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Vier von der Infanterie. Ihre letzten Tage an der Westfront 1918.

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Ernst Johannsen: Vier von der Infanterie. Ihre letzten Tage an der Westfront 1918

Vorwort

Der Erste Weltkrieg ist eines jener bahnbrechenden historischen Ereignisse, die Europa politisch-gesellschaftlich und mental prägten. Der Beginn dieser „Urkatastrophe Europas“ (G. F. Kennan) jährt sich im Sommer 2014 zum hundertsten Mal, der ‚Ausbruch‘ und der Verlauf des Kriegs werden schon jetzt in unterschiedlichen medialen Formaten illustriert und dargestellt, aber auch kontextualisiert und analysiert.

An diesen Krieg erinnern und seinen Verlauf sowie sein ‚Wesen‘ deuten will auch Ernst Johannsens Antikriegsroman Vier von der Infanterie. Ihre letzten Tage an der Westfront 1918. Das pessimistische Werk unternimmt dies, in dem es von vier durchaus unterschiedlichen Kameraden, einfachen Soldaten, ihren Erlebnissen und Gedanken, von ihrem Leben und Sterben an der Westfront erzählt. Der Ende 1928 entstandene, dann 1929 im politisch linksgerichteten Hamburger Fackelreiter-Verlag erschienene Roman wurde in 14 Sprachen übersetzt, seine Gesamtauflage lag in etwa bei 120.000 Exemplaren. Freilich reichte Vier von der Infanterie nicht an den großen Publikumserfolg des von Erich Maria Remarques fast zeitgleich veröffentlichten und in struktureller wie inhaltlicher Sicht in vieler Hinsicht vergleichbaren Romans Im Westen nichts Neues heran. Diese ‚Ungleichheit unter Gleichen‘ findet sich medial gespiegelt auch in der Gegenüberstellung der Verfilmungen wieder: Lewis Milestones auf Remarques Roman basierender Film ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT war und ist ungleich populärer als G. W. Pabsts Johannsen-Adaption WESTFRONT 1918. VIER VON DER INFANTERIE (beide Filme wurden in Deutschland im Jahr 1930 uraufgeführt).

Die vorliegende Neuveröffentlichung des Romans Vier von der Infanterie. Ihre letzten Tage an der Westfront 1918 setzt es sich daher zum Ziel, das kulturelle Gedächtnis um den Roman von Ernst Johannsen zu erweitern. Das ausführliche Nachwort zum Text analysiert und kontextualisiert zudem das Werk und nimmt außerdem die Verfilmung (unter besonderer Berücksichtigung des Regiedrehbuchs) und die Biografien der Autoren in den Blick.

Danksagung

Dank gebührt zunächst der Familie Johannsen für die Übertragung der Rechte an dem Roman, außerdem Hans-Michael Bock und Erika Wottrich für die Erlaubnis zum Abdruck des CineGraph-Artikels über G. W. Pabst, dem Deutschen Filminstitut-DIF e.V. und Andre Mieles für die Bereitstellung des Bildmaterials. Daniel Pabst gab freundlicherweise die Erlaubnis zur Einsichtnahme in das im Filmmuseum München/Stadtmuseum München vorhandene Regiedrehbuch des Films. Otto Brunken und Wiebke Sauer ist für das Lektorat von Roman und Nachwort zu danken, Silke Rappelt für den Satz des Buches (und des eBooks) sowie für die Umschlaggestaltung.

Ernst Johannsen
Vier von der Infanterie.
Ihre letzten Tage an der Westfront 1918

 

DEN GEFALLENEN ZUM GEDÄCHTNIS

Einsamer Toter an der Straße Moreuil-Morisel; Radfahrer im Somme-Trichter; Landsturmmann ohne Schädeldach im Schlamm der Straße Laon-Glassy; verkohlter Flammenwerfer; Männer vor den Tanks; Jünglinge vom 21. März 1918, am Maschinengewehr noch im Tod weit ins Land spähend; Ihr vor Peronne, das Feld bedeckend; Artilleristen vom Chemin des Dames, zerrissen von Volltreffer, gestorben in Gas und Feuer; Munitionsleute, Gespenster auf ratternden Wagen, Straßengräben füllend vor Amiens, zerstückelt zwischen Gäulen, Granaten und Wagenteilen; unermüdliche Telephonisten, Melder, Flieger, Funker, Sanitätsleute … tote Kameraden von Verdun, Flandern, Chemin des Dames; Ihr vom Osten und Ihr vom Westen und Ihr vom Meere, erstickt in U-Booten, furchtbar gestorben auf Panzern, Torpedobooten, Minensuchern … Ihr Tausende und Abertausende und Du mein Freund, von dem niemand weiß, wo und wie Du starbst, wir werden Euch nicht vergessen, denn wir – wir waren Eure Kameraden!

Altona, im Spätsommer 1928

Ernst Johannsen

IN DEN TOD

Sie sind marschiert, die Vier, in Sonne,

Regen und Wind, im Dreck der Straßen,

in Eis und Schnee – durch blühendes

Land, durch erstorbene Wildnis – an

Tagen, in Nächten, nach Siegen und

furchtbaren Verlusten. –

 

Das französische Dorf ist noch bewohnt. Hauptsächlich von Frauen, Kindern und Greisen. Vom Schulgebäude flattert die Rote-Kreuz-Fahne. Frauen arbeiten in den Gärten hinter den aus Sandstein erbauten Häusern. Kinder sehen zu, wie Gefangene die Dorfstraße vom fußhohen Schmutz reinigen. Überall das lebhafte Treiben der Etappe: Wagenkolonnen, Lazarettautos und Infanterie, Pioniere, die Schmalspurgleise legen und Verpflegungsempfänger beim Proviantdepot.

Der Abschuss eines schweren französischen Geschützes tönt, trotz des entfernten, leise rumorenden Geschützdonners der Front, schräg vom trüben Himmel herab, als stände es dort in den schweren Regenwolken. Einige Sekunden lang ist es still. Mit feinem »Jiii«, welches zum heulenden »Juuu« übergeht und mit fürchterlich drohendem »Rommm« endet, saust die Granate heran, gleichsam in satanischer Freude aufschreiend. Da steigt schon drüben im Dorf majestätisch ein riesenhafter Springbrunnen aus Erde, Qualm, Steinen, Staub und Splittern. Ein betäubendes Krachen, die erste Granate ist eingeschlagen. Über die Dächer schwebt eine Qualmwolke. Flüchtende, auf die eigenen Geschütze schimpfende Bewohner, eilen in tiefe Keller. Eine schreiende Frau bricht vor der zerrissenen Leiche ihres Kindes zusammen. Vor Minuten noch spielte es dort, wo jetzt ein riesiges Loch gähnt. Im Lazarett horchen die Kranken und Verwundeten auf. »Wie – er schießt hierher? Man soll uns abtransportieren – in der Etappe fallen, das fehlt noch.«

Wahrscheinlich galt der Schuss dem Munitionsdepot an der Bahnlinie rechts vom Dorf, es ist aber möglich, dass der Franzose ohne Rücksicht auf die Bewohner das Dorf selber zerstören will.

Infanterie, fertig zum Abmarsch nach vorn, wartet auf den Befehl zum Antreten. Von den vier »Unzertrennlichen« liegen Job und Lornsen auf dem Fußboden einer Küche und spielen Schach. Die Figuren sind aus weichem Stein geschnitten, das Feld ist mit Kreidestrichen auf den Fußboden gezeichnet. Der Dritte im Bunde, der Student, dem sie den Beinamen »Philosoph« gegeben haben, sitzt auf einer Steinbank bei einem französischen Mädchen. Es hat rostig-rote Haare, fast weiße Augenwimpern und graublaue Augen. Auf der einen Wange keimt aus einem Muttermal ein Büschel farbloser Haare, dazu ist das blasse Gesicht mit Sommersprossen bedeckt. Es wäre sicherlich vor dreihundert Jahren eines Tages als Hexe verbrannt worden. Aber es ist immerhin ein Mädchen, das ist für die Front viel, unter Umständen außerordentlich viel. Müller, der Vierte im Bunde, Sohn eines Bauern, kritzelt einen Feldpostbrief.

»Was – das?«, fragt das Mädchen den Studenten.

»Bum-bum, Mademoiselle, Granaten Ihrer Landsleute. Unhöflich, Euch mit zu beschießen.«

»Oh, Monsieur, la guerre! Malheur la guerre, pour vous et pour nous! Verrückt der Krieg! Alle Menschen verrückt! Ich weglaufe!«

»Bleiben Sie lieber. Sie können unterwegs sterben. Auch hier ist ein Keller im Hause.«

»Stroh ist auch drin, nehmt nur gleich Kissen mit!«, grinst Müller, der das Wort Keller verstanden hat.

»Ich will zu meinen Leuten.«

Ein Infanterist tritt ein und behauptet, es sei eine 22-cm-Granate gewesen. Wer mitginge, sich was zu »verpassen«. Die Unteroffiziere machten zwar Krach, aber daran sei nichts gelegen. Er brauche zum Beispiel Fußlappenstoff und Taschentücher. Die Einwohner seien in die tiefen Keller gelaufen.

»Was sagt er?«, fragt das Mädchen.

»Er ärgert sich, dass ich bei Ihnen sitze«, antwortet der Student. »Der Herr ist neidisch«, und er versucht, in das ausgeschnittene Kleid zu sehen. Sie bemerkt es mit Wohlgefallen.

Wieder singt es spitz auf und geht in ein Heulen über. Wieder kracht es auseinander und wirft Erde, Steine, Qualm und Splitter hoch. Eine Telegraphenstange kippt in den Trichter.

Das Mädchen läuft schreiend in den Hauskeller, der Student hinterher. Job und Lornsen packen die Schachfiguren ein, nehmen ihre Gewehre, Stahlhelme, Gasmasken, Tornister, machen sich marschfertig und gehen die Straße entlang nach dem Trichter des letzten Schusses.

»Setzen wir uns hinein«, sagt Job.

Kameraden gesellen sich zu ihnen. Job, als alter Infanterist reich an Erfahrungen, weiß, dass selbst nach 20 Schuss mit größter Wahrscheinlichkeit eine Einschlagstelle nicht zum zweiten Male getroffen wird. Da niemand mehr Wert darauf legt, als Held zu erscheinen, schützen sie ihr Leben, wo immer es möglich ist.

»Ich habe Angst«, flüstert aufgeregt die Französin.

Nimmt der Student ihre Hände: »Hier im Keller sind Sie geschützt, außerdem bin ich doch bei Ihnen.«

Erbleichend lächelt sie schwach über sein Französisch.

»Abah, Maschin kaputt, Maschin kaputt!«

»So, so!«, meint er gedehnt, »Maschin kaputt!«, und wird merklich kühler. »Hoffentlich ist es nicht wahr.«

Leider sei es wahr. Nun habe der Herr wohl keine Lust mehr, im Keller zu bleiben.

Der Student betrachtet ihre rostroten Haare, die weißen Wimpern, die unzählbaren Sommersprossen und das Muttermal mit dem Büschel Haare. »Ein großes Unglück ist das.«

»Das mit der Schießerei?«, fragt sie.

»Nein, das andere.«

»Viele Kinder lasst ihr uns hier, was werden unsere Männer sagen, wenn sie heimkommen?«

»Wird die große Nation nicht schlechter durch«, sagt er ärgerlich.

»Wer bezahlt, mein Herr?«, macht sie die Gebärde des Bezahlens.

»Viele bezahlen mit ihrer Gesundheit, mein Fräulein, und liegen in den Lazaretten.«

Der dritte Schuss krepiert im Hof des Lazarettes. Fensterscheiben klirren, Dachziegel fliegen herum, Bäume brechen geknickt. Der lnfanterieleutnant sammelt seine Leute, ein Feldwebel schreit umher, Unteroffiziere hasten durch Häuser und Scheunen, endlich ist alles, bis auf den Studenten, zusammen. Job holt ihn. »He!«, schreit er in den Keller hinein, »he – antreten! Das passt Dir wohl so, was? Dein Gepäck liegt noch oben.«

Die Infanterie marschiert ab. Etliche tragen lange Knüppel, um Kameraden, die unterwegs verwundet werden, besser wegschleppen zu können. Wie die Spitze den Dorfausgang erreicht hat, heult wieder eine Granate heran und detoniert mit dumpfem Krachen links vom Dorf im Munitionsdepot. Eine Druckwelle erschüttert die Luft, Handgranaten und Minen krachen rudelweise auseinander, eine mächtige, schwarze Wolke steigt auf. Balken, zersplitterte Bäume, zerstückelte Leiber wirbeln umher. Dann explodiert ein Munitionszug. Bis ins Dorf hinein werden Steine und Holzteile geschleudert. Was noch lebt, flüchtet mit Entsetzen auf das Dorf zu.

»Solltest eigentlich gleich hierbleiben«, wendet sich Job plötzlich an den Studenten, »könntest gleich ins Lazarett gehen und ein paar Tage abwarten.«

»Vielleicht wollte Philosoph auch nichts weiter, als sich was wegholen, damit er so schnell wie möglich wieder aus dem Graben kommt«, meint Lornsen.

»Das ist der blanke Neid«, lacht der Student und tut, als hätten sie recht mit ihrer Vermutung.

»Na weißt Du«, spottet Müller, »da sind mir die in Sedan doch lieber.«

Sie machen ihre Witze über das Bordell in Sedan. Der Student behauptet, um Job, der verheiratet ist, zu ärgern, dass dort nur verheiratete Männer zu finden seien.

»Lasst uns eins singen«, meint endlich Müller.

Job hat es gedichtet, die Melodie stammt vom Studenten:

Im schmalen Hohlweg
Ein Riesentrichter,
Drei Pferde, zwei Mann –
begeistert trat ich heran.

singt Müller. Die anderen fallen ein:

Hier ein Kopf
und dort ein Arm,
kunterbunt und Brei
in des Straßenschlammes Einerlei.

Ein Unteroffizier schüttelt missbilligend den Kopf. Müller sieht es und brüllt mit ganzer Kraft der Lunge:

Kleine süße Maden,
dicker Brummer Schwaden,
Briefes Ende mir zu Füßen:

(Heben sie die Stimmen, um sie weiblich klingen zu lassen.)

,Unser Kindchen lässt dich grüßen.‘
Schön ist der Soldatentod, sonderlich am Abend
wenn die Sonne blutigrot
tut das Herz erlaben.

In den Gesichtern steht ein ironisches Grinsen. Einmal, als es hieß »Singen!«, sangen sie auch dies Stückchen. Der Feldwebel fuhr dazwischen und verbot »solch Mistzeug, solch rotes Etappenmistzeug«. Als es dann wieder hieß »Singen!«, sang niemand. Der damalige Leutnant ließ umkehren (es spielte sich weit zurück in der Etappe ab), eine halbe Stunde Marsch zurück, dann kehrt und wieder der Befehl »Singen!« Kein Mensch sang. Wer dazu neigte, wurde von dem Neben- oder Hintermann angezischt. Bei derselben Straßenecke wieder kehrt und wiederum zurück, diesmal nur zehn Minuten. Das gleiche Schauspiel von neuem. Endlich wurde es dem Leutnant langweilig. Er hielt eine drohende Ansprache. Da trat Job vor die Front.

»Kerl! Was wollen Sie?«

Ob er sprechen dürfe.

»Ja, mach die Brotluke auf.«

»Wenn sie nicht singen dürfen, was sie wollen, singen sie überhaupt nicht, die Kameraden, soweit ich es überblicken kann.«

Er habe befohlen, zu singen, weiter nichts, was sie sängen, daran sei ihm »ein Dreck« gelegen, zog sich der Leutnant aus der bedenklichen Situation. »Eintreten!«

Als es dann hieß: »Singen!«, ertönte aus Jobs Kehle prompt wieder das gleiche Lied. Die anderen fielen ein und von dem Tage an stieg sowohl das Ansehen Jobs als auch das Ansehen des Liedes.

Hoch bedeckt der graue Straßenbrei die Chaussee. Die Stahlhelme gespenstisch auf den Köpfen, die »Knarren« umgehängt, waten die Leute vornübergebeugt durch den Schlamm. Der Leutnant trägt einen Spazierstock; die Mode, »Krückmänner« zu benutzen, ist weit verbreitet. Manchmal sieht man Leute mit knorrigen Stöcken, unsoldatisch und doch wieder angesichts Stahlhelm, Gasmaske und Gewehr seltsam kriegerisch, sich dahinschleppen. Sind dann die Uniformen über und über grau bekrustet vom Dreck der Trichter und Gräben, so sehen sie mit ihren bleichen Gesichtern, ihren tiefliegenden Augen aus wie Wesen aus einer anderen Welt.

Als nächstes folgt das sogenannte »Schornsteinfegerlied«. Es ist weit an der Westfront bekannt und sehr beliebt.

Klosterschwestern freuet euch,
Morgen wird gefegt bei euch,
simserim, simsim.

heißt es in dem Liede und:

Schwester Klara war sehr eigen,
ließ sich jeden Besen zeigen,
simserim, simsim …

Von den Vieren, die eine kleine Kameradschaft bilden in der großen, die die Front umspannt, geht die Rede, dass der Tod sie nicht haben will. Diese »Parole« hat natürlich ihre Gründe: einmal verließen sie einen Unterstand, kurz darauf drückte ihn eine schwere Mine ein, ein anderes Mal fiel eine Fliegerbombe zwei Meter vor ihnen auf einen Weg und krepierte nicht, bei einem Sturm blieb alles im Sperrfeuer liegen, nur die Vier kamen heil zurück und ähnliche Fälle mehr. Sie teilen alles redlich miteinander. Müller, der Bauernsohn, sorgt für Zusatzportionen in Form von väterlicher Wurst. Der Student für Zeitungen und Bücher. Job, der drei Kinder hat und Vorarbeiter in einer Fabrik ist, spielt so eine Art Hausvater, er schützt ihr Leben, wo er kann, und da er der Älteste ist und viel Grabenerfahrungen besitzt, ordnen die anderen sich meistens unter. Der Techniker Lornsen ist von einer Pionierabteilung aus zu ihnen gekommen. Er hat Tabakbeziehungen und sorgt für einigermaßen anständige Zigarren.

»Wenn wir nicht so feige wären«, sagt Job, »gingen wir nicht mehr in Stellung.«

»Wir sind doch Helden, Mensch!«, lacht der Student auf. »In den Zeitungen steht es doch jeden Tag zu lesen.«

»Wir sind«, dreht sich ein Vordermann um, »die besten Soldaten der Welt, daran ist nicht zu rütteln.«

»Egal«, schreit Job. »Ich habe neunzehnvierzehn nicht ,Hurra‘ gebrüllt, was geht mich der Dreck an.«

»Hallo!«, antwortet Müller, »sollen wir jetzt plötzlich sagen: Bitte, meine Herrschaften, marschiert nur ein in Deutschland.«

»Was Vaterland und Heimat«, entgegnet Job, »wir Industriekerls haben das nicht, ich zum Beispiel habe in Köln, Berlin, Hamburg, Essen, Rom und Kopenhagen gearbeitet, was heißt bei mir Heimat? Heimat heißt bei mir Mietskasernen, Straßenkrach, Häusermeer, Prolet hier, Prolet da.«

»Nee, Philosoph, uns hängt der Dreck zum Halse heraus«, wendet sich Müller an den Studenten. »Warum gehen wir, Deiner Meinung nach, denn noch in Stellung?«

»Wir gehen nach vorn«, antwortet der Student, »weil wir zu feige sind, nach hinten zu gehen. Wir fürchten die Bestrafung wie kleine Kinder den Schornsteinfeger. Als ob es für uns überhaupt noch eine Bestrafung gibt. Festung – das muss ja fast eine Erholung sein. Außerdem sind wir Herde. Eine Herde sehnt sich immer nach Führung, vorläufig werden wir nach vorn geführt – also gehen wir nach vorn. Vielleicht kommen eines Tages Führer, die uns nach hinten stürmen lassen. Wir warten vielleicht schon darauf, aber es wollen sich keine zeigen. Sklaven sind wir im Grunde und keine geborenen Helden, das ist es. Wenn hier ein Held ist«, ruft er laut, »so trete er nach rechts heraus, haue dem Feldwebel ‚Grabengespenst‘ in die Fresse, setze sich auf einen Kilometerstein und sage: hier sitze ich, ich kann nicht anders, Amen.«

Alles lacht durcheinander.

»Hat sich kein Schwein gemeldet«, höhnt Job. »Alles Mistvieh. Alles nur reif und gut für Massengräber. Diesmal gehe ich zum letzten Mal in Stellung, das schwöre ich Euch.«

»Du hast geschworen, merkt Euch das. Er hat geschworen!«, ruft Müller.

»Alle Vier«, flüstert erregt der Student. »Oder nicht, Lornsen?« Lornsen will auch dabei sein. »Aus Kameradschaft«, sagt er.

»Ihr Affen, das werdet Ihr schon bereuen«, dreht sich ein Gefreiter um.

»Was willst Du denn!«, fährt der Student auf. »Es ist eine Auszeichnung für einen Menschen, wenn man ihn mit einem Tier vergleicht! Dies scheinst Du noch immer nicht zu wissen. Probiere es und sage zu einem Tier – Mensch. Es wird schwer beleidigt sein.«

»Wieder was«, bemerkt Job, »quassel nur weiter, Philosoph, das ist ganz hübsch.«

»Einen Vogel hat jeder von Euch Vier«, meint giftig der Gefreite.

»Das ist so mit den Tieren«, lacht der Student, »sie sind eine Erholung vom Menschen. Bewusste Grausamkeit kennt nur der Mensch und vielleicht schwach gewisse Affensorten. Bewusst raffiniert grausam kann nur der Mensch sein. Wildlebende hungrige Katzen spielen nicht mit Mäusen. Und das Schönste ist, dies Geschöpf Mensch erreichte die Spitze seiner Grausamkeit innerhalb der eigenen Gattung. Langsames Aufkochen in Wasser oder Wein, langsames Braten, langsames Zerstückeln und was dergleichen mehr ist. Und dann diese Verlogenheit, diese innere Stillosigkeit. Zum Beispiel: Schutzvereine für Tiere und Flammenwerfer für Menschen im Krieg, Dankgebete nach der Schlacht, Strafmandat, wenn du, nur mit der Hose bekleidet, durch die Straßen läufst oder ohne Badeanzug badest. Dabei einen ungeheuren Haufen geschlechtlicher Witze und jeder seine geschlechtliche Praxis nebst schlechtem Gewissen. Schweigen wir, es ist alles so sonnenklar. Der Mensch leidet außerdem an einem Größenwahn, der zum Heulen ist. Gottes Ebenbild nennt er sich, die Welt soll seinetwegen gemacht worden sein, wenigstens aber die Erde. Er allein hat eine Seele, er allein lebt nach dem Tode weiter, er allein kann denken. Und wie weit hat er es gebracht! Wundervoll weit, ganz furchtbar wundervoll.«

»Dazu ist noch mehr zu sagen«, spinnt Lornsen den Faden weiter. »Was tut so ein durchschnittlicher Bergmann, Fabrikarbeiter, Bauernknecht, Bürger?«

»Er isst, schläft, arbeitet, amüsiert sich, teils geschlechtlich, teils mit Hilfe des Magens«, antwortet der Student.

Fährt Lornsen fort: »Gut, sehr gut, nun passt einmal auf, was tut ein durchschnittliches Tier, sagen wir ein Affe, ein Hund, eine Maus? Na, los, Philosoph.«

»Das Gleiche.«

»Sehr gut, sehr gut«, lacht Job. »Meine Herren, meine Herren!«

»So, nun kann man die ganze Sache umdrehen und sagen: Hund, Affe, Ameise – überhaupt die Tiere sind den Menschen überlegen, denn sie machen dasselbe, – aber ohne Straßenbahn, Parlament, Gesetzbuch, Kirchen, Eisenbahnen, Granaten, Mietskasernen, Bordelle, Hochöfen, Brücken und Feldwebel. Da nun die Majorität auch nur schläft, frisst, Fraß beschafft und sich amüsiert, so ist der Mensch ein verunglücktes Wesen, eine Fratze, ein Versehen Gottes. Ernsthaft gesprochen: man kann den Menschen einmal als Spitze sehen, das andere Mal als ein Ende, als eine Entartung. Das steht jedem frei.«

»Kunst, Kultur, Geist, Seele«, ruft der Student, aber er lacht dabei ironisch.

»Dann bleiben«, meint Müller, »nur die wenigen als Rechtfertigung. Aber wozu dann die anderen, wozu da Menschen, warum überhaupt nicht nur Pflanzen, nichts als Pflanzen?«

»Hurra!«, ruft Job. »Auch unser Müller wird philosophisch.«

»Macht nicht so einen Krach«, dreht sich ein Vordermann um.

»Der Krach vorne gefällt Dir wohl besser, was?«, höhnt Job.

»Wahrscheinlich hat das meiste in der Welt keinen Sinn«, meint der Student nachdenklich.

»Fliegerdeckung! – rechts und links in den Straßengraben!«, tönt es von vorn her durch die Reihen. Alles springt in den Straßengraben. Job schaut erstaunt auf, sieht die Flieger tief herankommen. »Meine Herren, da drüben hin.« Er läuft über das Ödland und legt sich in eine Bodensenkung. Müller, Lornsen und der Student folgen. Gespannt schauen sie auf die Flieger.

»Das gibt Verluste«, meint Job. »Fliegen die Hunde tief!« Flugabwehr spuckt Schrapnellwolken hoch. Die Schüsse sitzen zu weit. Maschinengewehre knattern. Die Flieger haben die Infanterie lange entdeckt. Zehn Bomben krepieren rechts und links der Straße und vier im Straßengraben.

»Meine Herren«, flüstert der Student und beißt die Zähne wütend zusammen.

»Gut, dass wir hier lagen«, steht Job auf.

Sie gehen wieder nach der Straße zurück. Ein Mann läuft schreiend querfeldein, beide Hände am Hals. Zehn Tote: Arme, Beine und Köpfe zerrissen. Zwei Mann sind überhaupt nicht wiederzufinden. Verwundete stöhnen und heulen. Der Leutnant wischt sich Gehirnteile aus dem Gesicht. Fünf Schwerverletzte verbluten. Ein junger Mensch, der zum ersten Mal auf dem Weg nach vorn ist, starrt entsetzt auf einen Brei aus Knochen, Erde, Grasbüschel, Blut und Fleisch.

Die Toten werden fortgeschafft und die Verwundeten von einem Wagen mitgenommen. Dann geht der Marsch weiter.

»Das ist ein böser Anfang«, sagt jemand, dem noch immer die Hände zittern. Die Gespräche flauen ab, viele marschieren wieder mit gesenktem Kopf.

»So fahren sie nacheinander dahin. Wann kommen wir? Die große Mühle erfasst noch alle«, bricht der Student das Schweigen. »Der Dreck, meine Herren, hängt einem zum Halse heraus.«

Er bekommt keine Antwort.

 

»Meine Herren« ist ein Ausdruck, der an der ganzen Front Mode geworden ist: »Meine Herren, ein Hundewetter.« »Meine Herren, wo habe ich meine Zigaretten.« »Meine Herren, der Franzmann wird bald wieder Dunst machen.« So schwirrt das »meine Herren« umher. Wahrscheinlich soll es die Redeweise der Offiziere, zum Beispiel: »Meine Herren, ich denke, wir frühstücken. Meine Herren, was halten Sie von meinem Vorschlag« ironisch nachahmen. Später ging der Sinn verloren, die meisten wissen nicht, warum sie eigentlich bei jedem fünften Satz »Meine Herren« sagen. Im Laufe der Zeit hat sich eine Art Frontsprache herausgebildet. Verwundet werden heißt: einen verpasst bekommen – Brot: Karro einfach – Unterstand: Bunker – Granatfeuer: Dunst, leichten oder schweren Dunst – flüchten: stiften gehen, türmen – beschossen werden: beaast werden, befunkt werden – Telegraphenleitung: Quasselstrippe – Etappenmann: Etappenschwein – Orden: Blechladen, Klempnerladen – leichte Verwundung: Heimatschuss – Gefahrfreie Beschäftigung: Druckposten – Geschützfeuer ohne Grund: Stänkerei – mitnehmen: verhaften, verpassen – schweres Feuer: Schlamassel …

Die Infanterie passiert eine Gruppe Gefangener, die den Straßendreck zu einzelnen Haufen schaufeln.

»Kamerad, Brot«, bettelt ein hohlwangiger Franzose, indem er neben Job herläuft. Der Posten bei den Gefangenen ruft den Bettelnden zurück.

Job bricht ein Stück Brot durch und wirft die Hälfte dem stehengebliebenen Gefangenen zu. Es fällt in den Straßenschmutz. Der Franzose springt darauf zu, wischt es notdürftig am Ärmel ab und schlingt darauf los.

»Es ist eine Schweinerei«, brummt Müller, »alles hungert, wie lange dieses hungernde Land wohl noch aushalten soll.«

Der Feldwebel »Grabengespenst« schnauzt Job an: »Fressen Sie Ihren Kram selber, verstanden? Geben Sie es Ihren Kameraden, verboten das.«

»Ich mache was ich will mit meinem Karro, Herr Feldwebel, der Kerl hatte Hunger.«

»Und ich«, geht der Feldwebel weiter, »sage Ihnen, das gibt‘s nicht, verstanden?«

»Nee«, antwortet Job trocken, aber der Feldwebel zieht vor, das »Nee« zu überhören.

Eine deutsche Jagdstaffel hat hoch oben einen französischen Flieger gefasst. Mit großem V drücken sie den Franzosen herab. Er lässt sich abtrudeln, fängt sich wieder und versucht, in Richtung Front zu entkommen. Da löst sich der erste Flieger von der Staffel, saust steil wie ein Raubvogel hinab und behämmert den Franzosen mit seinem Maschinengewehr. Er fährt steil eine Kurve und beide sausen aneinander vorbei. Wieder setzt sich der Deutsche hinter den Gegner, eine kleine Rauchfahne beim Franzosen, dann eine lange schwarze – er brennt. Man sieht deutlich die beiden Insassen. Das Flugzeug stürzt seltsamerweise nicht ab, es fliegt in großer, wenig geneigter Kurve mit laut singendem Motor abwärts und die Rauch- und Flammenfahne flattert gespenstisch mit. Man sieht, wie die Insassen in der Luft verbrennen.

»Abstürzen, abstürzen«, stottert der Student, »das da ist unerträglich.«

»Die haben die Hitze unterm Balg, die verkohlen in der Luft«, meint Lornsen, »aber vielleicht sind sie schon mit dem Maschinengewehr kaputt gemacht.«

Endlich neigt sich das Gerippe vornüber und knallt zu Boden; Maschinengewehrmunition knattert und der Trümmerhaufen qualmt weiter. Der deutsche Flieger kreist über dem toten Gegner und fliegt mit der Staffel heimwärts.

»Du wolltest mir noch was erzählen«, wendet sich Job an Lornsen.

»Ach, nichts weiter«, brummt Lornsen und gibt jedem eine Zigarre.

»Kannst nicht wissen. Schieß mal los!«

Lornsen steckt seine Zigarre in Brand, besinnt sich, schüttelt den Kopf und erzählt dann doch: »Ihr wisst ja, als ich raus musste, habe ich vorher geheiratet. Der erste Urlaub kam, schließlich auch der zweite. Ganz plötzlich hieß es, ihr wisst es ja: ‚Heute Mittag können Sie fahren‘. Na – ich dachte, da willst du sie doch mal überraschen, wird die sich freuen. Ich schleife zwei Sandsäcke voll Äpfel mit und haue ab. Gegen Abend, es dämmerte, kam ich die Treppe rauf. Warum ich nicht läutete, weiß ich nicht. Ich fasste den Drücker an, die Tür war nicht verschlossen. Trete ein und denke: sieh, da hat ein Bettler Gelegenheit, zu klauen. Im Schlafzimmer brannte Licht. Ich machte leise die Tür auf, meine Herren – nee – platt ist gar nichts, die ganze Bude schaukelte. Ich dachte, ich wäre wahnsinnig geworden. Liegt sie in der Falle und dabei hockt so ein Junge, vielleicht zwanzig oder neunzehn Jahre alt. Sie schreit auf, zieht die Decke heran und über den Kopf. Und er – der Junge, starrt mich an, starrt mich an wie eine Puppe. Dann hebt sich langsam seine rechte Hand und legt sich auf den Mund. Ich stand und stand und – was weiß ich, vielleicht waren es nur Sekunden. Nachher dachte ich, es wären mindestens zehn Minuten gewesen. Langsam wandert mein Blick von ihrem nackten Knie nach der Ampel, von da nach dem Spiegel im Schrank und zurück nach dem Jungen. Endlich begreife ich richtig – fasse einen Stuhl und setz‘ mich hin. Ihr wisst ja, dass ich einen Revolver habe, nun – den machte ich langsam klar und legte ihn auf die breite Kante meines Bettes. Sie schluchzte unter der Decke. ‚Decke weg!‘ schrie ich, schön muss sich das angehört haben. Gehorsam nahm sie die Decke vom Gesicht. Ich stand auf und nahm den Revolver in die Hand, plötzlich musste ich grinsen. Ihre Augen öffneten sich weit, es sah aus, als würde sie sogleich irrsinnig. ‚Decke ganz weg!‘, schrie ich. Sie wollte nicht, ich hob den Revolver und hielt ihn auf den Jungen. Er riss sofort die Decke weg. Sie krümmte sich wie ein Wurm. Nicht einen Fetzen hatte sie am Leib. Schön sieht sie aus, dachte ich, sehr schön. ‚Gebt euch einen Kuss‘, kommandierte ich, – ich zähle bis drei. Bei zwei starrte sie abwechselnd auf mich und den Revolver, bei drei küsste sie der Junge. Das Seltsamste war, dass er sie nicht etwa nur anhauchte, sondern mit großer Innigkeit küsste.«

»War der Kerl auch nackt?«, fragt Job.

»Auch, ja. Sah aus wie ein Schulbube. Abgesehen von der Fresse. Ich musste auflachen. Sie grub ihren Kopf in das Kissen, er senkte den Blick. ‚Noch einmal!‘, schrie ich. Es geschah nichts. Der Junge schloss nur die Augen und stöhnte: ‚Nicht schießen, nicht.‘ Da schoss ich in die Mauer. Die Frau sprang auf und wollte nach der Tür. Ich schloss ab. ‚Noch einmal, wenn Ihr leben bleiben wollt‘, sagte ich langsam. Da hob sie den Kopf und sah auf den Jungen. Der beugte sich herab und wollte sie wieder küssen – aber sie fuhr ihm plötzlich mit den Nägeln ins Gesicht, dann lief sie zu mir und hing sich an mich. Ich wehrte sie ab, dass sie lang hinschlug. Und wie sie nun so fiel, dachte ich, schön braun ist ihre Haut. Ich schloss die Tür auf und befahl dem Jungen, sein Zeug zu nehmen.

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