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Verlorene Sicherheit: Kriminalroman

Horst Bieber

Verlorene Sicherheit: Kriminalroman

Cassiopeiapress Originalausgabe/Edition Bärenklau





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Personen:

Nicole Jansen: ein international erfolgreiches Model, das seinen Vater hasst und seine Mutter

vermisst.

Uwe Lenzer: Unternehmer, Schürzenjäger und Nicoles Nachbar, wird tot aufgefunden.

Arno Osterkamp: Lenzers Partner in der Firma Hohbarg Druckmaschinen KG, möchte ihn aus

mehreren Gründen gerne loswerden.

Tamara Schmitz: Lenzers Sekretärin, wird verprügelt, weil sie die Wahrheit sagt.

Jap de Cheulen: lebt auf Mallorca, treibt Schulden ein

Rolf Kramer: Privatdetektiv, liebt attraktive Frauen, klassische Musik, Weißweinschorle und

verzwickte Fälle, wenn nur das Honorar stimmt.

Dr. Christian Bülow: Rechtsanwalt mit einem großen Herzen für Privatdetektive und schöne Mandantinnen.

Anja Belitz: mit Künstlername die weiße Hexe Jana zaubert und bezaubert, was einen

grausamen Tod nicht verhindert.

Alle Namen und Personen, Orte und Firmen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1.Teil

Ihr Auftritt war ein voller Erfolg gewesen, das Publikum hatte minutenlang geklatscht und rhythmisch "Zugabe, Zugabe" verlangt, die Jana auch bieten konnte. Nach ihrer Vorstellung unterhielt sie sich angeregt mit dem Weißhaarigen, dessen Firmenjubiläum von einem großen Kreis gut gelaunter Männer und Frauen in dunklen Anzügen und festlichen Kleidern gefeiert wurde. Nur Uwe Lenzer, Jans Begleiter, stand in der Ecke und schnitt finstere Grimassen.

Der Jubilar hatte Jana eingeladen, noch zu bleiben und bei der Plünderung des Büffets zu helfen. Sie hatte höflich abgelehnt, hauptsächlich, weil sie da schon Lenzers Gesicht bemerkt hatte; er wollte endlich gehen. Der Weißhaarige hatte geschmunzelt. "Das ist nicht die volle Wahrheit. Sie müssen nur auf Ihre Kleidergröße von dreiunddreißigeinhalb achten!"

Sie blinzelte ihm zu: "Verstehen Sie denn was von Konfektionsgrößen?"

"Das will ich meinen, meine Firma baut seit Jahren Textil-Zuschneidemaschinen."

"Dann bedanke ich mich für das Kompliment. Wegen meines nächsten Arbeitskostüms komme ich dann zu Ihnen."

Sie lächelten sich zu, und er bettelte: "Bitte! Tun sie mir doch einen Gefallen."

"Welchen Gefallen meinen Sie?"

"Liebe schöne Zauberin, die Organisatorin dieses Festes hat mir verraten, dass Sie noch einen verblüffenden Trick beherrschen, den Sie heute nicht vorgeführt haben. Würden Sie mir bitte einmal Ihre Schreibkünste zeigen?"

Sie zögerte: "Na schön, ausnahmsweise zum Jubiläum. Dann schreibe Sie bitte auf ein Blatt Papier in Ihrer unverstellten Handschrift einen x-beliebigen Satz mit mehr als vier Wörtern."

Nach kurzer Bedenkzeit kritzelte er mit seinem Füllhalter: "Ich liebe trotz meines Alters alle schönen Hexen, wenn sie mich bezaubern."

Sie studierte ein paar Minuten die zwölf Wörter, nahm dann das Blatt und schrieb flüssig darunter: "Mein Geständnis, ich liebe alle Hexen, möchte ich gerne modifizieren. Es müssen nette Hexen sein, die nur an meinem Geburtstag oder zu einem Jubiläum erscheinen."

Dann gab sie dem Weißhaarigen das Blatt, der nach einem Blick laut ausrief: "Das ist ja unglaublich."

"Was ist los, Walter?"

Eine weißhaarige Frau und ein jüngerer Mann drängten sich heran und nahmen ihm das Blatt aus der Hand. Die Frau keuchte: "Das ist nicht wahr." Der jüngere Mann sagte laut: "Vater, das ist doch deine Handschrift."

"Nein, sie hat es geschrieben, bestimmt, ich habe daneben gestanden. Und als Vorlage hatte sie nur den dummen Satz, den ich oben auf das Blatt geschmiert habe.

"Jana, die schöne weiße Hexe, nahm das Blatt und zerriss es in Fetzen, die sie in einen Papierkorb warf. Dann ging sie zu Lenzer, der sie böse anfunkelte.

"Du wolltest doch diesen Kujauschen Trick nicht mehr vorführen."

"Er hat mich sehr nett darum gebeten."

"Der hat dir doch die ganze Zeit nur auf den Busen gestarrt", zischte Lenzer sie an, und Jana lachte. "Ich weiß. Erstens stört es mich nicht, zweitens sollen die Leute, wenn ich zaubere, ruhig auf meine Figur schauen und dafür nicht auf meine Hände achten und drittens hat du es nicht anders gemacht, wenn ich dich daran erinnern darf."

"Musst du immer so durchsichtige Klamotten und kaum was drunter tragen?"

"Auf der Bühne, ja."

"Das gefällt mir nicht."

"Lieber Uwe, was dir gefällt oder nicht, lässt mich ziemlich kalt. Ich habe mich schon durchgeschlagen, bevor ich dich kennen gelernt habe und ich werde es auch weiter auf meine Art tun. Da redet mir niemand rein."

Sein Gesicht verzerrte sich hässlich vor Wut, Widerspruch vertrug er schlecht. Und in ihrem Zorn ließ Jana sich dazu hinreißen, doch mehr zu sagen, als sie sich vorgenommen hatte. "Hör mal, Uwe, wir müssen wohl etwas klarstellen: Wenn du glaubst, du könntest mich auf der Insel da einsperren und wie deinen Hund herumkommandieren, bist du gewaltig schief gewickelt. Ich weiß zwar nicht, was du mit deinem famosen Bruder planst; ich will es auch gar nicht wissen."

Sie wusste nur, dass Uwe Lenzer auf Bitten seines Bruders Bodo viel Bargeld zusammengerafft hatte, das er mit auf die Insel nehmen wollte; außerdem vermutete sie nach einigen Bemerkungen Uwes, dass Bodo Lenzer so geldgierig wie leichtsinnig sich mit der Insel-Mafia eingelassen oder angelegt hatte, die auf Mallorca unter den Touristen Tabletten und synthetische Drogen vertrieb. "Aber erstens kenne ich die Insel, zweitens habe ich dort einheimische und einflussreiche Freunde, die mir jederzeit helfen werden, und drittens spreche ich, anders als du, Katalanisch und Spanisch, kann mich also auf Mallorca frei bewegen. Ich bin ein unabhängiger Mensch und ich bleibe es. Kapiert?"

"Was soll das, Jana?"

"Jana heiße ich auf der Bühne, privat im bin und bleibe ich Anja. Stören dich meine deutlichen Worte?"

"Ja, sie stören mich."

"Dann, denke ich, brauchen wir jetzt unbedingt eine Art Beziehungspause. Du weisst ja, wo ich wohne, und du hast meine Telefonnummer. Rufe mich erst wieder an, wenn du bereit bist, mich so zu akzeptieren, wie ich bin, verstanden?"

Sie raffte ihr knöchellanges weißes Schleiergewand zusammen und ging in ihre Garderobe, ohne ihn weiter zu beachten. Wenn sie mit langen, energischen Schritten lief, schwang ihr hüftlanger, goldblonder Haarschopf, den sie mit einem bunten Seidentuch zusammengebunden hatte, wie ein Uhrpendel regelmäßig hin und her.

Die Auseinandersetzung hatte schon lange in der Luft gelegen. Sie mochte ihn, sie war bereit, für ihn viel aufzugeben, was sie sich mühsam aufgebaut hatte, aber sie vertrug es nicht, wenn man sie herumkommandieren wollte.

Lenzer sah ihr beunruhigt nach. So hatten sie nicht geplant, und deshalb nahm er sein Handy heraus und suchte sich eine ruhige Ecke, um seinen Bruder Bodo auf Mallorca anzurufen.

Die junge Frau kam eilig in das Zimmer gehuscht und flüsterte Oberkommissar Achim Horn etwas zu. Alle schauten unwillkürlich zu ihnen hin. Der schmale Raum, nur mit einem wackeligen Tisch und zwei altersschwachen Stühlen möbliert, war düster und unangenehm kühl.

Ein heftiger Regenguss prasselte gegen das Fenster und ließ alle Anwesenden frösteln. Schnee hatte es im Winter kaum gegeben, aber dafür Regen satt, der auch jetzt im April anzudauern schien.

Horn reckte sich: "So, wir sind so weit. Meine Kollegin Schell wird Sie einzeln abholen. Schauen Sie sich die Frauen auf der Bühne genau an, und wenn Sie jemanden wieder erkennen, nennen Sie mir bitte die Nummer. Anschließend müssen Sie in einem anderen Raum noch einmal warten, bis Sie das Protokoll unterschreiben können."

Ein leiser Seufzer klang auf. Immer wieder warten!

"Kommen Sie, Herr Dr. Bülow."

Auch Bülow hätte am liebsten geseufzt. Oberkommissar Achim Horn war drahtig und klein und ersetzte die fehlenden Zentimeter durch stramme Haltung und forsche Unfreundlichkeit. Im Präsidium war er als scharfer Hund verschrien, hinter seinem Rücken wurde er Bello Horn genannt. Bülow hatte mehr als einmal vor Gericht die Klingen mit ihm gekreuzt und wusste, dass Bello Horn ihm jede einzelne Niederlage auf ewig nachtrug. Aber heute benahm sich Horn, als triumphiere er heimlich. Selbst die Aufforderung klang halb energisch und halb unverschämt.

Auf der anderen Seite des Flurs war ein lang gestrecktes Zimmer für Identifizierungsparaden hergerichtet. An einer Längsseite gab es ein niedriges Podest, von mehreren Strahlern so ausgeleuchtet, dass der Rest des Raumes im Halbdunkel lag. Als sie eintraten, stellten sich schon sieben Frauen unter den Nummernschildern auf, die von der Decke herabhingen.

"Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat, aber sechs junge große Blondinen im Präsidium aufzutreiben, war um diese Zeit nicht so einfach."

Nach einer Bedenkpause nickte Bülow knapp. Bello Horn ging auf Nummer Sicher, er hatte tatsächlich sechs Polizistinnen zusammengebracht, die alle groß und schlank waren und helle lange

Haare hatten, die sie offen oder in einem Zopf trugen. Alle waren mit Jeans und T-Shirt bekleidet, wie Bülows Mandantin Nicole Jansen, die unter der Nummer Drei stand und verzweifelt in das Halbdunkel starrte, als bete sie darum, dass jemand sie aus diesem Alptraum aufwecke und erlöse.

"Keine Bedenken, Herr Horn", murmelte der Anwalt.

"Gut, dann können wir anfangen." Er drückte auf eine Taste der Gegensprechanlage. "Esther, Herrn Schöne bitte."

"Okay", quäkte das Gerät. Eine halbe Minute danach öffnete Esther Schell die Tür und begleitete Dieter Schöne herein, der sich unbehaglich umsah.

"Lassen Sie sich Zeit", sagte Horn laut, und Bülow wusste, dass die Aufforderung zur Hälfte an seine Bülows Adresse gerichtet war.

Dieter Schöne, 44 Jahre alt, gelernter Betriebswirt, Mitinhaber der Firma Hohbarg Druckmaschinen GmbH. Mittelgroß und nicht sehr kräftig, mit einem rundlichen, sympathischen Gesicht. Ein ruhiger, besonnener Mann, der im Moment bedrückt und sorgenvoll aussah. In seiner Haut fühlte er sich sichtlich nicht wohl, und Bülow überlegte, dass Schöne vor Gericht einen gefährlichen Zeugen abgeben würde, gerade weil er wegen seiner pedantischen Korrektheit sehr glaubwürdig wirkte. Während er an den Frauen vorbei stakste und ihnen ins Gesicht und auf den Körper schaute, krümmte er sich vor Verlegenheit und richtete sich erst wieder auf, als er zu Horn und Bülow trat und einen letzten Blick auf die sieben unbeweglichen Frauen warf.

"Nun, Herr Schöne, befindet sich Chérie unter den Frauen?"

"Ja." Er musste sich räuspern. "Nummer Drei."

"Kein Zweifel?"

"Nein." Er schüttelte den Kopf, und Horn schoss Bülow einen triumphierenden Blick zu.

"Fein. Dann warten Sie bitte im Nebenzimmer." Er deutete auf die andere Tür, und Schöne ging rasch fort.

"Esther, Frau Schöne bitte." Er hatte auf den Knopf gedrückt, als sei ihm nun der Jackpot sicher.

Doris Schöne, 42 Jahre alt, drei oder vier Zentimeter kleiner als ihr Mann. Eine zierliche Frau mit einem runden Koboldgesicht und weißblonden Haaren, die Ponyfrisur bedeckte ihre Stirn und erinnerte an einen eng anliegenden Helm. Ein hübsches Gesicht, was man freilich nur bei einem zweiten Blick entdeckte. Die riesige Brille stand ihr nicht. Als wolle sie sich vor jedermann und sich selber verbergen, nur nicht auffallen, dachte Bülow. Sie schien merkwürdig unsicher, vielleicht, weil sie sich selbst für unansehnlich hielt, und versteckte sich in einem viel zu weiten Kleid. Als Zeugin musste er sie nicht fürchten, drei, vier Fangfragen, und sie verhedderte sich in ihrer Nervosität total. Auch Horn runzelte die Stirn, als sie vor jeder Frau lange stehen blieb und den Kopf in den Nacken legte.

Verlegen zog sie die Schultern hoch, als Horn sie endlich heranwinkte.

"Nun, Frau Schöne, haben Sie jemanden erkannt?"

"Ich weiß nicht", antwortete sie mit dünner Stimme. "Ich bin mir nicht völlig sicher."

"Das macht nichts", tröstete Horn, und Bülow ärgerte sich einen Moment über diese Scheinheiligkeit.

"Es könnte Nummer Drei sein, aber ich Sie wissen doch, am Samstag hatte ich keine Brille, und ohne Brille also, ich meine, es ist Nummer Drei ..."

"Aber ganz sicher sind Sie nicht?"

"Nein", gestand sie und rieb vor Verlegenheit die Handflächen an ihrem Kleid.

"Alles in Ordnung, Frau Schöne. Warten Sie jetzt bitte nebenan bei Ihrem Mann?"

Als nächster stürmte Arno Osterkamp herein. 43 Jahre alt, Diplom-Ingenieur der Fachrichtung Maschinenbau, ebenfalls Mitinhaber der Hohbarg Druckmaschinen GmbH, ein großer, energischer und lebhafter Mann, der leicht sehr laut wurde und auftrat, als könne er auch handgreiflich werden. In dem Zimmer auf der anderen Seite des Flures hatte Bülow ihn unauffällig beobachtet. Bei ungeduldigen Männern im Zeugenstand empfahl sich Vorsicht, und Osterkamp platzte vor Tatendrang. Ganz anders als sein Kompagnon Schöne. Wenn Osterkamp sich vor Gericht beherrschte, beeindruckte er bestimmt die Richterbank, und bei einem Mann seiner Intelligenz durfte der Verteidiger nicht damit rechnen, ihn in Wut zu versetzen.

Osterkamp zögerte nicht, für Sekunden verharrte er vor Nummer Drei, schaute sich die restlichen Frauen nur flüchtig an und marschierte auf Horn und Bülow zu.

"Nummer Drei", trompetete er. "Nummer Drei ist Chérie."

"Kein Zweifel möglich?"

"Keiner."

"Danke, dann warten Sie bitte ..." Osterkamp war schon unterwegs. Die letzte Zeugin war Jutta Osterkamp, 41 Jahre alt, eine humorvolle, patente Frau, mit lockigen, kastanienbraunen Haaren, die in Größe und Beweglichkeit zu ihrem Mann passte. Als sie nebenan herumstanden, war Bülow aufgefallen, dass sie ihr ungeduldiges Ehegespons problemlos zu bändigen verstand; sie ließ sich von niemandem herumschubsen, auch von ihrem Mann nicht, und er versuchte es auch nicht mehr. Wahrscheinlich führten sie eine abwechslungsreiche Ehe mit Blitz, Donner, Sturm und Hagelschlag, aber eben auch mit viel Sonnenschein.

Auch Jutta Osterkamp brauchte nicht lange. "Lassen sie sich ruhig Zeit, Frau Osterkamp", mahnte Horn scheinbar besorgt.

"Nicht nötig. Nummer Drei", sagte sie entschieden.

"Nummer Drei ist Chérie? Kein Zweifel, Frau Osterkamp?"

"Nein. Keiner." Sie hatte eine helle Stimme, mit der sie sich mühelos gegen jeden Lärm durchsetzte.

"Danke, würden Sie bitte nebenan noch einen Moment warten?"

Sobald sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, trat Horn vor.

"Vielen Dank, Kolleginnen, wird sind fertig."

"Endlich. Gottseidank. Es wurde aber auch Zeit."

Die Frauen drängten schwatzend und schimpfend durch eine kleine Tür von der Bühne, zwei uniformierte Polizistinnen waren hereingekommen und blieben neben Nicole Jansen stehen, die sich immer noch nicht rührte. Horn erklärte scharf: "Ich muss Ihre Mandantin vorläufig festnehmen, Herr Dr. Bülow."

Bülow schaute ihn nachdenklich an. Drei sichere, eine etwas zweifelhafte Identifizierung, nein, Horn genoss aus Gründen, die Bülow nicht kannte, seinen Erfolg und er würde dem Kriminalbeamten den Triumph nicht gönnen, sich auf eine lange Diskussion einzulassen, die er mit Sicherheit verlor.

"Ich möchte mich gern mit meiner Mandantin unter vier Augen unterhalten."

"Kein Problem." Esther Schell war hereingekommen und streckte die Hand zu Nicole Jansen aus, die aus ihrer Erstarrung aufwachte und von der Bühne herunter stolperte. Dabei blinzelte sie verwirrt, als habe sie noch nie im Scheinwerferlicht gestanden.

Im Besprechungszimmer brannte nur eine schwache Birne, das kleine Fenster hoch unter der Decke war geklappt, der Regen rauschte gleichmäßig. Irgendwo lief eine Regenrinne über, das Wasser

klatschte und pladderte in heftigen Güssen auf ein flaches Dach.

Bülow wartete, ob Nicole sich fassen würde. Ihr bleiches Gesicht hatte jeden Ausdruck verloren, Strähnen ihrer langen Haare fielen ihr ins Gesicht und sekundenlang schien sie sogar ihren Anwalt nicht zu erkennen.

Einen Tag nach ihrem 18. Geburtstag war sie in seine Kanzlei gekommen und hatte als Erstes gefragt: "Vertreten Sie meinen Vater?"

Er war aufgestanden und musterte sie, mehr erstaunt als aufgebracht. Für eine Frau war sie groß, sehr schlank, mit einem eigenwilligen Gesicht, das wie er bald lernte alles ausdrücken konnte, Zorn und Demut, Sanftheit und Härte, Liebe und Hass. Anders als viele ihrer Kolleginnen war sie nicht mager oder spindeldürr, sondern hatte eine wohlproportionierte Figur.

"Warum wollen Sie das wissen?", erkundigte er sich endlich gelassen. "Wie heißt denn Ihr Vater?"

"Ludwig Jansen. Mein Vater ist mein Feind. Wenn Sie für ihn arbeiten, gehe ich sofort."

„Ein Ludwig Jansen gehört nicht zu meinen Mandanten", lächelte er.

Sie hatte sich als Nicole Jansen angemeldet, mit einer Adresse in Lausanne, und sich am Telefon geweigert, einen Grund für den Termin zu nennen. An Selbstbewusstsein fehlte es ihr nicht, aber ihr

Auftreten und ihr äußeres täuschten, wie er bald bemerkte, sie benahm sich oft noch wie ein Kind. Natürlich hatte Bülow Kleid, Handtasche und Schmuck taxiert, ohne Zweifel besaß sie Geld und wusste wohl, dass man sich vieles kaufen konnte, auch Menschen, wenn man Hilfe brauchte; aber sie verblüffte ihn doch, als sie sich setzte und kühl erklärte, sie werde das Internat in Lausanne verlassen und als Model arbeiten. Bis gestern habe es der Vater verboten und darauf bestanden, dass sie ihr Abitur mache, diese Sklavenzeit sei nun vorbei, und deshalb brauche sie einen Anwalt ihres Vertrauens.

"Nicole!"

Mühsam hob sie den Kopf und strich die Haare zurück.

"Ich habe eine schlechte Nachricht für Sie."

Sie zuckte zusammen, und Bülow betrachtete sie besorgt. Schon heute Mittag, als er im Präsidium eintraf, wo Bello Horn ungeduldig hin- und hertigerte, hatte er registriert, dass es ihr schwer fiel, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Mit einem Teil ihrer Gedanken war sie sehr weit weg und deshalb schien sie gar nicht zu begreifen, was mit ihr geschah. Bülow vertraute ihrem Wort, dass sie weder trank noch Rauschgift nahm noch irgendwelche Tabletten schluckte, aber alle ihre Reaktionen erfolgten so verzögert, als stecke sie fest in dicker Watte. Worte, Fragen, Vorwürfe erreichten sie kaum, auf Bello Horn wirkte sie sicherlich arrogant oder hochnäsig, wenn sie glatt durch ihn hindurchschaute und schwieg.

Bülow kannte sie besser und hatte Mühe, sein Entsetzen zu verbergen. Das war nicht die Mandantin, die er schätzte und vertrat.

"Drei Zeugen haben Sie ohne jeden Zweifel als Chérie identifiziert."

Endlich kehrte Leben in ihre Augen zurück, und er sah, dass sie Angst bekam.

"Oberkommissar Achim Horn wird Sie vorläufig festnehmen und morgen einen Haftbefehl beantragen."

"Haftbefehl ...? Aber ich habe diesen diesen Lenzer nicht erschossen. Ich habe ihn nicht zu dieser Familie wie hießen sie noch? zu diesen Osterkamps begleitet."

"Vier Zeugen behaupten das Gegenteil."

"Die irren sich. Die müssen mich verwechseln."

"Vielleicht", antwortete er bedrückt.

"Ganz sicher, Herr Bülow. Natürlich habe ich diesen Lenzer gekannt, schließlich wohnte er ja auf derselben Etage, aber ich bin dem Stinktier immer aus dem Weg gegangen und habe mich nie von ihm einladen lassen, und am Samstagabend habe ich geschlafen, das habe ich der Polizei doch schon erzählt."

Er nickte und wich ihrem Blick aus. Vor der Kamera oder auf dem Laufsteg besaß sie viele Gesichter, süß und naiv, kühl und hochmütig, abweisend und unerreichbar, sie verkörperte die patente Frau von nebenan, die intellektuelle Freundin oder die verruchte Liebhaberin, doch hinter allen Fassaden und Gesichtern verbarg sich eine junge Frau, die nur perfekt in verschiedene Rollen schlüpfte und mit sich selbst noch lange nicht im Reinen war.

"Die Kripo glaubt Ihnen nicht, Nicole."

"Aber warum denn nicht?" Es erstaunte sie wirklich, sie log doch nie, und wenn sie die Wahrheit nicht sagen oder nicht antworten wollte, schwieg sie einfach. Mehr als einmal hatte Bülow gebohrt, weil er herausfinden wollte, warum sie ihren Vater als Feind bezeichnete, doch sie hatte ihn nur direkt angeschaut und nichts erwidert. Man musste sie schon gut kennen, um es nicht als bewusst provozierende Unhöflichkeit auszulegen, und Bello Horn scherte sich schon immer einen Dreck um die Psyche seiner Verdächtigten.

"Nicole, gegen drei Zeugenaussagen kann ich im Moment nichts tun. Oberkommisar Horn ist überzeugt, dass Sie es waren."

"Er kann mich nicht leiden. Ein selten dummer Mensch, nachtragend und kleinkariert", platzte sie zornig heraus. "Ist Ihnen aufgefallen, dass er sich immer reckt, als müsse er unbedingt größer erscheinen?"

"Ja. Kennen Sie eine Frau, der Ihnen so ähnlich sieht, dass man sie bei flüchtigem Hinsehen mit Ihnen verwechseln kann?"

Sie überlegte eine Weile, bevor sie, wieder mutlos, den Kopf schüttelte: "Nein."

"Haben Sie Oberkommissar Horn gesagt, dass Sie ihn für dumm halten? Haben Sie auf seine Größe angespielt? Hat es zwischen Ihnen, als ich noch nicht im Präsidium war, eine Auseinandersetzung gegeben oder einen heftigen Wortwechsel?"

"Nein, bestimmt nicht. Fragen Sie dieses Frau Schell, die war fast die ganze Zeit mit im Zimmer. Mir ist nur aufgefallen, dass er immer so tat, als würde er mich schon lange kennen. Aber ich bin ihm nie zuvor begegnet. Und mit wem man mich verwechseln könnte, weiß ich nicht."

"Ich werde mich darum kümmern. Aber Sie müssen heute Nacht leider hier bleiben, im Moment kann ich nichts für Sie tun."

"Sie verteidigen mich doch, Herr Bülow?"

"Natürlich, aber so weit ist es noch lange nicht." Unwillkürlich lächelte er. "Ich muss jetzt gehen. Morgen früh besuche ich Sie … nein, ich lasse Sie nicht allein. Brauchen Sie noch etwas aus Ihrer Wohnung?"

Sie zuckte die Achseln. "Etwas für morgen zum Anziehen, ja, aber dieser Horn hat mir die Schlüssel abgenommen."

"Ich sehe ihn gleich noch. Nicole, wen soll ich benachrichtigen?"

"Wieso benachrichtigen? Wovon?"

"Dass Sie hier festgehalten werden."

"Niemand", sagte sie ehrlich erstaunt. "Oder doch würden Sie bitte in der Agentur Bescheid geben?"

"Was ist mit Ihrem Vater?"

"Nein." Ihr Gesicht versteinerte zu einer Maske wütender Ablehnung. "Auf keinen Fall."

"Ihre Tante Merle weiß Bescheid?"

"Ja. Sie hat mich heute vom Flughafen abgeholt und war dabei, als die Polizisten mich vor meiner Wohnung erwartet haben. Sie war ziemlich erschrocken und hat mir versprochen, Sie sofort anzurufen und diesen Rolf Kramer zu alarmieren."

Merle Brandenbusch, die unverheiratete Schwester von Nicoles verstorbener Mutter Hilke, war eine sehr energische und beruflich erfolgreiche Frau, mit der sich Nicole gut verstand.

"Ja, ich war leider in einer langen Verhandlung und hatte mein Handy abgeschaltet. Ihre Tante hat mich erst erreicht, als Sie schon mit Kommissar Horn gesprochen hatten. Und was ist mit Ihrem Onkel Eduard?"

"Der widerliche Schleimer kann mir auch nicht helfen. Der braucht selber Hilfe, um heil über eine Straße zu gehen. Außerdem würde er sofort meinen Vater anrufen." Sie verachtete den Bruder ihres Vaters, das hatte sie Bülow schon einmal erzählt, aber die Gründe für ihre Abneigung verschwiegen.

"Na ja, eine Nacht werde ich hier drin wohl überstehen."

Horn lächelte dünn, als Bülow Nicoles letzte Sätze wiederholte. In diesem Punkt würde die junge Dame wohl ihr blaues Wunder erleben, was er ihr zu gönnen schien, aber darauf sollte Bülow selber kommen, mit dem Anwalt standen noch einige Rechnungen offen, und gegen dreieinhalb Identifizierungen einwandfreie und korrekte Identifizierungen, wie Bülow bestätigte sollte er erst einmal anstinken. Bülow wunderte sich, dass Horn so heftig wurde. Nein, diesmal bewegte sich die Kripo auf der sicheren Seite. Bülow stutzte bei dem Ausdruck "diesmal", aber verspürte keine Lust, mit Bello Horn ein längeres Gespräch anzufangen. Der Oberkommissar hatte die Hände gefaltet und glänzte vor Selbstzufriedenheit. Diesmal? Gab es da ein früheres Mal? Auch Nicole war aufgefallen, dass Bello so getan hatte, als kenne er sie schon.

"Ein Motiv für die Tötung haben Sie auch nicht vorgetragen."

"Noch nicht", pflichtete Horn höflich bei. "Wir sind schließlich erst seit heute Mittag dran."

"Können Sie mir denn schon sagen, ob Sie etwas in der Lenzer-Wohnung gefunden haben, was ihn mit meiner Mandantin in Verbindung bringt?"

"Noch nicht, Herr Dr. Bülow. Spusi und KTU sind noch nicht fertig."

"Was vergleichen Sie denn?"

"Wir haben in Lenzers Wohnung lange blonde Haare gefunden. Außerdem im Bad jede Menge Fingerabdrücke und so ein Papierchen mit Lippenstiftspuren, wissen Sie, wenn sich Frauen die Lippen zu reichlich angemalt haben, beißen sie darauf. Und im Wäschekorb gebrauchte Bettwäsche mit Spuren von Sperma und Vaginalsekret."

"Nicole Jansen ist nie in der Lenzer-Wohnung gewesen.

"Behauptet Ihre Mandantin. Morgen früh weiß ich, ob ich ihr das Gegenteil nachweisen kann."

"Müssen Sie sie unbedingt einbuchten?"

"Sie spricht Englisch und Französisch, sie fliegt oft und viel, sie besitzt gültige Kreditkarten, nein, da ist mir zu viel Fluchtgefahr angehäuft."

Der Kaffee schmeckte scheußlich, dünn und wässrig, Bülow hasste Pappbecher, aber das gefärbte Wasser wärmte wenigstens. Der Regen hatte etwas nachgelassen, und bei einem anderen Kriminalbeamten hätte Bülow offen gezeigt, dass er müde war.

"Wie steht's mit der Waffe, Herr Horn?"

"Die suchen wir noch am Niedenstein."

"Die Todeszeit steht noch nicht fest?"

"Genau erst nach der Obduktion. Im Moment meint unser Arzt, Lenzer müsse am vergangenen Samstag zwischen 21 und 23 Uhr gestorben sein."

"Ein schlechter Aprilscherz."

"Wie bitte?"

"Samstag war der 1. April."

"Ach so, ja, richtig."

"Lenzer und Chérie haben das Haus Osterkamp zusammen um 21 Uhr verlassen?"

"21 Uhr 00 oder 21 Uhr 05. Ja."

"Wie lange fährt man vom Haus Osterkamp bis zum Niedenstein?"

"Zwanzig bis dreißig Minuten."

"So lange?"

"Es hat am Samstag in Strömen gegossen. Im Wald standen alle Wege unter Wasser. Da konnte man nur langsam fahren."

Mehr fiel Bülow im Moment nicht ein, er zerknüllte den Becher und warf ihn zielsicher in den Papierkorb. "Ich fahre dann mal in Nicoles Wohnung. Sie braucht ein paar Sachen für die Nacht und für morgen."

"Selbstverständlich." Horn verzog keine Miene. "Meine Leute haben vor zehn Minuten angerufen, eine gute halbe Stunde brauchten sie noch."

Im Auto rieb Bülow seinen steifen Nacken und döste dann vor sich hin. Jetzt nieselte es nur noch, die Scheiben beschlugen im Nu. Dass Bello Horn ihn regelrecht hasste, wusste Bülow, und deshalb hatte er sich auf kein längeres Gespräch eingelassen. Ob er den Forschen mit seiner äußerlichen Ruhe beeindruckt oder gar verunsichert hatte, wagte er nicht zu beurteilen. Merle Brandenbusch hatte ihn mit ihrem Anruf regelrecht überrumpelt, und als er im Präsidium erschien, strahlte Horn schon triumphierend über alle Backen. So sicher war er seiner Sache bereits, dass er Bülow anbot, ihm das Tonband mit Nicoles Aussagen vorzuspielen, entweder sofort oder nach seinem Gespräch mit der versteinerten Nicole. Es wäre Bülow lieber gewesen, Nicole hätte zuerst mit ihm gesprochen, bevor sie überhaupt etwas aussagte, aber das war nun nicht mehr zu ändern, das Kind lag im Brunnen, weil sie freiwillig berichtet hatte, dass sie für die Tatzeit am vergangenen Samstagabend zwischen 21 und 23 Uhr kein Alibi besaß.

No use crying over spilt milk, hatte Bülows Vater ihm eingeschärft. Du holst besser sofort eine hungrige Katze, die sie aufleckt. Das musste Gina erledigen. Sie ging auch sofort ans Telefon.

Die Brentanostraße lag im Südosten der Stadt, in einem der besseren Viertel mit ruhigen, breiten, baumbestandenen Wohnstraßen ohne Durchgangsverkehr. Die Häuser besaßen tiefe Vorgärten und noch größere Gärten auf der Rückseite. Wer hier wohnte, zahlte viel Miete und durfte auf seriöse Nachbarn rechnen. Skandale waren so unerwünscht wie Hausierer und Autowaschen auf der Straße. Das Buckelsteinpflaster glänzte nass, und als Bülow bremste, spürte er, dass die Reifen rutschten. An den Gullys gluckerte es laut.

Vor dem dreistöckigen Haus Nummer 26 parkten zwei unauffällige Kastentransporter. Er winkte dem einen Fahrer flüchtig zu und ging rasch zum Eingang. Nicole Jansen wohnte im ersten Stock links, er kannte die Wohnung, weil sie ihn zur Besichtigung mitgeschleift hatte.

"Ich will sie kaufen, aber ich möchte nicht über's Ohr gehauen werden." Plötzlich kicherte sie wie ein Backfisch. "Außerdem glaubt mir der Eigentümer nicht, dass ich so viel Geld habe."

Das war dem guten Mann nicht zu verargen; in verwaschenen Jeans und kurzem Hemdchen mit geflickten Löchern sah Nicole keinen Tag älter aus als vierzehn, und welche Vierzehnjährige konnte fast eine dreiviertel Million für eine riesige Eigentumswohnung hinblättern?

Der Eigentümer lächelte sehr süßsauer, von Nicole wohl beeindruckt, aber auch um sein Geld besorgt, und entspannte sich erst, als Bülow ihn unbewegt fragte, ob er die Summe sofort in bar haben möchte oder mit einer Überweisung auf ein Notar-Anderkonto einverstanden sei.

Später hatte er sie getadelt: "Nicole, was wollen Sie mit diesem Palast? Für eine einzelne Person ist sie doch viel zu groß, und Sie sind dauernd auf Achse." Außerdem verstand er nicht, warum sie sich hier niederließ und nicht in Hamburg, München oder Düsseldorf, wo es Agenturen en masse gab, Fotografen, Modehäuser, Produzenten und Auftraggeber. Mit ihrem Vater, der hier in der Stadt wohnte und eine Firma für Elektroteile besaß, wünschte sie keinen Kontakt, und ebenso wenig mit ihrem Onkel Eduard, den sie als Schmierlappen hoch drei bezeichnete. Nur mit ihrer Tante Merle traf sie sich häufiger, aber Bülow hatte nie den Eindruck gewonnen, dass sie ihre Tante Merle Brandenbusch, die ledige Schwester ihrer verstorbenen Mutter, tief und innig liebte. Vor allem schien Nicole ihrer Tante Merle zu verübeln, dass die sich seit Jahren regelmäßig am Wochenende mit dem "feindlichen" Vater zum Essen traf. Die recht spröde Nicole kannte viele Menschen und hatte nur wenige Freunde.

Sie hatte nur fröhlich gelächelt und nicht geantwortet. Daran musste man sich gewöhnen. Unhöflich war es nur gemeint, wenn sie schwieg und an ihrem Gegenüber demonstrativ vorbeischaute.

Der Polizist vor der Wohnungstür erkannte ihn: "Herr Dr. Bülow, natürlich. Frau März ist noch drin."

"Danke."

Von den sechs großen Zimmern waren nur drei halbwegs eingerichtet, die Mitarbeiter der Kriminaltechnik hatten bereits die wenigen Schränke durchsucht und räumten nun zusammen. Auf dem Esstisch hatten sie aufgestapelt, was sie mitnehmen wollten, und Gina März verglich die Teile mit einer Liste. Die große Brünette saß auf der anderen Seite und betrachtete sie geduldig, Steiniger hieß sie doch, genau, Petra Steiniger. Hauptmeisterin, wenn er sich richtig erinnerte. Sie war eine auffällige, schöne Frau.

"Hallo, Chef." Gina schnaufte, und er winkte der Polizistin zu.

"Guten Abend, Frau Steiniger."

"Guten Abend, Herr Dr. Bülow."

Das große Esszimmer war leer bis auf den Tisch mit acht unbequemen Stühlen und einem Sideboard, keine Bilder, keine Teppiche, und vor den Fenstern mit Reißzwecken befestigte Gazetücher. Als ob sie gestern eingezogen wäre, eine Studentin ohne Geld. Die anderen Zimmer sahen nicht viel besser aus, Nicole wollte es so, und eine Erklärung oder gar Rechtfertigung gab sie nicht.

"Nicole braucht etwas für die Nacht und für morgen früh, Gina."

"Schon eingepackt. Wir sind gleich fertig."

Er nahm ihr die Liste ab und überflog die zwei Blätter. In erster Linie Fotografien, dazu ein paar Briefe und Kontoauszüge. Ein dickes, in braunes Leder gebundenes Adressbuch, ein Terminkalender, ein Drehgestell für alphabetisch eingeordnete Visitenkarten. Ein Jeansanzug, zwei T-Shirts mit Aufdrucken: "Hate is Hell and Hell is Hate" und "Faith is Hope and Hope is Faith", ein Paar braune Lederschnürschuhe, eine braune Lederhandtasche mit einem langen, breiten Schulterriemen.

"Okay, Frau Steiniger." Gina faltete die Blätter zusammen und steckte sie in ihre Handtasche. Neben ihr auf dem Boden stand eine kleine Reisetasche.

Für alle Fälle machte Bülow einen Kontrollgang durch die Wohnung.

Im Bad hatte die Spurensicherung gewaltig zugeschlagen, überall weiße und auch schwarze Puderflecken hinterlassen, doch im Schlafzimmer waren die Schränke tadellos eingeräumt. Die vier Männer in weißen Overalls grüßten höflich und packten ihre Gerätekoffer.

"Wir können gehen."

Vor der Wohnungstür unterzeichnete er die Quittung für die Schlüssel, bevor die Wohnungstür versiegelt wurde. Von den Nachbarn war nichts zu hören und nichts zu sehen. Die Tür auf der anderen Seite des Vorraums war ebenfalls versiegelt. Als unten die Haustür ins Schloss fiel, murmelte Gina: "Chef, ein Scheißspiel."

"Das dürfen Sie ruhig laut sagen."

"Und was machen wir jetzt?"

"Sie bringen bitte die Tasche ins Präsidium zu Nicole, ich muss noch mit Wehling sprechen."

"Der wird im Kreuz springen."

"Wahrscheinlich." Wieder rieb er seinen Nacken, weil er die stechenden Kopfschmerzen heraufziehen spürte.

Herbert Wehling wartete noch in der Agentur. Bülow hatte ihn häufiger getroffen, weil Nicole ihrem Anwalt alle Verträge vorlegte und er mit dem Inhaber der Model-Agentur lange und zäh über Konditionen und Honorare gefeilscht hatte. Freunde waren sie darüber nicht geworden, aber seitdem respektierten sie einander, und der dicke, immer etwas verwahrlost aussehende Wehling akzeptierte, dass dieser schweigsame, verschlossene Rechtsanwalt so etwas wie eine väterliche Verantwortung für das beste Pferd im Stalle Wehling entwickelt hatte, so wie Wehling alles daransetzte, seine Entdeckung optimal zu vermarkten. In den vier Jahren nach dem Internat hatte

Nicole eine steile, atemberaubende Karriere gemacht und Summen verdient, bei denen es selbst Bülow manchmal schwindelte. Sie nahm es gelassen hin, Geld interessierte sie nicht sonderlich, und bis auf die Summe für die Wohnung hatte sie alles gespart oder vorteilhaft angelegt; dass sie mit 22 Jahren bereits eine reiche Frau war und für ihr Leben ausgesorgt hatte, berührte sie nicht. Vieles perlte an ihr ab.

"Sie sehen aus, als könnten Sie einen Cognac gebrauchen."

"Ja, kann ich."

Sie waren allein in der kleinen Agentur. Wehling goss reichlich ein, seine Hände zitterten, als er seinen Schwenker hob: "Auf Ihre Fähigkeiten, Herr Bülow."

"Hoffentlich reichen sie aus."

"Was meinen Sie damit?"

"Der Oberkommissar wird morgen einen Haftbefehl beantragen. Und höchstwahrscheinlich bekommen."

"Das ist nicht Ihr Ernst!"

"Doch."

"Herr Bülow, das geht nicht, Nicole hat Termine, und zwar eine Menge wichtiger Termine im In- wie im Ausland. Sie müssen sie raushauen."

"Das verspreche ich lieber nicht. Kann ich nicht zusagen."

Wehling knetete seine Hände und zwang sich zur Ruhe: "Herr Bülow, wenn Nicole jetzt ausfällt, heißt das klipp und klar aus, vorbei, Ende einer verheißungsvollen Karriere."

"Darauf nimmt Madame Justitia keine Rücksicht."

"Aber sie nimmt Kautionen an oder?"

"Manchmal, ja, aber hier geht es um Mord."

Weil er Wehlings entsetztes Gesicht sah, fügte Bülow seufzend hinzu: "Und was nutzt Ihnen eine Nicole auf freiem Fuß, wenn zu den Auflagen gehört, dass sie nicht verreisen darf und ihren Pass abgeben muss?"

"Können Sie da gar nichts machen?"

"Ich will's natürlich versuchen, aber bei Flucht- und Verdunkelungsgefahr ..." Er brachte den Satz nicht zu Ende, und wie auf Kommando griffen sie beide zu ihren Gläsern. Ob Horn ahnte, welchen Schaden er Nicole zufügte, wenn er seinen Haftbefehl bekam?

Der Anwalt unterschätzte die Intelligenz seines Gegners so wenig wie seine Rachsucht.

Durch Nicole hatte Bülow viel von diesem eigenartigen Geschäft gelernt. Nach außen wurden Träume modelliert und verkauft, hinter den Kulissen flossen Schweiß und viele echte Tränen, diktierten knallharte Kalkulationen Ton und Tempo. In der Presse mochten sich die Models als kapriziöse, verwöhnte und umschwärmte Weibchen darstellen, im Studio zählten Pünktlichkeit, Ausdauer und Zuverlässigkeit. Nicole hatte eine phantastische Figur und ein Gesicht, das man nicht vergaß, wenn sie wollte, dass man sich an sie erinnerte, aber darüber verfügten andere Mädchen auch, und einige besaßen sogar jenes undefinierbare Flair, das aus attraktiven Frauen echte Schönheiten macht, "dauerhafte und waschfeste Schönheiten mit Sex-Appeal", wie Wehling lästerte. Doch ohne Disziplin und eisernen Willen ging es nicht, und ausgerechnet die schweigsame, verschlossene Nicole brachte beides in einem Maße mit, dass alle Fotografen und Agenturen gerne mit ihr arbeiteten. In zwei Jahren, so schätzte Wehling, hätte sie es bis ganz nach oben geschafft, und dort könnte sie sich, anders als viele, auch halten. Sie war intelligent und klug genug, den Mund zu halten, wenn sie von einer Sache nichts verstand, und dank ihrer scheinbar schwermütigen Unnahbarkeit war sie bis jetzt von Skandälchen und Klatsch verschont geblieben. Bis jetzt ...

"Wer ist oder war dieser Lenzer eigentlich?"

"Nach allem, was ich bisher weiß, ein halbseidener und rücksichtsloser Schürzenjäger. Aber in diesem Metier wohl sehr erfolgreich, seine Frau hat sich vor zweieinhalb Jahren von ihm scheiden lassen."

"Womit hat er denn das nötige Kleingeld für sein Hobby verdient?"

"Als Drittel-Teilhaber in einer Firma für Spezialdruckmaschinen, der Hohbarg Druckmaschinen GmbH."

"Hat Nicole ihn gekannt?"

"Ja, leider. Lenzer besaß eine Eigentumswohnung auf demselben Stockwerk wie Nicole. Sie mochte ihn nicht leiden, nannte ihn immer das Stinktier, weil er sie jedes Mal mit Blicken auszog, wenn sie sich im Haus oder im Aufzug begegneten. Er hat wohl nie versucht, sie einzuladen oder mit ihr auszugehen."

Wehling deutete auf die Cognacflasche, doch Bülow schüttelte den Kopf. "Lieber nicht, ich muss noch Auto fahren. Unter uns Wermut-Brüdern: Wie viel Kaution würden Sie denn stellen? Sie hat eine Menge eigenes Geld, aber das meiste liegt fest."

"Kann ich Sie wegen einer Summe morgen früh anrufen?"

"Aber sicher." Danach verstummte Wehling und drehte gedankenverloren seinen Schwenker. Der Glastür schrammte leise auf der Holzplatte. Sein burschikoser Ton und die flapsige Ausdrucksweise täuschten leicht darüber hinweg, dass er ein scharfsinniger und auch harter Mann war, dem viele etwas vorzumachen versuchten und glaubten, sie hätten es auch geschafft, nur weil er aus Bequemlichkeit nicht protestierte.

Seine recht vage persönliche Sympathie für Nicole Jansen beruhte zum großen Teil darauf, dass auch sie lieber schwieg als zu schwindeln oder zu schwadronieren.

"Sie verbirgt etwas", urteilte er endlich schwerfällig.

"Ganz meine Meinung, Herr Wehling."

"Aber welche Nicole hat heutzutage kein Geheimnis? Sie wissen ja, es gibt schließlich vier Nicoles."

"Wie meinen Sie das?"

"Die nette Nachbarin, die intelligente Freundin, der geile Betthase, das harmlose junge Mädchen nebenan."

Unwillkürlich schnitt Bülow eine Grimasse, und Wehling kollerte: "Stellen Sie sich nicht so an! Nicole kann alle vier darstellen, und zwar so, dass Sie einen Frauentyp kaufen und die drei anderen als Zugabe, als eine Art Rabatt, erhalten."

Darüber grübelte Bülow nach, während Wehling in den Tüten wühlte und die besten Aufnahmen heraussuchte. Dezente und manierliche Höflichkeit war in diesem Gewerbe selten gefragt, und Wehling formulierte so grob wie präzise. Mehr als einmal hatte auch Bülow gestaunt, wenn ihm Nicole vergnügt oder stolz Aufnahmen zeigte, auf denen er nur mit Mühe seine Mandantin wieder erkannte. Was Maske, Schminke, Frisur, Kleidung und Beleuchtung ausmachten konnte, hatte er mühsam gelernt und ihr zu ihrer großen Erheiterung auch gestanden. Dass sie außerdem die Fähigkeit besaß, vor der Kamera eine völlig andere Frau nicht nur darzustellen, sondern für die Dauer der Aufnahmen auch zu sein, begriff er viel später erst und behielt diese Erkenntnis für sich. Wie ein Chamäleon; die normale, die schweigsame und verschlossene Nicole bekamen nur wenige Menschen zu sehen, und wahrscheinlich wusste sie, dass sie ihr wahres Gesicht genau so sorgfältig verbergen musste wie ihre jugendliche Unsicherheit.

"Viermal Nicole", schnaufte Wehling und legte vier kleine Stapel vor ihn. "Nett, sexy, intellektuell, harmlos."

"Danke", sagte Bülow zerstreut. "Herr Wehling, was passiert, wenn sie längere Zeit in U-Haft sitzen muss?"

"Wenn die U-Haft und der Grund bekannt werden, wird die Presse sie gnadenlos in der Luft zerfetzen, die meisten Aufträge werden storniert, und nach sechs Monaten ist sie so total weg vom Fenster, als habe es nie ein Model namens Nicole Jansen gegeben."

"Und danach?"

"Wenn sie dann noch die Kraft aufbringt, fängt sie ganz unten an, Versandhaus-Kataloge und Zeitungs-Beilagen für Unterwäsche und billige Mode."

"Aufträge, die Sie ihr vermitteln?"

"Nein, Herr Dr. Bülow, ich makele nicht mit toten Pferden, die schaffe ich umgehend zum Abdecker."

"Sind Sie so hart oder tun Sie jetzt nur so?"

"Ich bin realistisch, mein Bester, und sobald Nicole schnallt, was ihr passiert ist, wird sie sich nicht anders ausdrücken." Ärgerlich griff er nach der Flasche. "Trotzdem wünsche ich Ihnen viel Erfolg. Und zwar schnell alles andere kommt zu spät."

Es nieselte immer noch, die grauen Wolken verhüllten die Kirchturmspitzen, ein Wetter, das zu Bülows Stimmung passte.

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