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BRITTAINY C. CHERRY

BRITTAINY C. CHERRY

Wie die Stille unter Wasser

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Katja Bendels

Zu diesem Buch

Sie brauchte jemanden, der in ihre Erinnerungen abtauchte und die Wellen auf dem dunklen Wasser glättete, in dem sie jeden Tag schwamm.

Es sollte der schönste Tag in ihrem Leben werden, doch durch ein schreckliches Erlebnis verliert die junge Maggie May ihre Stimme. Seitdem leidet sie unter Panikattacken und kann das Haus nicht mehr verlassen. Von ihrem Zimmerfenster aus muss sie zusehen, wie sich die Welt ohne sie weiterdreht. Während ihre Familie an Maggies Schweigen zu zerbrechen droht, verschanzt sie sich mehr und mehr hinter Tausenden von Büchern, die ihr Geschichten erzählen, die sie selbst niemals erleben wird. Der Einzige, der noch zu ihr vordringen kann, ist Brooks Taylor, der beste Freund ihres Bruders. Nur er glaubt noch daran, dass Maggie eines Tages wieder vor die Tür treten und ein normales Leben führen wird – und das erste Mal seit langer Zeit träumt auch Maggie davon! Sie verliebt sich mit jedem Tag mehr in den aufstrebenden Musiker. Doch dann gelingt Brooks mit seiner Band der große Durchbruch – schweren Herzens betritt er eine Welt, in die Maggie ihm nicht folgen kann. Und Maggie sieht ein, dass man auch aus dem schönsten Traum aufwachen muss, wenn man nicht den Mut findet, ihn zu leben …

Für alle Treibenden wie mich,
die den Boden unter den Füßen verloren haben.

Für alle Anker, die uns immer wieder
nach Hause zurückholen.

PROLOG

MAGGIE

8. Juli 2004. Sechs Jahre alt.

»Dieses Mal ist es anders, Maggie, versprochen. Dieses Mal ist es für immer«, sagte Daddy, als er in die Einfahrt des aus gelben Ziegelsteinen erbauten Eckhauses auf der Jacobson Street einbog. Daddys zukünftige Ehefrau, Katie, stand auf der Veranda und sah zu, wie unser alter Kombi vor ihrer Tür zum Stehen kam.

Magie.

Es fühlte sich magisch an, auf dieses Haus zuzufahren. Ich zog aus einer winzigen Wohnung in einen Palast. Daddy und ich hatten unser ganzes Leben lang in einer winzigen Vierzimmerwohnung gelebt, und nun zogen wir in eine zweistöckige Villa mit fünf Schlafzimmern, einem Wohnzimmer, einer Küche so groß wie Florida, zweieinhalb Badezimmern und einem richtigen Esszimmer – nicht wie das Wohnzimmer in unserer alten Wohnung, in dem Daddy jeden Abend um fünf zwei Teller mit Fertigessen auf den Tisch stellte. Er hatte mir erzählt, dass es sogar einen richtigen Pool im Garten gab. Einen Pool! Im Garten!

Nachdem ich jahrelang mit nur einem einzigen Menschen zusammengelebt hatte, würde ich nun Teil einer Familie sein.

Das mit der Familie allerdings war nichts Neues. Seit ich denken konnte, waren Daddy und ich Teil zahlreicher Familien gewesen. An unsere erste Familie konnte ich mich nicht mehr erinnern, denn meine Mama hat Daddy und mich verlassen, noch bevor ich mein erstes Wort gesprochen hatte. Sie hatte einen anderen Mann gefunden, von dem sie sich mehr geliebt fühlte als von Daddy, was ich mir kaum vorstellen konnte. Daddy gab alles für die Liebe, egal, was es ihn kostete. Nachdem Mama gegangen war, gab er mir einen Karton mit Fotos von ihr, damit ich mich an sie erinnern konnte, aber wie konnte ich mich an jemanden erinnern, der nie wirklich da gewesen war? Nachdem meine Mutter ihn verlassen hatte, wurde Daddy richtig gut darin, sich in Frauen zu verlieben, und oft verliebten sie sich auch in ihn und zogen mit Sack und Pack in unsere winzige Welt. Und Daddy sagte mir jedes Mal, es sei für immer, aber für immer dauerte nie so lange, wie er gehofft hatte.

Dieses Mal war es anders.

Dieses Mal hatte er in einem Chatroom die Liebe seines Lebens getroffen. Daddy hatte mehr als genug schlechte Beziehungen hinter sich, und so dachte er, vielleicht wäre es besser zu versuchen, jemanden online kennenzulernen. Und es funktionierte. Katie hatte vor einigen Jahren ihren Mann verloren und sich seitdem mit niemandem mehr getroffen. Bis sie sich in diesem Chatroom anmeldete und Daddy kennenlernte.

Und im Gegensatz zu all den Malen zuvor würden er und ich zu Katie und ihren Kindern ziehen, nicht sie zu uns.

»Dieses Mal ist es für immer«, flüsterte ich zurück.

Katie war wunderschön, wie die Frauen im Fernsehen. Daddy und ich sahen beim Abendessen immer fern, und mir war aufgefallen, wie schön die Menschen immer waren. Katie sah genauso aus wie sie. Sie hatte lange blonde Haare und kristallblaue Augen, ein bisschen wie ich. Ihre Nägel waren knallrot, passend zu ihrem Lippenstift, und ihre Wimpern dicht, dunkel und lang. Als Daddy und ich in ihre – unsere – Einfahrt einbogen, stand sie da in einem hübschen weißen Kleid und gelben hochhackigen Schuhen und wartete auf uns.

»Oh, Maggie!«, rief sie. Sie riss die Autotür auf und schloss mich in die Arme. »Wie wunderbar, dich endlich kennenzulernen.«

Ich zog eine Augenbraue hoch und zögerte, Katies Umarmung zu erwidern, obwohl sie nach Kokos und Erdbeeren duftete. Ich hätte nie gedacht, dass Kokos und Erdbeeren so gut zusammenpassten.

Ich blickte zu Daddy hinüber, der lächelnd nickte und mir so die Erlaubnis gab, die Dame ebenfalls in den Arm zu nehmen.

Ihre Umarmung war stark, und sie hob mich aus dem Auto und presste mir die Luft aus den Lungen, aber ich sagte nichts. Es war lange her, dass mich jemand so fest gedrückt hatte, das letzte Mal vermutlich, als Grandpa uns besucht und mich in seine Arme geschlossen hatte.

»Komm mit, ich möchte dich meinen Kindern vorstellen. Zuerst Calvin. Ihr beide seid gleich alt und werdet zusammen zur Schule gehen. Er ist mit einem Freund in seinem Zimmer.«

Katie setzte mich nicht erst ab, sondern trug mich gleich hinüber zur Eingangstreppe, während Daddy sich ein paar von unseren Taschen schnappte. Wir traten ins Haus, und meine Augen weiteten sich. Wow. Es war wunderschön. Ich fühlte mich wie im Palast von Cinderella. Katie trug mich nach oben und öffnete die letzte Tür auf der linken Seite, wo mein Blick auf zwei Jungs fiel, die Nintendo spielten und sich gegenseitig irgendetwas zuriefen. Katie stellte mich auf die Füße.

»Jungs«, sagte sie. »Macht mal kurz eine Pause.«

Sie hörten nicht.

Sie diskutierten weiter.

»Jungs«, wiederholte Katie in strengerem Ton. »Pause!«

Nichts.

Sie schnaubte und stemmte die Hände in die Hüften.

Ich schnaubte und tat es ihr gleich.

»JUNGS!«, rief sie und zog den Stecker aus dem Gerät.

»MOM

»MS FRANKS

Ich kicherte. Die Jungs drehten sich schockiert zu uns um, und Katie grinste. »Nun, da ich eure Aufmerksamkeit habe, möchte ich euch bitten, Maggie zu begrüßen. Calvin, sie wird von nun an bei uns wohnen, gemeinsam mit ihrem Vater. Erinnerst du dich, dass ich dir erzählt habe, du bekommst eine Schwester, Calvin?«

Die Jungs starrten mich an. Calvin war eindeutig der Blonde. Er sah genauso aus wie Katie. Der Junge neben ihm hatte einen wirren Schopf dunkler Haare und braune Augen, und außerdem ein Loch in seinem hellgelben T-Shirt und Chipskrümel auf der Jeans.

»Hab gar nicht gewusst, dass du noch eine Schwester hast, Cal«, sagte der Junge und starrte mich an. Je länger er starrte, desto mehr verkrampfte sich mein Magen. Ich versteckte mich mit glühenden Wangen hinter Katies Bein.

»Ich auch nicht«, antwortete Calvin.

»Und, Maggie, das ist Brooks. Er wohnt gegenüber, aber er übernachtet heute hier.«

Ich linste hinter Katies Knie hervor zu Brooks, der mir zulächelte und dann anfing, die Chipskrümel von seiner Hose zu picken und zu essen.

»Dürfen wir weiterspielen?«, fragte Calvin, ging zurück zu seiner Konsole und starrte auf den schwarzen Bildschirm.

Katie schüttelte den Kopf und lachte in sich hinein. »Typisch Jungs«, flüsterte sie mir zu, während sie den Stecker wieder in die Steckdose steckte.

Ich schüttelte den Kopf und lachte auch, so wie Katie. »Ja, typisch Jungs.«

Wir gingen weiter zu einem anderen Raum. Es gab in dem Zimmer mehr pink, als ich jemals gesehen hatte, und auf dem Boden saß ein Mädchen mit Hasenohren und im Prinzessinnenkleid, malte und aß Doritos aus einer pinkfarbenen Plastikschüssel.

»Cheryl«, sagte Katie und trat ins Zimmer. Ich versteckte mich hinter ihrem Bein. »Das ist Maggie. Sie wird von nun an bei uns wohnen, gemeinsam mit ihrem Vater. Erinnerst du dich, dass ich dir davon erzählt habe?«

Cheryl sah auf, lächelte und stopfte sich noch ein paar Chips in den Mund. »Okay, Mom.« Dann konzentrierte sie sich wieder aufs Malen, und ihre roten Locken tanzten hin und her, während sie ein Lied vor sich hin summte. Plötzlich hielt sie inne und blickte auf. »Hey, wie alt bist du?«

»Sechs«, sagte ich.

Sie lächelte. »Ich bin fünf! Spielst du gern mit Puppen?«

Ich nickte.

Sie lächelte wieder und malte weiter. »Okay. Tschüss.«

Katie lachte. Während sie mich hinausführte, flüsterte sie: »Ich glaube, ihr beide werdet richtig gute Freundinnen werden.«

Dann führte sie mich in mein Zimmer, wo Daddy gerade meine Taschen abstellte. Ich riss die Augen auf. Das Zimmer war riesig – und es gehörte mir ganz allein. »Wow …« Ich holte tief Luft. »Das ist mein Zimmer?«

»Das ist dein Zimmer.«

Wow.

»Ihr beide seid sicher müde von der langen Fahrt. Ich lass euch allein, damit du Maggie ins Bett bringen kannst.« Katie lächelte Daddy zu und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

Als Daddy meinen Schlafanzug aus der Tasche zog, fragte ich: »Kann Katie mich ins Bett bringen?«

Sie nickte.

Während sie mich fürs Bett fertig machte, lächelte ich ihr zu, und sie lächelte zurück. Wir lächelten viel und redeten viel. »Weißt du, ich habe mir immer eine zweite Tochter gewünscht«, sagte sie, während sie mir die Haare bürstete.

Ich sagte es nicht, aber ich hatte mir auch immer eine Mama gewünscht.

»Wir werden so viel Spaß miteinander haben, Maggie. Du, Cheryl und ich. Wir können uns die Nägel lackieren und am Pool sitzen und Limonade trinken und Zeitschriften anschauen. Wir können all das tun, wozu Jungs keine Lust haben.«

Sie nahm mich noch einmal in die Arme und wünschte mir eine gute Nacht. Dann ging sie und schaltete das Licht aus.

Ich konnte nicht schlafen.

Ich drehte mich hin und her und wimmerte lange vor mich hin, aber Daddy konnte mich nicht hören, weil er weit weg unten im Erdgeschoss mit Katie im Schlafzimmer lag und schlief. Selbst wenn ich hätte aufstehen und ihn suchen wollen, hätte ich es nicht gekonnt, weil es im Flur stockdunkel war, und ich hasste dunkle Orte mehr als alles andere. Ich schluchzte ein bisschen und versuchte Schäfchen zu zählen, aber nichts half.

»Was ist los mit dir?«, fragte ein Schatten im Türrahmen.

Ich schnappte erschrocken nach Luft und setzte mich auf, die Arme fest um mein Kissen geschlungen.

Der Schatten kam näher, und ich seufzte leise, als ich Brooks erkannte. Seine Haare standen wirr von seinem Kopf ab, und er hatte Falten vom Kissen auf seiner Wange. »Du musst aufhören zu weinen. Du weckst mich immer wieder auf.«

Ich schniefte. »Tut mir leid.«

»Was ist überhaupt los? Hast du Heimweh oder so was?«

»Nein.«

»Was dann?«

Ich senkte den Kopf. Es war mir peinlich. »Ich habe Angst im Dunkeln.«

»Oh.« Für einen kurzen Moment verengten sich seine Augen zu schmalen Schlitzen. Dann drehte er sich um und ging hinaus.

Ich hielt immer noch mein Kissen gegen die Brust gepresst und sah überrascht auf, als Brooks zurückkam. Er hielt etwas in der Hand und ging hinüber zur Wand, um es in die Steckdose zu stecken. »Calvin braucht kein Nachtlicht. Seine Mom hat es einfach bei ihm eingestöpselt.« Er sah mich fragend an. »Besser so?«

Ich nickte. Besser.

Er gähnte. »Okay, na dann, Nacht … äh … wie heißt du noch mal?«

»Maggie.«

»Nacht, Maggie. Du brauchst hier echt keine Angst zu haben. Unsere Stadt ist sicher. Du bist hier sicher. Und wenn das nicht hilft, komm einfach rüber und schlaf bei uns auf dem Boden. Calvin wird es nichts ausmachen.« Noch immer gähnend und sich am wirren Haarschopf kratzend ging er hinaus.

Mein Blick fiel auf das Nachtlicht in Form einer Rakete. Dann fielen mir die Augen zu. Ich war müde. Aber ich fühlte mich geborgen. Ich fühlte mich beschützt von einer Rakete, die mir ein Junge geben hatte, den ich gerade erst kennengelernt hatte.

Bisher war ich mir nicht sicher gewesen, aber jetzt wusste ich es.

Daddy hatte recht.

»Für immer«, flüsterte ich leise, während ich tiefer und tiefer in meinen Träumen versank. »Dieses Mal ist es für immer.«

ERSTER TEIL

1

MAGGIE

25. Juli 2008 – zehn Jahre alt

Eine Nachricht an den Jungen, der mich liebt

Von: Maggie May Riley

Lieber Brooks Tyler,

ich war sehr wütend auf dich, als du mich vor ein paar Tagen beschimpft und in die Pfütze geschubst hast. Du hast mein Lieblingskleid ruiniert, und meine pinkgelben Sandalen. Ich war wirklich wütent wütend!

Dein Bruder Jamie hat gesagt, du bist gemein zu mir, weil du in mich verknallt bist. Du sagst böse Sachen zu mir, weil Jungs so was machen, wenn sie verknallt sind. Du hast mich bloß deshalb geschubst, weil du mir nah sein wolltest. Ich finde das dumm, aber Mama sagt, alle Männer sind dumm, also ist es nicht deine Schuld. Es liegt in deinen Genen.

Ich apzektire akzeptiere deine Liebe, Brooks. Ich erlaube dir, mich zu lieben, für immer und immer und immer …

Ich habe schon angefangen, die Hochzeit zu planen.

Sie ist in ein paar Tagen, im Wald, wo ihr Jungs immer angeln geht. Ich wollte immer am Wasser heiraten, so wie Mama und Daddy.

Du solltest eine Krawatte tragen, aber nicht diese hässliche matschbraune, die du letzten Sonntag in der Kirche anhattest. Und nimm ein bisschen von dem Parfüm von deinem Vater. Ich weiß, du bist ein Junge, aber du musst ja nicht so riechen.

Ich liebe dich, Brooks Tyler Griffin.

Für immer und immer und immer …

Deine zukünftige Ehefrau

Maggie May

PS: Ich nehme deine nie gegebene Entschuldigung an. Jamie sagt, es tut dir leid, also mach dir keine Gedanken, ich bin nicht sauer auf dich.

Eine Nachricht an das Mädchen, das verrückt ist

Von: Brooks Tyler Griffin

Maggie May,

ich. Liebe. Dich. Nicht! Lass mich in Ruhe, für immer und immer und immer …

Dein NICHT zukünftiger Ehemann

Brooks Tyler

Eine Nachricht an den Jungen, der witzig ist

Von: Maggie May Riley

Mein Brooks Tyler,

du bringst mich zum Lachen. Jamie hat schon gesagt, dass du so reagieren würdest.

Was hälst hältst du von Lila und Pink für die Trauung? Wir sollten vermutlich zusammenziehen, aber ich bin noch zu jung für eine Hypothek. Vielleicht können wir bei deinen Eltern wohnen, bis du einen festen Job hast, um mich und unsere Tiere zu ernähren. Wir werden einen Hund namens Skippy und eine Katze namens Jam haben.

Deine Maggie May

Eine Nachricht an das Mädchen, das immer noch verrückt ist

Von: Brooks Tyler Griffin

Maggie,

wir werden nicht heiraten. Wir werden keine Tiere haben. Wir sind nicht mal Freunde. ICH HASSE DICH, MAGGIE MAY! Wenn dein Bruder nicht mein bester Freund wäre, würde ich ÜBERHAUPT NICHT mit dir reden! Du bist verrückt. Skippy und Jam? Das ist das Blödeste, was ich je gehört habe. Außerdem weiß doch jeder, dass nicht Skippy, sondern Jif die beste Erdnussbutter ist.

NICHT DEIN Brooks

Eine Nachricht an den Jungen mit dem schlechten Geschmack

Von: Maggie May Riley

Brooks Tyler,

Mama sagt immer, eine gute Beziehung basiert vor allem auf zwei Dingen: sich über die Gemeinsamkeiten zu freuen, also über die Dinge, die beide gleich gut oder blöd finden, und dann auch die Unterschiede zu respektiren repsektieren hinzunehmen.

Ich finde es toll, dass wir beide Erdnussbutter mögen, und ich repsektire nehme deine Meinung über Jif hin.

Auch wenn sie falsch ist.

Für immer

Maggie May

PS: Hast du eine Krawatte gefunden?

Eine Nachricht an das Mädchen, das IMMER NOCH verrückt ist

Von: Brooks Tyler Griffin

Maggie May,

ich brauche keine Krawatte, weil wir niemals heiraten werden.

Und es heißt »respektieren«, Dummkopf.

Brooks

Eine Nachricht an den Jungen, der mich zum Weinen gebracht hat

Von: Maggie May Riley

Brooks,

das war gemein!

Maggie

Eine Nachricht an das Mädchen, das immer noch, IMMER NOCH verrückt ist, aber niemals weinen sollte

Von: Brooks Tyler Griffin

Maggie May,

es tut mir leid. Ich kann ein gemeiner Idiot sein.

Brooks

Eine Nachricht an den Jungen, der mich zum Lächeln gebracht hat

Von: Maggie May Riley

Brooks Tyler Griffin,

ich vergebe dir.

Nimm die matschbraune Krawatte, wenn du willst. Egal, wie schlecht du dich anziehst, ich werde trotzdem liebend gerne deine Frau werden.

Wir sehen uns nächstes Wochenende um fünf zwischen den beiden verschlungenen Bäumen.

Für immer und immer und immer …

Maggie May Riley

2

BROOKS

Ich hasste Maggie May.

Ich wünschte, es gäbe ein größeres Wort, um meine Gefühle für dieses nervige, großmäulige Mädchen zu beschreiben, das mich in letzter Zeit ständig verfolgte. Aber Hass schien das Einzige zu sein, das mir in den Sinn kam, wann immer sie in meiner Nähe war. Ich hätte ihr niemals dieses Nachtlicht geben sollen. Ich hätte einfach so tun sollen, als gäbe es sie gar nicht.

»Wieso muss sie mitkommen?«, stöhnte ich, während ich Angelschnur, Schwimmer, Bleigewichte und Haken in meinen Angelkasten packte. Seit zwei Jahren gingen mein Dad, mein älterer Bruder Jamie, Calvin und sein neuer Dad, Eric – oder Mr Riley, wie ich ihn nannte – zusammen angeln. Wir liefen die knapp fünfzehn Minuten zum Harper Creek, hockten uns in Mr Rileys Boot und lachten und alberten herum. Der See war so groß, dass man kaum das andere Ufer sehen konnte, wo die Geschäfte der Stadt lagen. Calvin und ich versuchten oft, die einzelnen Gebäude zu unterscheiden – die Bücherei, den Supermarkt und die Mall. Dann gaben wir uns alle Mühe, ein paar Fische zu fangen. Es war ein echter Männerausflug, bei dem wir so viel Junk Food aßen, dass wir beinahe platzten. Es war Tradition, und die wurde gerade von einer dummen Zehnjährigen zerstört, die immer sang und nie aufhörte, im Kreis rumzutanzen. Maggie May war die Definition von nervtötend. Und das war die Wahrheit. Ich habe mal ihren Namen im Wörterbuch nachgeschlagen, und er bedeutete: »Calvins nervige Stiefschwester«.

Möglicherweise hatte ich die Definition auch selbst dort reingeschrieben und einen ziemlichen Anschiss von meiner Mutter dafür bekommen, aber so oder so war es die Wahrheit.

»Meine Eltern haben gesagt, sie muss mitkommen«, erklärte Calvin und griff nach seiner Angelrute. »Mom muss mit Cheryl zum Arzt, also ist niemand da, der auf sie aufpassen kann.«

»Könnt ihr sie nicht einfach im Haus einsperren? Deine Eltern könnten ihr ja ein Sandwich mit Marmelade und Erdnussbutter und ein Päckchen mit Saft dalassen oder so.«

Calvin grinste. »Das wär’s. Es ist echt ätzend.«

»Sie ist ätzend!«, rief ich. »Sie hat sich in den Kopf gesetzt, dass sie mich im Wald heiraten wird. Sie ist verrückt.«

Jamie kicherte. »Das sagst du bloß, weil du heimlich in sie verknallt bist.«

»Bin ich nicht!«, rief ich. »Das ist eklig. Maggie May macht mich krank. Wenn ich nur an sie denke, hab ich schon Albträume.«

»Das sagst du nur, weil du in sie verknallt bist«, wiederholte Jamie spöttisch.

»Halt lieber die Klappe, bevor ich sie dir stopfe, du Arsch. Sie hat gesagt, dass du überall rumerzählst, ich wäre in sie verknallt! Du bist schuld, dass sie denkt, wir würden heiraten.«

Er lachte. »Ich weiß.«

»Warum tust du so was?«

Jamie schlug mir auf die Schulter. »Weil ich dein großer Bruder bin, und große Brüder müssen ihren jüngeren Brüdern das Leben zur Hölle machen. Steht ihm Geschwister-Vertrag.«

»So was hab ich nie unterschrieben.«

»Du warst noch minderjährig, deshalb hat Mom für dich unterschrieben, du Flachpfosten.«

Ich rollte mit den Augen. »Egal, Mann. Jedenfalls wird Maggie uns den ganzen Tag versauen. Sie versaut immer alles. Außerdem hat sie keinen Schimmer, wie man angelt!«

»Hab ich wohl!«, tönte Maggie, die gerade im Kleidchen, mit gelben Sandalen und einer Barbie-Angel aus dem Haus gerannt kam.

Argh! Welcher normale Mensch zieht im Kleidchen und mit einer Barbie-Angel los, um Fische zu fangen?

Sie kämmte sich mit den Fingern durch ihre strähnigen blonden Haare und blies die Flügel ihrer gigantischen Nase auf. »Wetten, dass ich mehr Fische fange als Calvin und Brooks in ihrem ganzen Leben? Du nicht, Jamie, ich bin mir sicher, du bist gut im Angeln.« Sie lächelte ihn an, und ich hätte kotzen können. Sie hatte das grässlichste Lächeln.

Jamie grinste zurück. »Ich wette, du bist auch nicht schlecht, Maggie.«

Nerv. Jamie machte das immer. Er war besonders nett zu Maggie, weil er wusste, dass es mich rasend machte. Ich wusste, dass er sie garantiert nicht mochte, einfach weil sie so unausstehlich war.

»Was ist, wollt ihr Jungs den ganzen Tag da rumsitzen, oder wollen wir endlich los?«, fragte Mr Riley, der gerade mit seiner Angel und dem Angelkasten aus dem Haus kam. »Auf geht’s.«

Wir gingen die Straße hinunter – also, die Männer gingen. Magie hüpfte und wirbelte herum und sang mehr Popsongs, als für einen Menschen allein gut war. Ich schwöre, wenn sie noch einmal den Macarena getanzt hätte, wäre ich ausgeflippt. Als wir in den Wald kamen, stellte ich mir vor, wie wir Männer alle in Mr Rileys Boot stiegen und Maggie am Ufer zurückblieb.

Ein perfekter Tagtraum.

»Wir brauchen noch Köder«, sagte Mr Riley und holte einen kleinen Spaten und seinen Metalleimer hervor. »Wer ist dran?«

»Brooks«, sagte Calvin und zeigt auf mich. Jedes Mal, wenn wir Angeln gingen, war einer von uns dafür verantwortlich, zwischen den Bäumen nach Würmern zu graben. Bereitwillig nahm ich Spaten und Eimer. Nach Würmern zu graben gehörte zu meinen Lieblingsbeschäftigungen beim Angeln.

»Ich finde, Maggie sollte ihm helfen«, grinste Jamie und zwinkerte Maggie zu. Ihr Gesicht erhellte sich hoffnungsvoll, und ich musste mich zusammenreißen, um meinem Bruder nicht eine überzuziehen.

»Nein. Alles gut. Ich komm schon zurecht.«

»Aber ich kann trotzdem mitkommen.« Maggie strahlte von einem Ohr zum anderen.

Was für ein hässliches Lächeln!

»Daddy, kann ich mit Brooks gehen?«

Mein Blick schoss zu Mr Riley, und ich wusste, ich hatte verloren, denn Mr Riley litt unter einem ernsten TS – Tochter-Syndrom. Ich hatte noch nie erlebt, dass er seiner Tochter einen Wunsch abgeschlagen hatte, und bezweifelte, dass er heute damit anfangen wollte.

»Natürlich, mein Schatz. Viel Spaß, ihr beide.« Er lächelte. »Wir machen schon mal das Boot fertig, und wenn ihr beide zurück seid, fahren wir raus.«

Bevor wir losgingen, drosch ich Jamie noch einmal meine Faust gegen den Arm. Er boxte noch fester zurück, was Maggie zum Lachen brachte. Ich schob mir die Kopfhörer meines MP3-Players in die Ohren und marschierte mit schnellen Schritten voran, in der Hoffnung, sie zu verlieren, aber ihre Hüpfer und Drehungen brachten sie überraschend schnell vorwärts.

»Und, hast du eine Krawatte gefunden?«, fragte sie.

Ich verdrehte die Augen. Selbst die Musik in meinen Ohren konnte ihr Geschwätz nicht vollständig übertönen. »Ich werde dich nicht heiraten.«

Sie kicherte. »In zwei Tagen ist unsere Hochzeit, Brooks. Sei nicht albern. Ich wette, Calvin ist dein Trauzeuge. Oder nimmst du Jamie? Cheryl ist meine Trauzeugin. Hey, kann ich mithören? Calvin sagt, du hast die besten Songs, und ich finde, wenn wir schon heiraten, sollte ich wissen, was für Musik du hörst.«

»Wir werden nicht heiraten. Und du wirst meinen MP3-Player niemals auch nur anfassen.«

Sie kicherte, als hätte ich einen Scherz gemacht.

Ich fing an zu graben, während sie an den Ästen der Bäume schaukelte. »Hilfst du mir jetzt beim Graben, oder was?«

»Ich werde keinen Wurm anfassen.«

»Warum bist du dann überhaupt mitgekommen?«

»Damit wir zu Ende planen können, Dummkopf. Außerdem dachte ich, wir könnten einen Blick auf die Hütte da drüben werfen. Wenn du willst, könnte das unser Haus sein. Wir könnten es für uns beide, Skippy und Jam einrichten. Da wohnt ja ohnehin niemand, und sie ist groß genug für unsere Familie.«

Dieses Mädchen hatte wirklich einen Schuss in der Birne.

Ich grub weiter, und sie redete weiter.

Je schneller ich grub, desto schneller quasselte sie über Mädchenkram, der mich nicht interessierte – Schuhe, Make-up, den ersten Tanz, Hochzeitstorten, Dekoration. Sie redete sogar davon, dass man die verlassene Hütte nutzen könnte, um das Essen für die Hochzeitsfeier dort abzustellen. Die Liste wurde immer länger und länger. Ich spielte mit dem Gedanken, Spaten und Eimer einfach fallen zu lassen und um mein Leben zu laufen – denn darauf hatte sie es eindeutig abgesehen. Als sie anfing, über einen Namen für unser erstes Kind nachzudenken, wurde es mir zu viel.

»Hör zu!«, brüllte ich und stieß den Eimer mit den paar Würmern um, die ich bislang gefunden hatte. Sie kringelten sich und versuchten zu entkommen, aber es war mir egal. Ich machte ein paar Schritte auf sie zu und baute mich vor ihr auf. Meine Fäuste stießen in die Luft, und ich schrie ihr direkt ins Gesicht: »Wir werden nicht heiraten! Heute nicht, morgen nicht, überhaupt nie! Du ekelst mich an, und ich war nur nett zu dir in meinem letzten Brief, weil Jamie gesagt hat, wenn ich dir noch gemeinere Briefe schreibe, erzählt er es unseren Eltern und ich bekomme Ärger. Okay? Also halt endlich die Klappe und hör auf mit diesem Hochzeitsgeschwätz.«

Unsere Gesichter waren nur noch Zentimeter voneinander entfernt. Sie hatte die Finger hinter dem Rücken verschränkt, und ihre Unterlippe zitterte. Maggie verengte die Augen und betrachtete mich eingehend, als wollte sie die glasklaren Worte, die ich ihr gerade ins Gesicht geschleudert hatte, entziffern. Einen Augenblick lang runzelte sie die Stirn, aber dann fand sie wieder zu ihrem grässlichen Lächeln zurück. Bevor ich mit den Augen rollen konnte, hatte sie sich vorgebeugt, mit beiden Händen mein Gesicht ergriffen und mich näher gezogen.

»Was machst du da?«, fragte ich mit zusammengequetschten Wangen.

»Ich werde dich küssen, Brooks, weil wir an unserem ersten Kuss arbeiten müssen, bevor wir es vor unseren Freunden und unserer Familie tun.«

»Du wirst mich auf gar keinen Fall küssen …« Ich verstummte, und mein Herz pochte. Maggie drückte ihre Lippen auf meine und zog mich noch näher. Ohne zu zögern, riss ich mich von ihr los. Ich wollte etwas sagen, aber ich konnte nicht sprechen, und so starrte ich sie nur an.

»Wir sollten es nochmal versuchen«, sagte sie und nickte sich bestätigend zu.

»Nein! Küss mich nicht …« Sie tat es noch mal. Ich spürte, wie mir heiß wurde vor … Wut? Oder Verwirrung? Nein. Wut. Auf jeden Fall Wut. Oder vielleicht …

»Wirst du wohl aufhören?«, brüllte ich und riss mich erneut los. »Du kannst nicht einfach rumlaufen und Leute küssen, die nicht geküsst werden wollen!«

Sie senkte den Blick, und ihre Wangen glühten. »Du möchtest mich nicht küssen?«

»Nein! Ich will nicht. Ich will nichts mit dir zu tun haben, Maggie May Riley! Ich will nicht mehr dein Nachbar sein. Ich will nicht dein Freund sein. Ich will dich nicht heiraten, und ganz sicher will ich dich nicht küssen …« Wieder wurde ich unterbrochen, aber diesmal von mir selbst. Irgendwie war ich während meiner Tirade immer näher und näher an sie herangetreten, und meine Lippen stahlen ihr den nächsten Atemzug. Ich legte meine Hände an ihre Wangen, drückte sie zusammen und küsste Maggie für ganze zehn Sekunden. Ich habe jede einzelne Sekunde gezählt. Als wir uns voneinander lösten, standen wir ganz still.

»Du hast mich geküsst«, flüsterte sie.

»Es war ein Fehler«, antwortete ich.

»Ein guter Fehler?«

»Ein schlechter.«

»Oh.«

»Ja.«

»Brooks?«

»Maggie?«

»Können wir noch einen schlechten-Fehler-Kuss haben?«

Ich kickte mit dem Schuh gegen das Gras und rieb mir den Nacken. »Das heißt aber nicht, dass ich dich heirate.«

»Okay.«

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Ich meine es ernst. Zehn Sekunden, und das war’s. Wir werden uns nie wieder küssen. Niemals.«

»Okay«, antwortete sie und nickte.

Ich trat näher, und wir quetschten uns gegenseitig die Wangen zusammen. Als unsere Lippen sich berührten, schloss ich die Augen, dann zählte ich bis zehn.

1 …

1,3 …

1,5 …

2 …

»Brooks?«, murmelte es in meinen Mund. Meine Augen öffneten sich und sahen, wie Maggie mich anstarrte.

»Ja?«, fragte ich, während unsere Hände noch immer die Wangen des anderen zusammenquetschten.

»Wir können jetzt aufhören. Ich habe schon fünfmal bis zehn gezählt.«

Peinlich berührt trat ich einen Schritt zurück. »Wie du meinst. Wir müssen eh zurück zum Boot.« Ich beeilte mich, die Würmer wieder einzusammeln, was mir nicht gelang, und aus dem Augenwinkel sah ich, wie Maggie in ihrem Kleid herumtanzte und vor sich hin summte.

»Hey, Brooks. Ich weiß, ich hab gesagt, du kannst die matschbraune Krawatte auf der Hochzeit anziehen, aber ich finde, eine grüne würde dir besser stehen. Bring die Krawatte morgen mit zur Probe. Wir treffen uns um sieben genau hier.« Ihre Mundwinkel bogen sich nach oben, und ich fragte mich, was sich so plötzlich an ihr verändert hatte.

Irgendwie war ihr Lächeln nicht mehr ganz so hässlich.

Als sie gerade losmarschieren wollte, richtete ich mich rasch auf und kippte dabei den Eimer erneut um. »Hey, Maggie?«

Sie drehte sich auf ihren Fersen und wandte mir bereits den Rücken zu. »Ja?«

»Können wir das mit dem Küssen vielleicht noch mal probieren?«

Sie errötete und lächelte, und es war wunderschön. »Für wie lange?«

»Ich weiß nicht …« Ich schob die Hände in die Taschen, zuckte mit den Schultern und starrte ins Gras, wo ein Wurm über meinen Schnürsenkel kroch. »Vielleicht bloß noch mal für zehn Sekunden.«

3

MAGGIE

Ich liebte Brooks Tyler.

Ich wünschte, es gäbe ein größeres Wort, um meine Gefühle für diesen hübschen, unverschämten Jungen zu beschreiben, der mich geküsst hatte, aber Liebe schien das Einzige zu sein, das mir in den Sinn kam, wann immer er in meiner Nähe war.

Ich lag auf meinem Bett und dachte an unseren Zehn-Sekunden-Kuss, als ich ein lautes »Soll das ein Witz sein?« von Cheryl hörte.

Ich war mir nicht sicher, wer lauter heulte, der Wind draußen oder Cheryl. »Ich habe keine Ahnung, was eine Trauzeugin überhaupt tun muss!«, jammerte sie und ließ sich neben mir aufs Bett plumpsen. Ihre roten Locken wippten auf und ab, als sie auf meinem Bett hüpfte. Seit ich bei ihnen eingezogen war, war Cheryl nicht nur meine Stiefschwester, sondern auch meine beste Freundin geworden. Deshalb musste sie einfach meine Trauzeugin sein.

»Du musst gar nichts machen, nur alles, was ich nicht machen will. Und wenn ich gestresst bin von den ganzen Vorbereitungen, bist du diejenige, die ich anschreien darf. Oh, und du musst mein Kleid hinten festhalten, wenn ich zum Altar schreite.«

»Wieso muss ich dein Kleid festhalten?«

Ich zuckte die Achseln. »Keine Ahnung, aber die Trauzeugin von meiner Tante hat ihr Kleid festgehalten, also gehe ich davon aus, es gehört dazu.« Ich hatte den genauen Aufbau der Hochzeits-Zeremonie in der Mitte meines Zimmers mit Barbie-Puppen, Kuscheltieren und My-Little-Pony-Figuren nachgebaut. Ken übernahm Brooks’ Part als Bräutigam, und Barbie meinen.

»Wie hast du es überhaupt geschafft, einen festen Freund zu kriegen?«, fragte Cheryl, die immer noch auf meinem Bett auf und ab hüpfte.

»Verlobten«, korrigierte ich. »Und es war eigentlich ganz einfach. Ich bin mir sicher, du kannst auch einen haben. Du wickelst eine Haarsträhne um den Finger und schreibst ihm einen Brief, in dem steht, dass er dich heiraten wird.«

»Wirklich?«, fragte Cheryl schrill. »Mehr nicht?«

Ich nickte. »Mehr nicht.«

»Wow.« Sie seufzte, und es klang ein wenig überrascht, obwohl ich nicht recht wusste, wieso. Es war ziemlich leicht, sich einen Kerl zu angeln. Mama sagte immer, sie wieder loszuwerden sei das eigentliche Problem. »Woher weißt du das alles?«

»Von Mama.«

Sie verzog den Mund. »Wieso erzählt sie mir so was nicht? Ich bin auch ihre Tochter. Und außerdem war sie zuerst meine Mutter.«

»Wahrscheinlich bist du einfach nur zu jung. Sie erzählt es dir bestimmt nächstes Jahr oder so.«

»Ich will aber nicht ein ganzes Jahr warten.« Cheryl hörte auf zu hüpfen und fing an, ihre Haare um den Finger zu wickeln. »Ich brauche ein Blatt und einen Stift … Bist du sicher, dass Brooks mich nicht auch heiraten möchte?«

Ich stemmte die Hände in die Hüften und zog eine Augenbraue hoch. »Was soll das denn heißen?«

Sie zwirbelte weiter. »Ich meine ja nur. Mir ist aufgefallen, dass er mich sehr oft anlächelt.«

Oh. Mein. Gott.

Meine Schwester war eine Schlampe. Mama hatte mir verboten, dieses Wort zu benutzen, aber ich hatte gehört, wie sie ihre Schwester einmal so genannt hatte, weil sie sich an einen verheirateten Mann herangemacht hatte. Tante Mary war nicht sehr erfreut darüber gewesen. Aber Cheryl versuchte gerade so ziemlich das Gleiche.

»Er ist einfach nett. Er lächelt jeden an. Ich hab mal gesehen, wie er ein Eichhörnchen angelächelt hat.«

»Du vergleichst die Art, wie er mich anlächelt, damit, wie er ein Eichhörnchen anlächelt?«, fragte sie mit schriller Stimme. Ich überlegte kurz. Cheryl und Eichhörnchen hatten ein paar Dinge gemeinsam. Eichhörnchen mochten zum Beispiel Nüsse, und Cheryl war eine hohle Nuss, wenn sie auch nur eine Sekunde lang glaubte, Brooks würde sie lieber mögen als mich.

Chery stand auf und schnaubte, wobei sie immer noch eine Haarsträhne um ihren Finger wickelte. »Du hast zu lange gebraucht, um zu antworten! Warte nur, bis ich Mama erzähle, was du gesagt hast! Ich kann jeden Jungen haben, den ich will, Maggie May, und du wirst mir nichts anderes einreden.«

»Mir doch egal. Aber meinen Verlobten kannst du nicht haben.«

»Kann ich doch!«

»Kannst du nicht!«

»Doch!«

»Halt die Klappe und hör auf, deine blöden Haare um den Finger zu wickeln!«, schrie ich.

Sie schnappte nach Luft. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie stürmte heulend aus dem Zimmer. »Ich komme nicht zu deiner Hochzeit!«

»Du bist nicht mal eingeladen!«, brüllte ich ihr nach.

Es dauerte nur wenige Minuten, bis Mama mit strengem Blick in mein Zimmer kam. »Ihr Mädchen habt wohl wieder gestritten, hm?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Sie macht so ein Drama.«

»Für beste Freundinnen streitet ihr euch ganz schon oft.«

»Ja, das machen Mädchen nun mal so.«

Sie lächelte und stimmte mir zu. »Vergiss nur nicht, sie ist jünger als du, Maggie, und Cheryl hat es nicht so leicht wie du. Sie ist ein bisschen speziell und anders als die anderen Kinder. Du bist ihre einzige echte Freundin, und ihre Schwester. Sie gehört zur Familie. Und was tun Familien?«

»Sie kümmern sich umeinander?«

Mama nickte und gab mir einen Kuss auf die Stirn. »Richtig. Wir kümmern uns umeinander, selbst an den schlechten Tagen.« Jedes Mal, wenn Cheryl und ich uns stritten, sagte Mama das zu mir. Familien kümmern sich umeinander. Vor allem an den schlechten Tagen, wenn man sich kaum in die Augen sehen konnte.

Ich erinnere mich auch noch an den Abend, als sie es zum ersten Mal sagte. Sie und Daddy hatten Calvin, Cheryl und mich im Esszimmer zusammengerufen, um uns zu sagen, dass wir sie Mama und Dad nennen durften, wenn wir wollten. Es war der Tag ihrer Hochzeit, und nun waren wir auch ganz offiziell eine Familie. Wir saßen am Esstisch, und Mama und Daddy ließen uns alle die Hände übereinanderlegen und versprechen, dass wir uns immer umeinander kümmern würden. Weil Familien das nun einmal so machen.

»Ich werde mich bei ihr entschuldigen«, flüsterte ich leise. Immerhin war Cheryl meine beste Freundin.

Den Rest des Nachmittags verbrachte ich damit, die Hochzeit zu planen. Seit ich sieben Jahre alt war, träumte ich von meiner Hochzeit, also schon seit einer Ewigkeit. Ich überlegte, welche Art von Musik Brooks wohl gefallen würde. Da er mich nie mithören ließ, konnte ich nur raten. Er und Calvin klimperten abends oft ein wenig auf Daddys Gitarren rum und erklärten, eines Tages würden sie berühmte Musiker werden. Anfangs hatte ich nicht viel darauf gegeben, aber je häufiger sie übten, desto besser wurden sie. Vielleicht konnten sie auf der Hochzeit spielen. Und vielleicht konnten wir zu seinem Lieblingslied zum Altar schreiten. Aber er und mein Bruder hatten die ganze letzte Woche »Sexy Back« von Justin Timberlake gesungen, und das schien mir nicht wirklich passend für eine Hochzeit.

Aber vielleicht für unseren ersten Tanz.

Jeden Abend, nachdem Mama und Daddy uns alle ins Bett gebracht hatten, hörte ich unten im Wohnzimmer Musik. Immer dasselbe Lied: Sam Cookes »You Send Me«, den ersten Tanz auf ihrer Hochzeit. Auf Zehenspitzen schlich ich mich aus meinem Zimmer zur Treppe und schaute nach unten. Das Licht war gedämmt, Daddy nahm Mamas Hand und sagte: »Tanz mit mir.« Er bat sie jeden Abend. Daddy drehte Mama im Kreis, und die beiden kicherten wie kleine Kinder. Mama hatte ein Glas Wein in der Hand, und als Dad sie herumschwang, schwappte der Wein aus dem Glas und landete auf dem weißen Teppich. Sie kicherten noch heftiger über den Fleck und hielten sich noch fester. Mamas Kopf lag an Daddys Brust, während er etwas in ihr Ohr flüsterte, und sie tanzten langsam.

Das war es, was wahre Liebe für mich bedeutete.

Wahre Liebe bedeutete, dass man über Fehler lachen konnte.

Wahre Liebe bedeutete, dass man sich Geheimnisse zuflüstern konnte.

Wahre Liebe bedeutete, dass man nie mehr allein tanzen musste.

Sobald ich am nächsten Morgen die Augen aufschlug, war ich bereit für den Tag. »Heute ist die Probe für meine Hochzeit!«, jubelte ich, streckte die Arme in die Luft und hüpfte auf meinem Bett auf und ab. »Meine Probe! Heute ist die Probe für meine Hochzeit!«

Calvin kam in mein Zimmer gestolpert und rieb sich die müden Augen. »Au Mann, Maggie, geht das auch leiser? Es ist drei Uhr in der Nacht«, maulte er und gähnte.

Ich grinste. »Das ist egal, weil heute die Probe für meine Hochzeit ist, Calvin!«

Er grummelte noch etwas vor sich hin und nannte mich irgendwas Blödes, aber das war mir egal.

Daddy kam in mein Zimmer gestolpert, etwa genauso wie mein Bruder, rieb sich die Augen und gähnte. Er trat an mein Bett, und ich schlang die Arme um seinen Hals, sodass ich in der Luft baumelte.

»Daddy, rate mal! Rate mal!«, kreischte ich aufgeregt.

»Lass mich raten. Heute ist die Probe für deine Hochzeit?«

Ich nickte eifrig und lachte, während er mich müde im Zimmer herumwirbelte. »Woher weißt du das?«

Er grinste. »Rateglück.«

»Kannst du dafür sorgen, dass sie zu schreien aufhört, damit wir wieder ins Bett gehen können?«, stöhnte Calvin. »Es ist ja noch nicht mal eine echte Hochzeit!«

Ich schnappte nach Luft und wollte ihm gerade eine passende Antwort auf seine Lügen geben, aber Daddy hielt mich zurück und flüsterte: »Hier ist wohl jemand ein Morgenmuffel. Wie wäre es, wenn wir alle noch mal für ein paar Stunden ins Bett kriechen, und dann mache ich dir ein Hochzeits-Proben-Frühstück?«

»Waffeln mit Erdbeeren und Sahne?«

»Und Streuseln!« Er lächelte.

Calvin stapfte missmutig zurück in sein Zimmer, und Daddy legte mich wieder ins Bett und gab mir Eskimo-Küsschen. »Versuche noch ein paar Stunden zu schlafen, okay, Süße? Vor dir liegt ein großer Tag.« Er kuschelte mich in meine Decke, so wie er es jeden Abend tat.

»Okay.«

»Und, Maggie May?«

»Ja?«

»Die Welt dreht sich, weil dein Herz schlägt.« Er hatte diese Worte jeden Tag zu mir gesagt, seit ich denken konnte.

Als er wieder hinausgegangen war und das Licht ausgeschaltet hatte, lag ich im Bett, starrte hinauf auf die leuchtenden Aufkleber an der Decke und legte lächelnd die Hände auf meine Brust, wo ich jeden einzelnen meiner Herzschläge spüren konnte, die die Welt in Bewegung hielten.

Ich wusste, dass ich eigentlich schlafen sollte, aber ich konnte nicht, schließlich war es der Tag vor meiner Hochzeit, und ich würde einen Jungen heiraten, der es noch nicht wusste, aber zu unserem zehnjährigen Jubiläum mein bester Freund sein würde.

Vermutlich würde er die zehn Jahre brauchen, um zu Begreifen, dass er tatsächlich mein Ehemann sein wollte.

Und selbstverständlich würden wir bis ans Ende unserer Tage glücklich sein.

Als der Morgen anbrach, war ich als Erste wach und wartete unten auf meine Waffeln. Daddy und Mama schliefen noch, als ich mich schließlich in ihr Schlafzimmer schlich.

»Hey, seid ihr schon wach?«, flüsterte ich. Nichts. Ich piekte Daddy in die Wange und fragte nochmal: »Hey, Daddy, bist du wach?«

»Maggie May, es ist noch nicht Zeit aufzustehen«, murmelte er.

»Aber du hast gesagt, du machst Waffeln!«, quengelte ich.

»Am Morgen.«

»Es ist Morgen!« Ich stöhnte und trat ans Fenster, um die Vorhänge zurückzuziehen. »Siehst du? Die Sonne ist schon da.«

»Die Sonne ist ein Lügner, deshalb hat Gott Gardinen erfunden«, gähnte Mama und rollte sich auf die Seite. Sie öffnete die Augen und sah auf den Wecker auf ihrem Nachttisch. »Halb sechs an einem Samstag ist nicht Morgen, Maggie May. Und jetzt geh wieder ins Bett. Wir kommen und wecken dich.«

Sie kamen erst um acht Uhr, um mich zu wecken, aber – oh Wunder – ich war schon wach. Der Tag verging langsamer, als ich es mir gewünscht hätte, und meine Eltern zwangen mich, mit zu Cheryls Tanzvorführung zu gehen, die länger dauerte, als sie sollte, und als wir endlich zu Hause waren, wollte ich gleich los in den Wald.

Mama erklärte, ich könne nur spielen gehen, wenn ich meine Schwester mitnahm, aber obwohl ich mich bei Cheryl entschuldigt hatte, wollte sie nicht meine Trauzeugin sein, und so musste ich mich aus dem Haus schleichen, um Brooks im Wald zu treffen. Ich hüpfte durch die Straßen unseres Viertels und betrachtete die perfekt gemähten Rasenflächen und perfekt gepflanzten Blumen. Harper County war eine kleine Stadt, in der jeder jeden kannte, und so würde es nicht lange dauern, bis jemand Mama anrufen und ihr sagen würde, dass jemand mich allein die Straße hinunterhüpfen gesehen hatte. Ich musste also schnell sein.

Dann aber wiederum auch nicht zu schnell, weil ich immer an der Straßenecke stehen bleiben und in beide Richtungen nach Autos gucken musste, bevor ich über die Straße zu Mrs Boones Haus hinüberging. Mrs Boones Garten war das genaue Gegenteil von allen anderen in den Nachbarschaft. Überall wuchsen Blumen, ohne irgendeine Ordnung. Gelbe Rosen, Lavendel, Mohnblumen – welche Blume einem auch in den Sinn kam, sie wuchs wahrscheinlich in Mrs Boones Garten.

Niemand besuchte die alte Dame. Sie galt als unhöflich, griesgrämig und arrogant. Meistens saß sie allein auf der Veranda vor ihrer Haustür in einem Schaukelstuhl und redete mit sich selbst, während ihre Katze, Muffins, sich im Gras rollte.

Die beste Zeit des Tages war es, wenn Mrs Boone ins Haus ging, um sich eine Tasse Tee zu machen. Sie trank mehr Tee als alle anderen Menschen, die ich kannte. Eines Tages hatten Cheryl und ich sie von der anderen Straßenseite aus beobachtet und hatten einfach nicht glauben können, wie oft sie aus ihrem Schaukelstuhl aufstand und mit einer Tasse Tee zurückkehrte.

Jedes Mal, wenn ich sie ins Haus gehen sah, schlich ich mich in ihren Garten, der von einem weißen Lattenzaun umgeben war, roch an möglichst vielen Blumen und rollte mich mit Muffins durch das hohe Gras.

Auch an diesem Abend lief ich eilig in ihren Garten, weil ich bis zu meiner Verabredung mit Brooks nicht viel Zeit hatte.

»Hey! Erics Tochter! Raus aus meinem Garten!«, fauchte Mrs Boone und drückte die Fliegengittertür mit ihrer Teetasse auf. Ich hatte ihr schon tausendmal gesagt, wie ich heiße, aber sie weigerte sich, mich bei meinem Namen zu nennen.

»Maggie«, sagte ich und richtete mich mit dem schnurrenden Muffins in den Armen auf. »Mein Name ist Maggie, Mrs Boone. Maggie.« Beim zweiten Mal sagte ich es langsam und laut, um sicherzugehen, dass sie es endlich verstand.

»Oh, ich weiß, wer du bist, du kleines Wiesel! Und jetzt lass meine Blumen und meine Katze in Ruhe und verschwinde!«

Ich ignorierte sie. »Au Mann, Mrs B, Sie haben die schönsten Blumen, die ich jemals gesehen habe. Wissen Sie das? Ich heiße Maggie, nur für den Fall, dass Sie es wieder vergessen haben. Sie können mich auch Maggie May nennen, wenn Sie wollen. Viele in meiner Familie nennen mich so. Aber wo wir gerade von Familie und Blumen sprechen, ich wollte Sie fragen … meinen Sie, ich könnte mir ein paar von Ihren Blumen ausleihen, für meine Hochzeit morgen?«

»Hochzeit?«, schnaubte sie und verengte die zu stark geschminkten Augen. Mama sagte immer, weniger ist mehr. Mrs Boone sagte offensichtlich genau das Gegenteil. »Bist du nicht noch ein bisschen jung, um zu heiraten?«

»Die Liebe kennt kein Alter, Mrs B.« Ich streckte den Arm nach einer Mohnblume aus, pflückte sie und schob sie mir hinter das Ohr. Muffin sprang von meinem Arm.

»Pflück noch eine einzige Blume, und ich garantiere dir, du wirst nie wieder in der Lage sein, irgendwas zu pflücken«, warnte sie mich mit einem griesgrämigen Stirnrunzeln.

»Ich bringe Ihnen sogar ein bisschen Eis im Tausch gegen die Blumen, Mrs B! Ich kann sie alle jetzt pflücken, dann brauchen Sie sich nicht …«

»Raus!«, schrie sie, und ihre Stimme jagte Schauer über meinen Rücken. Ich richtete mich auf, die Augen vor Angst weit aufgerissen, und wich zurück.

»Okay. Aber falls Sie Ihre Meinung noch ändern sollten: Ich komme morgen noch mal vorbei, vor der Hochzeit. Sie sind auch eingeladen, wenn Sie Lust haben. Zwischen den beiden schiefen Bäumen im Wald um fünf Uhr morgen Nachmittag. Mama backt einen Kuchen, und Dad macht Punsch. Sie könnten sogar Muffins mitbringen! Tschüss, Mrs B! Bis morgen!«

Sie grummelte noch irgendetwas, während ich mich aus dem Staub machte und dabei noch zwei gelbe Rosen mitnahm. Dann hüpfte ich weiter und winkte der griesgrämigen alten Dame, die wahrscheinlich gar nicht so griesgrämig war, sondern bloß ihren Spaß daran hatte, den Gerüchten der Nachbarschaft gerecht zu werden.

Je näher ich den beiden miteinander verschlungenen Bäumen kam, desto heftiger schlug mein Herz. Jeder Atemzug war erfüllt von mehr Dringlichkeit, mehr Aufregung. Jeder Schritt brachte mich näher zu Brooks. Es geschah wirklich. Es wurde endlich wahr. Ich würde bekommen, was Daddy und Mama hatten. Ich würde ihm gehören, und er mir.

Dieses Mal ist es für immer.

Er war zu spät.

Ich wusste, dass es in seinem Haus Uhren gab, und ich wusste, dass er sie lesen konnte. Und trotzdem war Brooks zu spät.

Wie konnten wir bis ans Ende unserer Tage glücklich leben, wenn er nicht pünktlich kam?

Ich warf einen Blick auf meine Barbie-Uhr, und meine Brust zog sich zusammen.

19.16 Uhr.

Er war zu spät. Ich hatte ihm sieben Uhr gesagt, und er war sechzehn Minuten zu spät.

Wo war er? Hatte er mich versetzt? Nein, das würde er nicht tun.

Liebte er mich nicht so, wie ich ihn liebte? Doch, das tat er.

Mit wehem Herzen lief ich durch den Wald und suchte nach einem dummen Jungen mit wunderschönen Augen. »Er ist bloß bei den falschen verschlungenen Bäumen«, versicherte ich mir und lauschte auf das Rascheln der Blätter unter meinen Füßen. »Er wird kommen«, schwor ich und sah zu, wie der Himmel über mir dunkler und dunkler wurde.

Ich musste immer spätestens dann zu Hause sein, wenn die Laternen angingen, aber ich wusste, heute war eine Ausnahme, weil ich am nächsten Tag heiraten würde, und ich würde nicht allein im Dunkeln sein, weil Brooks kommen und bei mir sein würde.

19.32 Uhr.

Aus welcher Richtung war ich gekommen? Und wo waren die beiden miteinander verschlungenen Bäume? Mein Herz schlug schneller, und meine Handflächen wurden feucht, während ich durch den Wald stapfte. »Brooks!«, rief ich nervös. Ich hatte mich verlaufen. Aber er würde mich finden. Er würde kommen! Ich lief weiter. Lief ich tiefer in den Wald hinein? Weg von den Bäumen? Ich wusste es nicht. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Wo waren die Bäume?

19.59 Uhr.

Das Wasser.

Ich würde den Bach finden, wo die Jungs immer Angeln gingen. Vielleicht würde Brooks dort sein. Aber in welcher Richtung lag der See? Ich fing an zu rennen. Ich rannte und rannte und hoffte, irgendwo das Wasser schwappen zu sehen. Es würde mir helfen zu erkennen, wo ich war und wie ich wieder nach Hause kam, oder wie ich Brooks finden würde. Vielleicht hatte er sich auch verlaufen. Vielleicht war er allein und voller Angst und ganz verschwitzt. Vielleicht suchte er auch nach mir. Ich musste ihn finden, denn ich wusste, alles würde gut werden, wenn wir nur zusammen waren.

20.13 Uhr.

Das Wasser.

Ich hatte es gefunden.

Ich hatte die Wellen, die Steine, das leise Geräusch gefunden.

Ich hatte das Wasser gefunden, und ich hatte ihn gefunden.

»Geh nicht, Julia, bitte. Hör mir zu.«

Brooks?

Nein.

Das war nicht Brooks.

Es war jemand anders. Und er war nicht allein. Ein Mann stand da mit einer anderen Person. Einer Frau. Sie sagte immer wieder nein, sie könne nicht länger mit ihm zusammen sein, aber das gefiel ihm nicht.

»Wir haben ein Leben zusammen, Julia. Wir haben eine Familie.«

»Hörst du mir überhaupt zu? Ich will nicht länger mit dir zusammen sein.«

»Ist es der Typ von der Arbeit?«

Die Frau rollte mit den Augen. »Fang nicht wieder damit an. Genau das meine ich. Du musst deine Wutausbrüche unter Kontrolle bringen. Ich kann unseren Sohn dem nicht länger aussetzen. Wir können so nicht weitermachen.«

Er fuhr sich mit den Händen durch das Haar. »Du vögelst ihn, nicht wahr? Du vögelst den Kerl von der Arbeit.« Bevor sie antworten konnte, steigerte sich seine Wut weiter. Seine Brust hob und senkte sich heftig.

Die Gegenwart dieses Mannes machte es mir schwer zu atmen und meine Angst nur noch größer. Ich hatte mich sicherer gefühlt, als ich allein bei den falschen verschlungenen Bäumen gestanden hatte. Ich hätte bei den falschen Bäumen bleiben sollen.

Er schrie sie an, und seine Stimme überschlug sich. »Du scheiß Hure!«, brüllte er und schlug ihr hart ins Gesicht. Sie taumelte zurück und hielt sich wimmernd die Wange. »Ich habe dir alles gegeben. Wir hatten ein Leben zusammen. Ich habe gerade erst die Firma übernommen. Das Geschäft läuft gerade an. Was ist mit unserem Sohn? Was ist mit unserer Familie?« Er schlug sie wieder und wieder. »Wir hatten ein Leben!« Er stieß sie zu Boden, und die Augen quollen ihm aus dem Kopf, als wäre er wahnsinnig.

Meine Kehle schnürte sich zusammen, und ich starrte auf die andere Seite des Weges, wo der Mann, der mich an den dunklen Himmel erinnerte, seine Hände um den Hals der Frau legte. »Du kannst mich nicht verlassen«, flehte er beinahe, während er sie schüttelte und würgte. Sie schrie und krallte ihre Finger in seine Pranken. Er schüttelte sie. Sie schrie und rang nach Luft. Er schüttelte sie. Sie schrie, und ich spürte seine Hände.

Es fühlte sich an, als lägen seine Hände um meinen Hals. Würgten mich. Schüttelten mich. Zerrten an mir.

Meine Finger legten sich um meine Kehle, und ich rang nach Luft, denn ich wusste, wenn ich schon das Gefühl hatte, nicht atmen zu können, dann war es für die Frau noch viel schlimmer.

Dann begann der böse Mann, ihren Körper zum Wasser zu schleifen.

In diesem Moment wusste ich, wer er war.

Der Teufel.

Der Teufel schleifte die Frau zum Wasser und drückte ihren Kopf unter die Oberfläche.

Und ich hörte auf zu atmen.

Er ertränkte sie.

Er ertränkte sie.

Der Teufel ertränkte eine Frau am Ufer des Harper Creek.

Ich wusste, dass sie tot war. Sie schlug um sich, während der Teufel ihren Kopf unter Wasser drückte. Der Teufel hielt sie am Rand des Sees fest und drückte ihren Kopf unter Wasser.

Anfangs kämpfte die Frau noch. Ihre Finger krallten sich in seine Haut, und sie tat ihr Bestes, sich gegen den Teufel zu wehren. Der Körper der Frau drückte sich gegen seinen, und jedes Mal, wenn der Teufel ihren Kopf aus dem Wasser hob, atmete ihr Mund ein und aus, hustete Wasser, rang nach Luft. Laut spritzend zerrte der Teufel sie tiefer ins Wasser. Es reichte ihm jetzt bis zum Hals, und ich konnte die Frau nicht mehr sehen.

»Verlass mich nicht«, flehte er sie an. »Verlass mich nicht, Julia.«

Ich hätte nicht länger hingucken sollen.

Aber ich konnte nicht aufhören.

Sie war jetzt komplett unter Wasser, und ich sah nur noch die dunklen Umrisse des Teufels.

Er zog den schlaffen Körper der Frau aus dem Wasser, zurück ans Ufer, und hörte nicht auf, mit ihr zu reden. »Wie konntest du nur? Wie konntest du uns das nur antun?« Er griff nach ihrer linken Hand, zog ihr den Ehering vom Finger und schob ihn an seinen.

Er hatte die Frau getötet.

Er hatte sie getötet.

Ich sah, wie ihm bewusst wurde, was er getan hatte. Er begann die Frau zu schütteln, aber ihr Körper blieb schlaff. »Julia«, heulte er. »Julia, wach auf.« Er fiel neben ihr auf die Erde und schüttelte sie, versuchte sie wieder zurückzubringen, aber es gelang ihm nicht. Schluchzend hockte er über ihrem toten Körper. »Bitte, komm zurück.«

Ich wich zurück, und ein Zweig knackte unter meinen Füßen.

Er sah auf.

Er hatte diese Frau getötet, und jetzt sah er mich an.

Sieh mich nicht an.

Meine Hände verkrampften sich, und in meinem Kopf drehte sich alles. Ich stolperte rückwärts und zerbrach jeden kleinen Zweig, den meine Flip-Flops trafen. Mein Rücken prallte gegen den nächsten Baum, während die schokoladenbraunen Augen des Teufels über meinen Körper huschten. Panik schwamm in seinem Blick, und er ließ die Frau sinken. »Hey!«, rief er und sah mich an. »Hey, was machst du da?« Er kam näher.

Seine Füße schlurften in meine Richtung, das Wasser tropfte aus seiner Kleidung.

Gehe nicht allein los, Maggie May. Gehe nicht ohne deine Schwester.

Wieder und wieder hörte ich Mamas Worte in meinem Kopf. Er kam immer näher, und ich kreischte und drehte mich von ihm weg. Ich begann zu rennen, so schnell ich konnte, flog zwischen den Zweigen hindurch und spürte, wie mein Herz gegen meine Rippen hämmerte.

Seine Schritte wurden lauter, aber ich konnte mich nicht umblicken. Er kam hinter mir her. Näher, näher, näher. Lauf, Maggie. Schneller, schneller, schneller. Lauf!

Ein heftiger Ruck an meinem Kleid riss mich nach hinten, und die Mohnblume in meinem Haar segelte zu Boden. Seine Finger krallten sich in mein Kleid, und er warf mich zu Boden. Ich schrie, während er mich festhielt und sich mit seinem gesamten Gewicht auf mich legte. Seine schmutzigen Hände legten sich auf meinen Mund und dämpften meine Schreie.

Ich trat um mich und schrie, schrie und trat. Er wollte mich töten.

Er würde mich töten.

Nein, bitte.

Tränen liefen mir übers Gesicht, während ich mich wehrte.

»Du solltest nicht hier sein«, zischte er und begann zu schluchzen. »Du solltest das nicht sehen. Es war ein Fehler. Ich wollte nicht …«

Nein!

Er legte eine Hand um meinen Hals und drückte zu. Es wurde mir schwerer und schwerer zu atmen. Er weinte. Er weinte so sehr. Er weinte und bat um Vergebung. Er entschuldigte sich dafür, dass er mir wehtat, entschuldigte sich, dass er ein paar Finger in meinen Hals drückte, und machte es mir schwerer und schwerer zu atmen. Er sagte mir, dass er sie liebte, sagte mir, es sei die Liebe, die das mit ihm gemacht hätte, mit ihr. Er schwor, er würde ihr niemals wehtun. Er schwor, er würde der Frau niemals wehtun, die er gerade getötet hatte.

»Du hättest nicht hier sein sollen, aber nun bist du es«, sagte er und senkte sein Gesicht auf meines herab. »Es tut mir leid. Es tut mir so leid.« Er roch nach Tabak und Lakritz, und auf seinem Unterarm hatte er ein großes Tattoo mit zwei zum Gebet gefalteten Händen und einem Namen darunter. »Wie bist du hierhergekommen?«, fragte er.

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