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Verzweifle nicht, Christine!

Glenn Stirling

Verzweifle nicht, Christine!

Cassiopeiapress Arztroman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Verzweifle nicht, Christine!

Arztroman von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 134 Taschenbuchseiten.

Ich will nicht mehr leben, sagt Christine Hoffarth völlig verbittert zu sich selbst. Sie sieht in den Spiegel, doch es ist nicht mehr ihr Gesicht. Es ist ein von Narben entstelltes Gesicht. Sie ist allein, ganz allein. Dieter Lemmers, ihre große Liebe, hat sie verlassen. Und auch ihre Freunde kommen nicht mehr zu ihr. Ihren Job als Sekretärin hat sie ebenfalls verloren. Für sie hat das Leben keinen Sinn mehr. Christine hat ihre Entscheidung getroffen. Entschlossen lässt sie sämtliche Tabletten aus dem Röhrchen in ihre Hand gleiten ...

1

Es hätte ein so herrlicher Sommertag sein können. Die Morgensonne fiel auf die mächtigen Ahornbäume, die beiderseits der Straße standen, und versilberte die Blätter auf ihrer Oberseite, dass es funkelte und gleißte. Christine Hoffarth hatte diese Stunde gewählt, um zu sterben.

Die Vögel jubilierten, auf der Straße spielten Kinder, und ein Stück weiter kehrte ein alter Mann den Fußweg. Irgendwo trällerte eine Frauenstimme eine Schlagermelodie aus einem Fenster heraus. Aus dem Backhaus der Bäckerei wehte der Duft von frischen Brötchen über die Straße hinweg. Es war noch sehr früh am Morgen, und in den Ligusterhecken der Vorgärten funkelte noch der Tau der Nacht im Sonnenlicht wie Myriaden von winzigen Brillanten. Purpurfarbig wölbte sich ein wolkenloser Himmel. Es versprach wirklich ein schöner Tag zu werden.

Christine trat noch einmal ans Fenster, blickte hinaus, blinzelte gegen die noch tiefstehende Sonne, wandte sich dann ab und lehnte sich mit dem Rücken gegen das Fensterkreuz. Sie sah auf der anderen Seite des Zimmers den Spiegel, erkannte sich selbst und wandte sich dann hastig ab.

Es war nicht das Bild einer strahlend schönen Frau, das ihr dort entgegengeblickt hatte. Dieses schöne Gesicht gab es nur noch auf Fotos. Ihr Antlitz war jetzt ein Gesicht voller Narben, die als ständiges Mahnmal an einen scheußlichen Autounfall erinnerten, an dem sie nicht die Schuld trug.

Sie lächelte verbittert. Bis auf das Gesicht war alles noch wie früher. Das wie Seide fließende, herrliche dunkelblonde Haar, das bis zu den Schultern reichte, ihre gute Figur und ihre schlacken langen Beine, von denen Dieter immer gesagt hatte, es wären die einer Gazelle.

Dieter! Bei dem Gedanken an ihn krampfte sich in ihr etwas zusammen. Ewige Liebe, hatte er gesagt, Treue, wir halten zusammen! Niemand bringt uns auseinander! Wir sind eine verschworene Gemeinschaft! Nein, wir sind eins!

Schlagworte, die nichts taugten. Die ausgesprochen wurden und absolut keinen Wert besaßen.

Vor einem Vierteljahr, als der Verband in der Klinik abgenommen worden war und er ihr Gesicht sehen konnte, da hatte er seinen Schreck nicht verbergen können. Von den Tausenden von Möglichkeiten war die Rede, die entstellenden Narben durch kosmetische Chirurgie beseitigen zu können. Das bekommen wir schon hin, hatte Dieter versprochen, als sei er selbst der Chirurg, dessen Kunst so etwas zu beseitigen imstande wäre.

Einmal hatte sie ihn noch gesehen, und da war er eigentlich nur gekommen, um sich sein Kofferradio zu holen, das er ihr geliehen hatte. Es war nicht nur Dieter allein, der sich von ihr abwandte. Das taten auch die sogenannten Freunde, die Freundinnen, die Bekannten, die einstigen Kollegen. Ihr Chef wollte sie auch nicht mehr haben. Sie konnte ihn verstehen. Wer wollte schon eine Sekretärin mit einem Gesicht wie dem von Christine.

Natürlich hatte man ihr es nicht so gesagt. Diskreter, mit erfolgsversprechenden Aussichten in einer anderen Abteilung. Das Archiv sollte sie bekommen, zwischen verstaubten Unterlagen im Obergeschoss des Hauses, wo sie mit keinem anderen zusammen sein musste.

„So schlimm sehe ich doch auch nicht aus“, murmelte sie, und ihr entrang sich ein gequältes Lachen, das fast wie ein tierischer Aufschrei klang.

Nein! Ich mache Schluss! Jetzt! Es gibt keine Überlegung mehr. Ich weiß, was mir bevorsteht.

Ihr fielen die Untersuchungen ein, die sie bei plastischen Chirurgen über sich hatte ergehen lassen müssen. Es war schon schwer gewesen, einen solchen Untersuchungstermin zu bekommen. Eine Operation konnte bei einem der vier Chirurgen, bei denen sie gewesen war, in frühestens einem halben Jahr, bei den anderen noch später erfolgen. Die Terminkalender dieser kosmetischen Ärzte waren prall gefüllt.

Sie wusste genau, dass sie nicht mehr ein halbes Jahr lang warten konnte. Dazu noch bei sehr mäßiger Aussicht auf einen Operationserfolg. Jedenfalls war ihr von sämtlichen Ärzten, die sie dahingehend untersucht hatten, gesagt worden, dass es gewisse Probleme geben würde.

Wenn sie nur jemanden gehabt hätte, jemanden, der ihr beistand, jemand, der ihr Mut machte, jemand, der ihr half.

Simone, ihre beste Freundin, und Hartmut, ihr Bruder, waren beide bei dem Unfall ums Leben gekommen. Hartmut hatte am Steuer gesessen. Der Unfall war durch sein Verschulden entstanden. Aber wen wollte man anklagen? Sie hätte es nicht einmal getan, wäre Hartmut mit dem Leben davongekommen.

Schlimm genug, dass sie die Haftpflichtversicherung in Anspruch nehmen musste. Sie hätte nie geglaubt, welch erniedrigende und mitunter deprimierende Auseinandersetzungen mit Sachbearbeitern dieser Versicherung geführt werden mussten. Am Anfang, bei der eigentlichen Erstversorgung ihrer Verletzung, war alles noch recht einfach gewesen, aber nun focht ihr Anwalt mit der Versicherung um die Regulierung der Kosten für eine eventuelle kosmetische Behandlung. Die Versicherung machte es ihr schwer, wo sie nur konnte. Auch hier hätte sie eine Hilfe nötig gehabt. Alles konnte ihr der Anwalt auch nicht abnehmen.

Dieter hätte helfen können, aber er war ja schon weggeblieben, als sie noch im Krankenhaus gelegen hatte.

Sie ging auf den Spiegel zu, wollte sich zwingen, ihr eigenes Gesicht anzusehen, aber es wurde nur ein sehr kurzer Blick daraus, der in ihr den Eindruck nur verschlimmerte, den sie von ihrem entstellten Gesicht hatte.

Neben dem Spiegel hing das Schränkchen, das sie nun öffnete, ein Röhrchen herausnahm, den Verschluss öffnete und sämtliche Tabletten in ihre linke Hand gleiten ließ. Es waren zwanzig. Sie schluckte sie mit Hilfe von Wasser alle nacheinander. Ihr war, als hätte sie den Kamm eines Berges überschritten, als wäre es ihr gelungen, den inneren Widerstand gegen dieses Tun zu brechen, und sie empfand es im Augenblick als einen Sieg.

Sie trat vor die Couch, die in der Ecke stand, streifte ihre Schuhe ab und legte sich nieder, die Hände unter dem Kopf verschränkt, und musste an ihre Kindheit denken. Sie fragte sich, wie lange es dauern würde, bis die Tabletten zu wirken begannen. Noch konnte sie klar denken.

Eine Viertelstunde verging, da schien die Wirkung einzutreten. Sie fühlte sich müde, schloss die Augen, aber ihr Geist war noch klar.

Sie werden mich hier finden auf dieser Couch, ich werde aussehen, als schliefe ich friedlich, dachte sie, und plötzlich fiel ihr ein, dass am Nachmittag jemand kommen wollte. Sie hatte vor Tagen den Installateur bestellt. Er wollte heute vorbeischauen.

Er wird nicht hineinkönnen, dachte sie. Und ihre Gedanken irrten ab, glitten zu den Erinnerungen, an Erlebnisse von früher, aber auch die zerflossen, wurden von Nebelschleiern umhüllt, die Müdigkeit nahm zu, der Schlaf überwältigte Christine. In ihren letzten Gedanken, bevor sie tiefer einschlief, fühlte sie sich wieder als Kind mit langen blonden Zöpfen, mit einer weißen Schürze, auf die möglichst nie Flecke kommen durften, und sie sah sich,auf einer Wiese Grashüpfer fangen und erinnerte sich an große weiße, im Winde flatternde Wäschestücke, die auf einer Leine hingen. Und sie spürte eine weiche warme Hand und hörte die vertraute, längst erloschene Stimme ihrer Mutter sagen: „Komm, mein Kind, wir gehen heim! Komm mit, komm mit mir ...“



2

Sie hatte an alles gedacht, nur nicht an den zweiten Schlüssel der Wohnung, den sie einmal der Hausmeisterfrau gegeben hatte. Und weil die der Meinung war, Christine sei nur auf eine Besorgung und hätte den Installateur ganz vergessen, erklärte sie sich bereit, dem Installateur oben aufzuschließen und wollte so lange dabeibleiben, wie er seine Arbeit an der Wasserleitung verrichtete.

So wurde Christine gefunden. Eine Viertelstunde später behandelte sie bereits der Notarzt im Rettungswagen, injizierte ihr Lorfan, während der Rettungssanitäter routinemäßig den Schlauch durch die Nase in den Magen führte und den Magen auspumpte. Man wusste zwar anhand des gefundenen Röhrchens, welches Opiat sie vermutlich verwendet hatte, aber den Zeitpunkt der Einnahme kannte man nicht.

Während sich in der sonst so stillen Straße die Menschen um den Rettungswagen scharten und auf ein weiteres Ereignis warteten, erhielt der Fahrer des Rettungswagens von der Funkleitzentrale die Anweisung, die Patientin in die Paul-Ehrlich-Klinik zu fahren. Nur dort war für einen solchen Fall ein Bett frei.

Mit Blaulicht und Sirenengeheul fuhr der Rettungswagen in Richtung auf die Paul-Ehrlich-Klinik davon. Die alte Frau Peters, die wie die anderen dem davonfahrenden Wagen nachsah, sagte zu ihrer Nachbarin: „Das arme Wurm! Erst hatte sie diesen Unfall. Glauben Sie mir, sie hat es aus nackter Verzweiflung getan. Der junge Mann, der vor dem Unfall immer zu ihr gekommen ist, hat sich nie wieder sehen lassen, seit sie aus dem Krankenhaus raus ist. Schlimm auch, wo sie so ein hübsches Mädchen gewesen ist. Und wie sieht sie jetzt aus?“

„Vielleicht wäre es besser gewesen“, sagte die Nachbarin, eine Frau mittleren Alters, „die hätten sie nicht gefunden, Frau Peters. Nicht so früh jedenfalls.“

Die alte Frau Peters schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Es gibt im Leben immer eine Hoffnung. Eine klitzekleine vielleicht, aber es gibt eine. Das wünsche ich dem Fräulein Hoffarth sehr. Sie war immer so nett zu mir, so hilfsbereit. Ich glaube, der Himmel hat ein Einsehen. Vielleicht wird wieder alles gut mit ihr.“

„Als ob es danach ginge, ob jemand gut oder schlecht ist“, meinte die Nachbarin und seufzte. „Denken Sie doch an meinen Fritz! Was ist das ein guter Kerl gewesen. Und trotzdem hat er schon mit fünfzig sterben müssen. Dagegen der dicke Meier, der früher den Gemüseladen hatte, der ist schon über neunzig, und von dem hat schon meine Mutter erzählt, dass er die Leute beim Wiegen angeschmiert hat und unten in der Tüte immer faule Pflaumen hatte und obendrauf die guten. Außer ein paarmal den Schnupfen hat der noch nie was gehabt. Wenn ich da an meinen Fritz denke ...“

Frau Peters nickte gedankenverloren und murmelte mehr zu sich als zur Nachbarin: „Was wird mal aus dem Fräulein Hoffarth werden? Was wohl?“



3

Dr. Winter steckte die vom Unterleib einer Frau gemachte Röntgenaufnahme in den Leuchtschirm und betrachtete die durch ein Kontrastmittel sichtbar gewordene Durchblutung des Eierstocks. Er wollte sich gerade Notizen dazu machen, als Schwester Ingrid eintrat. Die junge dunkelhaarige Schwester brachte eine Kladde und sagte: „Ich habe das Ergebnis derAbstriche.“

„Legen Sie die hin, Schwester!“, erwiderte Dr. Winter und schlenkerte mit einer raschen Kopfbewegung eine Strähne seines blonden Haares aus der Stirn. „Wo steckt eigentlich Doktor Schimanski? Der wollte doch längst hier sein.“

„Unten ist ein Notfall“, erklärte ihm die Schwester. „Und von denen aus der Inneren war niemand frei. Der Notfall soll übrigens zu uns auf die Station.“

Dr. Winter zog überrascht die Brauen hoch. „Ein Notfall? Eine Blutung?“

„Nein. Ein Suizidversuch.“

Dr. Winter sah die Schwester verständnislos an. „Wieso denn das?“

„Sie haben auf der Inneren keinen Platz. Und wir haben ja das Notfallzimmer. Es ist völlig frei. Schwester Else hat bereits Anordnung getroffen, das Zimmer für diese Patientin ...“

„Was hat sie denn gemacht?“

„Ich glaube Tabletten.“

„Und welche?“

Die Schwester zuckte die Schultern. „Keine Ahnung! Aber da kommt ja Herr Doktor Schimanski.“ Sie nickte Dr. Winter zu und ging hinaus. Dann standen sich die beiden Ärzte gegenüber. Dr. Winter breitschultrig, schlank, blond, Dr. Schimanski hingegen groß, dürr und immer ein wenig vorgebeugt. Er war nur zwei Jahre älter als der 38jährige Dr. Winter, aber er sah viel älter aus als sein Kollege. Er schaute meistens etwas traurig drein, und böse Zungen in der Klinik behaupteten, das käme davon, dass er Vater von fünf Töchtern sei, was ihm ganz schön zu schaffen mache.

„Du bist ja schon da, Bernd“, sagte Dr. Winter. „Ich denke, du warst beim Notfall?“

„War ich auch, Florian. Wieder so eine traurige Geschichte - kannst du dich daran erinnern, dass wir vor etwa drei Wochen über diese kosmetische Operation gesprochen haben?“

„Ja, natürlich kann ich mich daran erinnern. Hat das was mit diesem Fall zutun?“

„Hat es wirklich. Der Chef hat mich neulich ausgelacht, als ich ihm gesagt habe, wie wichtig für viele Frauen das Äußere ist, und dass manches Unterleibsleiden in einem ursächlichen Zusammenhang mit den psychischen Schwierigkeiten dieser Frauen steht.“

„Unbestritten.“

„Sagst du. Der Chef sieht das anders. Er meint, dafür gäbe es keinerlei Beweis.“

„Und was hat das mit diesem Fall zu tun?“

„Ich sehe hier in dem Suizidversuch und in der Tatsache, dass diese Frau ein durch Narben entstelltes Gesicht besitzt, einen Zusammenhang. Diese Narben sind noch nicht alt, das kann man deutlich erkennen. Ich glaube, es ist eine früher mal sehr schöne Frau gewesen, zumindest sieht sogar das Passfoto gut aus. Wenn ich an mein eigenes Passfoto denke, da sah ich aus wie ein Landstreicher.“

„In anderen Worten, du glaubst, sie hat versucht, sich das Leben zu nehmen, weil sie entstellt ist, oder was meinst du damit?“

„Genau das meine ich. Ich möchte noch mehr sagen. Sie kommt zu uns auf die Station. Ich glaube, einen Selbstmörder kann man nicht einfach behandeln, dass er wieder richtig auf den Beinen stehen kann, und nach Hause schicken. Ich meine, wir hätten als Ärzte auch eine gewisse Verpflichtung.“

„Natürlich haben wir die. Aber für diesen seelsorgerischen Bereich lässt man uns nicht allzu viel Zeit. Das ist die andere Tatsache. Immerhin werde ich mich um sie kümmern. Wie sieht denn dein Fall nun wirklich aus?“, wollte Dr. Winter wissen.

„Die Dosis war nicht stark genug, um sie sicher zu töten. Und sie war nicht schwach genug, dass man sagt, sie schläft sich einmal richtig aus und die Sache hat sich. Ich habe den Lebertest machen lassen, dafür bekomme ich noch ein Ergebnis. Das wird noch eine Weile dauern. Ansonsten ist, dank der Tatsache, dass im Doldomiran Mandelsäureester ist, der Kreislauf natürlich sogar angeregt. Der Notarzt hat ihr zwar den Magen ausgepumpt, aber das ist ganz zweifellos viel zu spät gewesen. Wahrscheinlich hat sie schon am frühen Morgen die Tabletten geschluckt, so dass sie nach meiner Schätzung bald schon in das Exzitationsstadium geraten wird. Und diese Erregungsphase ist ja dem Mandelsäure-Ester-Zusatz zuzuschreiben.“

„Kommt sie nun durch oder nicht?“

„Ich denke schon. Das wird aber eine Weile dauern. Hoffentlich hat die Leber nichts abbekommen.“

„Ältere Frau?“

Schimanski schüttelte den Kopf. „Den Papieren nach neunundzwanzig.“

In diesem Augenblick betrat Stationsarzt Dr. Mittler den Raum. Er war ein großer strohblonder Mann, in dessen Gesicht immer ein spöttisches Lächeln stand. Auch jetzt lächelte er, als er eintrat und den beiden Kollegen zunickte. Dr. Herrmann Mittler war der Stationsarzt der Station 3 b. Er war jünger als Dr. Winter und der Anästhesist Dr. Schimanski.

„Wir haben wieder einen Notfall auf die Station bekommen“, verkündete er. Es klang ein wenig schrill, fast herausfordernd. „Suizidversuch.“

„Haben Sie nicht was Neueres an Nachrichten?“, spöttelte Dr. Schimanski.

„Ach, Sie wissen schon ... Die von der Inneren haben einen ganz schönen Vogel. Was sollen wir mit dieser Frau?“

„Vielleicht braucht sie uns?“ Dr. Winter sah den Stationsarzt gespannt an. Was würde Dr. Mittler sagen?

„Wir sind eine gynäkologische Station. Was wollen wir mit Selbstmördern?“

Dr. Winter war aufgestanden und ging auf Dr. Mittler zu.

„Wir wollen ihnen helfen, lieber Kollege.“ Er nahm eine Kladde. „Ich muss sowieso mal auf Ihre Station. Außer der Reihe keine Visite. Da seh’ ich mir den Fall mal an. In welchem Stadium ist sie jetzt?“

„Sie tobt!“, berichtete Dr. Mittler. „Die Exzitationsphase hat voll eingesetzt.“

„Was haben Sie denn noch gemacht?“

„Wir mussten sie anbinden.“

„Das ist doch Wahnsinn! Sie reißt sich die Knochen kaputt!“

„Aber was sollen wir denn machen? Die springt ja glatt aus dem Bett.“

„Dann müssen eben Leute bei ihr bleiben.“

„Es sind zwei Pfleger da, die habe ich extra aus der Inneren geholt, aus der Männerabteilung. Die sind kaum imstande, diese Frau festzuhalten.“

„Wir werden sehen.“

„Aber ich kann doch keine Sedierung spritzen“, meinte Dr. Mittler.

„Um Himmels willen! Nichts. Das geht vorüber. Kommst du mit, Bernd?“, wandte er sich an Dr. Schimanski.

Der schüttelte den Kopf. „Tut mir leid. Ich muss noch mit drei Patienten sprechen, die morgen operiert werden. Aber wir sehen uns sicher in einer Stunde im Kasino. Hoffentlich ist Albert da, der schuldet mir noch eine Revanche von gestern.“

„Albert kommt bestimmt. Wenn keine Notfalloperation eintritt ...“

Dr. Schimanski winkte den beiden zu und ging die Treppe hinunter. Die beiden anderen schwenkten nach links und schritten der Station 3 b entgegen.

Wenig später waren sie dort. Und sie begegneten auch prompt Schwester Else, die in der Klinik den Spitznamen „Dragoner“ trug.

Schwester Else war nicht sehr groß, neigte aber ein wenig zur Fülle, und ihr Schritt erinnerte an einen Soldaten. Auch sonst hatte sie sehr viel von einem Kompaniefeldwebel. Aber die sie näher kannten, wussten, dass die schon sechzigjährige Frau ein goldenes Herz besaß. Vor allen Dingen beherrschte sie ihren Beruf aus dem Effeff. Im Augenblick aber wirkte sie ziemlich wütend und fuhr wie eine Tigerin auf Dr. Winter los.

„Das ist ja unerhört!“, sagte sie scharf. „Die Innere schickt hier einfach Leute her, geht hier aus und ein, als wäre das eine Station von denen. Müssen wir uns das gefallen lassen?“

„Wo denn, was denn?“, wollte Dr. Winter wissen.

„Na ja, bei dieser Selbstmörderin im Notfallzimmer.“

„Kommen Sie mit!“, erwiderte Dr. Winter nur.

Das Notfallzimmer befand sich gleich vorne an noch vor der Stationsküche. Als Dr. Winter eintrat, sah er die zwei Pfleger, die fast auf dem Bett knieten, um die tobende Patientin festzuhalten. Dabei waren ihr schon die Hände angebunden worden. Ein Bauchgurt befand sich über ihrem Körper und war ums Bett geschlungen. Dennoch drohte die tobende Patientin sich loszureißen und dabei sich selbst noch zu verletzen.

„Die Gurte weg!“, entschied Dr. Winter.

Einer der Pfleger, ein ziemlich kräftiger Mann, sah ihn fassungslos an.

„Wie soll’n wir die denn noch halten? Die hat ja schon Schaum vorm Mund!“

Die Patientin warf den Kopf hin und her. Sie riss mit den Armen an den Fesselungen, sie bäumte sich auf, sie stieß mit den Füßen zu, obgleich einer der Pfleger auf ihren Knien hockte und jedes Mal dabei gebeutelt wurde, als säße er auf einem bockenden Pferd.

„So geht das nicht! So kann man einen Menschen in der Exzitationsphase nicht festhalten“, erklärte Dr. Winter, wartete ungeduldig darauf, dass endlich die Fesselung gelöst wurde. Zugleich trat er ans Bett und legte seine Hand auf die Stirn der Patientin. Plötzlich warf sie den Kopf nicht mehr hin und her, sie lag ruhig. Der ganze Körper schien für einen Moment lang zu erschlaffen.

Überrascht sahen die beiden Pfleger, dass die eben noch tobende Frau ruhig wurde.

„Sie müssen weiter festhalten“, bestimmte Dr. Winter. „Sie wird wieder anfangen zu toben. Aber ohne die Gurte. Das geht nicht, da verletzt sie sich.&

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