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Unser Haus am Meer

Informationen zum Buch

Wo liegt das Glück, wenn nicht am Meer?

Reporterin Josefine wird in ein Kaff an der Ostsee verbannt, um den Autor eines Glücksratgebers zu interviewen. Der erweist sich allerdings als Hochstapler, denn geschrieben hat das Buch der schüchterne Markus, der nur das Kapitänshaus seiner Familie vorm Verkauf retten will. Als er seinen gutaussehenden Bruder, den Surfer Ben, die Rolle des Glücksexperten spielen lässt, fliegt der Betrug auf. Wütend reist Josefine ab. Doch dann fällt ihr ein Tagebuch in die Hände, das sie einem alten Geheimnis des Kapitänshauses auf die Spur bringt – und den ungleichen Brüdern wieder näher …

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

3 Josefine

4 Ben

5 Josefine

Hab die ganze Welt gesehn

von Singapur bis Aberdeen.

Wenn du mich fragst,

wo’s am schönsten war,

sag ich: Sansibar.

Achim Reichel, »Aloha Heja He«

3
Josefine

»Gewonnen!« Leopoldine riss die Arme hoch, warf den Tennisschläger von sich und rannte zum Netz. »Komm schon, Schwesterchen!«, rief sie Josefine zu, die auf der anderen Platzseite an der Grundlinie stand und in mühsam beherrschter Wut die Saiten ihres Schlägers zurechtschob. »Komm her, und gratuliere deiner großen Schwester, die nun mal die beste Tennisspielerin von Schwabing ist, das musst’ zugeben!«

Widerwillig ging Josefine zum Netz und umarmte sie. »Glückwunsch, Leo.« Es klang, als ob sie etwas ganz anderes gesagt hätte. Warum nur schaffte sie es so selten, ihrer Schwester Kontra zu geben?

Jeden Mittwoch in der Mittagspause standen sie sich hier gegenüber, um ein paar Bälle zu schlagen, wie sie es vor den Kollegen nannte. In Wahrheit war es alles andere als entspanntes Ballspiel – es war Krieg. Josefine hatte schon überlegt, heimlich Tennisstunden zu nehmen. Aber wann? Sie hatte Zwölfstundentage und oft Termine am Wochenende. Wann, um alles in der Welt, sollte sie da Tennisstunden einschieben? Sie äugte zu Leopoldine hinüber, die an der Bank summend ihren Schläger in der Tasche verstaute, den Reißverschluss zuzog und sich mit dem Handtuch die schweißnassen blonden Haare trocknete.

Plötzlich kam ihr ein Verdacht: Nahm Leo womöglich selbst Extra-Unterricht? War sie ihr deshalb immer einen Schritt voraus? Aber nein, das war abwegig. Oder? Leo hatte dafür doch genauso wenig Zeit wie sie. Leo, das leuchtende Vorbild, stets die Mustertochter der Eltern, die alles richtig gemacht hatte: Psychotherapeutin mit gut laufender Praxis, Spezialgebiet Paartherapie. Mit einem soliden Ehemann. Drei reizenden Kindern. Dem wohlerzogenen Labrador Stan und einem hübschen Haus in Grünwald. Sie, Josefine, dagegen ohne Mann und Kinder, dafür mit einem – in den Augen ihrer Eltern – völlig belanglosen Job. Was galt schon eine Journalistin? Selbst, wenn sie eine der besten ihres Fachs war und bei einem der renommiertesten Magazine arbeitete. Die Familienfeiern der Johnfelds in Starnberg waren Josefine stets ein Graus. Schon wenn das automatische Tor zur Seite rollte, sie in die Kieseleinfahrt einbog und durch das Spalier der Linden auf das Haus und den See zufuhr, fragte sie sich, wann sie wohl wieder flüchten dürfte. Denn sobald sie den Marmorspringbrunnen auf dem Rondell vor dem Haus umrundet und ihr Auto geparkt hatte, öffnete sich die Haustür, und ihre Mutter empfing sie. Zuerst gab es ein Küsschen auf die Wange, aber dann begann sofort das Punktesammeln. Ein kritischer Blick auf ihr Outfit – zu leger wie immer. Das Auto – war immer noch dieses alberne Beetle Cabrio. Ihre Haare – offensichtlich war es schon wieder Wochen her, dass sie beim Friseur gewesen war.

Ja, sie würde Tennisstunden nehmen, beschloss sie in diesem Moment. Und wenn sie dafür Montagmorgen um sechs Uhr auf dem Platz erscheinen müsste.

»Ich wünsche dir einen wunderschönen Nachmittag, Schwesterherz!« Leopoldine küsste Josefine rechts und links auf die Wangen. »Woran musst du denn heute noch weiterarbeiten? An Schminktipps und einem Vorher-nachher-Shooting?«

Josefine schaute sie wütend an. »Hast du so etwas jemals im Komet gelesen?«

»War nur ein Scherz.« Leo schulterte ihre Tasche.

»Zufällig hatte ich heute ein Interview mit unserem Bundesumweltminister. Es ging um die …«

»Wie spannend.« Leo sah auf die Uhr. »Leider muss ich los, Maria ablösen, die Kinder warten. Also, ciao, ciao, meine Liebe.« Sie winkte und stieg in ihren Mercedes SUV. Warum nahm sie eigentlich keiner in ihrer Familie ernst? Josefine warf ihren Schläger in die Tasche und rubbelte sich die Haare mit dem Handtuch ab. Wenn sie doch nur erzählen könnte, dass sie zum Stab der Journalisten gehörte, die in Berlin und an allen anderen Orten der Welt die Regierungsarbeit auf Schritt und Tritt verfolgten und sogar in der Kanzlermaschine hautnah dabei waren, das würde ihre Familie beeindrucken. Stattdessen ging es jetzt wohin doch gleich?

Nach Heringsdorf auf Usedom.

Und das nur dank dieses dämlichen Glücksratgebers. Und des blöden Mittermanns. Und dieses doofen Kapitäns Harm Harmsen.

Wütend zog Josefine den Reißverschluss der Tennistasche zu, warf sie auf den Rücksitz ihres Beetles und brauste nach Hause, von wo aus sie ihre Reise nach Usedom vorbereiten wollte. Die Reise, die ihr schon jetzt gehörig auf die Nerven ging.

4
Ben

»Habt ihr euch gestritten, Ben?« Charlotte sah ihm mit dem Strickzeug in der Hand entgegen, als er das Zimmer betrat. Sie hatte wirklich Ohren wie ein Luchs. »Ihr sollt doch nicht streiten. In einer Familie muss man sich vertragen, das ist wichtig.«

»Ja, Oma.« Ben balancierte die viel zu voll gegossenen Teebecher vorsichtig zum Bett.

»Worüber streitet ihr denn? Es besteht doch gar kein Grund. Ihr lebt hier in diesem wunderschönen Haus direkt am Meer. Wenn ich nicht mehr bin, gehört es euch. So ein schönes Haus! Mein ganzes Erwachsenenleben habe ich hier verbracht, keine Nacht habe ich woanders geschlafen. Und immer wenn Gustav nicht auf See war, war er glücklich, in dieses Heim zurückkehren zu können. Er liebte dieses Haus, so wie ich es liebe.«

Sie war also wieder im Heute angelangt, dachte Ben erleichtert.

Sie ergriff seine Hand. »Du musst mir versprechen, dass ihr es nie verkauft, unser Kapitänshaus. Es muss immer in Familienbesitz bleiben, hörst du?«

»Vorsicht, Charlotte, verschütte nicht den Tee«, wich er aus und gab ihr den Becher in die Hand.

»Hörst du das Meeresrauschen direkt vor dem Fenster? So etwas Schönes. Ich möchte es immer hören. Bis zu meinem letzten Tag, wenn ich einschlafe und Gustav wiederbegegne.« Sie nippte an dem Tee. »Ceylon. Das schmeckt nach Fernweh, findest du nicht? Ich sehe die Terrassenfelder der Teeplantagen regelrecht vor mir, die Gustav uns immer beschrieben hat.«

Mit gerunzelter Stirn sah Ben Charlotte zu, wie sie lächelnd einen Schluck nach dem anderen nahm.

Wie hatte das nur passieren können? Dieser Abend kurz nach seiner Rückkehr aus Australien. Wie hatte er sich nur verleiten lassen können zu pokern? Steuerschulden waren Steuerschulden. Keine Frage. Und sie mussten beglichen werden. Natürlich hätte es sie eigentlich gar nicht geben müssen, wenn er nicht zu verplant und zu geizig gewesen wäre, für die Surfschule einen Buchhalter zu beauftragen. Es hatte sich eben gezeigt, dass er deutlich besser surfen konnte, als seine Finanzen im Blick zu behalten. Inzwischen war der Buchhalter da, mit dem Finanzamt gab es einen Tilgungsplan – aber das Kapitänshaus war so gut wie futsch. Wie hatte er nur alles riskieren können? Und dann noch mit dem schmierigen Hartenberg!

Der Dampf des Tees stieg ihm in die Augen.

Und was hatte ihn gebissen, das Haus zu setzen? Er schloss die Augen. Immerhin hatte er die vierundzwanzig Monate Vorkaufsrecht noch aushandeln können. Allerdings war diese Frist nun schon fast abgelaufen. Wenn sie doch nur irgendwie das Geld …

Seine Gedanken wurden unterbrochen von Markus’ Stimme, die aus dem Garten durch das angelehnte Fenster drang: »Verschwinden Sie! Runter von unserem Grundstück!«

Charlotte reckte sich in ihrem Bett. »Seech eis, was ist da los, Ben? Guck doch mal ut.«

Ben lief zum Fenster. Die alte Pappel nahm ihm zunächst die Sicht, aber dann sah er Markus den Rasen überqueren – geradewegs auf Hartenberg zu. Mit seinen Bommel-Budapestern stand der Immobilienmakler mitten im Rosenbeet, einen Zollstock in den Händen. Es sah aus, als hätte er gerade den Abstand zwischen Pappel und Gartenzaun vermessen. Die Basecap auf seinem Bollerkopf verdeckte von hier oben sein Gesicht, aber Ben konnte sich genau denken, wie Hartenberg Markus mit seinen wulstigen Lippen angrinste. So wie er es mit mir gemacht hat, dachte Ben. Damals in dieser verhängnisvollen Pokernacht.

»Was machen Sie da, Hartenberg?«, rief Markus. »Noch ist das unser Garten.« Er blieb kurz vor dem Wohlstandsbauch im weinroten Seidenblouson stehen.

Hartenberg trat aus dem Rosenbeet. »Muss doch wissen, ob da die Doppelgarage hinpasst, die ich geplant habe. Soll ja an nichts fehlen für die neuen Eigentümer, wenn ich den alten Kasten erst einmal in drei Luxuswohnungen umgebaut habe.« Er klappte den Zollstock zusammen. »Zeit ist Geld, junger Mann. Kann gar nicht früh genug mit den Ausschreibungen anfangen. Die Handwerker auf der Insel haben viel zu tun.«

»Noch gehört das Haus nicht Ihnen.« Markus machte einen Schritt auf ihn zu. »Verschwinden Sie von unserem Grund und Boden.«

Hartenberg lief zur Gartenpforte. »Schon gut.« Er zog sie hinter sich zu. »Aber ihr wisst schon: In fünf Monaten müsst ihr die Villa räumen.« Er grinste breit. »Fortuna war eben nicht auf eurer Seite, Freunde.« Er schwang sich in sein rotes Mercedes-Coupé, das er mit Warnblinkanlage direkt auf der Strandpromenade geparkt hatte, startete den Motor und fuhr davon, nicht ohne noch einmal zu hupen.

Ben schloss das Fenster.

»Mit wem hat Markus da geredet? Was haben die diskutiert? Das hab ich nicht verstanden. Was meinen die mit …«

»Gar nichts, Charlotte. Nichts weiter.« Ben nahm ihren Teepott an sich. »Das war nur ein alter Bekannter von Markus, der vorbeigekommen ist. Kein Grund zur Aufregung.«

»Aber das klang nicht gerade nach …«

»Ich hole uns das Halma, ja? Bin gleich wieder bei dir.« Er zog die Tür hinter sich zu und rannte die Treppe hinunter. Markus saß am Küchentisch, die Stirn auf den Planken.

Ben trat zu ihm und legte seinem Bruder die Hand auf den Rücken. »Ich mach’s.«

5
Josefine

Eine Expedition in den hohen Norden. Josefine stand in ihrem Kleiderzimmer und schaute in den beleuchteten Schuhschrank. Die Stilettos? Nein. Die Bergschuhe? Nein. Turnschuhe! Sie feuerte sie in die Weekendbag und rollte die Kleiderschranktür auf. Was trug man so bei den Fischköppen? Die abgewetzten Jeans? Sie pfefferte ein paar Klamotten zu den Schuhen und schob die Schranktür wieder zu. Was noch? Desinfektionsspray, Mückenmilch, Müsliriegel.

Das Handy klingelte. Schatz ruft an, blinkte die Anzeige. »Konstantin«, begrüßte Josefine ihren Freund. »Tut mir leid, das wird nichts mit St. Moritz dieses Wochenende. Nein, auch nicht mit dem P1.« Sie klemmte das Handy zwischen Kinn und Schulter und zog den Reißverschluss der Reisetasche zu. »Heringsdorf. – H-E-R-I-N-G-S-D-O-R-F. – Doch, das ist in Deutschland. – Im Osten. – Ja, ich passe auf mich auf. – Natürlich habe ich an Sagrotan gedacht. – Ja, eine große Reportage. – Über Glück. Ich treffe einen Kapitän, der einen Ratgeber geschrieben hat. – Nein, ich weiß nicht, ob der gut aussieht und sexy ist. – Du brauchst wirklich nicht mitzukommen als Begleitschutz. – Ja, ich melde mich, wenn ich angekommen bin. – Danke, ich glaube kaum, dass ich dort Spaß haben werde, aber hoffentlich wird wenigstens die Story ein Erfolg.«

Konstantin war so aufmerksam, dachte sie, als sie nach dem Auflegen das Handy ans Kabel hängte, damit es morgen auf der Fahrt genug Saft hätte. Ein echter Gentleman. Und schon Partner in der Kanzlei, das hatte ihre Eltern besonders gefreut, als sie ihn kennengelernt hatten. Wenn ihre Mutter ihr nur nicht so mit dem Thema Hochzeit auf die Nerven gehen würde. Man musste doch nun wirklich nichts überstürzen.

Sie trug die fertig gepackte Tasche durch ihr Loft und stellte sie an die Wohnungstür. Auf dem Rückweg griff sie vom Sideboard das Buch, das der Postbote gebracht hatte, und riss die Zellophanfolie auf.

Das Kapitänsprinzip prangte in goldenen Buchstaben auf dem Cover. Und als Untertitel: So steuern Sie Ihr Lebensschiff ins Glück! Im Hintergrund durchpflügte eine Art Queen Mary 2 majestätisch den Ozean.

Josefine seufzte und fläzte sich mit dem Buch auf die weiße Designercouch. Draußen vor der bodentiefen Fensterfront wurde es bereits schummrig, die Lichter in den Wohnblocks rundherum gingen an. Sie stand noch einmal auf, um sich ein Evian aus der Küchenzeile zu holen. Dann klatschte sie einmal, um die Bogenlampe einzuschalten. Ein warmer Lichtkegel hüllte sie nun ein.

Also, Herr Kapitän, dachte sie, legte sich lang hin und schlug die Beine übereinander. Wollen wir doch mal sehen, wohin Sie schippern in Ihrem Buch. Sie trank einen Schluck Wasser und las zuerst den Klappentext: Haben Sie genug davon, wie in einer Nussschale von den Wogen des Lebens hin und her geschaukelt zu werden? Vom Wind getrieben, mal hierin, mal dorthin, ohne Führung, ohne Ziel und ohne Hoffnung?

Sie riss die Augen auf. Das war ja bekloppter, als sie befürchtet hatte. »Nein, Kapitän Wichtigtuer, ich treibe nicht ziellos durchs Leben.«

B

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