiedelt zu werden. Niemand sollte sich mehr verstecken müssen. Doch nie gab er sein Ziel auf, die Schwachen weiterhin zu beschützen, wenn nötig auch gegen ihren Willen.

7. Hork - Eine Zeit des Friedens

Eine sehr lange Zeit fand Hork keine geeignete Welt. Doch auf seinen Reisen zu den verschiedensten Planeten versammelte er Gleichgesinnte um sich. Obwohl er durchaus auch Welten besuchte, auf denen es zu einem friedlichen Zusammenleben gekommen war, lief es auf anderen Welten ähnlich wie auf Porta ab. Die Bewohner, die keine paranormalen Kräfte entwickelt hatten, hatten Angst vor den Begabten. Sie fühlten sich in ihrer Existenz bedroht. Als Höhepunkt ihrer Schöpfung befürchteten sie, von ihnen verdrängt und unterjocht zu werden. Also bekämpften sie die Abnormalen. Nicht überall ging es so zivilisiert vonstatten wie auf seiner Heimatwelt. Diese hochentwickelte Kultur schämte sich zwar für ihre Mutanten, aber mehr als nur Wegsperren kam für sie nicht in Frage. Selbst dann nicht, als sie sich zur Wehr setzten. Die Regierung tötete viele im Kampf, das sahen sie als Notwehr an, aber Hinrichtungen führten sie niemals welche durch. Eine zivilisierte Welt mit Todesstrafe war für sie undenkbar. Doch auf vielen anderen Welten entwickelte es sich über Jahrhunderte anders, hier kam es zu Hinrichtungen, Folter und sogar zu Experimenten an den unschuldigen Wesen.

Hork, der seine Begabung des Teleportierens studierte und perfektionierte, so dass er das „Reisen" erlernte, das Gleiten zwischen den Welten, nahm die Verfolgten in seinen Kreis auf. Er gab ihnen Hoffnung, indem er ihnen versprach, eine neue Heimat für sie zu finden, und er konnte sein Versprechen halten.

Es gab auch Welten, auf denen Normalos von den Begabten verfolgt wurden. Hier hatte Hork versucht, seinesgleichen zur Einsicht zu bewegen, hatte versucht, die Normalos zu befreien. Aber im Endeffekt gab es immer Verfolgte und Verfolger, aber niemals sollte es das auf seiner neuen Welt geben.

Als er die Suche schon fast aufgeben wollte, fand er sie endlich. Eines Tages nahm Hork die richtige Tür und öffnete sie weit. Ein wunderschöner Ort lag vor ihm, fast völlig frei von Zivilisation und mit einer prachtvollen Pflanzen- und Tierwelt. Genug zum Leben und mit viel Platz für alle Begabten, die ihm folgen wollten. Und er holte im Laufe der nächsten Jahrzehnte viele zu sich, die wie er waren. Er wusste um die große Nützlichkeit ihrer Fähigkeiten und verwirklichte seine Vision, die Wesen auszubilden, um sie bei Katastrophen und gegen Ungerechtigkeiten auf allen Welten einzusetzen. Also fing er mit der Ausbildung der talentierten Wesen an, die wie er, die Fähigkeit zum Teleportieren besaßen. Sie konnten nicht nur sich selbst von einem Ort zu einem anderen transportieren, sondern sie konnten auch andere mit sich nehmen. Viele der Begabten schafften es nur mit Hilfe dieser ausgebildeten Talente nach Lamir. Außerdem bildete er Präkogs aus, die in die Zukunft sehen konnten. Sie erfuhren über weite Strecken von Katastrophen, die geschehen würden oder bereits im Gange waren. Manchmal verhinderten seine Teams eine Katastrophe schon im Vorfeld; manchmal kamen sie noch früh genug, um zu helfen; und selten, aber trotzdem leider zu oft, kam jede Hilfe zu spät. Auch für diese Aufgabe waren die Präkogs zuständig: sie mussten entscheiden, bei welchen Katastrophen sie nicht mehr helfen konnten. So hart es auch klang, hier durften sie ihre begrenzten Ressourcen nicht binden. Diese aussichtslosen Fälle mussten ignoriert und außen vorgelassen werden.

Horks Netzwerk wuchs und wuchs, aber es reichte nicht, es reichte niemals. Oft verschwendeten sie ihre Kräfte an banalen Dingen wie Brände. Die konnten die Bewohner der jeweiligen Planeten auch selbst in den Griff bekommen, wenn sie nur schnell genug informiert wurden. Also wandte sich Hork an die Regierungen, zumindest die höher entwickelten Welten mussten sich selber mit ihrer Technik helfen. Immer, wenn eine Welt technisch soweit war, entführte er kurzerhand die Oberhäupter und holte sie nach Lamir. Er spielte von Anfang an mit offenen Karten, zeigte ihnen die Schule und das Ausbildungszentrum. Er zwang sie dazu, ein paar Wochen unter ihnen zu leben. Immer fühlten sie sich angegriffen, aber was ihnen noch weniger gefiel, war seine Bevormundung. Er hatte schon viele solcher Gespräche geführt, sie liefen immer gleich ab.

Die erbosten Worte der Regierungsoberhäupter waren immer dieselben: »Wer oder was gibt Ihnen das Recht, sich überall einzumischen?«

»Kein Recht, sondern eher die Pflicht des Stärkeren, die Schwachen zu beschützen. Und letztendlich…« Er zuckte mit den Schultern, und fast schon arrogant fuhr er fort: »Wir tun es, weil wir es können. Nichteinmischung gibt es bei uns nicht, wenn es darum geht, Leben zu retten. Haben Sie etwas dagegen? Das ist Ihr Pech, wir werden es mit Ihrer Zustimmung oder ohne sie tun.«

Dadurch, dass er nicht blinzeln musste, wurde sein Blick schnell unangenehm. Das nervöse Blinzeln hatte er sich schon vor langer Zeit abgewöhnt, längst war er nicht mehr der unerfahrene Junge von einst. Hork starrte seine Gegenüber so lange an, bis diese den Blickkontakt abbrachen.

Ein Volk überraschte ihn aber. Der technische Stand der Menschen, sie schrieben das Jahr 1900, war erst ab diesem Zeitpunkt soweit, um sich bei großen Katastrophen selbst helfen zu können. Die Regierungen waren sehr aufgeschlossen. Sie hatten sofort die Vorteile erkannt, die sich ihnen hier boten. Die Abnormalen, wie sie die Begabten so abfällig in Gedanken nannten, würden nicht auf der Erde bleiben, sondern unter ihresgleichen leben. Sie waren dadurch nicht mehr ihr Problem. Die Informationen und die Hilfe, die sie aber durch dieses Bündnis bekamen, konnten sehr viele Leben retten. Hork hatte die zynischen Gedanken der Menschen ignoriert und war erleichtert über die schnelle Zustimmung gewesen. Sein Netzwerk hatte sich weiter ausgebreitet. Trotzdem gab es auch hier das Problem, das es auf vielen anderen Welten auch gab. Die Erde war ein riesiger Planet, aufgespalten in viele Länder, mit ebenso vielen Regierungen. Die Begabten waren zu weit verbreitet, dadurch stellte es sich als zu schwierig heraus, ihnen von der Welt Lamir zu berichten. Es hätte nicht vermieden werden können, dass die Normalos erfuhren, dass Wesen mit so mächtigen Fähigkeiten unter ihnen lebten. Es wäre zu einer Panik gekommen. Dieser geringe Prozentsatz der Bevölkerung hielt sich außerdem zu gut bedeckt, wussten sie doch, wie gnadenlos die Menschen in ihrer Furcht sein konnten. Woher sollten sie auch wissen, dass die Regierungen, die sie so lange verfolgt hatten, gezwungener Maßen zwar, plötzlich auf ihrer Seite standen? Doch seltsamerweise war es ausgerechnet die Erde, trotz ihrer grausamen Vergangenheit, die den Wenigen, denen sie habhaft wurden, mitteilten, dass es für sie eine Welt da draußen gab, die ihnen eine Selbstverwirklichung bieten konnte, die sie sich nicht in ihren kühnsten Träumen erhofften.

Nun rund vierhundert Jahre später seit Begründung seiner Gesellschaft, stand Hork hier und sah sich einen überwältigend schönen Sonnenuntergang an. Auf einer Welt wie es keine zweite im Universum gab, voller Frieden und Glückseligkeit. Vor langer Zeit hatte er ihr den Namen „Lamir", „Begabung“ wie es in seiner Sprache hieß, gegeben. Die Behausungen schmiegten sich in die Wälder und in die umliegenden Hügel oder waren in Höhlen entstanden. Sie waren eins mit der Natur geworden und störten das Auge des Betrachters in keinster Weise. Mit Hilfe ihrer Energiekristalle, die sie Talismane nannten, erweiterten sie die Bäume so, dass wahre Kunstwerke entstanden. Der Umgang der Lamiraner mit der Natur war so behutsam wie nur möglich.

Mit einem Lächeln auf den Lippen wandte Hork sich ab und betrat sein Gemach. Bald sollten noch andere „Auserwählte" zu ihnen stoßen. Aber bevor das geschah, musste er selbst eine Reise antreten. Es kam nicht mehr oft vor, dass er Lamir verließ, aber der Ausgang dieses Abstechers zur Erde war von größter Wichtigkeit für die kommende Mission. Daher musste er dringend einen alten Freund aufsuchen.

Auch Falk hatte einmal vor vielen vielen Jahren zu den Auserwählten gehört, die Hork um sich versammelte. Jetzt brauchte er seinen ehemaligen Schüler, um die Teammitglieder zu sich zu holen. In ein paar Wochen sollte ihre Ausbildung beginnen, und der alte Mann hoffte, Tobias Falk als Ausbilder gewinnen zu können.

Hork nahm seine engste Vertraute mit. Julanna, seine taubstumme Begleiterin, war wie immer an seiner Seite. Als er zu seinem langen, mit geheimnisvollen Runen verzierten, Metallstab griff, leuchteten seine vier Talismane kurz in einem strahlenden Weiß auf. Sie waren in einem kostbaren Kristall an der Spitze des Stabes eingebettet, der sie zusammenhielt. Bei dem Metall handelte es sich um das härteste, das er auf seinen Reisen finden konnte, es war praktisch unzerstörbar.

Die schlanke Frau beobachtete ihn genau. Für Hork war ihre Präsenz immer spürbar. Vor langer Zeit waren sie eine Verbindung eingegangen, die über jedes körperliche Empfinden hinausging. Die große Humanoide war sein Gewissen, sie hielt alle schlechten Emotionen von ihm fern. So sahen und fühlten seine Gegenüber immer nur seine ausgeglichene Art. Er war jederzeit Herr der Lage, nichts und niemand konnte ihn aus der Ruhe bringen, und das hatte er ihr zu verdanken.

Julanna stammte von einem rauen Planeten namens Sulan. Um darauf zu überleben, entwickelten die Bewohner große körperliche Kräfte. Nur die Starken konnten überleben, und so hatte sich ein kriegerisches Volk geformt. Auch ihre Emotionen waren wild, und das führte ihre Gesellschaft an den Rand der gegenseitigen Ausrottung. Sie mussten lernen, ihre starken kriegerischen Emotionen zu unterdrücken, ansonsten wäre ihre Gesellschaft im Chaos versunken. Aber Julanna unterdrückte nicht nur ihre eigenen Emotionen, sie blockierte auch spezielle Gefühle von Hork, die ihn bei der Ausführung seiner Aufgaben behindern konnten. So hatte er die Freiheit, sich ganz darauf zu konzentrieren, seine Gefolgsleute zu beschützen und Entscheidungen für sie zu treffen, die oft hart ausfielen. Nach außen hin wirkte die Sulanerin gefühlskalt, aber sie liebte den alten Mann mehr als ihr Leben und würde alles für ihn tun.

Mit fünfzehn war sie nach Lamir gekommen, in den darauffolgenden Jahren hatte Hork sie in sein Leben voll und ganz integriert. Er liebte Julanna wie eine Tochter, und bald schon war ihre Anwesenheit selbstverständlich für ihn geworden. Er verließ sich auf die durchtrainierte Kriegerin und vertraute ihr bedingungslos. Und das bereits seit beinahe hundert Jahren. Julanna füllte die Lücke aus, die durch Mariens Fortgang entstanden war, und sie folgte ihm wie ein Schatten. Jeder Lamiraner nahm ihre Anwesenheit hin, sie gehörte an die Seite ihres Oberhauptes, niemand dachte weiter darüber nach. Durch ihre grauen, kurzgeschorenen Haare und ihre grauen Augen wirkte sie absolut farblos. Ihre Kleidung war immer grau, und durch ihr unscheinbares Äußeres und ihr unauffälliges Auftreten schien sie fast schon unsichtbar zu sein. Dabei war sie groß gewachsen, und trotz ihrer überlangen Gliedmaßen bewegte sie sich elegant wie eine Raubkatze. Horks Besucher schauten meist einfach durch ihre große Gestalt hindurch und beachteten sie nicht weiter. Das war ihr nur Recht so. Wenn Julanna jedoch von einem Wesen fasziniert war, fokussierte sie ihr ganzes Sein auf es. Ihre riesigen ausdrucksstarken Augen waren wie ein Sog, der alles, einem Wirbel gleich, anzuziehen schien. Da die Sulanerin sich anders nicht verständigen konnte, musste sie die Gesprächspartner in ihren Kopf lassen. Normalerweise kratzten sie nur an ihren oberflächlichen Gedanken. Doch wenn sie jemanden weit genug vordringen ließ, sah er ihre Gefühle, die sie tief in sich verborgen hielt. Ehe er sich versah, ertrank er in ihnen, spürte diese unbändigen wilden Emotionen. Dadurch fühlte er sich stark und unbesiegbar. Es war wie eine Droge und berauschte ihrem Partner die Sinne. Und wenn die wilde Kriegerin ihn wieder ausspie, dann fühlte er sich schwach und bedeutungslos, aller Selbstsicherheit beraubt.

Sie ließ nicht oft jemanden in ihren Kopf, und nicht viele waren stark genug, es so einfach zu verwinden. Aber sie hatte auch Bedürfnisse, deshalb teilte sie ab und an ihr Bett und ihre Gedanken mit jemandem, und es waren nicht immer männliche Gefährten, die sie sich aussuchte.

Nur in seinem Kopf hörte Hork ihre leidenschaftslose Stimme: „Ist es soweit, brechen wir auf?“

Sie umfasste mit festem Griff ihr breites Schwert. Ihre vier Talismane, die entlang der Klinge eingelassen waren, schimmerten in einem leichten Grau. Die Waffe war klobig und nicht sonderlich elegant, völlig schmucklos wie Julanna selbst es auch war. Doch was der Betrachter niemals vermutete, sie war aus dem sehr leichten und widerstandsfähigen Metall geschmiedet, aus dem auch Horks Stab gefertigt worden war. Lässig ließ sie die Waffe in die Lederscheide an ihrer Hüfte gleiten. Für die Kriegerin war es selbstverständlich, dass sie mit ihm auf die Reise ging, denn er brauchte sie. Und so machten die beiden zusammen einen Schritt nach vorne. Hork hielt seine Gefährtin fest an der Hand, denn sie konnte sich nicht aus eigener Kraft teleportieren. Dabei glühte sein Energieschild weiß und ihrer grau.

8. Eine neue Welt

Tok, Tok, Tok.

Ein großer dürrer, aber dennoch muskulöser Mann mit braunen, etwas längeren Haaren, wartete in einer Seitengasse. Mit seinem altmodischen Spazierstock, der einfach nicht in dieses Jahrhundert passen wollte, ging er auf und ab. Ein leises Tok begleitete ihn. Das Geräusch entstand, wenn die Metallspitze des Stockes den Boden berührte. Der Mann war nicht zum Stillstehen geboren, immer musste er in Bewegung sein. Die Gasse war auf beiden Seiten von Hochhäusern umgeben. Etwas weiter zur Straße hinaus hörte er die gedämpften Geräusche einer Großstadt. Der gutaussehende, nicht mehr ganz junge Mann stoppte, hob den Kopf und lauschte. Dicht gedrängt fuhren die Autos und hupten sich entweder als Warnung oder zur Begrüßung an. Nach einer Weile nahm er seinen Gang wieder auf.

Tok, Tok, Tok.

Dann, so als hätte er etwas wahrgenommen, blieb er erneut stehen und starrte auf eine Stelle. Angespannt erwartete der Mann Hork und seine Begleiterin, die im nächsten Moment wie aus dem Nichts erschienen.

Tobias Falk war der einzige Mann, der eine Bindung mit Julanna halbwegs normal überstanden hatte. Die Beziehung hatte für die Verhältnisse der Sulanerin recht lange angedauert.

Als er siebenundvierzig Jahre alt gewesen war, und zwar siebenundvierzig wirklich gelebte Jahre, und sein Name noch John Fraser gelautet hatte, hatte er im Jahre 1765 irdischer Zeitrechnung, Lamir das erste Mal betreten.

Falk alterte nicht, wie es normale Lebewesen taten. Die Gabe nur zu altern, wenn er starb und wieder auferstand, war gleichermaßen ein Segen und ein Fluch für ihn. Beides begleitete Tobias Falk seit seinem zwanzigsten Lebensjahr.

Und so war sein Körper, als er Lamir zu dem damaligen Zeitpunkt betreten hatte, bereits seit über zwanzig Jahren der eines vierzigjährigen Mannes gewesen. In den Jahrzehnten vor seinem ersten Besuch hatte er viele andere Welten besucht, aber keine war darunter gewesen, die wie Lamir war, die er zu seiner zweiten Heimat erkoren hatte.

 

Als sich der schottische Edelmann John Fraser das erste Mal auf Lamir materialisierte, ordentlich wie aus dem Ei gepellt in seinem besten Ausgehanzug, erschien er direkt vor Julanna.

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