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Von allen guten Geistern

Weil die Freiheit, der zu werden, der man ist (…)
auch für monströse Menschen gilt
.

Antonin Varenne
„Die sieben Leben des Arthur Bowman“

Prolog

Im Sommer 1864 verkaufte ein Mann Zwangsjacken. Es war heiß auf dem Marktplatz am Heiligengeistfeld vor den Toren Hamburgs. Die Menschen bestaunten seine seltsame Ware.

Der Mann kam aus der Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg.

Er war kein Patient. Er war der Leiter.

Am Abend des Tages lachte der Mann Fanny Nielsen an und sagte, es sei keine einzige Jacke übrig geblieben. Nicht eine. Er habe den Zwang verkauft.

Fanny, einer Schauspielerin, gefiel diese Formulierung. Sie legte dem Mann eine Hand auf den Unterarm.

Bald darauf kam es zu einem Unglück.

1

Hamburg, Sommer 1880

Ludwig ahnte zu spät, dass sie alle dort sein würden. Schon als er zusammen mit Fräulein Hellmann die von ihm geleitete Heil- und Irrenanstalt in Göttingen verließ und in die Kutsche zum Bahnhof stieg, fühlte er jemanden nach seiner Kehle greifen. Der Zug fuhr über Hannover, von dort nach Lüneburg, der letzten Station vor Hamburg. Ludwig drehte dem sonnenwarmen Abteilfenster den Rücken zu und brachte Fräulein Hellmann mit Anekdoten aus seinem Psychiaterleben zum Lachen. Als der Zug nach Hamburg einfuhr, das Tempo drosselte und Ludwig die Dampfmaschine träger pauken hörte, trug er bereits eine grobe Schlinge um den Hals. Sie warteten auf ihn. Sie streckten die Hände nach ihm aus oder zeigten auf sein Gesicht und tuschelten miteinander. Sie waren bleichgesichtig und konturlos, Schemen wie aus Zigarrenrauch. Ihre Stimmen hauchten, aber die Angst in ihm wuchs, dass sich das bald ändern würde. Seine Irren. Seine Toten. Seine Liebe. Er spürte es in den Eingeweiden. Er wollte sich den schwarzen Binder und den Kragen wegreißen, unterließ es aber.

Das Kopfsteinpflaster Hamburgs klang hart und laut unter den eisenbeschlagenen Rädern der Kutsche. Die Pferdehufe klackten rhythmisch und immer wieder drückte Ludwig der Gedanke, sie mögen nicht aufhören. Weiterfahren, dachte er, einfach immer weiter. Aber das ging nicht. Fanny hatte ihn gerufen. Immer noch Fanny. Schwarzes Haar, grüne Augen, Eigensinn und eine kratzige Stimme.

Ludwig hatte damals alle persönlichen Kontakte in die Hansestadt abgebrochen und dem Drang widerstanden, zur Stätte seiner Triumphe, Niederlagen und Untaten zurückzukehren. Er hatte seine Erinnerungen mit Fallgeschichten zugeschüttet, mit Stöhnen und Wahn, entgleistem Eros, Psychosen und all dem anderen und sich um seine Patienten gekümmert, tags, nachts, immer.

Er nahm die Uhr aus der Westentasche und ließ den Deckel aufspringen. Seine Zeit schrumpfte auf dem schneeweißen Ziffernblatt zusammen.

„Wir sind bald da, Fräulein Hellmann“, sagte er.

Die junge Frau neben ihm auf den Polstern hatte die Hände im Schoß verschränkt und den Kopf gesenkt. Als die Kutsche vom Bahnhof aus Richtung Innenstadt gefahren war, hatte Ludwig die bordeauxroten Vorhänge vor die Fenster gezogen, und das Licht schimmerte wegen der prall scheinenden Sonne wie rötlicher Staub. Fräulein Hellmanns Gesicht war wie gepudert von diesem Schimmer. Sie war eine seiner Patientinnen, eine schmale, blonde Frau. Suizidal. „Kraftvoll und schwach“, hatte Ludwig neben Fieberkurven, Ernährung, Vita sexualis und Anamnese in ihre Akte geschrieben. „Alles gleichzeitig. Klug, intelligent – gefangen. Verfällt immer wieder in die gleichen Muster. Braucht Sicherheit und weiß, dass es die im Leben nicht gibt. Sie ist intelligenter als ihre Krankheit. Aber Intelligenz hilft nicht. Vier Selbstmordversuche.“

Er hatte ihr dazu geraten, die Reise aus der Anstalt in Göttingen mit ihm anzutreten. Sie würden ins Theater gehen, hatte er ihr vorgeschwärmt, eine der großartigsten Schauspielerinnen Deutschlands bei ihrer Abschiedsvorstellung bewundern können. Fanny Nielsen. Die Wundervolle. Die Beste. Sie müsse mal raus, sie liebe doch die Literatur und das Theater und sie sei seiner Diagnose nach ganz sicher so weit, diese Fahrt mit ihm gemeinsam antreten zu können. „Aktion bringt Satisfaktion, Fräulein Hellmann. Ausgewogenheit zwischen Aktion und Ruhe. Den eigenen Lebensrhythmus finden.“ Ludwig hatte wiederholt beteuert, wie gut er sie verstehe. Menschen mit Selbstmordgedanken hatte er immer gut verstanden. Er hatte Fräulein Hellmann verschwiegen, dass er es nicht geschafft hätte, alleine nach Hamburg zu fahren. Er hatte ihr ebenfalls verschwiegen, dass er es geschafft hätte, mit einem Freund zu fahren, der vielleicht etwas von Ludwigs geheimer Geschichte ahnte. Nein, diese kranke Frau mit ihrem traurigen, tapferen Herz war für ihn die einzig richtige Begleitung. Es war eigennützig von ihm, sie mitzunehmen. Das wusste er. Das gefiel ihm nicht. Aber er hatte es trotzdem getan und gehofft, diese Reise würde Fräulein Hellmanns Psyche weiter aufhellen.

Die Kutsche bog nach rechts ab. Wahrscheinlich fuhren sie am Bahnhofsplatz vorbei in den Besenbinderhof oder die Große Allee durch St. Georg Richtung Osten.

„Hamburg ist eine schöne Stadt“, sagte er.

Fräulein Hellmann lächelte ihn an.

„Warum sind Sie dann nicht hiergeblieben, Herr Professor?“

Die Frage traf ihn wie ein Messerstich zwischen die Rippen.

„Wäre ich geblieben, hätten wir beide uns nie kennengelernt.“

„Das wäre allerdings schade gewesen.“

Wie schön, dass Fräulein Hellmann das sagte. Er schraubte den Flachmann auf und trank.

„Wie unhöflich von mir. Möchten Sie auch? Cognac.“

„Es ist später Vormittag, Herr Professor. Da trinkt man doch nicht.“

„Man macht so vieles nicht. Zu dumm, oder?“

Jetzt hätte er gerne aus dem Fenster geguckt, sah aber nur die sich leicht bewegenden Vorhänge. In den Stofffalten war das Rot dunkler als auf den Wölbungen. Räder und Hufe machten dumpfere Geräusche, der Straßenbelag war sandig und nicht mehr der steinerne der Stadt. Sie mussten bereits auf der Straße nach Wandsbek und Barmbek sein, an der Lübecker Pforte und dem Krankenhaus St. Georg vorbei. Irgendwann würden sie das Haus passieren, in dem Fanny aufgewachsen war.

Hätte er sich nach seiner Flucht nicht regelmäßig Zeitungen aus der Hansestadt schicken lassen, er hätte nie von Fannys Abschiedsvorstellung erfahren. Als er die Anzeige gelesen hatte, war ihm die Zeitung aus den Händen geglitten und auf den Boden seines Anstaltsbüros gefallen. Nicht weit entfernt hörte er einen von Dämonen verfolgten Mann schreien. Die kleinen Scheiben in seiner Bürotür vibrierten, als Wärter und Ärzte über den Flur rannten. Als kündige sich ein Erdbeben an. Ein Menschenbeben. Ludwig hatte viele davon miterlebt. Ohne hinzusehen, schob er die Zeitung mit dem Fuß unter den Tisch, das Papier raschelte, die Seiten stauten sich zu einem rutschenden Gebirge auf und er ging zum Fenster und starrte in den steingrauen Himmel. Einen Tag später war ein Brief von seiner Schwester Julia eingetroffen. Sie schrieb ihm, Fanny gäbe nicht nur ihre Abschiedsvorstellung, sie verließe das Land und ginge nach Amerika.

Er musste sie noch einmal berühren. Und dann schlich sich ihm der Gedanke ein, in Hamburg nicht nur Fanny ein letztes Mal zu sehen. Zwang sein Herz ihn schon, in die Stadt zurückzukehren, dann könnte er auch die Männer aufsuchen, die ihn damals vertrieben hatten. Vielleicht. Er war sich nicht sicher, ob er das schaffen würde. Es war viele Jahre her und er hatte gehofft, es würde aufhören. Aber die Geister seiner Vergangenheit erschienen immer öfter, je mehr Falten in sein Gesicht schnitten, je grauer das lange Haar und je größer die Müdigkeit wurde. Er hatte zum ersten Mal daran gedacht, sich zur Ruhe zu setzen. Ruhe – ein Irrenarzt und Ruhe!

Er schob die Gedanken und Gefühle weg, er drehte die Schuhspitze auf innen und fluchte.

„Was ist denn, Herr Professor?“

„Nichts, Fräulein Hellmann, nichts.“

Kaum hatte er das gesagt, hörte er den Kutscher „Brrr“ rufen. Die Kutsche kam mit einem kurzen Ruck zum Stehen. Die Fenstervorhänge schwangen. Da bin ich, rumorte es, da bin ich wieder. Die Kutsche schwankte leicht und dann schlugen Licht und Luft in das Wageninnere.

„Bitte sehr“, sagte der Kutscher und hielt die Tür auf.

Ludwig setzte einen Fuß auf die hölzerne Stufe, hielt sich am Türrahmen fest und betrat Hamburger Boden. Die Sonne stand hoch über der Straße. Ludwig klemmte sich die getönte Brille mit den kleinen, runden Gläsern auf die Nase. Der Himmel ermattete und die Baumkronen wurden mit dem bräunlichen Puder der Vergangenheit überzogen.

Eine Droschke polterte Richtung Stadt vorbei und ein Mann auf einem Rappen sah Ludwig an, wahrscheinlich, weil er so groß war und sein Haar zu lang und er diese ungewöhnliche Brille trug. Er schob die Augengläser auf die Nasenspitze und grüßte freundlich.

Er spürte eine Hand auf der Schulter, den festen Druck eines freundschaftlichen Willkommens. Überraschung und Plötzlichkeit durchschauerten ihn. Er sah sich um, wollte Guten Tag sagen. Da war niemand. Keiner, der sich von ihm entfernte und gerade noch die Hand nach ihm ausgestreckt haben konnte. Was war das? Ludwig wischte sich über die Schulter.

„Wer halluziniert“, sagte er, „wurde früher mit Brechweinsteinsalbe behandelt.“

„Wie kommen Sie denn jetzt darauf?“, fragte Fräulein Hellmann.

„Keine Ahnung.“

Er reichte ihr die Hand und half ihr aus der Kutsche. Das Kleid raschelte. Die junge Frau atmete tief ein, als könne das ihre Aufnahmefähigkeit vergrößern. Sie sah sich um, und Ludwig meinte, sie ein „Oh, là, là“ flüstern zu hören. Er griff nach seiner ledernen Umhängetasche, schwang sie über die Schulter und bezahlte den Kutscher.

„Sie bleiben hier stehen“, sagte er. „Ich werde Sie ordentlich entlohnen, keine Sorge. Ich brauche Sie den ganzen Tag.“

„Den ganzen Tag?“

„Tun Sie mir den Gefallen.“

Ludwig bot seiner Begleiterin die Armbeuge.

„Mein Elternhaus“, sagte er.

Das verrostete Tor stand offen, die Auffahrt war mit rebellischen Grasbüscheln gesprenkelt. Zeit und Wetter hatten die Außenwände der Villa gebleicht, spröde gemacht und auf dem Boden und um die Fenster herum mit einem grünlichen Schimmer überzogen. Der Vorgarten verwilderte. Ludwig ging mit Fräulein Hellmann auf die Eingangstür zu. Er wies auf die lebensgroße Statue der Diana, grau und grün mittlerweile. Die Göttin der Jagd beugte sich leicht nach vorne, sie hatte einen Bogen in der rechten Hand. In den Falten ihres an der Hüfte gerafften Überwurfs war das Moos schwarz. Eine ihrer Brüste war nackt. Von seinem Zimmer aus hatte Ludwig die Jägerin stundenlang angesehen. Die verhüllte Brust, bei der sich der Stoff über der Brustwarze spannte, hatte ihn noch mehr erregt als die nackte. Die sehnsuchtsherbe Traurigkeit der Jugend war durch das Lächeln der Diana schwerer und leichter geworden.

„Was für ein schönes Haus“, sagte Fräulein Hellmann.

Er griff in die Rocktasche und zog den Schlüssel heraus.

Ganz langsam steckte er ihn ins Schloss und sah sich zur Straße um. Der Kutscher saß mit verschränkten Armen auf dem Bock, sonst war niemand zu sehen. Die Straße führte weiter hinauf nach Wandsbek und von dort nach Ahrensburg. Die Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg war nicht weit.

Sein Lebenswerk.

Von dort hatte er nie wieder weggewollt. Und dann? Seine Feinde stellten ihm eine Falle. Und weil er sich seiner Sache damals so sicher war, tappte er hinein. Er hörte noch immer den Jubel seiner Widersacher.

Er wandte sich wieder dem spröden Holz der Tür zu und drehte den Schlüssel. Sein Herz pumpte. Er drückte die Tür auf.

In der Eingangshalle roch es nach Staub und stehender Luft. Der schwarz-weiß geflieste Boden war stumpf geworden und hallte unter Fräulein Hellmanns Absätzen. An einigen Stellen wellten sich die Stofftapeten von den Wänden. In der Mitte des Raumes stand ein kleiner Tisch mit Stühlen. Brot, Wurst und Käse, Tomaten, Wein, Wasser, geblümtes Geschirr. Julia, dachte Ludwig und lächelte über die Fürsorglichkeit seiner Schwester. Er zog Fräulein Hellmann einen Stuhl heran und bat sie, Platz zu nehmen.

Er goss seiner Begleiterin ein Glas Wasser ein und drehte den Korkenzieher in die Weinflasche. Im einfallenden Licht glänzte sie türkis wie das Meer bei hochstehender Sonne. Mit einer einzigen Bewegung zog er den Korken heraus. Wie oft ihm das geholfen hatte – Kraft, einfache Kraft. In all den Jahren, in denen er gedemütigt wurde und man versuchte, ihn zu diskreditieren. Wie oft hatte er da seine Faust angesehen und sich gesagt, er würde es schaffen. Hatte er schließlich auch. Friedrichsberg. Fanny. Für zwei Jahre. Zwei Jahre nur. Er stieß mit Fräulein Hellmann an, sagte „Zum Wohl“ und trank das Glas in einem Zug aus.

„Junge, Junge“, sagte Fräulein Hellmann. Diese kranke Frau machte häufig amüsante Bemerkungen. So wie er auch. Den Humor hatte er von seiner Mutter geerbt. Er hatte ihr heiteres Wesen geliebt, bis sie von Geistern tyrannisiert und ihre Lippen ganz dünn wurden. Und jetzt stand er hier und sah sich in der seit Jahren ausgeräumten Halle um.

„An dieser Wand dort“, sagte er und wies neben die Doppeltür zum Salon, „hing ein übergroßes Bild meiner Mutter. Mein Vater hatte wochenlang den Maler in seinem Atelier besucht. Er hat ihm meine Mutter genau beschrieben. Das Bild war wahnsinnig.“

„Warum hat sie denn nicht Modell gestanden?“

„Das Bild ist nach ihrem Tod gemalt worden.“

„Nach ihrem …? Oh. Das muss schlimm gewesen sein für Ihren Vater. Er hat sie bestimmt sehr geliebt.“

„Er war ein Feigling.“

Selber, flüsterte jemand.

Ludwig blickte sich um. „Haben Sie gerade etwas gesagt?“

„Dass es schlimm gewesen sein muss für …“

„Ich meine danach.“

„Nein, Herr Professor.“

Ludwig atmete die eingebildete Flüsterstimme weg und griff nach dem Umschlag auf dem Tisch. Sein Vorname war mit schwarzer Tinte darauf geschrieben.

Lieber großer Bruder,

es tut mir leid, dass ich nicht da sein kann, wenn du mit deiner Begleiterin ankommst. Aber wie du siehst, habe ich gut für euch gesorgt. Ich komme, sobald ich kann. Ich freue mich über alle Maßen, dich endlich wiederzusehen.

Küsse,

Julia

Liebe Schwester, dachte er, ich freue mich auch. Er sah die Treppe hinauf. Dort oben waren ihre Zimmer gewesen. Und das verbotene Schlafzimmer seiner Eltern. Er hörte die Schritte seiner Mutter auf den Stufen, das Rascheln ihres Kleides und den Klang ihrer Stimme. Er erinnerte sich an verwinkelte, schattige Verstecke, die er gesucht hatte, um sie beobachten zu können. Er hatte ihr helfen wollen. Wie ahnungslos er gewesen war – und alle anderen, sein Vater, die Ärzte.

Er schnitt eine Scheibe Brot ab, belegte sie mit Wurst und trank Wein dazu. Irgendwo murmelten wieder Stimmen. Ludwig machte eine weitere Schnitte fertig, bat Fräulein Hellmann um Verzeihung und ging hinaus.

Der Kutscher sah ihm missmutig entgegen, die Lippen hart im Schwarz des Bartes. Ludwig reichte ihm das in eine Serviette eingeschlagene Brot.

„Auch Wein?“, fragte Ludwig.

„Um diese Zeit?“

„Was ist das eigentlich immer für eine Frage? Also, ja oder nein?“

„Wenn Sie es anbieten. Ich würde wohl ein Glas nehmen.“

Ludwig ging zurück. Fräulein Hellmann wirkte klein und dünn in dem hohen Raum, sie aß ein Stück Käse.

Ludwig brachte dem Kutscher ein Glas Wein.

„Sagen Sie, kennen Sie Friedrichsberg?“, fragte er.

„Diese komische Irrenanstalt? Richtung Barmbek?“

„Sie kennen Friedrichsberg.“

Der Mann setzte das Glas an die Lippen. Die Lichtreflexionen im Wein sahen aus, als trinke er einen Schluck Sonne.

„Ich war zwei Jahre in Friedrichsberg“, sagte Ludwig.

„Kann ich mir vorstellen.“

Ludwig grinste. Er mochte Menschen mit Widerstandsgeist. Dieser Kutscher musste ihm schon wegen der eleganten Kleidung ansehen, dass er aus sogenannten besseren Kreisen kam. Dennoch hielt das den Mann nicht davon ab, diese Bemerkung zu machen.

„Wollen Sie wieder dahin?“, fragte der Kutscher.

„Lieber nicht.“

Meyer, du Feigling.

Ludwig zuckte zusammen, eine Metallbürste kratzte über seine Schulterblätter. Er kannte diese Stimme gut. Willi Boysen, der Tobsüchtige mit dem ausrasierten Nacken. Das konnte doch nicht wahr sein.

„Sie bleiben hier“, sagte er. Als er zurück zum Haus ging, suchte er die Sträucher am Rande der Auffahrt ab. Laub raschelte, Äste knickten, er spähte in die Wirrnis von Baumkronen und hinter Dianas geheimnisvollen Rücken. Da war niemand.

„Geht es Ihnen nicht gut?“, fragte Fräulein Hellmann, als er wieder in die Halle kam.

„Doch, doch“, log er, setzte sich, hörte aber Fräulein Hellmanns Worte nicht mehr.

Der kleine Tisch wurde immer länger. Erst schlängelte er sich, dann gewann er Festigkeit und Kanten. Stühle formten sich an seinen Seiten. Ludwig hörte murmelnde Stimmen, Schemen schwammen, eine fließende Schulter hier, ein matter Haaransatz dort.

Er kniff die Augen zusammen. Fräulein Hellmann sagte wieder etwas, aber er verstand sie nicht. Er sah die lange Tafel hinab. Da saßen sie alle. Seine Mutter, Herr Mommsen, Willi Boysen und all die anderen. Wenn Ludwig blinzelte, verschwanden sie für Sekunden.

Er kippte ein Glas Wein hinunter.

Fräulein Hellmann wies mit dem Gesicht zu einem Gemälde, das an der Wand neben der Treppe hing. Es war das einzige Bild, das in der Villa geblieben war.

„Ein Segelschiff “, sagte sie.

„In Hamburg hängen immer irgendwo Bilder von Schiffen.“

Komm zur Sache, Meyer. Warum bist du hier? Wegen Fanny? Oder wegen etwas anderem? Boysen starrte ihn an.

„Halten Sie den Mund“, sagte Ludwig.

„Wie bitte?“, fragte Fräulein Hellmann.

„Ich meinte nicht Sie, gnädige Frau.“

„Sie sind ein bisschen komisch, Herr Professor.“

„Entschuldigen Sie, verzeihen Sie bitte.“ Er wollte seine Begleiterin nicht mit hineinziehen in diese Ausbrüche seiner Fantasien. Er musste Acht geben auf sie. Wer Fräulein Hellmann nicht so gut kannte wie er, wäre nie auf die Idee gekommen, dass ihr Leben ein einziger Balanceakt auf einem sehr dünnen Seil war. Er sah ihr einen Moment beim Essen zu. Sie schnitt Käse und Wurst. Sie genoss. Der Frohmut und die Beachtung angeblicher Kleinigkeiten bei Suizidalen – darüber würde er noch schreiben müssen. Oder hatte er das schon? Wahrscheinlich. Er wusste es nicht. Er blickte kurz zur Seite. Da saßen sie immer noch, und alle wollten etwas von ihm.

Er sah der Reihe nach die Stühle an. Die sind nicht da, dachte er. Immer deutlicher formten sich die Gestalten, gerade noch luftene Schemen bekamen erste Festigkeit durch Stoff und Haar, ein Oberkörper, eine Hand, ein Auge. Am klarsten formten sich seine Mutter und Willi Boysen.

„Ich habe sie alle freigelassen“, sagte er. „Die Kranken. Die Irrsinnigen. Es war die Hölle. Ich war dort.“

Fräulein Hellmann drehte das Gesicht von ihm weg, blickte zur Zimmerdecke und wandte sich ihm dann langsam wieder zu, als komme sie aus fremden Sphären zurück.

„Freigelassen? Hölle? Ich verstehe nicht.“

„Meine Reformen. Mein Friedrichsberg. Dumm nur, dass einige die Hölle mitgebracht haben ins Hier und Jetzt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Nicht so jedenfalls.“ Er räusperte sich, schlug sich mit der Faust vor die Brust. „Gut gekühlt wäre der Wein noch besser.“

Ach ja, jetzt wieder ganz fein? Willi Boysen lachte mit weit offenem Mund.

Ludwig zuckte zusammen, Wein spritzte auf seine Hand und lief kühl zwischen seinen Fingern hindurch.

Meyer, du Arschloch. Mir machst du nichts vor. Hast du nie. Und du weißt das.

„Seien Sie still!“

Ich krieg dich noch. Pass bloß auf.

„Seien. Sie. Still!“

Fräulein Hellmann starrte Ludwig an. Er spürte, dass ihm das Blut in die Wangen schoss.

„Kleine Verwirrungen“, lachte er, „das kommt vor. Klitzekleine Verwirrungen. In meinem Beruf. Kann man verstehen, oder?“ Er setzte das Weinglas an, fruchtige, kühle Feuchtigkeit auf den Lippen und in den Barthaaren.

„Sie machen mir ein wenig Angst“, sagte Fräulein Hellmann. Wie sollte er ihr erklären, was hier vorging? Er begriff es selbst nicht. Er wollte es nicht wahrhaben und er wusste, wie nah er dadurch den Menschen kam, die er sein Leben lang behandelt hatte.

„Was ist denn mit Ihnen, Herr Professor? Sie sind sonst immer so ausgesprochen höflich. Ihre Patienten lieben Sie. Sie sind so gut zu uns. Was haben Sie denn?“

So schön dieses Kompliment auch klang, war es für Ludwig in diesem Moment nur eine Beiläufigkeit. Er starrte das Segelschiff im Goldrahmen an und hörte den Wind rauschen und in die Segel drücken. Weg, dachte er, Amerika, Südsee, Afrika. Eine Irrenanstalt in Marrakesch aufbauen oder besser noch in Timbuktu. Nur weg. Er fluchte. Und lachte dann. Das hatte er von Fräulein Hellmann gelernt – ganz gleich, welch schlimme Dinge man zu berichten hatte: danach lachen, irgendwie.

Irgendwie.

Du verfluchter Mistkerl, Meyer, sagte Boysen. Hol mich hier raus!

„Sie bleiben, wo Sie sind!“

„Ich hatte nicht vor wegzugehen“, sagte Fräulein Hellmann.

Ludwig seufzte und ließ Gesicht und Vergangenheit Schutz suchen in den aufgestützten Händen.

„Ich meinte jemand anderen“, murmelte er in die warme Schwärze. „Friedrichsberg“, sagte er. „Friedrichsberg war damals die beste und modernste Heil- und Irrenanstalt Deutschlands. Ich habe die ersten Pläne gezeichnet. Ich habe diese Anstalt gegründet. Keine Fenstergitter. Keine Ketten. Eine große Außenanlage. Glück für die Patienten. Ein Graus für meine Gegner.“

Er sah die Tafel entlang. Sie wollten ihn. So schlimm seine Befürchtungen auch gewesen waren, mit solchen Wahnbildern hatte er nicht gerechnet.

Sollte er das ganze Hamburg-Unternehmen beenden? Was hatte er davon, Fanny wiederzusehen? Das brachte doch nichts mehr, das war alles längst vorbei. Die Geister hier am Tisch würden ihm nicht nach Göttingen folgen, jedenfalls nicht in dieser Deutlichkeit. Und Fanny?

„Frau Nielsen“, sagte er, „Fanny – ist eine ganz hervorragende Schauspielerin. Und, wenn Sie gestatten, Fräulein Hellmann, sie ist unendlich schön.“

„Was würde Ihre Frau dazu sagen, dass Sie so sehr von einer anderen schwärmen, Herr Professor?“

„Meine Frau und meine Söhne sind in Göttingen.“

Er nahm Brot, Wurst und Käse nach. Das Essen tat ihm gut, die Stimmen wurden leiser.

„Haben Sie die Diana im Vorgarten gesehen? Von meinem Zimmer aus konnte ich sie betrachten.“

„Das hat dem jungen Mann gefallen?“

Ludwig hatte geahnt, dass seine Begleiterin auf dieses Thema unvoreingenommen eingehen würde, im Gegensatz zu vielen ihrer und seiner Zeitgenossen. Vita sexualis. Psychopathia sexualis. In Deutschland gab es keinen anderen Ort, an dem so frei über Sexualität geredet wurde wie in einer Irrenanstalt. Oft zwar ziemlich vulgär, häufig auch abseitig oder mit Zügen gröbster Perversion – aber es wurde geredet.

„Wenn Sie fertig sind, zeige ich Ihnen mein ehemaliges Zimmer, falls Sie möchten.“

Warum machte er das jetzt? Hatte er nicht vor wenigen Minuten noch überlegt, wieder abzureisen? Es ging nicht. So einfach war das. Es ging nicht.

„Fertig“, sagte Fräulein Hellmann.

Ludwig bot ihr die Armbeuge. Sie gingen die Treppe hinauf, der Saum von Fräulein Hellmanns Kleid wurde grau. Er blickte zurück zur Tafel. Sie waren kaum noch zu erkennen, einer von ihnen zeigte auf ihn.

Sie kamen auf der Galerie an, Ludwig legte die Hand auf die Klinke zu seinem ehemaligen Zimmer. Warteten sie auch hinter dieser Tür auf ihn? Ich wollte doch nur ein guter Mensch sein.

„Da drin“, sagte er, „habe ich angefangen, meine Beobachtungen und Gedanken zur Psyche in Kladden zu schreiben. Ich wollte Wissenschaftler sein. Ich war viel zu jung. Meine Mutter, wissen Sie … Meine Mutter, Fräulein Hellmann, war Ihnen nicht unähnlich. Sie hatte nur keine Hilfe.“

„Was ist aus Ihrer Mutter geworden, Herr Professor?“

„Sie wurde umgebracht. Im Krankenhaus in St. Georg.“

„Umgebracht?“

„Andere auch.“

Sag bloß, Meyer.

Boysen ist nicht da, dachte Ludwig. Keiner von denen ist da.

Er schloss die Hand um die Klinke. Die Verriegelung klemmte, er musste fest drücken, dann gab sie mit einem Quietschen nach und er stieß die Tür auf.

2

Hamburg, in den 1840er-Jahren

„Das macht man nicht.“

Die Stimme seiner Mutter zitterte. Tu dies nicht, tu das nicht. Ein Satz, der seine Kindheit eingefangen hatte und jetzt versuchte, in sein Erwachsenwerden zu greifen. Von seiner Mutter hörte er solche Mahnungen selten und wenn, dann sanft und leise und nicht in dieser kratzigen Bestimmtheit wie jetzt.

Sie standen vor den geblümten Vorhängen im Salon. Auf dem sonnenhellen Fenster flatterte ein Schattengewirr der Sträucher und Bäume im Garten und löste die Scheibe in fließenden Glanz auf. Es roch nach Sommer und Blumen. Das Hausmädchen Klara hatte gelüftet, Ludwigs Mutter hatte die hohen Glastüren wieder geschlossen und gegen die Rahmen gedrückt, als wolle sie das Haus vor einem Sturm verriegeln.

„Wenn man einen anderen Menschen so intensiv anschaut, wie du das in letzter Zeit bei mir machst“, sagte sie, „dann ist das sehr, sehr unangenehm. Warum machst du das denn, Ludwig?“

„Ich weiß nicht“, log er.

Seine Mutter fragte, ob er heute schon seine Klavier- und Fechtübungen gemacht habe und erzählte ihm von Mozart.

„Man sagt, der habe ein ganz wildes Leben geführt, viel getrunken und gefeiert. Der soll gar nicht so vornehm gewesen sein, wie er auf den Porträts immer aussieht.“

Eine Böe stieß durch den Garten und verwirbelte das Gesprengsel von Licht und Schatten auf Mutters Gesicht.

Sie hörten die Vordertür des Hauses klacken, Ludwigs Vater, zurück aus dem Büro in Hamburg, redete kurz mit dem Hausmädchen, dann schritt er in den Salon, sagte „Guten Abend, meine Lieben“ und ging auf die Doppeltür seines Arbeitszimmers zu. Ein großer, breitschultriger Mann, von dem Ludwig dachte, er sei aus Stein gemeißelt worden. Mit einem festen Ruck zog er die Tür hinter sich zu.

„Der Herr Kommerzienrat“, murmelte Ludwigs Mutter. „Na komm, gehen wir in die Küche und machen uns eine Schokolade.“

Seine Mutter veränderte sich. Der großen Frau entglitt etwas, ihr Strahlen erstarb in Blässe, der Mund wurde schmaler und oft presste sie eine Hand gegen die Lippen, obwohl Ludwigs Vater sie deswegen immer wieder scharf zurechtwies. Es schmerzte Ludwig, sah er seine Mutter sich dann abwenden, als erwarte sie eine Ohrfeige.

In der Küche rupfte das Hausmädchen ein Huhn. Ihr Schatten auf den polierten Wandfliesen bewegte sich hektisch. Ludwigs Mutter rührte zwei Tassen Schokolade an, und Klara schnitt mit einem hebelartigen Zurückziehen des Arms das Huhn auf und zog widerspenstige Innereien heraus.

„Du bist so komisch in letzter Zeit“, sagte Ludwig.

Seine Mutter kam ihm ganz nah, er roch den Schleier ihres Parfums.

„Was willst du, Ludwig? Was?“

Sie verließ die Küche und wegen des weiten sonnengelben Kleides konnte Ludwig ihre Schritte nicht sehen, sie schwebte. Es gab keine Chance, ihr unauffällig nachzuspüren. Sie ging die Treppe hinauf ins Schlafzimmer. Der Zutritt zu diesem Raum war ihm und seiner Schwester Julia von klein auf vom Vater strengstens verboten worden. Manchmal rätselten sie, wie es hinter dieser Tür aussehen mochte oder was sich dort abspielte. Wenn er durch das Schlüsselloch guckte, sah er nichts. Der Schlüssel steckte, ein feiner Rand von Licht schimmerte um den schwarzen Querschnitt des Schlüsselbarts.

Klara warf die Innereien des Huhns in einen silbernen Topf.

„Bei mir daheim geht es anders zu, Ludwig“, sagte sie und hielt sich einen blutrosafarbenen Finger an die Lippen.

Immer drehte seine Mutter sich in der Doppeltür zum Salon um, wenn Ludwig dort am Klavier übte. Ob sie ihm nicht ein wenig zuhören wolle? Sie wedelte mit dem Zeigefinger, als lehne sie entschieden eine unangenehme Aufforderung ab. Er begriff das nicht. Er pflückte Gänseblümchen, ließ sich von Klara eine kleine Vase geben und schenkte sie der Mutter.

Sie kaute an den Fingernägeln oder verzerrte ohne jeden Grund das Gesicht, diskutierte heftig mit sich selbst oder warf eine Blumenvase um und starrte minutenlang auf die Scherben und die wässrigen, grünen Stängel der Tulpen. Ein böser Geist schwebte lautlos durch die Räume, huschte hinter die Vorhänge, wehte die Treppen hinauf und hing in den Kronleuchtern, um sich auf Ludwigs Mutter zu senken. Manchmal meinte Ludwig, er könne diese dunkle Energie – oder was immer das war – beinahe anfassen.

Saß Ludwig nach der Schule, nach den Klavierstunden, nach dem Fechtunterricht im Garten auf der weißen Bank, kam Julia manchmal zu ihm. Wenn sie wusste, dass der Herr Vater nicht anwesend war und sie nicht sehen konnte, griff sie nach Ludwigs Hand.

„Ich habe Angst“, sagte sie. „Was ist denn mit Mama?“

„Ich weiß es nicht.“

„Weiß Mama es?“

„Wenn sie es wüsste, würde sie doch etwas dagegen tun, oder?“

Sie sahen ins Himmelblau über der Krone der Eiche.

Beim gemeinsamen Abendessen regte sein Vater sich über die deutsche Kleinstaaterei auf. Das sei unerhört und dieser Nation, die ja kaum als solche zu bezeichnen sei, nicht würdig. Da müsse etwas getan werden. Sie hier in Hamburg, immerhin eine Weltstadt, über zweihunderttausend Einwohner, aber wozu wäre Deutschland fähig, wenn es mit vereinten Kräften voranschritte?

„Es gibt Wichtigeres“, murmelte Ludwigs Mutter.

„So? Wichtigeres, Annette? Was meinst du denn damit?“

Nach solch einem Essen erschienen häufig Freunde und Kollegen des Vaters, und die Männer zogen sich in den Rauchersalon zurück. Sie redeten laut über Politik, Handel und Zollgesetze. Die große, schwere Tür hielt ihre Stimmen nicht ab.

„Ein wenig mehr Ruhe von den Herren wäre auch mal schön“, flüsterte Ludwigs Mutter. „Das war nur ein kleiner Scherz, meine lieben Kinder.“ Sie hielt Zeigefinger und Daumen einen Zentimeter weit auseinander. „Ein klitzekleiner Scherz. Strukturen, wisst ihr. Einer muss der Herr im Haus sein.“

Sie kicherte. Dann wühlte sie das Gesicht in ihre Hände.

Ludwig merkte sich, welche der Stufen knarrten, welche Dielen quietschten und wo im Haus sich schnell erreichbare Verstecke anboten. Julia weinte häufig und kam nachts in Ludwigs Zimmer geschlichen, um bei ihm in die Wärme des Bettzeugs zu krabbeln.

„Wenn Vater dich bei mir im Zimmer erwischt, dann setzt es was.“

„Er hat doch schon kontrolliert, oder?“

„Manchmal kontrolliert er zweimal.“

Er konnte Julia nicht erzählen, wie streng der Vater ihn ansah, wenn er sagte: „Die Hände über der Bettdecke! Ist das klar? Warzen. Rückenmarksschwund. Hirnerweichung.“

Ludwig wusste nicht, wann es begonnen hatte, dass Mutter sich so seltsam benahm. Früher hörte er sie mit Klara in der Küche lachen, sie sorgte immer dafür, dass frische Schnittblumen in den Zimmern verteilt waren und beim Klavierspielen alberte sie herum und spielte sicher und gut. Sie erlaubte es sich, Scherze mit dem Vater zu machen, sie schaffte es, diesen Mann zum Lachen zu bringen. Sie ging immer beschwingt durchs Haus, trällerte „Wie schön, wie schön“ und Ludwigs Vater sagte, eine Frau, die so aussehe und zudem noch Annette heiße, müsse ja beschwingt sein. Wenn der Herr Vater solche Sätze nur öfter gesagt hätte. War es allerdings zu solch einer Formulierung gekommen, verschloss der Vater sofort danach das Gesicht, als habe gerade ein anderer gesprochen.

Ludwig spielte manchmal mit seiner Mutter vierhändig Stücke von Robert Schumann, die Sonate Nummer zwei in g-Moll und die Nachtstücke, und seine Mutter flüsterte: „Schumann liegt einsam und verlassen in einem Krankenhaus. Der ist ganz unglücklich vor verschmähter Liebe. Der Gute hat versucht, sich zu ertränken. Wegen der Liebe, Ludwig. Wegen der Liebe.“ Flitzten ihre hellen, langen Finger zur Reliquie in C-Dur von Franz Schubert über die Tasten oder zur c-Moll-Sonate seines Todesjahres, sagte sie, kurz vor dem Tod sei der Mensch immer der beste.

„Immer nur dann. Immer nur dann.“

Seine Mutter ließ ihn allein auf dem Klavierbänkchen zurück. Tod? Versinkende Liebe? In seinem Zimmer nahm er das Übungsflorett aus dem Ständer und focht gegen unsichtbare Geister, bis der Schweiß sein Hemd nässte und die Umwicklung des Florettgriffs feucht war. Er hätte schreien können. Er wollte schreien. Er tat es nicht. Er stellte sich ans Fenster und sah Diana an.

Mit dick eingeschäumten Wangen stand Ludwig vor dem Spiegel. Sein Vater klappte das neue Rasiermesser auf, die Schneide funkelte fischsilbern.

„Schön vorsichtig damit. Die Klinge nie auch nur einen Zentimeter in Längsrichtung bewegen, du schneidest dich sofort. Du bist erwachsen, Ludwig. Fleiß, Treue, Pflicht, Ordnung. Deine Leistungen in der Schule sind sehr anständig. Welche Stellung willst du später in der Firma bekleiden?“

Sein Vater wartete keine Antwort ab, er hatte die Ärmel des Hemdes hochgekrempelt, legte Ludwig eine Hand aufs Haar, beugte seinen Kopf zur Seite und zog mit dem Messer über die rechte Wange. Eine hautfarbene Spur entstand im Rasierschaum. So nahe wie jetzt war Ludwig seinem Vater nie zuvor gewesen. Er solle genau hinschauen, er zeige es ihm noch einmal. Das Messer schabte über Ludwigs Haut, die Spur im Schaum wurde größer. „Wenn es dann an den Kieferknochen geht und unter die Nase, nun, da hilft nur Grimassenschneiden.“

Sein Vater blies die Wangen auf und drehte sich mit schaumweißen Fingern die Nase krumm. Ludwig musste lachen.

Er nahm das Messer, der Griff war warm von der Hand des Vaters. Am liebsten hätte er sich umgedreht und seinen Vater umarmt, aber das ging nicht, so etwas tat man nicht. Ludwig zog mit dem Messer eine neue Bahn in den Schaum. Sie redeten über Segelschiffe, bis Ludwig nicht mehr an sich halten konnte.

„Was ist eigentlich mit der Mutter?“

Ludwig sah im Spiegel nach den Augen seines Vaters. Der hatte immer noch ein lachendes Gesicht, aber sein Blick war aufmerksamer geworden, als lauere er auf Gefahren. Ludwig setzte vorsichtig die Klinge an die Wange und zog das Messer durch den Schaum.

„Gut“, sagte sein Vater. „Gleich noch mal. Lass den Rasierschaum nicht eintrocknen. Ruhig, aber zügig rasieren.“

Ludwig rasierte erst die Wangen, dann mit hochgestrecktem Kopf die Haut vom Halsansatz zum Kieferknochen hin. Er trug einen Sahneschnurrbart.

„Ich glaube manchmal“, sagte er, „dass die …“

„Es ist alles in Ordnung, Ludwig. Es ist nichts. Gar nichts, verstehst du?“ Auf Ludwigs „Aber“ schnitt sein Vater einen Satz in Scheiben. „Lass. Den. Schaum. Nicht. Eintrocknen.“

Ludwig zog die Lippen ein und kratzte den Schaum zwischen Nase und Oberlippe weg. Er hatte sich nicht ein Mal geschnitten. Mit Händen voll kaltem Wasser wusch er sich.

„Mit Mutter stimmt etwas nicht.“

Sein Vater krempelte die Ärmel des Hemdes herunter, knöpfte die Manschetten zu und griff nach dem Gehrock.

„Du hörst sofort auf mit diesem Unsinn. Rede nicht über Dinge, von denen du nichts verstehst. Das gehört sich nicht.“ Er drückte ihm den Zeigefinger auf die Brust. „Hör auf, deine Mutter zu beleidigen. Ist das klar?“

Sein Vater zog den Rock an, als sei der aus Metall und nicht aus grünem, gutem Stoff von Ladage & Oelke. Er schlug die Tür hinter sich zu.

Abends saß Ludwig an seinem Schreibtisch und schlug die Kladde auf, die er sich von Klara hatte besorgen lassen. Sein Herz drängte. Er wollte zu Papier zu bringen, was mit Mutter geschah. Heute erst war sie weinend vom Tisch aufgestanden und aus dem Haus gelaufen. Sein Vater hatte den Kopf geschüttelt. „Solch eine Haltlosigkeit. Unerträglich. Ihr bleibt sitzen.“ Ludwig wollte ihr Verhalten als „komisch“ bezeichnen, aber das stimmte nicht, auch kannte er keine lateinische Vokabel für „komisch“. „Seltsam“ traf es besser, es barg ein Geheimnis, es konnte Gefahren ausdrücken. „Mirus oder insolitus.“ In wissenschaftlichen Schriften musste Lateinisch geschrieben werden. Die Spitze des Stiftes blieb Millimeter über dem Papier stehen, als halte jemand Ludwigs Handgelenk. Was, fragte er sich, was geschah mit seiner Mutter?

Es gab ja nicht nur die Menschen, mit denen etwas nicht zu stimmen schien, es gab auch die, die umgehen mussten mit den „Seltsamen“. Es gab ihn, Ludwig, überfordert, unglücklich, unwissend – alle Kissen der Kindheit und Jugend weggerissen. Er begriff es nicht. Er versuchte, theoretisch zu werden, er dachte, wenn er etwas aufschriebe, würde es vielleicht greifbarer. Es gelang ihm nicht.

Er schlug die Kladde zu, schob sie über den Schreibtisch und legte sich ins Bett. Er starrte an die nachtgraue Decke, lauschte dem Rascheln des Windes in den Bäumen vor dem Haus, wälzte sich von links nach rechts und fluchte. Er setzte sich an den Schreibtisch und schlug die Kladde wieder auf. Im Kerzenschein spiegelte sich eine Hälfte seines Gesichts in der Scheibe, die andere war dunkel. Er sah dieses zweigeteilte Gesicht lange an. Er legte den Stift schräg aufs Papier, ließ die Kladde offen und ging wieder ins Bett.

Ludwigs Vater hatte die Kutsche vorfahren lassen.

„Am frühen Sonntagnachmittag durch Hamburg zu flanieren“, sagte er, „ist immer gut. Präsenz zeigen, einen geraden Rücken haben.“

Sie fuhren über die Lübecker Straße Richtung Stadt. Die Kutsche war weich gefedert und bewegte sich manchmal wie ein Boot auf leichten Wellen. Julia lachte. Ludwigs Vater sah sie an und hob einen Mundwinkel. Er wies aus dem Fenster auf ein Haus mit verwildertem Garten.

„Die Nielsens“, sagte er. „Vater Musiker, Mutter Schauspielerin, der Bruder des Vaters Maler, glaube ich. Und das kommt dabei raus.“ Mit eisernem Finger zeigte er auf ein Mädchen, das auf der Wiese Räder schlug. Das Haar der Kleinen zauste lockig und wild und das geblümte Kleid hatte grüne und braune Flecken von Gras und Erde. Sie winkte mit kleiner, schneller Hand.

„Fanny Nielsen“, sagte Ludwigs Vater. „Was soll aus dem Kind bloß werden?“

„Fanny ist meine Freundin“, sagte Julia. Sie winkte jetzt auch.

„Fanny ist doch ein süßes Mädchen“, sagte Ludwigs Mutter.

„Süß? Annette, ich bitte dich! Diese vollkommene Haltlosigkeit. Musik und Malerei sind ja wichtig und gut. Aber diese Haltlosigkeit.“

Ludwig sah Fanny nach. Sie wischte sich mit dem Unterarm Schweiß von der Stirn. Er beobachtete, wie Mutters Hand nach der des Vaters tastete, der sah aus dem Fenster und zog seine weg. Mutters Finger lagen auf den Polstern, erst gespreizt, dann immer enger, bis sie die Hände schließlich im Schoß versiegelte.

Sie gingen auf die Mühlenbrücke und den Turm von St. Nikolai zu, Mutter bei Vater eingehakt und auf Vaters Zylinder strahlte ein Streifen Sonne. Einige Spaziergänger grüßten Ludwigs Vater, Männer lüpften den Hut und irgendwo in einer Seitengasse wieherte ein Pferd und Hufeisen klackten. Auf der Brücke trat Ludwigs Mutter an das Geländer und sah hinab ins Wasser und auf die Mühlräder, die nach nassem Moos rochen. Vater redete auf Julia ein und sie lief in die Gasse und drückte die Nasenspitze an ein Schaufenster. „Na, na, na“, sagte Vater und Julias Kopf nahm Abstand. Ludwig stellte sich neben seine Mutter an das Geländer. Er schaute hinab in das fließende Wasser mit den geschlängelten Sonnenflecken und dann auf das Profil seiner Mutter. An ihren Händen traten die Knöchel weiß hervor. Ihr Blick stürzte hinab.

„Warum sagst du denn nichts, Mama?“, fragte er. Seine Stimme verschwamm mit dem Rauschen des Wassers. Seine Mutter wackelte ein wenig mit dem Kopf und presste die Lippen zusammen.

„Kommt ihr?“ Julia stand plötzlich neben ihnen. „Was macht ihr denn hier? Vater wartet.“

Ludwigs Vater hatte den Hut abgenommen und klopfte sich damit auf den rechten Oberschenkel. Sie bogen auf den Neuen Wall ab, Mutters Arm wie aus Holz bei Vater eingehakt. Auf Geheiß des Vaters blieben sie vor den polierten Schaufenstern von Ladage & Oelke stehen. Hier ließ Ludwigs Vater seine Kleider schneidern, das sollte Ludwig auch bald tun, sagte er, zu Ladage & Oelke gebe es in ganz Hamburg keine Alternative.

„Sehr schöner Chesterfield, nicht wahr, Annette?“, sagte Ludwigs Vater und wies auf eine hölzerne Schaufensterpuppe in einem hellbraunen Wollmantel.

„Oh ja“, sagte Ludwigs Mutter, „welch ein schöner Mantel.“ Ludwig sah erst seine Mutter an, dann ins Schaufenster. Ein Mantel, dachte er. Ein Mantel.

„Hätte es nur diesen Brand nicht gegeben“, sagte Ludwigs Vater. „Das gute alte Hamburg. Jetzt sind hier solch moderne Architekten am Werk. Ich sage, man hätte es wieder so aufbauen sollen, wie es zuvor war.“

„Aber es wird doch schön“, entgegnete Ludwigs Mutter.

„Ach, Annette, ich bitte dich. Man will doch, dass alles so bleibt, wie es ist.“

Auf dem Rückweg polterte die Kutsche über das metallisch glänzende Kopfsteinpflaster und Ludwig sah Mutters Gesicht vibrieren und zittern. Als löse es sich auf, als verliere es die Konturen. Zu Hause ging seine Mutter ohne ein Wort die Treppe hinauf. Ludwigs Vater rief ihren Namen. Sie verschwand wortlos auf der Galerie.

„Sie war so komisch auf der Brücke“, sagte Ludwig.

„Ruhe“, sagte sein Vater. Julia lief in den Garten und Ludwig presste die Lider zusammen, als könne die Dunkelheit ihn schützen.

„Geh in dein Zimmer!“

„Geh du zu ihr, Herr Vater.“

Sein Vater zeigte die Treppe hinauf. Ludwig steckte die Hände in die Hosentaschen und nahm langsam und schlurfend Stufe um Stufe.

„Geh anständig! Wie ein richtiger junger Mann! Was ist los in diesem Haus?“

Als er sich nach seinem Vater umdrehte, war die Halle leer. Auf dem schwarz-weiß gefliesten Boden lag eine gelbe Raute aus Licht, das durch die Scheiben in der Haupttür fiel. Ludwig setzte sich aufs Bett und ließ die Florettklinge durch die Luft peitschen.

Etwa eine Dreiviertelstunde später wurde unten die Tür geöffnet, er hörte die Stimme seines Vaters und eine andere männliche, aber hohe Stimme. Ein Klang, den Ludwig mit dem Abhorchen der Brust und dem süßen Geruch von Hustensaft verband. Doktor Stanislowski. Schritte auf den Stufen, das Gespräch wurde lauter, je näher die beiden Männer Ludwigs Zimmer kamen, aber er konnte sie nicht verstehen. Ludwig wartete einige Minuten und schlich über die Galerie. Die Tür zum verbotenen Schlafzimmer stand einen Spalt weit offen.

„Es ist das Gemüt“, sagte der Arzt.

„Also nichts“, sagte Ludwigs Vater.

„Ach wo, nein. Mal ordentlich ausschlafen, regelmäßig spazieren gehen. Vielleicht eine Reise. Lediglich eine kleine Verstimmung. Ja, nun, sicher, gesunde Ernährung. Bewegung. An der Luft. Der frischen. Draußen.“

Wieso sagte sein Vater nichts zu diesem Gestammel des Doktors?

„Wenn überhaupt somatisch, natürlich“, sagte der Doktor.

„Ich kann Ihrer Gemahlin Beruhigungstropfen dalassen. Machen Sie sich keine Sorgen. Und Sie, gnädige Frau, ruhig auch mal ein Glas Wein, einen kleinen Porter, das schadet nichts.“

Ludwig hörte die Stimme seiner Mutter, verstand sie aber nicht. „Ach wo, ach wo“, sagte Stanislowski und lachte.

Sein Vater und der Doktor erschienen auf der Galerie und sahen zu Boden. Vater zog die Tür zur Mutter heftig zu. Er wollte wegsperren, was auch immer in diesem Zimmer war.

„Was heißt somatisch, Doktor Stanislowski?“, fragte Ludwig.

„Ach, der junge Herr Meyer. Somatisch? Somatisch heißt körperlich. Es ist ja alles Körper, nicht wahr?“

Zurück in seinem Zimmer holte Ludwig die Kladde mit hastigen Bewegungen aus dem Schubfach hervor.

Somatisch = körperlich. Gemüt. Verstimmung.

Beruhigungstropfen. Welche? Und wogegen?

Zum Abendessen erschien Ludwigs Mutter nicht. Sein Vater erklärte Julia Details zum Deutschen Bund und Ludwig hätte beinahe lachen müssen, weil Julia so großäugig dasaß und offensichtlich kein Wort verstand.

Die Abendsonne schien durch die Fenster mit den langen Vorhängen auf das Porzellan. Auf Mutters Teller lag ein schräger Streifen Licht.

Ludwig ging in die Küche. Sein Vater rief ihm erbost hinterher, folgte aber nicht. Ludwig ließ sich von Klara einen Teller Suppe für seine Mutter geben und wickelte einen Silberlöffel in eine dicke Serviette.

„Du betrittst dieses Zimmer nicht“, rief sein Vater. „Das ist ein Befehl!“

Ludwig ging hinauf, den Dampf von Gemüse in der Nase, tippte als Klopfzeichen mit dem Fuß an die Tür und drückte mit dem Ellenbogen die Klinke zum verbotenen Zimmer hinunter. Seine Mutter saß in einem großen Bett, das rote Haar lang und weit aufgefächert. Sämtliche Lampen im Zimmer brannten.

„Geh raus.“

Er stellte den Teller auf den Nachttisch, legte den Löffel daneben und wagte es nicht, seine Mutter anzusehen. Auf der Treppe wischte er sich über die Augen. Als er wieder ins Esszimmer trat, zeigte sein Vater auf ihn.

„Eine Woche Stubenarrest.“

Warum war es so schwer, zu widersprechen? Er ging zu Klara in die Küche und sagte, er wolle sofort einen Kaffee trinken. Der Geruch des Kaffees war für ihn immer bitter und abschreckend gewesen, jetzt wollte er ihn. Kaffee, das war das schwarze, ölige Getränk der Erwachsenen.

„Dann kannst du aber nicht schlafen, Ludwig“, sagte Klara.

„Kann ich sowieso nicht.“

Klara öffnete die schneeweiße Kaffeedose und roch daran.

„Die Bohnen kommen aus Guatemala“, sagte sie. „Von ganz weit her. Vielleicht ein bisschen so wie deine Mutter.“

„Von weit her, meinst du?“

„Ach Ludwig. Allmählich wird es mir hier bei euch zu unheimlich.“

„Du willst doch nicht gehen?“

„Nein. Nein, nein, Ludwig. Ich habe dich und deine Schwester schon im Arm gehabt, als ihr noch Säuglinge wart. Und deine Mutter, so eine nette, fröhliche Frau. Und so hübsch.“

„Und jetzt?“

„Ich kenne mich mit solchen Dingen nicht aus. Aber es macht mir Angst.“ Sie goss Ludwig eine Tasse Kaffee ein, gab Milch und Zucker dazu und reichte sie ihm. „Ist wohl das Leben“, sagte sie.

Man halte die Füße mit ganzer Sohle auf dem Boden, Oberschenkel mit dem größten Teil auf der Sitzfläche, Kopf gerade, den linken Unterarm ganz, den rechten zur Hälfte auf dem Tisch – so sitze ein anständiger Junge, nicht anders, sagte sein Lateinlehrer Doktor Brauer. Ausnahmen seien nicht gestattet, nie und nimmer, und das gelte ebenso für alle anderen Regeln. Ausnahmen – Brauer lachte –, Ausnahmen, was das schon solle. Wer sich oder anderen Ausnahmen gestatte, sei augenblicklich auf dem falschen Weg, der balanciere am Abgrund.

In den Pausen wichen Ludwigs Kameraden ihm aus. Einer fragte, was mit ihm sei, er schaue so böse in die Gegend. Eine Fliege, die auf seinem Pult ziellos über den Schatten des Fensterkreuzes eilte, hielt seine Aufmerksamkeit mehr in Bann als mathematische Gleichungen oder deutsche Grammatik. Er wollte gerne mit einem seiner Freunde reden, aber er schaffte es nicht. Was hätte er auch sagen sollen? Manchmal drückten Tränen in seine Augen.

Die Monate zogen zäh über das Haus. Ludwig ballte oft die Fäuste, um seine Wut nicht hinauszuschreien. Auf seinen Vater war er häufig wütend gewesen, mal auf Kameraden in der Schule – aber jetzt verwandelte sich seine Sorge um die Mutter in Abneigung. Er konnte das niemandem sagen, er schaffte es nicht, es in die Kladden zu schreiben, aber es gab auch keine Möglichkeit, dieses Gefühl zu leugnen. Manchmal wollte er seine Mutter anschreien – und vielleicht, so versuchte er sich zu rechtfertigen, wollte er das nur, um einen Weg zu finden, etwas aus ihr herauszuholen, endlich ein Wort von ihr zu hören, das einen Hauch mehr Klarheit erzeugen könnte.

Klavierlehrer Toomsen meinte, Ludwig spiele in den letzten Monaten zwar eher unsauber, aber mit beachtlich viel Gefühl. Ludwigs Mutter ging an ihnen vorbei, Toomsen sah ihr hinterher. Sie blieb vor der Tür zum Garten stehen, zuckte mit den Schultern und verließ den Raum wieder. Toomsen atmete tief durch und ließ kurz den Kopf hängen.

„Da ist etwas Gutes im Gange“, sagte er, „wenn die Mathematik der Musik, der Noten, der Intervalle und Intermezzi zusammentrifft mit einem menschlichen Herzen. Darum geht es, Ludwig, ums Herz. Immer nur darum. Warum sonst sollten wir Musik machen? Wäre ja Unfug.“

Toomsens Hemdkragen stand offen, er war unrasiert und seine Kleider rochen nach kaltem Tabakrauch. Ein Wunder, dass Vater einen solchen Mann überhaupt ins Haus ließ.

„Was ist übrigens mit deiner schönen Frau Mutter?“

„Was soll denn sein?“

Ludwig schlug in die Tasten und ging. Toomsen stotterte ihm hinterher.

Oben vor dem Zimmer zu Mutter saß eine vom Vater eingestellte Krankenschwester mit Haube und blau-weißer Schwesterntracht und der strikten Anweisung, niemanden ohne die Erlaubnis des Vaters dort hineinzulassen. Ludwig fühlte sich, als lebe er in einem anderen Haus, einem schlechten Haus. Es war still, die Frau vor der Tür schaute ihn herausfordernd und besserwisserisch an.

Am frühen Abend verschwand Vater mit Doktor Stanislowski im Schlafzimmer und als sie wieder herauskamen, sah Ludwig seinen Vater hart und blass.

„Besuch, Besuch ist auch gut“, sagte der Doktor. „Die Mutter Ihrer Gemahlin, die Geschwister. Ein wenig Ablenkung.“

Ludwig zog die Tür seines Zimmers auf. Sein Vater sollte wissen, dass er gelauscht hatte. Der Doktor ging steifbeinig die Treppe hinab. Vater drohte Ludwig mit dem Zeigefinger. Unten half Klara dem Doktor in den Mantel, er wechselte dabei die Tasche von der linken in die rechte Hand und wieder zurück und setzte sich den Zylinder auf den grauhaarigen Kopf.

„Es ist nur eine Verstimmung“, sagte Ludwigs Vater. „Eine Gemütssache. Frauenunsinn.“

„Frauenunsinn?“

„Werd nicht frech.“

Etwas krachte und klirrte von innen gegen die Tür des Schlafzimmers. Ludwig und sein Vater, nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt, starrten die Tür an. Es krachte wieder, etwas platzte, Scherben regneten. Ludwigs Vater schrie nach Klara.

„Der Doktor, Klara! Holen Sie um Himmels willen den Doktor zurück.“

Er rannte auf die Schlafzimmertür zu und es sah aus, als wolle er auf die Klinke einschlagen. Er blieb stehen. Dieser Mann schaffte es nicht, die Tür zu seiner Frau zu öffnen. Das unangetastete Familienoberhaupt, ein erfolgreicher Geschäftsmann, der täglich zur Neuen Börse und zum Handelshaus am Hafen ging, Geschäftsfäden bis ins britische Indien spann, Konsuln aus aller Welt kannte, zu Banketten eingeladen wurde und Reden vor dem Senat hielt. Jetzt spannten seine Schultern den engen Gehrock und er schaffte es nicht, diese Tür zu öffnen. Er machte einen Schritt zur Seite. Es war eine Aufforderung. Ludwig legte die Hand auf die schwere Klinke, die ersten Zentimeter bewegten sich ganz leicht, dann musste er fester drücken, um das Schloss zu öffnen. Als Erstes nahm er den Duft von Blumen wahr, die auf der Fensterbank und auf einem Nachttisch standen, die Tür schabte über knirschende Scherben. Seine Mutter stand auf dem Bett. Sie griff nach goldgerahmten Miniaturen, einer Karaffe, einem Buch, alles flog quer durch das Zimmer. Ein so dermaßen verzerrtes Gesicht hatte Ludwig noch nie gesehen.

Sie riss den Mund weit auf, kniff die Augen zusammen, ballte die Hände zu Fäusten und schrie. Ludwig hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst, dass ein Mensch so viel Lautes und Wortloses aus sich herausbrüllen konnte. Eine menschliche Explosion, ungeheure, freie Energie und Kraft. Doktor Stanislowski drängte an ihm vorbei. Im nächsten Moment hatte er ein Kissen im Gesicht und gab ein dumpfes Geräusch von sich. Er warf seine Arzttasche auf das Bett. Ludwigs Mutter trat sie weg. In sicherem Abstand zog Doktor Stanislowski eine Spritze auf.

„Ich habe hier etwas sehr Schönes für Sie.“

Ludwigs Vater stand noch immer weißgesichtig und bewegungslos in der Tür. Die Krankenschwester warf Ludwigs Mutter mit einem gewaltigen Armschwenker um. „Stillhalten!“, befahl sie. In diesem Moment spürte Ludwig eine harte Hand auf der Schulter. Sein Vater schob ihn aus dem Zimmer und knallte die Tür zu. Ludwig stieß sie wieder auf und die Tür traf seinen Vater im Gesicht. Er hielt sich die Nase und stöhnte. Wieder drückte er Ludwig weg, diesmal wurde die Schlafzimmertür von innen verschlossen. Ludwig hörte seine Mutter schreien. Julia und Klara standen auf der Galerie. Klara legte einen Arm um Julias schmale Schultern. Irgendwer in Ludwig sagte Du bist ein junger Mann, du bist ein junger Mann, aber er ging doch zu den beiden anderen und hielt sie fest.

„Ich finde es entschieden nicht gut, was diese Frau da macht, bei allem Respekt, Herr Kommerzienrat“, sagte Stanislowski unten in der Halle.

„Ich bitte Sie inständig um Verzeihung, Herr Doktor. Das Benehmen meiner Frau ist in der Tat so nicht tragbar.“

Er zog das Revers zurecht.

„Was … nun, was war das gerade, Herr Doktor?“

„Hm, ja, ich denke, Tobsuchtsanfall wäre ein Terminus technicus, der nicht gänzlich … man könnte eventuell, aber sicher ist das nicht … Oder weibliche Hysterie – weibliche Hysterie –, an sich harmlos, eine Frauensache. Die wir zum Glück nicht kriegen. Ich habe ihr Bromkalium gegeben, das sollte sie ruhigstellen. Wenn das alles … Wenn sich das wiederholen sollte … Nun, so etwas könnte, unter gewissen Umständen und beim Zusammentreffen besonderer Vorkommnisse ja ein wenig – ich will nicht sagen …“

„Stanislowski, Herrgott.“

„In unserem Allgemeinen Krankenhaus gibt es eine gute Abteilung für solche … Hat einen sehr ordentlichen Ruf. Ich selbst war natürlich noch nie dort, aber man hört doch eigentlich nur Gutes.“

„Eine Abteilung wofür, Doktor?“

„Es liegt an Ihnen, Herr Kommerzienrat. Ihre Gattin … ich möchte mir nicht anmaßen, kritisch zu sein, aber man kann sich auch zusammenreißen.“

„Welche Abteilung meinen Sie, Doktor?“

„Gemütskrankheiten. Schwankungen des Geistes. So etwas eben.“

„Kommt nicht infrage“, sagte Ludwigs Vater.

Doktor Stanislowski kam eine Zeit lang jeden Tag. Er roch nach Zigarren und die lederne Arzttasche schien mit seiner Hand verwachsen.

„Sollte man einen Experten hinzuziehen, Herr Doktor?“, fragte Ludwigs Vater. „Und falls ja, dann muss das diskret vonstattengehen. Der Ruf der Familie steht auf dem Spiel.“ Er tippte sich auf die Lippen. Das hatte Ludwig noch nie gesehen. „Aber eine Irrenanstalt! Das kann nun weiß Gott nicht Ihr Ernst sein, Doktor.“

„Ach wo, Herr Kommerzienrat, das war lediglich eine vorschnelle Idee. Darum geht es nun wirklich nicht. Das ist ja etwas gänzlich anderes. Die sind ja alle verrückt da. Bei Ihnen und Ihrer Familie kann es kaum um so etwas gehen. Ich meine, wohin kämen wir denn dann?“

3

„Das war das erste Mal, dass ich das Wort Irrenanstalt gehört habe“, sagte Ludwig zu Fräulein Hellmann. Sie standen in seinem ehemaligen Zimmer. Es war noch leerer als eine Tobsuchtszelle in Friedrichsberg, die Luft roch nach Staub. Ludwig hatte das Fenster geöffnet.

„Da stand mein Schreibtisch.“ Er deutete auf den Holzboden vor dem Fenster. Sein Stuhl hatte Kratzer hinterlassen, Spuren von Ungeduld und Wut.

„Man fühlt sich als Patient immer angegriffen. Ich meine – Irrenanstalt. Man hört das nicht gerne. Wer will da schon sein?“, meinte Fräulein Hellmann.

„Ich habe Friedrichsberg Heil- und Irrenanstalt genannt. Heil. Heilung.“ Ludwig sah Dianas nackten Rücken an, die Wölbung ihres Gesäßes, die langen muskulösen Beine. Der Kutscher saß mit verschränkten Armen auf dem Bock und hatte den Kopf tief gesenkt, wahrscheinlich schlief er.

„Ich wollte sie alle heilen“, sagte Ludwig. „Alle. Ziemlicher Größenwahn, nicht wahr?“

„Werden Sie mich heilen, Herr Professor?“

„Sie machen Fortschritte. Wir arbeiten daran. Und fühlen Sie sich nicht angegriffen, nur weil Sie in einem Krankenhaus sind.“

„In einer Irrenanstalt.“

„Die ganze Welt ist eine Irrenanstalt. Als ich Friedrichsberg eröffnete, 1864, da tobte zur gleichen Zeit der Deutsch-Dänische Krieg. Lauter klinisch gesunde Männer gingen da auf Teufel komm raus aufeinander los. Die spießten sich mit Bajonetten auf, zerfetzten sich mit Kanonenkugeln, hauten sich Arme und Beine ab. Da waren mir meine Irren lieber. Jetzt leben wir im Deutschen Kaiserreich, gab es bei der Eröffnung von Friedrichsberg auch noch nicht. Und woraus ist dieses geeinte Reich entstanden? Aus dem Krieg von 1870 / 71. Vollkommen verrückt. Ein Irrenhaus eben.“

„Männer sind der Gewalt viel näher als Frauen“, sagte Fräulein Hellmann. Ludwigs Hals wurde wieder eng.

„Manchmal muss man sich verteidigen“, sagte er. Er ging zur Tür und sah nach, ob seine Geister die Treppe heraufkamen. Da war niemand, die Schemen saßen unten an der Tafel. Boysen sah zu ihm hinauf. Sag jetzt nichts, dachte Ludwig.

Er trank aus dem Flachmann.

„Ist Alkohol nicht auch eine Krankheit, Herr Professor?“

„Weiß ich nicht.“ Er wollte fluchen, lieh sich aber ein Lächeln aus seinem Repertoire von Verstellungen. „Kennen Sie Carl Schurz? Einer der Revolutionäre von 48. Er ist aus Deutschland geflohen, nach Amerika. War später Berater von Präsident Lincoln und General im Bürgerkrieg. Er hat geholfen, die Sklaven zu befreien. Hätte ich vielleicht auch machen sollen.“

„Ich versuche manchmal, mir Sie als jungen Mann vorzustellen. Das geht irgendwie nicht. Meine Jugend war friedlich und schön. Mir ging es so gut, Herr Professor. Und dann?“

Fräulein Hellman legte die Hände vor das Gesicht.

„Dann sind Sie jemandem begegnet.“

Sie drehte ihm den Rücken zu. Ein Kanonenschuss der Liebe hatte sie vom Weg gefetzt. Warum? Wieso so dermaßen tief?

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