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Verzeih mir die Tränen

Glenn Stirling

Verzeih mir die Tränen

Cassiopeiapress Arztroman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Verzeih mir die Tränen

Arztroman von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 132 Taschenbuchseiten.

Auf seinem morgendlichen Spaziergang entlang der Elbe wird Max Bender Zeuge, wie ein Mädchen sich in den Fluss stürzt. Der rüstige Einundachtzigjährige handelt sofort und kann die junge Frau retten. Er lässt sie ins Hafenkrankenhaus bringen, wo seine Enkeltochter Ina Bender Stationsärztin ist. Zwar kann die lebensmüde Petra Jansen wiederbelebt werden, aber sie scheint alle Hoffnungen verloren zu haben – zu viel Schmerzvolles hatte sie in den letzten Wochen erleben müssen. Aber Opa Bender macht es sich zur Aufgabe, ihr zu neuem Lebensmut zu verhelfen ...

1

Tropfnass hingen die gelben Blüten der Forsythie herunter. Nebel wallte über dem breiten Strom. Die Geräusche des Hafens drangen wie durch Watte in die Ohren des einundachtzigjährigen Max Bender.

Wie jeden Morgen ging er mit nicht zu schnellen, aber gleichmäßigen Schritten seinen Weg am Ufer entlang. Und obgleich er jeden Fußtritt kannte, war es für ihn ein immer wieder neues Erlebnis. Nie erschien es ihm gleich. Und ein Mann in seinem Alter, so rüstig er sein mochte, wusste, dass er nicht das ewige Leben hatte. Der große, hagere Mann nahm das alles, was er sah, in sich auf, genoss es, auch wenn die gelben Blüten nass herunterhingen, wenn es ein kühler, trister Tag zu werden versprach. Nach zwei Wochen mit schönem Wetter war es nun, Ende März, mit einem Male wieder kälter und unfreundlich geworden.

Wie ein riesiger Schatten zog in der Strommitte ein großer Frachter elbabwärts, dem Meer entgegen. Der alte Max Bender sah davon nur so etwas wie eine Silhouette, mehr war im Nebeldunst nicht zu erkennen.

Das Stampfen der Schiffsmaschine war dennoch deutlich zu hören.

Sein ganzes Leben lang hatte Max Bender die Schiffe die Elbe auf- und abwärts fahren sehen, und nie war ihm dieser Anblick gleichgültig gewesen. Da kamen sie von überall her, fuhren überall hin. Diesen Schiffen zuzusehen, hatte ihn immer fasziniert.

Er trat an das Geländer des befestigten Ufers, und seine knochigen, mit welker Haut überspannten Hände krampften sich um den nassen Stahl des Geländers. Er schaute hinüber zu diesem Schiff.

Rein zufällig blickte er einmal nach links, elbaufwärts. Und da entdeckte er plötzlich das Boot.

Es kam ziemlich dicht am Ufer entlang. Ein Junge oder ein Mädchen saß darin, genau konnte er das noch nicht erkennen. Es näherte sich aber ziemlich rasch, ohne dass der geringste Laut entstand. Dann war das Boot nahe genug, um zu erkennen, dass eine Frau darin saß, eher ein junges Mädchen. Sie hockte zusammengesunken in dem steuerlos dahin treibenden Boot.

Max Bender blickte aus schmalen Augen diesem Boot entgegen.

In diesem Augenblick richtete sich das Mädchen, das drinnen saß, plötzlich auf, und bevor Max Bender ihr Gesicht richtig sehen konnte, sprang sie aus dem Boot heraus ins Wasser.

Das klatschende Geräusch kam dem alten Mann wie ein Schuss vor.

Erschrocken blickte er hinüber, wo das Boot jetzt leer dahin trieb, das Mädchen aber ein Stück entfernt mit seinem Kopf aus dem Wasser ragte.

Ohne noch eine Sekunde zu vergeuden, wandte sich der alte Mann um und hastete, so schnell er konnte, stromabwärts zu der kleinen Anlegebrücke hin, auf der sich ein Holzhäuschen befand.

Er hoffte, das Mädchen werde genau in diese Richtung treiben.

Das Boot trieb schneller als das Mädchen. Immer wieder, während der alte Mann so schnell lief, wie er nur konnte, warf er einen Blick auf den Strom. Er sah den Kopf des Mädchens noch, aber auch das Boot. Mittlerweile war das Boot weit von dem Mädchen weggetrieben. Es kam direkt auf die Anlegebrücke zu. Das Mädchen aber, so schätzte der alte Mann, würde daran vorbeitreiben.

Er war schneller als die Strömung, erreichte die Anlegebrücke, das Holzhäuschen und den Rettungsring. Er riss ihn vom Haken herunter und lief noch die zehn Meter bis zum äußersten Ende der Anlegebrücke. Da war das Mädchen schon da, befand sich auf gleicher Höhe.

Max Bender nahm alle Kraft zusammen und schleuderte den Ring so weit er konnte in Richtung auf das Mädchen zu. Er sah das Gesicht, ein, wie es ihm vorkam, von Entsetzen gezeichnetes Gesicht.

Der Rettungsring klatschte unmittelbar neben dem Mädchen nieder. Es hätte nur die Hand auszustrecken brauchen, um nach dem Rettungsring zu greifen.

„Packen Sie zu, Fräulein, packen Sie zu!“, schrie Max Bender mit überschnappender, heiserer Stimme.

Das Mädchen tat nichts dergleichen. Jetzt war es von der Strömung ein wenig herumgewirbelt worden. Es ließ sich weitertreiben, und da auf einmal sah der alte Mann, wie es untertauchte.

Verzweifelt starrte Max Bender auf das Mädchen und auf den Ring. Das Boot!, dachte er. Ich muss das Boot nehmen und diesem Mädchen nachfahren. Ins Wasser springen kann ich nicht, das würde mich umbringen. Nein, das Boot! Als er nach links blickte, sah er das Boot. Es war unter die Anlegebrücke geraten und hatte sich festgekeilt. Er würde sehr viel Zeit verlieren, es loszumachen. Dieses kleine Ruderboot dann aber so schnell fortzubewegen, dass er damit das indessen womöglich weit weggetriebene Mädchen erreichen konnte, erschien ihm unmöglich.

Er sah, wie das Mädchen auftauchte, dann wieder untertauchte, aber nun immer mehr zur Strommitte hin getrieben wurde, gleichzeitig auch elbabwärts. Er sah sie nun schon nicht mehr genau. Der Nebeldunst würde sie in wenigen Sekunden völlig verschlucken.

Was kann ich nur tun? Hier ist niemand.

Der Alte hielt die Hände an den Mund und brüllte stromabwärts: „Ein Mädchen im Fluss! Ein Mädchen im Fluss! Ist da niemand?“

Es schien ihn niemand gehört zu haben, und er sah auch keinen, der an diesem unfreundlichen Morgen, wie er selbst es tat, einen Spaziergang gemacht hätte.

Aber dann fiel ihm noch etwas ein: Das Motorboot!

Er kam ja jeden Morgen hier lang. Er wusste, dass ein Stück weiter abwärts ein Motorboot festgemacht war. Er kannte sogar den Besitzer gut, war mit ihm im Sommer schon oft in diesem Boot mitgefahren. Und er wusste auch sehr gut, wie man damit umging.

Hoffentlich liegt es, wie gestern, an derselben Stelle, dachte er und hastete los.

Er rannte, aber das tat seinen alten Knochen nicht gut. Er spürte jede Bewegung in seinem rechten Knie. So ist es nun, wenn man alt wird! Verdammt noch mal, so ist es! Aber ich muss das Mädchen retten, ich kann nicht zusehen, wie es einfach ertrinkt.

Es war ein ganzes Stück bis zu diesem Motorboot, und Max Bender hätte nicht sagen können, wie lange er bis dahin gebraucht hatte. Das Mädchen sah er nicht mehr, der Nebel hatte es verschluckt. Aber dann hatte er den kleinen Steg erreicht, wo das Motorboot lag, wo es auch jetzt lag, wie alle Tage, mit einer Persenning überspannt. Rechter Hand begann das Grundstück seines Bekannten.

Es war keine Zeit, diesen Bekannten nach dem Boot zu fragen. Er musste es selbst nehmen, einfach so, und konnte nur hoffen, dass genug Benzin im Tank war.

Max Bender öffnete die Persenning nur so weit, wie es unbedingt nötig war, suchte, den versteckten Schlüssel, und nun war es gut, dass er schon so oft mit diesem Boot gefahren war und sich damit auskannte. Er schaltete die Zündung ein, ließ den Motor an, und er kam auf Anhieb.

Max Bender machte das Boot los und fuhr in den immer stärker werdenden Nebeldunst hinein.

Er schätzte die Richtung nur, wo das Mädchen seiner Meinung nach sein musste, sehen konnte er es nicht. Sehen konnte er auch die Schiffe nicht, die womöglich in der Strommitte meerwärts fuhren. Jetzt, bei ablaufender Flut, kam kein Schiff die Elbe herauf; sie fuhren nur hinunter.

Er stand an dem kleinen Steuerrad und spähte aus fast zusammengekniffenen Augen nach vorn, versuchte mit seinem Blick den Nebeldunst zu durchdringen. Irgendwo musste das Mädchen sein!

Aber das Wasser war glatt. Bei dem leichten Wellenschlag hätte er den Kopf des Mädchens sehen müssen.

Um Gottes willen, dachte er, sie wird doch nicht schon ertrunken sein!

Er fuhr nicht allzu schnell, so sicher konnte er mit dem Boot auch wieder nicht umgehen. Der Motor hatte eine viel höhere Leistung, als ihm von Max Bender abgenötigt wurde. Aber Sicherheit war für den alten Mann oberstes Gesetz.

Seine Hoffnung begann schon zu sinken, da sah er plötzlich das Mädchen, den Kopf, das klatschnasse Haar! Er hielt es erst für eine Boje, weil ihm die Form im Dunst des Nebels gar nicht wie ein Menschenkopf vorkam. Aber dann, als er sich näherte, da wusste er, dass es das Mädchen war.

Er hielt direkt darauf zu.

In diesem Moment tauchte das Mädchen unter. Der Kopf kam für lange Zeit nicht mehr zum Vorschein.

„Um Himmels willen“, murmelte der Alte „halte doch durch, Mädchen, ich bin doch schon da! Du wirst doch jetzt nicht untergeben!“

Da tauchte sie wieder auf, diesmal aber ganz anders als vorher. Die Schultern waren zu sehen, und der Kopf hing tiefer.

Sie musste schon bewusstlos sein.

Der Alte brachte das Boot direkt daneben, drosselte die Benzinzufuhr, beugte nach rechts und versuchte das Mädchen zu packen. Es hatte einen Trenchcoat an. Die Finger des Alten krallten sich hinein, zogen das offensichtlich bewusstlose Mädchen ans Boot heran.

Du lieber Himmel, wie kriege ich die ins Boot herein?, fragte sich der alte Mann.

Er wollte sie anheben, aber er spürte, dass er das nicht schaffte. Er konnte sie nur ein Stück aus dem Wasser hieven, danach hatte er ganz einfach nicht die Kraft, diesen ganzen Menschen herauszuheben.

Aber er hatte sie jetzt auch am Kopf gepackte, hielt ihr das Gesicht über Wasser, nur was sollte er tun? Das Boot trieb inzwischen zur Strommitte hin. Dort konnte er womöglich mit einem anderen Schiff kollidieren.

Er warf einen Blick nach links, da lag eine Leine. Er hielt das Mädchen jetzt nur noch am Kopf und versuchte mit der linken Hand, die Leine zu erwischen. Er reckte sich, und endlich gelang es ihm.

Das Ende der Leine schlang er dem Mädchen unter den Armen hindurch. Indessen trieb er immer weiter ab. Der Wellenschlag wurde stärker. Die Gefahr in der Strommitte, wo die Strömung viel größer war, gegen irgendein anderes Fahrzeug geworfen zu werden, wurde geradezu kritisch.

Jetzt hatte er das Mädchen festgezurrt und band es dicht an der Reling fest, sodass Kopf und Schultern über Wasser waren.

Er konnte wieder das Steuer ergreifen, ließ den Motor schneller laufen und hielt wieder auf das Ufer zu. Eine andere Möglichkeit, als das Mädchen auf diese Weise regelrecht mitzuschleppen, sah er im Augenblick nicht.

Sie war bewusstlos, ihr Haar klebte ihr im Gesicht, sodass er von diesem Gesicht gar nicht allzu viel sehen konnte. Aber das erschien ihm im Moment auch nicht als sehr wichtig.

Er war so weit abgetrieben, dass er auf einen anderen Bootssteg zuhielt, der vom Ufer aus in die Elbe ragte.

Behutsam näherte er sich dem Steg, um das Boot da festzumachen.

Völler Überraschung entdeckte Max Bender dort Menschen, die auf dem Steg standen und ihm wie gebannt entgegenstarrten. Auch weiter rechts und links am Ufer standen Leute. War es vorhin noch scheinbar menschenleer gewesen, so waren auf einmal viele da, die seinen Rettungsversuch beobachtet zu haben schienen.

Als er neben dem Steg anlegen wollte, packten kräftige junge Hände zu, zogen das Boot heran, und eine Minute später hatten zwei junge Männer die Unbekannte aus dem Wasser gehoben.

Jetzt lag sie auf dem Steg, und Max Bender zog sich seinen Mantel aus, deckte ihn über das Mädchen.

„Holt noch mehr Sachen, noch viel mehr! Und es müssen Wiederbelebungsversuche gemacht werden! Irgendwer soll im Hafenkrankenhaus anrufen“, sagte Max Bender. „Sie sollen einen Krankenwagen schicken und einen Arzt, schnell!“ Ein Mann mittleren Alters näherte sich, kniete sich neben das Mädchen und begann mit Wiederbelebungsversuchen.

Er brauchte nur wenige Sekunden, da wachte das Mädchen auf, erbrach einen Schwall Wasser, musste husten, aber es lebte, wie der alte Max Bender mit Genugtuung feststellte.

Da klopften Leute dem Alten auf die Schulter. Eine Frau, die ebenfalls zugesehen hatte, sagte voller Bewunderung:

„Da seht mal, so ein alter Mann! Aber die Alten sind aus Eisen, da können sich die Jungen ein Beispiel nehmen.“

Irgendwer hatte eine Decke besorgt, hängte sie dem inzwischen sitzenden Mädchen um die Schultern.

Max Bender kniete zu Füßen des Mädchens, das keine Schuhe trug. Er massierte dem Mädchen die Füße. Ihm war bekannt, dass bei einer solchen Kälte zuerst die Füße erstarren.

Das Mädchen zitterte und bebte am ganzen Leib vor Kälte, schnatterte mit den Zähnen und war nicht fähig, nur eine einzige Frage zu beantworten. Und Fragen wurden ihr von allen Seiten gestellt.

Dann endlich kam der Rettungswagen.

„Wie heißen Sie?“, fragte Max Bender. „Sagen Sie mir die Adresse Ihrer Angehörigen.“

Das Mädchen schüttelte den Kopf, presste die Lippen zusammen und schloss die Augen.

Es sprach auch nicht, als der Rettungssanitäter nach seinem Namen fragte.

„Hören Sie“, sagte Max Bender zum Fahrer des Rettungswagens, „bringen Sie die Frau ins Hafenkrankenhaus. Meine Enkeltochter ist da Stationsärztin in der Inneren Abteilung.“

„Sprechen Sie von Frau Doktor Bender?“, fragte der Sanitäter, der das ebenfalls gehört hatte und sich noch bemühte, die Unbekannte mit einer Aluminiumfolie einzuwickeln.

„Ja, das ist sie. Mein Name ist auch Bender. Bringen Sie sie dahin. Vielleicht können Sie mich mitnehmen?“

„Warum nicht? Für Frau Doktor Bender tun wir eine ganze Menge“, erwiderte der Sanitäter. „Steigen Sie ein. Wer hat denn das Mädchen aus dem Fluss gezogen?“

„Das hat er getan“, sagte ein junger Mann und deutete auf Max Bender. „Wir haben das sehen können. Irgendwer hat vorher gerufen.“

„Das war ich gewesen. Kein Mensch war weit und breit, und sie trieb im Fluss. Da blieb mir gar nichts anderes übrig, als das Motorboot zu nehmen. Kann es nicht jemand zurückbringen an den Steg weiter unten? Oder es hier richtig festmachen und dort Bescheid sagen? Brauer heißen die Leute.“

Die Frau, die Max Bender vorhin so gelobt hatte, hörte es und antwortete sofort:

„Ja, da gehe ich vorbei. Ich putze nebenan, ich kenne die Leute. Ich sage denen Bescheid, Sie können sich darauf verlassen, Herr Bender.“

Jetzt weiß sie sogar schon meinen Namen, dachte der alte Mann.

„Kommen Sie vorn auf den Sitz!“, rief ihm der Fahrer zu.

Die Fahrt ins Hafenkrankenhaus währte von hier aus nur ein paar Minuten. Unterwegs dahin versprach der Fahrer, dass er sofort Max Benders Enkeltochter informieren würde.

„Wir wissen, Herr Bender, dass sie eine gute Ärztin ist. Jeder, der mit dem Hafenkrankenhaus zu tun hat, kennt sie. Auf Ihre Enkeltochter können Sie verdammt stolz sein.“

Max Bender war stolz auf Ina und wusste um ihren hervorragenden Ruf als Ärztin.

Als sie die Klinik erreicht hatten und in die Notaufnahme hineinfuhren, ging es dann ziemlich hektisch zu. Um Max Bender konnte sich zunächst niemand kümmern. Aber dann tauchte wieder der Rettungssanitäter auf, drückte ihm seinen Mantel in die Hand und sagte: „Hier, Herr Bender, der gehört doch Ihnen, nicht wahr? Das haben wir vorhin ganz vergessen, und schmutzig geworden ist er auch.“

„Lässt sich reinigen“, brummte der Alte. „Was ist mit dem Mädchen? Geht es ihr besser?“

„Deutliche Unterkühlungserscheinungen. Aber ich habe Ihre Enkeltochter schon informiert. Sie kommt herunter.“

„Danke“, brummte Max Bender. Und ein paar Minuten später tauchte Ina auf.

Groß und schlank, das dunkle Haar zum Knoten gerafft, kam sie ihm entgegen, lächelte und meinte kopfschüttelnd: ,,Was hast du mit dieser Ertrunkenen zu tun?

„Ich habe mir erlaubt, sie aus dem Wasser zu ziehen.“

„Du?“ Die Wiedersehensfreude im Gesicht Ina Benders wich deutlicher Bestürzung. Sie blickte ihren Großvater von oben bis unten an. „Du bist doch nicht etwa im Wasser gewesen, du mit deiner Bronchitis?“

„Nein, nein, mach dir keine Sorgen. Ich hab sie von einem Boot aus herausgezogen. Nun kümmer dich schon um sie. Sie soll sehr unterkühlt sein.“

„Wie lange war sie denn im Wasser?“

„Schwer zu sagen. Vielleicht fünf Minuten oder zehn. Wer guckt bei solchen Gelegenheiten auf die Uhr? Mir ist es vorgekommen, als wären Stunden vergangen, bis ich bei ihr war. Aber das ist natürlich nicht so. Aber das Wasser ist wie Eis.“

„Kein Wunder, bei dem Wetter. Ich kümmere mich um sie. Du kannst aber nicht hier in die Ambulanz hinein. Bitte warte irgendwo, wenn du willst. Oder noch besser, geh drüben zur Pforte, da steht in der Ecke eine Bank, da ist es schön warm, direkt an der Heizung. Ich komme so schnell ich kann.“

„Nein, du sollst nicht kommen, du sollst dich um das Mädchen kümmern“, sagte der Alte auf seine raubeinige Art.

Ina nickte nur, lächelte und wandte sich rasch ab.

Natürlich setzte sich Opa Bender nicht an die Heizung, dazu war es ihm viel zu interessant, einmal hier zu sein. Er war lange nicht mehr hier gewesen. Also spazierte er im Foyer herum, machte dann eine Wanderung durch die Gänge im Parterre, vorbei an den Labors und Untersuchungsräumen. Was ihn schon immer kolossal interessiert hatte, war der OP-Trakt. Aber da wurde er sicher nicht hineingelassen. Er nahm sich vor, Ina einmal zu bitten, ihm das alles zu zeigen. Als ehemaliger Leiter eines Gymnasiums war er sein ganzes Leben lang an allem interessiert gewesen, was sich ihm Neues bot. Das Wort Langeweile und Tatenlosigkeit, hat es jedenfalls im Sprachschatz Max Benders nie gegeben. Aber jetzt musste er wieder an das Mädchen denken.

Dieses verrückte Kind springt aus dem Boot. Warum hat sie das nur getan?



2

Sofort nach der Untersuchung hatte Ina Bender veranlasst, das Mädchen in eine Badewanne mit warmem Wasser zu legen und ihr gleichzeitig heiße Getränke einzuflößen. Eine Masseurin der Klinik sollte die Glieder des Mädchens massieren.

Während das geschah, hatte sich Ina neben die Badewanne gesetzt und blickte die ihr noch Unbekannte aufmerksam an. Den Namen kannte sie inzwischen, den hatte das Mädchen genannt. Petra Jansen hieß es und war nach eigener Angabe fünfundzwanzig Jahre alt. Doch mehr wusste Ina noch nicht von ihr.

Es war ein ebenmäßiges Gesicht, in das Ina blickte. Nicht von ausgeprägter Schönheit, ganz und gar nicht. Dafür war die Nase ein wenig zu lang, wirkten die Augenbrauen zu buschig. Aber vorhin hätte das vor Kälte schnatternde Mädchen einmal gelächelt. Und in einem solchen Augenblick gewann es.

Das warme Wasser und die Massage belebten Petra Jansen sichtlich. Sie bekam wieder Farbe im Gesicht, fror nicht mehr.

„Nun wollen wir mal zur Sache kommen“, begann Ina. „Wie ist das denn überhaupt passiert? Sind Sie ins Wasser gestürzt oder freiwillig hineingesprungen?“

Petra kniff die Lippen zusammen und antwortete nicht.

„Also gut, dann sprechen wir später darüber“, sagte Ina und erhob sich. „Es tut mir leid, aber ich muss davon ausgehen, dass es so etwas wie ein Selbstmordversuch war, wenn Sie mir nicht erzählen, wie es wirklich passiert ist. Und deshalb werden Sie noch hierbleiben müssen, in einem abgeschlossenen Raum, versteht sich. Wir möchten ja nicht erleben, dass sich so etwas Ähnliches wiederholt. Schließlich verbürgen wir uns gewissermaßen auch für Ihre Sicherheit.“

Wenn Ina erwartet hatte, dass Petra irgendetwas sagte, so sah sie sich enttäuscht. Das Mädchen schwieg weiter, ließ die Massage über sich ergehen, fühlte sich wohl auch sichtlich wohler, aber sie sagte nichts.

Ina nahm sich vor, später noch einmal nachzuforschen, und veranlasste die Verlegung von hier in die Innere Abteilung in ein Zimmer, dessen Fenster gesichert war und wo Petra nicht allein sein würde.

Petra sagte nichts dazu, als Ina diese Anweisung einer Schwester gab, die sich ebenfalls in diesem Raum befand.

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