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Zehn Krimis - 2000 Seiten

Zehn Krimis - 2000 Seiten

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Dedication

Zehn Krimis – 2000 Seiten

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Ein Fall für den Norden

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Prolog

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Club der Mörder

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Travers - Heroin für heiße Tipps

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Sein letzter Fehler

Die Hauptpersonen

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Killer ohne Skrupel

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Erben nicht erwünscht

Erster Tag

Zweiter Tag

Dritter Tag

Vierter Tag

Fünfter Tag

Sechster Tag

Siebter Tag

Achter Tag

Neunter Tag

Zehnter Tag

Elfter Tag

Zwölfter Tag

Dreizehnter Tag

Vierzehnter Tag

Fünfzehnter Tag

Sechzehnter Tag

Siebzehnter Tag

Achtzehnter Tag

Neunzehnter Tag

Zwanzigster Tag

Epilog

NUR EIN HÖRFEHLER

Personen

Freitag, 29. April

Samstag, 30. April

Sonntag, 1. Mai

Montag, 2. Mai

Dienstag, 3. Mai

Mittwoch, 4. Mai

Donnerstag, 5. Mai

Freitag, 6. Mai

Samstag, 7. Mai

Sonntag, 8. Mai

Montag, 9. Mai

Dienstag, 10. Mai

Anfang Juli

Mitte Juli

Mittwoch, 3. August

Donnerstag, 4. August

Freitag, 5. August

Samstag, 6. August

Sonntag, 7. August

Montag, 8. August

Dienstag, 9. August

Mittwoch, 10. August

Donnerstag, 11. August

Freitag, 12. August

13. - 31. August

Donnerstag, 1. September

Chinatown-Juwelen

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Was bleibt, ist das Verbrechen

Personenverzeichnis:

I.

II.

III.

IV.

V.

Alfred Bekker & W.A. Hary | TREFFPUNKT HÖLLE | 1

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Further Reading: 11 Thriller für den Sommer Juli 2017

Also By Alfred Bekker

Also By Horst Bieber

Also By Uwe Erichsen

About the Author

About the Publisher

 

Ich begann mit sieben Jahren, Geschichten zu schreiben. Eine meine ersten Geschichten handelte von Bankraub. Gleich im allerersten Satz fliegt jemand durch eine zerberstende Scheibe. Der Vorliebe für Spannung und Action bin ich dann auch später Mitautor von Kommissar X und Jerry Cotton treu gelieben. Manches ändert sich eben nicht.

ALFRED BEKKER

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Zehn Krimis – 2000 Seiten

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von Alfred Bekker, Horst Bieber & Uwe Erichsen

Der Umfang dieses Buchs entspricht 2000 Taschenbuchseiten.

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Dieses Buch enthält folgende  Krimis:

Alfred Bekker: Ein Fall für den Norden

Alfred Bekker: Club der Mörder

Uwe Erichsen: Travers - Heroin für heiße Tipps

Horst Bieber: Sein letzter Fehler

Alfred Bekker: Killer ohne Skrupel

Horst Bieber: Erben nicht erwünscht

Horst Bieber: Nur ein Hörfehler

Alfred Bekker: Chinatown-Juwelen

Horst Bieber: Was bleibt, ist das Verbrechen

Alfred Bekker: Treffpunkt Hölle

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Ein Fall für den Norden

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Kriminalroman von Alfred Bekker

Kommissar Ubbo Norden ermittelt.

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

Kommissar Ubbo Norden ermittelt mit seinem Kollegen Jan Slieter in einem Fall von illegaler Giftmüllentsorgung. Ein Schiff, dass den Emder Hafen verlässt, wird aufgebracht. Aber an Bord befinden sich nicht nur Fässer mit Giftmüll, sondern auch die sterblichen Überreste einer seit langem vermissten Frau.  Nun nimmt der Fall eine überraschende Wende, denn die Jagd nach dem Mörder ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

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Prolog

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Ich komme aus dem Norden. Und ich heiße auch so: Ubbo Norden, Kommissar bei der Kripo Emden.

Mein Kollege, mit dem ich immer unterwegs bin, ist Kommissar Jan Slieter.

Und unser Chef, das ist der Herr Menninga.

Jo.

Und mehr gibt es im Moment auch nicht zu sagen.

Denn zu den toten Frauen und dem Schiff, auf dem man sie gefunden hat, komme ich ja noch.

Immer schön der Reihe nach, würde ich sagen.

Geschwätzigkeit ist nicht so mein Ding, müssen Sie wissen.

Echt nicht.

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Der Frachter PRIDE OF EMDEN hatte den Hafen von Emden gerade verlassen. Unsere Aktion war sorgfältig und bis ins letzte Detail geplant, aber aus irgendeinem Grund hatte das Schiff eine Viertelstunde früher abgelegt und befand sich jetzt auf halbem Weg nach Delfzijl in Holland.

Ein heftiger Wind blies über den Dollart.

Das Wasser war grau.

Der Himmel auch.

Salzgeruch hing in der Luft.

Möwen kreischten.

PRIDE OF EMDEN...

Der Stolz von Emden.

Der Name des Schiffes war ein Shakespeare-Zitat.

Um 1600 herum, das war Emdens beste Zeit. Mit über 400 Schiffen war die Stadt einer der größten Häfen Europas gewesen. Vor den Spaniern geflohene Kaufleute aus den Niederlanden hatten Emden zu einem nie wieder erreichten Wohlstand gebracht.

Einem Wohlstand, der sprichwörtlich wurde und dadurch seine Spuren in Shakespeare-Dramen hinterließ.

Jemand, der was bei der Reederei zu sagen hatte, musste ein belesener Mensch sein.

Und da sage noch einer, Verbrecher seien grundsätzlich ungebildet.

Megafonstimmen ertönten und vermischten sich mit den Motorengeräuschen von Schnellbooten. Ich konnte kaum verstehen, was sie sagten, was daran lag, dass ich mich zusammen mit einigen anderen Einsatzkräften an Bord eines Helikopters befand, der sich im Anflug auf die PRIDE OF EMDEN befand. Der Helikopter-Piloten ließ die Maschine auf dem Ladedeck nieder gehen.

Die Besatzung an Deck wirkte wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen. Eine MPi knatterte. Das Mündungsfeuer leckte blutrot aus dem kurzen Lauf einer Uzi heraus. Ein paar Projektile schlugen dicht über mir in die Außenpanzerung des Helis ein. Ein weiterer Schuss blieb im Spezialglas der Scheibe stecken.

Der Heli setzte auf.

Ich stürzte durch die offene Außentür hinaus. Die Dienstwaffe hielt ich mit beiden Händen. Ich riss die SIG Sauer P226 hoch und feuerte kurz hintereinander fünf Schuss aus dem Magazin.

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Ich duckte mich, feuerte erneut. Dicht hinter mir befanden sich meine Kollegen Jan Slieter und Fred Van Larrelt. Alle an diesem Einsatz beteiligten Kommissaren trugen Kevlar-Westen und waren über Headset miteinander verbunden.

Der Kerl, der mit der Uzi auf uns geschossen hatte, ballerte jetzt nahezu ungezielt in der Gegend herum. Er schwenkte die Waffe seitwärts, während er vorwärts stolperte. Seine Komplizen schwenkten ebenfalls die Waffen. Automatische Pistolen, Pump Guns und MPis unterschiedlicher Fabrikate waren darunter.

Tonnenweise Sondermüll befand sich an Bord der PRIDE OF EMDEN, einem Frachter, der seine beste Zeit sicherlich hinter sich hatte. Im Verlauf von monatelangen Recherchen war die Kripo Emden in Zusammenarbeit mit dem BKA einer Organisation auf die Spur gekommen, die Giftmüll illegal entsorgte. Dieser Zweig des organisierten Verbrechens, auch Müll-Mafia genannt, hatte längst mit den traditionellen Betätigungsfeldern des organisierten Verbrechens wie dem Drogen- und Waffenhandel gleichgezogen. Die Gewinnspannen waren enorm, wenn giftige Industrieabfälle, die eigentlich teuer hätten entsorgt werden müssen, einfach auf einem von Strohmännern angekauften Industriegelände abgestellt oder in ein Entwicklungsland ausgeschifft wurden, wo die Vorschriften weniger streng waren. Durch eine Abhöraktion hatten wir von der illegalen Fracht der PRIDE OF EMDEN erfahren. Zeitgleich mit unserem Einsatz liefen an einem halben Dutzend anderer Orte Durchsuchungs- und Verhaftungsaktionen.

Schüsse peitschen an uns vorbei.

Mehrere Schnellboote der Küstenwache und der Hafenpolizei hatten inzwischen längsseits der PRIDE OF EMDEN angelegt.  Die Einsatzkräfte stiegen an Bord.

Spätestens jetzt war für die Bewaffneten an Deck der PRIDE OF EMDEN klar, dass sie keine Chance hatten.

Der Kerl, der mit der MPi auf uns geschossen hatte, ergab sich. Ein Mann mit einer Pump Gun gab einen letzten, schlecht gezielten Schuss in unsere Richtung ab, bevor er in einer Ladeluke verschwand.

Die anderen waren vernünftiger und hoben die Hände.

Unser Kollege Kilian Carstensen, der Einsatzleiter bei dieser Aktion, stieg zusammen mit seinem Partner Johnny Volkert und anderen Beamten über die Reling der PRIDE OF EMDEN.

Bald darauf klickten die ersten Handschellen.

Jan Slieter und ich stürmten die Treppe hinauf zur Brücke. Fred Van Larrelt war uns dicht auf den Fersen. Jan riss die Tür auf, ich stürzte mit der SIG in beiden Händen hinein.

Kapitän, Steuermann und ein Bewaffneter befanden sich auf der Brücke der PRIDE OF EMDEN. Der Bewaffnete war ein breitschultriger Kerl mit roten Haaren, über dessen linker Schulter eine Uzi hing. Er griff zur Waffe, riss die äußerst zierliche Maschinenpistole herum und drückte ab.

Ich feuerte einen Sekundenbruchteil früher als er. Die erste Kugel aus meiner SIG erwischte ihn an der Schulter und riss ihn zur Seite. Er taumelte. Sein eigener Schuss wurde verrissen. Anstatt mich zu perforieren, stanzten die relativ kleinkalibrigen Uzi-Projektile eine Spur von kleinen Löchern in die Wand und ließen schließlich auch noch eine Scheibe zerspringen.

Der Rothaarige taumelte zwei Schritte zurück, prallte gegen eine Wand und riss seine Waffe noch einmal hoch, während er zu Boden rutschte.

Ich ließ es nicht dazu kommen, dass seine MPi noch einmal losknatterte. Mein zweiter Schuss traf ihn mitten im Oberkörper.

Regungslos sackte der Rothaarige vollends zu Boden. Seine Augen waren starr, der Mund halb geöffnet.

Ich trat näher und stellte fest, dass er nicht mehr lebte.

„Er hat dir keine andere Wahl gelassen“, stellte Jan fest.

Kapitän und Steuermann standen wie angewurzelt da. Fred Van Larrelt tastete sie kurz ab und stellte beim Steuermann eine  Waffe vom Kaliber neun Millimeter sicher.

Der Kapitän war unbewaffnet.

„Sie sind verhaftet“, erklärte mein Kollege Jan Slieter ihnen. „Alles, was Sie von nun an sagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden, falls Sie nicht von Ihrem Recht zu schweigen Gebrauch machen...“

„Wir werden uns nicht äußern, bevor wir nicht mit einem Anwalt gesprochen haben“, erklärte der Kapitän.

„Das ist Ihr gutes Recht“, sagte Jan. „Aber Sie sollten auch bedenken, dass es juristisch sehr viel günstiger für Sie ausgehen kann, wenn Sie sich zu einer frühen Aussage entschließen. Denn irgendjemand unter den schätzungsweise fünfzig oder sechzig Verhaftungen, die im Moment gerade durchgeführt werden, wird reden.“

„Fragt sich nur, wer sich zuerst dazu entschließt“, ergänzte ich.

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Alle Maschinen wurden auf Stopp geschaltet. Aber bis ein Schiff wie die PRIDE OF EMDEN ihre Fahrt spürbar verlangsamte, dauerte es eine Weile. Glücklicherweise hatten wir Unterstützung durch die Hafenpolizei. In deren Reihen gab es Mitarbeiter, die ein Schiff von dieser Größe führen konnten.

Da sich sowohl der Kapitän als auch der Steuermann weigerten, uns in irgendeiner Form zu unterstützen, blieb uns nichts anderes übrig, als zu warten, bis zwei dieser Beamten auf der Brücke eintrafen und die Führung des Schiffes übernahmen.

Wir führten die Gefangenen ab. Auf dem Hauptdeck wurden sie von Kollegen in Empfang genommen, die sie auf Boote der Hafenpolizei verfrachteten.

Unser Kollege Kilian Carstensen kam uns entgegen.

„Das dürfte einer der größten Schläge gegen die Müllmafia seit mindestens einem Jahr sein“, meinte er.

„Wir wollen den Tag nicht vor dem Abend loben“, erwiderte ich. „Erst wenn sich die vermuteten Giftfässer tatsächlich an Bord der PRIDE OF EMDEN befinden, haben wir eine juristische Handhabe – und dann fragt sich immer noch, ob uns nur ein paar kleine Fische ins Netz gegangen sind, oder wir endlich auch an die Hintermänner herankommen, die diese miesen Geschäfte aufziehen!“

„Das werden wir schon“, versprach der flachsblonde Kilian.

Er machte plötzlich ein angestrengtes Gesicht.

Offenbar bekam er eine Meldung über sein Headset.

„Was ist los, Kilian?“, hakte Jan nach.

„Mindestens einer der Kerle verschanzt sich noch unter Deck“, berichtete Kilian.

Ich hob die Augenbrauen.

„Der Kerl, der versucht hat, unseren Helikopter mit seiner Uzi aus der Luft zu holen?“, hakte ich nach.

Kilian nickte.

„Ganz genau.“

Dumpfe Laute dröhnten jetzt aus dem Inneren der PRIDE OF EMDEN. Schussgeräusche.

„Ein paar Kollegen sind ihm bereits unter Deck gefolgt...“, erklärte Kilian.

„Hört sich an, als bräuchten die ein bisschen Unterstützung!“, mischte sich Jan ein.

Im nächsten Augenblick meldete sich einer der Kollegen über Headset. Er hieß Marvin Pätzold, war vor zwei Monaten zu uns versetzt worden. Aber Kommissar Pätzold kam gar nicht mehr dazu, seinen Bericht abzugeben.

Noch ehe er den ersten Satz vollendet hatte, hörten wir  alle den Knall über die Headsets. Dann war Stille. 

Ich sah, wie Kilian unwillkürlich die Hand zur Faust ballte.

„Verdammt“, murmelte er.

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Ich stieg die Treppe hinunter, die Dienstwaffe in der rechten. Meine Kollegen Jan Slieter und Fred Van Larrelt folgten mir. Etwas später folgten noch die Kommissaren Tamme Kronburg  und Edzard Carell.

Mit den Dienstwaffen im Anschlag arbeiteten wir uns in den engen Gängen des Zwischendecks vor. An insgesamt fünf Positionen waren Kollegen von uns ins Innere der PRIDE OF EMDEN eingedrungen, um den Uzi-Schützen aufzuspüren.

„Ich frage mich, warum dieser Kerl hier so ein Theater veranstaltet", raunte Jan mir zu. „Sich jetzt noch da unten einzuigeln, grenzt doch schon fast an eine Art Amoklauf!“

Jan hatte Recht und genau dieser Punkt hatte auch mich stutzig gemacht.

Natürlich hatten wir es auch immer wieder mit psychopathischen Tätern zu tun, denen es wichtiger war, ihren eigenen Tod wirkungsvoll zu inszenieren, als zu überleben. Gestörte Persönlichkeiten, für die Polizisten letztlich nur manipulierbare Größen darstellten, die Rollen von Statisten in einer selbstmörderischen Inszenierung einnahmen.

Aber im Bereich der organisierten Kriminalität kam dieser Tätertyp nur in Ausnahmefällen vor. Normalerweise ergaben sich Täter, wenn sie gestellt wurden und tatsächlich  keinerlei Chance mehr bestand, aus der Situation herauszukommen. Ein großartiges Blutbad anzurichten machte auch im Hinblick auf die juristische Behandlung des Falles keinen Sinn, denn wenn sie auf einen Deal mit der Staatsanwaltschaft aus waren, mussten sie sich kooperativ verhalten.

Das Verhalten des Uzi-Schützen mache also nur unter der Voraussetzung Sinn, dass er tatsächlich glaubte, noch irgendeine Fluchtoption zu haben.

Oder es ging um die Vernichtung von Beweismitteln...

In jedem Fall war es wichtig, dass wir diesen Job so schnell wie möglich erledigten. 

Der einzige ungefähre Anhaltspunkt für den gegenwärtigen  Aufenthaltsort des Uzi-Killers war die letzte Position von Kommissar Marvin Pätzold. Wir hatten sein Handy angepeilt. Das Signal kam aus einem der großen Lagerräume im Bauch der PRIDE OF EMDEN. Über Headset erreichte uns eine Meldung unseres  Kollegen Johnny Volkert, der sich dem Hauptladeraum zusammen mit ein paar weiteren Kollegen von der entgegengesetzten Seite näherte.

Wir arbeiteten uns weiter vorwärts, sicherten uns gegenseitig und erreichten schließlich den Hauptladeraum. Er war gefüllt mit Fässern unterschiedlicher Größe. Ein unangenehmer, stechender Geruch hing in der Luft. Wir fanden Kommissar Marvin Pätzold.

Er lag auf dem Boden zwischen zwei Fässern, die schon ziemlich verrostet waren. Jan und ich ließen den Blick schweifen und hielten dabei die Dienstwaffen mit beiden Händen. Fred Van Larrelt kümmerte sich um Kommissar Pätzold.

Er lebte nicht mehr.

Ein halbes Dutzend Schüsse hatten ihn durchsiebt.

„Verdammt“, murmelte Fred. Er gab eine kurze Meldung per Headset an die Einsatzleitung.

In diesem Moment nahm ich eine Bewegung war. Der Uzi-Schütze tauchte hinter einem der Fässer hervor. Die Maschinenpistole knatterte los. Jan und ich schossen annähernd im selben Moment zurück. Der Uzi-Schütze taumelte zurück. Sein Körper zuckte unter unseren Treffern. Er schlenkerte mit dem Lauf seiner Waffe unkontrolliert herum, während sich gleichzeitig weitere Schüsse lösten. Projektile stanzten sich in die Blechwände des Laderaums. Teile der Beleuchtung zersprangen und Glassplitter von Neonröhren regneten zu Boden.

Offenbar trug der Uzi-Schütze unter seiner Kleidung eine Kevlar-Weste. Er ließ Jan und mir keine Wahl, als unablässig abzudrücken. Erst ein Treffer am Kopf schaltete ihn aus. Er taumelte gegen eines der Fässer. Eine letzte Sequenz von Schüssen löste sich aus dem kurzen Lauf der Uzi und durchlöcherte zwei Fässer. Aus den Einschusslöchern quoll eine gelbliche Flüssigkeit hervor.

Dann strauchelte der Uzi-Schütze zu Boden.

Jan und ich näherten uns vorsichtig.

Fred Van Larrelt folgte uns.

„Wir haben ihn!“, meldete ich über Funk an Johnny und die anderen weiter.

Wir fanden den Uzi-Schützen schließlich reglos am Boden liegen. Das Blut, das aus der Wunde an seinem Kopf austrat, vermischte sich mit der übelriechenden gelblichen Flüssigkeit, die aus den durchlöcherten Fässern heraus quoll.

Seine Augen blickten starr und tot zur Decke. Ich steckte die Waffe ein, packte ihn an den Füßen und zog seinen Körper aus der anwachsenden gelben Lache heraus, während Jan über Funk Unterstützung anforderte.

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Er hat uns keine Chance gelassen“, sagte ich zehn Minuten später an Kilian gewandt. „Es war fast so, als ob der Kerl es darauf angelegt hat, dass wir ihn erschießen!“

„Es macht euch auch niemand einen Vorwurf, Ubbo!“, stellte  Kilian klar.

Über Funk meldete sich ein Kollege der Hafenpolizei. Das Schiff war unter Kontrolle, sollte jetzt drehen und anschließend zurück nach Emden fahren.

Kollegen des Erkennungsdienstes waren von Anfang an Teil der Operation gewesen. Mehrere Chemiker untersuchten stichprobenartig den Inhalt der Fässer, um abschätzen zu können, welche zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen zu treffen waren.

Außerdem sahen sich mehrere Erkennungsdienstler auf der PRIDE OF EMDEN um, darunter unsere Kollegen Wilko Folder und Fokke Horster.

Tom Haase, der Einsatzleiter der SRD-Kräfte sprach uns an. Er trug einen Schutzanzug gegen austretende Giftstoffe. Eine Atemmaske hing ihm um den Hals und war jederzeit einsatzbereit.

„Es wäre gut, wenn der Laderaum so schnell wie möglich geräumt würde“, erklärte Haase an Kilian Carstensen gerichtet. „Wir wissen noch nicht, was hier alles an Chemikalien lagert – aber so, wie es aussieht handelt es sich um hochtoxische, stark ätzende Stoffe. Es ist gut möglich, dass da noch einige üble Überraschungen ans Tageslicht kommen, wenn wir die Fässer öffnen.“

„In Ordnung“, stimmte Kilian zu. „Wir überlassen Ihnen das Feld, Tom.“

Wir kehrten an Deck zurück, und ich war froh, wieder frei durchatmen zu können. Mitarbeiter der SRD brachten die Leichen des Uzi-Schützen und unseres Kollegen Marvin Pätzold an Deck.

Unser Beruf bringt gewisse Risiken für Leib und Leben mit sich und man kann nie ganz ausschließen, in einem gefährlichen Einsatz wie diesem umzukommen. Aber ich werde mich wohl nie daran gewöhnen, dass Kollegen in Ausübung ihres Dienstes umkommen.

Zwei Monate war Kommissar Pätzold auf unserer Dienststelle tätig gewesen. Nur zwei Monate...

Einige der Kugeln, die ihn getroffen hatten, waren von der Kevlar-Weste abgefangen worden. Aber es gab auch einen Kopftreffer, der mit Sicherheit tödlich gewesen war.

Unser Kollege Edzard Carell durchsuchte die Kleidung des getöteten Uzi-Schützen. Der Blouson, der seinen Oberkörper bedeckte, war durch die Einschüsse zerfetzt. Darunter kam der graue Stoff einer Kevlar-Lage zum Vorschein.

Edzard stellte einen Führerschein sicher, der auf den Namen Henning Schmeding ausgestellt war.

„Ich würde nicht damit rechnen, dass dieser Mann seine wahre Identität angegeben hat“, meinte Edzard.

Falls der Name Henning Schmeding falsch war, so hatte dieser Mann ihn mit der Absicht gewählt, nicht aufzufallen. Auf den ersten Blick war der Führerschein nicht als Fälschung erkennbar.

„Ich frage mich, was dieser Mann sich davon versprochen hat, sich buchstäblich bis zum letzten Atemzug gegen eine Verhaftung zu wehren“, meinte Jan.

„Ich vermute, dass er nichts zu verlieren hatte“, gab ich zurück.

„Ein dicker Fisch?“

„Jedenfalls jemand, der nicht auf irgendeine Art von Entgegenkommen durch die Justiz hoffen konnte, Jan.“

„Wahrscheinlich hat der darauf spekuliert, sich irgendwo in den zahllosen Luken und kleinen Nebenstauräumen versteckt halten zu können, um dann vielleicht doch eine Chance zur Flucht wahrzunehmen.“

Auf jeden Fall erwartete ich, dass der Mann, der sich Henning Schmeding nannte, ein umfangreiches Dossier in den über das Datenverbundsystem zugänglichen Daten über Kriminelle vorweisen konnte.

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Eine Dreiviertelstunde später legte die PRIDE OF EMDEN im Emder Hafen an. Dort warteten bereits weitere Einsatzkräfte auf, darunter auch der Gerichtsmediziner Dr. Broerke Remmers. Außerdem Spezialisten, deren Aufgabe es war, möglichst schnell zu analysieren, was genau sich in den Giftfässern befand, die die PRIDE OF EMDEN auf kriminelle Weise hatte entsorgen sollen.

Wir gingen an Land.

An Bord des Frachters hatten wir jetzt nichts mehr verloren. Nun schlug die Stunde der Experten und Wissenschaftler. Es musste haarklein rekonstruiert werde, wie Kommissar Pätzold gestorben war.

Von Kilian erfuhren wir, dass die ersten Verdächtigen, die an anderen Orten im Zusammenhang mit der PRIDE OF EMDEN zeitgleich festgenommen worden waren, bereits in unserer Dienststelle angekommen waren. Darunter auch Hinnerk Martensteen, der Geschäftsführer einer dubiosen Im- und Exportfirma.  Staatsanwalt Tamme Grotekerken war ebenfalls bereits eingetroffen, um deutlich zu machen, dass derjenige, der sich ohne Verzögerung dazu entschloss, das Schweigen zu brechen, mit Vorteilen rechnen konnte.

Wir wurden zurück zur Dienststellen beordert.

Als wir dort eintrafen, hatten die Verhöre des Kapitäns und des Steuermanns der PRIDE OF EMDEN bereits begonnen. Der Rest der Besatzung befand sich in Gewahrsam und zum Teil musste erst die jeweilige Identität mühsam festgestellt werden. Manche der Festgenommenen sprachen sehr schlecht Englisch. Es handelte sich um Seeleute, die unter wirklich abenteuerlichen Bedingungen angeheuert worden waren und kaum über die nötigsten Kenntnisse verfügten.

Das Gros schien von den Philippinen und aus Mittelamerika zu stammen, aber die Neigung dieser Männer, mit uns zusammenzuarbeiten, war nicht besonders groß. Erstens begriffen sie offenbar kaum, dass sie sich an einer Straftat beteiligt hatten und zweitens hatten sie nach Ansicht unserer Verhörspezialisten Angst.

„Sie ahnen nicht, dass jemand mutwillig ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt hat“, stellte unser Kollege Dirk Bakker fest, der mit einigen von ihnen gesprochen hatte. „Sie wurden hochgiftigen Stoffen ausgesetzt und verfügen über so gut wie überhaupt keine Kenntnisse darüber, wie man damit umgehen müsste oder wie man sich vor den Giften schützen kann.“

„Das ist wohl einer der Gründe dafür, weshalb eine Entsorgung an Bord der PRIDE OF EMDEN sehr viel günstiger ist als dies normalerweise der Fall wäre“, stellte ich fest.

Dirk nickte. Wir beobachteten durch eine Spiegelwand die Verhöre des Kapitäns und des Steuermanns. Der Kapitän hieß Rudolf Jordan. Er weigerte sich, irgendwelche Aussagen zu machen. Die PRIDE OF EMDEN gehörte einer Holding, die wiederum mehrheitlich Eigentum einer Briefkastenfirma war, die ihren Stammsitz auf den Cayman Islands hatte.

„Die wahren Besitzer werden wohl nicht so leicht festzustellen sein“, meinte Jan. „Es könnte durchaus sein, dass Kapitän Jordan darüber gar nichts weiter weiß.“

„Oder wissen will“, setzte ich hinzu.

Jan zuckte mit den Schultern. „Also ein Fall für Tjark.“

Unser Kollege Tjark Petersen war in unserer Dienststelle der Spezialist für Betriebswirtschaft. Er wusste, wie man Finanzströme verfolgte, was bei Ermittlungen im Bereich der organisierten Kriminalität einen immer wichtiger werdenden Stellenwert bekommen hatte. Oft war es nur auf diese Weise möglich, kriminelle Verflechtungen aufzudecken.

Unser Kollege Kommissar Jörn Dahl führte das Verhör durch. Er gehörte zu den jüngeren in unserer Dienststelle. Dirk Bakker hielt allerdings große Stücke auf ihn. Außer Dahl war noch Staatsanwalt Grotekerken anwesend, der sich allerdings nicht weiter einmischte.

„Sie wollen uns doch nicht erzählen, dass Sie nicht gewusst haben, dass die PRIDE OF EMDEN zu einem illegalen Giftmüll-Transport benutzt wurde“, sagte Dahl. „Zu diesem Zeitpunkt sind Kollegen von uns in Ihrer Wohnung in Newark und stellen dort alles auf den Kopf. Jede Kontobewegung wird von unseren Spezialisten genauestens unter die Lupe genommen und wenn  Sie noch irgendeine Chance haben wollen, um mit der Staatsanwaltschaft zu einer Übereinkunft zu kommen, dann sollten Sie jetzt auspacken. Sonst ist es zu spät...“

„Ich verweigere Aussage“, erklärte Kapitän Jordan. 

„In den Daten, die uns zugänglich sind, wird eine Anklage wegen Versicherungsbetruges vermerkt.“

„Das Verfahren wurde eingestellt.“

„Sie sollen einen Frachter mit dubioser Ladung absichtlich vor der nigerianischen Küste auf Grund gesetzt haben. Man warf Ihnen Versicherungsbetrug vor.“

„Wie gesagt, das Verfahren wurde eingestellt!“

„Eigner des Schiffes war eine Rederei aus Liberia, die einer Holding gehörte, die wiederum hundertprozentige Tochter der International Cargo Holding auf den Cayman Islands war, als deren Geschäftsführer ein gewisser Hinnerk Martensteen fungierte!“

„Wenn Sie das sagen!“

„Seltsamerweise ist die PRIDE OF EMDEN Eigentum einer anderen Firma, als deren Geschäftsführer ebenfalls ein gewisser Hinnerk Martensteen eingetragen ist, dem außerdem noch eine dubiose Im- und Exportfirma gehört, die hier im Hafen von Emden ansässig ist.“

Jordan beugte sich nach vorn. Seine Augen wurden schmal und er sprach beinahe, ohne dass sich seine Lippen überhaupt bewegten. Sie bildeten einen fast geraden Strich, während er zwischen den Zähnen hervorpresste: „Dann befragen Sie doch verdammt noch mal diesen Herr Martensteen und nicht mich!“

Jetzt mischte sich Staatsanwalt Tamme Grotekerken ein.

„Keine Sorge, das geschieht bereits“, versicherte er. „Genau jetzt in diesem Moment in einem unserer anderen Vernehmungszimmer. Und bevor Sie sich von Herr Martensteen einen Anwalt bezahlen lassen, sollten Sie darüber  nachdenken, dass Ihre Aussage jetzt der Staatsanwaltschaft noch ein deutliches Entgegenkommen wert sein könnte...“

In dem Vorraum, in dem sich Jan und ich befanden, öffnete sich die Tür. Sie flog förmlich zur Seite. Ein kleiner, gedrungen wirkender Mann mit hoher Stirn trat ein. „Roger W. Sundback von Peter-Ferdinanden, Sundback & Partners. Ich bin der Anwalt von Kapitän Jordan. Die Fragestunde ist damit vorbei! Ich will mit meinem Mandanten unter vier Augen reden.“

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Als Jan und ich eine Stunde später in dem Dienstzimmer saßen, das wir uns miteinander teilten, kam Kommissar Tadaeus Ulfert, ein Kollege aus der Fahndungsabteilung unseres Innendienstes herein. 

Die Identität des Uzi-Schützen war geklärt.

„Henning Schmeding heißt in Wirklichkeit Henning Martini“, erklärte Tadaeus. „Er ist seit zehn Jahren untergetaucht. Ihm werden ein halbes Dutzend Morde im Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen nachgesagt. Bei mindestens drei Fällen ist die Beweislage sehr eindeutig.“

„Kein Wunder, dass er auf keinen Fall in die Hände der Justiz geraten wollte“, stellte Jan fest. Er wandte den Kopf in meine Richtung. „Du hattest Recht, Ubbo.“

„Das kannst du laut sagen!“

„Er hatte einfach nichts zu verlieren.“

„Für wen hat Martini zuletzt gearbeitet?“, fragte ich an Tadaeus Ulfert gerichtet und nippte dabei an meine Kaffeebecher.

„Der letzte Fall, mit den wir ihn in Verbindung bringen konnten, ereignete sich in Bremen”, stellte Tadaeus fest. „Ich habe euch die Unterlagen auf den Rechner geschickt.“

„Danke.“

„Ein gewisser Miles Sorenson wurde vor sechs Monaten in einem Motel ermordet.“

„Müsste man diesen Sorenson kennen?“, fragte ich.

„Tjark sagt, dass er bei einem halben Dutzend Unternehmungen Martensteens Geschäftspartner und Teilhaber war. Wir vermuten, dass er im Auftrag von Martensteens Müll-Mafia Industrie-Brachen von Strohmännern aufkaufen ließ, um dort Kunststoffabfälle illegal zu lagern.“

Eine alte Masche dieses im wahrsten Sinn des Worts schmutzigen Gewerbes. Der Strohmann tauchte dann irgendwann unter und oft fiel der illegal deponierte Müll erst auf, wenn  es zu Vergiftungen des Grundwassers kam, sich Anwohner über Geruchsbelästigungen beschwerte oder sogar ein Feuer ausbrach. Spontane Selbstentzündungen waren bei unsachgemäß gelagerten Kunststoffabfällen durchaus wahrscheinlich. Das dabei entstehende Dioxin war hoch-toxisch und gehörte zu den giftigsten Substanzen überhaupt. Wenn es dann zur Katastrophe kam, waren die Strohmänner natürlich längst untergetaucht und die Ermittlungen verliefen leider oft genug im Sande, weil sich einfach nicht genügend konkrete Spuren finden ließen.

Jan und ich nahmen uns die Daten über den Mord in Bremen vor. Es war so gut wie sicher, dass Martini der Mörder war, denn er hatte reichlich DNA am Tatort hinterlassen. Es hatte einen Kampf mit Miles Sorenson gegeben und der hatte Martini durch einen Schuss ins Bein verletzt. Martini war entkommen und hatte sich offenbar in irgendeiner verschwiegenen Privatambulanz behandeln lassen. Die Behörden hatten nie herausfinden können wo.

Das ganze geschah, kurz bevor Sorenson hatte aussteigen und sich einem V-Mann der Bremer Polizei hatte anvertrauen wollen.

Das Motiv für Hinnerk Martensteen, Sorenson aus dem Weg räumen zu lassen, lag also auf der Hand.

„Können wir Martensteen mit Martinis Tat in Verbindung bringen?“, fragte ich an Tadaeus gewandt.

„Das wird schwierig, wenn wir keine zusätzlichen Beweise oder Zeugenaussagen haben“, glaubte der Innendienstler aus der Fahndungsabteilung.

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Gegen Abend entschloss sich Patrick Kreutzfeld, der Steuermann der PRIDE OF EMDEN, dazu, mit dem Staatsanwalt zu reden. Er belastete Martensteen stark, woraufhin auch Kapitän Rudolf Jordan seine starre Haltung aufgab, den von Martensteen bezahlten Anwalt in die Wüste schickte und unseren Kollegen gegenüber umfassend aussagte.

Dabei belastete auch er Martensteen stark.

Alles sah danach aus, dass der Fall juristisch erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Entsprechend zufrieden fuhren Jan und ich am Abend nach Hause. Bevor ich Jan an der bekannten Ecke absetzte, aßen wir noch einen Fischbrötchen in einem Fisch-Imbiss am Delft.

„Dieser Martensteen ist schon ziemlich weit oben in der Müll-Mafia anzusiedeln“, meinte Jan. „So schnell wird sich die von diesem Schlag nicht erholen!“

„Jedenfalls gehört dieser Martensteen einer Gewichtsklasse von Gangstern an, an die wir normalerweise selten herankommen“, meinte ich.

„Die Weiße-Kragen-Abteilung der Bosse.“

„So ist es.“

„Umso besser, dass seine Chancen ausgesprochen schlecht stehen, ungeschoren davonzukommen. Und wer weiß, vielleicht zieht er bei seinem Fall ein paar Leute mit in den Abgrund, die noch über ihm stehen.“

Ich nickte. „Es ist immer nur ein Etappensieg, den man im Kampf gegen das organisierte Verbrechen erringen kann“, sagte ich und Jan stimmte mir zu.

Am nächsten Morgen regnete es in Strömen, als ich Jan an der bekannten Ecke abholte und wir zu unserer Dienststelle kamen. Auf dem Flur lief uns Tadaeus Ulfert über den Weg. „Der PRIDE OF EMDEN-Fall hat sich vollkommen gedreht“, meinte er im Vorübergehen. „Der Chef hat in fünf Minuten zur Besprechung geladen. Ihr sollt auch dabei sein!“

„Vollkommen gedreht?“, echote ich, aber Tadaeus hatte es furchtbar eilig und offenbar vor der Besprechung noch dringend etwas zu erledigen.

Als wir im Besprechungszimmer unseres Vorgesetzten Jonathan D. Menninga eintrafen, waren unsere Kollegen Kilian Carstensen und Johnny Volkert schon anwesend.

Herr Menninga stand hinter seinem Schreibtisch. Der Chef der Emder Kriminalpolizei telefonierte gerade und sagte zweimal kurz hintereinander etwas angestrengt: „Ja, in Ordnung.“

Wir nahmen Platz. Unsere Erkennungsdienstler Wilko Folder und Fokke Horster trafen ein. Die Sekretärin unseres Chefs servierte ihren berühmten Ostfriesentee.

Herr Menninga legte auf. „Das war Kommissar Jensen von der Bremer Polizei“, erklärte er. „Ich werde Ihnen gleich erklären, was es mit diesem Anruf auf sich hat... Aber zunächst möchte ich noch abwarten, bis...“ Herr Menninga sprach nicht weiter, denn in diesem Augenblick betrat Tadaeus Ulfert den Raum.

„Wo bleibt Herr Haase?“

„Gerade eingetroffen. Sie wissen ja, was im Moment auf den Straßen los ist.“

Ich nippte an meinem Tee. 

Einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann begann Herr Menninga, die Zeit damit zu nutzen, dass er uns über den aktuellen Stand der Ermittlungen gegen die an Bord der PRIDE OF EMDEN Festgenommenen informierte.

Inzwischen traf Tom Haase vom Erkennungsdienst ein.

Herr Menninga nickte ihm kurz zu. Noch ehe sich Haase gesetzt hatte, sagte unser Chef: „Unsere Leute haben bei der genaueren Untersuchung der Giftfässer an Bord der PRIDE OF EMDEN einige interessante Entdeckungen gemacht, die ein völlig neues Licht auf den Fall werfen. Herr Haase, Sie haben das Wort.“

„Danke, Herr Menninga“, sagte Haase. Er ließ kurz den Blick durch den Raum schweifen. „Ich will Sie nicht damit langweilen, welche extrem giftigen Chemikalien wir im Einzelnen in den Fässern gefunden haben. Es handelt sich dabei aber durchweg um stark ätzende Säuren, die bei verschiedenen Industrieprozessen entstehen. Aber so stark eine Säure auch sein mag, es gibt Dinge, die selbst der zersetzenden Kraft der stärksten Säure widerstehen können. Insbesondere sind das polymere Kunststoffe, deren lange Molekülketten eine Zersetzung nahezu unmöglich machen. Der bekannteste dieser Stoffe dürfte das Polyvinylchlorid sein – kurz PVC. Eine ähnliche Struktur haben Silikone, wie sie für Brustimplantate, aber auch für den Korrosionsschutz von Leitungssystemen oder auch zum Schutz von Implantaten aller Art vor Zersetzung verwendet werden, denn auch der menschliche Körper produziert hochaggressive Säuren, die auf die Dauer selbst Knie- und Hüftimplantate aus Titan zersetzen würden. Von empfindlichen Herzschrittmachern mal ganz  abgesehen!“ Haase atmete tief durch und fuhr dann fort: „Wir haben in einem der Fässer ein Brustimplantat gefunden, an dem sich nur noch geringfügige DNA-Reste befanden. Der Körper der Trägerin ist vollständig zersetzt worden, aber anhand der Seriennummer konnten wir die Klinik und die Trägerin des Implantats herausfinden. Es handelt sich um  Norma Jeremies aus Bremen, die seit fünf Jahren vermisst wird. Sie war Ende zwanzig, rothaarig, zierlich.  Sie passt in das Opferprofil eines bisher unbekannten Serientäters, dem wir mindestens fünf Frauenmorde  zur Last legen.“

„Ein Serientäter, der seine Leichen in Giftfässern entsorgt hat?“, fragte Kilian zweifelnd.

Tom Haase nickte.

„Daran, dass die vermisste Norma Jeremies in dem Säurefass an Bord der PRIDE OF EMDEN war, gibt es keinen Zweifel. Der Körper war in Anbetracht der Säurekonzentration wahrscheinlich nach wenigen Wochen vollkommen zersetzt. Das Skelett ist dann nach spätestens drei Monaten völlig aufgelöst gewesen. Eine chemische Feinanalyse wird da kaum noch genauere Erkenntnisse bringen. Der menschliche Körper besteht zu 70 Prozent aus Wasser, das später von dem Wasser, in dem die Säue gelöst war, nicht mehr zu unterscheiden war. Knochen und Zähne brauchen etwas länger bis sie aufgelöst werden, aber letztlich blieb nur das Brustimplantat.“

„Besteht irgendein Anlass, darüber nachzudenken, ob der Mord an Norma Jeremies vielleicht im Zusammenhang mit einer Verwicklung in Machenschaften der Müll-Mafia geschah?“, fragte Herr Menninga.

„Ich habe bereits eine Schnellabfrage ans BKA gestartet“, mischte sich unser Kollege Kommissar Tadaeus Ulfert ein. „Es gibt kein Indiz, das darauf hindeutet. Norma Jeremies arbeitete für eine Lokalzeitung, den Bremer Anzeiger. Ihr Alltag dürften Berichte über den örtlichen Kaninchenzüchterverein, und die Unfälle  der Umgebung gewesen sein.“

„Das ist noch nicht alles“, fuhr Haase fort. „Wir haben natürlich auch die anderen Fässer untersucht. Dabei sind wir auf weitere menschliche Überreste gestoßen, die möglicherweise von Opfern des Serientäters stammen. Es handelt sich um einen Goldzahn und ein halb zersetztes Knochenfragment. Da beides in unterschiedlichen Fässern sichergestellt wurde, nehmen wir an, dass es sich um zwei verschiedene Opfer handelte, die wir bislang allerdings noch nicht die identifizieren konnten.“

„Wir werden alle vermissten Personen, die ins Raster passen mit den Spuren abgleichen“, erklärte Tadaeus Ulfert „In Frage kommt bisher Nancy Kratzenberg, seit vier Jahren vermisst, rothaarig, zum Zeitpunkt ihres Verschwindens 24 Jahre alt und von Beruf Bedienung in einem Schnellimbiss  in Bremen.“

Herr Menninga wandte sich an Jan und mich. „Ich möchte, dass Sie und Jan sich nach Bremen begeben und der Sache auf den Grund gehen“, erklärte er. „Ich habe vorhin mit den zuständigen Kollegen dort gesprochen. Die Bremer Polizei wird Sie in jeder Hinsicht unterstützen. Kann sein, dass dies nur ein Zufallsfund ist, der mit den Ermittlungen gegen Hinnerk Martensteen und die Müll-Mafia nicht das Geringste zu tun hat. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass hier möglicherweise ein gefährlicher Serientäter am Werk war, der noch immer aktiv sein könnte!“

„Es wäre gut, wenn wir wüssten, von wo genau die Giftfässer stammten“, sagte ich.

„Daran arbeiten wir“, erklärte Tom Haase.

„Insofern haben beide Fälle schon etwas miteinander zu tun, denn Martensteen hat uns bisher nicht verraten, wessen Müll er mit Hilfe der PRIDE OF EMDEN entsorgen wollte“, ergänzte Tadaeus Ulfert. „Aber das Auffinden des Brustimplantats gibt uns natürlich einen Hinweis in Richtung Bremen.“

„Fand nicht auch Henning Martinis letzter Auftragsmord in der Nähe von Bremen statt?“, fragte ich an Tadaeus gerichtet.

Unser Kollege nickte. „Das stimmt.“

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Der Mann mit dem Goldkreuz auf der Brust nahm sein Glas und machte zwei Schritte nach vorn. Er fixierte mit seinem Blick die Frau Mitte zwanzig, deren rot gelockte Mähne bis weit auf den Rücken hinabreichte. Sie rührte lustlos mit dem Trinkhalm in ihrem Drink herum. Giftgrün war der Drink, eine Spezialität von Anselm dem Barkeeper. Es gab sicher nicht wenige, die Anselms Drinks wegen in Mäckis Bar kamen. Aber die Rothaarige machte den Eindruck, als wüsste sie die Qualität ihres Drinks heute nicht zu schätzen. 

Der Mann mit dem Kreuz auf der Brust setzte sich auf den Hocker neben ihr und stellte sein eigenes Glas auf den Tresen.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, fragte der Mann mit dem Kreuz. Sie ignorierte ihn zunächst.

Aber das ließ der Mann mit dem Kreuz nicht gelten. Er wiederholte seine Frage einfach – diesmal etwas lauter, sodass sich einige der anderen Gäste schon umdrehten.

Die Rothaarige drehte sich nun zu ihm herum und blickte auf. „Das haben Sie doch schon getan“, sagte sie. Sie musterte ihn. Ihr Urteil stand nach ein paar Sekundenbruchteilen fest. Das war niemand, mit dem sie sich länger beschäftigen wollte. Aber er ließ sich nicht so schnell einschüchtern.

„Mein Name ist Benny“, sagte er.

„Ach!“

„Und wenn Sie nicht schon einen Drink hätten, würde ich Ihnen einen ausgeben.“

„Danke, aber das möchte ich nun wirklich nicht.“

„Wieso? Was ist schon dabei? Nur ein Drink.“

Ihre Stimme bekam jetzt einen ziemlich genervten Tonfall. „Hören Sie, Herr, ich...“

„Sie heißen Rabea, nicht wahr?“, unterbrach er sie. Er lächelte dabei auf eine Weise, die ihr nicht gefiel. Es war ein Lächeln, das mehr vom Triumph eines Raubtiers hatte, als dass es als Zeichen einfacher Freundlichkeit hätte durchgehen können. Sein Blick fixierte sie. Er schien ihre Verwirrung zu genießen.

Die Rothaarige sah ihn erstaunt an. „Woher wissen Sie das?“, fragte sie kühl.

„Ich bin öfter hier. Und Sie auch. Das erklärt doch einiges.“

„Das erklärt gar nichts.“

„Offenbar haben Sie mich noch nie bemerkt, aber ich konnte nicht umhin einige der Gespräche mit anzuhören, die Sie an dieser Bar geführt haben.“

„Sie belauschen also gerne andere Leute. Na großartig!“

„Rabea Frerich. Das stimmt doch oder? So heißen Sie doch!“

Sie schluckte. Eine tiefe Furche bildete sich auf ihrer ansonsten vollkommen glatten Stirn. Sie strich sich eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. Die Situation drohte ihr zu entgleiten und sie wollte im Moment eigentlich nur noch eins: In Ruhe gelassen werden.

„Hören Sie, Herr...“

Seine makellosen Zähne blitzten auf, als er den Mund breit zog. „Nennen Sie mich Benny. Das klingt nicht so unpersönlich.“

„Nein!“, sagte sie entschieden.

„Bitte!“

Er nahm einen Schluck. Dann noch einen. Schließlich stellte er das leere Glas auf den Tresen und bestellte bei Anselm noch einen Drink, der sich Schwarzer Friesenteufel nannte und zu Rabeas Erstaunen tatsächlich vollkommen schwarz war, nachdem der Barkeeper ein halbes Dutzend verschiedener Zutaten zusammengemixt hatte. 

„Benny, ich hatte einen anstrengenden Tag und mir steht nun wirklich nicht der Sinn nach Unterhaltung. Also betrachten Sie es nicht als unhöflich, wenn ich Ihnen sage, dass ich am liebsten einfach meinen Drink nehmen und in Ruhe gelassen werden würde.“

„Ihre Arbeit bei der Norddeutschen Total-Versicherung ist mit Sicherheit nicht einfach“, sagt Benny. „Und das Betriebsklima soll ja ziemlich schlecht sein, seit Ihre Abteilung von Frauke Closkey geleitet wird.“ 

Rabea sah Benny völlig entgeistert an. Sie wurde blass. „Woher wissen Sie das alles?“

„Spielt das eine Rolle?“

„Natürlich!“

Benny lachte. Ein stiller Triumph stand in seinem Gesicht, dessen Ausdruck für sie jetzt fast unerträglich wurde. Er nippte an seinem Drink. Dann verzog er das Gesicht. „Stimmt etwas nicht? Oh, ich vergaß: Natürlich werde ich niemandem etwas davon erzählen, dass die Norddeutsche Total-Versicherung demnächst wahrscheinlich hundertfünfzig Mitarbeiter entlassen wird. Das soll ja noch unter der Decke gehalten werden, damit die Belegschaft ruhig bleibt. Aber bei Ihnen in den Bürogängen brodelt doch längst die Gerüchteküche und viele fragen sich, ob es nicht viel mehr sein werden, die man später auf die Straße setzt.“

„Jetzt reicht es“, sagte Rabea, langte nach ihrer Handtasche und legte etwas Geld auf den Tresen. Als Anselm zu ihr hinüberblickte, sagte sie: „Der Rest ist für Sie, Anselm.“

„Danke“, nickte er ihr zu und ließ sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen. Mit geübten, fast automatisch wirkenden Bewegungen vollendete er zunächst den Drink, den er gerade zusammenmixte.

Die Besonderheit waren die schwimmenden Früchte an der Oberfläche.

Rabea drehte sich in Richtung Tür um.

Benny spielte mit dem Kreuz an seinem Hals herum. „Es ist ja auch unter diesen Bedingungen nicht so einfach, ein gutes Betriebsklima aufrecht zu erhalten“, sagte er dann so laut, dass mehrere der anderen Gäste zu ihm hinüberschauten. Rabea blieb stehen. Sie atmete tief durch. Ihr Gesicht war dunkelrot angelaufen.

Schließlich drehte sie sich wieder um und fragte: „Was wollen Sie eigentlich von mir und wer schickt Sie? Habe ich Sie schon mal bei der Norddeutschen Total-Versicherung gesehen? Arbeiten  Sie auch dort? Fängt die Geschäftsleitung inzwischen schon damit an, Mitarbeiter auszuspionieren und nach Schwachstellen im Privatbereich zu suchen, damit man jemanden mit besserem Gewissen entlassen kann?“

„Nein, nein, Sie haben mich völlig missverstanden, Rabea. Wirklich! Ich wollte mich nur mit Ihnen unterhalten. Und was ich über Sie weiß, dass habe ich tatsächlich nur aus Unterhaltungen, die Sie in den letzten drei Wochen in dieser Bar geführt haben. Es tut mir leid, aber da ich fand, dass Sie eine interessante Frau sind, konnte ich einfach nicht anders, als Ihnen zuzuhören und an Ihren Lippen zu hängen.“ Er lächelte matt und wirkte etwas verlegen. „Kommen Sie, nehmen Sie einen Drink mit mir, dann werden sich alle Missverständnisse sicherlich klären lassen.“

Die Zornesfalte auf ihrer Stirn trat etwas weniger deutlich hervor.

Benny sah seine Chance. Er trat einen Schritt auf sie zu und griff sich an das Kreuz, das ihm an einem Goldkettchen um den Hals hing. Er legte offenbar viel Wert darauf, dass man es auch sah, denn die obersten drei Hemdknöpfe trug er offen. „Sehen Sie das hier, Rabea? Die meisten fragen mich früher oder später, was das zu bedeuten hat. Es ist ein Kreuz, aber wenn Sie genau hinsehen, dann können Sie erkennen, dass das obere Ende länger ist. Ein umgedrehtes Kreuz also – das Symbol dafür, dass es keineswegs so ist, dass Jesus die Welt erlöst hat. Ganz im Gegenteil! Satan herrscht und das Böse breitet sich überall aus. Es ist einfach eine Tatsache... Satan hat sein Gespinst über die gesamte Welt gelegt und Sie sind genauso ein Teil davon wie ich oder die Menschen, denen Sie bei der Norddeutschen Total-Versicherung begegnen...“

Rabea wandte sich in Anselms Richtung.

„Wenn ich gewusst hätte, dass Sie hier solche Spinner dulden, hätte ich Ihre Bar niemals betreten, Anselm!“, stieß sie hervor.

Sie drehte sich um und ging.

Die Tür fiel ins Schloss.

Benny wollte hinter ihr her, aber Anselms Stimme hielt ihn ab.

„Sie haben Ihren Drink noch nicht bezahlt“, stellte der Barkeeper fest. Benny kramte umständlich und sichtlich genervt sein Portemonnaie hervor und legte schließlich das Geld auf den Tisch.

„Ich weiß nicht, ob es wirklich eine gute Idee ist, wenn Sie der Dame folgen wollen“, meinte Anselm.

„Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Mist.“

„Und ich meine es ganz ernst. Lassen Sie sie am besten in Ruhe. Sie hat Ihnen doch deutlich gezeigt, dass sie nichts mit Ihnen anfangen kann.“

Benny deutete auf den noch nicht einmal zu einem Drittel leer getrunkenen Schwarzen Friesenteufel. „Ihre Drinks sind lausig, Anselm. Vielleicht hat Ihnen das noch niemand gesagt, aber es ist so!“

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Es war dunkel und Rabea schmerzten die Füße, als sie zwei Minuten später von Mäckis Bar in die Hans-Sachs-Straße einbog, um zu ihrem Wagen zu gelangen, den sie dort abgestellt hatte. Eigentlich hätte sie lieber eines der Parkhäuser im Zentralbereich von Bremen benutzt, aber erstens hatte sie Angst, dort überfallen zu werden und zweitens wurde eines davon im Moment gerade generalüberholt und fiel daher auf Grund der anfallenden Arbeiten komplett aus, was leider zur Folge hatte, dass in ganz Bremen Parkraum im Moment extrem knapp war.

Ihre Schritte waren recht eilig. Sie hatte noch das Gesicht von diesem aufdringlichen Benny mit seinem seltsamen Kreuz vor Augen. Das Letzte, was sie sich an diesem Abend gewünscht hätte, war ein Typ wie dieser Mann, der sie aufdringlich anquatschte und ihr dann auch noch seine etwas absonderlichen Ansichten über Gott und die Welt aufzudrängen versuchte.

Nein, nicht Gott und die Welt!, korrigierte sie sich. Gott und den Teufel... Im Nachhinein fröstelte es ihr immer noch bei dem Gedanken an die letzten Worte dieses Mannes, die so düster und abgedreht gewesen waren, dass Rabea immer noch das kalte Grausen überkam, wenn sie nur daran dachte.

Plötzlich glaubte Rabea, Schritte hinter sich zu hören. Nein, das darf doch nicht wahr sein!, ging es ihr aufgewühlt  durch den Kopf. Sie blieb stehen und drehte sich um. Aber da war niemand. Für einen kurzen Moment hatte sie geglaubt, einen flüchtigen Schatten erkennen zu können, der in eine  Hausnische huschte und dort verschwand.

Bilde ich mir jetzt vielleicht schon etwas ein?, ging es ihr durch den Kopf.

Es gab Zeiten, da waren ihre Nerven extrem angespannt und sie hatte dann manchmal das Gefühl, Gespenster zu sehen. Jede Kleinigkeit erschien ihr dann verdächtig und sie stellte sich dann immer vor, wo die Personen in ihrer Umgebung wohl Waffen verborgen haben mochten.

Vor einem Jahr war sie überfallen worden.

In einem der Parkhäuser von Bremen war das geschehen. Seitdem mied sie Parkhäuser im Allgemeinen und stellte ihren Wagen nur noch unter freiem Himmel ab. Eine Psychotherapie, die sie nach dem Vorfall angefangen hatte, hatte sie nach einem halben Jahr ergebnislos abgebrochen.

Seitdem versuchte sie, mit den Dämonen ihrer Ängste selbst fertig zu werden. Die meiste Zeit über fand sie, dass sie das auf eine ganz passable Weise hinbekam.

Nur manchmal schien das fragile Kartenhaus ihrer Selbstgewissheit schon bei dem geringsten Anlass in sich zusammenzustürzen.

Das Auftreten jenes Mannes, der sich selbst Benny genannt hatte, war dazu Anlass genug gewesen.

Rabea ließ den Blick die Häuserzeilen entlang schweifen.

Da ist nichts!, sagte sie sich. Nichts und niemand!

Sie drehte sich um und ging die letzten Meter bis zu ihrem Wagen.

Als sie den Schlüssel hervorholte, um ihn in das Schloss der Fahrertür zu stecken, bemerkte sie, wie ihre Hände zitterten.

Dann setzte sie sich hinter das Steuer.

An der Seite tauchte ein Schatten auf und verdeckte den Schein der Straßenlaterne.

Rabea fuhr in sich zusammen und wollte die Zentralverrieglung betätigen, aber es war zu spät. Die Beifahrertür war schon offen.

Das Gesicht der schattenhaften Gestalt war nicht zu sehen.

Ehe sie noch etwas tun konnte, langte ein Arm zu ihr hinüber. Das Zischen eines Elektro-Schockers ertönte. Kleine Fingerlange bläuliche Stromblitze zuckten in der Dunkelheit und im nächsten Augenblick durchfuhr sie ein höllischer Schmerz. Ihr gesamter Körper krampfte sich zusammen. Einen Moment später wurde ihr schwarz vor Augen.

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Mein Kollege Jan Slieter und ich fuhren nach Bremen.

Jan und ich wechselten uns jeweils während der Fahrt am Steuer  ab. Als wir durch die Außenbezirke von Bremen fuhren, war Jan gerade an der Reihe.

Wenig später erreichten wir das Gelände des Bremer Polizeipräsidiums und fuhren in die Tiefgarage. Mit dem Aufzug gelangten wir zum Büro von Kommissar Jensen, der uns freundlich begrüßte.

Er stand der Mordkommission vor und hatte einen der Mordfälle, die in Zusammenhang mit dem Serientäter in Verbindung gebracht wurden, der es auf Rothaarige abgesehen hatte, bearbeitet.

Ein Fall, den man noch immer keiner Lösung hatte zuführen können.

Jensen war ein Mann mit blonden Haaren. Fast zwei Meter hoch ragte er empor und außerdem war er so breit, dass man ihn eher für einen Catcher halten konnte als für jemanden, der einem geregelten Büro-Job nachging. Und das war Jensens Job, seit er seine jetzige Position innehatte.

Jensen stand hinter seinem Schreibtisch auf. Er langte über den Tisch, um uns die Hand zu geben.

Wir stellten uns kurz vor.

„Ich bin Kommissar Ubbo Norden aus Emden  und dies ist mein Kollege Jan Slieter. Sie müssten mit Herrn Menninga gesprochen haben...“

„Ja, Sie wurden mir bereits angekündigt.“ Er blickte auf die Uhr. „Allerdings habe ich ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass Sie heute noch bei mir vorbeischauen...“ Jensen zuckte mit den Schultern und verschränkte dann die Arme vor der Brust. „So habe ich auch mal gedacht, als ich gerade in der Mordkommission angefangen hatte und den Tod einer gewissen Kim-Jennifer Monteleone untersuchte.“ 

„Klingt italienisch“, meinte Jan. „Sie sah mit ihren roten Haaren allerdings eher wie jemand aus, der irische Vorfahren hat.“

„So kann man sich täuschen, Jan“, meinte ich.

Kommissar Jensen holte ein Foto aus der Schublade seines Schreibtischs. So abgegriffen, wie das Bild an den Rändern war, musste es für Jensen eine besondere Bedeutung haben. Wir verstanden wenige Augenblicke später auch, worin die bestand. „Sieben Jahre ist das jetzt her. Das war mein erster Fall bei der Mordkommission, bei dem ich die Leitung hatte. Und er ging gleich daneben. Der Täter läuft wahrscheinlich noch immer frei herum und fährt damit fort, rothaarige Frauen zu töten. Glauben Sie mir, ich würde alles dafür tun, damit diese Sache endlich einen Abschluss findet.“

„Erzählen Sie uns, was mit Kim-Jennifer Monteleone geschah“, forderte ich. Ich hatte diesen Namen zwar in den Unterlagen gelesen, mich aber mit den Einzelheiten noch nicht beschäftigt. Dazu war einfach noch keine Zeit gewesen. Aber immerhin wusste ich, dass man bei Kim-Jennifer Monteleone zumindest die Leiche gefunden hatte und man daher die Tat relativ genau hatte rekonstruieren können. Bei einigen Opfern war lediglich reichlich Blut gefunden worden. Und anderen waren einfach nur verschwunden und erst unsere Funde an Bord der PRIDE OF EMDEN hatten die Verbindung zu dieser Mordserie gezogen.

Jensens Augen wurden schmal. Er bot uns einen Platz und Kaffee an. Wir nahmen beides dankend an. Der Kaffee kam aus dem Automaten und war ganz in Ordnung.

„Kim-Jennifer Monteleone war Lehrerin an der einer der hiesigen Realschule. Wir fanden sie in ihrem Wagen, der in einem kleinen Waldstück abgestellt worden war. Sie war mit einem Elektro-Schocker betäubt worden. Zuvor hat es einen kurzen Kampf gegeben. Deswegen haben wir sieben Jahre alte DNA des Täters unter den Fingernägeln des Opfers.“

„Wie starb sie?“, fragte ich.

„Der Täter hat ihr eine Reihe von Adern aufgeschnitten und sie ausbluten lassen. Es gab allerdings keine Hinweise auf eine Vergewaltigung oder einen Versuch in diese Richtung. Dem Täter ging es nicht um Sex, sondern...“ Jensen zögerte.

„Macht? Rache? Ein allgemeiner Hass auf Frauen oder auf Rothaarige im Besonderen?“, hakte ich nach.

„Ja, das denke ich, könnte es gewesen sein. Allerdings befinde ich mich da in einem Disput mit unserem neuen Profiler. Der bezeichnet die Tat als rituelle Zwangshandlung. Aber damit kann ich ehrlich gesagt nicht viel anfangen.“

„Wir würden gerne mit Ihrem Profiler sprechen“, sagte ich.

„Werden Sie!“, versprach Jensen. „Mit Dr. Frank F. Martin arbeiten wir erst seit einem halben Jahr zusammen. Ich bat ihn mal, sich die Unterlagen von damals und insbesondere die Tatortrekonstruktion noch einmal anzusehen, was er auch tat.“

„In anderen Fällen, die man diesem Serientäter zuschreibt, wurde keine Leiche gefunden“, stellte ich fest. „Was hat ihn wohl im Fall von Kim-Jennifer Monteleone davon abgehalten, die Leiche verschwinden zu lassen?“

„Vielleicht wollte er zurückkehren und hatte dann keine Gelegenheit mehr dazu. Der untersuchende Gerichtsmediziner stellte später fest, dass die Tote bereits eine Stunde nach Eintritt des Todes gefunden wurde.“

„Und wer hat sie gefunden?“, fragte Jan.

„Eine Rentnerin, die in der Nähe ihre tägliche Jogging-Runde absolvierte. Eine fitte Frau. Ich habe mich mehrfach mit ihr unterhalten und sie nach Beobachtungen gefragt, die sie gemacht hat.“

„Vielleicht könnten wir uns sie auch noch einmal vornehmen“, schlug Jan vor.

Aber Kommissar Jensen schüttelte den Kopf. „Sie ist letztes Jahr gestorben. An einem Herzinfarkt. Was mal wieder beweist, dass man dem Tod nicht davonlaufen kann.“

„Wir brauchen Angaben über chemische Betriebe in der Gegend, bei deren Produktionsvorgängen Säuren entstehen wie diejenige, die wir an Bord der PRIDE OF EMDEN gefunden haben“, erklärte ich. „Wenn Norma Jeremies, und die anderen, bisher noch nicht identifizierten Opfer, die in den Fässern verstaut und der Zersetzung preisgegeben wurden, tatsächlich von diesem Serientäter umgebracht wurden, dann hatte der zweifellos Zugang zu diesem Abfällen.“

Jensen nickte. „Das ist in  der Tat ein neuer Aspekt, den Ihre Ermittlungen erst in den Fall eingeführt haben“, gab er zu.

„Der Täter könnte Angestellter einer Giftmülldeponie, eines Entsorgungsunternehmens oder eines Betriebes der chemischen Industrie gewesen sein“, sagte ich. 

„Geben Sie uns genauere Daten über die Chemikalien.“

„Sind unterwegs“, versprach ich. „Die Kollegen des Erkennungsdienstes arbeiten daran.“

„Ich hoffe nur, dass dabei mehr herauskommt als heißer Luft, wie bei den bisherigen Ermittlungen“, meinte Jensen. In diese durch und durch negative Beurteilung schien er seine eigene Arbeit durchaus einzuschließen.

„Sobald wir genaueres Wissen haben, kommen wir auf dieser Spur vielleicht weiter.“

Das Telefon auf Kommissar Jensens Schreibtisch klingelte.

Er nahm ab.

Auf seiner Stirn bildete sich eine tiefe Furche. „Eine Meldung, die ins Raster passt“, erklärte Jensen, nachdem er aufgelegt hatte. „Rabea Frerich, 25 Jahre alt und Sekretärin bei der Norddeutschen Total-Versicherung. Sie ist seit gestern Abend verschwunden. Jetzt wurde sie in ihrem Wagen gefunden. Betäubt mit einem Elektroschocker und mit geöffneten Venen...“

„Genau wie bei Kim-Jennifer Monteleone“, stellte ich fest.

„Ja. Der Rote-Haare-Mörder scheint wieder zugeschlagen zu haben.” Jensen wirkte grimmig. Er umrundete den Schreibtisch und griff nach seiner Jacke, die an einem Haken an der Wand hing. „Der Fundort der Leiche ist nicht weit von hier entfernt. Wenn Sie wollen, können Sie mich gleich begleiten. Die Kollegen sind am Tatort und beginnen dort mit der Arbeit.“

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Der Wagen stand in einem Hinterhof, etwa zehn Minuten reine Fahrzeit vom Präsidium entfernt.

Überall standen Einsatzfahrzeuge des Bremer Polizei. Wir fuhren im Dienstwagen von Kommissar Jensen mit, da es nach seine Angaben völlig sinnlos gewesen wäre, in der Umgebung jetzt noch einen freien Parkplatz zu suchen. In dieser Hinsicht war die Lage in Bremen zurzeit wohl besonders angespannt.

Also ließen wir unseren Dienstwagen in der Tiefgarage des Präsidiums stehen und fuhren mit Kommissar Jensen zum Ort des Geschehens. Jan und ich saßen auf der Rückbank. Den Beifahrersitz nahm die Kollegin Serena Düpree ein, eine Frau von Ende zwanzig mit braunem, gelocktem Haar, das sie zu einem Zopf zusammengefasst trug.

Jensen gab ihr die Anweisung, den Profiler zu verständigen.

„Dr. Martin ist auf dem Weg“, stellte Serena Düpree wenig später fest.

„Das ist gut“, murmelte Jensen.

Ihm war anzumerken, wie sehr ihn die Meldung von dem Leichenfund mitgenommen hatte. Die äußeren Umstände ähnelten wohl einfach zu sehr jenen des Falles von Kim-Jennifer Monteleone.

Wir stiegen aus. In Josephs Gefolge ließen die uniformierten Kollegen uns sofort bis zum eigentlichen Fundort durch.

Der Hinterhof gehörte zum ehemaligen Gelände einer Speditionsfirma, die vor einiger Zeit in Konkurs gegangen war. Der Hof wurde von drei Seiten von Lagerhäusern umgeben. Mehrere Lastwagen standen dort, die jetzt vor sich hin rosteten. Die Reifen hatte man abmontiert, bei einem von ihnen fehlte sogar die Frontscheibe. Die Gebäude standen schon längere Zeit leer, wie am äußeren Zustand unschwer zu sehen war.

„Nicht gerade die schönste Ecke von Bremen“, meinte ich.

Jensen reagierte darauf nicht. Er ging stieren Blicks auf den Toyota zu, der von Kollegen umringt wurde, die zum Teil zu den uniformierten Kollegen des Polizei gehörten, zu einem anderen Teil dem Erkennungsdienst angehörten.

Die Kollegin Düpree antwortete mir stattdessen.

„Nach dem Konkurs der Firma, die hier ansässig war, wollte ein Investor ein Kaufhaus errichten, aber das Projekt kommt nicht so richtig voran.“

„Jedenfalls dürfte hier selten jemand herkommen“, stellte ich fest.

Wir erreichten den Toyota.

Die Tote saß auf dem Beifahrersitz. Der Gerichtsmediziner beugte sich gerade von der Seite über sie, um die Erstuntersuchung durchzuführen. Am Fahrersitz machte sich bereits ein Kollege des Erkennungsdienstes zu schaffen.

Der Gerichtsmediziner war schließlich fürs Erste fertig. Er zog seine Latexhandschuhe aus und wandte sich an Jensen.

„Es gibt ziemlich eindeutige Spuren eines Elektro-Schocker-Einsatzes“, erklärte er. „Was ich Ihnen jetzt sage, ist natürlich ein vorläufiger Befund. Genaueres kann ich Ihnen erst nach der Obduktion sagen.“

„Natürlich“, sagte Jensen ungeduldig.

„Meiner Ansicht nach ist das Opfer betäubt worden und anschließend ließ man die Frau ausbluten. Letzteres ist dann auch die Todesursache.“

„Gibt es Spuren eines Kampfes?“, fragte ich.

Der Gerichtsmediziner sah mich an und hob die Augenbrauen. „Nein, dafür liegen keine Anzeichen vor.“

Jensen stellte uns kurz und knapp gegenseitig vor. Der Arzt hieß Edgar Södersen und arbeitete für ein gerichtsmedizinisches Institut, wenn dies von der Justiz oder der Polizei angefordert wurde.

Die Kollegin Düpree hatte inzwischen mit einem der uniformierten Kollegen gesprochen und kehrte jetzt zu uns zurück. „Der Wagen ist auf den Namen Rabea Frerich zugelassen“, stellte sie fest.

„Das bedeutet, dass sie sehr wahrscheinlich nicht hier starb“, schloss ich.

Södersen schien meiner Meinung zu sein. „Sie sitzt sehr schief auf dem Beifahrersitz. So als wäre sie dort hingesetzt worden, nachdem sie schon bewusstlos war.“

Ich ging zum Wagen und sah den Kollegen bei der Arbeit zu. Es war sehr viel Blut ausgetreten, aber kaum etwas davon hatte den Fahrersitz besudelt.

„Der Täter könnte den Wagen hier her gefahren haben, nachdem das Opfer betäubt war“, meinte Jan. „Wahrscheinlich wollte er ungestört das Verbrechen begehen können und hat gehofft, dass man den Wagen mit der Leiche möglichst lange nicht findet.“

„Warum hat er sie nicht in ein Säurefass gelegt – wie Norma Jeremies?“, fragte ich.

Jan zuckte mit den Schultern. „Vielleicht, weil er im Moment keinen Zugang zu solchen Fässern hat. Vergiss nicht, dass die Fässer, die wir auf der PRIDE OF EMDEN gefunden haben, ja schließlich von irgendwoher abtransportiert worden sind...“

„Vielleicht war es dem Täter auch einfach zu risikoreich, mit einer Leiche im Wagen durch die Gegend zu fahren...“

Ich erkundigte mich bei einem der Uniformierten, wer die Tote eigentlich gefunden hätte.

„Ein paar Jugendliche aus der Gegend, die sich hier ab und zu treffen“, bekam ich zur Auskunft. „Die stehen jetzt unter Schock.“

Ich ließ den Blick durch den Hinterhof schweifen.

Diese leerstehenden, vor sich hin rottenden Lagerhäuser waren eigentlich ein typisches Objekt, wie es von Strohmännern der Müll-Mafia häufig angekauft wurde.

Dann füllte man die Gebäude mit Müll und irgendwann war der Besitzer dann auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Ermittlungen verliefen häufig im Sand, weil die Täter falsche Identitäten benutzen und zudem das Ganze in der Regel erst dann entdeckt wurde, wenn es zu irgendeinem gravierenden Vorfall kam. Geruchsbelästigungen, Brände, Vergiftungen – irgendetwas in der Art.

Je nachdem, wie gut der Giftmüll verpackt war, konnte das allerdings mitunter Jahre dauern. Die Täter hatten bis dahin längst sämtliche Spuren verwischt und wenn wir dann doch einmal Glück hatten, an einen von ihnen heranzukommen, dann erwischten wir in der Regel nur die Strohmänner auf den unteren Sprossen der Hierarchieleiter innerhalb dieses Zweiges der organisierten Kriminalität.

Ich sagte Kommissar Jensen, dass ich unbedingt eine Durchsuchung der Lagerhäuser wollte.

Jensen nickte. „Den entsprechenden Durchsuchungsbefehl bekommen wir.“

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Jensen forderte Verstärkung an und wenig später wurde eines der rostigen Hallentore aufgebrochen. Im Inneren schlug uns ein unangenehmer Geruch entgegen.

Aber die Lagerräume, die wir betraten, waren vollkommen leer. Lediglich einige kleinere Haufen mit Plastikabfällen waren zu finden.

Aber auf dem staubigen Boden waren Schleifspuren und Abdrücke sehen. Abdrücke, die von Fässern stammen konnten.

Hier und da waren auch undefinierbare Substanzen in den Beton eingezogen und hatten Verfärbungen auf dem Boden hinterlassen.

„Hier muss der Erkennungsdienst ran“, sagte ich. „Es müsste doch noch festzustellen sein, was hier mal gelagert worden ist!“

„Jedenfalls wurde hier vor nicht sehr langer Zeit etwas abgeholt...“, stellte Jan fest. „Wenn die Jugendlichen, die die Tote gefunden haben, sich öfter auf diesem Gelände aufhalten, haben sie vielleicht etwas davon bemerkt.“

Über Funk meldete sich einer der Erkennungsdienstler bei Jensen.

„Die haben da offenbar etwas Interessantes gefunden“, erklärte uns der Leiter der Mordkommission. 

Wir kehrten zu dem Toyota zurück, in dem Rabea Frerichs Leiche gefunden worden war. Inzwischen war dort auch Dr. Frank Martin eingetroffen.

Jensen stellte ihn uns kurz vor. „Na, wenn sich die Kripo der ehemaligen Weltstadt Emden an der Ermittlungsarbeit beteiligt, können wir ja sicher bald mit einer Aufklärung rechnen“, sagte er mit einem ironischen Unterton.

„Wir werden tun, was wir können“, erwiderte ich.

Frank Martin war Mitte fünfzig, hager und hatte eingefallene Wangen. Ich fragte mich, welche Animositäten er wohl gegen die Kripo Emden haben mochte. Aber das erschien mir im Moment zweitrangig.

Einer der Spurensicherer hatte in der Kleidung der Toten eine Packung mit Streichhölzern gefunden, die das Logo von Mäckis Bar trug.

„Die Bar kenne ich“, sagte Jensen. „Liegt hier ganz in der Nähe. Ich war allerdings nur einmal dort.“

„Dienstlich?“, fragte ich.

„Wir haben den Geburtstag unseres Vorgesetzten dort gefeiert. Das können Sie getrost unter dienstliche Pflichten einordnen, denn ich glaube, dass er ziemlich sauer reagiert hätte, wenn ich dort nicht erschienen wäre.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ist aber schon lange her.“ Er nahm die Streichholzpackung in die Hand, die von dem Kollegen des Erkennungsdienstes inzwischen sorgfältig eingetütet worden war. „Seltsam, ich hätte nicht gedacht, dass so etwas noch als Aufmerksamkeit für die Kunden vergeben wird...“

„Sie meinen wegen den Anti-Raucher-Vorschriften in der Gastronomie?“, hakte Jan nach.

„Natürlich.“

„Könnte sich vielleicht lohnen, in dieser Bar mal nachzufragen“, fand ich.

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Als wir Mäckis Bar aufsuchten, hatte der Betrieb dort gerade begonnen. Wir legten unsere Ausweise auf den Tresen. Der Barkeeper warf einen kurzen Blick darauf.

„Womit kann ich dienen? Ich denke nicht, dass Sie einen Drink nehmen wollen...“

„Wie heißen Sie?“, fragte ich.

„Ronald Anselm, ich bin hier als Barkeeper angestellt. Wenn Sie den Besitzer der Bar sprechen wollen, dann müssen Sie sich noch etwas gedulden. Herr Maltenheim hat seit zwei Tagen den Fuß in Gips. Er ist zu Hause in seiner Wohnung.“

„Dann gebe Sie uns bitte seine Adresse“, forderte ich.

„Gerold Maltenheim,  Jakobus Frerke Straße  – das ist hier gleich um die Ecke, keine fünf Minuten zu Fuß.“

Ich schrieb mir die Adresse auf.

Im Handschuhfach des Toyota war von den Spurensicherern ein Führerschein sichergestellt worden, in dem die Tote auf einem einigermaßen aktuellen Foto zu sehen war. Jensen legte diesen Führerschein auf den Tresen. „Diese Frau wurde heute tot aufgefunden. Sie besaß Streichhölzer mit dem Logo dieser Bar.“

Etwa einen Meter von mir entfernt befand sich ein Teller mit derartigen Streichholzpackungen. „Herr Maltenheim hat vor Jahren etwas zu viele davon günstig in Auftrag gegeben. Inzwischen ist das Rauchen hier ja nicht mehr erlaubt, aber es ist nicht untersagt, Streichhölzer zu verschenken...“ Anselm wirkte etwas verlegen. Mir fiel auf, dass er sich das Bild nur ganz kurz angesehen hatte. „Rabea...“, murmelte er dann.

„Sie kannten sie näher?“, fragte ich.

„Wenn Sie den Leuten zuhören, dann lernen Sie sie schnell kennen.“

Einer der Gäste mischte sich ein. „Die Rothaarige von gestern?“, fragte er.

Ich nahm den Führerschein und zeigte ihn auch dem Gast, einem Mann im dreiteiligen kobaltblauen Anzug und schätzungsweise zwanzig Kilo Übergewicht. Ein Geschäftsmann oder Banker, so nahm ich an. Er sah sich das Bild genau an. „Das ist sie. Sie war doch gestern hier als es das Theater mit diesem schmierigen Typen gab. Anselm, erzählen Sie das doch! Sie waren doch dabei und haben der Frau sogar noch geholfen.“

Anselm atmete tief durch. Er schluckte. Seine Gedanken schienen für einen Moment ganz weit weg zu sein. Vielleicht war er auch einfach nur tief schockiert über die Nachricht, die wir ihm gerade überbracht hatten.

„Das stimmt“, gab er zu. „Sie hat einen Drink genommen und dann kam dieser eigenartige Typ.“

„Können Sie ihn beschreiben?“

“Den Typ?”

“Genau.”

„Ende dreißig, groß und vor allem hatte er ein goldenes Kreuz auf der Brust. Es hing an einem Goldkettchen. Er heißt Benny, das weiß ich. Und er kann ziemlich aufdringlich sein.“

„Was geschah, als er Rabea Frerich ansprach?“, hakte ich nach.

„Nun, er wollte ihr einen Vortrag über seine seltsamen Ansichten halten.“

„Was für Ansichten?“

„Dass der Satan die Welt beherrscht und so weiter. Deswegen trägt auch ein Kreuz, das verkehrt herum an der Kette hängt. Außerdem wusste er wohl sehr genau über Rabea Frerich Bescheid, was sie natürlich sehr erschrocken hat.“

„Glauben Sie, dass er sie ausspioniert hatte?“

Anselm schüttelte den Kopf. „Nein, er kommt einfach regelmäßig hier her und hat den Leuten zugehört. Und Rabea Frerich kam fast immer nach dem Job noch auf einen Drink hier her. Manchmal auch mit Arbeitskollegen, Freundinnen und so weiter. Sie hat aber nie Notiz von ihm genommen, weil sie immer in Gesellschaft war.“

„Dann sah er gestern seine Chance gekommen!“, stellte ich fest.

Anselm nickte. „Ja, so muss es wohl gewesen sein. Sie war auch irgendwie niedergeschlagen und hatte ohnehin schlechte Laune.“ Der zuckte mit den Schultern und lächelte etwas verlegen. „Das hört sich fast so an, als hätte ich sie besser gekannt...“

„Haben Sie?“

„Nein. Aber als Barkeeper kriegt man wirklich eine Menge mit.”

“Kann ich mir denken.”

“Normalerweise geht das beim einen Ohr rein und beim  anderen wieder raus. Lediglich die Vorlieben für die Drinks merke ich mir. Aber wenn es dann plötzlich heißt, dass eine Frau, die fast täglich ungefähr da gesessen hat, wo Sie sich jetzt befinden, plötzlich tot ist...“ Er stockte und sprach dann in gedämpftem Tonfall weiter. „Rabea war ziemlich gereizt. Sie hat Benny klargemacht, dass sie keine Lust auf sein Gequatsche hat und ist zur Tür raus. Er wollte hinterher, aber ich habe ihn aufgehalten. Er hatte nämlich seinen Drink nicht bezahlt, das gab mir die Möglichkeit, ihr einen Vorsprung zu verschaffen. Ein Service für gute Gäste, verstehen Sie?“

„Und dieser Typ – Benny – ist ihr dann gefolgt“, schloss Jensen.

„Richtig.“ Anselm blickte auf die Uhr. „Wie gesagt, er kommt fast jeden Tag hierher, aber es noch nicht ganz seine Zeit. Warten Sie eine halbe Stunde, dann könnten Sie Glück haben und ihn treffen...“

„Dann hoffe ich, dass Sie auch etwas Nichtalkoholisches zu trinken haben“, erwiderte Jensen.

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Wir warteten auf den Mann, der Benny genannt worden war. Anselm versprach, uns ein Zeichen zu geben, wenn er auftauchte.

Dazu postierten wir uns an strategisch günstigen Stellen. Jensen setzte sich in eine Ecke neben der Tür. Jan auf einem Platz, von dem aus man die Tür gut beobachten konnte und ich blieb am Tresen stehen.

„Was ist denn mit Rabea Frerich genau passiert?“, fragte Ronald Anselm plötzlich.

„Sie wurde ermordet“, sagte ich. „Mehr möchte ich im Moment dazu nicht sagen.“ Ich gab ihm meine Karte. „Unter der Handynummer bin ich jederzeit erreichbar. Vielleicht fällt Ihnen ja später noch etwas ein, was uns weiterbringt.“

„Glauben Sie nicht, dass es dieser Typ war? Benny?“

„Das werden wir sehen.“

„Wenn Sie wüssten, was ich mir für Vorwürfe mache. Ich hätte ihn länger aufhalten sollen. Aber...“

„Sie haben sich nichts vorzuwerfen“, meinte ich.

Der Gast im Dreiteiler mischte sich ein. „Sie sind ihm doch sogar noch nachgelaufen und haben ihm draußen nachgeschaut, Herr Anselm! Mehr kann man wirklich nicht erwarten. Wer hätte denn auch damit rechnen können, dass dieser Spinner ein verrückter Mörder ist.“

„Stimmt das?“, wandte ich mich an Anselm.

Anselm nickte. „Ja, aber ich habe keinen der beiden noch gesehen...“

„Verstehe...“

Ich schrieb mir noch die Adresse des Anzugträgers auf. Er hieß Leonhard Menzinger und arbeitete in der Kreditabteilung eine Bank, zwei Blocks weiter.

Schließlich wandte ich mich wieder an Anselm. „Bis dieser Benny hier auftaucht, könnten Sie mir vielleicht noch etwas von dem erzählen, was Sie über Rabea so aufgeschnappt haben.“

„Viel ist das im Grunde nicht. Sie arbeitete bei einer Versicherung und hatte dort viel Stress. Es gab da offenbar Pläne, einen Teil der Mitarbeiter zu entlassen. Insofern kann ich gut verstehen, dass Rabea Frerich gestern ziemlich reizbar war.“

„Und dieser Benny? Hat der irgendwann mal über seine persönlichen Dinge gesprochen? Zum Beispiel, welchen Job er hat?“

Anselm schüttelte den Kopf. „Tut mir leid.“

„Wissen Sie, ob er einen Elektro-Schocker besaß?“

Anselm war wie vom Donner gerührt.

„Spielt das in dem Fall etwa eine wichtige Rolle?“

„Es war einfach nur eine Frage, Herr Anselm“, erwiderte ich.

Er nickte schwer. „Da sagen Sie was! Er hatte tatsächlich einen Elektro-Schocker. Und ich glaube, er trug auch eine Waffe.“

„Sie glauben das?“, echote ich.

„Sein Jackett beulte sich unter der Achsel immer ein bisschen aus. Den Schocker trug er in der linken Jacketttasche. Er hat ihn mir mal gezeigt, als er schon ziemlich betrunken war. Benny war vielleicht ein Spinner, der glaubte, dass die Welt von furchtbaren Mächten beherrscht wird. Aber damit verbunden waren auch ungeheure Ängste. Er glaubte immer in Gefahr zu sein, von Kriminellen überfallen zu werden. Jedes Mal, wenn in den Medien ein Überfall gemeldet wurde, sah er das als Bestätigung seiner Theorie über den Satan an. Sie verstehen, was ich meine...“

„Ich denke schon.“

Anselm blickte an mir vorbei zur Tür. Seine Augen schienen dabei plötzlich ganz starr zu werden. Ich drehte mich um. Ein Mann im hellen Anzug stand dort. Um den Hals hing etwas, das im Licht metallisch aufblitzte.

„Das ist er“, sagte Anselm.

Benny trat zwei Schritte in die Bar, blieb dann plötzlich stehen.

Mit einer ruckartigen Bewegung drehte er den Kopf.

Der Mann schien so etwas wie einen sechsten Sinn dafür zu haben, um zu bemerken, wenn er verfolgt wurde. Jensen hatte sich inzwischen von seinem Platz erhoben. Jans Hand wanderte unter das Jackett.

„Benny?“, fragte Jensen. Er zog seinen Ausweis hervor. „Polizei. Wir müssen mit Ihnen reden...“

Bennys Augen traten hervor.

Wie angewurzelt stand er da.

Ein Gast betrat die Bar.

Benny packte ihn, riss ihn vor sich, während wir unsere Dienstwaffen zogen. „Ich habe doch alles getan!“, rief er. „Alles, was ihr wolltet! Ich bin doch einer von euch!“

Bei dem Gast handelte es sich um einen völlig verdutzten Banker im Dreiteiler.

Benny setzte ihm den Elektro-Schocker an den Hals.

„Keine Bewegung!“, rief er. „Bleibt, wo ihr seid, oder es wird etwas Schlimmes geschehen!“

„Benny, bleiben Sie ganz ruhig!“, rief ich. „Wir wollen doch nur mit Ihnen sprechen!“

„Ihr sprecht die ganze Zeit zu mir! So laut, dass ich es kaum aushalte. Jetzt lasst mich in Ruhe!“

„Benny!“

Er schleuderte uns den Mann im Dreiteiler entgegen. Dieser taumelte in unsere Richtung.

Gleichzeitig schnellte Benny aus der Tür.

Er wusste genau, dass wir unmöglich schießen konnten, ohne einen Unbeteiligten extrem zu gefährden. Die Tür fiel ins Schloss. Der Mann im  Dreiteiler fiel Jensen vor die Füße.

Ich setzte dem flüchtigen Mann nach.

In Anbetracht der Umstände war er höchst verdächtig. Und sein Verhalten untermauerte diesen Eindruck noch. Ich schnellte mit meiner Dienstwaffe in der Faust auf die Tür zu und riss sie auf. Jan war mir auf den Fersen.

Sekundenbruchteile später stand ich auf dem Bürgersteig.

Benny hatte zum Spurt angesetzt.

Was Ronald Anselm über seine Bewaffnung gemutmaßt hatte, traf leider zu. Benny griff unter sein Jackett und griff nach einer Automatik.

Schüsse peitschten in unsere Richtung. Auf Passanten nahm er dabei keine Rücksicht. Eine Mutter mit Kinderwagen und  ein älterer Herr flohen in eine Türnische. Die Fensterscheiben eines Geschäfts für Computerzubehör gingen zu Bruch. Ein Querschläger kratzte am Lack eines parkenden Fahrzeugs entlang und hinterließ einen Striemen.

Benny rannte vorwärts.

Unser Glück war, dass ihn offenbar nie jemand im schießen richtig ausgebildet hatte, sodass seine Schüsse mehr oder weniger ungezielt waren.

Jan ging an einer Hausnische in Deckung, ich duckte mich hinter den Kotflügel eines blauen Ford, während Benny unablässig Schuss um Schuss abgab. Kommissar Jensen, der jetzt erst aus Mäckis Bar heraustrat, wurde von einem dieser Schüsse knapp verfehlt. Die Kugel grub sich in das Mauerwerk direkt neben ihm und sprengte ein daumengroßes Loch in den Stein.

Dann erreichte Benny eine Nebenstraße und bog ein.

Wir rannten hinterher.

Jensen folgte uns und rief Verstärkung. Außerdem gab er Benny in die Fahndung ein.

Ich tastete mich vorsichtig um die Ecke jener Nebenstraße, in die er eingebogen war.

Eine schmale Einbahnstraße, wenig belebt dafür aber fast völlig zugeparkt.

Die Dienstwaffe vom Typ SIG Sauer P226 hielt ich in beiden Händen. Jan folgte mir und sicherte mich ab.

„Der Mann ist verrückt, wir sollten besser nicht damit rechnen, dass er vernünftig handelt“, raunte Jan mir zu.

Kommissar Jensen überquerte die Straße und bezog auf der anderen Seite Stellung.

„Das Gute ist, der Kerl kann hier nicht einfach in einen Wagen steigen, ohne, dass wir das merken!“, meinte Jensen. „Dies ist nämlich eine Sackgasse.“

Wir sahen die Reihen der parkenden Fahrzeuge entlang. Bei den meisten handelte sich um Pkw. Nur hin und wieder versperrte ein Van oder ein Transporter die Sicht.

Wir arbeiteten uns vorsichtig voran.

Vielleicht war Benny auch in einem der Hauseingänge verschwunden.

Auf jeden Fall war er gefährlich und nahm bei seinen Handlungen weder auf sich selbst noch auf andere irgendeine Form von Rücksicht.

Ich erreichte die Einfahrt zu einem Hinterhof.

Ich tastete mich vor, blickte dann mit der Waffe in der Hand in die  Einfahrt und stellte fest, dass dort niemand war.

Ein gusseisernes Tor, etwa zwei Meter fünfzig hoch, versperrte den Zugang zum Hinterhof. In der Mitte war ein Schild angebracht, auf dem Stand: Zulieferer für Mäckis Bar.

Darunter war noch ein Hinweis darauf, dass in der Einfahrt parkende Fahrzeuge kostenpflichtig abgeschleppt würden.

Offenbar gehörte der Hinterhof zur Bar und man wollte vermeiden, dass er als Parkplatz genutzt und zugestellt wurde.

„Dahin kann er nicht verschwunden sein!“, stellte Jan fest.

Mir fiel ein buntes Stück Papier auf dem Boden auf. Nur für eine Sekunde erregte es meine Aufmerksamkeit. Die Worte NORDDEUTSCHE TOTAL-VERSICHERUNG fesselten mich. Ich zog sofort die Verbindung zu Rabea Frerich, die dort schließlich gearbeitet hatte. Es war offenbar eine Visitenkarte und sie war in keinem guten Zustand. Den einen oder anderen Fußtritt eines Passanten hatte sie schon mitbekommen.

NIEMAND VERSICHERT SIE SO GÜNSTIG!, stand auf der Karte.

Ich drehte sie um. In der Ecke waren dienstlicher Telefon- Fax- und Internetanschluss sowie die Zimmernummer von Rabea Frerich zu finden.

„Sieh an“, murmelte ich.

„Vielleicht hatte sie ihren Wagen hier abgestellt und hat die Karte verloren, als sie in ihrer Handtasche nach dem Wagenschlüssel suchte“, glaubte Jan. 

Im Moment blieb jedoch keine Zeit, um weiter darüber nachzudenken.

Ein Motor heulte auf. Im nächsten Moment scherte ein viertüriger Audi aus der Reihe der parkenden Fahrzeuge aus. Der Fahrer gab Vollgas und ließ den Motor aufheulen. In einem wahnsinnigen Tempo raste er in dem engen Korridor zwischen den Fahrzeugreihen her...

Ich war mir sicher, dass Benny am Steuer saß, auch wenn ich das von meiner Position aus nicht zweifelsfrei zu erkennen vermochte. 

In diesem Moment bog ein Lieferwagen mit der Reklameaufschrift eines Getränkeherstellers in die Sackgasse ein. Der Fahrer trat in die Eisen. Quietschend kam der Lieferwagen zum stehen, aber für Benny bestand keine Chance, auf der Fahrbahn an ihm vorbeizukommen.

So riss er das Steuer seines Wagens herum und steuerte durch die Lücke zwischen den parkenden Fahrzeugen, die vor der Einfahrt zum Hinterhof von Mäckis Bar gelassen worden war.

Der Wagen raste auf uns zu. Jan machte einen Satz zur Seite, und rollte sich auf dem Bodden ab. Mir blieb nichts anderes übrig, als ebenfalls zu springen.

Allerdings hatte ich keinerlei Möglichkeit, der Wucht des Wagens noch seitwärts zu entkommen.

Ich sprang auf die Kühlerhaube, während Benny seinen Wagen mit nur unwesentlich gedrosselter Geschwindigkeit über den Bürgersteig brettern ließ.

Jan rappelte sich inzwischen auf und feuerte auf die Hinterreifen. Beide platzten im Abstand von etwa einer Sekunde. Der Wagen brach nach rechts und anschließend nach links aus. Die Kotflügel krachten einmal gegen das Blech der parkenden Fahrzeuge und dann gegen den Stein der Hauswände. Funken sprühten dort. Der Geruch von verbranntem Gummi stach mir in die Nase. Dann verkantete sich der Wagen so, dass er stehen blieb.

Durch den Ruck wurde ich von der Kühlerhaube geschleudert.

Hart fiel ich auf den Boden, rollte mich aber über die Schulter auf dem Asphalt ab. Ein Schuss krachte. Benny hatte seine Waffe hervor gerissen und in meine Richtung gehalten. Der Schuss ging durch die Windschutzscheibe hindurch, verfehlte mich aber und zertrümmerte stattdessen eine Straßenlaterne in zwanzig Meter Entfernung.

Ich war innerhalb eines Sekundenbruchteils wieder auf den Beinen und riss die Waffe empor.

Breitbeinig und in halb geduckter Haltung stand ich vor der Kühlerhaube des Wagens und richtete die schussbereite Pistole auf Benny, der einen Moment lang völlig konsterniert war.

Allerdings wohl weniger wegen meines Einsatzes als aufgrund der Tatsache, dass ein Schwall von Glassplittern ihm entgegengeregnet war, nachdem er die Frontscheibe mit seinem Schuss zertrümmert hatte.

„Waffe weg!“, rief ich. „Sofort!“

Er saß wie erstarrt da. Sein Waffenarm hing herab. Um mich zu erschießen, hätte er die Waffe noch einmal hochreißen müssen. Ich konnte die Anspannung in seinem Gesicht förmlich sehen.

„Über das, was Ihnen jetzt gerade durch den Kopf geht, sollten Sie nicht einmal nachdenken!“, riet ich ihm.

Er schluckte. Gleichzeitig bemerkte ich, wie sich die Muskulatur auf der Seite des Waffenarms bei ihm anspannte.

Vielleicht war es ihm gleichgültig, was passierte. Oder er war verrückt genug, um die Polizei als Instrument zur Inszenierung des eigenen Selbstmordes einfach mit einzukalkulieren.

Inzwischen hatten sich auch Jan Slieter und Kommissar Jensen an den Wagen herangearbeitet.

Als er Jan aus irgendeinem Grund bemerkte und sich halb herumdrehte, blickte er schon in den Lauf seiner Dienstwaffe.

„Es hat keinen Sinn. Es sei denn, Sie sind lebensmüde...“

„Ich wusste, dass ihr so reagieren würdet“, sagte er. „Es stand von Anfang an fest, ihr seid nicht zu täuschen.“

Er ließ sich von Jan widerstandslos die Waffe abnehmen und redete die ganze Zeit über weiter. Auch noch, als die Handschellen klickten und ihm die Rechte vorgelesen wurden. In seinem Fall hatte ich das Gefühl, dass er davon wohl kaum ein Wort mitbekam.

„Jetzt bin ich in eurer Hand“, sagte er. „In der Hand des Bösen...“

„Wir haben keine Ahnung, wovon Sie sprechen, Benny“, stellte ich fest, nachdem ich wieder einigermaßen zu Atem gekommen war.

„Ihr seid doch die Diener des Satans!“, rief er.

„Sind Sie nicht auch einer?“, fragte ich etwas irritiert. „Sie tragen doch das Kreuz falsch herum um den Hals... Soweit ich weiß, ist das das Symbol des Satanismus.“

Seine Augen begannen jetzt fiebrig zu leuchten.

„Nein...“ rief er plötzlich wie irre. „Und ich habe gedacht, ihr hättet mich erkannt! Und dabei hattet ihr keine Ahnung...“

„Bringen wir ihn erstmal in Gewahrsam“, schlug Kommissar Jensen vor. „Und ich denke, dass als erstes eine psychologische Begutachtung angesagt ist.“

Auch wenn Kommissar Jensen offenbar die Ansicht vertrat, dass im Augenblick nichts als wertloses Gestammel aus Benny herauskam, sprach ich ihn noch mal an.

„Sie erinnern sich an Rabea, oder? An ihre roten Haare. Sie sind ihr gestern in Mäckis Bar begegnet.“

Sein Blick veränderte sich.

„Ich erinnere mich.“

„Sie sind ihr gefolgt.“

„Ihr seid allmächtig. Ihr seid allwissend und allsehend. Ihr seid die Diener des Satans. Die Beherrscher der Welt. Warum fragt ihr?“

„Was war mit Rabea?“, fragte ich. „War sie auch eine Dienerin des Satans?“

„Ich weiß nicht...“, murmelte er und senkte dabei den Blick.

„Ist es hier geschehen?“, hakte ich nach. „Sie sind ihr gefolgt, sie stieg in den Wagen. Sie haben Ihren Elektro-Schocker genommen und...“

„Braucht man!“, fuhr er dazwischen. „Braucht man so eine Waffe! Sonst ist man schutzlos. Aber es nützt nichts. Ihr seid überall.“

Jan schüttelte den Kopf. „Vergiss es, Ubbo, du wirst hier und jetzt wohl kein vernünftiges Wort mehr aus ihm herausbekommen.“

Ich atmete tief durch. Wahrscheinlich hatte Jan Recht.

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Verstärkung durch Kräfte der Bremer Polizei rückte an, um den Gefangenen abzutransportieren. Wenig später traf auch Dr. Frank Martin ein.

„Ich bin überzeugt davon, dass Rabea hier betäubt wurde“, meinte ich.

„Haben wir dafür einen schlüssigen Beweis?“, erkundigte sich Dr. Martin.

„Nein, aber er wäre vielleicht zu erbringen.“

„Und wie?“, mischte sich nun Jensen ein, dessen Tonfall seine Skepsis verriet.

„Ich vermute, dass Rabea ihren Wagen hier abgestellt hatte – das bedeutet, er könnte Reifenspuren hinterlassen haben. Mit etwas Glück sogar ein brauchbares Profil.“

„Sie denken doch nicht etwa daran, hier sämtliche parkenden Fahrzeuge entfernen zu lassen und zwei Dutzende Erkennungsdienstler nach Reifenspuren suchen zu lassen!“, empörte sich Jensen und stemmte dabei seine unwahrscheinlich langen Arme in die Hüften.

„Genau so etwas hatte ich im Sinn, Kommissar Jensen.“

„Hören Sie, das ist Wahnsinn und steht auch überhaupt nicht im Verhältnis zu den zu erwartenden Ergebnissen! Wir haben sehr wahrscheinlich den Täter und es reicht vollkommen, um ihm so viele der zurückliegenden Fälle nachzuweisen, dass er entweder für den Rest seiner Tage in die Psychiatrie oder in eine Gefängniszelle wandert! Wo genau er Rabea Frerich nun betäubt und wo er sie getötet hat, ob das schon hier war oder ein paar Straßenzüge weiter auf dem brachliegenden Gelände dieser Spedition – das spielt doch keine so gewichtige Rolle! Zumal uns Benny sicherlich bald darüber Auskunft geben wird! Da bin ich mir sicher! Diese Typen kenne ich! Die brennen doch regelrecht darauf, wenn sie jemandem ihr verquastes Weltbild erzählen können!“

„Und Sie meinen, vor lauter Dankbarkeit verraten sie uns dann auch Tathergang und Motiv?“

„Bei allem Respekt, Kommissar Norden, aber das wäre nun wirklich nicht das erste Mal.“

„Trotzdem, ich wüsste es gerne genau und würde Sie bitten, eine entsprechende erkennungsdienstliche Aktion anzuordnen. Und zwar möglichst, bevor es einen länger anhaltenden Regenguss gibt, der vielleicht sämtliche noch vorhandenen und verwertbaren Spuren vernichtet.“

Mir war die ganze Zeit schon aufgefallen, was für ein  nachdenkliches Gesicht Dr. Frank Martin machte. Dem Psychologen und Profiler in den Diensten des Bremer Polizei schien irgendetwas gegen den Strich zu gehen. Mir war noch nicht so recht klar, was das wohl sein mochte, aber er bot im Moment das Bild eines Menschen, der sehr intensiv nachdachte.

Dann ging ein Ruck durch seinen Körper. Er kratzte sich am Hinterkopf und ich bekam ganz unerwartet einen Bundesgenossen für meine Ansicht...

„Herr Jensen, ich wüsste auch gerne, wo genau die Tat stattgefunden hat. Und ich halte es auch nicht für übertrieben, die von Kommissar Norden angesprochene Aktion hier durchzuführen.“

„Und darf ich vielleicht auch den Grund für Ihre Ansicht erfahren?“, fragte Kommissar Jensen.

Dr. Martin schüttelte den Kopf. „Dafür ist es noch zu früh. Aber ich schlage vor, dass wir uns alle morgen früh zu einem Briefing treffen. Vielleicht bin ich dann mit meiner Analyse schon etwas weiter.“  Als der Profiler die verwirrten und in Jensens Fall auch ziemlich verärgerten Gesichter um sich herum sah, lächelte er mild und fügte noch hinzu: „Sehen Sie, ich hatte für diese Serie, die wir bisher angenommen haben, nach Durchsicht sämtlicher Unterlagen bisher eigentlich immer einen anderen Tätertyp angenommen. Jemanden, der zwar unter einem Zwang steht und vielleicht auch noch unter anderen, sekundären Zwangserkrankungen leidet, aber nicht jemanden, der unter einem religiösen Wahn leidet. Der Täter, den ich bisher angenommen habe, ist in der Lage sehr überlegt und planvoll zu handeln. Sehen Sie sich doch an, was dieser Benny hier veranstaltet hat! Das gleicht doch mehr einem Amoklauf!“

„Vielleicht haben Sie sich einfach nur geirrt, Dr. Martin.“

Martins Lächeln wurde dünn. „Wir wollen unseren Disput über die Natur des Täters an dieser Stelle nicht noch einmal vertiefen.“

„Das ist mir durchaus auch lieber so.“

„Und ich will auch keineswegs ausschließen, dass ich mich geirrt habe! Aber dann möchte ich das abgeklärt haben und dabei wäre ich gerne nicht in erster Linie auf die Aussagen dieses Wirrkopfs angewiesen, der vielleicht sogar einen Mord gestehen würde, den er gar nicht begangen hat!“

Jensen wandte sich an mich. „Gratuliere, Kommissar Norden, Sie bekommen Ihre Großaktion. Aber mal Hand aufs Herz: So ein Zirkus wird doch auch in der Weltstadt Emden nicht jedes Mal veranstaltet, wenn irgendein Detail nicht ganz klar ist.“

Ehe ich antworten konnte, hatte Dr. Martin das Wort ergriffen. „Für die Art des angenommenen Täterprofils ist es meiner Ansicht nach von entscheidender Bedeutung, ob der Täter bereits hier zuschlug oder ob das Verbrechen an einem anderen Ort geschah.“

Jensen machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich hoffe nur, dass auch etwas dabei herauskommt“, knurrte er und wählte dann per Handy das Präsidium an.

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Wir blieben noch eine Weile am Ort des Geschehens, während die Erkennungsdienstler mit ihrer Arbeit begannen. Das Schwierigste war dabei die Beleuchtung. Außerdem versuchten zwei Dutzend Polizeibeamte herauszufinden, wem die geparkten Wagen jeweils gehörten. Zumeist wurden sie in den umliegenden Mietshäusern und Geschäften fündig.

Die Arbeit der Kollegen ging ziemlich zäh voran, und Jensen fuhr schließlich mit uns zurück zum Präsidium.

Dr. Martin beschäftigte sich inzwischen mit dem Festgenommenen. Für den nächsten Morgen wurde ein Briefing verabredet.

Als Jan und ich etwas später auf dem Weg zu unserem Hotel waren, rief unser Kollege Tadaeus Ulfert an.

„Es gibt neue Erkenntnisse über die Müll-Mafia-Organisation, in die Hinnerk Martensteen mit seiner PRIDE OF EMDEN verwickelt war.“

„Ist Martensteen endlich zur Vernunft gekommen und hat ausgesagt?“, fragte Jan Slieter.

„Dass die Spuren in diesem Fall nach Bremen weisen, war ja schon vorher klar. Schließlich hat Henning Martini dort zumindest einen Auftragsmord begangen, bei dem es unserer Ansicht danach ging, einen Geschäftspartner daran zu hindern sich den Behörden zu offenbaren. Leider haben wir keine Aussage von Martensteen. Der verschanzt sich noch hinter einer Mauer, die seine Anwälte um ihn errichten. Aber Rudolf Jordan, der Kapitän der PRIDE OF EMDEN war inzwischen zu einer umfangreichen Aussage bereit. Er ist zwar in viele Dingen nicht eingeweiht gewesen, aber immerhin hat er uns ein paar Hinweise gegeben, die interessant sein könnten.“

„Wir sind ganz Ohr“, versprach Jan.

„Jordan gab uns den Hinweis, dass Martensteen einer Organisation angehörte, zu deren nächsthöheren Ebene er keinen unmittelbaren Kontakt hatte. Das alles sei über einen Verbindungsmann namens Gregor Sommer gelaufen. Sommer steht schon seit längerem in Verdacht, mit Hilfe von Strohmännern in dubiose Grundstücksgeschäfte verwickelt zu sein.“

„Und es gibt wirklich keinen Hinweis darauf, wer hinter Sommer steht?“

„Nein. Jordan bezweifelt sogar, dass Martensteen Näheres darüber weiß. Wir versuchen, über das Verfolgen von Geldströmen Näheres zu erfahren. Schließlich sitzt Martensteen in Untersuchungshaft und wir haben jetzt die Möglichkeit, seine wirtschaftlichen Verhältnisse genauestens zu durchleuchten. Wir arbeiten da inzwischen eng mit der Steuerfahndung zusammen, aber es würde schon an ein Wunder grenzen, wenn wir da schnelle Ermittlungserfolge verzeichnen könnten.“

„Die Materie ist wohl ziemlich kompliziert“, stellte Jan fest.

Tadaeus konnte das nur bestätigen. „Allerdings!“

„Vielleicht könntest du uns ein kleines Dossier über diesen Gregor Sommer zusammenstellen, in dem alles aufgelistet ist, was über seine Geschäftsbeziehungen bekannt ist. Vielleicht ergeben sich dann Zusammenhänge mit unseren Ermittlungen hier in Bremen.“

„Das ist schon  geschehen“, versicherte Tadaeus. „Die Daten sind bereits in euren Mailfächern.“

„Na, bestens!“, sagte Jan.

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Das Hotel in Bremen, in dem für uns für die Nacht ein Zimmer mieteten, trug den Namen “Hotel zum Löwen”  und gehörte einer Kette an, die in Nordwestdeutschland und im Benelux-Gebiet recht verbreitet war. Die Zentrale befand sich im belgischen Lüttich. Es war ein Mittelklasse-Hotel. Bevor wir auf unsere Zimmer gingen, luden wir die Daten, die Tadaeus Ulfert uns geschickt hatte auf ein PDA. Bevor uns am nächsten Morgen mit den Kollegen des Bremer Polizei zum Briefing trafen, mussten wir uns mit den Daten einigermaßen vertraut machen.

Am Morgen fuhren wir nach dem Frühstück ins Präsidium der Bremer Polizei.

Kommissar Jensen erwartete uns zusammen mit  der Kollegin Serena Düpree in einem Konferenzraum. Dr. Frank Martin traf etwas später ein.

Er gab einen Bericht über die Befragung des Mannes, den wir bisher nur unter seinem Vornamen Benny kannten.

Seine Identität hatte inzwischen festgestellt werden können. Sein voller Name lautete Benny Wilfried Basener. Er besaß einen Hochschul-Abschluss, arbeitete aber gegenwärtig als Aushilfsfahrer in einer Wäscherei. „Den Job, den er davor in einem Fast Food Restaurant hatte, verlor er, weil er Gäste anpöbelte und sie verdächtigte, vom Satan beeinflusst zu sein“, erklärte Martin. „Der Mann leidet zweifellos unter einer starken Psychose. Er glaubt, dass die Welt vom Satan beherrscht wird, der seiner Ansicht nach fast allen Menschen als eine Art Dämon innewohnen würde. Durch das Tragen eines Satanszeichens, des umgekehrten Kreuzes, glaubte er sich vor dieser feindlichen Umwelt schützen zu können. Er leidet außerdem unter paranoiden Vorstellungen.“

„Und Sie zweifeln noch immer daran, dass wir den Richtigen verhaftet haben?“, fragte Jensen kopfschüttelnd. „Ich denke, dass er unser Mann ist!“

Der Profiler hob die Augenbrauen. „Zumindest hat er aber kein feindseliges Verhältnis zu rothaarigen Frauen“, erklärte Dr. Martin. „Er kam mit drei Jahren in eine Pflegefamilie, weil die Mutter drogensüchtig und nicht in der Lage war, sich um ihr Kind zu kümmern. Welche frühkindlichen Traumata er da erlitten hat, ist bisher schwer zu beurteilen. Da fehlen mir noch wesentliche Informationen. Tatsache ist aber, dass Benny Basener zu einer rothaarigen Pflegemutter kam. Als ich mit ihm über sie zu sprechen begann, wurde er zugänglicher und war mehr und mehr bereit, sich zu öffnen.“

„Kann man seine frühkindlichen Erlebnisse nicht auch als ein  Indiz für seine Täterschaft werten?“, argumentierte Jensen.

Aber der Chef der Mordkommission bekam für diese Meinung keine Unterstützung. Frank Martin war anderer Ansicht. Er schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, die Sache scheint bei Basener etwas anders zu liegen, als Sie vielleicht denken. Basener hatte ein überaus positives Verhältnis zu seiner Pflegemutter. Er bezeichnet sie als eine der wenigen Menschen, die nicht vom Satan beherrscht würden.“

„Mit anderen Worten, er hat eigentlich keinen Grund, rothaarige Frauen umzubringen“, stellte ich fest.

Martin nickte. „So ist es. Er war übrigens mehrfach in psychiatrischer Behandlung. Seine Probleme begannen, nach dem Tod der Pflegemutter. Sie starb an Krebs, als er vierzehn war. Danach kam es zum ersten Mal zu einer mehrmonatigen Einweisung in eine psychiatrische Klinik. Auf die entsprechenden Unterlagen warte ich noch. Aber ich bin mir ehrlich gesagt nicht mehr sicher, ob wir die überhaupt noch brauchen, um Basener als Täter auszuschließen.“

„Weshalb?“, fragte Jensen. „Also für mich ist das längst noch nicht so klar. Vielleicht hat er seiner rothaarigen Pflegemutter nie verziehen, dass sie krank wurde und starb. Kann das nicht auch als ein Im-Stich-Lassen empfunden werden?“

„Völlig richtig, Herr Jensen. Aber Tatsache ist nun mal, dass Benny Basener das nicht auf diese Weise verarbeitet hat.“

„Dr. Martin, er hatte einen Elektro-Schocker, er ist dem letzten Opfer gefolgt, das ihm eine Abfuhr erteilte...“

Jensen nippte an seinem Kaffee und es war für mich überdeutlich, dass er diesen Fall einfach nicht mit der nötigen sachlichen Kälte betrachten konnte. Zu tief saß die Niederlage, die ihm der mysteriöse Killer vor Jahren  beigebracht hatte.

Dr. Martin schloss unterdessen sein Laptop an einen Beamer an. Er projizierte eine Karte an die Wand, die den Norden Deutschlands und das Benelux-Gebiet zeigte zeigte. Kreuze markierten Ortsnamen. Außerdem gab es noch eine Reihe von Fragezeichen.

„Sie sehen hier eine geografische Übersicht über alle Fälle, die wir mit dem Rote-Haare-Mörder in Verbindung bringen. Die Kreuze bezeichnen Fälle, in denen das sehr wahrscheinlich ist, obwohl wir in manchen davon keine Leiche vorfanden. Aber bei sämtlichen Fällen, die durch ein Kreuz bezeichnet wurden, fanden wir am vermutlichen Tatort zumindest so viel DNA – meistens in Form von Blut – dass wir erstens sicher sein können, dass die betreffende Frau wirklich ermordet wurde und zweitens Rückschlüsse genug auf die Begehungsweise der Tat gezogen werden können, um eine Verbindung zu unserer Serie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit herzustellen. An insgesamt drei Tatorten fanden wir auch Spuren des Täters, die zumindest beweisen, dass drei dieser Fälle von ein und demselben Mann begangen wurden.“

„Ich nehme an, dass bei Benny Basener auch ein Gen-Test durchgeführt wird“, meinte Jan.

Dr. Martin nickte. „Ja, wir erwarten das Ergebnis frühestens übermorgen.“

„Und was sind die Fragezeichen?“, erkundigte ich mich.

„Die Fragezeichen sind Fälle von vermissten Frauen, die von ihren Persönlichkeitsmerkmalen her in das Beute-Schema des Killers passen. Ich habe die uns  zugänglichen Daten verwendet. In wie fern die vollständig sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Es ist durchaus möglich, dass da noch der eine oder andere Fall hinzukommt. Ich habe nun zunächst einmal versucht alle diese Fälle in ein zeitliches Raster zu setzen. Danach hätte der Täter vor zwanzig Jahren mit seinen Morden begonnen, hat darauf wahrscheinlich regelmäßig den Wohnort und den Job gewechselt und ist weiter gezogen. Ich konnte übrigens die Zahl der Fragezeichen auf diese Weise reduzieren. Der Täter scheint immer nur Opfer in der näheren Umgebung seines Wohnortes gesucht zu haben und ist dann nach einer Weile weiter gezogen.“

„Vielleicht weil der Fahndungsdruck zu groß wurde?“, vermutete ich.

Martin zuckte mit den Schultern. „Das könnte durchaus ein Grund gewesen sein. Jedenfalls gab es in der Gegend von Bremen vor sieben Jahren den ersten Fall. Seitdem scheint der Täter diese Gegend nicht mehr verlassen zu haben.“

„Er hatte eine Möglichkeit, die Leichen – wie er glaubte – sicher zu entsorgen“, stellte ich fest. „Norma Jeremies wurde vor fünf Jahren getötet und in ein Säurefass gelegt.“

„Gut möglich, dass er sich deswegen sicher fühlte“, nickte Martin. „Wir suchen jedenfalls einem Mann, der um vierzig ist – plus Minus ein paar Jahre. Das trifft auf Benny Basener zu. Er ist 38 Jahre alt. Aber er verbrachte diese gesamten 38 Jahre hier in Bremen. Die einzigen Unterbrechungen waren Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken. Und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Basener in dieser Zeit kreuz und quer durch das Land reiste, um sich seine Opfer zu suchen!“

„Dann fangen wir also wirklich wieder von vorne an?“, fragte Jan.

„Nein, nicht ganz“, meinte Martin. „Wir wissen schon eine ganze Menge über den Täter.“

„Unter anderem, dass er Zugang zu einem Giftmülldepot gehabt haben muss“, meinte ich.

„Richtig“, nickte Martin. „Er könnte dort mal gearbeitet haben. Ich wollte noch etwas zum Motiv sagen. Er handelt aus einem Zwang heraus. Er glaubt irrealerweise, dass etwas Schreckliches geschieht, wenn er die Tat nicht vollbringt.  Aber bei der Durchführung geht er sehr planvoll vor – so wie jemand, der unter einem Wasch- oder Kontrollzwang leidet, die Handlung an sich auch mit großer, fachmännischer Akribie ausführt. Dazu passt auch das Entsorgen der Leichen. Es geht ihm nicht darum, Macht zu demonstrieren oder jemandem etwas zu zeigen oder zu beweisen! Ganz im Gegenteil. Und sexuelle Motive scheinen auch ausgeschlossen zu sein. Mit den Jahren verstärkt sich der Zwang. Die zeitliche Frequenz, in der die Handlung durchgeführt werden muss, verringert sich. Er muss immer häufiger töten. Außerdem ist bei der Person, die wir suchen mit Sekundärzwängen zu rechnen.“

„Was meinen Sie damit?“, fragte Jan.

„Es erfordert ungeheure Kräfte, die Zwänge immer zu erfüllen. Schon ein einfacher Kontrollzwang kann zu völliger Erschöpfung führen. Bevor das geschieht gibt es eine Art Notbremse in der menschlichen Psyche. Der Betreffende befreit sich kurzfristig von einem Zwang, in dem er sich einem weniger anstrengenden Zwang unterwirft – zum Beispiel dem, beim Gehen irgendwelchen Linien auf dem Fußboden zu folgen. Unser Mann könnte Ähnliches tun.“

„Gibt es eigentlich Fälle in Holland oder Belgien?“, fragte ich. „Wir befinden uns hier direkt an der Grenze. Amsterdam und Brüssel sind nicht weit entfernt. Es wäre doch nur logisch, wenn der Täter auch auf der anderen Seite der Grenze zugeschlagen hätte, zumal er sich doch Ihrer Theorie nach mindestens sieben Jahre mehr oder minder ununterbrochen in dieser Gegend aufhält.“

„Und rothaarige Frauen gibt es auch auf der anderen Seite der Grenze“, warf Jan ein.  “Belgien ist kaum weiter weg als Nordrhein-Westfalen und da hatten wir auch Kreuze und Fragezeichen. Und Holland liegt - quasi um die Ecke.

„Das habe ich bereits abgeklärt“, sagte der Profiler. „Auf belgischer oder holländischer Seite gibt es keinen einzigen Fall, der ins Raster passt.“

„Das muss einen Grund haben“, meinte Jan.

„Vielleicht war unser Mann einfach nur nie dort!“, warf Jensen ein. Seine Stimme klang leicht genervt. Offenbar hatte er sich schon zu sehr darüber gefreut, dass mit Benny Baseners Verhaftung der ganze Fall gelöst war.

Aber das war er nicht.

„Vielleicht kann er nicht über die Grenze“, schlug ich vor.

„Der Personen- und Warenverkehr ist doch zwischen EU-Ländern frei“, meinte Jan.

„Es wäre möglich, dass er dort straffällig wurde und deswegen nicht über die Grenze kann“, sagte ich.

„Bravo!“, sagte Dr. Martin. „Damit könnten wir ein weiteres Merkmal haben. Vielleicht ist er sogar gebürtig aus Benelux.“

“Ein bisschen weit hergeholt”, meinte Jan.

“Nein, finde ich nicht”, erwiderte Dr. Martin.

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Jan und ich beschlossen, die Ermittlungen zunächst da anzusetzen, wo sie zumindest für uns begonnen hatten: Bei den Giftfässern der PRIDE OF EMDEN.

Mit dem Kollegen Barringer, einem Erkennungsdienstler des Bremer Polizei fuhren wir noch einmal zu dem Speditionsgrundstück, auf dem Rabea Frerich gefunden worden war. „Ich habe inzwischen die Vergleichsdaten über den Inhalt der Fässer erhalten, die Sie und Ihre Leute auf der PRIDE OF EMDEN sichergestellt haben“, erklärte Barringer. „Die Rückstände in den Lagerhäusern lassen darauf schließen, dass hier ähnliche Giftmüllfässer lagerten.“

„Der Konkurs liegt ein halbes Jahr zurück“, stellte ich fest.

„Aber ich nehme an, dass der Giftmüll schon wesentlich länger hier lagerte“, sagte Barringer.

„Mitten in der Stadt – unglaublich!“, meinte Jan. „Wie kommen Sie zu Ihrer Einschätzung?“

„Kommen Sie, ich zeige es Ihnen!“, versprach Barringer. Er führte uns in die Lagerhalle, die wir schon einmal betreten hatten. Aber jetzt konnten wir uns gefahrlos umsehen, ohne befürchten zu müssen, irgendwelche Spuren zu ruinieren. Barringer zeigte uns ein paar Stellen, wo seiner Ansicht nach Säuren in den Beton hineingeätzt und ihn teilweise zersetzt hatten. „Die Beläge, die Sie sehen, kommen von den Fässern, die irgendwann wohl auch durchgefressen worden sind. Okay, die Fässer könnten schon halb zersetzt hier angekommen sein, aber die Spuren im Beton geben eindeutig Auskunft darüber, dass hier über Jahre lang Säure ausgetreten ist.“

„Gibt es irgendwelche Hinweise, woher diese Säurefässer stammten?“, fragte Jan.

Barringer schüttelte den Kopf. „Nein, bisher haben wir leider keine konkreten Anhaltspunkt. Ich habe Ihnen eine Liste von Betrieben zusammengestellt, die hier in der Gegend ansässig sind und dafür in Frage kommen.“

„Dann können wir Ihre Liste mit der abgleichen, die unsere Innendienstler für uns zusammengestellt haben“, warf Jan ein.

Barringer lachte. „Ja, ich verstehe schon, was Sie damit sagen wollen. Es ist ja erstens nicht gesagt, dass die Giftstoffe wirklich aus dieser Gegend stammten. Sie könnten eine ziemlich lange Reise hinter sich gehabt habt haben. Und abgesehen davon, haben die Täter alles Mögliche dafür getan, um zu verhindern, dass man die Stoffe zurückverfolgen kann. Selbst wenn Sie so ein illegales Depot aufspüren, würden Sie keine Etiketten oder Kennzeichnungen an den Fässern finden...“

„Verstehe.“

Den Rest des Vormittags nutzten wir dazu, die Jugendlichen zu befragen, die Rabea Frerichs Leiche entdeckt hatten. Sie besuchten eine der umliegenden Schulen und wir holten sie kurz aus dem Unterricht. Drei Jungen und zwei Mädchen waren von den Kollegen aus Kommissar Jensens Abteilung notiert worden.

Zuerst waren sie etwas wortkarg.

Der schreckliche Fund, den sie gemacht hatten, war sichtlich ein Schock für sie gewesen.

„Wie oft wart ihr auf dem Grundstück?“, fragte ich.

„Nicht so oft“, sagte ein Junge, der Mick-Tyler Vandenboom hieß.

„Vielleicht könnten wir das etwas genauer erfahren?“

Er zuckte mit den Schultern und wich meinem Blick aus.

„Vielleicht zweimal die Woche. Früher war das nicht möglich, da wurde man dort weggescheucht. Aber seit die Lastwagen dort waren und alles weggebracht haben, was sich in den Lagerhallen befand...“

„Was war denn dort in den Lagerhallen?“, fragte ich.

„Na, Fässer. Keine Ahnung, was drin war. Die habe sie aufgeladen und weggebracht.“

„Hast du das mit eigene Augen gesehen?“, hakte ich nach.

Er nickte. „Ja. Und es stank ziemlich, als sie das Hallentor aufgemacht haben.“

Es stellte sich heraus, dass das erst eine gute Woche her war. Eigentlich passte alles zusammen. Das Speditionsgelände war offenbar eine Art Zwischenlager gewesen und die Fässer waren von dort aus weggebracht worden, um sie endgültig verschwinden zu lassen. Vielleicht über die PRIDE OF EMDEN und den Emder Hafen.

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Am frühen Nachmittag statteten wir dem Konkursverwalter der Speditionsfirma einen Besuch ab. Er hieß Hans-Richard Brannemann.

Wir trafen ihn in seinem Büro.

Begeistert war er nicht gerade.

Brannemann zeigte wenig Neigung, mit uns zusammenzuarbeiten.

„Sie werden verstehen, dass ich es vorziehe, wenn Sie mich in Gegenwart meines Anwaltes befragen.“

„Das ist Ihr gutes Recht“, sagte ich. „Aber Sie sind im Moment weder ein Verdächtiger, noch werden Sie irgendeiner Straftat beschuldigt. Wir stellen lediglich ein paar rein informatorische Fragen.“

Brannemann war Ende dreißig, hatte ein sehr kantiges Gesicht und trug einen Maßanzug, der sicher das Monatsgehalt eines Kriminalkommissars kostete. Er schien uns als seine natürlichen Feinde zu betrachten. Wir warteten eine geschlagene halbe Stunde, bis schließlich sein Anwalt auftauchte. Dessen Name war Philip Keil – ein drahtiger Mann mit hoher Stirn und einem Haarkranz aus weißblonden Haaren.

Allein die Tatsache, dass Philip Keil hier auftauchte, war für uns mehr wert, als es jede unwillig gegebene Antwort von Brannemann hätte sein können. Der Name Philip Keil war uns nämlich ein Begriff. Er tauchte in den Daten auf, die Kollege Tadaeus Ulfert uns übersandt hatte. Philip Keil hatte Gregor Sommer mehrfach vor Gericht vertreten.

Bingo!, dachte ich. Die erste direkte Verbindung zwischen der PRIDE OF EMDEN und dem Grundstück, auf dem Rabea Frerich gefunden worden war.

„Mein Mandant hat sich nichts zu Schulden kommen lassen“, sagte Keil. „Und Auskünfte über das Konkursverfahren, das Sie angesprochen haben, geben wir nur auf eine richterliche Anordnung.“

„Was mit Fragen zu Ihrer Person, Herr Keil?“, fragte ich.

Keil hob die Augenbrauen. Seine Stimme klang wie klirrendes Eis. „Ich glaube, ich verstehe nicht richtig was Sie meinen. Alles, was meine Person betrifft, können Sie auf der Homepage meiner Kanzlei nachlesen.“

„Ich dachte, was Ihr Verhältnis zu Gregor Sommer betrifft“, erwiderte ich.

„Ich rede nicht über Mandanten mit Ihnen, Herr...“

„Kommissar Norden. Ubbo Norden.”

“Ah ja - Norden, das ist doch, wo die Sonne nie scheint.”

“Kann man so sagen.”

“Dann wünsche ich Ihnen Erleuchtung.”

“Wenn Sie dazu beitragen!”

“Wenn ich kann...”

“Zurück zu Herrn Gregor Sommer...”

“Hören Sie, ich sagte bereits, dass ich zu Mandanten nichts sagen kann. Und das wissen Sie auch. Wieso Sie immer wieder dieselbe Tour versuchen, ist mir vollkommen schleierhaft.”

“Das heißt also, Sie vertreten noch immer Herr Sommers Interessen.“

„Ich denke, das Gespräch ist hiermit beendet. Mein Mandant macht Ihnen gegenüber keine Aussage, es sei denn, Sie laden ihn offiziell vor.“

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Ein Erfolg war deine Gesprächsstrategie ja nun nicht gerade, Ubbo“, musste ich mir Jans Kritik anhören, nachdem wir das Büro von Hans-Richard Brannemann verlassen hatten und uns wieder in unseren Dienstwagen setzten, den wir auf einem zum Haus gehörenden Parkplatz abgestellt hatten.

„Du hättest es ja besser machen“, erwiderte ich.

Ich checkte die Nachrichten auf meinem Smartphone, um zu sehen, ob man uns irgendwelche neuen Informationen zugeschickt hatte.

Aber das war nicht der Fall.

„Wenn die Fässer dort schon länger gelagert waren, dann kann das eigentlich nur bedeuten, dass die Spedition bereits seit längerem nur ein Tarngeschäft gewesen ist“, stellte ich fest.

Jan nickte. „Das ist anzunehmen. Vielleicht sollte man die letzten Besitzer der Spedition festnehmen und verhören. Die müssten doch wissen, mit wem sie sich eingelassen haben...“

„Wenn nicht einmal Martensteen den Kopf der Organisation kennt?“, fragte ich zurück. „Nein, das ist doch gerade der Trick bei der Sache. Die einfachen Strohleute müssen den Kopf hinhalten, aber das Ganze ist so organisiert, dass die Spur allenfalls zur nächsten Etage in der Organisation führt. Aber niemals bis zu den Hintermännern.“

„Die nächste Etage heißt in diesem Fall wohl Gregor Sommer“, stellte Jan fest.

Dem konnte ich nur zustimmen. „So ist es. Und im Moment haben wir außer der Aussage des Kapitäns der PRIDE OF EMDEN keine Beweise gegen Sommer. Der würde den Teufel tun und uns seinen Boss verraten!“

Jan seufzte, während ich den Motor unseres Wagens startete. Der Motor hatte einen angenehm kraftvollen Klang. „Ich hoffe nur, dass wir am Ende nicht mit leeren Händen dastehen und weder den Rote-Haare-Mörder noch die Hintermänner der PRIDE OF EMDEN Affäre dingfest gemacht haben.“

„Seit wann neigst du denn derart zum Pessimismus?“

„Das ist nur Realismus, Ubbo. Und das ist etwas ganz anderes.“

„Ich bitte dich, Jan!“

„Ist doch wahr!“

Ich fädelte mich in den Verkehr ein. „Ich bin dafür, dass wir Sommer einen Besuch abstatten“, sagte ich schließlich, nachdem wir die Autobahn erreicht hatten

„Du willst Sommer noch mehr aufschrecken?“, fragte Jan „Ich weiß nicht, ob das wirklich eine gute Idee ist, Ubbo!“

„Das ist vielleicht die einzige Möglichkeit, etwas Bewegung in die Sache zu bringen. Oder willst du abwarten, bis dieser Keil unseren Gesprächspartner dermaßen auf Krawall gebürstet hat, dass der ebenfalls nicht mehr mit uns reden will?“

„Vielleicht hast du Recht. Aber ich bin dafür, dass wir vorher etwas essen. Mir knurrt nämlich der Magen.“

Zehn Minuten später saßen wir in einem Schnellimbiss an der Konrad Adenauer Straße. Eine Zeitung lag dort aus. Es war der Bremer Anzeiger.

Die Titelseite berichtet ausführlich über unsere Aktion im Hafen von Emden, bei der wir die PRIDE OF EMDEN aufgebracht und daran gehindert hatten, ihre todbringende Fracht außer Landes zu bringen.

Die Verbindungen, die der Fall nach Bremen hatte, wurden natürlich herausgestellt. Auf Seite zwei wurde der Fall Norma Jeremies, deren Brustimplantat in einem der Fässer der PRIDE OF EMDEN gefunden war, ausführlich ausgebreitet. Ihr Verschwinden, die bisherigen vergeblichen Bemühungen der Polizei, die Serie des Rote-Haare-Mörders aufzuklären und zur Abrundung der Story ein Kurzinterview mit den tief getroffenen Angehörigen.

„Das wird uns nicht gerade helfen“, murmelte ich und gab Jan die zusammengefaltete Zeitung.

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Gregor Sommer zuckte zusammen, als das Telefon klingelte. Von seinem Penthouse aus hatte man einen traumhaften Blick. Sommer war ein mittelgroßer Mann mit einem Gesicht, dessen hängende Wangen an eine Dogge erinnerten. Er hatte die Hände tief in den Taschen seiner weiten Flanellhose vergraben. Am Gürtel trug er einen leichten 22er Revolver im Holster. Die Krawatte hing ihm wie ein Strick um den Hals. Er schwitzte. Es klingelte noch einmal.

Mit einer Bewegung, die ihn sichtliche Überwindung zu kosten schien, nahm er ab.

„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie nicht mehr anrufen sollen, Herr Anselm... Ja, ich weiß! Ich werde sehen, was ich tun kann, aber ich bin nicht Jesus! Wunder vollbringen gehört nicht in mein Repertoire!“

Dann schwieg Sommer plötzlich.

Der Kinnladen fiel ihm herab und sein Gesicht verlor den letzten Rest an Farbe.

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Sommer residierte in einem der nobelsten Gebäude von Bremen. Er nannte ein Traum-Penthouse sein eigen, dessen Anschaffungspreis so hoch war, dass ein einfacher Kriminalkommissar wohl kaum eine Chance gehabt hätte, die Summe zu Lebzeiten jemals abzuzahlen. 

Wir ließen uns mit dem Aufzug bis zum Penthouse tragen.

Vor der Tür blickten wir in ein Kamera-Auge. Ich betätigte die Klingel.

„Was wollen Sie?“, fragte eine etwas unwirsch klingende Stimme, nachdem ich es zum dritten Mal versucht hatte.

„Ubbo Norden, Kripo. Mein Kollege Kommissar Slieter und ich haben ein paar Fragen an Sie, Herr Sommer.“

Einige Augenblicke knackte es nur im Lautsprecher. Dann sagte die Stimme: „Halten Sie Ihre Ausweise in die Kamera, damit ich sie sehen kann. Schließlich kann jeder behaupten, was er will.“

Ich hielt ihm also meine ID-Card in die Überwachungskamera. Er wollte auch noch Jans Dienstausweis sehen und so kam mein Kollege der Aufforderung nach und hielt ihn ebenfalls so hin, dass er sich im Erfassungsbereich des Kameraauges befand.

Dann glitt endlich die Tür automatisch zur Seite.

Ich hatte gleich im ersten Moment den Eindruck, dass Sommer ziemlich mitgenommen aussah. Wie jemand, der gerade eine furchtbare Nachricht erhalten hatte, die ihn völlig aus der Fassung brachte.

Vielleicht waren wir ja in seinen Augen die Schreckenboten...

„Ich nehme an, dass Sie gerade einen Anruf erhalten haben“, sagte ich.

Er hob die Augenbrauen. „So?“

„Von Herr Keil, Ihrem Anwalt.“

„Nein, das stimmt nicht. Aber vielleicht sagen Sie mir zunächst, was Sie eigentlich von mir wollen.“

„In Emden wurde ein Frachter namens PRIDE OF EMDEN von uns aufgebracht, um eine Ladung von Giftmüll sicherzustellen, die illegal entsorgt werden sollte“, erklärte ich.

Unser Gegenüber verzog jedoch nur das Gesicht. „Ach, ja?“, fragte er mit einem ziemlich überheblichen Unterton.

„Sagen Sie bloß, Herr Keil hat Ihnen nicht abgeraten, mit uns zu sprechen?“, fragte Jan.

„Erstens lassen Sie mir ja wohl ohnehin keine Wahl und zweitens habe ich mit Herr Keil nicht gesprochen, ob Sie es nun glauben oder nicht.“

„Sie sollten sich gut überlegen, ob Sie nicht einen anderen Anwalt für sich tätig sein lassen“, erklärte ich.

„Am Besten, Sie kümmern sich um Ihren eigenen Kram und lassen ehrlich arbeitende Geschäftsleute einfach in Ruhe ihren Job machen!“, knurrte Sommer ziemlich giftig.

Er drehte sich um und ging durch eine zweiflügelige Tür ins Wohnzimmer. Durch ein Handzeichen bedeutete er, dass wir ihm folgen sollten. Vom Wohnzimmer aus hatte man einen traumhaften Blick auf Bremen und die Weser

Es war ein heller, klarer Tag.

Sommer deutete auf die klobigen Ledersessel. „Setzen Sie sich und dann verraten Sie mir mal, wieso ich mir einen  anderen Anwalt nehmen sollte.“

„Vielleicht deswegen, weil Herr Keil auch noch jemand anderen vertritt, mit dem sich Interessensgegensätze ergeben könnten.“

„So?“

„Ich spreche von Hans-Richard Brannemann.“

„Am Besten, Sie sagen mir jetzt, was Sie von mir wollen und hören auf, mir die Zeit zu stehlen! Ich habe nämlich viel zu tun!“

„Sie und Brannemann hängen in einer Organisation drin, die mit der illegalen Entsorgung von Müll einen Haufen Geld verdient“, erwiderte ich. „Nur leider ist im Emder Hafen kürzlich ein Schiff namens PRIDE OF EMDEN aufgebracht worden – und damit wurde das ganze Ausmaß dieser Machenschaften offenbar. Was glauben Sie, wie lange Ihr Geschäftspartner Herr Martensteen noch sein Schweigen aufrecht erhält? Vielleicht ist er jetzt in diesem Moment gerade dabei, mit dem Staatsanwalt einen guten Deal für eine Aussage als Kronzeuge abzuschließen, der es ihm erlaubt in ein paar Jahren wieder draußen zu sein, nur weil er Leute wie Sie ans Messer liefert.“

Schritte waren zu hören. Die Tür zu den Nachbarräumen hatte bis dahin halb offen gestanden. Jetzt öffnete sie sich vollends. Eine junge Frau stand dort. Sie trug einen kurzen Kimono. Das Haar fiel ihr lang über Schultern. Sie war blond. „Du hast Besuch, Darling?“, fragte sie und stemmte einen Arm in die Hüfte.

„Verschwinde, Janin!“, knurrte Sommer. „Das hier ist geschäftlich.“

Sie musterte uns kurz und knapp. Dann drehte sich um und schloss hinter sich die Tür.

Sommer wandte sich mir zu. Er fuhr seinen Zeigefinger aus wie ein Klappmesser und sein Gesicht war zur Maske erstarrt. „Entweder Sie sagen mir jetzt ganz schnell, was Sie von mir wollen, oder ich weise den Sicherheitsdienst des Hauses an, Sie vor die Tür zu setzen. Solange Sie keine Vorladung oder einen richterlichen Durchsuchungsbefehl haben, schützt Sie  nämlich keine Kripo-Marke davor!“

„Arbeiten Sie mit uns zusammen, Herr Sommer! Die Leute, für die Sie den Kopf hinhalten, sind es nicht wert! Die würden Sie doch auch nicht schützen! Reden Sie mit uns. Und dann ist da übrigens noch etwas.“

Ich zeigte ihm auf dem Handy ein Bild von Rabea Frerich. Es war eines der Tatortfotos und daher entsprechend hart. Auch wenn Sommer so tat, die Sache ließ ihn nicht kalt.

„Was habe ich mit diesem Kerl zu tun, der Rothaarige umbringt?“, fragte er. „Ich habe davon in der Zeitung gelesen“, fügte er noch hinzu, um einer entsprechenden Nachfrage zuvor zu kommen. 

„Packen Sie jetzt aus, Sommer. Dann komme Sie günstig dabei weg. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann wir Ihrer Organisation das Wasser abgraben!“

„Dann wünsche ich Ihnen viel Spaß dabei!“ Er lachte heiser. „Und kommen Sie meinetwegen wieder, wenn Sie Beweise haben!“

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Am frühen Abend fuhren wir noch einmal zu Mäckis Bar.

„Hat es irgendeinen bestimmten Grund, dass du unbedingt noch einmal dort hin möchtest?“, fragte Jan.

„Ich weiß nicht. Irgendwie habe ich das Gefühl, dort etwas übersehen zu haben. Aber das kann auch nur Einbildung sein.“

„Naja, bevor wir uns bei Kommissar Jensen sehen lassen kann eine kleine Erholungspause vielleicht nicht schaden“, meinte Jan.

Keiner von uns sprach es offen aus, aber wir traten auf der Stelle. Und zwar sowohl bei der Suche nach dem Rote-Haare-Mörder als auch was die Hintermänner der PRIDE OF EMDEN-Affäre betraf. Es war wie so häufig im Kampf gegen das organisierte Verbrechen: Man wusste mehr, als sich gerichtlich verwerten ließ. Sommer war momentan noch nicht angreifbar.

Auf der Fahrt zu Mäckis Bar rief Jan in der Dienststelle an, um sich zu erkundigen, wie weit unsere Kollegen mit der Analyse der Geldströme dieses Müll-Syndikates bereits war. Aber es wurde schnell klar, dass da so schnell keine Wunderdinge zu erwarten waren.

Vor allem nicht schnell.

Und was den Fall des Frauenmörders anbetraf, der es auf rothaarige Opfer abgesehen hatte, tappten wir noch immer völlig im Dunkeln. Ein Mann war verhaftet worden, der vielleicht Hilfe brauchte und wahrscheinlich auch um einen längeren Aufenthalt in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung nicht herumkam, den man aber als Täter wohl inzwischen mit ziemlich großer Sicherheit ausschließen konnte.

Kurz nachdem Jan das Gespräch mit unserer Dienststelle beendet hatte, klingelte es.

Am Apparat war die Bremer Polizei.

Kommissar Jensen persönlich.

„Was gibt es, Herr Jensen?“

„Die Analyse der Reifenspuren liegt vor, die auf Ihre Veranlassung hin gemacht wurden“, erklärte er.

„Und?“, hakte ich nach.

„Der Vergleich mit dem Profil mit dem Wagen von Rabea Frerich hat einen Volltreffer ergeben. Wo sind Sie jetzt?“

„Wir waren ohnehin auf dem Weg zu Mäckis Bar.“

„Dann treffen wir uns am besten dort und sehen uns hinterher an, wo genau der Wagen gestanden hat.“

„In Ordnung“, bestätigte ich.

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Wir waren natürlich vor Jensen in Mäckis Bar.

Ich ließ den Blick durch den Raum schweifen. Der Betrieb hatte gerade erst begonnen und es waren kaum Gäste im Raum. Ein junger Mann mit blonden, kurz geschorenen Haaren stand hinter dem Tresen.

„Wo ist eigentlich Herr Anselm?“, fragte ich.

„Ich habe keine Ahnung.“

Ich legte meine ID-Card auf den Tisch. „Wir hätten noch die eine oder andere Frage an ihn.“

„Vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen. An dem Abend, als diese rothaarige Frau hier in der Nähe ermordet wurde, war ich nämlich auch hier in der Bar, allerdings im hinteren Bereich.“

„Ach, so.“

„Ich habe gehört, der verrückte Benny ist inzwischen festgenommen worden. Gut so, der konnte einem wirklich den letzten Nerv rauben. Aber einfach vor die Tür setzen – das hätte unser Chef nicht mitgemacht. Herr Maltenheim hat nämlich ein Herz für Leute, die etwas neben der Spur sind. Er sagt immer, dass er selbst mal ein armer Hund war, bevor er diese Bar erbte und aus ihr das Schmuckstück machte, das sie  heute ist.“

„Der Mann, den wir festgenommen haben, ist vielleicht aber  nicht der Rote-Haare-Mörder. Auch deswegen hätte ich Herr Anselm gerne noch mal gesprochen.“ 

Der Barkeeper beugte sich über den Tresen und fuhr in gedämpftem Tonfall fort: „Also, im Vertrauen, ... Ronald Anselm hat heute Morgen gekündigt.“

„Wo wohnt Herr Anselm?“

„Eine Straße weiter.“ Er gab uns die Adresse.

„Danke. Noch eine Frage: Sie sagten, Sie wären an dem Abend, als Rabea Frerich ermordet wurde, auch hier gewesen.“

„Sicher“, nickte der Barkeeper.

„Anselm ist anschließend noch auf die Straße gegangen, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist – richtig?“

„Ja, das stimmt.“

„Wie lange hat das gedauert?“

„Keine Minute.“

„Und danach?“

Der blonde Barkeeper runzelte die Stirn. Er schien nicht auf Anhieb zu begreifen, worauf ich hinaus wollte. „Wie meinen Sie das?“

„War Ronald Anselm danach die ganze Zeit hier im Schankraum? Oder ist er vielleicht mal nach hinten raus gegangen. – über den Lieferantenausgang und den Hinterhof, von wo aus man sehr schnell in der Straße ist, wo Rabeas Wagen stand.“

„Sie wollen doch wohl nicht sagen, dass Anselm irgendetwas mit der Tat zu tun hat! Das kann...“ Er stockte.

„Sagen Sie mir, was geschah“, forderte ich unmissverständlich.

Der Blonde schluckte. „Er hat für den Abend Schluss gemacht.“

„Unmittelbar, nachdem er wieder hereingekommen war?“

„Genau. Er hatte noch Überstunden abzufeiern. Insofern war das in Ordnung. Auf der anderen Seite können die Mitarbeiter natürlich eigentlich nicht so einfach machen, was sie wollen, aber seit Herr Maltenheim wegen seiner Fußverletzung nicht hinter allem her sein kann...“

„Ich verstehe schon“, murmelte ich und wandte mich an meinen Kollegen. „Komm, Jan.“

„Ist das dein Ernst, Ubbo?“

„Mein voller. Zumindest müssen wir die Möglichkeit, dass es Anselm war ausschließen.“ Und an den blonden Barkeeper gewandt, fügte ich noch hinzu: „Falls ein gewisser Kommissar Jensen von der Mordkommission hier auftauchen sollte, dann sagen Sie ihm doch bitte, er soll mich auf dem Handy anrufen.“

„Ja, in Ordnung.“

Ich gab dem Barkeeper meine Karte. Dann wandte ich mich zum Gehen. „Komm, Jan, ich fürchte es gibt Arbeit!“

„Würdest du mir freundlicherweise mal verraten, welche Gedanken dir im Moment gerade durch den Kopf spuken?“

„Einen Moment. Die muss ich selbst gerade ein bisschen sortieren, Jan!“

Wir verließen Mäckis Bar und traten ins Freie. Ein kühler Wind fegte zwischen den Häuserzeilen hindurch.

Jan und ich gingen zu Ronald Anselms Adresse.

Da es schwierig genug gewesen war, für den Wagen einen Parkplatz zu bekommen, gingen wir zu Fuß. Das Haus, das der blonde Barkeeper in Mäckis Bar uns angegeben hatte, war ein Mietshaus mit etwas heruntergekommener Fassade.

Ich suchte die Klingel mit Anselms Namen, fand sie aber nirgends.

Also klingelte ich bei jemand anderem. Um diese Zeit waren die meisten Leute bereits zu Hause, daher hatten wir Glück.

„Ja, bitte?“, fragte eine Stimme, von der ich annahm, dass sie einem älteren Mann gehörte.

„Kommissar Norden, Kriminalpolizei, bitte machen Sie uns die Tür auf.“

„Woher soll ich wissen, dass Sie wirklich von der Polizei sind und nicht zu den Trickbetrügern gehören, vor denen im Fernsehen gewarnt wurde?“

„Sie behindern gerade die Verfolgung eines Straftäters – und ich denke nicht, dass das wirklich in ihrem Sinn ist“, gab ich zurück.

Einige Augenblicke lang hörte ich nichts mehr. Dann surrte es und die Tür öffnete sich.

De Aufzug war defekt.

Wir gingen über das Treppenhaus in den dritten Stock und hatten wenig später Ronald Anselms Wohnungsnummer erreicht.

Allerdings wies nichts mehr darauf hin, dass er hier wohnte oder gewohnt hatte. Ein Schild war vor kurzem abgenommen worden, wie man anhand von Umrissen und Schraubenlöchern sehen konnte. Ich betätigte die Klingel.

„Herr Anselm?“, fragte ich.

Keine Antwort.

„Herr Anselm, hier spricht Kommissar Ubbo Norden, Kriminalpolizei!“

Erneut keine Reaktion.

Jan und ich wechselten einen kurzen Blick.

Die Tür bewegte sich ein Stück und bildete einen Spalt. Sie war offenbar nur angelehnt gewesen. Ich zog die Dienstwaffe und nahm den Griff in beide Hände.

Dann stieß ich die Tür auf. Schon im nächsten Moment ließ ich den Lauf der Waffe wieder sinken. Es war niemand dort.

Wir traten ein.

Der Wohnungsschlüssel steckte von innen in der Tür. Die Wohnung war offenbar möbliert zu vermieten gewesen.

Aber nirgends befanden sich in den Schränken und Regalen noch persönliche Gegenstände.

Jan stieß die Tür zur Küche auf, ich nahm mir das Bad vor. Überall bot sich das Bild einer Wohnung, deren Bewohner gerade ausgezogen war.

Alles war gründlich gereinigt. Im Bad glänzten die Armaturen.

Der Geruch eines Desinfektionsmittels hing in der Luft und erinnerte mich an die typischen Gerüche einer Klinik. Ich steckte die Waffe wieder ein.

„Ich fürchte, Herr Anselm sehen wir so schnell nicht wieder, Ubbo“, meldete sich Jan zu Wort.

Ich nickte. „Das scheint mir auch so.“

„Aber ist das so wichtig?“

„Ja, das ist es, Jan! Immerhin hat seine Zeugenaussage dazu geführt, dass wir den Falschen verhaftet haben!“

„Moment mal – du denkst, dass Anselm unser Mann sein könnte?“

„Das weiß ich nicht – aber ich weiß, dass mit ihm was nicht stimmt. Warum verschwindet er plötzlich so spurlos? Das sieht doch wie eine Flucht aus!“

„Das mag merkwürdig sein – aber es ist nicht einmal der Hauch eines Indizes, Ubbo!“, gab Jan zu bedenken.

Ein Geräusch ließ uns herumfahren.

Die Tür hatte sich in der Zwischenzeit bis auf einen Spalt wieder geschlossen. Etwas stieß dumpf gegen das Holz.

Wir drehten uns um und hoben instinktiv die Dienstwaffen.

„Sind Sie da?“, rief eine heisere Stimme.

Jetzt vergrößerte sich dieser Spalt knarrend wieder. Als die Tür sich weit genug geöffnet hatte, blickte uns ein hagerer alter Mann erschrocken an. Er trug Krücken und mit einer davon hatte er die Tür angestoßen. Jetzt verlor er vor Schreck fast das Gleichgewicht, weil er die Krücke nicht schnell genug wieder auf den Boden setzte.

Mit geweiteten Augen starrte er in die Mündungen unserer Waffen, die wir natürlich sofort senkten.

„Ich tu Ihnen nichts“, sagte er. Ich schätzte sein Alter bei achtzig plus x ein. An seiner etwas schleppenden Art zu sprechen erkannte ich sofort die Stimme aus der Sprechanlage wieder.

„Sie haben uns geöffnet, nicht wahr?“

„Ja, und ich bin mir noch immer nicht sicher, ob ich da nicht einen Fehler gemacht habe!“

Auf seiner Stirnmitte erschien eine ziemlich tiefe Furche. Sein Gesicht hatte eine ovale Form und war abgesehen von einem weißen Kranz so gut wie haarlos.

Ich steckte die Dienstwaffe ein und holte meine ID-Card hervor. Dann trat ich auf ihn zu und hielt ihm das Dokument hin.

„Sehen Sie sich das gut an. Ich bin wirklich von der Kripo.“

Er blinzelte. „Wie soll unsereins denn diese Minischrift lesen können? Die Buchstaben sind zwar zu erkennen, aber...“

„Tja, mehr kann ich nicht tun, um Ihnen zu beweisen, wer ich bin.“

„Sie können mir die Brille aus der Jackentasche nehmen und mir auf die Nase setzen. Wenn ich nämlich die Krücken loslasse, falle ich hin.“

Ich holte ihm also die Brille aus der Tasche und setzte sie ihm auf die Nase. Anschließend sah er sich meinen Ausweis noch mal an. „Sieht echt aus“, meinte er dann.

„Und wenn ich ein Trickbetrüger wäre, hätte ich Ihnen jetzt sowieso schon alles wegnehmen können, was Sie in den Taschen haben“, sagte ich.

Sein Blick streifte interessiert durch das Innere der Wohnung. „Ich könnte mich ja mal auf das Sofa da vorne setzen“, murmelte er und humpelte vorwärts.

„Sie könnten Spuren vernichten“, sagte ich, aber es war schon zu spät.

Er hatte sich auf dem Sofa niedergelassen. Er verlangte jetzt auch Jans Ausweis zusehen. Jan zeigte ihm die ID-Card und meinte dann: „Da Sie jetzt wissen, wer wir sind, wäre es eigentlich ganz höflich, wenn Sie sich auch mal vorstellen würden!“

„Cornelius Cordmann. Haben Sie das Schild nicht gelesen, auf das Sie gedrückt haben? Wahrscheinlich nicht. Sie wollten nur irgendeinen Idioten dazu bringen, aufzustehen und einen Knopf zu drücken, damit sich unten die Tür öffnen lässt. Und das haben Sie dann ja auch geschafft! Wissen Sie eigentlich, was das für mich bedeutet hat? Ich bräuchte dringend ein neues Knie, aber bis zur Operation muss ich mit diesen Dingern hier herumlaufen.“ Er deutete auf seine Krücken, die er rechts und links neben sich an die Sofakante gelehnt hatte.

Jan atmete tief durch.

„Wir wussten nicht, dass Sie schlecht zu Fuß sind, Herr Cordmann“, sagte er.

„Das sage ich doch immer!“, erwiderte er und eine dunkle Röte überzog dabei sein Gesicht. „Genau das sage ich immer! Gedankenlosigkeit ist das Schlimmste! Ich muss mich mit meinen müden Knochen aus dem Sessel quälen, auf dem ich gerade eine Möglichkeit gefunden habe, bequem zu sitzen und Sie machen sich noch nicht einmal Gedanken darum! Oder nehmen Sie den Kerl, der hier wohnte, das war doch auch so einer, der sich über nichts Gedanken machte... Ich meine, wer schon in einer Bar arbeitet! Man kennt das doch! Nachtleben, schnelle Bekanntschaften... Wahrscheinlich Drogen...“

„Kannten Sie Herrn Anselm näher?“, fragte ich.

„Er sah meinen Sohn ähnlich“, sagte Cordmann. „Also meinem zweiten Sohn von meiner ersten Frau. Mit meiner zweiten hatte ich keine Kinder. Sie starb im vergangenen Jahr. Wo meine erste Frau jetzt lebt, weiß ich nicht. Ich habe sie nicht mehr gesehen, seit unsere Tochter geheiratet hat. Übrigens einen Neger. Also ich meine natürlich, einen Schwarzen, wie man heute sagt. Meine Frau war deswegen dagegen, aber ich habe ihr immer gesagt, wenn die beiden...“

Er redete einfach immer weiter und Jan warf mir einen hilflosen Blick zu, der nichts anderes zu sagen schien als: Wie bekommen wir den Mann hier wieder weg?

Ich unterbrach schließlich höflich, aber bestimmt seinen Redefluss.

„Herr Cordmann, wir haben noch einiges zu tun. Nachdem Sie nun hoffentlich überzeugt sind, dass wir rechtmäßig hier unsere Arbeit machen, wäre es vielleicht besser, wenn Sie zurück in Ihre Wohnung gehen. Ist Ihre Wohnung hier auf dem Flur?“

„Eine Tür weiter. Ich habe Sie reden hören und da dachte ich mir, ich schaue mal nach, was das los ist. Die Wände sind nämlich ziemlich hellhörig, müssen Sie wissen.“ Er kratzte sich am Kinn. „Was ist denn hier eigentlich passiert?“

„Herr Cordmann...“

„Ich meine, wenn Sie Anselm suchen, verstehe ich nicht, was Sie hier noch wollen!“

„Das lassen Sie mal unsere Sorge sein.“

„Ich habe ihn heute Morgen getroffen, als er das Haus verließ und seine Sachen nach draußen getragen hat. Viel war das nicht. Einen Umzug würde ich das nicht nennen, aber ich glaube, er ist ganz schön herumgekommen, wie er mir mal sagte. Deshalb hat er wohl nie viel Hausrat angehäuft.“

Ich sah ihn verwundert an. „Ich dachte, Sie sind so schlecht zu Fuß? Und dann laufen Sie im Flur herum?“

„Nur in diesem Stockwerk. Man muss doch etwas fit bleiben. Außerdem habe ich meinen Kumpel Artur erwartet, der zum Schachspielen vorbeischauen wollte und sich verspätet hat.“

Jetzt mischte sich Jan ein. „Sie haben gesagt, die Wand wäre sehr hellhörig. Haben Sie mal mitbekommen, was hier so vor sich ging?“

„Sie meinen, wenn er Besuch hatte?“, schloss Cordmann.

Jan nickte. „Zum Beispiel.“

„Das war ein ziemlicher Casanova, würde ich sagen. Ich habe ihn nicht einmal mit derselben Frau angetroffen, auch wenn er seinem Typ eigentlich immer treu geblieben ist.“

„Seinem Typ?“, echote ich.

„Rote Haare. Ja, schauen Sie mich nicht so an, das ist mir schon aufgefallen. Alle Frauen, mit denen ich ihn gesehen habe, hatten rote Haare. Manchmal kürzer, manchmal länger, manchmal glatt, manchmal gelockt...“ Er beugte sich vor und sprach in einem leiseren, verschwörerisch klingenden Tonfall weiter. „Ich wette, dass der Kerl eine ganz üble Masche hatte. Er hat die Frauen betrunken gemacht und dann hier hin abgeschleppt. Eine konnte nicht mal mehr richtig gehen. Er musste sie fast tragen...“

„Wann war das?“, hakte ich nach.

„Ist noch nicht so lange her. Vor vier Wochen vielleicht...“

„Sie haben das mit eigenen Augen gesehen?“

„Ja, das war mitten in der Nacht! Vier Uhr, kann auch halb fünf gewesen sein. Ich meine, Anselm hatte ja einen Job, bei dem er nachts arbeiten musste, aber wie ich schon sagte, das Haus ist sehr hellhörig. Das hat mich jedes Mal aus dem Schlaf gebracht. Und dieses eine Mal war der Krach besonders groß, weil er mit dem Schlüssel so im Schloss herumgestochert hat. Dabei muss man die Wohnungstüren etwas anziehen, damit sie geöffnet werden können. Das ist bei meiner auch so. Weil das für mich so schwierig ist, lege ich immer einen Keil dazwischen, wenn ich die Wohnung verlasse. Ich gehe ja auch nur ein paar Schritt auf dem Flur...“

„Kommen Sie zu Herrn Anselm zurück“, verlangte ich.

„Tut mir leid, ich wollte nicht abschweifen. Herr Anselm hatte nur eine Hand frei, weil ihm diese junge Frau so am Hals hing. Oder besser gesagt: über der Schulter. Er musste sie mehr oder weniger hineintragen. Ich habe ihn zur Rede gestellt. Er war ziemlich gereizt und hat gesagt, dass ich mir Ohrenstöpsel kaufen soll.“

„Haben Sie die Frau noch einmal gesehen?“, fragte Jan.

„Da bin ich mir nicht sicher.“

„Wieso?“, fragte ich. „Entweder Sie haben Sie noch einmal gesehen oder nicht. Da gibt es doch eigentlich nichts dazwischen.“

Cordmann seufzte hörbar. „Ich habe doch sowieso nur ihre Haare gesehen, weil ihr Gesicht auf seiner Schulter lag oder wie auch immer man das nennen will. Einige Zeit später habe ich ihn mit einer jungen Frau mit ähnlicher Haarfarbe gesehen. Es könnte von den Proportionen her dieselbe gewesen sein – aber das weiß ich nicht.“

Immerhin hatten wir einen Zeugen dafür, dass Ronald Anselm ein ausgeprägtes Interesse an Rothaarigen hatte. Ohne es zu  wissen hatte uns Cordmann damit ein weiteres Mosaikstein in einem Muster geliefert, das Anselm als verdächtig erscheinen ließ. Es passte anscheinend alles zusammen.

„Haben Sie irgendetwas von dem mitbekommen, was hier drinnen gesprochen wurde?“

„Nein, viel geredet wurde da nicht. Und mich hat auch gewundert, wie leise der Kerl mit seinen Eroberungen beim Sex war. Bei den Nachbarn auf der anderen Seite meiner Wohnung hört man nämlich alles. Aber vielleicht ist ja bei Anselm in dieser Hinsicht auch nicht mehr so viel gelaufen, weil die Damen schon zu betrunken waren... Hat Herr Anselm irgendetwas verbrochen?“

„Das wissen wir nicht“, wich ich aus.

„So kann man sich doch in einem Menschen täuschen. Ich habe ihn für harmlos gehalten.“

In der Nachbarwohnung klingelte das Telefon. Der Beweis dafür, dass Cordmanns Aussage von der Hellhörigkeit der Wände stimmte.

Für den alten Mann war das das Signal aufzubrechen. Er humpelte aus der Wohnung hinaus und bot uns an, später noch einmal bei ihm vorbeizuschauen.

„Am besten Sie beeilen sich jetzt erst einmal, dass Sie zum Telefon kommen!“, sagte Jan.

„Ach, das ist um diese Zeit wahrscheinlich mein jüngster Sohn Hinnerk. Der weiß, dass ich schlecht zu Fuß bin und lässt den Apparat entsprechend lange klingeln.“

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Mein Handy klingelte. Der Kollege Jensen meldete sich aus Mäckis Bar. „Wo sind Sie, Kommissar Norden?“, fragte er.

„Nur ein paar Minuten entfernt!“

Ich gab ihm Anselms Adresse durch. „Und sagen Sie dem Erkennungsdienst Bescheid“, fügte ich noch hinzu. „Hier ist zwar sehr gründlich saubergemacht worden, aber in der Regel finden die Kollegen trotzdem etwas.“

„Haben Sie eigentlich mal bedacht, dass Sie dafür einen richterlichen Befehl brauchen?“, fragte Jensen etwas ungehalten. „Sie sind immerhin in eine fremde Wohnung eingedrungen.“

„Die Tür stand offen. Herr Anselm ist hier offensichtlich ausgezogen, das heißt der Vermieter hat wieder die Verfügungsgewalt über die Wohnung“, entgegnete ich. „Und wenn ich den davon überzeuge, dass es dringend notwendig ist, hier eine erkennungsdienstliche Untersuchung durchzuführen, ist das rechtlich in Ordnung.“

Jensen unterbrach die Verbindung.

„Hast du überhaupt eine Ahnung, wer der Vermieter ist?“, fragte Jan.

„Nein, aber das werden wir herausfinden, indem wir uns bei den anderen Bewohnern dieses Hauses erkundigen.“

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Ronald Anselm legte seine Reisetasche auf den Boden und setzte sich auf das Bett.

„Es wird hier nicht geraucht“, hörte er die junge Frau sagen, die ihm das Zimmer geöffnet hatte. Sie hatte blondes Haar mit einem deutlichen Rotstich.

„Schon in Ordnung“, murmelte Anselm.

„Sie haben für drei Nächte im Voraus bezahlt, aber wenn Sie für eine ganze Woche bezahlen, bekommen Sie Rabatt.“

„Ich weiß aber nicht, ob ich noch eine ganze Woche in der Stadt bleibe“, erwiderte Anselm. Er sah sie an und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Sie krampften sich so sehr zusammen, dass an den Knöcheln das Weiße hervortrat. Du musst es tun!, wisperte eine Stimme in seinem Innern. Jetzt. Sofort.

„Nein!“, sagte er laut und die junge Frau runzelte die Stirn, weil sie nicht begriff, dass das etwas war, das er zu sich selbst sagte und nicht zu ihr.

„Was meinen Sie mit nein?“, fragte sie. „Sind Sie Raucher? Dann tut es mir leid. Unter diesen Umständen muss ich Sie bitten...“

„Ich bin kein Raucher“, sagte Anselm. Er schwitzte. „Und jetzt lassen Sie mich bitte einen Augenblick allein.“

Sie sah ihn etwas verwundert an. Ihre Augenbrauen zogen sich in der Mitte zusammen.

„Ist Ihnen nicht gut? Soll ich einen Arzt holen?“

„Nein, es ist alles in Ordnung. Ich möchte nur, dass Sie mich jetzt allein lassen.“

Die junge Frau verließ das Zimmer. Bilder erschienen vor seinem inneren Auge. Erinnerungen. Erinnerungen. Er war ein Kind. Und da saß diese große Frau mit den roten Haaren auf dem Sofa. Ihre Haare waren nicht wirklich rot. Sie färbte sie nur. Er hatte das schon mal gesehen, wie sie das machte. Aber sie konnte das nur, wenn sie nicht so viel getrunken hatte wie jetzt. Jetzt konnte sie nicht einmal aufstehen. “Du musst es tun!“, hörte er ihre Stimme. Diese Stimme, die ihn seit jener Zeit nie verlassen hatte und die immer diesen einen Satz sagte - manchmal so undeutlich, dass wohl niemand anderes ihn verstanden hätte.

„Nein!“, sagte Ronald Anselm laut in das Zimmer der heruntergekommenen Absteige hinein. „Nein!“

Aber die Stimme aus der Vergangenheit war unerbittlich. Du musst es tun! Sonst halte ich es nicht aus! Bitte!

Er erinnerte sich daran, den Rest an Geld aus ihrem Portemonnaie geholt zu haben und losgegangen zu sein. Der Laden an der nächsten Ecke gehörte einem Bekannten, der es gewohnt war, dass er für eine Mutter etwas zu trinken holte, auch wenn das eigentlich nicht erlaubt war. Dann ging er mit den Flaschen zurück und brachte sie ihr. Sie trank und lallte und trank noch mehr. Und irgendwann war es dann still gewesen. Sie hatte sich nicht mehr bewegt und ihre Augen waren ganz starr gewesen.

Er hatte nicht wegsehen können.

Dieses Gesicht... Etwas war seitlich aus ihrem Mund herausgelaufen. Blut. Sie hatte so friedlich ausgesehen.

Ronald Anselm blickte auf den Boden. Manchmal half das. Manchmal, wenn der Boden richtig war und Linien hatte.

Dieser hatte Linien. Ein Muster. Anselm erhob sich und folgte den Linien – so lange, bis er sie alle einmal betreten hatte. Dabei setzte er immer einen Fuß direkt vor den anderen.

„Es ist alles in Ordnung“, murmelte er laut. „Alles...“

Ein Ritual.

Er wusste, dass es nicht immer half.

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Nachdem die Kollegen des Erkennungsdienstes eintrafen, machten Jan und ich uns zusammen mit Jensen auf, um dem Barbesitzer Maltenheim einen Besuch abzustatten. Wenn jemand etwas über Anselm wusste, dann vielleicht er.

Als wir an Maltenheims Wohnungstür klingelten, öffnete uns mit einiger Verzögerung ein Mann von Ende vierzig, der auf Krücken lief. Er hatte den rechten Fuß in Gips. Wir zeigten ihm unsere Ausweise.

„Kommen Sie herein, aber erwarten Sie keine Bewirtung oder so etwas. Ich  kann Ihnen weder Kaffee noch sonst etwas anbieten und bin schon froh, dass ich es bis zur Tür geschafft habe.“

„Was ist passiert?“, fragte ich.

„Ich bin auf der Treppe ausgerutscht. Wie üblich war ich zu spät dran. Naja, ich verschone sie mit den Einzelheiten.“

„Ronald Anselm hat heute gekündigt“, stellte ich fest.

Maltenheim nickte. „Ja. Da war gleich ein Schock am Morgen. Mein bester Barmixer sagt einfach, dass er geht! Ach, was heißt mein bester! Der einzige, der sein Handwerk einigermaßen versteht und dessen Drinks sich ein bisschen von dem üblichen Einerlei abheben und auch gut schmecken, wenn  sie extravagant aussehen. Irgendetwas zusammengießen kann nämlich jeder, verstehen sie?“ Er seufzte. „Schade um ihn, aber er wollte sich nicht davon abhalten lassen. Und das, obwohl ich ihm eine kräftige Gehaltserhöhung in Aussicht gestellt habe!“

„Haben Sie eine Ahnung, wo er hin ist?“

Er blickte auf. Seine recht buschigen Augenbrauen zogen sich zusammen. Dann schüttelte er energisch den Kopf. „Nein. Wirklich nicht. Bedauerlicherweise übrigens. Ich hätte mir sehr gewünscht, dass es nicht so weit gekommen wäre, aber...“

Er sprach nicht weiter. Sein Blick wirkte nach innen gekehrt.

„Er hat nichts hinterlassen?“, fragte ich.

„Nein. Was sollte ich tun? Er ist ein erwachsener Mann. Ich kann ihn ja nicht fesseln oder so!“ Maltenheim lachte heiser.

„Haben Sie ihn nicht gefragt, wohin es ihn zieht?“, hakte ich noch einmal nach.

Ein mattes Lächeln flog über sein Gesicht. Dann verzogen sich seine Züge. Irgendetwas an seinem Fuß schien ihm jetzt Schmerzen zu bereiten.

„Doch, das habe ich.“

„Und?“

„Er ist ausgewichen. Ich habe mich erkundigt, ob er in der Gegend bleibt und wer ihm so ein gutes Angebot gemacht hat, dass er plötzlich abspringt... Aber dazu wollte er nichts sagen. War schon etwas merkwürdig, das Ganze. Er wirkte so bedrückt und auf eine seltsame Weise angespannt. So habe ich ihn ehrlich gesagt, noch nie erlebt. Warum fragen Sie das alles?“

„Erzählen Sie uns alles, was Sie über ihn wissen“, ergänzte Jan. „Alles, was Ihnen einfällt, auch Dinge, von denen Sie vielleicht nicht denken, dass sie wichtig sein könnten...“

Maltenheim hob die Augenbrauen. „Der Mann hat auf jeden Fall eine bunte berufliche Vergangenheit und ist wohl ganz schön herumgekommen.“ 

„Hat er erzählt, wo er schon überall gelebt hat?“

“Wir hatten mal Gäste aus Frankreich, denen er den Weg zum Roland auf Französisch beschrieben hat. Aber ich glaube, er hatte nicht einmal Abitur. Jedenfalls hat er das mal erwähnt.“

„Er konnte Französisch?“, echote Jan.

Ich fragte: „Sie haben nicht zufällig ein Bild von ihm?“

„Nein, er wollte nie fotografiert werden. Selbst für den Gastronomieführer der Freien und Hansestadt Bremen nicht!“, berichtete Maltenheim.

Ich nickte. „Langsam verstehe ich auch, weshalb“, murmelte ich. „Besaß er ein Handy?“

„Allerdings. Ich habe die Nummer. Soll ich Sie Ihnen aufschreiben?“

„Unbedingt.“

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Ronald Anselm nahm das Handy ans Ohr. „Herr Norinsky? Hier spricht Anselm.“

„Woher haben Sie diese Nummer?“

„Ein gemeinsamer Bekannter hat sie mir gegeben und Sie sollten ihm deswegen nicht böse sein. Er hatte gute Gründe dafür. Er heißt Gregor Sommer und ich nehme an, dass er meine Kontaktaufnahme bereits angekündigt hat.“

Anselm stand von seinem Bett auf. Er ging ans Fenster. Es hatte zu nieseln begonnen. Neben einer Straßenlaterne sah Anselm eine junge Frau. Zuerst nur den Körper von den Zehen bis zu den Schultern. Der Rest wurde durch einen Regenschirm verdeckt. Dann drehte sie sich zur Seite. Es war die Rothaarige. Sie rauchte. Sieh an, dachte Anselm. Du hättest dir eben kein Nichtraucherhotel suchen sollen, um deinem Job nachzugehen... Aber vielleicht konntest du es dir ja auch nicht aussuchen. Wer kann das schon...

„Sind Sie noch dran, Herr Norinsky?“, fragte Anselm.

„Was wollen Sie?“

„Da wissen Sie doch. Sommer wird es Ihnen gesagt haben.“

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen auf der anderen Seite der Leitung. Anselm hörte nur das Atmen seines Gegenübers.

„Wenn Sie glauben, dass Sie Forderungen stellen können...“

„Ich weiß alles über Sie, Herr Norinsky. Über die Fässer mit Säure, von denen man ein paar auf der PRIDE OF EMDEN gefunden hat und von denen noch so viele an mehreren Stellen in Bremen und Umgebung deponiert sind. Ich gebe zu, dass ich diese Fässer für einen Zweck benutzt habe, der vielleicht nicht ganz gesetzeskonform ist. Seit sieben Jahren sammle ich Informationen über sie und den Müll, den Sie möglichst preiswert loszuwerden versuchen. Es hat sich einfach so ergeben und ich denke, wir haben beide dasselbe Interesse.“

„So?“

„Dass vom Inhalt dieser Fässer nie wieder etwas auftaucht. Mögen sie in der Versenkung verschwinden.“

„Sie haben eine seltsame Art, sich auszudrücken.“

„Es wird Sie freuen, dass ich dasselbe will – in der Versenkung verschwinden. Ich weiß, dass Sie die Möglichkeit haben, mir eine neue, perfekte Identität zu verschaffen. Strengen Sie sich an. Sie haben gar keine andere Wahl, als mir zu helfen.“

Eine quälend lange Pause folgte.

„Wir werden uns treffen müssen“, sagte Norinsky.

Ein mattes, kaltes Lächeln spielte um Anselms Lippen. „Nichts dagegen, Herr Norinsky!“

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Wir verließen Maltenheim. Jensen war ziemlich schweigsam. Aber er war nicht der Einzige, der mit dieser Wendung ebenfalls nicht gerechnet hatte.

„Wenn er so gut Französisch spricht, könnte er aus Belgien stammen”, stellte ich fest. „Und da er sich scheinbar nicht traut, über die Grenze zu gehen, müsste man ihn in den dort geführten Dateien über Kriminelle finden.“

„Ich werde mal gleich mit Herr Menninga deswegen telefonieren“, sagte Jan. „Das wird wohl auf höherer Ebene geklärt werden müssen.“

Jan hatte schon sein Handy am Ohr, da klingelte der Apparat von Jensen. Der Kommissar der Mordkommission sagte zweimal kurz hintereinander „Ja!“ und einmal „In Ordnung.“ Nachdem er dann noch einmal „Ist das sicher?“ gefragt hatte, beendete er die Verbindung.

„Das waren die Kollegen vom Erkennungsdienst, die gerade Anselms Apartment untersuchen.“

„Wir sollten uns an diesen Namen nicht allzu sehr gewöhnen“, sagte ich. „Er ist mit Sicherheit falsch.“

„Die Kollegen haben Reste von Blut gefunden. Da muss etwas bis zur Decke gespritzt sein. Und selbst dort, wo Anselm sorgfältig sauber gemacht hat, lassen sich noch mit Luminol Reste nachweisen.“

„Ich denke, das reicht für einen Haftbefehl, oder?“, fragte ich.

Jensen nickte. „Ganz sicher!“

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