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Trugbild der Schatten

Helmut Aigner

Trugbild der Schatten

Erster Teil der Aedon-Vohrn Trilogie





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

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Trugbild der Schatten

Erster Teil der Aedon-Vohrn-Trilogie


Wer durchschreitet blind die Nacht?

Hält dir als Letzter die Totenwacht?

Verkleidet Fluch in edle Pracht?

Baut sein Reich auf Niedertracht?

Bis alle Feuer hell entfacht!

König Mord, in finstrer Tracht.

Die Aschenkrone ihm vermacht.



1

Andauernd,jede Nacht, plagten sie düstere Albträume. Es blieb falsch,egal wie oft sie es durchlebte.

UnerklärlicheBilder verblassten nach dem Erwachen, mit rasendem Herzen suchte sienach einer Erklärung.

ImSchlaf wurde Etaila zu jemand anderem, einer Frau, die in Furchtlebte vor ihren Verfolgern.

Sierannte durch einen dichten Wald, gehetzt von einem Jäger, einen Mann ohne Gesicht, der sie drohte einzuholen.

Dochwenn sie sich umdrehte, war da nichts, nichts außer der Kältezwischen den Ästen, dünnem aufsteigendem Rauch und purerEinsamkeit. Sie landete an einem anderen Ort, herausgerissen aus derverstörenden Vergangenheit.

Grübelndsah die Träumerin eine Siedlung, klein, friedlich und abgelegenin den Bergen, die sie nie bereist hatte. Sie erspähte eine alteFrau mit sorgenvollem Blick, die Sorgfalt galt allein dem Schicksalder Besucherin- Etaila.

DerTod kam in diese kleine Siedlung.

DieVorsteherin wurde erstochen von einem Mann bewaffnet mit schlichtemDolch. Er wechselte sein Angesicht, war erst jung, später altund wieder umgekehrt.

Dochdas war nur der Beginn, die Eindrücke änderten sich rasch,sie konnte kaum folgen.

Siesah ein Heer von Angreifern, keine Menschen, sie brachten das Leid indie entlegenen Täler des Grenzlandes der Thärden, denkriegerischen Clansleuten und verhassten Nachbarn der Elfen.


„Essind Orks, flieht, wenn Ihr sie bemerkt, sonst ist es um Euchgeschehen", flüsterte eine leise ängstliche Stimme ihrin den Nächten zu.

DieseWarnung flößte ihr Angst ein und machte sie panisch.

Wiederbefand sie sich in dem lichtlosen Wald unter schiefen Baumreihen. Siezitterte vor Angst und Kälte, und als sich Etailas anderes Ichumwandte, stand jener, der seine Form wechselte, hinter ihr, mitgezogenen Dolchen und einem frostigen, mordgierigen Glitzern in denAugen.
Die ängstliche Stimme in ihr begann zu sprechen. Sieflüstere nur einen Namen. Es war derselbe, den die alte Fraukurz vor ihrem Tod gehaucht hatte. Ein mächtiger Name, soalthergebracht wie die Sagen ihres Volkes

„Viondars".


Dannwachte sie auf, den Klang ihres eigenen Schreis in den Ohren. Derwirre Traum riss sie aus dem Schlaf. Sie setzte sich auf ihreeinfache Schlafstätte, Säcke, gefüllt mit Stroh.

DieSöldnerin benötigte eine Weile, um frei durchatmen zukönnen. Es waren nur Spukbilder gewesen, sagte sie sich. Unddoch war sich Etaila unsicher. Sie hatte eine völlig anderePerson gemimt, jemanden mit anderer Vergangenheit, mit sensiblemCharakter, das komplette Gegenteil ihrer selbst.

Anfangsgrübelte sie über den Irrsinn nach, den sie empfand, dannbetrachtete sie die junge aufgehende Sonne durch die geöffneteDachluke. Und der Traum der vergangenen Nacht verschwand imhintersten Winkel ihres Unterbewusstseins.

Esgab Wichtigeres zu tun. Sie sprang auf und kleidete sich an. Hose,Gürtel, Wams - einfache Kleidung zum Arbeiten, geeignet fürviele Berufe in Courant, ihrer erwählten und ebenso schäbigenHeimatstadt. Berufe, bei denen das Schwert das wichtigste Werkzeugdarstellte.

Siewusch sich das Gesicht in einer hohen Schüssel gefüllt miteiskaltem Wasser.

ZumFrühstück setzte sie sich an einen schiefen Tisch, der kaumsein eigenes Gewicht tragen konnte. Es gab Haferbrei zum Essen, schalwie üblich, zu mehr reichte das Geld kaum aus.

Mankonnte nicht behaupten, dass sie in Luxus schwelgte.

Jetzt,so früh am Morgen, lag der kleine Raum fast in völligerDunkelheit, ihr Ruhelager, ein schiefer Schrank und eine Truhe, alleswar nur spärlich beleuchtet. Ein Kienspan spendete ein wenig Helligkeit, damit die junge Frau sich im Inneren zurechtfand.

Siebereitete sich auf ihren neuen Arbeitstag vor.

Die Eskorte von Händlern und anderen Kunden war im unruhigen Süden keine Seltenheit. Einige Abgesandte aus der örtlichenHändlergilde hatten sie angeworben, als Begleitung zum Schutzihrer Leben und ihrer Waren.

Ihrguter Ruf war ausschlaggebend gewesen. Sie wurde als Söldnerinzu den wenigen Personen gerechnet, die an untätigen Tagen nichtschon am frühen Mittag betrunken in ihrem eigenen Erbrochenemlagen.

Sienahm ihr Handwerk ernst.


Siewürde stundenlang neben einem Kutschbock sitzen und einigeDutzend Fässer bewachen; Abenteuer sahen anders aus, vonSpannung konnte man kaum reden.


Dafürgab es dann am Ende des Tages einige Münzen.

Daswar besser, als mit knurrendem Magen schlafen zu gehen, dachte sienüchtern. Es gab in Courant als Frau nur zwei Möglichkeiten:Entweder man wurde die Ehefrau eines Halsabschneiders, oder selbsteiner. Das hatte ihr Vater ihr einst als Rat mitgegeben. Sie machtees anders. Denn sie hatte schon viele Halsabschneider gesehen, die amStrick endeten.


Sieging einige Schritte, griff in die Dunkelheit hinein.

Ausder Truhe nahm sie ihr Kopis heraus, einen Schildbrecher, derRundschilde mit Wucht durchdrang und zu Kleinholz verarbeitete. Einegut geschmiedete Waffe, wenn man bedachte, dass ihr alter Herr, derHufschmied eines Dorfes nah der Marschen, es damals aus Altmetallhergestellt hatte. Fieber in Winter hatte ihr den Vormund geraubt,ihre Mutter kannte sie kaum, sie war noch während ihresKindesalters fortgegangen.


Nichtungewöhnlich; das raue Land um Courant raffte jedes Jahr genugMenschen dahin.


DasSchwert war das einzige Erinnerungsstück, das von ihrem Vaterblieb, und es hatte ihr in ihrer Jugend genügend ausgehungerteWölfe aus den Bergen vom Leib gehalten.

Siehatte es gestern Abend vorsorglich geschliffen.

Alleswar vorbereitet. Die einfache Schutzkleidung, in der sie steckte, warvor einer Woche geflickt worden. Sie fuhr in einem Wagen heraus ausdieser großen Ansammlung von heruntergekommenen Hütten,die sich eine Stadt nannte. Vielleicht kam sie sogar für längereZeit heraus.

Siemachte sich Mut für die Zukunft, als sie ihr Häuschenverließ und in den grauen morgendlichen Himmel hinaus spähte.

DieSonne blieb eine kleine matte Scheibe am Horizont, die heute kaumLicht gab.

DieStraßen sollten zu dieser Uhrzeit menschenleer sein, seltenhatte einer der Bewohner einen Grund so früh seine Behausung zuverlassen. Diesmal war es ähnlich. Nur Irna die alte Vettel, dieauf der Veranda ihrem Haus gegenübersaß, war schon wachund reckte sich in einem Schaukelstuhl. Ihre Vermieterin, einschrecklich geiziges Weib, das sie am ausgestreckten Arm verhungernließe, nur um sich ein paar Geldstücke zu sparen. Siegrüßte das böse Weib und erntete aus der Entfernungein herablassendes Grinsen, fehlte nur die Aufforderung, die Mieterechtzeitig zu begleichen.

Abersie suchte kein Ärger mit ihr, die Anwohnerin bezahlte bisherimmer pünktlich und machte selten Schwierigkeiten. Die Söldneringrinste zurück, fluchte in Gedanken laut auf und ging diematschige Straße entlang.

AlteSchlampe, soll dich doch der Teufel holen.



Einbis zwei Wochen nicht hier zu sein, würden ihr gut tun.

Etaila,die junge Frau mit dem jugendlichem Gesicht, dem blonden Haar und derinsgesamt müden Erscheinung, ging an einem verschlammten Tümpelvorbei, passierte eine schmale Brücke, nur ein breites Brettüber einen schlammigen Weiher. Die Wolkendecke am Firmamentfärbte sich weiter grau, ein leichter Schauer kündigte sichan. Kaum ungewöhnlich in dieser Ecke der Welt, die raue See derFrostbanninseln brachte reichlich schlechtes Wetter in südlicheBereiche.

Entfernthörte sie Reiter, sie besaß kein Pferd und durfte nicht zuspät zur Handelsstation gelangen, man würde nicht wegeneiner einzelnen Person die Karawane warten lassen. Zeit war Geld undsie nahm die Beine in die Hand.

Sierannte an weiteren, immer gleich aussehenden Rundhütten vorbei,jederzeit darauf bedacht, nicht im Schlamm oder Pferdemistauszurutschen oder stecken zu bleiben.

Großartig,der Tag begann mit einem Sprint, hoffentlich war sie nichtüberfällig, so einfache Arbeit gab es in den nächstenTagen nicht erneut.

Siehörte das Gebrüll hinter sich, ein Bote spornte sein Rosszu mehr Geschwindigkeit an und nahm dabei keine Rücksicht aufFußgänger. Die junge Frau wurde beinahe über denHaufen geritten, nur durch Haaresbreite entkam sie den ausscherendenHufen, ein Sprung zum Wegrand in eine Pfütze rettete siezumindest vor einer schmerzhaften Verletzung. Sie kroch ein Stückvoran und wischte sich den Schlamm aus dem Gesicht. Sie hörtelautes Gelächter. Der Reiter hatte Freude an seinem Sprunggehabt.


Wenigspäter erreichte sie den Handelsposten, zu früh. DieHändler dachten gar nicht daran, überstürztaufzubrechen, Etailas Hosen und Mantel waren von Matsch verkrustetund ihre Laune war, morgendlich, bereits verdorben.

Einalter Mann mit langem grauem Bart und einer erstaunlich intensivenBierfahne empfing sie vor dem Kutschbock.

„Ihrmüsst Etaila sein.“ Ihm war dies klar, weil sie dieeinzige Frau auf der Reise sein sollte.

„Wersonst", lautete ihre knappe Antwort.

Manblieb trotzdem höflich zu ihr und übergab, wie vereinbart,drei Silbermünzen als Vorschuss.

Wenigstenssind die Pfeffersäcke nicht knickrig. Sie haben wohlMuffensausen die große Fahrt mit zu Wenigen anzutreten.

Grübelndbestieg sie den ersten Karren, der mit bauchigen Fässern beladenwurde. Eine Gruppe weiterer Bewaffneter begrüßte siewortkarg, sie brummte ein Hallo zurück. Das reichte, mehr Wortemusste man innerhalb der Zunft nicht wechseln.

Währenddessenverstaute man Bier, eine wichtige Handelsware für viele Dörferim Umkreis von Meilen.

Jemandreichte ihr einen Becher mit dunklem Gerstensaft. Sie nahm einen Zug.Nicht das schlechteste Zeug.

Vielleichtwird der Tag ja, doch noch vernünftig, sieversuchte sich Mut zu machen.



2

Selbstals der Verfluchte sich auf den Boden warf, im Dreck und Sand vor derSchenke hin und her rollte, vermochte er nicht die Flammen um sichherum komplett zu löschen.

DerSchmerz im Nacken und Hinterkopf stach unerbittlich durch das Fleischseiner Kopfhaut. Tränen rannen ihm über das Gesicht und ausder Taverne heraus konnte er aufgeregte Rufe vernehmen.

Siewollten ihn schnappen, ihn gefangen nehmen.

Esstand nicht gut um ihn. Das Feuer hatte sein Haarschopf versenkt,sich bis zur Stirn gefressen und erlosch nun plötzlich, alshätte man ein Kübel Wasser auf ihn ausgeleert. Der Funkemagischer Energie war aufgebraucht.

Eiligzog er sich hoch und rannte davon. Die neu errichtete Kathedrale zuseiner linken verfolgte ihn mit ihren scharfkantigen Schatten.Arbeiter türmten die letzten Blöcke unter Einsatz einesGerüsts und mithilfe eines Krans zum nördlichen Spitzdachauf. Doch die nervösen Augen des Verwünschten richtetensich stur auf den Boden.

DieÖffentlichkeit erkannte sofort, was mit ihm los war, sie sahendie Verbrennungen auf seinem Schädel, rochen den Rauch desverbrannten Haarschopfs. Ein Magusketzer, eine Gefahr für alleMenschen Mondaves war unter ihnen. Er hätte die Spuren derZauberei kaum verbergen können.

DieBewohner jedes Ortes erkannten die Anzeichen eines fehlgeleitetenGebrauchs von Magie, Verbrennungen, Verstümmelungen, Fällevon Wahnsinn, seltsames Verhalten um die Schuld zu verbergen, die aufeinen Ketzer lastete. Nur wenige konnte ihre verheerenden Kräftesteuern, sie nützen, er hatte bis vor kurzen zu dieserMinderheit gezählt.

Erbrachte weitere unliebsame Verfolger auf sich an.

Mutigeversuchten ihn zu stoppen und zu Fall zu bringen, doch der Verfluchtewar verzweifelt schnell, er sprang hastig über aufgetürmteHolzstapel und brachte einige Fässer zum Stürzen undverschwand in einer Nebengasse. Stickige Luft und haufenweise Müllerwarteten ihn dort.

DasArmenviertel, der Gesuchte blieb dort verborgen vor den Blickenseiner Verfolger. Er wurde langsamer und suchte sich einen schattigenWeg durch den Abfall. Hier wohnten in den verschlungenennischenreichen Gassen, die Alten und die Armen, in ihren kleinenQuartieren. Sie kamen in den unsicheren Zeiten, in dem die SilberneGarde die Führung übernommen hatte, kaum noch aus ihrenAbsteigen heraus.

Er musste kurzverschnaufen, sich in einer dunklen Nische verbergen.

Bei allen Heiligen,was war mit ihm passiert?

Sein Morgen hattemit einer guten Menge Bier begonnen. Wie gewohnt. Heute war einFeiertag, zu Ehren des Ordens. So konnte er sich an diesem Tag vorder Arbeit in den Pferdeställen drücken. Er hatte sichvorgenommen, den Tag in der Taverne zu bleiben, seine Saufkumpane,hatten ihn dazu angestiftet.

Nachweiteren Bieren hatte sich ein Streit zugetragen, beim besten Willenkonnte er sich nicht mehr an die Ursache erinnern.


Erhatte herumgeschrien, stand kurz vor einer Schlägerei und dannwar das Feuer ausgebrochen, ohne Vorwarnung, ohne Beherrschung, eshatte sich von einem Tisch, bis zu seinem Kopf gefressen. Er warsofort wieder nüchtern geworden.

Aberda war noch etwas, ein Fremder hatte ihn in Spelunke beobachtetet,ein alter Kerl mit weißsilbriger Mähne und einem narbigenGesicht, er hatte ihn böse angegrinst, bevor diese ganze Sachebegann, und war dann plötzlich verschwunden.

Wasfür ein irrer Tag, das kann nicht passiert sein!

Erglaubte aufgeregte Stimmen hinter seinen Rücken zu hörenund drängte sich mehr in die dunklen Gassen hinein, überihn entleerte jemand einen Kübel mit Schmutzwasser, ein Schwallder dunklen und stinkenden Flüssigkeit glitt seinem Rückenherunter, er musste sich zusammenreißen, um nicht lautstarkloszuschreien.

Jetiefer er sich in das Labyrinth der Gassen vorwagte, desto kühlerund leiser wurde es.

Erdachte wieder über seine Lage nach.

Vieleseiner Bekannten waren bereits vor ihm herausgelaufen. Die Sachewürde sich schneller verbreiten, als er in der Lage war, esaufzuhalten.

EindeutigMagie, ein Fall für die Silberne Garde, wenn man ihn schnappte.

Erwar jetzt ein Ketzer, ein Feind des Ordens, man würde ihnunerbittlich jagen.

Dasnach all den Mühen, seine Essenz, das Magicka zu verbergen.

Erneutpackte ihn Grausen. Die Garde hatte viel Übung entwickeltMagiewirker zu erkennen und zu töten, wenn es die Pflichtverlangte. Als Kind hatte er auf dem Marktplatz eines Dorfes, nichtweit von hier entfernt, beobachten können, wie ein Bannerträgereine alte Frau aus der Menge herausgepickt hatte.

Unzähligehatten sich auf dem Richtplatz versammelt und der Ordensmann hattenicht einen Atemzug lang gezögert.

DieGesuchte hatte sich durch ihr Äußeres in keiner Weise vonden anderen unterschieden, zielsicher war der Paladin auf siezugegangen und nach einigen Fragen musste sie ihn begleiten. Das waralles so zügig passiert und eine Aura der Angst hatte sich überdie Bewohner gelegt, denn wenn die Garde jemanden holte, den sah man niemals wieder.

InKolonnen brachte man die Gefangenen irgendwo ins abgeschotteteThetyr, der Ordensstadt im Land der Thärden, dort, wo niemandbei klarem Verstand enden wollte.

Ermusste fliehen.

Sollteer diesen Tag überleben, würde er das Saufen bis zumLebensende sein lassen.

Erpreschte sich, wie ein Verrückter durch die Winkel der schmalenGänge, erreichte den überfüllten Marktplatz stießmit anderen zusammen, wurde angepöbelt. Noch hörte er nichtdas Klimpern von metallischen Rüstungen um sich herum und dasgab ihn Hoffnung. So rasch konnten seine schlimmsten Feinde nichthandeln.

Erlief eine Allee entlang und glaubte wie ein Wahnsinniger aussehen zumüssen und lag nicht falsch dabei. Verschwitzt und völligaußer Atem erreichte er seine Bleibe. Eine Absteige in denletzten Hinterhöfen der Arbeitergassen. Er schaute sich um, dieUmgebung war Menschenleer.

DieArbeitergassen um ihn herum waren wenigstens sauber, weil dieBewohner ihre Unterkünfte meistens nur zum Ausruhen am spätenAbend aufsuchten. Tagsüber war das Viertel verlassen wie eineGeisterstadt, denn entweder wartete die Arbeit oder man suchte zurZerstreuung bessere Örtlichkeiten auf.

SeineLunge brannte, er war außer Atem und immer noch in wilderPanik.

SeinHeim war bescheiden und so klein, das selbst eine Person nicht mit zuviel Freiraum angeben konnte. Und doch war es seit Jahren seinebescheidene Zuflucht, ein Ort, den er schon jetzt vermisste. Er stießdie Tür auf, sie war nicht abgeschlossen, wozu auch? Und ginghinein. Eilig lief er zur Truhe, holte einen Mantel mit Kapuze herausund zog ihn gleich an. Die Brandspuren auf seinem Schädel würdedie Kopfbedeckung verbergen, gut so, er brauchte jetzt alles, wasHilfe leisten konnte.

Venya,ich weiß, dass du mir das eingebrockt hast, ich verfluche dich,du alte Krähe.

Erzitterte und flüchtete mit seinen düsteren Gedanken bereitszu der Brücke am Tor. Er kroch unters Bett, öffnete einGeheimversteck unter dem morschen Holzdielen und holte einen Beutelmit Silber heraus. Das war übertrieben, vielleicht drei odervier Münzen befanden sich darin, und die Hälfte davon wardie Miete für den nächsten Monat, die er jetzt ohne Zweifelnicht mehr bezahlen musste. In kürzester Zeit bewegte er sichzur Tür und spähte durch den Spalt hinaus, keine besondereRegung draußen, eine Gelegenheit tief durchzuatmen undwenigstens etwas Mut zu fassen.

Erstieg hinab und ging den schnellsten Weg zum hintersten Stadttor. Ermied dabei offene Straßen und Alleen.

Erkletterte über Mauervorsprünge in private Gärten undhörte nicht selten hinter sich wütendes Gebrüll wegendes unverschämten Eindringens. Dieses Verhalten war ihmallerdings lieber, als von einer Patrouille der Silbernen vor derWegeskreuzung angehalten zu werden, und unangenehme Fragen wegenseiner Brandwunden zu beantworten.

Erkam zu einer Kreuzung, von hier aus führten mehrere Wege hinausaus Mondave. Das gewaltige hintere Tor, erbaut im Altertum, bliebimmer geöffnet. Der Weg vor ihm, den der Fliehende nicht nahm,leitete Reisende ins Hochland; er würde jetzt nicht wie eingeschlagener Hund zu Venya eilen, nicht nur sein Stolz hinderte ihndaran. Er eilte am Hafen vorbei und nahm den anderen Pfad, durchheruntergekommene Teile der Stadt.

SeineHast sorgte dafür, dass seine Lungen wieder schmerzten, kalterSchweiß lief über sein Gesicht herab.

Aberendlich...!


Erhatte die Stadtgrenze unbeschadet erreicht.

Jetztlag die Brücke vor ihm, der gepflasterte Weg dahinter führteder nach einer Gabelung zum östlichen Hain. Dieser war dicht undschattig und abgelegen genug für diejenigen, die unentdecktbleiben wollten. Ein guter Unterschlupf. Aber selbst vor diesem eherunwichtigen Übergang tummelten sich die Städter, einigeHändler verkauften gleich hinter den dicken Stadtmauern ihreWaren. Nur Schwachköpfe kauften außerhalb der Mauern ein.Billige Hehlerware war noch das Beste von den Angeboten. Handwerkerund Holzfäller marschierten zusammen mit dem Magusketzer zuihrer Arbeit und wurden unbehelligt gelassen. Doch verlangten sie wieimmer vor Arbeitsantritt an denselben Ständen ihre Getränkeund Mahlzeiten.


Hierund da willigte auch einer der Waldarbeiter in ein Geschäftanderer Art ein und beanspruchte die Dienste einer Dirne, die meistaus den verarmten Gemeinden östlich des Brückenübergangsstammte. Genau die richtige Gegend für ihn, denn die Hüterdes Ordens ließen sich hier im Brückenviertel eher seltenblicken.

Erstellte sich unauffällig neben einem Fischhändler, derdezente Gestank, den der Laden verbreitete, sorgte alleine dafür,dass er im Verborgenen blieb. Er versuchte, die Gegend in Ruhe zuüberschauen.

Ja,tatsächlich keine Spur von den Silbernen. Nicht ein Mann mehrBewachung bei dem Wachposten als üblich, vielleicht hatte erGlück, ausnahmsweise, die Gardisten des Provinznestes warenschon gar nicht für ihre Disziplin bekannt. Die meisten derWachen, die er von dem Steg aus sah, wirkten nicht weniger abgefüllt,als es an einem Feiertag üblich war.

Erwollte einfach nur heraus, notfalls mit Bestechung. Im Hain wuchsenwilde Obstbäume und zwei Tagesmärsche entfernt in RichtungSchwarzschilfsee gab es Gehöfte in der er mit einer passendenGeschichte, für einige Tage untertauchen könnte.

EineScheune zum Unterkriechen, ein paar Becher Bier, (zum Teufel mitseinen vorherigen Versprechen). Ein gutes Programm für dienächsten Tage und wenn er es geschafft hatte, nahm er sich vor,nie wieder ein Wort mit Venya zu wechseln. Er würde ebenfallsalles, was mit der Gemeinschaft gewesen war, aus seinem Verstandverdrängen.

Erversuchte, möglichst unbemerkt hinter eine Gruppe vonTagelöhnern zu gelangen. Sie liefen in Lumpen und stanken vonden vielen Tagen harter Arbeit, an denen kein Tropfen Wasser zumWaschen zur Verfügung stand und es auch sonst kein Bedarf dafürgab.

DasUntertauchen gestaltete sich nicht einfach, wenn man der einzige fastNüchterne in einer Truppe war, der verkrampft probierte, normalzu wirken.

Aberer konnte darauf hoffen, dass man ihn in den Reihen der Tagelöhnerin Ruhe passieren ließ. Der Verfluchte zog die Kapuze dichtüber seinen Kopf, bis über die Augenbrauen und blickteaufgeregt von rechts nach links. Jeder Schritt auf der verschmutztenBrücke Richtung Tor verursachte Anstrengung. Hin und wiederschaute er hinter seine Schulter, für ihn interessierte sichkein Mensch. Die Posten stützten sich auf ihre Lanzen und döstenim hellen Sonnenschein, uninteressiert wie immer an solchen behäbigenTagen.

Mondavekannte keine Feinde, seit Langem keinen Krieg.

Füralle Vorübergehende um ihn herum war es ein üblicher Tag,nur er wirkte aufgeregt und konnte seinen Zustand kaum verbergen.Ungewollt schreckte er zurück, als man ihn höflichansprach. Erst dachte er hätte eine falsche Person auf sichaufmerksam gemacht, bis er einen Bekannten neben sich vorfand, dergegenüber, auf der anderen Straßenseite wohnte und ihnauf ein Getränk einlud. Der Kerl war in fröhlicher Stimmungund in Ausgeberlaune, ein seltener und jetzt ebenso unpassenderCharakterzug seiner Bekannten.

„Kommtmit es ist schöner Tag lasst uns einen heben, ich schulde Euchsowieso ein paar Kupfer.“

DerGesuchte machte ein paar Schritte zurück und setzte eine übelgelaunte Miene auf. Eine verflucht unpassende Situation für ihn.Er lehnte barsch ab und sorgte i für ein nachdenklichesStirnrunzeln seines Gegenübers, solch ein Betragen kannte manvon ihm nicht.

„Dannlass uns später treffen, stellst dich sonst doch nicht so an.“

Erbekam keine Antwort. Der Nachbar sah nur den Rücken und densonst so trinkfreudigen Bekannten weg eilen. Der Mann benahm sichäußerst seltsam heute.

DerKetzer ging vorwärts, hastiger, noch nervöser. Er hatte dieBrücke fast überquert und sah eine Anzahl von Tannen knapphinter einem Pfad. „Endlichgeschafft“,so dachte er, als plötzlich hinter der Ecke eines Verschlags derBrückenwacht, eine Gestalt auftauchte und sich ihm blitzschnellin den Weg stellte, viel zu flink, um auch nur im Ansatz reagieren zukönnen.

DerEntflohene schaute nur dumm aus der Wäsche.

DerMann hatte sich beim Verstecken nicht mal besondere Mühegegeben, sondern hatte nur die Rückwand der Kate aufgesucht undgeduldig gewartet, auf sein Glück gehofft - mit gutem Ergebnis.

Einenverzweifelten Versuch war die Sache noch wert. Der Gesuchte versuchtedie Person zu ignorieren und weiter zu gehen, sich entweder nachlinks oder rechts vorbeizudrängen. Er wurde wuchtig von demBannerträger zurückgestoßen und mit seinem Namenangesprochen; und ab da wusste der Verfolgte, dass es für ihnkeine Flucht mehr gab.

„NachEurem Vergehen werdet Ihr hier nicht einfach unbemerkthinausspazieren, Ihr glaubtet doch nicht wirklich an das Gelingen?“,fragte ihn die energische Stimme von Mestio, dem Bannerträgerdieser Provinz.

Dassdie Silbernen um einiges geübter waren im Aufspüren, hatteer gewusst, das sie hellsehen konnten, das war neu für ihn.

Sooder ähnlich, war es bereits vielen vor ihm ergangen.

DerGesuchte schaute auf das Gesicht des Paladin, dieser sah nicht jungaus aber seine harten Züge und eine Spur Traurigkeit machten ihnnoch älter als die verstrichenen Jahre vorherbestimmten. DerKetzer blickte den Bannerträger an und erkannte erneut, dass derBegriff Silberne Garde keine Übertreibung war. Die Gestaltsteckte in einer silbern glänzenden Plattenrüstung, selbstdas mächtige Zweihänderschwert war ganz bis auf dieSchneide aus Stahl, mit einer Silberlegierung überzogen. ZumTrotz dagegen trug der Offizier darüber eine Schwarze staubigeKutte, die von viel Bewegung und Reisen zeugte. Der Mut desVerfluchten, schon vorhin im Keller, veranlasste ihn total ergebenseine Kapuze vom Kopf zu streifen und hervor zu treten.

Finstereharte Augen schauten ihn an, doch die Stimme des Silbernen klangjetzt gütig, ja, fast eine Spur freundlich.

„Mestio,Bannerträger", stellte der Paladin sich vor.

„Hättetihr nicht augenblicklich die Flucht ergriffen, würde Euer Urteilmilder ausfallen, aber so habt ihr Euch als unmittelbare Gefahrbewiesen, ein Magusketzer mit Fluchtgedanken, den ich innerhalb derMauern nicht dulden kann.“

Odersonst wo,dachte der bereits Verurteilte traurig weiter.

Esist vorbeimit mir.

DieMenge um den armen Teufel stockte bei dem Wort Ketzer und betrachtetedie vermeintliche Bestie wie etwas, das aus einem Käfigentlaufen war. Ein missgestalteter, der Schaden über dieGemeinschaft brachte.

Einemildere Strafe, er konnte sich vorstellen, was der Bastard damitmeinte, lebenslange Gefangenschaft in einem Turm in Thetyr oderVerbannung auf eine Insel hinter dem Faulschlangenmeer, was aufdasselbe hinauslief.

DerBannerträger war nicht allein erschienen, fast unbemerkt schlosssich ein Kreis um den Verfluchten. Gestalten der Kirche, ebenfallsgekleidet in ihrem Silber wenn auch nicht so prächtig wie ihrAnführer, fassten den Ketzer zogen ihm Ketten über Arme undBeine und schleiften ihn emotionslos hinterher.

Wohatten sie sich nur versteckt, er war nicht so dumm oder unaufmerksamwie die meisten seiner Bekannten. Wie konnten nur Ordensleute insilbernen Rüstungen sich so gut verborgen halten?

Gleichgültigerduldete er seine Gefangennahme, sein Widerstand war gebrochen.


DerBannerträger führte ihn mit Abstand zum Marktplatz zurück,dort wo am Wochenende die beliebten Hinrichtungen stattfanden. DerAnführer wirkte übermäßig ausgezehrt, gebeugtbewegte er sich fort, der Gefangene hatte das Gefühl einen Greiszu beobachten, der von Minute zu Minute weiter alterte.

Ja,ein schwächliches Alterchen hatte ihn geschnappt, das war purerWahnsinn.

UndMestio war nur einer von vielen, der seine Pflicht erfüllte undnicht besonders aus seinem Amt hervortrat.

DerMagen des Gefangenen sackte spürbar ab, der Gedanke das dieserschlechte Tag nun mit seinem Tod enden sollte, ließ ihnschlottern.

BeiMagusketzern machte man eine Ausnahme und wartete nicht bis zumWochenende.

AmMittag hängten sie den Ketzer in Beisein von Zeugen der Kirchevor der Kathedrale zur heiligen Erlösung. Vom Gefangenen kamkeine Gemütsregung mehr, er hatte sich vollkommen aufgegeben.Der Bannerträger von Mondave schien durch sein bloßesAuftreten den zu Tode Verurteilten den Rest seines Lebensmuts zurauben. Er blieb über den Zeitraum der Vollstreckung anwesend,auf einer aufgebauten Tribüne betrachtete er ungerührt dasSchauspiel. Ein ganzer Haufen anderer Bürger, versammelte sichin Windeseile für die Vollstreckung des Urteils.

Wennein Magusketzer verurteilt wurde, wollte sich keiner deren Bestrafungentgehen lassen.

Essollte ein Spaß werden für die Zuschauer, aber der Mannblieb stumm, gestand nicht, flehte nicht, die Leute schauten gebanntmit offenen Mündern zu, als sich der Strick um den Hals legte.

Einezierliche Gestalt mischte sich unbeobachtet unter die Menge, sie wardünn leichtfüßig und trug unter einem abgetragenenReisemantel, eine graue Lederrüstung elfischen Ursprungs, diespitzzulaufenden Ohren verbarg die Elfin unter einer Kappe. Telineschaute aufmerksam zu, als ein Hebel sich löste und sich unterden Füßen des Ketzers eine Klappe öffnete, an Haltverloren stürze er und brach sich das Genick.

DerTod trat gnädig und schnell ein.

„Derhat ja, am Strick nicht mal gezuckt, wie öde!“, beschwertesich einer.

„Ja,der davor hat ‚ne bessere Vorstellung gebracht, Eintrittsolltet ihr für den Mist nicht verlangen.“ gab ihn einanderer Zuschauer recht. Weitere pfiffen den Henker aus, der nur mitden Achseln zuckte.

DieSpionin wunderte sich nicht mehr über die Verrohung der Städter,nur aus Spaß schnitt sie ihnen die Geldbeutel vom Gürtelab, stahl ihnen so einige Münzen und warf sie später alsDenkzettel in die Kloake. Es war eine Leichtigkeit tumbe Menschen zubestehlen. Die Menge buhte weiter als sie sich unbemerkt davonschlich. Ein verstecktes Pferd wartete auf einer Anhöhe nahe derStadtgrenze auf sie und die Spionin wollte keine Zeit vergeuden.


DieUnzufriedenheit breitete sich unter den Städtern aus, als mandie Leiche beseitigte, die Hinrichtung war keine große Sachegewesen.

„Schweigtalle, die Hinrichtung dient nicht eurer Belustigung.“ RiefMestio laut von der Tribüne der Menge zu.

Wenigspäter löste sich die Zuschauermenge murrend auf, keinerwagte es mehr zu protestieren.

Diesmalmit freundlicher Stimme gab Mestio Anweisung, den Toten rasch zuverbrennen und seine Asche abseits von den Stadtmauern auf einerLichtung zu vergraben. Es sollte kein Risiko eingegangen werden.Magiewirker konnten, wenn ihre Leiche intakt blieb, in seltenenFällen zurückkehren, so verbreitete es der Orden immerzuals Warnung für alle.

Jederder Magicka in sich trug musste nach seinem Tod zu Asche verbranntwerden, das war eine der wichtigsten Regeln, man brach sie nie,sofern man dem Orden diente.

Mestiorief nach einem Diener, der eilte herbei, als würde sein Lebendavon abhängen.

DerBeauftragte war ein Jüngling, dem man erst vor Kurzem den Rangeines Adepten zugewiesen hatte, die Anstellung bereitete ihn keineFreude.

DerJunge hielt immer die Luft an, wenn er mit diesem seltsamenfreudlosen Herrn zu tun hatte, und war umso mehr erleichtert, soferner für lange Zeit nicht von ihm hören oder Befehleempfangen musste.

„Schafftihn weg, ihr wisst, wie ihr mit den Überresten umzugehen habt.“

Ernickte beharrlich und suchte mit den Zügeln eines Pferdekarrensin der Hand und den Überresten des armen Teufels darauf dasWeite. Außerhalb der Mauern gab es extra für spezielleFälle das Krematorium.


DerBannerträger überschritt den nun leeren Marktplatz, nahm imbedächtigen Schritt die Holztreppe, die ihn bis vor das Portaldes größten Gebäudes der Stadt führte, dergewaltigen Kirche.

ImVorraum des Kirchenschiffs hatte er vor nachzudenken, die Fällevon magischen, Ereignissen häuften sich in letzter Zeit fürsein Empfinden zu oft.

‚Oft‘bedeutete in Wahrheit nur ein paar Mal im Jahr - es gab kleinereAngelegenheiten dieser Art wie in jeder anderen größerenStadt auch.

DieDreistigkeit der Flucht des letzten Ketzers, hatte ihn verunsichert.

Mestiostieß eine robuste Holztür auf, im Halbdunkel des Innerenhörte man umso deutlicher das Säuseln von Fürbittender Gläubigen. Weiter vorne war Licht entzündet aus einemHalbkreis von Kerzen, die einen grellen Widerschein zur Nordwandwarfen.

Ringsherumstanden aufgereiht die Büsten der größten Paladine,die in den letzten Jahrhunderten zügig den Glauben in dieProvinz gebracht hatten. Mestio blickte in ihre beharrlichensteinernen Gesichter, der Ort erfüllte ihn mit Stolz undAndacht.


DerBannerträger verschwand zum Gebet, in eine hintere Ecke, setztesich auf eine grobe Holzbank. Er blieb abgeschieden. Eine MengeLeute, die sich zuvor noch in seiner Gegenwart befunden hatten,atmeten erleichtert auf.





3

DasWetter wurde am jungen Abend schlecht. Eine graue Wolkendecke fegteüber die Ebene und brachte reichlich Wind und diesige Luft mitsich. Mondaves Straßen leerten sich, weil sich ein Gewitternäherte und die einzige Wache, die man entbehren konnte undeinsam auf dem Friedhof das frische Grab bewachte, fühlte sichunwohl in ihrer Haut.

DieBewachung, einer eingebuddelten Urne war blamabel, geradezuüberflüssig.

Erwar ein Pechvogel, hatte das falsche Zündholz beim Ziehengezogen.

Mansagte ihm, dass ein Magusketzer in der Grube beigesetzt war. DerSoldat, der Stadtwache, der sonst pflichtbewusst seiner Arbeitnachging, hielt sich selbst für verrückt, weil er an diesemTag nicht blaumachte. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dieseStandardprozedur nur bis zum frühen Morgen ertragen zu müssen.Das sind nun mal die Regeln, wurde ein Ketzer erwischt und beiaußerordentlichen Fällen gerichtet, so musste manwenigstens einen Tag und eine Nacht auf die Gebeine aufpassen. Mochtesich ein Geist aus dem Grab erheben, so musste man sofort Berichterstatten.

DerWächter war ein wenig verwirrt über diese Anweisungen,schließlich wusste keiner, wie man die zornige Erscheinungeines hingerichteten Ketzers bannen sollte.

Aberer glaubte, noch nie von einem Beigesetzten gehört zu haben, dersich jemals in seinem Grab regte. Der Orden würde solche Dingebestimmt ohne Umstände verbreiten. Er hielt es also für dieoberste Pflicht und gleichzeitig für dummen Aberglauben.

Nachdrei Stunden taten ihm die Beine weh, und da kein Zeuge ihnverpfeifen konnte, setzte er sich auf einen Grabstein, der bequemgenug aussah. Und stützte sich gegen seinen Speer, die Rüstungsaß unbequem und rieb die Schultern und andere Körperstellenwund.

Erfragte sich, warum zur Hölle er nicht einfach verschwindensollte.

Unddoch blieb er.

Erzog an den Ledergurten und löste seinen Brustharnisch, daraufhinkratzte sich die Stadtwache ausführlich den juckendenOberkörper, wenigstens gab es keine Zuschauer zu dieser Uhrzeit.

Nachweiteren Stunden interessierte es ihn ein Dreck, ob der Leichnam sichunter der Erde regen würde. Hauptsache die Nacht war fürihn schnell überstanden, ohne dass ihm die Augen zu fielen.

Nachdemsich wieder Zweifel bei ihm meldeten, begann, wie auf Befehl, einprasselnder Regenschauer den Boden zwischen den Grabdenkmälernaufzuweichen.

Tropfenfielen gleichmäßig auf seinen Helm, er seufzte und zogseinen Mantel um den Oberkörper.

Erfluchte knurrend über sein Pech, dann musste er niesen.

Alssich das Wetter ein bisschen besserte, lähmte ihn die Müdigkeitund seine Augen fielen zu, ohne dass er in der Lage war, sich dagegenzu wehren.

„Aufwachen,Tölpel!"

Spätin der Finsternis weckte ihn eine kehlige unfreundliche Stimme. DerMann war schlagartig wach und versuchte festzustellen, woher derKlang herkam, der ihn wachgerüttelt hatte. Diese Stimme desFremden raunte durch seinen Schädel, wie die Drohung einesDämons aus der Unterwelt.

Esjagte ihn Angst ein und das nicht wegen der nackten Dunkelheit, dieihm dicht umgab.

Erfühlte eine gefährliche Präsenz.

Erdrehte und wendete sich, aber da gab es keine Gestalt, er war völligallein.

„Ihrwerdet hier nicht mehr benötigt, verschwindet!“

Plötzlichmeldete sich mit wütender Sprechweise ein groß gewachsenerGreis aus nächster Nähe.

DerBewaffnete antwortete mit einem lang gezogenen Ausruf des Schreckens.

Erverspürte Beklemmung, doch der Tonfall kam nicht aus dem Grab,wie ihn sein schlaftrunkener Verstand einreden wollte, sondern voneiner verhüllten Erscheinung direkt vor ihm. Der Mann musstesich angeschlichen haben, lautlos wie ein Schatten. Dem Soldaten wares nicht möglich das Gesicht unter der Kopfbedeckung zu sehen,nur dunkle aufgeweckte Augen, die ihn gezielt anfunkelten,Pflichtgefühl meldete sich zurück und ausgerechnet jetzt,als er das am wenigsten gebrauchen konnte.

Ersprang auf und ging den Störenfried zwei Schritte entgegen,„Gebt Euch zu erkennen, sofort, ihr stört eine WacheMondaves beim Dienst!“

Seineeigenen Worte kamen ihn dumm vor.

„Schweigt!“,raunte es der Wache entgegen.

DerUnbekannte wollte nicht gehen und schüttelte den Kopf. Er zogseine Kapuze zurück, silbrig weißes Haar wie das krankeGefieder eines Raben, kam zum Vorschein, er hatte eine kalteausgeblichene Miene vom Alter stark gebeutelt. Vor allem die linkeHälfte seines Gesichtes war von Narben übersät, dazukamen noch schlecht verheilte Brandwunden hinzu, die den Kerl auchnicht schöner machten.

Überbleibselvon unzähligen Auseinandersetzungen, einige davon mit großenOpfern gewonnen. Der Mann wirkte vom Aussehen sehr vergreist. Dochdie Bewegungen, die von ihm ausgingen, waren die eines impulsivenRaubtiers. Er hob die Hand scheinbar zum Gruß gerichtet, aberder Ausdruck, der in seinem Gesicht lag, war hassgetränkt. Soviel Hass, wie man unmöglich, in einem einzigen Leben erlangenkonnte.

„Esist mir egal, welche Pflicht ihr zu haben glaubt oder wen ich störe,ich muss einen Bekannten besuchen und ihr seid mir dabei im Weg.“

Zuspät erkannte der Soldat, dass Magie im Spiel war.

EinSpruch wurde gewirkt.

DerWeißhaarige Übermittelte ihm einige düstere Bilder,sie geisterten nur verkürzt durch den Kopf der Wache, genügtenaber um ihn komplett auszuschalten.

Eswar der pure Schrecken, den der Alte für diesen Fall ausgesuchthatte, zu viel, für eine einzige jämmerliche Gestalt, umbei Bewusstsein zu bleiben.

Nureine dürftige Demonstration der Kräfte des Magiers, einedunkle Gabe, kaum eine Mühe für ihn, unbesonnene Menschenkostete es dagegen fast den Verstand. Der Gardist brach auf derStelle zusammen, Sein Lanzenschaft mit dem schweren bleiernenEndstück sauste knapp nach dem Fall auf den eigenen Schädelzu und schlug mit Wucht auf. Er würde viel später mit einerordentlichen Beule auf den Kopf erwachen, mit schlechter Laune und,zum Glück für ihn ohne Erinnerung an die Begegnung.

DerMagier berührte ihn kurz am Hals, fühlte nach dem Puls undstellte fest, dass er sich nicht geirrt hatte. Das Blut zirkuliertenach wie vor, die Atmung blieb flach, viel Sorge um das Leben einesEinzelnen hatte er jedoch nicht.

Esging nur, um den Plan und alle Möglichkeiten eines Scheiterns zuverhindern.

Ernäherte sich dem gesuchten Grab, einer einfachen Aufschüttungohne Erkennungszeichen, der Besucher wusste allerdings genau, werdort einen guten Meter unter der Oberfläche lag.

„ArmesSchwein, reicht wohl nicht mehr dazu ein Held zu werden.“

Ermachte eine kurze Pause und spie auf den Erdhügel aus, Respektfür den Kerl konnte der Magier nicht empfinden.

Einemagische Geste folgte, die verhüllte Gestalt umschloss beideHände und zog sie dann ruckartig auseinander. Der Hügel vorihm riss sogleich entzwei und zeigte seinen Inhalt.

DieUrne, die darin lag, wurde nun nass von Nieselregen.

Erhatte Glück, die Seele war noch vorhanden, er wusste, dass diesoft der Fall war, wenn Menschen abrupt aus den Leben gerissen wurden.

Danntrennten sich Körper und Geist nur mühsam voneinander.

Fürdas Ritual benötigte man nicht viel Zeit und es beanspruchtekeine Mühe.

Erberührte den halb verrostete Urne und verschloss das Grab aufgleiche Weise, wie er es geöffnet hatte.

Umein Leben zu stehlen, brauchte der Magier kaum etwas Verbliebenes vonder Person.

Nachdemer fertig war, entfernte er sich vom Friedhof, bemerkte dieäußerliche Änderung an sich und war zufrieden.

Nunbrauchte er nur noch neue Kleidung.



4

Diefreie Stadt Mondave wurde vor Jahrhunderten von ihren Vorfahren nichtunweit der Mündung eines langen Flusses vorgefunden. Sie hattendie Metropole nicht selbst erbaut, das Wissen für den Bau derriesigen Mauern fehlte noch in diesen Tagen.

Jeweiter man dem Lauf des Dyfro folgte, desto eher ging er in dieBreite und Tiefe und schlängelte sich im Zickzack wie eineeingegrabene Wüstenschlange.

Nacheinigen Kilometern mündete eine Biegung von ihm im Meer, eineweitere verlief geradeaus weiter. Zur linken Seite hatten sich in denletzten Jahrhunderten mehrere Dörfer an dem Ufer angesiedelt,die das ganze Frühjahr bis zum Sommer nur damit beschäftigtschienen, ihn leer zu fischen und immer noch von ihm lebten.

Siebefolgten ihre eigenen Gesetze und sprachen ihr eigens Recht, wasnicht für jeden ein Vorteil darstellte.

DieFlussleute kamen mühelos durch den Winter und nutzten dieAbgeschiedenheit ihrer kleinen Ortschaften aus, indem sie den meistenÄrger fern blieben. Aber auch unter ihnen gab es Menschen, diesich von heute auf Morgen zu Magiewirkern verwandelten. Es konntejeden treffen, vom einfachen Fallensteller bis hin zum Dorfvorsteher,und egal, um wen es sich handelte, war das Recht immer unerbittlich.

DieDörfler kümmerten sich meist selbst um ihreAngelegenheiten. Sie trafen Beschlüsse in einem Rat der Ältestenund der, der das Pech hatte als Ketzer verurteilt zu werden, wurdemeist verbannt. Die Ausstoßung aus der Dorfgemeinde bedeutedamit den Tod der betreffenden Person, das Verhungern im Winter oderähnliches Schlimmes waren die Folgen.



Dievon Strömen und Flüssen durchzogene Ebene war das Grenzgebiet der Kernlande, die weiter im zivilisierten Norden diezwanzig freien Städte beherbergten. Darunter eine nicht mindereAnzahl an Räubern und anderen Halsabschneidern, wie fast überallauf dem Festland.

Ebenfallsfremde Völker siedelten in den Kernländern, des Handelswegen. Dieser florierte ungestört und meist frei von Zöllenund ohne Beschränkungen für die Parteien. Selbst Thärdenlebten in diesem Teil des Festlandes, allerdings nicht zu weit vonihrer Heimat entfernt, man mochte sie nicht allzu sehr, wenn es überdas geschäftliche hinausging.

Undsämtliche Bürger der freien Städte wären sofortbereit, sich gegen sie in einem Bündnis zusammenzuschließen.Jedes Kind wusste noch, was geschehen war, als die Rikeh-Jar dieUnabhängigkeit der zwanzig Städte ausgerufen hatten dieUnabhängigkeit der zwanzig Städte ausgerufen hatten.

DasSöldnerheer, das einst aus der östlichen Steppe gereistwar und gegen eine erhebliche Menge Goldes ein gemeinsames Bündnisgegen die Übermacht der Thärden und ihre Machtbestrebungendarstellte.

Diefolgenden Kriege zogen Jahrzehnte des Todes unendlich vieler nachsich. Vor allem das Steppenvolk verlor viele seiner berühmtenReiter und erst vor einer Dekade endete der Konflikt.

DieRikeh-Jar wanderten in einer langen Kolonne zurück in dieSteppe; man hörte nie wieder etwas von ihnen.

Diefreien Städte dagegen, blühten in ihrer Unabhängigkeiterheblich auf.

Gingdie Reise voran, gelangte man auf eine offene Ebene und der Dyfro,der längste Fluss des Festlandes, ebbte in einer morastigen Zoneab. Weiter südöstlich, parallel zum Meer erstreckte sicheine baumlose umfangreiche Landschaft, wilder Weizen wuchs, einegroße Anzahl nicht domestizierter Pferdeherden galoppierteungestört über die Gräser unter einem grenzenlosblauen Himmel.

DieMenschen waren nicht zahlreich, es gab nur wenig Einkommen und manwagte nicht die Bergketten im äußersten Osten zuüberqueren, um vielleicht doch noch tiefe fruchtbare Wälderzu finden. Die Missionare Thetyrs hatten behauptet, dass das Landnicht den Gläubigen der Kirche gehöre. Die Landbevölkerunggab diese Idee auf eine Expedition zu organisieren.

Voreiner dieser wenigen Ortschaften von geringer Größe, voreinen Sumpf, aus dem es Tag und Nacht über stank, standen zweiSchweinebauern, die angestrengt eine auf dem Untergrund liegendeGestalt betrachteten.

EinUnbekannter, eingewickelt in seinen Mantel, der sich in Braun nurgering von der Färbung des schlammigen Bodens abhob, bliebregungslos liegen. Es musste eine harte Nacht für ihn gewesensein.

Ausdem Moor hörte man lautes Quaken und andere aufgeregteGeräusche. Eine unangenehme Gegend, kaum ein Fremder wollte dahineingehen, geschweige denn, dass einer von den wenigen Verrücktenwieder herauskam.

Korren,der Beleibtere von den beiden und der, der den Reisenden gefundenhatte, stellte Mutmaßungen an:

„Derbewegt sich nicht mehr, vielleicht ist er tot umgefallen, dieViecher, die im Morast hausen, können einen ja, schon durcheinen Biss umhauen, hab ich gehört.“

DieserMorast hieß bei den Einheimischen nur der Moderschlund. Obwohlmit einigen Bohlenwegen versehen, war die Durchquerung nicht angenehmund überhaupt kein Spaziergang.

Darrenbetrachtete seinen Begleiter ungläubig, Duredest von Gift, wer hat dir denn erzählt, dass ein paar Biestermit giftigem Speichel einen ausgewachsenen Menschen in den Bodenrammen können.“


Seindicklicher Freund setzte eine Miene auf, die verriet, dass er bereitwar, zu einem längeren Vortrag auszuholen. Im Anschluss daranschaute er wieder auf den im Schlamm Liegenden und berichtete bloß,dass der alte Großbauer, dessen Hof hier ganz in der Nähehinter einer Biegung stand, ihm einst eine solche Geschichte erzählthatte.

Ratten,so groß wie Hunde, lähmten übermütige Reisendeund verspeisten diese anschließend.

Aberselbst er, der neben dem Sumpf lebte, hielt sich trotzdem möglichstfern von ihm, und falls es dann doch einen Grund für eine Reisegab, umging man ihn weiträumig. Sogar wenn eines der Kinder derörtlichen Nachbarn in ihm verloren ging, suchte man nur am Randder Schlammgrube und beließ immer den Blick, in Richtung derden letzten Hütten, damit man nicht Gefahr lief, sich zuverlaufen.

Indas unsichere Labyrinth aus schwankendem Untergrund und knorrigen,dichten Sumpfpflanzen, das die Sicht auf wenige Meter beschränkte,traute man sich nur hinein, wenn man einen wirklich guten Grundhatte. Trotzdem wollte Korren nicht jeden Mist, den man ihmauftischte, glauben.

„Soein Quatsch von diesem Säufer. Der hier schläft ganzeinfach seinen Rausch aus, denk ich.“ meinte Darren undprovozierte so beinahe einen Streit mit seinem sturen Freund.

„Wersollte bloß so dämlich sein und sein Lager ausgerechnethinter diesem widerlichen Drecksloch aufschlagen? Ich weißnicht, was genau mit dem da geschehen ist, aber auf jeden Fall ist er hinüber.“

SeinBlick fiel nun auf einen zugeschnürten Beutel neben dem Fremdenund sein noch angezogenes Paar Stiefel, die brauchbar wirkten.Vernünftiges, kaum abgenutztes Leder, das konnte man sehen. DerWicht war zu Lebzeiten kein armes Schwein gewesen oder hattezumindest einmal Geld an der richtigen Stelle ausgegeben.

Korrenbetrachtete dagegen seine eigenen Füße, die verschmutzt inkeinem Paar Stiefeln steckten. Die braucht man nicht in einem Stall,seinem üblichen Arbeitsplatz. Aber man dürfte ihn zu jedemAnlass einen Dummkopf nennen, wenn er nicht die Gelegenheit ausnützenwürde.

Jedochwollte Darren auf Nummer sicher gehen. Er schritt skeptischen Blickeszu einem Busch am Wegesrand, brach einen Ast ab und überreichteihn seinem Freund, der ergriff ihn entschlossen und wusste genau, waser mit dem Stock anstellen sollte.

„Wennder Kerl, sich nur einen Handbreit bewegt, dann schwöre ich dir,bin ich weg. Das ist mir einfach zu eigenartig.“

„Machdu nur, was du für richtig hältst“, brummte der Dicke zurück.

„Ichfür meinen Fall erkenne, sobald mir etwas in den Schoss fällt.“

Erging näher zu dem Liegenden, wog bereits ab, ob ihm dasSchuhwerk passen würde, ein bisschen zu klein waren sie schonauf den ersten Blick, aber egal. Er überlegte sofort, was erdagegen bei Bekannten eintauschen könnte. Hier draußen beiden Gehöften musste man einfallsreich sein, um über dieRunden zu kommen. Sein Gemüt war auf nichts andereseingestellt.
Seinem Freund reichte es jedenfalls. Er schnapptesich den Beutel, der mit einer Schnur verschlossen war; Neugierdehatte ihn gepackt. Korren drehte sich zu der Beute um und entriss sieden schmalen schwieligen Händen. Sofort war die Kordelabgewickelt, er schaute hinein und erschrak, ein Schwall von Gestankschlug ihm entgegen.

„Widerlich,tote Mistviecher liegen darin.“

Erließ seinen Fang schneller fallen, als Darren registrierte, ihnverloren zu haben.

„Wasfür ein kranker Kerl ist das? Geht in den Sumpf und zerhacktdiese fetten Giftratten.“

„Ichhab dir doch gesagt, dass es sie hier draußen gibt“, gaber besserwisserisch zu verstehen.

Erignorierte das vom Ekel verzogene Gesicht seines Freundes und nähertesich bewaffnet mit einem Stock der eingerollten Gestalt, angespanntund verharrend.

EinenWimpernschlag später packte eine Hand den Ast, brach ihn in derMitte ab und schleuderte das unnütze Ende davon; es hättenicht einmal als Ersatz für einen Knüppel hergehalten.

DerFremde war aufgestanden, ein junger Mann mit fremdländischemAussehen, rotem Haar und grünen stechenden Augen, die von dereinen zur anderen Sekunde ihre Wut verloren. Ein seltsamer Typ mitgenug Muskeln, um sie alle ohne Probleme unbewaffnet zu verdreschen.



Instinktivwichen die beiden Siedler zurück, schauten sich gegenseitigverdutzt an und sprachen kein einziges Wort mehr.

Fürdiese mögliche Wendung hatten sie sich keinen Planzurechtgelegt.



„Washattet ihr vor, ich kenne zwar nur wenige der Menschen die hier lebenaber, dass man in dieser Wildnis nicht mal übernachten könne,ohne ausgeraubt zu werden, hätte ich mir nicht vorgestellt.“

Vonbeiden kam fast gleichzeitig ein verdutztes „Äh?!“und dann noch ein als Frage Gestelltes:

„Wir?!“

Korrenschaute ihn sich genauer an. Es sah so aus, als brachte der Fremdeeine weite mühselige Reise hinter sich, mit dem letztenAbschnitt quer durch den Sumpf. Der Unbekannte hatte dreckverkrusteteKleidung an, unter dem Mantel kleidete er sich mit einem Wamseinschließlich beschlagener Nieten. Eine solide Arbeit ausbesserem Leder verziert mit Silber. Er trug aber dafür keineWaffen am Gürtel. Der Bauer musterte ihn so unhöflich, dasser eine barsche Antwort erhielt.

„Binich etwa ein dressierter Oger?

Diebeiden verneinten, „Dann glotzt mich gefälligst auch nichtso an. Verstanden?!“

DerRothaarige machte sich daran seine Habe zu packen, nahm den Beutelentgegen, verschnürte ihn wieder sorgfältig und warf ihnsich über den Rücken.

EineFrage konnte sich der Schmale unter den Schweinehütern nichtverkneifen:

„Wiesotragt ihr die toten Dinger mit Euch mit?“

Erklang zaghaft und doch neugierig. Coldwyn, der schnell und grußlosan den beiden vorbei gelaufen war, wandte sich um.

„Dasgehört zu meinem Beruf“, meinte er schlicht dazu und gingweiter einen beengten Pfad entlang, der ins Grüne führte.

Alsowar er eine Art Kammerjäger, nur seltsam, dass er für seinGewerbe in die Wildnis ziehen musste. Erstaunliche Leute gab es dochim Siedlerland und es kamen immer wieder neue hinzu.



5

Dadurch,dass die beiden Bauern niemals in das verbotene Gebiet hinter denGehöften einen Fuß setzten, hätten sie nie im Zentrumdes durch Stege verbundenen Labyrinths das Götzenbild entdeckt.Das Bauwerk verbreitete einen grässlichen Anblick.

Mitseinen eingeschnitzten zackigen Zähen, einem großen Maulund kreisrunden tiefen Augen darüber, herausgearbeitet aus einemhalb versenkten Baumstamm, den Coldwyn damals eigens ausgesuchthatte, sah es furchterregend aus, war aber für alleUnbeteiligten äußerst harmlos und absolut nicht magisch.

Genaugenommen eine reine Tarnung, ein Übergabepunkt für dieGemeinschaft, für die Gesuchten des Ordens der Silbernen Garde.

Coldwynhatte den Pfahl selber geschnitzt und ihn so bösartig aussehenlassen, sodass er für alle Leute, die von Neugierde getriebenwaren und diesen fanden, äußerst abschreckend wirkte unddiese zur Umkehr bewegte.

Imweiträumigen Maul befand sich eine Ausbuchtung. Das war zwarkeine einfallsreiche Idee für ein Versteck, jedoch bei dieserLage brauchte sich sein Kontaktmann kaum Mühe für einenbesseren Ort geben.

Zwischenden Fangzähnen lag zu abgesprochenen Zeiten ein Pergament oderein Blatt Papier, auf dem der Ort und der Zeitpunkt des nächstenTreffens standen, verschlüsselt und einfach dechiffriert. Aberder Verfasser glaubte nicht, dass dieses Verschleiern wirklichnotwendig war.


Eswar so oft passiert, er hatte aufgehört zu zählen. Klopftees während der Nacht bei ihm an der Tür, drei Mal lang,wusste er, dass er so zügig wie möglich diesen Orterreichen musste. Pochte es mehr als drei Mal war es dringend, dannging es um Leben oder Tod. Vorletzten Abend hatte es wie wahnsinniggegen seine Tür gehämmert, ein Zeichen, das er nicht einenAugenblick verweilen durfte. Er hatte sich das schnellste Pferd auseinem Mietstall genommen und war geritten wie der Teufel persönlich.Seitdem hatte ihn das Pech verfolgt. Mit müden Knochen hatte ervergangene Nacht das Schreiben aus dem Götzenmaul gezogen, nurum zu erkennen, dass der nächste Treffpunkt ausgerechnet dasHeim seines Kontaktmannes war. Wie unvorsichtig, wie dumm von ihm. Erhatte am frühen Morgen die Angelegenheit mit den Rattenabgewickelt und war außerhalb des Moores einfach vor lauterMüdigkeit umgefallen.



Zusammengekauerthatte er sich einen Platz gesucht, den er für abgeschiedenhielt.

Nunwusste er, dass im Siedlerland keiner ungestört im Freien rastensollte, der nach ein paar Münzen in der Börse aussah.

Einwirklich hässliches Flecken Erde hatte sich Roderik da zu seinemZuhause gemacht und die Meinung von Coldwyn über die Gegendwürde sich nicht bessern.



DasGehöft nach der Kreuzung, konnte man nur als nahezu völligzerfallen bezeichnen und das war noch freundlich ausgedrückt.Fleißige Menschen wohnten nicht auf dem Gut, urteilte derMagier geringschätzig, wie es hinter einer Flut von Obstbäumenanmutete. Er öffnete das Tor zu einem wackeligen Holzzaun, eswar unverschlossen. Sein Blick fiel auf eine windschiefe Scheune,einige Beete sowie eine Hütte, die so schäbig aussah, alswürde sie jeden Moment in sich zusammenfallen. Der Besitzerkonnte damit vielleicht durch den Winter kommen, dachte sich derMagier und ging zu einem Apfelbaum, der selbst im Spätsommernoch nicht abgeerntet war. Er nahm sich eine Frucht, biss hinein,verzog das Gesicht vor Ekel und schmiss sie weg. Eine weitere wollteer nicht probieren.

Coldwynkam zum Schluss, das Roderik nicht weit in die Zukunft plante. Wenner denn überhaupt Pläne für sein Überlebenschmiedete.

Auseinem Verschlag in der Nähe von Roderiks Unterkunft buddeltesich ein großer Hund durch eine schmale Öffnung, dieserrannte laut bellend auf den Besucher zu, stoppte kurz vor ihm undbesann sich lieber dazu den Bekannten aufgeregt und freudig zubegrüßen, statt ihn anzuknurren. Der Magier tätscheltedem Mischling, der locker zu einem Zugpferd glich, den riesigen Kopf.

Danachging er dann voran zu einem Platz, auf dem eine Menge Holzstämmeaufgeschichtet herumlagen. Roderik hackte bereits jetzt Holz fürden kommenden Winter, so sah es wenigstens aus und der lag noch inweiter Ferne. Kein Wunder, dass der kauzige Bauer als hoffnungsloserSpinner abgestempelt galt.

OK,er arbeitet also doch, obwohl er ziellos wirkt.

DerFarmer schien seinen Besuch nicht einmal zu beachten, selbst alsColdwyn näher herankam und ihn eher kleinlaut grüßte.



Schweißrann dem Alten von Stirn und Oberkörper, er war ganz inzerschlissene Arbeitskleidung gehüllt und hatte wohl keine sokurzzeitige Störung erwartet, oder keine erwarten wollen.

Coldwynbegrüßte den Bekannten mit einem lauten Ruf. War der Mannetwa taub geworden?

Ersthetzen sie mich hier her und dann will der Bursche mich nicht malanschauen. Was ist bloß los mit ihm?

DerMagier geriet kurz ins Grübeln.

Endlichdrehte sich Roderik um und wie nicht anders zu erwarten, schien derSiedler in einer miserablen Verfassung zu sein. Ein zotteligerschwarzer und ungepflegter Bart hing ihm bis auf die Brust, seineAugen funkelten mal skeptisch mal misstrauisch-ängstlich. Erwirkte so, als hätte sich seit Langem kein Mensch mehr bei ihmblicken lassen und er sich auch bei ihnen nicht.

Armeralter Kauz.

„Wiesteht´s um Euch“, fragte der Magier freundlich undscheinbar blind für das Offensichtliche.

„Sowie immer“, brummte Roderik lügend. Er legte Holzscheiteaufeinander, wischte sich Hände, Gesicht und Oberkörper aneinem dreckigen Lappen ab und zeigte auf den Beutel überColdwyns Schulter.

„Wassoll'n das sein? Bringst doch sonst auch keine Geschenke mit.“

„Tarnung.Ihr habt mich beauftragt, diese übergroßen Ratten, die inder Nähe zu eurem Grund und Boden zu töten. Natürlicherzähl ich‘s nur jemanden, wenn er fragen sollte. ÜbrigensIhr lebt unter der widerlichsten Nachbarschaft, die mir jeuntergekommen ist.“

DieAntwort war nur ein uninteressiertes Brummen als Bestätigung.

DerAlte verscheuchte seinen Hund mit einem Fußtritt und beäugtesein Tagwerk.

Erstdanach schaute er seinen Besucher böse an und meinte nur, ersolle die Kadaver wieder mitnehmen, auf eine Tarnung brauche er imSiedlerland nicht zu achten. „Hier kümmert sich eh nurjeder um seinen eigenen Kram, und falls jemand das Maul zu weitaufreißt, kriegt er eben ein paar drauf, so läuft dashier.“

Wiedumm ließ ihn der Plan erscheinen, als wenn er sich selbstnicht um Ungeziefer kümmern könne, die Idee war lachhaft.

DerSiedler hatte wirklich nicht die beste Laune an diesem Tag, wieColdwyn feststellen musste. Trotzdem wurde er hineingebeten. Roderiknahm aus seiner Tasche einen Schlüssel und öffnete die Türzu seiner Hütte. Scheinbar war das Schloss sein teuerster Besitzund das hatte seine Gründe.


DerAnblick überraschte den Magier - magische Artefakte, achtlos indie Ecke auf Regale gestellt, zahlreiche staubige Bücher überdas Wirken von alten Zaubersprüchen, Tränken und Ähnlichem.Die Symptome und Geschichten einer Krankheit, aufgereiht undgeordnet, ein unheimlich großer Vorrat an selbst gezogenenKerzen. Der Zauberwirker musste sich unzählige Nächte umdie Ohren schlagen, die er nur damit verbrachte den Fluch, unter demer litt, zu ergründen. Leider mit schlechtem Ergebnis füralle Beteiligten, ein Heilmittel für diese Plage gab es bishernicht.

DieGründe für das Studium erschienen auf den ersten Blickbegreiflich, denn die Folgen der Verwünschung waren klarerkennbar. Coldwyn sah auf Arbeitsgeräte, die verbogen undentstellt vor ihm standen. Holz hatte sich wirr verdreht, einmetallischer Pflug, eine sehr teure Anschaffung, war in sämtlicheRichtungen verzerrt und gestaucht und unbrauchbar für jede Artvon Arbeit. Sein Bekannter hatte die vermeintliche Gabe Gegenstände,die er berührte, mit denen er sich umgab, zu zerstören. Siezerfielen unter seiner Berührung zu Staub oder wurden in eineandere Form verwandelt. Fähigkeit konnte man das nicht nennen.Roderik war wirklich, wie es die Kirche von Thetyr sagte, verdammt.Ob weitere Menschen unter dem gleichen Fluch litten, wussten siebeide nicht. Der Ketzer lebte so zurückgezogen, wie es nur ging.

Gelassensetzte sich der Magier vor eine Tafel hin. Ihm wurde ein Becher Milchaufgetischt, den er dankend entgegen nahm. Sehr großzügigvom Gastgeber, der nur noch eine Kuh besaß, die keinen gutenEindruck mehr machte, kränklich und alt konnte sie jeden Momenttot umfallen.

DerMann brauchte unbedingt Hilfe für den Fall, dass sein Hof nichtin den nächsten Jahren komplett verkommen sollte. Er lehnte aberungeachtet aller Nöte die Angebote ab, die von Venya kamen. Wennsie ihn auf Unterstützung ansprach, stellte er sich stur.

Venya,die Anführerin der Gemeinschaft, die viele , die sich demVerstoß der Magiewirkung ausgesetzt hatten, aufnahm, meinte eswie immer nur gut.

Coldwynvermutete Stolz hinter der Unfähigkeit Hilfe anzunehmen.



„Eserscheint und geht, wie es will, und in letzter Zeit wird es immerschlimmer, ich komme kaum noch dazu, das Land zu bestellen.Vielleicht wäre es besser, wenn ich fortziehe? Wohin denn? Neinnicht mit mir.“
Roderik hatte mehr zu sich selbstgesprochen, doch nickte der Magier und platzte gleich darauf miteiner schlechten Nachricht heraus.

„Mirwurde auf dem Weg hier her aufgelauert, im Schwarzrabenhain, einkleiner Trupp Kleriker hat mich aus dem Nichts angefallen undhartnäckig waren sie. Erschossen das Pferd und beinah mich auch,dann kam es zum Kampf. Ich konnte gerade so fliehen und sie vor derGrenze abschütteln.“

„Hättestdu so etwas nicht früher bemerken und sie einfach tötenkönnen?“, Roderik spielte auf die Kräfte des Magiersan.

„Wassollte ich tun, sie alle umbringen und damit eine noch größereSpur hinterlassen? Ich habe, glaube ich, ein oder zwei erwischt, dasmuss genügen für Eure Blutgier.“ Sein Gegenübernickte stumm und verstand erst richtig durch die folgende Erklärung.

„Siehätten den Verlust schnell bemerkt und vielleicht Truppen bis zuEuch ausgeschickt. Das Risiko war zu groß und ich denke, ichhabe den Orden in die falsche Richtung gelockt.“

„Woentdeckten sie Eure Fährte zuerst?“

Derjunge Magier überlegte gezielt.

„KeineAhnung wo genau! Wir sollten, uns lieber fragen, wie sie in denKernländern so schnell Wind von mir bekommen konnten. Es wird inletzter Zeit immer gefährlicher für uns alle.“

„Dasklingt überhaupt nicht gut, aber das, was ich Euch zu berichtenhabe, ist weitaus bedeutender als das groß angelegte Vorgehendes Ordens.

Roderiksetzte sich zu ihm, und während der Magier einen weiterenSchluck Milch nahm, erzählte der Magusketzer dem Magier von demeigentlichen, wichtigen Thema des Treffens, das äußerstschwer auszumachen war.

„Venyaglaubt, der Frau endlich nahe zu sein: Ornethas Blut, ein erhoffterAbkömmling.“

„VerdammterDreck.“

Coldwynstellte sein Glas ab und fluchte deswegen laut auf, weil er vorSchreck Milch verschüttete.

„Wirsind deswegen in größerer Gefahr, als jemals zuvor, fallssie richtig liegt.“

DerBesucher schaute verblüfft durch den Raum, genau auf dasunrasierte Gesicht von Roderik. Eine unerwartete Wendung.

„Ihrmüsst zu unserer Vorsteherin, wenn uns einer helfen kann, dannseid ihr das.“

DerEinsiedler meinte es ernst, er erzählte seinem Freund von einerAngelegenheit, die alles betraf, was ihnen wichtig erschien.

„Siesucht mehr als zwanzig Jahre, ich hätte nie geglaubt, dass es soweit kommen würde. Hat sie die Frau schon gefunden, kennen siesich bereits?“, fragte Coldwyn voller Neugier.

SeinGegenüber schüttelte den Kopf und schaute den Magier ernstan.

„Nein,aber sie hat sich mit mir vor einer Woche im Versteck im Waldgetroffen. Sie ist davon überzeugt, sie in den nächstenTagen aufzufinden. Sie hat mir von Visionen erzählt. Ihr wisstja, dass sie eine hellseherische Gabe hat. Vor vielen Jahren, alsjunge Frau, war sie eine geachtete Seherin dort, wo die Kirche erstspät Einfluss errang. "

Dasmuss fast vor einem Jahrhundert gewesen sein, wenn Venya damals nochtaufrisch war“,dachte Coldwyn böse und stellte gleich darauf die nächsteFrage.

Woist sie jetzt überhaupt? Am Pass?“

„Siemusste ihr Lager splitten. Sie ist mit einem Teil der Gemeinde demDyfro südlich gefolgt, in der Nähe der Berge, westlich vonder Burg Sturmfels. An den Rand der Kernländer, wo die Kircheschwach ist.“

Aberwo es auch nicht ungefährlicher ist als hier. Lauteteder Gedanke des Zauberers und er sprach seine Zweifel laut aus.

„Machtsie sich damit nicht noch mehr Ärger? Ich kenne die Gegend dort,die Menschen, die nicht unter der Obhut von Thetyr stehen, könnenmanchmal noch barbarischer sein, wenn sie der Magie kundig sind, vonder so viel Schaden ausgehen kann. Sie dürfen niemals denKontakt mit den Leuten von Sturmfels aufnehmen.“

„Ja,da hast du Recht, aber die Bewohner wagen es nicht zu weit in dieWälder zu ziehen. Sie glauben an einen Fluch, der über denBäumen liegt. Vereinzelt kann Aberglaube auch nützlich seinund die Kleriker trifft man in den Bergen nur spärlich an. Dasind kaum neue Schäfchen zu machen und die Menschen der Burgsind nicht gerade beliebt bei ihnen.“

Sieschwiegen einige Minuten lang und doch wusste der Magier bereits, waser erzählen und tun musste.“

„Ichmuss zu Venya, doch ich habe mein Pferd vor den Sümpfenverloren. Wir dürfen keine Zeit verlieren, die Frau brauchtjeden Schutz, der zu haben ist.“

„Wartebis zur Dämmerung, falls es um einen Gaul geht, kann ich sagen,wo du eins finden wirst. Es mag ein wenig gefährlich werden,aber das ist kaum etwas Neues für einen Meistermagier.“

„StecktEuch den Meistermagier dahin, wo ihr nichts verbiegen könnt.“

Wiederein bekanntes Brummen von seinem Kontaktmann, diesmal klang es einbisschen belustigt. Coldwyn stimmte zu. Sobald es um heikleAngelegenheiten ging, war er nicht gerade zimperlich, aber auch nichtdumm. Er würde überlegt vorgehen oder sich das jedenfallseinreden.

„EineSache, guter Freund, hast du Wasser für mich übrig? Ichkönnte einiges davon für ein Bad vertragen.“

Roderikschaute auf einen großen rostigen Kessel und auf einen nochgrößeren Bottich, der ihm als Wanne diente. Man musste daskostbare Nass nur aus den Brunnen befördern und dann gutabkochen; ein hartes Stück Arbeit, aber nötig nach einerRast in der Nähe des Sumpfes. Coldwyn stank schlimmer alsRoderiks Köter.









6

Inder Abenddämmerung, als die grauen Wolken am Himmel nicht mehrsichtbar waren und aus den übrigen Hütten der Schein vonKerzen die heranrückende Nacht begrüßte,verabschiedete sich der Magier mit knappen Worten. Sein Gastgeberbrummte zurück und wünschte damit viel Erfolg. Der Zaubererschlug die Tür hinter sich zu mit dem Wissen, dass seinBekannter mit dem Kopf voran bald unter einem Berg von Foliantenverschwand.

DerFremde inmitten der Siedler legte seinen geliehenen Mantel an. Erbenötigte ihn jetzt eigentlich nicht, die Nächte waren warmgenug. Aber Coldwyn dachte weiter, er wollte seine Kleidung zum Teilwechseln, damit eine mögliche Beschreibung seines Äußerenihn nicht vorschnell in Schwierigkeiten brachte. Pferdediebstahl,egal wo in den Kernlanden, bestrafte man mit dem Strick und noch mehrÄrger konnte er sich kaum leisten.

Roderikschloss ein wenig später das Tor zu seinem Gut ab und schautedabei in die Nacht hinaus. Ob ihn nicht doch jemand mit dem Besucherzusammen beobachtet hatte? Er wurde auf seine alten Tage ein bisschenparanoid, allerdings auch nur, weil er stetig aus Erfahrung lernte.

Coldwynhatte noch ein gutes Stück Weg vor sich. Er folgte einem Pfad,der ihn auf eine Brücke führte und einen schmalen Bachüberbrückte. Bei der Überquerung knarrten die Dielen.Er gelangte auf einen gepflasterten Weg. Die wohlhabenden der Bauernwohnten hier weiter weg vom Gestank des Moors und seinem Unheil.Roderik hatte ihm die Adresse eines Pächters genannt, der überStälle verfügte - und schnelle Pferde. Nach der Aussage desEinsiedlers wurden diese sorgfältig bewacht. Der Reisende hättesich umdrehen sollen, ebenfalls hätte er sich vergewissernmüssen, ob ihn jemand verfolgte. Er tat es nicht. SämtlicheJäger war er vor Meilen, seiner Überzeugung nach,losgeworden.

Manchmalhalf es, misstrauisch zu sein.

Hierund da hörte er ein Rascheln im Unterholz, aber keine Schrittekeine Stimmen und erst recht sah er kein verhasstes Silber, das seineFeinde bereits aus der Ferne ausmachte.

Sowichtig und bekannt durfte er nicht für den Orden sein, dass sieihm bis in den Sumpf folgten. Er verschwand hinter einer Reihe Ulmenan der Wegkreuzung und konnte an dem Folgenden nichts mehr ändern.

Wasgeschah, war Pech, ein paar Atemzüge früher und ihn hättees ebenso erwischen können, einige Minuten später und ihmwäre das schlimmste erspart geblieben, wäre… hätte.

Espochte heftig gegen die Tür des einsamen Bauern.

DerBesitzer versuchte es wie immer zuvor, einfach zu ignorieren, hatteaber bei dieser Angelegenheit ein wirklich übles Gefühl inder Magengegend.

Unddieses Mal war der Druck im Wanst berechtigt.

Esklopfte weiter lautstark und Roderik öffnete erst spät, alser sicher sein konnte, dass kein Nachbar ihn stören wollte. SeinUnbehagen sollte seine schlimmsten Ahnungen übertreffen.

Einegeballte Faust auf seiner Nase begrüßte ihn, er war totalerschrocken und fiel ungebremst zu Boden.

Gleichzeitigstürzte sein ponygroßer Mischling durch den geöffnetenTürspalt hinaus und flüchtete. Roderik hatte noch nie zuvoreinen solchen Fall von Feigheit erlebt.

Unddu Köter willst dich Wachhund nennen.

„Dastaunst du, dein Freund hat uns nicht abhängen können under ist später genauso dran wie du.“

Roderikfing sich rasch. Er schaute die drei Angreifer direkt an. Siegehörten zum einfachen Fußvolk des Ordens undunterschieden sich durch ihre Abzeichen von Räubern undWegelagerern, nicht aber durch ihr Benehmen.

„Wersoll mein Freund sein zum Teufel noch mal, außerdem weißich nicht, was die Kirche von mir will. Ich hatte einen Bekannten zuGast. Was wollt ihr von mir?“

Einerder Burschen lächelte ihn boshaft an.

„Zuspät, alter Hurenbock, der Orden klopft nie an die falsche Tür.Niemals.“

Ertrat nach und Roderik ging wieder zu Boden. Seine einzige Hoffnungwar, dass sich sein Fluch, gegen die Kämpfer richten würde.Er packte einen am Fußgelenk, doch in keiner Weise geschah das,was er erhoffte. Die Magie, die auch Gegenstände aus Eisenzerstörte, sie war ausgerechnet in dieser Nacht nicht aktiv. Erhatte verloren und vor ihm schlossen sich die Türen. DieSoldaten wollten in Ruhe ihren Gefangenen befragen.

Mitihren Fäusten.





7

Dasgesuchte Gehöft war von einer Steinmauer umgeben, die mehrereHäuser, Obstbäume, Unterkünfte von Knechten undzuletzt die Stallungen umgab. Das Anwesen selbst war aber tatsächlichnur schlampig behütet. Die Untergebenen des Großgrundbesitzers,den Roderik nie persönlich kennengelernt hatte, bewachtenseltsamerweise das Tor und zwei Hochsitze davor. Der hintere Teil derAnlage, der im Dunklen lag, war ungeschützt. Coldwyn schaute essich aus reichlicher Entfernung von einem Baum aus an. Es machte ihnstutzig, dass der Pferdediebstahl so leicht anmutete. Die Menschen imSiedlergebiet erlaubten sich nicht ohne den Schutz gegen Diebe undRäuber zu leben, vor allem weil sie wohlhabend waren und es auchbleiben wollten.

Ervernahm von hier aus das Herannahen von mehreren Personen. Sie sahenschwer bewaffnet undgut gerüstetaus. Er horchte auf eine Anzahl aufgebrachter Stimmen, ein lautesbefehlendes Gebrüll. Die Tore öffneten sich. Von seinerPosition aus konnte er nicht erkennen, was vorne vor sich ging. Dannwurde es leiser und der Magier wartete noch einige Zeit ab.Angespannt hörte er nur den Wind durch die Äste rauschenund sah die Sterne als helle Punkte am Nachthimmel, es blieb bisherfriedvoll. So ruhig das es einen schon nervös machte.
Erhatte keine andere Möglichkeit, als weiter zu machen.

Ersprang hinunter und lief lautlos bis zu einem umbesetzten,aufgegebenen Wehrturm. Einzelne Steine ragten heraus, der Turm warmehrfach ausgebessert worden und an einigen Stellen mit Holzplattenverstärkt. Beim unmittelbaren Heranschleichen bemerkte er, dassdieses Bauwerk absolut verlassen vor sich hin rottete. Die Plattenbeförderten den Magier leichter bis zur Spitze desGefechtsturms. Hinter einem Vorsprung verbarg er sich so lange, bissich die Stimmen weit genug entfernten. Dann nahm er einen Satzweiter abwärts.

Erlandete weich auf einem bepflanzten Beet vor einer einfachen Hütte.Geduckt schlich er sich unter den beleuchteten Fenstern vorbei.Drinnen hörte er Gespräche von Knechten; sie saßenbeim Essen zusammen. Vielleicht hatte der Fremde Glück gehabtund die meisten Untergebenen des Farmers waren zu einem Festversammelt. Vielleicht hatte ihnen ein großzügiger Herrfreigegeben. Aber wirklich glauben wollte er es nicht, so einengünstigen Zufall konnte es einfach nicht auf der Welt geben.

Wiedumm sie ihm erschienen. Er entdeckte eine einzelne Wache, die miteinem Kurzbogen auf den Rücken die Runde machte. Doch derLandarbeiter lief beinahe im Kreis und bewachte mehr uninteressiertden vorderen Bereich des Grundstücks. Der Kerl schien auchnachtblind zu sein und sich kaum für irgendeine Regung in derDunkelheit zu interessieren, Coldwyn hatte leichtes Spiel beimVorbeischleichen. Nach der Hütte hörte er leises Wiehern,es roch nach Heu, die Ställe konnten also nicht weit entferntsein.

Erging einen ausgetrampelten Weg entlang, der im Halbdunkeln lag. Einseltsamer Gedanke kam ihm in den Sinn. Hatte ihn sein Kontaktmannverkauft? Dass ihn ein Trupp der Silbernen hinter dem Sumpfaufspürte, war keine Kunst. Jenseits der Fremde wurde erebenfalls von ihnen gesucht, aber alles hier stank nach Verrat. Eineleise Stimme sagte, dass etwas nicht stimmte, einfach nicht richtigablief. Nach seinem Verschwinden hätte der Einsiedlerausreichend Zeit gehabt, den Orden zu verständigen, oder dieKirche hatte genügend Zeit ihn aufzusuchen.

Warummusste sich ausgerechnet gegenwärtig sein Misstrauen zu Wortmelden? Jetzt wo es am wenigsten hilfreich für ihn war.

Coldwynbeeilte sich nicht gerade, um hierher zu gelangen. Zu Pferd war dasGehöft für Ordensmänner gut zu erreichen, dennochschüttelte er die Zweifel ab und zwang sich voran.

AmEnde des Weges lag das gesuchte Gebäude. Er zog einen Riegelbeiseite, alles leise und geschickt, dahinter lag der Raum inDunkeln. Das laute Knarren beim Öffnen beunruhigte ihn, dochhinter der Schwelle war der Innenraum vorgeblich verlassen, keineSeele befand sich gegen den späten Abend hier.

DerMagier durchstöberte das Gebäude gründlich, wollte vondiesem Ort nicht kopflos aufbrechen. Eine Reise von zwei Tagen undNächten lag vor ihm, ein Lager nahe Sturmfels in einem scheinbarverfluchten Hain und der Rand des Festlandes. Eigentlich einehervorragende Wahl für einen gesuchten Verbrecher, wenn man essich überlegte.

Sattelund Zaumzeug fand er benachbart auf einem Schemel. Dazu einenSchlauch gefüllt mit Wasser, eine dicke Decke und Fackeln. Erpackte alles, was sich verstauen ließ, in eine Reisetasche. Mitdem Sattel über der Schulter und dem Zaumzeug in der Hand ginger hinter eine Absperrung, wo sich zwei Hengste und eine Stutebefanden, der Besitzer hatte schnelle teure Pferde gewählt. Erbediente sich an einen offenen Sack Hafer und der Magier wähltedas ruhigste Tier, auf dem er Platz nehmen wollte. Behutsam öffneteer den Verschlag, warf den Sattel über den Rücken einesBraunen, zog die Riemen fest und hörte, wie eine große Türzu den Nebenkammern aufgerissen wurde. Der Raum war nun deutlichheller, da einige Männer mit Lampen ihn betraten.

SeinGespür für Ärger hatte ihn keinesfalls getäuscht.Auch als er aufgeregte Rufe hinter sich vernahm, änderte ernichts an seiner Vorgehensweise, er bepackte sein Pferd mit allemNotwendigen und wollte aufsitzen, als er das Geräusch einesgezogenen Schwertes, das sich gegen seinen Rücken wand,ausmachte.

„DuBastard bleibst hier, sonst schlitze ich dich sofort auf“

DieDrohung galt natürlich ihm. Ein Ordenssoldat mit verbundenemlinkem Arm, der bereits die Bekanntschaft mit Coldwyns Zauberkräftengeschlossen hatte, stellte sich vor ihm auf.

Wutschäumendbis aufs Mark.

Unddie Männer freuten sich den Ketzer, der ihre Begegnung voreiniger Zeit überlebt hatte, auf frische Tat zu stellen.

DerVerletzte war über alle Maßen verärgert undgedemütigt darüber, von einem Magusketzer geschlagen wordenzu sein.

Einzweiter Stand dicht gedrängt hinter ihm. Knechte, leichterbewaffnet mit Prügeln und dergleichen sicherten das Tor.

Coldwynhatte einen schweren Fehler begangen, er hatte sich nach der letztenKampfhandlung gegen den Orden nicht vergewissert, ob sie seine Fährteaufgaben. Er konnte nur staunen, wie schnell sie ihn schnappten oderes glaubten. Er schaute in das schmutzige Gesicht des Kämpfers,erkannte Augen, die gleichzeitig vor Hass und Entschlossenheitblitzten.

„Lassdas Zeug und deine Waffen fallen, sonst ergeht es dir wie deinemFreund.“

EinSchreck huschte erkennbar über die Miene des Magiers. Er öffneteseinen Mantel, zeigte, dass er unbewaffnet war, und trat bewusstlangsam näher, seine Hände erhoben. Er sprach ruhig auf denjungen Kämpfer ein und stoppte erst kurz vor der gezücktenSchneide.

„Ichhoffe für Euch, dass Ihr nichts Dummes angestellt habt. Ichhatte in letzter Zeit genug Scherereien mit Euresgleichen und habemehr um die Ohren, als ihr glaubt.“

„VerdammterNarr, haltet das Maul, sonst habt Ihr bald gar keine Probleme außerder Wahl des Friedhofes.“

Derzweite Soldat gab sich mutig, die Knechte des Großbauern, dieman auf die Schnelle herbeigerufen hatte, schienen immer angespannterzu werden. Sie ahnten, dass dieser Zwischenfall nicht so ausgehenwürde, wie es die Ordensleute wollten.

Erseufzte und umklammerte ohne zu zögern die abgenutzte Klinge desSchwertkämpfers, die dieser ihm entgegen hielt. Der raschgewirkte Zauber drang durch das Eisen hindurch und fuhr in denSoldaten, der auf der Stelle paralysierte. Seine Augen weiteten sichausdruckslos und selbst sein rasender Atem senkte sich ab auf einnicht wahrnehmbares Minimum.

„Washat das zu bedeuten?“

Ungläubigschaute der Zweite auf seinen Kameraden. Coldwyn schubste den erstenmit einer schnellen Bewegung um, er fiel steif wie ein Brett auf denHeuboden wie ein umgestürzter Sack.

„KeineSorge, das hält nicht lange an und hinterlässt bei ihm kaumSpuren, bei Euch sieht das hingegen anders aus.“

„Was?"
Miteinem harten Schlag ins Gesicht entledigte er sich des nicht mehr soganz mutigen Soldaten, der nicht weit neben seinen Kameraden miteiner gebrochenen Nase landete.

Dereinzelne Fausthieb hatte genügt, die beiden Angreifer waren fürsErste außer Gefecht gesetzt. Jene Landarbeiter, die mitKnüppeln ausgestattet den Fremden im Schach hielten, entferntensich schon alleine aus Respekt und wegen einer guten Portion gesundenMenschenverstandes von dem Gejagten.

Dashatte sich zu einfach abgespielt - ein Hinterhalt für Anfänger,nicht für Seinesgleichen. Er landete auf seinem Pferd,galoppierte an den ungläubigen Bauern vorbei, die ihn keineswegsaufhalten wollten, nicht einmal daran dachten, und nahm anGeschwindigkeit zu.

Erstoppte erst vor dem geschlossenen Tor, es reichte ihm jetzt. Eineschwungvolle Handbewegung des Magiers aus der Entfernung vor demBalken, welcher dem Verschließen des Tores diente, veranlasstediesen, aus seiner Verankerung zu springen. Eine zweite Bewegung ließdie Flügel auseinander schwingen, der Weg war frei und er entkamin die Dunkelheit. Doch hatte er ein ungutes Gefühl. Etwashinderte ihn daran, diesen Ort dauerhaft zu verlassen.

Erspähte in die Finsternis hinaus, suchte mit nervösem Blickdie einzelnen Gehöfte in der nahen Umgebung ab und tatsächlichdas Schicksal hatte nur auf ihn gewartet, als er seiner innerenStimme folgend seinen Kontaktmann aufsuchte.

Vomanderen Ende der schmalen Straße konnte er schon gut das Feuerauf dem Hof ausmachen. Er trabte nun gemächlicher aufKopfsteinpflaster und betrachtete ungläubig die Gegend. Rußstieg ungehindert auf und sorgte für ein scharfes Stechen in derNase. Er beschleunigte Richtung Roderiks Hütte und stießdas schiefe Tor mit dem Fuß auf. Ein Soldat in denselben jungenJahren wie die, denen er entkam, verbrannte die Wälzer seinesBekannten. Wissen über Magiebegabte und ihren alten Fluch, ihregesamte Geschichte, während Jahrhunderten zusammengetragen,wurden für immer zerstört. Ein großer Haufen Ascheund Reste von Ledereinbänden lagen vor den Ordenssoldatenaufgetragen. Coldwyn vermutete, dass die meisten Bücher hinüberwaren und er musste nicht erst das Heim des Ketzers betreten, um zuerkennen, was mit ihm geschehen war. Er hätte dieses Schauspielder Verwüstung niemals zugelassen.

Roderikkonnte nur mausetot sein.

Währendsein Köter von allem uninteressiert ein Nickerchen im Gartenmachte.

„Hey,Ihr seid ...“

MehrWorte brachte der Silberne nicht zustande, er war zu erstaunt denEinen mit eigenen Augen zu sehen, den die zweite Gruppe eigentlichlängst hätte gefangen nehmen sollen.

Diebeiden schwiegen jetzt, keiner rührte sich, Coldwyn ebenfallsnicht auf seinem Gaul. Obwohl es nicht so war, als dass er nicht dieAbsicht verspürte dem Ordensmann, so jugendlich er auch aussah,sämtliche Knochen im Leib zu brechen. Ihn über den Haufenzu reiten alleine für den Frevel, den er beging.

Warummussten die Schuldigen immer so jung und so hoffnungslos dumm sein.

SeinGegenüber war noch unentschlossener. Mit aufgerissenem Mundstarrte er nur in die Nacht hinaus den Rotschopf vor ihm angestrengtan. Als wäre ein hässlicher grinsender Kobold aufgetaucht,so ungläubig, glotzte der Soldat hinaus.

Wassoll´s ich kann eh nichts mehr rückgängig machen undich muss hier weg, das, was ich weiß ist zu wichtig, um michjetzt an einem halb ausgewachsenen Burschen zu rächen.

Erwar zornig und doch hatte seine Flucht Vorrang, er gab dem Brauneneinen Klaps, der ihn dazu veranlasste zu wenden. Langsam, viel zuträge, drehte sich das Pferd Richtung Allee. Dann tippte er mitseinem Schienbein gegen die Flanken des Tieres und so gewendet konnteer nicht beobachten, wie ein weiterer Soldat über dieTürschwelle trat und seinem verängstigten Kameraden, denTritt seines Lebens verpasste, um ihn aus der Starre zu lösen,ihn damit zu verscheuchen.

DerVeteran hatte dem Zauberkundigen im Inneren der Kate aufgelauert, derPlan zu warten, bis er hineinging, war gescheitert. Nun zog er seineArmbrust auf Brusthöhe und steuerte seinen Bestimmungsort an.Der richtige Moment, jemanden vom Sattel zu schießen, einGeschoss war frisch eingelegt, das Projektil würde selbst einenguten Kettenpanzer ohne Mühe durchschießen und der Wamsdes Magiers stellte erst recht keine Schwierigkeiten dar. Sein Augewanderte zum Kreuz des Ziels, das sich mehr und mehr entfernte. Abernicht zügig genug, um dem Metallstift zu entgehen. Der Rotschopftrabte davon, hatte kaum eine Ahnung von der Gefahr. Der Zeigefingerdes Schützen krümmte sich und mit einem leichten Stupslöste sich der Bolzen aus der Verankerung. Man konnte füreine knappe Sekunde ein lautes Zischen hören, das Geräuscheiner durchgespannten Sehne, die auf einmal schlagartig nachgab.

Wieauch immer Coldwyn in der Lage dazu war, er bremste ab und bog seinenRücken mit ganzer Kraft durch, er senkte sich auf Höhe desPferderückens herab und das Geschoss verfehlte ihn. Traf dafüraber sein Reittier und barst in seinem hinteren Oberschenkel. Dasschnelle Ausweichen war vollkommen überflüssig, denn derSchütze war ein absoluter Stümper.

Beide,Reiter und Tier, stürzten. Coldwyn war noch in der Lage währenddes Falls abzuspringen und landete neben dem Hengst.

Fürkurze Zeit vergaß er alles um sich herum.

Erlegte die Handfläche auf die Stirn des Pferdes, es verspürteviel mehr Angst als Schmerz. Er konnte ihn nur vorübergehendbetäuben, aber zum Heilen reichten seine bescheidenen Kräftebei Weitem nicht aus.

„VerfluchterHexenmeister, wir kriegen Euch“, hörte er hinter sich,voller Wut geschrien. Die Konzentration verließ ihn, das Pferdwieherte vor Pein auf, Schaum breitete sich auf seinem Maul aus. Esbäumte sich auf, ohne Chancen, dauerhaft stehen zu können.

Schnellwandte er dafür einen leichteren Zauber an, um das Tierendgültig von seinen Qualen zu befreien. Abgetrennt vom Leben inihm, senkte sich der Pferdekopf hinab. Der Soldat blieb zurück,er brauchte zu viel Zeit, um einen weiteren Bolzen zu laden, dieGelegenheit war vertan.

Trotzdemwürde Coldwyn erst aufatmen, wenn er die Grenzen dieser Siedlungerreichte, zu Fuß im Sprint. Er verließ die Allee, die amRand übersät war mit verwahrlosten Obstbäumen. DieRufe hinter ihm ebbten langsam ab, sein Atem ging flacher undflacher, das gleiche bedauerliche Schicksal war seinem Pferd nocheinmal widerfahren. Dummes Unglück verfolgte ihn und auf jedenFall war Roderik ein wichtiger Mann für die Gemeinschaft. Nagroßartig, die schlimmste Woche seit Ewigkeiten!

Vorihm lag eine offene zerklüftete Ebene, nur der Vollmond überihm spendete Licht und er rannte weiterhin, er konnte auch nichtanderes, außer kopflos zu fliehen.

Dochdie Soldaten des Ordens nahmen nicht etwa die Verfolgung auf, siefolgten dem Dienstweg. Aber erst als der ältere dem Jüngereneinen satten Fausthieb verpasste.

Diekleine Gruppe fand sich schnell wieder im Hauptlager der Kirche mitZuständigkeit für das Siedlerland nebst dem Sumpf ein.Mehrere Hundert Mann wurden dank des Bannerträgers ‚ErstenGrades‘ darüber informiert, dass nahe von Sturmfels eineganze Siedlung von Magusketzern lag, die es niederzuschlagen galt.

Daswar ihre heilige Pflicht und Lebensaufgabe, bis der letzte Ketzerreuig aus seinem Versteck gekrochen kam.

DieFührung der Wehrburg sollte sofort verständigt werden.Raben wurden losgeschickt und der ganze Zug von Soldaten undKirchenhelfern machte sich reisefertig, in dieser Nacht ritten siebereits los.

DerOrden handelte immer zügig, schlug zielsicher zu, sorgte fürkein Fortbestehen ihrer Feinde, wo auch immer diese sich versteckten.

Undebenfalls noch in dieser Nacht, vor dem Aufbruch, wurden zwei ausihren Reihen wegen Versagens angesichts des Feindkontakts zu zwanzigPeitschenhieben verurteilt. Nach alter Tradition hatten sie dieVerdoppelung ihrer Strafe zu fordern, man einigte sich aber aufdreißig.



8


Erwar ganz verausgabt und nach Stunden des Laufens zusammengebrochen.

Inseinem jetzigen Zustand konnte er nicht viel wahrnehmen, dieSinneseinflüsse fanden erst langsam den Weg in seinen Verstandzurück.

Dawar das Plätschern eines Baches zu seiner Rechten. Nässe,die sich von seiner pochenden Schläfe bis zu seiner Brustausbreitete und das Gefühl der Schwere auf seinem Oberkörper.Er spürte, wie sämtliche Kräfte aus seinem Körperwichen, seine Stirn lag gepresst auf kaltem Stein, er war zu schwach,um aufzustehen. Eine alte verschüttete Vision stieg in ihm auf,etwas das dunkler Magie glich und er lieber nicht durchmachen wollte.

Espasste nicht, es war fremd für ihn, was sich in seinem Kopfabspielte.

Ersah Bilder einer alten Stadt aus vergessenen Tagen.

Bloß,er konnte sich nicht dagegen wehren, war zu abgezehrt vom Laufen, derAnstrengung des Tages.

Alleswar entschwunden und er war nur noch ein umherirrender Schatten.

Erbrach zusammen und ließ den Alptraum geschehen.



DieStadt, in der Viondars ziellos herumlief, war groß und uralt.Er schoss die Gassen und Alleen entlang, darauf bedacht einen Auswegaus diesem gigantischen Spinnennetz zu finden.

UndGassen gab es hier unendlich viele, kastenartige graue Bauten ragtenalle paar Meter auf.

Ängstlichschaute der Verfolgte an sich herab, über der rechten Hand truger herumgewickelt einige Stofffetzen, die Hand war eindeutigverletzt, zu kaum etwas zu gebrauchen. Aber er rannte, ohne aufseinen keuchenden Atem und die Schmerzen zu hören. Doch derGejagte musste anhalten, musste verschnaufen oder sein Herz würdeeinfach den Geist aufgeben.

Erstürzte plötzlich um, trotz seiner Schnelligkeit verbundenmit seiner Jugend gaben seine Beine nach. Er fiel der Länge nachvor einem dicht bedrängten Marktplatz hin. Dieser war derGroßflächigste, den er in seinem Leben erblickt hatte,bemerkte er nebensächlich. Alles hatte riesige Ausmaße inder Metropole, gewaltige Massen von Menschen, Orks und Elfen bewegtensich von einem Punkt zum anderen und blieben da verhältnismäßigfriedlich untereinander.

Überden unzähligen Bewohnern der Wüstenstadt lag der Schattender Furcht, der sich in ihre Gesichter eingrub, ihr Denken und ihrLeben bestimmte.

Esgab keine nennenswerte Regierung, die auf die Friedfertigkeit derBürger achtete. Das Einzige, was die Ordnung aufrecht hielt, warAngst. Angst vor allem vor Vrath-Zuul der herrschenden Gottheit, diefast niemand aus der Bevölkerung zu Gesicht bekam.

Erlag noch immer und brauchte viel zu lange, um zu reagieren. Er wardas Weglaufen vor ausgebildeten Stadtwachen nicht geübt.


Manhalf ihm nicht auf, aber trampelte auch nicht auf seinemausgestreckten Körper herum.


EinTribunal hatte ihn wegen Diebstahls belangt, drei fehlende Fingerwaren das milde Urteil deswegen. Nun sollte der junge abtrünnigeSoldat die gottgleiche Herrscherin des riesigen wie brutalen Landeskennenlernen. Kein Wunder, dass jede Faser seines Körpers nachFlucht verlangte.


Viondarsrichtete sich wieder auf, er musste sich erst neu orientieren.

Erkonnte die ganze Vielfalt des urbanen Lebens ausmachen. In der Stadt,die man auf grauem Sand errichtete und in der es nicht überallvor Schönheit glänzte und blitzte, gab es zumeist nur dieTempel, Kasernen und die öffentlichen Schatzkammern, die eineAusnahme darstellten, und dazu kamen die Marktplätze füralle Bürger. Alles, was das Heer von Vrath-Zuul an Besitzerobert hatte, konnte dort erworben werden und so sehr er sich vorseinen Verfolgern fürchtete, musste er auch gleichzeitigstaunen.



Erwollte diesen Platz nur einmal durchstreifen, sich die reichgedeckten Verkaufsstände anschauen und die verschiedenenMenschen betrachten. Einwohner aus sämtlichen Völkern undallen unterschiedlichen Winkeln des Festlandes zusammengewürfelt,waren hier versammelt.

Kurzschaute er auf wertvolle Gegenstände, auf schlichte Werkzeugeund Dinge, dessen Sinn er überhaupt nicht begreifen konnte, aufdie unglaubliche Masse an Dingen, die er als Fischerjunge höchstensaus Geschichten kannte.

Dann,schnell, war es vorbei mit der Ruhe.


Zuseiner rechten Seite, knapp vor dem Stadtzentrum ragten diegewaltigen würfelförmigen Bauwerke auf, die von ihrer Größeher jedes Gemäuer, das er kannte, bei Weitem überragte.Trotzdem bedeutete das nicht viel. Er war jung und hatte nur seinkleines Heimatdorf im Kopf. Die Gebäude, die er im Hintergrundwahrnahm, wirkten so riesig, dass er sie nicht als Gebilde erkannte,nicht als etwas von Sterblichen Erbautes. Aber genau vor dem Zugangzum Tempelbezirk versammelten sich Soldaten. Sie blockierten denDurchgang für jeden, machten keinen Unterschied vor Adel,Krieger oder Sklaven, schotteten ihren Bereich komplett ab. Es warenabgehärtete Streiter, zusammengewürfelt aus den erobertenBezirken des Großreiches, die ausgerechnet nach ihmausgeschickt wurden.

Erkonnte es nicht fassen, wie viele nur nach ihm, einem der nur einpaar Jahre mehr als ein Junge zählte, einem ehemaligenKriegsknecht suchten.

Ihmwurde gewiss, dass man ihn früher oder später aufspürenwürde, und er blieb wie gelähmt auf dem Flecken stehen.

Dann,als er nur zuschaute, wie sich diese Walze aus gepanzerten SoldatenStück für Stück vorwärts fraß, packte ihneine behandschuhte Hand an seinem Handgelenk.

Geschocktdrehte er sich um, nur um in das zahnlose, vor Überraschung weitaufgerissene Maul eines Schwertträgers zu schauen, der es selbstkaum fassen konnte, den Geflohenen mit einer großen PortionGlück gefasst zu haben.

Erwollte mit ihm sprechen, das war seine erste Eingebung, würdesogar um seine Freilassung flehen, wenn es nicht anders ginge. Aberganz so, als hätte der starke Kämpfer dieses Verhaltens ihmentgegen bemerkt, bekam er auch zugleich einen gut gezielten Hieb miteinem Holzstock über den Schädel. Er sank mit einerordentlichen Beule zu Knie und schwand ebenfalls in die Schwärzeder Bewusstlosigkeit hinein.


Mantrug ihn mithilfe einer Bahre durch die verstopften Straßen.Sie passierten mit ihm Abschnitte, die für die einfachstenSoldaten als unpassierbar galten. Diese kehrten um und nur eineHandvoll Menschen begleitete den Flüchtling bis zu den Stufeneines der größten Gebäude, fensterlos aus Marmorerrichtet.

Innenverbreiteten mehrere Becken mit frischem Wasser eine kühle Luft.

Ober wollte oder nicht, er wurde allein gelassen. Er hätte sich inseiner Bewusstlosigkeit auch kaum gegen den Willen seinesAuftraggebers wehren können.

DerGott, der diese Stadt regierte und seine riesige Streitmacht inunzählige Schlachten schickte, verlangte nach ihm. Man hatte ihmden Befehl mündlich überbracht und sein gesunderMenschenverstand hatte als einzigen Ausweg die Flucht gewählt,instinktiv.

Alsder Gefangene später im Tempel erwachte, sah er seinenangehenden Meister. Seinem schlimmsten Feind, der ihn die wahre Angstzu spüren lehrte und ihm mehr raubte, als es jemals möglichzu sein schien.

Vrath-Zuul,das war ein verliehener Titel der Orks jener Zeit und bedeuteteschlicht Hüter des Schreckens. Ein passender Name, den er späterverfluchen würde. Und diese Gottheit weckte den Verletztenpersönlich auf, ging dabei nicht zimperlich vor.

Eineausgestreckte Hand scheuerte ihn wach, seine Wangen schmerztenaugenblicklich.

Derjunge Viondars erschrak, entdeckte, in was er unfreiwillighineingeriet.

Dochgleichzeitig war er wie geblendet von ihr. Die Gottheit, die überdie Wüstenstadt herrschte, hatte keine männliche Formangenommen.

„Mitso einem Anblick habt ihr nicht gerechnet. Nicht alles läuftimmer so ab, wie man es erwartet“, sagte die Frau stolz, einleichtes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel.

„Ja,ich bin es und ich hoffe, ihr wisst, wie man sich benimmt.“

Vrath-Zuulwar schön, geheimnisvoll und gekrönt mit überwältigendemAussehen, das jenes seidene Kleid nur unzureichend verdeckte.

EineGöttin, die nur auf ihn allein zu warten schien.

„Ichhabe eine Menge mit dir vor, komm, stehe auf.“

DieFrau, die eigentlich ein Gott sein sollte, duzte ihn auf Anhieb. Erertappte sich dabei, dass er immer noch staunend auf der Bahre lagund sie angaffte, ohne den Mund zu schließen.
Doch vonAnfang an spürte er den Dunst aus Furcht, der sich allseitig umsie befand. Dieses Wesen, ob männlich oder weiblich, herrschteüber alles um sie herum und Furcht war eines ihrer Instrumenteden Frieden zu wahren.

Viondarsgehorchte dem Befehl, seine Beine fühlten sich butterweich an
Erfolgte ihr die Stufen hinauf nach draußen auf die begrüntenTerrassen des Tempels. Von jener Stelle aus überblickte man dieganze Stadt und die öden Ebenen darüber hinaus.

Ertat es, schaute auf die grauen Berge, die scheinbar immer mit Wolkenverhangen sich dem Blick entzogen. Rauch stieg auf, die unzähligenSchmieden arbeiteten Tag wie Nacht. Und er hörte nur noch aufihreWorte.

Siesprach von einem Plan. Ohne dass sich beide Personen jemals zuvorkennengelernt hätten, Alles erzählte Vrath-Zuul demUnbekannten.

Diesermächtige Gott sah sein eigenes Ende kommen und erdachte eineRettung für sein Überleben, die so sehr den Vorstellungeneines Umnachteten glich, dass der ehemalige Entflohene nur vorSchrecken erstarrte.

„Dubist der Schlüssel für mein Fortbestehen. Das ist diegrößte Ehre, die du in deinem jämmerlichen Lebenerhalten kannst und ich gestatte sie dir. Es wird dich viel kostenmehr, als ein Mensch bereit wäre herzugeben. Viel mehr davon.“

Viondarsgrübelte lange über den Sinn der ausgesprochenen Wortenach.

„Eskostet einen Teil deines Selbst.“



9

Coldwynschlug die Augen auf, er horchte auf sein schwächliches Röcheln,sah Fusstapfen von der Uferböschung auswärts gehend, dortwo er ursprünglich zusammengebrochen war.

Erhatte sich vollkommen entkräftet gerade so ans Ufer gerettet.

SeinVerstand hatte unter einem Aussetzer gelitten. Er wollte nicht dieZeit opfern, um darüber nachgrübeln, wieso es geschehenwar.

Plötzlichin heller Aufregung riss er sich los, rutschte aus und landete erneutim kühlen Wasser. Er stieß untergetaucht gegen sämtlicheHindernisse, die auftraten, badete aber ungehindert weiter.

Mitviel Glück, schaffte er es aufwärts und vorwärts zutreiben.

AmUfer angelangt zog er sich mit allen verbliebenen Kräftenheraus, platschend setzte er auf einem Kiesbett auf und erbrachsofort das verschluckte Nass, bis sich sein Magen verkrampfte und dieÜbelkeit langsam abebbte.



Esdauerte lange, bis er ruhig durchatmen konnte. Zuerst versuchte er,sich zu orientieren. Er war leider nicht so weit von den letztenHäusern der Siedler entfernt wie erhofft. Obwohl er stundenlangbis zur Besinnungslosigkeit durchgerannt hier angelangt war, hatte erdas Land der Farmer noch immer nicht hinter sich gelassen.

Wasfür ein verdammter Morgen. Ein heiterer warmer Spätsommertag,den der Magier jetzt schon zum Kotzen fand.

Fastersoffen, nicht der beste Morgen für mich.

Dannüberlegte er kurz, er kam zum Schluss, das Weiterleben auchVorteile hatte.

Aberder Morgen ist nicht der Schlechteste, wenn ich so darübernachdenke.



DerMagier ruhte sich einige Minuten am Ufer sitzend aus, seine Augenfolgten dem schmalen Pfad. Man konnte sich denken, was sich in denfolgenden Tagen bei Roderiks Leuten für ein Drama anbahnte.Jedoch hatte er weder die nötigen Mittel, um das Übel zuverhindern, noch die Laune dafür.

DerOrden hätte sich eine solche Demütigung niemals gefallenlassen und die aufkommende Wut der stolzen Ritter würde indiesem Fall nur die Unschuldigen treffen.

Siewürden jedes Haus im Umkreis vieler Meilen durchsuchen, bis sieetwas fänden und wenn es sich nur um einen unscheinbarenTalisman handelte. Und dann gäbe es eine Ladung mehr, die manzur Befragung nach Thetyr verfrachtete mit keiner Aussicht aufWiederkehr.

Solauteten die Regeln des Ordens.

Hintereinigen Gewächsen entdeckte er die vom Teichwasser größtenteilsverschonte Reisetasche. Er hatte sie bei seiner Flucht über denRücken getragen, sein Wanderbeutel war darin, mittlerweilerattenfrei.



Erzog den Mantel seines Freundes heraus, graubrauner Stoff fast nichtauffällig, wichtig für den Fortgang der Reise. Er seufzte,weil er den ganzen Weg zu Fuß laufen musste und die Zeitdrängte. Immer hatte er nur wenige Worte mit Roderik gewechselt,hatte ihn selten zu Hause angetroffen, meistens einen abgelegenenTreffpunkt ausgemacht. Der Magier hatte gute Gründe fürsein Handeln gehabt. Der Mann war eine der einflussreichsten Personender Gemeinschaft der Ausgestoßenen, dieses Bindeglied, war kaumzu ersetzen. Dieser ganze Wahnsinn hatte allein damit angefangen,dass er einen verschlüsselten Brief empfangen hatte, der ihn zumsofortigen Aufbruch getrieben hatte. Es schien so, als wäreseine Mission seit Beginn vom Pech verfolgt.

Fallsalles stimmte, wenn Venya richtig lag, durfte er sich jetzt nichtausruhen. Sorgfältig nahm er den Rest seiner Habseligkeiten aufund untersuchte das Bachbett auf zurückgelassene Spuren - unddavon gab es viele. Von dort aus würde man ihn gut bis in dieWälder verfolgen können. Also ein weiterer Grund sich zusputen.

Grobden Weg kennend schritt er voran. Er müsste die ganze Nachthindurch streifen und den nächsten Tag und mit ein bisschenGlück sollte der Wanderer am Ende der Reise die Burg Sturmfelsüber den Baumkronen erspähen.

Erbegann zu rennen, seine nasse Kleidung, kaum angezogen, trocknete inSonne und Wind, über die Schulter geworfen.









10

Seitdem Beginn der Wanderung war dem thärdischen Soldaten mürrischzumute. Wenn er als Unterstützung mit musste, war der Ärgernicht fern, doch in diesem Fall stellte er fest, dass der Ärger,längst gewütet hatte.

Dermittelalte Mann mit dem gestutzten Armeehaarschnitt drehte sich vonlinks nach rechts, drahtige Muskeln traten unter seiner Rüstunghervor. Sein scharfer Blick erfasste geübt die Umgebung.Tregardis war in seiner vergangenen Jugend, zu einem Späherheranzogen worden, die beste Vorbereitung für ein Leben in derAbgeschiedenheit, das er jetzt führte. Aber ein großerTeil in ihm sehnte sich nach den Tagen des Dienstes in derthärdischen Armee zurück.

Vorallem das Nichtstun kostete ihn viel Geduld, in einer Kriegshorde warman immer beschäftigt.

Erhatte sich genug umgesehen und ging zu seinem Pferd zurück, dasgeduldig an einem Hang stand. Der Braune daneben gehörte Venya,die jene Umgebung lieber sitzend aus der Höhe und aus einigerEntfernung überblickte. Ihr Begleiter schaute sie traurig an,sie kannte diesen Blick genau und deutete ihn richtig.


„Ihrhabt einige Tote entdeckt, habe ich recht?“

„Sieliegen verstreut über die Böschung, Händler ausCourant und ihre angeworbenen Söldner um sie herum, aber nichtso viele wie man erwarten, sollte. Und was so verrückt ist, auchein paar der Wilden hat es erwischt, manche von ihnen wurden von denSchwertern und Pfeilen der Soldaten kalt gemacht, andere sind vommagischen Feuer versengt worden. Es sind insgesamt vielleicht zehn,die der Schnitter holte.“

„Einmagischer Feuerangriff“, murmelte Venya, die Hexe. Dann hattesie recht behalten, jemand hatte wirklich in der Nähe ihresLagers Magie angewandt. Eine sehr alte und mächtige Art vonZauberkraft, die man heutzutage nicht mehr erwartete.

Siehatte diese Ahnung gehabt, nein die Gewissheit verspürt, dasssich ein Magiewirker ihrem Wirkungskreis näherte. Eine starkeAusstrahlung hatte den Anwender begleitet. Sie konnte es nicht besserbeschreiben, als würde man einen alten Wald voller großerBäume mit Öl übergießen und anstecken. So kam esdiesem Gefühl am nächsten. Jemand machte intensiv mitMagicka auf sich aufmerksam, und sie folgte der Spur von Rauch undBrand.

Abersie waren zu spät eingetroffen.



Dasdichte Gehölz, das sie umritten hatten, hatte zu viel kostbareZeit beansprucht. Nun standen sie vor den Hinterlassenschaften desÜberfalls und beide schauten sich ratlos an.

NurLeichen und überall Anzeichen von Bewegungen, dennoch keinMagier in Sicht.

GraueWolken am Firmament zogen auf, als sie aufbrechen wollten. Sie würdengute zwei Stunden brauchen, um ins Lager zurückzukehren. Undwenn Venya den Himmel so anstarrte, konnte sie schon das Unwettervorherahnen, ohne ihre magischen Fähigkeiten in Anspruch zunehmen. Ein riesiges eintöniges Tuch lag über dem Horizont.Die gedrückte schwere Luft verursachte ein Gewitter. Die letztenWochen eines unerbittlich heißen Sommers waren angebrochen mitwindigen, unruhigen Nächten, wie sie nur das Land im Nordenkannte.

„Beschreibtmir genau, was ihr sehen konntet. Habt ihr Spuren einesMagieanwenders entdecken können, Fährten einer Frauvielleicht?“

Inihrer Frage schwang Hoffnung mit.

Tregardisverspürte den Drang ihr zu sagen, sie möge doch gefälligstpersönlich absteigen und nachschauen, verkniff es sich aber.Selbst mit gereizter Stimmung durfte er so nicht mit derDorfvorsteherin sprechen.

„Nein,es gleicht einem kleineren Schlachtfeld, die Gestalten liegenübereinander verkeilt. Ich konnte nur die unterschiedlichenGruppen ausmachen, die sich bekämpften. Wahrscheinlich sind aucheinige der Händler geflohen. Die Spuren am Rand der Hügelsind zu undeutlich. Ich selbst glaube allerdings, dass es den Magiererwischt hat - durch sein eigenes Feuer oder die Schwerter derFeinde.

„Ihrhabt unrecht, Hexerei hat hier gewirkt, Zielsichere, Wirkungsvolle.Als wäre ein Magus aus den uralten Legenden zurückgekehrt -und dann, ist er verschwunden.“

„Dasist unmöglich! Ihr wisst, wer die Wenigen sind, die imstandesind, erfolgreich Sprüche zu wirken. Und von diesen wargarantiert keiner dabei … die müssten nämlich nochleben.“

Jadie Telenjin, Elfen uralte dazu, nur sie konnten so etwas bewirken,dachte Venya und dieser Gedanken erschrak sie zutiefst.

Venyaschaute nicht einmal ihren Leibwächter an, während siesprach, den einzigen aus der Gruppe von unterschiedlichen Kriegernmit abweichendem Hintergrund, dem sie blind vertraute. Der Mann, derfür die thärdische Armee so viele Schlachten geschlagenhatte, bis er feststellte, dass er das war, was er in einzelnenAufträgen jagen und vernichten musste - ein Magusketzer, einZauberwirker, der wegen seines Fluches zu einem Aussätzigenabgestempelt wurde.

Venyaschweifte mit ihrem Blick um die Hügellandschaft und mitAnstrengung machte sie einige der Angreifer aus, die wohl aus einemHinterhalt heraus die Kaufleute angegriffen hatten und angesichtsihrer Dreistigkeit zuerst starben.

Sieerkannte Angehörige der Sweddar, einem Volk, das sich bewusstaus den Belangen der Kernländer heraushielt und damit überlebte, Reisende zu überfallen, Waren zu rauben und Lösegelder zuerpressen.

Barbarenhatte Tregardis bemerkt und die Hexe konnte ihm nur recht geben; eswaren grobschlächtige hochgewachsene Männer mit langenungepflegten Bärten, die bis zur Brust reichten und mitzotteligem, am Hinterkopf zusammengeflochtenem Haupthaar. Die Kriegerdes Stammes gingen mit Kampfbemalung an Gesicht, Armen und Beinen undmit kurzen Äxten bewaffnet auf ihre Feinde los.
Auchkleinere Gruppen, die nach spärlichen Vermögen aussahen,genügten ihnen, um Beute zu machen.

Überfälleder Sweddar waren ein übliches Problem zwischen denFrostbanninseln und Sturmfels. Nicht wenige aus der Gegend rund umCourant verdienten sich so ihr tägliches Brot damit. Entwederschlossen sie sich den Räuberbanden an oder sie folgten denen,die sie bekämpften. Die Moralvorstellungen der Menschen umCourant blieben Venya ewig ein Rätsel.

Obwohlsie eigentlich wusste, dass die Sweddar schlicht und einfach keinekannten.

„Wirkönnen hier keinesfalls etwas bewirken, vielleicht lassen aufmeine alten Tage meine Kräfte nach.“

„Wasmeint ihr, wir suchen doch einen der unseren oder? Jemanden, der zurGemeinschaft gehören soll. "

DerThärde bekam keine Antwort und konnte es sich aussuchen.

Diewilden Tiere würden sich um die sterblichen Hüllen kümmern.Venya hatte recht, es gab nichts mehr zu tun.

Siewollte gerade an den Zügeln ziehend ihrem Pferd ein Signal gebenund den traurigen Ort verlassen, als Tregardis erschreckt seinen Kopfnach rechts zum Ort des Geschehens dreht. Die Hexe hatte zu schlechteAugen, um zu erkennen, was dort vor sich ging. Und wenn sie ehrlichzu sich selbst war, hatte sie auch zu viel Angst, um sehen zu wollen,was jenseits der Hügel geschah. Tregardis zog sein Schwert, einealte immer wieder auf das Genaueste nachgeschliffene Klinge aushochwertigem Stahl. Beide hörten ein Stöhnen, Leichnamebewegten sich scheinbar von selbst. Bei genauerer Betrachtungerkannte man, dass ein anderer Körper sie beiseiteschob. DieReittiere wurden nervös, sie witterten etwas, das auch Venyaerahnte.

Dannging alles sehr zügig. Die Hexe trabte in Richtung Hügel,geradewegs über mehrere Dornbüsche, umrundete eineAnhäufung der untergegangenen Ladung von Fässern undKisten, zerborsten, von Karren in den Dreck geschleudert und inBüsche gefallen. Ihr Leibwächter ritt voran und sie spürte,dass er sich anspannte.

Undtatsächlich … vor ihm regte sich jemand und die Hexe aufdem Pferd bekam davon nur Schemen mit.

„Wasgeht hier vor? Sagt, wer Ihr seid!“,hörte die Hexe nur vonihm, aber sie war immer noch zu weit entfernt, um zu erkennen, wasvor sich ging. Diese verfluchten Augen! Alles, was sich eine Armlängevor ihr befand, sah sie nur unscharf wie durch dickes Buntglas.

Jemandwar aufgestanden, hatte unter der Leiche gelegen und hielt sichwieder bei den Lebenden auf. Also gab es wenigstens einenÜberlebenden, der nicht geflohen war.

Sie,die junge Frau, schritt näher.

Jetztsah sie die Gestalt vor sich: Sie trug weder das Wildleder der Räubernoch die Tracht der Kaufleute. Sie torkelte benommen und stöhnteleise wie von Sinnen.

„Ichbin gestürzt, beinahe erstickt und einen Fettwanst...“

Drohendhielt ihr der thärdische Exsoldat seine Klinge entgegen.

„GebtEuch zu erkennen! Seid ihr einer der Söldner?“, fragteTregardis laut. Aber die Person sprach nicht mit ihm, wollte oderkonnte es nicht. Geistig abwesend ging sie zielstrebig auf die Drudezu.

„Jetztverhaltet Euch nicht dumm, Tregardis. Packt das Ding weg, von ihrgeht keine Bedrohung aus.“

„Wassagt ihr?“

DerLeibwächter schaute die alte Frau entsetzt an, doch die Hexeschaute entschlossen zurück.

„Stecktdie Klinge weg, es geht keine Gefahr von ihr aus. Gehorcht mirendlich, benutzt euren Verstand“.

Ausalten Soldatentagen gewohnt Befehle zu befolgen, egal wieunvorsichtig sie klangen, schob er reflexartig das Schwert unterseinen Gürtel und musste fast nebensächlich feststellen,das Venya recht hatte.

DieFrau war jung, blond mit schulterlangem Haar, in einfacher Kleidungaus Schafwolle und umhüllt von einer abgewetzten Rüstung.Und vor allem war sie jetzt unbewaffnet, ihr Schildbrecher ruhte nochin einer Lederscheide an der Seite.

Siestoppte erst vor dem Klepper der Hexe, packte eine Strähne derMähne um Halt zu gelangen und glitt dann ohnmächtig an derFlanke herab. Sie verdrehte die Augen bis ins Weiße und lag mitverzehrten Gliedern im Gestrüpp nun abermals bewusstlos. Nebenihr im Schutt der zerstreuten Ladung floss irgendein teures Getränkin den Erdboden. Tregardis schaute dem Rinnsal traurig hinterher.Wahrscheinlich ein guter Wein und wäre die Lage nicht so ernsthätte der Leibwächter darauf bestanden vom Frachtgut das zuretten, was zu retten wert erschien, für den eigenen Gebrauchnatürlich.

„Wiekonntet Ihr sie übersehen?“

DieHexe guckte ihren Begleiter an und wartete auf eine Erklärung.

„Sollteich denn jede Leiche umdrehen“? Sie muss sich versteckt haben.

Abgestiegenuntersuchte Venya die umgekippte Fremde und stellte fest, dass ihroberflächlich nichts fehlte - keine Schnittwunden, keine äußerenVerletzungen. Dann schaute sie auf die Handflächen der jungenFrau und überprüfte sie bis zu den Fingerspitzen. Da warensie! Wie sie es vermutete, kamen Brandwunden zum Vorschein. Sie, dieman in Begleitung der Händlergilde angegriffen hatte, war eineZauberwirkerin. Sie hatte sich zur Wehr gesetzt, im Tumult gezieltMagickablitze verschossen. Das erklärte jedenfalls dieVerbrennungen der Sweddarkrieger. Das grenzte fast an Unmöglichkeit,dass sie dabei nicht selbst als Fackel gebrannt hatte.

„Packtsie aufs Pferd, verschwendet keine Zeit, wir müssen hier weg.“

Venyasprach schroffer als gewollt, den ehemaligen Hauptmann störtedas wenig. Auch einen rüden Sprachstil war er aus alterSoldatenzeit gewöhnt. Im Kampf achteten Thärden kaum aufHöflichkeit und eine kultivierte Verständigung. Behutsamhob er die wehrlose Frau auf und stellte fest, dass sie leichter war,als erwartet. Sie wog kaum mehr als das Bündel Kleidung, das sietrug. Ein Zeichen dafür, dass sie nicht in Luxus schwelgte vorund während ihrer Reise und nicht übermäßig vielzu beißen hatte in den letzten Wochen.

Ersetzte sie vor sich auf den Sattel und folgte der Hexe im langsamenTrab. Ein dünner Regen begann zu fallen, welcher direkt durchden Reisemantel zog und für ein gehöriges Unwohlseinsorgte. Nicht mehr lange und ein Sturm würde losbrechen, der dieschlichten Hütten der Bewohner, jener Runde von Ausgestoßenen,auf eine harte Probe stellen würde.

Siekonnten sich auf was gefasst machen, er dürfte zu Hause schonmal Hammer und Nägel bereithalten.

Siefolgten einem geschwungenen Pfad aus festgestampfter Erde, denRegenmassen aufweichten und teilweise wegspülten, als Tregardisdas Flüstern der Soldatin vor ihm wahrnahm.

Erhörte nur leise gehauchte Wortfetzen. In ihrem Schlaf klang dieFrau aus dem äußersten kaum zivilisierten Festlandzutiefst verängstigt. Irgendetwas hatte ihr einen gehörigenSchrecken eingejagt. Und nicht nur sein Gespür, sondern auchsein Sinn für Vernunft sagte ihm, dass sie noch mehr Problememit ihr bekommen sollten, als es ihnen gut tat.

Hättenie gedacht, dass ich sie auf so schreckliche Art und Weise finde.Ich weiß, dass sie's ist. Niemand anderes wäre in der Lagediesen Überfall zu überleben,dachte die Hexe und ritt ihrem Leibwächter folgend nach.



11

Mehreredichte Baumreihen überschatteten das Dorf, das Heim der Feindedes Ordens der Silbernen Garde. Über den letzten Baumwipfeln,hinter einigen Wiesen und einer Landschaft aus Äckern undViehweiden, lag Sturmfels. Man konnte von hier aus nur die höchstenZinnen und einen der vier Wehrtürme erkennen. Der Anblick desHafens mit seinen Transportschiffen und einfachen Kuttern, die denDyfro befuhren, blieb den Betrachtern verborgen.

Diebeiden wurden nicht gerade überschwänglich empfangen.Sofort versammelten sich Leute um Venya, die Anführerin, dennwie immer gab es reichlich zu bemängeln und zu murren.Verschiedene Bewohner beklagten sich augenblicklich bei ihr, dassWachen sie aus Sturmfels vertrieben hatten. Den Fremden, die hin undwieder zum Handeln aus dem Wald kamen, traute man plötzlichnicht mehr nach Vorkommnissen, die nach magischen Aktivitätenaussahen.

Dasfehlte noch - Ärger, wie sie ihn gerade jetzt nicht gebrauchenkonnten.

Einalter Mann ging auf Tregardis zu, der sein Pferd zu einem Unterstandführte. Es nieselte bereits stärker und der Thärdewollte lieber jetzt ins Trockene, bevor er ganz durchweichte.

EinBittsteller war sehr ungehalten und beklagte sich über denkatastrophalen Zustand seiner Unterkunft und fragte dann in einemgemäßigten Tonfall, ob er, Venyas Beschützer,niemanden kenne, der ihm bei den Reparaturen zur Hand gehen könne.Die schlechte Laune, die Tregardis schon seit den frühenMorgenstunden verspürte und die sich während der Entdeckungdes Hinterhalts der Sweddar nur noch verschlechtert hatte, führtenun zu einer unhöflichen Antwort.

„Seheich vielleicht aus wie ein Handwerker? Haut ab Mann und suchtwoanders einen Trottel. "

Eingeschnapptging der Alte davon und würdigte das ganze Geschehen, imZusammenhang mit dem Auffinden einer neuen Zauberwirkerin, keinesBlickes mehr.

Venyahatte das Verhalten ihres Untergebenen verfolgt und zog ihre Stirn inFalten, ein Zeichen für Unmut bei ihr.

„Ihrwisst wirklich, wie man mit Menschen umgeht“, erwähnte sietrocken.

„Bisherhat sich noch niemand über mein Benehmen bei mir beklagt“,gab der Soldat schlicht zurück.

DieHexe begutachtete abermals die Frau, die regungslos auf demPferderücken saß und Gefahr lief, hinunter zu fallen.

Siezog den total entkräfteten Körper mithilfe des Thärdenabwärts.

„Dasliegt nur daran, dass kaum einer das Bedürfnis verspürt,überhaupt mit Euch zu reden.“

Tregardismurrte, was allenfalls eine Zustimmung war oder nur Hinweis darauf,dass es ihm völlig gleichgültig war, wer was über ihndachte, annahm und aussprach.

„Nehmtsie rein in meine Hütte, sie muss viel schlafen. Hoffe, dass ihrdas guttut. Lasst sie möglichst keinen Moment aus den Augen.“

Erlegte sich die schlanke Gestalt teilnahmslos über Schulter undRücken. Weil sie nicht üppig wog, konnte er sie mühelosvon hier aus bis zu einem Bett in Venyas Anwesen bringen. Nicht vielmehr Aufheben, als ein Stoß Holz an einem kalten Winterabend insein Heim zu transportieren.

Allerdingsetwas durfte er nicht unterlassen. Den ganzen Weg über verkniffer sich seine Zweifel, mittlerweile war es genug. „Was ist sowichtig an ihr, dass ihr einen solchen Aufwand betreiben müsst?“,fragte er, ohne mit Sorgfalt auf seine Wortwahl zu achten.

Bekümmertschaute die Hexe ihn nachdenklich an, „Wenn ich Euch das dochnur genau sagen könnte. Aber ich bin mir jetzt noch nicht sicherdamit. Jedenfalls steht sie mehr mit Magie im Bunde als die Meistenhier unter uns - und das muss erst einmal für Eure Neugiergenügen.“

Sieverheimlicht mir immer etwas, vertraut mir nicht völlig. Kannich verstehen. Wäre selbst nicht anders an ihrer Stelle.

Ernickte und ging nun schneller zu Venyas Anwesen in der Mitte deskleinen Dorfes. Es war von Kräuterfeldern umgeben und hatte alseinziges Haus im Ort eingelegte Fenster und einen verputzten Kamin.Ein Luxus der höchsten Güte, aber die Hexe konnte ihn nichtoft genießen. Sie hielt sich fast nie in ihren eigenen vierWänden auf, sondern war meist beschäftigt, immer unterwegsund kam kaum zum Rasten.



12

Regenprasselte gegen das Dach, vielleicht das einzige dichte inanständigem Zustand im Umkreis von mehreren Kilometern, dergesäumt war mit klapprigen Katen. Er hatte die Frau, wie sieangezogen war, in zwei Decken eingewickelt und sie auf eines von dreiBetten in den großen Raum mit der Feuerstätte gelegt.Seine Auftraggeberin achtete immer auf genügend Platz fürVerletzte auf ihrem Anwesen, denn sie war außerdem diealleinige im Bereich von einer Tagesreise, die sich um Kranke kümmernwollte und dies meist ohne Bezahlung tat. Sie versorgte auch Wandererin Not, die nicht zur Gemeinschaft zählten, wenn diese alsGegenleistung ihr Maul hielten und keine Informationen der Siedlungpreisgaben. Und sie hatte so einige vor dem Tod bewahrt, die ausSturmfels kamen und sich dort nicht einen einzigen Heiler aus demörtlichen Tempel leisten konnten.

DerThärde hatte bei dieser Mildtätigkeit schon oft mit demKopf geschüttelt. Ein solch unvorsichtges Verhalten war fürsein Gemüt schlicht unpassend und dumm.

Aberer wollte sich nicht in ihre Entscheidungen einmischen.

Ersetzte sich, erleichtert, heute nicht mehr arbeiten zu müssen.An Plackerei mangelte es in der Abgeschiedenheit dieser Wildnis nie.

Tregardishatte sich von dem Lederpanzer befreit, den er immer außerhalbtrug. Darunter kleidete er sich mit einem übergroßenlöchrigen Wollhemd. Man durfte hier draußen nichtwählerisch mit seiner Kleidung sein. Es gab keinen Sold, der ihmerlaubte, bessere zu erwerben; und nähen hatte er nie gelernt.

VieleSituationen lehrten ihn, dass eine gepflegte Rüstung, Lebenretten oder die eine oder andere schwere Verletzung ersparen konnte.Doch erinnerte er sich, dass er in den letzten Jahren seltener zu denWaffen griff. Die Person, die ihn befehligte, floh meistens bei demgeringsten Anzeichen von Gefahr, und erwartete von den Untergebenendas Gleiche. Daran hatte er sich noch immer nicht gewöhnt. SeinSchwert war mittlerweile genauso sinnlos geworden wie seine einst soteure Rüstung. Er zog das einfache durchgeschwitzte Hemd aus. ImSchein einer Öllampe strahlte sein rechter stark vernarbter Armsamt Schulter auf. Diesen Körperteil hatte er in gewalttätigenKonflikten oft zum Parieren von Schlägen genutzt, manchmal auchohne viel Schutz.

Erwar stolz auf seine Narben. ‚Je mehr Narben, desto besser derKämpfer‘, so hieß es bei seinem Volk. Die Thärdenhatten seit ihrer Landung an den fjordenreichen Küsten voretlichen Jahrhunderten nie längere Kampfpausen genossen. Siewaren Krieg und Raubzüge gewohnt.

Under hatte oft großes Glück gehabt, wie er dankbar dachte.In seiner letzten Dienstzeit hatte er unter Hauptleuten gedient, dieso aussahen, als würden ihre Visagen nur noch von Wundmalenzusammengehalten. Er war meistens zu flink gewesen, um heute miteinem verunstalteten Gesicht herumzulaufen oder im Sarg in der Tiefeder Erde zu vermodern.

DieseZeit lag weit hinter ihm.

Gähnendrutschte Tregaris auf einem Schemel neben der Frau hin und her undfing langsam an sich zu ärgern. Es gab bei der Neuen keineNotwendigkeit sie zu bewachen. Sie schlief und das mittlerweile festwie eine Hundewelpe. Er seufzte, denn er hasste es, den Aufpasser zuspielen. Doch eine Wahl blieb ihm nicht: Befehl bleibt Befehl, auchwenn ein altes Weib ihm diesen erteilt hatte.

Wiederein lang gezogenes Gähnen.

Erwürde sich entspannen und dem Regen lauschen. Alles war besser,als zu dieser Jahreszeit auf den Feldern zu arbeiten und die Ernteeinzubringen - das Letzte das Venya im aufbürden konnte.

Dannfing Etaila unvermittelt an, ein weiteres Mal im Schlaf zu reden,leise und gestikulierend. Der Thärde verstand kein einzigesWort, spürte aber die Angst, die von der schlafenden Fremdenausging.

Washatte sie bloß erlebt? Womit plagte sie ihr Verstand?

Gleichzeitigfiel ihm auf, wie hübsch die junge Frau aussah. Der Thärdegenoss selten das Privileg junge Frauen kennen zu lernen und nochseltener eine die von einer wilden Schönheit derart gezeichnetwar.



13

Schwärze,ein Meer aus Dunkelheit, in dem sie sich nur zu gut verlierenkonnte,- dann ein Gefühl des Fallens. Sie erinnerte sich imTraum daran, dass sie Magie zu ihrem Schutz gesprochen hatte. Ineinem Zustand der Hilflosigkeit hatte sie Feuer auf die Felltragenden Räuber geschleudert. Hatte damit eine ganzeKriegshorde in Brand gesteckt und den Großteil derzurückgebliebenen Kämpfer verjagt.

Siehatte Dutzende in die Flucht geschlagen, einige wie erlegtes Wild,auf einer Kochstelle geröstet.

Einegrausame und fremde Art des Tötens war dies gewesen.

DerHinterhalt war gut geplant. Eine Gruppe der Gegner war schlicht ausdem Nichts erschienen. Die Söldnerin hatte keine einzigewertvolle Sekunde gehabt, um ihr Schwert zu ziehen. Im aufkommendenGetümmel hatte man sie umgestoßen, eine Bande derAngreifer hatte zornig die vordere Reihe, der bewaffnetenReisebegleitschaft niedergemacht, einen Wagen umgestürzt und imgleichen Augenblick versucht, alles an Wert mitzunehmen, was sichüber den Boden verstreute. Im Traum sah sie jedes Detail, keinSchwerthieb blieb ihr verborgen, sie erkannte sämtlicheGesichter und sie sah sich selbst zaubern. Mit einer Leichtigkeit,als hätte sie ihr bisheriges Dasein auf das Studium der Zaubereiverwendet, obwohl sie in ihrem bisher verbrachten Leben noch nichteinmal geglaubt hatte, dass es so etwas wie nutzbare Zauberkraft indieser Welt gäbe.

DieFeuerbälle beendeten den Überfall augenblicklich.

DieSweddar verschwanden und ebenso waren auch ihre Leute abgehauen, ausFurcht vor der Magie, aus Angst denselben Tod zu erleiden. Sie selbstwurde unter einem besonders großen Kerl von Kämpferbegraben.

Diemächtig stinkende Gestalt auf ihr, raubte die Atemluft, siedrehte und wand sich, konnte aber nicht entfliehen.

Dannwar diese Art von Erinnerung plötzlich aus ihrem Hirnverschwunden, einfach fort. Die Bilder in ihrem Kopf verschwanden undden Rest der Zeit schlief sie, ohne zu träumen.

Tregardisbetrachtete sie eingehend in dem wenigen Licht, das der Schein einerKerze bot.

DieÜberlebende des Überfalls schien noch jung zu sein, mochteetwas über zwanzig sein. Er zählte dagegen das Doppelte anJahren. Und für ihre Jugend sah sie im Übrigen wirklichansprechend aus.

Hellblondeslanges Haar, tiefe blaue Augen und ein fein geschnittenes schmalesGesicht prägte ihr Erscheinungsbild. Sie war allerdings totalverdreckt und hatte ein Bad dringend nötig.

BeimGrübeln wurde ihm schlagartig bewusst schon seit einer Ewigkeitnicht mehr einer Frau nähergekommen zu sein als bis zu diesemMoment. Im Dorf heiratete man kaum. Er war hier ein Außenseiter,unbeliebt, unbeachtet, zum Teil aus eigener Schuld sogar verhasst.

DieSöldnerin lag eingewickelt in ihren Decken und wälzte sichhin und her. Venya meinte, dass der Aufgefundenen eine Unterkühlungdrohe. Während der Unterbringung im Raum war es fast zu spätaufgefallen, dass von ihrem Körper nur wenig Wärme ausging.

Dochin Tregardis Gedanken ging es nicht um ihren Gesundheitszustand. Dieneu angekommene war auch nicht mehr vollends bekleidet in seinerFantasie.

Ermusste sich jetzt unbedingt zusammenreißen.

Ästeschlugen auf die Laden, ein frischer Regenschauer prasselte gegen dasDach. Die Bewohner der Ortschaft bereiteten alles Nötige vor, umdas kommende Unwetter zu überstehen. Das Vieh wurde inVerschläge gesperrt, Türen und Fenster fest verschlossen,keine Sache von Wert, die man nach einem Gewitter benutzen wollte,befand sich jetzt draußen. Aber der Leibwächter der Hexebekam davon kaum etwas mit, sein Geist war mit anderen,unterhaltsameren Dingen beschäftigt.



Unerwartetöffnete sich die Tür. Venya stand bis auf die Knochendurchnässt im Freien und trat ein. Mit Mühe schloss sie diePforte hinter sich und schaute skeptisch auf den sitzenden Soldaten.

„Ihrhabt sie nicht angerührt, oder? Sagt es mir Tregardis.“

DerBursche hatte sich in vergangenen Stunden tatsächlich kaumbewegt, aber zuzutrauen war ihm einiges. Venya besaß genügendMenschenkenntnis.

„Neinnatürlich nicht.“ Kam es entrüstet von ihm, währendihm eine Spur Schuld ins Gesicht geschrieben stand.

„Dashoffe ich auch für Euch. Es wird Zeit, dass ihr eine Frau suchtund heiratet.“

E

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